Je näher sie ihrem Ziel kamen, umso stärker wirkten die Bäume rechts und links der Straße wie ein Spalier aus Dämonen, die jeden Moment erwachen und über die Reisenden herfallen konnten. Lea war bewusst, dass nur ihre Ängste aus den verkrümmten Stämmen und den mit langen Moosbärten bedungenen Ästen Körper machten, die in Qualen erstarrt auf ahnungslose Opfer ihres Zorns warteten. Seit sie zu Hause in die Kutsche gestiegen war, plagte sie eine böse Vorahnung, so als würde die erste Reise ihres Lebens auch ihre letzte sein. Sie drückte sich tiefer in die Polster, um den unangenehmen Lichtblitzen zu entgehen, die die grelle Sonne durch das Blätterdach warf, und musterte die Gesichter ihres Vaters und ihrer Geschwister, doch keiner von ihnen schien sich ebenso unbehaglich zu fühlen wie sie.
Jakob ben Jehuda, den man in Hartenburg Jakob Goldstaub nannte, blickte versonnen lächelnd zum Fenster heraus, als genieße er die Fahrt in dem stickigen, rumpelnden Wagenkasten, während Samuel, Leas älterer Bruder, die Hände vor der Brust verschränkt hatte und sichtlich gelangweilt vor sich hinstarrte.
Elieser, der zwischen ihr und ihrer Schwester saß, schien zu schlafen, und Rachel spielte mit einem Stück Faden, das sie sich um die Finger der rechten Hand wickelte. Trotz all der Gefahren, mit denen das Reisen in diesen Zeiten - insbesondere für Juden - verbunden war, schien es niemanden außer ihr zu beunruhigen, dass sie zum ersten Mal gemeinsam unterwegs waren und nur die Dienstboten das Haus hüteten. Wenn ihnen etwas zustieß, würde es keine Familie Goldstaub mehr geben.
Um ihre düsteren Ahnungen zu verscheuchen, versuchte Lea an etwas Schönes zu denken, doch ihr Blick wanderte unwillkürlich wieder nach draußen, und ihr war, als würden Schatten zwischen den Bäumen heranschleichen, um sie zu erschrecken - oder zu warnen. Sie schloss die Augen und presste die Hände vors Gesicht, um nichts mehr sehen zu müssen, doch im gleichen Moment drang grelles Licht zwischen ihren Fingern hindurch. Sie ließ die Arme wieder sinken und sah, dass der Wald zurückgetreten war und einer offenen Bauernlandschaft Platz gemacht hatte. Erleichtert seufzte sie auf, und als sie den Kopf aus dem Kutschenfenster streckte, entdeckte sie die Mauern von Sarningen.
Lea hielt überrascht den Atem an. Verglichen mit dem heimatlichen Hartenburg war die Stadt riesig. Es gab gleich vier hoch über die Stadtmauer ragende Kirchtürme, deren Kappen mit geschliffenen Schieferplatten in geometrischen Mustern geschmückt waren, und die hinter der Mauerkrone sichtbaren Dächer waren ebenso wie die Kirchen und die Türme in der Stadtmauer mit vielfarbe-nem Schiefer gedeckt.
Die Kutsche fuhr nun über eine gewölbte Brücke, unter der die Sarn floss, und als sie den höchsten Punkt erreicht hatte, konnte Lea die blank polierten Rüstungen mehrerer Torwächter, die vor dem Südtor standen und die Reisenden kontrollierten, in der Sonne aufblitzen sehen. Anders als die Menschen zu Hause waren die Sarninger Bürger keinem Markgrafen Untertan, der wie Ernst Ludwig von Hartenburg als unumschränkter Souverän tun konnte, was ihm beliebte. Das hatte Lea Gesprächen zwischen ihrem Vater und ihren Brüdern entnommen, und sie hätte gern mehr über die Stadt erfahren. Sie sah ihren Vater fragend an, in der Hoffnung, er würde ihr erlauben, ihn anzusprechen. Sein Blick wanderte zwar ein paarmal über sie hinweg, aber er reagierte nicht auf ihre bittende Miene, sondern strich sich nur gedankenverloren über seinen langen, grauen Bart und betrachtete seine beiden Söhne mit sichtlichem Stolz.
Jakob ben Jehuda war in diesen Stunden mit sich und der Welt so zufrieden, wie es ein gläubiger Jude in dieser Zeit sein durfte.
Als Hoffaktor und Bankier des Markgrafen Ernst Ludwig von Hartenburg konnte er es sich erlauben, mit einem eigenen Wagen zu reisen, auch wenn sein Gefährt die meisten Leute zu Spott und Gelächter reizte. Von außen wirkte der Wagenkasten nämlich wie eine lieblos zusammengezimmerte Holzkiste auf vier Rädern, aber er war gut ausgepolstert, und die Lederbänder, in denen er hing, waren so geschickt angebracht, dass sie die Unebenheiten der Straße besser abfingen als die Aufhängungen der meisten anderen Kutschen.
Mit der gleichen Sorgfalt, mit der Jakob ben Jehuda diese Karikatur eines Reisewagens hatte anfertigen lassen, waren auch die Pferde ausgesucht worden. Jeder, der die beiden schwerknochigen Tiere mit ihren durchhängenden Rücken und ihren schadhaften Fellen erblickte, musste davon überzeugt sein, dass die elenden Geschöpfe jeden Augenblick zusammenbrechen konnten, aber es steckte genug Kraft in ihnen, den Wagen tagelang von Ort zu Ort zu ziehen.
Jakob Goldstaub war reicher als die meisten Reisenden, die in prachtvollen Kaleschen mit Sitzkissen aus Brokat und goldverzierten Wappenbildern an ihm vorbeizogen, stolz auf ihre Vierergespanne aus gemütlich trabenden Brabantern oder windschnellen spanischen Rossen, doch ein Jude, der halbwegs unbehelligt bleiben wollte, durfte nichts von seinem Wohlstand zur Schau stellen.
Gerschom, der Leibdiener, der auch als Kutscher fungierte, klopfte auf das Wagendach. »Wir sind gleich da, Herr!«
Die Ankündigung weckte Jakob Goldstaubs jüngeren Sohn Elieser, Er schreckte hoch, entdeckte die Stadtmauern vor sich und versuchte sofort, Lea von ihrem Platz zu verdrängen, um mehr sehen zu können. Der schlanke Knabe mit großen, dunklen Augen und zierlichen Schläfenlöckchen, die noch keine Schere berührt hatte, war drei Jahre jünger als Lea. Er platzte beinahe vor Stolz, weil sein Vater die Reise seinetwegen unternahm, und wollte sich von seiner älteren Schwester, die lange Zeit Mutterstelle an ihm vertreten hatte, nichts mehr sagen lassen. Er würde bald ein Mann sein, das hatte er ihr vor der Abreise deutlich gemacht, und weil sie nur ein Mädchen war, hatte sie ihm zu gehorchen.
Da Lea ihm den Platz am Fenster nicht sofort abtrat, versetzte er ihr einen Schlag. Es juckte ihr in den Fingern, ihm dafür eine Ohrfeige zu verpassen, aber sie traute sich nicht, denn ihr Vater würde sie heftig tadeln und einen Satz aus den heiligen Schriften zitieren, der Elieser in seinen Unarten eher noch bestärkte. Daher glitt sie mit verbissener Miene in die Mitte der Bank, um Elieser die Aussicht zu überlassen, und fragte sich bitter, warum sie immer hinter ihren Brüdern zurückstehen musste. Um ihretwillen, dachte sie verärgert, würde ihr Vater keine Reise antreten.
Da die jüdische Gemeinde in Hartenburg zu klein war, um das Bar-Mizwa-Fest für Elieser so feiern zu können, wie es vorgeschrieben war, musste Jakob Goldstaub ihn nach Sarningen bringen, denn die Judengemeinde dieser Stadt besaß eine Synagoge und war groß genug, um jederzeit die vorgeschriebene Mindestzahl von elf erwachsenen Männern zusammenbringen zu können. Seit Jakob
Goldstaubs Vater sich in Hartenburg angesiedelt und das erste Mal die Synagoge in Sarningen besucht hatte, zählten die dortigen Juden die Familie Goldstaub zu ihrer Gemeinde, und das Familienoberhaupt nutzte jede Gelegenheit, seine Glaubensbrüder dort aufzusuchen und mit ihnen zu beten.
Samuel, Jakob Goldstaubs ältester Sohn, begleitete seinen Vater seit seiner Bar-Mizwa regelmäßig nach Sarnin-gen und interessierte sich kaum noch für die Aussicht aus dem Fenster. Daher amüsierte ihn der Streit zwischen Lea und Elieser, während Rachel, die jetzt schon versprach, eine Schönheit zu werden und sich wie eine empfindliche Pflanze gab, die Nase rümpfte und den beiden den Rücken zuwandte. Von ihrem Platz aus hatte sie einen weiten Blick über die von Pappeln gesäumte Sarn und die Weizenfelder, deren Grün bereits dem ersten goldenen Schein des reifenden Getreides wich.
Als die Straße eine weitere Kurve machte, zeigte Rachel hinaus. »Gleich sind wir beim Tor. Ich kann schon die Gasse dahinter erkennen.«
Elieser rutschte unruhig auf seinem Platz herum. »Ist das riesig! Viel größer als die Hartenburger Tore. Seht ihr den schwarzen Vogel auf goldenem Grund dort oben in der Mitte?«
»Das ist der Reichsadler. Er zeigt an, dass Sarningen als freie Reichsstadt nur dem Kaiser allein verantwortlich ist«, klärte Jakob ben Jehuda seinen jüngeren Sohn lächelnd auf. Lea kniff die Lippen zusammen. Wenn sie etwas wissen wollte, überhörte der Vater zumeist ihre Fragen oder tadelte sie sogar, weil es sich nicht gehörte, dass ein Mädchen Wissbegier zeigte, Elieser hingegen erhielt jedes Mal eine Antwort. Lea fragte im Stillen Gott, warum sie als Mädchen so wenig galt, beantwortete sich das jedoch wie gewohnt selbst. Gott hatte Adam als Ers-tes geschaffen und Eva nur aus dessen Rippe gemacht. Deswegen war es eine Sünde, wenn sie sich über die Bevorzugung ihrer Brüder beklagte. Gerade als ihr Vater Elieser eine weitere Erklärung geben wollte, hielt der Wagen an. Ein Torwächter steckte den Kopf herein. »Wer seid ihr?«
Seine Stimme klang so rau und unfreundlich, dass Lea zusammenzuckte, aber ihr Vater lächelte, als wäre er herzlich willkommen geheißen worden. »Ihr kennt mich doch. Ich bin Jakob, der Jude aus Hartenburg. Ich war schon oft in Eurer Stadt.«
»Ach so, du bist es.« Die Stimme des Torwächters klang um keinen Deut freundlicher. Er trat einen Schritt zurück und klopfte mit dem Stiel seiner Hellebarde gegen den Wagenkasten. »Herauskommen! Kein Jude fährt vierspännig in Sarningen ein, als wäre er ein großer Herr.«
Elieser warf den Kopf hoch. »Wir haben doch nur zwei Gäule vorgespannt, und was für elende!«
»Ein Jude fährt auch nicht zweispännig ein. Also, raus aus dem Wagen, sonst helfe ich nach.«
Der Soldat hob drohend die Hellebarde, aber Jakob Goldstaub hatte bereits den Schlag geöffnet und kletterte hinaus, seine Kinder folgten ihm. Er war auf seinen Reisen schon oft das Opfer von Schikanen geworden und wusste, dass es besser war, die Leute nicht zu reizen, wollte man sich nicht ein paar derbe Hiebe oder Schlimmeres einhandeln. Ein Jude galt nun einmal weniger als ein Hund, das hatte er schon oft erfahren müssen.
Es gab kein Land auf der Welt, in dem das Volk Israels frei nach seinen Sitten und Gebräuchen leben konnte, nicht hier im Heiligen Römischen Reich und noch weniger in Frankreich, wo die Christen erst vor kurzem die Talmudschriften vieler Gemeinden verbrannt hatten und die dagegen protestierenden Juden gleich mit dazu. Selbst in den Ländern des Islam, der ebenso wie das Christentum die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob als große Propheten pries und viele seiner Weisheiten aus der Thora bezogen hatte, wurden Juden nur geduldet und galten oft genug als Ärgernis.
Jakob Goldstaub verdrängte die düsteren Gedanken schnell, denn Bitterkeit verwirrte nur die Sinne. Die Torwächter sahen so aus, als lauerten sie auf einen Grund, ihn samt seinen Kindern niederzuschlagen, doch er lächelte den Männern nach alter Gewohnheit so freundlich zu, als hätten sie ihn wie einen hochgestellten Gast begrüßt, holte einige Kreuzer aus seiner Tasche und drückte sie ihnen mit einer Verbeugung in die Hände. »Nach dem langen Dienst am Tor werdet ihr gewiss Durst haben.«
Die Torwächter grinsten, und einer klopfte Goldstaub sogar auf die Schulter. »Das kannst du laut sagen, Jude. Wir werden heute Abend einen Krug auf deine Gesundheit trinken!«
Sein Kamerad hielt sich den Bauch vor Lachen. »Auf seine Gesundheit, das ist gut! Ja, wirklich!«
Dann aber setzte er wieder eine grimmige Miene auf und hob drohend die Hellebarde. »Los, macht, dass ihr in die Stadt kommt! Ihr versperrt anständigen Christenmenschen den Weg.«
Gerschom beugte sich vom Bock. »Und was wird mit dem Wagen?«
»Du kannst vorausfahren.« Der Torwächter gab dem linken Pferd einen rüden Schlag auf die Kruppe, so dass Gerschom Mühe hatte, das wiehernde Tier unter Kontrolle zu bringen.
Dann trieb er beide Pferde mit einem Zungenschnalzen an und ließ den Wagen durch das Tor rollen.
Goldstaub verneigte sich noch einmal so tief, als hätte er statt einfacher Stadtbüttel hohe Herren vor sich, und folgte mit seinen Kindern gemächlich dem Wagen. Der spitze, gelbe, durch vielen Gebrauch schon bräunlich verfärbte Hut, den er als erwachsener Mann mosaischen Glaubens tragen musste, schien ihn zur Erde zu drücken, während sich der handtellergroße, gelbe Ring, den auch seine Kinder auf der Kleidung tragen mussten, grell von dem billigen, braunen Stoff des Mantels abhob.
Erst als die kleine Gruppe das Tor passiert hatte, wandte sich Jakob Goldstaub besorgt zu seinen Kindern um. Samuels Gesicht war vor Zorn gerötet, und seine Augen blitzten kriegerisch. Ihm fiel es immer noch schwer, die ständigen Kränkungen gleichmütig hinzunehmen. Leas Augen funkelten genauso wild wie die ihres Bruders, und ihr trotzig vorgeschobenes Kinn zeigte, wie es in ihr tobte. Elieser und Rachel aber hielten die Köpfe gesenkt und drängten sich wie verängstigte Schafe an ihre älteren Geschwister.
Goldstaub drehte sich um und schüttelte ratlos den Kopf, denn er hatte nie begreifen können, dass seine Nachkommen so unterschiedlich geraten waren. In Samuel glühte der Mut eines Judas Makkabäus, den er, wenn er als Jude überleben wollte, bald würde bezähmen müssen, und zu ihrem Unglück glich Lea ihrem älteren Bruder in Aussehen und Charakter. Beide hatten ein schmales, energisches Gesicht mit einer leicht gebogenen Nase, die für ein Mädchen jedoch etwas zu lang war, einen festen Mund und dunkelblaue Augen, die Feuer sprühten, wenn ihnen etwas nicht passte. Das aufbrausende Temperament der beiden spiegelte sich in ihren rötlichen Haaren wider, doch während Samuel als hübscher, wohlgeratener Junge galt, gereichten Lea mit ihren sechzehn Jahren weder ihr Aussehen noch ihr Wesen zum Vorteil.
Im Gegensatz zu der älteren Schwester waren Elieser und Rachel ausnehmend hübsch. Beide waren von anmutiger Gestalt, hatten dunkle Augen und schwarze Haare, die durch Mütze und Kopftuch nur unvollständig verdeckt wurden. Anders als ihre jüngere Schwester verbarg Lea ihr Haar sorgfältig unter einem Tuch und trug auch schon die Tracht einer verheirateten Frau, denn sie führte an Stelle ihrer verstorbenen Mutter den Haushalt. Sie und Samuel hingen enger zusammen, als es Bruder und Schwester in Jakob ben Jehudas Augen gut tat, daher war er froh, dass das Mädchen nicht mehr lange unter seinem Dach weilen würde.
Weder Samuel noch seinen anderen Kindern hatte er verraten, dass er nicht nur wegen Eliesers Bar-Mizwa nach Sarningen gekommen war. Es wurde allmählich Zeit, seine beiden Ältesten zu vermählen, und er hoffte, in der hiesigen Gemeinde eine Braut für Samuel und einen Gatten für Lea zu finden. Für Samuels Verlobung und Heirat benötigte er ein Privileg, das er seinem Landesherrn für teures Geld abkaufen musste, und wahrscheinlich würde er auch die Heiratserlaubnis des Jünglings bezahlen müssen, der bereit war, mit Lea unter den Traubaldachin zu treten. Doch die Sorge um die Summen, die er würde aufbringen müssen, durfte ihn nicht davon abhalten, dem Gesetz Israels zu gehorchen und die wichtigsten Schritte im Leben seiner älteren Kinder in die Wege zu leiten.
Der Einzug der Juden blieb nicht unbemerkt. Die Leute drehten sich auf der Straße nach ihnen um, zeigten mit den Fingern auf sie und starrten sie an, als brächten sie unheilvolle Omen über die Stadt. Ein paar alte Frauen schlugen das Kreuz, so als müssten sie sich beim Anblick der gelben Hüte, die die männlichen Juden trugen, gegen höllische Mächte schützen. Gassenjungen liefen der Fami-lie nach, verspotteten sie mit rüden Versen und bewarfen sie mit allem, was sie auf der gepflasterten Straße fanden. Meist waren es nur kleine Steine oder Schmutz, der von den Rädern der Fuhrwerke abgefallen war. Doch mehr als einmal wurde Jakob Goldstaub auch von den Exkrementen eines Hundes getroffen.
So viel Feindseligkeit war ihm in dieser Stadt noch nie begegnet, und er nahm sich vor, seinen Schwager Esra ben Nachum, den Vorsteher der hiesigen Gemeinde, darauf anzusprechen und ihn zu warnen, denn hier braute sich etwas zusammen. Die Situation wurde ihm so unheimlich, dass er gegen alle Gewohnheit rascher ausschritt und auch seinen Kindern winkte, sich zu beeilen. Als sie die Judengasse der Stadt erreicht hatten, drängte ihn alles, das Tor in der mehr als mannshohen Mauer, die das Wohnviertel der jüdischen Gemeinde von den übrigen Straßen trennte, so schnell wie möglich zu passieren, doch der Zugang war so schmal, dass er warten musste, bis Gerschom den Wagen hindurchmanövriert hatte. Dann erst konnte er seine Kinder durch die Öffnung schieben und ihnen folgen. Als er schon aufatmen wollte, traf ihn als letzter Gruß der Gassenjungen ein Lehmbatzen am linken Ohr.
Esra ben Nachum empfing Jakob Goldstaub vor seinem Haus. Er umarmte den Gast und wischte eigenhändig einige Schmutzspuren von dessen Mantel ab. »Friede sei mit dir und deinen Kindern, Jakob ben Jehuda. Ich wünschte, ihr wärt zu einer besseren Zeit gekommen. Nun aber schüttelt den Staub der Reise von euren Kleidern und erfrischt euch.«
»Friede sei auch mit dir, Esra, und den Deinen«, erwiderte Jakob Goldstaub den Gruß. Dann drehte er sich um und zeigte auf das mittlerweile geschlossene Tor der Judengasse. »Was geht in Sarningen vor? Als ich das letzte Mal hier war, erschienen mir die Leute viel freundlicher.«
Der Hausherr hob die Augen zum Himmel und breitete die Arme aus. »Morgen ist Zinstag, und viele unserer Schuldner haben ihren Unmut über unsere berechtigten Forderungen lautstark unter die Leute getragen. Andere, meist Fremde, haben das ausgenützt, um unsere christlichen Mitbewohner gegen uns aufzuhetzen. Aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Es kommt an einem solchen Tag immer wieder zu gewissen Missstimmungen, wenn es diesmal auch schlimmer ist als sonst. Die Leute werden sich schon bald beruhigt haben, und dann können wir wieder in Frieden leben.«
Lea vernahm die Angst, die in der Stimme ihres Onkels mitschwang, und es kam ihr so vor, als wolle er sich selbst Mut zusprechen. »In Hartenburg haben wir doch auch Zinstage. Aber dort sind die Leute nie so aggressiv geworden wie hier.«
Samuel ballte die Fäuste. »Lea hat Recht. Die Christen benehmen sich ganz anders als bei meinen früheren Besuchen. Bist du sicher, Onkel, dass sie keinen Überfall planen?«
»In einer großen Stadt wie hier gibt es immer Aufrührer und Schreihälse. Daran gewöhnt man sich, mein Junge«, erklärte Esra ben Nachum mit einer hilflosen Geste. »Wir können nichts anderes tun als abzuwarten, bis das Geschrei verstummt und die Leute andere Dinge im Kopf haben. Da uns die meisten Berufe verwehrt sind und nicht jeder von uns ein erfolgreicher Fernhandelskaufmann sein kann, verdienen wir unseren Lebensunterhalt hauptsächlich als Pfandleiher und Kreditgeber, und das bringt nun einmal solche Probleme mit sich. Schau, Samuel, die Menschen, die zu uns kommen, können nicht die Sicherheiten bieten, welche die Fugger in Augsburg oder die Lombarden von ihren Schuldnern fordern, und so gehen wir mit jedem Geschäft, das wir mit Christen abschließen, ein Risiko ein. Du wirst auch noch begreifen, dass es nicht jedem Juden so gut geht wie deinem Vater, der eine sichere Position als Hoffaktor eines Herzogs hat und seinen Geschäften ohne große Sorgen nachgehen kann.«
Lea hob die Hand. »Ernst Ludwig von Hartenstein ist kein Herzog, er trägt nur den Titel eines Markgrafen, Onkel.«
Esra ben Nachum warf ihr einen irritierten Blick zu und wandte sich mit einem verkniffenen Lächeln an seinen Schwager. »Deine Lea scheint mir immer noch ein wenig vorlaut zu sein.«
Lea fand diesen Vorwurf ungerecht und ärgerte sich gleich noch einmal, denn ihr Vater stimmte seinem Schwager entschuldigend zu. »Sie war noch sehr jung, als sie den Platz ihrer Mutter einnehmen musste. Daher hat sie nicht gelernt zu schweigen, wie es die Sitte von einer Frau verlangt.«
»Mirjam wird sich um sie kümmern.« Esra Ben Na-chum führte die Gäste in sein Haus, einen niedrigen Fachwerkbau, der von außen windschief und heruntergekommen wirkte, sich innen aber als stabil und wohlgepflegt erwies.
Jakob ben Jehudas Schwester Mirjam erwartete die Gäste in der Wohnstube. Sie war gekleidet, als bereite sie sich auf eine weite Reise vor, und trug, wie ein leises Klingeln beim Gehen verriet, wohl ihren gesamten Schmuck bei sich. Das machte Lea hellhörig. Rachel und sie trugen ebenfalls einige Schmuckstücke von Wert unter ihrer Kleidung, die bei Bedarf in gemünztes Gold umgetauscht werden konnten. Doch wenn die Tante ihren Schmuck schon im Haus unter ihren Röcken verbarg, war die Gefahr größer, als ihr Onkel zugeben wollte.
»Habt ihr Angst, aus der Stadt vertrieben zu werden, weil du deinen Schmuck bei dir trägst?«, fragte sie besorgt. »Dann solltest du aber darauf achten, dass er beim Gehen nicht klirrt. Oder willst du die Leute darauf aufmerksam machen, was du unter deinem Kleid verbirgst?«
Mirjam hob erschrocken ihre Schürze und betastete den Rock.
Nun vernahm sie es ebenfalls. »Du hast gute Ohren, Lea. Mir ist nichts aufgefallen. Aber keine Sorge, es wird schon nichts passieren. Ich bin nur etwas nervös und habe deswegen meine Sachen an mich genommen. Schau, unsere Sippe lebt schon seit mehr als zweihundert Jahren in Sarningen, und außer einem Mord an einem ortsfremden Juden ist hier noch nie etwas vorgefallen.«
Zu Hause hatte Lea etwas ganz anderes gehört, aber da die Kritik ihres Vaters noch an ihr nagte, nahm sie Mirjams Erklärung mit einem skeptischen Nicken zur Kenntnis. »Bestimmt hast du Recht. Aber habt ihr denn schon herausgefunden, was die Christen so gegen euch aufgebracht hat?«
Mirjam zuckte hilflos mit den Achseln. »Esra ist schon beim kaiserlichen Vogt vorstellig geworden, doch Rittlage hat ihn ausgelacht und gesagt, ein paar unserer Schuldner hätten im Wirtshaus Drohungen gegen uns ausgestoßen. Wir müssten uns jedoch keine Sorgen machen, denn mit betrunkenem Kopf redeten die Leute halt viel dummes Zeug.«
»Sie tun auch viel, wenn sie betrunken sind, und kennen dann kein Maß und keine Hemmungen.« Leas Stimme klang schärfer als beabsichtigt.
Miriam winkte ab und wollte ihrer Nichte schon sagen, dass sie alles viel zu schwarz sehe, aber Lea vergaß schon wieder die ihr gebotene Zurückhaltung und ließ sie nicht zu Wort kommen.
»Ich finde es jedenfalls gut, dass du deinen Schmuck bei dir trägst, denn dann kannst du auf der Stelle davonlaufen, wenn die Leute euer Viertel stürmen.«
Mirjam nickte bedrückt, Rachel aber schürzte unwillig die Lippen. »Was redest du da für dummes Zeug? Wenn uns in dieser Stadt Gefahr drohen würde, hätte Vater uns gewiss nicht hierher gebracht.«
»Das ist kein Unsinn! Ein Jude ist immer und überall in Gefahr«, fuhr Lea sie an und biss sich auf die Lippen, als sie die mitleidig-verächtlichen Mienen ihrer Schwester und ihrer Tante auf sich gerichtet sah.
Die beiden mochten die üblen Vorzeichen nicht ernst nehmen und sich in trügerischer Sicherheit wiegen, bis es zu spät war, Lea zog es jedoch vor, Augen und Ohren offen zu halten. Nicht umsonst hatte sie stundenlang mit einer der ihr verhassten Handarbeiten in einer Zimmerecke gehockt und den Lehrern zugehört, die ihr Vater für Samuel und später auch für Elieser zu Gast geladen hatte.
Auf diese Weise hatte sie nicht nur gelernt, was in der Thora stand und wie man sie auslegen musste, sondern auch viel über das Leben des jüdischen Volkes und seiner Gemeinden erfahren.
Sie lächelte ihrer Schwester besänftigend zu. »Eine gewisse Vorsicht ist für uns Juden überlebenswichtig. Wenn Onkel Esra und Tante Mirjam fliehen müssen, wird es ihnen der gerettete Schmuck ermöglichen, sich in einer anderen Stadt einzukaufen.
Ein Jude ist nämlich nur dann willkommen, wenn er zahlen kann, Bettler haben die Christen selbst genug.«
Mirjams herabgezogene Mundwinkel verrieten, wie sehr es ihr gegen den Strich ging, ihre Nichte wie einen Mann reden zu hören. »Sprechen wir von erfreulicheren Dingen, Lea. Soviel ich weiß, will dein Vater unter unseren jungen Männern einen Bräutigam für dich aussuchen.«
Lea wurde rot, aber anstatt verschämt den Blick zu senken, straffte sie die Schultern und hob das Kinn. »Davon weiß ich nichts. Vater hat nur einmal erwähnt, dass er sich bald nach einer Braut für Samuel umschauen muss.«
Mirjam hob den Zeigefinger. »Du bist schon seit fast einem Jahr heiratsmündig, und wenn dein Vater noch lange wartet, wird man sich fragen, ob mit dir etwas nicht stimmt. Aber keine Angst, wir werden schon einen geeigneten Bräutigam für dich finden.«
Man konnte ihr ansehen, dass sie die Vorzüge der jungen Männer ihrer Sippe gegeneinander abwog. »Es ist schier unmöglich, einen Mann zu finden, der nicht zu dir aufblicken muss. Aber der eine oder andere dürfte über deine Körpergröße hinwegsehen, wenn er hört, wie hoch die Mitgift ist, mit der dein Vater dich ausstatten kann.«
Mirjams skeptischer Blick strafte ihre Worte jedoch
Lügen. Lea war größer als alle Männer der Sarninger Gemeinde mit Ausnahme ihres älteren Bruders, und schon die Art, wie sie sich bewegte, deutete daraufhin, dass sie eine herrische Frau werden würde. Daher würde es trotz des Reichtums ihres Vaters schwer werden, sie zu verheiraten.
»Samuel ist ja auch recht hoch aufgeschossen, aber bei ihm mache ich mir keine Sorgen. Er ist ein hübscher junger Mann und wird als ältester Sohn und Erbe eures Vaters gewiss einmal dessen Stelle als Hoffaktor eures Herzogs einnehmen.«
»Ernst Ludwig von Hartenburg ist Markgraf, nicht Herzog, Tante.«
Mirjam hob in einer verzweifelten Geste die Hände zum Himmel. »Man merkt dir an, dass du ohne Mutter aufgewachsen bist. Dein Vater hätte sich eine zweite Frau nehmen sollen.«
Lea lachte hart auf. »Er wollte dem Markgrafen nicht das viele Geld für die Erlaubnis in den Rachen stopfen. Es wird schon teuer genug werden, uns vier zu verheiraten.«
»Du tust so klug und bist doch noch so unverständig wie ein kleines Kind. Ein Mann braucht nun einmal ein Weib, so ist es von Gott beschlossen. Eine willige Magd kann keine Ehefrau ersetzen.«
Lea wollte gegen die Unterstellung protestieren, dass es in ihrem Haushalt willige Mägde gebe. Ihr Vater war über das Alter hinaus, in dem er sich noch viel aus Frauen machte. Mit dieser Erklärung hätte sie ihn jedoch vor der Verwandten beschämt, und deswegen wechselte sie schnell das Thema.
»Lebt hier in Sarningen nicht eine junge Frau, die aus Hartenburg stammt? Sie heißt Gretchen und hat einen Sar-ninger Magistratsbeamten namens Peter Pfeiffer geheiratet.«
»Die kenne ich. Sie wohnt keinen Steinwurf von hier entfernt in einer Nebengasse. Eine der Pforten in der Mauer, die unser Viertel umgibt, führt direkt zu ihrem Haus. Was willst du von ihr?«
»Ich soll ihr Nachrichten von ihrer Familie und Grüße von ihren Verwandten überbringen. Ihre Eltern sind unsere Nachbarn und gut mit uns bekannt. Am liebsten würde ich noch heute Abend zu ihr gehen, denn man hat mich dringend um den Besuch gebeten.«
Das entsprach nicht ganz der Wahrheit. Lea hatte Gretchens Mutter zwar versprochen, ihre Tochter bei Gelegenheit aufzusuchen, doch sie hatte ihr erst Botschaft schicken und anfragen wollen, ob sie in ihrem Haus willkommen war. Die christliche Familie, in die Gretchen eingeheiratet hatte, war möglicherweise nicht bereit, eine Jüdin über ihre Schwelle treten zu lassen. Jetzt aber bot Lea der Besuch bei Gretchen eine Chance, für eine Weile der Tante und deren Heiratsplänen zu entkommen. Am nächsten Morgen, das nahm sie sich fest vor, würde sie ihren Vater fragen, ob er sie tatsächlich hier in Sarningen an den Nächstbesten verschachern wollte, der an ihrer Mitgift interessiert war.
Lea war sich sicher, dass Gretchen im Gegensatz zu ihrer Tante Verständnis für sie haben würde, denn sie war mit ihr und ihrer Familie immer gut ausgekommen, besser sogar, als es den christlichen Predigern in Hartenburg gefallen hatte. Ihr Vater hatte seinen Nachbarn mit einem großzügigen Kredit vor dem Schuldturm bewahrt und ihm später Gretchens Mitgift vorgestreckt, damit sie den jungen Peter Pfeiffer heiraten konnte. Deswegen hoffte Lea, Gretchens Familie würde ihr einen Schwatz mit ihrer Freundin erlauben, bei dem sie den unangenehmen Empfang in Sarningen für eine Weile vergessen konnte.
Sie blickte durch das winzige Fenster ins Freie und sah, dass die Sonne nur noch eine Handbreit über den Dä-chern der umliegenden Häuser stand. »Wenn du nichts dagegen hast, werde ich jetzt gleich zu Gretchen hinübergehen, Tante.«
»Ich komme mit.« Rachels Gesicht zeigte deutlich, dass sie keine Lust hatte, allein der Neugier und der nörgelnden Art ihrer Tante ausgesetzt zu sein.
Mirjam überlegte kurz und nickte dann. »Geht ruhig. Noomi wird euch hinauslassen. Ich bereite unterdessen das Abendessen vor.« Sie rief nach ihrer Tochter, die schon fleißig in der Küche werkelte, und wies sie an, Lea und Rachel zur westlichen Pforte zu bringen.
Noomi war ein mageres Mädchen in Rachels Alter, das sich nervös die Hände an der Schürze abtrocknete und seine Mutter kaum anzusehen wagte. »Soll ich auf sie warten?«
»Das ist nicht nötig. Wenn Lea laut genug gegen die Pforte klopft, hört sie schon jemand und macht ihr auf.«
Als sie durch den Hintereingang des Hauses ins Freie traten, blickte Noomi Lea besorgt an. »Wollt ihr wirklich in die Stadt hinaus? Bei der schlechten Stimmung unter den Christen würde ich mich nicht aus dem Viertel hinauswagen.«
Lea winkte ab. »Mach dir um uns keine Sorgen. Bei Gretchen Pfeifferin wird uns nichts zustoßen, denn sie ist unsere Freundin.«
Sie hatte keine Lust, ihrer verhuschten Base zu erklären, dass sie den Besuch auch dazu nutzen wollte, von Gretchen etwas über den wahren Grund für die aggressive Spannung in der Stadt zu erfahren. Daher lächelte sie ihr nur aufmunternd zu und folgte ihr mit Rachel durch eine Reihe winziger, aber liebevoll gepflegter Gärten, die die Juden direkt hinter ihren Häusern angelegt hatten, bis zu einer ungewöhnlich stabil wirkenden Pforte aus eisenbeschlagenen Eichenbohlen.
Noomi bemerkte Leas Stirnrunzeln und deutete auf die massiven Türangeln. »Mein Vater hat ein festeres Tor einsetzen lassen, nachdem es vor zwei Wochen schon einmal Unruhen gegeben hat. Damals haben ein paar böse Menschen behauptet, unsere Brüder in Mainz hätten ein Christenkind geschlachtet und sein Blut getrunken, und den Leuten hier weisgemacht, wir würden auch so etwas tun.«
Lea zog unbehaglich die Schultern hoch. »Auf diese Weise haben schon etliche Massaker an unserem Volk ihren Anfang genommen.«
Noomi hob beschwichtigend die Hand. »Es ist ja nichts Schlimmes passiert. Die Leute haben nur herumgeschrien und Steine gegen unsere Mauer geworfen, aber als Alban von Rittlage seine Soldaten aufmarschieren ließ, haben sie sich sofort wieder beruhigt. Der Kaiser hat ihn hier eingesetzt, damit er in unserer Stadt für Recht und Ordnung sorgt, und er wird uns auch morgen beschützen, das hat er meinem Vater ausdrücklich versichert. Also lasst euch nicht von Mama erschrecken. Sie hat sich die Gehässigkeit der Leute zu Herzen genommen und hält es für ihre Pflicht, auf alles vorbereitet zu sein. In unserem Viertel kann uns jedoch nichts passieren.«
Lea ließ sich von der Zuversicht ihrer Base anstecken und stieß ihre Anspannung mit einem Seufzer aus. Von ihrem Bruder Samuel, der immer auf ihre Fragen einging und ihr viel erzählte, wusste sie, dass Kaiser Friedrich III. den Juden wohl gesonnen war und sie unter seinen Schutz gestellt hatte. Des Kaisers Wort mochte in einer Herrschaft wie Hartenburg nicht viel gelten, doch in einer freien Reichsstadt wie Sarningen besaß es großes Gewicht. Wahrscheinlich waren die Leute nur deshalb so unfreundlich, weil der Zinstag so knapp auf das dumme Gerede von einem ermordeten Christenkind folgte. Noo-mi zog den Riegel zurück und öffnete die Pforte. »Dort drüben ist das Haus der Familie Pfeiffer.«
Sie zeigte auf die Rückseite eines ansehnlichen Gebäudes, das durch eine schmale Gasse und einen üppig grünenden Garten vom Judenviertel getrennt war. Da es keinen Durchgang zwischen Gretchens Haus und der langen Reihe der Nachbarhäuser gab und Lea nicht weit durch die Stadt laufen wollte, um die Vordertür zu erreichen, beschloss sie, durch den Garten zu gehen und am Hintereingang zu klopfen.
Noomi versprach Lea noch, den Leuten, die innen neben der Pforte wohnten, Bescheid zu geben, damit sie auf ihre und Rachels Rückkehr Acht gaben, verabschiedete sich dann mit einem scheuen Lächeln und drückte das Tor hinter ihnen zu. Als Lea das Geräusch des sich schließenden Riegels hörte, fühlte sie ein Kribbeln im Magen. Ihr war, als wäre sie aus der Sicherheit der hohen Mauern in eine unbekannte, gefährliche Welt gestoßen worden.
Für einen Augenblick überlegte sie, zu klopfen und reumütig zu Tante Mirjam zurückzukehren, doch ihr Widerwille gegen diese Vorstellung gab ihr Kraft, sich zusammenzureißen, Rachel bei der Hand zu nehmen und auf Gretchens Heim zuzugehen. Der Garten, den sie nun durchquerten, war größer als alle Gärten der Judengasse zusammen, aber ebenso gut gepflegt.
Zwischen den Beeten hatte man niedrige Zierhecken angepflanzt, die ein paar blühende Büsche voneinander trennten, an der Hauswand rankte sich Spalierobst hoch, und ein paar Schalen an der Hauswand enthielten bunte Frühlingsblumen, die bereits am Verblühen waren.
Als Lea vor der Hintertür stand, musste sie vor Aufregung schlucken, denn die Reaktion der Christen auf die Ankunft ihrer Familie stand ihr noch deutlich vor Augen.
Dann aber hob sie die Hand und klopfte kräftig. Einige Augenblicke lang tat sich nichts, aber als sie sich enttäuscht abwenden wollte, öffnete sich die Tür und eine junge, etwas füllige Frau mit einem hübschen Gesicht sah neugierig hinaus. Beim Anblick der beiden Judenmädchen erschrak sie sichtlich und warf abwehrend die Hände hoch. »Lea, Rachel, was macht ihr denn hier?«
So einen unfreundlichen Empfang hatte Lea von Gret-chen nicht erwartet, und daher fiel ihre Antwort eher vorwurfsvoll aus.
»Wir sind mit Vater nach Sarningen gekommen und sollen dir Grüße von deinen Eltern überbringen.«
Da Gretchens Gesicht nicht freundlicher wurde, machte sie auf dem Absatz kehrt, doch ihre frühere Freundin hielt sie fest und zog sie und Rachel nach einem ängstlichen Blick in die Nachbarschaft ins Haus.
»Kommt schnell herein, bevor man euch hier sieht!« Ihre Stimme klang panikerfüllt.
Lea ließ sich in den dunklen Flur zerren, blieb dort aber stocksteifstehen und starrte Gretchen verärgert an. »Was ist los? Ich dachte, du würdest dich freuen, uns zu sehen.«
Gretchens Hände zitterten, und sie schien den Tränen nahe zu sein. »Ihr hättet nicht kommen sollen. Heute Abend werden die hiesigen Juden überfallen und aus der Stadt gejagt.«
Lea schüttelte den Kopf. »Das wird der kaiserliche Vogt nicht zulassen. Der Kaiser hat befohlen, die Juden zu beschützen, und das hat Herr von Rittlage ja auch schon vor zwei Wochen getan.«
»Das ist richtig. Aber hinterher ist ihm klar geworden, dass er eine Gelegenheit verpasst hat, seine Gläubiger unter den einheimischen Juden billig loszuwerden. Mein Peter steht in seinen Diensten und hat mir erzählt, dass
Alban von Rittlage den bevorstehenden Zinstag und den immer noch nicht ganz verrauchten Zorn der Leute ausnutzen will, um alle Juden vertreiben zu lassen. Was für ein Unglück, dass ihr ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt hierher kommen musstet.«
Sie drängte die beiden Besucherinnen weiter ins Haus. »Ich werde euch bei uns verstecken. Es sind schlechte Leute in der Stadt, die die jüdischen Männer umbringen und ihren Frauen schreckliche Dinge antun wollen.«
Lea versuchte, sich Gretchens Griff zu entziehen. »Ich muss Vater warnen.«
Gretchen warf einen abwehrenden Blick auf ihre jüdische Tracht. »So darfst du nicht mehr hinaus. Wartet, ich gebe euch Kleider von mir, damit man euch nicht als Judas Töchter erkennt.«
»Aber ...«, begann Rachel, doch da zerrte Gretchen schon an ihrer Kleidung. Lea besann sich einen Moment und nickte.
»Es ist besser so. Wartet, ich . « Zu mehr kam sie nicht, denn in diesem Augenblick steckte eine alte Frau in schwarzer Witwenkleidung den Kopf zur Küchentür heraus.
»Wer ist denn gekommen, Gretchen?« Dann erblickte sie die beiden Judenmädchen und stieß einen schrillen Schrei aus.
»Bist du übergeschnappt, diese Teufelshuren ins Haus zu lassen?«
»Schwiegermutter, das sind Lea und Rachel, die Töchter Jakob Goldstaubs aus Hartenburg, desselben Mannes, der meine Mitgift bezahlt hat. Wir müssen sie bei uns verbergen und Meister Jakob warnen.«
Das Gesicht der Alten verzog sich zu einer höhnischen Grimasse. »Einen Dreck werden wir tun! Wenn die Nachbarn mitbekommen, dass du Israels sündhafte Brut ins Haus gelassen hast, stecken sie uns das Dach über den Kopf an.«
Gretchen hob beschwichtigend die Hände. »Es hat niemand etwas gesehen. Aber wenn du die beiden jetzt aus dem Haus treibst, werden die Leute sie gewiss fragen, was sie hier zu suchen hatten.«
Die alte Pfeifferin nickte widerwillig. »Das ist wohl richtig. Da sie schon einmal im Haus sind, müssen sie auch hier bleiben.
Aber die heidnischen Fetzen, die sie jetzt anhaben, kommen herunter.«
»Ich bin schon dabei, ihnen Kleider von mir zu holen«, rief Gretchen eilfertig.
Lea sah, wie viel Angst die Freundin vor ihrer Schwiegermutter hatte, doch da ihr das Schicksal ihres Vater und ihrer Brüder mehr am Herzen lag als Gretchens Wohlergehen, hielt sie sie kurzerhand zurück.
»Ich muss hinaus und meinen Vater warnen!«
Ihre Worte veranlassten die Alte zu einem weiteren Wutausbruch. »Oh nein! Glaubst du, ich lasse zu, dass du die Leute provozierst? Wenn sie dich hier herauskommen sehen, werden sie unser Haus plündern und uns Frauen Gewalt antun! Macht, dass ihr in den Keller kommt und euch umzieht. Die Lumpen, die ihr auf dem Leib habt, müssen sofort verbrannt werden, damit man keine Spur davon bei uns findet. Und wenn euch jemand anspricht, antwortet gefälligst mit >Gelobt sei Jesus Christus!< und sagt kein Wort in eurer heidnischen Sprache, habt ihr mich verstanden?«
Die Frau sah so aus, als würde sie mit den Kleidern auch gleich die unwillkommenen Gäste verbrennen wollen, aber Lea ließ sich nicht einschüchtern.
»Bitte gebt mir ein anderes Gewand und lasst mich hinaus. Ich kann nicht hier herumstehen, während meine Verwandten in Gefahr sind.«
Gretchen umklammerte ihren Arm. »Dafür ist es schon zu spät!
Los, versteckt euch in unserem früheren Weinkeller. Dort wird euch niemand suchen.« Dann brachte sie ihren Mund an Leas Ohr, damit die alte Frau ihre nächsten Worte nicht hören konnte. »Ich laufe hinüber und warne deinen Vater. Er ist ein guter Mensch.«
Sie drängte die beiden Schwestern in einen dunklen Winkel, hob eine Falltür an und wies nach unten.
Lea schenkte Gretchen einen dankbaren Blick und stieg vorsichtig die schmalen Stufen hinab, die steil in ein diffuses Halbdunkel führten, in dem man kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Es gab nur ein winziges, vergittertes Fenster, welches sich an der höchsten Stelle des tonnen-förmig gewölbten Raumes befand und so wenig Licht durchließ, dass der untere Teil des Raumes in tintiger Schwärze lag. Lea hörte Rachel über sich jammern und trat einen Schritt beiseite, damit ihre Schwester von der. wackligen Treppe auf den Boden treten konnte. Dabei stieß ihr Schienbein gegen ein Holzgestell, das krachend umfiel. Vor Schreck und Schmerz verlor sie das Gleichgewicht und landete mit den Händen in etwas Fauligem. Angeekelt richtete sie sich auf und sah zu Gretchen hinauf.
»Bitte zieht alles aus, was euch verraten könnte. Ich bringe euch gleich andere Kleider«, hörte sie die Freundin rufen, während sich ihre Schritte entfernten.
Rachel zerrte an Leas Ärmel. »Hier stinkt es. Außerdem kann ich nichts sehen! Wie soll ich da die Bänder an meinen Sachen aufknoten?«
Lea kniff die Lider zusammen, bis sich ihre Augen so weit an die Dunkelheit gewöhnt hatten, dass sie Konturen erkennen konnte. »Hab einen Augenblick Geduld. Gleich geht es besser.«
Als Rachel nicht antwortete, löste sie die Hand der Schwester von ihrem Ärmel und begann sich mit müden Bewegungen auszuziehen. Für einen Augenblick überlegte sie, wenigstens das Hemd anzubehalten, doch die Webart des Leinens und die Stickereien würden sie genauso verraten, als wenn sie den gelben Kreis darauf trüge. Also nahm sie auch das letzte Kleidungsstück auf den Arm.
Kurz darauf stieg Gretchen die Treppe herab, in der einen Hand ein Bündel Kleider, in der anderen eine Laterne. Als sie ihre Freundin und deren Schwester nackt auf dem lehmigen Fußboden stehen sah, wandte sie verschämt den Blick ab. »Hier, zieht das an. Ich bringe das andere inzwischen weg.«
Mit einem gewissen Bedauern reichte Lea Gretchen ihre und Rachels Sachen und nahm die anderen Kleidungsstücke entgegen. Da Gretchen die Lampe wieder mit nach oben nahm, mussten die beiden Schwestern warten, bis sich ihre durch das Licht geblendeten Augen wieder an das Dunkel gewöhnt hatten. Um sie herum herrschten Schmutz und Moder, und alles, was sie anfassten, fühlte sich kalt und glitschig an, so als liefe das Gewölbe immer wieder voll Wasser.
Es dauerte eine gewisse Zeit, bis sie die ungewohnten Kleider angezogen hatten, und noch eine Weile danach zupften sie unglücklich an ihnen herum. Rachels Rock schleifte am Boden, Lea hingegen reichte das Gewand nur bis zu den Knien, war aber so weit, dass sie mindestens zweimal hineingepasst hätte.
Rachel schimpfte vor sich hin und zeigte dann anklagend auf Lea. »Mit dem Zeug fallen wir viel eher auf als in unserer eigenen Tracht.«
Lea zuckte mit den Schultern und griff unwillkürlich an ihre Brust, wo unterhalb ihres noch wenig ausgeprägten Busens ein harter Klumpen hätte hängen sollen. Aber da war nichts. In der Aufregung hatte sie vergessen, den Beutel mit dem Schmuck aus ihrem Kleid zu nehmen. Als sie Rachel fragte, musste auch ihre Schwester zugeben, dass sie die Wertsachen wie gewohnt mit dem Kleid abgelegt hatte.
»Ich muss mit Gretchen reden, bevor sie unsere Sachen verbrennt«, rief Lea erschrocken und kletterte vorsichtig tastend die wacklige Stiege hoch. Kaum hatte sie die Hälfte geschafft, hörte sie die keifende Stimme der Alten. Gretchens Antwort klang schrill und nervös, war aber durch das Holz nicht zu verstehen. Im nächsten Moment wurde die Falltür aufgerissen, und Lea sah, wie die Schwiegermutter Gretchen über die Kante stieß, so dass die junge Frau hilflos die Stiege hinunterschlitterte. Lea konnte ihre Freundin gerade noch auffangen und verhindern, dass sie beide kopfüber zu Boden stürzten. Die Alte schimpfte immer noch wüst, aber die zuschlagende Klappe ließ ihren Wortschwall unverständlich werden.
Gretchen löste sich aus Leas Armen, zog sich am Geländer hoch und stemmte sich gegen die Falltür. »Schnell, hilf mir«, rief sie Lea zu. »Ich wollte eben aus dem Haus, um deinen Vater zu warnen, aber die alte Hexe hat mir aufgelauert und mich ins Haus zurückgezerrt.«
Lea schob sich an ihre Seite und wollte sich mit dem Rücken gegen das Holz stemmen, da hörten sie, wie ein schwerer Gegenstand über den Boden gezogen wurde. Panikerfüllt versuchten sie, die Falltür aufzustoßen, aber es war zu spät.
»Gott, der Gerechte, was sollen wir jetzt tun? Mein Vater ist nicht mehr der Jüngste und kann nicht so schnell laufen. Sie werden ihn totschlagen!«
Lea schluckte ihre Tränen hinunter und sah sich um, aber hier gab es nichts, mit dem sie sich hätte befreien können. In ihrer Verzweiflung schob sie eines der Gestelle gegen die Wand, in der sich die kleine Öffnung befand, stieg darauf und untersuchte das Gitter. Es war rostig, aber noch fest verankert. Auch war das Fensterloch sogar für die zierliche Rachel zu klein. Da der Blick nicht von hohen Pflanzen behindert wurde, konnte Lea den Garten, die Gasse dahinter und die Mauer zum Judenviertel mit der Pforte darin erkennen.
Sie blickte Gretchen an und deutete mit dem Kinn nach draußen. »Vielleicht hört man uns, wenn wir schreien.«
Die junge Frau schüttelte den Kopf. »Das würde die Falschen auf euch aufmerksam machen. Horch, sie kommen schon, um das Judenviertel zu stürmen. Wenn einer von denen mitbekommt, dass ich euch beide versteckt halte, bringen sie uns alle um.«
»Aber wir können doch nicht die Hände in den Schoß legen!«
Lea klammerte sich an das Gitter und weinte vor Verzweiflung.
Gretchen lehnte sich gegen das schwankende Gestell und hielt ihre Freundin fest. »Wir können nur noch beten. So, wie die Leute da draußen schreien, hört man sie in der ganzen Stadt, und das gibt deinen Angehörigen Zeit wegzulaufen. Wenn sie den Weg über den Markt nehmen, dürfen sie sich freikaufen, so hat es jedenfalls der Vogt bestimmt. Nur wer sich wehrt, soll erschlagen werden.«
Lea hörte das Trampeln vieler Füße und verstand jetzt auch einzelne Worte. Rufe wie »Schlagt die Juden tot!« und »Verbrennt das Teufelsgezücht!« gellten durch die Gasse. An das Fenstergitter gepresst sah sie, wie sich eine große Menschenmenge heranwälzte, an ihrer Spitze einige kräftige Männer, die einen Baumstamm mit sich schleppten. Sie blieben vor der Pforte stehen und ließen ihn wie einen Rammbock gegen das Holz krachen, während die anderen sie johlend anfeuerten.
Plötzlich wurde die Pforte geöffnet, und ein alter Jude trat heraus. »Liebe Leute, Friede sei mit euch ...!«
Weiter kam er nicht, denn zwei vierschrötige Kerle in buntscheckiger Tracht packten ihn und stießen ihn in die Menge, die ihn mit Schlägen und Knuffen empfing.
Gretchen hatte ein weiteres Gestell herangezogen und kletterte darauf, um ebenfalls hinausschauen zu können. Oben angekommen klammerte sie sich mit der einen Hand an das Gitter und hielt mit der anderen Lea fest. »Die Männer mit dem Baumstamm sind Soldaten des Vogts, die andere Kleider angezogen haben, damit man sie nicht gleich erkennt. Ich habe dir doch gesagt, dass Alban von Rittlage das Ganze geplant hat, um die Juden auszuplündern. Die Leute, die morgen ihre Zinsen zahlen müssten, helfen ihm dabei, und die anderen machen mit, um plündern zu können oder weil die Hetzreden der Fremden ihnen den Kopf verdreht haben.«
Gretchens Erklärung drang kaum in Leas Ohr, so hielten die Ereignisse sie gepackt. Am liebsten wäre sie weit weggelaufen und hätte sich in einer stillen, dunklen Ecke verkrochen, um nichts mehr hören oder sehen zu müssen. Gleichzeitig aber stieg eine brennende Wut in ihr hoch, so dass sie am liebsten mit den Fäusten auf die Leute draußen losgegangen wäre. Ihrem inneren Zwiespalt hilflos ausgeliefert starrte sie hinaus, ohne begreifen zu können, was ihre Sinne ihr zutrugen. Immer noch drangen mit Knüppeln, Messern und Forken bewaffnete Menschen in die Judengasse, in der die gellenden Schreie der Überfalle-nen den Lärm der Angreifer übertönten.
»Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, hilf meinem Vater und meinen Brüdern und all unseren Freunden und Verwandten aus dieser Not«, hörte Lea sich beten.
Rachel zupfte an ihrem Kleid. »Nun sag doch, was geschieht da draußen?«
»Man kann nicht viel sehen, weil die Mauer dazwischen ist«, antwortete Gretchen an Leas Stelle.
Das stimmte, doch das Krachen der Äxte, mit denen die Türen eingeschlagen wurden, und all die anderen Geräusche, die noch viel Schrecklicheres vermuten ließen, waren nicht zu überhören.
Nach und nach verstummten die Schreie der Juden, und als die Dämmerung hereinbrach, war nur noch der trunkene Jubel der Plünderer zu vernehmen.
Mit einem Mal sank Lea kraftlos in sich zusammen und musste sich von Gretchen von dem wackligen Gestell herabhelfen lassen. Unten lehnte sie sich an die Wand und betete, wie sie seit der schweren Krankheit ihrer Mutter und deren Tod nicht mehr gebetet hatte. »Gott Israels, hilf uns. Beschütze Samuel und den Vater und Elieser. Lass nicht zu, dass ihnen etwas zustößt.«
Rachel schob sich zwischen Gretchen und Lea, klammerte sich an ihre Schwester und stimmte verängstigt in das Gebet ein. So blieben die drei eng umschlungen stehen, bis die Nacht hereinbrach und der Widerschein von Flammen in den Keller drang.
Da keine Warnrufe ausgestoßen wurden und auch keine Hilfeschreie zu vernehmen waren, nahmen sie an, dass die Plünderer die Reste zerschlagener Möbel in den Gärten angezündet hatten.
Rachel fragte nicht nach dem Schicksal ihrer männlichen Angehörigen, sondern stieß zwischen spitzen Klagelauten immer wieder den Wunsch aus, nach Hause zu wollen. Obwohl Lea vor Angst beinahe starb, zog sie ihre Schwester an sich und versuchte, sie zu trösten. Ebenso wie Rachel hatte sie sich in Hartenburg sicher und geborgen gefühlt, obwohl es dort außer ihrer Familie und ihrem Gesinde um sie herum nur Christen gab. Jakob Goldstaub und die Seinen standen unter dem Schutz des
Markgrafen, der jeden Aufruhr seiner Untertanen gegen seinen Hoffaktor und Bankier mit harter Hand unterbinden würde, davon war Lea bisher überzeugt gewesen. Nun aber kamen ihr Zweifel. Sie starrte in die von rötlichem Flackern durchbrochene Schwärze und fragte sich bang, ob Ernst Ludwig von Hartenberg sich eines Tages genauso wie Alban von Rittlage das Vermögen seiner jüdischen Untertanen mit Gewalt aneignen würde.
Als das Flackern verlosch und klamme Kälte durch die Kleider biss, kauerten Lea, Gretchen und Rachel eng aneinander geschmiegt auf der Treppe, dem einzig sauberen Ort in dem feuchten Gewölbe, und kämpften mit der Angst, die durch die nun eingetretene Stille und die undurchdringliche Schwärze um sie herum verstärkt wurde. Als oben eine Männerstimme aufklang, sprang Gretchen mit einem Jubelruf auf und kletterte die Stiege hoch. Gleich darauf ertönte ein Scharren, als schiebe jemand den Gegenstand beiseite, mit dem Gretchens Schwiegermutter die Falltür blockiert hatte, dann ging die Luke auf, und jemand streckte eine Lampe herein.
»Gretchen, bist du da unten?«
Gretchen schoss die letzten Stufen hoch, fiel ihrem Ehemann um den Hals und küsste ihn unter Tränen. »Oh, Peter, bin ich froh, dass du wieder da bist! Ist dir auch nichts passiert? Stell dir vor, deine Mutter hat mich einfach die Treppe herabgestoßen.
Ich hätte mir die Beine brechen können!«
Wenn Gretchen gehofft hatte, ihr Mann würde sie trösten und ihr Recht geben, wurde sie bitter enttäuscht. Er packte ihre Arme so fest, dass sie vor Schmerz aufstöhnte, und schob sie mit verärgertem Gesichtsausdruck von sich weg.
»Das hast du dir selbst zuzuschreiben. Bist du denn von allen guten Geistern verlassen? Was hast du dir dabei gedacht, zwei Judenbälger ins Haus zu lassen? Wenn dich jemand beobachtet hätte, wären wir alle erschlagen oder mit dem blutsaugerischen Gesindel aus der Stadt geprü-
gelt worden. Danke Gott, dem Allmächtigen, dass Mutter gescheit genug war, euch in den Keller zu sperren und alle Spuren zu beseitigen.«
Inzwischen war Lea ebenfalls die Kellertreppe hochgestiegen und baute sich vor Peter Pfeiffer auf. Der Mann sah aus, als würde er sie am liebsten wieder hinunterwerfen oder gleich umbringen, aber Lea war schon jenseits aller Furcht. »Ich bin die Tochter des Hoffaktors Jakob ben Jehuda und die Nichte Esra ben Nachums. Könnt Ihr mir bitte sagen, Herr, was mit meinen Verwandten geschehen ist?«
Peter Pfeiffer musterte sie wie eine fette Gartenschnecke in seinem Salat. »Woher soll ich das wissen? Das meiste von eurem Pack hat man zum Stadttor hinausgetrieben, nachdem man ihnen weggenommen hat, was sie uns jahrelang abgepresst haben.
Wer sich gewehrt hat, musste halt ins Gras beißen. Aber ob einer lebt oder tot ist, hat mich nicht interessiert. Je weniger von euch diebischem, gotteslästerlichem Gelichter auf der Welt herumläuft, umso besser ist es.«
Lea wäre dem Mann am liebsten mit den Fingernägeln ins Gesicht gefahren, um seine selbstzufriedene Miene zu zerkratzen, doch Gretchen schien ihre Gedanken zu ahnen und drängte sie von ihm weg. »Das ist Lea, deren Vater ich die Mitgift zu verdanken habe, von der wir alle so gut leben. Jetzt beleidigst du die Töchter unseres großzügigen Gönners und freust dich, weil es ihren Leuten schlecht ergangen ist. Ich schäme mich für dich!«
Peter Pfeiffer zuckte unwillig mit den Schultern. »Ich habe ja nichts gegen den Hartenburger Juden und seine Kinder. Aber es ist halt sein Pech, dass er ausgerechnet heute in Sarningen auftauchen musste.«
Lea stieß die Luft aus, die sie in ihrer Wut angehalten hatte.
»Mein Vater konnte ja nicht wissen, dass der hiesige Vogt die Gesetze Kaiser Friedrichs missachtet und seine Leute an die Spitze einer Mörderbande stellt.«
Abrupt drehte sich Peter Pfeiffer zu Gretchen um und hob die Hand, als wolle er sie schlagen. »Musstest du das ausplaudern, du dummes Stück? Wenn bekannt wird, was du hier herumtratschst, trifft mich Herrn Albans Zorn, und ich verliere nicht nur meinen Posten, sondern wandere ins Turmverlies, wo man mich bei lebendigem Leib verrotten lässt. Verdammt, Weib, du weißt, was es mich gekostet hat, in kaiserliche Dienste treten zu können. Warum setzt du das alles aufs Spiel?«
Lea hob das Kinn und sah dem jungen Beamten ins Gesicht.
»Wenn Ihr mir und meiner Schwester weiterhin Schutz gewährt, werden wir niemandem verraten, was hier vorgegangen ist, weder hier in der Stadt noch irgendwo anders.«
Gretchens Mann begriff Leas versteckte Drohung. Wenn er sie und ihre Schwester aus dem Haus jagte oder Rittlages Männern auslieferte, würden sie das Geheimnis so laut hinausschreien, dass es jeder hören konnte. Dem Mann war anzusehen, dass er vor Wut kochte, aber im Wissen um die Gefahr, in der er selbst schwebte, nickte er widerwillig. Er konnte ja nicht ahnen, dass Lea ihn um Gretchens Willen nicht verraten würde, denn schließlich hatte die Freundin ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um sie und Rachel zu retten.
Als Leas Blick auf ein Bündel fiel, das weiter vorne im Flur auf einer Truhe lag und von einer rußenden Un-schlittkerze beleuchtet wurde, wünschte sie Peter Pfeiffer insgeheim die Seuche an den Hals. Neben anderem Plündergut ragten eine Kapsel, die von einer Thorarolle abgerissen worden war, und ein neunarmiger Leuchter aus
Silber, wie ihn wohlhabende Juden beim Chanucka-Fest verwendeten, aus dem Tuch. Gretchens Mann hatte also auch zu jenen gehört, die das Judenviertel gestürmt hatten.
Lea hätte am liebsten vor ihm ausgespuckt, aber die Sorge um ihr eigenes Leben hielt sie ebenso davon ab wie die Hoffnung, der Mann würde ihr um Gretchens willen helfen, ihren Vater und ihre Brüder zu finden. Daher wandte sie sich ab und tat, als hätte sie nichts bemerkt. Sie musste Gewissheit haben, ob ihre Verwandten dem Pogrom entkommen waren. Ohne sich weiter um Peter Pfeiffer oder dessen Mutter zu kümmern, die vor sich hin schimpfend in einem Winkel stand, nahm sie die Lampe mit der erst halb abgebrannten Kerze von der Truhe und wollte die Tür öffnen.
Die alte Pfeifferin vertrat ihr den Weg. »Was hast du vor?«
»Ich gehe hinüber und suche nach meinen Angehörigen.«
Gretchen kam ihr nach und schlang ihr die Arme um die Schultern. »Das ist zu gefährlich.«
Ihr Mann winkte ab. »Lass sie gehen. Besser sie läuft in ihr Verderben, als dass sie uns die Nachbarn zusammenschreit, weil wir sie mit Gewalt zurückhalten. Wahrscheinlich sind die meisten schon nach Hause gelaufen oder sitzen in der Wirtschaft und vertrinken ihr Beutegut. Wenn jemand sie sieht, wird er denken, sie gehöre zu den Plünderern, die auf der Suche nach Dingen sind, die die anderen übersehen haben.«
Er trat an die Hintertür, schob den Riegel zurück und winkte Lea spöttisch hinaus. Sie hob den Kopf und ging aufrecht an ihm vorbei, obwohl sie sich am liebsten geduckt hätte und wie ein Hase davongesprungen wäre. Erst als er die Tür hinter ihr verriegelte, wurde ihr klar, dass sie nun ganz auf sich allein gestellt war, und das Herz schien ihr vor Angst stehen bleiben zu wollen.
Es kostete sie einige Überwindung, einen Fuß vor den anderen zu setzen und die Pforte ins Judenviertel zu durchschreiten, die im Schein der armseligen Lampe einer klaffenden Wunde glich.
Scherben knirschten unter ihren nackten Füßen und schnitten in ihre Sohlen. Sie verbiss sich den Schmerz und ging unbeirrt weiter, bis sie Esra Ben Nachums Haus erreichte. Mit seinen leeren Fensterhöhlen wirkte es auf sie wie ein Totenkopf. Sie kämpfte mit sich, ob sie hineingehen oder umkehren sollte.
Etwas in ihr wollte sie glauben machen, dass es sinnlos war, in dem unruhig flackernden Licht ihrer Laterne hier herumzusuchen. Gewiss schleppten sich die Bewohner des Hauses und ihre Gäste schon längst über dunkle Landstraßen und klagten Gott ihr Schicksal.
Samuels Bild schob sich in ihre Gedanken. Als einziges Mitglied ihrer Familie hatte er sie ernst genommen und wie einen vollwertigen Menschen behandelt, ja, er hatte sie wie einen jüngeren Bruder unter seine Fittiche genommen, ihren Wissensdurst gestillt und ihr vieles beigebracht, was einem Mädchen sonst vorenthalten wurde. Sie spürte, wie ihr Herz sich wieder verkrampfte, denn ihr Bruder war stolz und aufbrausend und ließ sich nicht so schnell einschüchtern. Nur allzu gut erinnerte sie sich an die Klagen ihres Vaters, Samuel besäße zu viel Mut und zu wenig Vorsicht, um in diesem Land als Jude leben zu können.
War er vor dem aufgebrachten Mob davongelaufen oder hatte er versucht, sich und die anderen zu verteidigen? Lea dachte schaudernd daran, was Peter Pfeiffer gesagt hatte, und begann zu ahnen, was sie in diesem Haus erwartete.
Bis auf ein paar Holzstücke und Tonscherben war im Hausflur und in der ersten Kammer nichts mehr zu finden. Auch in der Küche gab es nur noch den gemauerten Ofen. Sogar das Brennholz hatten die Plünderer mitgehen lassen. Lea leuchtete den Boden und die Wände ab, konnte aber keine Blutspuren entdecken und atmete auf. Ihre Erleichterung hielt jedoch nur wenige Herzschläge an, denn in der nächsten Kammer lag ein blutüberströmter Körper.
Lea presste die linke Hand auf den Mund, um ihre Wut und ihren Schmerz nicht laut hinauszuschreien. Der Tote war Samuel. Die Plünderer hatten ihm die Schläfenlocken abgeschnitten, die ihn als gläubigen Aschkenasi kennzeichneten, und ihm dabei tiefe Schnitte beigebracht. Während des Kampfes hatte man ihm die Kleider vom Leib gerissen, und sein mit Wunden und Trittspuren übersäter Leib verriet, wie heftig er sich gewehrt haben musste. Sein Widerstand war jedoch vergebens gewesen, denn man hatte ihn schließlich mit den eigenen Gebetsriemen erdrosselt, und noch im Tod zeigte sein Gesicht einen ohnmächtigen Zorn. Lea konnte sich lebhaft vorstellen, wie Samuel sich der plündernden Meute in den Weg gestellt hatte, doch ebenso gut hätte er versuchen können, die Wasser des Jordans umzuleiten oder den Tempel in Jerusalem wieder zu errichten.
Einen Augenblick verfluchte sie ihn für seine Unein-sichtigkeit, denn mit ihm verlor sie den einzigen Menschen, der ihr wirklich etwas bedeutet hatte. Dann aber schlug sie sich auf den Mund, denn sie schämte sich für ihre bösen Worte, und sprach ein kurzes Gebet. Als sie weiterging, klammerte sie sich an die Hoffnung, dass Samuel mit seinem Opfer den anderen die Flucht ermöglicht hatte. Die nächste Kammer war leer und ohne Kampfspuren, und Lea wurde etwas leichter ums Herz. Im Wohn-raum aber stieß sie gleich auf mehrere Tote. Zwei davon waren ihr unbekannte junge Männer, wohl Mitglieder der Sarninger Gemeinde, und der dritte Gerschom, der Leibdiener ihres Vaters. Der alte Mann hatte offensichtlich versucht, seinen Herrn zu verteidigen, denn er war buchstäblich in Stücke gerissen worden. Hinter ihm lag Jakob Goldstaub mit ausgebreiteten Armen über einer kleinen, verkrümmten Gestalt, in der Lea erst auf den zweiten Blick ihren Bruder Elieser erkannte.
»Oh Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, warum lässt du zu, dass man dein Volk so quält?«, stöhnte sie auf. Da ihr Vater auf den ersten Blick unverletzt erschien, kniete sie neben ihm nieder und legte ihr Ohr auf sein Herz. Die Hoffnung, er könnte noch leben, verflog schneller, als sie aufgekeimt war. Jakob ben Jehuda, der Jude von Harten-burg, war tot.
Ein leises Jammern ließ Lea aufhorchen. Sie starrte auf ihren jüngeren Bruder und rieb sich die Augen. Elieser hatte sich unzweifelhaft bewegt. Sie rutschte auf Knien zu ihm hin und legte die Finger an seinen Hals, um den Puls zu prüfen. Er schlug schwach und stockend, aber vernehmlich. Lea unterdrückte einen Jubelruf, sprang auf und versuchte, den schon erstarrten Körper ihres Vaters von Elieser herunterzuziehen. Dabei murmelte sie Totengebete und entschuldigte sich zwischendurch, denn es gehörte sich nicht, den Leichnam eines frommen Juden so achtlos herumzuzerren. Obwohl Jakob Goldstaub ein kleiner, magerer Mann gewesen war, verging schier eine Ewigkeit, bis Lea ihn zur Seite gezogen hatte, und trotz ihrer Vorsicht stieß ihr Bruder bei jeder Bewegung des Körpers über ihm schwache Jammerlaute aus. Aber er reagierte weder auf ihre Fragen noch auf ihre tröstenden Worte.
Als Lea Elieser von der Last des Toten befreit hatte, sah sie, dass sein rechtes Bein und sein rechter Arm in unnatürlichem Winkel vom Körper abstanden. Man hatte ihm die Knochen gebrochen und mehrere klaffende Wunden beigebracht, aus denen immer noch Blut sickerte. Für einen Augenblick stand sie ratlos da und schlug vor Verzweiflung die Hände vors Gesicht.
Der Junge musste so schnell wie möglich zu einem Arzt gebracht werden, doch wer würde sich in dieser Stadt noch trauen, einem Juden zu helfen? Gretchen war sicher dazu bereit, aber Lea wagte es nicht, die Freundin zu holen, denn wenn Peter Pfeiffer erfuhr, was sie im Sinn hatte, würde er sie beide so lange in den Keller sperren, bis Elieser tot war. Nein, sie musste ihren jüngeren Bruder aus eigener Kraft hier herausbringen.
Als Lea Elieser aufhob, stieß er so spitze Schreie aus, dass sie schon Angst bekam, er würde Plünderer auf sie aufmerksam machen. Sie versuchte, beruhigend auf ihn einzureden, und als das nichts half, begann sie eine Melodie zu summen, die er immer gemocht hatte. Tatsächlich verstummte er bald, aber sie nahm an, dass er vor Schmerz bewusstlos geworden war. Sie biss die Zähne zusammen und schleppte ihn aus dem Haus. Erst draußen erinnerte sie sich an ihren Onkel und dessen Familie.
Sie hatte weder Esra ben Nachum noch Mirjam oder Noomi gesehen. Vielleicht lagen sie tot in den oberen Stockwerken, aber Lea hoffte, dass sie hatten entkommen können.
Als sie unter ihrer Last schwankend Gretchens Haus erreichte, erwartete die Freundin sie schon an der Hintertür und zog sie hinein. Dann legte sie den Riegel so hastig vor, als hätte sie sogar Angst vor dem Wind, der durch die Gasse strich.
»Elieser lebt noch«, rief Lea ihr keuchend zu. »Er braucht dringend einen Arzt, sonst stirbt er uns noch unter den Händen.«
Gretchen versuchte, die Angst abzuschütteln, die sie in den Klauen hielt, und wandte sich mit verbissenem Gesicht zur Vordertür. Aber ehe sie sie erreichte, vertrat ihr Mann ihr den Weg.
»Bist du wahnsinnig geworden, Weib? Wenn wir jetzt einen Arzt holen, erfahren alle, dass wir hier Juden versteckt halten!«
Lea legte Elieser vorsichtig auf die Truhe und blickte Gretchens Mann herausfordernd an. »Mein Bruder stirbt, wenn seine Verletzungen nicht behandelt werden.«
»Besser er als wir alle.« Peter Pfeiffer bedachte den Bewusstlosen mit einem bösen Blick, so als mache er ihn jetzt schon für alle Schwierigkeiten verantwortlich, die noch auf ihn zukommen konnten.
Lea begriff, dass der Mann in Todesangst schwebte, und hatte gegen ihren Willen sogar Verständnis für ihn. Wenn durch seine Schuld bekannt wurde, dass der Überfall auf die Sarninger Juden von langer Hand vorbereitet worden war, würde er mit seinem Leben dafür büßen. Alban von Rittlage konnte nur dann sein Gesicht vor dem Kaiser wahren, wenn es so aussah, als wäre das Pogrom aus einer spontanen Empörung der einheimischen Christen entstanden, der er nicht mehr hatte entgegentreten können. Lea empfand das erste Mal in ihrem Leben Hass und wünschte sich, sie hätte die Macht, dem verräterischen Vogt die Maske vom Gesicht zu reißen und ihn vor das kaiserliche Gericht zu zerren. Aber ein Jude hatte weniger Chancen, dort Hilfe zu bekommen, als eine Fliege im Spinnennetz. Daher mahnte sie sich selbst, sich nicht mit Hirngespinsten abzugeben, sondern sich um Elieser zu kümmern, dessen Leben an einem dünnen Faden hing.
Sie winkte ihre Schwester zu sich, die bleich und ängstlich neben der Falltür zum Keller stand. »Komm und hilf mir, Elieser zu verbinden. Wir müssen die Blutungen stoppen und seine Knochen schienen.«
»Nicht hier im Flur! Los, schafft ihn in den Keller, wo ihn niemand sieht. Hier heroben darf er nicht bleiben.« Peter Pfeiffer hob die Hände und machte ein Gesicht, als wollte er die drei Juden am liebsten mit einem Stoß in die Hölle befördern.
Lea stampfte wütend auf. »Unten ist es feucht und schmutzig, und es gibt kein Licht.«
Froh, etwas tun zu können, eilte Gretchen in eine Kammer und kehrte mit einer Decke und einem Besen zurück. »Ich mache unten sauber. Dann kannst du deinen Bruder auf das Gestell legen. Rachel, hältst du mir die Lampe?« Sie nahm ihrem Mann die Lampe ab und reichte sie Leas Schwester.
»Du willst das gute Stück doch nicht etwa für diesen Judenbalg opfern?« Gretchens Schwiegermutter stellte sich ihr in den Weg und wollte nach der Decke greifen.
Ihr Sohn hielt sie zurück. »Lass sie! Der Hartenburger Jude war großzügig zu uns. Außerdem wird Gott es uns lohnen.«
Für einen Moment glaubte Lea, er habe begriffen, dass er sich gegen Gottes Gebote versündigte, dann aber hörte sie ihn leise auf seine Mutter einreden. »Wir müssen dem Judengesindel helfen, sonst haben wir einen Toten am Hals. Wie sollen wir denn eine Leiche beseitigen, ohne dass es jemandem auffällt? Also bete, dass der Bengel nicht in unserem Haus stirbt.«
Lea konnte nicht verstehen, was die Alte ihm antwortete, denn Gretchen tauchte aus der Falltür auf und rief ihr zu, dass sie Elieser jetzt hinunterbringen könne. Da Rachel sich strikt weigerte, ihren Bruder anzufassen, half sie Lea, den Verletzten hinunterzutragen, und als der Junge endlich auf seinem provisorischen Bett lag, waren beide am Ende ihrer Kraft.
»Wir brauchen einen Arzt«, beschwor Lea die Freundin.
»Peter lässt mich doch nicht aus dem Haus. Außerdem gibt es keinen mehr, der deinem Bruder helfen könnte. Der beste Arzt in der Stadt war der ehrenwerte Doktor Baruch ben Joschija, und den hat man auch verjagt - oder umgebracht. Die beiden christlichen Ärzte in der Stadt sind Quacksalber, die deinen Bruder schneller ins Jenseits befördern würden als seine schrecklichen Wunden.«
Lea packte Gretchen an der Schulter. »Aber ihr müsst doch einen Bader in der Stadt haben, der Knochen einrichten kann.«
Gretchen schob sie von sich weg, zog sie dann aber wieder an sich und umarmte sie tröstend. »Der Bader Bruno ist als einer der Ersten ins Judenviertel eingedrungen und wird seine >Heldentaten< jetzt im Wirtshaus feiern. Wenn er von euch erfährt, haben wir ihn und seine betrunkenen Freunde am Hals. Ich mag nicht daran denken, was die mit uns Frauen anstellen werden, bevor sie uns die Kehle durchschneiden.«
Lea holte tief Luft und ließ die Schultern sinken. Sie hatte es Gretchen zu verdanken, dass sie und Rachel überhaupt noch lebten, und sie durfte nichts unternehmen, was die Freundin und damit auch sie und ihre Geschwister in Gefahr brachte.
»Kannst du mir heißes Wasser und Leinwand besorgen, und dazu mehrere feste Stöcke wie diesen Besenstiel dort? Ich werde Elieser versorgen, so gut ich es kann. Wenn Gott mir gnädig ist, wird er überleben.«
»Du bekommst alles, was ich dir besorgen kann, und ich werde auch für deinen Bruder beten.«
Gretchen kletterte die Treppe hinauf, deren Falltür jetzt offen geblieben war. Kurz darauf reichte sie Lea einen Korb voll Verbandsmaterial und einen Krug heißen Wassers und kletterte mit einigen Stöcken und schmalen Brettern zu ihr hinab.
Lea wies ihre Schwester an, die blass und zitternd in der Ecke stand, ihnen die Lampe zu halten, und machte sich zusammen mit Gretchen ans Werk. Sie besaß eine gewisse Erfahrung mit Wunden und Brüchen, denn zu Hause hatte sie schon Katzen und Hunde verarztet und einmal sogar eine Eule, die sich auf ihren Speicher verirrt und bei ihren wilden Fluchtversuchen verletzt hatte, aber nie zuvor aber hatte sie ihre Fähigkeiten an einem Menschen ausprobiert. In dieser Stunde, in der ihre Welt in Trümmer gefallen war, schienen ihre Hände jedoch wie von selbst zu wissen, was sie zu tun hatten.
Eine Stunde später waren Eliesers Knochen geschient, und saubere Verbände bedeckten seine Wunden. Trotz seiner Erschöpfung hielten die Schmerzen ihn jetzt wach, er warf den Kopf hin und her, murmelte ununterbrochen vor sich hin und schien seine Schwestern nicht zu erkennen. Lea flößte ihm Wasser ein, das er brav schluckte, und stellte dabei fest, dass sein Körper glühte. »Wir brauchen fiebersenkende Arzneien und Mohnsaft, damit er die Schmerzen nicht so spürt.«
Gretchen zog ängstlich den Kopf ein. »Peter wird mich auch nicht zur Apotheke gehen lassen, aber ich will sehen, was wir noch im Haus haben.«
Lea hatte wenig Hoffnung, dass ihre Freundin die richtigen Säfte und Kräuter vorrätig hatte, blickte dann aber verblüfft auf die Flaschen und Tiegel, die Gretchen in ihrem Korb heranschleppte. Ihre Schwiegermutter, erklärte ihr die Freundin, war erst im letzten Monat nach einem schweren Sturz von dem jüdischen Arzt behandelt worden, und so waren noch eine halbe Flasche des Tranks, der gegen Fieber helfen sollte, etwas Mohnsaft und die Reste verschiedener Salben vorhanden. Zum Glück hatte der Arzt die Wirkung der Mittel in Hebräisch auf den Tiegeln notiert, so dass Lea lesen konnte, wie sie sie anzuwenden hatte.
Als Elieser endlich versorgt war, dämmerte bereits der Morgen herauf, und man konnte hören, wie Gretchens Mann und ihre Schwiegermutter aufstanden und sich anzogen. Gretchen zuckte beim ersten Geräusch zusammen, kletterte eilig aus dem Keller und kehrte, bevor sie jemand hindern konnte, mit einer frischen Kerze für die Lampe und weiteren Decken für Lea und Rachel zurück. Dann drückte sie die Freundin noch einmal an sich und verließ das Gewölbe mit so müden Bewegungen, als würde sie auf der Stelle einschlafen.
Während sich Rachel in einer sauberen und halbwegs trockenen Ecke des Kellers zusammenkauerte und trotz der schrecklichen Ereignisse des Tages bald einschlief, hockte Lea auf der Stiege und biss sich die Fingerkuppen wund, um über dem Schmerz das Entsetzen und die Trauer über ihren Verlust ertragen zu können. Sie durfte sich nicht ihrem Kummer hingeben, sondern musste all ihre Kraft und ihren Mut zusammennehmen und einen Weg finden, ihre beiden Geschwister heil nach Hause zu bringen, auch wenn ihr das eine Aufgabe zu sein schien, die sogar einen Helden wie Samson oder David überfordert hätte.
In den nächsten Tagen fühlte Lea sich in einem nicht enden wollenden Albtraum gefangen, der von Eliesers Stöhnen und Jammern und Rachels Klagen erfüllt war. Sie sehnte sich nach frischer Luft und Bewegung, doch Pfeiffer und seine Mutter erlaubten weder ihr noch ihrer Schwester, das Kellerloch zu verlassen, nicht einmal in tiefster Nacht. Da man ihnen auch keine Kerze mehr gab, waren sie gezwungen, alle Verrichtungen im Dunkeln oder im Schein eines schnell abbrennenden Kienspans zu erledigen, was Rachel immer wieder zu hysterischen Ausbrüchen veranlasste.
Leas einziger Lichtblick war Gretchen, die die Geschwister mit rührendem Eifer versorgte und dafür die Beschimpfungen ihrer Schwiegermutter in Kauf nahm. Ohne sie hätte Elieser den ersten Tag nicht überstanden, und Lea war fest davon überzeugt, dass sie selbst ohne den Zuspruch der Freundin längst wahnsinnig geworden wäre.
Gretchen dachte einfach an alles. Da sie wusste, dass die unfreiwilligen Gäste nach Regeln und Gesetzen leben mussten, die einem Christenmenschen fremdartig vorkamen, reichte sie ihnen gekochtes Gemüse und frisches Obst. Einmal schlachtete sie sogar gegen den wütenden Protest ihrer Schwiegermutter ein Huhn, um eine stärkende Brühe für Elieser zuzubereiten. Unermüdlich brachte sie Essen und Trinken herbei, leerte den Eimer, in den Lea und Rachel ihre Notdurft verrichteten, säuberte die Schale, die Lea ihrem Bruder unterschob, und berichtete ihnen alles, was in der Stadt vorging.
Alban von Rittlage hatte das Judenviertel gleich am nächsten Tag von seinen Soldaten besetzen lassen und einen Boten mit der Nachricht von dem Pogrom an die kaiserliche Verwaltung geschickt. Darin hatte er den Überfall als den Ausbruch momentaner Empörung der Sarninger Bürger wegen eines jüdischen Hostienfrevels dargestellt und gebeten, eine Rückkehr der Juden vorerst unterbinden zu dürfen, da der Zorn der braven Christenmenschen noch nicht verraucht sei. Gretchens Mann, der dem Vogt als Schreiber diente, hatte den Bericht selbst zu Papier gebracht.
Gretchen erzählte ihnen auch, dass es mehr Tote gegeben hatte als die, die Lea im Haus ihres Onkels gefunden hatte. Bruno, der Bader, und mehrere seiner Spießgesellen hatten die aus der Stadt fliehenden Juden verfolgt, und die, die sie zu fassen bekamen, in die Sarn geworfen und mit Stangen unter Wasser gedrückt, bis sie ertrunken waren. Andere hatten Frauen und Mädchen abgefangen, von denen zwei jünger gewesen waren als Rachel, und ihnen auf offenem Feld Gewalt angetan.
Lea musste an Mirjam und Noomi denken und hoffte, dass die beiden hatten entkommen können. Da sie selbst trotz ihrer sechzehn Jahre kaum weibliche Formen besaß und so schnell laufen konnte wie ein Junge, war sie fest davon überzeugt, dass sie einer Vergewaltigung hätte entgehen können. Die schöne Rachel mit ihren gezierten, bedächtigen Bewegungen wäre jedoch eine leichte Beute für die entfesselte Meute gewesen. Noch während Gret-chens Bericht drückte Lea ihre Schwester an sich und dankte Gott für die Gnade, die er ihnen beiden hatte angedeihen lassen. Sie und Rachel würden Gretchen, deren Freundschaft selbst einer so feindseligen Umgebung wie dieser standhielt, ihr Leben lang dankbar sein.
Am Abend das fünften Tages, als Lea schon zu glauben begann, sie müsse den Rest ihres Lebens in ewiger Düs-ternis verbringen, kam Gretchen ganz aufgeregt in den Keller. »Peter sagt, ihr müsst morgen früh von hier fort. In der Stadt gehen Gerüchte um, einige Bürger hielten Juden versteckt, und man hat schon mehrere Häuser durchsucht, darunter das der Witwe Hauser, der man schon lange ein ungehöriges Verhältnis mit einem Juden nachgesagt hat. Tatsächlich hat man den Mann in ihrem Keller gefunden und erschlagen. Sie selbst ist auf den Marktplatz gezerrt, dort kahl geschoren und ausgepeitscht worden, und dann hat man sie nackt und blutend aus der Stadt gejagt.
Jetzt hat Peter Angst, uns könne es ebenso ergehen.«
Lea hob die Laterne, die Gretchen mitgebracht hatte, wies auf ihren Bruder, dessen Gesicht mehr einem Totenschädel als einem menschlichen Antlitz glich, und schüttelte den Kopf.
»Ich würde lieber heute als morgen aus diesem Loch herauskommen, aber Elieser ist nicht in der Lage zu reisen.«
Gretchen spreizte abwehrend die Hände. »Ihr müsst aber von hier verschwinden. Wenn ihr bleibt, werden wir alle sterben.«
Lea spürte, wie die Angst ihrer Freundin auf sie übersprang, und zuckte zusammen wie unter einem Schlag. »Rachel und ich können Elieser doch nicht bis Harten-burg tragen. Wir können von Glück sagen, wenn wir ungeschoren bis zum Stadttor kommen, aber spätestens dort werden uns die Wachen festnehmen und den Männern des Vogts ausliefern.«
»Davor brauchst du keine Angst zu haben. Peter wird euch einen Passierschein beschaffen, mit dem ihr Sarnin-gen ungehindert verlassen könnt, und für Elieser geben wir euch unseren alten Handkarren mit. Mit dem kannst du deinen Bruder bis nach Hartenburg fahren.«
»Ich möchte nach Hause!«, wimmerte Rachel, die nur den Namen ihrer Heimatstadt verstanden hatte.
Lea stieß die Luft aus. »Das möchte ich auch.«
Gleichzeitig fragte sie sich, was sie zu Hause erwarten würde.
Jetzt, wo ihr Vater und Samuel tot waren, gab es niemanden mehr, der die Pflichten eines Hoffaktors erfüllen und die Geschicke der Familie leiten konnte. Auch Ger-schoms Tod war ein herber Verlust, nicht nur für seine Frau Sarah und für seine beiden Kinder, sondern auch für sie, denn er hatte Jakob ben Jehuda auf allen Reisen begleitet und kannte seine Handelspartner. Er hätte ihr helfen können, mit den wichtigsten Leuten Kontakt aufzunehmen und an das Geld zu kommen, das die Familie in der nächsten Zeit dringend benötigte. Jetzt aber würde ihre Zukunft selbst dann, wenn sie lebend nach Hause kamen, von der Gnade Gottes abhängen.
Gretchen sah, dass Lea sich Sorgen machte, und strich ihr wie einem kleinen Mädchen über die Wange. »Es wird schon alles gut gehen. Ich versorge dich und deine Geschwister für die Reise, so gut ich kann.«
Lea war klar, dass sie Gretchen nicht umstimmen konnte, und sie sagte sich, dass Sonnenwärme und frische Luft Elieser eher gesunden lassen würden als die stickige, feuchte Kälte, die ihn jetzt umgab. »Also gut, wir brechen morgen auf. Hast du inzwischen in Erfahrung gebracht, was mit den Toten drüben in der Judengasse geschehen ist? Hat man sie wenigstens begraben?«
Lea wollte nicht fragen, ob man sie den wilden Schweinen vorgeworfen hatte, wie es mancherorts geschehen war, und atmete auf, als Gretchen eifrig nickte. Das Gesicht der jungen Frau verriet jedoch, dass sie log. Verärgert grub Lea ihr die Finger in die Schulter. »Bitte, sag mir die Wahrheit!«
Gretchen lief ein Schauer durch den Körper, und sie schlang die Arme um sich, als müsse sie sich wärmen. »Es war den Soldaten zu mühsam, eine Grube auszuheben, und so hat man die Toten einfach in die Sarn geworfen. Es tut mir so Leid für dich. Ich hoffe, dein Gott wird deinen Verwandten dennoch gnädig sein und sie bei sich aufnehmen. Es ist so schrecklich, was hier geschehen ist, und ich weiß nicht, ob ich in dieser Stadt noch einmal glücklich sein werde.« Sie sah so aus, als wollte sie noch etwas sagen, biss sich aber dann auf die Lippen, Lea ließ jedoch nicht locker. »Ich will alles wissen!«
Gretchen sah Rachel an, die verkrümmt wie eine alte Frau in ihrem Winkel saß, und senkte ihre Stimme. »In der Kanzlei erzählt man sich, dass unser Vogt am Tag des Pogroms von der Ankunft deines Vaters erfahren und befohlen haben soll, ihn und seine Angehörigen zu erschlagen. Alban von Rittlage soll Angst gehabt haben, dass dein Vater ihn mit Hilfe eures Markgrafen in Schwierigkeiten bringen könnte, und wenn er erfährt, dass wir die Kinder des Hartenburger Hoffaktors vor seinen Mördern versteckt haben, wird er mich und meinen Mann eines grausamen Todes sterben lassen. Ich lebe Tag und Nacht in Angst, dass man euch bei uns entdecken könnte.«
Lea brauchte einen Augenblick, um Gretchens Worte zu begreifen. Dann aber überschwemmte der schon einmal mühsam gebändigte Hass auf dieses Ungeheuer in Menschengestalt ihren Geist und ließ sie taumeln. Einige heftige Atemzüge lang kämpfte sie mit dem Wunsch, sich ein Messer zu besorgen, den Vogt aufzusuchen und ihn zu erstechen, und es dauerte eine Weile, bis sie wieder klar denken konnte. Jeder Versuch, den Tod des Vaters an dem Vogt zu rächen, würde sie und ihre Geschwister jenen unmenschlichen Grausamkeiten ausliefern, für die die Henkersknechte der Christen berüchtigt waren. Kraftlos sank sie in sich zusammen und hielt sich am Treppengeländer fest. »Wir brechen morgen auf.«
Gretchen atmete auf. »Das ist vernünftig von dir. Aber ihr dürft weder als Juden noch als zwei Mädchen zu erkennen sein, die ohne den Schutz eines Mannes reisen. Wenn ihr beide Frauenkleidung tragt, seid ihr unterwegs den Zudringlichkeiten jedes besoffenen Kerls ausgesetzt. Deswegen musst du, Lea, dich als Mann ausgeben. Ich habe ein paar alte Sachen von Peter so umgeändert, dass sie dir passen müssten. Rachel bekommt eines meiner Mädchenkleider, die ich aus Hartenburg mitgebracht habe. Ich bin gerade dabei, den Rock für sie zu kürzen. Elie-ser kann ich nur eines von Peters langen Winterunterhemden geben, denn sonst habe ich nichts für ihn. Aber wenn wir deinen Bruder in eine Decke wickeln und auf Stroh betten, dürfte er es warm genug haben.«
Bevor Gretchen ihre Pläne noch weiter erläutern konnte, rief ihre Schwiegermutter keifend nach ihr, und sie ließ die beiden Schwestern als Opfer widerstrebender Gefühle zurück.
Rachel stampfte mit dem Fuß auf. »Ich laufe doch nicht als Christin herum!«
Lea zuckte mit den Schultern. »Doch das wirst du, es sei denn, du willst deine Ehre und dein Leben noch in den Mauern dieser Stadt verlieren.«
»Und du? Willst du dich wirklich als Mann verkleiden?« Allein die Vorstellung verletzte Rachels Schamgefühl zutiefst. Gott hatte Männer und Frauen so geschaffen, dass man sie voneinander unterscheiden konnte, das gehörte zu den unumstößlichen Glaubensregeln ihres Volkes.
Als Lea nickte, sprang sie auf, packte ihre Schwester am Mieder und versuchte, sie zu sich herabzuziehen. »Ein
Weib in Männerkleidung ist ein Gräuel vor dem Herrn. Ich werde nicht zulassen, dass man deinetwegen mit dem Finger auf unsere Familie zeigt!«
Lea löste ihre spitzen Fingernägel aus Stoff und Haut. »Willst du riskieren, dass uns jeder Strauchdieb ins Gebüsch zerrt und jeder Stallknecht aufs Stroh? Bei Gefahr für Leib und Leben ist List erlaubt. Hat nicht auch Abraham sein Weib Sarah als seine Schwester ausgegeben, um Pharao zu täuschen, und haben nicht Judith und Deborah Männerwerk getan, um das Volk Israels zu retten?«
Ihre Worte überzeugten Rachel nicht, aber da sie keine Antwort darauf wusste, wandte sie Lea mit einem missbilligenden Schnauben den Rücken zu und setzte sich zu Elieser. Der Junge dämmerte die meiste Zeit vor sich hin und hatte auch jetzt nichts von dem Streit zwischen seinen Schwestern mitbekommen. Rachel war sich jedoch sicher, dass er ihrer Meinung sein und, wenn er wach wurde, Lea den Kopf zurechtsetzen würde. Schließlich war er nach dem Tod des Vaters und ihres älteren Bruders das Oberhaupt der Familie, und ihre Schwester hatte ihm zu gehorchen.
Die Nacht wollte und wollte nicht enden. Lea schlief wie die Tage zuvor im Sitzen auf den hölzernen Treppenstufen, wachte aber immer wieder auf und starrte in die Dunkelheit, die noch nicht einmal durch das Funkeln eines Sterns hinter der Fensteröffnung durchbrochen wurde. Die Schwärze, die sie umgab, durchzog auch ihre Seele und presste ihr Herz wie mit eisernen Bändern zusammen. Sie fürchtete sich vor dem Morgen und trauerte um ihren geliebten Bruder Samuel, um ihren Vater, um Ger-schom und um sich selbst und ihre beiden jüngeren Geschwister. Ihr war es, als wären sie alle schon tot und trieben als bleiche, kaum noch als Menschen zu erkennende Gestalten in einem tiefen, lichtlosen Wasser.
Als Lea die steif gewordenen Glieder streckte, wurde ihr bewusst, dass Resignation den göttlichen Geboten widersprach und ihr jede Chance nahm, den Gefahren, die nun auf sie warteten, die Stirn zu bieten. Sie kniff sich in die Arme, um sich zu beweisen, dass sie noch lebendig war, und genoss beinahe den Schmerz. Mehrmals sagte sie sich, dass sie ihre Sinne nicht von der Trauer um die Ermordeten gefangen nehmen lassen durfte, denn all ihre Sorge hatte nun ihren Geschwistern zu gelten.
Wenn sie Hartenburg lebend mit ihnen erreichen wollte, musste sie stark sein und diese Stärke auch an Schwester und Bruder weitergeben.
Als sie ihre Umgebung erkennen konnte, sah sie, dass Elieser wach war, und trat an sein Lager. Im Gegensatz zu den letzten Tagen jammerte und weinte er nicht, sondern starrte sie mit großen Augen an. Sie strich ihm die verschwitzten Haare aus der Stirn und erklärte ihm leise, um die Schwester nicht zu wecken, was ihnen bevorstand und was sie tun musste, um ihn aus Sarningen hinauszubringen. Im Gegensatz zu Rachel akzeptierte er ihren Ent-schluss, sich als Mann zu verkleiden, und bestärkte sie sogar noch.
»Wenn wir hier bleiben, werden sie uns entdecken und uns schreckliche Dinge antun. Bitte, Lea, bring mich nach Hause! Ich weiß, dass du das kannst.«
Er streckte den gesunden Arm nach ihr aus und sank im nächsten Moment mit einem Wehlaut zurück. »Ich habe so schreckliche Schmerzen.«
»In Hartenburg wird sich ein Arzt um dich kümmern. Bis dahin musst du durchhalten.« Lea gab ihrem Bruder einen Schluck Mohnsaft, um seine Schmerzen zu lindern, und ließ ihn viel Wasser trinken. Dann blieb sie neben ihm stehen, bis er eingeschlafen war.
Gerade, als sie sich auf eine der Stufen sinken lassen wollte, wurde die Falltür hochgehoben, und rötliches Tageslicht fiel herein.
Oben stand Gretchen und streckte ihr einen Packen Kleider entgegen. Als Lea ihn ihr abgenommen hatte, griff sie nach dem Korb, im dem sie die Mahlzeiten und andere Sachen herbeizuschleppen pflegte, und stieg die Treppe hinab. Unten brachte sie als Erstes eine Schere zum Vorschein. »Natürlich müssen wir dir die Haare abschneiden. Es tut mir Leid um deine schönen Zöpfe, aber als Mann würdest du so nicht durchgehen.«
Lea warf unwillig den Kopf hoch. »Wer am Leben bleiben will, muss Opfer bringen.«
Das sollte gleichmütig klingen, aber ihre Stimme verriet, wie nahe sie den Tränen war. Sie wandte ihr Gesicht ab, schob eines der Gestelle in den Lichtkegel und setzte sich darauf.
»Mach schnell!«, bat sie die Freundin.
Gretchen schnaufte verlegen und setzte die Schere an. Während Lea die Zähne zusammenbiss, schrie Rachel bei jeder abgetrennten Strähne leise auf, wagte es aber nicht, ihrer Schwester Vorhaltungen zu machen.
Als Gretchen fertig war, trat sie einen Schritt zurück, um ihr Werk zu begutachten. »Als Mann siehst du gut aus, Lea. Hätte ich nicht meinen Peter, könnte ich mich glatt in dich verlieben.«
Lea betastete ihren kahlen Nacken und schüttelte sich innerlich bei dem Gedanken, so das Haus verlassen zu müssen, zwang sich aber zu einem Lächeln. »Das hast du gut gemacht.«
Gretchens ängstlicher Blick wich deutlicher Erleichterung. Damals in Hartenburg hatte Lea ihr einiges über jüdische Sitten und Gebräuche erzählt, und so konnte sie sich vorstellen, gegen wie viele Regeln ihre Freundin verstieß, wenn sie barhäuptig und als Mann verkleidet herumlief.
»Ich habe Übung darin, denn ich muss Peter auch immer die Haare schneiden. Esst jetzt schnell euren Morgenbrei und zieht euch an. Ich schaue inzwischen nach, wie weit mein Mann mit dem Handkarren ist.« Sie schob Lea den Korb hin und hastete die Treppe hinauf.
Lea teilte den Getreidebrei auf und reichte ihrer Schwester die größte Portion. Rachel nahm die Schale mit spitzen Fingern entgegen, so als fürchtete sie, sich an Lea zu beschmutzen, und löffelte immer noch lustlos, als Lea längst fertig war und Elieser fütterte. Um ihren Widerwillen deutlich zu machen, weigerte Rachel sich, das für sie bestimmte Kleid überzustreifen. Lea juckte es in den Fingern, ihre Schwester zu ohrfeigen, aber sie scheute eine weitere Auseinandersetzung und zog sie daher an wie ein kleines Kind. Dann bat sie sie freundlich, ihr zu helfen, Elieser den schmutzigen Kittel aus- und das frische Hemd anzuziehen. Rachel starrte angewidert auf das sackähnliche Gewand, das Gretchen ihrem Mann abgebettelt hatte und das ihren Bruder von Kopf bis Fuß einhüllen würde.
»Sag mal, bist du ganz von Gott verlassen? Du kannst ihn doch nicht nackt ausziehen. Es gehört sich nicht für eine fromme Jüdin, die Blöße eines Mannes anzusehen oder sie gar zu berühren.«
Lea schnaubte. »Ich werde ihn sogar dort waschen! Du kannst ja die Augen dabei zumachen. Das schmutzige, durchgeschwitzte Zeug muss weg, sonst erkältet Elieser sich draußen, und das wäre sein Tod. Wenn ich ihn aber ohne deine Hilfe bewege, werde ich ihm Schmerzen zufügen und vielleicht sogar seine Wunden aufreißen.«
Rachel verschränkte die Arme und zog sich in ihre Ecke zurück.
»Ich fasse keinen nackten Männerkörper an. Frag doch Gretchen.«
Lea presste ihre Hände an den Leib, um den Wunsch zu unterdrücken, den Kopf der Schwester so lange gegen die Wand zu schlagen, bis das Mädchen Vernunft annahm, und beschränkte sich darauf, Rachel mit einigen Ausdrücken zu belegen, die sie von Samuel gelernt hatte.
Als Gretchen zurückkehrte, hockte Rachel immer noch laut weinend in der Ecke. Lea hatte ihr den Rücken gekehrt und zupfte an den hautengen Hosen, die Gretchen ihr besorgt hatte und die bis auf eine gewisse Stelle über dem Schritt wie angegossen saßen.
Gretchen betrachtete sie von allen Seiten und deutete auf ihre Scham. »Die Stelle müssen wir noch ausstopfen. Hier, nimm mein Kopftuch. Das dürfte reichen.«
Da Lea sich zu ungeschickt anstellte, griff sie ihr in die Hose und zog und schob den Stoff unter Rachels missbilligendem Schnauben und Schniefen so lange hin und her, bis sie mit dem Ergebnis zufrieden war.
»So gefällt es mir schon besser. Habt ihr euren Bruder schon angezogen? Nein? Dann wird es aber höchste Zeit! Komm, Lea, heb ihn an, damit ich ihn umkleiden kann.«
Lea richtete Elieser auf, der noch halb betäubt vom Mohnsaft war und schlaff in ihren Armen hing, und dann arbeiteten Gretchen und sie Hand in Hand, als hätten sie beide schon jahrelang Schwerkranke versorgt. Gretchen bemerkte die mörderischen Blicke, die Lea zwischendurch ihrer Schwester zuwarf, und fragte sich besorgt, wie die drei unter diesen Umständen den Heimweg schaffen wollten. Wenn Rachel sich weiterhin quer stellte, würden die Geschwister bald als Juden erkannt und misshandelt oder gar umgebracht werden. Für einen Augenblick überlegte sie, dem Mädchen gründlich den Kopf zu waschen, doch sie wusste noch von früher, dass Rachel nicht gewillt war, den Rat einer Andersgläubigen anzunehmen.
Als Elieser versorgt war, half Gretchen Lea, den Bruder nach oben zu tragen. Peter erwartete sie im Flur, während die alte Pfeifferin den Kopf neugierig zur Küchentür herausstreckte.
Als Gretchens Mann ihnen die Hintertür öffnete, um sie in den Garten hinauszulassen, blieb Lea kurz stehen und blickte die Frau mit vorgeschobenem Kinn an.
»In unseren eigenen Kleidern waren ein wenig Schmuck und ein paar Goldmünzen eingenäht. Die möchte ich wiederhaben, da wir unterwegs Geld für Unterkunft und Essen benötigen.«
Die Alte ballte die Rechte zur Faust, als wollte sie Lea schlagen, »Willst du Judenbalg mich vielleicht eine Diebin heißen? In den Lumpen, die ihr am Leib hattet, war rein gar nichts!«
Aus den Augenwinkeln konnte Lea erkennen, dass Peter Pfeiffer beschämt den Kopf senkte. Er sagte jedoch nichts, sondern winkte ihr und Gretchen zu, sich zu beeilen, und wies dabei auf einen zweirädrigen Handkarren, der zur Hälfte mit Stroh gefüllt war. »Ich hoffe, ihr kommt damit zurecht. Etwas Besseres besitze ich nicht, und ich konnte es nicht wagen, mir einen leichteren Wagen von den Nachbarn zu borgen.«
»Wir werden es schon schaffen.« Lea war froh um das klobige Gefährt, auch wenn sie nicht wusste, ob ihre Kräfte reichen würden, den Karren über die oft steil ansteigenden Straßen bis Hartenburg zu schieben. Halb im Stroh verborgen lagen ein prall gefüllter Wasserschlauch, zwei Brote und ein alter, fest zugebundener Topf, der wohl Suppe für Elieser enthielt. Lea schämte sich ein wenig, weil sie keine Dankbarkeit für die Hilfe empfand, sondern nur Erleichterung, endlich dieses Haus verlassen zu können.
Der Verlust des Schmucks schmerzte sie, nicht wegen der hundert Gulden, die der kleine Schatz wert gewesen war, sondern wegen der Erinnerungen, die an einigen dieser Stücke hingen.
Überdies hatte die alte Pfeifferin ihr vor Augen geführt, wie rechtlos sie als Jüdin war, und das war kein gutes Omen für den Heimweg und die Probleme, die zu Hause auf sie warteten.
Peter Pfeiffer schien Leas schlechten Eindruck verwischen zu wollen, denn er brachte ihnen noch einen großen Arm voll Heu und einen alten Sack als Unterlage für Elie-ser, damit der Kranke so bequem wie möglich liegen konnte, und er half auch, ihn vorsichtig auf den Karren zu betten. Dann drehte er sich so abrupt um, als täte seine Hilfsbereitschaft ihm Leid. Er scheuchte seine Mutter ins Haus, folgte ihr und zog grußlos die Tür hinter sich zu.
Gretchen hatte mit ängstlichem Blick gewartet, bis sie allein waren, und umarmte Lea nun bewegt. »Ich wünsche dir ganz viel Glück. Sei bitte vorsichtig und lass mich, wenn es dir möglich ist, wissen, ob ihr gut nach Hause gekommen seid. Hier, das ist für unterwegs. Ihr werdet es brauchen.«
Sie drückte Lea einen Leinenbeutel in die Hand, in dem ein paar Münzen klirrten.
Lea war noch so wütend über den Verlust ihres kleinen Schatzes, dass sie den Wunsch unterdrücken musste, ihrer Freundin das Geld vor die Füße zu werfen. Mühsam riss sie sich zusammen und steckte das Geschenk mit einem leicht gezwungenen Lächeln ein. Mit den Münzen würde sie die Herbergswirte bezahlen und hoffentlich auch frischen Mohnsaft für Elieser kaufen können. Im nächsten Moment ärgerte sie sich, weil sie nur an sich gedacht hatte. Gretchen würde es in der nächsten Zeit nicht leicht haben, denn ihre Schwiegermutter hatte so ausgesehen, als würde sie der jungen Frau den Widerstand gegen sie und die Tatsache, dass sie das Leben dreier ihr verhasster Juden gerettet hatte, noch lange nachtragen. Sie zog die Freundin an sich und stammelte ihr Dankesworte ins Ohr.
Gretchen erwiderte ihre Umarmung ebenso heftig und begann zu weinen. »Es tut mir so Leid um deinen Vater und Samuel.
Ich schäme mich für meine Mitbürger, und ich werde für deine Toten beten und auch für dich und deine Geschwister. Geh mit Gott, Lea. Ich ... Oh, beinahe hätte ich das Wichtigste vergessen!« Sie löste sich aus Leas Armen, trat einen Schritt zurück und nestelte ein Stück Papier aus ihrer Schürze.
»Hier ist euer Passierschein. Er besagt, dass ihr aus Sarningen ausgewiesen werdet, weil euer Bruder im Verdacht steht, unter einer ansteckenden Krankheit zu leiden. Wenn ihr diesen Pass vorweist, wird man euch gewiss in Ruhe ziehen lassen. Schließlich haben die Leute vor kaum etwas mehr Angst als vor einer Seuche.« Sie lachte spitzbübisch auf, obwohl ihr immer noch die Tränen über die Wangen liefen, reichte Lea das Papier und verschwand im Haus, bevor diese sich noch einmal bedanken konnte.
Rachel machte ein Gesicht, als wollte sie vor Ekel ausspeien.
»Nichts als wohlfeile Worte! Gretchen ist auch nicht besser als die anderen Christen.«
»Du bist ein undankbares Geschöpf! Ohne Gretchen wären wir schmutzigen Kerlen zum Opfer gefallen, die uns unsere Ehre und unser Leben genommen hätten.«
Rachel deutete auf Leas Männerhosen und warf den Kopf in den Nacken. »So ein hässliches, dürres Gestell wie dich würde nicht einmal ein Christ anrühren.«
Einen Augenblick später saß ihr Leas Hand im Gesicht. »Höre mir gut zu, kleine Schwester! Wir haben einen harten Weg vor uns, und wenn du lebend und unversehrt nach Hause kommen willst, dann nimm dich zusammen, und halte vor allen Dingen den Mund. Denk daran, Elie-sers Leben und seine Sicherheit hängen ganz von uns bei-den ab, genau wie das Wohlergehen unserer Leute in Hartenburg, denn ohne unseren Vater sind sie wie Lämmer ohne ihren Hirten.«
Rachel schnaubte und sah mit vor der Brust verschränkten Armen zu, wie Lea die Holme packte und den Karren anschob.
»Dieser Hirte willst wohl du sein?«
Lea deutete mit dem Kinn auf den schlafenden Bruder. »Elieser ist jetzt das Oberhaupt unserer Familie, und wir sind es ihm schuldig, ihn lebend nach Hause zu bringen.«
Ohne weiter auf ihre Schwester zu achten, lenkte Lea das Gefährt auf die Gasse hinaus. Zu ihrem Glück hatte Peter Pfeiffer die Naben gut eingefettet, daher ging es leichter, als sie erwartet hatte. Die eisenbereiften Räder knirschten auf dem Kopfsteinpflaster der Gasse und kündeten den Wächtern am Tor ihr Kommen schon von weitem an.
Ein vierschrötiger Kerl in hautengen, erdbraunen Hosen und einem grauen Wams unter dem stählernen Brustpanzer senkte seine Hellebarde. »Wer seid ihr, und wo wollt ihr hin?«
Es war einer der Männer, von denen Jakob ben Jehuda sich bei der Ankunft in Sarningen hatte erniedrigen lassen, und Lea musste ihren Rücken anspannen, um nicht in die gleiche kriecherische Pose zu fallen wie ihr Vater. Sie sagte sich noch einmal die Namen vor, die sie auf dem Passierschein gelesen hatte, und hielt dem Mann das Pergament hin. »Ich heiße Leopold und das ist meine Schwester Radegunde. Wir haben unseren Bruder Meinrad zu einem Sarninger Arzt gebracht. Der hat ihm einen Trunk gegeben und gesagt, wir müssten die Stadt sofort wieder verlassen, weil seine Krankheit ansteckend sein könnte.«
Es war fast lächerlich, zu sehen, wie hastig der Tor-wächter vor ihnen zurückwich. »Eine ansteckende Krankheit? Dann macht, dass ihr verschwindet!«
Er winkte ihnen mit der Hellebarde, schneller zu gehen, und wies seine Kameraden an, den Weg freizugeben. Dem Passierschein schenkte er keinen Blick. Das mochte an seiner Angst vor Krankheiten liegen, aber Lea vermutete, dass er wie die meisten Christen nicht lesen konnte. Sie hatte sich schon oft über die Unwissenheit der Nichtjuden gewundert. Sie selbst beherrschte nicht nur die hebräische Schrift, sondern auch die mit lateinischen Buchstaben geschriebene deutsche Sprache. Das hatte Samuel ihr wie so vieles andere hinter dem Rücken ihres Vaters beigebracht, und nun verliehen ihr die heimlich erworbenen Fertigkeiten einen unschätzbaren Vorteil.
Sie verabschiedete sich freundlich von den Torwächtern und schob den Karren aus der Stadt. Rachel hatte beim Anblick der Wächter ihre Abneigung gegen Leas Kleidung vergessen und sich an einen Ärmel des blaugrauen Wamses geklammert. Erst als das Tor ein ganzes Stück hinter ihnen zurücklag, ließ sie Lea los und atmete so heftig durch, als hätte sie die ganze Zeit keine Luft geholt.
»Gott, der Gerechte! Das waren dieselben Kerle, die uns bei unserer Ankunft in Sarningen gezwungen haben, aus dem Wagen zu steigen. Ich hatte schon Angst, sie würden uns wiedererkennen.«
»Unsinn! Wie die meisten Leute sehen auch sie nicht weiter als bis zu ihrer Nasenspitze. Bei unserer Ankunft haben die Männer nur auf unsere jüdische Tracht und nicht auf unsere Gesichter geachtet, und jetzt waren wir für sie drei unbekannte christliche Geschwister. Aber wenn du dich weiterhin so anstellst, als hättest du etwas zu verbergen, werden die Leute misstrauisch.«
Rachel verzog das Gesicht und sagte etwas, das abfäl-lig klang, aber da Lea es nicht verstand, begnügte sie sich damit, ihrer Schwester einen warnenden Blick zuzuwerfen. Vorhin am Tor hatte die Angst auch ihr beinahe das klare Denken geraubt, doch nun war sie guten Mutes, denn sie hatten die erste und vielleicht schwerste Etappe ihres Weges nach Hartenburg hinter sich gebracht. Wenn Rachel sich zusammenriss und sie nicht in Gefahr brachte, konnten sie in vier, fünf Tagen zu Hause sein.
Da Elieser sich unruhig herumwarf und vor Schmerzen wimmerte, schritt Lea kräftig aus, damit er so bald wie möglich in ärztliche Behandlung kam. Rachel, die nicht gewohnt war, barfuß zu laufen, jammerte vor sich hin, denn es fiel ihr schwer, mit ihrer Schwester Schritt zu halten. Sie wagte es aber nicht, sich zu beschweren, denn sie hatte schmerzhaft feststellen müssen, dass Lea nicht mehr so langmütig war wie früher.
Die Straße war in einem so schlechten Zustand, dass Lea Rachel schließlich mit Drohungen zwang, ihr zu helfen, den Karren um die schlimmsten Schlaglöcher herumzulenken.
Später mussten sie beide sich über lange Strecken mit dem ganzen Gewicht gegen das Holz stemmen, um das Gefährt die Hänge hinaufzuschieben und zu verhindern, dass es ihnen bergab davonrollte oder umkippte. Eine Weile folgte der Weg dem Lauf der Sarn, dann bog er in eine Hügelkette ab, die dichter Wald bedeckte. Nach der schweißtreibenden Hitze der offenen Uferlandschaft: erwies sich das kühle Dämmerlicht unter den Baumkronen zunächst als recht angenehm, bald aber wurden die Schatten und die Stille den beiden Mädchen unheimlich. Sie sahen sich immer wieder ängstlich um, doch die Bewegungen, die sie wahrzunehmen glaubten, stammten von Zweigen oder lang herabhängenden Moosbärten, die im Wind schaukelten.
Lea und Rachel waren nicht die einzigen Reisenden auf der Straße. Hin und wieder vernahmen sie das Knirschen großer, eisenbereifter Wägen und das Knallen der Peitschen, und kurze Zeit später forderten Fuhrleute sie mit barschen Stimmen auf, den Weg freizugeben, und einige Male sahen sie sich den neugierigen Blicken einzelner Wanderer oder kleiner Gruppen ausgesetzt. Zu ihrer Erleichterung kümmerte sich jedoch kaum jemand um einen jungen Burschen, der mit seiner Schwester und einem alten Handkarren seiner Wege zog, und allzu Neugierige wehrte Lea mit einem Hinweis auf »Meinrads« anste-
ckende Krankheit ab. Diese Auskunft trug ihnen jedoch noch eine Menge Ärger ein, denn als sie am Nachmittag völlig entkräftet eine Herberge erreichten und um ein Nachtlager baten, wies der Wirt sie heftig schimpfend ab.
»Macht, dass ihr weiterkommt! Oder glaubt ihr, ich will die Seuche im Haus haben?«
Lea blickte den Mann flehend an. »Wir sind so matt, dass wir kaum noch einen Schritt vor den anderen setzen können. Bitte gebt uns einen Krug Wein und etwas Brot, oder lasst uns wenigstens den Wasserschlauch am Brunnen auffüllen.«
»Nichts da! Ich hole mir nicht wegen ein paar Heller die Pest an den Hals. Verschwindet, sonst mache ich euch Beine!« Der Wirt rief nach einem Knecht, der mit einer Forke in der Hand auf Lea zukam, als wollte er sie aufspießen.
Sie hob erschrocken den Karren an und schob ihn weiter, so schnell sie konnte. Als sie die Scheune, die sich an die Herberge anschloss, schon fast hinter sich gelassen hatten, öffnete sich eine Luke in der Wand, und eine junge Magd sprang ins Freie. Sie hielt einen Weinschlauch, einen verbrannt aussehenden Leib Brot und eine Wurst in der Hand.
»Für einen halben Groschen könnt ihr das hier haben.«
Lea stellte den Karren ab, kramte die verlangte Summe aus dem Beutel und hielt sie der Frau hin. Die Magd schien Übung in solchen Geschäften zu haben, denn sie brachte es fertig, gleichzeitig das Geld an sich zu nehmen und Lea die Lebensmittel in die Arme zu drücken. Dann flüsterte sie ihr noch zu, dass nur wenige Schritte hinter einer vom Blitz getroffenen Eiche eine Quelle zu finden sei, und kletterte so flink wie ein Eichhörnchen in das Gebäude zurück. Lea überlegte einen Augenblick, warum die Frau ihnen geholfen hatte, und kam zu dem Schluss, dass sie die Unfreundlichkeit des Wirts wohl öfters ausnutzte, um sich eine kleine Mitgift zu verdienen. Da die Magd dabei aber Gefahr lief, als Diebin angeklagt, ausgepeitscht und gebrandmarkt zu werden, musste ihre Tat doch ein Werk der Barmherzigkeit sein.
»Der Gott Abrahams, Isaaks und Israels vergelte es dir«, flüsterte Lea, während sie die Sachen im Wagen verstaute und ihn weiterschob.
Als sie an der vom Blitz gespaltenen Eiche vorbeikamen, stellte Lea den Karren wieder ab und griff nach dem leeren Wasserschlauch, um ihn an der Quelle zu füllen. Sie hatte jedoch noch keine zwei Schritt zurückgelegt, da begann Rachel zu greinen wie ein kleines Kind, denn sie hatte Angst, allein bei Elieser zurückbleiben zu müssen. Lea schloss die Augen, ballte die Fäuste und atmete mehrmals tief durch, um ihren Zorn zu bändigen, und für einen Augenblick verstieg sie sich zu dem Wunsch, sie hätte ihre Schwester gar nicht erst zu Gretchen mitgenommen. In ihrem Egoismus machte Rachel nicht nur ihr das Leben schwer, sondern gefährdete auch Elieser, der jetzt mit aufgesprungenen Lippen vor sich hinweinte, weil sie den größten Teil des Wassers aus dem Schlauch für sich beansprucht hatte. Dann dachte Lea daran, was die Mörder ihres Vaters ihrer Schwester angetan hätten, und bekam ein schlechtes Gewissen.
Sie biss die Zähne zusammen und deutete auf eine Gruppe Wanderer, die den Weg hinaufkamen. »Willst du die Leute dort auf uns aufmerksam machen? Pass auf: Wenn dir einer von denen zu nahe kommt, hustest du zum Gotterbarmen, als wärest du schwer krank, sagst aber kein Wort. Hast du mich verstanden?«
Rachel schüttelte den Kopf und protestierte heftig, verstummte aber, als ihre Schwester sich ohne weiteren
Kommentar umdrehte und in das Halbdunkel zwischen den Büschen hineintauchte.
Schon nach wenigen Schritten vernahm Lea das Geräusch fließenden Wassers und traf auch bald auf ein winziges Rinnsal, das aus einer kaum mannshohen Felswand austrat, über ein paar Steine sprang und sich im sumpfigen Waldboden verlor. Das Wasser war kalt und tat gut. Nachdem Lea genug getrunken hatte, füllte sie den Schlauch und lief zurück zur Straße, wo Rachel sich von einem heftigen Hustenanfall geschüttelt an den Karren klammerte.
Die Wanderer waren den beiden Kranken in weitem Bogen ausgewichen und kamen langsam außer Sicht. Als Lea keine fremden Blicke mehr auf sich gerichtet sah, nutzte sie das rasch schwindende Tageslicht, um Elieser zu säubern, seine Verbände zu erneuern und ihm mit Wasser gemischten Wein und den Rest der kalten Suppe einzuflößen. Zu ihrer nicht geringen Freude hatte der Junge immer noch Hunger, und so tauchte sie ein Stück des noch warmen Brotes in den Wein und fütterte ihn damit. Sie selbst begnügte sich mit zwei, drei Bissen und gab auch Rachel, die Gretchens Brot fast alleine aufgegessen hatte, nur ein kleines Stück ab. Die Wurst, die aus Schweineblut und Grieben gemacht war, warf sie nicht ohne Bedauern tief ins Gebüsch.
Als der Mond aufging, erreichten sie ein Haus, das im spärlichen Licht wie eine Räuberhöhle wirkte, aber eine Herberge für ärmere Reisende zu sein schien. Unter einfachen Schutzdächern standen die bunt bemalten Wagen des fahrenden Volkes neben ähnlichen Handkarren, wie Lea ihn schob. Dazwischen nächtigten Kiepenhändler, die ihren spärlichen Besitz noch im Schlaf umklammert hielten.
Lea wollte schon erleichtert aufatmen, weil sie doch noch einen sicheren Platz für die Nacht gefunden hatten, aber da stand der Knecht auf, der das kleine Wachfeuer mitten im Hof in Gang hielt, und kam mit einem brennenden Ast in der Hand auf sie zu. »He! Ihr seid doch die mit der Seuche! Hier könnt ihr nicht bleiben. Verschwindet gefälligst, ehe ihr unsere Gäste in Gefahr bringt.«
Lea sah zum Himmel, über den immer dichtere Wolken zogen.
Es braute sich ein Unwetter zusammen, das sich wohl noch in der Nacht entladen würde. Daher hob sie bittend die Hände und wollte etwas sagen. Eine rundliche Frau, die gerade aus dem Haus trat und ihrer Kleidung nach die Wirtin sein musste, scheuchte den Knecht weg und musterte Lea von Kopf bis Fuß.
»Wenn ihr euch von den anderen fern haltet, könnt ihr für sechs Pfennige in dem Verschlag dort hinten übernachten. Eine Suppe kostet noch einmal sechs Pfennige, und Wasser müsst ihr draußen am Bach schöpfen, denn ich will nicht, dass ihr mir den Brunnen verseucht. Legt das Geld hier in die Schale, oder zieht weiter.«
Zwölf gute Pfennige für einen Verschlag und einen Napf dünner Suppe waren ein unverschämt hoher Preis, aber Lea hatte keine andere Wahl, als das Angebot anzunehmen, da sie Elieser keinem Wolkenbruch aussetzen durfte. So zählte sie die Münzen ab und schob ihren Karren auf den von der Wirtin bezeichneten Schuppen zu, der schon von außen durchdringend nach Ziegen roch. Die Laubschütte war jedoch noch frisch, und Lea sagte sich, dass sie froh sein konnte, nicht in einem Schweinekoben übernachten zu müssen. Im Westen gewitterte es bereits heftig, und der Wind, der kurz vorher eingeschlafen war, kehrte als Sturm zurück und riss trockenes Geäst aus den Baumkronen.
Die Magd, die ihnen die Suppe und drei trockene Kan-ten Brot brachte, trug einen triefend nassen Regenschutz aus Stroh, der sie wie eine wandelnde Vogelscheuche aussehen ließ.
Das Mädchen zeigte keine Scheu vor der angeblichen Seuche, sondern bedankte sich mit guten Wünschen für die Münze, die sie als Trinkgeld erhielt. Zu Leas Verwunderung enthielt die alte Schüssel, die sie ihnen hingestellt hatte, keine dünne Suppe, sondern einen warmen, nahrhaften Eintopf der sie alle drei sättigte. Lea hatte kaum den letzten Bissen über die Lippen gebracht, als sie schon einschlief, obwohl Rachel bei jedem Blitz und jedem Donnerschlag aufschrie und Elieser mit ihrem Gejammer ansteckte.
Am nächsten Morgen wurden sie durch das Rascheln dicker Tropfen auf dem Strohdach geweckt. Als Lea den Kopf ins Freie steckte, war die Welt um sie herum in ein abweisendes Grau gehüllt, und kalter Regen prasselte auf das Land. Die Magd brachte ihnen Frühstück, das aus einem Stück Brot, einem Brocken rissigem Käse und saurem, mit Wasser vermischtem Wein bestand, und bot ihnen gegen ein paar Heller drei Strohumhänge an, wie sie selbst einen trug. Lea hatte schon überlegt, an diesem Tag in der Herberge zu bleiben, doch die Angst, als Jüdin erkannt zu werden, trieb sie weiter. So nahm sie das Angebot des Mädchens an, doch als sie den Rest ihrer Barschaft wegsteckte, wurde ihr klar, dass sie die letzten Tage der Reise entweder hungern oder im Wald würden übernachten müssen.
Bald erwies sich der Strohumhang, den sie über Elieser gebreitet hatte, als zu dünn, und so brach Lea unterwegs noch ein paar dicht belaubt Zweige ab, um den Schutz zu verstärken. Das überhängende, ständig rutschende Grün machte es nicht gerade leichter, den Wagen durch den Schlamm zu schieben, aber Rachel, die in einem fort über den Weg und das Wetter schimpfte und sich beklagte, fasste zu Leas Verwunderung tatkräftig mit an.
An diesem Tag fanden sie keine Unterkunft, und es gab auch keinen Bauernhof in der Nähe, bei dem sie etwas zu Essen hätten kaufen können. Daher entschlossen sie sich, für die Nacht in einer halb verfallenen Hütte am Ufer eines Baches Unterschlupf zu suchen. Es roch durchdringend nach Schweinen, aber das Dach war dicht, und da es wie aus Kübeln goss, blieb ihnen keine andere Wahl. Um ihren völlig ausgekühlten Bruder zu wärmen, bereitete Lea aus dem trockenen Stroh, das sie auf dem Astgeflecht unter dem Dach fand, ein Lager und hob ihn ohne Rachels Hilfe vom Karren herab. Sie musste ihre Schwester jedoch nicht zwingen, sich eng an Elieser zu schmiegen, denn das Mädchen klapperte selbst mit den Zähnen. Als sie zu dritt unter dem Sack lagen, den Peter Pfeiffer ihnen als Decke für Elieser mitgegeben hatte, seufzte der Junge tief und beinahe zufrieden auf und schlief ohne Mohnsaft ganz ruhig ein.
Als sie am nächsten Morgen weiterzogen, weinte Rachel vor Hunger und Erschöpfung und hatte keine Kraft mehr, den Karren zu schieben. Zu Leas Erleichterung klarte das Wetter jedoch rasch auf. Die tief hängenden Wolken verzogen sich, und die Sonne schien zunächst noch zaghaft, später aber mit voller Glut vom Himmel. Die Wärme tat ihren durchgefrorenen Gliedern gut, und sie kamen nun auch schneller voran.
In der nächsten Herberge wurden sie zu ihrer Verwunderung recht freundlich empfangen. Die Wirtsleute wiesen ihnen eine der Bänke vor dem Unterstand für die Zugochsen an, wo auch die Fuhrknechte saßen, und servierten ihnen für ein paar Pfennige zwei große Teller Eintopf und einen halben Laib Brot.
Während Rachel heißhungrig über das Essen herfiel, zögerte Lea einen Moment. Sie wagte die Wirtin jedoch nicht zu fragen, ob in dem Essen Schweinefleisch wäre. So stocherte sie in ihrem Teller herum und versuchte, nur das Gemüse zu essen. Als sich ein winziger Brocken Fleisch zwischen ihre Zähne verirrte, schmeckte es jedoch wie Zicklein, und Lea nahm sich ganz fest vor, zu glauben, es sei tatsächlich nur Ziegenfleisch in ihrem Essen. Inzwischen war auch die Brühe fertig, die sie für Elieser erbeten hatten, und Rachel, deren Gesicht wieder Farbe bekommen hatte, fütterte ihn widerspruchslos.
Während Lea noch aß, unterhielten sich nicht weit von ihnen mehrere Männer über das Pogrom in Sarningen. Einige äußerten lautstark die Ansicht, dass die Juden noch viel zu billig davon gekommen wären, und der Rest nickte beifällig. Der größte Schreier unter ihnen, ein Mann in der unauffälligen Tracht eines reisenden Kaufmanns, drehte sich zu Lea um und sah sie herausfordernd an. »Bist du nicht auch der Meinung, dass dieses Judenpack ein Schandfleck im Reich ist?«
Lea blickte scheinbar verwundert von ihrem Teller auf. »Tja ..., ich weiß nicht so recht, denn ich kenne keine Juden. Warum sind sie ein Schandfleck?«
Der Mann lachte über so viel Unwissenheit. »Die Juden haben Christus, den Erlöser, ans Kreuz geschlagen.«
Lea zog die Schultern hoch und fragte sich verzweifelt, wie sie sich verhalten sollte. »Ja, ja, das lernt doch jedes kleine Kind.
Aber das ist schon fast anderthalbtausend Jahre her und geschah in Judäa. Was haben die Juden im Reich denn damit zu tun?«
Der Kaufmann bedachte Lea mit einem missbilligenden Stirnrunzeln. »Du hast wohl während der Predigten deines Priesters mit offenen Augen geträumt, mein Junge. Die Kreuzigung des Heilands ist ein Verbrechen, das erst am Jüngsten Tag beim himmlischen Gericht gesühnt werden kann. Bis dahin sind die Juden verflucht unter den Völkern der Erde, und überdies sind sie verstockt und leugnen die Wahrheit und Weisheit der heiligen Kirche.«
»Wenn das nur alles wäre!«, setzte ein anderer hinzu. »Sie vollführen auch heimliche Zauber, um ehrliche Christenmenschen ins Verderben zu stürzen. In Sarningen haben sie zum Beispiel die Hostien, die für den Sonntag vorbereitet waren, aus der St. Kajetanskirche gestohlen und in einem schändlichen Ritual mit einem verhexten Messer durchstoßen und in Schweineblut getaucht. Die Juden bilden sich nämlich ein, der Erlöser wäre einer aus ihrem Volk gewesen, und da die Hostie ja der geweihte Leib Jesu ist, wollten sie ihm das Schimpflichste antun, was einem Juden zustoßen kann: Sie wollten ihn in Schweineblut ersäufen.«
Lea schüttelte es vor so viel Aberglauben und Dummheit, und Rachel öffnete schon den Mund zu einer heftigen Gegenrede.
Lea erschrak und kniff ihre Schwester heftig in den Oberschenkel, um zu verhindern, dass sie sie verriet. Rachel sprach zwar neben Jiddisch auch recht gut Deutsch, doch ihr Akzent war unüberhörbar. Lea hingegen beherrschte den in dieser Gegend gebräuchlichen Dialekt so geläufig, als wäre sie damit aufgewachsen. Das hatte sie Gretchens Eltern zu verdanken, die die Abneigung der meisten anderen Christen gegen Juden nicht geteilt und Lea öfters eingeladen hatten, ihre Freundin zu besuchen.
Dort hatte sie gelernt, wie ein Christ zu sprechen, und als sie jetzt auf die Tiraden des Kaufmanns antwortete, achtete sie besonders sorgfältig darauf, kein falsches Wort zu verwenden.
»Das habe ich nicht gewusst.«
»Du bist ja auch noch jung und wirst in deinem Leben noch viel lernen.« Der Kaufmann lächelte zufrieden und erklärte ihr lang und breit, wie man seiner Meinung nach mit den Juden verfahren sollte. Seinen blutrünstigen Vortrag beendete er mit ein paar unflätigen Flüchen auf sämtliche Juden der Welt. Als er sie auffordernd anblickte, als erwarte er ein großes Lob für seine Widerwärtigkeiten, versank Lea in einem grauen Meer von Angst. Was würde passieren, wenn sie jetzt das Falsche sagte?
Sie nahm sich zusammen und rang ihren widerstrebenden Lippen ein Lächeln ab. »Man sollte sie alle erschlagen.«
Das klang so giftig, dass Lea vor sich selbst erschrak. Der Kaufmann klopfte ihr zufrieden auf die Schulter und nannte sie einen guten Jungen. Lea war froh, dass er ihre Gedanken nicht lesen konnte, denn sie hatte nicht die Juden damit gemeint, sondern den abergläubischen Mob, der die Häuser unschuldiger Menschen stürmte, und ganz besonders diesen Alban von Rittlage, der die Sarninger Juden hatte überfallen lassen, um sich seiner Schulden bei ihnen zu entledigen. Erleichtert nahm Lea wahr, dass der Kaufmann Neuankömmlinge erspäht hatte und sich ihnen zuwandte, um seinen Wortschwall über sie zu ergießen.
So konnte sie sich endlich ihrer kalt gewordenen Suppe widmen. Ihr blieb nicht die Zeit, über die Begegnung nachzudenken, wie sie es gerne getan hätte, denn Rachel klammerte sich an sie und wollte getröstet werden. Da die Sonne den Horizont noch nicht berührt hatte, entschloss sie sich weiterzuziehen, um den Hetzreden gegen ihr Volk zu entgehen, die nun über den ganzen Hof schallten. Noch lange, nachdem sie die Herberge verlassen hatten, drehte Lea sich alle paar Schritte um und hielt Ausschau nach Verfolgern, denn sie hatte Angst, der Mann und seine Kumpane könnten sie doch noch als Juden erkannt haben. Als die Nacht herabsank, suchten sie in einem ein-samen Schuppen Zuflucht und begnügten sich mit dem Brot, das sie in der Herberge erworben hatten, und am nächsten Morgen wärmte die aufgehende Sonne schon bald ihre steifen Glieder. Die Ängste, die die Begegnung mit dem Judenhasser ihnen eingeflößt hatten, begannen jedoch erst zu weichen, als sie die Abzweigung erreichen, die nach Hartenburg führte, und sie die viel begangene Hauptstraße verlassen konnten.
Die flache, von Dörfern gesprenkelte Rheinebene blieb hinter ihnen zurück, und sie wanderten an der ihnen nun entgegenfließenden Sarn entlang in den Schwarzwald hinein, der an dieser Stelle von steilen, mit uralten Tannen bewachsenen Hängen und kleinen Weilern geprägt war. Die Häuser waren niedriger als im fruchtbareren Flachland, und ihre Dächer reichten fast bis zum Boden hinab. Lea und Rachel begegneten Bauern, die sich auf steinigen Feldern abmühten, rochen den Rauch glimmender Kohlenmeiler und vernahmen die Hörner der Sauhirten, die mit ihren Herden durch die Wälder zogen.
Die Nacht verbrachten sie bereits in der Markgrafschaft Hartenburg. Das kleine Land lag eingezwängt zwischen viel mächtigeren Nachbarn wie Württemberg, Baden und den Habsburger Besitzungen und gehörte zu den eher unbedeutenden Herrschaften im Reich Deutscher Nation. Aber die Markgrafen hatten es verstanden, sich ihre Reichsunmittelbarkeit zu erhalten und ihr Gebiet durch geschickte Politik nach und nach zu erweitern. Lea kannte den regierenden Markgrafen Ernst Ludwig nur vom Sehen, erinnerte sich aber gut daran, was ihr Vater über ihn erzählt hatte, und als die Türme der Stadt zwischen den Höhenzügen in der Ferne auftauchten, begannen ihre Ängste sich wie ein Klumpen in der Kehle zu ballen. Nichts in ihren Erinnerungen deutete darauf hin, dass ihr Landesherr ihnen in ihrem Unglück gnädig sein wür-de. Das Aufenthaltsrecht und die Privilegien, die Jakob ben Jehuda, genannt Goldstaub, vom Markgrafen gegen teures Geld verliehen worden waren, hatten der Familie neben einigen besonderen Rechten und den damit verbundenen Verpflichtungen gerade das Mindeste von den Freiheiten zugestanden, die die Christen in Hartenburg ganz selbstverständlich besaßen, wie zum Beispiel die Erlaubnis, Waren gegen die normale Steuer in die Stadt bringen zu dürfen. All diese teuer bezahlten Privilegien waren ausdrücklich Jakob ben Jehuda zugestanden worden und mit seinem Tod nun erloschen. So hatte es der Vater des jetzigen Markgrafen bestimmt, als Leas Großvater Jehuda als Goldwäscher in diese abgelegene Gegend gekommen und durch Funde in der Sarn wohlhabend geworden war. Sein Sohn Jakob hatte nach Jehudas Tod all diese Rechte für teures Geld neu erwerben und dafür die Goldwäsche, die sein Vater zu Gunsten des Fernhandels aufgegeben hatte, noch einmal aufnehmen müssen. Was würde der Markgraf tun, wenn er vom Tod seines Hoffaktors erfuhr? Würde er die Privilegien auf Elieser übertragen oder ihre Familie fortjagen und einen anderen Hofjuden kommen lassen?
Die Angst, heimatlos über die Straßen ziehen zu müssen, wurde immer stärker, je näher sie der Stadt kamen. Lea konnte sich nicht vorstellen, dass der Markgraf einen schwer verletzten Jungen als Nachfolger seines Hoffaktors akzeptieren würde, und überlegte verzweifelt, was sie tun konnte, um sich dem drohenden Verhängnis entge-genzustemmen. In ihren Gedanken haderte sie mit Gott. Hätte er nicht wenigstens Samuel beschützen können? Ihr älterer Bruder hatte auch bei den Christen schon als Mann gegolten und war von seinem Vater in das lebensnotwendige Beziehungsgeflecht der jüdischen Kaufleute und Bankiers eingeweiht worden. Aber Samuel war tot, und Lea sah nur noch einen Ausweg: Sie musste so bald wie möglich zum Markgrafen gehen, ihn um Gnade anflehen und um die Übertragung der Rechte bitten.
Eigentlich wäre das Eliesers Aufgabe gewesen. Ihr Bruder hatte die Reise zwar recht gut überstanden, würde aber noch viele Wochen lang das Bett hüten müssen. Also gab es für sie keinen anderen Ausweg, als für ihn einzuspringen, und sie würde es bald tun müssen, denn wenn der Markgraf vom Tod seines Hoffaktors erfuhr, bevor sie es ihm mitteilte, bestand die Gefahr, dass er das Vermögen ihrer Familie beschlagnahmen und sie alle aus Harten-burg vertreiben ließ.
Tief in ihre Sorgen verstrickt nahm Lea kaum wahr, wie sich das enge Tal, durch das sie zogen, mit einem Mal weit öffnete und den Blick auf die Wehrmauern von Har-tenburg und die über der Stadt thronende Burganlage freigab. Der Ort selbst zog sich über der hier noch recht jungen Sarn an einem Ausläufer des Rauchbergs bis zur alten markgräflichen Festung empor. Er zählte höchstens ein Viertel der Einwohner Sarningens und bestand aus schmalbrüstigen Fachwerkhäusern, die sich hinter der wuchtigen Umfassungsmauer eng um den Marktplatz und die St. Kolomanskirche scharten. Die Festung und das ebenfalls mit hohen Mauern gesicherte Schloss lagen auf einem weit vorspringenden Felssporn, ganz oben die schwer befestigte Bastei mit ihren vier mächtigen Rundtürmen, darunter die modernere Anlage, die der Vater des jetzigen Landesherrn hauptsächlich von den Abgaben des Juden Jehuda und dessen Sohn Jakob Goldstaub hatte bauen lassen. Der Markgraf wohnte in den komfortabel eingerichteten Räumen im neuen Teil, während die alte Burg nur noch als Zeughaus und als Garnison für die Soldaten genutzt wurde.
Hartenburg hatte drei Tore, eins für die Handelsstraße, über die Lea sich mit ihren Geschwistern der Stadt näherte, eins, das auf die Straße hinausging, die tiefer in den Schwarzwald führte, und ein drittes, das die markgräflichen Bauten mit der Stadt verband. Als Lea den Schatten des Straßburger Tors auf sich fallen sah, gesellte sich zu ihren Sorgen die Angst, die Wächter könnten sie abweisen. Es waren keine städtischen Büttel wie in Sarningen, sondern Reisige des Markgrafen, die die Reisenden kontrollierten und ihre Ankunft an die markgräfliche Kanzlei meldeten. Als Lea ihren Karren auf die Männer zuschob, vertrat einer von ihnen ihr mit grimmigem Gesicht den Weg.
»Wer seid ihr, und was führt ihr mit euch?« Seine Stimme klang jedoch nicht unfreundlich.
»Friede sei mir dir«, antwortete sie und bemerkte erst dann, dass sie in ihrer Anspannung den gewohnten jüdischen Gruß verwendet hatte.
Der Soldat zog verwundert die Augenbrauen hoch, musterte sie misstrauisch und wies dann auf Rachel. »Sag mal, bist du nicht die Tochter des Juden Goldstaub?«
Rachel nickte schüchtern. Der Soldat lachte und klopfte Lea auf die Schulter. »In diesem Gewand hätte ich dich beinahe nicht erkannt, Samuel. Ihr hattet wohl Angst wegen des Sarninger Pogroms. Wir haben auch schon gehört, dass Fremde das Volk dort gegen die Juden aufgewiegelt haben und es zu einer Vertreibung kam. Aber keine Sorge, jetzt seid ihr ja in Sicherheit.«
Lea war für einen Moment verblüfft, dass der Mann, der Samuel beinahe tagtäglich begegnet war, sie mit ihrem älteren Bruder verwechselte. Im ersten Impuls wollte sie den Torwächter auf seinen Irrtum aufmerksam machen, doch dann sagte sie sich, dass es besser war, wenn sie die genauen Umstände des Massakers für sich behielt, bis sie mit dem Markgrafen gesprochen hatte.
»Ja, das stimmt. Die Sarninger haben mehrere Juden erschlagen und ihre Häuser geplündert. Mir erschien es besser, meinen Bruder und meine Schwester unerkannt nach Hause zu bringen.«
Der Wächter trat an den Karren und wies auf Eliesers ausgezehrtes Gesicht. »Was hat der Junge? Hoffentlich keine ansteckende Krankheit.«
Lea schüttelte heftig den Kopf. »Nein. Er hat sich den Arm und das Bein gebrochen und muss dringend zum Wundarzt.«
»Dann mal rasch rein mit den jungen Pferden.« Der Wächter gab lachend den Weg frei und kehrte zu seinem Kameraden zurück.
»Wie du siehst, hast du umsonst gehofft, die Juden würden nicht mehr zurückkommen«, hörte Lea ihn sagen. »Also wirst du das Geld, das dir der alte Goldstaub geliehen hat, bis zum letzten Heller zurückzahlen müssen.«
Der andere winkte ärgerlich ab. »Ich hätte so oder so zahlen müssen. Wenn der Jude das Geld nicht zurückfordert, so tut es der Markgraf an seiner Stelle. Ich muss sagen, da ist mir der alte Goldstaub noch lieber, denn mit dem kann man wenigstens noch reden.«
Mehr konnte Lea nicht verstehen, denn der Lärm der Gassen schlug über ihr zusammen, und so bekam sie nicht mit, wie der Wächter seinen Kameraden anwies, ins Wachbuch einzutragen, dass der Jude Samuel, Sohn des Jakob Goldstaub, mit seinen Geschwistern von der Reise zurückgekehrt sei.
Jakob Goldstaubs Haus war weder größer noch prunkvoller als die Häuser seiner Nachbarn. Die Mauern bestanden aus dem gleichen braunen Fachwerk, und das Dach war ebenfalls mit dunkelgrauen Schieferplatten gedeckt. Auch bestanden die Füllungen der Fenster nicht aus Glas, sondern aus dünn geschabtem und eingeöltem Kalbsleder. Nur der Hof war um einiges größer, und die Schuppen, die ihn umgaben, deuteten darauf hin, dass hier größere Warenladungen umgeschlagen wurden. Leas Vater hatte nicht nur den Markgrafen, sondern auch die wohlhabenden Bürger der Stadt und aus der Umgebung mit hochwertigen Gütern aus fremden Ländern versorgt, es aber sorgfältig vermieden, mit seinem auch damit erworbenen Reichtum zu prunken.
Als Lea das Hoftor erreichte, fand sie es verschlossen. Sie pochte heftig dagegen und hörte kurz darauf ein begütigendes »Ja, ja, ich komme ja schon.« Wenige Herzschläge später schwang das Tor auf, und Gerschoms Sohn Jochanan steckte seinen Kopf heraus. Es dauerte mehrere Augenblicke, bis er die abgerissenen Gestalten erkannte, die vor ihm standen.
»Beim Gott Israels, was ist geschehen?« Lea hob warnend die Hand. »Sei still. Die Nachbarn dürfen nichts mitbekommen. Wir sind in das Sarninger Pogrom geraten. Mein Vater, Samuel und dein Vater sind tot, und wir drei konnten nur mit knapper Not entrinnen. Elieser ist schwer verletzt und braucht dringend einen Arzt. Lauf rasch zum Doktor und bitte ihn her, und hol auch den Wundarzt, damit er sich um Eliesers Knochenbrüche kümmert.«
Jochanan war ein magerer Bursche von knapp achtzehn Jahren mit gekrausten braunen Haaren und einem mehr gutmütigen als hübschen Gesicht. Normalerweise konnte ihn nichts aus der Ruhe bringen, jetzt aber riss er die Augen auf wie ein Kalb, das die Klinge des Schächters fühlt, und presste stöhnend die Hände auf den Mund. Als er Leas mahnenden Blick auf sich gerichtet sah, stieß er das Tor so weit auf, dass sie den Handkarren hindurchschieben konnte, und rief nach Saul, dem zweiten Knecht. Der Mann, der seinem Ruf widerwillig folgte, war ein Dutzend Jahre älter als Jochanan und wirkte mit seiner breiten, untersetzten Figur wie ein Bauer aus der Rheinebene. Doch im Gegensatz zu jenen bewegte er sich träge und bequemte sich erst auf die wiederholte Aufforderung des Jüngeren, Lea zu helfen.
Gerade, als Jochanan losrannte, um den Arzt zu holen, stürzte eine ältere, füllige Frau in den Hof, blieb wie angewurzelt stehen und starrte die Gruppe vor sich entgeistert an. Es war Sarah, die Mutter Jochanans und seiner Schwester Ketura, die als Wirtschafterin im Dienst der Familie stand und alles kontrollierte, was in Haus und Hof vorging. Ihre Lippen formten den Namen Samuel, aber sie brachte keinen Ton heraus. Dann ging ein Zittern durch ihren rundlichen Körper, und mit einem schrillen Aufschrei umarmte sie Lea und zog Rachel in der gleichen Bewegung an sich.
»Vorgestern erst haben wir von dem Pogrom in Sar-ningen erfahren und sind vor Angst um euch bald selbst gestorben. Doch ihr lebt. Der Gott Abrahams, Isaaks und Israels sei gepriesen!«
Lea ließ die Schultern sinken und zog Sarah ihrerseits an sich.
»Nur wir drei konnten entkommen. Vater und Samuel sind tot und Gerschom ebenfalls. Du bist Witwe geworden.«
Die Wirtschafterin stöhnte auf und fiel sichtlich in sich zusammen. Für einen Augenblick bedeckte sie ihre Augen und ließ die Tränen über ihre Hände fließen. Als sie die Arme sinken ließ, wirkte sie grau und vor der Zeit vergreist, gleichzeitig aber auch grimmig und entschlossen, keine ihrer Pflichten zu versäumen. Sie drehte sich zu Saul um, der sich gerade unauffällig entfernen wollte, und befahl ihm, Elieser vorsichtig mit anzuheben und ins Haus zu bringen. Zu dritt trugen sie ihn die Treppe hinauf in sein Zimmer. Als Lea Sarah helfen wollte, Elieser zu waschen und mit einem frischen Hemd zu versorgen, scheuchte die Wirtschafterin sie mit einem vernichtenden Blick auf ihre Männerkleidung aus dem Zimmer.
»Das ist keine Aufgabe für ein junges Mädchen. Außerdem bist du viel zu schmutzig. Geh ins Waschhaus! Ketura wird dir und Rachel warmes Wasser und anständige Kleider besorgen.«
Rachel verzog den Mund wie ein enttäuschtes Kind. »Ich habe Hunger!«
Sarah schüttelte abwehrend den Kopf. »Essen gibt es erst, wenn ihr sauber seid und in euren eigenen Sachen steckt.«
Lea wusste, dass Widerspruch zwecklos war, und folgte Sarahs Tochter. Auf der Treppe drehte sie sich noch einmal um. »Bitte ruf mich, wenn die Ärzte da sind. Ich muss wissen, wie es um Elieser steht.«
Sarah versprach es und schob die trotzig stehen gebliebene Rachel hinter ihr her.
Als Lea in dem Bottich mit warmem Wasser lag, kämpfte sie gegen den Wunsch an, sich mit sämtlichen Duftölen einzureihen, die auf dem Bord über ihrem Kopf standen. Sie hatte immer noch den Gestank des Kellerlochs in der Nase und das Gefühl, als hätte sich der Dreck, in dem sie hatten hausen müssen, tief in ihre Haut gefressen. So eitle Dinge wie Rosenduft, Flieder oder Lavendel widersprachen jedoch ebenso den Regeln über das Verhalten in der Trauerzeit wie der Genuss eines ausgiebig langen, warmen Bades. Daher wusch sie sich hastig, trocknete sich ab und schlüpfte mit einem Seufzer der Erleichterung in ihre gewohnte Kleidung.
Trotzdem hatte sie das Gefühl, nicht mehr jene Lea zu sein, die vor zwei Wochen abgereist war. Für einen Moment nahm sie an, sie vermisse nur die Bewegungsfreiheit der Männerkleidung, dann aber verriet ihr der Spiegel, den Ketura ihr hinhielt, was sie wirklich störte. Mit ihren kurzen Haaren glich sie eher ihrem Bruder Samuel, dem man die Schläfenlocken abgeschnitten und in ein Frauenkleid gesteckt hatte, als sich selbst. Ketura beklagte den Verlust von Leas kupferfarbenen Flechten, wie sie sie nannte, mit einer Inbrunst, als hätte man sie selbst geschoren, doch Sarah, die kurz darauf mit einem kleinen Bündel in der Hand die Kammer betrat, befahl ihrer Tochter barsch, den Mund zu halten.
»Lea hat ihr Haar dem Überleben ihrer Geschwister geopfert. Du solltest sie daher nicht beklagen, sondern lobpreisen, denn sie hat wie eine wahre Tochter Israels gehandelt. Aber es gehört sich nicht, wenn jemand sie so sieht, und man spricht auch nicht darüber.«
Sie öffnete das Bündel und brachte eine Perücke mit langen, schwarzen Haaren zum Vorschein, die einst Leas Mutter gehört hatte. Als fromme Jüdin hatte Jakob Gold-staubs Weib nie ihr eigenes Haar vor fremden Leuten gezeigt, sondern ihren Kopf mit einer Perücke anstatt mit einem Tuch bedeckt. Sarah hatte Ruth Goldstaub geliebt und verehrt und ihre persönlichen Besitztümer nach ihrem Tod wie Reliquien aufbewahrt. Jetzt opferte sie einen Teil ihres Schatzes, um Lea wieder in ein weibliches Wesen zu verwandeln.
Sie setzte ihr die Perücke auf und prüfte ihren Sitz von allen Seiten. »So, jetzt kannst du wieder unter die Leute gehen. Der sehr gelehrte Herr Doktor Petrus Molitorius ist bei Elieser.«
Sarahs Stimme verriet, wie wenig sie von dem Christenarzt hielt, der immer nur Dämonen und üble Mächte als Ursache von Krankheiten diagnostizierte. Da er der einzige Mediziner in der Stadt und zudem der Leibarzt des Markgrafen war, wurde er von jedem konsultiert, der es sich leisten konnte. Außer ihm gab es nur noch den Wundarzt Veit Steer, mit dem ihn eine herzliche Feindschaft verband, und einen Bader, der sich ebenfalls auf das Einrichten gebrochener Knochen verstand. Lea warf noch einen Blick in den Spiegel und stellte fest, dass ihre Ähnlichkeit mit Samuel wieder verschwunden war. Ihr blieb jedoch keine Zeit, darüber nachzudenken, denn Sarah drängte sie, nach oben zu gehen.
In Eliesers Kammer war Doktor Molitorius gerade mit seiner Untersuchung fertig geworden. Er hielt Lea und Sarah einen gestelzt klingenden und mit lateinischen Worten gespickten Vortrag über die bösen Fieberdämonen, die den Kranken in ihren Klauen hielten, drückte ihnen eine Flasche mit einem graubraunen Saft in die Hand, der üble Mächte vertreiben sollte, und kassierte dafür ein stattliches Honorar. Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, roch Sarah an der Flasche und entleerte sie in den Nachttopf unter Eliesers Bett.
»Warum hast du nur diesen Quacksalber geholt, Lea? Willst du, dass er unseren Jungen mit seinem Zeug ins Grab bringt?«
»Du weißt doch, wie groß sein Einfluss bei Hofe ist. Hätten wir nicht ihn konsultiert, sondern nur den Wundarzt, würde er uns alle möglichen Schwierigkeiten bereiten.«
Die Ankunft von Veit Steer, der seine Erfahrungen als Chirurg auf den Feldzügen des kaiserlichen Heeres gemacht hatte und immer so grimmig wirkte, als hätte er ein ganzes Lazarett voll Verwundeter vor sich, hielt Sarah von weiteren bösen Bemerkungen ab. Der Wundarzt flößte dem Kranken zunächst frischen Mohnsaft ein und nahm sich dann Zeit, seine Verletzungen gründlich zu untersuchen. Nach einer Weile sah er auf und starrte Lea durchdringend an. »Wer hat dem Jungen die Schienen angelegt?«
Lea zuckte unter seinem barschen Ton zusammen, denn sie fürchtete, sie hätte alles falsch gemacht. »Ich!«, presste sie mit kläglicher Stimme hervor. Der Chirurg nickte anerkennend und verzog seine Lippen zu etwas, das wohl ein Lächeln darstellen sollte. »Sehr gut. Ich hätte es nicht besser machen können. Wäre dein Bruder nicht so gut versorgt worden, hätte er die Reise nicht überstanden.«
Lea errötete und murmelte einen höflichen Dank für das Lob, doch Veit Steer beachtete sie schon nicht mehr. Er inspizierte Eliesers Wunden so sorgfältig, als wollte er den Heilungsprozess mit den Augen beschleunigen, schließlich nickte er Lea anerkennend zu. »Wenn ein Mädchen Wundärztin werden dürfte, würde ich dich auf der Stelle ausbilden.«
»Der Gott Israels hat meine Hand gelenkt«, wehrte Lea sein Lob ab und sah aufmerksam zu, wie der Arzt die noch offenen Verletzungen mit einer scharf riechenden Tinktur betupfte und frisch verband.
Nachdem er ihr und Sarah noch einige Anweisungen gegeben hatte, wie sie Elieser versorgen mussten, verabschiedete sich der Arzt herzlich von Lea. »Hab ein bisschen mehr Selbstvertrauen, Mädchen. Du wirst es dringend brauchen.«
Als er das Haus verließ, blickte Lea ihm durch das geöffnete Fenster nach, bis er nicht mehr zu sehen war. Was hatte Veit Steer mit seinen letzten Worten gemeint? Hatte ihm jemand erzählt, dass Samuel tot und die Familie ohne tatkräftiges Oberhaupt war? Oder spielte er auf den Markgrafen und dessen vielleicht schon bekannt gewordene Pläne mit seinen jüdischen Schützlingen an? Für einen Augenblick wünschte sie, sie hätte den Wundarzt gefragt, aber dann sagte sie sich, dass sie sich nur auf sich selbst verlassen durfte. Da Gott ihr geholfen hatte, Elie-sers Leben zu retten, würde er ihr auch beistehen, damit sie die Gnade des Landesherrn erlangte. Ihr blieb jetzt nur, all ihren Mut zu sammeln und an diesem Abend noch zur Burg hochzusteigen.
Sie schloss das Fenster und drehte sich zu Sarah um. »Ich gehe zum Markgrafen, um ihm den Tod meines Vaters zu melden.«
Die Dienerin zuckte zusammen und machte ein so angewidertes Gesicht, als hätte Lea etwas Unanständiges gesagt. »Das ist keine Aufgabe für ein Mädchen wie dich.«
»Wer sollte es sonst tun? Elieser ist nicht in der Lage dazu, und wenn wir einen Knecht schicken, würde der hohe Herr es als Beleidigung auffassen.«
Sarah schüttelte abwehrend den Kopf und beschwor Lea, sich diesen Gedanken aus dem Kopf zu schlagen. Da sie jedoch nicht bereit war, ihre Abneigung zu begründen, zog Lea ein Schultertuch über ihr Kleid, bedeckte die Perücke mit einem weiteren Tuch und verließ das Haus. Unterwegs ging ihr immer wieder Sarahs letzter, angsterfüllter Blick durch den Kopf, aber sie kämpfte entschlossen gegen die Furcht und die Unsicherheit an, die ihr die Knie zittern ließen.
Lea hatte den Markgrafen bisher nur gesehen, wenn er auf dem Weg zur Jagd durch die Straßen ritt. Er war ihr immer sehr hoheitsvoll und gnädig erschienen, aber ihr Vater hatte trotz oder gerade wegen seines Reichtums in ständiger Furcht vor ihm gelebt. »Die Huld des Markgrafen ist ein wankelmütiges Ding«, hatte Jakob ben Jehuda Samuel einige Male erklärt. »Wenn wir ihn nicht bei Laune halten, kann es passieren, dass er uns in einem Wutanfall alles nimmt, was wir besitzen, und uns als Bettler aus der Stadt treiben lässt.« An diese und andere Bemerkungen, die den Charakter des Landesherrn nicht im besten Licht erscheinen ließen, erinnerte Lea sich umso deutlicher, je näher sie der Residenz kam, und es wurde ihr klar, was für ein großes Risiko sie mit diesem Besuch einging. Doch es gab keinen anderen Ausweg. Verschwieg sie dem Landesherrn den Tod ihres Vaters, würde es so aussehen, als brächten seine Leibjuden ihm nicht genügend Achtung entgegen, und was dann geschehen würde, hatte sie den Worten ihres Vaters oft genug entnehmen können.
Vor dem Standbild mit drei steinernen Löwen, welches das Tor zur unteren Burg bewachte, blieb Lea einen Augenblick stehen, um ihr wild klopfendes Herz zu beruhigen. Die Löwen zeugten von der hohen Meinung, die der Markgraf von sich hatte, denn sie sollten jedermann kundtun, dass Ernst Ludwig seinen Stammbaum bis auf die Stauferkaiser zurückführte, wenn auch nicht über die direkte Linie.
Einer der Torwächter kam auf Lea zu und fragte sie barsch, was sie hier zu suchen hätte.
»Verzeiht den späten Besuch, aber ich möchte unseren allergnädigsten Herrn sprechen. Es ist dringend.«
Der Mann musterte ihre jüdische Tracht und verzog das Gesicht. »Was will eine wie du von Seiner Durchlaucht?«
»Ich bin Jakob ben Jehudas Tochter und muss dem hohen Herrn eine Nachricht überbringen.«
»Ach so, du bist die Tochter unseres Hoffaktors.« Der Mann tat so erstaunt, als gäbe es außer Goldstaubs Familie noch ein Dutzend anderer jüdischer Familien in der Stadt. Er tauschte einen fragenden Blick mit seinem Kameraden, und als dieser mit den Schultern zuckte, rief er einen Diener an, der eben über den Innenhof ging. »He, Heiner, komm mal her. Kannst du das Mädchen zu Seiner Durchlaucht bringen? Es ist die Tochter des Juden.«
Der Diener trat näher und musterte Lea mit verkniffenem Gesicht. »Ich glaube nicht, dass der Herr dich heute Abend noch zu sehen wünscht.«
»Ich bringe Nachrichten aus Sarningen, und ich fürchte, der Herr wird böse, wenn er sie nicht bald erfährt.« Lea hörte ihre Stimme zittern und wäre am liebsten davongelaufen. Es sah nicht so aus, als wäre Gott ihrem Vorhaben gewogen. Der Diener ging um sie herum und schüttelte spöttisch den Kopf. »Ich glaube nicht, dass eine so dürre Ziege wie du dem Geschmack Seiner Durchlaucht entspricht. Aber wenn du unbedingt selbst erfahren willst, was er von dir hält, dann komm mit. Behaupte aber hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt. Der Herr ist im Moment ... Nun ja, du wirst es selbst sehen.«
Das seltsame Gehabe des Mannes stieß Lea so ab, dass sie den Rest ihres Mutes zusammennehmen musste, um ihm zu folgen. Er führte sie in ein schmuckloses Nebengebäude und weiter durch einen engen, schmuddeligen Flur, in dem es nach Kohl und menschlichen Ausdünstungen roch, zu einer steilen Treppe, die an einer unauffälligen Tür endete. Dahinter öffnete sich ein Korridor, der mit dicken, farbigen Teppichen belegt war und an dessen Wänden alte Rüstungen, Waffen und Fahnen hin-gen, Trophäen, welche die Herren von Hartenburg im Lauf der Jahrhunderte gesammelt hatten. Der Gang schien kein Ende zu nehmen, doch als Lea sich schon fragte, ob sie in ein verfluchtes Haus geraten war, aus dem niemand mehr hinausfinden konnte, blieb der Diener vor einer mit Schnitzereien überzogenen Rundbogentür stehen und klopfte. Nach kurzer Zeit erscholl eine Antwort, die sich wie ein Wutausbruch anhörte.
»Ich hatte dich ja gewarnt«, sagte der Mann, öffnete die Tür und schob Lea in den Raum. »Verzeiht, Euer Durchlaucht, aber die Tochter des Juden Goldstaub wünscht Euch dringend zu sprechen.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, zog er sich zurück und schloss die Tür so schnell hinter sich, als befände er sich auf der Flucht. Lea blieb wie gebannt in der glitzernden, von Wachskerzen erhellten Pracht stehen und blinzelte angesichts der plötzlichen Lichtfülle. Erst nach und nach wurde ihr bewusst, dass sie in einem Schlafgemach stand, in das die Grundfläche ihres Elternhauses mindestens zweimal hineinpasste. Die Wände waren getäfelt und abwechselnd mit seltsam unanständig wirkenden Bildern aus der christlichen Mythologie und Wandteppichen mit Jagdmotiven geschmückt. Die Mitte der Rückwand nahm eine wuchtige Bettstatt ein, die von einem hölzernen Betthimmel gekrönt wurde und mit Vorhängen aus blauem, italienischem Samt verschlossen werden konnte. An den Wänden standen große Truhen mit geschnitzten Wappenschilden und anderen kriegerischen Motiven, und in einem Alkoven, dessen Vorhänge ebenfalls hochgebunden waren, war ein weiteres Bett. Der Fußboden bestand aus verschiedenfarbenen Marmorplatten und war mit Wollteppichen bedeckt. Mit einem Schlag wurde Lea sich der fünf Augenpaare bewusst, die sie durchdringend musterten. Zwei gehörten zu einem Paar, das eng umschlungen vor dem Alkovenbett lag, so als wäre es in wildem Spiel zu Boden gerutscht. Ein weiteres dem Hofnarren, der sich wie ein Wurm auf dem Boden herumwälzte, und die letzten beiden dem Markgrafen und einer jungen, schon arg fülligen Frau, die sich an ihn schmiegte.
Ernst Ludwig von Hartenburg war ein großer, schwer gebauter Mann um die vierzig, der im Augenblick nur wenig mit dem hoheitsvollen Herrn gemein hatte, den Lea durch die Straßen hatte reiten sehen. Er saß in hautengen, roten Hosen, die sich zwischen den Schenkeln anstößig wölbten, und einem weit offen stehenden, nicht mehr ganz sauberen Hemd auf einer Fensterbank und hielt einen Krug in der Hand. Er musste dessen Inhalt schon stark zugesprochen haben, denn sein Gesicht war hochrot angelaufen, und seine Augen glänzten wie große, gläserne Murmeln. Seinen freien Arm hatte er um die Schultern der Frau geschlungen, und seine Finger spielten mit den kindskopfgroßen Brüsten, die aus dem Mieder ihres bernsteinfarbenen Kleides quollen.
Die Frau wirkte ebenso betrunken wie der Markgraf, und auch das andere Paar schien dem Wein bereits im Übermaß zugesprochen zu haben. Erst auf den zweiten Blick erkannte Lea den Mann am Alkoven. Es war Dietrich Frischler, der Sekretär und Vertraute des Markgrafen. Die beiden Frauen waren ihr unbekannt, aber ihrer Ähnlichkeit nach musste es sich um Schwestern handeln. Der Hofnarr schien die einzig nüchterne Person im Raum zu sein und gleichzeitig auch das faszinierendste und abstoßendste Wesen, das Lea je zu Gesicht bekommen hatte. Sein Körper war so verwachsen, dass er kaum noch menschlich zu nennen war, doch sein Gesicht war so ebenmäßig und schön wie das eines Engels. Er trug ein aus bunten Fetzen zusammengenähtes Gewand, eine rote Kappe mit Messingschellen auf dem Kopf und hielt eine
Peitsche aus Stoffstreifen in der Hand, mit der er im Takt einer unhörbaren Melodie auf den Boden schlug.
Der Markgraf löste sich als Erster aus seiner Erstarrung. »Was suchst du hier, Judenbalg?«
Lea begriff, dass sie sich einen sehr schlechten Zeitpunkt für ihren Besuch ausgesucht hatte, doch für einen Rückzug war es zu spät. Sie trat einen Schritt vor und versank in einen tiefen Knicks. »Verzeiht, Euer Durchlaucht, wenn ich Euch zu dieser Zeit noch störe. Ich komme, um Euren Schutz zu erflehen, denn ich bin Waise geworden. Mein Vater Jakob Goldstaub ist dem Pogrom in Sarningen zum Opfer gefallen.«
Der Markgraf schob die Unterlippe vor wie ein schmollendes Kind und zuckte mit den Schultern. »Ich habe davon gehört. Ihr Juden habt dort irgendeine Hostienschweinerei getrieben.«
»Nein, Herr, das ist nicht wahr. Wir sind verleumdet worden . « Lea wollte ihm schon den Grund für das Pogrom nennen, kniff aber schnell die Lippen zusammen, ehe ihr ein falsches Wort entschlüpfte. Da der Markgraf selbst hohe Schulden bei ihrem Vater hatte, wollte sie ihn nicht auf die Idee bringen, sich auf die gleiche Weise wie Rittlage seiner Verpflichtungen zu entledigen.
Zum Glück fiel Ernst Ludwig ihr Zögern nicht auf. »Ihr Judenpack seid immer an allem unschuldig, was man euch vorwirft. Das muss in eurer Natur liegen. Was suchst du jetzt bei mir?«
Lea atmete tief durch und versuchte, ihrer Stimme Festigkeit zu verleihen. »Ich bin gekommen, um Euch zu bitten, die Privilegien und Rechte meines Vaters auf meinen verletzten Bruder zu übertragen.«
»Was hast du gesagt? Mein Leibjude ist tot?« Leas Erklärungen schienen erst jetzt in den umnebelten Verstand Seiner Durchlaucht gedrungen zu sein. Er schnaubte är-gerlich und warf seinem Sekretär einen Hilfe suchenden Blick zu. Dietrich Frischler winkte ab, »Darüber sollten wir reden, wenn wir wieder nüchtern sind.«
Der Markgraf rieb die Bartstoppeln auf seinem Kinn, als könne er nicht entscheiden, was zu tun sei. Das kratzende Geräusch peinigte Leas Nerven, und sie war den Tränen nahe. »Bitte Herr, gewährt uns Eure Gnade.«
Plötzlich drehte sich die Frau, die neben dem Markgrafen stand, zu ihm um und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Dabei kicherte sie so heftig, dass ihr fülliger Körper auf und ab wogte. Der Markgraf wirkte zuerst abweisend, lachte aber dann schallend auf und bedachte Lea mit jenem Blick, mit dem ein Metzger ein schlachtreifes Kalb taxiert.
Die Frau warf die Arme hoch und nickte auffordernd. »Lasst mich nur machen, Euer Durchlaucht. Ihr werdet sehen, das wird ein Heidenspaß!«
Als Ernst Ludwig eine zustimmende Handbewegung machte, klatschte die Frau in die Hände, winkte ihre Schwester, den Sekretär und den Narren zu sich und redete schnell und so leise auf sie ein, dass Lea nichts verstehen konnte. Als die anderen in wildes Gelächter ausbrachen, löste die Frau sich von der Gruppe, trat auf Lea zu und ging um sie herum, als müsste sie bei ihr Maß nehmen.
»Seine Durchlaucht ist bereit, deinem Wunsch zu willfahren«, sagte sie mit einem seltsamen Lächeln. »Aber es wird dich etwas kosten.«
Lea atmete erleichtert auf. »Mein Vater war nicht arm. Ihr braucht nicht zu denken, dass wir nach seinem Tod ganz ohne Mittel sind.«
Die Frau hob die linke Augenbraue. »Hier geht es nicht um Geld.«
Sie berührte Leas Schulter, und ließ die Finger unter die bestickte Schürze wandern und strich über ihren Busen. »Seine Durchlaucht fordert für seine Gnade das Ius primae Noctis.«
Lea entzog sich ihrem Griff und sah sie verständnislos an. Die Frau lachte schrill auf »Das bedeutet, er fordert das Recht der ersten Nacht. Er will dich deflorieren, entjungfern. Verstehst du kein Deutsch?«
Sie lachte und formte mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand einen Kreis, in den sie mit dem ausgestreckten rechten Zeigefinger stach. »Das will er mit dir tun!«
Lea wurde übel von dem Weindunst, den die Frau verströmte, und glaubte gleichzeitig, vor Scham im Boden versinken zu müssen. Im ersten Moment wollte sie die Forderung mit heftigen Worten zurückweisen, denn sie war nicht bereit, ihre Jungfernschaft und ihre Ehre einer Laune des Markgrafen zu opfern. Aber dann packte sie die Angst vor dem, was man ihr und ihren Geschwistern antun würde, wenn sie sich weigerte und den Markgrafen erzürnte. Wahrscheinlich würde er ihnen alles nehmen, was sie besaßen, und sie und ihr Gesinde nur mit einem dünnen Hemd auf dem Leib zum Stadttor hinaustreiben lassen, und das wäre nicht nur Eliesers Tod. Die Verantwortung für ihn und die anderen ließ ihr keine Wahl. Sie musste sich opfern, damit ihre Familie nicht unterging.
Oh, Gott meiner Väter, was habe ich getan, dass du mich von dir stößt, stöhnte sie innerlich auf. Dann senkte sie den Kopf und flüsterte: »Ich bin bereit.«
»Sehr schön!« Die Frau tätschelte ihre Wange, drehte sich um und rief: »Wir können anfangen. Sie macht mit.«
Lea erwartete, dass die Anwesenden bis auf den Markgrafen den Raum verlassen würden. Stattdessen umringten sie sie und machten anzügliche Bemerkungen über ihr Aussehen. Ihre Größe schien ihnen zu gefallen, der Markgraf nannte sie jedoch eine dürre Ziege, und die ältere
Frau spottete, das Judenweib trüge statt eines Busens ein Paar Erbsen auf der Brust. Schließlich stieß die Mätresse des Markgrafen sie an.
»Mach endlich! Zieh dich aus!« Leas entsetzter Blick reizte sie zum Lachen. »Wir wollen natürlich zusehen. Oder glaubst du, Seine Durchlaucht treibt es mit dir in einer dunklen Ecke wie ein Knecht?«
Lea glaubte einen Begriff vom Ausmaß der Demütigungen bekommen zu haben, die auf sie warteten, und löste mit steifen Bewegungen ihre Schürze. Der Mätresse ging es nicht schnell genug, denn sie zog ihr mit einem heftigen Ruck Kleid, Unterkleid und Hemd zugleich über den Kopf, so dass Lea nackt vor ihr stand. Als sie versuchte, ihre Blößen mit den Händen zu bedecken, packte die Frau ihre Handgelenke und bog ihre Arme nach hinten.
»Ich sagte, wir wollen etwas sehen!«, spottete sie und wies mit dem Kinn auf das große Himmelbett. »Leg dich dorthin, und mach die Beine breit.« Als Lea zögerte, gab die Mätresse ihr einen Stoß, der sie aufs Bett warf, und drehte sie mit harten Griffen auf den Rücken, als wäre sie nur eine Gliederpuppe.
»Wie Ihr seht, Euer Durchlaucht, ist an der Jüdin alles vorhanden, was eine Frau ausmacht, Busen hat sie zwar kaum welchen, aber zwischen den Beinen sieht sie nicht anders aus als unsereins.«
Lea schämte sich in Grund und Boden, denn die Frau berührte bei ihren Worten die Stellen, die sie beschrieb. Der Markgraf hob seinen Krug, trank glucksend und lachte dann verächtlich. »Na, der fehlt noch viel zu einem richtigen Weib. Ihre Brustwarzen sitzen direkt auf den dürren Rippen, und sie hat kaum Haare vor der Scham.«
»Busen und Haare wachsen dem Ding schon noch, Durchlaucht«, kicherte die Frau und zupfte dabei an dem spärlichen Pelzdreieck zwischen Leas Schenkeln.
Oh Gott Israels, mach, dass es rasch vorübergeht, flehte Lea in Gedanken und schloss die Augen, um die gierig starrenden Gesichter um sich herum nicht mehr sehen zu müssen, doch die Stimme der Mätresse drang schrill und schneidend in ihren Kopf. »Ich glaube, das Judenmädchen ist doch nichts für Euch, Euer Durchlaucht. Ihr solltet die Sache von Eurem Hofnarren erledigen lassen.«
Ihre Schwester und der Sekretär stimmten ihr eifrig zu und kicherten dabei. Lea riss die Augen auf, sah das hämisch grinsende Gesicht der Mätresse über sich und begriff, dass es von Anfang an der Plan der Frau gewesen war, sie zu demütigen und ihr nicht nur die Ehre, sondern auch die Selbstachtung zu nehmen. Der Narr trat mit einem seltsam traurigen Lächeln an ihre Seite und ließ seine Fingerspitzen über ihren Bauch und Busen wandern. Dann legte er seinen Kopf gegen ihre Wange und kniff sie mit den Zähnen in ihr rechtes Ohrläppchen.
»Wie viel ist dir deine Unversehrtheit wert, Jungfer Jüdin?«, wisperte er.
Lea entzog ihm ihr Ohr und blickte ihn fragend an. Hatte wenigstens der Verwachsene Mitleid mit ihr? »Ich gebe dir fünfzig Gulden, wenn du mich unberührt lässt«, antwortete sie kaum hörbar.
Der Narr lachte schrill auf, dämpfte aber seine Stimme sofort wieder, so dass die Umstehenden, die ihn und Lea spöttisch beobachteten, nichts hörten. »Fünfzig Gulden nur? Deine Unschuld ist aber wohlfeil!«
»Du kannst auch hundert haben.«
»Zweihundert, und du bist nach dieser Stunde noch genauso Jungfrau, wie du es vorher gewesen bist.« Die Forderung war unverschämt hoch in einem Land, in dem ein Diener höchstens zwei Gulden im Jahr verdiente, aber Lea war so erleichtert, dass sie dem Mann am liebsten auf Knien gedankt hätte.
»Wenn du meine Jungfräulichkeit nicht verletzt, sollst du deine zweihundert Gulden erhalten.«
»Der Handel gilt!«, gab er zurück und blickte sie beinahe liebevoll an.
Unterdessen wurde der Markgraf ungeduldig und klopfte mit dem Fuß auf den Boden. »Was soll das ganze Getue? Zieh dich endlich aus und fang an!«
Der Narr zuckte zusammen, riss sich dann die Kappe vom Kopf und schleuderte sie in eine Ecke, so dass ihre Glöckchen misstönend auf den Fliesen klirrten und Lea schaudern ließen. Der Kappe folgte das aus Fetzen zusammengenähte Wams, und während Lea noch auf die verwachsenen Schultern und die bleiche, wie gekalkt wirkende Haut des Narren starrte, löste er seinen Gürtel und schob langsam seine Hose nach unten. Lea sog erschrocken die Luft ein, als sie das wurmähnliche Ding sah, das schnell größer wurde und dabei trotzdem so verwachsen wirkte wie der ganze Mann. Die Augen des Narren sogen sich gierig an ihrer Nacktheit fest, und er ließ sich ohne Vorwarnung auf sie fallen, so dass er ihr die Luft aus den Lungen presste.
»Unser Handel gilt doch, nicht wahr?«, wisperte er eindringlich. Lea nickte unter Tränen. Der Narr lachte so schrill auf, als hätte er den Verstand verloren, präsentierte sein Glied dann in einer obszönen Geste und rieb es immer schneller an ihrem Oberschenkel, während seine Hände nach ihren Brüsten griffen und sie kneteten, als beständen sie aus Teig.
Das Lachen der Mätresse verstummte in einem ärgerlichen Schnauben. Sie hob einen ihrer Pantoffel auf, der neben dem Bett des Fürsten lag, schlich sich an den Narren heran und verabreichte ihm ein paar heftige Schläge auf den Hintern. »Jetzt stecke ihn ihr endlich richtig rein, du Esel!«
Der Narr schrie vor Schmerz auf und funkelte Lea mit verzerrtem Gesicht an. »Gleich werde ich dich stoßen, bis du in Ohnmacht fällst!«
Dieser Ohnmacht war Lea schon sehr nahe. Doch statt wie befohlen zwischen ihre Schenkel zu steigen, rieb sich der Narr immer schneller an ihr und kläffte und jaulte dabei, als wäre er einer der kleinen Schoßhunde, die ihren Geschlechtstrieb an Ermangelung anderer Möglichkeiten an den Beinen ihrer Herrn austoben. Der Markgraf und sein Sekretär prusteten vor Lachen und zogen ihre Liebhaberinnen an sich und griffen ihnen ungeniert zwischen Schenkel und Brüste. Kurz darauf sank der Narr mit einem letzten Aufschrei keuchend über Lea zusammen. Klebriger Schleim netzte ihren rechten Oberschenkel, so dass der Ekel Galle in ihren Mund hochsteigen ließ.
Als der Narr zur Seite rollte, sprang Lea auf und hob abwehrend die Hände. Eine weitere Kränkung dieser Art würde sie nicht mehr ertragen, doch die beiden Paare interessierten sich längst nicht mehr für sie. Dietrich Frischler lag über der älteren Frau, die ebenso nackt war wie er, und bearbeitete sie heftig, während die Mätresse des Markgrafen mit dem Rücken auf einer Truhe lag und die weit gespreizten Beine in die Luft streckte. Sie war nicht mehr dazu gekommen, sich auszuziehen, sondern hatte ihr Kleid und die Unterröcke bis zur Taille gerafft und bot dem Markgrafen ihren bloßen Unterleib dar. Ihre fleischigen Brüste mit den blassrosa Spitzen waren nun endgültig aus dem Mieder geschlüpft und schaukelten im Takt der Stöße des Mannes hin und her.
Lea hatte noch nie so viel Abscheu vor anderen Menschen empfunden wie in diesem Augenblick. Das Gesicht das Narren drückte denselben Ekel aus. Er kroch aus dem Bett, packte ein am Boden liegendes Hemd und begann unbeholfen, Leas Bein zu säubern. Die Berührung war ihr so unangenehm, dass sie ihm das Kleidungsstück aus den Fingern wand, um sich selbst zu reinigen.
Der Narr las unterdessen ihre Sachen auf und reichte sie ihr.
»Du solltest dich anziehen und verschwinden, Jungfer Jüdin. Wenn unser markgräflicher Beschälhengst so richtig in Hitze gerät, wird er dir doch noch das Häutchen sprengen wollen. Und vergiss die zweihundert Gulden nicht, sonst müsste ich es bedauern, dich nicht bestiegen zu haben.«
Lea zog sich mit bebenden Händen an und versuchte dabei das obszöne Gestammel zu ignorieren, das die kopulierenden Paare von sich gaben. Den Blick starr nach vorne gerichtet, um nichts mehr von dem gottlosen Treiben um sich herum mit ansehen zu müssen, rannte sie zur Tür und schlüpfte hinaus. Zu ihrer Erleichterung war auf dem Flur niemand zu sehen. Die Schande, von den hohen Herrschaften als Gegenstand zur Steigerung der eigenen Lust benutzt worden zu sein, fraß sich wie Säure in ihre Seele, und an der Stelle, die der Narr mit seinem Samen beschmiert hatte, brannte ihre Haut wie Feuer. Sie fühlte sich so besudelt, als hätte man sie in Schweinekot gewälzt. Kopflos lief Lea durch ein Gewirr von Treppen und Fluren, bis sie nach einer halben Ewigkeit den Burghof erreicht hatte, und schritt dann starr und steif wie eine lebendig gewordene Statue durch das Tor. Die Wachen hielten sie nicht auf, brachen aber bei ihrem Anblick in ein höhnisches Gelächter aus. Aus Angst, die Männer könnten sie verfolgen und ihr Gewalt antun, begann sie zu rennen und hielt erst an, als sie gegen die eigene Haustür stolperte.
Jochanan, der ihr öffnete, blickte sie entgeistert an und fragte etwas, doch sie schlüpfte nur stumm an ihm vorbei und lief die Treppen hoch in ihre Kammer. Sie mochte ihr
Gewand jedoch nicht in dem engen Raum ausziehen, um nicht auch noch ihr Bett oder ihre Truhe damit zu beschmutzen. Von einem plötzlichen Impuls getrieben verließ sie das Zimmer und stieg in den Keller hinab. Am Ende des Ganges, hinter einer unauffällig in den Boden eingepassten Falltür, befand sich der Eingang zum Schachtbad, das ihr Großvater in die Erde hatte treiben lassen.
Während Lea sich mit heftigen Bewegungen die Kleidung vom Leib riss, kam Sarah herunter und starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an, schloss aber den Mund wieder, ohne die Frage zu stellen, die ihr offensichtlich auf der Zunge lag. Lea wollte sie schon wegschicken, da sie nicht die Kraft hatte, das Erlebte jemandem mitzuteilen. Doch dann sagte sie sich, dass sie an ihrer Wut und ihrem Ekel ersticken würde, wenn sie Sarahs Trost zurückwies, und begann mit leiser Stimme zu berichten. Sarah hörte ihr mit verkniffenem Gesicht zu und hob dabei die Kleidungsstücke auf, die Lea von sich warf. Als sie begann, die Sachen sorgfältig zusammenzulegen, winkte Lea mit beiden Händen heftig ab. »Verbrenne das Zeug! Ich werde es nie mehr anrühren.«
Sarah warf einen bedauernden Blick auf die feinen Stoffe und die Stickerei, an der Lea so lange gesessen hatte, nickte aber verständnisvoll. Die Perücke schob sie jedoch unter ihre Schürze, denn die würde Lea noch brauchen. Der Rest konnte ihretwegen vom Feuer verzehrt werden. Dann sah sie, dass Lea die Tür zum Schachtbad öffnete und so nackt, wie sie war, hineinsteigen wollte.
Schnell vertrat sie ihr den Weg. »Nein! Nicht in die Mikwe! Die darf ein Mädchen nur am Vorabend ihrer Hochzeit betreten. Ich bringe dir ein Tuch, in das du dich hüllen kannst, und schütte dir Wasser in den Badebottich
In Leas Blick spiegelten sich das ganze Entsetzen, die Scham und der Ekel, die sie in der Burg empfunden hatte, und Sarah begriff, dass das Mädchen in der Dunkelheit der Mikwe allein sein wollte. So gab sie ihr mit einem tiefen Seufzer den Weg frei. In diesem Moment fühlte die Wirtschafterin sich zu alt, um all das Unglück ertragen zu können, das über die Familie hereingebrochen war. Mit schwerfälligen Bewegungen verließ sie den Vorraum zum Schachtbad und wankte den Gang entlang, während sie Gott stumm um Gnade anflehte. Als sie die Kellertreppe hochstieg, sah sie Saul draußen stehen und horchen. Kurzerhand kehrte sie um und begann, in einem der kleinen Gewölbe Vorräte umzuschichten. Auf diese Weise konnte sie wenigstens dafür sorgen, dass Lea ungestört blieb. Unterdessen tauchte Lea in das eiskalte Wasser des Schachtbads und scheuerte ihre Haut, bis sie das Gefühl hatte, nur noch aus rohem Fleisch zu bestehen. Doch sie vermochte weder die Schande abzuwaschen noch die nagende Angst vor den Schergen des Markgrafen abzuschütteln, die jeden Augenblick erscheinen konnten, um sie und ihre Familie ins Elend zu treiben.