Es war so still im Haus des Juden Jakob Goldstaub, als hätte ein böser Geist die Menschen darin in körperlose Schatten verwandelt. Als Lea die Treppe hinabstieg, füllte es sich jedoch mit einem Murmeln und Raunen, das aus jeder Ecke zu kriechen schien. Sie versuchte, ihre Beklemmung abzuschütteln, schlich aber dennoch auf Zehenspitzen den Gang entlang und öffnete so lautlos wie möglich die Tür zu Eliesers Zimmer, in dem sich die anderen Angehörigen des Haushalts versammelt hatten, um der Toten zu gedenken. Rachel, die zwischen den Mägden Merab und Gomer auf einer Matte hockte, machte ein abweisendtrotziges Gesicht, denn sie war strikt dagegen gewesen, die Feier so überstürzt abzuhalten. Sarah, Jochanan und Ketura hatten Leas Wunsch jedoch lebhaft unterstützt, aus der festen Überzeugung heraus, der Markgraf würde sie binnen weniger Tage aus der Stadt jagen lassen.
Elieser, der den Streit hätte entscheiden müssen, lag meist in halber Bewusstlosigkeit da oder phantasierte im Fieberwahn, und Saul, der zweite Knecht, hatte ebenfalls für Leas Vorschlag gestimmt, denn er hatte keine Lust, eine weite, gefährliche Reise auf sich zu nehmen, um einen Rabbiner zu holen, der das Kaddisch für die Verstorbenen hätte sprechen können. Da er aber auch zu faul war, sich mit Thora und Talmud zu beschäftigen, und sich nicht selten den Ritualen und Zeremonien entzog, die für einen frommen Juden Pflicht waren, fiel Gerschoms Sohn Jochanan die Aufgabe zu, aus dem Buch Hiob zu lesen und die Hinterbliebenen zu trösten.
Lea setzte sich leise zu den anderen, um die feierliche Stimmung nicht zu stören, aber sie brachte es nicht fertig, sich dem Trost der heiligen Worte zu öffnen. Ihre Gedanken galten weniger den Toten als den Lebenden, und die Angst um die Menschen um sie herum vermischte sich in ihr mit Scham und Wut über das üble Spiel, das man auf der Burg mit ihr getrieben hatte. Aus Sarah hatte sie noch am gleichen Abend alles über die Verhältnisse dort oben herausgelockt, und was sie erfahren hatte, ließ sie für die Zukunft ihrer Familie schwarz sehen. Der Markgraf war seit einigen Jahren Witwer, und da er einen Thronerben besaß, hatte er nicht mehr geheiratet, sondern nahm häufig wechselnde Beischläferinnen zu sich. Seine derzeitige Favoritin war die Tochter eines Gastwirts, die der Bequemlichkeit halber gleich ihre Schwester mitgebracht und zur Geliebten des Sekretärs gemacht hatte. Die beiden Frauen stachelten ihre Liebhaber zu einem ausschweifenden Lebenswandel an und gaben das Geld schneller aus, als der Steuerpächter es eintreiben konnte.
Sarah hatte mit ihren Erzählungen nicht nur Leas Ängste gesteigert, sondern sich auch ihren Zorn zugezogen, denn Lea machte es ihr zum Vorwurf, dass die Alte sie nicht vor ihrem Gang zum Markgrafen über die Zustände oben im Schloss aufgeklärt hatte.
Jetzt, wo Lea die Ausweisung aus Hartenburg für unabwendbar hielt, beunruhigte sie Eliesers schlechter Zustand noch stärker. Hatte es während der Reise noch so ausgesehen, als würde er seine schweren Verletzungen überstehen, stand nun zu befürchten, dass er dem Ende entgegendämmerte, denn in der letzten Nacht war sein rechter Unterschenkel, den der Mob in Sarningen mit einem Tischbein zerschlagen hatte, stark angeschwollen, fühlte sich heiß an und hatte sich verfärbt. Der Einzige, der Elieser vielleicht noch retten konnte, war Veit Steer, der Wundarzt, aber der war zu einem Verletzten außerhalb der Stadt gerufen worden und wurde erst gegen Abend zurückerwartet.
Ein heftiges Pochen unten an der Haustür unterbrach Jochanans Hioblesung. Die verschreckten Bediensteten rückten zusammen und starrten Lea ängstlich an. Auf ihren Wink bettete Jochanan die kostbaren Schriftrollen in ihre Tücher und verließ mit einem verzagten Lächeln den Raum. Kurz darauf kehrte er mit einem Boten des Markgrafen zurück, der eine in den Landesfarben grün und weiß gehaltene Livree mit den drei Löwen auf der Brust trug. Das Gesicht des Knechts wirkte so fassungslos, dass die anderen im ersten Schrecken annahmen, der Bote brächte ihnen den Befehl, Haus und Hof zu verlassen. Der Mann schenkte den Anwesenden kaum einen Blick, sondern holte ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus der Stulpe seines linken Handschuhs, schüttelte es mit einer wohl geübten Handbewegung glatt und begann zu lesen.
»Im Namen Seiner durchlauchtigsten Hoheit Ernst Ludwig, Markgraf von Hartenburg, wird dem Juden Samuel, des Jakob Goldstaubs Sohn, bei Androhung allerhöchster Ungnad befohlen, heute am Nachmittag vor seinem Herrn zu erscheinen.«
Lea sah, wie sich auf den Gesichtern der anderen Fassungslosigkeit breit machte. Rachel schüttelte stumm den Kopf, Saul aber schlug sich auf den Oberschenkel und öffnete schon den Mund, um, wie Lea annahm, mit der Wahrheit herauszuplatzen. Schnell sprang sie auf und bat den Boten, der seinem Gesichtsausdruck nach mehr auf ein Trinkgeld als auf eine Antwort wartete, mit ihr zu kommen. Es war ihr ein Rätsel, warum der Markgraf einen Toten zu sich rufen ließ, aber diese Frage durfte nicht vor einem Fremden besprochen werden. Sie eilte in das
Arbeitszimmer ihres Vaters, öffnete die Schatulle, in der das Geld für den Haushalt aufbewahrt wurde, und holte ein noch recht neu glänzendes Einguldenstück heraus. Das war zwar viel zu viel Geld für einen Laufburschen Seiner Durchlaucht, aber sie wagte nicht, ihm weniger zu geben. Der Mann grinste erfreut, verneigte sich vor ihr, als hätte er statt einer verachteten Jüdin eine Dame von Stand vor sich, und verließ mit einem höflichen Gruß das Haus.
Kaum hatte Lea die Tür hinter ihm geschlossen, starrten mehrere Augenpaare über das Treppengeländer zu ihr hinunter.
»Wie kommt der Markgraf dazu, nach Samuel zu schicken? Hast du ihm denn nicht gesagt, dass unser Bruder tot ist?«, rief Rachel keifend hinab.
»Können wir das in Eliesers Kammer besprechen? Wenn du so schreist, wird jeder, der am Haus vorbeigeht, Zeuge unserer Probleme werden.«
Wie in ihren nächtlichen Albträumen sah Lea auch jetzt wieder den schrecklich zugerichteten Leichnam ihres Bruders vor sich und kämpfte gegen einen Tränenstrom. Sie vermisste ihn noch mehr, als sie es sich hätte vorstellen können, und sie wusste nicht, wie sie es schaffen sollte, die Lücke, die er in ihrem Leben zurückgelassen hatte, je wieder zu füllen. Sie mahnte sich, ihre Gedanken auf die Lebenden zu richten, stieg mit müden Bewegungen nach oben und versuchte, sich daran zu erinnern, was sie zu dem Markgrafen gesagt hatte. Es konnte nicht viel gewesen sein, denn man hatte sie ja kaum zu Wort kommen lassen, und Ernst Ludwig von Hartenburg war weniger an ihrem Bericht als am Vergnügen mit seiner Mätresse interessiert gewesen. So konnte sie nur annehmen, dass die Wachen am Straßburger Tor »Samuels« Rückkehr für wichtig genug gehalten hatten, um sie im Wachbuch zu vermerken.
Sarah schloss Lea in die Arme und strich ihr tröstend über die Haare. »Was sollen wir jetzt tun?«
»Das ist doch klar. Wir packen alles von Wert zusammen und verschwinden von hier«, schlug Saul vor.
Lea funkelte ihn zornig an. »Das geht nicht. Elieser würde eine Flucht nicht überleben.«
Saul war anzusehen, dass ihm das wenig Gewissensbisse bereiten würde, doch er hielt den Mund, um Lea nicht noch mehr aufzubringen.
Rachel maß Lea mit vorwurfsvollen Blicken. »Du hättest dem Markgrafen sagen müssen, dass jetzt Elieser unser Familienoberhaupt ist.«
Lea lachte bitter auf. »Glaubst du, das würde nur ein Haar an unserer Situation ändern? Elieser kann noch auf Wochen das Bett nicht verlassen und vor dem Markgrafen erscheinen.«
Sarah schob ein paar Strähnen unter ihr Kopftuch. »Jochanan könnte zum Markgrafen gehen und ihm alles erklären.«
Lea spreizte abwehrend die Hände. »Wenn wir ihn schicken, wird Seine Durchlaucht denken, wir wären am Ende, und rasch zugreifen, um möglichst viel von Vaters Reichtum an sich zu raffen. Nein, wir müssen uns etwas anderes einfallen lassen.«
Rachel schnaubte. »Jetzt wird wohl wieder eine von deinen Ideen kommen, für die sich jede jüdische Frau schämen muss!«
Lea hob in einer hilflosen Geste die Arme und starrte ihre Schwester verblüfft an. Dann nickte sie versonnen, riss sich mit einem Jubelruf die Perücke vom Kopf, die sie auf Sarahs Drängen hin trug, und schleuderte sie quer durch den Raum. »Wie Recht du hast, Schwesterchen! Ich werde als Samuel gehen.«
Hätte sie den Vorschlag gemacht, die Familie solle ge-schlossen zum Christentum übertreten, hätte es den Rest der Anwesenden weniger erschüttert. Rachel starrte sie mit weit offen stehendem Mund an, und Sarah rief zornig: »Nein!«
Lea holte tief Luft. »Und warum sollte ich es nicht tun? Am Tor hat man mich für Samuel gehalten, und der Markgraf war nicht nüchtern genug, um sich an mich zu erinnern. Wir gewinnen auf alle Fälle Zeit für Elieser.«
Saul warf einen skeptischen Blick auf den Kranken. »Der überlebt doch die nächsten Tage nicht.«
Für diese Bemerkung erntete er von allen Seiten strafende Blicke. Sarah, die den Knecht sonst als Erste schalt, drehte ihm verächtlich den Rücken zu und rang mit einer ähnlichen Geste wie Rachel die Hände. »Nein, Lea, das darfst du nicht. Der Markgraf wird schnell durchschaut haben, dass du kein Mann bist, und dich für deine Maskerade schwer bestrafen - und uns ebenfalls!«
»Mein Bruder und ich haben uns immer sehr ähnlich gesehen. Ich bin fast so groß wie er, und seine Stimme war nur ein wenig dunkler als die meine. Seine Tonlage müsste ich ohne Probleme treffen können.« Lea versuchte sofort, wie Samuel zu reden, brachte aber nur ein unverständliches Krächzen heraus.
»Siehst du, es geht nicht«, trumpfte Rachel auf.
»Es muss gehen!« Lea warf einen Blick auf Eliesers schweißüberströmtes Gesicht und richtete ein Stoßgebet zum Himmel. Hilf mir, Gott unserer Väter! flehte sie. Oder ist es dein Wille, uns alle ins Verderben zu stürzen?
Sarah folgte Leas besorgtem Blick und nickte seufzend. Selbst wenn der Junge am Leben blieb, würde es Monate dauern, bis er in der Lage war, vor den Landesherrn zu treten, und es mochte sein, dass der Markgraf ihn dann nicht einmal anhören würde. Elieser galt noch nicht einmal nach den Regeln der jüdischen Gemeinde als volljäh-rig, denn es gab keine Zeugen, dass er Bar-Mizwa gefeiert hatte, und die Christen, die sich nach anderen Gesetzen richteten, würden ihn noch jahrelang als unmündigen Knaben behandeln und sich weigern, ihn als Familienoberhaupt anzuerkennen.
Sie drehte sich um und nickte widerwillig. »Uns bleibt tatsächlich nur die Hoffnung, dass Lea den Markgrafen täuschen kann. Wir sind in Gottes Hand. Mag er für uns, die in einem fremden, feindlichen Land leben und leiden, ein Wunder tun.«
Sarahs Gebet war ehrlich gemeint, das zeigte sich in den nächsten zwei Stunden, in denen sie alles tat, um Lea in einen schmucken jüdischen Jüngling zu verwandeln. Ihre Tochter Ketura, deren Haar von dunklerem Rot war als Leas, musste einige Haarsträhnen opfern, die Sarah mit Kalkwasser bleichte und mit Zucker so stärkte, dass sie sie zu den Schläfenlocken eines gläubigen Aschkenasi drehen konnte. Dann klebte sie sie mit Birkenpech unter Leas Haaransatz vor den Ohren fest. Zwischendurch suchte sie unter Samuels Sachen die geeigneten Kleidungsstücke heraus. Als das Mädchen schließlich in einem braunen Kaftan mit einem gelben Ring auf der Schulter, einem spitzen Hut von gelber Farbe und den um Ärmel und Hand gewickelten Gebetsriemen vor ihr stand, schlug die Wirtschafterin die Hände vors Gesicht.
Ketura schüttelte sich bei dem Anblick. »Das ist ja gespenstisch! Ganz so, als wäre Samuel von den Toten zurückgekehrt.«
Ihre Mutter winkte heftig ab. »Schweig, Mädchen! So etwas sagt man nicht.«
Aber sie brauchte ebenfalls eine Weile, bis sie sich wieder beruhigt hatte. Sie zupfte nervös an Lea herum und beschwor sie ein über das andere Mal, vorsichtig zu sein. »Der Gott unsrer Väter sei mit dir, Kind. Wenn er es nicht ist, möge er wenigstens unseren Seelen gnädig sein.«
Dann dämpfte sie ihre Stimme, so dass nur Lea sie verstehen konnte. »Du weißt, was du dir antust, wenn du noch einmal dort hinaufgehst. Du wirst dieselben Menschen treffen, die dich gestern in den Staub getreten haben.«
»Du meinst: in Schweinemist. Ja, ich weiß, aber mir bleibt keine andere Wahl.« Lea umarmte Sarah und Ketu-ra und bat sie, für sie zu beten.
Der Weg zur Burg erschien ihr diesmal endlos lang. Vor dem Burgtor hielten dieselben Männer Wache wie am Vortag, fragten sie aber diesmal nicht aus und machten sich auch nicht über sie lustig, sondern riefen sofort nach einem Diener. Der Mann eilte so schnell herbei, als hätte er nur auf den Besucher gewartet, blieb dann aber stehen und musterte sie mit zusammengezogenen Augenbrauen, so dass Lea schon Angst bekam, sie sei durchschaut worden. Doch der Diener schien zu dem Schluss zu kommen, dass er tatsächlich Samuel Goldstaub vor sich hatte, und befahl ihr mit einer erleichterten Geste, ihm zu folgen. Statt durch das Gesindehaus führte er sie quer über den Burghof zu einem Besucher minderen Ranges vorbehaltenen Seiteneingang. Dahinter begann eine Treppe, die direkt zu dem langen Korridor mit den Rüstungen an der Wand führte. Diesmal mussten sie nicht so weit gehen wie am Vortag, denn der Diener blieb nach wenigen Schritten vor einem halbrunden, doppelflügeligen Portal stehen und öffnete es ohne anzuklopfen. Dahinter befand sich ein großer, länglicher Saal, an dessen holzgetäfelten Wänden eine Vielzahl von Wappenschildern hing. In der Saalmitte stand eine schier endlos lange Tafel, die wohl für Festmähler gedacht war, jetzt aber im einfallenden Sonnenlicht wie frisch poliert glänzte. Drei-ßig Stühle säumten den Tisch auf beiden Seiten, und an der einen Stirnseite stand ein mit reichen Schnitzereien verzierter Sessel für den Markgrafen bereit, an der anderen ein etwas schlichterer für die Herrin des Hauses. Lea fragte sich, ob die Gastwirtstochter nun den Ehrenplatz beanspruchte, der eigentlich nur einer Dame von Geblüt zustand. Als ihr Blick dann zu den Fenstern hinüberschweifte, deren Glasfüllungen wie Honig schimmerten, öffnete der Diener eine weitere Tür und winkte sie ungeduldig in das nächste Zimmer. Der Raum war halb so groß wie der Saal, den sie eben durchquert hatte, und nur mit einem weißen Sessel möbliert, dessen Polster dick mit Gold- und Silberfäden bestickt waren und dessen Lehne aus zwei vergoldeten Löwen mit Edelsteinaugen bestand. Beinahe jede Handbreit der Wände war von Teppichen bedeckt, die das Geschlecht derer von Hartenburg bei der Jagd und im Krieg glorifizierten. In dem sanften gelben Licht, das durch die Fensterscheiben fiel, wirkten die Bilder so lebendig, als könnten die Tiere und ihre Jäger jeden Augenblick aus ihnen herauspreschen. Lea war so fasziniert von dem Anblick, dass sie erschrak, als der Diener mit lauter Stimme den Juden Samuel, Sohn des Jakob Goldstaub, ankündete, und bemerkte nun erst den Markgrafen, der ähnlich wie am Vorabend an einem der Fenster stand.
Ernst Ludwig von Hartenburg war nicht wiederzuerkennen. Sein Gesicht wirkte beherrscht und fast ein wenig steif. Hosen und Hemd waren, soweit Lea erkennen konnte, diesmal sauber, und er trug ein vielfach gefälteltes, grün und weiß geteiltes Wams, das bis über die weiten Ärmel mit goldenen Löwen bestickt war. Auf seinem Kopf saß ein pelzgesäumtes, grünes Barett, aus dem fünf weiße Reiherfedern ragten.
Der Markgraf starrte Lea an, als wollte er sie durch-bohren, bis sie schon glaubte, er habe ihre Maske durchschaut. Aber als er seine grün behandschuhte Rechte hob, an der ein protziger Siegelring aus Gold und grünem Malachit aufleuchtete, und sie zu sich winkte, verriet seine Miene kein Erkennen.
»Du bist also Samuel, der Sohn des Juden Jakob.«
Lea neigte zustimmend den Kopf, wagte aber nicht zu antworten. Die Worte waren auch nicht als Frage gedacht, sondern nur als Einleitung, denn der Markgraf sprach ohne Pause weiter.
»Dein Vater hat uns gute Dienste geleistet, auf die wir nur ungern verzichten würden.«
»Erhabener Herr, meine Familie wird sich bemühen, Euch weiterhin so zu dienen, wie mein Vater es tat.« Lea klangen die eigenen Worte hell, ja beinahe schrill in den Ohren, und sie hielt vor Schreck den Atem an. An ihrer Stimme musste man sie als Mädchen erkennen.
»Es sollte mehr als nur bloßes Bemühen sein«, antwortete ihr eine andere Stimme grimmig. Sie gehörte dem Sekretär des Markgrafen, der lautlos eingetreten war, sich nun mit verschränkten Armen neben seinen Herrn stellte und den Juden vor sich wie einen ekligen Wurm betrachtete.
Lea begriff, dass jetzt alles von ihrer Antwort abhing. Sie verbeugte sich noch einmal tief und antwortete dem Sekretär, ohne ihren Blick von dem Markgrafen zu lösen. »Ich werde die Pflichten meines Vaters übernehmen und sie so gut erfüllen, wie es Seine Durchlaucht gewohnt ist. Die Handelsbeziehungen meiner Familie haben durch das Unglück in Sarningen nicht gelitten, im Gegenteil, das Schicksal meines armen Vaters wird mir neue Türen öffnen und den Geschäften Auftrieb geben.«
»Solltest du uns enttäuschen, wird Seine Durchlaucht dich und deine Sippe mit Ruten aus Hartenburg hinaust-reiben lassen und einen anderen Juden zum Hoffaktor berufen.«
Leas Herz verkrampfte sich, und sie spürte, dass sich ein Abgrund vor ihren Füßen auftat. Das, was sie über die Handelsbeziehungen ihres Vaters wusste, beschränkte sich auf die Dinge, die Samuel ihr in seinem Stolz auf den väterlichen Erfolg erzählt hatte, und das war bei weitem nicht genug, um die Geschäfte ohne Probleme weiterführen zu können. Für Samuel wäre es anders gewesen, denn der Vater hatte ihn seit seiner Bar-Mizwa in den Handel miteinbezogen und ihn auch schon einigen seiner Geschäftsfreunde vorgestellt. Nun aber waren beide tot, und sie musste eine Bürde tragen, die sie schier erdrückte. In ihrer Verzweiflung hätte sie beinahe die nächsten Worte des Sekretärs überhört.
»Seine Durchlaucht ist in seiner Gnade bereit, dir, dem Juden Samuel Goldstaub, den Schutzbrief und die Privilegien deines Vaters zu übertragen. Dafür wirst du innerhalb der nächsten vier Wochen die Summe von dreitausend Gulden bezahlen. Kannst du das nicht, fallen alle Rechte an Seine Durchlaucht zurück, und deine Sippe muss das Land verlassen.«
Lea wusste nicht, wie es ihr gelang, Haltung zu bewahren. Dreitausend Gulden waren eine gewaltige Summe. Damit konnte sich ein Christ eine Ritterburg mit einem Meierhof und Wald und Weide dazu kaufen. In Harten-burg gab es höchstwahrscheinlich keine Familie, die ein solches Vermögen ihr Eigen nannte, und es schien ihr unmöglich, auch nur einen Teil dieser Summe heranzuschaffen, selbst wenn sie sämtliche Geschäftspartner ihres Vaters herausfand und sie um einen Kredit anging. Der Sekretär wedelte mit der rechten Hand, als wollte er eine Fliege verscheuchen. »Du kannst gehen!«
Lea war froh, entlassen zu sein. Sie verbeugte sich noch einmal vor dem Markgrafen und etwas knapper vor dem Sekretär und wollte sich schon umdrehen, als ihr einfiel, dass sie ihrem Landesherrn niemals den Rücken zuwenden durfte. Daher zog sie sich unter mehreren Bücklingen rückwärts gehend zurück, prallte gegen den Türpfosten und verließ den Audienzsaal unter dem Gelächter der beiden Männer, die sich über den ungeschickten Juden lustig machten. Draußen wurde sie von dem gleichen Diener in Empfang genommen, der sie hereingebracht hatte. Er führte sie vor das Burgtor, blieb dort vor ihr stehen und machte eine unverkennbare Handbewegung. Eine Münze wechselte den Besitzer, dann konnte Lea ihrer Wege ziehen.
Als Lea an ihr Haustor klopfte, dauerte es ungewöhnlich lange, bis Jochanan ihr öffnete.
»Veit Steer ist bei Elieser!«, rief er ganz aufgeregt.
»Der Wundarzt, endlich!« Lea raffte den Kaftan und rannte die Treppe hoch, um zu hören, wie der Arzt den Zustand ihres Bruders beurteilte. Sarah aber fing sie im Flur ab.
»Du wirst doch nicht so schamlos sein, dich in diesem Aufzug Veit Steer zu zeigen?«, schalt sie, schob Lea die zweite Treppe hoch in deren Kammer und ließ sie erst wieder gehen, nachdem sie sie in ein Mädchen zurückverwandelt hatte. Als sie Eliesers Zimmer betrat, hatte Veit Steer das geschwollene Bein schon aufgeschnitten und stocherte mit einer Zange in der Wunde herum. Saul, Gomer und Ketura hielten den Jungen fest, der sich trotz eines betäubenden Trankes vor Schmerzen krümmte. Me-rab stand am Fußende des Bettes und hielt eine Schale von sich, deren Inhalt Lea erst auf den zweiten Blick als eitrige Knochenstücke identifizierte.
Der Arzt warf Lea einen flüchtigen Blick zu, ohne von seiner blutigen Arbeit abzulassen. »Man hat deinem Bruder das Schienbein zertrümmert. Ich hole die Splitter aus dem Fleisch, damit sie es nicht weiter entzünden können.«
Lea presste die Hand auf ihr Herz. »Wird er wieder gesund werden?«
Der Arzt hob zweifelnd die Schultern. »Ich hoffe es. Wenn er die nächsten zwei Wochen übersteht, wird er am Leben bleiben, aber er wird sein Bein nie mehr belasten können.«
Um nicht hysterisch zu werden, nahm Lea einen Lappen, tauchte ihn in Wasser und wischte Elieser den Schweiß von der Stirn. Der Junge warf seinen Kopf abwehrend hin und her, nahm Lea dann aber wahr und versuchte zu lächeln. »Jetzt geht es mir schon besser. Ich werde nicht sterben, das verspreche ich dir.«
»Du wirst durchkommen«, bestätigte Lea ihm mit einem aufmunternden Lächeln. Sie zog einen Hocker heran und nahm Eliesers Hand, um ihn zu trösten. Doch in dem Moment, in dem sie sich setzte, fiel ihr ein, dass sie einige Dinge zu tun hatte, die für Eliesers Überleben mindestens ebenso wichtig waren wie die Kunst des Arztes oder ihre Zuwendung. Sie musste einen Weg finden, die maßlosen Forderungen des Markgrafen zu erfüllen, denn es blieb ihr nicht genug Zeit, die Flucht aus Hartenburg so vorzubereiten, dass sie und ihre Angehörigen nicht als Bettler ins Ungewisse ziehen mussten. Hastig verabschiedete sie sich von Elieser und dem Arzt und ging hinüber in das Zimmer, in dem ihr Vater gearbeitet und geschlafen hatte.
Zu Lebzeiten ihres Vaters war der Raum eine Art Re-fugium gewesen, das sie nur dann hatte betreten dürfen, wenn sie darin sauber machen musste. Als sie nun darin stand, kam es ihr so vor, als warte das Zimmer sehnsüchtig auf seinen Besitzer. Die Decke auf dem schmalen Bett war aufgeschlagen, als müsste Jakob ben Jehuda im nächsten Augenblick zur Tür hereinkommen, um sich niederzulegen. Dahinter blähte sich der Vorhang vor dem Fenster und präsentierte einen siebenarmigen Leuchter, den Lea selbst daraufgestickt hatte. Sie schluchzte auf, trocknete sich die Tränen aber sofort an einem Tuch aus ihrer Schürzentasche und trat zu einem schmucklosen Kasten aus Eichenholz, der zusätzlich mit schweren Eisenbändern verstärkt worden war. In ihm pflegte ihr Vater seine Ge-schäftspapiere und größere Geldsummen aufzubewahren.
Jetzt erinnerte Lea sich wieder an jenen Tag, an dem Samuel den Vater zum ersten Mal auf einer Reise hatte begleiten dürfen. Damals hatte er ihr gezeigt, wie der Kasten zu öffnen war. Sie hatte noch seine vor Aufregung schrill klingende Stimme im Ohr, die sich in jenem Moment wohl noch heller angehört hatte als ihre eigene. Sollte uns etwas zustoßen, hatte er ihr gesagt, musst du wissen, wie du an das Geld und die Geschäftsunterlagen kommst. Du findest Aufzeichnungen darin, die dir sagen, an wen du dich wenden musst. Jetzt schien es Lea, als hätte ihr Bruder damals schon geahnt, welches Verhängnis ihn ereilen würde.
Sie atmete tief durch und blieb noch einen Augenblick regungslos stehen, um sich zu sammeln und den nächsten Tränenstrom aufzuhalten. Wenn das so weitergeht, schalt sie sich, wirst du dich in Selbstmitleid auflösen und unfähig sein zu handeln. Du willst doch Samuel nicht enttäuschen, oder? Der Gedanke an ihren Bruder, der sie nicht wie ein dummes Mädchen, sondern wie einen guten Freund behandelt hatte, gab ihr Kraft. Sie drehte sich zu dem rechten hinteren Bettpfosten um und schraubte den oberen Teil ab. Darunter kam ein kleiner Hohlraum zum Vorschein, in dem sich ein mit Wachs festgeklebter Schlüssel befand. Lea nahm ihn heraus und schloss den Kasten auf.
Als sie den Deckel aufschlug, sah sie drei weitere Schlüssellöcher und drei fast gleich aussehende Schlüssel vor sich. Die Schlösser mussten genau in der richtigen Reihenfolge geöffnet werden, sonst würde sich ein im inneren Deckel verborgener Riegel schließen, so dass es eines Schmiedehammers und der Glut einer Esse bedurfte, ihn wieder zu öffnen. Lea las die abgegriffenen hebräischen Schriftzeichen auf den Schlüsseln und versuchte, sich an Samuels Anweisungen zu erinnern. Doch ihr Kopf war mit einem Mal so leer wie eine Tenne im Frühjahr. Unwillkürlich stieß sie das Gebet aus, mit dem ihr Vater vor Antritt einer neuen Reise Gottes Segen erfleht hatte -und wurde erleuchtet. Die Buchstaben auf den Schlüsseln waren die gleichen wie der Beginn der ersten, der dritten und der sechsten Zeile. Schnell schob sie den ersten Schlüssel ins Loch und drehte ihn um. Statt des von ihr immer noch befürchteten Geräusches eines sich schließenden Riegels ertönte ein leises Klacken. Kurz darauf konnte Lea den inneren Deckel heben und blickte auf mehrere sorgfältig verschnürte Bündel Briefe und einige gesiegelte Pergamente.
Als sie die Unterlagen herausgehoben hatte, fand sie darunter eine Schatulle, die mit frisch geprägten Goldmünzen gefüllt war, mehrere Beutel mit Münzen verschiedener Herrschaften und ganz unten noch ein schweres Kästchen. Darin lagen zwei Stangen aus Gold und die Prägeköpfe für die Hartenburger Münze, die ihr Vater zusammen mit dem Privileg erhalten hatte, für den Markgrafen Geld prägen zu dürfen.
Sie zählte das gefundene Geld und kam auf etwas über eintausend Gulden. Das war eine unerwartet große Summe, aber immer noch zu wenig, um die Forderung des Markgrafen zu erfüllen. Mit neu erwachter Hoffnung machte sie sich daran, die Papiere zu durchsuchen. Dabei stieß sie auf einen großen, mehrfach versiegelten Umschlag, den ihr Vater mit der Anweisung, ihn im Fall seines Todes zu öffnen, versehen und an Samuel adressiert hatte.
Lea riss ihn auf und hielt dann einen aus mehreren Blättern bestehenden Brief in der Hand, der dem Datum nach kurz nach Samuels Bar-Mizwa geschrieben worden war. Mit einem tiefen Seufzer machte Lea es sich auf dem
Stuhl ihres Vaters bequem und begann zu lesen. Wie sie mit wachsender Erleichterung feststellte, handelte es sich um das geschäftliche Testament ihres Vaters, in dem er seinem ältesten Sohn genaue Anweisungen erteilte, wie dieser sich nach seinem Tod zu verhalten hatte. Lea fand darin alle Geschäftspartner ihres Vaters verzeichnet mit der Art der Geschäftsbeziehung und der Summen, die er bei ihnen angelegt hatte. Zu ihrem Glück war die Liste vor knapp einem Jahr noch einmal auf den neuesten Stand gebracht worden, und wenn sie die übrigen Unterlagen sorgfältig durchsah, würde sie sich ein Bild vom jetzigen Stand der Dinge machen können.
Als sie schon überlegte, von welchem der hier aufgeführten Händler sie kurzfristig Geld zurückverlangen konnte, stieß sie auf ein einzelnes, zusammengefaltetes Blatt, das noch einmal extra versiegelt und mit dem Wort »Wichtig!« gekennzeichnet worden war. Sie erbrach das Siegel, faltete das Blatt auseinander und wäre kurz darauf am liebsten vor Freude durch das Zimmer gehüpft. Jakob ben Jehuda hatte die Reaktion des Markgrafen auf sein Ableben vorausgesehen und für diesen Fall bei zwei vertrauenswürdigen Freunden viertausend Gulden hinterlegt, die Samuel jederzeit dort abholen konnte. Sein Schwager Esra schien sein Vertrauen nicht genossen zu haben, dachte Lea mit leichter Schadenfreude, denn die hier genannten Geschäftspartner waren Ruben ben Makkabi, ein Kaufmann aus Augsburg, und der Wormser Bankier Zofar ben Naftali. Lea kannte beide Männer vom Namen her, denn sie gehörten zu den angesehensten Mitgliedern der jüdischen Gemeinde im Reich und standen unter dem besonderen Schutz des Kaisers. Erleichtert bedeckte Lea ihr Haupt mit dem Gebetschal ihres Vaters und widmete seiner Seele ein stilles Dankgebet. Seine weise Voraussicht gab ihr das Mittel in die Hand, ihre Familie zu retten und ihre Stellung in Hartenburg zumindest so lange zu sichern, bis Elieser gesund genug war, die Stelle des Familienoberhaupts einzunehmen. Das Einzige, was sie dafür tun musste, war, sich so schnell wie möglich das Geld von den beiden Treuhändern zurückholen.
Während sie noch überlegte, wie sie am besten vorgehen sollte, öffnete sie ein weiteres Bündel, blätterte darin und hielt plötzlich einen Umschlag mit dem Namen ihres Onkels Esra in der Hand. Neugierig öffnete sie ihn und las das oberste Blatt. Aus dem Text ging hervor, dass Esra ben Nachum sich von ihrem Vater mehrere tausend Gulden geliehen und ihm dafür christliche Schuldverschreibungen zum Pfand gegeben hatte. Neugierig warf sie einen Blick auf die Schuldbriefe und unterdrückte einen Aufschrei. Der Name, auf den sie ausgestellt waren, würde sie ihr Leben lang verfolgen. Es war der des kaiserlichen Vogts der freien Reichsstadt Sarningen, Alban von Rittlage. Neben ihm hatten drei christliche Zeugen, ein Ritter und zwei Ratsherren der Stadt die Schuldscheine im Wert von dreitausend Gulden unterschrieben und gesiegelt. Wie aus dem beiliegenden Brief von Onkel Ezra hervorging, hatte der Vogt für dieses Geld die Herrschaft Elzsprung bei Pforzheim erworben.
Alban von Rittlage hatte die Juden in Sarningen umsonst ermorden und vertreiben lassen, denn seine Schuldbriefe hatte er dadurch nicht zurückbekommen. Wie aus Esra ben Nachums Schreiben ebenfalls hervorging, hatte der Vogt sich insgesamt fünftausend Gulden bei den Juden seiner Stadt geliehen. Das hieß, dass sie mehr als die Hälfte seiner Schuldverschreibungen in den Händen hielt. Lea bleckte die Zähne und schwor sich, dafür zu sorgen, dass der Mann jeden Heller und jeden Pfennig davon mit Zins und Zinseszins zurückzahlen musste. Einen Moment erwog sie, die Schuldverschreibungen dem Markgrafen anstelle von Bargeld anzubieten, da sie genau auf die geforderte Summe lauteten, entschied sich aber dagegen. Ernst Ludwig von Hartenburg würde es als seiner Ehre abträglich ansehen, wie ein Kaufmann Geld von einem anderen einfordern zu müssen. Außerdem bezweifelte sie, dass Rittlage seine Schulden ohne Zwang zurückzahlen würde.
Diese Gedanken brachten sie wieder auf den Kern ihrer Probleme zurück. Sie verstaute die Papiere im Kasten und behielt nur den Brief ihres Vaters und die fremden Münzen zurück, deren genauen Wert sie noch einmal studieren wollte. Da sie nicht selbst zu den beiden Treuhändern reisen konnte, würde sie Jochanan und Saul schicken müssen. Kurz entschlossen holte sie Papier und Feder und begann zu schreiben. Ihre Hand Zitterte, als sie den Namen ihres toten Bruders als Absender einsetzte, doch sie wagte nicht, als Lea aufzutreten, denn sie ahnte, dass Ruben ben Makkabi und Zofar ben Naftali das Geld wohl nicht so ohne weiteres einem Mädchen aushändigen würden.
Sie beendete die Briefe, unterschrieb als Samuel und siegelte sie mit dem Petschaft ihres Vaters. Dann rief sie nach den beiden Dienern.
Wie gewohnt erschien Jochanan als Erster. »Der Wundarzt ist wieder gegangen. Meine Mutter hat Elieser einen Schlaftrunk bereitet, damit er die Schmerzen nicht so spürt. Er wird wohl nicht vor morgen früh aufwachen. Steer hat uns Hoffnungen gemacht, dass Elieser wieder ganz gesund wird.«
Hinter ihm trat Saul in den Raum und schüttelte bei Jochanans Worten den Kopf. »Das hat er nicht gesagt. Er meinte, dass Elieser, wenn er es überlebt, ein hilfloser Krüppel bleiben wird.«
Wütend über diese lose Rede spreizte Lea die Hände, überreichte Jochanan den Brief an Ruben ben Makkabi aus Augsburg und erklärte ihm, wohin er das Schreiben bringen musste. Dabei entging ihr, dass Saul das Geld auf dem Tisch mit begehrlichen Blicken betrachtete. Als der ältere Knecht den Brief an den Wormser Bankier zusammen mit Leas Anweisungen entgegennahm, tat er es mit scheinbar gleichmütigem Gesicht und niedergeschlagenen Augen.
»Ihr beide werdet morgen in aller Frühe aufbrechen, und wenn ihr bei unseren Geschäftsfreunden angekommen seid, ihnen die Briefe überreichen und so schnell wie möglich mit ihrer Antwort wieder zurückkehren.«
Saul verzog das Gesicht und starrte den Brief in seinen Händen an, als wollte er seinen Inhalt durch das feste Papier hindurch lesen. »Bis Worms ist es ein weiter Weg, vor allem, wenn man ihn zu Fuß zurücklegen muss.«
Lea hob eine Augenbraue. »Umso mehr ist Eile geboten! Wir haben nur vier Wochen Zeit, um unsere Privilegien bestätigen zu lassen. Unsere Geschäftspartner werden euch jeweils die Summe aushändigen, die mein Vater für den Fall seines Todes bei ihnen hinterlegt hat. Sie ist dafür gedacht, die Forderungen des Markgrafen zu erfüllen. Ihr müsst früh aufstehen, damit ihr bei Sonnenaufgang, wenn die Tore geöffnet werden, schon unterwegs sein könnt.«
Jochanan war offensichtlich froh, seinen Teil dazu beitragen zu können, um der Familie und mit ihr dem Gesinde die Heimat zu erhalten. Auch Saul schien sich mit seinem Auftrag abgefunden zu haben, wenn auch nur unter Vorbehalt. »Für einen Juden ist es nicht ungefährlich, in dieser Zeit zu reisen.«
»Deshalb werdet ihr beide vorsichtig sein und jegliches Aufsehen vermeiden. Küsst den Hintern eines Schweins, wenn es die Christen von euch verlangen, aber kehrt mit dem Geld zurück. Unser aller Überleben hängt davon ab.«
Jochanan nickte eifrig, während Saul skeptisch blieb. Mit einem Mal aber ging ein Lächeln über sein Gesicht, und er drängte auf einen noch früheren Aufbruch. »Es bleibt heute lange hell, und die Tore sind noch offen. Wenn wir gleich losgehen, hätten wir einige Stunden gewonnen.«
»Das ist keine schlechte Idee.« Lea öffnete einen der Beutel, die vor ihr lagen, und zählte jedem der Knechte die Summe ab, die sie für diese Reise benötigen würden. Dabei achtete sie darauf, ihnen nur Münzen geringeren Wertes zu geben, denn wenn einfach gekleidete Juden mit Gold zahlten, würde man sie des Diebstahls bezichtigen und vor einen Richter schleppen oder gleich auf der Stelle erschlagen. Die Knechte steckten das Reisegeld in ihre abgewetzten Lederbeutel und verabschiedeten sich von ihrer Herrin, um alles für ihren Aufbruch vorzubereiten.
Wenige Augenblicke später schoss Sarah mit empörtem Gesichtsausdruck ins Zimmer. »Was habe ich gehört? Du willst Jochanan und Saul fortschicken? Dann haben wir keinen Mann mehr im Haus, der das Kaddisch für die Toten und das Sabbatgebet sprechen kann!«
Lea schob das Kinn nach vorne. »Es ist immer noch Elieser hier, und er ist, wenn du dich recht erinnerst, ebenfalls männlichen Geschlechts.«
So leicht gab die Wirtschafterin sich nicht geschlagen. »Niemand weiß, ob Eliesers Bar-Mizwa in Sarningen abgehalten worden ist. Also gilt er noch nicht als Mann.«
»Dann spreche ich die Gebete. Harte Zeiten erfordern nun einmal ein Abweichen von der Sitte, so hat es das Volk Israel schon immer gehalten. Wären Judith und De-borah nicht bereit gewesen, Männerwerk zu tun, gäbe es unser Volk längst nicht mehr.«
Leas Tonfall verriet ebenso wie ihre Miene, dass sie sich nicht umstimmen lassen würde.
Sarah wusste nicht, was sie davon halten sollte. Bisher hatte Lea alle anfallenden Probleme mit ihr besprochen und keine Entscheidung ohne ihre Zustimmung getroffen, ganz gleich, ob sie alltägliche Verrichtungen oder den Kult betraf. Seit ihrer Rückkehr aber schien der Rat einer älteren und erfahreneren Frau bei ihr ebenso wenig zu zählen wie die Traditionen ihres Volkes.
»Du begibst dich auf einen gefährlichen Pfad, mein Kind.«
»Ich werde dafür sorgen, dass wir nicht nur überleben, sondern auch unser Auskommen behalten. Oder willst du zusehen, wie der Markgraf uns ausraubt und uns aus unserem Heim vertreibt? Wenn wir mit leeren Händen an ein fremdes Stadttor klopfen, können wir froh sein, wenn wir nur mit Hohn und Spott vertrieben und nicht gleich umgebracht werden.«
Leas heftige Reaktion erschreckte die Wirtschafterin. Die Ereignisse in Sarningen, der Anblick der Toten und die Gefahr, in der sie geschwebt hatte, mussten das Mädchen in einer Art und Weise verändert haben, die sie nicht verstand. Es war, als wäre der Geist ihres eigensinnigen, aufbrausenden Bruders Samuel in Lea gefahren, und die alte Frau befürchtete, dass dies dem Mädchen nicht zum Guten gedeihen würde.
»Möge der Gott unserer Väter Seine Hand über uns halten«, sagte sie ergeben und ging, um ihrem Sohn und Saul noch ein paar Ermahnungen mit auf den Weg zu geben.
Nach der Abreise der beiden Knechte lief das Leben im Hause Goldstaub in beinahe normalen Bahnen weiter. Lea versuchte Sarah dadurch zu versöhnen, dass sie die siebentägige Trauerzeit mit allen Vorschriften einhielt, und versprach ihr zudem, zur Jahrzeit der Toten einen Rabbi holen zu lassen, der das Kaddisch für sie betete. Doch all das schien Sarah nicht zu trösten, denn die sichtlich gealterte Frau blieb stumm und abweisend. Sie schalt aber Merab, als diese Lea das Recht absprechen wollte, die Geschäfte ihres Vaters weiterzuführen. Offensichtlich gestand die Wirtschafterin das Recht, die Herrin zu kritisieren, nur sich selbst zu und duldete bei niemand anderem Zweifel an Leas Autorität.
Nach der Trauerwoche widmete Lea sich wieder den Papieren ihres Vaters. Sie war froh um die genauen Anweisungen und Erklärungen, die er für Samuel hinterlassen hatte und ohne die sie das Geflecht seiner Geschäfte niemals hätte entwirren können. Jetzt lernte sie die Geheimnisse jüdischer Handelsbeziehungen kennen, die sie aus den Gesprächen ihres Vaters mit Samuel nur bruchstückhaft kannte, ohne sie begriffen zu haben. Wohlhabende Juden teilten ihr Vermögen in möglichst viele Beteiligungen auf, um nicht bei einem einzigen Pogrom alles zu verlieren oder durch einen Schiffsuntergang oder den Überfall auf einen Handelszug zu verarmen.
Onkel Esra, Ruben ben Makkabi und Zofar ben Naf-tali waren zwar die wichtigsten, aber lange nicht die einzigen Geschäftspartner ihres Vaters gewesen. Lea stieß in den Listen auf Namen von Männern aus dem gesamten
Reich Deutscher Nation und beinahe allen angrenzenden Ländern. Sogar nach Rom, der Hauptstadt der Christenheit, hatte er eine lukrative Handelsbeziehung unterhalten. Der Mann, der dort lebte, war dem Namen nach ebenfalls ein Jude, was man von einem Händler aus Sevilla nicht sagen konnte, denn der nannte sich Rodrigo Var-jentes de Baramosta, was nach einem Christen klang. Lea wunderte sich zunächst darüber, aber dann fiel ihr ein, dass der Mann ein Konvertit sein konnte, ein spanischer Converso, der unter dem Druck der Inquisition dem Glauben seiner Väter abgeschworen hatte.
Lea blieb nicht viel Zeit, sich in die Unterlagen einzuarbeiten, denn wenn der Markgraf die Privilegien und Schutzrechte ihres Vaters auf sie, das hieß, auf Samuel Goldstaub übertrug, musste sie die Geschäfte im vollem Umfang weiterführen, um den steten Geldhunger des Landesherrn zu befriedigen. Lea schwindelte, als sie das Verzeichnis der Summen studierte, die Ernst Ludwig von Hartenburg im Lauf der Jahre aus ihrem Vater heraus-gepresst hatte, und es kam ihr wie ein Wunder vor, dass es Jakob ben Jehuda trotzdem gelungen war, das von seinem Vater ererbte Vermögen zu erhalten und zu mehren. Am dritten Tag ihres Studiums war Lea so niedergeschlagen, dass sie die anderen am liebsten gebeten hätte, alles für eine heimliche Abreise vorzubereiten. Solange sie nicht über ausreichend eigenes Kapital verfügte, war es ihr schlicht unmöglich, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. Als ihr die Aufzeichnungen ihres Großvaters in die Hände fielen, zeichnete sich jedoch ein Silberstreif am Horizont ab.
Jehuda ben Elieser war vor mehr als vierzig Jahren als junger Mann nach Hartenburg gekommen und hatte von dem damaligen Markgrafen das Privileg erkauft, Gold in der Sarn waschen zu dürfen. Darin war er so erfolgreich gewesen, dass er in der Folgezeit Privileg um Privileg erworben hatte und seinem Sohn Jakob den Titel eines Hoffaktors und ein stattliches Vermögen hinterlassen konnte. Auch ihr Vater hatte in seinen jungen Jahren noch Gold gewaschen, aber die Auflistungen seiner Erträge endeten wenige Monate nach dem Tod Jehudas, obwohl einige Hinweise auf den vergilbten Blättern darauf hindeuteten, dass an einigen Stellen noch Gold zu finden war. Lea studierte eifrig die Karte, auf der ihr Großvater und ihr Vater ihre Fundstellen eingetragen hatten, und ließ sich auch nicht von den vielen Warnungen und Verhaltensmaßregeln entmutigen, die an den Rand und auf die Rückseite gekritzelt waren. Jehuda und Jakob hatten das alleinige Schürfrecht besessen, doch das hatte andere nicht davon abgehalten, die Fundstellen heimlich oder offen auszubeuten und die beiden Juden überdies noch zu verhöhnen.
Notizen ihres Vaters konnte sie entnehmen, dass jetzt nur noch ein einziger Abschnitt des Flusses reichen Ertrag versprach. Es handelte sich um eine Schlucht weiter oben in den Bergen, auf deren Grund das Wasser der Sarn wild zwischen den Felsen hindurch schoss. In einem tiefen, kreisrunden Loch mit einem Durchmesser von mehr als einer Armspanne, das so aussah, als hätte ein Riese es in den Fels gebohrt, sollte sich ein Schatz befinden, der groß genug war, als Lösegeld für einen Fürsten zu dienen. Einige Wagemutige unter den Christen hatten versucht, das Gold zu bergen, doch sie waren alle umgekommen, und die Hartenburger hatten den Ort daraufhin zu einer Eingangspforte der Hölle erklärt und mieden ihn abergläubisch. Jakob ben Jehuda war zweimal dort getaucht und hatte dieses Wagnis seinen Worten zufolge nur mit Gottes unergründlicher Gnade überlebt. Lea verglich die Aufzeichnungen ihres Großvaters und ihres Vaters sehr sorgfältig und kam zu dem Schluss, dass es noch einige andere
Stellen geben musste, an denen sich das Goldwaschen lohnte. Doch keine von ihnen würde so ergiebig sein, dass sie die benötigte Summe in absehbarer Zeit daraus gewinnen konnte, und ihre Mitbürger würden sie ganz gewiss beobachten und ihre Mühe zunichte machen, indem sie Nächtens dort ihr Glück versuchten.
Der Schatz in der Schlucht geisterte in den nächsten Tagen durch Leas Gedanken und verfolgte sie bis in ihre Träume. Wenn sie ihn heben konnte, musste sie sich nicht mehr vor Angst und Sorge um Jochanans und Sauls erfolgreiche Rückkehr zerfressen. Es gab so viele Gefahren, die auf zwei einsam wandernde Juden lauerten, dass Lea schon bald nicht mehr daran glaubte, die beiden wieder zu sehen. Sie konnten beraubt werden, in ein Pogrom geraten oder einfach nur zur Belustigung einer Reisegruppe erschlagen werden. Und selbst wenn es ihnen gelingen sollte, allen Fährnissen aus dem Weg zu gehen, war immer noch nicht gesagt, ob sie früh genug zurückkamen. Vielleicht standen sie in einigen Wochen mit erschreckten Augen vor einem verlassenen Haus oder einem, in dem schon Fremde hausten.
Diese Vorstellung verfolgte Lea bei jedem Schritt, und der Gedanke, das Flussgold zu heben, schien ihr mehr und mehr von Gott gesandt zu sein. In besonneneren Momenten machte sie sich klar, dass es ihr einfach nur schwer fiel, tatenlos dazusitzen und auf ein glückliches Ende zu warten. Zu viel hing davon ab, ob der Markgraf sein Geld bekam, und so entschloss sie sich, nach dem Gold zu tauchen.
Gleich darauf wurde ihr bewusst, dass sie nicht einmal richtig schwimmen konnte, denn das war eine Kunst, die jüdischen Mädchen nicht beigebracht wurde. Sie erinnerte sich noch gut an jenen Sommer, in dem sie die Nachricht von einem Pogrom erhalten hatten, in dessen Verlauf mehrere Jüdinnen in einen Fluss geworfen worden und hilflos ertrunken waren. Um sie vor einem solchen Schicksal zu bewahren, hatte ihr Bruder sie zu einer einsamen Stelle an der Sarn mitgenommen und ihr die Grundbegriffe des Schwimmens beigebracht. Sarah hatte sie jedoch entdeckt und ihnen gedroht, es den Eltern zu berichten, die einen solchen Verstoß gegen die Sitten schwer bestraft.
Mehr als alles andere wünschte Lea sich, Samuel wäre noch am Leben. Er hatte ihr näher gestanden als irgendein anderer Mensch, ja sogar näher als ihre verstorbene Mutter, und sie war fest überzeugt, dass er den Platz seines Vaters ohne größere Probleme eingenommen hätte. Aber Samuel war tot, und das Schicksal ihrer Angehörigen hing ganz allein von ihr ab. Nach einigem Zögern begann sie am zwölften Tag nach der Abreise ihrer beiden Knechte Vorbereitungen zu treffen, um dem Strudelloch in der Schlucht den Gegenwert von dreitausend Gulden zu entreißen.
Als Erstes benötigte sie Kleidung, die sie beim Schwimmen nicht behinderte. Männer tauchten in der Regel nackt oder nur mit einem Lendenschurz bekleidet. Das aber konnte sie sich trotz ihrer noch recht schmalen Hüften nicht leisten, denn sie besaß bereits genügend Busen, um auch auf eine gewisse Entfernung als Mädchen erkannt zu werden. Kurz entschlossen ging sie in Samuels Kammer, die neben dem Zimmer ihres Vaters lag, und suchte sich unter seinen Sachen ein festes Unterhemd und eine Hose mit angebundenen Beinlingen heraus, die er im Winter unter dem Kaftan getragen hatte. Der Stoff würde nicht nur ihre Figur verbergen, sondern sie auch davor bewahren, ihre Haut an den Felsen zu zerkratzen. Im Zimmer ihres Vaters zog sie sich um und räumte den Tisch ab. Sie wollte die Schwimmbewegungen, die Samuel ihr beigebracht hatte, erst einmal auf dem Trockenen üben, bevor sie ins Wasser stieg.
Angelockt von den ungewohnten Geräuschen tauchte Sarah auf und fand Lea in unziemlicher Kleidung bäuchlings auf dem Arbeitstisch liegen und mit Armen und Beinen seltsame Bewegungen vollführen.
»Aber Kind! Was ist denn in dich gefahren?« Die Wirtschafterin sah sich dabei so ängstlich um, als fürchte sie, ein Dämon hätte sich in das Zimmer des toten Hausherrn eingeschlichen, um jedem, der sich darin aufhielt, die Sinne zu verwirren.
»Ich will schwimmen lernen«, antwortete Lea, ohne innezuhalten.
»Auf dem Tisch?!« Sarah versuchte, Lea mit einem spöttischen Lachen das Verrückte ihres Tuns vor Augen zu führen, aber ein Blick ihrer Herrin ließ sie verstummen.
»Im Wasser versuche ich es heute Nachmittag. Nach dem Essen werde ich eine Stelle suchen, an der mich niemand beobachten kann. Samuel konnte schwimmen, und ich habe Angst, dass es auffällt, wenn ich es nicht kann.« Das war keine gute Ausrede, aber Lea fiel auf Anhieb keine andere ein.
»Unsinn!«, antwortete Sarah auch sofort. »Wer sollte von Samuel verlangen, dass er schwimmen geht? Ach, Kind, ich weiß ja, dass du alles perfekt machen möchtest, aber du kannst dich nicht mit Haut und Haar in Samuel verwandeln. Du solltest die Täuschung nicht länger aufrechterhalten, denn der Markgraf oder sein Sekretär werden deine Maskerade eher früher als später durchschauen.«
Lea schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Die meisten Menschen nehmen nur das wahr, was sie zu sehen glauben, und zu denen gehört auch unser durchlauch-tigster Landesherr. Er wird nur das Gold anschauen, das ich ihm bringen werde. Aber noch haben wir es nicht, und ich habe Angst, dass Jochanan und Saul nicht früh genug zurückkehren. Daher muss ich schwimmen lernen, denn ich will den Hort in der Klamm bergen.«
Sarah hatte sich gerade gebückt, um die Büchse mit den Pinseln und Schreibfedern aufzuheben, die Lea achtlos auf den Boden gestellt hatte. Bei Leas Worten glitt ihr das Gefäß aus den Händen und verteilte seinen Inhalt über den Boden. »Beim Gott Abrahams, Isaaks und Israels, bist du wahnsinnig geworden?
Ich sollte dich in den Keller sperren, bis du wieder Vernunft angenommen hast. Abgesehen davon, dass allein der Gedanke, halb nackt im Fluss herumzuplanschen, ungehörig ist, willst du auch noch in die Felsenmühle eintauchen? Dort sind schon erwachsene Männer untergegangen, und die, die geborgen werden konnten, sahen aus, als wären sie von teuflischen Ungeheuern zerrissen worden. Was meinst du, was der Markgraf mit uns macht, wenn an Samuels Stelle ein totes Mädchen aus dem Wasser gezogen wird?«
Lea richtete sich auf und winkte ab. »Mir darf eben nichts passieren. Ich werde mir ein Seil um die Hüften binden, an dem Ketura mich herausziehen kann.«
»Ketura wird dich bei diesem Wahnsinn nicht unterstützen.«
»Dann musst du mich begleiten. Gomer ist nicht kräftig genug und Merab ... Nun ja, sie mag eine gute Pflegerin für Elieser sein, aber mein Leben würde ich ihr nicht anvertrauen. Sie lässt sich zu leicht ablenken und träumt meist in den Tag hinein.«
Sarah nickte widerwillig. »Darüber ärgere ich mich oft genug. Außerdem ist sie lange nicht so kräftig wie Ketu-ra.«
Sarah hatte schon oft bedauert, dass Gott ihrer Tochter so eine kurze, breite Gestalt und ein ebenso breites, aber ehrliches Gesicht verliehen hatte. Schönheit war Ke-tura nicht zuteil geworden, dennoch hatte Sarah gehofft, Saul wäre so vernünftig, um sie zu werben und endlich eine Familie zu gründen. Doch der Knecht war nur an der hübschen Merab interessiert, die ihm jedoch die kalte Schulter zeigte.
Lea stand auf und zog Sarah an sich. »Schön, dass du einverstanden bist. Ketura und ich werden am frühen Abend zum Fluss gehen. Sie wird das Seil halten, während ich schwimmen übe, und wenn ich mich sicher genug fühle, holen wir gemeinsam das Gold.«
Sarah ärgerte sich, dass Lea die Bestätigung ihrer Ansicht über Merab in die Zustimmung zu einem lebensgefährlichen Abenteuer ummünzte, aber sie spürte, dass weiterer Widerstand zwecklos war. Seit ihrer Rückkehr zeigte Lea den gleichen festen Willen, wie ihn ihr Vater besessen hatte und den bisher nur Samuel geerbt zu haben schien.
»Meine Tochter wird sich aber nicht als Mann verkleiden«, erklärte sie kämpferisch.
»Natürlich wird sie das nicht tun.« Der Gedanke, Ketura würde ihre ausladend weiblichen Formen in Männerkleidung stecken, brachte Lea zum Kichern. Kein Kaf-tan würde die üppige Brust der jungen Magd verbergen können. Sie wurde jedoch schnell wieder ernst und scheuchte Sarah mit der Bemerkung, Hunger zu bekommen, in die Küche.
In der Zeit, in der die Bauern bereits wieder von ihren Feldern auf ihre Höfe zurückgekehrt waren, verließen Lea und Ketura das Städtchen und wanderten die Sarn hinauf, bis sie eine Stelle erreicht hatten, an der ein Steilhang sie vor fremden Blicken schützte. Dort zog Lea sich um, band sich ein langes Seil um die Hüften und stieg ins Wasser.
Ketura nahm das andere Ende und hielt es krampfhaft fest.
»Woran erkenne ich denn, dass du in Schwierigkeiten bist?«
Das hatte Lea ihr zwar unterwegs schon zweimal erklärt, aber sie wusste, dass sie mit der nervösen Magd Geduld haben musste.
»Ich werde in den Fluss hinauswaten und dort, wo ich noch stehen kann, ausprobieren, wie lange ich es unter Wasser aushalte. Wenn ich abtreibe und nicht aus eigener Kraft zum Ufer zurückkehren kann, musst du mich herausziehen. Später in der Klamm wirst du mitzählen, wie lange ich unter Wasser bleiben darf. Wenn du die Zahl, die wir vorher ausmachen, erreicht hast, ziehst du mich einfach heraus. Stark genug bist du ja, Gott sei Dank!«
»Ja, das bin ich«, bestätigte Ketura mit kindlichem Stolz. Für eine Magd war das, was sie leisten konnte, wichtiger als gutes Aussehen, und Ketura versprach jetzt schon, eine ebenso tatkräftige, energische Frau zu werden wie ihre Mutter. Jetzt klopfte ihr Herz vor Aufregung im Hals, und ihre Hände zitterten, aber sie war fest entschlossen, über Leas Leben zu wachen, als wäre es ihr eigenes.
Im Gegensatz zu Sarah und Rachel, die viel von Sitte und Gesetz geredet und alles versucht hatten, Lea ihr Vorhaben auszureden, war Ketura von Anfang an der gleichen Meinung gewesen wie ihre junge Herrin. An deren Stelle hätte sie auch nicht zu Hause sitzen und warten mögen, ob die ausgesandten Knechte rechtzeitig mit dem Geld zurückkämen. Sie war sicher, dass ihr Bruder Jo-chanan alles daran setzen würde, Leas Auftrag zu erfüllen, aber auch er war den Wirrnissen des Schicksals hilf-los ausgeliefert. In den Abendstunden, wenn die Schatten durchs Haus krochen, malte sie sich aus, was ihm unterwegs alles zustoßen konnte, und sie wusste, dass selbst harmlose Zwischenfälle ihn daran hindern konnten, früh genug nach Hause zu kommen.
Während Lea und Ketura sich darauf vorbereiteten, die verborgenen Schätze im Bett der Sarn zu heben, gönnte Jochanan ben Gerschom sich nur die notwendigsten Pausen, denn er wollte seinen Auftrag so schnell wie möglich erfüllen. Vor zwei Jahren, als sein Vater krank geworden war, hatte er dessen Stelle bei Jakob Goldstaub eingenommen und den Weg nach Augsburg mit der Kutsche zurückgelegt. Damals hatte er sich alle Mühe gegeben, die Strecke im Gedächtnis zu behalten, denn es war sein Traum gewesen, der vertraute Leibdiener Samuel ben Jakobs zu werden und ihn auf seinen Reisen zu kutschieren. Jetzt würde er warten müssen, bis Elieser genesen und vor allen Dingen alt genug war, die Geschäfte zu übernehmen, und seine Zukunft hing ebenso wie die des jungen Herrn davon ab, ob Lea das Erbe Jakob Goldstaubs für sie alle bewahren konnte.
Was das betraf, war Jochanan nicht sehr zuversichtlich, denn Lea war ja nur ein Mädchen, das nichts von Geschäften verstand und keinerlei Erfahrung besaß. Andererseits hatte sie bereits gezeigt, welch klugen Kopf sie auf ihren Schultern trug, denn sonst hätte sie den Markgrafen nicht so mühelos täuschen können. Während Städte wie Tübingen, Reutlingen, Ulm und Günzburg wie gesichtslose Schatten auf seinem Weg zurückblieben, versuchte Jochanan, aus dieser Tatsache Zuversicht zu schöpfen. Ging es Lea und ihrer Familie gut, hatten auch die Bediensteten ein festes Dach über dem Kopf und konnten manche Annehmlichkeiten genießen. Er würde alles tun, damit es so blieb, und vor allen Dingen wollte nicht er schuld sein, wenn innen die Heimat verloren ging. Gerschom hatte seinem Sohn oft genug erklärt, wie ein Jude sich auf Reisen zu verhalten hatte, und an diese Lehren hielt Jochanan sich. Nie nächtigte er im Freien, wo die Gefahr bestand, dass sich Räuber oder verspätete Reisende einen Spaß daraus machten, ihn zu quälen oder gar zu töten, und in den Herbergen bat er stets nur um einen Platz im Hof oder bei schlechtem Wetter unter einem Vordach. Dabei beklagte er sich weder über zu hohe Preise noch über schlechtes Essen und verlangte auch nicht nach koscherer Nahrung. Sein Vater hatte ihn auch vor dem Essen gewarnt, dem die Christen gerne Schweinefleisch beimischten, und so begnügte er sich mit Brot und Fisch, und Anfeindungen und derben Späßen begegnete er mit derselben freundlichen Langmut, die er bei seinem ermordeten Herrn so bewundert hatte. Jakob ben Jehuda hatte sich niemals beschwert, wenn man ihm Bier über den Kopf schüttete oder freche Burschen die von Schweinefett triefenden Hände an seinem Kaftan abwischten, sondern hatte seine Peiniger kraft seines Willens mit Freundlichkeit beschämt.
»Man muss sich biegen, wenn man nicht brechen will«, hatte Jakob ben Jehuda Jochanan auf jener Reise erklärt. »Samuel wird das noch lernen müssen, auch wenn er mehr Mut besitzt als die Ritter, die auf ihren Burgen sitzen, verächtlich auf uns Juden herabsehen und uns insgeheim glühend um den Reichtum beneiden, den Generationen unseres Volkes geschaffen haben, während sie und ihre Vorfahren ihr Hab und Gut in sinnlosen Fehden verschleuderten.«
Ja, Samuel war mutig gewesen, zu mutig vielleicht, dachte Jochanan und wünschte sich, er hätte mit Lea über ihn sprechen können. Sie verehrte ihren Bruder über jede Vernunft hinaus und hielt ihn für unfehlbar, denn sie hat-te nie ein kritisches Wort über ihn hören wollen. Jocha-nan glaubte, Samuel besser zu kennen als sie, und grübelte tagelang über der Frage, ob sein Herr und sein Vater noch am Leben sein könnten, wenn Samuel nicht versucht hätte, sie gegen die eindringenden Christen zu verteidigen. Irgendwann aber kam er zu dem Schluss, dass auch er aufbegehrt hätte, wenn sein Vater von rauen Händen geschunden worden wäre.
Als die Türme von Augsburg vor ihm auftauchten, verbannte Jochanan seine düsteren Gedanken tief in seinem Inneren. Bisher konnte er mit sich zufrieden sein, denn er hatte sein Ziel nach nur zehn Tagen erreicht und hoffte, den Rückweg in der gleichen Zeit zu schaffen. Als er sich dem wuchtigen, aus großen Quadersteinen errichteten Stadttor näherte, warf er den Wachen einen ängstlich prüfenden Blick zu, behielt aber sein einfältiges Lächeln bei und streckte ihnen unaufgefordert einen Doppelkreuzer als Torsteuer hin. Die Torwächter der Städte spielten einreisenden Juden oft böse Streiche, aber die Männer hier, die in die Farben der Stadt gekleidet waren und ihr Wappen auf der Brust trugen, interessierten sich nicht für einen jungen Mann in einem abgetragenen Kaftan mit verblasstem Judenring auf der Schulter, sondern nahmen ihm wortlos die Münze ab und winkten ihn genauso lässig durch wie andere Wanderer. Trotzdem wagte Jochanan erst stehen zu bleiben und sich umzusehen, als er das Tor ein Stück weit hinter sich gelassen hatte. Vor ihm öffnete sich die Straße zu einem kleinen Marktplatz, auf dem Bauern ihr restliches Gemüse und ein paar Hühner billig anboten, um endlich nach Hause zurückkehren zu können.
Jochanan zwängte sich zwischen den eng stehenden Wagen hindurch, wich unter dem Gelächter der Umstehenden einem Kasten aus, in dem mehrere Ferkel quiek-ten, und versuchte sich zu erinnern, welche der vier Gassen, die von dem Markt in die Stadt abzweigten, zum Judenviertel führte. Noch während sein Blick über die Häuserzeilen irrte, zupfte jemand an seinem Mantel. Er drehte sich um und sah einen Jungen vor sich, dessen Kittel das Waschen genauso dringend nötig gehabt hätte wie Hals und Gesicht.
Der Knirps starrte ihn aus blauen, unschuldig wirkenden Kinderaugen an. »Bist du fremd hier, Jude?«
Wider Willen nickte Jochanan.
»Wenn du mir sagst, wohin du willst, werde ich dich führen. Es kostet dich nur einen Heller.«
Jochanan atmete erleichtert auf und nestelte eine Münze aus dem dünnen Beutel an seinem Gürtel. »Ich will zu Ruben ben Makkabis Haus. Kennst du es?«
Der Junge machte eine wegwerfende Handbewegung. »Wer kennt es nicht? Schließlich steht der alte Jude bei den Stadtoberen in hoher Gunst, höher sogar als die meisten ehrlichen Christenmenschen.«
Einen Augenblick lang war seinem Gesicht anzusehen, wie diese Tatsache die christlichen Einwohner fuchste. Sofort aber grinste er wieder, versprach Jochanan, ihn bis vor das Haus zu bringen, und fing geschickt die Münze auf, die dieser ihm zuwarf. Er führte Jochanan durch ein Gewirr von Straßen in ein Gässchen, in dem die hohen, schmalen Fachwerkhäuser sich mit jedem Stockwerk einander mehr zuneigten, bis die Giebel sich beinahe berührten. Unten am Boden herrschte trotz des hellen Tages ein diffuses Dämmerlicht, in dem man kaum die Hand vor Augen sehen konnte, und es stank so erbärmlich, dass Jochanan gar nicht wissen wollte, was alles auf dem weichen, glitschigen Boden herumlag. Da er sich nicht daran erinnern konnte, bei seiner Reise mit Jakob ben Jehuda durch diese schmutzige Gasse gekommen zu sein, tastete er nach seinem Führer, der vor ihm gehen musste. Doch den schien der Erdboden verschluckt zu haben.
Wütend über sich selbst, weil er trotz besseren Wissens auf einen schmierigen kleinen Jungen hereingefallen war, drehte Jochanan sich um, stapfte zum Ausgang der Gasse zurück und versuchte, das Judenviertel auf eigene Faust zu finden. Er schob sich an schwer beladenen Passanten vorbei, die ihm wütend befahlen, aus dem Weg zu gehen, oder ihn direkt gegen eine Hauswand stießen. Niemand war willens, auf seine Frage nach Ruben ben Makkabis Haus zu antworten, und so stolperte Jochanan in wachsender Verzweiflung weiter. Endlich stieß er auf einen größeren Platz, der von einer mächtigen Kirche beherrscht wurde. Er wusste nicht, ob er vor dem hiesigen Münster oder einer der geringeren Kirchen stand, so dass das Gebäude ihm auch nicht half, sich zu orientieren. Gerade, als er einen weiteren Versuch machen wollte, einen der Vorübereilenden zu fragen, fiel ihm eine Frau mit einer weißen Flügelhaube auf, die ihren Kopf völlig um-schloss und nur das Gesicht freiließ. Über ihrem langen Kleid aus dunkler Wolle trug sie einen hüftlangen Übermantel, auf dessen linker Schulter deutlich der gelbe Judenkreis zu sehen war, und in der Hand hielt sie einen schweren, mit einem bestickten Tuch bedeckten Korb.
Jochanan rannte ihr nach und sprach sie an. »Gute Frau, könnt Ihr mir Rat geben? Ich suche das Haus des ehrwürdigen Ruben ben Makkabi, wurde aber von einem Gassenjungen in die Irre geführt.«
Die Frau blieb stehen und musterte Jochanan. Ihm war die lange Reise anzusehen, und seine Kleidung wies ihn als Knecht aus. Trotzdem grüßte sie ihn freundlich. »Friede sei mit dir, Bruder. Bekümmere dich nicht länger wegen des Streichs eines frechen Burschen, sondern folge mir. Meine Familie wohnt direkt neben ben Makkabi.«
Erfreut bot Jochanan der Frau an, ihr den Korb zu tragen. Die Frau schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich werde einen Sohn Israels nach so einer langen Wanderung wie der deinen doch nicht als Lastesel benützen. Du warst gewiss großen Gefahren ausgesetzt?«
Obwohl Jochanan ihr fremd war, schien sie sich zu freuen, mit ihm reden zu können. Er antwortete höflich, dass die Reise nicht so schlimm gewesen sei, und berichtete ihr dann von dem Sarninger Massaker, das so sehr auf seiner Seele lastete, als wäre er selbst nur mit knapper Not entkommen. Die Frau hatte bereits davon gehört und erzählte ihm, dass diese Nachrichten die Augsburger Judengemeinde in tiefe Trauer gestürzt hatten.
»Leider ist Sarningen kein Einzelfall«, fuhr sie fort. »Immer wieder erfahren wir von Vertreibungen und Morden. Gott allein weiß, warum unser Volk in diesen Tagen so furchtbar bedrängt wird. Die Christen verbreiten ständig neue Lügen über uns und behaupten, wir würden ihre Kinder schlachten und ihr Blut für unser Passahbrot verwenden. Dann wiederum machen sie einander weis, wir würden die Brunnen vergiften, damit die Christen zugrunde gehen. Mein Gott, wie können sie nur auf so etwas kommen? Es sind doch dieselben Brunnen, aus denen auch wir unser Wasser schöpfen. Außerdem sagen die Rabbiner, dass die meisten Krankheiten und Seuchen von der Unsauberkeit kommen, in der die Christen leben. Das wundert mich nicht, denn ihre Mönche und Priester predigen, dass es Sünde sei, seinen Körper zu waschen, da es Wollust erzeuge und üble Triebe. Ich kann nicht begreifen, dass die Menschen so etwas glauben. So dumm können doch selbst Christen nicht sein.«
Jochanan hatte den Christen den Tod seines Vaters noch nicht vergeben und war bereit, alles Schlechte von ihnen anzunehmen.
»Ich glaube, ihre Priester verdrehen den Leuten bewusst den Kopf und sorgen so dafür, dass die Christen üblen Sinnes sind und nur Böses wollen. Dabei behaupten sie aber, sie würden sich an die überlieferten Gesetze des Mosche Rabbenu zu halten, die besagen, dass man nicht töten soll.«
Während des Gesprächs hatten sie die Judengasse erreicht und traten durch das offen stehende Tor. Die Häuser hier drinnen unterschieden sich kaum von denen der anderen Einwohner Augsburgs. Sie waren im gleichen Fachwerkstil erbaut, besaßen dieselben schiefergedeckten Dächer, und aus den Kaminen quoll ebenfalls grauer Rauch. Dennoch fühlte Jochanan sich hier sofort heimisch. Er konnte nicht sagen, ob es an den religiösen Symbolen lag, mit denen die Fensterhäute bemalt waren, oder am Geruch vertrauten Essens. Dieser Fleck hier war ein kleines Stück Juda in der Fremde, auch wenn das gekrönte Jerusalem weit jenseits aller Träume lag. Jochanan erinnerte sich, dass es hier in Augsburg eine Synagoge gab und beschloss, sie so bald wie möglich aufzusuchen. Das Fehlen eines geweihten Raumes, in dem sie beten konnten, stellte die größte Einschränkung ihres Lebens in Har-tenburg dar. Die Bestimmungen des Markgrafen hatten es Jakob ben Jehuda verboten, andere Juden nachzuholen oder einen Rabbi für mehr als ein paar Tage zu Gast zu laden. Selbst die Lehrer seiner Söhne hatten die Markgrafschaft vor Ablauf von zwölf Wochen wieder verlassen müssen.
»Dort ist das Haus des ehrenwerten Rabbi Ruben.« Die Stimme seiner Begleiterin rief Jochanan wieder in die Gegenwart zurück. Er wunderte sich, dass Ruben ben Makkabi als Rabbi bezeichnet wurde, erinnerte sich dann aber daran, dass sein verstorbener Herr ihn einen talmudkundigen Mann genannt hatte.
»Ich danke dir.« Jochanan verneigte sich vor seiner Führerin und betätigte den Türklopfer, der mit einem verschlungenen Willkommensgruß verziert war. Die Frau ging ein paar Schritte weiter, blieb vor einem anderen Haus stehen und wartete, bis Ruben ben Makkabis Haustür geöffnet wurde. Jochanan nickte ihr noch einmal dankbar zu und grüßte dann den Diener, der ihn kritisch musterte. Der Mann schien ihn als seinesgleichen einzuschätzen und ließ ihn mit einer herablassenden Geste ein. Während Jochanan seine Schuhe auszog und den nicht weniger schmutzigen Mantel im Flur ablegte, meldete der Diener ihn seinem Herrn. Kurz darauf vernahm Jochanan eine laute, überrascht klingende Stimme, und als er sich umdrehte, kam der Hausherr auch schon auf ihn zu und begrüßte ihn überschwänglich.
Ruben ben Makkabi war ein Mann um die fünfzig, mittelgroß und von hagerer Gestalt, und sein Gesicht wirkte durch den langen, grauen Bart noch schmaler, als es bereits war. Er trug einfache Lederpantoffel und einen langen Hausmantel aus brauner Wolle und hatte seinen Kopf mit einer schlichten Kippah bedeckt. »Kommst du wirklich aus Hartenburg?«, fragte er Jochanan ganz aufgeregt. »Wir haben schon von dem schrecklichen Geschehen gehört, dem unser Bruder Jakob ben Jehuda und seine Familie zum Opfer gefallen sind.«
»Ja, mein Herr ist tot und S..„ äh, mein Vater auch.« Erst im letzten Moment hatte er sich daran erinnert, dass Lea ihm eingeschärft hatte, Samuels Tod zu verschweigen, weil sie den Brief an Ruben ben Makkabi mit dem Namen ihres Bruders unterzeichnet hatte.
Der Hausherr legte die zittrigen Hände auf Jochanans Schulter.
»Was ist mit den Kindern meines Freundes? Man hat mir berichtet, sie seien alle umgekommen.«
»Sie konnten dem Pogrom entkommen. Elieser wurde schwer verletzt und wird vielleicht ein Krüppel bleiben. Lea und Rachel wurden von einer Christenfreundin gerettet und Samuel ist auch irgendwie entkommen ...« Das Letzte zu sagen fiel Jochanan schwer, weil sein Gewissen sich sträubte, einen Rabbiner zu belügen.
Ruben ben Makkabi achtete nicht auf seine Verlegenheit, sondern warf erleichtert die Arme zum Himmel. »Jakob ben Jehudas Schwager Esra ben Nachum und die Seinen konnten fliehen und haben bei uns Schutz gefunden, dem Gott unserer Väter sei Dank. Aber er brachte uns die traurige Nachricht, Jakob ben Jehudas gesamte Familie sei dem Pogrom zum Opfer gefallen.«
»Es freut mich zu hören, dass der Onkel meines jetzigen Herrn den Christen entkommen konnte«, antwortete Jochanan diplomatisch. Der Hinweis auf das jetzige Familienoberhaupt stellte keine Lüge dar, denn Elieser war ja ebenfalls Esra ben Nachums Neffe.
Ruben ben Makkabi seufzte kaum hörbar. »Er und die Seinen weilen vorerst noch bei mir zu Gast, bis wir eine neue Heimat für sie gefunden haben. Komm, ich bringe dich zu ihm. Er wird sich über die überraschende Neuigkeit gewiss ebenso freuen wie ich.«
Jochanan sah verwundert auf, denn die Worte des Hausherrn hatten ein wenig spöttisch geklungen. Doch er wagte nicht, nachzufragen, sondern folgte Ruben ben Makkabi stumm und mit leicht gesenktem Kopf, wie es sich für einen Knecht gehörte. Bei Jochanans Anblick riss Esra ben Nachum vor Erstaunen die Augen weit auf, und als er von seinem Gastgeber erfuhr, dass der junge Mann von Samuel ben Jakob geschickt worden war, wirkte er verwirrt und auch etwas peinlich berührt.
»Ich ... ich war fest davon überzeugt, die gesamte Familie meines armen Schwagers Jakob sei umgekommen, nachdem Samuel sich den eindringenden Christen entgegengestellt hatte, statt uns zu folgen, wie ich es meinem Schwager zugerufen hatte. Als wir armen Vertriebenen uns außerhalb der Stadt gesammelt haben, um gemeinsam weiterzuziehen, weilte von Jakobs Familie niemand mehr unter uns, und am nächsten Tag sahen wir die Leichen einiger schrecklich entstellter Mitbrüder an uns vorübertreiben, darunter auch den Körper meines armen Schwagers. Leider konnten wir sie nicht bergen und sie begraben, wie es das Gesetz befiehlt.«
Ruben ben Makkabi zog erstaunt die rechte Augenbraue hoch. Anscheinend hatte sein Gast ihm die Geschichte vorher ein wenig anders erzählt. Aber er sagte nichts, sondern ließ ihn mit einem sanften Lächeln gewähren. Esra ben Nachum hatte die leicht zweifelnde Miene seines Gastgebers wahrgenommen und bemerkte hastig, seine Frau und seine Tochter würden die guten Neuigkeiten sicher gern selbst aus Jochanans Mund vernehmen. Ohne auf Antwort zu warten, öffnete er die Tür zum Küchentrakt und rief nach ihnen. Die Frauen schienen hinter der Tür gewartet zu haben, denn sie traten einen Herzschlag später ins Zimmer. Während Noomi sich über Jo-chanans Nachricht von ganzem Herzen freute, wirkte Mirjams Miene eher säuerlich, und sie rang sich widerwillig ein paar Glückwünsche ab. Auch Esras Gesicht wirkte wie eingefroren. Mit einem Mal aber ging ein erleichtertes Lächeln über sein Gesicht, und er legte Jochanan freundschaftlich den rechten Arm um die Schultern.
»Jetzt ist also Samuel dein Herr. Ein trefflicher junger Mann fürwahr, aber in Geschäftsdingen doch noch recht unerfahren. Er wird einen treuen Freund brauchen, der ihm zur Seite steht, und wer könnte besser dafür geeignet sein als ich, der Bruder seiner Mutter? Das musst du doch auch sagen, nicht wahr?«
Ohne Jochanans Antwort abzuwarten, malte Esra ihm aus, was für wundervolle Zeiten in Hartenburg anbrechen würden, wenn er die Geschicke der Familie lenkte. Ruben ben Makkabi hörte ihm mit einem seltsamen Lächeln zu, doch das einzige Wort, das man von ihm vernahm, war die Bitte an seinen Diener, Erfrischungen für die Gäste zu bringen.
Jochanan löste die Gebetsriemen von seinem Arm und legte den Gebetmantel ab, den sein Gastgeber ihm geliehen hatte. Während er ihn sorgfältig glättete und zusammenfaltete, schwangen in seinem Herzen immer noch die heiligen Worte, die er in der Gemeinschaft der anderen Gläubigen hatte sprechen dürfen. Zu dieser Stunde empfand er es als eine Strafe des Herrn, dass es in Har-tenburg so wenige Juden gab und sie kein Bethaus hatten errichten dürfen, denn an diesem Tag hatte er erlebt, wie schön es war, Mitglied einer größeren Gemeinde zu sein. Zu seiner Beschämung musste er jedoch zugeben, dass er während der Gebete nicht nur an fromme Dinge gedacht hatte. Sein Blick war ein paarmal zu der vergitterten Empore hochgewandert, auf der die Frauen und Mädchen der Gemeinde Platz genommen hatten, und für einen kurzen Moment war in ihm der Gedanke aufgestiegen, in Ruben ben Makkabis Dienste zu treten. Wenn er hier lebte, würde er sich unter den hiesigen Mägden eine Braut suchen können und sicher auch die Erlaubnis zur Heirat erhalten. Die war in dieser Stadt gewiss nicht unerschwinglich hoch, denn der Magistrat von Augsburg tat viel für das Wohlergehen der Juden, auch gegen den Willen zahlreicher christlicher Mitbürger, die gerne vergaßen, wie viele Steuern durch diese kluge Politik in das Stadtsäckel flossen. Der Markgraf von Hartenburg verlangte von einem jüdischen Knecht mehr Geld für die Hochzeit, als dieser in seinem Leben verdienen konnte, und ließ auch nicht zu, dass eine Braut von außerhalb geholt wurde. Jakob ben Jehuda wäre bereit gewesen, die Heiratssteuer für ihn zu zahlen, aber dazu hätte er ihm eine der beiden Mägde als Braut präsentieren müssen. Für die magere, scheue Gomer empfand er jedoch nichts, und die hübsche Merab ließ ihn deutlich fühlen, dass sie sich für einen Knecht zu schade war.
Ruben ben Makkabis Eintritt unterbrach Jochanans Grübeln. Der Hausherr musterte den Knecht mit sichtlichem Wohlgefallen, legte ihm mit einer väterlichen Geste den Arm um die Schulter und führte ihn aus der geräumigen Kammer, die er ihm zur Verfügung gestellt hatte. »Ich bin überzeugt, dass du deinem jungen Herrn ein treuer Diener bist.«
»Ich hoffe, man ist mit mir zufrieden«, antwortete Jo-chanan ausweichend und fragte sich, was nun kommen mochte. Sein Gastgeber blickte ihn aufmunternd an. »Samuel besitzt einen klugen Kopf, und wird dich sicher zu schätzen wissen.«
Zu Jochanans Verwunderung brachte er ihn in die beste Stube des Hauses, die normalerweise nur Familienmitgliedern und hoch geehrten Gästen zugänglich war. Anders als in den schmucklosen und bescheidenen Räumen, die Jochanan bisher kennen gelernt hatte, waren die Wände hier mit bestickten Wandteppichen bedeckt, die religiöse Symbole und Sprüche aus dem Talmud trugen. Am schönsten fand Jochanan das Abbild eines siebenarmigen Leuchters, der von einem kunstvoll verschlungenen Schriftzug umgeben war.
»Gott wird uns auch aus diesem Ägypten befreien«, stand dort in hebräischer Schrift zu lesen.
Rubens Sohn Jiftach saß vor einem der Wandteppiche auf einem niedrigen Schemel und hielt einen Talmud in der Hand. Seine Schwester Hannah hatte in einer Ecke Platz genommen und stickte an einem weiteren Teppich, der wohl die Lücke über ihrem Kopf ausfüllen sollte.
Ruben ben Makkabi deutete mit einer weit ausholenden Geste auf die beiden. »Meine Kinder hast du ja bereits bei deinem ersten Besuch hier bei uns kennen gelernt. Sie sind nun in das Alter gekommen, in dem sie nach den Sitten unseres Volkes mit Ehegatten zusammen gegeben werden sollten. Ich hatte bereits mit Jakob ben Jehuda über eine Verbindung unserer Familien gesprochen. Wäre er nicht umgekommen, so hätten wir wohl noch heuer den Ehevertrag für Samuel und Hannah, sowie für Jiftach und Lea unterzeichnet. Samuel ist ein vortrefflicher junger Mann und der Erbe seines Vaters, und Lea wurde mir als fleißiges und energisches Mädchen beschrieben, das einen Haushalt wohl zu lenken weiß.«
Jochanan hatte von seinem Vater gehört, dass Jakob Goldstaub nicht nur wegen Eliesers Bar-Mizwa nach Sar-ningen gefahren war, sondern auch, um Ehegatten für seine beiden älteren Kinder zu finden, und vermutete nun, dass er Ruben ben Makkabis Drängen hatte entgehen wollen. Das wunderte den jungen Knecht, denn Jiftach ben Ruben und Hannah wären keine schlechten Partien für den Sohn und die Tochter des Hartenburger Hoffaktors gewesen. Ruben ben Makkabi ließ jedenfalls keinen Zweifel an seiner Absicht aufkommen, die von ihm ins Auge gefassten Ehen auch jetzt noch zu stiften.
Jochanan biss die Lippen zusammen. Da brauten sich Komplikationen zusammen, die Lea nicht vorausgesehen hatte und die seine Rolle als Bote überforderten. Wie hatte sein Gastgeber seine Herrin beschrieben? Fleißig und energisch? Fleiß wurde bei einem Mädchen ja gerne gesehen, aber welcher Schwiegervater wünschte sich eine besonders energische Braut für seinen Sohn?
Eine solche Frau hielt allzu leicht das Heft in der Hand, degradierte ihren Ehemann zu ihrem Handlanger und bevormundete meist auch noch die Schwiegereltern.
Jochanans Blick kehrte zu Jiftach zurück, der jetzt nicht einmal mehr so tat, als würde er lesen. Er hatte die Worte seines Vaters gehört und grinste dümmlich. Sein rötliches Gesicht war leicht aufgedunsen, und seine hervorquellenden Augen und die kräftigen, aber weit vorstehenden Zähne ließen ihn wie einen Tölpel erscheinen. Jochanan begann zu vermuten, dass der Junge geistig zurückgeblieben war und das Buch auf seinem Schoß gar nicht lesen konnte, und schüttelte sich innerlich. So einen Schwachkopf sollte Lea zum Mann nehmen? Natürlich fühlte auch er sich unbehaglich bei dem Gedanken, dass Jakob ben Jehudas älteste Tochter sich wie ein Mann benahm. Die Ehe würde Lea gut tun und ihr auch jene Sicherheit bieten, nach der sie so verzweifelt suchte. Aber Jiftach ben Ruben sah nicht so aus, als wäre er imstande, für sich selbst zu sorgen, geschweige denn für Frau und Kinder.
Hannah schien geistig nicht so beschränkt zu sein wie ihr Bruder, aber verglichen mit ihr war Merab eine Schönheit, ganz zu schweigen von Rachel, die den Vergleich mit einer der Heldinnen alter Zeit nicht zu scheuen brauchte. Auf Jochanan wirkte Rubens Tochter mit ihrer bleichen Haut, dem länglichen Gesicht und den großen, etwas wässrigen Augen wie ein Schaf, und er konnte sich vorstellen, dass Jakob ben Jehuda seine ganze väterliche Autorität hätte aufwenden müssen, um Samuel zu einer Heirat mit diesem Mädchen zu bewegen. Aber wenn Hannahs Vater hartnäckig genug blieb und Elieser seine Verletzungen überlebte, würde der Junge froh sein, Hannah heiraten zu können, denn für einen verkrüppelten Mann waren Bräute mit reicher Mitgift sehr dünn gesät.
Ruben ben Makkabi schien Jochanan Zweifel zu bemerken, denn er pries die Vorteile, die Jakobs Kinder aus dieser doppelten Verbindung ziehen würden, und deutete an, dass er bereit sei, Jochanan die Erlaubnis zur Heirat und für die Ansiedlung seiner Braut zu bezahlen und ihm darüber hinaus noch eine hübsche Summe zu schenken, wenn er den jungen Samuel in seinem Sinne beeinflusste. Der junge Knecht versprach seinem Gastgeber alles, was dieser zu hören wünschte, aber er brachte nicht den Überschwang auf, den der Rabbi für sein Versprechen erwartet hatte. Daher führte Ruben ben Makkabi Jochanan in seine persönliche Studierstube, die von einem kunstvoll geschnitzten Thoraschrein beherrscht wurde. Der Vorhang vor dem Schrein war schöner und kostbarer als alles, was der junge Knecht je in seinem Leben erblickt hatte. Er zeigte einen aus Goldfäden gestickten Löwen von Juda, der seine linke Pranke auf einen silbernen Davidsstern stützte. Während Jochanan das Bild mit offenem Mund anstarrte, räumte Ruben mehrere Bücher beiseite, zog einen kleinen, mit Intarsienarbeiten geschmückten Tisch zu der gepolsterten Ruhebank, auf der er seinen Gast Platz nehmen ließ, und füllte zwei Pokale mit Wein.
»Lass uns in aller Ruhe miteinander reden, Jochanan. In einem hat Esra ben Nachum nämlich Recht: Dein Herr hat zu wenig Erfahrung, um die Geschäfte seines Vaters weiterführen zu können, und benötigt dringend eine leitende Hand. Doch sein Onkel ist nicht die geeignete Person dafür. So Leid es mir tut, aber ich muss euch vor Esra ben Nachum warnen. Ich fürchte, er würde Samuel betrügen und einen großen Teil der Gewinne in seine eigenen Taschen fließen lassen. Ben Nachum hat auch mich hintergehen wollen, denn er hat geschworen, er habe die Leichen seines Schwagers und dessen Kinder mit eigenen Augen gesehen, und mich aufgefordert, ihm Jakob ben Jehudas Anteile an meinem Geschäft auszuzahlen wie auch die Summe, die Samuels Vater für den Notfall bei mir hinterlegt hatte, weil er nun Jakobs rechtmäßiger Erbe sei.«
Im ersten Moment schüttelte Jochanan ungläubig den Kopf. Wollte Ruben ben Makkabi Leas Onkel anschwärzen, um seine eigenen Pläne ungestörter verfolgen zu können? Dann erinnerte er sich daran, dass Jakob ben Jehudas Ehefrau Ruth kein gutes Verhältnis zu ihrem Bruder gehabt und es nicht gern gesehen hatte, wenn ihr Mann Geschäfte mit ihm abschloss.
»Ich danke dir für diese Warnung und werde Le ...« -er zögerte einen Augenblick und vollendete dann das Wort - »a und Samuel davon berichten.«
Ruben ben Makkabi strahlte. »Lea besitzt also großen Einfluss auf ihren Bruder. Das ist gut! Sie wird sich von Esra und Mirjam gewiss nicht blenden lassen.«
»Das wird sie ganz bestimmt nicht.« Jochanan erinnerte sich gut daran, wie erleichtert Lea jedes Mal gewesen war, wenn ihr Onkel und ihre Tante bei ihren nicht gerade seltenen Besuchen in Hartenburg das Haus wieder verlassen hatten. Mirjam hatte sie nach dem Tod ihrer Schwägerin nicht als Hausfrau akzeptiert, sondern sie so herablassend behandelt, als wäre sie eine Magd.
Ruben ben Makkabi forderte seinen Gast zum Trinken auf und zwinkerte ihm über den Rand seines eigenen Bechers verschwörerisch zu. »Lass dich von Esra auf keinen Fall überreden, ihn nach Hartenburg mitzunehmen. Er wollte mit dem Geld, das er von mir verlangt hat, dorthin reisen, um Jakob ben Jehudas Besitz einzufordern und sich bei eurem Markgrafen als neuer Hoffaktor einzukaufen. Jetzt, fürchte ich, wird er versuchen, deinen Herrn von seinem Posten zu verdrängen oder sich zu seinem Vormund aufzuschwingen und ihm seine Tochter Noomi als Gattin aufzuzwingen.«
Damit war die Katze aus dem Sack. Ruben ben Mak-kabi mochte Recht haben, was Leas Onkel betraf, doch er hätte herzlich wenig gegen ihn unternommen, wenn nicht seine eigenen Interessen auf dem Spiel ständen. Jetzt musste er nicht nur verhindern, dass Esras Tochter den Platz einnahm, den er seiner Hannah zugedacht hatte, sondern auch, dass ein anderer als er Einfluss auf Jakob ben Jehudas Erben nehmen konnte. Wäre Samuel noch am Leben, dachte Jochanan, würde er die Unterstützung durch einen erfahrenen, in sicheren Verhältnissen lebenden Schwiegervater wahrscheinlich sogar begrüßt haben. Ruben ben Makkabi sprach aus, was Jochanan gerade dachte. »Ich bin reich und besitze großen Einfluss bei Kaufleuten und Bankiers unseres Volkes in ganz Europa und sogar ein wenig darüber hinaus. Daher kann ich Samuel am besten helfen, das Erbe seines Vaters zu bewahren und zu mehren. Esra hingegen würde Samuel ausnehmen wie einen Karpfen, der für das Sabbatmahl gekocht werden soll. Sag das deinem Herrn. Es wird sein Schade nicht sein, wenn er mit meiner Tochter unter den Baldachin tritt.«
»Ich werde es ihm sagen«, versprach Jochanan leicht gereizt.
»Aber auch dafür ist es wichtig, dass mein Herr das Geld bekommt, mit dem er seine Schutzbriefe beim Markgrafen erneuern lassen kann. Sei also bitte so freundlich und händige mir die Summe aus, denn ich muss bald wieder aufbrechen, damit ich nicht zu spät nach Hartenburg komme.«
Ruben ben Makkabi strich sich nachdenklich über seinen Bart.
»Wäre Samuel ben Jakob persönlich zu mir gekommen, würde ich ihm die zweitausend Gulden sofort übergeben haben. Aber einem Knecht darf ich eine so große Summe nicht anvertrauen. Ich gebe dir ein Viertel. Damit kann Samuel den Markgrafen erst einmal vertrösten.«
Jochanan hatte das Gefühl, als hätte man ihn mit Eis-wasser übergossen. »Aber L..., mein Herr braucht das ganze Geld. Der Markgraf wird sich auf keinen Fall mit einem Teil begnügen, sondern das restliche Hab und Gut der Familie beschlagnahmen und uns mit nichts als einem Hemd auf dem Leib aus der Stadt treiben lassen.«
Ruben ben Makkabi winkte ab. »Behauptet Samuel das? Da sieht man, dass er wirklich noch einer führenden Hand bedarf. Kein vernünftiger Mensch schlachtet die Kuh, die er melken will. Samuel hat sicher noch Geld zu Hause. Richte ihm aus, er soll dem Markgrafen ein Drittel der geforderten Summe als Anzahlung geben und ihm klar machen, dass er den Rest persönlich von seinen Schuldnern eintreiben muss. Euer Landesherr wird so froh sein um die Beutel voll Goldmünzen, die Samuel ihm zu Füßen legt, dass er gern zustimmen wird.«
Diese Überzeugung konnte Jochanan nicht teilen, aber als er seinen Gastgeber umzustimmen versuchte, blieb dieser zwar freundlich, gab aber um kein Haar nach. Für Jochanan sah es so aus, als wollte der Rabbi Samuel persönlich sprechen, um wegen der Heirat Druck auf ihn ausüben zu können, und er wollte ihm deswegen schon Vorwürfe machen. Dann aber erinnerte er sich daran, dass Jakob ben Jehuda bei dem Sohn eines seiner verstorbenen Geschäftsfreunde ähnlich gehandelt hatte. Leas Vater hatte zuerst den Erben kennen lernen und sich ein eigenes Bild von ihm machen wollen, bevor er die gesamte Summe aus der Hand gab, denn als Treuhänder musste er sich gegen Betrüger schützen. Es war für Ruben ben Makkabi sicher angenehmer, dem Sohn eines Freundes sagen zu können: dann und dann kam ein Mann, der sich als dein Diener ausgab und dein bei mir hinterlegtes Geld von mir forderte. Ich gab ihm jedoch nur den vierten Teil, so dass dir drei Viertel verblieben sind. So vernünftig diese Sitte auch sein mochte, sie würde Lea und der ganzen
Familie nun zum Verhängnis werden. Selbst wenn der Markgraf sich auf die verzögerte Zahlung einließ, konnte das Mädchen unmöglich selbst nach Augsburg reisen, um den Rest der Schuld einzufordern.
Jochanan blieb jedoch nichts anderes übrig, als sich Ruben ben Makkabis Willen zu beugen. Nach einer unruhigen Nacht, in der er alle Schrecken durchlebt hatte, die auf Jakob ben Jehudas Kinder und ihr Gesinde zukommen mochten, war er beinahe so weit, auf Esras Vorschlag einzugehen und ihn nach Hartenburg mitzunehmen. Die Angst vor Leas Zorn und vor der Reaktion des Markgrafen aber gab ihm die Kraft, sich gegen das immer energischer werdende Drängen des Mannes zu sperren.
»Ihr dürft im Augenblick nicht mitkommen, auch nicht als Gast. Der Markgraf hatte Jakob ben Jehuda strengstens verboten, weitere Juden in seine Stadt zu bringen. Erst wenn Samuel seine Schutzbriefe gekauft und einige Zeit zur Zufriedenheit des Markgrafen gearbeitet hat, kann er es wagen, die Bitte zu äußern, seine engsten Verwandten bei sich aufnehmen zu dürfen.«
Esra ben Nachum zog ein säuerliches Gesicht. »Ausgerechnet jetzt hätte Samuel meine Hilfe so nötig. Glaubst du nicht, dass der Markgraf in meinem Fall eine Ausnahme macht? Es wäre ja auch sein Gewinn, wenn die Geschäfte des jungen ben Jehuda von einem erfahrenen Mann geführt werden. Versteh doch, wie schwer es mir fällt, noch monatelang hier als Gast weilen und von milden Gaben leben zu müssen, während meine Verwandten wie einst Josef in Ägypten in einem Land wohnen, in dem Milch und Honig fließen.«
»Milch und Honig fließen nur im gelobten Land.« Ru-ben ben Makkabi war unbemerkt zu ihnen getreten und wies Esra scharf zurecht.
Leas Onkel starrte auf seine Pantoffel hinab, als wären sie an seinem Verhängnis schuld, hob dann aber den Kopf und blickte Jochanan flehend an. »Gib du mir wenigstens ein paar Gulden von dem Geld, das Ruben ben Makkabi dir ausgezahlt hat, damit ich einen kleinen Handel beginnen kann.«
Jochanan warf abwehrend die Hände hoch. »Das steht nicht in meiner Macht. Ich habe nur einen Teil dessen erhalten, was Samuel dringend benötigt, und ich darf diese Summe gewiss nicht angreifen.«
Esras Frau stach wie ein Geier auf Jochanan zu und blieb so dicht vor ihm stehen, dass ihr Atem warm über sein Gesicht strich. »Wenn du uns kein Geld geben kannst, dann richte Samuel aus, er soll uns die restlichen Schuldverschreibungen des Sarninger Vogts abkaufen. Aus der Sicherheit der Hartenburger Herrschaft heraus wird es ihm bestimmt gelingen, Alban von Rittlage das Geld aus den Zähnen ziehen. Wir als arme Flüchtlinge sind hingegen machtlos.«
Jochanan nahm nicht an, dass diese Schuldbriefe noch einen einzigen Heller wert waren, versicherte Esra und seiner Frau aber, seinem Herrn ihre Bitte ans Herz zu legen. Dann verabschiedete er sich höflich von seinem Gastgeber und den Verwandten seiner Herrschaft und verließ erleichtert das Haus. Sosehr es ihm auch behagt hatte, zwei Tage in der jüdischen Gemeinde von Augsburg zu verbringen, so wenig fühlte er sich den Forderungen gewachsen, mit denen man auf ihn eingedrungen war.
Auch Leas zweiter Bote erreichte unbehelligt sein Ziel. Saul hatte sich jedoch Zeit gelassen und traf erst am achtzehnten Tag seiner Reise in Worms ein, der wichtigsten jüdischen Gemeinde des Reiches. Unterwegs hatte er immer wieder über die Lage nachgedacht, in der sich die Familie seiner Herrschaft befand. Auch wenn er nur ein armer Knecht war, der außer Unterkunft, freier Verpflegung und Kleidung lumpige zwei Gulden Jahreslohn erhielt, so ging es auch um sein Schicksal, und deswegen hätte er liebend gern gewusst, was in Leas Brief stand. Sie hatte ihm gesagt, er sollte bei Zofar ben Naftali Geld abholen, das der Familie zustand, ihm aber nicht die Höhe der Summe genannt.
Jemand, der Geld besaß, galt im Heiligen Römischen Reich als angesehener Mann, selbst wenn er Jude war, andererseits mussten aber auch die reichsten Juden den gelben Ring auf dem Mantel tragen, der sie der Verachtung und der Habgier der Christen preisgab. Saul hatte von den christlichen Kaufmannsfamilien der Fugger und Welser in Augsburg gehört, die so viel Einfluss besaßen, dass selbst der Kaiser etwas auf ihr Wort gab. So hoch hätte sein toter Herr Jakob ben Jehuda nicht einmal dann aufsteigen können, wenn er alle Schätze Ägyptens sein Eigen genannt hätte.
Saul hatte auf seiner Reise beobachtet, wie die Gastwirte vor den reichen Kaufleuten buckelten, mehr sogar noch als vor Rittern und Grafen. Ein jüdischer Knecht wie er war ihnen jedoch keinen zweiten Blick wert gewesen, und sie hatten ihre Dienstboten angewiesen, ihn in einem abgelegenen Winkel unterzubringen, in dem es vor Dreck nur so stank, und das Essen, das man ihm vorgesetzt hatte, war teuer und kaum genießbar gewesen.
Als Saul das bescheiden wirkende Wohnhaus des jüdischen Bankiers Zofar ben Naftali erreichte, leckte er sich vor Aufregung die Lippen. Ob er hier eine Möglichkeit fand, sein Schicksal zum Besseren zu wenden? Er schlug den einfachen Bronzering an und konnte kaum erwarten, dass ein Diener erschien und ihn nach seinem Begehr fragte.
Saul wies Leas Brief vor und erklärte mit fester Stimme, ein Bote Samuel ben Jehudas aus Hartenburg zu sein. Der Diener bat ihn höflich zu warten und kehrte ins Haus zurück. Wenig später erschien er wieder und winkte Saul einzutreten. »Mein Herr ist im Augenblick beschäftigt. Nimm derweil in der Küche Platz. Die Köchin wird dir ein kräftigendes Mahl auftischen, damit du dich von deinem weiten Weg erholen kannst.«
In Sauls Ohren klang das abgeschliffene Jiddisch des Mannes so fremdartig, dass er nachfragen musste, weil er ihn nicht auf Anhieb verstand. In Hartenburg gingen er und Jochanan tagtäglich mit Einheimischen um, daher sprach er das dort gebräuchliche Deutsch fast besser als seine Muttersprache. Wenn er auf seine Wortwahl achtete und andere Kleidung trug, konnte er sich als Christ aus der Gegend des Schwarzwalds ausgeben, während Zofar ben Naftalis Diener schon beim ersten Wort als Jude erkannt werden würde.
Zufrieden, weil er dem anderen etwas Wichtiges voraus hatte, folgte Saul dem Mann in die Küche. Die Köchin, eine ältere, streng blickende Frau in sauberer, grauer Kleidung, stellte ihm wortlos einen Napf mit Brei und einen großen Becher Wasser hin, in den sie ein paar Tropfen Wein mischte. Saul versuchte, sie ein Gespräch zu verwickeln, um sie ein wenig über ihre Herrschaft und die jüdische Gemeinde auszuhorchen, doch die Frau blickte nicht einmal von ihrer Arbeit auf. »Iss und trink, damit du fertig bist, wenn der Herr dich rufen lässt!«
Es wurde so ungemütlich in dem blitzsauberen Raum, dass Saul froh war, als der Diener zurückkehrte und ihm an der Tür schon zurief, Zofar ben Naftali wünsche ihn auf der Stelle zu sehen.
»Mein Herr ist sehr besorgt über das, was unseren Brüdern in Sarningen zugestoßen ist, und hofft, du kannst ihm einiges darüber berichten. Aber schau, dass du ihm nicht nur die Zeit stiehlst.«
»Sei unbesorgt. Ich habe einige Neuigkeiten für deinen Herrn, wenn auch keine guten.« Leicht enttäuscht von der Kargheit der Einrichtung folgte Saul dem Diener durchs Haus und wurde hinter einer unscheinbaren Tür im ersten Stock von einer prächtigen Ausstattung überrascht, die er niemals hier vermutet hätte. Es war, als betrete er eine völlig andere Welt. Dicke Teppiche in glühenden Farben bedeckten die Böden, kunstvoll bestickte Stoffbehänge die Wände, und den zierlichen Möbeln aus dunklem Holz entströmte angenehmer Kampferduft.
Zofar ben Naftali, ein älterer Herr um die sechzig, saß in einer Fülle weicher, mit kostbaren Stoffen überzogener Kissen auf einem großen Sofa. Er trug einen prachtvollen Seidenkaftan, perlenbestickte Pantoffeln und einen Turban mit einem taubeneigroßen Saphir über der Stirn. Sein weißer Bart und seine Schläfenlocken waren mit Ölen gesalbt, deren Duft den ganzen Raum füllte. Neben diesem Mann würde Jakob ben Jehuda wie ein Trödelhändler gewirkt haben, fuhr es Saul durch den Kopf, und er empfand glühenden Neid auf einen Glaubensgenossen, der sich nach außen hin so bescheiden gab, wie es einem
Juden zustand, in seinen eigenen vier Wänden jedoch wie ein Fürst aus dem Morgenland lebte.
Der Knecht war so damit beschäftigt, den Hausherrn anzustarren, dass er die zweite Person im Raum erst bemerkte, als er ein leichtes Hüsteln vernahm. Unwillkürlich drehte er sich um und entdeckte einen jungen Mann mit glänzend schwarzen Haaren und einem schmalen, spöttischen Gesicht, dessen Oberlippe von einem schmalen Bärtchen beschattet wurde. Der Mann war mit Sicherheit kein Jude, denn er trug eng anliegende Strumpfhosen von hellgrüner Farbe, ein vielfach gefälteltes rotes Wams mit breiten Schultern und weiten Ärmeln, die an den Ellbogen endeten und pludrige, weiße Hemdsärmel freigaben. Die Schuhe des Mannes waren modisch eng und wohl eher zum Reiten geeignet als zum Gehen. Für einen Edelmann war seine Tracht jedoch zu schlicht, daher nahm Saul an, dass es sich um den Sohn eines städtischen Patriziers oder eines reichen Fernhandelskaufmanns handelte.
»Du kommst tatsächlich aus Hartenburg?« Zofar ben Naftali musterte Saul ungläubig. »Ich habe gehört, dass es in der Gegend große Probleme für unsere Mitbrüder gab.«
»Samuel, der Sohn von Jakob ben Jehuda, schickt mich, Herr.«
Saul ging die Lüge weitaus leichter von den Lippen als Jochanan in Augsburg.
Der Bankier beugte sich interessiert vor. »Uns haben üble Nachrichten erreicht. In Sarningen soll es zu einem schlimmen Pogrom gekommen sein, gerade, als unser Bruder Jakob ben Jehuda dort zu Besuch weilte. Ist ihm etwas zugestoßen?«
»Mein Herr ist mausetot!«, antwortete Saul mit einem bitteren Auflachen. »Die Christen haben ihn wie einen
Hund erschlagen und viele unserer Brüder und Schwestern mit ihm, nicht ohne ihnen vorher noch schreckliche Dinge angetan zu haben.«
»Was erzählt er?«, fragte in diesem Augenblick der Gast des Bankiers in jenem gestelzt klingenden Deutsch, das die christlichen Kaufleute im Reich zu benutzen pflegten. Seiner Aussprache nach musste er aus dem Norden stammen, aus einer der großen Küstenstädte am Meer.
Der Bankier warf seinem Gast einen leicht verwunderten Blick zu, übersetzte ihm dann aber Sauls Jiddisch in den örtlichen Dialekt, dem der junge Mann offensichtlich folgen konnte.
»Die schlimmen Dinge sind wohl eher den Schwestern angetan worden als den Brüdern«, antwortete dieser in einem Tonfall, der nicht verriet, wie er zu dem Gehörten stand.
Saul fasste die Bemerkung als Spott auf und ärgerte sich über den Hausherrn, der die Probleme seines Volkes vor einem Fremden besprach. Merkte er nicht, dass sein Gast sich am Unglück seiner Glaubensgenossen weidete? Wahrscheinlich steckte der Kerl in Schwierigkeiten und war zu Zofar ben Naftali gekommen, um Geld aufzunehmen und ein wertvolles Erbstück dafür zu versetzen, ein Geschäft, das Zofar ben Naftali, der jetzt schon in Geld schwamm, noch reicher machen würde. Der Neid schnürte Saul fast die Kehle zu, und ihn tröstete noch nicht einmal die Tatsache, dass der Bankier seine Schätze nur innerhalb seiner eigenen vier Wände präsentieren durfte. Außerhalb des Hauses musste auch er in einem schäbigen Mantel aus dunklem Stoff mit dem gelben Ring auf der Schulter und dem unbequemen spitzen, gelben Hut herumlaufen, wie es für Juden Vorschrift war. Zofar ben Naftali bedachte die Bemerkung des jungen Mannes mit einem nachsichtigen Kopfschütteln und blickte Saul fragend an. »Du sagst, Jakob ben Jehuda sei tot. Das ist eine sehr schlechte Nachricht. Was ist mit seinen Kindern? Ihnen geht es doch hoffentlich gut?«
»Sie waren ebenfalls mit in Sarningen, konnten aber dem Massaker entkommen. Elieser wurde schwer verletzt unter einem Berg von Leichen gefunden, seine Geschwister blieben jedoch ohne Schaden, weil eine gute Freundin der Familie sie in ihrem Keller versteckt hatte.« Da Zofar ben Naftali ihn weiter auffordernd anblickte, lieferte Saul ihm einen phantasievollen Bericht über das Pogrom in Sarningen, der keine Ähnlichkeit mit dem wahren Geschehen hatte.
»Gedankt sei dem Gott Abrahams, Isaaks und Israels, der den Kindern unseres Bruders Jakob ben Jehuda in dieser schweren Stunde beistand«, rief Zofar aufatmend, als Saul seine Erzählung beendet hatte. Er winkte ihn näher zu sich heran und reichte ihm seinen eigenen Weinbecher. »Trink, du hast es dir verdient.«
Der Wein war schwer und süß und schmeckte viel besser als jener, den Jakob ben Jehuda in seinem Haushalt hatte ausschenken lassen. In dem Moment erinnerte Saul sich an Leas Brief und leerte den Becher in einem Zug.
»Ich habe hier eine Nachricht für Euch, von Samuel.« Er reichte Zofar ben Naftali das Schreiben und gab ihm gleichzeitig den Becher zurück.
Der Bankier stellte das Trinkgefäß zu Sauls Enttäuschung auf einem niedrigen Tisch ab, nahm den Umschlag entgegen und erbrach das Siegel. »Samuel ben Jakob wünscht, dass ich dir die Summe übergebe, die sein Vater bei mir hinterlegt hat. Nun, das würde ich gern tun. Aber es ist nicht Sitte, das gesamte Geld einem Boten anzuvertrauen. Das muss der Besitzer oder sein Erbe schon persönlich abholen. Ich gebe dir fünfhundert Gulden mit. Richte Samuel bitte aus, dass er den Rest erhält, wenn er mich aufsucht.« Das klang so bedauernd, als überlege Zofar ben Naftali, ob er nicht doch mit der durch böse Erfahrung entstandenen Sitte brechen solle.
Saul schwindelte, als er die Summe vernahm. Fünfhundert Gulden waren mehr, als ein Dutzend Knechte zusammen im Lauf ihres gesamten Lebens verdienen konnten. Wenn er das Geld Lea brachte, würde es ihre Familie kaum reicher machen, als sie es bereits war. Behielt er es aber, würde er hinfort nicht mehr für geringen Lohn schuften müssen.
Er senkte den Kopf, weil er Angst hatte, seine Gedanken könnten sich auf seinem Gesicht abzeichnen. »Mein Herr benötigt das Geld sehr dringend. Ich bitte Euch daher, es mir umgehend auszuzahlen, damit ich noch heute aufbrechen kann.«
»Heute noch?«, fragte Zofar ben Naftali verwundert. »Bleib wenigstens bis morgen, denn dann kannst du den Abend unter Brüdern verbringen und mit uns in unserer Synagoge beten.«
Es gelang Saul, Enttäuschung zu heucheln. »Nichts wäre mir lieber, doch mein Herr hat mir aufgetragen, nicht zu säumen.«
Zofar stand seufzend auf. »Du entschuldigst mich für einen Moment. Ich komme gleich wieder«, sagte er zu seinem Gast und winkte Saul, ihm zu folgen.
Kurze Zeit später hielt Saul eine große Tasche aus festem Leder in der Hand, in die der Kaufherr kleine, vor seinen Augen abgezählte Päckchen mit Goldstücken gesteckt hatte. Er zog seine Oberkleidung aus und befestigte die Tasche mit Lederriemen an seinem Körper. Als er seinen Kaftan überstreifte, musste er den Wunsch bezwingen, auf der Stelle davonzulaufen. Er setzte ein devotes Lächeln auf, verneigte sich tief und bedankte sich in Samuels Namen. Dann verabschiedete er sich von Zofar ben
Naftali und folgte dem Hausdiener, der ihn nach unten führte und aus dem Haus ließ. Kaum aber hatte sich die Haustür hinter ihm geschlossen, begann er zu rennen, als wäre der Teufel hinter ihm her, denn er hatte Angst, der Bankier könnte es sich anders überlegen und ihm das Geld wieder abfordern. Dabei entging ihm, dass Zofar ben Naftalis Gast oben am Fenster stand und ihm interessiert nachblickte.
Als der Bankier in sein Zimmer zurückkehrte, drehte sein Besucher sich mit spöttischer Miene zu ihm um. »Ich hoffe, Samuel ben Jehuda hat die Treue seines Knechts schon erprobt. Der Bursche sah mir nämlich ganz so aus, als wolle er mit dem Geld durchbrennen.«
Zofar ben Naftali schüttelte mit einem überlegenen Lächeln den Kopf. »Da musst du dich irren, Orlando. Kein jüdischer Knecht würde seinen Herrn betrügen. Täte er es doch, so wäre er von diesem Tag an ein Ausgestoßener, mit dem kein wahrer Gläubiger mehr etwas zu tun haben wollte, und ohne den Schutz der Gemeinschaft ist ein Jude in dieser Zeit verloren. Nachrichten laufen oft schneller als Pferde, wie du selbst weißt, und in den meisten Gemeinden würden unsere Brüder diesen Saul einem christlichen Richter übergeben. Nein, mein Freund, der Mann ist ein braver Diener, der alles tun wird, um das Geld so schnell wie möglich seinem Herrn zu übergeben.«
Der junge Mann war nicht so leicht zu überzeugen. »Wie viel Geld hast du diesem Saul ausgehändigt? Fünfhundert Gulden?
Es kostet ihn nur zehn davon, einen Pfaffen zu finden, der ihm bescheinigt, seinem ketzerischen Glauben abgeschworen zu haben und ein guter Christ geworden zu sein. Man wird vielleicht noch ein wenig über das fehlende Stückchen Haut an seinem Glied spotten, doch keine christliche Frau würde zögern, für ihn die Beine zu spreizen, wenn es ihr zum Vorteil gereicht.«
Der Bankier ärgerte sich sichtlich über die Hartnäckigkeit, mit der sein Gast seinen Standpunkt vertrat. »Du siehst viel zu schwarz, Orlando. Saul wird seinen Herrn gewiss nicht betrügen.«
Der junge Mann schüttelte unwillig den Kopf. »Du wirst noch erfahren, wer von uns Recht hat. Und nenn mich nicht immer Orlando! Ich bin Roland Fischkopf. Bitte denke daran, und verplappere dich nicht mehr. Es gibt da ein paar Leute, die sich die Hände reiben würden, wenn sie erführen, dass ein biederer Handelsagent aus Hamburg in Wirklichkeit jener Orlando ist, der ihnen so am Herzen liegt. Schließlich streuen sie inzwischen schon säckeweise Gulden aus, um mich in die Hände zu bekommen.«
»Du bist ein Tollkopf, Orl... eh, Roland«, antwortete sein Gastgeber mit einem gezwungenen Lachen. »Ich muss jedoch zugeben, dass mir der Name Roland Fischkopf leichter über die Lippen kommt als dieses Orlando Terrassa de Keredo ü Kunncholl, unter dem ich dich kennen gelernt habe.«
»Orlando Terasa de Quereda y Cunjol«, verbesserte Orlando seinen Gastgeber mit liebenswürdiger Miene. Er sprach die spanischen Worte so geläufig aus wie jemand, der diese Sprache bereits mit der Muttermilch eingesogen hat.
»Kein Wunder, dass du dich lieber Roland Fischkopf nennst. Das andere kann sich doch kein normaler Mensch merken.«
Der Bankier hatte seinen Unmut bereits wieder vergessen und rief nach einem frischen Krug Wein.
»Spanischer Wein ist das Einzige, was ich an den Ländern Iberiens liebe«, erklärte er Orlando, während der Diener ihnen die Becher füllte.
»Das kann ich nicht beurteilen, denn ich war noch nie dort«, log der junge Mann dreist. »Aber ich gebe zu, dass dieser Trunk von einer ausgezeichneten Rebe stammt. So etwas Feines bekommt man selten zu kosten.« Er trank aus und streckte dem Diener auffordernd den Becher hin.
Dem Mann war anzusehen, dass er den besten Wein seines Herrn nur ungern an einen Menschen vergeudete, den er für einen lockeren Vogel hielt. Orlando wartete, bis der Mann das Zimmer wieder verlassen hatte. »Was hältst du von Sauls Bericht über das Massaker in Sarnin-gen?«
»Es war ein schreckliches Ereignis! Warum fragst du?«
»Weil der Bursche meinem Gefühl nach ein wenig dick aufgetragen hat. Ich verstehe euer Jiddisch nicht so gut, um alles zu verstehen, doch wäre das Pogrom in Sarnin-gen wirklich so schlimm gewesen, hättest du es als einer der Ersten erfahren. Es mag vielleicht einige Tote gegeben haben, aber kein Hinschlachten Hunderter.«
»Gebe Gott, dass du Recht hast, Roland. Mich schmerzt jeder unserer Brüder, der aus blindem Glau-benshass niedergemetzelt wird.« Zofar ben Naftali nahm den Becher zur Hand und trank, um die trüben Gedanken hinunterzuspülen. Schließlich musterte er Orlando mit einer Mischung aus Besorgnis und einer gewissen Heiterkeit.
»So, nun hast du vorhin so viel vom Geschäft geredet, dass mein armer Kopf beinahe platzt. Gott gebe, dass deine neuen Verbindungen zuverlässig sind und mir keinen Verlust einbringen.«
»Habe ich dich jemals enttäuscht oder gar betrogen?«
»Nein, das nicht. Im Gegenteil, du hast meinen Reichtum kräftig gemehrt. Aber du tust mir immer zu geheimnisvoll, und ohne Grund würdest du mir diesmal keinen so großen Anteil zubilligen. Also heraus mit der Sprache! In was für ein verrücktes Unternehmen willst du mich jetzt wieder verwickeln?«
Diesmal konnte Lea sich dem Sog nicht entgegenstemmen.
Die Strömung wirbelte sie herum wie ein Bündel Lumpen, Wasser drang ihr in Nase und Mund, und es war, als würde der Druck ihr den Brustkorb zerquetschen. Mit letzter Kraft hielt sie sich an einem Felsen fest und tastete nach der Höhlung, in die sie hineintauchen musste. Als sie sie fand, streckte sie die Beine hinein, um nach einem Halt für ihre Zehen zu suchen. Sofort saugte die Strömung sie in die Tiefe und warf sie so hart gegen den Grund, dass sie glaubte, ihre Rippen müssten zerspringen. Irgendwie gelang es ihr, sich an einem größeren Stein festzuhalten und den ledernen Eimer zu sich zu ziehen, den sie mit einer Leine an der Hüfte befestigt hatte. Sie klemmte sich seinen Rand zwischen die Zähne und schaufelte mit der freien Hand das Geröll um sie herum hinein. Wenn sie heute ebenso viel Gold mit hochbrachte wie an den beiden vergangenen Tagen, würde sie ihr Leben kein weiteres Mal mehr aufs Spiel setzen. Inzwischen hatte sie verstanden, warum ihr Vater nicht mehr in dieses Loch hatte hinabtauchen wollen. Es war tatsächlich der Vorhof zur Hölle, den zu betreten nur ein Verzweifelter wagte, jemand, der wie sie keine andere Chance mehr sah, sich und seine Familie vor Elend und Tod zu bewahren.
Sie ertastete einen Brocken, der so schwer war, dass sie ihn kaum bewegen konnte. »Oh, Gott meiner Väter, lass es Gold sein. Steine haben wir schon genug herausgeholt«, flehte sie in Gedanken.
Noch während sie den Klumpen in den Eimer schob, straffte sich die Leine, die sie um ihren Leib geschlungen hatte. Anscheinend war die Zeit abgelaufen, die Ketura für vertretbar hielt. Lea zog kurz am Seil, um der Magd zu zeigen, dass alles in Ordnung war und sie noch einen Augenblick weitermachen wollte. Schnell schaufelte sie so viel zusammen, dass der Eimer voll wurde und der lederne Verschluss sich gerade noch zuziehen ließ. Halb ohnmächtig riss sie zweimal heftig an dem Seil und stieß sich mit letzter Kraft vom Boden ab, um der Magd die Arbeit zu erleichtern. Auf ihrem Weg nach oben schleuderten die wirbelnden Wasser sie gegen vorstehende Felsen und raubten ihr den letzten Atem. Sie würde heute Abend wohl kein Stück heiler Haut mehr besitzen, fuhr es ihr durch den Kopf. Dann schwanden ihr die Sinne.
Einige Zeit später kam sie auf der Felsbank über der tosenden Sarn wieder zu sich, während Ketura sich immer noch abmühte, das Wasser aus ihren Lungen herauszupressen. Lea würgte, erbrach einiges von dem, was sie geschluckt hatte, und holte dann keuchend Luft.
Ketura wischte sich den Angstschweiß von der Stirn. »Dem Gott unserer Väter sei Dank, du lebst noch. Ich habe mir schon schreckliche Vorwürfe gemacht, weil ich dachte, ich hätte zu lange gewartet.«
»Mir geht es gut«, antwortete Lea alles andere als wahrheitsgemäß. Tatsächlich war ihr übel, und sie hatte das Gefühl, keinen heilen Knochen mehr zu besitzen. Trotzdem zwang sie sich, aufzustehen, um ihre Ausbeute in Sicherheit zu bringen. Sie klammerte sich mit der einen Hand an der Felswand fest und zog mit der anderen an der Leine, an der der volle Eimer hing.
»Hilf mir bitte, ihn herauszuziehen. Wenn der Gott Israels Erbarmen mit uns hat, haben wir so viel Gold geborgen, dass ich diesen Höllenschlund niemals mehr Wiedersehen muss.«
»Höllenschlund? So nennen auch die Christen diese Stelle.« In Keturas Stimme schwang abergläubischer Schauder mit, aber auch Respekt vor ihrer jungen Herrin, die ein Wagnis eingegangen war, dem sie sich selbst unter Androhung eines grausamen Todes nicht gestellt hätte. Sie konnte Lea jedoch auf andere Weise dienen, denn als diese vor Schwäche schwankte und in den Strudel hinabzurutschen drohte, lehnte sie sie gegen die Felswand und barg allein den Eimer.
Als das Gefäß auf dem Trockenen stand, öffnete Ketu-ra den Verschluss und starrte ungläubig auf das Gold, das ihr entgegenleuchtete. Sie holte ein paar Stücke heraus und zeigte sie Lea von allen Seiten. »Das ist mehr, als du gestern und vorgestern zusammen herausgeholt hast. Von denen hier muss jeder einige Dutzend Gulden wert sein.«
»Der hier wahrscheinlich sogar einige Hundert.« Lea deutete auf den größten Klumpen, der nicht mit Gestein verbacken war wie die meisten, die sie bei den beiden ersten Tauchgängen herausgeholt hatte und die ihr im Augenblick nicht viel nützten. Ketura schüttete den Inhalt des Eimers auf eine Decke und las die größeren Goldstücke heraus. Lea sah ihr zu, bis sie sich so weit erholt hatte, dass sie ihr helfen konnte. Die Ausbeute war mehr als erfreulich, denn jetzt besaß sie genügend reines Gold, das sie sofort verwenden konnte. Und auch die kleinen Goldkörner und der Goldstaub, dem ihr Vater seinen Beinamen verdankte, stellten für sich schon ein kleines Vermögen dar, auf das sie später für den Handel zurückgreifen konnte. Lea stapelte die Klumpen auf einen Haufen. »Hieraus können wir sofort Münzen schlagen, und wenn wir darauf achten, weniger Fehlprägungen zu machen als gestern, bekommen wir genug Hartenburger Gulden zusammen, um die Privilegien zu bezahlen.«
Ketura schob die Unterlippe vor. »Münzen sind Mün-zen. Jeder Kaufmann akzeptiert auch ein schlecht geprägtes Stück, wenn auch zu einem etwas geringeren Wert. Aber unser Herr tut so, als wäre jeder kleine Fehler ein unentschuldbares Verbrechen.«
»Seine Durchlaucht ist nun einmal kein Handelsmann, der jedes Stück eigenhändig prüft. Deswegen erwartet er, dass er einwandfreie Werte bekommt. Denk daran: Wenn wir sorgfältig arbeiten, kann ich dem Markgrafen die verlangte Summe hinlegen, und wir müssen nicht mehr bangen, ob Jochanan und Saul heil zurückkehren. Ich kann die Angst fast nicht mehr ertragen.«
Ketura nickte verständnisvoll und half ihr, die tauben Stücke auszulesen und in den Fluss zurückzuwerfen. Diesmal gab es kaum Abfall, dafür dankte Lea Gott, der sie in seiner Gnade mehr Gold als Steine in den Eimer hatte stecken lassen. Als sie die wertvollen Stücke in Ledersäcke gepackt hatten, wuschen sie vorsichtig den feinen Sand und den Schlamm von der Decke und wurden mit dem Anblick des Goldstaubs belohnt, der in den Fasern hängen geblieben war. Sie falteten das schwer gewordene Tuch zusammen und steckten es in einen weiteren Sack, den sie wie die anderen mit Stricken zusammenbanden, so dass sie ihn schultern konnten.
Als sie die Schlucht verließen, wankten sie bedenklich unter dem Gewicht ihrer Ausbeute. Es lagen nun zwei Stunden Weges vor ihnen, und Lea litt schon bei den ersten Schritten Höllenqualen vor Angst, jemand könnte sie beobachtet haben, denn die kurzen Haare und ihr Män-nerkaftan boten keinen Schutz vor einem Überfall. Vergebens sagte sie sich, dass die Markgrafschaft sehr abgeschieden lag und fremde Reisende, die sie hätten berauben können, sich nur selten hierher verirrten. Die Einheimischen, die errieten, dass sie Gold gewaschen hatten, würden sich normalerweise hüten, ihnen etwas anzutun, denn wer sich am Gold des Hoffaktors vergriff, streckte seine Hand nach dem Vermögen des Markgrafen aus, und das wagte nur einer, der in diesem Land nichts mehr zu verlieren hatte. Aber jemand, der beobachtete, wie zwei junge Juden unter ihrer Last gebeugt dahinwankten, konnte sich denken, dass sie einen Schatz geborgen hatten, für den sich jedes Risiko einzugehen lohnte.
Ketura teilte Leas Befürchtungen und sah sich selbst dann noch ängstlich um, als sie das Stadttor erreicht hatten. Lea hingegen war so erleichtert, in Sicherheit zu sein, dass sie auf die launigen Worte der Wachen einging und die Männer mit ihrer Antwort zum Lachen brachte. Als sie weitergingen, stieß einer der Soldaten den anderen in die Seite.
»Dieser Samuel ist wirklich ein hübscher Bursche. Sein Glück, dass er ein Jude ist. Sonst hätte Abt Anastasius ihn gewiss unter seine Sängerknaben aufgenommen.«
»Aber weniger um seiner Stimme willen als wegen seines wohlgestalteten Hinterteils«, antwortete sein Kamerad, ohne die Stimme zu dämpfen.
Die Vorliebe des Abtes von St. Koloman für hübsche Knaben war allgemein bekannt, wurde aber hingenommen, weil er ein Onkel des jetzigen Markgrafen war. Den Wachen bot das Treiben im Kloster und auf der Burg immer wieder genügend Stoff, um die Langeweile ihres Dienstes zu vertreiben, und so drehte sich ihr Gespräch auch jetzt wieder um den oftmals durchgekauten Skandal. Der vorsichtigere der beiden Wächter zog seinen Freund näher zu sich heran und weihte ihn in das neueste Gerücht ein.
»Mein Bruder Heiner, der oben in der Burg bedient, erzählte mir, dass die Schlampe des Markgrafen gerne zusieht, wenn der Abt es mit seinen Knaben treibt. Wenn Unsere Durchlaucht danach zu ihr kommt, soll sie besonders hitzig sein.«
»Ja, das habe ich auch schon gehört. Es heißt, sie soll Ernst Ludwig sogar mit ins Kloster genommen haben, um ihn beim Zuschauen zu umarmen.«
Während die beiden Stadtwachen sich über die in ganz Hartenburg bekannten Bettgeschichten ihres Landesherrn unterhielten, stolperten Lea und Ketura über die Schwelle ihres Zuhauses und ließen erschöpft ihre Bündel fallen. Sarah, die bereits ungeduldig auf sie gewartet hatte, schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als sie sah, wie übel Lea zugerichtet war. Sie deutete auf die frischen Abschürfungen und die Flecken, die sich in allen Schattierungen von Dunkelblau verfärbten.
»Beim Gott Israels, Kind, so geht das nicht weiter. Das war das letzte Mal, dass ich dich zur Schlucht habe gehen lassen. Merkst du denn nicht, dass du dein Leben aufs Spiel setzt? Da ist es besser, wir ziehen bettelnd von Stadt zu Stadt und nehmen Elieser im Handwagen mit uns.«
Lea zuckte zusammen, als Sarah eine blutverkrustete Schürfwunde berührte, und lächelte unter Tränen. »Keine Sorge, Sarah. Ein weiteres Mal tauche ich gewiss nicht mehr hinab. Heute habe ich genug Gold herausgeholt, um zusammen mit der Ausbeute der beiden anderen Tage alle notwendigen Privilegien erwerben zu können. Ketura und ich werden gleich in den Keller gehen und weitere Münzen prägen.«
»Heute gehst du nirgends mehr hin außer in eine Wanne mit warmem Wasser und danach ins Bett. Ich werde dir denselben Schlaftrunk bereiten, mit dem ich Elieser behandele. Er schläft danach ohne Schmerzen, und du siehst mir ebenfalls so aus, als könntest du viel Schlaf gebrauchen.«
Wenn Sarah in diesem Ton zu ihr sprach, führte Widerspruch nur zu einem unerquicklichen Streit, und Lea war viel zu glücklich für eine Auseinandersetzung. Moch-te das Gold ruhig eine Nacht darauf warten, zu guten Hartenburger Zwölferstücken geschlagen werden. Spätestens am nächsten Abend würde sie dem Markgrafen die geforderte Summe überreichen können, und dann hatten sie endlich ihren Frieden.
Am nächsten Morgen fühlte Lea sich so steif und zerschlagen wie noch nie in ihrem Leben. Jede Bewegung tat ihr weh, und sie konnte kaum die Berührung des Kleides auf ihrer Haut ertragen. Sarah hätte sie am liebsten wieder ins Bett gesteckt und ihr eine weitere Dosis des Schlaftrunks verabreicht, doch Lea wehrte ihre Fürsorge vehement ab und stieg nach einem kargen Frühstück in den Keller, um ihren Goldschatz zu ordnen. Ketura half ihr, die Klumpen und Körner, die ihnen tauglich erschienen, abzuwiegen und in brauchbare Stücke zu sägen. Als sie genügend Rohmaterial vorbereitet hatten, wandten sie sich dem Münzstempel zu.
Als in seinem Herrschaftsgebiet Gold gefunden worden war, war der Vater des jetzigen Markgrafen nicht mehr bereit gewesen, mit Württemberger und Tiroler Gulden zu bezahlen, und hatte von Kaiser Friedrich III. das Recht erwirkt, eigene Münzen schlagen zu dürfen. Dieses Privileg und die dazugehörigen Prägestempel hatte er gegen eine hohe Summe an seinen damaligen Hoffaktor, Jehuda ben Elieser, verkauft. Leas Vater hatte auch dieses Privileg neu erwerben müssen und oft über diese Ausgabe geklagt, denn sie brachte ihm keinen Gewinn, da Ernst Ludwig ihm das Gold für die Münzen nur sehr knapp, oft genug sogar zu knapp zuteilen ließ. Lea war jedoch sehr froh um die Prägepresse, denn ohne sie hätte ihr der dem Fluss entrissene Schatz nicht viel genützt.
Das Gerät bestand aus einer handspannendicken Steinplatte, in die sechs mehrfach miteinander verbundene, armdicke Holzstreben eingelassen waren. In diesem
Gestänge lief der von einem zylinderförmig zugehauenen Flussstein gekrönte Prägehammer. Um eine Münze herzustellen, musste man den Hammer an einem Seil bis zur Oberkante hochziehen, einen sorgfältig abgewogenen Goldklumpen in die Vertiefung über dem unteren Stempel legen und den Hammer herunterfallen lassen. War die Prägung geglückt, konnte man den Rand der so entstandenen Münze vorsichtig glätten und besaß ein Geldstück, mit dem man im gesamten Reich Deutscher Nation zahlen konnte. Da das Gerät von einem Meister gefertigt worden war, der sein Handwerk verstand, erhielt Lea schönere Gulden, als sie in den meisten deutschen Städten geprägt wurden, und wertvollere obendrein, da ihnen keine minderen Metalle beigemischt worden waren.
Der Prägekopf war so schwer, dass nicht einmal Ketura ihn allein hochziehen konnte, und in den letzten Tagen waren sie bald so erschöpft gewesen, dass Gomer ihnen hatte helfen müssen. Dabei war die Küchenmagd so klein und zierlich, dass ein Windhauch sie hätte forttragen können, zumindest behauptete Sarah das von ihr. Eigentlich wäre es Merabs Pflicht gewesen, sie bei der Arbeit zu unterstützen, doch die Magd war kaum noch dazu zu bewegen, Elieser allein zu lassen. Sarah hatte sie schon öfter deswegen gescholten, denn sie war der Meinung, dass Merab wenigstens einen Teil der ihr obliegenden Hausarbeit verrichten könne, wenn der Junge schlief, aber zu ihrem Ärger weigerte Lea sich aus Sorge um ihren Bruder, das Mädchen zur Arbeit zu treiben.
»Also dann: Hauruck!«, feuerte Lea sich selbst und Ketura an. Sie zogen den Prägekopf hoch, ließen ihn einrasten und legten das erste Goldkorn in die Vertiefung der Bodenplatte. Kurz darauf sauste der Prägehammer herab, und als sie ihn erneut hochzogen, leuchtete ihnen ein säuberlich geschlagener Hartenburger
Zwölfergulden mit dem Kopf des Markgrafen Ernst Ludwig entgegen.
Stunde um Stunde verging im Gleichklang der gut eingespielten Handgriffe. Die Anstrengung ließ beiden Mädchen die Muskeln steif werden, doch im Angesicht des ständig wachsenden Stapels fertiger Münzen ignorierten sie ihre Schmerzen. Lea zählte immer wieder nach, wie viele Gulden noch fehlten, und kämpfte so lange mit der Angst, das Flussgold könnte nicht reichen, bis sie ein erlösendes »Dreitausend!« ausstoßen konnte. Es hätte nicht viel später sein dürfen, denn es lagen nur noch eine Hand voll passender Goldklumpen auf dem Tisch. Lea besaß zwar noch ein Säckchen mit Goldstaub und eines mit Goldkörnern, von denen keines größer war als ein Weizenkorn, doch daraus konnte sie ebenso wenig Münzen schlagen wie aus dem Rest des Schatzes, der noch von Gestein umschlossen war. Dieses Gold würde sie zu einem jüdischen Juwelier in einer der großen Städte bringen müssen, damit er es ausschmolz und in Stangen goss, die wiederum zerschnitten und zu Münzen verarbeitet werden konnten.
Lea schwankte einen Augenblick, ob sie noch aufräumen oder gleich den Markgrafen aufsuchen sollte, und entschied sich für den Gang in die Höhle des Löwen. Sie wies Ketura an, die frisch geprägten Münzen in Beutel zu packen und in das Zimmer ihres Vaters zu bringen. Dort konnten die Diener des Markgrafen sie später abholen. Sie selbst eilte nach oben und verwandelte sich unter Sarahs kundigen Händen in Samuel.
Rachel erschien an der Tür, starrte Lea an und machte das Zeichen gegen den bösen Blick. Sie hatte sich nicht überzeugen lassen, dass Leas Plan die einzige Möglichkeit war, der Familie die Heimat zu erhalten, und neidete der Schwester die Stellung, die diese nun in der Familie ein-nahm. Hatte Lea sie früher gescholten, war sie zu ihrem Vater gelaufen, um sich von ihm trösten zu lassen. Da Jakob Goldstaub seine schöne jüngere Tochter sehr geliebt hatte, war sie selten ohne eine Leckerei oder ein kleines Geschenk aus seinem Zimmer zurückgekehrt, und oft genug hatte ihr Vater die Ältere später getadelt, weil sie zu wenig Nachsicht mit ihrer kleinen Schwester gezeigt hatte. Rachel vermisste den Schutz ihres Vaters und war Lea gram, weil sie nun auf viele Annehmlichkeiten verzichten musste.
»Ich wollte, Elieser wäre gesund«, erklärte sie mürrisch.
»Das wünschen wir uns alle«, antwortete Lea gleichmütig, denn die Erschöpfung raubte ihr sogar die Kraft, sich zu ärgern. Sie versuchte sich vorzustellen, wie ihr jüngerer, vom Vater verwöhnter Bruder sich angesichts des geballten Hochmuts und der Forderungen des Markgrafen verhalten hätte, und kam zu dem Schluss, dass sie der Rolle des Familienoberhaupts wesentlich besser gewachsen war. Trotz dieser Erkenntnis war ihr auf dem Weg zur Burg so beklommen zumute, dass sie Angst hatte, beim ersten falschen Wort in einen Heulkrampf zu verfallen. So war es vielleicht ganz gut, dass die schmerzenden Muskeln sie zu einem gemessenen Schritt zwangen, und der Spott der Vorübergehenden, der junge Jude habe wohl keine Zeit verloren, sich der Geschwindigkeit seines Vaters anzupassen, kränkte sie nicht, sondern gab ihr die Fassung zurück. Diesmal ließ man sie lange am Burgtor warten. Die Uhr von St. Koloman hatte schon zweimal die volle Stunde geschlagen, als endlich ein Diener erschien und sie aufforderte, ihm zu folgen. Er führte sie jedoch nicht zu den Gemächern des Markgrafen, sondern in einen Seitenflügel und schob sie ohne vorher anzuklopfen in Frischlers Kabinett.
Der Sekretär flegelte sich nachlässig in einem bequemen Sessel neben dem Schreibtisch, so als wollte er seinem Besucher zeigen, dass ein Jude ein minderes Wesen war, dem man keinerlei Höflichkeit entgegenbringen musste. Aber es war zunächst weniger der Mann, der Leas Aufmerksamkeit auf sich zog, als das mit Intarsienarbeiten verzierte Möbelstück, das durch seine wuchtigen Formen den Raum beherrschte und aus dessen unzähligen Schubfächern unordentlich zusammengelegtes, meist eng beschriebenes Papier quoll. Auf der Arbeitsfläche lagen mehrere unbeschriftete Blätter, ein Tintenfass, einige Federn sowie eines jener Büchlein, dessen Aufmachung verriet, dass seine Seiten nicht von Hand geschrieben, sondern im Holzschnittverfahren bedruckt worden waren. Sonst war der Raum nur noch mit einer bemalten Truhe, die halb durch unordentlich darüber geworfene Kleidungsstücke verdeckt wurde, einem kleinen Tisch und zwei klobigen Stühlen möbliert.
Frischler zog eine Miene, als hätte er schon ungeduldig auf Samuel gewartet, dabei hatte er sich offensichtlich in aller Eile angezogen, ohne auf die Zusammenstellung seiner Kleidung Acht gegeben zu haben, denn er trug eine hautenge, hellrote Strumpfhose, die sich in der Lendengegend unanständig wölbte, und ein mit Rüschen und Stickereien verziertes Hemd der gleichen Farbe, das wohl eher der Garderobe des Markgrafen entstammte. Die Strümpfe hatte er ganz vergessen, stattdessen schlugen sich die Zehen seines linken Fußes mit einem zierlichen rosa Pantöffelchen herum, während der andere Fuß in einem plumpen Filzpantoffel steckte.
In der halb geöffneten Tür zum angrenzenden Schlafraum stand Berta, die Geliebte des Sekretärs, und musterte Samuel ungeniert. Der Wirtstochter schien es nichts auszumachen, ihre fülligen Reize in ganzer Nacktheit zur
Schau zu stellen. Lea wandte sich bei ihrem Anblick rasch ab, konnte aber nicht verhindern, dass ihr Gesicht sich vor Scham rötete. So zeigte sich eine jüdische Frau noch nicht einmal vor ihrem eigenen Mann, geschweige denn vor einem Fremden.
»Nun, Jude, hast du das Geld beschafft?« Frischlers Stimme klang unverhohlen gierig.
Lea nickte. »Ja, Herr, es steht in meinem Haus für die Boten Seiner Durchlaucht bereit.«
»Sehr gut!« Frischer nickte zufrieden, nahm das Büchlein vom Schreibtisch auf und hielt es so, dass Lea den deutsch geschriebenen Titel lesen konnte. Es hieß: »Von der Art, mit der Juden im Reich Deutscher Nation zu behandeln seien«.
»Dann kommen wir jetzt zu dem Judeneid, den du dem Markgrafen zu leisten hast.« Frischer schlug das Buch auf, blätterte ein paar Seiten vor und begann dann vorzulesen.
Lea hatte schon gehört, dass es einen Judeneid gab, aber als sie Samuel danach gefragt hatte, war ihr Bruder, der ihr sonst alles erzählt hatte, zunächst stumm geblieben wie ein Fisch und auf ihr Nachbohren ungewohnt böse geworden. Ihr Herz begann mit einem Mal unruhig zu klopfen, und ihr graute vor dem, was der Sekretär ihr mitteilen würde.
»Diesen Eid wirst du in Gegenwart Seiner Durchlaucht, des Markgrafen Ernst Ludwig, meiner Person sowie eines Priesters ablegen, der die Gültigkeit vor Gott bestätigen wird. Zu diesem Zwecke wirst du mit bloßen Füßen auf der blutigen Haut einer frisch geschlachteten Sau stehen und mit einem kurzen Hemd bekleidet sein, welches deinen Unterkörper entblößt. Während der Zeremonie wirst du dreimal auf dein Glied spucken, wie es der ehrenwerte Abt Hieronymus von Pfahlberg in seiner Anleitung vorgeschrieben hat.«
»Auf mein Glied spucken?«, japste Lea entsetzt und hörte die Bettgespielin des Sekretärs erwartungsvoll kichern. Sollte all ihre Mühe umsonst gewesen sein?, fragte sie sich verzweifelt. War sie vergebens in die gefährliche Tiefe des Höllenschlunds getaucht, den selbst ihr Vater gefürchtet hatte, um am Ende an der Bosheit der Christen zu scheitern?
Dietrich Frischler verzog keine Miene. »So ist es nun einmal der Brauch. Man kann euch Juden nicht genug ducken, um euch unten zu halten. In einem Augenblick winselt ihr und jammert uns etwas vor, aber wenn ihr zur Tür hinausgeht, hebt ihr frech eure Köpfe, als wärt ihr hohe Herren und wir ehrlichen Christenmenschen eure Knechte.«
Einen Augenblick weidete er sich an Leas wachsendem Entsetzen, dann fuhr er in versöhnlicherem Ton fort. »Du kannst dich natürlich von einigen dieser Bedingungen freikaufen. Die Sauhaut muss sein, aber man könnte dir erlauben, deine Schuhe anzubehalten. Und was das andere betrifft« - er strich sich wohlig über sein vorspringendes Gemächt - »so habe ich keine Lust, mir einen stinkenden Judenschwanz anzusehen und Seine Durchlaucht ebenso wenig.«
Er ignorierte das enttäuschte Stöhnen seiner Geliebten im Hintergrund und beugte sich zu Lea vor. »Nun, wie steht es? Willst du den Brauch befolgen oder lieber zahlen?«
»Wie viel verlangt Ihr?« Lea wusste nicht, ob der Mann es ernst meinte oder sie nur noch mehr quälen wollte. Die Antwort auf ihre Frage kam so schnell, dass Frischler es von Anfang an auf das Geld abgesehen haben musste. »Fünfhundert neue, fehlerlose Gulden!«
So viel Flussgold, um weitere fünfhundert Gulden schlagen zu können, besaß sie nicht mehr, und ihr war klar, dass sie nicht mehr die Kraft und den Mut aufbringen würde, ein weiteres Mal in den Höllenschlund zu tauchen. Die brauchbaren Münzen und das Stangengold, das ihr Vater in seiner Truhe aufbewahrt hatte, hatte die Grundlage zu den dreitausend Gulden gebildet, und den Rest hatte sie dazu verwendet, einige dringende Forderungen der Geschäftspartner ihres Vaters zu erfüllen. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als auf die Rückkehr ihrer Knechte zu warten und zu hoffen, dass wenigstens einer von ihnen das bei den Treuhändern hinterlegte Gold mitbrachte.
»Ich nehme Eure Bedingung an, hoher Herr«, antwortete sie mit schwankender Stimme und sah sich mit einer zufriedenen Geste verabschiedet. Als sie die Burg verließ und in die Stadt hinunterschlurfte, machten ihr nicht nur die schmerzenden Muskeln das Gehen schwer.
Kaum hatte sie ihr Haus erreicht, eilte Ketura ihr mit freudestrahlendem Gesicht entgegen. »Jochanan ist zurückgekehrt!«
Leas Gestalt straffte sich. »Da bin ich aber froh! Hat er das Geld mitgebracht?«
»Das weiß ich nicht. Er wollte erst mit dir reden. Aber was ist mit dir? Ist der Markgraf nun zufrieden?«
Lea ballte die Fäuste. »Er will weitere fünfhundert Gulden aus uns herauspressen, und ich habe keine andere Wahl, als auf seine Forderung einzugehen. Jetzt kann ich nur hoffen, dass dein Bruder Erfolg hatte.«
Sie fand Jochanan in der Küche vor, wo seine Mutter ihn mit all jenen Leckerbissen voll stopfte, auf die er unterwegs hatte verzichten müssen. Bei Leas Anblick wischte er sich schuldbewusst die Hände an seinem Kittel sauber.
»Dem Gott Israels sei gedankt, dass er deinen Schritt unbeschadet wieder in die Heimat gelenkt hat«, begrüßte
Lea ihn und starrte ihn erwartungsvoll an. »Hat Ruben ben Makkabi dir das Geld gegeben?«
Jochanan senkte den Kopf und zuckte etwas hilflos mit den Schultern. »Er hat mir nur einen Teil der Summe ausgezahlt. So wäre es Sitte, hat er gesagt. Den Rest müsstest du selbst bei ihm holen.«
In Leas Augen trat ein entschlossenes Funkeln, das nicht nur ihn das Schlimmste befürchten ließ. Sarah schlug sich vor Schreck mit den Handflächen gegen die Wangen und bat Gott, das Mädchen von weiteren Unbesonnenheiten abzuhalten. Lea achtete jedoch nicht auf sie, sondern fragte Jochanan ungeduldig, wie viel Geld er denn mitgebracht habe.
»Fünfhundert Gulden.«
Lea stieß einen Jubelruf aus. »Das ist genau die Summe, die ich noch brauche. Gott hat uns also nicht verlassen.«
Sie drehte sich mit einem erleichterten Aufseufzen zu Sarah um und befahl ihr, gut für ihren Sohn zu sorgen. »Morgen werde ich zur Burg hochgehen, den Markgrafen bezahlen und ihm den Judeneid leisten. Jochanan wird mich begleiten und mir helfen, das Gold zu tragen.«
Bei dem Wort Judeneid stöhnte der junge Knecht auf und schlug die Hände vors Gesicht. Er wusste, zu welch abscheulichen Dingen Juden bei dieser Zeremonie gezwungen wurden, und betete stumm, aber inbrünstig, dass Gott seiner mutigen Herrin auch jetzt wieder einen Ausweg zeigen würde. Dabei fiel ihm ein, dass er Lea ja auch noch von Ruben ben Makkabis Heiratsplänen berichten musste, beschloss dann aber, diese Angelegenheit zu verschieben, bis Lea ihre augenblicklichen Probleme gelöst hatte.
Orlando Terasa de Quereda y Cunjol, der sich seit einigen Jahren schlicht Roland Fischkopf nannte, schlenderte zufrieden durch eine enge, schmutzige Gasse, um auf dem kürzesten Weg zu seinem Gastgeber zurückzukehren. Er hatte seinen letzten Auftrag erfüllt und konnte am nächsten Morgen unbesorgt Weiterreisen. Unterwegs wich er dem Inhalt eines Nachttopfs aus, der aus dem oberen Stockwerk eines Hauses auf die Straße geleert wurde, und stand plötzlich vor einer Schenke, die etwas reinlicher aussah als die meisten in diesem Viertel. Der Anblick des gemalten Krugs auf dem sanft im Wind schwingenden Wirtshausschild machte ihm Appetit auf einen Krug des erfrischenden Trunks von den hiesigen Hängen. Zofar ben Naftali war wirklich ein aufmerksamer Gastgeber, aber seine Weine waren ihm zu schwer und zu süß.
Kurz entschlossen trat Orlando in die Gaststube und kniff die Augen zusammen, um sie an das Dämmerlicht zu gewöhnen, das durch die mit dünn geschabter Kalbshaut bespannten Fenster fiel. Der Wirt sah verwundert auf und schien sich zu fragen, was ein so gut gekleideter Herr in seiner Schenke zu suchen hatte, besann sich aber schnell und wieselte eilfertig herbei.
»Was darf es denn sein, edler Herr?«
»Das >edler< kannst du weglassen und das >Herr< ebenfalls. Ich bin nur ein einfacher Handelsagent«, erwiderte Orlando lachend.
»Aber ein sehr gut angezogener«, fand der Wirt mit einem achtungsvollen Blick auf die Garderobe seines Gastes.
»Schöne Kleidung ist nun einmal eine meiner kleinen Schwächen.« Orlando klopfte ihm auf die nicht ganz sauberen Schultern und forderte ihn auf, ihm einen Becher seines besten Weins zu bringen. Dabei sah er sich nach einem freien Platz um und stutzte. Ganz hinten in einer Ecke, die mehr durch den Kienspan neben dem noch kalten Kamin als durch das Tageslicht erhellt wurde, saß ein Mann in auffallend schlecht zusammenpassender Gewandung. Seine Hosen waren für die heutige Mode zu weit und hatten wohl einmal einem Rheinschiffer aus der Gegend von Köln gehört, und er trug Holzschuhe, wie man sie im Schwarzwald schnitzte. Das dunkle Wams mit den langen, vorne zugebundenen Ärmeln war von der Art, wie es die Aufseher in den Stapelhäusern großer Handelsherren trugen, und seine Mütze musste von einem wohlhabenden Bauern stammen. Es war jedoch weniger die Kleidung, die Orlando auf ihn aufmerksam machte, als vielmehr das Gesicht. Obwohl dem Mann die Schläfenlocken eines aschkenasischen Juden fehlten, die er am Vortag noch getragen hatte, erkannte Orlando in ihm doch den Boten Samuel ben Jakobs.
Er nahm dem Wirt den Becher Wein aus der Hand, schlenderte in die Ecke, in der Saul saß, und nahm an dessen Tisch Platz. Der Blick des Knechts zeigte ihm deutlich, dass er allein gelassen werden wollte.
»Auf dein Wohl, Freund.« Orlando hob Saul seinen Becher entgegen.
»Auch auf dein Wohl«, antwortete Saul unfreundlich. Er bemühte sich, ein vom jiddischen Akzent freies Deutsch zu sprechen, doch seine Stimme war ebenso unverkennbar wie seine scharf gebogene Nase.
Orlando lächelte in sich hinein. Ich hätte mit Zofar ben Naftali wetten sollen, dachte er selbstzufrieden. Seine Vermutung, dass Samuel ben Jakob seinen Knecht nicht
Wiedersehen würde, hatte sich schneller bestätigt, als er es sich hatte vorstellen können.
Orlando trank dem Mann zu. »Haben wir beide uns nicht schon einmal gesehen?«
Saul stellte den Becher mit einem harten Ruck hin. »Kaum, denn ich bin fremd hier.«
»Welch ein Zufall, ich auch.« Orlando setzte die entspannte Miene eines Katers auf, der noch ein wenig mit der gefangenen Maus spielen will, bevor er sie frisst.
Saul drehte seinen Kopf aus dem Licht. »Dann können wir uns auch nicht kennen.«
»Da wäre ich mir nicht so sicher. Ich habe deine Visage nämlich erst vor kurzem bei einem jüdischen Bankier gesehen, den ich aus gewissen Gründen aufsuchen musste.« Obwohl Orlandos Stimme immer noch freundlich klang, zuckte Saul zusammen. Nun war auch er sich sicher, dass er es mit Zofar ben Naftalis Gast zu tun hatte. »Ich kenne keinen Zofar oder wie er heißt, und im Übrigen habe ich nichts mit Juden zu schaffen.«
Orlando lachte fröhlich auf. »Ich bin kein Dummkopf, mein Freund, auch wenn du das zu glauben scheinst. Ich weiß genau, dass du fünfhundert Gulden in deiner Tasche trägst, abzüglich der paar Groschen, die du für deine neue Kleidung ausgegeben hast. Wenn ich dem Wirt jetzt sage, du wärest ein jüdischer Dieb, der mich um meine Barschaft gebracht hat, wäre es um dich geschehen. Auch wenn du dir die Schläfenlocken abgeschnitten hast, wird dich das fehlende Stückchen Haut zwischen deinen Beinen verraten. Auf wessen Wort, glaubst du, wird man hier mehr geben, auf das deine oder auf das meine?«
Saul erstickte fast an seiner Wut. Er hatte sich bei einem jüdischen Altkleiderhändler unter dem Vorwand seiner gefährlichen Heimreise eine unverfängliche Tracht besorgt und sich später die Locken, die er bei dem Trödler noch unter die Mütze gesteckt hatte, mit einem scharfen Messer abgeschnitten. Dann hatte er sich ein Zimmer in dieser Absteige hier genommen, um erst einmal zu überlegen, was er mit seinem unverhofften Reichtum anfangen konnte. Jetzt ärgerte er sich darüber, dass er die Stadt nicht sofort verlassen hatte.
Er ballte drohend die Fäuste. »Du willst mich wohl erpressen, du Schwein?«
Orlando grinste breit. »Ich würde mir an deiner Stelle eine höflichere Sprache angewöhnen. Und bilde dir nicht ein, du könntest mich niederschlagen. Was die Fertigkeit mit den Fäusten anbetrifft, bin ich dir gewiss über.«
Saul musste zugeben, dass sein Gegenüber Recht haben könnte, denn der Mann war einen halben Kopf größer als er und schlank, aber durchaus muskulös, wie seine eng anliegenden Beinkleider verrieten. Einen solchen Gegner durfte er nicht unterschätzen. Trotzdem war er bereit, dem Kerl das Genick zu brechen.
Sauls Gedanken spiegelten sich auf seinem Gesicht, und Orlando nahm es amüsiert zur Kenntnis. Er erinnerte sich nur allzu gut an die Ungereimtheiten in der Erzählung des Knechts, die Zofar ben Naftali nicht aufgefallen waren, und war davon überzeugt, dass mehr hinter der Sache stecken musste. Saul schien Orlando nicht der Mann zu sein, der mit dem ihm anvertrauten Geld durchbrennen würde, solange er seinen Herrn zu fürchten hatte. Vielleicht gab es keinen Samuel mehr, sondern nur noch den jungen Elieser, der schwer verletzt im Bett liegen musste, möglicherweise waren auch beide tot, so dass niemand da war, der sich um die Belange der Familie kümmern konnte. In diesem Fall hätte Saul den Brief an Zofar ben Naftali gefälscht, um an das Geld zu kommen, auch wenn Orlando dem Mann so viel Verstand nicht zutraute. Auf alle Fälle gab es da ein Geheimnis, und das reizte die Neugier des Handelsagenten.
»Keine Angst, mein Freund, ich bin nicht hinter deinem Geld her. Ich will nur wissen, warum du deinen Herrn so leichten Herzens betrügst, und vor allen Dingen, was es mit diesem auf sich hat.«
Saul warf Orlando einen schiefen Blick zu. Er misstraute diesem Christen, aber wenn der Mann ihn mitsamt dem Geld laufen ließ, würde er reden. Was kümmerte ihn Lea, dieses überhebliche Weibstück. Sie hatte sich ja selbst mit Lug und Trug in den Besitz der Gulden setzen wollen, die ihrem Bruder Samuel zugestanden hätten und nach dessen Tod dem Krüppel Elieser.
»Schwörst du mir, dass du mich unbeschadet gehen lässt, wenn ich dir die Wahrheit berichte?«
Als Orlando nickte, setzte er noch einmal nach. »Tu es bei deinem Christengott und der Jungfrau Maria!«
»Ich schwöre es auch noch bei allen Heiligen, wenn du das willst.« Orlandos Jagdinstinkte waren geweckt, und er beobachtete sein Gegenüber scharf, um aus seinem Mienenspiel Wahrheit und Lüge herauszulesen.
Saul tat so, als ringe er noch einen Augenblick mit sich, und nickte dann. »Gut, ich sage alles.«
Er stand auf, ging um den Tisch herum und setzte sich so, dass er jederzeit aufspringen und zur Tür rennen konnte.
Orlando nahm es mit einem feinen Lächeln hin. Dem Burschen schien eine ziemliche Portion Angst in den Knochen zu sitzen, und er nahm sich vor, diese gnadenlos auszunützen. Saul dachte jedoch gar nicht daran, die Wahrheit zu verschweigen. Wenn der Fremde wirklich hinter Geld her war, so sollte er es sich von Lea holen und ihn in Ruhe lassen. Aus diesem Grund berichtete er alles, was er tatsächlich von dem Sarninger Pogrom er-fahren hatte.
Orlando konnte gerade noch einen Ausdruck des Erstaunens unterdrücken, als er vernahm, dass der angebliche Samuel ben Jakob in Wirklichkeit ein sechzehnjähriges Mädchen war, ein naives Geschöpf, wie seine Handlungsweise zeigte. Statt sich in Männerkleidung zu werfen, hätte sie sich sofort an Zofar ben Naftali wenden und ihm von den Schicksalsschlägen berichten sollen. Der Bankier war einer der einflussreichsten Anführer der jüdischen Gemeinden und hätte gewiss eine Möglichkeit gefunden, Lea und ihren Angehörigen zu helfen. Stattdessen forderte sie das Schicksal geradezu heraus und würde spätestens beim Ablegen des Judeneids scheitern. So gesehen war es besser, wenn die fünfhundert Gulden nicht auch noch in ihre Hände gerieten, denn sie würden nur die Truhen des habgierigen Markgrafen füllen, während sie selbst, wenn sie die Entdeckung überlebte, samt ihrer Familie in Schimpf und Schande davongejagt wurde.
Saul sah die Situation noch viel schwärzer. »Jetzt verstehst du sicher, warum ich nicht zurückkehren kann. Den Frauen wird nicht viel passieren, selbst wenn die eine oder andere von ihnen in die Büsche gezerrt wird. Aber mich würde man mit Sicherheit umbringen, vielleicht sogar verbrennen, wie man es letztens in Konstanz getan hat.«
»Woher soll ich wissen, was man mit Juden alles treibt?« Orlando blickte bei diesen Worten auf seinen Becher, der mittlerweile leer geworden war. Er konnte sich nicht einmal an den Geschmack des Weins erinnern, so sehr hatte Sauls Bericht ihn beschäftigt. Er rief dem Wirt zu, zwei weitere Becher zu bringen, und schob einen davon Saul zu.
»Ich glaube, du hast dir eine kleine Stärkung verdient.«
Saul riss Orlando den Becher aus den Händen und stürzte seinen Inhalt hinab. »Auf deine Gesundheit!«
Orlando nickte lächelnd, überlegte aber gleichzeitig, was er tun sollte. Saul als Dieb den Behörden auszuliefern, hielt er für sinnlos, denn der Richter würde das gestohlene Geld nur in die eigene Tasche stecken. So oder so würde diese Lea keinen Gulden davon bekommen, und so entschied Orlando, dass Sauls Geschichte diesen Preis wert war.
»Wenn ich dir einen Rat geben darf, so halte dich in Zukunft von deinen Landsleuten fern. Die verstehen, was Diebstahl betrifft, noch weniger Spaß als die Christen. Am besten ist es, wenn du deine Herkunft und die des Goldes in deinen Taschen ganz vergisst. Christen denken sich nichts dabei, einen Juden um sein Geld zu bringen, und ein Dieb, der armen Waisen das Brot vom Mund gestohlen hat, hat wenig Gnade von ihnen zu erwarten.« In Orlandos Worten schwang die Drohung mit, auch ihm nicht noch einmal zu begegnen. Saul zuckte wie unter einem Hieb zusammen und sprang auf.
»Jetzt kann ich doch wohl gehen.«
»Ich wollte, du wärst schon verschwunden.« Orlando machte eine Handbewegung, so als wollte er eine Fliege verscheuchen, und Saul rannte wie vom Teufel gehetzt aus der Schenke. Er war kaum zur Tür hinaus, da kam der Wirt mit wutverzerrtem Gesicht auf Orlando zu. »Jetzt hat der Kerl doch glatt die Zeche geprellt.«
Der Handelsagent hob die Hand, um die beginnende Schimpfkanonade zu stoppen. »Bevor er ging, bat er mich, es für ihn auszulegen.«
Er überlegte, ob er sich noch einen Becher Wein bringen lassen sollte, entschied sich aber dagegen und kramte ein paar Münzen hervor. »Hier, das dürfte wohl reichen.«
Er drückte dem ob so viel Großzügigkeit verblüfften Wirt das Geld in die Hand und verließ nachdenklich die
Schenke. Auf dem Weg zu Zofar ben Naftalis Haus überlegte er, was er mit Sauls Bericht anfangen sollte. Eigentlich wäre es seine Pflicht, seinen Gastgeber darüber aufzuklären, wer dieser Samuel ben Jakob in Wirklichkeit war, denn es war ja möglich, dass der Bankier noch etwas zur Rettung der Familie Goldstaub tun konnte. Aber Orlando kam mehr und mehr zu dem Schluss, dass das verrückte Mädchen den Karren schon zu tief in den Dreck gefahren hatte. Wenn er die Sache nicht auf sich beruhen ließ, brachte er nur die Leute in Gefahr, die Zofar ben Naftali nach Hartenburg schicken würde.
Ich kann nicht jedes Juden Hüter sein, sagte er leise zu sich selbst, am wenigsten der eines solch verdrehten Geschöpfes wie dieser Lea. Zufrieden mit seiner Entscheidung ging er weiter, merkte aber schon nach wenigen Schritten, dass sich seine Gedanken immer noch mit Jakob Goldstaubs Tochter beschäftigten. Das Mädchen schien recht einfallsreich zu sein und mochte vielleicht sogar einen Weg finden, unerkannt die Schikanen und Demütigungen zu überstehen, die mit der Ablegung des Judeneids verbunden waren. Er war auf alle Fälle gespannt, ob er in Zukunft noch etwas von »Samuel ben Jakob« hören würde.