PHASE 2

O’CONNOR

Etwas sagte ihm, dass es exakt sieben Uhr einundfünfzig war, aber er sah sich außerstande, den Beweis dafür anzutreten.

Genauer gesagt sah er nicht das Geringste. Jemand ruhte in seinen Armen, auch so viel wusste er, nur dass seine Augen sich nicht öffnen wollten. Den Jemand zu betasten, zu erblicken und sich seiner zu versichern, hätte die Kontrolle über seinen Körper erforderlich gemacht. Doch O’Connor hätte selbst mit äußerster Willensanstrengung nicht den kleinen Finger rühren können. Er lag in vollkommener Erstarrung da, unfähig, auch nur mit der Wimper zu zucken, geschweige denn die Augen zu öffnen und Herr seiner motorischen Fähigkeiten zu werden.

Früher hatte es ihm panische Angst bereitet, zu erwachen und festzustellen, dass sein Bewusstsein einen toten Baum bewohnte. Geschichten von Edgar Allen Poe über das lebendig Begrabenwerden waren ihm in den Sinn gekommen, über Scheintote und Menschen, die so vollständig gelähmt und in ihrem Körper gefangen waren, dass die Verliese des Grafen von Monte Christo die reinsten Gesellschaftsräume dagegen waren. Niemand hatte ihm zu erklären vermocht, woher diese zeitweilige Erstarrung rührte, viel schlimmer, niemand glaubte ihm. Seine Ärzte versuchten ihm wiederholt einzureden, er bilde sich den Wachzustand lediglich ein und liege stattdessen in einem handfesten Alptraum da. Sie verwiesen auf die wenig gesundheitsfördernde Wirkung übermäßigen Alkoholgenusses und besaßen allesamt kluge Halbbrillen zu dem Zweck, ihn über den Rand hinweg strafend anzusehen. Niemand konnte sich offenbar vorstellen, wie es war, zu erwachen und zur Bewegungslosigkeit verdammt zu sein, nicht einmal stöhnen und wimmern zu können.

Anfangs war es O’Connor gelungen, sich aus seinem Gefängnis zu befreien, indem er sich in enorme innere Spannung versetzte und versuchte, wenigstens einen Fuß oder eine Hand zu drehen, nur ein winziges bisschen. War der Bann einmal gebrochen, konnte es geschehen, dass die Ketten der Lähmung plötzlich und unvermittelt von ihm absprangen und er hochfuhr, seine Finger ins Kissen grub und den nächstbesten Fleck anstarrte, heftig atmend und überglücklich, sich wieder in der Gewalt zu haben. Seit einiger Zeit jedoch gelang ihm auch dies immer seltener, also hatte er eine neue Methode entwickelt, mit dem katatonischen Schrecken fertig zu werden. Das Hirn war ein Computer, ergo probierte er einen Neustart. Wenn sein Körper streikte, musste er eben wieder einschlafen und sich der Zwischenwelt stellen, die ihn noch nicht fortlassen mochte. Sobald er aufhörte, gegen die Starre anzukämpfen, beruhigte er sich augenblicklich und empfand nur noch ein vages Misstrauen gegen den Tod, den er der Generalprobe verdächtigte, und die Befürchtung, dem erneuten Aufkommen des Schlafes einmal zu oft nachzugeben und den Planeten zu verlassen, ohne genug Spaß gehabt zu haben. Allerdings war er bis jetzt jedes Mal wieder erwacht, wenn er die Regeln erst einmal akzeptiert hatte, und so unterzog er sich auch an diesem Morgen keiner Mühe, dagegen anzugehen. Sein Bewusstsein trieb auf einer morphinen See dahin, und dort geisterte Paddy Clohessy herum wie der Fliegende Holländer und lockte ihn hinab zum dunklen Grund der Vergangenheit.

Dublin entstand in geisterhaften Farben, bevor der Himmel über dem ehrwürdigen Trinity College aufbrach und ein sonniges und sorgloses 1980 offenbarte, samt Liam mit dunklem Haar und einer Reihe von Individuen, die sämtlich zu viel tranken und zu wenig lernten.

Er hatte die Schule mit hervorragenden bis miserablen Noten abgeschlossen und war in die Uni gehievt worden wie Falstaff aufs Ross. Wirklich schlecht war O’Connor in keinem Fach gewesen, außer vielleicht in Mathematik, ein Umstand, den er zu seiner Freude mit Albert Einstein teilte. Insofern machte es ihm keine Sorge, dass er in Klassenarbeiten über integrale Gleichungen an nichts anderes denken konnte als an die Mädchen in den Reihen vor und hinter ihm, oder an die allabendlichen Exkursionen ins bleierne Licht von Stephens Green Park, wo man Menschen von ähnlich erfreulicher Lasterhaftigkeit zu Gesprächen über nationale Tugenden traf.

Sich auf höchstmöglichem Niveau danebenzubenehmen, gehörte praktisch zum Kodex der Dubliner Studentenschaft des Trinity, von der es seit Jahrhunderten hieß, sie rekrutiere sich entweder aus Rowdies oder Privilegierten oder beidem. Was anderes wollte man auch erwarten von einem College, dessen Frontgate die Polizei selbst im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert nur auf Einladung durchschreiten durfte. Und was anderes gebot die allgemein prekäre gesellschaftliche Lage zwischen Belfast im Norden und dem Rest von Europa im Süden, als das Geld begüterter Eltern mit vollen Händen auszugeben und nicht sich selbst dafür zu verachten, sondern sie!

O’Connor studierte Philosophie, Physik und Mathematik. Letztere blieb ihm nicht erspart, verlor allerdings ihren Schrecken, nachdem er herausgefunden hatte, dass sie ihm völlig neue Möglichkeiten bot, vergeistigte Schönheiten an- und auszuziehen. Es gab tatsächlich ausnehmend attraktive Mädchen, die erst bei Emissionsmodellen schwarzer Löcher, Gravitationsgleichungen und Elaboraten über spektrale Verzerrungsphänomene im Umfeld von Neutronensternen jede Scheu und anschließend gleich auch das letzte bisschen Bekleidung verloren. Spätestens im ersten Jahr seines Aufenthalts auf dem Trinity hatte O’Connor den Beweis für die stets geahnte romantische und erotisierende Kraft von Wissenschaft entdeckt und beschlossen, Wissen sei sexy und ein Doktortitel mithin das beste Aphrodisiakum.

So mittelmäßig er als Schüler gewesen war, so begabt erwies er sich hier, wenngleich er Wert auf die Feststellung legte, nie in seinem Leben einen einzigen Tag für eine Prüfung gelernt zu haben. Ostentativ, wie die meisten seines Semesters, hing er in den umliegenden Kneipen herum, bevorzugt bei Kenny’s und Lincolns. Er schwang Reden für die Philosophical Society und übernahm bei den traditionellen Trinity Players in ihrem kleinen Theater am Front Square die Rollen der Schurken und Revoluzzer. Im Sommer führte er zusammen mit Kommilitonen Besucher durchs College. Es war einer dieser Tage, an dem er Patrick Clohessy kennen lernte, ein technikversessenes Großmaul, dem O’Connor Einzug in die Besetzungsliste der Players verschaffte, und Clohessy führte ihm im Gegenzug Damen von zweifelhaftem Ruf und außerordentlichen Talenten zu. Eine Interessengemeinschaft war geboren zu dem Zweck, sehr viel Alkohol zu vernichten und möglichst nichts Sinnvolles zu tun. Die Erörterung der Lage erforderte alle Kräfte. Schließlich ging es den Iren in ihrer Gesamtheit schlecht, im Gegensatz etwa zu den Engländern, denen es ja bis auf die Mehrheit gut ging. Als O’Connor und Clohessy über Pints voller Schwarzbier saßen, erwachte Eire, die grüne Insel, ein weiteres Mal aus seinem Dornröschenschlaf, rieb sich die Augen wie alle paar Jahrzehnte und stürzte sich mit Vehemenz auf die gesellschaftlichen Probleme. Wie kaum sonst wo reichten sich – anders als in England – die Traditionalisten mit den Revoluzzern die Hand. Alle fielen sich irgendwie in die Arme. Es war zu schön, um wahr zu sein, und darum war es eben vornehmlich schön.

Bis auf Belfast. Da war es schrecklich.

Folgerichtig – da sich alle einig waren im neu erstarkten Selbstbewusstsein – fokussierten sich die Dubliner Kneipengespräche auf das einzige Enfant terrible und schwarze Schaf, den Norden. Nordirland wurde nicht länger totgeschwiegen, sondern ausgiebig besungen. Da ging es wenigstens richtig zur Sache, und man konnte sich aus der Entfernung trefflich engagieren. So sehr gefielen sich die Dubliner in ihren offen geäußerten Ansichten und Kampfrufen, dass sie vergaßen, auch danach zu handeln. Jeder war König seines Pubs, und das Pub war die Welt. Was dort gesagt wurde, fand Einzug in die Chroniken des Verfalls und der Erneuerung. Wer wollte handeln? So blieb der Protest ein Bühnenspektakel und Nordirland mit seiner IRA ein kulturelles Problem, ein Gespenst, das man thematisierte und romantisierte, in Theatern, Filmen und Tonstudios auslebte, ohne sich im christlichen Bemühen um einen geordneten Lebenswandel allzu sehr davon stören zu lassen.

Solche Umstände gebaren Schwätzer wie Clohessy und O’Connor. Mit dem Unterschied, dass Clohessy aus schäbigen Verhältnissen stammte, der Vater ein Säufer und Schläger, die Mutter depressiv, dass er Armut und Elend kennen gelernt und sich an die Uni gekämpft hatte, während O’Connors Vater ein angesehener Richter und immens reich war. In England wäre der Vater Thatcherist gewesen. In Dublin war er wenigstens erzkonservativ. Seine Prinzipientreue wurde nur von seiner Oberflächlichkeit übertroffen. Was immer Liam anstellte, welche Ausfälle und Eskapaden er sich auch leistete, wurde mit Geld und guten Beziehungen aus der Welt geschafft. Was immer Clohessy anstellte, mehrte seine Probleme.

Am Trinity fanden und verließen sich die ungleichen Freunde. Sie begegneten sich im Rausch der Provokation, sympathisierten, weil es modern war, offen mit der IRA und gaben sich als potentielle Bombenleger zu erkennen. Aber während O’Connor kein wirkliches Interesse an Politik zeigte, machte sich in Clohessy dumpfe Wut breit. O’Connor schien es, als verliere der Bruder im Wort die Contenance. Clohessy entpuppte sich als extremer Nationalist und schlug ernsthaft vor, das Studium abzubrechen und der IRA beizutreten. Hinter aller Demagogie erahnte O’Connor die Bereitschaft zu tatsächlicher Gewalt, die er selbst nie in Erwägung gezogen hatte, und fühlte sich zutiefst beunruhigt. Das Leben war ein Jux, aber Clohessy machte Ernst. Dass es von Wichtigkeit ist, ernst zu sein, kaufte O’Connor allerdings viel lieber dem von ihm verehrten Oscar Wilde ab als jedem anderen. In der Folgezeit begann er den Kontakt zu Clohessy zu lockern. Und eines Morgens hieß es, Clohessy sei wegen aufrührerischer Aktivitäten von der Uni geflogen.

O’Connor suchte ihn auf. Er hatte mit der Leitung des Trinity eine mögliche Wiederaufnahme ausgehandelt, wenn Clohessy sich öffentlich entschuldigte, aber Paddy erwies sich als verstockt. Er schien sich die IRA als stellvertretenden Racheengel für alle Demütigungen auserkoren zu haben, die ihm selbst zugefügt worden waren oder von denen er meinte, er habe sie erlitten. Es waren die Orientierungslosigkeit, der Mangel an Perspektive und die Rätselhaftigkeit eines Lebensweges, der abwärts statt aufwärts führte, die Clohessy in die Isolation getrieben hatten. O’Connor versuchte ein letztes Wilde’sches Plädoyer, dass alles doch nur Spaß sei, und erhielt bewaffnete Parolen zur Antwort. Verärgert wandte er sich endgültig ab und erfuhr kurz darauf, Clohessy sei untergetaucht.

Eine Weile huldigte Liam dem Müßiggang, war lustlos und langweilte sich. Schlussendlich fehlte ihm Paddy nun doch. Immerhin war er ein redegewaltiger und unterhaltsamer Saufkumpan gewesen. Das laue Gefühl beschlich ihn, er hätte sich vielleicht ein bisschen mehr um die verirrte Seele kümmern sollen. Andererseits wollte es ihm nicht gelingen, der Sache das nötige Interesse zu zollen. Interesse war ohnehin etwas, das O’Connor schnell verließ. Sich für nichts wirklich zu interessieren, war auch darum so angenehm, weil es das wirkliche Interesse anderer auf sich zog. Er scharte neue Saufkumpane um sich, feierte wildere Partys als je zuvor und vertiefte nebenbei sein politisches Wissen. Erfreut stellte er fest, dass seine früheren Tiraden hinsichtlich der Problematik des Nordens tatsächlich auch seinen Überzeugungen entsprachen, und nahm die großen Reden wieder auf. Er pflegte seinen schlechten Ruf und forderte im offiziellen Sprachrohr der Studentenschaft den gewaltsamen Rauswurf der Engländer aus Nordirland. Weil es ihm gerade einfiel, dehnte er die Forderung gleich auch auf Schottland aus. Dessen bewusst, dass es eigentlich nur die Langeweile und eine gewisse Lebensverdrossenheit waren, die ihn zu immer provokanteren Äußerungen veranlassten, warf er dennoch mit allem um sich, was irgendwie revolutionär und despektierlich klang. Oft genug war ihm dabei, als beobachte er sich selbst aus einer gewissen Distanz. In solchen Momenten sah er einen verwöhnten Playboy, den er nicht besonders mochte, aber die Anflüge von Selbstbetrachtung hielten selten lange vor. Zu Hause wurde derweil über nichts geredet, was Althergebrachtes und Bestehendes in Frage stellte. Konflikte waren verpönt. Sein Vater war nicht gerade ein Despot, seine Mutter nicht wirklich unterdrückt. Sie lebten eher zusammen wie die bürgerliche Ausgabe der Royal Family. In der polierten Oberfläche ihres Daseins spiegelte sich die Dubliner Gesellschaft wider, darunter vollzog sich buchstäblich nichts. Liam hatte immerhin gelernt, dass man es im Leben zu etwas bringen muss und das auch kann, wenn man fleißig seine Schuhe putzt, und dass, wer alles hat, keine kontroversen Überzeugungen und Ideale braucht. Und falls doch, dann allenfalls als Spleen, wie die Weigerung des Parlamentariers Tony Gregory, eine Krawatte zu tragen, oder die Eigenart Lord Henry Mountcharles’, seine exzentrischen politischen Ansichten mit dem Tragen kurioser Socken zu unterstreichen.

Je länger Liam studierte, desto mehr begriff er, worin sein Problem lag. Er suchte nach Überzeugungen wie jemand, der einen Kleiderschrank durchstöbert, weil er noch nicht weiß, was er anziehen soll, wohl ahnend, dass Ideale aus Not und Mangel und nicht aus Überfluss erwachsen. Ihm hingegen stand alles offen, und alles fiel ihm zu. Man bescheinigte ihm überragende Intelligenz und prophezeite ihm eine beispiellose Karriere. Was immer er tat und sagte, sein Elternhaus bog es zurecht. Seine Sauf- und Prügelexzesse, seine öffentlichen Schmähungen und Beleidigungen – sein Vater deckte ihn. Er war nicht länger ein privilegierter Rowdy – er war der König aller privilegierten Rowdies!

Ein einziges Mal, nach Erscheinen des Hetzartikels gegen die Engländer und der offenen Sympathiebekundung für die IRA, hatte man Liam mit einem Verweis vom Trinity gedroht. Seltsamerweise hatte es ihn mit Befriedigung und Stolz erfüllt, aber dann lenkte ein Telefonat seines Vaters alles wieder in die richtigen Bahnen, und fortan galt Liam als unantastbar. Er war zutiefst deprimiert. Es war, als renne er beständig mit aller Kraft in eine Wand aus Gummi. Er konnte machen, was er wollte, immer gab jemand freundlich nach.

Er verlor das Interesse am Norden mit seinem unentwirrbaren Interessenknäuel aus Religion und Macht. Ideale waren hier nicht zu finden. Nichts, wofür es sich lohnen würde, gewaltsam aus dem Garten Eden auszubrechen, in den das Schicksal ihn hineinbestimmt hatte. Genau das, fühlte Liam, hätte geschehen müssen, um sich endlich lebendig zu fühlen. Nur, dass es keinen wirklichen Grund gab, das Paradies zu verlassen, weil damit einzig eine Verschlechterung der Lebensumstände einhergegangen wäre und nichts sonst.

Und so, im selben Jahr, als Liam O’Connor ohne sonderliches Engagement summa cum laude promovierte, beschloss er – womit auch immer er in Zukunft unnötigerweise seinen Lebensunterhalt verdienen würde –, eines auf jeden Fall von Beruf zu werden:

Snob.

Alles Weitere verlief drehbuchgemäß. O’Connors Aufstieg vom wissenschaftlichen Assistenten zum Dozenten vollzog sich in der Hälfte der üblichen Zeit. Er wurde Professor, dann stellvertretender Leiter der Physikalischen Fakultät und widmete sich der experimentellen Forschung. Er begann, mit Licht zu experimentieren, und entdeckte die Welten der Phantasie, in denen er sein konnte, wonach immer ihm der Sinn stand. Tief im Innern sehnte er sich mehr denn je danach, etwas wirklich Sinnvolles zu tun, nach Überzeugungen und Idealen, aber er kam über das bloße Herumexperimentieren mit Standpunkten nicht heraus. Hofiert und geachtet, erklärter Mittelpunkt aller Stehempfänge, verzweifelte er zunehmend an der Erkenntnis seiner Charakterschwäche und der berühmten »unerträglichen Leichtigkeit des Seins« – das allerdings mit allem Komfort.

Seine Zynismen wurden gewählter. Er legte sich einen gepflegten Nihilismus zu, kultivierte sein Alkoholproblem und stürzte sich verstärkt in seine Experimente. Die etablierte Welt der Schönen und Reichen widerte ihn ebenso an, wie sie seine Bühne darstellte. Er wusste nur zu gut, dass er ohne das Publikum, das er verachtete, nicht existieren konnte, also bedachte er es mit Spott auf eine Weise, dass es ihn selbst dafür noch bewunderte. Er begann einen zweiten Anlauf als Schriftsteller, verfasste wissenschaftliche Sachbücher und dann utopische Romane. Wie nicht anders zu erwarten, reüssierte er auch hier.

Liam fühlte sich einsam. Er sammelte Eigenschaften, während sein wissenschaftlicher Werdegang ihn der Nominierung für den Physik-Nobelpreis entgegentrieb. Sowohl in seinen wissenschaftlichen Arbeiten wie in seinen Büchern hatte er sich dem Abstrakten verschrieben, und man überhäufte ihn dafür mit Anerkennung und Auszeichnungen. Auch sein Blick auf die Welt wurde immer abstrakter, nüchtern analytisch das Werden und Vergehen der Menschheit betrachtend und die individuellen Irrtümer ihrer Vertreter. Seine Intelligenz kreiste um sich selbst. Er trank mehr denn je, ohne betrunken zu werden. Lord Henry, das Enfant terrible der viktorianischen Salons im Dorian Gray, war ihm Vorbild, und er suchte nach dessen Authentizität, wohl wissend, dass sie ihm abging. Bei allem wissenschaftlichen und intellektuellen Schliff fehlte ihm etwas Entscheidendes, das Oscar Wilde ausgezeichnet hatte – ein Anliegen. Und was das Fatale war, es fehlte ihm nicht, weil er keines haben wollte, sondern weil ihm keines einfiel.

Kaum hätte er jemandem begreiflich machen können, warum einer wie er überhaupt Probleme hatte. Also war er weiterhin brillant, trank, flirtete auf internationalem Parkett, hatte eine Affäre nach der anderen, überlegte kurz, ob er schwul werden sollte, und schloss wenigstens dies kategorisch aus, trank und flirtete noch heftiger und erlaubte sich jeden nur erdenklichen Ausfall gegen seine begeisterte Umwelt. Je mehr die anderen einsteckten, desto mehr teilte er aus. Niemand bot ihm Paroli. Sein Vater, den er an Reichtum und Popularität längst überrundet hatte, machte ihm unentschlossene Vorhaltungen, die abperlten am welterprobten Bonvivant, und nicht einmal die Aussicht, enterbt zu werden, hätte noch einen harten Keil unter das Federbett treiben können, in dem Liam sich räkelte. Ebenso wie seine Eltern polierte nun auch er die Oberfläche seines Daseins, jeder auf seine Weise und weit davon entfernt, dem anderen berechtigte Vorwürfe machen zu können.

Alles in allem hatte Liam O’Connor genau die Sorte Spaß, die Bitternis so schmackhaft macht wie ein Spritzer Orangensaft einen Bacardi. Also durchaus genussreich.

Das Fatale an seinen selbst gewählten Rollen war, dass ihm zu entgehen drohte, wenn ihn etwas wirklich aufwühlte. Es irritierte ihn, aufgewühlt zu sein. Das Abenteuer Emotion war ihm als einziges fremd. Sosehr er sich in früheren Tagen danach gesehnt hatte, so groß war unbemerkt die Angst vor den Verbindlichkeiten von Gefühlen geworden, die Furcht, verletzbar zu sein und nicht länger

Gift zu verspritzen, sondern selbst vergiftet zu werden. Meist spielte er herunter, was ihn beschäftigte. Er weigerte sich anzuerkennen, dass sein Abscheu vor Krieg und Gewalt nicht seiner Menschenverdrossenheit, sondern einer tief empfundenen Menschlichkeit entstammen könnte. Mit letzter Kraft jemandem zu helfen, der selbst hilflos war, gehörte zu den Dingen, die er über alle Maßen bewunderte, aber wenn die Konversation um die Nöte von Menschen kreiste, war er eher bereit, die Menschheit für überflüssig zu erklären, als sein Mitgefühl auszusprechen.

Liam O’Connor, der Zyniker, hatte sich an seinem eigenen Gift betäubt. Sein Bewusstsein ließ nur noch durch, was das Leben angenehm machte. Ob es nun in hundert Jahren oder heute endete, ob in der Dubliner Oper oder in einem gemütlichen Pub an der irischen Westküste, wo Fischer und Bauern den Tresen festhielten, um ihn davor zu bewahren, umzukippen, was machte das für einen Unterschied? Hauptsache, es endete stilvoll und amüsant.

Aber es endete nicht. Es zog ihn, als wolle es ihm die Irrelevanz all dessen, was er erreicht hatte, vor Augen führen, hinab in sich selbst und erlegte ihm diese Starre auf. Wenn dich nichts mehr bewegt, Liam O’Connor, schien es sagen zu wollen, dann sollst auch du dich nicht bewegen können, aber davon kommst du uns nicht so einfach! Du wirst leben, du wirst dich zu Tode amüsieren, eines fernen Tages. Bis dahin erstarre und lebe in deinem Überdruss und deiner Nichtigkeit, das sei dein Los und hiermit beschlossen.

Es sei denn, du öffnest die Augen und wachst endlich auf, in dieser Reihenfolge, Professor Dr. Liam O’Connor!

Jemand lag in seinem Arm, bewegte sich, drückte sich an ihn. Es war eine sehr große und wunderschöne Frau mit Namen Kirsten Katharina Wagner. Das hatte er behalten. Eine Frau, die sich selbst nicht mochte, sich dünn und lang fand und knochig, blass und wenig attraktiv. Warum bloß? Sie hatte ihn berührt, ohne dass ihm klar war, wieso. Sie hatten nicht miteinander geschlafen, und er liebte es, dass es nicht geschehen war, so wie er den Gedanken liebte, dass sie es irgendwann tun würden, möglicherweise, wenn er dieser Erstarrung Herr geworden wäre und fähig, sie zu überwinden.

Er überlegte, ob er verliebt war. Seltsamerweise hatte er nicht den Eindruck. Und dennoch machte ihm die Erkenntnis, lebendig zu sein, an diesem Morgen so viel Spaß wie schon lange nicht mehr.

Dr. Liam O’Connor schlug die Augen auf und hob den Kopf.

Das Erste, was er sah, war eine Mähne verstrubbelter goldroter Haare. In die Haarmasse kam Leben, dann blinzelte ihn Kika Wagner aus Augen an, die von zu viel Whisky und zu wenig Übung im Saufen kündeten.

»Wie spät ist es denn?«, fragte sie mit einer ganz bemerkenswerten Stimme knapp oberhalb des wahrnehmbaren Schalls. Liam O’Connor betrachtete sie. »Noch nicht zu spät«, sagte er. »Glaube ich.«

WAGNER

Beim Frühstück musste sie sich Mühe geben, nicht fortlaufend zu grinsen. Sie war selten so unausgeschlafen gewesen und hatte es selten zugleich derart genossen.

Der schönste Mann Irlands sah sie an, als wolle er lieber sie verspeisen als das Brötchen in seinen Händen. Um seine Mundwinkel zuckte ein Lachen kurz vor der Explosion. O’Connor wirkte völlig nüchtern, während Wagner geschlagene zwanzig Minuten unter der Dusche verbracht hatte und sich immer noch vorkam wie eine Destillerie auf Beinen.

An diesem Morgen hätte sie gern nachgeholt, was sie sich in der Nacht verkniffen hatten, aber ihre Terminplanung ließ nichts dergleichen zu. So war Wagner ins Bad entschwunden und hatte sich erst dort entkleidet, dann teilnahmslos unter dem heißen Strahl gestanden, um angezogen wieder zum Vorschein zu kommen. Ganz oder gar nicht. O’Connor verhielt sich seinerseits wie ein Gentleman und gab sich im wörtlichen Sinne keine Blöße. Alles andere hätte zwangsläufig dazu geführt, den Golftermin zu versäumen und Kuhn in den Wahnsinn zu treiben.

Also waren sie frühstücken gegangen.

Sie fragte sich, wie der Lektor so blind sein konnte, nicht zu registrieren, dass sie dieselbe Kleidung wie am Abend zuvor trug. Mit Sicherheit war ihm nicht entgangen, dass irgendjemand am Tisch eine fürchterliche Fahne hatte, aber O’Connor und sein Ruf eilten jedem Verdacht voraus und nahmen alle Schuld von ihr. Da sie nebeneinander saßen, war die Quelle nicht exakt lokalisierbar, und Kuhn zweifelte offenbar nicht im mindesten daran, wessen Mund der unverkennbare Fuselgeruch entströmte. Zudem hätte jeder aufmerksame Beobachter die Blicke, die zwischen O’Connor und Wagner hin- und hergingen, zu deuten gewusst. Aber auch hier kam ihnen Kuhns Naturell zu Hilfe. Kuhn war hungrig, und in solchen Momenten war er kein aufmerksamer Beobachter. Er schaufelte Rührei in sich hinein und schaffte es, gleichzeitig zu reden und Kaffee zu trinken. Unter anderen Umständen hätte sich Wagner der Magen herumgedreht. Heute hätte der Lektor außerdem noch grunzen und scharren können, ohne dass es ihrer verknitterten guten Laune Abbruch getan hätte.

Lediglich für den Bruchteil einer Sekunde war Kuhns Blick entgleist, als sie eingetreten waren. Ein kurzes Aufflackern von Verstimmung, abgelöst von der offensichtlichen Erleichterung, O’Connor überhaupt zu erblicken. Die Frage in seinen Augen, als er Wagner ansah, beantwortete sie mit einem Achselzucken. Der Lektor räusperte sich, dann kam die Begrüßung, kumpelhaft, herzlich, dahingeflötet.

»Na, Liam, alter Junge! Sie haben gestern aber nicht sehr lange durchgehalten. Werden wir etwa alt?«

»Tut mir aufrichtig leid.« O’Connor sah keineswegs so aus, als empfinde er irgendeine Form der Reue. »Ich muss in der Tat sagen, Reisen zehrt, lieber Franz. Ich hatte mir Großes vorgenommen, aber am Ende siegte die Müdigkeit.«

»Ich hoffe, Sie haben wenigstens gut geschlafen.«

»Oh, besten Dank. Ich hatte alles gut im Griff, als ich erst mal lag.«

Kuhn bekam eindeutig nichts mit. Er grinste maliziös und senkte seine Stimme.

»Es gab zumindest eine Person, die Ihren frühen Abgang außerordentlich bedauert hat«, sagte er.

»Tatsächlich?« O’Connor runzelte die Stirn. »Nun, richten Sie der Dame meine Entschuldigungen aus. Ich glaube, ihr dürfte nichts entgangen sein, was ich ihr nicht abgeschlagen hätte.«

Mehr wurde darüber nicht verloren.

Der Mann, der an diesem Morgen als Vierter mit am Tisch saß, machte ohnehin jede eingehende Diskussion über den Verlauf des gestrigen Abends hinfällig. Es war Aaron Silberman, Kuhns Kampfgefährte um Pressetermine aus der Zeit in Washington. Er war ein freundlich aussehender Schwarzer mit Halbglatze und einigen Kilo zu viel um die Hüftgegend. Sein Deutsch war mäßig, also wechselte man ins Englische, nachdem Kuhn ihn vorgestellt hatte.

»Sie kommen wie gerufen«, sagte Silberman. »Wir sprachen gerade von Ihnen.«

O’Connor fuhr in gespieltem Schrecken zusammen.

»Ich hoffe, nur Gutes!«

»Es gibt nichts Gutes über Sie zu berichten, Liam«, sagte Kuhn mit vollem Mund. »Außer vielleicht, dass Sie ein Genie sind.«

»Sie tun mir unrecht.« O’Connor gab sich den Anschein gekränkter Unschuld. »Ich habe geschlagene zwei Stunden den fragmentarischen Erörterungen über Sinn und Unsinn dieses Gipfels gelauscht, die zwischen den verehrten Teilnehmern des gestrigen Abends hin- und hergingen, den Versuchen einer nicht mehr ganz jugendlichen Aktreuse widerstanden, mich in die Geheimnisse des Seniorensex einzuführen, und viel zu wenig mit Frau Wagner gesprochen. Ich fand mich duldsam und tapfer.«

Silberman schmunzelte. Ganz offensichtlich hatte sich Kuhn bei ihm ausgeheult, aber da es unschicklich war, Bemerkungen darüber zu verlieren, fand das Thema nicht weiter statt.

»Die Ergebnisse Ihrer Forschung klingen erstaunlich«, sagte er. »Sie müssen entschuldigen, dass ich mich in Physik nicht sonderlich gut auskenne, Dr. O’Connor, aber…«

»Das macht nichts. Ich verstehe dafür nicht das Geringste von Politik.«

»Franz erzählte, Sie hätten das Licht abgebremst. Darf ich fragen, warum man so etwas tut?«

»Natürlich. Es geht nicht ums Abbremsen, sondern darum, Licht zu domestizieren. Photonen sind ideale Informationsträger. Wenn uns das Licht gehorcht, können wir damit arbeiten, Informationen beschleunigen, umleiten und verlangsamen, wie es uns gefällt. Die Vorstellung müsste das Herz eines Journalisten eigentlich höher schlagen lassen, oder nicht?«

»Sicher.« Silberman nahm einen Schluck Kaffee. »Was mich betrifft, scheint mir die Verlangsamung ein besonders attraktiver Punkt zu sein. Oder sagen wir, der bedachtsame Umgang mit Nachrichten hätte zur Folge, dass wir vor lauter Information nicht immer dümmer werden.«

»Hui!«, machte Kuhn.

»Sitzen Sie dem Präsidenten nicht auf dem Schoss?«, fragte Wagner. »Es ist doch sehr angenehm, als Erster im Bilde zu sein.«

Silberman winkte ab. »Wir erfahren da auch nicht mehr als andere. Räumliche Nähe ist nicht mehr zeitgemäß.«

»Stimmt«, sagte Kuhn. »Clinton stand schon mit heruntergelassener Hose im Internet, als das Oral Office noch Oval Office hieß.«

»Und genau hier liegt das Problem, Dr. O’Connor«, fuhr Silberman fort. »Das Internet ist eine phantastische Sache, aber es hat den Nachteil, dass man jeden Unfug über Nacht in die Welt tragen kann. Wir können gar nicht so schnell recherchieren, wie die öffentliche Meinung beeinflusst wird. Und sich beeinflussen lässt!«

Wagner begann ein Ei auszulöffeln. »Arme Menschheit. Böse Medien.«

Sie hatte keine sonderliche Lust, sich über derartige Dinge zu unterhalten, nicht an diesem Morgen. Aber es war nicht mehr zu ändern. Kuhn und jemand wie Silberman in einem Raum ließen für nichts anderes mehr Platz.

Silberman zuckte die Achseln. »Die Medien sind nicht gut oder böse, sie sind einfach da. Im Übrigen sind es immer genau die Medien, die ein demokratisch regiertes Volk verdient. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass wir tatsächlich Einfluss nehmen. Wir sind Teil der Kette und in gewisser Hinsicht fremdbestimmt. Ich sage das keineswegs zur Entschuldigung für die schwarzen Schafe der Branche, die beispielloses Unheil anrichten, aber um die amerikanischen Medien zu verstehen, müssen Sie erst mal die Amerikaner verstehen.«

»Das versuche ich, seit ich von der Existenz Amerikas gelesen habe«, sagte O’Connor und goss Wagner Kaffee nach. »Bis heute weiß ich eigentlich nur, dass Kolumbus sich verfahren hat.«

»Erklär’s ihnen, Aaron«, sagte Kuhn trocken.

»Ich möchte niemanden langweilen an diesem schönen Morgen«, sagte Silberman höflich.

»Tun Sie nicht«, erwiderte Wagner. »Sie müssen sich auch nicht wundern, wenn Dr. O’Connor mittendrin aufsteht und den Raum verlässt, um stundenlang nicht wiederzukommen. Er interessiert sich

für alles auf einmal, das ist sein Dilemma. Nicht wahr, Liam?«

O’Connor verzog das Gesicht. Wagner lachte ihn breit an. Silberman machte eine Pause und schickte einen Blick von Wagner zu O’Connor. Im selben Moment war ihr klar, dass er Bescheid wusste. Es störte sie nicht weiter.

»Nun, es ist ganz einfach«, erklärte Silberman mit einem deutlichen Anflug von Amüsement in seinen freundlichen, breiten Zügen. »Im Innersten will der Amerikaner sein soziales Rudel. Die uneingeschränkte Anteilnahme. Wenn Sie je einen klassischen amerikanischen Western gesehen haben, wissen Sie, was ich meine. Man besucht einander auf der Nachbarranch, Enkel und Opa erzählen sich das Neueste, trinken was miteinander oder schreien sich an. Die Moral des Einzelnen ist die Moral aller und umgekehrt, jeder steckt seine Nase in jedermanns Angelegenheiten, alles ist öffentlich. Und heute? Wir hocken allein zu Hause. Unsere Nachbarn sind uns fremd. Mit wem soll man sich das Maul zerreißen? Über wen? Also suchen wir uns neue Nachbarn, Personen des öffentlichen Lebens, Schauspieler, Politiker. Die besuchen uns im Fernsehen, wann immer wir wollen, und je öfter sie das tun, desto mehr kommunizieren wir mit einer Kiste. Das Problem ist nur, wenn der Amerikaner, der so gern Anteil nimmt, seinen Fernseher anschreit, schreit der nicht zurück, und darum gibt es Menschen wie unseren Großinquisitor Kenneth Starr, die stellvertretend schreien.«

»Na gut«, sagte Wagner. »Aber was dabei rauskommt, will sagen, was die Medien daraus machen, ist weder Politik noch Unterhaltung, es ist ein ziemlich ekelhafter Mischmasch.«

»Natürlich ist es das. Aber auch das nur als Resultat dessen, was die Leute wollen. Fakten und Fiktion, Unterhaltung und Information, Kunst, Wissenschaft, wirkliche Kultur und Kolportage, alles fließt zu einem Brei zusammen, an dem alle widerwillig mitköcheln. Ist das in Deutschland so wesentlich anders? Natürlich lassen sich demokratische Monarchien wie England und Holland mittlerweile mit der US-Präsidentenfamilie vergleichen. Monarchie ist Boulevardthema. Wer will schon etwas über irgendeinen langweiligen Ministerpräsidenten erfahren? Die Amerikaner haben ihre Politiker eben zu Monarchen gemacht. Clintons Privatkram beliefert den Boulevardjournalismus. Dank dessen wissen wir jetzt zum Beispiel, dass unser Präsident das Peyronie’sche Leiden hat…«

»Das was?«, fragte Wagner.

»’ne krumm gewachsene Zigarre«, sagte Kuhn. »Andere haben einen Steifen, Clinton hat einen Schiefen.«

»Besten Dank. Könnten Sie bitte fortfahren, Mr. Silberman?«

»Ach, es ist kein Thema, das man beim Frühstück erörtern sollte. Ich will nur sagen, dass Medien und Volk einander einfach bedingen. Das muss nicht gut sein und sollte uns auch nicht daran hindern, uns alle zu bessern. Aber was wollen Sie? Amerika, die Moral und die Medien – vor eineinhalb Jahren hat der Papst Kuba besucht, das war nun wirklich eine ziemliche Sensation. Castro und der alte Schulmeister aus Rom. Im Zuge dessen hat sich Kuba erstmals ausländischen Medien geöffnet. Wir konnten berichten nach Herzenslust. Aber was passierte? Nach dem ersten ›live‹-Bericht von der Ankunft des Papstes erging der Ruf aus Washington, und plötzlich wurden alle Journalisten von einer Berichterstattungswelle hinweggeschwemmt, hinter der sich ein Castro und ein Wojtyla wie Randfiguren der Geschichte ausnahmen. Der Grund war, dass sich Slick Willie einen hatte blasen lassen. Selbst Anschläge auf amerikanische Botschaften mit Hunderten von Toten spielten da eine nebensächliche Rolle. Ich weiß noch, dass wir mit unserem Team gern in Kuba geblieben wären, aber man hat uns ziemlich unmissverständlich klar gemacht, dass wir dann raus wären aus der größten Geschichte aller Zeiten. Also haben wir die Zelte abgebrochen. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn die überwiegende Mehrheit der amerikanischen

Bürger es nicht so gewollt hätte. So viel zu den bösen Medien.«

»Clinton hat eben ein tiefer gehendes Verhältnis zu Zigarren als Castro«, bemerkte Wagner. »Vielleicht liegt’s daran.«

»Wojtyla ist auch schon lange nicht mehr Ski gelaufen«, schob Kuhn nach. »Und vögeln tut er schon mal gar nicht.«

»Na, na. Spricht so der brave Journalist?«

»Bullshit!« Kuhn spuckte das Wort zusammen mit Krümeln seines Brötchens aus und fuchtelte mit den Händen. »Es ist die Wahrheit. Bei Schröder haben sie sich doch auch geraume Zeit mehr für sein Liebesleben interessiert als für eventuelle politische Pläne, und trotzdem ist er Kanzler geworden. Nein, genau darum ist er Kanzler geworden, der eitle Hund! Alles eine Frage der richtigen Inszenierung.«

»Was? Weil er’s mit Doris Köpf getrieben hat?«

»Weil Politik über Personen funktioniert. Das ist mehr als eine Marketingstrategie. Das ist System. Die Medien haben sich darauf verlegt, Menschen und Charaktere zu verkaufen, das kommt besser an als die Analyse komplexer Sachverhalte.«

»Das ist übrigens nicht ausschließlich amerikanisch«, fügte Silberman hinzu.

»Das ist Amerikanisierung«, trompetete Kuhn. »Überall, wo wir eine Infrastruktur der Massenmedien haben, findet das statt. Bei Blair war das auch nicht anders, der ist wegen seines netten Grinsens an die Macht gekommen, ‘ne leeve Jung, würde man hier in Köln wohl sagen. Schröder hat sich von seiner Ollen getrennt, was die Hälfte aller Männer in seinem Alter gern täte, da hat er schon mal gut dagestanden gegen den Fettsack aus Oggersheim mit seinem Saumagen und seiner Hannelore. Dann das dialektische Gerangel mit Lafontaine. Alles Show. Glaubt wirklich noch einer, Person und Thema ließen sich voneinander trennen?«

»Was aber sagt uns das, o Sokrates?«

Kuhn hob erstaunt die Brauen.

»Das wisst ihr nicht? Daraus folgt, dass die Inszenierung den Inhalt killt. Wenn in einer Demokratie die schönsten blauen Augen gewählt werden, kann man sie auch gleich abschaffen. Warum ist der Kaffee alle, Kika?«

Wagner gähnte und gab der Bedienung ein Zeichen.

»Wäre es etwas Neues, zu erfahren«, warf O’Connor ein, »dass Demokratie schon immer der Triumph der Dummen war?«

»Kommen Sie, Liam, wenn eine Nation soziale Ungleichheit, Diskriminierung von Minderheiten und so weiter untern Teppich kehrt, aber die Sexualmoral ihrer Führer als öffentliche Angelegenheit betrachtet, ist das schlimmer als Dummheit. Eine solche Gesellschaft fällt zurück in Primitivität und Unterdrückung.«

»Franz, Sie sind unbezahlbar«, sagte O’Connor. »Man sollte Ihnen also auch nichts geben für den Klang der hehren Worte. Jetzt habt ihr euren Gipfel, und alle wollen sehen, wie Clinton und Jelzin von links nach rechts gehen. Personenkult ist so alt wie die Welt. Gestern war ich das Äffchen. Warum sprechen wir nicht über nette Dinge?«

Wagner sah auf die Uhr.

»Wir sprechen über gar nichts mehr, weil wir jetzt rausfahren werden zum Golfspielen.«

»Oh«, sagte Silberman. »Wie schön. Sie spielen Golf, Dr. O’Connor?«

»Ja, es ist so angenehm.« O’Connor faltete artig seine Serviette zusammen und erhob sich. »Man kann mit wichtigen Leuten spazieren gehen und komische Schuhe tragen. Es war sehr nett, Sie kennen zu lernen, Mr. Silberman. Sehen wir uns noch?«

»Wahrscheinlich nicht.«

»Dann grüßen Sie Ihren Präsidenten. Sagen Sie ihm, er soll es halten wie Bart Simpson: Ich war’s nicht, ich hab nix gemacht! Der ist damit zum beliebtesten Amerikaner geworden und verdankt seine Berühmtheit auch nur einem Pinsel.« »Das war gemein von dir«, sagte O’Connor, als Wagner ihn in ihrem Golf nach Pulheim fuhr.

»Was?«

»Das, was du zu Silberman gesagt hast. Ich würde mittendrin aufstehen und den Raum verlassen. Die Wahrheit ist, ich würde nie einen Raum verlassen, in dem du dich gerade befindest.«

»Ja, weil du mir dann erklären müsstest, warum.« Wagner lachte. »Komm, du hast es verdient, das musst du zugeben.«

»Was ich immer alles zugeben muss.« O’Connor reckte sich und legte den Kopf in den Nacken. »Mit wem spiele ich denn Golf?«

»Das weißt du doch. Mit dem Vorstand der Stadtsparkasse.«

»Dem von gestern Abend? Ach richtig.« Er seufzte. »Das heißt, sie werden mich herumreichen. Bin ich ordentlich gekleidet? Mein Gott, hoffentlich habe ich genügend geistreiche Bemerkungen eingepackt.«

Wagner sah zu ihm hinüber und grinste spöttisch. »Du hast deinen Oscar Wilde ganz gut im Griff.«

»Oh, ich bin nicht halb so geistvoll wie Wilde. Das ist ein Segen, weil es mich vor Inhaftierung und Kerker bewahrt. Kommt Kuhn auch zu diesem Mittagessen?«

»Ja.«

»Wie furchtbar. Er ist langweilig. Er weiß so viel, dass es keinen Menschen interessiert. Halt mal da.«

»Was?« Wagner suchte verwirrt das Band der Straße ab. Nichts Signifikantes war zu sehen. »Wo denn? Ich bin froh, dass ich mit dem ganzen Restalkohol überhaupt fahren kann.«

»Da irgendwo auf dem Seitenstreifen«, sagte O’Connor. Sie waren mittlerweile auf der Landstraße außerhalb des Stadtgebiets angelangt. Ringsum lagen Felder, in der Ferne sah man die weißen Wolkenberge eines Wasserkraftwerks. Wagner suchte nach einem geeigneten Platz, entdeckte einen Feldweg und parkte den Wagen zwischen zwei Ackerflächen.

»Und nun?«

O’Connor beugte sich zu ihr hinüber, zog ihren Kopf sanft zu sich heran und küsste sie. Wagner ließ es geschehen. Sie hätte noch mehr geschehen lassen, wenn sie nicht zu dem verdammten Golfplatz hätten fahren müssen und ständig Autos vorbeigerauscht wären. Außerdem war der Golf zu klein und sie selbst zu lang.

»So«, sagte O’Connor.

»So?«

»Ich dachte nur, das können wir jetzt bis heute Nachmittag nicht mehr tun.« O’Connor lächelte vergnügt. »Und wir sollten doch nicht aus der Übung kommen, oder?«

»Dr. O’Connor, Ihre Vorstellungen von Lesungsreisen sprengen jeden Rahmen. Ich weiß nicht, ob ich das Protokoll so einfach ändern kann.«

»Dafür haben Sie ja mich, gnädige Frau. Außerdem finde ich, Sie sollten den Gepflogenheiten ausländischer Gäste mehr Rechnung zollen. Ich versichere Sie der nämlichen Flexibilität, wenn Sie nach Dublin kommen.«

»Ich lese aber nicht.«

»Deswegen sollen Sie ja auch nicht kommen. Kriege ich noch einen Kuss? Dann bin ich bereit für alle Vorstände dieser Welt.«

Während O’Connor bei strahlendem Sonnenschein Golf spielte und Kuhn mit Silberman in die Stadt gegangen war, führ Wagner zu ihren Eltern und bereitete sie darauf vor, ihrem alten Bett auch in der kommenden Nacht möglicherweise fern zu bleiben. Ihr Vater zuckte die Achseln, ihre Mutter kochte ihr einen Kaffee und wollte unter kritischen Blicken wissen, ob sie genug esse bei der Rumtreiberei. Wagner versprach alles Mögliche. Sie legte sich zwei Stunden hin und zog sich um. Immer noch hatte sie das Gefühl, mit einem chloroformgetränkten Lappen vor der Nase herumzulaufen. Sie litt schrecklichen Durst und leerte zwei Flaschen Wasser und zwei weitere mit Orangensaft. Danach bekam sie Sodbrennen und beschloss, dem Exzess der vergangenen Nacht so bald keine weiteren mehr folgen zu lassen.

Während sie in ein hellgrünes Kostüm schlüpfte, dachte sie an O’Connor und fühlte ihr Herz klopfen. Es war aufregend mit ihm. Seltsamerweise hatte sie keine Angst mehr davor, sich in ihn zu verlieben. Im Moment, da sie sich das erste Mal geküsst hatten, war er von seinem Sockel herabgestiegen. Er sah immer noch unverschämt gut aus und übte eine kaum zu erklärende Faszination auf Wagner aus, aber der gestürzte Engel hatte sich in einen Menschen aus Fleisch und Blut verwandelt, der gern trank und dumme bis kluge Bemerkungen machte. Man konnte ihn anfassen.

Man durfte es sogar.

Kurz erwog sie, die aufkeimende Beziehung zu beenden, bevor sie miteinander im Bett landeten und sie doch noch an Verliebtheit erkrankte. Was würde hinterher kommen? O’Connor würde nach Dublin zurückkehren und sie nach Hamburg. Allzu verlockende Perspektiven zeichneten sich am Horizont dieses siebenten Himmels nicht gerade ab.

Es wäre idiotisch, sich mit ihm einzulassen.

Andererseits wäre es noch idiotischer, es nicht zu tun.

Sie korrigierte ihr Make-up, schlüpfte in ein paar schwarze Hochhackige und band die Haare zu einem langen, glatten Pferdeschwanz. Auf jeden Fall sah sie jetzt besser aus, als sie sich fühlte. Allmählich wich das Gefühl, betrunken zu sein. Als sie zum zweiten Mal an diesem Tag hinaus zum Lärchenhof fuhr, war die Straße wieder eine Straße und keine Schlange mehr, die sich unvermittelt wand und an Berechenbarkeit zu wünschen übrig ließ. Sie parkte den Wagen vor dem Restaurant, ging hinein und hoffte, nicht unversehens in die nächste politische Fachsimpelei zu stolpern.

Glücklicherweise drehte es sich um Golf und Kino. Kuhn erblickte Kikas erneuertes Outfit und sah plötzlich so aus, als beginne sein Verstand mit stundenlanger Verspätung, zwei und zwei zusammenzuzählen. Als Folge wirkte er überaus nachdenklich und vergaß eine geschlagene Stunde lang, mit vollem Mund zu sprechen.

O’Connor lobte das ausgezeichnete Menü. Er trank Rotwein und erging sich mit dem Vorstand in der Aufzählung berühmter Golfer und ihrer Usancen.

Alles war über die Maßen zufrieden stellend.

»Das hat ja geschmeckt«, sagte Kuhn artig, nachdem sie dem Vorstand gedankt hatten und zu ihren Autos schlenderten. »Und was machen wir jetzt, Kinder?«

»Kika und ich fahren zum Flughafen«, belehrte ihn O’Connor in einem Tonfall, der eine Beteiligung Kuhns an dem Unterfangen kategorisch ausschloss.

Kuhn blieb stehen.

»So?«, sagte er lahm. »Wo soll’s denn hingehen?«

»Shannonbridge«, sagte Wagner.

»Ach. Nun, dann werde ich wohl… Liam, entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen unsere geschätzte Kika einen Augenblick entführe.«

Er umfasste Wagners Oberarm und zog sie ein Stück beiseite.

»Was war denn nun gestern Abend?«, zischelte er.

»Was soll gewesen sein?«, flüsterte sie zurück. »Er war in der Friesenstraße. Das ganze Programm. Ich konnte ihn nur mit Mühe davon abbringen, das Land zu verlassen.«

»Du meine Güte!«, stöhnte Kuhn. »Was haben wir ihm denn bloß getan? Ich weiß ja, dass diese Schauspielerin ihn .«

»Nichts! Wir haben ihm gar nichts getan. Er wollte mit einem Haufen betrunkener Iren nach Shannonbridge abhauen in irgendeinen Pub. Ich hätte ihn nicht mit zehn Pferden ins Hotel zurückbekommen, also musste ich wohl oder übel mit ihm durch die Kneipen ziehen.«

Kuhn blinzelte sie zweifelnd an.

»Scheint Sie nicht viel Überwindung gekostet zu haben, wenn ich es mal so ausdrücken darf.«

»Wie Sie es ausdrücken, ist mir verdammt piepegal.« Wagner schaute zu O’Connor herüber, der an ihrem Golf lehnte und freundlich herüberwinkte. »Sie müssen mir schon vertrauen, Franz. Ich bin mitgeschickt worden, damit er keine Zicken macht, und die macht er auch nicht.«

»Aber…«

»Kein Aber. Er war beim Golf, er war beim Mittagessen, und heute Abend wird er lesen. In Ordnung?«

Kuhn hob eine Braue und sah sie von unten herauf an.

»Na gut. Sie müssen wissen, was Sie tun.«

»Weiß ich auch.«

»Sie wissen gar nichts. Aber meinetwegen. Was will er denn überhaupt am Flughafen?«

»Paddy Clohessy suchen.«

»Verstehe. Das ist der ominöse Jemand, dessen Namen er gestern durchs Terminal gebrüllt hat, richtig?«

»Genau.«

Kuhn nickte.

»Um sechs in der Buchhandlung«, sagte er. »Und keine Minute später. Bitte, Kika, ich flehe Sie an. Ich liege auf den Knien. Machen Sie mich nicht unglücklich. Und wenn Sie unbedingt mit ihm… äh… also, Sie wissen schon, ich meine nur .«

Wagner beugte sich zu ihm herab.

»Ja?«, sagte sie gedehnt.

Kuhn verstummte, kratzte sich am Kinn und ging achselzuckend zu seinem Wagen.

»Wo willst du deinen Paddy überhaupt finden?«, fragte Wagner, nachdem sie die Flughafen-Ausfahrt genommen hatten und den Zubringer entlangfuhren. Etwa einen Kilometer vor ihnen tauchte das charakteristische weiße Schichtwerk des alten Terminals mit dem Tower und der Sony-Säule davor auf, die sich seit Anbeginn ihrer Aufstellung nicht recht entscheiden konnte, ob sie Werbung oder Kunst sein wollte.

O’Connor kniff die Augen zusammen.

»Was steht da?«, fragte er und deutete auf die Schilder, die die Straße überspannten.

»P2 und P3. Ankunft, Abflug.«

»Nein. Ich meine das Schild daneben, wo es rechts abgeht.«

»Flughafenverwaltung.«

»Da fahren wir hin.«

»Kann es sein, dass du eine Brille brauchst?«

»Kika«, belehrte sie O’Connor, »du darfst alles fragen, aber nicht alles wissen. Sobald du alles über mich weißt, wirst du nichts mehr von mir wissen wollen. Schau mal, sieht das nicht aus wie ein öffentlicher Parkplatz?«

Sie waren vor einem mehrstöckigen, quadratischen Bauwerk angelangt. Eine Auffahrt mündete in einen runden Vorplatz mit begrüntem Mittelpunkt und strahlenförmig angeordneten Parknischen.

»Müsste die Verwaltung sein«, sagte Wagner, während sie den Wagen die Auffahrt hinaufrollen ließ. Zügig bugsierte sie den Golf in die letzte freie Nische. Sie stiegen aus. Auf dem Weg zum Eingangsbereich des Verwaltungsgebäudes trug O’Connor eine merkwürdig siegesgewisse Miene zur Schau, als sei er weniger gekommen, um einen alten Studienfreund wiederzusehen, als vielmehr, ihn diverser Schandtaten zu überführen und coram publico zu verhaften.

»Und wen willst du jetzt fragen?«

O’Connor zuckte die Achseln.

»Sag du es mir. Du bist meine Presseagentin. Solltest du auf die Marotten deiner Schutzbefohlenen nicht vorbereitet sein?«

»Auf dich kann keiner vorbereitet sein.«

»Seltsam. Das hat meine Mutter auch gesagt, als man mich ihr in den Arm legte.«

»Im Ernst? Was hattest du angestellt?«

»Ich? Nichts. Ich habe mich einfach nur zwölf Stunden lang bitten lassen. Es war gemütlich da drin, weißt du. Dunkelrot und mollig wie in einem Hafenpuff. Als sie mich zwingen wollten rauszukommen, muss ich wild um mich getreten haben!«

»Du hast dich danebenbenommen. Wie immer.«

»Ich habe meine Zeit genutzt. Aus der Rolle fallen darfst du als Kind und wenn du alt bist. Ich will ja nichts Despektierliches über mein Elternhaus sagen, aber es dürfte der einzige Moment ihres Lebens gewesen sein, dass meine Mutter je wirklich von etwas erschüttert war und darüber in vernehmliches Wehklagen ausbrach. Ähnliche Gefühlswallungen habe ich nie wieder bei ihr erlebt. Aber wie ich schon sagte, du darfst nicht alles wissen – für den Augenblick jedenfalls!«

Sie gingen ins Innere und fanden sich in einem Atrium wieder. Die Etagen mit ihren Fluren und Zimmern zogen sich als Balustraden um einen Lichthof unter einer pyramidenförmigen Glaskuppel. Das Gebäude wirkte hell und freundlich. Auf einer großen Tafel stand zu lesen, wer in welcher Höhe residierte. Die Personalabteilung befand sich im zweiten Obergeschoss. Wagner fragte den Pförtner nach den Aufzügen.

»Warum bist du eigentlich so scharf darauf, Paddy wiederzusehen?«, fragte sie, während sie hochfuhren.

»Er hat mich daran erinnert, dass ich im Laufe der Jahre ein besserer Mensch geworden bin«, sagte er. »Komisch, nicht? Ich verspürte einen Anflug von Dankbarkeit, als ich ihn sah.«

»Ich weiß nicht. Dankbarkeit steht dir nicht.«

»Darum will ich sie ja an ihm auslassen. Vielleicht will ich auch einfach nur wissen, warum es jemand mit seinen Talenten und Geistesgaben nicht weiter gebracht hat. Wir hatten die gleichen Voraussetzungen.«

»Anteilnahme oder Neugier?«

»Für Anteilnahme reicht mein Kenntnisstand nicht aus.«

»Möglicherweise schätzt du die Situation falsch ein. Vielleicht ist er ja so was wie ein leitender Angestellter.«

»Paddy? Er konnte nicht mal sich selbst leiten.«

»Menschen ändern sich.«

»Ja, aber sie bessern sich selten.«

Der Fahrstuhl stoppte. Sie betraten das zweite Stockwerk.

»Sag mal, Liam…«, fragte sie. »Hättest du überhaupt irgendetwas für ihn tun können damals?«

»Wann?«

»Als sie ihn rausgeworfen haben.«

O’Connor blieb stehen.

»Interessante Frage.« Er machte eine Pause. »Ich sollte jetzt wohl sagen, Finger in die Wunde gelegt. Aber du hast dich vertan, da ist nichts. Keine alten Rechnungen. Kein Pakt, keine Selbstvorwürfe. Nein, ich glaube nicht, dass ich mehr für ihn hätte tun können. Ich hätte mich nicht dazu durchringen können, ihn für so wichtig zu erklären.«

»Warum jetzt?«

»Wie schon gesagt: Neugier.«

»Dann lass mich anders fragen. Gibt es überhaupt jemanden, der dir wichtig ist? Ich meine, außer dir selbst?«

»Wie inquisitorisch du sein kannst.« Er grinste. »Ich gebe mir zumindest alle Mühe, es herauszufinden. Sollte dir das nicht aufgefallen sein?«

»Ich bilde mir nicht ein, Teil einer Premiere zu sein.«

»Das bist du auch nicht – ein Teil, meine ich.«

Nachdem sie die Schilder an den Zimmern gelesen hatten, versuchten sie es schließlich im Sekretariat Personalwesen. O’Connor erklärte einer rundlichen Frau, die nicht wusste, ob sie mehr an seinen Lippen oder an seinen Augen hängen sollte, wen er suchte. Die Frau schenkte ihm ihr strahlendstes Lächeln, wandte sich ihrem Computer zu und rief nacheinander verschiedene Dateien auf.

»Wo soll Ihr Bekannter arbeiten?«, fragte sie.

»Möglicherweise in der Technik«, erwiderte O’Connor. »Vielleicht. Ich weiß nicht, er trug einen Overall.«

»Patrick Clohessy?«

»Ja.«

Eine Weile hörte man nur das Klacken ihrer Fingernägel auf der Tastatur. Dann schüttelte sie den Kopf.

»Tut mir leid. Eine Menge Leute tragen Overalls. Kann es eine andere Abteilung sein?«

»Keine Ahnung, welche Sie sonst noch anzubieten haben. Können Sie nicht gleich den ganzen Flughafen durchchecken? Geben Sie doch einfach seinen Namen ein.«

Eine weitere Minute verstrich. Die Frau hob bedauernd die Schultern.

»Fehlanzeige.«

»Clohessy«, wiederholte O’Connor, als habe sie ihn nicht verstanden. »Patrick Clohessy.«

»Ja, ich weiß. Es gibt keinen Patrick Clohessy.«

O’Connor rieb sich das Kinn.

»Das ist komisch«, murmelte er halb zu sich selbst. »Ich irre mich nie in Gesichtern. Er war es ohne jeden Zweifel.«

Wagner beugte sich zu ihm hinüber.

»Du warst voll wie tausend Mann«, sagte sie leise. »Ich gebe es nur ungern zu bedenken, aber mir kommt das Ganze ein bisschen vor wie ›Mein Freund Harvey‹.«

»Ich weiß, dass ich voll war«, sagte O’Connor unwillig. »Ich bin grundsätzlich voll. Er ging an mir vorüber, Kika, Seite an Seite mit einem anderen Typen, und sie trugen beide die gleiche Kleidung.«

»Es ist üblich, dass die Technik hin und wieder Mitarbeiter von Fremdfirmen beschäftigt«, sagte die Frau. »Wenn er auf deren Lohnliste steht, können wir ihn lange suchen.«

»Nein.« O’Connor schüttelte den Kopf. »Auf dem Rücken stand irgendwas von Köln/Bonn oder CGN Airport.«

»Vielleicht heißt Ihr Freund ja gar nicht mehr Clohessy.«

»Was?«

»Ich meine, vielleicht hat er geheiratet.«

»Er heißt Patrick«, sagte O’Connor eine Spur zu freundlich. »Nicht Patricia.«

Wagner trat ihm auf den Fuß.

»Es soll vorkommen, dass Männer wie ihre Frauen heißen wollen. Wir schreiben das Jahr 1999. Gemeinsam mit Kika Wagner dringt Liam O’Connor in Galaxien vor, die nie zuvor ein Mann betreten hat.«

»Spock hebt eine Braue«, sagte O’Connor. »Der einzige Grund für einen Mann, den Namen seiner Frau anzunehmen, ist, wenn er von der Fremdenlegion gesucht wird. Aber gut. Können Sie bitte nachsehen, ob es jemanden in der Technik gibt, dem das Schicksal wenigstens den Vornamen Patrick gelassen hat?«

Die Frau zögerte. Offenbar begann sie sich etwas verspätet zu fragen, ob sie zu alldem überhaupt befugt war.

»Wer sind Sie denn eigentlich?«, fragte sie misstrauisch.

Wagner klärte sie in kurzen Zügen auf. Die Erwähnung der Nobelpreisnominierung schien keinen sonderlichen Eindruck auf die Frau zu machen, aber als Wagner hinzufügte, er schreibe Romane, ging ein Leuchten über ihre Züge.

»Warten Sie.«

Sie verschwand in einem angrenzenden Zimmer. Als sie kurze Zeit später zurückkam, folgte ihr ein Mann mittleren Alters, der sich als stellvertretender Personalchef auswies.

»Sie müssen verstehen, dass wir keine Auskünfte über unsere Mitarbeiter herausgeben können«, erklärte er freundlich. »Ich werde in diesem Fall eine Ausnahme machen. Ihr Ruf eilt Ihnen voraus, Dr. O’Connor, ich habe Ihr letztes Buch mit großem Vergnügen gelesen. Glauben Sie wirklich, Ameisen seien intelligent?«

»Der Gedanke kommt mir jedes Mal, wenn ich im Flugzeug sitze und herunterschaue«, sagte O’Connor liebenswürdig.

Der Personalchef lachte kultiviert. »Ja, mir auch. Jedenfalls, ich habe mit der Flughafensicherheit telefoniert. Dazu sind wir verpflichtet. Man hat dort keinerlei Bedenken, Ihnen zu helfen, wenngleich es den Mann, den Sie suchen, offenkundig in Köln-Bonn nicht gibt. – Andererseits haben wir tatsächlich einen Iren. Er ist Fassadentechniker. Möglich, dass der eine den anderen kennt. Sie können mit ihm sprechen, wenn Sie wollen. Er heißt Ryan O’Dea.«

»Ryan O’Dea«, wiederholte O’Connor.

»Sagt Ihnen der Name etwas?«

»Nein.«

»Er ist auf einem Reparatureinsatz. GAT 1, glaube ich. Egal, Sie dürfen ohnehin nicht auf die Vorfelder. Wenn Sie mir eine Telefonnummer hinterlassen, ruft er Sie vielleicht zurück.«

»Ich bin nicht mehr lange in Köln. Um genau zu sein, nur noch ein paar Stunden«, log O’Connor. »Können Sie es nicht einrichten, dass ich ihn jetzt sprechen kann? Es ist sehr wichtig.«

Der Mann überlegte.

»Wir sind Ihnen gern behilflich. Bitte warten Sie noch einen Augenblick.«

Er telefonierte erneut. Dann sagte er:

»Ja, er ist draußen am Hangar 1. Fahren Sie rüber ins Hauptgebäude. Kennen Sie sich aus? Gut. Warten Sie im A-Bereich an der Bar der Cafeteria. Während Sie sich auf den Weg machen, richte ich O’Dea aus, dass er dort hinkommen soll.«

»Sie sind sehr freundlich.«

»Vielleicht war der andere Techniker, den du gesehen hast, dieser O’Dea«, meinte Wagner, als sie hinüber zum Terminal fuhren und den Wagen auf dem Platz für Kurzzeitparker abstellten.

»Möglich.« O’Connor hielt das Gesicht in die Sonne. »Ich habe eine andere Vermutung. Sollte ich Recht behalten, sattle ich um auf Kriminalromane.«

Sie warteten etwa eine Viertelstunde an der Bar der Cafeteria und tranken etwas, das sich Kakaoheißgetränk nannte und genauso schmeckte.

»Da«, sagte O’Connor plötzlich leise.

Wagner folgte seinem Blick. Durch die Flucht des Terminals kamen zwei Männer. Beide trugen Overalls mit der Aufschrift CGN und Fotoausweise an der Brust. Sie unterhielten sich gestikulierend.

»Ist er dabei?«, fragte Wagner.

»Der Linke. Den anderen kenne ich nicht. Jedenfalls ist es nicht der, den ich gestern Morgen in Clohessys Begleitung gesehen habe.«

»Es wird O’Dea sein. Hey, Liam, du hattest Recht. Ich nehme alles zurück, was ich über die Folgen von Single Malt gesagt haben sollte.«

O’Connor zog eine skeptische Miene.

Beide Männer hatten sich unterdessen in ihre Richtung begeben. Nun traten sie zu ihnen an die Theke. Der Mann, der O’Connor zufolge Paddy Clohessy hieß, hatte ein ernstes und etwas unglückliches Gesicht, eine spitze Nase und dunkle, tief liegende Augen. Sein Mund war kaum mehr als ein Strich zwischen eingefallenen Wangentälern. Er sah älter aus als O’Connor. Sein dunkles Haar war ungekämmt und gab seiner gesamten Erscheinung etwas Verwirrtes. Er starrte den Physiker an und schwieg.

»Sind Sie Dr. Kommer?«, fragte sein Begleiter.

Die wenigen Worte genügten, ihn als Deutschen auszuweisen. Von irischem Akzent keine Spur.

»O’Connor«, erwiderte der Physiker, ohne den Blick von Paddy zu nehmen – beziehungsweise von dem Mann, den er als Paddy kannte, denn zu Wagners Überraschung sagte der andere Techniker jetzt: »Sie wollten Herrn O’Dea sprechen, richtig?«

»Richtig.«

»Das ist Ryan O’Dea.«

O’Connors Gesicht blieb ausdruckslos. Ebenso das seines Gegenübers. Sie maßen einander, als vollziehe sich ihr Dialog auf rein geistiger Ebene, ohne dass es eines einzigen Wortes bedurfte.

»Tja.« Der andere Techniker trat unentschlossen von einem Bein auf das andere. »Ich will dann nicht weiter stören. War nur gerade auf dem Weg und dachte, ich bringe Ryan gleich mit. Kann ich sonst noch irgendetwas für Sie tun, Dr.… äh…?«

»Sie stören keineswegs«, sagte O’Connor, ohne den Schmallippi- gen aus den Augen zu lassen. »Entschuldigen Sie, Mr. O’Dea, dass wir Ihre Zeit in Anspruch nehmen. Es war sehr freundlich von Ihnen, so schnell herzukommen. Wir sind uns noch nicht begegnet, oder?«

Er streckte ihm die Rechte hin. O’Dea – oder der Mann, der sich O’Dea nannte – ergriff sie und ließ sie augenblicklich wieder los, als habe er in ein Spinnennetz gegriffen.

»Nein«, sagte er schroff.

»Hat man Ihnen gesagt, weshalb wir Sie sprechen wollten?«

»Nein.«

»Nun, dann will ich es erklären. Ich glaubte, gestern Morgen jemanden hier gesehen zu haben, mit dem ich sehr angenehme Studien über die Auswirkung nicht wahrgenommener Vorlesungen auf den persönlichen Werdegang betrieben habe. Er heißt Patrick Clohessy. Wir nannten ihn Paddy. Der Name ist Ihnen nicht zufällig geläufig?«

»Nie gehört«, sagte der Mann. So, wie er das R rollte, war er eindeutig kein Deutscher.

»Ich dachte, Sie haben vielleicht einen irischen Kollegen.«

»Nein.«

»Und Sie?«, wandte sich O’Connor an den zweiten Techniker. »Kennen Sie einen Paddy Clohessy?«

»Ach, man kann ja nicht jeden kennen.« Der Mann sah sich um und wies mit einer Armbewegung den Gang hinunter. »Jetzt, seit sie hier bauen, kommen täglich welche dazu. Wer weiß schon, wie die alle heißen.«

»Jemanden, der Patrick heißt? Mit Vornamen, meine ich.«

»Nein. Patrick? Nein!«

O’Connor fixierte wieder den schweigsamen Mann mit dem wirren Haar.

»Sie vielleicht?«

Der andere schüttelte stumm den Kopf.

O’Connor seufzte.

»Wie schade. Ich hätte ihm zu gern erzählt, was aus dem weißhäutigen Mädchen mit der Gitarre geworden ist, die im Hartigan’s immer A Stor Mo Chroi sang. Er hat sich nach ihr verzehrt. Wir mussten seine Entwicklung zum Alkoholiker beschleunigen, um das größere Übel im kleineren zu ertränken. Sie sind wirklich sicher, einen solchen Mann nicht zu kennen?«

O’Deas Augen blitzten auf.

»Ich sagte schon…«

»Natürlich.« O’Connor lächelte verbindlich. »Entschuldigen Sie, wir möchten Sie nicht länger von der Arbeit abhalten. Hier ist meine Karte. Sollte Ihnen noch etwas Hilfreiches zu dem Thema einfallen, würde ich mich freuen, von Ihnen zu hören.«

O’Dea nahm die Karte und ließ sie in die Brusttasche seines Overalls gleiten.

»Irland ist groß«, sagte er.

»Nicht groß genug, fürchte ich.«

O’Dea schwieg. Dann drehte er sich um und ging davon. Der andere Techniker zuckte die Achseln.

»Er ist ein mürrischer Mensch«, sagte er. »Meint’s aber nicht so.«

»Ich weiß«, sagte O’Connor immer noch lächelnd. »Haben Sie vielen Dank. Sie sind alle sehr aufgeregt hier, nicht wahr? Morgen kommt der Präsident der Vereinigten Staaten.«

»Hier kommen sie seit Anfang Juni wie die Tauben reingeschwirrt. Blair, Chirac, Guterres, Simitis, D’Alema, Ahtisaari. Nur große Tiere. Man gewöhnt sich dran. Nichts für ungut. Ich werd dann mal.«

Er nickte ihnen zu und ging davon. Wagner sah ihm nach und wartete, bis er außer Hörweite war.

»Was war das denn für eine Nummer?«, fragte sie.

»Das?« O’Connor sah sie an, als habe sie ihn gefragt, wo hier die Züge fuhren. »Das war Paddy Clohessy.«

»Also heißt Paddy Clohessy jetzt Ryan O’Dea«, stellte Wagner fest, während sie zurückfuhren. »Das kann er noch nicht mal mit Heiraten bewerkstelligt haben.«

»Kaum.«

»Und was willst du jetzt tun? Abgesehen davon, dass du um sechs eine Lesung hast, die du wahrnehmen wirst – um etwaigen Schurkereien deinerseits zuvorzukommen.«

O’Connor schaute auf seine Armbanduhr. Sie sah ebenso schlicht wie teuer aus.

»Viertel nach vier«, konstatierte er.

»Wir haben der Buchhandlung versprochen, dass du eine halbe Stunde vorher kommst. Vergiss das nicht.«

»Warum denn das?«

»Um einen Haufen Bücher zu signieren.«

»Ich habe gestern schon einen Haufen Bücher signiert.«

»Die sind verkauft.«

»Erbarmen, Kika! Meine Unterschrift ist zu einem Tintenwurm degeneriert. Ohne irgendwelche signifikanten Merkmale. Mir ist unbegreiflich, warum die Leute so scharf auf das Gekrakel sind.«

»Ganz einfach. Sie unterwerfen sich der Täuschung, etwas Besonderes zu sein, wenn sie etwas Besonderes besitzen.«

»Siehst du? Genau das ist der Grund, warum ich mich so gern verdrücke.«

Wagner warf ihm einen warnenden Blick zu.

»Untersteh dich!«

»Mach dir keine Gedanken«, sagte O’Connor fröhlich. »Ich pflege selten an zwei Abenden hintereinander zu patzen. Nichts wäre schlimmer, als wenn man anfinge, mich für berechenbar zu halten.«

»Glaubst du, Paddy wird noch mal von sich hören lassen?«

»Ich hatte nicht den Eindruck.«

»Du hast ihn geschützt.«

»Ich habe versucht, mich zu wundern«, sagte O’Connor nach einer Weile des Schweigens. »Aber es klappte nicht. Mir war schon in der Personalabteilung klar, was los ist. Offen gestanden, als Paddy damals aus Dublin verschwand, gab es Gerüchte, er sei erschossen worden. Die einen reagierten mit Betroffenheit, andere fanden, es geschehe ihm ganz recht, ein bisschen tot zu sein. Nur wirklich gewundert hat sich keiner. Es war einfach jedem von uns klar, dass er auf die eine oder andere Weise eine fatale Entwicklung nehmen würde. Hinterher hieß es, er sei quicklebendig in Ulster gesehen worden, aber von da an verliert sich endgültig jede Spur von ihm.

Wie immer sein Leben seitdem verlaufen ist, es muss ihn an einen Punkt geführt haben, wo es notwendig wurde, den Namen zu wechseln und das Land zu verlassen.«

»Klingt nach ziemlich krummen Wegen.«

»Ich kann nicht beurteilen, ob Paddy in Schuld verstrickt ist. Natürlich hätte ich ihn auffliegen lassen können, aber wozu? Möglich, dass er endlich seinen Frieden gefunden hat.« O’Connor schüttelte den Kopf. »Nein, ich sage mir einfach, dass Paddy verschollen bleibt. Was Mr. O’Dea angeht, so haben wir nichts mit ihm zu schaffen.«

Als sie im Maritim anlangten, verspürte Wagner unerwartet eine merkwürdige Distanziertheit zu O’Connor. Sie erwuchs weniger dem Erlebten als dem Unausgesprochenen und der Angst, etwas könne sich zwischen sie senken und den Zustand vor letzter Nacht wiederherstellen. Mit dem Unterschied, dass ihr nun etwas fehlen würde, das sie vorher nicht vermisst hatte. Sosehr es sie drängte, ihm in sein Zimmer zu folgen und wahr werden zu lassen, was sie im Rausch des Uisge Beath zur Wahrheit erklärt hatten, so denkbar unpassend schien ihr der Moment. Sie begleitete ihn vor die Zimmertür und stand unschlüssig neben ihm, während er aufschloss.

Bleib locker, dachte sie. Es ist nichts. Wir haben keinerlei Verabredungen miteinander getroffen. Nichts, was sich vollziehen müsste.

Aber plötzlich fühlte sie sich verkrampft. Die federleichte Bereitschaft, die noch am Morgen ihr Denken beherrscht hatte, stahl sich davon und machte einem hohlen Realitätsempfinden Platz, mit dem man Träume beim Aufwachen entgleiten lässt. Mittlerweile war sie wieder nüchtern und der Kopfdruck gewichen. Mattigkeit überkam sie. Die letzten vierundzwanzig Stunden machten sich in die Unwirklichkeit davon. In diesem Moment wartete sie einfach nur an der Seite eines ungemein gut aussehenden Mannes darauf, dass dieser die Tür aufschließen und sich mit einem »Dann bis später, Frau Wagner« verabschieden würde, und es hätte sie nicht einmal erstaunt, dass er sie wieder siezte.

Alles schien so weit weg zu sein. Die Nacht. Das exzessive Trinken, die Umarmungen, die Küsse. Das Teilen von Geschichten auf O’Connors Bett, das Hinauszögern, der lustvolle Verzicht. Aber das Buch war wieder geschlossen worden, ihr gemeinsames Kapitel daraus gestrichen. Wenn sie an diesem Nachmittag mit ihm schliefe, würde sie den Traum zerstören. Die Zwanghaftigkeit der Aufeinanderfolge war schal. Sie besagte, dass im Drehbuch jetzt die Stelle kam, an der sie miteinander Sex haben würden. Sie hatten eine knappe Stunde, keiner von ihnen andere Pläne, als diese Zeit irgendwie rumzubringen. Es gab keine Paddys mehr zu suchen und keine unvorhergesehenen Besäufnisse, in die man geraten konnte. Es gab keinen Kopf mehr zu verlieren. Nichts war mehr unvorhergesehen. Hierin lag das Problem, im Logischen der Situation, in der plötzlichen Kalkulierbarkeit. Sie nahm dem Augenblick jeden Reiz.

Die Nacht hatte ein wundervolles Vielleicht hervorgebracht. Diese eine Stunde erzwang ein Ja oder Nein.

Sie betrachtete ihn von der Seite und fühlte einen Stich. Er sah phantastisch aus. Wie gern wäre sie ihm einerseits gefolgt. In dieses Zimmer, nach Dublin, nach Shannonbridge, in das nächstbeste Universum! Wie unmöglich schien es ihr hier und jetzt. War sie verrückt? Was sollte sie tun? Ginge sie nicht mit ihm, bestand die Gefahr, dass es ein Traum blieb und sie von nun an wieder auseinander drifteten, unfähig, sich ein weiteres Mal fallen zu lassen. Nichts wollte sie weniger. Aber am anderen Ende der Skala lauerte die Angst vor der Enttäuschung, dass ausgerechnet der Zauber, den die Negierung aller Regeln erzeugt hatte, in einer Konsequenz aus Schweiß und verknautschten Bettlaken enden könnte, ohne dass sich Glück einstellen wollte.

Keine der beiden Möglichkeiten gefiel ihr, und am wenigsten gefiel ihr die bleierne Hilflosigkeit, die von ihr Besitz ergriffen hatte. Sie sah an sich herunter und kam sich vor wie ihr eigener größter Feind.

Es ist noch etwas anderes mit im Spiel, dachte sie. Etwas, das ich mir ungern eingestehe. Die Furcht, an diesem Nachmittag nicht mehr die schönste Frau der Welt zu sein.

Im herandämmernden Tag war sie es gewesen. Aber was, wenn er ebenso empfand wie sie?

Sein Zögern wäre vernichtend. Sie würde nicht einmal wissen wollen, warum er zögerte. Sie wäre nicht mehr die schönste Frau der Welt. Auch das wäre die Konsequenz, egal, wie sie sich entschied.

Diese verdammte Stunde machte alles kaputt!

O’Connor schien zu spüren, dass etwas nicht stimmte. Er verharrte, während die Tür zu seinem Zimmer langsam aufschwang und ihren Blicken das Bett preisgab, auf dem sie für Stunden hinweggeschwebt waren. Eigentlich fehlten nur noch Scheinwerfer, Kameramänner und der Regisseur.

Kika und Liam. Action!

»Tja«, sagte sie.

Er zog ein Gesicht. »Es ist zu blöde, Kika. Ich würde dich wahnsinnig gern auf einen Schluck hereinbitten, aber es geht nicht.«

Sie stutzte.

»Ich hatte nicht vor… ich meine .«

»Sie warten auf meinen Anruf. In Dublin. Ich habe versprochen, ein paar Berechnungen anzustellen für ein Experiment, das sie im Institut durchführen wollen, und da muss ich wohl oder übel ran.«

»Aber«, sagte sie ein bisschen hilflos, »zur Lesung wirst du doch fertig sein. Oder?«

»Versprochen.« Er sah sie an. »Ich werde eine halbe Stunde lang auf meinem Laptop herumhacken und eine weitere halbe Stunde am Telefon hängen. Aber spätestens um halb sechs stehe ich Gewehr bei Fuß.« Er zögerte. »Bist du böse?«

Wagner schüttelte den Kopf.

»Nein. Überhaupt kein Problem.«

»Gut. Bevor du gehst – hast du noch einen von diesen wunderbaren Küssen übrig?« Er grinste wie die Katze, die die Nachtigall gefressen hat. »Der von heute Morgen hält nicht mehr lange vor.«

Sein Blick fing sie ein. Zog sie zu sich heran und schickte sie zugleich fort. Wagner fühlte ihre Erstarrung weichen und abfließen wie Schmelzwasser. Erst jetzt merkte sie, dass ihre ganze Muskulatur sich unmerklich verspannt hatte. Sie lächelte, ließ sich gegen ihn sinken und schloss die Augen.

Da war es wieder. Das Heißkalte.

»Habe ich dich heute Abend mal ein Stündchen für mich?«, flüsterte sie.

»Was hältst du von einer kleinen Ewigkeit?«, gab er zurück.

»Auch gut.«

Er ließ seine Finger durch ihr Haar gleiten.

»Schade«, sagte er. »Aber jetzt muss ich arbeiten. Wahrscheinlich werde ich mich grauenvoll verrechnen. Ich werde Pi mit eins-komma-acht-sieben angeben und Lichtwellen im rotblonden Spektrum suchen.«

»Bis gleich«, sagte sie.

Mit jedem Schritt, den sie zurückging zu den Aufzügen, fühlte sie ihr Herz wieder fröhlicher werden.

Er hatte überhaupt keine Zeit!

Er musste arbeiten. Es gab nichts zu entscheiden. Er hatte zu tun!

Sie beschloss, die Treppe zu nehmen statt den Fahrstuhl. Alles kehrte schlagartig zurück, das Herzklopfen, die Aufgeregtheit. Und nur der Umstand, dass es keines gab, hinderte sie daran, das Geländer hinunterzurutschen und mit einem fulminanten Plumps auf den Hintern in der Lobby zu landen.

Die Zeit war wieder auf ihrer Seite.

ABEND

Wenige Moleküle eines Dufts: Gefahr!

Winzige Beinchen tasten mit gemessenen Schritten den Boden ab. Die erste Ameise schickt eine komplexe Serie von Düften an die anderen – eine Botschaft, dass eine räuberische Pflanze wenige Körperlängen voraus auf achtlose Insekten lauert, um sie zwischen ihren Kiefern aufzulösen und in aromatischen Schaum zu verwandeln.

Hektischer Austausch. Eine der Kundschafterinnen schlägt vor, den vorgegebenen Pfad zu verlassen und das unbekannte Terrain zur Rechten zu erforschen. Würden sie sich in Schlangenkopfformation bewegen, könnten sie etwaigen Gefahren am besten begegnen. Mehrere Kundschafterinnen würden der Ameisenschlange vorangehen, den Boden beschnuppern und den Himmel sondieren, um eine Nachricht an den Zug abzugeben und sich hinten einzuordnen. Augenblicklich würden die nachfolgenden Ameisen einen neuen Kopf bilden. Durch dieses Rotationsprinzip behielte der Zug stets eine hypersensible Nase und käme schnell und sicher voran.

Der Vorschlag wird akzeptiert, und etwa dreitausend rote Wanderameisen schicken sich an, den Bewohnern einer Farm den Garaus zu machen.

Spätestens hier begannen sich mehrere Leute im Auditorium zu kratzen. O’Connor hatte sein neues Buch über Ameisen geschrieben. Es war ein wissenschaftlicher Thriller, in dem die Menschen ziemlich schlecht wegkamen. Die Buchhandlung war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Dreihundert Leute wollten hören, wie Mensch und Insekt gegeneinander antraten. Nicht im Stil herkömmlicher Monsterschinken, sondern angelehnt an die letzten Erkenntnisse der Biogenetik. Seinen Schrecken bezog das Buch aus seiner Denkbarkeit. Wie alle belletristischen Veröffentlichungen O’Connors war es hervorragend recherchiert, und ebenso wie alle seine Bücher gewährte es einen Blick auf O’Connors distanzierte Weltsicht.

Wagner lehnte sich zurück und lauschte der sonoren Stimme, ohne auf den Inhalt zu achten. Sie kannte das Buch. Wie immer versuchte O’Connor, die Menschheit aus größtmöglicher Höhe wahrzunehmen. Für ihn war sie ebenso eine Spezies wie die Ameisen mit ihren Königinnen, ihren Städten und ihren Kasten. Vordergründig ergriff er keine Partei, aber Wagner wusste es inzwischen besser. Er liebte es, Menschen uninteressant zu finden und genau dies seinem Publikum mitzuteilen. Mit zynischer Genugtuung ließ er den Homo sapiens gegen die kühle Logik des vielbeinigen Kollektivverstands alt aussehen. Die Menschen waren dumm, die Ameisen klug. Ausnahmen bestätigten die Regel, ansonsten dominierte O’Connors Abneigung gegen den überwiegenden Teil seiner eigenen Spezies jegliches Mitgefühl.

Zumindest sollte es so scheinen.

Sie fragte sich, was ihn so sehr an der Rolle des Menschenverächters reizen mochte. Die Geschichte der Literatur war voller großer Misanthropen. Die meisten hatten sich durch enorme Intelligenz ausgewiesen und den beschränkten Horizont der Massen verachtet, das Rohe und Dumpfe, das sie anwiderte. Andere waren keine eigentlichen Menschenfeinde, sondern Forscher und Analytiker, deren Geist es ihnen gestattete, übergreifende Strukturen und Gesamtzusammenhänge zu erkennen. Wer sich an die Erklärung des Universums wagte, verlor den Einzelnen zwangsläufig aus den Augen. Je größer der bekannte Kosmos wurde, je komplexer die Theorien über expandierende, kollabierende und inflationäre Universen bis hin zu der Überlegung, dass dieses ganze unfassbare Gebilde nur eines von unzähligen anderen in einer Art kosmischem Schaums sei, umso weniger Sinn ergab die Vorstellung eines Gottes, der den Bewohnern des dritten Planeten eines unbedeutenden

Sonnensystems im Provinzwinkel einer Galaxis mittlerer Größe individuell zugetan war. Je weiter menschliches Wissen und Ahnen sich aufblähte, desto unbedeutender erschien ausgerechnet, wer dies alles zu denken vermochte – der Mensch. Warum sollte Gott – sofern er existierte – einen Haufen schlecht erzogener Gene lieben, die sich beständig an den Kragen gingen und nebenher ihren Planeten ruinierten? Warum sollten ausgerechnet die Bewohner einer von Milliarden und Abermilliarden Welten dem Schöpfer des Ganzen so wichtig sein? Der nächste Stern zur Erde, Proxima Centauri, lag dreiundzwanzig Billionen Meilen entfernt, vier Lichtjahre, und er war nur einer von einigen hundert Milliarden weiteren Sternen, die zusammen das ergaben, was die Menschen Milchstraße nannten und was den winzigsten Teil einer Struktur aus Galaxienhaufen und Superhaufen ausmachte, die wie Tautropfen auf einem virtuellen Netz hingen, gesponnen um schwarze Räume voll rätselhafter, unsichtbarer Materie. Wessen Gedanken begonnen hatten, diese Regionen zu bereisen oder die der Nanouniversen, des Allerkleinsten, der Moleküle und Atome, der Lichtwellen und Photonen, so wie O’Connor, der mochte an einen Schöpfer glauben – aber kaum daran, dass dieser die Spezies Mensch besonders wichtig nahm, vielmehr in seinem großen Experiment vielleicht gar nicht gemerkt hatte, wie sie plötzlich schimmelpilzartig einen kreisenden Brocken überzog und sich ihrer selbst bewusst wurde.

Warum aber sollte dann der Mensch mehr wert sein als die Ameise? Welche Arroganz trieb etwa einen besoffenen Fußballrowdy von rudimentärer Intelligenz und ständiger Bereitschaft zu Gewalt, der in seinem Leben noch nichts Sinnvolles geleistet hatte, sich für wichtiger zu halten als einen Blauwal oder einen Marder oder eine Heuschrecke?

Wagners Zeigefinger fuhr den schmalen Nasenrücken entlang. Etwas fiel ihr ein, das O’Connor am Nachmittag gesagt hatte, eine

Bemerkung über sein Verhältnis zu Paddy Clohessy damals in Dublin:

»Ich hätte mich nicht dazu durchringen können, ihn für so wichtig zu erklären.«

Interessant. Was würde denn passieren, wenn O’Connor jemanden für wichtig erklärte?

Liam O’Connor war kein Menschenfeind, das hatte sie deutlich gespürt. Indem er sich jede Mühe gab, den biblischen Anspruch auf die Untertanmachung der Welt für nichtig zu erklären, schien es Wagner eher, als versuche er nur einer zu sein. Ihr war unklar, zu welchem Zweck. Seine Überheblichkeit brachte ihm zweifellos das Interesse der Öffentlichkeit ein. Er war ihr Hofnarr, ihr Götze, das Objekt ihres Abscheus und ihrer Begierde. Sie alle fragten sich, wie ein so blendend aussehender Mensch so bösartig schreiben konnte. O’Connor tat nichts, um diese Frage zu beantworten, weder den Leuten noch sich selbst. Jede spitze, geistreiche, spöttische, süffisante oder charmante Bemerkung, die er zum Besten gab, verschleierte sein Wesen nur noch mehr. Aber was würde passieren, wenn er seine Menschlichkeit offenbarte, seine Zuneigung, seine Schwäche? Wenn er herabstieg und jemandem sein Herz schenken würde, falls er das überhaupt konnte?

Die Leute wären enttäuscht.

Denn eigentlich wollte niemand eine Antwort. Sie wollten ihn so haben, wie er war, so wie sie den Schauspieler Klaus Kinski hatten haben wollen, der sein Publikum öffentlich beschimpfte, so wie sie einen David Letterman brauchten, der sich über sie mokierte, einen Harald Schmidt, der sie verachtete, einen Stefan Raab, der sie verarschte.

Das war es.

Niemand wollte einen anderen O’Connor als den, der dort oben auf dem Podium saß und von Ameisen erzählte, von Säure, Gift und

Tod. Der im Tonfall leichter Unterhaltung verkündete, was kaum jemand, wahrscheinlich niemand im Publikum verstand, und was Wagner in diesen Minuten sonnenklar wurde: Dass sie ihn alle am Arsch lecken konnten.

Plötzlich verspürte sie Sehnsucht nach ihm und die Gewissheit, dass ihre Geschichte kein Happy End nehmen würde.

Einen Moment lang war sie tieftraurig.

Andererseits, warum sollte ihre Geschichte überhaupt ein Ende haben? War Happy End nicht nur ein Wort dafür, dass der Film aufhörte, weil es nichts mehr zu erzählen gab? Alles kam zum Stillstand. Das Abenteuer war durch. Von nun an wurde es piefig und beschaulich, kannte man seine Zukunft bis zum letzten Atemzug.

Wie entsetzlich langweilig!

Ob ihre Geschichte zwei Tage, zwei Jahre oder ein Leben lang dauern würde, was spielte das für eine Rolle? Hauptsache, sie fand statt.

Elende Theoretikerin, dachte sie. Dann lass sie auch stattfinden.

Oben auf dem Podium war O’Connor zum Ende seines Vortrags gekommen. Schlangen formierten sich vor seinem Pult, weil er versprochen hatte, im Anschluss noch mehr Bücher zu signieren. Wagner ging hinüber zu der kleinen Bar, die man gekonnt in die Landschaft aus Büchertischen und Regalen eingefügt hatte, und bestellte ein Kölsch. Es war acht Uhr durch. Für halb neun hatte sie einen Tisch in Marios Trattoria reserviert, einem italienischen Restaurant im Belgischen Viertel Kölns mit einem hübschen Garten vor der Tür, das für seine ausgezeichnete Pasta gerühmt wurde. Das Team der Buchhandlung, das die Lesung organisiert hatte, war eingeladen sowie zwei Journalisten, beide Vertreter der Neven-DuMont-Gruppe. Kölns Presselandschaft war monopolistisch geprägt. Die drei maßgebenden Tageszeitungen entstammten demselben Stall, ernst zu nehmende Konkurrenz war nicht in Sicht. Vielleicht darum brachten sie alle einen mehr oder weniger inspirierten und gut aufgelegten Kulturteil ins Blatt, weil Tick, Trick und Track nun mal keinen anderen als diesen einen Onkel Donald hatten, um dessen Gunst sie wetteifern mussten.

Sie suchte in ihrer Handtasche nach ihrem Schminkspiegel, als sie aus den Augenwinkeln jemanden bemerkte. Im selben Moment verschwand die Gestalt in der Menge der Wartenden und Aufbrechenden. Was blieb, war ein verschwommener Eindruck von Paddy Clohessy.

Wagner stutzte. Ihr Blick suchte die Umstehenden ab. Hatte sie wirklich Paddy Clohessy gesehen?

Sie verließ die Bar und ging langsam durch die Menge, schaute sich genauer um. Dann trat sie hinaus auf die Straße.

Sie musste sich geirrt haben. Ihr Hirn hatte Clohessys spitze Nase und das wirre Haar gespeichert. Jemand, dessen Äußeres ähnliche Merkmale aufwies, hatte ihr Erinnerungsvermögen genarrt.

Nachdenklich ging sie zurück und gesellte sich zu O’Connor, der gerade von Kuhn mit Beschlag belegt wurde. Der Lektor war damit befasst, ihm Leute zuzuführen, die ihm ihre Bücher zum Signieren hinhielten wie Opfergaben. Er redete auf sie ein und pries O’Connors jüngstes Werk in einer Weise, dass es irgendwie klang, als habe er es selbst geschrieben. Wagner versuchte zu ignorieren, dass er eine beigefarbene Strickkrawatte über einem stahlblauen Feinkordhemd trug.

»Dr. O’Connor«, sagte eine ziemlich hübsche Mittvierzigerin gerade. »Wie schaffen Sie es nur, dass Ihre Figuren mich so sehr berühren? Diese junge Farmerin, von der Sie vorgelesen haben, die den Kampf gegen dieses scheußliche Gekrabbele aufnimmt, sie ist so… menschlich… so warm… fast so wie .«

»Ja?«, sagte O’Connor lauernd.

»Wie ich!«, strahlte sie. »Ja, ich habe mich tatsächlich in ihr wieder gefunden! Als hätten Sie über mich geschrieben!«

»Das freut mich«, sagte O’Connor. »Sie wird gefressen.«

Die Frau schwieg. Sie nahm ihr Buch in Empfang, schlug es auf und betrachtete ehrfürchtig O’Connors lieblos hineingekritzelte Unterschrift.

»Siehst du, Kika«, sagte O’Connor und lächelte dünn.

»Ich sehe«, erwiderte sie.

Zwischen ihnen spannte sich das Band des Einverständnisses.

»Okay.« Kuhn zog die Nase hoch und stellte sich mit dem Rücken zu den restlichen Gästen, so dass er O’Connor gegen sie abschirmte. Offenbar hatte er beschlossen, dass es jetzt genug sei. »Ich habe Hunger. Was ist los, gehen wir essen? Die scharren hier ohnehin schon mit den Füßen. Können’s wahrscheinlich kaum erwarten, sich von uns die Makkaroni bezahlen zu lassen.«

»Wiederholen Sie das«, grinste O’Connor. »So, dass sie’s hören. Es wäre mir ein Kontingent Champagner wert.«

»Wenn das eine Mutprobe sein soll…«

»Es ist albern«, sagte Wagner. »Außerdem würde man Ihnen den Rüpel nicht verzeihen. Liam ist ein Scheusal und weiß das ganz genau.«

»Ich hatte nicht vor, mich darauf einzulassen«, stotterte der Lektor.

»Gut. Ich muss Liam etwas sagen.«

Kuhn blickte sie böse an. »Unter vier Augen, schätze ich. Meinetwegen. Wir sehen uns draußen.«

Er schob in aller Gemütsruhe sein Hemd zurück in die Hose, das im Laufe zweistündigen Räkelns immer mehr zum Vorschein gekommen war, ging rüber zu einer der Buchhändlerinnen und begann, auf sie einzureden.

»Was gibt’s?«, fragte O’Connor.

»Liam, ich…«

Ein junger Mann schob sich zwischen sie und hielt ihm ein aufgeschlagenes Buch unter die Nase.

»Können Sie reinschreiben ›Für Gisela zum Geburtstag‹?«

O’Connor starrte ihn an.

»Nein.«

»Aber…«

»Lernen Sie anzuklopfen. Das geht auch ohne Tür.«

Er schob den Mann beiseite, hakte sich bei Wagner ein und zog sie ein Stück vom Lesetisch weg. Der Junge sah ihnen hinterher, als wäre der Schriftsteller seiner verdammten Pflicht und Schuldigkeit nicht nachgekommen. Dann knallte er das Buch demonstrativ auf einen Stapel Lexika und stapfte nach draußen.

»Sie sind entweder hörig oder unverschämt«, seufzte O’Connor. »Wenn ich die Unverschämten abserviere, werden die Hörigen noch höriger. Es ist langweilig, Fans zu haben, Kika. Du wolltest mir sagen, dass wir es hier und jetzt treiben? Ich stimme zu. Was noch?«

»Liam, kann es sein, dass Paddy Clohessy hier gewesen ist?«

»Wie kommst du denn darauf?«

»Ich will es nicht beschwören, aber mir war, als hätte ich ihn gesehen.«

O’Connor zog die Brauen zusammen.

»Wann?«

»Gerade. Möglich, dass ich mich irre. Jemand ging an mir vorbei, ich dachte, er wäre es. Ich bin hinterhergegangen, aber dann war er plötzlich verschwunden.«

»Und du hast ihn deutlich gesehen?«

»Nein.« Sie zögerte. »Um ehrlich zu sein, es war eher so ein flüchtiges Deja-vu. Egal. Wahrscheinlich irre ich mich tatsächlich.«

»Paddy war immer schon unberechenbar«, sagte O’Connor. »Es würde also zu ihm passen. Aber warum sollte er hier aufkreuzen, um wortlos wieder zu verschwinden?«

»Du lieber Himmel! Das fragst du mich?«

O’Connor ließ ein kurzes Schweigen vergehen. Dann sagte er: »Wenn überhaupt, Kika, hast du Mr. Ryan O’Dea gesehen. Das ist ein Mann, der am Flughafen arbeitet und der uns beiden nicht besonders sympathisch war. Wir kennen ihn nicht. Ich kenne ihn nicht. Und weil wir einen solchen Menschen auch nicht kennen lernen wollen, folgen wir ausnahmsweise dem Magen Franz Maria Kuhns und gehen essen.«

Gegen 22.30 Uhr kehrten sie ins Maritim zurück. O’Connor hatte Wagner zu einem winzigen Grappa überreden können, danach hatte sie abgewunken. Zwei durchgesoffene Nächte waren eine zu viel. Aber auch O’Connor legte erstaunliche Zurückhaltung an den Tag. Wagner schätzte, er tat es mit einer gewissen Rücksicht auf ihre geheime Mission im Dienste des Verlags. Sie war sicher, dass seine ursprüngliche Intention, nachdem er einmal das Kindermädchen in ihr gewittert hatte, darin bestanden hatte, sie in einer aufreibenden Machtprobe zu atomisieren und in alle Winde zu schicken. Aber seit letzter Nacht hatte sich einiges geändert. Sie waren Verbündete, und Verbündeten fiel man nicht in den Rücken.

Mario war wie üblich exzellent. Wagner schickte O’Connor über Vitello tonnato, Tagliatelle mit Scampi und Limonensorbet Blicke, denen er eindeutige Antworten folgen ließ. Sie erreichten Wagner unterhalb der Tischplatte, ohne von einem der anderen bemerkt zu werden, und sie genoss den Dialog der Berührungen, entzückter denn je, mit einem Paar endlos langer Beine gesegnet zu sein.

O’Connor war unterdessen die Aufmerksamkeit selbst. Während seine Zehen ihre Waden erwanderten und das weiche Terrain ihrer Oberschenkelinnenseiten für Irland in Besitz nahmen, ließ er den Journalisten und Buchhändlern gegenüber Artigkeiten vom Stapel, dass ihm Kuhn gelegentlich besorgte Blicke zuwarf, wie um sich zu vergewissern, dass sie nicht fälschlicherweise einen Doppelgänger mitgenommen hatten und der echte O’Connor zur selben Zeit in den nächsten Eklat ausbüxte.

Es war zu schön, um wahr zu sein.

Um kurz nach zehn hob Wagner die Versammlung auf mit der Bemerkung, O’Connor habe ein volles Programm hinter sich und ein noch volleres vor sich. Dem Physiker entging der Doppelsinn keineswegs, die anderen quittierten den Abbruch mit Verständnis. Wagner atmete auf. Sie hätte ihnen kaum erklären können, dass die Pressereferentin und der Autor nach ausgiebigem Füßeln nunmehr den Wunsch verspürten, auch andere Extremitäten in ihren privaten Diskurs miteinzubeziehen, und zu diesem Zweck beabsichtigten, eine bestimmte Suite im Maritim aufzusuchen. Kuhn zuliebe beschlossen sie, den gefällig verlaufenen Abend mit einem Drink an der Hotelbar zu krönen, was dieser mit Genugtuung aufnahm. Er tat Wagner ein bisschen leid, weil sie ihn so offenkundig außen vor gelassen hatten bei ihrer kleinen Exkursion zum Flughafen. Auf der Rückfahrt von Mario schlug sie O’Connor darum vor, ihn wieder mitspielen zu lassen und ihm von Paddys Doppelexistenz zu erzählen.

»Bist du verrückt?«, sagte O’Connor. »Er wird sich bis ans Ende aller Tage was darauf einbilden.«

Wagner zuckte die Achseln.

»Na und? Er wird mich ohnehin löchern, was uns beide umtreibt. Machen wir ihm die Freude. So haben wir wenigstens unsere Ruhe.«

»Na schön. Du bist der Boss.«

»Warum so begeistert? Es ist doch nur eine Geschichte.«

»Es ist eine dämliche Geschichte, die niemanden etwas angeht. Aber gut, nun, da du sie kennst, kann sie auch Kuhn kennen. Viel schlimmer ist, dass er unserem Bericht wahrscheinlich einen Vortrag über die Frühgeschichte des irischen Widerstands folgen lässt.«

»Dem entziehen wir uns durch Flucht. Fliehen wollten wir doch sowieso. Wie wär’s mit Shannonbridge?«

»Kika, ich bin wie versteinert! Du hast eine Mission zu erfüllen, die Shannonbridge nicht vorsieht! Du musst auf mich Acht geben!«

»Keine Angst! Ich bestimme den Zeitpunkt der Umkehr.« Sie lächelte vergnügt. Dann sagte sie: »Was denkst du eigentlich über Kuhn? Ich meine, du kennst ihn länger als ich. Magst du ihn?«

»Gute Frage. Magst du ihn?«

»Keine Ahnung.«

O’Connor überlegte.

»Doch, mittlerweile mag ich ihn schon ein bisschen. Glaube ich. Etwa so, wie die eingeschworenen Achtundsechziger ihr Woodstock-Video mögen. Du widmest ihm einen Abend unter Zuführung geistiger Getränke und bist ein Jahr lang bestens bedient.«

»Du findest auch, er ist so etwas wie ein übrig gebliebener Hippie?«

»Es gibt keine übrig gebliebenen Hippies. Es gibt nur erschütternde Fälle von Geistesgestörtheit. Es gibt auch keine übrig gebliebenen Rinder, nachdem jemand Hamburger draus gemacht hat. Kuhn hat mir Fotos gezeigt. Das war im ersten Jahr, als wir uns kannten. Er war tatsächlich mit dabei in Woodstock, wusstest du das?«

»Nein.«

»Mit langer Matte und wenig an. Die ganze Folklore. Aber im Schlamm gewälzt hat er sich nicht. Er muss gewusst haben, dass sein zukünftiger Chef das Video auch sehen wird.«

»Er sagt, es sei die politische Zeit gewesen damals. Nicht seine persönliche, grundsätzlich, meine ich. Und dass wir keine politische Zeit mehr hätten.«

»Tatsächlich?«

»Ja, wir sind oberflächlich und tragen Chanel.«

O’Connor verzog höhnisch die Mundwinkel.

»Mach dir nichts draus. Das sagen alle, die ihren Neid auf die Jugend nicht offen äußern.«

»Ich weiß nicht. Erinnere dich, was Silberman heute Morgen erzählt hat. Entertainment rules. Waren sie wirklich politischer damals?«

»Es war höchst unpolitisch, dass sie nichts bewegt haben. Aber ich bin zu jung, Kika. Ich kann dir sagen, dass man Jaguar fahren sollte, wenn man was auf sich hält, und dass er möglichst nicht nach 1977 gebaut sein darf. Pragmatiker wenden ein, dass man in diesem Fall mit ständigen Motorschäden, Wasser im Unterboden und schlecht schließenden Fenstern zu kämpfen hat, und man sagt, ja eben! So muss ein Jaguar sein. Erst dann hat man ihn lieb.«

»Ich bin beeindruckt. Was hat das mit Kuhn zu tun?«

»In zwei Monaten werde ich vierzig, Kika. Dann ist alles, was ich sage, altersweise. Jetzt bin ich noch ein Greenhorn. Woodstock lag vor meiner Zeit. Wenn ich diesen Film sehe, überkommt mich Trauer. Ich erlebe schlechte Musik. Die meisten, die auf der Bühne standen, waren stoned und kaum in der Lage, auf der Gitarre die Akkorde zu finden. The Who waren so miserabel, dass sie recht daran taten, ihre Instrumente zu zertrümmern. Grace Slick hatte ihren Song für erste und zweite Stimme aufgebaut, aber keiner konnte überhaupt den Ton halten. Sicher, Johnny Winter war exzellent, Hendrix auch, und auf ihre flauschige Weise gefallen mir Crosby, Stills and Nash. Cocker, na ja. Joplin, das Grauen. Aber Kuhn wird jede Note, die gespielt wurde, jede Silbe, die gesungen wurde, trinken wie Nektar, und er wird sagen, ja eben! Es waren die Achtundsechziger. Wir waren politisch, und darum muss es schief klingen, darum ging es ja gerade. Es ist sein Zuhause. Und er hat sicherlich Recht, er mag sich und seine Generation als große Hoffnung empfunden haben. Mir teilt sich nur mit, dass zigtausende halbnackter Menschen im strömenden Regen einen Traum geträumt haben, in dem es darum ging, wogegen man war, und nicht, wofür.

Nur eines stand fest: Eines Tages wird jemand vom Himmel steigen und Unrecht in Recht verwandeln. Aus einem Job wird er tausende machen und zwar so, dass man Geld hat, ohne arbeiten zu müssen, weil diese Jobs vornehmlich darin bestehen, Partys zu organisieren und Joints zu drehen. Und er wird machen, dass alle Menschen sich beim Vornamen nennen und die Börsenmakler sich Blumen ins Haar flechten und vielleicht Wall Street symbolisch in die Luft jagen. Und es wird keinen Krieg mehr geben und kein Elend, und alle haben genug zu essen und vor allem genug zu rauchen, und jeder macht mit jedem Liebe. Sie dachten, Woodstock sei der Anfang, dabei war es das Ende. Der erste echte Orgasmus der Hippies und fatalerweise gleich ihr letzter. Niemand hatte ihnen verraten, dass danach das große Hängen kommt, die Talfahrt. Nichts ist geblieben außer ein paar Märtyrern, die jung gestorben sind, weil sie es nicht ertragen hätten, alt und so wie Kuhn zu werden. Er denkt immer noch, er verweigert sich dem Establishment, und erkennt nicht, dass es sich ihm verweigert. Andererseits gibt es genug Jüngere, die nie begreifen werden, was ich an maroden Jaguars finde, und eines Tages siehst du dich selbst konfrontiert mit noch jüngeren Vertretern der Menschheit, die dir klar zu machen suchen, dass du mit deinen Idealen gar nichts auf die Reihe bekommen hast, weil deine Ideale eben Blödsinn waren, und keiner versteht, was du darin gesehen hast. Jede Zeit hat ihre Blinden. Kuhn ist so hoffnungslos von gestern und zugleich ein solcher Moralist! Er ist eine tragische Gestalt, das verleiht ihm einen gewissen Charme. Ich glaube, darum mag ich ihn. Hin und wieder ist man gern mal sein Sancho Pansa.«

Wagner dachte darüber nach.

»Meinst du, er ist einsam?«, fragte sie.

»Bestimmt.«

»Armer Onkel Franz.«

»Na, so arm ist er auch nicht. Er ist ignorant und oberflächlich, weiß von allem viel zu viel und hat ein bemerkenswertes Untalent, es zu vermitteln. Wir haben verschiedene Male denselben Tresen geteilt, das war in Cork, wo er nach ein paar Gläsern Starkem in einen solchen Redefluss verfiel, dass ich mir vorkam wie in der Auffahrt zu einem fünfspurigen Highway. Du würdest dich gern einreihen, aber es kommt nie eine Lücke. Nach einer Weile habe ich ihn Freunden überantwortet, die seinen unsortierten Gedanken mehr oder weniger wortlos erlagen, und mich ganz offen absentiert. Es schien ihn nicht sonderlich zu stören.«

»So war das also? Er hat behauptet, ihr hättet die Nächte zusammen durchgemacht. Eine nach der anderen.«

»Ja, das haben wir wahrscheinlich auch«, sagte O’Connor sinnend, während Wagner den Wagen die Auffahrt zum Maritim hochsteuerte. »Aber ich war selten dabei.«

O’Connor bestellte einen zwölf Jahre alten Laphroig, so ziemlich das Härteste und Außergewöhnlichste, was sich unter den schottischen Destillaten auftreiben ließ. Der Barmann war stolz auf den Besitz der Flasche. Entzückt, endlich auf Kennerschaft gestoßen zu sein, machte er das Glas mehr als halb voll. Ein Odor nach Torf, Jod und Krankenversorgung wehte herüber. Der Mann war es gewohnt, Johnny Walker und Ballantines auszuschenken, eine vorwiegend desillusionierende Beschäftigung, wenn man dreifach von zweifach destillierten Spirituosen und die Speyside Malts von den Islay Malts unterscheiden kann. Um ein Haar hätte er O’Connor das Zeug spendiert, aber dann wären sie in der Verpflichtung gewesen, seinen Geschichten zu lauschen. Barkeeper sind wandelnde Speicherplätze von ungeheuren Kapazitäten. Wehe dem, der das Passwort kennt!

Kuhn trat in Opposition mit Cognac, Wagner blieb bei Wasser. Nach dem ersten Gläserklingen erzählten sie dem Lektor von Paddy Clohessy, um es hinter sich zu bringen. Aus der Distanz klang es wie ein billiger Krimi. Aber Kuhn war wie paralysiert. Er begann augenblicklich, Theorien zu spinnen, und wollte alles über den zu Ryan O’Dea mutierten Paddy wissen, und nach dem zweiten Cognac erwähnte er tatsächlich eine gewisse Frühgeschichte des nordirischen Separatismus, der die Paddys dieser Welt entsprungen wären. Alles ließ darauf schließen, dass er beginnen würde, sie zu erzählen. In Wagner regten sich ernsthafte Zweifel, ob ihre Idee so gut gewesen war. O’Connor leerte sein Glas in plötzlicher Eile und rutschte von seinem Barhocker.

»Was macht überhaupt ein solcher Mensch am Flughafen, he?«, fragte Kuhn gerade. »Das klingt nach Unterwanderung. Ich finde das in höchstem Maße beunruhigend. Die Iren sind Weltmeister in der Unterwanderung. Wusstet ihr zum Beispiel, dass die großbritische Medienlandschaft in den Neunzigern bis in Spitzenpositionen von Manipulateuren der Sinn Fein unterwandert war? Und wer steckte dahinter? Die IRA! Sie infiltrieren–«

»Ich muss ins Bett«, gähnte O’Connor.

Kuhn erstarrte.

»Warum, um alles in der Welt? Es wird gerade gemütlich.«

»Ja, ich weiß. Das ist ja das Fatale. Wenn es gemütlich wird, schlafe ich ein. Es gibt nichts Ermüdenderes als Gemütlichkeit. Gute Nacht, Franz… Kika .«

Er umfasste ihre rechte Schulter, zog sie zu sich heran und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange.

»Fährst du noch zu deinen Eltern?«

Wagner strich sich demonstrativ mit Daumen und Zeigefinger über die Augen und nickte.

»Ich denke schon. Bin müde.«

»Dann gute Nacht.«

»Ja, schlaf schön.«

O’Connor machte einen Kratzfuß und ging. »Schmierenkomödianten«, knurrte Kuhn. »Glaubt ihr im Ernst, ihr könntet mich verscheißern?« Wagner überlegte einen Augenblick. »Ja«, sagte sie. »Ich glaube schon.«

O’CONNOR

Das Schicksal wollte es anders.

O’Connor hatte eben die Hotelbar verlassen und ging durch die erleuchtete Halle zu dem gläsernen Aufzug, als er seinen Namen rufen hörte.

»Dr. O’Connor!«

Jemand kam ihm hinterhergelaufen. Es war einer der Livrierten von der Rezeption. O’Connor verharrte und hoffte, dass der Mann kein Buch signiert haben wollte.

»Telefongespräch für Sie.«

O’Connor stutzte.

»Wer ist dran?«

»Das weiß ich nicht«, sagte der Livrierte. »Er hat es mir nicht mitgeteilt. Möchten Sie, dass ich ihn frage?«

»Schon gut.«

»Ich kann das Gespräch in Ihre Suite legen.«

»Danke, mir wäre es lieber, wenn ich hier unten telefonieren könnte.«

»Selbstverständlich. Dort gegenüber in den Kabinen. Nehmen Sie Nummer eins, ich stelle durch.«

O’Connor betrat die verglaste Kammer und zog die Tür hinter sich zu. Einige Sekunden vergingen, dann klingelte es. Er nahm ab und wartete.

»Ich bin’s«, sagte eine wohl bekannte Stimme auf Englisch mit starkem Dubliner Akzent.

O’Connor grinste.

»Und ich dachte schon, dein Vokabular sei auf ›Nein‹ und ›Weiß nicht‹ geschrumpft«, spottete er.

Am anderen Ende der Leitung entstand eine kurze Pause. »Das musst du verstehen. Ich war dir übrigens sehr dankbar, dass du mitgespielt hast, wenngleich deine Bemerkung über Katie von altvertrauter Geschmacklosigkeit zeugt.«

»Stimmt. Es ging diesen O’Dea nichts an, dass mein guter Freund Paddy Clohessy jeden Abend, den Gott der Herr werden ließ, mit einem Riesenständer im Hartigans rumhing, um sie singen zu hören. Übrigens fand ich nicht, dass sie besonders gut gesungen hat. Aber dem Liebenden ist alles lieb.«

»Mistkerl. Ich war verliebt, und du hast sie gevögelt.«

»Die Libido ist der Diener des Intellekts«, sagte O’Connor. »Oder war’s umgekehrt? Ich dachte eben, wir halten es wie in Cyrano de Bergerac. Du hast ihr Gedichte geschrieben, und ich hab’s ihr besorgt. Wie besser hätte ich in deinem Sinne handeln können? Außerdem kannst du dich bedanken, weil ich dich vor einer herben Enttäuschung bewahrt habe, das darfst du mir glauben. Aller Kneipenromantik entkleidet machte sie eine weitaus schlechtere Figur als ihre Gitarre. Du hast nichts verpasst.«

»Ego te absolvo. Können wir uns sehen?«

»Warum nicht? Morgen–«

»Ich dachte eher, jetzt gleich.«

O’Connor zögerte.

»Nun, Paddy, es ist ein bisschen schlecht im Augenblick«, sagte er. »Ich übe mich gerade auf einem anderen Instrument und möchte es ungern verstimmen.«

»Das Mädchen, mit dem du heute am Flughafen warst?«

»Ja.«

»Sie ist außergewöhnlich. Ich bin sicher, du hast nicht ihre Größe.«

»Danke. Warum sehen wir uns nicht zum Frühstück?«

»Ungünstig.« In Clohessys Tonfall mischte sich etwas Drängendes, wie O’Connor jetzt bemerkte. »Lieber wäre mir sofort. Es muss ja nicht lange sein. Um der alten Zeiten willen. Morgen kann ich nicht, und übermorgen bist du schon wieder weg. Was ist, erübrigst du ein Viertelstündchen für einen alten Soldaten?«

»From a dead beat to an old greaser«, skandierte O‘Connor. »Wo bist du überhaupt?«

»Ganz in deiner Nähe.«

O’Connor blickte hinaus in die Halle.

»So nahe auch wieder nicht«, sagte Clohessy passenderweise. »Unten am Rheinufer. Ich warte auf dich.«

»Na schön. Ich bin in fünf Minuten dort.«

Er hängte ein und betrachtete nachdenklich den Telefonapparat. Dann ging er zurück vor die Bar und spähte ins Innere. Wagner war eben dabei, ihre Handtasche zu schließen, während Kuhn miesepetrig vor einem weiteren, fast unangetasteten Cognac saß. Seine Lippen bewegten sich, als spräche er zu sich selbst oder zu seinem Glas.

O’Connor wartete, bis sie herauskam. Sobald sie ihn sah, wandelte sich ihr Gesichtsausdruck von vorgetäuschter Schläfrigkeit zu hellwachem Entzücken. Plötzlich fühlte er eine ungewohnt heftige Anwandlung von Besorgnis, sie könne ihm entgleiten, und ging schnell auf sie zu. Die nächste Minute schmolz in einem Kuss dahin, und O’Connor fragte sich ernsthaft, was er unten am Rheinufer sollte.

Andererseits.

»Es hat sich etwas geändert«, murmelte er in sie hinein.

Wagner zog den Kopf zurück und betrachtete ihn.

»Geändert?«

»Ja, es ist eine Kleinigkeit dazwischengekommen.«

Sie sog hörbar Luft in sich hinein und öffnete den Mund. Schnell legte er einen Finger auf ihre Lippen, bevor sie etwas erwidern konnte.

»Eine Sache von zehn, zwanzig Minuten«, fügte er hinzu. »Lass uns ein Stück von der Bar weggehen, Kuhn muss nicht unbedingt glauben, wir würden ihn zum Narren halten.«

»Er glaubt es aber. Er ist ja nicht blöde. Was gibt es denn?«

O’Connor erzählte ihr von Clohessys Anruf. Zwischen Wagners Brauen entstand eine kleine Falte. Skeptizismus stand ihr gut.

»Ich dachte, du wolltest mit Ryan O’Dea nichts zu schaffen haben.«

»Der Bursche ist mutabel. Neuerdings heißt er wieder Paddy. Ich will nur sichergehen, dass die Liste seiner Namen damit endet, dann komme ich zurück. Entweder du plünderst schon mal die Minibar in meiner Suite oder gehst zurück zu Kuhn an die Bar.«

»Beides verlockende Aussichten. Was soll ich in deiner Suite? Die Stehlampe verführen?«

»Ich mach’s kurz. Versprochen!«

Sie präsentierte ihm einen Schmollmund und begab sich wieder in die elaborate Gesellschaft Kuhns. Der Hüftschwung, mit dem sie in der Bar verschwand, krümmte das Universum auf nie dagewesene Weise. O’Connor verspürte echte Ergriffenheit.

Ohne Hast ging er nach draußen, schlenderte durch die milde Nacht hinunter zum Ufer und ließ seinen Blick die Promenade erwandern. Er musste nicht lange suchen. Paddy lehnte mit dem Rücken am Geländer. Seine Augen lagen noch tiefer in ihren Höhlen als am Nachmittag. Das Licht der Uferbeleuchtung formte seine Wangenknochen und das Kinn zu einem benasten Totenschädel mit Gestrüpp obendrauf.

»Paddy«, sagte O’Connor.

Es klang in seinen Ohren, als habe er in die Vergangenheit zurückgerufen. Nichts wehte herüber als der Nachhall seiner eigenen

Stimme. Wo eine Erinnerung hätte leben müssen, war ein Loch.

Nach kurzem Zögern fielen sie sich in die Arme und schlugen sich auf den Rücken. Es geschah halbherzig und steif. Am Telefon hatten sie zueinander gefunden, als wären keine fünfzehn Jahre vergangen, aber hier draußen, im Angesicht verstrichener Zeit, überkam O’Connor der Eindruck, dem Resultat eines gescheiterten Experiments ins Auge zu sehen. Das Ende einer Geschichte, die man sich geschworen hatte, nie enden zu lassen.

Eine Geschichte, die nie begonnen hatte.

»Du siehst gut aus«, sagte Clohessy. Es klang unpassend. Er hielt O’Connor zugleich um die Schulter gefasst und auf Distanz. Im selben Moment schien ihn die Vertraulichkeit der ganzen Szene zu beschämen, und er löste sich und trat einen Schritt zurück.

»Das späte Licht«, sagte O’Connor nonchalant.

Clohessy zog die Lippen von den Zähnen.

»Wir haben uns lange nicht gesehen. Ich gratuliere, Liam. Du bist berühmt. Wie hast du dich eingerichtet in deiner Popularität?«

O’Connor zuckte die Achseln.

»Mit Nichtigkeiten. Im Ambiente modisch, im Habitus viktorianisch, nur nicht so formell. Der Cagliostro des modernen Adels. Du weißt ja, das Trinity ist als Institution gedacht, Menschen in das zu verwandeln, was sie am meisten verabscheuen.« Er machte eine Pause und sah auf den Rhein. Gegenüber erstrahlten die Lichter von Deutz. Schiffe glitten durch verquirltes Schwarz, kenntlich an ihren Leuchten. »Reden wir nicht von mir. Viel wichtiger, wie geht es dir?«

»Ich komme klar.«

»Tatsächlich?«

Plötzlich fragte er sich, wozu das alles gut sein sollte. Jetzt hier draußen schien ihm die Idee, Paddy wieder sehen zu wollen, absurd und überflüssig. Zwischen ihnen klaffte ein Graben. Die Entfremdung galt rückwirkend. Vor der erleuchteten Kulisse eines der luxuriösesten Hotels Kölns erkannte O’Connor mit nüchterner Gewissheit, dass sie nie wirklich die gleichen Gedanken geteilt hatten. Der Mann, der ihm dort gegenüberstand, mochte Paddy Clohessy sein, aber die Wirkung seiner Präsenz auf O’Connor war die eines verspäteten Beweises für ein jahrelanges Missverständnis.

»Wo bist du abgeblieben damals?«, fragte er. »Ich weiß nicht das Geringste über dich, außer, dass du erschossen wurdest, und nicht mal darauf konnte man sich verlassen.«

Clohessy lächelte knochig.

»Deine Forschungen haben einigen Staub aufgewirbelt in der wissenschaftlichen Welt«, sagte er, ohne auf O’Connors Frage einzugehen. »Man redet vom Nobelpreis.«

»Nominiert. Ich hatte noch nicht das Vergnügen, Walzer vor der Königin zu tanzen.«

»Du wirst ihn bekommen«, sagte Clohessy ruhig. »Du hast immer alles bekommen. Seit Jahren sehe ich dein Konterfei auf den Rückseiten von Bestsellern. Bist du verheiratet?«

»Nein.«

»Keine Schönheit in Sicht, um die Klatschblattidylle zu komplettieren?«

»Es liegt mir nicht, Verträge ohne Garantie und Rückgaberecht zu unterschreiben. Und du?«

»War nahe dran. Aber sie hat die falsche Frage gestellt.«

»Welche?«

»Was denkst du.«

»Oh. Verstehe. Und was dachtest du?«

»Dass ich jemand anderer sein könnte, als ich meinte zu sein. Es war eine harmlose Frage. Frauen stellen sie dutzendweise, weil es sie nervös macht, dass es oben in deinem Kopf einen Bereich gibt, den sie nicht kontrollieren können. Sie haben Angst, deine Gedanken könnten sich zu einer Verschwörung zusammenrotten. Aber im

Moment, da sie die Frage stellte, begann sich meine Welt irgendwie aufzulösen.«

»Deine Welt war immer in Auflösung begriffen, soweit ich mich erinnere«, sagte O’Connor. »Es ist unfein, den Frauen die Schuld dafür zu geben. Wohin ich blicke, haben sie bislang noch jede aufgelöste Welt so hübsch zusammengefügt, dass sie hinterher in jeden Setzkasten passte.«

»Du missverstehst mich. Die Frage war lediglich der Auslöser. Oder sagen wir, jemand öffnet den Deckel einer Kiste, auf der du jahrelang gesessen hast, um nicht reinschauen zu müssen, und etwas Böses und Schwarzes kommt herausgekrochen und hat dein Gesicht. Und plötzlich…« Er stockte. Dann sah er O’Connor direkt an. »Kennst du das Gefühl, Angst vor dir selbst zu haben?«

»Angst?« O’Connor schüttelte langsam den Kopf. »Nein. Abscheu vielleicht, aber nicht Angst.«

Clohessy nickte, als habe er nichts anderes erwartet.

»Der Tag, an dem ich Dublin verließ – es war sechs Monate nach meinem Rauswurf vom Trinity, und ich stand in der Küche ihrer kleinen Wohnung hinter dem Kilmainham Jail und schnitt Zwiebeln für ein Stew. Sie lehnte neben mir am Kühlschrank, nicht weiter weg als du jetzt. Ich ließ das Messer in beständigem Rhythmus auf der Klinge abrollen und schob die Zwiebel dabei millimeterweise voran. Jedes Mal eine kleine Guillotinierung. Ich wusste, wenn ich dieses Messer weiter auf und ab wiege und Zwiebeln drunter durchschiebe, dann gibt es Abendbrot. Das Wissen war intuitiver Natur, ohne dass mir dabei irgendein spezifischer Gedanke durch den Kopf ging. Aber sie hatte gefragt, was ich denke, also dachte ich plötzlich. Ich dachte, Paddy Clohessy, deine Hand umfasst diesen Griff. Wenn du die Hand hebst und damit eine Bewegung nach rechts vollführst, zerteilt die Klinge Luft, und es passiert nichts weiter. Bewegst du sie zwanzig Zentimeter nach links, zerschneidet sie Gewebe, und es stirbt ein Mensch. Wie erstaunlich, es ist dieselbe Bewegung und doch etwas völlig anderes! So wenig musst du tun, um so viel zu bewirken. – Aber natürlich schnitt ich weiter Zwiebeln. Nur war mir klar geworden, wie einfach ich es hätte tun können. Jeder kann es. Anschließend war ich allein, sie ging und deckte den Tisch, und wir unterhielten uns über die Räume hinweg. Mein Mund plapperte, ihrer plapperte, wir füllten die Wohnung mit Geräuschen der Beherrschtheit. Es war, als liefe irgendwo der Fernseher. Ich fand mich am offenen Fenster stehend. Und wieder dachte ich, mit einem schnellen Sprung bist du draußen. Ohne jede Anstrengung. Du musst nur einen geringen Höhenunterschied überwinden, einen Meter zehn vielleicht, wenn überhaupt. Der Schritt aus der Normalität ist so klein, er kostet dich nicht mehr, als eine unbedeutende Distanz zurückzulegen. Und ich dachte, wenn es so einfach ist, warum steigst du dann nicht über den Fensterrahmen und lässt dich fallen?«

»Und? Hast du dich fallen lassen?«

Clohessy schüttelte den Kopf.

»Nein. Aber allein, darüber nachzusinnen, machte mir schlagartig klar, dass ich die Grenze schon überschritten hatte. Die meisten Menschen stellen sich solche Fragen nicht. Sie schließen die Möglichkeit eines Sprungs aus dem Fenster ebenso instinktiv aus wie einen Mord. Solange du dir gewisse Dinge nicht bewusst machst, musst du nicht über sie befinden. Hingegen im Augenblick, da du ein Nein formulierst, entsteht auf der Gegenseite ein Ja. Und dieses Ja wächst. Es will ausgesprochen sein. Es beginnt dich zu quälen. Jede Minute deines Lebens. Jede verdammte Sekunde. Jeden Moment. Jedes Weiterrücken des verdammten Zeigers auf deiner Uhr!«

O’Connor schwieg.

»Die Angst vor dem, was ich tun könnte, wurde in kürzester Zeit unerträglich. Ich begriff, dass sie immer schon in einem versteckten Winkel darauf gelauert haben musste, ihre hässliche Fratze zu zeigen.

Ganz gleich, was ich tat, wo immer ich war, wen immer ich traf, augenblicklich kreisten meine Gedanken um die fatalste aller Möglichkeiten. Die Vorstellung wurde zur fixen Idee: Was muss in deinem Hirn, deinem natürlichen Regulativ passieren, dass du jemanden vor ein Auto stößt, ihn erstichst, ihn oder dich verstümmelst, folterst, umbringst? Wie weit bist du davon entfernt? Vom Bösen, meine ich! Beziehungsweise ist es überhaupt das Böse und nicht einfach nur eine besondere Form der Freiheit? Und wenn ja, wie konnte ich mich befreien? Von diesem Druck, der unerbittlich zunahm!«

Clohessy machte eine Pause. Sein Blick endete wenige Zentimeter vor seinem Gesicht.

»Gut, ich fragte mich natürlich, ob ich verrückt sei. Ich saß mit dieser Frau am Tisch, wir aßen, und zugleich stellte ich mir vor, wie ich ihr die Klinge über die Kehle zog. Ganz klar, ich musste verrückt sein!

Aber es kam mir nicht so vor. Ich wollte sie ja nicht ermorden. Ich liebte sie. Ich empfand Panik vor dem Moment, da ich meine Beherrschung verlieren und etwas Grauenvolles tun würde, um das zu zerstören, was ich liebte, und zugleich war da eine unbändige Kraft, die mich trieb, es endlich zu tun, um nicht über dem Schrecken der Hypothese den Verstand zu verlieren. Es heißt, man soll seine Grenzen kennen, das ist Unsinn. Sie zu kennen heißt, sie überwinden zu wollen. Das Problem ist nur, es gibt kein Zurück. Einmal deinem inneren Dämon nachgegeben, und du fährst geradewegs in die Hölle.«

Er wandte O’Connor sein Gesicht zu und lächelte.

»Ich glaube, Liam, du hast diese Angst vor dir selbst nie gehabt. Den meisten Menschen ist sie fremd. Das hat uns unterschieden. Du warst zu jeder Zeit weit davon entfernt, mit begangenem Unrecht leben zu müssen. Bei dir war alles nur Spaß. Unter dir hätte es nie eine französische Revolution gegeben, keine Meuterei auf der Bounty, keinen bewaffneten Kampf gegen Imperialismus, Ausbeutung und Unterdrückung. Du magst dich mit dir gelangweilt haben, aber du hast nie unter dir gelitten.«

»Und ich habe nie jemanden ermordet oder in die Luft gesprengt.«

»Auch das ist wahr.«

O’Connor sah hinaus in das vorbeiziehende Schwarz.

»Warum sind wir hier, Paddy?«, fragte er.

»Warum? Meine Geschichte verlief anders als deine. Auch eine dieser Kleinigkeiten. Eine minimale Abweichung in unserem charakterlichen Profil, eine Prise Schicksal, ein Maß an Wut, das du nie kennen gelernt hast. Wir differierten um ein µm und drifteten Lichtjahre auseinander. Das gleiche überragende Talent, nur dass aus dir ein angesehener Forscher mit literarischen Ambitionen wurde und aus mir ein Geächteter. Ich habe mich in den Dienst eines Ideals begeben und verloren. Du hast dich der Bürde eines Ideals verweigert und gewonnen. Darin liegt keine Logik und keine Moral, nur eine kuriose Verdrehung, die einem den Glauben an die Menschheit nehmen könnte, wenn es irgendeine Relevanz hätte. Am Ende stehst du hier in deinem piekfeinen Anzug und hast dir einen Namen gemacht. Ich habe mir ebenfalls einen Namen gemacht, nämlich einen neuen. Keiner dieser Namen steht für das, was wir sind. Du hast irgendwie alles richtig angepackt. Ich habe jeden erdenklichen Fehler begangen und überlebe, weil ich mich verleugne. Diese neue Existenz ist meine letzte Chance. Ich wollte dir nur sagen, dass Ryan O’Dea einen guten Job macht und nicht mehr jede Nacht schweißgebadet aufwacht, weil er in ständiger Angst lebt, erschossen zu werden. Dein Besuch heute hätte eine Freude sein müssen für Paddy Clohessy, aber Paddy ist tot. Er fiel einer Reihe von Dummheiten zum Opfer, die ihn nichts Richtiges und nichts Gutes tun ließen.

O’Dea möchte hingegen seine Ruhe. Verstehst du, was ich meine?«

»Ich bin mir nicht sicher.«

»Ich dachte, es wäre nur fair, unsere gemeinsame Geschichte zu einem Ende zu bringen«, fuhr Clohessy fort. »Ich war in der Buchhandlung, du hast mich nicht gesehen, schätze ich. Mir fiel auf, wie weit du von jeder Lebendigkeit entfernt bist. Und von jedem wirklichen Schmerz. Von dir geht die Kälte der Rechtschaffenheit aus, und ich beneide dich darum. Aber ich würde nicht mit dir tauschen wollen. Ich kann mir einen Tausch nicht mehr vorstellen, nicht einmal mehr, irgendetwas mit dir auszutauschen. Nichts ergäbe einen Sinn. Nicht einmal mehr, ein Bier mit dir zu trinken.«

»Was hat dich bloß in diese sinnlose Wut versetzt?«, fragte O’Connor nach einer Weile. »Wir haben uns auf dünnes Eis begeben. Der Reiz lag darin, draufzubleiben, nicht einzubrechen.«

Clohessy zuckte die Achseln.

»Ich sagte ja, für dich war es ein Spiel. Außerdem erinnere ich mich an Tage, als du froh gewesen wärest, einzubrechen, um selbst wieder rausfinden zu müssen aus dem klammen Loch. Schon vergessen? Den Überdruss, die Sinnsuche? Aber ich sehe, dass du ein hundertprozentiger Sohn deines Vaters geworden bist. Du hättest die Kronjuwelen klauen können, dir stand immer alles offen.«

»Dir etwa nicht? Unsinn, Paddy. Ich hatte nichts, was du nicht auch gehabt hast. Du wärest ein brillanter Physiker geworden!«

Clohessy lachte leise.

»Ich bin ein brillanter Physiker geworden, Liam. Dafür haben sie begonnen, mich zu jagen. Als ich begriffen hatte, dass sich die IRA, die Ulster Freedom Fighters und die Red Hand Commandos durch rein gar nichts voneinander unterscheiden als durch Parolen, wollte ich raus aus der Sache. Aber ich hatte zu viel hübsches Spielzeug für sie entwickelt. Zu viele gute Ideen gehabt. Ich war der sprichwörtliche Mann, der zu viel wusste.«

»Du hättest es gar nicht so weit kommen lassen müssen«, sagte O’Connor zornig. Seine Worte schienen übers Wasser davonzuziehen. »Du hattest eine Zukunft, Paddy, ebenso wie ich.«

»Nein, Liam. Du hattest eine Vergangenheit, mit der man leben konnte, und ich nicht. Aber die Zukunft ist die Vergangenheit. Nichts sonst.«

MARITIM

Als O’Connor die Bar wieder betrat, waren keine zwanzig Minuten vergangen. Er setzte sich wortlos zwischen Wagner und Kuhn, nahm dem Lektor das Glas aus der Hand und leerte es in einem Zug.

Kuhn sah ihm mit ausdruckslosem Gesicht zu.

»Okay«, sagte er. »Nur, dass ich’s kapiere. Die eine verabschiedet sich ins Bett und taucht sofort wieder auf, damit mir die Zeit nicht lang wird. Der andere geht ebenfalls schlafen, um eine halbe Stunde später meinen Cognac auszutrinken. Nichts davon gibt mir das Gefühl, es hätte was mit mir zu tun. So weit richtig?«

»Richtig«, sagte O’Connor.

Er führte die Finger zu den Schläfen und begann sie mit kreisenden Bewegungen zu reiben. Dann blickte er auf und sagte langsam:

»Ich habe gerade mit einem sehr gefährlichen Mann gesprochen.«

Wagner seufzte. In O’Connors Augen stand zu lesen, dass er es ausnahmsweise ernst meinte. Paddy schien sich als Lustbremse ersten Grades zu erweisen! Sosehr es ihr missfiel, war sie fest entschlossen, O’Connor bei der Bewältigung des Themas nach Kräften zu unterstützen. Schlicht und einfach, um das hohlwangige irische Gespenst aus seiner Vergangenheit zu exorzieren, bevor es weiter in ihrer Romanze herumspuken konnte.

»Wir haben uns unterhalten. Nein, falscher Begriff. Ich habe ein paar rhetorische Zierschritte gemacht und anschließend einem Monolog von Macbeth’scher Düsternis beigewohnt. Im ersten Moment war alles einfach nur seltsam. Als ich dann rauf zum Hotel ging, wurde es unheimlich. Vielleicht wirft meine Phantasie Blasen, aber mir ist Verschiedenes durch den Kopf gegangen. Können wir darüber reden?«

»Natürlich«, sagte sie brav. »Wo hast du ihn gelassen?«

»Paddy?«

»Ja.«

»In der Nacht verschwunden.« O’Connor betrachtete das leere Glas in seiner Hand, drehte es hin und her und stellte es wieder vor Kuhn hin. »Vielleicht hätte ich ihn aufhalten sollen, aber ich denke, es war besser, ihn vorerst gehen zu lassen. Die Bar ist ein sicherer Ort.«

»Du meinst, in seiner Nähe könnte es gefährlich werden?«

»Ich meine, es ist jetzt nicht der Augenblick, nach Shannonbridge zu fahren. Wenn du verstehst, was ich damit sagen will.«

»Mhm. Kapiert.«

Einen Moment lang war es grabesstill. Selbst das Gemurmel der wenigen Gäste, die ein Stück weiter saßen, schien erstorben zu sein. Nur das Handtuch des Barkeepers quietschte leise in einem Weinglas.

Kuhn lächelte dünn.

»Wisst ihr was?«, sagte er. »Euer konspiratives Getue ödet mich an. Nicht auszuhalten!« Er pumpte sich auf, dann explodierte er: »Liam, bei allem Respekt, würden Sie mir die Freude einer Erklärung machen? Ich bin Ihr Lektor, Himmel, Arsch! Ich habe diese ganze verdammte Reise organisiert, damit Sie Ihre Schmöker an den Mann bringen, aber Sie schlagen Kapriolen, reißen aus, flirten mit meiner Assistentin, ergehen sich in Mysterien und saufen mir meinen letzten Trost weg! Was ist, wollt ihr mich loswerden? Gut, soll mir recht sein. Schon okay, ihr geht mir reichlich auf die Nerven! Nur, dann sagt es! Macht mich nicht krank! Ich fordere Genugtuung, ich wurde beleidigt und abserviert! Zum ersten und zum letzten Mal: Was – ist – los?«

O’Connor hob die Brauen.

»Säbel oder Pistolen?«, fragte er.

Es kostete sie mehr als einen doppelten Hennessy, den Lektor wieder auf normale Pulsfrequenz zu bringen, also berichtete O’Connor ergeben von seinem Wiedersehen mit dem Mann, der jetzt Ryan O’Dea hieß. Kuhn schmolz dahin. Er war wie ein Kind, stellte Wagner fest. Man musste sich mit ihm beschäftigen, sonst wurde er patzig. Bezog man ihn ein, war er die Versöhnlichkeit selbst.

Schließlich breitete sich kollektive Nachdenklichkeit aus.

»Paddy will also seine Ruhe«, resümierte Kika nach einer Weile. »Na schön. Warum lässt du ihm dann nicht einfach seine Ruhe?«

»Weil seine Ruhe trügerisch ist«, sagte O’Connor. »Ich kenne Paddy. Was er mir erzählt hat, entsprach in jedem Wort der Wahrheit. Genau hier liegt das Problem.«

»Verstehe«, sagte Kuhn gelassen.

Der Physiker sah ihn an.

»Was verstehen Sie denn, werter Kollege?«

»Dass Sie der Offenheit eines Mannes misstrauen, der keinerlei Grund hat, offen zu sein.«

»Donnerwetter!«, sagte O’Connor, und dann sagte er eine ganze Weile gar nichts mehr.

Wagner überlegte, was sie mit der Situation anfangen sollte. Zwei in sich versunkene Männer starrten einen Tresen an. Sie selbst spann den Gedanken Kuhns weiter und kam zu einem merkwürdigen Resultat. Sicherheitshalber winkte sie den Barkeeper heran und orderte ein Tonic Water für sich selbst und einen zwölf Jahre alten Macallan für O’Connor. Mittlerweile hatte sie gelernt, dass Destillate vom Schlage eines Laphroig, Talisker oder Lagavulin Geschmack und Wirkung alkoholgetränkter Schinkenbrote entfalteten und sich beim Küssen eigenwillig bemerkbar machten. Dann besann sie sich, bestellte das Tonic Water wieder ab und schloss sich O’Connor an.

Die Getränke kamen. O’Connor bedachte sie mit einem Blick voller Zärtlichkeit und versenkte seine Aufmerksamkeit wieder im Glas.

Das Schweigen begann lästig zu werden.

»Wenn ich mal was sagen darf«, schlug sie vor.

O’Connor blickte auf.

»Dein Freund – oder auch gewesener Freund – Paddy Clohessy alias Ryan O’Dea gibt zu verstehen, er wolle dich gern noch heute Abend sehen, weil er am folgenden Tag beschäftigt sei. Richtig?«

Kuhn sah ebenfalls auf. Etwas in ihrem Tonfall schien Wunder zu wirken.

»Weiter«, fuhr sie fort, »sagt er, dass er dich ja später nicht mehr sehen könne, weil du dann abgereist seist. Auch richtig?«

O’Connor lächelte.

»Nur zu«, sagte er. »Ich will’s von dir hören.«

»Paddy weiß also, dass du übermorgen abreist. Hast du ihm das am Telefon gesagt?«

»Nein.«

»Also woher weiß er es?«

O’Connor ließ einen Augenblick verstreichen. Dann legte er Kuhn den Arm um die Schulter, zog ihn wie einen Bruder zu sich heran und flüsterte:

»Ist sie nicht wundervoll?«

»Hätte er einfach nur rauskriegen wollen, wie lange du in Köln bleibst, hätte er dich fragen können«, setzte Wagner ihre Rede ungerührt fort. »Stattdessen weiß er es. Also hat er jemanden bemüht, damit er ihm Auskunft über dich erteilt. Warum tut er das? Warum fragt er dich nicht einfach selbst?«

»Ja, warum?«

»Ich schätze, weil ihn dein Besuch nervös gemacht hat. Ebenfalls richtig?«

»Fast richtig.«

»Und was ist ganz richtig?«

»Kika, du hättest Arthur Conan Doyle alle Ehre gemacht.« O’Connor lehnte sich zurück und betrachtete sie mit offener Bewunderung. »Es ist genau die Sache, über die ich auch ins Grübeln geraten bin. Aber ich gelange zu einem etwas anderen Schluss als du. Ich glaube, es hat jemand Drittem ganz und gar nicht gefallen, dass O’Deas Identität heute aufgeflogen ist. Wie gesagt, ich kenne Paddy. Tatsache ist, dass wir uns auseinander gelebt haben. Ich meine, falls uns überhaupt je etwas zusammengehalten hat, dann waren es Frauen, Alkohol und Illusionen. Keine sonderlich ruhmreiche Bilanz, aber dafür wenig anstrengend! Jedenfalls, Paddy breitet seine Seelenlandschaft vor mir aus, damit ich begreife, dass ich da bitte schön nichts mehr verloren habe. Er hat nicht einen Schlussstrich gezogen, sondern gleich ein ganzes Dutzend. Und er war ziemlich gut darüber informiert, was ich in Köln tue und wie lange ich hier sein werde, wie du selbst schon festgestellt hast. Solch luzide Eleganz hat der gute alte Paddy aus den Tagen des Trinity nicht im Entferntesten besessen. Er hätte mich entweder aufgesucht, wenn ihm an meiner Gesellschaft gelegen wäre, oder gar nicht. Stattdessen hetzt er mich durch das Labyrinth seiner Psychosen und entlässt mich mit einer deutlichen Warnung.«

»Warnung?«, echote Kuhn.

»Ja! Mich rauszuhalten. Ich soll glauben, dass er einen neuen Namen angenommen hat, um in Frieden leben und arbeiten zu können. Lächerlich. Der rechtschaffen gewordene Halunke und seine historische letzte Chance. Ich bin ergriffen und zu Tränen gerührt. Aber wischen wir den Rotz von der Nase und bemühen unseren Verstand:

Was wäre also, wenn ihn jemand geschickt hätte? Jemand, der kein Interesse daran hat, wenn alte Freunde hinter Paddy Clohessy herschnüffeln und öffentlich verbreiten, dass ein ehemaliger Aktivist der IRA – oder wo immer er sich sonst noch rumgetrieben hat – plötzlich in der Technik eines renommierten europäischen Flughafens auftaucht.«

»Eines Flughafens zudem«, ergänzte Kuhn zwischen zwei Schlucken, »der seit Anfang des Monats von jedem irgend relevanten Politiker frequentiert wird. Ganz zu schweigen von denen, die noch kommen.«

Er hatte die Worte ausgesprochen, als handele es sich um eine Marginalie. Im nächsten Moment weiteten sich seine Augen. Erst jetzt schien er sich dessen bewusst zu werden, was er gesagt hatte.

»Mein Gott«, flüsterte er.

»Langsam.« Wagner trat zwischen die beiden Männer und legte jedem von ihnen einen Arm um die Schulter. »Wir konstatieren fürs Erste, dass aus Paddy Ryan wurde. Okay? Alles andere entspringt unserer Phantasie.«

»Wenn es nur unserer Phantasie entspränge, hätte ich dem Abend längst schon attraktivere Seiten abgewonnen«, sagte O’Connor mit eindeutigem Funkeln in den Augen. »Natürlich ist alles blasse Theorie, aber wozu kommt Paddy in einem solchen Affenzahn herbeigerauscht, nur um mich darüber aufzuklären, dass ich ihn vergessen soll? Seine Geschichte geht auf tausend Krücken. Er hätte nie aus freien Stücken so gehandelt! Aber jemand sagt ihm, Paddy, alter Unglücksrabe, das ist eine dumme Sache, war nicht vorgesehen. Gar nicht opportun, dieser O’Connor. Geh hübsch hin und sag ihm, er soll dich um Himmels Willen nicht verraten und dir die Zukunft vermasseln, gefallener Engel, der du bist, voll der edelsten Absichten, dem Bösen abhold und einzig darauf erpicht, ein ehrbares Leben zu führen. Seif den Kerl gehörig ein. Aber so was kann der gute Paddy eben nicht. Er steht vor mir und bringt es nicht fertig, Small Talk zu machen. Er weiß schlicht und einfach nicht, was er sagen soll, also sagt er die Wahrheit. Warum er abgerutscht ist. Was schief gelaufen ist. Er redet sich die Vergangenheit von der Seele und sagt viel zu viel. Schließlich hat er das Gegenteil von dem erreicht, was seine Einflüsterer beabsichtigen. Ich misstraue ihm. Ich denke, Paddy, du armseliger Idiot, jemand hat dich hergeschickt, um mich einzulullen. Und warum? Damit ich euch in Ruhe das zu Ende bringen lasse, weswegen ihr hier seid.«

»Gut«, sagte Wagner. »Wenn du der unbedingten Überzeugung bist, Clohessy und irgendwelche ominösen Drahtzieher hätten den Flughafen infiltriert, was schließt du dann daraus?«

»Ich weiß nicht. Wer landet hier alles in den nächsten Tagen?«

»Clinton«, sagte Kuhn, an seinen Fingern abzählend. »Morgen Abend, soweit ich weiß. Außerdem die Japaner. Möglicherweise Kanada.«

»Alle morgen?«

Kuhn zog die Brauen zusammen.

»Ja, ich denke schon. Jelzin erwarten sie übermorgen, glaube ich. Immer vorausgesetzt, er schafft es die Gangway runter.«

»So krank?«, fragte Wagner.

»So betrunken«, warf O’Connor ein. »Vorletztes Jahr in Dublin stand seine Maschine geschlagene drei Stunden auf dem Rollfeld. Der Taoiseach wartete, dass Boris Nikolajewitsch irgendwann zum Vorschein kommen würde, aber der balgte sich im Delirium mit seinem Leibwächter. Schließlich hob der Flieger wieder ab. Das Ehrenbataillon ging unverrichteter Dinge vom Rollfeld, und der Premier verlernte seinen russischen Begrüßungssatz.«

»Eine präzise Schilderung Jelzin’scher Staatskunst«, nickte Kuhn und rülpste. »Pardon auch. Ich glaube, die Japaner kommen doch erst am Neunzehnten. Oder? Halt, viel wichtiger, die First Lady! Die kommt am Neunzehnten, definitiv. Hillary und Billiboys herangewachsener Samen.«

»Chelsea? Du lieber Gott. Die ganze heilige Familie.«

»America, the beautiful!«, skandierte Kuhn. »Ach ja, Miss Albright nicht zu vergessen.«

»Das reicht jetzt«, sagte Wagner. »Liam, die Sache ist ganz einfach. Geh zur Polizei und sag ihnen, was los ist.«

Er brütete eine Weile über ihren Worten.

»Und wenn wir uns irren?«

»Keine Ahnung. Wenn wir uns irren, passiert gar nichts. Dann hat er sich eben nichts zuschulden kommen lassen.«

»Wir aber, Kika. Wir haben seine Identität auffliegen lassen.«

»Moment! Du hast selbst gesagt…«

»Ich weiß, was ich gesagt habe. Du hast ja Recht! Aber ich bin nicht sicher, ob ich das alles richtig sehe. Du darfst nicht vergessen, dass ich ein extrem gelangweilter Mensch bin. Ich pflege mir Unsinn einzubilden und aufzuschreiben, womit ich Millionen verdiene. Es wäre ungerecht, wenn Paddy im Gegenzug seinen Job verlieren würde.«

Wagner starrte ihn an.

»Ich glaub’s einfach nicht! Wofür machst du diese Welle, wenn dann doch alles nur Blödsinn war?«

»War’s ja nicht!«

Erstmals, seit sie sich kannten, erschien ihr O’Connor plötzlich hilflos. Der Eindruck war so überwältigend, dass Wagner sich außerstande sah, wütend auf ihn zu sein. Sie griff nach ihrem Whisky und trank.

»Wo wohnt dieser Paddy, der Ryan heißt und was weiß ich noch, wie?«

»Gute Frage.«

»Freut mich, dass sie deine Billigung findet.«

O’Connor kniff die Augen zusammen.

»Worauf willst du hinaus?«

»Wir machen jetzt zur Abwechslung mal Ernst, darauf will ich hinaus. Ich meine, morgen geht hier wieder das Theater mit den Staatsbesuchen los. Und da ist Paddy. Gut möglich, dass er tatsächlich nur in aller Stille sein neues Leben leben möchte. Ebenso gut möglich…«

Sie stockte. Nein, dachte sie, das ist absurd. In solche Situationen schlittern keine Menschen aus dem wirklichen Leben. So was ist Filmfiguren vorbehalten. Wir nehmen uns nur wichtig. Wir spielen Krimi, dabei sollte Kuhn seinen Cognac bezahlen und aufs Zimmer gehen, und ich sollte mit Liam die deutsch-irische Freundschaft vertiefen.

O’Connor hatte das Kinn auf die Handknöchel gestützt und betrachtete sie mit seinen weiß schimmernden Augen. Erneut kam es ihr vor, als erstrahle das Blau der Iris in all dem Weiß noch intensiver, wenn er nachdachte. Ihr ganzer Körper begann zu schmelzen, und heftiges Verlangen überkam sie, sich bei ihm anzulehnen und sich in ihm zu vergraben.

Keine Zeit für Shannonbridge.

Sie holte Luft und hob das Kinn.

»Ebenso gut möglich«, sagte sie sehr bestimmt, »dass er aus dem Grund am Flughafen ist, ein Verbrechen zu begehen. Und dass es etwas mit dem bevorstehenden Gipfel zu tun hat.«

»Uff«, sagte Kuhn.

O’Connor sah sie unverwandt an.

»Was schlägst du also vor?«, fragte er.

»Nun ja…« Sie hob die Brauen. »Wenn er hier arbeitet, wird er wohl auch irgendwo in Köln wohnen. Ein Mister O’Dea müsste sich also aufspüren lassen. Wir fahren einfach hin und sehen nach, ob er zu Hause ist. Falls nicht, warten wir, bis er kommt. Du redest mit ihm. Zweite Runde. Diesmal gefällst du dir nicht in rhetorischen Standardtänzen, sondern bietest ihm deine Hilfe an. Wenn du danach immer noch der Meinung bist, Paddy habe irgendwelche Lumpereien im Sinn, verständigen wir die Bullen. Falls nicht, dann…«

O’Connor grinste.

»Shannonbridge.«

»Und zwar das volle Programm.«

CLOHESSY

Er sah auf die Uhr. Es war 23.30 Uhr. Janas Worte schmeichelten sich immer noch durch sein Hirn, zwanzig Minuten nachdem er mit ihr über die Kommunikationseinheit gesprochen hatte, die sie FROG nannten und die mit einem Codierungs-Decodierungs-System arbeitete. Äußerlich sahen die FROGs in nichts anders aus als Motorola-Handys, bis hin zum Schriftzug, aber Gruschkow hatte außer dem Code-Chip noch einige andere Extras eingebaut. Mirko und Jana etwa konnten über ihre FROGs die der anderen in der Gruppe abhören, selbst wenn diese ausgeschaltet waren.

»Ich habe ihn getroffen«, hatte er sie atemlos wissen lassen, während er noch am Rheinufer stand und O’Connor eben hinter dem Komplex des Maritim verschwunden war. »Ich habe ihm alles so gesagt, wie wir es vereinbart hatten. Wir müssen uns keine Sorgen mehr machen.«

»Er hat dir geglaubt?«

»O’Connor kennt mich, er–«

»Keine Namen.«

»Verdammt! Tut mir leid. Ja, er hat alles geglaubt. Er würde keinen Freund verraten.«

Jana hatte einen Moment lang geschwiegen.

»Gut. Sehr gut.« Ihre Stimme konnte erschreckend kalt klingen oder weich und angenehm. Jetzt hatte sie beinahe etwas Einschläferndes. »Ich bin froh, das zu hören. Dann gute Nacht.«

»Ja. Gute Nacht.«

Clohessy verlangsamte seinen Wagen und bog in die Straße ein, in der er seit einem knappen halben Jahr Quartier bezogen hatte. Sein Atem ging stoßweise. Zwischen seinen Handflächen und dem Kunststoff des Steuers hatte sich eine dünne Schicht aus Feuchtigkeit gebildet. Dafür war seine Kehle so trocken wie ein ausgedorrter Brunnen.

Es gab keinen Parkplatz direkt vor der Tür. Er musste etwa hundert Meter weiterfahren, bis er eine Lücke fand.

Als er das Stück zu seinem Haus zurückging, zwang er sich, nicht zu laufen. Er war sich nicht sicher, ob sie ihn unter Beobachtung hatten. Vermutlich war es so, dann konnte jede fahrige Bewegung, jedes kleinste Anzeichen von Nervosität sein Schicksal besiegeln. Seine einzige Chance war, Selbstsicherheit vorzutäuschen und ihnen das Gefühl zu geben, es sei tatsächlich alles in Ordnung.

Warum um Gottes willen hatte das passieren müssen?

Sein Herzschlag hatte ausgesetzt, als man ihn holte, um einem Dr. Liam O’Connor über sich selbst Auskunft zu erteilen. Ein halbes Jahr lang war alles nach Plan verlaufen, ohne die kleinste Panne. Sie hatten Probleme bewältigt, an denen Hochschulprofessoren gescheitert wären. In aller Stille hatten sie die Anlage installiert und den größten Sicherheitsapparat der Welt zum Narren gehalten, nur um Opfer der verschwindend geringen Möglichkeit zu werden, dass er und O’Connor sich an diesem Ort und zu dieser Stunde über den Weg liefen.

Es schrie zum Himmel.

Clohessy wusste sehr genau, was in Janas Kopf vorging. Sie war in höchstem Maße alarmiert! Dem Anschein nach hatte sie die Nachricht mit bemerkenswerter Gelassenheit aufgenommen, aber Jana zeigte sich nie sonderlich emotional. Ihr Hirn funktionierte wie ein Rechner. Sie musste, noch während er sie informiert hatte, alle denkbaren Möglichkeiten aufgerufen und gegeneinander abgewogen haben. Dazu gehörte vorrangig, das Schlimmste anzunehmen, dass O’Connor nämlich die Polizei verständigen würde, weil am Flughafen Köln-Bonn jemand unter falschem Namen arbeitete, von dem man in Irland wusste, dass er untergetaucht, möglicherweise der IRA beigetreten und mit Sicherheit gefährlich war.

Ihn zu identifizieren, würde kein Problem darstellen. Dass er als Ryan O’Dea unbehelligt arbeiten konnte, lag einzig daran, dass kein Mensch seine Identität in Zweifel zog. Niemand wäre je auf die Idee gekommen, die Personen Patrick Clohessy und Ryan O’Dea miteinander zu vergleichen. Niemand hätte sie je in einen Zusammenhang miteinander gebracht. Auf diese Weise war er völlig sicher gewesen.

Bis zu diesem verfluchten Nachmittag.

Wer Einblick nehmen würde in die Akte Patrick Clohessy unter der Maßgabe, eine Ähnlichkeit zu Ryan O’Dea festzustellen, würde dazu nicht lange brauchen.

Jana musste sich fragen, ob Clohessy noch tragbar für die Gruppe war. Ein inniges Verlangen nahm von ihm Besitz, O’Connor möge zur Hölle fahren. In einem anderen Leben hatten sie zusammengesessen und ihre unterschiedlichen Arten, das eigene Glück zu untergraben, auf einen Nenner gebracht. Es spielte keine Rolle mehr. Der Mann, den er vorhin am Rheinufer getroffen hatte, strafte die letzten sentimentalen Erinnerungen an die Zeit im Trinity Lügen. Er hätte sterben müssen, sofort, bevor er mit seinem Wissen hausieren ging.

Das Problem war nur, dass ihn eine Frau begleitet hatte, die möglicherweise dasselbe wusste wie der Physiker. Wiederum hatten O’Connor und die Frau danach Kontakt mit anderen Menschen aufgenommen. Im Verlauf des Abends hätte er dutzendfach Gelegenheit gehabt, von seiner Begegnung am Flughafen zu erzählen. Zwar ging Clohessy nicht davon aus, dass er es auch getan hatte, aber wen interessierte schon, wovon er ausging. Die Möglichkeit bestand. O’Connor und die Frau aus dem Weg zu räumen, hätte im Augenblick nur noch größere Probleme geschaffen.

Clohessys Gedanken rasten, während er die von fahlen Lichtinseln erleuchtete Straße entlangging.

Das Gelingen der Operation bedingte, dass sie Gewalt um jeden Preis vermieden. Im Netz der Sicherheitskräfte, das Köln überzog, durfte sich nicht der leiseste Zweifel daran regen, dass der Gipfel reibungslos über die Bühne gehen würde. Sie konnten es sich nicht leisten, Leute umzubringen. Nichts wäre schlimmer, als wenn der einmal beschlossene Ablauf des Gipfels in letzter Sekunde geändert würde.

Aber sie konnten es sich noch weniger leisten, dass jemand Ryan O’Dea verriet.

Sie konnten sich Patrick Clohessy nicht leisten.

Er zwang sich, ruhig zu bleiben und sich nicht umzusehen. Er bezweifelte, dass Jana sich in seiner Nähe blicken ließ, aber wo ihr Zerberus Mirko gerade herumschlich, war weniger klar zu sagen. Es hätte Clohessy nicht gewundert, in diesem Moment die Schritte des Serben hinter sich zu hören, nur dass man Mirko eben nicht hörte. Seit sich die Truppe vor Monaten zusammengefunden hatte, hatte er Mirko nur wenige Male gesehen. Er ließ sich selten blicken, tauchte zu festgesetzten Zeitpunkten auf und verschwand wieder. Nicht einmal Jana schien zu wissen, wohin er ging und was er in den verbleibenden neunundneunzig Komma neun Prozent seiner Zeit überhaupt tat. Jedes Mal hatte Clohessy in Mirkos Gegenwart tiefes Unbehagen verspürt. Mirko war in seiner lässigen Art so unspektakulär wie jeder x-beliebige Mann von der Straße. Immerzu vermittelte er den Eindruck, mit halber Aufmerksamkeit das Geschehen um sich herum zu beobachten, ohne selbst etwas Aufregenderes zu tun als zu essen und zu schlafen. Nicht einmal Sex schien der Kerl zu haben. Er sah nicht unbedingt schlecht aus, aber unterm Strich wirkte er so geschlechtslos, interessenlos und abwartend wie Ken aus der Barbie-Familie.

Clohessy war Profi genug, um zu wissen, dass Mirkos nichtssagende Art seine Masche war. Dahinter verbarg sich ein analytisch arbeitender Verstand. Mirko war hochintelligent, sprach ebenso wie Jana fließend mehrere Sprachen und kannte sich in Dingen der Planung und Bewaffnung bestens aus. Clohessy dachte an den Tag zurück, als der Serbe gekommen war, um ihn zu rekrutieren. Zu diesem Zeitpunkt hatte er von Jana schon gehört. Jeder in der Szene kannte sie. Und keiner. Sie war ein Phantom. Selbst die CIA besaß seines Wissens nicht mehr als ihren bloßen Namen. Sie wurde in einem Atemzug mit Leuten wie Carlos genannt, Abu Nidal und den namenlosen Profikillern der Topliga. Niemand wusste, woher Jana stammte, wo sie lebte, nicht einmal, wie sie aussah, obschon Fotos von ihr im Umlauf waren. Sie veränderte ihre äußere Erscheinung, wie es ihr passte, und dass sie eine serbische Patriotin hätte sein können, war nie jemandem in den Sinn gekommen.

Falls sie wirklich Serbin war. Falls Mirko Serbe war, wie er behauptete. Was wusste man schon, wenn man für eine Million etwas tat, ohne zu wissen, warum man es tat. Es war offenkundig, dass Mirko und Jana serbische Interessen vertraten. Hintermänner der Operation hatte keiner von beiden je erwähnt. Sie gaben sich den Anschein völliger Autonomie, aber Clohessy war sicher, dass sie im Auftrag einer ungemein potenten Macht arbeiteten. Seine Million jedenfalls schienen sie aus der Portokasse zu bezahlen.

Eine Million.

Es war genug, um der Spirale der Gewalt vielleicht doch noch zu entrinnen. Ein einziger Auftrag, der alles verändern konnte. Neue Papiere, ein neuer Name. Nie wieder Irland, schade um die Heimat, aber dafür ein Leben ohne Flucht und böse Träume.

Er hatte sich in der Illusion gewiegt, die Iren würden ihn in Frieden gehen lassen, wenn er einfach nicht mehr wollte. Es wäre die Chance für einen Neuanfang gewesen. Ohne Gewalt. Aber man verließ die IRA nicht. Die Mitgliedschaft war lebenslang und ein langes Leben nicht unbedingt garantiert in einer Organisation, die innerlich von Misstrauen zerfressen war. Wie es aussah, würde die klassische IRA ohnehin zerschlagen werden. Als Folge blieb den meisten der beschwerliche Weg zurück in eine bürgerliche Existenz. Andere hingegen, wie Clohessy, die im Nervenzentrum der IRA- Forschung gearbeitet hatten, stellten eine Gefahr dar. Clohessy kannte die Köpfe der Organisation, zumindest einige von ihnen. Er war zu hoch aufgestiegen, um nach seinem Ausstieg noch weich landen zu können. Als Folge blieb ehemaligen Aktivisten wie ihm, erneut unterzutauchen in der Hoffnung, von den ehemaligen Kampfgefährten nicht aufgespürt zu werden, und ihre Dienste dem internationalen Verbrechen anzudienen. Am Ende war er, der Ire mit dem Herzen für den unabhängigen Norden, Teil eines offenbar serbisch-nationalistischen Kommandos geworden und hatte begonnen, das von Jana und Gruschkow entwickelte System in die Praxis umzusetzen, unterstützt von einem, der ihm zuarbeitete. Seit vier Wochen war der YAG einsatzfähig. Bis heute hatten sie die Anlage täglich überprüft. Es grenzte an ein Wunder, aber die hochkomplizierte Steuerung und die ausgeklügelte Mechanik funktionierten mit der Präzision einer Atomuhr.

Clohessys Aufgabe war damit erledigt. Angesichts der neuen Entwicklung eine schreckliche Vorstellung.

Warum hatte er nicht kündigen können am Tag der Fertigstellung? Aber Jana hatte es nicht gewollt. Sie hatte es für klüger gehalten, dass er bis auf weiteres in den Diensten des Flughafens verblieb. Sie wollte nicht, dass sich dort vor dem Gipfel etwas in der Personalstruktur veränderte, das vielleicht Misstrauen auf den Plan rief. Zwar waren sie durch ein sechstes Mitglied der Gruppe abgesichert, aber die Minimierung aller Risiken stand im Vordergrund. Im Moment, da »LAUTLOS« abgeschlossen war, stand es ihm frei, aus dem Flughafen zu verschwinden. Und keine Sekunde vorher.

Clohessy erreichte die Hausnummer achtunddreißig, schloss auf, trat in den dunklen Hausflur und wartete, bis die schwere Bohlentür des Altbaus hinter ihm ins Schloss gefallen war. Dann hastete er, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, in den zweiten Stock, stürzte in seine Wohnung und ließ sich gegen die Flurwand fallen. Der Spiegel auf der anderen Seite zeigte ihm ein Gesicht, das er nicht als seines erkennen mochte. Er sah aus, als sei er schon tot! Nur die brennenden Augen tief in ihren Höhlen zeugten davon, dass Paddy Clohessy verzweifelt über sein Leben nachdachte.

Genauer gesagt darüber, wie er vermeiden konnte, es zu verlieren.

Er sah erneut auf die Uhr. Es war 23.35 Uhr. Vor einer knappen halben Stunde hatten er und O’Connor sich am Rheinufer getrennt.

Glasklar erkannte er, dass Jana seinen Tod erwog. Die Frage war, ob er sie hatte glauben machen können, dass O’Connor ihm vertraute und bis morgen nicht auf dumme Gedanken kam. Er selbst glaubte es nicht. O’Connor war mit einem Übermaß an Phantasie ausgestattet. Er war zu klug, um sich hinters Licht führen zu lassen, und Clohessy hatte mehr erzählt als beabsichtigt. Statt den Physiker wie geplant einzulullen und sein Mitleid zu erregen für den armen untergetauchten Paddy, der nichts anderes wollte als seine Ruhe, hatte er sich zu einem grellen Outing hinreißen lassen. Er hatte O’Connor Einblick in sein Innerstes gewährt, um ihm klar zu machen, warum sie nichts mehr miteinander zu schaffen hatten. Und mehr noch, um sich selbst klar zu machen, was mit ihm geschehen war vor fünfzehn Jahren, als er die Frau verließ, die er liebte, um sich nicht eines Tages blutbesudelt neben ihrer Leiche wiederzufinden, das Messer in der Rechten und seinem entfliehenden Verstand hinterherstarrend.

Sie wollten ihn töten. Wollten sie das wirklich?

Er zwang sich zur Ruhe und überlegte. Wenn er blieb, musste er hoffen, dass Jana kein Risiko mehr in ihm sah. Der Lohn wäre die Million. Irrte er sich, würde er die Million nicht mehr brauchen.

Er konnte fliehen. Ohne die Million. Dafür mit seinem Leben.

Clohessy schätzte, dass ihm ein, zwei Stunden blieben. Falls Jana wirklich plante, ihn verschwinden zu lassen, mussten sie ihn vor seinem Dienstantritt liquidieren. Womöglich gaben sie ihm Zeit, um ihn in Sicherheit zu wiegen. Vielleicht wollten sie ihn im Schlaf ermorden.

Himmel, was für Gedanken.

Geld oder Leben!

Nie hätte er gedacht, dass die alte Bankräuberfloskel eine solche Bedeutung für ihn bekommen würde. Ohne die Million war er wertlos, ein Nichts auf der Flucht, ein Niemand. Alles wäre umsonst gewesen.

Eine Million!

Sollte er wirklich eine Million in den Wind schießen?

Schweißnass stieß er sich von der Dielenwand ab und begab sich ins Bad. Er drehte den Hahn auf und schlug sich kaltes Wasser ins Gesicht, mehrmals, bis die fiebrige Hitze aus ihm wich. Als er sich eben besser zu fühlen begann, klingelte sein Telefon.

Jedes Klingeln traf ihn wie ein Stromstoß. Er verharrte über das Becken gebeugt, die Hände zur Schale geformt, durch deren Ritzen Wassertropfen nach unten fielen. Erneut schien seine Kehle sich zuzuschnüren und sein Herz zu stolpern.

Er wartete, und es klingelte weiter. Nach dem sechsten Klingeln schaltete sich sein Anrufbeantworter ein und sagte sein Sprüchlein auf.

Eine Sekunde lang rauschte es in der Leitung. Dann legte jemand auf.

Gingen sie davon aus, dass er noch nicht zu Hause war? Würden sie warten oder kommen, weil sie dachten, sie könnten vor ihm in der Wohnung sein und ihn dort empfangen?

Die Entscheidung war gefallen. Sollten sie ihre verdammte Million behalten! Sie würden sie ohnehin behalten wollen.

Am liebsten wäre er durch das geschlossene Fenster nach draußen gesprungen und davongelaufen.

Nichts überstürzen, dachte er. Sieh zu, dass du so schnell wie möglich hier rauskommst, aber mach es richtig. Du bist nicht völlig mittellos. Etwa zwanzigtausend Mark besitzt du in bar. Alle Mitglieder der Gruppe verfügten über eine größere Summe, die sie im Notfall einsetzen konnten. Er brauchte Kleidung, er musste einen Koffer packen, und er musste genau überlegen, was er mitnahm. Seine gefälschten Papiere, alles, was seine Person ausmachte und was vonnöten war, um über die Grenze zu kommen.

Er löschte die Lichter, zog seinen einzigen Koffer vom Schrank im Schlafzimmer und machte sich im Dunkeln an die Arbeit.

WAGNER

Die Wärme, von der sie sich durchdrungen fühlte, entsprang nur zur Hälfte dem Umstand, dass Wagner sich in diesem Augenblick als ausgesprochen weise und konstruktiv empfand. Ihr Vorschlag war von salomonischer Qualität gewesen. Zugleich schien sich ihr ganzes Dasein in eine Art Zwischengeschoss oberhalb der Wirklichkeit verirrt zu haben. Seit sechsunddreißig Stunden schlief sie kaum, trank so viel wie nie zuvor in ihrem Leben und schien ausgerechnet ihre klarsten Gedanken zu träumen. Selbst jenseits der Toleranzgrenze allgemeiner Verkehrskontrollen, bretterte sie mit einem Volltrunkenen in besinnlicher Stimmung durch Köln, um die Realität daraufhin abzuklopfen, ob sie sich in einen kinoreifen Thriller verwandelt hatte.

Wie erwartet stand Ryan O’Dea im Telefonbuch. O’Connor hatte seine Nummer gewählt, aber der Anrufbeantworter schaltete sich ein. Möglicherweise war er von dem Treffen am Rheinufer noch nicht nach Hause gekommen. O’Connor hatte es vorgezogen, keine Nachricht zu hinterlassen. Also waren sie losgefahren. An jeder zweiten Ampel war ihr nach Umkehren, so absurd erschien ihr zwischendurch die ganze Geschichte. Dann wiederum folgte sie ihrem Verlauf, als gäbe es nichts Naheliegenderes als das Ungeheuerliche. Je näher sie der Rolandstraße kamen, einer mit Altbauten und Bäumen bestückten Allee zur Südstadt hin, desto astraler wurde ihr Empfinden, und sie trat aus sich heraus, kopfschüttelnd ihr Tun verfolgend, während ihr Fuß aufs Gas drückte und O’Connor ihren Nacken kraulte.

In ihren Ohren dröhnte ihr Herz.

Kuhn hatte wenig Begeisterung für den Plan gezeigt, Paddy aufzusuchen. Allem Anschein nach war ihm nicht wohl bei der Sache. Nach einigen Überredungsversuchen und der in Aussicht gestellten Chance, Bruce Willis oder Harrison Ford zu begegnen, die in diesem Film vermutlich mitspielten, hatten sie es aufgegeben. Der Lektor saß an der Bar wie festgeschraubt. Vielleicht dachte er auch nur, sie würden seine Anwesenheit als störend empfinden. Allerdings glaubte Wagner zu wissen, was ihn beunruhigte. In die Rolandstraße zu fahren, war real. Die Gesetze der Fiktion galten nur in Büchern, und jenseits gedruckter Worte war Kuhn alles, nur kein Held.

Umso besser. Letzten Endes.

Die Rolandstraße lag in unmittelbarer Nähe des Volksgartens, einer ausgedehnten Parkanlage mit altem Baumbestand, Biergarten und Entenweiher. Wenn sich die Stadt im Sommer aufheizte, waren die Wiesen bis in die späte Nacht bevölkert. Es roch nach Gegrilltem, und das Schlagen von Bongos und Congas gab den Pulsschlag an. Im Moment hielten sich die nächtlichen Aktivitäten in Grenzen. Als der Golf an der dunklen Silhouette vorbeiglitt, schien der Park menschenverlassen dazuliegen.

Auch in der Rolandstraße war kaum jemand unterwegs. Die wenigen Laternen verstärkten den Eindruck von Verlassenheit. Heruntergekommene Altbauten wechselten sich ab mit aufwendig sanierten Fassaden.

»Liam, was wir hier machen, ist verrückt.«

»Dann ist es wenigstens wahrscheinlich.« O’Connor kniff die Augen zusammen. »Kannst du die Hausnummern erkennen?«

»Ach richtig, Haie sehen ja schlecht! Dein Freund wohnt in Nummer achtunddreißig. Hier ist achtzehn. Und eine Parklücke.«

Mit Schwung beförderte sie den Wagen unter eine Straßenlaterne.

»Das war knapp«, sagte O’Connor.

»Es war präzise. Soll ich im Wagen auf dich warten?«

»Nein, du musst unbedingt mitkommen. Deine Erscheinung vereint in seltenem Maße die Vorzüge, einen Mann gleichzeitig zu begeistern und einzuschüchtern.«

Sie gingen die dunkle Straße entlang bis zur Nummer achtunddreißig. Es war eines der weniger ansehnlichen Gebäude. O’Dea wohnte dem Schild zufolge im zweiten Stock. O’Connor drückte lang und anhaltend auf die Klingel.

WOHNUNG

Clohessy erstarrte.

Nicht aufmachen, dachte er. Tot stellen.

Es klingelte erneut.

Mit trockener Kehle drückte er sich an den Rand des Wohnzimmerfensters und riskierte einen Blick hinaus.

Zu seiner Verblüffung waren es nicht Mirko oder Jana, die kamen, ihn zu holen. Unten stand, den Kopf in den Nacken gelegt, O’Connor und starrte nach oben.

Paddy prallte zurück, bevor der Physiker ihn sehen konnte.

Das war allerdings interessant. Was wollte Liam hier um diese Zeit, nachdem alles gesagt worden war, was es zu sagen gab? War er es auch gewesen, der angerufen hatte?

Es ist eben nicht alles gesagt worden, dachte Paddy. Er hat mir nicht geglaubt.

Einen Moment lang war er versucht zu öffnen. Dann entschied er sich dagegen. Liam würde wieder verschwinden. Besser kein Risiko eingehen. Jede Sekunde zählte, und Liam würde ihm die Zeit nur stehlen.

Mit noch größerer Eile widmete er sich wieder seinem Koffer.

WAGNER

O’Connor trat zurück und sah an der Hauswand empor.

»Es brennt nirgendwo Licht.«

»Versuch’s noch mal.«

Auch nach mehrmaligem Klingeln machte niemand auf.

»Er ist noch nicht zu Hause«, brummte O’Connor. »Unartiger Junge.«

»Und was heißt das, Holmes?«

»Ganz einfach, Watson. Wir verkrümeln uns in deinen Golf und beobachten das Terrain, bis die Scheiben beschlagen.«

Es wurde die heißeste Observierung aller Zeiten, aber ganz sicher nicht die beste. Zweimal gerieten sie so heftig ins Gemenge, dass Wagner ernsthaft fürchtete, sie würden dem Golf die Rücklehnen brechen. Jedes Mal besannen sie sich widerwillig ihrer selbst auferlegten Pflicht und spähten hinaus.

»War er das jetzt?«

»Wieso? War da einer?«

»Verdammt, wir haben wieder nicht aufgepasst!«

»Da war keiner. Der vor fünf Minuten ist vorbeigegangen. Danach kam keiner mehr.«

»Bist du sicher? Ich habe einen Mann gesehen. Klar und deutlich.«

»Ich auch. Er lag auf mir und versuchte, meine Bluse aufzuknöpfen. Du hast keinen Mann gesehen.«

»Klingt schlüssig.«

»Wie viel Uhr ist es überhaupt?«

»Zu früh, um aufzugeben.«

»Jetzt sag schon, Blödmann. Oder kannst du nicht mal die Zeiger deiner Uhr erkennen?«

»Ich erkenne alles. Die Welt ist nur um so vieles schöner, wenn man weniger genau hinschaut.«

»Und?«

»Was und?«

»Wie spät ist es jetzt?«

»Augenblick, warte mal – null Uhr zehn.«

Kika löste sich aus seiner Umarmung und rutschte in ihrem Sitz nach oben. Das lange Haar hing ihr ins Gesicht. Sie strich es zurück und zog ihren Rock nach unten. Dutzende blauer Flecken würden der Lohn dafür sein, mit eins siebenundachtzig in einem Golf herumzuknutschen wie die erstbeste Pennälerin.

»Wir warten seit einer geschlagenen Viertelstunde auf deinen Paddy«, sagte sie. »Findest du nicht auch, dass es reicht?«

O’Connor massierte sein Kinn.

»Ich weiß nicht. Ehrlich gesagt weiß ich überhaupt nicht mehr so richtig, was wir hier tun.«

»Wir sind kurzfristig der Verbrechensaufklärung beigetreten.«

»Macht das Sinn?«

»Was fragst du mich?«

O’Connor reckte die Arme und sah aus dem Seitenfenster.

»Ich gebe zu, die Angelegenheit verliert an Reiz. Irgendwie machen wir uns lächerlich.«

»Bist du immer noch der Überzeugung, dass Paddy geschickt wurde?«

Er spreizte die Finger.

»Wenn ja, was bringt das? Möglich, dass ich Gespenster sehe. Oder auch nicht. Je länger wir hier stehen, desto blöder komme ich mir vor.«

»Also was? Polizei? Hotel? Weiter warten?«

Er sah sie an.

»Dein Golf ist eine Folterkammer. Warten geht mir zu sehr auf die Gelenke. Ich schlage vor, wir machen einen Spaziergang durch diesen vortrefflichen Park, an dem wir entlanggefahren sind, und durchdenken alles noch mal an der frischen Luft. Einverstanden?«

»Brillant«, sagte Wagner erleichtert.

Auszusteigen und die Glieder zu strecken war eine Wohltat. O’Connor legte ihr wie selbstverständlich den Arm um die Taille, und sie schlenderten die Straße zurück in Richtung Volksgarten. Es waren nur etwa einhundert Meter. Zu gern hätte sie den Kopf an seine Schulter gelehnt. Leider fehlten ihm einige Zentimeter, um dem Vorhaben die nötige Stütze zu geben.

Als sie unter den ersten Bäumen hindurchgingen und der stille Teich schwarzsilbern vor ihnen lag, klingelte Wagners Handy.

Sie hörte es nicht.

Auf dem Rücksitz des Golf, wo es aus ihrem Blazer gerutscht war, klingelte es weiter, als wolle es sie zurückrufen. Das Display leuchtete in geisterhaftem Grün, und das Wort ANRUF blinkte auf.

Dann herrschte wieder Stille.

KUHN

Kuhn saß, das Nokia ans Ohr gepresst, auf seinem Hocker in der Bar des Maritim und fragte sich, warum Wagner nicht ranging. Sie gehörte zu den Menschen, die mit der kleinen Maschine nahezu verwachsen waren. Sie war immer zu erreichen. Was hielt sie ab?

Ratlos drückte er die OFF-Taste.

Seit einer halben Stunde waren seine Pressereferentin und der verrückte Physiker jetzt fort. An sich waren dreißig Minuten keine lange Zeit, aber sie hatten ausgereicht, Kuhns Hirnkasten in einen Resonator zu verwandeln. Inzwischen schien es ihm eine Ewigkeit her zu sein, dass sie auf die Schnapsidee verfallen waren, diesen Clohessy aufzusuchen.

Es war keine gute Idee gewesen, das zu tun.

Er war beunruhigt. Im Verlauf der einsamen halben Stunde hatten sich seine Gedanken zu Hypothesen aufgeschaukelt, die als aberwitzig hätten gelten müssen, wären sie nicht so ernüchternd schlüssig gewesen. Köln fieberte dem zweiten, dem eigentlichen Gipfel entgegen. Seit Helmut Kohl Kölns regierendem Oberbürgermeister Norbert Burger zwei Jahre zuvor das Medienereignis in die Hand versprochen hatte, um die Rheinländer über den Verlust der Hauptstadt hinwegzutrösten, war die Stadt beseelt vom Odem der Geschichte.

Die Weltsicht eines Altkanzlers, der Momente als historisch zu bezeichnen pflegte, bevor sie es wurden, paarte sich mit Schröder’- scher Parkettsucht und rheinischem Selbstbewusstsein. Ein exzeptionelles Sicherheitsprocedere hatte schon Monate vor dem denkwürdigen Juni eingesetzt, protokollarische Abläufe von höchster Komplexität hatten ihren Weg durch die Instanzen gefunden und einen logistischen Frankenstein entstehen lassen, den Myriaden von Verantwortlichen mitschufen in der Hoffnung, nicht die Kontrolle darüber zu verlieren. Kompetenzen wurden gegeneinander abgewogen, und Köln wurde zur Schnittstelle des internationalen Austauschs.

Nie zuvor hatten sich so viele diplomatische Vertreter und Sicherheitskräfte unterschiedlichster Nationen hier herumgetrieben. Die einen organisierten, die anderen sahen ihnen auf die Finger, um jedes Risiko auszuschließen.

Aber wie schloss man jedes Risiko aus?

Kuhn wählte O’Connors Nummer. Das Handy des Physikers war ausgeschaltet. Typisch, dachte Kuhn. Wahrscheinlich führte er es nicht einmal mit sich. O’Connor telefonierte ungern. Er hasste es, für jedermann erreichbar zu sein, und benutzte das Mobilephone nur, um seinerseits andere zu erreichen, wenn ihm danach war.

Sollten sie doch machen, was sie wollten.

Grummelnd griff sich Kuhn eine Zeitung, die jemand liegen lassen hatte, und beschäftigte sich mit dem Kölner Lokalleben.

Auch hier nichts als Gipfel.

Wie es aussah, war den Kölnern die Lust am großen Ereignis mittlerweile vergangen. Die Stadt schien im Belagerungszustand. Vergessen, dass Burger den Gipfel ursprünglich in der Messe mit seinem dortigen Pressezentrum hatte unterbringen wollen. Kohl war anderer Meinung gewesen, und die Meinung des Kanzlers hatte zu dieser Zeit immerhin zwei Zentner Gewicht. Volksnah sollte der Gipfel sein.

Nicht abgeschottet wie in Birmingham.

Anfangs hatten die Kölner das Gipfelstakkato mit Genugtuung und volksfestähnlicher Ausgelassenheit goutiert, bis sie dahinterkamen, dass sie nun in ihrer eigenen Stadt nichts mehr zu sagen hatten. Am dritten und vierten Juni hatten die Regierungschefs der EULänder Köln in Beschlag genommen, fünf Tage später folgten die Außenminister der G-8-Staaten. Fast am Rande trafen sich die katholischen Bischöfe reicher Industrienationen mit ihren armen Brüdern aus den Schuldnerländern, um eine Kölner Erklärung zur Schuldenfrage zu verfassen. Köln war in den Mittelpunkt der Welt gerückt. Ähnliche Aufgebote an Polizei hatte man nicht einmal in den Jahren der RAF-Hysterie erlebt. Grün herrschte vor, einer denkwürdigen Statistik zufolge aufgelockert von 165 000 Fleißigen Lieschen, 90 000 Geranien und 55 000 Fuchsien, die nichts an der Tatsache änderten, dass Köln unter Waffen stand.

Während im Kosovo die humanitäre Katastrophe ihren Fortgang nahm, hatte die Stadt begonnen, sich herauszuputzen. Kosovarische Gehöfte und serbische Brücken gingen in Trümmer, die Stadtväter beschlossen, den erst halbfertigen Neubau des Wallraf-Richartz- Museums hinter bunter Folie zu verstecken. Fünfundfünfzig Menschen starben in einem Personenzug, als die Nato eine Eisenbahnbrücke im Südosten Serbiens bombardierte, die Straße zwischen Gürzenich und Rathaus erhielt zwecks Verschönerung eine neue Decke, und längst fällige Schlaglöcher wurden geflickt. In Korisha kostete der Bombenhagel knapp einhundert Kosovo-Albanern das Leben, Hunderte Kilometer entfernt wurden die Kölner Straßen per Sandstrahl von einer Viertelmillion festgetretener Kaugummis befreit. Das eine schien mit dem anderen nichts zu tun zu haben, und de facto hätten die beiden Welten, in denen sich die Ereignisse abspielten, nicht weiter auseinander liegen können. In Wirklichkeit bedingten sie einander und schufen eine Atmosphäre der Verunsicherung. Alles hätte so schön sein können. Der Gipfel, das ganze Drumherum. Stattdessen pfiff man im Keller, weil ein Irrer meinte, sich mit der mächtigsten Militärallianz der Welt herumprügeln zu müssen.

Am Tag dann, als Milosevic und das jugoslawische Parlament dem Friedensplan der G-8 zustimmten, schien Europa wie von einem Krampf erlöst. Die Aussicht auf ein Ende des Krieges überstrahlte alles. Köln erhob sich zur Friedensstadt. Zwischen Karnevalsstimmung und Ausnahmezustand blieb kein Platz für Normalität. Straßen, Plätze und Brücken waren ein buntes Fahnenmeer. Heerscharen von Journalisten hetzten von Schauplatz zu Schauplatz, versehen mit städtischen Essensgutscheinen für Gipfelmenüs zum Zwecke wohlwollender Berichterstattung. Tausende von Delegationsmitgliedern erfreuten sich an einem kulturellen Rahmenprogramm mit einer Vielzahl von Ausstellungen, Konzerten, Lesungen und Filmreihen. Fassaden waren geschrubbt, Baustellen verhängt, Graffiti von den Wänden geschliffen, Brunnen gesäubert, Bänke gestrichen, Laternen repariert und Straßenbahnhaltestellen mit neuen Lampen bestückt worden. Kohls volksnaher Gipfel war Realität geworden. Oder, wie der Kabarettist Jürgen Becker bemerkte: Blitzsauber, die Stadt. Sogar die Hundescheiße ist verschwunden. Sechzehn Jahre Kohl waren nicht umsonst.

Inmitten des Potemkin’schen Charmes ließen nur das Geknatter der Helikopter und Kolonnen von Mannschaftswagen ahnen, was es wirklich hieß, Gipfelstadt zu sein.

Dann kam die Ermüdung.

Vielen ging die omnipräsente Polizei inzwischen auf die Nerven. War nicht alles vorbei? Serbien im Aus, Russland im Boot, Gerhard Schröder und Joschka Fischer in Bronze gegossen? Stattdessen schienen immer neue Absperrungen gleichsam aus dem Boden zu wachsen. Massive Kritik wurde laut. Den Gastronomen in der Altstadt hatte man das Geschäft ihres Lebens in Aussicht gestellt. Die Sperrstunde war aufgehoben worden, auf beispiellose Weise reichte die Bürokratie dem Nachtleben die Hand, aber dann fanden die avisierten Gäste vor lauter Gittern und Flatterbändern nicht mehr an die Tresen. Zu allem Überfluss nötigte der Secret Service das BKA, sämtliche Schirme und Blumenkübel, Stühle und Tische aus der Altstadt verschwinden zu lassen. Nach dem Wegfall der Außengastronomie rechneten erboste Wirte in halb leeren Kneipen nach, was es sie kostete, leichtgläubig Zusatzkräfte eingestellt und die Vorräte aufgestockt zu haben. Die einen erwogen Klage gegen die Stadt, andere schickten ihre defizitären Bilanzen kurzerhand an das Auswärtige Amt zur Begleichung. Ähnlich verärgert zeigte sich der Einzelhandel, dessen Erwartungen ebenfalls hinter den Gitterbarrieren zurückblieben. Zwecklos, den Betroffenen zu erklären, man sei selbst von den plötzlichen Forderungen der Amerikaner überrascht gewesen. Spätestens nach dem Außenminister-Gipfel war jede Euphorie verflogen. Während Burgers große Stunde über prominenten Eintragungen ins Goldene Buch nicht enden wollte, zogen die Bürger immer längere Gesichter – vor lauter Security waren beim EU-Empfang vor dem Rathaus eben mal zweihundert Plätze geblieben, um einen Blick auf die weltpolitische Elite zu werfen, und auf die hatte sich die Presse gestürzt.

Volksnah war vor allem die Polizei. Die Beamten gaben sich jede Mühe, den Unmut der Kölner abzufedern, aber nichts konnte darüber hinwegtäuschen, dass die Sicherheitshysterie einem neuen Gipfel zustrebte.

Die Leute schüttelten den Kopf. Was war denn nun mit dem Frieden von Köln? Alles war doch in bester Ordnung. Was sollte jetzt noch passieren?

Kuhn rutschte missmutig auf seinem Hocker hin und her und dachte daran, dass Gorbatschow in Deutschland vor Jahren nur knapp einem Attentat entgangen war. Auch damals hatte alles im Zeichen der Versöhnlichkeit gestanden. Die entspannte Atmosphäre trog. Ab morgen würde Köln noch mehr ins Fadenkreuz des Terrorismus geraten. Jenseits des jovialen Winkens und zufriedenen Wir- haben-es-nochmal-geschafft-Lächelns würde ein von jeglicher Euphorie unbeeindruckter Sicherheitsapparat seine Wachsamkeit erhöhen. Kuhn wusste aus Washington, wie groß die Angst der Amerikaner vor einem Anschlag auf das Leben ihres Präsidenten war und was sie alles in Bewegung setzten, um jeder Eventualität zuvorzukommen. Der Secret Service kannte kein Vertrauen. Der bevorstehende Supergipfel mochte vielen wie eine große, fröhliche Party vorkommen – er war vor allem der Gipfel der Security. Von Clinton hieß es, er werde mit eintausend Spezialagenten anreisen. Seit Wochen war Köln infiltriert von bewaffneten US-Sicherheitsleuten, vom BKA mit einer Waffentrage-Erlaubnis und Sonderausweisen ausgestattet. Der Apparat um Jelzin stand dem in wenig nach. Schröder, sosehr er sich zum Anfassen präsentierte, war unantastbar. Alle Regierungschefs genossen einen Schutz, der die Gefährdung ihrer Leben faktisch ausschloss. Keine Maus konnte durch diesen Ring aus Sicherheit schlüpfen.

Aber wie schloss man die Anwesenheit eines verdeckten Agenten am Köln-Bonner Flughafen aus?

Und was hatte seine Anwesenheit zu bedeuten?

Je länger Kuhn auf dem Knorpel der Frage herumkaute, desto mehr verstärkte sich sein grollendes Unbehagen. Sicher, bislang war alles glatt gegangen. Das Schlimmste war durchgestanden, nachdem sich Schröder und Ahtisaari auf dem EU-Gipfel in die Arme gefallen waren. Vor einer Woche hatte das Abkommen von Kumanovo den Krieg offiziell beendet. Im Grunde gab es weniger Anlass zu Befürchtungen als je zuvor. Der Belgrader Betonkopf lag am Boden, oder zumindest tat er so. Alle hatten sich wieder lieb. Jelzin telefonierte mit dem Bundeskanzler und bekräftigte seinen Willen zum Frieden. Der chinesische Ministerpräsident Zhu Rongji betonte Pekings konstruktive Rolle, was immer er damit meinte.

Blieb, die Sieger zu empfangen. Lorbeer den Cäsaren!

Dubios.

Wenn wirklich die Gefahr eines Attentats bestand, warum hatte es nicht vor zwei Wochen stattgefunden, als einhunderttausend Demonstranten in Köln gegen die Wirtschaftspolitik der reichen Nationen auf die Straße gegangen waren, durchmischt von Kriegsgegnern, Autonomen und militanten Krawallmachern, als Russland mit gebrochenem Rückgrat auf den Balkan sah und die Nato stirnrunzelnd ankündigte, der Friedensbotschaft Ahtisaaris so lange Bomben folgen zu lassen, bis eine Einigung über den Abzug der serbischen Truppen vorliege, mit getrockneter Tinte? Warum jetzt?

Weil die wichtigsten Skalps, die man sich holen konnte, damals noch gefehlt hatten?

Dieser Clohessy mit seinem falschen Namen wäre keine Sorge wert gewesen, hätte der Secret Service nicht einen Begriff geprägt, der sich in Kuhns Phantasie an diesem Abend zur Monstrosität auswuchs: das retardierende Moment. Das Nicht-erfolgen der Katastrophe zum Zeitpunkt, da alle ihr Eintreten vermuten. Das Verstreichenlassen des kritischen Augenblicks.

Dann der vernichtende Schlag, wenn niemand mehr damit rechnet!

Welchen Effekt würde ein Anschlag haben, wenn er jetzt erfolgte, auf dem Supergipfel? Im Angesicht der strahlenden Pose? Mit einem Boris Jelzin als Verbündetem und einem Großchina, das, starren Gesichts zwar, aber einlenkend, auf sein Veto verzichtet hatte?

Was, zum Teufel, wollte Paddy Clohessy? Falls er überhaupt etwas zu wollen hatte und nicht nur Handlanger war, wie Liam O’Connor abenteuerlustig vermerkt hatte.

Wer waren die Leute hinter ihm?

Kuhn seufzte. Nein, es war ganz und gar nicht gut, einen solchen Menschen mitten in der Nacht aufzusuchen. Ein Unfug! Eine verdammte Schnapsidee. Er hätte diesen Unsinn vehement verhindern sollen. Warum gingen sie nicht zur Polizei, statt Detektiv zu spielen?

Dann dachte er, vielleicht sind sie ja zur Polizei gegangen. Das Beste wäre es. Aber warum konnte er dann Wagner nicht erreichen? Sie hatte ihr Handy nicht mal ausgeschaltet, es klingelte durch. Natürlich gab es noch die Möglichkeit, dass sie tatsächlich bei diesem Kerl waren und mit ihm redeten. Aber auch das war kein Grund, nicht ranzugehen.

Oder sie konnte nicht mehr rangehen.

Einen Moment lang war er kurz davor, die Polizei zu verständigen. Aber O’Connor hatte sich dagegen ausgesprochen, die Polizei ins Spiel zu bringen, solange Paddys Unehrenhaftigkeit nicht eindeutig erwiesen war. Und O’Connor konnte furchtbar sauer werden, wenn man ihm nicht seinen Willen ließ. Er konnte die Zusammenarbeit mit dem Verlag überdenken. Er war eine Zicke ersten Grades. Jetzt einen Fehler zu begehen, nur weil er vielleicht Gespenster sah, missbehagte Kuhn noch mehr als die Möglichkeit, dass Paddy Clohessy ein Schurke war.

Er leerte sein Glas und beglich die Rechnung.

Es half alles nichts. Er würde rausfahren müssen in die Rolandstraße und nachsehen, was los war. Und sei es nur, um seine Nerven zu beruhigen. Vermutlich war nicht das Geringste los. Wie immer in solchen Fällen. Aber nachsehen konnte nicht schaden.

Warum bloß hatte man mit O’Connor immer nur Probleme?

Nichts wird los sein, dachte Kuhn, während er in die Tiefgarage des Maritim fuhr. Gar nichts.

Er suchte in der Jackentasche nach seinem Autoschlüssel. Zweimal entglitt er seinen Fingern, dann schaffte er es, ihn ins Schloss seiner alten Ente zu stecken und einzusteigen.

Der Cognac half ihm, seine Furcht für Tatendrang zu halten.

MIRKO

Mirko war im Dunkel der gegenüberliegenden Straßenseite nicht auszumachen. Er stand unter den Bäumen und sah den irischen Physiker und die hochgewachsene Frau aus dem Wagen steigen und in Richtung Park verschwinden.

Gelassen zog er das FROG aus der Lederjacke und rief Jana an.

»Die Vögelchen haben sich eine Viertelstunde in ihrem Wagen rumgedrückt«, sagte er. »Gerade sind sie ausgestiegen.«

»Das war nicht anders zu erwarten«, sagte Jana. »Was tun sie?«

»Keine Ahnung. Sie machen auf mich nicht den Eindruck, als wollten sie möglichst schnell Alarm schlagen. Sie sind Arm in Arm Richtung Volksgarten gegangen. Kamen mir eher vor wie ein Liebespaar.«

»Trotzdem. Solange sie in der Gegend sind, wissen wir nicht, was sie vorhaben. Wann sie zurückkommen und mit wem.« Sie machte eine Pause. »Ich würde sagen, damit ist die Entscheidung gefallen.«

»Ja. Lösen wir das Problem.«

»Wie besprochen«, bestätigte Jana.

Er schaltete ab. Clohessy konnte nicht wissen, dass sie ihn während seiner Unterhaltung mit O’Connor abgehört hatten.

Er fragte sich, was in den Techniker gefahren war, dass er O’Connor diese von Vergangenheitsbewältigung triefende Nabelschau geliefert hatte. Es musste das irische Sentiment sein. Clohessy hatte nichts weiter tun sollen, als ein bisschen Zuckerguss über die gemeinsame Vergangenheit gießen und den Physiker bitten, ihn nicht zu verraten. Die Geschichte vom guten Kerl, der Probleme bekommen hatte und nun unter falschem Namen im Ausland lebte und arbeitete – was war daran so schwer zu erzählen? Ein bisschen weniger Pathos, hier und da freundschaftliches Schulterklopfen, eine Verabredung zum Bier nach dem Gipfel mit der Versicherung, es sei alles in bester Ordnung, und O’Connor hätte keinen weiteren Gedanken an die Sache verschwendet.

Aber Paddy Clohessy war eben ein hoffnungsloser Jammerlappen und – schlimmer noch – ein Idealist. Alle Idealisten neigten zur Geschwätzigkeit. Der alte Mann in den Bergen, er mochte begnadet sein in seiner Perfidie, bigott und skrupellos, aber auch er redete wie ein Waschweib, wenn es auf Fragen der Ideale kam. Einzig Jana war anders. Für sie hegte Mirko stille Bewunderung, weil sie ihre wahren Beweggründe für sich behielt. Er ahnte, was sie im Innersten antrieb, der Wunsch, etwas für ihr Volk tun zu können, der Schmerz über die Wunden, welche die Vergangenheit ihr geschlagen hatte, ihre seelische Zerrissenheit, weil sie sehr wohl wusste, dass sie zu dem geworden war, was sie nie hatte sein wollen.

Die Spirale der Gewalt führte immer abwärts.

Ohne Hast ging Mirko über die Straße. Er gönnte sich ein Lächeln. Clohessy hatte ihn nicht gesehen. Nicht einmal während seiner Unterhaltung mit O’Connor am Rheinufer, obschon Mirko nur Meter entfernt dagestanden und auf das schwarze Wasser hinausgeblickt hatte, den Worten lauschend, die aus seinem Ohrstecker drangen.

Mit einigem Vergnügen zog er ein schimmerndes Bündel aus seiner Jacke und machte sich daran, das Schloss der Haustür zu öffnen. Es war ein beinahe nostalgischer Spaß, und er sah sich gezeichnet von der Hand eines Cartoonisten – mit schwarzer Augenmaske und Stoppeln im Gaunergesicht, schlappohrig und hundsnasig, so wie die Beagle Boys in den legendären Uncle-Scrooge-Comics von Carl Barks dargestellt waren. Immer wieder schön, das High-Tech-Instrumentarium für eine Weile gegen die guten alten Dietriche, Brecheisen und Totschläger einzutauschen. Mirko summte etwas vor sich hin, während seine Finger ein Eigenleben entwickelten und wie Spinnen über das Schloss krabbelten. Er brauchte keine zehn Sekunden, und der Mechanismus schnappte auf. Niemand würde später erkennen, dass er sich auf diese Weise Einlass verschafft hatte. Seine Art, Schlösser zu öffnen, hinterließ nicht den kleinsten Kratzer. Und zumeist auch keine Überlebenden.

Er trat in den dunklen Hausflur und verharrte, den Rahmen der offenen Tür umklammert. Wie oft würde er diese Tür öffnen müssen? Besser, sie vorübergehend zu blockieren. Er ließ den Holm herausschnappen, so dass sie nicht ins Schloss fallen konnte, lehnte sie geräuschlos an und erstieg die ausgetretenen Stufen der Altbautreppen zum zweiten Stock. Unhörbar rollten seine Turnschuhe auf den Planken ab, als er sich Clohessys Wohnungstür näherte. Er ging sehr nahe an den Fußleisten entlang. Hier war die Gefahr, dass die Bohlen knarrten, am geringsten. Die Wohnung lag etwa sechs Meter seitlich des geräumigen Treppenhausschachts am Ende eines kurzen, hohen Ganges. Mirko lehnte sich in unmittelbarer Nähe der Tür gegen die Wand, verhakte die Daumen in den Taschen der Jeans und wartete.

Er hatte sich nicht geirrt.

Zehn Minuten nachdem er seinen Posten bezogen hatte, wurden im Innern der Wohnung Geräusche laut. Jemand näherte sich. Dann schwang eine der beiden Flügeltüren auf, und Clohessy erschien in der Öffnung, einen mittelgroßen Koffer in der Hand.

»Guten Abend, Paddy«, sagte Mirko.

Entsetzen verzerrte die Gesichtszüge Clohessys. Mirko wusste, dass der Ire in diesem Augenblick an wilde Flucht dachte. Er stieß sich von der Wand ab und trat ihm in den Weg.

»Wir brauchen deine Hilfe«, sagte er, bevor Clohessy seine Sprache wiederfinden konnte. »Es gibt ein Problem.«

Der andere starrte ihn an.

»Was denn für ein Problem, Mirko?«

»Lass uns wieder reingehen. Ich erklär’s dir drinnen.«

Clohessy schien wie erstarrt. Seine Pupillen zitterten. Bei Mirkos Anblick hatte er vermutlich an alles Mögliche gedacht, nur nicht daran, dass dieser ihn nach seiner Hilfe fragen würde. Er rührte sich nicht. Mirko legte ihm die Hand auf die Brust und schob ihn sanft zurück ins Innere.

»Warum läufst du hier eigentlich im Dunkeln rum?«, fragte er beiläufig.

»Kein besonderer Grund«, sagte Clohessy. Er hatte Mühe, seine Stimme unter Kontrolle zu halten. »Ich wollte nur…«

»Egal. Deine Sache.« Mirko ließ die Tür hinter ihnen zufallen und senkte die Stimme. »Das mit O’Connor ist gut gelaufen, wie ich höre.«

»Sehr gut. Ja, hätte nicht besser sein können.«

»Er hat dir geglaubt?«

»Auf jeden Fall!«

»Gut.« Mirko ließ eine dramaturgisch wirkungsvolle Pause verstreichen. »Ein Problem weniger. Dafür haben wir ein anderes. Es ist was schief gelaufen.«

»Und w… was?«

»Jana hat einen Testimpuls abgeschickt.«

Clohessy holte tief Luft. Dann stellte er den Koffer ab und straffte sich.

»Jetzt noch?«

»Ja. Sie sagt, das System habe nicht einwandfrei reagiert. In der Koordination des Zielspiegels mit dem Objektiv ist eine leichte Dissonanz aufgetreten. Jana meint, im Resultat hätten wir eine Abweichung von mindestens zwanzig bis dreißig Zentimetern. Ich brauche dir nicht zu sagen, was das bedeutet.«

Clohessys Züge sprachen Bände. Er überlegte ganz offenbar, ob Mirko die Wahrheit sagte. Hoffnung stahl sich in seinen Blick. Er runzelte die Stirn und kratzte seinen zerwühlten Schopf.

»Es können keine Dissonanzen aufgetreten sein«, sagte er langsam. Dann fiel ihm auf, dass es die dümmste aller Antworten war. »Das heißt, vielleicht doch«, fügte er atemlos hinzu. »Ich meine, es liegt definitiv nicht an der Mechanik, sie ist geschützt und funktioniert einwandfrei. Wenn, dann haben wir ein fehlerhaftes Signal in der Steuerung.«

»Jana fürchtet aber, es sei die Mechanik.«

»Unmög… ich weiß nicht. Ich muss mit Gruschkow sprechen.«

»Gruschkow ist in der Spedition. Wir hatten die gleiche Idee. Am besten, du kommst gleich mit mir.«

Clohessy trat einen Schritt zurück.

»Was ist denn los, Paddy?«, fragte Mirko ruhig. »Hast du Angst?«

»Warum sollte ich Angst haben?«

»Weil du Grund dazu hättest. Wäre das Gespräch mit O’Connor nicht so positiv verlaufen, hätten wir ernsthaft darüber nachdenken müssen, dich loszuwerden.«

»Ihr… habt darüber.«

»Natürlich. Was glaubst du?« Mirko lächelte. »Aber du hast Zeit gewonnen. O’Connor dürfte keine Gefahr darstellen. Beziehungsweise die Frau. Du kennst nicht zufällig ihren Namen?«

Clohessy schüttelte den Kopf.

»Egal. Mach dir keine Gedanken. Außerdem brauchen wir deine Hilfe. Es scheint eine unliebsame Tatsache zu sein, dass im letzten Moment irgendwas schief geht.«

»Was ist mit…«, begann Clohessy und bückte sich mit ausgestreckter Hand nach seinem Koffer. Dann besann er sich und richtete sich wieder auf.

»Du wolltest abhauen«, stellte Mirko fest.

»Nein, ich…«

»Du wolltest abhauen! Na und? Du hast keinen Grund, abzuhauen. Komm endlich, wir haben zu tun.«

Clohessy nickte zögerlich. Mirko registrierte, dass er sich entspannte. Er öffnete die Wohnungstür, ergriff den Iren am Ärmel und schob ihn hinaus in den modrigen Flur.

PARK

»Lass uns spielen.«

»Tun wir das nicht schon seit gestern?«

»Ja, aber dieses Spiel ist etwas anderes. Du wirst es lieben. Es heißt: Nutze die Zeit.«

»Ah! Carpe diem.«

»Carpe tempum. Weißt du, es gibt nur eines, was wir der Geschwindigkeit der Zeit entgegenhalten können. Das ist die Schnelligkeit, mit der wir sie nutzen. Darum geht‘s, verstehst du? Ergo gibt es in diesem Spiel nur eine einzige Regel.«

»Nämlich?«

»Nicht nachzudenken.«

»Verstehe. Und das Ziel?«

O’Connor schüttelte den Kopf.

»Es gehört zum Spiel, das Ziel nicht zu kennen, sondern zu erkennen, Kika. Alles, was du von jetzt an sagst oder tust, muss dir entströmen, ohne dass dein Verstand Schleusen einbaut. Du darfst platt sein, gebildet, pathetisch, blöde, albern, tragisch, elitär, derb, nur nachdenken darfst du nicht.«

Sie waren ein Stück unter den Bäumen hergelaufen und hatten den Teich umrundet. Auf der dunklen Restaurantterrasse gegenüber hatte sich eine Gruppe Teenager breit gemacht. Einige spielten auf mitgebrachten Bongos. Gedämpftes Lachen klang herüber. Dem Rhythmus der Trommler wohnte etwas Rituelles, Archaisches inne, das geeignet war, Regeln aufzuheben. Der Park lag keineswegs so verlassen da, wie es im Vorbeifahren den Anschein gehabt hatte. Dennoch war es, als hätten sich die Besitzer der wispernden Stimmen ringsum auf eine gemeinsam bewohnte Zone der Intimität geeinigt, in der man einander nicht störte, sondern Raum gab für kleine Wagnisse, Geständnisse und Abenteuer.

Vor ihnen lag eine Ansammlung dicht stehender Bäume. Der Weg führte mitten hinein.

»Erzähl schon«, forderte sie. »Wie geht dieses Spiel?«

»Jedes Mal anders.« O’Connor lächelte geheimnisvoll. »Es beginnt im Hier und Jetzt. Was folgt, ist, was du daraus machst.«

»Und wer gewinnt?«

»Auch das ist offen.«

»Du meine Güte. Also gut, spielen wir. Wer fängt an?«

»Du.«

»Okay. Was muss ich tun?«

»Beschreibe den augenblicklichen Zustand.«

»Hm.«

»Nicht überlegen!«

»Schon gut, schon gut! Warte. Äh… augenblicklich sind wir…«

»In einem Wort.«

Sie sah hinauf zum Himmel. Die Nacht war ungewöhnlich klar. Als bedürfe es nur eines Sprungs, um zu den Sternen zu reisen.

»Dunkelheit«, flüsterte sie.

O’Connors Augen funkelten.

»Peng! Urknall. Dunkelheit. Aneinanderreihung von Buchstaben, Unsinn, Sinn. Setzt sich fort. Das Dunkle, Finstere, Sinistre, Un- gestalte, Leere. Verklumpungen, Strukturen, Welten formen sich in der Dunkelheit. Hinzufügung von Licht. Licht… Licht… Feuer, Lagerfeuer! Menschen sitzen zusammen an einem Feuer in der Dunkelheit. Legenden und Geschichten. Erzählungen. Mythen. Die Alten, die… die Hutu… Hutu, genau, in der Mythologie der Hutu ist die Dunkelheit der Urzustand und der Idealzustand zugleich. Die Dunkelheit war allesbeherrschend gewesen, bevor die Götter die Welt hatten werden lassen in strahlendem Glanz. Aber weil die Götter mächtig waren, mussten sie auch die Dunkelheit erschaffen haben, mächtig, allmächtig waren sie! Mussten die Dunkelheit erschaffen haben noch vor der Welt.

Nur erschloss sich den Hutu kein Sinn in der Erschaffung des Dunklen vor dem Hellen. Darum, so sprachen die Weisen an den Feuern, habe vielmehr die Dunkelheit die Götter geboren und sei somit selbst göttlich und das Höchste und das Göttlichste überhaupt und dem Licht in jeder Hinsicht vorzuziehen.«

Wagner hatte tatsächlich das Gefühl, einem Urknall beizuwohnen. O’Connor hatte mit rasender Geschwindigkeit gesprochen. Aus zusammenhanglosen Fetzen und Fragmenten waren Sätze geworden, dann eine Geschichte.

»Schon mal nicht schlecht«, sagte sie. »Hast du das gerade erfunden?«

»Und tatsächlich«, fuhr er fort, ohne auf ihre Frage einzugehen, »durchwirkt Dunkelheit die menschliche Geschichte als beständiges, schicksalhaftes Muster, werden wir unserer selbst bewusst in Lichtlo- sigkeit, endet Leben im Dämmer verhangener Zimmer, in dumpfen Hütten, in Erblindung und Umnachtung, finden Mörder ihre Opfer abseits erleuchteter Wege, werden Herzen gebrochen, zum Stillstand gebracht oder gestohlen, wo die Sonne sich verbirgt.«

»Wow. Starker Tobak!«

»Du bist dran.«

»Ich kann das nicht!«

»Unsinn, jeder kann das. Nicht stehen bleiben, Kika, Staffellauf! Weiter, weiter!«

Sie rang nach Luft.

»Gut, ähm… also… gut, wohledler Liam! Im Dunkel eilt Romeo zu Julia, sucht Orpheus seine Eurydike, nähert sich die verliebte Bestie der schönen Isabel. In der Lichtlosigkeit schlachtet Macbeth Duncan, köpft Judith den Holofernes. Finsternis ist das Gewand des eilenden Judas, herrscht im Kopfe Jagos, der das Licht der Großmut nicht kennt. Im formlosen Schwarz zuckt die gebärende Gäa, verbirgt sich die Natur der spinnenden Nornen…«

»Nornen?«

»He, das ist unfair!«

»Lass dich nicht aufhalten.« O’Connor grinste.

Wagner lachte. Sie trat ins Innere eines bizarren Astwerks, das sich aus großer Höhe herabsenkte und eine natürliche Kuppel bildete. Der Baum musste von beträchtlichem Alter sein. O’Connor folgte ihr.

»Es ist schön hier«, sagte sie leise.

»Eine Kathedrale«, nickte O’Connor, »um die Angst der Hoffnung zu vermählen. Im Lichte der Vernunft erstarren wir, jedoch vom Urgrund sucht uns das Verlangen, aus der dunklen, unbewussten Tiefe steigt die Lust empor.«

Wagner drehte sich zu ihm um. Das Spiel begann ihr zu gefallen.

»Oft, uns in eignes Elend zu verlocken«, deklamierte sie, »erzählen Wahrheit uns des Dunkels Schergen. Verlocken uns durch schuldlos Spielwerk, uns dem tiefsten Abgrund zu verraten.«

»Donnerwetter!«, entfuhr es O’Connor.

»Na ja. Macbeth.«

»Der alte Schotte. Ich liebe Schottland. Ich liebe deinen Geist!«

Er trat zu ihr und brachte seine Lippen bis auf wenige Zentimeter an ihre heran. Wagner entzog sich ihm, warf die Schuhe von sich und ging bis in die Mitte der natürlichen Kuppel. Ihre Finger glitten über die borkige Oberfläche des Stammes.

»Schottland?«, sagte sie. »Ich denke, du bist Ire. Sollte es dir an klaren Standpunkten mangeln?«

»Ich habe keinen Mangel an Standpunkten. Ich habe so viele, dass ich problemlos ein paar abgeben könnte.«

»Du bist liederlich.«

Er lachte leise.

»Und was bist du, barfüßige Gräfin?«

»Wollten wir nicht darüber nachdenken, was wir in Sachen Paddy unternehmen?«

»Wir wollten nachdenken. Ich erinnere mich.«

»Dafür sind wir hergekommen.«

Er schüttelte den Kopf.

»Nein. Das Leben ist nicht linear. Die Umstände haben uns auf diesen Moment zugetrieben. Es ging alles nur um diesen einen Augenblick, Kika. Das Ziel erkennen. Erinnere dich der Regel.«

»Nicht überlegen.«

»Nicht überlegen! Nicht nachdenken!«

Sie lehnte sich mit ausgebreiteten Armen an den Stamm.

»Vielleicht ist das mit Paddy wichtiger als dieses… Spiel.«

Er kam näher.

»Die Nornen«, sagte er, »spinnen den Faden des Lebens, war es nicht so? Dazu gehört, dass die letzte Norne ihn zerreißt. Das ist das Spiel. Wenn wir das Leben nicht als Spiel begreifen, haben wir es schon verloren. Möchtest du heute Nacht verlieren?«

»Können wir überhaupt verlieren?«

»Ich weiß es nicht.« Er stand vor ihr, und wieder hatte sie das Gefühl, er sei von gleicher Größe wie sie. Seine Augen schimmerten im Dunkel. Einen Moment lang wirkte er ernst und nachdenklich. Dann grinste er. »Entscheide dich, Salome. Den Täufer zu küssen, bedarf es mondloser Nacht. Was verboten ist, muss jetzt geschehen, sonst geschieht es nie.«

Seine Hände streichelten ihr Gesicht und ihren Hals, glitten sanft über ihre Brüste.

»So komm, Geliebter, Kind der Nacht«, flüsterte sie. »Lieben und halten werde ich dich bis zum ersten Hahnenschrei. Wenn die Sonne dein untotes Fleisch verbrennt, wirst du erkennen, Fürst der Finsternis, wer dieses Spiel gewonnen hat.«

Das wird ja immer besser, dachte sie. Von Macbeth zu Dracula. Was kommt als Nächstes?

O’Connors Gesicht war ihr so nahe, dass sie seinen Atem spüren konnte. Sie öffnete die Lippen. Seine Zungenspitze begann, die ihre zu umspielen, drang vor, zog sich zurück.

»Das Spiel«, wisperte er. »Verloren hat, wer der Versuchung widersteht.«

»Und der Sieger? Was bekommt der Sieger?«

»Den Augenblick.«

Er begann, ihre Bluse aufzuknöpfen. Sie spürte seine Hände auf ihrer Haut, als er ihren BH nach oben schob. Seine Daumen kreisten auf ihren Brustwarzen.

Wir sollten das nicht tun, dachte sie in einer schwachen Anwandlung von Panik. Der Katzenjammer wird furchtbar sein. O’Connor lebt auf einer Bühne, und er weiß es. Er wird sich nicht ändern. Ich werde ihn nicht ändern können. Wir haben nicht die geringste Chance.

Gehörten solche Gedanken auch zum Spiel?

Sie legte den Kopf zurück und sah ihn an.

»Warum bist du nicht kleiner als ich?«, keuchte sie. »Alle Männer sind kleiner, du auch. Warum kommt es mir so vor, als wärest du größer?«

»Ich bluffe.«

»In allem?«

Er lächelte.

Sie packte ihn an den Schultern und ließ der Vernunft eine letzte Chance, das hier abzubrechen. Dann zog sie ihn zu sich heran. Ihre Finger krallten sich um die Revers seines Jacketts. Es flog ins Gras, die Krawatte hinterher. Knöpfe sprangen von seinem Hemd, als sie es aufriss und von ihm herunterfetzte, während sie zugleich die Nähte ihrer Bluse reißen hörte. Seine Haut war glatt, kaum behaart, die Bruststücke kräftig herausgemeißelt. Oberkörper und Arme glichen einer Skulptur. Nichts ließ die Maßlosigkeit erahnen, in der er lebte, den Umstand, dass er seine Venen mit Alkohol auffüllen musste, um existieren zu können. Er stieß ein dumpfes, rollendes Geräusch aus, wie das Schnurren eines Katers. Mühelos hob er sie in die Höhe. Sie schlang die Beine um ihn, ließ es zu, dass seine Zunge über ihre Brustspitzen fuhr, seine Hände unter ihren Rock fuhren, ihren Slip packten. Dann kam sie wieder auf die Füße, Slip und Rock fielen, und plötzlich sah sie sich selbst in ihrer Nacktheit, sah sich in seinen Augen und erschauderte.

»Mein Gott«, flüsterte er. »Wie schön du bist.«

O’Connor sank vor ihr auf die Knie, dass es den Anschein hatte, als wolle er sie anbeten. Seine Hände fielen herab, aber sein Blick war wie tausend Berührungen.

Flammen schossen aus ihrem Körper, und sie verging.

»Wahnsinniger Sweeny«, stieß er hervor. »Gewaltiger Finn, verehrungswürdiger Pooka, ihr Mächte Erins, heiliger Brendan, steht mir bei. Steht mir bei!«

Mit festem Griff umfasste er ihre Pobacken und versenkte sein Gesicht in dem goldenen Dreieck zwischen ihren Schenkeln.

KUHN

Irgendetwas quietschte.

Ein Geräusch von exquisiter Scheußlichkeit. Kuhn vermutete es in der Lenkradaufhängung, aber weil es nur eines von mindestens drei Dutzend weiteren Geräuschen war, allesamt groß in ihrer Rätselhaftigkeit, scherte er sich nicht weiter drum.

Er trat aufs Gas und rumpelte über den Ring.

Kuhn liebte den Wagen. Es war möglicherweise die älteste Ente aller Zeiten, aber keineswegs die lahmste. Dennoch dankte er dem Herrn für seine Rücksichtnahme. Bislang hatte er keine verkehrsberuhigte Zone durchqueren müssen. Im Allgemeinen reichte eine Straßenbahnschiene, um das Fehlen jeglichen Komforts wie brauchbare Stoßdämpfer zu offenbaren und der Wirbelsäule einen gewaltigen Schlag zu versetzen. In Kuhns Rostlaube fuhr man nicht, man ritt. Kleine Steine und Äste reichten, ihn durchzuschütteln. Straßenschwellen, die Autos auf Tempo zwanzig herabnötigten, waren Anschläge auf die körperliche Unversehrtheit. Jeder Orthopäde hätte den Wagen auf den Index gesetzt.

Aber die Ente zu verkaufen oder verschrotten zu lassen, würde die letzte Verbindung zu den Tagen kappen, bevor Kuhns Träume ins fortgeschrittene Verfallsdatum übergegangen waren. Auch die Aufkleber würde er opfern müssen. Er würde sie kaum von der alten Ente herunterbekommen, an der die Vergangenheit noch stärker haftete als an ihm selbst. Die alten Anti-AKW-Sticker, das Wood- stock-Emblem, sie alle wären rettungslos dahin. Der Indizienprozess um eine würdige Vergangenheit wäre verloren.

Der Kassettenrekorder dudelte »In-A-Gadda-Da-Vida« von Iron Butterfly. Kuhn schaltete die Innenbeleuchtung ein, warf einen Blick auf den Falk-Plan, der den halben Beifahrersitz bedeckte, erkannte, dass er fast zu weit war, und bog haarscharf rechts ab.

Hier musste es hoch zur Volksgartenstraße gehen, die dann irgendwann Rolandstraße hieß. Sagte der Plan.

Seine Laune sank auf den Nullpunkt.

Kuhn hasste Köln. Er fand die Stadt in keinerlei Hinsicht mit Hamburg vergleichbar. Kam man dort aus dem Bahnhof, sah man als Erstes in eindrucksvollen Lettern »Das Tor zur Welt« prangen. Entstieg man dem ICE in Köln und verließ das Bahnhofsgebäude durch den Hauptausgang, bot sich dem Auge in Nachkriegsschrift das Wort »Rievkooche« über einer lausigen, nach Fett stinkenden Bude. Dass direkt daneben das stalagmitenartige Turmwerk des Doms in den Himmel wuchs, mutete umso blasphemischer an. Nicht mal ihr Wahrzeichen konnten sie ordentlich präsentieren, sie hatten einfach keinen Stil, die Kölner, und ihr Dialekt besaß die Klasse billiger Schmierwurst.

Vor allem jedoch hasste Kuhn Köln für das satte Grinsen, mit dem man hier endlich bestätigt sah, was außer den Bewohnern des rheinischen Planeten bis dahin niemand hatte glauben wollen – dass Köln nämlich doch der Nabel der Welt war, der galileische Corpus, um den sich alles drehte. Kein Wort mehr von der Diskrepanz zwischen Außenwirkung und Eigensicht. Köln war in diesem Moment die geheime europäische Hauptstadt, hatte einen Frieden eingesackt, für den die Kölner gar nichts konnten, und gebärdete sich dabei mit einer Jovialität, dass einem anders wurde. Nicht einmal Staatsoberhäupter waren vor der polternden Kumpelhaftigkeit sicher, mit der man sie zur Kenntnis nahm wie Saufkumpane, um weitestgehend unbeeindruckt wieder seinen Geschäften nachzugehen.

Verfluchtes Köln. Woanders hätte O’Connor nicht Paddy Clohessy getroffen, das Zusammentreffen nicht Kuhns Phantasie in Bewegung gesetzt und er um diese Zeit nicht in eine ihm unbekannte Straße fahren müssen, um nachzusehen, warum Kika Wagner sich nicht meldete. Am Ende würde er dastehen wie ein Idiot. Verlacht

und verhöhnt für seine Sorge. Der Welt Lohn.

Die Ente keuchte an einem Park entlang.

Der Volksgarten, wie der Plan verriet. Dann kamen wieder Häuser. Offenbar war er so gut wie da.

Im selben Moment sah er Kikas Golf.

Er stoppte und blickte hinüber, aber der Wagen war leer. Mit einem adrenalingesättigten Kribbeln in der Leistengegend fuhr er weiter, bis sich eine Lücke auftat. Die Ente passte knapp hinein. Kuhn ließ scheppernd die Tür zufliegen und machte sich auf die Suche nach der Hausnummer achtunddreißig, in der Kika, O’Connor und Clohessy wahrscheinlich bester Laune beim Bier zusammensaßen und sich über ihn totlachen würden.

Er warf einen Blick auf die Uhr. Fast schon halb eins.

Die Achtunddreißig erwies sich als ziemlich heruntergekommenes Exemplar vergangener Jahrhundertwendepracht. Kuhn suchte mit zusammengekniffenen Augen die Namensschilder ab. Offenbar wohnte Clohessy im zweiten Stock. Er trat zurück auf die Straße und ließ seinen Blick die Fassade erwandern, aber nirgendwo sah er Licht.

Sollte er klingeln?

Unentschlossen lehnte er sich gegen die Eingangstür und stellte verblüfft fest, dass sie nachgab. Das Schloss war herumgeschlossen. Unangenehm berührt, aber zugleich von ungewohntem Abenteuergeist gepackt, schlich er sich ins Treppenhaus und überlegte, ob er Licht machen sollte.

In einiger Entfernung glühte schwach orange ein Schalter.

Er entschied sich dagegen. Lichtmachen war unpassend, wenn man in Häuser eindrang, um Verschwörungstheorien nachzugehen. Hatte man je Sean Connery Licht machen sehen?

Nach wenigen Sekunden gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit.

Er schlich die Treppen hinauf und schrak bei jedem leisen Knarren der Bohlen unter seinen Füßen zusammen. Auch im zweiten Stockwerk glühte ein Lichtschalter neben einer schemenhaft erkennbaren Flügeltür, die einige Meter rückversetzt in einem kurzen Gang lag.

Im Augenblick, da er in den Gang hinein und auf den blass leuchtenden Punkt zutappte, hörte er von jenseits der Tür Geräusche. Jemand drückte die Türklinke. Kuhn prallte zurück. Sein ganzer Mut versammelte sich in den Kniekehlen. Mit einem Satz war er im Treppenschacht und huschte die Stufen zum nächsthöheren Stockwerk hinauf, erspähte auf halber Geschosshöhe eine Nische und drückte sich hinein.

Stimmen erklangen.

»Ich verstehe das nicht«, sagte ein Mann mit nervöser Stimme auf Englisch. »Vielleicht liegt es an den Piezos. Der adaptive Spiegel ist empfindlicher als das Zielobjektiv.«

»Still. Und hör auf, englisch zu sprechen«, sagte der zweite Mann leise auf Deutsch. Seine Stimme klang metallisch kühl und war von einem schwachen slawischen Akzent gefärbt. »Du musst üben, wenn du in einem anderen Land bist.«

»Natürlich.«

Sie kamen in Kuhns Blickfeld. Er konnte ihre Gesichter nicht erkennen, aber einer der beiden war dünn und ging leicht gebeugt. Sein Haar war dunkel und wirr. Kuhn erinnerte sich der Beschreibung O’Connors. Wahrscheinlich hatte er Clohessy vor Augen. Der Mann, der halb hinter ihm ging, trug eine dunkle Lederjacke. Sie drehten Kuhn die Rücken zu und gingen die Treppe hinunter.

»Wenn der YAG schießt«, hörte er den Nervösen sagen, »dann wird das ganze System im Bruchteil .«

»Halt endlich den Mund«, unterbrach ihn der Slawe. »Wir…«

Der Rest war nicht zu verstehen. Wispern drang an Kuhns Ohr. Er hörte, wie ihre Schritte sich nach unten entfernten. Einen Moment später fiel die Haustür zu.

Kuhn stand reglos in seiner Nische und versuchte, sich zu beruhigen. Sie waren fort. Worüber hatten sie gesprochen?

Vorsichtig spähte er in den Flur.

Wagner und O’Connor mussten hier sein. Warum sonst parkte der Golf wenige Meter weiter? Sie wollten Paddy Clohessy aufsuchen und waren nicht in dem Wagen, also lag die Vermutung nahe, dass sie in der Wohnung waren.

Du spinnst, dachte Kuhn. Du drehst durch. Was glaubst du, wo du bist? In Hollywood?

Mit behutsamen Schritten, darauf bedacht, den Dielen kein weiteres Knarren zu entlocken, stieg er wieder hinab in den zweiten Stock. Sein Blick fiel auf die Wohnungstür.

Täuschte er sich, oder stand sie einen Spalt offen?

Er ging darauf zu. Nachdem Clohessy und der Slawe fort waren, konnte er eigentlich einen Blick hineinwerfen.

Seine Hand zitterte, als er sie auf den kühlen Messinggriff legte. Geräuschlos und wie in Zeitlupe schwang die Tür auf.

Kuhn war zum Weglaufen.

Stattdessen ging er hinein.

MIRKO

Es entsprach nicht Mirkos Naturell, Mitleid zu empfinden. Heute, im Falle Paddy Clohessys, beschlich es ihn auf eigentümliche Weise. Clohessy hatte etwas Tragisches. Er hätte ein hervorragender Professional sein können. Leider paarte sich sein immenses Können mit völliger Unfähigkeit zu nüchternem Denken. Er hatte das System meisterhaft installiert, war perfekt in seiner Tarnung als Ryan O‘Dea aufgegangen. Bis Gefühle ins Spiel kamen. Solange es um Sachverhalte ging, war Clohessy Gold wert. Wurde es emotional, versagte er auf der ganzen Linie.

Sie überquerten die Straße.

»Wo steht dein Wagen?«, fragte Mirko.

»Etwa hundert Meter weiter die Straße hoch. Es sind nur ein paar Schritte, wir können–«

»Wir nehmen meinen«, unterbrach ihn Mirko.

Clohessy blieb stehen.

»Warum müssen wir mit deinem Wagen fahren?«, fragte er.

»Weil ich es sage.« Mirko seufzte und breitete die Hände aus. »Paddy, wir haben keine Zeit zu verlieren. Jede Sekunde, die wir hier herumstehen und diskutieren, kostet uns wertvolle Zeit.«

Clohessy schluckte. Plötzlich sah Mirko, dass er weinte.

»Ich habe Angst«, flüsterte er.

Mirko schüttelte sachte den Kopf. Dann trat er auf Clohessy zu, legte ihm den Arm um die Schulter und zog ihn zu sich heran.

»Paddy«, sagte er leise. »Alter Junge. Wir haben das hier gemeinsam durchgestanden. Wir haben ein halbes Jahr auf diesen Moment hingearbeitet. Wir sind so wenige, glaubst du denn, Jana und ich lassen ein Mitglied der Gruppe einfach so fallen?«

Clohessy schwieg. Sein Körper umfasste sich wie ein Brett.

»Natürlich wirst du noch diese Nacht untertauchen müssen. Das ist beschlossen. Du musst das Team verlassen, es ist zu gefährlich, wenn du morgen noch in Köln bist. Überprüfe das System, bring es in Ordnung. Dann holst du deinen Koffer und verlässt das Land.« Er fuhr Clohessy freundschaftlich durch die Haare. »Und zwar schnell, verstanden? Dein Geld liegt bereit. Ich bin sicher, du wirst Gruschkow lediglich ein paar Hinweise geben müssen. Ich fahre dich dann wieder hierher. Mit dem Wagen wirst du in weniger als einer Stunde über die holländische Grenze sein.«

Clohessy atmete schwer aus. Dann nickte er.

»Ich dachte, ihr bringt mich um«, sagte er leise.

Mirko zog die Brauen zusammen.

»Wie gesagt, das haben wir erwogen. Aber es wäre nicht der Stil des Hauses. Und wir brauchen dich.«

»Okay.«

»Eines nur, Paddy – es ist unabdingbar, dass du dich versteckt hältst, bis wir die Sache hinter uns gebracht haben. Falls du morgen noch in Köln bist, wenn es so weit ist, kann ich nichts mehr für dich tun. Hast du verstanden?«

»Natürlich.« Clohessys Stimme klang fester. Er wischte sich über die Nase und setzte ein zuversichtliches Grinsen auf. »Wird schon.«

»Sicher. Jetzt komm.«

Sie gingen nebeneinander her und passierten die würdige Phalanx der Luxusaltbauten, die dem Park gegenüberlagen. Mirkos Geländewagen parkte unter einer riesigen Kastanie.

»Steig ein«, sagte er. »Es ist offen.«

Clohessy kletterte auf den Beifahrersitz. Mirko rutschte von der anderen Seite hinters Steuer.

»Willst du eine Cola?«, fragte er freundlich.

Paddy nickte dankbar.

Mirko griff hinter ihn, krallte die Rechte in Paddys Haar und schlug seinen Kopf gegen die Beifahrerkonsole. Es gab ein hässliches Knirschen. Paddy ächzte. Seine Hände fuhren hoch, die Finger spreizten sich und griffen ins Leere. Intuitiv musste er begriffen haben, dass ihm ein tödlicher Fehler unterlaufen war, aber der Angriff war zu schnell erfolgt, als dass er die Erkenntnis noch in Abwehr hätte umsetzen können. Erneut knallte seine Stirn gegen den Kunststoff. Sein Körper erschlaffte. Mirko zog mit der linken Hand eine kleine schallgedämpfte Walther PPK aus dem Futteral, presste den Lauf in Paddys Nacken und drückte ab.

Der dezente Tod. Kein Geräusch auf der Welt war dem einer abgefeuerten Pistole mit Schalldämpfer vergleichbar.

Als wolle er an Mirkos Schulter Trost suchen, sackte Paddy gegen ihn.

Mirko steckte die Waffe zurück in die Halterung, griff nach einem bereitliegenden Tuch und wickelte es dem Toten um Hals und Nacken. Die Walther PPK machte nicht ganz so kleine Löcher wie die TPH, aber immer noch recht dezente. Halt britisch. Mirko wusste, wie man jemanden tötete, ohne hinterher den Wagen reinigen zu müssen. Allenfalls Spurensicherer hätten winzige Blutspritzer in dem Jeep entdecken können. Dem bloßen Auge präsentierte sich ein makellos sauberer Innenraum.

Mirkos Blick suchte die Straße ab. Zwei Wagen kamen vorbei. Er wartete, bis ihre Rücklichter zu Punkten geschrumpft waren. Dann wuchtete er Paddy mit geübtem Griff in den Fond, zog eine Decke über den Körper und knüllte eine schwarze Plane obendrauf. Nichts wies mehr darauf hin, dass außer Mirko ein weiterer Mensch in dem Wagen war.

Er zündete eine Zigarette an und überlegte.

Als Nächstes würde er den Leichnam in die Spedition bringen, später dann Paddys Wagen. Vorher musste er noch einmal in die Wohnung und sicherstellen, dass sie nichts enthielt, was Spurensicherer auf ihre Fährte bringen konnte. Im Falle einer Untersuchung sollte es so aussehen, als sei Paddy überstürzt abgereist. Praktischerweise war ihm der Ire mit seinen Fluchtplänen ungewollt entgegengekommen. Viel blieb nicht zu tun. Paddy hatte in seiner Angst nicht einmal mitbekommen, dass Mirko die Wohnungstür nur angelehnt hatte. Es ersparte den neuerlichen Einsatz von Werkzeug.

Er stieg aus, verschloss den Jeep und ging mit federnden Schritten zurück in die Rolandstraße.

Sie hätten Clohessy ohnehin nicht mehr gebraucht. Er hatte das System meisterhaft installiert. Es funktionierte einwandfrei.

KUHN

»Hallo?«

In der Wohnung war es stockdunkel. Das konnte ein gutes oder schlechtes Zeichen sein. Gut, wenn Wagner und O’Connor nicht hier waren. Weniger gut, wenn doch. Im Kino war man dann entweder tot oder gefesselt und geknebelt.

Du bist aber nicht im Kino, sagte sich Kuhn zum wiederholten Male. Hör endlich auf, die Pferde scheu zu machen!

Seine Hand betastete den Innenrahmen der Wohnungstür, bis seine Finger einen Schalter berührten. Das Aufflammen der schmucklosen Deckenleuchte erhellte auch sein Denken. Wer sah, konnte gesehen werden. Einem Reflex folgend zog er die Tür hinter sich zu, so dass sie ins Schloss fiel, atmete tief durch und drehte sich um.

Er war nicht allein!

Mit einem unterdrückten Schrei fuhr er zurück und prallte schmerzhaft gegen die Tür. Der Mann ihm gegenüber, der plötzlich und unerwartet in sein Blickfeld getreten war, tat das Gleiche. Er musste sich ebenso erschrocken haben wie Kuhn. Auch in seinem Rücken war eine hohe, zweiflügelige Tür zu erkennen, auch in seinen Augen stand das Entsetzen.

Auch er sah aus wie Kuhn.

In plötzlichem Begreifen knurrte der Lektor sein Spiegelbild an und fühlte, wie aufkochender Zorn die Furcht verdrängte. Er schüttelte sich und warf einen Blick in die Diele. Buchstäblich nichts war darin zu sehen außer einigen Garderobenhaken und einem billigen Läufer zu seinen Füßen. Beidseitig und am Ende des Flurs standen Zimmertüren halb offen.

Kuhn spitzte die Lippen, pfiff die ersten Takte des River-Qwai- Marsches und betrat den zuvorderst liegenden Raum.

Er stand in einer kleinen Küche. Aus der Diele fiel genügend Licht herein, um eine billige Küchenzeile sowie einen Tisch mit zwei Stühlen zu erhellen. Über der Spüle hing ein Poster, auf dem eine grüne Steilküstenlandschaft abgebildet war. »Spirit of Ulster« rankte sich in keltischen Buchstaben darüber. Es roch schwach nach alter Wurst und Schimmel.

Er ging zurück in den Flur. Gleich neben der Küche fand er ein winziges Bad vor. Das Waschbecken war der Toilettenschüssel so dicht benachbart, dass man sich im Sitzen die Hände darin hätte waschen können. Wenige Fußbreit weiter verdeckte ein halb zugezogener Vorhang aus blauem Kunststoff eine zu kleine Duschtasse.

Irgendwie beruhigend.

Kuhn pfiff die nächsten paar Takte und inspizierte das Zimmer am Ende des Flurs. Nachdem sich bislang niemand auf ihn gestürzt oder ihn sonstwie bedroht hatte, fühlte er seine Selbstsicherheit zurückkehren. Zu ihr gesellte sich eine Anwandlung konquistadorischer Arroganz. Unvermittelt begann ihm die Sache Spaß zu machen. Sie mochte nicht unbedingt seiner Vorstellung von einem unterhaltsamen Abend entsprechen, aber es war keineswegs zu leugnen, dass dieser Augenblick eine gewisse Würze in sein akademisiertes Dasein brachte.

Er grinste. Mit erwachender Freude am verbotenen Tun richtete sich seine Aufmerksamkeit nicht mehr einzig auf die Frage nach Wagners und O’Connors Verbleib, sondern trieb ihn zu lustvollen Indiskretionen. Was gab es nicht alles zu entdecken im Leben anderer Menschen! Leute waren wie Bücher. Sie selbst zu lektorieren – nicht ihre schriftstellerischen Werke, sondern die Personen als solche einschließlich ihrer sämtlichen Usancen, sie zu erziehen, Gewohnheiten wegzustreichen, falsche Entscheidungen durch richtige zu ersetzen, ganze Lebensabschnitte zu kürzen oder umzuschreiben – ein erhebender Gedanke! Ein Mann wie Kuhn würde das Objekt seiner

Begierde ganz unappetitlich anbaggern können, unoriginell, chauvinistisch, platt, um den berechtigten Abscheu dann per Federstrich zu tilgen und durch ein dahingehauchtes Ja zu ersetzen. Wie unanstrengend könnte das Leben sein! Man müsste nicht mehr aussehen wie O’Connor mit seinem Betoncharme und seinen Designeranzügen. Man könnte Kika Wagner ungestraft wegen ihrer Größe hänseln und dürfte zur Belohnung mit ihr ins Bett. Jede Szene ließe sich im Augenblick ihres Vollziehern umschreiben. Aus Paddys Kleiderschrank etwa wäre in dieser Sekunde ein dumpfes Wimmern zu vernehmen. Im Innern würde man einer gefesselten und geknebelten Kika ansichtig. Im Anschluss an die heldenhafte Befreiung käme dann die Szene mit der Dankbarkeit.

O’Connor? Scheiß auf O’Connor!

Beflügelt öffnete Kuhn einen ärmlich zusammengestoppelten Kleiderschrank, aber außer gähnender Leere und einigen wenigen Wäschestücken hatte das Innere nichts zu bieten.

Plötzlich schämte er sich für seine Gedanken. War er nicht aus ehrlicher Sorge hierher gefahren?

Kopfabenteuer sind gratis, dachte er. Wenn schon!

Er sah sich weiter um. Paddy Clohessy schien ein ziemlicher Existentialist zu sein. Er schlief auf einer am Boden liegenden Matratze. Bücher stapelten sich daneben die Wände hoch. Interessehalber nahm Kuhn die Cover der zuoberst liegenden Exemplare in Augenschein. Er musste sich im Dämmerlicht darüberbeugen, um die Titel zu erkennen. Clohessy las englische Ausgaben der Werke Prousts! Kein dummes Kerlchen, dieser Ire. Eine Biographie Yassir Arafats, wissenschaftliche Sachbücher, die sich allesamt mit Physik beschäftigten. Romane von Hemingway, Tennessee Williams und Toni Morrison. Etwas über den Freiheitskampf Nelson Mandelas. Fast fühlte Kuhn so etwas wie Sympathie für den schlimmen Paddy erwachen.

Er verließ den Schlafraum und nahm sich das Wohnzimmer vor. Auch hier Verzicht, wohin man blickte. Clohessy schien bis auf das Ulster-Poster in der Küche kein einziges Bild zu besitzen. Eine schwarze Ledercouch war so in den Raum gestellt, dass man von dort den Fernseher im Auge hatte, der als einziges Möbelstück mit Liebe platziert und wahrscheinlich sehr teuer gewesen war. Sitzgelegenheiten für Besucher gab es keine. Unter dem Fenster stand ein Schreibtisch, flankiert von Rollcontainern. Die Arbeitsfläche war bedeckt mit Zeitschriften und Schnellheftern, losen Blättern, Stiften und einem Schreibblock. Mehrere Kaffeetassen standen dazwischen herum. Kuhn wusste, ohne sie näherer Betrachtung zu unterziehen, dass ihre Vielzahl kein Zeugnis von Geselligkeit ablegte, sondern Resultat derselben Schlamperei war, die auch sein Zuhause beherrschte. Angetrockneter Kaffee stank nicht. Manchmal standen die Tassen eine Woche oder zwei herum. Solange sich niemand darüber beschwerte, war es beinahe wohnlich.

Sinnend starrte er auf den Fernseher.

Er sollte gehen. Er hatte herausgefunden, weswegen er hergekommen war. Weder Wagner noch O’Connor hielten sich hier auf und auch nicht in der Begleitung Clohessys.

Natürlich konnte man noch einen Blick auf diesen Schreibtisch werfen.

Du bist unanständig, Kuhn, schalt er sich. Nicht das Geringste hast du hier verloren! Mach endlich, dass du rauskommst.

Aber gegen die Angst erhob sich der degeneriert geglaubte Philip Marlowe in Kuhn plötzlich zu ungeahnter Größe. Dass die beiden Nervensägen nicht hier waren, musste keineswegs ein Beweis für Paddys Unschuld sein. Was immer sich in diesem Zimmer fand, konnte durchaus von Interesse sein.

Und er, Franz Maria Kuhn, wäre der Mann, der den Schleier lüftete.

Er zögerte. Abenteuerlust wechselte mit Fluchttrieb.

Dass er zu lange gezögert hatte, wurde ihm klar, als er das leise Schaben und Kratzen hörte.

Jemand machte sich an der Wohnungstür zu schaffen!

Kuhn fühlte, wie das Blut aus seinem Kopf wich und ihn lähmende Schwäche überkam. Unfähig, sich zu bewegen, lauschte er in die Stille hinein.

Es war mehr eine Ahnung als ein klar vernehmliches Geräusch, nur Schwingungen von Bedrohung. Aber es reichte, jedes weitere Interesse an Abenteuern in ihm ersterben zu lassen. Mit zu Grabe getragen wurden die letzten Reste von Courage.

Die Klinke wurde heruntergedrückt.

Plötzlich schien er Flügel zu besitzen. Der Schwung des Entsetzens trug ihn in die Diele und ins gegenüberliegende Bad, schneller, als der unbekannte Eindringling den Griff ganz nach unten bewegen konnte. Die Badezimmertür schwang zu, fiel mit leisem Klicken ins Schloss, gerade, als die Tür zum Hausflur mit unvermeidlichem Quietschen aufging. Die Geräusche überschnitten sich, wurden eins. Kuhn starrte wie irrsinnig in die Dunkelheit, sprang in die Duschtasse, schloss den Vorhang und rutschte an den Kacheln entlang nach unten, bis sein Hinterteil den Boden berührte.

In den ersten Sekunden hörte er nur das Blut in den Ohren rauschen. Es schien aus sämtlichen Öffnungen seines Kopfes spritzen zu wollen. Sein Herz hämmerte einen unbarmherzigen Takt.

Sein Herz. Oh Gott, wie laut!

Er würde es hören! Der, die, das da draußen würde sein Herz klopfen hören und ihn holen kommen.

Ruhig. Ruhig!

Nach den furiosen letzten Sekunden fühlte er sich in der plötzlichen Stille wie ein Hühnchen in Gelee. Von jenseits der Badezimmertür erklang nicht das leiseste Geräusch. Oder täuschte er sich?

Mühsam zwang er die Panik herunter und lauschte.

Doch, jemand musste in der Wohnung sein. Jemand, der sich sehr leise bewegte.

War es Clohessy? Oder der Mann mit dem slawischen Akzent? Dann saß er tatsächlich in der Patsche. Es hatte kein Licht gebrannt, als sie aus der Wohnung gegangen waren, und außerdem hatten sie die Tür aufgelassen. Wer immer da herumschlich, musste wissen, dass außer ihm noch jemand hier war.

Kuhns Hand tastete nach dem Nokia in der Innentasche seines Jackets. Er zog es hervor und aktivierte den Speicher. Das Display leuchtete auf. Eine Reihe von Nummern erschien. Er drückte den Daumen auf die Continue-Taste, bis Kika Wagners Name auf dem kleinen Bildschirm erschien, und ließ die Automatik wählen.

Geh ran, dachte er. Wo immer du bist!

Es klingelte durch. Wie gehabt. Keine Mailbox, nichts.

Kika, um Himmels willen, wo bist du?

Er musste sich irgendwie bemerkbar machen. Mit zitternden Fingern begann er, dem Handy eine Nachricht einzugeben. Ein Rest seiner Ratio soufflierte ihm, was er zu schreiben hatte. Sagen, wo er war, was er wusste – und um Hilfe rufen.

Geräusche. Schritte. Jemand blieb vor der Badezimmertür stehen.

In fiebernder Hast jagten Kuhns Finger über die Tastatur. Mit jedem Tastendruck gab das Handy ein dünnes Fiepen von sich. Der Speicher begrenzte die Nachricht auf einhundertsechzig Zeichen, aber die würde er ausnutzen, ganz gleich, wie oft er sich verschrieb.

Die Tür wurde geöffnet.

Licht fiel ein und färbte den Vorhang vor Kuhns Augen wolkig blau. Er stoppte die Eingabe. Schreiben konnte er jetzt vergessen. Nur warten und hoffen, dass der andere gehen würde, ohne die Dusche zu inspizieren.

Abschicken, durchfuhr es ihn. Du musst die verdammte Nachricht abschicken.

Es wird fiepen, wenn du das tust.

Leise Schritte näherten sich und stoppten unmittelbar vor der Dusche. Dann meinte Kuhn zu hören, wie der Unbekannte das Bad wieder verließ. Atemlos und mit aufgerissenen Augen wartete er. Aus der Diele erklangen nun lautere Geräusche. Offenbar war der andere zu dem Schluss gekommen, dass er allein in der Wohnung war, und machte sich keine Mühe mehr, sein Hiersein zu verbergen.

Einen Moment später schlug die Wohnungstür zu.

Ein tiefer Seufzer entströmte Kuhns Mund. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er in Schweiß aufgelöst war. Seine Angst stieg in die Nase.

Er hoffte, dass er sich nicht nass gemacht hatte vor lauter Heldenhaftigkeit. Die Peinlichkeit würde ihm für alle Zeiten nachschleichen. Nie wieder würde er in aller Unschuld eine Dusche oder Herrentoilette aufsuchen können.

Schnell, ohne die Nachricht noch einmal zu lesen, schickte er sie ab.

Dann steckte er das Handy zurück in die Jacke und schob sich die Kacheln hoch.

Der Vorhang wurde beiseite gerissen.

Kuhn schrie auf und plumpste zurück. Über ihn gebeugt stand der Mann mit der Lederjacke. Er sah mit unbewegtem Gesicht auf Kuhn herab, als habe er nichts anderes erwartet als das Häufchen Elend, das sich seinen Augen darbot, nur dass in seinem Blick kaltes Interesse funkelte.

Kuhn keuchte. Er versuchte, etwas zu sagen, sich für sein Eindringen zu entschuldigen, zu rechtfertigen, aber seiner Kehle entrang sich nur ein hohles Stöhnen.

Halb besinnungslos vor Angst drückte er sich weiter in die Ecke.

Der Mann regte sich nicht. Er stand nur da und fixierte Kuhn auf eine Weise, dass der Lektor sich unter dem eisigen Blick kleiner und kleiner werden fühlte. Noch wenige Sekunden, und er würde hinweggeschrumpft und im Ausguss verschwunden sein.

Dann holte der Slawe aus.

Kuhn sah den Arm des Mannes in die Höhe fahren und auf sich herabsausen. Erneut schrie er auf, riss schützend die Arme über den Kopf und hörte sein Schreien in spitzes Kreischen umkippen. Todesangst erfasste ihn. Seine Blase entleerte sich im Moment, da die Faust des anderen wie ein Vorschlaghammer auf den Armaturenhebel krachte und ihn hochriss. Eiskaltes Wasser schoss aus der Dusche und durchnässte den Lektor im Bruchteil einer Sekunde. Brausen und Schreien verbanden sich zu einer infernalischen Klage. Er schrie immer noch, als der Slawe die Dusche wieder abgestellt hatte und ihn am Kragen hochzerrte.

Würde er je aufhören können zu schreien?

»Still«, sagte der Mann.

Kuhns Geheul erstarb in weinerlichem Gehüstel. Er würgte und zitterte am ganzen Körper.

Langsam hob er den Kopf und blickte in die Mündung einer Pistole.

PARK

»Wer ist Sweeny?«, murmelte Wagner.

Wieder, wie in der vorangegangenen Nacht, lag sie halb auf ihm, die Beine angewinkelt, den Kopf zwischen Brust und Bizeps gebettet. Dennoch war alles anders. Sie lauschte dem Schlag seines Herzens und fühlte sich auf wunderbare Weise kraftlos und entspannt. Zugleich war sie hellwach und voller Leben wie seit langem nicht mehr. Sie wusste nicht zu sagen, wie oft und wie lange sie sich geliebt hatten. Es spielte keine Rolle. Bemerkenswert war etwas anderes – dass es ihr vorkam, als hätten sie etwas vollzogen, das seit Jahren fällig gewesen war. Etwas, das süchtig machen konnte. So sehr, dass sie die Sucht schon verspürte, bevor die Wirkung nachgelassen hatte.

Kann es sein, dachte sie, dass Menschen wie Puzzlesteine sind, vorbestimmt, in eine ganz bestimmte freie Stelle zu passen? Du weißt nicht, wo diese Stelle liegt, wer diese Stelle ist. Sie kann ein Mensch sein, ein Land. Im Moment, da du sie findest, da sie dich findet, fügst du dich ein. Jemand hat sie für dich freigehalten. Kann es ein größeres Glück geben? Wie viele Menschen sterben, ohne das je erlebt zu haben?

Wie viele Menschen sterben, ohne je gespielt zu haben?

Warum hatte sie erst nach Köln zurückkehren müssen, um ihren Platz im Puzzle zu erkennen? Wenn eine höhere Vorsehung sich die Zeit damit vertrieb, Zeichen zu geben, dann hatte sie es heute Nacht jedenfalls getan. Es war nicht O’Connor. Es war nicht sie. Es war ihr Zusammenkommen, das Gewaltige, Unfassbare, das über alles hinausging, was die Summe zweier Menschen und eine schwüle Nacht in den meisten Fällen ergaben. Es waren ein Ort, eine Zeit, ein Spielbrett und zwei Spieler, ein allem zugrunde liegender Wahnsinn, geeignet, die menschliche Seele von übermäßiger Vernunft zu heilen.

An ihrem Handgelenk tickte geschäftig und leise die Armbanduhr, die sie von ihrem ersten selbst verdienten Geld gekauft hatte. Sie war ihr lieb und teuer, schon weil sie tatsächlich sehr teuer gewesen war, und doch nicht wert, einen Blick darauf zu werfen. Das Letzte, was sie in diesem Augenblick interessierte, war die Zeit und ihr Verstreichen. Die Physiker mochten hundertmal betonen, dass der Mensch und die Welt und das ganze Universum gekettet waren an die zerstörerischen Kräfte des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik und demzufolge alle Energie und alle Materie irgendwann enden würde, alle Liebe, alle Leidenschaft, aller Hass, alles Elend, alles Glück, alles Fühlen, alles Sein. In dieser Nacht waren die Naturgesetze außer Kraft gesetzt.

Plötzlich fühlte sie sich nicht mehr zu Besuch in dieser Stadt. Über ihr rauschte leise der Wind in den Blättern. Das ferne Schlagen der Trommel war verstummt. Sie roch Erde, Gras und den Mann unter sich.

Sie war zu Hause.

»Sweeny?«, fragte O’Connor.

»Du hast seinen Namen genannt. Verrückter Sweeny. Du hast alle möglichen Götter angerufen.«

O’Connor lachte.

»Manchmal willst du in Champagner baden, und wenn du keinen hast, nimmst du eben Wörter. Sweeny ist kein Gott. Er war ein König. Der König von Dal Araidhe im alten Irland. Er hat einen fastendürren Pfaffen erschlagen und die Glocke eines heiligen Mannes zerbrochen. Zur Strafe wurde er in einen Vogel verwandelt und verlor seinen Verstand. Er konnte nur noch in Reimen sprechen. Der Fluch bannte ihn in die Lüfte, so dass seine Füße niemals den Boden berühren durften und er auf ewig dem Sturm ausgesetzt war.«

»Geschieht ihm recht. Zerzauster Totschläger. Und so jemand soll dir Kraft verleihen?«

»Sweeny? Natürlich! Versprich ihm, dass du ihn wieder Mensch werden lässt, und er tut alles für dich. Verfluchte sind korrumpierbar.«

Sie seufzte und rollte sich neben ihn auf den Rücken. Der Boden war angenehm kühl und gab ihr das Gefühl, darin wurzeln zu können. Hoch über ihr erstreckte sich die dunkle Kuppel aus Zweigen und Blättern.

»Hast du auch mitunter das Gefühl, dass an gewissen Plätzen keine… Zeit existiert?«, fragte sie.

O’Connor drehte ihr das Gesicht zu.

»Ich habe das Gefühl seit meiner Kindheit.«

»Ich ganz selten«, sagte sie. »Dieser Baum, das ist mein Platz. Weißt du, es ist komisch. Mir ist klar, dass wir gleich von hier weggehen werden. Vielleicht kommen wir nie wieder. Ich will mich nicht an einen Moment klammern, aber ich wünschte trotzdem, wir könnten es mitnehmen – dieses Gefühl, die Zeit besiegt zu haben. Wenn es einmal in uns ist, dann…«

O’Connor schwieg.

»Welches sind deine Plätze?«, fragte sie.

Er sah nach oben.

»Ich glaube, mein ganzes Leben ist dieser Platz.«

»Bist du damit glücklich?«

»Ich weiß nicht. Es hat seine Vorteile. Wenn du jung bist, denkst du, irgendwann kommt der Punkt, an dem du erwachsen wirst. Spätestens ab dreißig wird dir klar, dass du nie erwachsen wirst. Du wirst nur älter. Der Gedanke macht dir noch weniger Spaß, also leugnest du einfach die Zeit und die ganze Welt in ihrer lächerlichen Ernsthaftigkeit. Ich kann mir nicht helfen, aber ich bin so… unbeeindruckt von allem, was um mich herum vorgeht.«

»Manchmal ist es wichtig, Dinge ernst zu nehmen. Findest du nicht?«

Er streckte eine Hand aus und streichelte ihre Wange.

»Für wen, Kika? Es ist doch nur mein kleines, unbedeutendes Leben, um das es geht. Wer hat denn etwas davon, wenn ich die Dinge ernst nehme?«

»Es könnte jemanden geben.«

»Mag sein. Aber niemand ist auf der Welt, um den Vorstellungen anderer zu entsprechen.«

»Pardon«, sagte sie leise. »Natürlich, es ist dein Leben. Das hatte ich vorübergehend vergessen.«

»He, Kika!« Er zog sie am Ohr. »Wir sind geflogen heute Nacht.

Wir werden wieder fliegen. Würdest du mich noch wollen, wenn meine Füße den Boden berührten?«

»Ich würde wollen, dass du freiwillig oben bleiben könntest.«

O’Connor schwieg. Wagner richtete sich auf und stützte sich auf den Ellbogen.

»Ich wollte dich nicht tadeln«, sagte sie leise.

»Das tust du nicht.«

»Gibt es nicht doch irgendetwas, das dich ein bisschen beeindruckt?« Im selben Moment ärgerte sie sich über die Durchschaubarkeit der Frage. »Ich meine, es hat einen Krieg gegeben«, fügte sie hinzu, um auf anderes Terrain zu entkommen. »Wir liegen hier und sind glücklich, aber anderswo .«

Er runzelte die Stirn. Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht.

»Wo ist anderswo, Kika? Anderswo ist nicht hier. Anderswo ist hypothetisch. Anderswo ist immer nur da, wo ich will.«

»Anderswo ist überall«, sagte sie trotzig.

O’Connor rollte sich auf die Seite.

»Glaubst du das wirklich?«, fragte er.

»Ja.«

»Schön. Dann lass dir mal was über diesen Gipfel erzählen, auf den hier alle so stolz sind. Das ist Anderswo! Wenn ich ein zerlumpter kosovarischer Vertriebener wäre, der in der Hölle des Flüchtlingslagers von Blace darüber nachsinnt, wo seine Schwester und seine Eltern gerade sind und ob sie überhaupt noch leben, könnte es kein bizarreres Anderswo geben als diese pompösen Feierlichkeiten in eurem schönen Köln, nur weil ein gemeingefährlicher Irrer gerade zugesichert hat, für die Dauer der nächsten Jahre seine Bluthunde in Ketten zu legen. Ich bin beeindruckt. Was war denn mit dem Anderswo in Ruanda? Was ist mit Kurdistan? In unseren Städten verbrennen sich Männer und Frauen auf offener Straße, weil ihre Verwandten irgendwo hingemetzelt werden oder jeden Tag befürchten müssen, auf Minen zu laufen und ihrer Gliedmaßen verlustig zu gehen. Dennoch, Anderswo. Der kleine Unterschied liegt darin, dass Jelzin nicht mit Weltkrieg droht und chinesische Studenten keine amerikanischen Flaggen verbrennen. Nie teilen wir die Angst der anderen. Wir verwechseln nur deren Angst mit unserer.«

»Hattest du nicht gesagt, das alles lässt dich kalt?«

»Tut es auch. Ich bin nicht gut darin, mich in Verzweiflung zu winden angesichts einer Vielzahl von Kriegen, Unruhen und Verbrechen, Waldbränden und Sturmfluten. Bilder im Fernsehen. Ich kenne diese Leute nicht. Die Mechanik hinter allem kotzt mich an, darum geht’s. Du wirst mir vielleicht Zynismus und Gefühlskalte vorwerfen können, aber niemals wirst du mich bei einer Lüge ertappen. Ich hasse Verlogenheit, und darum hasse ich das Anderswo vor unserer Haustür. Was um die Ecke in deiner eigenen Stadt passiert, das ist das wahre Anderswo, aber wir lassen unsere Rundumbetroffenheit lieber an irgendeinem möglichst weit entfernten Winkel der Welt aus.«

»Und das ist ein Grund, sich nicht zu engagieren? Kosovo, Kuwait, Ruanda. Kein Interesse?«

»Erzähl mir nichts, Kika. Wir alle wollten nichts sehnlicher, als dass Milosevic die Vertreibungen und Säuberungen einstellt, damit uns nichts passiert. Darum sind uns die Kosovaren plötzlich so nahe, weil wir Angst vor einer Eskalation dessen haben, was die Nato da vom Zaun gebrochen hat. Kein Volk hat diesen Krieg gewollt. England hat die Schnauze voll von dem Gerangel mit der IRA, die Briten wollen ihre Ruhe, und plötzlich philosophiert Jelzin über den Dritten Weltkrieg. Jetzt müssen sie sich engagieren, bloß weil Leute wie Tony Blair sich keinen Kopf darüber zu zerbrechen brauchen, wie und wo sie schlimmstenfalls überleben. In Diskrepanz zum Willen der Bevölkerung singt er das Hohelied der Betroffenheit wie euer Kanzler Schröder und euer Verteidigungsminister Scharping, wie euer nachgedunkelter grüner Außenminister, wie Bill Clinton, dessen Kenntnisse über das Land, auf das seine Flugzeuge Bomben werfen und Schuldige wie Unschuldige töten, kaum größer sein dürften als meine über Feuerland oder den Senegal. Geradezu rührend hat er über die glänzenden Aussichten für eine Bombardierung Jugoslawiens gesprochen, weil da im Mai besseres Wetter herrsche als im April. Und dass es im Juni noch mal besser wird als im Mai, wusste er auch, Donnerwetter! Erdkunde eins, setzen! Das Anderswo des Präsidenten. Findest du es so verwerflich, dass ich meinem Desinteresse an der Vielzahl weltweiter Katastrophen, Desaster und Kriege offen Ausdruck gebe? Nein, es betrifft mich nicht. Ich war nicht dabei. Ich sehe Bilder im Fernsehen. Danke der Nachfrage, mir geht es gut.«

Wagner starrte ihn an und war verblüfft. O’Connor hatte sich in Rage geredet. Er fühlte sich angegriffen, aber anders als sonst reagierte er darauf nicht mit Hochnäsigkeit und Spott.

Sie hatte ihn aus der Reserve gelockt.

Die Erkenntnis stimmte sie froh. Plötzlich musste sie grinsen. Sie rollte sich zu ihm hinüber und stemmte sich gegen seinen Arm, bis er einknickte und sie ihren Körper über seinen schieben konnte.

»So«, sagte sie.

»Was heißt so?«

»Es heißt, ich habe dich ertappt.«

»Sag bloß. Bei was denn?«

»Anteilnahme.«

O’Connor hob eine Braue. In diesem Moment sah er aus wie David Niven im Angesicht höchster Gefahr: geringfügig irritiert und in offensichtlicher Sorge um den Sitz seiner Garderobe.

»Wie es aussieht, hast du das.«

»Und daraus folgt?«

Er zögerte.

»Ich weiß nicht, was daraus folgt. Ich weiß nur, dass ich heute

Nachmittag nicht arbeiten musste.«

»Was?«

»Ich musste nicht arbeiten. Es wird das erste und das letzte Mal sein, ich schwöre tausend heilige Eide, aber ich habe dich belogen. Ich hatte nichts zu tun heute Nachmittag. Nicht das mindeste bisschen.«

Allmählich begriff sie.

»Und… warum hast du dennoch?«

»Ich hatte Angst.«

»Angst?«

»Ich hatte Angst, dich an den falschen Moment zu verlieren. Dieselbe Angst wie du, schätze ich.«

Sie wandte den Blick ab, sah ihm wieder in die Augen, schaute erneut zur Seite. Oh Gott, dachte sie. Oh mein Gott, das darf nicht passieren! Was sollen wir denn machen? Ich kann mich nicht in dich verlieben, Liam O’Connor, du verrückter Säufer, du Ausgeburt einer nihilistischen Phantasie, ich bin so glücklich und möchte es bleiben, bitte hilf mir, lass mich nicht allein, halt mich, lass mich gehen!

Zu spät.

Also gut, dann soll es eben geschehen.

Es geschieht.

Es ist geschehen.

»Schlaf mit mir«, sagte sie.

Was lebten sie bloß für ein Leben? Wie der wahnsinnige Sweeny flatterten sie von Thema zu Thema, packten verliebte Nachmittage und Flüchtlingselend in denselben Wortschatz unter dem Protektorat einer alten Eiche, schufen sich einen Kokon gegen die Welt, so wie sich alle in den vergangenen Wochen ihren höchstpersönlichen Kokon geschaffen hatten, und statt Kanonendonner gab es das vertraute Wispern des Windes in den Ästen und statt niederbrennender Häuser die Hitze ihrer Körper.

O’Connors Hände umfassten ihre Taille. Rittlings setzte sie sich auf ihn und erbebte.

In dieser Nacht sagte sie ihm nicht, dass sie ihn liebte. Und er sagte nichts Ähnliches zu ihr.

JANA

Karina Potschowa. Teresa Baldi. Laura Firidolfi.

Ein rundes Dutzend unterschiedlicher Persönlichkeiten bevölkerten das dunkle Zimmer mit den eleganten Möbeln im Hoppers, einem stilvollen Hotel in der Kölner Innenstadt. Eine geisterhafte Gesellschaft unter dem Vorsitz einer Unperson namens Jana, die angezogen auf ihrem Bett lag, die Augen geöffnet und in Nachdenklichkeit erstarrt.

Einzig Sonja Cosic fehlte.

In letzter Zeit fehlte sie immer häufiger. Es war gut so. Ihre Anwesenheit brachte nichts als Probleme mit sich. Jedes Mal, wenn Sonja sich hinzugesellte, erinnerte sie Jana daran, nur eine Erfindung zu sein, ein bloßes Geschöpf, zusammengefügt aus Illusionen und Notwendigkeiten. Seit dem Tage, da Jana den Auftrag angenommen hatte, hielt sie ihr vor, sich selbständig gemacht und den Grund für ihre Erschaffung vergessen zu haben, bezichtigte Jana des Verrats und machte sie verantwortlich für die Eskalation allen Elends in der Welt. Ganz allgemein erwies sie sich als hinderlich, wenn es darum ging, Geschäfte zu machen.

Jahrelang war es anders gewesen. Die Kreatur hatte es verstanden, im Einvernehmen mit ihrer Schöpferin zu leben. Einem Golem gleich hatte Jana eine Menge Drecksarbeit erledigt, um Sonja einen finanziellen Unterbau zu schaffen. Sie hatten sich gut ergänzt. Sonja konnte Wut und Trauer empfinden, Hass und Liebe. Jana verspürte weder von dem einen noch vom anderen sonderlich viel. Sie schätzte Professionalität und Präzision. Im Laufe der Jahre hatte sie ein paar Menschen das Leben geraubt, um Sonja geben zu können, was sie brauchte. Geld für den Aufbau einer eigenen Miliz im Einvernehmen mit dem großen Präsidenten, der das zersplitterte Erbe vereinen und jedem seinen Platz zuweisen würde. Eine starke, aber gerechte Truppe hatte sie aufbauen wollen, die Gewalt nur einsetzte, wo sie sich legitimierte, ohne die Dumpfheit der Schlächterbanden um Arkan und Dugi.

Es war das perfekte Abkommen.

Aber mit jedem Schuss, den Jana ins Ziel lenkte, wurde Sonja nur umso zögerlicher. Ihre Kraft schwand, ihre Sicherheit wich nagenden Zweifeln. Schließlich hatte sie sich in ein Kind zurückverwandelt, wie alle Kinder die verkörperte Hoffnung, dass aus kleinen Menschen keine schlechten Menschen werden können, und für die erwachsene Sonja Lebensjahre zurückgefordert. Vor sechs Monaten noch hatte die Stimme der Frau mit den vielen Persönlichkeiten zu Silvio Ricardo gesagt: »Sonja Cosic steht gerade mit erhobener Faust auf einem Hügel in der Krajina, und alles in ihr schreit danach, dem Ruf zu folgen. Wir können uns nicht länger zu Randfiguren und Irrtümern der Geschichte degradieren lassen. Wir sind immer nur die Opfer gewesen.« Sie hatte es gesagt, ohne zu begreifen, dass Sonja längst die Waffen gestreckt hatte, angewidert vom hässlichen Gesicht des Genozids. Und Ricardo in seiner rührenden Besorgnis, auch er hatte die Zeichen falsch gedeutet und die Partisanin gesehen, die der professionellen Attentäterin gefährlich werden konnte, weil sie sich von Hass und Unbeherrschtheit leiten ließ.

Mittlerweile wusste Jana, dass sie beide sich geirrt hatten. Am Ende der Geschichte würde keine bessere Welt stehen, kein errettetes himmlisches Volk, kein wiedergewonnenes historisches Erbe, kein Aufschrei der Gerechtigkeit, nicht einmal ein Symbol des Zorns, sondern fünfundzwanzig Millionen. Nicht weniger und auch nicht mehr. Jana und Sonja würden einander vernichten, um Platz zu schaffen für jemand Neuen, der keine Vergangenheit hatte, dafür aber möglicherweise eine Zukunft.

Jana und Sonja.

Der Tod war unteilbar.

Sie hob die rechte Hand, führte sie vor ihre Augen, bewegte die Finger.

Ein leises Summen drang an ihr Ohr.

Ohne Hast langte sie hinüber zum Nachttisch, ergriff das FROG und stellte die Verbindung her.

»Erledigt«, sagte Mirkos Stimme. »Ich bin in seiner Wohnung. Aber es gibt ein Problem.«

»Welches Problem?«

»Noch jemand hat ihm nachgeschnüffelt. Die Vögelchen scheinen in den Wald geflattert zu sein, aber in seiner Dusche war ein Kerl und hielt sich dort versteckt.«

»Hat er gesehen, dass .«

»Nein. Aber ich weiß natürlich nicht, ob er sonst was mitbekommen hat. Ich habe ihn gefilzt und eingeschlossen. Keine Ahnung, was der Bursche will.«

»Hatte er Papiere bei sich?«

»Personalausweis.«

Jana dachte nach. Die letzten Stunden steckten voller Unerfreu- lichkeiten.

»In Ordnung«, sagte sie. »Finden Sie raus, was mit ihm los ist. Machen Sie schnell, dann rufen Sie mich wieder an.«

»Verstanden.«

Sie platzierte das FROG wieder auf dem Nachttisch, erhob sich vom Bett und ging hinüber zu der Minibar, der sie eine Flasche Mineralwasser entnahm. Mit durstigen Schlucken trank sie. Kein

Problem war unlösbar, aber die meisten hatten den unliebsamen Nebeneffekt, dass sie einem die Kehle austrockneten.

War es ein Fehler gewesen, Clohessy anzuheuern?

Nein, beschied sie, während sie eine zweite Flasche öffnete. Niemand hatte das voraussehen können. Mirko hatte Clohessy ausfindig gemacht, er war der Beste gewesen, den die Szene zu bieten hatte. Und er hatte sich auf der Flucht befunden. Die Bedingungen waren nahezu ideal gewesen. Clohessy, der mit der IRA gebrochen hatte und von einem besseren Leben träumte, gehetzt von seinen ehemaligen Kampfgefährten und empfänglich für das ultimative Angebot, mit dem man leben konnte, im wortwörtlichen Sinne. Wie hätten sie es besser treffen können?

Sie hatten ihm eine neue Identität geboten und eine Million. Clohessy hatte ohne mit der Wimper zu zucken angenommen. Gemeinsam hatten sie ihm eine wasserdichte Legende verpasst, sogar eine Reihe telefonischer Kontaktstellen installiert, über die man im Zuge einer routinemäßigen Überprüfung die Bestätigung aller persönlichen und beruflichen Etappen im Leben des Ryan O’Dea erhielt.

Mit allem hatten sie gerechnet.

Nur nicht mit diesem verfluchten irischen Doktor.

Jana leerte auch die zweite Flasche, legte sich wieder auf das Bett und wartete. Nach etwa zehn Minuten meldete sich Mirko und erzählte ihr, wer der Mann in der Dusche war.

»Das ist dumm«, sagte sie. »Wir können ihn nicht einfach erledigen.«

»Stimmt«, meinte Mirko nach einer kleinen Pause. »Aber laufen lassen können wir ihn noch viel weniger.«

»Nein, aber wir können ihn benutzen. Bringen Sie ihn in die Spedition. Wir treffen uns dort in einer halben Stunde.«

Plötzlich kam ihr eine Idee. Möglicherweise würden sie es schaffen, O’Connor und die Frau lange genug in Sorglosigkeit zu wiegen, bis der Auftrag erledigt war. Dieser Lektor konnte ihnen dabei helfen. Andererseits war die Entwicklung nicht mehr kalkulierbar. Schlimmstenfalls mussten sie damit rechnen, dass sein und Paddys Verschwinden zu Ermittlungen führte. Paddys Wohnung würde also observiert werden.

Um jeden Preis mussten sie vermeiden, dass jemand einen Zusammenhang zu einem möglichen Anschlag herstellte!

Aber vielleicht gab es ja einen Weg.

Sie spielte es durch. Falls O’Connor sich einschaltete, würde ein Ermittlungskommando schnell feststellen, wer sich hinter Ryan O’Dea verbarg. O’Connor war gefährlich, aber ihn zu liquidieren ergab keinen Sinn. Es ließ sich nicht rekonstruieren, wem er inzwischen alles von Paddy erzählt hatte. Aber sie konnten ihn seiner Glaubwürdigkeit berauben. Und auf diese Weise mögliche Ermittlungen in eine falsche Richtung lenken.

Sie beschloss, Gruschkow zu wecken. Sein Zimmer lag im Stockwerk über ihr. Jana wusste, dass der Programmierer darauf brannte, etwas zu tun. Er langweilte sich, weil alles installiert war und sie nur herumhängen und warten konnten. Vielleicht war es keine schlechte Idee, wenn er O’Connor und die Frau vorübergehend im Auge behielt.

Der Plan reifte in ihrem Kopf, wurde umgestaltet, verfeinert, erneut gecheckt, perfektioniert, alles in wenigen Sekunden.

So konnte es gehen.

»Hören Sie, Mirko?«

»Ja.«

»Tun Sie Folgendes. Schreiben Sie einen Brief.«

WAGNER

Es war zwanzig nach drei, als sie sich gegenseitig in ihre zerrissenen Kleidungsstücke halfen und darüber in albernes Gekicher ausbrachen.

»War das Hemd teuer?«

»Sehr. Gerade richtig, von dir zerfetzt zu werden. Was ist mit deiner Bluse? Erinnerungsstück an die verstorbene Oma?«

»Selbstverständlich.«

»Tut mir leid. Hat dir gut gestanden.«

»Ihr Geist wird über uns kommen. Wüstling! Du hast zu viele Filme mit Michael Douglas gesehen.«

»Irrtum. Er hat zu viele Filme mit mir gesehen.«

Sie traten aus der Kuppel des Baumes hinaus in den Park. Beinahe wollte sich Trennungsschmerz einstellen. Sie verließen nicht einfach einen Ort, sondern eine Insel jenseits der Zeit. Ein Anderswo, dachte sie.

Würde es ein Anderswo bleiben?

Sie dachte an den morgigen Tag. Sie konnten ausschlafen, sich lieben, faulenzen. Sie selbst hatte erst am späten Nachmittag eine Reihe von Terminen wahrzunehmen. Obgleich ihre Funktion die einer verdeckt agierenden Anstandsdame für O’Connor war, hatte es den Verlag nicht davon abgehalten, sie außerdem mit zwei Besuchen in der Kulturredaktion des WDR und bei RTL zu betrauen. Um halb fünf würde sie die Öffentlich-Rechtlichen treffen, eineinhalb Stunden später die Privaten. Danach, wenn es sich nicht allzu sehr hinzog und niemand dort auf die Idee kam, sie zum Abendessen einzuladen, war sie wieder frei. Frei für alles.

Eng umschlungen schlenderten sie an dem Weiher entlang. Über ihnen erstrahlte kühl und scharf die Sichel des Mondes.

»Geht es dir gut?«, fragte O’Connor nach einer Weile.

»Traumhaft. Und dir?«

»Ich bin geradezu unanständig guter Laune«, sagte er. »Wollten wir nicht jemanden beschatten?«

»Du hast mir verboten, darüber nachzudenken.«

»Seit wann lässt du dir irgendwas verbieten?«

»Schlossen die Spielregeln Nachdenken nicht aus?«

»Allzu wahr.«

»Aber du hast natürlich Recht. Was machen wir denn jetzt mit unserem guten Paddy?«

O’Connor überlegte.

»Das entscheiden wir, wenn dein Wagen noch da steht, wo du ihn abgestellt hast.«

Wenige Minuten später kletterte Wagner auf den Beifahrersitz des Golf. O’Connor hatte darauf bestanden, ihn zu fahren. Ihr war es recht. Irgendwie war ihr alles recht, solange es nicht endete.

Einer Eingebung folgend griff sie hinter sich und fingerte nach ihrem Handy.

»Was machst du?«, fragte O’Connor, während er im Dunkeln das Zündschloss suchte.

»Dachte, ich hätt’s im Park verloren«, sagte sie. »Bist du eigentlich sicher, dass du mit links gesteuerten Autos zurechtkommst?«

»Nein.«

»Und Paddy?«

Er schüttelte den Kopf.

»Es dürfte ein bisschen spät sein, sich mit ihm zu unterhalten. Ich schlage vor, wir fahren morgen – pardon, heute früh zum Flughafen, wenn er wieder Dienst hat. Ich rede mit ihm, sofern er dazu bereit ist. Sollten wir danach immer noch der Meinung sein, es sei was im Busch, bemühen wir die allgewaltige Polizei.«

»Klingt vernünftig.«

Sie gähnte und reckte die Arme. Ihr Blick fiel auf das Display des

Handys, das sie immer noch in den Fingern hielt.

»Mist«, entfuhr es ihr.

Er sah zu ihr herüber.

»Was ist los?«

»Kein Platz für neue Kurzmitteilungen. Steht da. Jemand hat mir eine SMS geschickt, aber der Speicher ist voll.«

»Erwartest du irgendwas von Wichtigkeit?«

Sie runzelte die Stirn. Nacheinander rief sie die gespeicherten Mitteilungen auf. Sie stammten von Freundinnen, Bekannten, Mitarbeitern. Nichts, was man nicht hätte löschen können, nur dass sie es ständig vergaß und geflissentlich den aufblinkenden kleinen Briefumschlag übersah, der ihr anzeigte, wenn der Speicher voll war.

»Nein«, sagte sie. »Vielleicht der Verlag. Oder Kuhn.«

O’Connor startete den Wagen. Während sie zurück zum Hotel fuhren, löschte sie nacheinander die belegten Speicherplätze. Trotzdem war damit zu rechnen, dass die ominöse Nachricht, für die kein Platz gewesen war, jetzt stundenlang im Äther herumkurvte, bevor sie zu ihrer Adressatin fand.

Das D2-Display erschien und wurde sofort durch einen neuen Text ersetzt.

FÜNF ANRUFE IN ABWESENHEIT.

»Alle Wetter«, staunte Wagner. »Schwer was los im Netz. Wir waren sehr gefragt in den vergangenen drei Stunden.«

»Kannst du sehen, wer es war?«

KEINE NEUEN NUMMERN, sagte das Display.

»Das ist saublöd an dem Ding«, fluchte sie. »Es sagt dir, dass es den Anrufer kennt, aber nicht, wer’s war. Ich habe an die drei Dutzend Nummern hier drin, jeder könnte es gewesen sein.«

O’Connor überlegte.

»Wer könnte es denn morgens zwischen zwölf und drei gewesen sein?«

»Gute Frage.«

»Ob Kuhn uns vermisst hat?«, mutmaßte er. »Vielleicht wollte er ja wissen, was wir treiben.«

O’Connor hatte Recht. Das ergab einen Sinn. Kuhn war nicht glücklich über ihre Idee gewesen, zu Paddy Clohessy hinauszufahren, und außerdem hatte er beleidigt gewirkt.

»Meinst du, ich rufe ihn mal an?«

»Um diese Zeit? Es ist halb vier durch, Kika! Er wird toben. Ja, ruf ihn an. Sehr gute Idee.«

»Du bist ein Scheusal. Ich meine nur, vielleicht gibt es ja wirklich was Wichtiges.« Sie zögerte. Dann zuckte sie die Achseln. »Okay, ich rufe ihn an. Mehr als mir den Kopf abreißen, kann er nicht.«

Sie wählte die Nummer seines Mobilphones. Über das Hotel mochte sie ihn nicht wecken lassen, falls er schlief, was anzunehmen war. Sie würde es nicht ewig klingeln lassen. Wenn er nicht dranging, war es auch gut.

Aber er meldete sich schon nach dem dritten Signalton.

»Hier ist Kika.« Sie stockte. »Alles okay? Tut mir leid, wenn ich Sie geweckt habe, aber .«

»Sie haben mich nicht geweckt«, sagte seine Stimme. »Ich habe gelesen.«

»Gelesen?«

»Ja, ähm… ich hatte mir was mitgenommen. Dieses Manuskript von dem Typ, der einen Roman über die Staufer geschrieben hat. Wir haben mal darüber gesprochen.«

Irgendwie klang er komisch, fand Wagner. Nicht gerade übellaunig, eher niedergeschlagen.

»Ja, sicher«, sagte sie. »Die Staufer. Sie haben nicht zufällig heute Nacht auf meinem Handy angerufen? Ich konnte eine Weile nicht drangehen, und…«

»Was?«

»Mein Handy.« Was war los mit ihm? Er wirkte weggetreten. Wahrscheinlich war er kurz davor, über seinem Manuskript zusammenzuklappen. »Ich wollte wissen, ob Sie mich in den letzten Stunden angerufen haben.«

»Nein. Warum hätte ich anrufen sollen?«

»Keine Ahnung.«

Er schwieg eine Weile.

»Bei euch alles okay?«

»Bestens.«

»Wart ihr bei diesem Clohessy? War er da?«

»Nein. Sie klingen müde, Franz. Warum legen Sie das verdammte Manuskript nicht weg und gehen schlafen. Es ist kurz vor vier.«

»Das weiß ich selbst.« Er gähnte. Es klang zumindest so, als versuche er es. »Ach, was ich vergessen hatte zu sagen… Ich werde morgen zum Frühstück nicht da sein, den ganzen Tag wahrscheinlich nicht. Muss nach Düsseldorf, später nach Essen – dumme Sache, ich erhielt den Anruf, nachdem ihr schon durch die Tür wart.«

Wagner stutzte.

»Was für einen Anruf?«

»Hamburg.« Er schnaufte, als bekäme er schlecht Luft. »Das Übliche, sie haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Es gab Lieferprobleme bei einigen Buchhandlungen, und außerdem liegen Anfragen wegen Lesungen vor. Sie dachten, wo ich ohnehin in der Gegend bin, dass ich mich drum kümmere, Schönwetter machen und all der Mist. Wie immer. Machen… machen Sie sich einen schönen Tag, wir hatten ja für morgen sowieso kein festes Programm. Ihr versteht euch ja so blendend«, fügte er hinzu. »Affe auf Giraffe.«

Er lachte meckernd.

Fast war sie erleichtert, dass er die kleine Gemeinheit hinterhergeschickt hatte. Das war wenigstens der gute alte Kuhn.

»Ist wirklich alles in Ordnung?«, fragte sie besorgt.

»Was? Ja, sicher. Warum soll es mir nicht gut gehen. Aber ich, äh… werde jetzt schlafen, Sie haben Recht. Vier Uhr, mein Gott. Dämliche Staufer.« Eine kurze Weile rauschte es in der Leitung. »Ich glaube, ich bin heute nicht so ganz bei mir. Musste zu viel überbrücken in letzter Zeit. Also seid so gut und fallt mir nicht weiter auf die Nerven, okay?«

»Okay. Okay!«

»Wo seid ihr überhaupt?«

»Auf dem Weg zum Hotel.«

»Klopft bloß nicht an. Sonst gibt’s Dresche.«

»Schon gut.«

»Bis… ja, bis morgen irgendwann. Wir können ja mal telefonieren, ich habe das Handy mit.«

»Alles klar.«

Sie unterbrach die Verbindung und starrte nachdenklich auf den kleinen Bildschirm. Nach einigen Sekunden erlosch die Beleuchtung.

»Und?«, wollte O’Connor wissen.

»Er hat nicht angerufen.« Sie stockte. »Klang irgendwie nicht gut. Sie haben ihm für morgen einen Haufen Termine reingedrückt. Meinst du, wir haben ihn gekränkt mit unserer Geheimnistuerei?«

»Wir waren nicht geheimnistuerisch. Er hätte ja mitfahren können.« O’Connor grinste. »Allerdings hätte er dann drei Stunden auf den Wagen aufpassen müssen. Im Übrigen, was wären die Hotelbars dieser Welt ohne die Kuhns dieser Welt?«

»Ich weiß nicht. Er tut mir leid. Ich glaube fast, er ist ein bisschen eifersüchtig.«

»Auf mich?«

»Ihm fehlt eine Frau, das ist alles. Damit hat er’s wirklich schwer.«

O’Connor lenkte den Golf die Auffahrt zum Maritim hoch und ließ ihn weiter in Richtung Tiefgarage rollen. Vor dem Rolltor stoppte er, beugte sich zu ihr hinüber und küsste sie lange und

zärtlich.

»Mach dir keine Gedanken um Kuhn«, sagte er. »Zugegeben, er ist kein Typ, dem man nur wegen seines Aussehens hinterherguckt. Aber dafür muss er auch nicht befürchten, nur wegen seines Aussehens geheiratet zu werden.«

SPEDITION

Der Slawe nahm ihm das Nokia aus der Hand und nickte zufrieden.

»Das war gut«, sagte er. »Sehr gut.«

Kuhn sank in sich zusammen.

Warum hatte Kika nicht auf seine SMS reagiert? Sie musste die Mitteilung längst erhalten haben. Wenn die Nachricht sie nicht erreichte, war alles verloren.

Die letzten Stunden waren die Hölle gewesen. Der Slawe hatte ihn nach der unfreiwilligen Dusche im Bad arretiert und ihn die nächsten dreißig Minuten dort schmoren lassen. Das Nokia hatte er ihm abgenommen. Kuhn hatte ihn durch die Räume gehen und dort irgendwelche Dinge verrichten hören, und seine Angst, auf ewig hier eingeschlossen zu bleiben, war nur übertroffen worden von der Furcht vor dem Moment, da der Mann zurückkommen und ihn holen würde.

Als er dann endlich aus seinem Gefängnis befreit wurde, waren weder Prügel auf ihn herniedergegangen noch Schlimmeres. Der Slawe hatte ihn ins Wohnzimmer gedrängt und auf der Couch Platz nehmen heißen. Er hatte die Waffe weggesteckt, aber Kuhn zweifelte keine Sekunde daran, dass er sie schneller wieder hervorziehen konnte, als ein Mensch in der Lage war, aufzuspringen, geschweige denn wegzulaufen.

Der Mann hatte ihm Antworten abverlangt und ihm eindeutig klar gemacht, was Kuhn erwartete, sollte er auf den Gedanken verfallen, ihn hereinzulegen. Also hatte er folgsam von O’Connors abendlichem Zusammentreffen mit Clohessy erzählt und lediglich Kika mit keinem Wort erwähnt. Es war das Maximum dessen, was er an Heldenmut aufzubringen in der Lage war, aber möglicherweise konnte er wenigstens sie aus allem raushalten. Der Slawe hatte aufmerksam zugehört und am Ende ein dünnes Lächeln aufgesetzt. Ganz offensichtlich amüsierte sich der Mann über sein verzweifeltes Bemühen. Kuhn schätzte, dass er sich in den Augen des anderen ausnahm wie ein Schuljunge, der seiner Mutter mit roten Ohren etwas vorlog.

»Wirst du von jemandem erwartet?«, fragte der Slawe und zog Kuhns Handy hervor. »Wird dich jemand auf dem Ding anrufen?«

»Ich weiß nicht«, stammelte der Lektor. »Nicht heute Nacht.«

»Und wenn doch?«

Konnte er von der SMS wissen? Unmöglich. Kuhn hatte sie abgeschickt und sofort gelöscht. Im Speicher würde sich kein Hinweis darauf finden.

»Ich weiß es nicht«, wiederholte er.

Der Mann drehte das Handy nachdenklich hin und her.

»Und was ist mit O’Connor?«, sagte er gedehnt. »Und der Frau? Da wir gerade beim Thema sind, wie heißt die Frau?«

»Ich weiß…«

Erneut blickte er in die Mündung.

»Wagner!«, schrie er. »Kika Wagner. Mein Gott, bitte, ich flehe Sie an! Sie hat nichts mit alldem zu tun, sie ist meine Pressereferentin, sie weiß von gar nichts, das müssen Sie mir glauben!«

»Und du? Was weißt du?«

»Nichts. Ich schwöre, ich weiß nichts, gar nichts!«

Der Slawe schüttelte in milder Verwunderung den Kopf. Er steckte die Waffe wieder zurück und zwinkerte Kuhn zu. »Warum machst du dir das Leben unnötig schwer, Freund? Es liegt einzig an dir, was ich glaube. Warum sagst du nicht von vornherein die Wahrheit?«

»Ich versprech’s«, keuchte Kuhn. »Ich verspreche alles!«

Sein Gegenüber ging in die Hocke.

»Immerhin ein Anfang. Weiter also, was ist mit morgen? Wer würde dich vermissen?«

Kuhn spürte, wie sein Herz stehen blieb.

»Bitte«, wimmerte er. »Tun Sie mir nichts, ich…«

»Reg dich nicht auf«, sagte der Slawe beinahe sanft. »Niemand spricht davon, dir etwas zu tun. Übermorgen kann alles vorbei sein, und du hast keine Sorgen mehr.«

Er blickte Kuhn eine Weile wortlos an. Kuhn konnte die Gedanken hinter seiner Stirn förmlich vorbeiziehen sehen. Dann wies er ihn mit einer Handbewegung an aufzustehen.

»Geh wieder in die Dusche«, sagte er freundlich.

Kuhn rappelte sich hoch. Seine Beine versagten fast den Dienst. Zitternd betrat er das Bad, und der Slawe schloss ihn ein weiteres Mal ein. Diesmal kam er schon nach wenigen Minuten zurück.

»Pass auf, was wir jetzt machen«, sagte er in einem Tonfall, als ginge es darum, gemeinsam eine Party zu planen. »Wir zwei denken uns einen schönen Plan aus. Was meinst du? Für alle Eventualitäten. Zum Beispiel, was du zu sagen hast, wenn deine kleine Maschine hier mit dir sprechen will. Und wo du morgen überall sein wirst, verstehst du? Ich will, dass du gleich in der Frühe deine Leute anrufst und ihnen eine feine Geschichte erzählst, die sie glauben können.«

Ohne eine Erwiderung abzuwarten, lud er Kuhn einen Packen Zeug auf die Arme, Kleidungsstücke, Papiere, Ordner. Sie verließen die Wohnung. Der Slawe war nicht sonderlich bemüht, leise zu gehen. Kuhn wusste, warum. Verstohlenheit war der schnellste Weg, ertappt zu werden. Brav tappte er vor dem anderen dahin, wohl ahnend, dass jeder Versuch, wegzulaufen, zum Scheitern verurteilt wäre. Sie gingen an Kikas Golf vorbei, und Kuhn versetzte es einen Stich.

Wo war sie? Wo war O’Connor? Was, um Himmels willen, war mit den beiden passiert?

Wenige hundert Meter weiter zog ihn der Slawe am Ärmel und wies auf einen Jeep, der unter den Bäumen der Vorgebirgsstraße parkte.

»Du fährst«, sagte er.

Die ganze Strecke über hatte der Slawe schweigend neben ihm gesessen. Es gelang Kuhn, nicht gegen Bäume oder über rote Ampeln zu fahren und den Wagen in der Spur zu halten, trotz flatternder Nerven. Seine Gedanken räsonierten zwischen wilder Hoffnung und ultimativer Rückschau. Er sah Szenen seines Lebens an sich vorbeiziehen, Entscheidungswege gabelten sich, suggerierten ihm, er hätte den Verlauf des heutigen Abends vermeiden können, endeten im Leeren. Sie hatten den Rhein überquert und waren schließlich in ein kleines Industriegebiet gelangt, vorbei an Baracken, Bürogebäuden, Ladeflächen und Parkplätzen. Der Innenhof, in den sie schließlich einbogen, schien einer Spedition zu gehören. Kuhn konnte im Dunkeln die massigen Silhouetten mehrerer Lastwagen erkennen. Der Slawe bedeutete ihm zu halten und auszusteigen. Sie gingen hinüber zu einer Halle und traten ein.

Neonröhren spendeten kaltes Licht. In der Mitte ruhte ein riesiger Kasten auf einer Art Achswagen. Im ersten Moment glaubte Kuhn, einen Lkw-Anhänger vor sich zu haben, so groß war das Gebilde, nur dass die Räder quer gestellt waren und auf Schienen ruhten. Aus einer der Seiten liefen Kabel und verschwanden in zwei klotzigen Gebilden. Nichts davon kam Kuhn bekannt vor. Wie alle Intellektuellen bewohnte er den Olymp des Wissens, von dessen Warte die Sicht auf die praktischen Dinge des Lebens eher vernebelt war. Er sah weitere Dinge, ein silbriges Dreibein und eine Schaltkonsole auf einem Sockel. Seine Neugier überwand die Mauer aus Furcht, aber er traute sich nicht, Fragen zu stellen. Und eigentlich wollte er es auch nicht wissen. Er wollte gar nichts wissen. Jedes Buch, jeder Fernsehkrimi lehrte einen, was es nach sich ziehen konnte, wenn man zu viel wusste.

»Geh da rüber.«

Der Slawe bugsierte ihn zu einer der Wände. Dünne Stahlrohre liefen aus der Decke und daran entlang bis zum Boden. Er förderte ein paar Handschellen zutage und kettete Kuhn damit an eines der Rohre. Dann wandte er sich ab und verschwand in einer Tür im hinteren Hallenbereich. Kuhn sah ihm nach, dann war er allein mit sich und seiner Not. Er blickte sich um. Außer dem rätselhaften Wagen enthielt die Halle so gut wie nichts. Ein langer Holztisch und einige Stühle waren ein paar Meter weiter an die Wand geschoben, das war das gesamte Mobiliar. Alles andere als ein Ort, um sich heimisch zu fühlen.

Schwach drangen Stimmen an sein Ohr.

Plötzlich, in der Endgültigkeit seines Gefangenendaseins, fühlte Kuhn sich elender denn je. Er wagte sich nicht auszumalen, was sie mit ihm tun würden. Oder was sie mit Wagner getan hatten. Und mit Liam O’Connor.

Ein schreckliches Gefühl der Verlassenheit überkam ihn.

Er begann zu schluchzen.

Die Tür öffnete sich wieder. Eine Frau kam zu ihm herüber.

»Wie dumm«, sagte sie.

Ihre Stimme klang weich und dunkel. Ihr Deutsch wies einen kaum merklichen Akzent auf. Im ersten Moment vermutete Kuhn, sie sei Italienerin, dann war er sich dessen nicht so sicher.

»Werden… Sie mich töten?«, fragte er.

Wie larmoyant er klang in der Leere der Halle. Plötzlich empfand er Scham. Es war lächerlich. Vielleicht würde sie ihn töten, und er

schämte sich seiner Angst, weil sie eine Frau war.

Sie sah ihn aus dunklen Augen an. Auf unbestimmte Art war sie hübsch, wenngleich ihre Züge etwas Maskenhaftes hatten. Einzig ihr Blick war von irritierender Intensität.

»Es kommt darauf an«, sagte sie.

»Worauf?«

»Sie müssen keine Angst haben. Wir töten nicht wahllos Menschen. Wir suchen sie sehr genau aus.« Sie machte eine Pause und ließ die Worte wirken. Dann sagte sie: »Wenn Sie es schaffen, bis morgen Abend plausibel von der Bildfläche verschwunden zu bleiben, so dass keiner Ihrer Freunde einen Verdacht schöpft oder zur Polizei geht, sind Sie übermorgen frei. Das ist der Handel.«

In Kuhn regte sich Hoffnung. Was die Frau sagte, klang zumindest, als seien Kika und O’Connor nicht in unmittelbarer Gefahr.

»Ich werde dafür sorgen«, versprach er atemlos.

Sie senkte leicht den Kopf. Dann kam sie näher heran, ergriff sein Kinn und drückte seine Wangen zusammen. »Ich akzeptiere keine Fehler, keine Pannen und keine Probleme. Das sollten Sie wissen. Wenn Sie Ihre Sache gut machen, werden Sie leben.«

Sie ließ ihn los. Kuhn schluckte und lehnte sich erschöpft gegen die Wand.

»Ich werde alles tun«, murmelte er schwach.

»Sofern das reicht«, erwiderte sie.

Die Frau hielt einige Sekunden wortlos den Blick auf ihn geheftet. Dann drehte sie sich von ihm weg und verschwand wieder hinter dem Pritschenwagen.

Nach wenigen Minuten kehrte der Slawe zurück. Erneut fragte er Kuhn nach sämtlichen Einzelheiten seines Aufenthalts in Köln aus, nach O’Connor, nach Wagner. Dann gab er ihm eine Reihe von Instruktionen. Schließlich ließ er ihn wieder allein.

Längere Zeit saß Kuhn teilnahmslos auf dem Boden und starrte vor sich hin. Niemand kam, um sich mit ihm zu beschäftigen. Er wartete, ohne zu wissen, auf was, und das war überhaupt das Schlimmste von allem.

Sein Handy klingelte.

Der Slawe kam herbeigelaufen und legte viel sagend die Hand auf die Herzgegend. Was immer es heißen sollte, ob er dort die Waffe trug, die Kuhn notfalls auf der Stelle exekutieren würde, oder ob er andeuten wollte, wo die Kugel eindringen würde, der Lektor machte keinen Fehler. Er sagte, was sie ihm aufgetragen hatten, und er machte es gut genug, dass ein Lächeln die kantigen Züge des anderen überzog.

Kuhn schaffte es, zurückzulächeln.

»Ich will leben«, sagte er.

Der Mann nickte.

»Das wollen wir alle.«

Die SMS. Der Hauch einer Chance.

Und noch etwas. Möglicherweise.

Der Slawe hatte nicht mitbekommen, dass Kuhn zwei versteckte Hinweise in das Gespräch mit eingeflochten hatte. Sie waren so dezent ausgefallen, dass er sich sorgte, ob Wagner sie überhaupt mitbekommen hatte. Aber deutlicher zu werden, hatte er sich nicht getraut, und ganz sicher wäre es eine schlechte Idee gewesen, weil vermutlich seine letzte.

Jedenfalls, dachte er, bin ich nun in der beneidenswerten Situation, zu wissen, dass es eine Verschwörung gibt. Ich weiß es definitiv. Ich weiß sogar, dass es am Flughafen passieren wird.

Im selben Moment wusste er, auf wen sie es abgesehen hatten.

Nein, sie werden mich nicht töten, dachte er bitter. Nicht so bald. Möglicherweise nicht vor morgen Abend.

Bis dahin musste ein Wunder geschehen.

Egal, wer es vollbrachte.

COMPUTERRAUM

Mirko ging zurück in den Raum, den sie zur Zentrale umgebaut hatten, und wartete. Seine Lider sanken halb herab, sein Denken schaltete auf eine Art Notstromaggregat. Er schlief selten, zu manchen Zeiten mehrere Nächte nicht. Die Trance war seine Art, Körper und Geist zu regenerieren. Zehn Minuten Trance waren effizienter als drei Stunden Schlaf.

Nach einer Weile trat Jana neben ihn, eine Tasse frisch gebrühten Kaffee in der Hand.

Mirko betrachtete sie von der Seite. Befriedigt registrierte er, dass Jana trotz der unvorhergesehenen Ereignisse ausgeglichen und entspannt wirkte. Im Grunde hatten sie alle nicht viel zu tun in dieser letzten Phase. Ohne O’Connors Wiedersehen mit Paddy und Kuhns unplanmäßigen Auftritt in der Dusche wäre es regelrecht langweilig geworden. Wenn sie nicht in der Spedition waren, gab es keine Jana. Dann bewohnten Laura Firidolfi, alleinige Gesellschafterin der Neuronet AG aus Alba, und ihr Chefprogrammierer Maxim Gruschkow das elegante Hoppers im Belgischen Viertel von Köln und führten Gespräche mit ortsansässigen Software-Entwicklern. Nach Wochen und Monaten der Camouflage würde es keinerlei Hinweis darauf geben, dass einer der beiden je zuvor in Köln gewesen war. Erstmals weilte die administrative und technische Führung des piemontesischen Unternehmens für die Dauer einer Woche am Rhein, ausgestattet mit zwei Leihwagen vom Typ Audi 8, und wurde nicht müde zu betonen, wie gern man das Geschäftliche mit ein wenig Gipfeltourismus verband.

Eine Weile herrschte Schweigen.

»Das wär’s dann also«, sagte Mirko endlich. »Mehr kann ich nicht für Sie tun. Ab jetzt sind Sie auf sich allein angewiesen.«

»Kann ich Sie notfalls über das FROG erreichen?«

»Natürlich. Das geht.«

Er betrachtete sie prüfend. Dann sagte er:

»Es ist ein bisschen anders verlaufen, als wir dachten, Jana. Ich will offen mit Ihnen sprechen, meine Auftraggeber zeigen wenig Interesse daran, wie Sie die Probleme lösen. Sie gehen einfach davon aus, dass fünfundzwanzig Millionen reichen. Natürlich wissen sie auch, dass man sich mit einer siebenstelligen Anzahlung trefflich aus dem Staub machen kann.«

»Das wird nicht geschehen«, sagte Jana gleichmütig. »Der Wechselkurs wäre mir zu hoch.«

»Und ich müsste ihn einfordern.« Mirko nickte. »Übrigens ungern. Wir sind einen langen Weg zusammen gegangen.«

»Ja, wir hatten viel Spaß«, sagte Jana mit einigem Sarkasmus. »Wann treffen Sie Ihre Aufraggeber?«

»Am späten Vormittag.« Er zögerte. »Unsere Auftraggeber, sollte ich wohl sagen. Man wird Ihnen zwar nichts durchgehen lassen, aber natürlich weiß man Ihren Einsatz sehr zu schätzen.«

Jana blies in ihren Kaffee.

»Lassen Sie das Wortgeraspel, Mirko«, sagte sie. »Solange ich die Insassen Ihres Trojanischen Pferdes nicht kenne, bleiben es Ihre Auftraggeber und nicht meine.«

Mirko zuckte die Achseln. »Wie Sie wollen. Zum Procedere. Wir haben heute Nacht weitere zehn Millionen auf das Konto überwiesen, das Sie uns genannt haben. Über die entsprechenden Umwege. Die restlichen Millionen gehen ein, sobald wir den sichtbaren Beweis für die Erledigung der Aufgabe erhalten.« Er grinste. »Und den bekommen wir ja ziemlich schnell. Jede Fernsehstation der Welt wird ihn ausstrahlen.«

»Reality-TV«, nickte sie.

»Ja. Manchmal glaube ich, wir könnten halb Amerika in die Luft jagen, und die Leute würden es für eine Soap halten. Jeder bekommt, was er verdient.« Mirko machte eine Pause. »Ich habe die Zusammenarbeit sehr genossen, Jana. Ich hoffe, ich werde sie auch weiterhin genießen können. In etwas weniger als einer Stunde werde ich dieses Land verlassen. Sie werden mir nicht folgen und keinerlei Anstrengung unternehmen, mich oder meine Auftraggeber ausfindig zu machen. Wir beide werden uns nicht wieder sehen und nie wieder voneinander hören. Falls es also noch etwas gibt, worüber wir reden sollten, ist jetzt der Moment.«

»Ein paar Streicher vielleicht, um den Abschied zu untermalen?«

Mirko lachte leise.

»Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber ich mag Sie. Es gibt in unserem Beruf nicht viel Platz für Sympathien. Im Allgemeinen entwickle ich auch keine. Nehmen Sie es als Ausdruck meiner persönlichen Wertschätzung, dass ich Sie womöglich ein ganz klein wenig vermissen werde.«

Einen Moment lang blieb ihr Gesicht unbeweglich. Dann wich die Härte aus ihren Zügen.

»Es ist nett, dass Sie das sagen, Mirko. Aber Sie wissen auch, was es bedeutet, wenn man einen Job wie diesen persönlich nimmt.«

»Ist das, was Sie tun, nicht persönlich?«

»Unter anderen Umständen wäre es das vielleicht. Ich weiß, Sie haben damals versucht, mich bei meinen patriotischen Wurzeln zu packen. Möglicherweise hatten Sie Recht. Aber Sie haben mir im gleichen Atemzug fünfundzwanzig Millionen geboten. In letzter Zeit habe ich mich gefragt, ob ich es auch für weniger getan hätte.«

»Und? Hätten Sie?«

»Nein.«

»Hm. Ich dachte, Patriotismus fordert einen hohen Preis.« Mirko sah sie forschend an. Er fuhr fort: »Es wäre doch möglich, dass Sie das Geld für gewisse Zwecke verwenden, die Ihrem eigentlichen Interesse näher stehen als dieser Job. Abgesehen davon, dass Sie vielen Ihres Volkes allein schon mit der Erledigung dieser Aufgabe einen beispiellosen Dienst erweisen. Sie selbst mögen daran zweifeln, aber ein großer Sieg wäre es trotzdem.«

»Wessen Sieg?«

»Ein Sieg der Serben. Des serbischen Volkes.«

»Ja, wir Serben schaffen es immer wieder, aus jeder Niederlage einen Sieg zu machen. Glauben Sie ernsthaft, wir erweisen dem serbischen Volk einen Dienst?«

Mirko zögerte. »Der serbischen Sache, ja.«

»Der Sache.« Jana runzelte die Stirn. Dann schüttelte sie langsam den Kopf. »Es ist seltsam, nicht wahr? Offenbar gibt es jenseits aller persönlichen Schicksale immer auch eine nationale Sache. Früher habe ich das nicht begriffen. Wissen Sie, Mirko, am Ende meines Werdegangs finde ich mich auf abstraktem Terrain wieder. Zu Beginn habe ich für Menschen gekämpft. Das war in Ordnung. Über die Art und Weise kann man unterschiedlicher Ansicht sein, aber solange ich wusste, was ein Menschenleben wert ist, das ich retten will, war mir auch bewusst, wie ungeheuerlich es ist, ein anderes dafür zu opfern. Mir war nur nicht klar, dass es eine Absprache auf höherer Ebene gibt, wonach man Menschen in den Tod schicken kann, um ihrer Sache zu dienen. Vielleicht mangelt es mir an staats- männischer Perspektive, aber mir ist nie recht klar geworden, was diese Sache eigentlich ist. Wo kann man sie finden? Wie sieht sie aus? Wo lebt sie? Milosevic hat vor zehn Jahren noch vom serbischen Volk gesprochen. Neuerdings ist es die serbische Sache. Es gibt auch eine albanische Sache. Wer immer gerade an der Macht ist, definiert die Sache in seinem jeweils ureigensten Sinne. Gegen Serbien steht die Sache des Westens und der Nato, nicht zu vergessen die Sache der Menschen allgemein. Irgendwie wird nur noch um Sachen gekämpft.«

Mirko schwieg.

»Sehen Sie«, fuhr Jana fort, »ich kannte ein paar Menschen, Krajina-Serben, die umgekommen sind. Sie sind den Kroaten zum Opfer gefallen – nein, der kroatischen Sache, muss es ja wohl heißen. Damals war es jedenfalls die kroatische. Ich habe das einigermaßen persönlich genommen. Es schien mir der endgültige Beweis dafür, dass Milosevic ‘89 Recht hatte, als er die Serben auf dem Kosovo Polje als Opfer einer sechshundert Jahre andauernden Tragödie darstellte, voller Zwietracht, Unterdrückung und Verrat. Ich war zu dieser Zeit mit jeder Faser Patriotin. Nach meinen Erfahrungen mit der kroatischen Sache dachte ich, was den Flüchtlingen aus der Krajina passiert ist, darf sich nie wiederholen. Aber es schien sich zu wiederholen. Im Kosovo. Also habe ich dort stellvertretend für die serbische Sache gekämpft, obwohl meine Sache streng genommen nur das Ableben einiger Menschen war.«

»Sie haben an etwas geglaubt. Was ist daran falsch?«

»Nichts. Nur als ich begriffen hatte, dass Milosevic und selbst den serbischen Oppositionellen die Gräber ihrer Vorfahren im Kosovo wichtiger sind als die Menschen, die heute dort leben, verlor ich das erste Mal den Glauben. Als Slobo vor zwei Wochen die Waffen streckte, verlor ich ihn das zweite Mal. Sie werden feststellen, Mirko, dass die humanitäre Katastrophe im Kosovo ihren Fortgang nehmen wird. Die Albaner werden zurückkehren, und sie werden den Spieß umdrehen und die Serben jagen, foltern, ausplündern und töten. Slobo hat uns einen Bärendienst erwiesen, aber er ist Politiker. Er kann sich immer noch auf die Sache zurückziehen. Die Tragödie geht also in die zweite Runde, und die Welt wird diesmal nicht mehr so genau hinschauen. Wir sind ja die Bösen, und nach dem Frieden von Köln sind alle Werte wieder ins rechte Lot gerückt. Sollten diesmal die Serben aus dem Kosovo fliehen müssen und ihrer Habseligkeiten oder ihres Lebens beraubt werden, wird es keine zweite Intervention geben. Das hat Milosevic in Kauf genommen. Dafür verachte ich ihn.«

»Sie haben ihn einmal bewundert.«

»Ich habe seine Entschlossenheit bewundert, den Serben zurückzugeben, was ihnen zusteht. Auch, dass er bereit war, es mit jedem dafür aufzunehmen. So etwas geht nicht ohne Kampf ab, das war uns allen klar. Aber ich kann keinen Schlächter bewundern, Mirko. Attentate sind Symbole. Völkermord ist Barbarei. Das war Milosevic vom ersten Tag an klar. Er hat uns belogen und betrogen. Er hat sogar gewusst, dass er seine eigenen Leute opfern wird für seine… Sache. Noch vor einem halben Jahr war ich mir dessen nicht so sicher.«

Jana trank einen Schluck von ihrem Kaffee und sah Mirko ruhig in die Augen.

»Verstehen Sie, ich habe aufgehört, für Sachen zu kämpfen. Ich wollte niemals Gemetzel, KZ und Vertreibung, für niemanden. Ich wollte keine Mörderin werden. Ich wollte nicht töten für die Interessen eines anderen oder für bloßes Geld. In allem bin ich gescheitert. Was bleibt, ist die besondere Befähigung zur Ausübung meines Berufs. Ich töte Menschen und werde dafür bezahlt. An Sachen kann ich nicht mehr glauben, und die Zeit zurückdrehen kann ich noch viel weniger, also bleibt mir die Wahl zwischen Erhängen auf dem nächsten Dachboden oder dem Bekenntnis zu meiner Profession. Offen gestanden, ich bin keineswegs so verbittert, dass es mir den Spaß am Leben raubt. Ich bin immens reich geworden über die Zeit, und ich lebe verdammt gut dabei. Ein bisschen inhaltsleer vielleicht. Aber das könnten fünfundzwanzig Millionen durchaus ändern.«

Mirko sah sie an und fühlte sich in gleicher Weise unangenehm berührt wie angezogen.

»Sie sollten mir all das nicht erzählen«, sagte er.

»Warum nicht? Ich finde es albern, düstere Geheimnisse mit sich rumzuschleppen. Ich hadere nicht mit dem, was ich tue. Es ist mein

Beruf. Er ist es geworden. Wir alle führen Stellvertreterkriege. Auch Sie. Es interessiert mich nicht, welche Hinterhofgeschichte Ihnen den Anstoß gegeben hat, zu werden, was Sie sind. Jeder statuiert auf seine Weise ein Exempel. Milosevic bringt nicht die Welt der Serben in Ordnung, sondern nur seine. Europa ist voll des reinsten Altruismus und erfüllt doch am Ende seinen Bündnispakt mit Amerika. Und Deutschland? Was glauben Sie, welchen Stellvertreterkrieg führen die Deutschen?«

»Ich weiß es nicht.«

Jana lächelte.

»Sie bombardieren ihr verkorkstes Jahrhundert, Mirko. Nirgendwo sonst ist die Intervention gegen mein Volk so oft mit Auschwitz begründet worden wie in Deutschland. Darum waren die Deutschen so einvernehmlich schweigsam, während in Belgrad die Bomben fielen, und darum wurde die Diskussion so seltsam unaufgeregt geführt. Sie alle hatten gewiss die besten Absichten, aber ich behaupte, dass sie in Wirklichkeit gar nicht Serbien bombardiert haben, sondern die Gestapo, die Waffen-SS und die Wehrmacht. Nachträglich, um endlich Absolution von der Erbsünde zu erhalten.«

Mirko hob die Hände.

»Sie haben vermutlich Recht«, sagte er. »Was ändert das?«

»Nichts. Ich wollte Ihnen nur klar machen, dass es keinen Grund gibt, mir für irgendetwas Ihre persönliche Anerkennung auszusprechen. Und um uns zu mögen, machen wir den falschen Job. Seien Sie nicht enttäuscht, Mirko. Fahren Sie zu Ihren Auftraggebern und sagen Sie ihnen, ich arbeite für mein Geld. Und dass ich es haben will, wenn die Arbeit erledigt ist. Das ist mehr als genug.«

Sie wandte sich ein Stück ab und trank weiter ihren Kaffee.

Mirko verharrte. Mehr denn je stellte er fest, dass er diese Frau bewunderte.

Eigentlich, dachte er, ist es jammerschade.

WAGNER

Sie schreckte hoch.

Im ersten Moment drehte sich alles in ihr. Sie versuchte zu ergründen, wo sie war. Ihr Herz klopfte wie wild. Die Phantome eines unruhigen Traumes verblassten im heraufdämmernden Tageslicht und hinterließen Eindrücke von Tod und Bedrohung.

Etwas hatte sie gejagt.

Neben sich konnte sie ein paar Füße ausmachen. Sie hob den Kopf und ließ den Blick daran entlangwandern, erkannte Beine, einen flachen Bauch, kräftige Schultern, einen ganzen Menschen. Es war O’Connor. Sein Atem ging ruhig und gleichmäßig, sein Kopf ruhte seitwärts geneigt auf dem Kissen. Bei seinem Anblick mischte sich ein tiefes Empfinden von Lust in die nervöse Unruhe, aber der daraus resultierende Cocktail war insgesamt eher verwirrend als erfreulich.

Wie es aussah, war sie diejenige, die verkehrt herum lag.

Langsam beruhigte sich ihr Herzschlag.

Warum träumte man so furchterregend, wenn das Glück nicht mehr zu steigern war?

Unsicher setzte sie sich auf und zwang die letzten Stunden in eine Chronologie. Nacheinander, wie verlorene Kinder, stellten sich die Bruchstücke dessen, was geschehen war, nachdem sie aus der Kuppel des Baumes hinausgetreten waren, wieder ein.

Sie war im Maritim.

Ihre Augen erfassten die Anrichte gegenüber dem Bett.

Beim Anblick der viertel vollen Flasche unter dem Spiegel ordnete sich mit einem Mal alles wie von selbst. Das Telefonat mit Kuhn, als sie hergefahren waren. Der Verlag hatte ihn abberufen. Mitten in der Nacht, wie es schien. Er würde in Essen und Düsseldorf sein und wahrscheinlich erst in den Abendstunden wieder eintreffen. Es war unfassbar! Sie hatten den Nachtportier dazu gebracht, ihnen eine

Flasche von dem Zeug zu organisieren, morgens um vier. Dann waren sie auf O’Connors Bett gekrochen und hatten tatsächlich angefangen zu trinken, zu erschöpft, sich ein weiteres Mal zu lieben, und dennoch wild entschlossen, den Moment niemals enden zu lassen.

Wie lange konnte ein Mensch so etwas durchhalten, wenn er nicht O’Connor hieß?

Sie schwang die Beine über die Bettkante und grübelte darüber nach, was sie geweckt hatte. Von allein war sie nicht wach geworden. Da war ein Geräusch gewesen. Unangenehm, penetrant.

Ein Piepen.

Ein doppeltes, schneidendes Piepen, wie es ihr Handy von sich gab, wenn eine Kurzmitteilung eingetroffen war.

Die Nachricht!

Etwas zu hastig sprang sie auf die Beine und taumelte. Wie lange hatte sie geschlafen? Das Ziffernblatt ihrer Uhr wechselte mehrfach seine Position, bis ihr Wahrnehmungsvermögen es schaffte, Zeiger und Zahlen zu einem klaren Ganzen zu koordinieren.

Viertel nach acht. Kein Wunder, dass sie kaum in der Lage war, gerade zu stehen.

Mit tastenden Schritten bewegte sie sich durch das Chaos aus verstreuten Kleidungsstücken, das den Boden weiträumig bedeckte. Fast wäre sie auf das Handy getreten. Es lag neben einem ihrer Schuhe. Sie bückte sich und merkte, wie ihr Hirn im Schädel nach vorne rutschte und weich gegen den Stirnknochen klatschte. Kurz wurde ihr übel, und sie musste sich unverrichteter Dinge wieder in die Senkrechte begeben. Beim zweiten Versuch war sie vorsichtiger. Langsam, das Handy in der Rechten, kam sie wieder hoch und las die Schrift im Display.

KURZMITTEILUNG ERHALTEN

Nacheinander drückte sie die Funktionen durch, bis die Nummer des Absenders im Sichtfenster erschien.

Es war Kuhns Nummer.

Kuhn?

Etwas sagte ihr, dass eine Unlogik darin lauerte, aber ihr fiel nicht ein, warum. Mit einem weiteren Daumendruck holte sie den Text auf den Bildschirm. Die Zeichen formten sich zu Worten. Apathisch starrte sie darauf, zuerst unfähig, einen Sinn in dem kurzen Text zu erfassen.

HILF – PADYS WONUN – DERJAK – DERIJAG? SCHIESST – HABEN PROBLEM – PIEZA DATSPIGLEN – OBJEKT V -

Darunter erschien Kuhns Nummer ein weiteres Mal in der Absenderzeile.

Aber das war es nicht, was ein Gefühl tiefer Unruhe in ihr aufziehen ließ.

Das Display zeigte ihr klar und unmissverständlich an, wann die Nachricht abgeschickt worden war:

GESENDET:

17. JUNI 1999

00:56:12

Zweieinhalb Stunden bevor sie mit dem Lektor telefoniert hatte.

»Liam«, flüsterte sie.

Ungeachtet der Schmerzen in ihrem Kopf packte sie O’Connor bei den Schultern und schüttelte ihn nach Leibeskräften.

»Liam. Liam! Wach auf.«

Er öffnete die Augen und sah sie an.

»Slainte«, sagte er. »Ist noch was in der Flasche?«

GRUSCHKOW

Im Maritim herrschte Geschäftigkeit. Es ging gegen neun. Busse fuhren vor. Weitere Scharen von Diplomaten und Korrespondenten waren angereist, Koffer wurden auf Garderobenwagen durch die Halle geschoben, an der Rezeption entstand Gedränge.

Maxim Gruschkow beobachtete das Geschehen mit einer gewissen Schläfrigkeit. Seine Brillengläser spiegelten das Licht des Tages wider, das durch die gläserne Eingangsfront ins Innere fiel. Er trug einen dunklen Anzug und einen weinroten Seidenschal. Mit der polierten Glatze und dem Taschenbuch in seiner Hand, den dritten Cappuccino vor sich, hätte er ein Künstler oder Literat sein können. Seit drei Stunden saß er in der Halle und las Platon, den Blick stets zur Hälfte über den Buchrand gerichtet.

Er wusste, dass O’Connor und die Frau am frühen Morgen hier eingetroffen waren. Sie hatten sich ohne Umschweife nach oben begeben und waren seitdem nicht wieder aufgetaucht.

Mit einem Mal sah er sie den Fahrstuhl verlassen und Richtung Ausgang streben.

Sehr lange Beine, dachte Gruschkow. Schöne Beine.

Er schlürfte den letzten Rest seines Cappuccinos, erhob sich und folgte den beiden. Sie gingen auf ein Taxi zu. Gruschkow ging vor dem Wagen her bis ans Ende der Ausfahrt und stieg in den dort geparkten Audi. Im Moment, als er den Zündschlüssel drehte, rollte das Taxi an ihm vorbei.

Ohne Eile fädelte er sich in den Verkehr ein und folgte dem Wagen, wobei er gehörig Abstand und einige Autos zwischen sich und dem Taxi ließ. Insgeheim amüsierte er sich über seine ungewohnte Rolle. Maxim Gruschkow, der in Russland wegen Mordes an seiner Ehefrau mit Haftbefehl gesucht wurde und in den Jahren danach mitgeholfen hatte, mehr als ein Dutzend Menschen umzubringen, fühlte sich wie in einem Krimi.

Folgen Sie diesem Wagen!

Es war eine Abwechslung. Immer nur Denken und Programmieren war auf die Dauer einfach zu anspruchsvoll.

Dann rief er sich in Erinnerung, in welcher Situation sie sich befanden, und fühlte seine Amüsiertheit schwinden.

Das Taxi fuhr auf die andere Rheinseite und bog auf die Flughafenautobahn ab.

Gruschkow beschleunigte. Wie es aussah, würden sich Janas Befürchtungen bestätigen. Eine Weile glitten sie durch dichten Verkehr, dann nahm das Taxi die Ausfahrt zum Flughafen, und sie fuhren den Zubringer entlang.

Schilder tauchten über dem Zubringer auf, Ankunft, Abflug, Hinweisschilder auf Parkhäuser.

Keine der ausgewiesenen Richtungen steuerte das Taxi an. Stattdessen verschwand es weit vor dem Terminalkomplex in einer Seitenstraße. Gruschkow bremste den Audi ab und ließ ihn langsam die Straße entlangrollen. Sie beschrieb eine Linkskurve, führte an der Verwaltung vorbei und auf einen Flachbau zu.

Er kannte das Gebäude, vor dem Wagner und O’Connor dem Taxi soeben entstiegen. Sie alle kannten den Flughafen wie ihre Westentasche. Ohne einen weiteren Blick zu verschwenden, fuhr er an dem Flachbau vorbei, hielt sich weiterhin links, unterquerte den Zubringer und fuhr zurück auf die Autobahn.

Der Flachbau war die Polizeiwache.

Er rief Jana an.

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