Um sechs Uhr früh entdeckte ein Beamter der Wasserpolizei auf dem Charles River etwas treiben.
«Seitlich vom vorderen Bug!«rief er.»Sieht aus wie der Stamm eines Baums. Wir sollten schnell machen, bevor er absinkt.«
Der vermeintliche Baumstamm entpuppte sich als menschliche Leiche — und, was noch viel beunruhigender war, als einbalsamierte Leiche.
Die Polizisten trauten ihren Augen nicht.»Verdammt — wie kommt ein einbalsamierter Leichnam hier in den Fluß?«
Lieutenant Michael Kennedy sprach mit dem Leichenbeschauer.»Sie sind sich ganz sicher?«
«Absolut sicher«, erwiderte der Leichenbeschauer.»Es ist Harry Stanford. Ich hatte seine Einbalsamierung persönlich vorgenommen, und später kam Anweisung, ihn wieder zu exhumieren, aber als wir den Sarg aufmachten… Na, Sie wissen schon, wir haben die Sache doch der Polizei gemeldet.«
«Wer hatte die Exhumierung beantragt?«
«Die Angehörigen, über ihren Anwalt, Simon Fitzgerald.«
«Dann werde ich mich wohl mit Mr. Fitzgerald in Verbindung setzen müssen.«
Nach der Rückkehr aus Chicago fuhr Steve Sloane unverzüglich ins Büro zu Simon Fitzgerald.
«Du wirkst ja richtig erschlagen«, meinte Fitzgerald nach der Begrüßung.
«Nicht erschlagen — geschlagen. Die Sache gleitet uns aus der Hand, Simon. Wir hatten drei vielversprechende Spuren -
Dmitri Kaminski, Frank Timmons und zuletzt Margo Posner. Und was ist daraus geworden? Kaminski ist tot. Wir haben den falschen Frank Timmons gefunden. Und Margo Posner sitzt in der Klapsmühle. Wir haben nichts mehr in der…«
Über die interne Sprechanlage meldete sich die Stimme der Sekretärin.»Verzeihung, Mr. Fitzgerald, aber vor mir steht ein gewisser Lieutenant Michael Kennedy, der Sie sprechen möchte.«
«Führen Sie ihn herein.«
Michael Kennedy war ein Mensch von rauhem Äußeren mit Augen, die schon alles gesehen hatten.
«Mr. Fitzgerald?«
«Ja. Darf ich Ihnen meinen Partner Steve Sloane vorstellen? Wenn ich mich recht erinnere, hatten Sie bereits telefonisch Kontakt. Setzen Sie sich doch bitte. Womit können wir dienen?«
«Wir haben soeben die Leiche Harry Stanfords gefunden.«
«Was? Wo?«
«Sie trieb im Charles River. Es waren doch Sie, der die Anweisung gegeben hat, die Leiche zu exhumieren, nicht wahr?«
«Ja.«
«Darf ich mich nach dem Grund erkundigen?«
Fitzgerald klärte ihn auf.
«Und Sie haben keinen Verdacht«, fragte Kennedy anschließend,»wer möglicherweise unter falschem Namen als Privatdetektiv Timmons in Erscheinung getreten ist?«
«Nein, ich habe auch schon mit Timmons darüber gesprochen. Er tappt gleichfalls im dunkeln.«
Kennedy stieß einen Seufzer aus.»Die Sache wird immer merkwürdiger.«
«Wo befindet sich Stanfords Leiche zur Zeit?«fragte Steve.
«Man bewahrt sie vorläufig in der Leichenhalle auf. Ich kann nur hoffen, daß sie nicht noch einmal verschwindet.«
«Das hoffe ich auch«, sagte Steve.»Wir werden Perry Winger jetzt nämlich den Auftrag erteilen, mit Julia einen DNS-Test durchzuführen.«
Als Steve Richter Tyler telefonisch vom Auffinden der Leiche seines Vaters in Kenntnis setzte, reagierte Tyler hörbar erschrocken.
«Wie furchtbar!«stieß er hervor.»Aber wer könnte denn so etwas getan haben?«
«Das wollen wir ja gerade herausfinden«, antwortete Steve trocken.
Tyler kochte innerlich vor Wut. Dieser Volltrottel! Baker! Das zahle ich ihm heim. Ich muß die Sache schnellstens ins reine bringen, bevor alles außer Kontrolle gerät.»Sie werden es vielleicht schon gehört haben, Mr. Fitzgerald, ich bin zum Obersten Richter von Cook County bestellt worden, und dort stehen so viele Fälle an, daß man mich zu einer baldigen Rückkehr drängt, viel länger kann ich die Kollegen also nicht mehr vertrösten. Ich wäre Ihnen daher sehr verbunden, wenn Sie sich beim Nachlaßgericht für eine unverzügliche Freigabe des Testaments verwenden könnten.«
«Ich werde in dieser Angelegenheit noch heute vormittag telefonieren«, versprach Steve.»Die Sache müßte eigentlich innerhalb von drei Tagen erledigt sein.«
«Das wäre fein. Halten Sie mich bitte auf dem laufenden.«
«Mach ich, Richter.«
Steve saß grübelnd in seinem Büro, ließ sich die Ereignisse der vergangenen Wochen noch einmal durch den Kopf gehen und rief sich das Telefonat mit Chief Inspector McPherson in Sydney in Erinnerung. »Wir haben die Leiche gefunden. Sie weist mehrere Einschüsse auf, und die Finger sind abgehackt worden.«
Moment mal! dachte Steve. Einen Augenblick! Da gibt es aber doch einen Punkt, den wir vergessen haben. Er griff nach dem Telefon und wählte die Nummer in Australien.
«Hier Chief Inspector McPherson«, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung.
«Guten Tag, Chief Inspector, hier spricht Steve Sloane. Ich habe neulich ganz vergessen, Ihnen noch eine Frage zu stellen. Als Sie die Leiche von Dmitri Kaminski fanden — haben Sie da eventuell auch irgendwelche Papiere gefunden?… Verstehe… in Ordnung… Ich bin Ihnen sehr zu Dank verpflichtet.«
Steve hatte kaum aufgelegt, als sich seine Sekretärin über die Sprechanlage meldete.»Lieutenant Kennedy für Sie auf der zweiten Leitung.«
Steve drückte den Knopf.
«Lieutenant, Entschuldigung, daß Sie warten mußten. Ich habe gerade ein Ferngespräch nach Australien geführt.«
«Die Polizei von New York City hat uns ein paar interessante Informationen über Hoop Malkovitch durchgegeben. Allem Anschein nach ist er ein übler Geselle.«
Steve griff nach einem Stift.»Legen Sie los.«
«Die New Yorker Kollegen sind der Auffassung, daß die Bäckerei, wo er arbeitet, als Fassade für Rauschgifthandel dient. «Der Lieutenant machte eine kurze Pause, bevor er fortfuhr.»Malkovitch ist vermutlich ein Drogenhändler, aber er ist gerissen. Man hat ihm bisher nichts nachweisen können.«
«Sonst noch etwas?«fragte Steve.
«Die New Yorker Polizei ist der Ansicht, daß der Handel durch einen Kontakt über Marseille mit der französischen Mafia zusammenhängt. Falls ich noch mehr in Erfahrung bringe, melde ich mich.«
«Vielen Dank, Lieutenant, Ihre Mitteilungen sind äußerst hilfreich.«
Steve legte auf und stürmte aus dem Büro.
In einem Gefühl freudiger Erwartung betrat Steve seine
Wohnung und rief Julias Namen.
Keine Antwort.
Er geriet in Panik.»Julia!«Sie ist entführt worden, schoß es ihm durch den Kopf, oder umgebracht.
Da erschien Julia plötzlich im oberen Stockwerk am Treppenabsatz.
«Steve?«
Er atmete einmal tief durch.»Ich hatte schon Angst…«Er war kreidebleich.
«Alles in Ordnung mit Ihnen?«
«Ja.«
Sie kam die Treppe herunter.»Ist alles gutgegangen in Chicago?«
Er schüttelte den Kopf.»Leider nein. «Er erzählte ihr von seinen Nachforschungen.»Und am Donnerstag wird das Testament offiziell freigegeben, Julia, das heißt, wir haben nur noch drei Tage. Bis dahin muß der Typ, der hinter der Sache steckt, Sie umbringen — sonst war sein ganzer Plan ein Fehlschlag.«
Sie schluckte.»Ich verstehe. Haben Sie eine Ahnung, um wen es sich handelt?«
«Also, nach meiner Auffassung…«Das Telefon läutete. Steve nahm ab.»Hallo?«
«Hier Dr. Tichner in Florida. Ich bitte um Nachsicht, daß ich nicht früher angerufen habe, aber ich war verreist.«
«Vielen Dank, daß Sie zurückrufen, Dr. Tichner. Unsere Kanzlei vertritt die Erbengemeinschaft Stanford.«
«Was kann ich für Sie tun?«
«Ich rufe an wegen Woodrow Stanford. Meines Wissens ist er Ihr Patient.«
«So ist es.«
«Hat er ein Drogenproblem, Doktor?«
«Mr. Sloane, ich darf keine Auskünfte über Patienten erteilen.«»Dafür habe ich volles Verständnis, ich frage auch nicht aus Neugier. Die Sache ist von größter Bedeutung…«
«Bedaure, nur kann ich wirklich nicht…«
«Sie haben ihn in die Harbor Group Clinic in Jupiter eingewiesen, das stimmt doch?«
Langes Schweigen.»Ja, das ist richtig.«
«Ich danke Ihnen, Doktor, mehr brauche ich gar nicht zu wissen.«
Steve legte auf.
«Das ist unglaublich!«
«Was denn?«fragte Julia.
«Setzen Sie sich…«
Keine halbe Stunde später saß Steve bereits in seinem Wagen und fuhr in Richtung Rose Hill. Plötzlich formten sich alle Stücke des Puzzles zu einem Ganzen. Er ist absolut brillant, dachte Steve. Und beinahe hätte er's wirklich geschafft. Es könnte sogar immer noch klappen, falls Julia etwas zustieße.
In Rose Hill öffnete Clark.»Guten Abend, Mr. Sloane.«
«Guten Abend, Clark, ist Richter Stanford zu Hause?«
«Er hält sich in der Bibliothek auf. Ich werde ihm sagen, daß Sie ihn sprechen möchten.«
«Vielen Dank. «Sein Blick folgte Clark.
Der Butler kehrte bald zurück.»Richter Stanford läßt bitten.«
«Danke.«
Als Steve die Bibliothek betrat, saß Tyler vor einem Schachbrett und erweckte einen Eindruck höchster Konzentration. Er hob den Kopf.
«Sie wollten mich sprechen?«
«Ja. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, daß es sich bei der jungen Dame, die Sie vor ein paar Tagen aufgesucht hat, um die wahre Julia Stanford handelt. Die erste Julia war eine Fälschung.«
«Aber das ist völlig unmöglich.«
«Leider ist es aber trotzdem so, und ich habe auch herausgefunden, wer die Sache mit der falschen Julia ausgeheckt hat.«
Kurzes Schweigen, bis Tyler schließlich gedehnt fragte:»Wirklich?«
«Ja, wirklich. Es tut mir leid, Ihnen einen Schreck einjagen zu müssen: Es ist Ihr Bruder — Woody.«
Tyler schaute Steve mit einem Ausdruck totalen Erstaunens an.»Wollen Sie damit behaupten, daß Woody die Verantwortung für alles trägt, was sich im Zusammenhang mit dem Auftreten der Dame hier abgespielt hat?«
«So ist es.«
«Ich… Das kann ich einfach nicht glauben.«
«Mir ging's zuerst genauso, aber es paßt alles zusammen. Ich habe mit seinem Arzt in Hobe Sound telefoniert. Haben Sie gewußt, daß Ihr Bruder drogensüchtig ist?«
«Ich… ich habe es geahnt.«
«Drogen kosten eine Menge Geld, und einer festen Arbeit geht Woody nicht nach. Er braucht aber Geld, und das war offensichtlich der Grund für seinen Plan, sich einen größeren Anteil am Erbe zu verschaffen. Also, er ist derjenige gewesen, der die falsche Julia angeheuert hat. Als Sie dann aber mit unserer Kanzlei sprachen und einen DNS-Test forderten, da hat er Angst bekommen und die Leiche Ihres Vaters aus dem Sarg entfernt, da er es nicht riskieren durfte, daß der Test durchgeführt wurde. Es war dieses Indiz, das mich überhaupt auf den Gedanken gebracht hat, daß er der Täter ist. Und ich nehme auch an, daß er es war, der einen Mann mit dem Auftrag zur Ermordung der echten Julia nach Kansas City schickte. Haben Sie übrigens gewußt, daß Peggy einen Bruder hat, der mit der Mafia zusammensteckt? Solange außer der Hochstaplerin auch die wahre Julia am Leben ist, kann sein Plan nie aufgehen.«
«Und Sie sind sich in allen Punkten absolut sicher?«»Vollkommen sicher. Es gibt da aber noch etwas anderes.«
«Ja?«
«Ich glaube nicht, daß Ihr Vater von der Jacht ins Meer gefallen ist, ich glaube, Woody hat Ihren Vater umbringen lassen; es war Mord. Es könnte allerdings auch sein, daß Peggys Bruder den Auftrag zu diesem Mord gegeben hat. Nach meinen Informationen steht er mit der Mafia in Marseille in Kontakt, und für die dortigen Mafiosi wäre es überhaupt kein Problem gewesen, ein Mitglied der Crew für Geld für die Durchführung des Mords zu gewinnen. Ich nehme noch heute abend eine Maschine nach Italien, um den Kapitän der Jacht zu befragen.«
Tyler hörte gespannt zu.»Das ist ein guter Gedanke«, meinte er beifällig. Kapitän Vacarro weiß von gar nichts.
«Ich werde alles tun, damit ich am Donnerstag zur amtlichen Testamentseröffnung wieder in Boston zurück bin.«
«Und was ist mit der echten Julia?«fragte Tyler.»Ist bis dahin für ihre Sicherheit gesorgt?«
«Aber ja«, erwiderte Steve.»Dort, wo sie zur Zeit wohnt, würde sie niemand vermuten. Sie ist bei mir zu Hause untergebracht.«