Lea starrte Roland Fischkopf fassungslos an. Diesen Vorschlag konnte er nicht ernst gemeint haben. Aber sein flehender Blick und seine angespannte Miene verrieten ihr, dass seine Frage kein schlechter Witz gewesen war. So gab es nur eine andere Erklärung: Der Mann musste verrückt geworden sein!
Sie hatte sich schon gewundert, als ein Bote bei ihr erschienen war, um ihr mitzuteilen, dass Roland Fischkopf an der Grenze der Hartenburger Markgrafschaft in einer Kutsche auf sie wartete. Sein Auftauchen war ihr gerade recht gekommen, denn sie hatte weder eine Nachricht erhalten, wie das flandrische Weinmonopol sich entwickelte, noch wusste sie, ob Fischkopfs Gewährsleute Peter Pfeiffer als ihren Beauftragten akzeptiert hatten. Aus diesem Grund hatte sie sich wieder in Samuel verwandelt und war dem Boten gefolgt.
Jetzt saß sie in einer engen, schmalen Kutsche, die nur wenig Ähnlichkeit mit dem großen, bequemen Reisewagen hatte, den der Herzog von Burgund benutzte, sondern auf Schnelligkeit getrimmt war. Die vier angespannten Pferde waren so temperamentvoll, dass sie keinen Augenblick ruhig standen und der Kutscher und sein Knecht alle Mühe hatten, sie zu bändigen.
Lea musterte ihr Gegenüber, um Spuren beginnenden Wahnsinns zu entdecken, aber der Handelsagent wirkte nur müde und abgespannt wie nach zu vielen durchwachten Nächten.
»Könntet Ihr noch einmal wiederholen, was Ihr da eben gesagt habt, Herr Fischkopf?«
»Ich bitte dich, an meiner Stelle nach Kastilien zu reisen - und zwar als Christ verkleidet.« Orlandos Stimme klang schroff, doch sein Unmut galt nicht Lea, sondern sich selbst. Er verachtete sich, weil er keine andere Lösung gefunden hatte, als einer jungen Frau etwas zuzumuten, für das nur er allein sich in Gefahr hätte begeben dürfen.
»Beim Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, hat ein Dämon Eure Sinne befallen? Da kann ich mich ja gleich freiwillig auf einen Scheiterhaufen binden lassen!«
Orlando ballte die Fäuste. »Glaubst du, ich würde dich darum bitten, wenn ich die Angelegenheit selbst erledigen könnte? Ich versichere dir, dass man dich kaum beachten wird, weil gewisse Herrschaften nach mir Ausschau halten.«
»Geht es wieder um eines Eurer Schurkenstücke?«
»Wenn es ein Schurkenstück ist, unschuldige Menschen vor einem grässlichen Tod zu retten, dann ja.« Orlando ärgerte sich über Leas Kratzbürstigkeit, die sie nur ihm gegenüber an den Tag zu legen schien, und hätte sie am liebsten gleich wieder nach Hause geschickt. Doch sie war der einzige Mensch, dem er zutraute, seinen Onkel Rodri-go samt seinen Angehörigen aus der Falle herauszuholen, in der sie den Köder für ihn spielen mussten. So holte er tief Luft und erklärte ihr die Situation in aller Ruhe.
»Es sind doch Leute deines Volkes, die deiner Hilfe bedürfen«, schloss er seinen Bericht.
Lea winkte verächtlich ab. »Es sind Konvertiten, die sich vom Glauben der Erzväter abgewandt haben.«
»Sie sind nicht freiwillig Christen geworden!«
Lea rümpfte die Nase. »Pah!«
Orlando packte sie an den Oberarmen, hob sie halb von ihrem Sitz und schüttelte sie. »Jetzt höre mir gut zu, mein beschnittener Freund! Ich kenne da jemand, der eine
Riesenportion Schweinefleisch vertilgt und ein Ferkel geküsst hat, um nicht von einer grölenden Rotte ins Feuer geworfen zu werden. Also rede nicht schlecht von Menschen deines Glaubens, die nichts anderes wollten, als in Frieden leben und ihren Geschäften nachgehen.«
Lea fühlte, wie sie gegen ihren Willen rot wurde. Roland Fischkopf hatte ihr damals das Leben gerettet, und wenn sie sich nun weigerte, seine Bitte zu erfüllen, würde sie sich den Rest ihres Lebens wie ein Schwein vorkommen.
»Es fängt schon mit der Frage an, unter welchem Vorwand ich nach Bereja reisen soll. Soviel ich weiß, ist man sowohl in Frankreich als auch in Aragon und Kastilien sehr argwöhnisch, was fremde Reisende betrifft.«
Orlando lächelte bitter, denn einerseits war er froh, dass Lea angebissen hatte, andererseits aber vertiefte ihre Zustimmung seinen Zwiespalt.
»Es ist kein Vorwand nötig. Herzog Maximilian von Burgund rüstet eine Gesandtschaft aus, die in die Spanischen Königreiche reisen soll, denn er will seine Tochter Margarete mit dem Infanten Juan, dem Erben der Kronen Kastiliens und Aragons, vermählen und seinen Sohn Philipp mit dessen Schwester Juana. Maximilian wünscht, dass ein christlicher Bankier diese Gesandtschaft begleitet, um den Botschafter bei den finanziellen Transaktionen zu beraten, die die zu erwartenden Vereinbarungen mit sich bringen, und ist dabei auf mich verfallen. Ich kann mich jedoch nicht mehr jenseits der Pyrenäen sehen lassen, weder offiziell noch heimlich. Dir wird man als Mitglied der Delegation keinen zweiten Blick schenken. Dazu müssen wir aber einen Christen aus dir machen. Hast du den Geleitbrief des Herzogs mitgebracht?«
Lea klopfte gegen ihren Bauch, auf dem eine unter ihrem Kaftan verborgene Ledertasche hing. »Er ist hier.«
»Sehr gut. Zuerst müssen wir uns einen christlichen Namen für dich ausdenken. Ich hatte zunächst an einen deutschen Namen gedacht, doch ein französischer Name scheint mir unverfänglicher zu sein. Was kann man aus Samuel ben Jakob, genannt Goldstaub, machen? Den Goldstaub lassen wir weg. Ben Jakob?
Hmm ...«
Orlando kratzte sich nachdenklich am Kinn. »Warum nicht?
Wir nennen dich de Saint Jacques, das hat auch für Spanier einen guten Klang. Der Vorname Samuel passt allerdings nicht dazu. Nehmen wir doch den deiner Schwester. Sie heißt Lea, nicht wahr? Daraus machen wir einen Leon de Saint Jacques. Bei einem so heiligen Namen werden nicht einmal die Herren der heiligen Inquisition misstrauisch werden.«
Orlando grinste Lea dabei an, als erwarte er ein Lob. Lea ging das Ganze zu schnell. Doch bevor sie Einwände machen konnte, sprach er weiter.
»Wie steht es mit deinen Spanischkenntnissen?« Er warf ihr ein paar Sätze hin und fluchte, als Lea ihren Sinn nicht sofort begriff. »Hatte ich dir nicht gesagt, du solltest jeden Tag üben?«
»Ich habe geübt, sooft ich konnte«, fuhr Lea auf. »Aber ich habe nur Jochanan, mit dem ich spanisch reden kann, und er hat beinahe alles wieder vergessen.«
»Dann wirst du auf der Reise nach Antwerpen, wo du auf den Rest der Gesandtschaft triffst, viel üben müssen. Ich werde dich bis dorthin begleiten und dir alles beibringen, was du wissen musst, auch die Namen der Menschen, die dir weiterhelfen werden. Erwarte aber nicht zu viel von ihnen. Man wird dir Obdach gewähren, Ratschläge erteilen und dir mit Geld aushelfen, falls du welches brauchst. Der Auftrag wird sich übrigens für dich lohnen. Wenn du Baramosta und die Seinen in Sicherheit bringen kannst, erhältst du von ihnen mindestens fünftausend Gulden, vielleicht sogar mehr, je nachdem, wer sich noch bei der Gruppe befindet.«
»Baramosta? Ich hatte einen Geschäftspartner namens Rodrigo Varjentes de Baramosta. Reden wir von demselben Mann?«
»Ja! Das trifft sich doch gut. Wenn du ihn herausholst, gewinnst du einen treuen Gewährsmann in einer der Hafenstädte in Flandern oder im Norden des Reiches, je nachdem, wo er sich niederlassen wird.«
Lea nickte. Mit fünftausend Gulden würde sie sich in jeder Stadt des Heiligen Römischen Reiches, in der Juden leben durften, einkaufen können, ohne ihr Geschäftskapital angreifen zu müssen, und mit Baramosta hatte sie bisher nur die besten Erfahrungen gemacht. Also war sie geradezu gezwungen, sich auf dieses verrückte Unternehmen einzulassen. Sie legte die Hände an die Wangen und sackte ein wenig nach vorne, so als wäre ihre Kraft zum Widerstand aufgezehrt.
»Also gut, ich mache mit.«
Orlando ließ Lea nur eine Nacht Zeit, die wichtigsten Angelegenheiten zu ordnen. Um pünktlich an ihrem Treffpunkt zu sein, musste sie am nächsten Morgen die Stadt in dem Moment verlassen, in dem die Tore geöffnet wurden. Als sie über die Landstraße wanderte, wurde ihr klar, dass sie zum ersten Mal ohne Jochanan unterwegs war, und fühlte sich plötzlich verunsichert. Das Gefühl steigerte sich, als sie die enge Kutsche bestieg und Orlando sie auf Spanisch begrüßte. Er wartete ihre Antwort nicht ab, sondern hielt ihr, fast ohne Atem zu holen, einen Vortrag in der gleichen Sprache, und da sie nur zum Teil verstand, was er meinte, bedachte er sie erneut mit herzhaften Flüchen.
Gegen Abend war ihre Unsicherheit kochender Wut gewichen, denn ihr Begleiter behandelte sie wie einen Leibeigenen, der auf jeden Wink springen musste. Nachdem er sie den ganzen Tag mit Sprachübungen traktiert und ihr einiges an Wissen über Kastilien in dem dort gebräuchlichen Idiom eingetrichtert hatte, ließ er spät am Nachmittag den Wagen bei einer Quelle anhalten. Während der Kutscher und sein Knecht umständlich und langsam die Pferde tränkten, zog er eine Schere heraus, schnitt ihr kurzerhand die Schläfenlocken ab und kürzte auch ihre Haare im Nacken. Dann legte er ihr ein Bündel Kleider hin und befahl ihr, sich umzuziehen. Zu ihrer Erleichterung stieg er ohne Erklärung aus und gesellte sich zu den beiden Männern, mit denen er sehr vertraut zu sein schien. Lea wunderte es nicht mehr, dass er Spanisch mit ihnen sprach.
Sie brauchte eine Weile, um sich umzuziehen, denn sie musste das Band, mit dem sie ihren Busen flachdrückte, fester schnüren, damit sich keine verräterischen Formen unter dem ungewohnten Wams abzeichneten. Als sie die Kutsche verließ, um auszuprobieren, wie sie in den hochhackigen Lederschuhen gehen konnte, deutete nichts mehr an ihr auf den Juden Samuel Goldstaub hin. Sie sah nun aus wie ein Christ, dessen einfache, aber gut gearbeitete Kleidung einen gewissen Wohlstand verriet. Ein wenig schämte sie sich für diesen Aufzug, denn die dunkelgrauen Strumpfhosen lagen wie eine zweite Haut auf ihren Schenkeln, und das braune Wams reichte ihr gerade bis zu den Hüften. Dafür hatte man ihr ein Polster im Schritt eingenäht, welches ein größeres Geschlechtsteil vortäuschte. Als Lea im Hellen an sich herabblickte, erschrak sie zunächst. Ahnte Fischkopf, dass sie kein Mann war? Sie beruhigte sich aber sofort wieder, denn er glaubte ja zu wissen, dass Samuel mehr fehlte als das, was man ihm bei der rituellen Beschneidung weggenommen hatte. Um die anderen nicht merken zu lassen, womit sie sich beschäftigt hatte, untersuchte sie den Dolch, der an ihrem Gürtel hing, und den Geldbeutel, der Münzen mit den Köpfen der spanischen Könige Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon enthielt.
Orlando ging mit prüfenden Blicken um sie herum, lobte »Leon« und deutete auf die Kutsche. »Steig ein. Wir fahren weiter.«
Drinnen aber hatte er einiges an ihrer Haltung auszusetzen und der Art, wie sie sich bewegte - natürlich auf Spanisch. Es erleichterte ihr die Sache nur wenig, dass er ihr einige neue Begriffe und Redewendungen ins Deutsche übersetzte. Als sie gegen seine unbarmherzigen Forderungen aufbegehrte, erklärte er ihr, dass sie in der Lage sein müsse, sich notfalls auf eigene Faust auf der gesamten
Iberischen Halbinsel durchzuschlagen. In dieser Nacht, die sie zu ihrer Erleichterung allein in einer Kammer verbrachte, träumte sie schon auf Spanisch, und als sie am nächsten Tag aufbrachen, kam es ihr so vor, als wäre ihr bisheriges Leben schon unerreichbar ferne Vergangenheit.
Da die burgundische Delegation aufgrund der Spannungen zwischen ihrem Herrn und Karl VIII. nicht über Frankreich nach Spanien reisen konnte, sondern den Weg übers Meer nehmen musste, sollte sie in Antwerpen ein Schiff besteigen. Der Abfahrtstermin stand fest, und es war nicht zu erwarten, dass der Kapitän auf einen unbedeutenden Nachzügler warten würde. Das erklärte Orlando Lea, als sie sich darüber beschwerte, wie rücksichtslos der Kutscher die Pferde trotz der schlechten Straße antrieb, denn das leichte Gefährt hüpfte oftmals hoch wie ein Ball, und Reisende, die beiseite springen mussten, schimpften lautstark hinter ihnen her. Trotz der Geschwindigkeit, mit der sie fuhren, erschien es Lea wie ein Wunder, dass sie schon am nächsten Tag die Fähre über den Rhein und wenig später Straßburg erreichten.
Orlando ließ den Wagen bis zum Hafen fahren und in der Nähe einer ungewöhnlich hochbordigen Barke anhalten, die bis unter den Mastbaum mit Waren beladen war. Die Bauweise und die Art der Besegelung verrieten Lea ebenso wie die bunten Wimpel mit verschiedenen Kaufmannszeichen am Mast, dass es sich um ein Boot aus Holland handelte, das im Auftrag einer der großen Handelsgesellschaften unterwegs war. Orlando ließ Lea keine Zeit, sich weiter umzusehen, sondern sprang aus der Kutsche und hieß den Knecht, sein und Jacques' Gepäck auf das Schiff zu bringen. Dann schnauzte er Lea an, ihm zu folgen. An Deck der Barke stellte er ihr Marinus van Duyl vor, den Kapitän der »Marijkje«, des schnellsten Frachtschiffs auf Rhein, Maas und Schelde.
Lea hörte nur mit halbem Ohr hin, denn ein kurzer Blick hatte ihr verraten, dass sie auf diesem Kahn kaum genug Abgeschiedenheit finden würde, um sich zu waschen und ihre Notdurft zu verrichten. Während der Kutschfahrt hatte ihr Begleiter in der Hinsicht erstaunlich viel Rücksicht auf sie genommen, aber hier gab es für die Passagiere nur einen Schlafplatz unter dem offenen Vordeck, den man mit Segeltuch gegen Wind und Spritzwasser geschützt hatte. Jetzt erst wurde ihr klar, dass sie keinen Gedanken daran verschwendet hatte, wie sie sich hier - oder später auf einem von Menschen wimmelnden Seeschiff - sauber halten und ihr Geschlecht verbergen konnte.
Während ihrer Überlegungen hatte die Barke mit ihrem brüllenden und auf seine Leute fluchenden Kapitän den Hafen verlassen und legte sich nun unter dem Druck des Windes so stark auf die Seite, dass Lea gegen ihren Begleiter stolperte. Orlando hielt sie fest, schob sie ein Stück auf das ebenfalls offene Achterdeck zu und wies auf einen Kasten an der Reling, der ein Stück über die Bordwand ragte.
»Ich glaube, unser Kapitän wäre am liebsten der Eigner einer der großen Koggen, denn er hat einen Abtritt einbauen lassen, wie man ihn auf den Nordlandfahrern findet. Du brauchst also keine Angst zu haben, dass man deine Narben entdeckt und dich ihretwegen verspottet.«
»Gibt es so ein Ding nur auf Nordlandfahrern?«, fragte Lea scheinbar harmlos.
Orlando schüttelte den Kopf. »Nein, solche Örtchen gibt es auf allen größeren Schiffen, die für Passagiere eingerichtet sind.«
»Na fein, da wird man wenigstens nicht mit den Stuhlproblemen überfressener, alter Männer konfrontiert.«
Orlando kommentierte ihre Worte nicht, sondern ver-schwand bis zur Brust in dem Kasten und zeigte Lea damit ohne viele Erklärungen, wie sie diesen Ort benutzen konnte. In den nächsten Tagen hatte sie immer wieder Grund, ihrem ansonsten ruppigen und ungeduldigen Begleiter für seine persönliche Rücksichtnahme zu danken.
Van Duyl ließ tatsächlich jedes andere Frachtschiff, das den Rhein abwärts fuhr, hinter sich. Auch hielt er sich nicht lange bei den zahllosen Zollstationen auf, sondern legte seine Mautgebühren in einen Lederbeutel, der an der Spitze einer Stange befestigt war, und reichte sie im Vorbeifahren den Wächtern der Rheingrafen, die ihn offensichtlich gut kannten und die Summe jedes Mal akzeptierten.
Erst in Bingen unterbrach der Holländer seine Fahrt für einen Tag, um ein paar Ballen auszuladen und auf die Weinfässer zu warten, die er von hier aus mitnehmen sollte. Lea und Orlando nützten die Zeit, um sich die Beine zu vertreten und in einer Taverne ein gutes Mahl zu sich zu nehmen. Lea nahm an, dass Roland Fischkopf auf ihrer Begleitung bestand, um zu sehen, ob sie sich auch beim Essen wie ein Christ benahm. Sie schwor sich gerade, keinen Bissen Schweinefleisch anzurühren, ganz gleich, was er unternehmen würde, um sie dazu zu zwingen, als sie im Hintergrund der Taverne die hagere Gestalt eines Mönches entdeckte, der in einer schmuddeligen, schwarzen Kutte steckte.
Es war kein anderer als Medardus Holzinger, der sie und Jochanan hatte verbrennen lassen wollen. Im ersten Impuls wäre sie am liebsten aus der Taverne gestürzt und hätte sich so lange im Bauch der Rheinbarke versteckt, bis das Schiff wieder auf dem Strom schwamm, doch mit ihrer Flucht würde sie den Mann erst recht auf sich aufmerksam machen. Es war auch zu spät, um Roland Fischkopf zu warnen, denn er war schon ein Stück vor-ausgeeilt und wurde eben von dem dienernden Wirt empfangen. So blieb ihr nichts anderes übrig, als ihrem Begleiter zu folgen und so zu tun, als betrachte sie die holzgetäfelten Wände der Taverne und die gelblichen Butzenscheiben in den Fenstern. Ihr Blick wanderte dabei immer wieder zu dem Judenjäger, und ihr fiel auf, dass er den Handelsagenten mit offenem Mund anstarrte. Roland Fischkopf hatte ihn immer noch nicht bemerkt, denn er stand neben einem freien Tisch und blickte Lea mit leicht verärgerter Miene entgegen.
Sie straffte die Schultern und legte die letzten Schritte beherzt zurück. »Ah, da seid Ihr ja, mein Freund!«, sagte sie zu Fischkopf, als hätte sie ihn eben erst getroffen. Orlando zog verwundert die Augenbraue hoch, nahm aber wortlos Platz. Lea ging um den Tisch herum und setzte sich so, dass sie Holzinger im Auge behalten konnte.
»Vorsicht! Da drüben hockt der Satansmönch, der mich damals verbrennen wollte.«
Orlando schob die Unterlippe vor. »Ach ja? Hab keine Sorge. Der erkennt dich bestimmt nicht wieder, und solange du nicht mit jiddischen oder hebräischen Worten um dich wirfst, hast du nichts zu befürchten.«
Ihn schien die Anwesenheit des Mönches nicht zu stören, Lea aber machte der Mann mit dem ausgezehrten Gesicht und den fanatisch funkelnden Augen Angst. Seufzend entsagte sie dem Gedanken an eine appetitliche Rheinbarbe und trug dem Wirt auf, ihr einen Stück Braten und einen Krug Wein zu bringen. Einen Augenblick wiegte sie sich in der Hoffnung, das nicht gerade kleine Stück Fleisch, das der Wirt ihr daraufhin servierte, könne von einem Rind oder einer Ziege stammen. Doch als ihr der Geruch in die Nase stieg, musste sie ihren Magen daran hindern, zu ihrer Kehle hochzusteigen, und sie hoffte verzweifelt, dass sie es fertig bringen würde, jeden
Bissen mit einer Miene größten Genusses in den Mund zu stecken und ohne Würgen herunterzuschlucken. Sie sah ihren Begleiter wissend lächeln und schrieb die Qual, die nun vor ihr lag, auf seine Rechnung. Der Mann hatte ihr zwar das Leben gerettet, hielt sich dafür jedoch oft genug schadlos.
Während sie aß, spähte sie immer wieder aus den Augenwinkeln zu dem Mönch hinüber und stellte jedes Mal fest, dass Holzinger hinter seinen Händen, die er wie zum Gebet gefaltet vor sein Gesicht hielt, ihren Begleiter musterte. Hie und da bewegten sich seine Lippen, als bete er, doch das bösartige Lächeln um seinen Mund wirkte alles andere als fromm. Offensichtlich hatte er den Mann erkannt, der ihm eine bereits sicher geglaubte Beute entrissen hatte, und schien zu überlegen, wie er sich an ihm rächen konnte. Nach einer Weile wandte er sich einer Gruppe von Gästen zu, die an einem Tisch in seiner Nähe saßen, und sofort nahm sein Gesicht einen sanftmütigen Ausdruck an. Er nickte einem der Männer zu, sprach den Segen über das Essen der Gruppe und erhielt dafür einen Krug Wein als Dank, den er bedächtig und genussvoll leerte.
Orlando bemerkte zwar, dass Lea die Augen kaum von dem Mönch lassen konnte, nahm aber nur zur Kenntnis, dass sie Haltung bewahrte und ihre Rolle als junger Christ glaubhaft ausfüllte. Als sie zahlten, sah er sich zum ersten Mal selbst nach dem Mönch um, doch der lauschte gerade interessiert den Bemerkungen eines Mannes, der eine Jakobsmuschel, das Zeichen eines Santiago-Pilgers, am Hut trug.
Holzinger schien gar nicht zu bemerkten, dass der Mann, für den er sich eben noch so stark interessiert hatte, gerade die Taverne verließ. Doch als Lea und Orlando die Straße hinuntergingen, glitt er wie ein Schatten zum
Fenster und starrte ihnen nach. Die gelblichen, bleigefassten Scheiben waren kaum handtellergroß und wenig geeignet, jemand zu beobachten. Trotzdem konnte der Mönch feststellen, dass der ihm verhasste Handelsagent und sein Begleiter in die Gasse einbogen, die zum Rhein hinabführte. Er machte eine Bewegung, als wollte er ihnen folgen, schüttelte dann aber den Kopf, kehrte an seinen Platz zurück und winkte den Sohn des Wirtes zu sich.
»Du willst dir doch sicher Gottes Segen und den Ablass von zwanzig Jahren Fegefeuer erwerben, nicht wahr, mein Junge?
Dazu musst du nur dem Mann, der gerade die Stube verlassen hat, folgen und in Erfahrung bringen, wohin er reist. Er ist unterwegs zum Hafen. Also lauf dorthin.«
Der Junge verzog das Gesicht, denn ihm wäre eine Silbermünze lieber gewesen als ein Lohn, den er erst im anderen Leben im Empfang nehmen konnte. Er wagte es jedoch nicht, dem Mönch zu widersprechen. »Welchen meint ihr, den Gecken im blauen Wams? Oder den Jüngeren in Braun?«
»Den Gecken! Der andere ist uninteressant. Beeile dich gefälligst, sonst findest du den Kerl nicht mehr!«
Holzinger versetzte dem Jungen einen Stoß und sah ihm nach, bis sein Schatten draußen am Fenster vorbeihuschte. Dann lehnte er sich zufrieden zurück. Mit halb geschlossenen Augen, gefalteten Händen und sich bewegenden Lippen wirkte er wie im Gebet versunken. Aber seine Lippen formten die Worte aus reiner Gewohnheit, während sich seine Gedanken mit der unerwarteten Begegnung beschäftigten.
Er brauchte das Flugblatt, das spanische Ordensbrüder an ihn und andere deutsche Gewährsleute verteilt hatten, nicht anzusehen, um zu wissen, dass er den darauf beschriebenen Mann gefunden hatte. Der Geck in den auf-fallenden Hosen war Orlando Terasa de Quereda y Cun-jol, der sich auch Orlando Cabeza de Pez oder auf Deutsch Roland Fischkopf nannte und sich verdächtig oft in jüdischen Kreisen bewegte. Es würde ihm im Diesseits Ansehen und Ehre und im Jenseits gewiss noch eine besondere Belohnung einbringen, wenn er half, diesen gefährlichen Ketzer und Judenfreund seiner gerechten Bestrafung zuzuführen.
Die Rückkehr des Wirtsjungen ließ Holzingers Anspannung ins Unerträgliche steigen. »Nun, hast du erfahren, wohin der Mann unterwegs ist?«
Der Junge nickte eifrig und hielt unauffällig die Hand auf, in der Hoffnung, der Mönch möge sich doch noch als großzügig erweisen. »Er fährt geradewegs nach Antwerpen. Ein Schifferknecht von der Barke, auf der er reist, hat mir erzählt, der Mann hätte seinem Patron fünf Gulden extra geboten, wenn er die Stadt vor der Abfahrt der burgundischen Spaniengesandtschaft erreichen würde.«
Holzinger empfand ein Gefühl wilden Triumphes, das seiner zur Schau getragenen Demut Hohn sprach, und musste sich dazu zwingen, seine sanfte Miene beizubehalten, während er das Kreuz über dem Jungen schlug. »Das hast du gut gemacht! Geh mit Gottes Segen.«
Dann drehte er sich zu dem Vater des Kindes um. »He, Wirt, bring mir Papier, Tinte und Schreibfedern - und zwar schnell!«
Dem Wirt gefiel der herrische Ton wenig, noch dazu, da er wusste, dass er gewiss kein Geld von dem Mönch sehen würde. Aber wenn er sich weigerte, würde Holzinger ihn für gottlos erklären, seine Taverne als Dämonenhort bezeichnen und ihn so in den Ruin treiben, wie er es schon mit anderen Wirten gemacht hatte. Aus diesem Grund kniff er die Lippen zusammen und brachte ihm das Gewünschte.
Holzinger setzte einen Brief auf, in dem er Orlandos Ankunft in Antwerpen ankündigte, faltete ihn und schrieb die Adresse eines Klosters darauf. Dann versiegelte er ihn mehrfach mit dem Wachs einer Kerze, die der Wirt ihm anzünden musste, und drückte dem Mann das Schreiben in die Hand. »Sorge dafür, dass diese Nachricht auf dem schnellsten Weg nach Antwerpen gelangt.«
»Ich werde sie einem Rheinschiffer mitgeben müssen«, antwortete der Wirt ärgerlich.
»Tu das, und zwar sofort. Es eilt.«
»Der Schiffer, der als Erster dort ankommen wird, ist Marinus van Duyl. Aber der wird einige Silbergroschen für den Transport verlangen.« Wenn der Wirt gehofft hatte, Holzinger würde ihm wenigstens dieses Geld geben, sah er sich getäuscht.
»Die Groschen werden dir die Türen des Himmelreichs öffnen«, erklärte der Mönch und zeichnete auch die Stirn des Wirtes mit dem Kreuz.
Als die »Marijkje« am nächsten Morgen ablegte, ahnten Orlando und Lea nicht, dass die Nachricht von ihrer Ankunft in den Niederlanden sie in der Mappe des Kapitäns begleitete.
Das gemeinsame Delta von Rhein, Maas und Schelde mit seinem Inselgewirr, den unzähligen Sandbänken und seinen schier unberechenbaren Gezeitenströmungen war alles andere als für eine Rheinbarke geeignet. Mari-nus van Duyl kannte sich jedoch gut darin aus und war vor allem nicht bereit, seinen Profit zu schmälern, indem er seine Fracht auf der letzten Strecke nach Antwerpen einem anderen Kapitän übergab. Seine »Marijkje« tanzte auf den unruhigen, von Wind und den Gezeiten aufgewirbelten Wasserläufen wie ein Korken und gab Lea einen Vorgeschmack dessen, was sie auf offener See erwarten mochte. In den Stunden, in denen sie von Brechreiz und Krämpfen geplagt auf ihrer Matte lag, wünschte sie, Jochanan wäre bei ihr, denn er hätte Verständnis für ihren Zustand gehabt. Zudem setzte ihre Monatsblutung ein. Auf früheren Reisen war das kein Problem gewesen, da sie überall trockenes Moos finden und leicht wieder entsorgen konnte, während ein Lederbeutel im Korb die blutigen Stoffstreifen aufnahm, aber sie wusste noch nicht, wie sie sich in der Enge des Schiffes unauffällig sauber halten konnte.
Orlando schien gegen die Seekrankheit immun zu sein, brachte Lea jedoch fürsorglich eine Schüssel, in die sie sich übergeben konnte, und kühlte ihre schweißnasse Stirn mit einem in scharfe Essenzen getauchten Lappen, dessen Geruch ihre bohrenden Kopfschmerzen linderte.
»Kopf hoch, Leon«, sagte er am Nachmittag eines düsteren und wolkenverhangenen Tages zu Lea. »Der Schif-fer sagt, dass wir unser Ziel noch heute vor Sonnenuntergang erreichen werden.«
Die Nachricht brachte Lea dazu, ihren Weltschmerz für einige Augenblicke zu vergessen. »Dem Gott meiner Väter sei Dank!«, flüsterte sie mit grauen Lippen.
»Rufe die heilige Jungfrau, den heiligen Christophorus oder sonst einen der unzähligen Heiligen der Christenheit an, aber sage nichts, was dich in den Verdacht bringen könnte, ein heimlicher Jude zu sein. Die Spitzel der Inquisition lauern auch in den Küstenhäfen, von denen Schiffe nach Spanien abgehen«, wies Orlando sie zurecht.
»Bei der heiligen Jungfrau von Guadeloupe, ich wollte, wir hätten Antwerpen schon erreicht. Reicht dir das?« Leas Stimme klang ärgerlich und erstaunlich kräftig für ihren elenden Zustand. Trotz seiner Hilfsbereitschaft war ihre Meinung von Roland Fischkopf auf einen Tiefpunkt gesunken, und sie hasste ihn sogar dafür, dass er von ihr verlangt hatte, ihn zu duzen. Für sie war das ein Verlust an Distanz zu einem Mann, der in ihren Augen aus schnöder Geldgier handelte und sie nun zum Kumpanen seiner krummen Geschäfte machte. Während er ihr die Geografie, die Sitten und die wichtigsten Worte aus anderen Dialekten der Iberischen Halbinsel beigebracht hatte, war in ihr immer wieder die Frage aufgetaucht, wie viele Juden und Konvertiten er gegen Gold und edle Steine aus Kastilien und Aragon hinausgeschmuggelt und was er mit den Leuten gemacht hatte. Manchmal fürchtete sie sogar, sie könne es mit einem Menschenhändler zu tun haben, und sie war bereit anzunehmen, dass er auch Sklaven verkaufte.
Orlando ignorierte Leas bohrenden Blick und ihre schlechte Laune. »Ja, die heilige Jungfrau von Guadeloupe ist eine starke Nothelferin«, sagte er laut. »Du solltest ihr eine Kerze opfern, wenn wir heil ankommen.«
Er strich ihr über das schweißnasse Haar und deutete nach oben. »Ich gehe wieder an Deck und schaue, ob ich erkennen kann, wo wir jetzt sind. Wenn wir in den Hafen von Antwerpen einlaufen, hole ich dich.«
»Sag mal, bin ich für dich nur ein Gepäckstück, das du hier verstaut hast und nach Belieben wieder mitnehmen kannst?«
Orlando grinste wie ein übermütiger Junge. »Für was ich dich halte, will ich lieber nicht sagen. Aber sei versichert, ich habe eine hohe Meinung von dir.« Damit zog er den Segeltuchvorhang hinter sich zu und zurrte ihn fest, so dass niemand in das kleine Abteil hineinschauen konnte. Schnell kämpfte Lea sich auf die Beine, nahm den Trinkwasserschlauch und ein Tuch aus ihrem Gepäck und versorgte sich, so gut es ging. Dann wickelte sie ihr Brustband neu, das sich gelockert hatte, und streifte ihr von der Reise schon arg schmutziges Hemd mit spitzen Fingern über. Um wie viel leichter war es doch gewesen, sich unterwegs im Schutz eines Gebüschs an einem Bachlauf zu waschen, während Jochanan aufpasste, dass sie nicht überrascht wurde. Währenddessen war Orlando aufs Hinterdeck gestiegen und zu van Duyl getreten, der ihn zu sich gewinkt hatte.
»Seht Ihr, Mijnheer Fischkopf? Da schält sich Antwerpen aus dem Dunst, und es gibt eine gute Nachricht für Euch. Von einem Fischer habe ich gerade erfahren, dass sich die Gesandtschaft des Herzogs noch in der Stadt befindet. Daher werdet Ihr Euch von Euren fünf Gulden trennen müssen.«
»Nichts, was ich lieber täte.« Orlando klopfte dem Kapitän gönnerhaft auf die Schulter und trat an die Reling, um bei der Einfahrt Ausschau nach ihm bekannten Schiffen zu halten. Es mochten befreundete Kapitäne darunter sein, Männer, von denen er Neuigkeiten erfahren konnte, aber auch andere, die Lea als verdächtige Person an die Spanier verraten würden, wenn sie »Leon de Saint Jacques« in seiner Gesellschaft erblickten. Die Rheinbarke kämpfte sich durch hohe Wellen, deren Kämme über das Deck liefen und Orlandos Stiefel durchnässten, bevor sie durch die Speigatten wieder abflossen. Orlando sah kurz an sich herab und seufzte, als ihm klar wurde, dass er sein Schuhwerk kräftig würde bürsten müssen, um die weißen Salzränder wieder loszuwerden. Dennoch blieb er stehen, den Blick auf die Stadt gerichtet, die sich immer deutlicher aus dem trüben Himmel schälte.
Die steife Brise aus Nordwest half der »Marijkje« zusammen mit der auflaufenden Flut, gegen die Strömung der Schelde anzukämpfen, so dass Orlando bald schon den hoch aufragenden Turm der Pauluskerk und die stark bewehrte Burg des herzoglichen Pflegers erkennen konnte, die sich schützend neben den Hafenanlagen ausbreitete.
Die »Marijkje« war das kleinste Schiff, das sich von See her Antwerpen näherte. Gegen die wuchtigen Koggen und Karacken, die diese Strecke befuhren, wirkte sie beinahe wie ein Beiboot. Als sich ein englischer Segler ihr von achtern näherte, um sie zu überholen, flogen Spott und Beleidigungen herüber. Marinus van Duvl spuckte nur ins Wasser und legte das Ruder einen Strich herum, damit das braunrote Großsegel seiner Barke mehr Wind fasste. Innerhalb kürzester Zeit wurde die »Marijkje« schneller, und der anmaßende Engländer blieb hinter ihnen zurück.
Wie versprochen, machte die »Marijkje« noch vor Einbruch der Nacht am Kai fest. Orlando bezahlte dem Schiffer die vereinbarte Summe plus der fünf Gulden und einem Trinkgeld für die Mannschaft und bedankte sich für die schnelle Fahrt. Dann stieg er unter das Vorder-deck, um Lea zu holen. Im Schein der Laterne, die ein Matrose mittschiffs aufgehängt hatte, wirkte ihr Gesicht immer noch grünlich, doch sie stand auf ihren Füßen und hielt ihren Reisesack in der Hand.
»Komm, ich trage deine Sachen«, bot Orlando ihr an, erntete aber nur ein abwehrendes Kopfschütteln.
»Dann eben nicht.« Er nahm sein eigenes Gepäck und bedeutete Lea mit einer Geste, vorauszugehen, damit er ihr helfen konnte, wenn sie auf der Leiter strauchelte. Es war jedoch nicht nötig, denn ein Matrose streckte ihr die Hand entgegen und half ihr an Deck. Als Orlando oben ankam, hatte sie das Schiff bereits verlassen und stand mit erleichtertem Gesicht auf festem Boden. Marinus van Duvl verhandelte bereits mit einem Gehilfen des Hafenmeisters, der sich die Ausführungen des Holländers gut gelaunt anhörte. Orlando unterbrach das Gespräch und meldete sich und Leon de Saint Jacques als Passagiere an. Da der Beamte ihn kannte, wünschte er ihm nur einen guten Aufenthalt und erfolgreiche Geschäfte.
Als sie den Hafen verließen, sah Lea ihren Begleiter neugierig an.
»Treffen wir heute noch auf die Gesandtschaft?«
»Nein, wir suchen Freunde auf, die uns Obdach gewähren werden«, antwortete Orlando, während er auf einen der beiden Wächter des Hafentors zuging, ihm die Torsteuer mit einem Trinkgeld in die Hand drückte und lachend auf eine für Lea unverständliche Bemerkung im gleichen Dialekt antwortete.
Als Lea am nächsten Morgen erwachte, starrte sie verwirrt auf die Wände des Holzkastens, in dem sie lag. Zu ihrer Linken ließ ein handtellergroßes Fenster Luft und fernen Straßenlärm hinein, und auf der anderen Seite gab es zwei Türflügel, die mit einem primitiven, auch von außen zu öffnenden Riegel zusammengehalten wurden. Jetzt dämmerte es ihr, dass sie sich in einem landesüblichen Alkovenbett befand, löste die Türen, die wie von selbst aufschwangen, und streckte die Füße ins Freie. Dann aber bemerkte sie, dass sie sich ja bis auf das dünne Hemd ausgezogen hatte und zog die Bettdecke bis zum Kinn hoch. Wenn jemand sie so sah, würde er sofort erkennen, dass der angebliche Bankier in Roland Fischkopfs Begleitung in Wirklichkeit eine Frau war.
Sie richtete sich so auf, dass die Decke weiterhin ihre Gestalt verhüllte, und sah sich um. Zu ihrer Erleichterung befand sie sich allein im Raum. Doch eine Schüssel mit Wasser, Handtücher und Rasierzeug wiesen darauf hin, dass ein dienstbarer Geist im Raum gewesen war, um dem Gast die Morgentoilette zu ermöglichen.
Lea warf die Decke ab, huschte zur Tür und klemmte einen der beiden Stühle unter die Klinke, um vor unverhofft auftauchenden Besuchern sicher zu sein. Danach zog sie sich aus, wusch sich und kleidete sich mit aller Sorgfalt an. Um keinen Verdacht zu erregen, nahm sie das Rasierzeug, schäumte den Pinsel kräftig ein und spülte ihn dann nachlässig aus, damit es so aussah, als hätte sie ihn gebraucht. Nach einem kurzen Blick in den Kupferspiegel, der über dem Waschtisch hing, klebte sie ein paar
Seifenflocken an das Rasiermesser und ihr rechtes Ohrläppchen und verließ dann mit einem zittrigen Seufzer das Zimmer.
Ein Diener zeigte ihr den Weg zum Frühstückszimmer, in dem sie ihren Begleiter und den Hausherrn im Gespräch vertieft vorfand. Am Tag zuvor war sie zu erschöpft gewesen, um ihren Gastgeber richtig wahrzunehmen. Jetzt sah sie einen mittelgroßen, hageren Mann an der Schwelle zum Greisenalter vor sich, der mit einem einfachen braunen Hausmantel bekleidet war, Filzpantoffeln trug und eine Wollkappe auf seinen grauen Schopf gestülpt hatte. Der Mann umklammerte Roland Fischkopfs Hände und schüttelte sie mit offensichtlicher Begeisterung. Ohne sich umzudrehen rief er nach jemanden mit dem Namen Marita. »Komm her, Töchterchen, und begrüße unseren Retter.«
Ein schlankes Mädchen von etwa siebzehn Jahren in einem schlichten Kleid schlüpfte an Lea vorbei ins Zimmer, eilte auf Roland Fischkopf zu und küsste die Hand, die ihr Vater eben losließ. »Don Orlando! Welche Freude, Euch zu sehen.«
Lea starrte ihren Begleiter verwundert an und trat neugierig näher. Wieso trug Roland hier einen spanischen Vornamen?
Orlando begrüßte das Mädchen mit jenem Lächeln, mit dem man Kinder bedenkt.
Marita hingegen verschlang ihn geradezu mit verliebten Blicken.
»Don Orlando, ich habe jeden Tag gebetet, dass Ihr bald wieder zu uns kommen werdet.«
Lea fragte sich, warum das Mädchen sich bei Rolands - nein, bei Orlandos - Anblick so töricht benahm. Führten sich christliche Jungfrauen beim Anblick eines jungen, unverheirateten Mannes immer so auf, oder war tatsäch-lich etwas Besonderes an dem angeblichen Hamburger Handelsagenten, der hier mit einem spanischen Adelstitel angeredet wurde? Unwillkürlich musterte Lea Orlando mit den Augen einer Frau und fand, dass er ein ausgesprochen gut aussehender Mann war, mit einer Spur Draufgängertum und Verwegenheit in den Zügen, die wohl besonders anziehend auf heiratsfähige Mädchen wirkten. Der Gedanke versetzte Lea einen Stich, obwohl sie jeden Verdacht, sie könne sich für diesen Mann oder irgendeinen anderen interessieren, weit von sich gewiesen hätte. Sie war froh, für die Außenwelt als Mann zu gelten, und hatte nicht vor, etwas daran zu ändern.
Mit einem spöttischen Lächeln hörte sie zu, wie Marita Don Orlandos Mut, seine Klugheit, seine Entschlossenheit und einige andere Eigenschaften, die Lea bis jetzt noch nicht an ihm entdeckt hatte, in höchsten Tönen pries, während ihr Vater jedes ihrer Worte enthusiastisch bestätigte. Zunächst amüsierte sie sich darüber, aber dann begriff sie, dass Orlando diese beiden Menschen tatsächlich vor den Folterkellern der Inquisition bewahrt hatte, und schämte sich für ihre abwertenden Gedanken. Auch wenn Orlando es für Geld tat, so hatte er, wie sie jetzt erfuhr, schon vielen Menschen jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft das Leben gerettet.
In dem Moment bemerkte Orlando, dass Lea an der Tür stand, und löste sich sanft von Marita, deren Anbetung ihm offensichtlich peinlich war. Sein Blick blieb einen Moment mit einem um Verzeihung bittenden Ausdruck auf Lea haften, so als wollte er sich für das Benehmen der Tochter seines Gastgebers entschuldigen.
»Du bist ja schon aufgestanden, Leon. Nachdem es dir gestern so schlecht ging, hatte ich nicht erwartet, dich so früh zu sehen.«
Er trat neben Lea, fasste sie bei den Schultern und schob sie auf den Gastgeber zu. »Senor Lorresta, Ihr habt meinen Begleiter Leon de Saint Jacques bereits gestern Abend gesehen, doch er ist erst jetzt in der Lage, Euch für Eure Gastfreundschaft zu danken.«
»Eure Freunde sind mir stets willkommen, Don Orlando, und wenn sie sich bei uns wohl fühlen, ist das der größte Dank«, wehrte Lorresta ab.
»Don Orlando?« Lea hob interessiert die Augenbrauen. »Wie es scheint, seid Ihr ein Mann mit vielen Namen, Herr Fischkopf.«
»Herr Fischkopf?« Orlando krauste missbilligend die Nase.
»Auf dem Schiff waren wir per du, mein lieber Leon. Und was meinen Namen betrifft, so wollte ich dir schon seit einigen Tagen erklären, dass man mich hier ebenso wie in Spanien unter dem Namen Orlando Terasa kennt. Den wirst du dir merken müssen, denn meine Gewährsleute wissen nichts von dem Namen, den man mir in Hamburg verpasst hat.«
Plötzlich kniff er die Augen zusammen und trat auf Lea zu. »Du hast noch Rasierschaum am Ohr, Leon.« Er streckte die Hand aus, strich über ihr Ohrläppchen und hielt ihr ein Flöckchen Seifenschaum vor die Nase.
Innerlich atmete er erleichtert auf. Wie es aussah, fiel Lea die doppelte Verwandlung in einen Mann und einen Christen leichter, als er zu hoffen gewagt hatte. Er bewunderte die junge Jüdin, die jeder Wendung des Schicksals zu begegnen wusste und auf jedes Problem eine Antwort fand. Trotzdem war er sich nicht sicher, ob sie die Gefahren meistern würde, die nun auf sie warteten. Eine für ihn wichtige Probe stand noch aus. Während Marita auf einen Wink ihres Vaters in die Küche eilte, um das Frühstück auftragen zu lassen, fädelte Orlando ein Gespräch in kastilischer Sprache über den Seehandel zwi-schen dem Mittelmeer und den Hansestädten und die darin engagierten Kaufmannsgesellschaften und Bankhäuser ein. Lea ging sofort darauf ein und saugte die Informationen wie ein Schwamm auf, so dass die Unterhaltung bald nur noch von ihr und Senor Lorresta bestritten wurde. Orlando selbst zog sich bis an die holzgetäfelte Wand zurück, lehnte sich dagegen und beobachtete die beiden. Lorresta war ein Mann, dem man so schnell nichts vormachen konnte, und wenn er nur den geringsten Zweifel an »Leons« Person erkennen ließ, würde er Lea nicht nach Spanien schicken.
Einen Mann darzustellen war für sie zur zweiten Natur geworden, aber Orlando zweifelte immer noch daran, ob sie es fertig brachte, ihre Herkunft zu verbergen. Sollte Lorresta jedoch nicht entdecken, dass sein junger Gesprächspartner Jude war, würden auch die Schergen der Inquisition keinen Verdacht schöpfen. Einerseits wünschte er sich geradezu, Lorresta würde etwas auffallen, denn es bereitete ihm beinahe körperliche Schmerzen, sich auszumalen, was Lea in Spanien alles widerfahren konnte. Andererseits hoffte er natürlich, dass sie diese letzte Prüfung bestand, denn er hatte sonst niemanden, den er an ihrer Stelle schicken konnte - außer sich selbst. Verriet Lea sich, würde er das väterliche Verbot ignorieren und das Wagnis eingehen, auch wenn es wahrscheinlich seinen Tod bedeutete.
Je länger das Gespräch dauerte, umso offensichtlicher wurde es, dass ihr Gastgeber sogar bedauerte, dass Leon nicht zu jener Gruppe von Conversos und wieder zum Glauben der Vorväter zurückgekehrten Juden gehörte, deren Handelsbeziehungen sich langsam die Küsten von Flandern, Holland und dem Reich entlang spannten, denn einen solchen hätte er in das Netzwerk eingebunden, dessen Basis persönliche Freundschaften und gegenseitiges
Vertrauen waren. So aber behandelte er seinen jungen Gast eben wie den christlichen Vertreter eines bekannten Bankhauses, lobte Leons Wissen über die Geschäftswelt und mehr noch seine Bereitschaft, so viel wie möglich dazulernen zu wollen.
Nach dem Frühstück, das aus Bier, Brot, Käse und Fisch bestand, ließ Lorresta seine Gäste allein, und Orlando wollte die Gelegenheit nutzen, Lea letzte Anweisungen und Ratschläge zu geben. Zunächst wanderte er unruhig im Zimmer hin und her und überlegte, was in der Kürze der Zeit am wichtigsten war.
»Dein Kastilisch ist mittlerweile so gut geworden, dass du dich in Spanien zurechtfinden wirst«, begann er, um das ihm unangenehme Schweigen zu durchbrechen.
Lea zuckte mit den Schultern. »Was man von meinem Französisch nicht behaupten kann. Hältst du es für richtig, mich unter einem französischen Namen auftreten zu lassen?«
»Ich versichere dir, es gibt viele Familien im Reich, deren Vorfahren aus Frankreich eingewandert sind und die ihr Französisch längst verlernt haben. Also wird sich niemand wundern, solange du bei der Geschichte bleibst, die wir besprochen haben. Jetzt aber möchte ich mit dir noch einmal die Leute durchgehen, die ich dir genannt habe. Hast du dir ihre Namen und ihr Aussehen gut eingeprägt? Und auch die Losungsworte, die dich als meinen Freund ausweisen?«
»Du hast mich an den Herzog von Medicaneli und an Alonso de Quintanilla, den Berater des Königspaars, verwiesen. Ich frage mich allerdings, wie ich an Vertreter des kastilischen und des aragonischen Hochadels herankommen soll. Auch kann ich mir nur schwer vorstellen, dass jener Juan Perez als Abt von La Rabida mich unterstützen wird. Als früherer Schatzmeister der Königin Isabella von
Kastilien müsste er doch auf Seiten der Inquisitoren stehen, oder nicht? Für mein Gefühl kann ich ihm ebenso wenig trauen wie diesem Jose Albanez aus dem Kloster San Juan de Bereja. Christliche Äbte, die verfolgten Juden helfen, kann ich mir einfach nicht vorstellen.«
Orlando ignorierte ihren Einwurf. »Die wichtigsten Namen hast du dir also gemerkt. Jetzt nenne mir die Losungsworte, die du aber nur bei ihnen selbst aussprechen darfst, und die Namen und Kennworte der anderen Gewährsleute.«
Während er ihr Wissen abfragte, lief er wie ein gefangenes Tier durch den Raum und wirkte einige Male so abwesend, als wären seine Gedanken ganz woanders. Mit einem Mal aber ging ein Ruck durch seine Gestalt, und er wies auf die Tür. »Gut gemacht. Du hast dir tatsächlich alles gemerkt. Nun aber geh und hol deine Sachen. Es ist Zeit für dich aufzubrechen. Der Wind steht gut, und das Schiff der Botschafter wird mit der nächsten Flut auslaufen.«
»Kommst du nicht mit? Es muss mich doch jemand bei den Herren einführen.«
Orlando hob die Augenbrauen, die sich auf seinem ungewohnt bleichen Gesicht wie Kohlestriche abzeichneten. »Nein, denn dann würde man mich fragen, warum du an meiner Stelle mitfährst. Weise einfach die Schreiben vor, die ich dir mitgegeben habe. Sie werden dich ausreichend legitimieren.«
»Und was soll ich sagen, wenn man mich nach dir fragt?«
Orlando dachte kurz nach und lachte in komischer Verzweiflung. »Sag ihnen, ich wäre krank geworden, und deswegen hätten die Herren Eelsmeer und Deventer dich geschickt.«
»Dann wollen wir hoffen, dass alles so klappt, wie du es dir vorstellst.«
Der Spott in Leas Stimme verriet Orlando, dass Zweifel an ihr nagten. In seinen Augen schadete das ihrer Mission nicht, denn sie würde noch wachsamer und vorsichtiger sein, als sie es schon gewohnt war, und alles tun, um nicht aufzufallen. Während er sie zur Tür schob, gab er ihr noch ein paar völlig überflüssige Ratschläge mit auf den Weg und zeigte dann auf den Mann, der draußen auf dem Flur wartete.
»Wie ich sehe, hat Senor Lorrestas Hausdiener dein Gepäck schon nach unten gebracht. Er wird es für dich zur >Zwaluw< tragen, denn es sähe seltsam aus, wenn du deine Sachen selbst schleppen müsstest.«
»Wünsche mir Glück!«, bat Lea ihn leise.
»Mehr als du dir vorstellen kannst. Möge Gott dir beistehen.«
Orlandos Stimme klang so belegt, als müsse er Tränen zurückhalten.
Lea konnte nichts mehr sagen, denn gerade kehrte Lor-resta zurück und verabschiedete sich wortreich von Herrn de Saint Jacques und wünschte ihm eine gute Reise. Lea antwortete ihm so artig, wie sie es mit halbzugeschnürter Kehle vermochte, und winkte Orlando noch einmal kurz zu.
Als sie die Straße betrat, öffnete er das Fenster, um ihr nachzusehen. Neben dem kräftigen Knecht wirkte sie so klein und schutzlos, dass Orlando sich am Fensterrahmen festhielt, um ihr nicht auf der Stelle nachzulaufen und sie zurückzuhalten.
Etwa zur selben Zeit, in der sich Lea auf den Weg zu dem Schiff machte, das Herzog Maximilian für seine Gesandtschaft angemietet hatte, klopfte der Eigner der »Marijkje« an das Tor des Dominikanerklosters in der Sint Bavostraat nahe des Paardenmarkts. In der Hand hielt er den Brief, den er von einem Bingener Gastwirt erhalten hatte.
Die kleine Luke in Augenhöhe öffnete sich, und ein Pförtner blinzelte mit vom vielen Wachen und Beten rotgeränderten Augen hinaus. »Was wünschst du, mein Sohn?«
»Verzeiht, ehrwürdiger Vater, doch ich habe eine Botschaft für Euren spanischen Mitbruder Miguel Esquedra zu überbringen.« Marinus van Duyl hielt den Brief dabei so, dass der Pförtner die Anschrift lesen konnte. Für einen Augenblick sah es so aus, als wollte der Mönch durch die Luke langen und den Brief an sich nehmen, doch dann bat er den Kapitän zu warten und schlurfte davon. Kurz darauf hörte van Duyl ihn mit einem Begleiter zurückkommen. Die kleine, im Tor eingelassene Pforte schwang auf, und man winkte ihm einzutreten. Van Duyl sah sich einem mageren Mönch mit dunklem, kurz geschorenem Bart und fanatisch glühenden Augen gegenüber, der ihn verächtlich musterte.
»Du sagst, du hättest eine Botschaft für mich?«
Man konnte dem Holländer ansehen, dass er Esquedra das Schreiben am liebsten in den Mund gestopft hätte, denn er war eine solch herablassende Behandlung nicht gewöhnt. Aber er begnügte sich damit, ihm das zusam-mengefaltete und mit Wachstropfen verschlossene Papier hinzuhalten. Das Wachs zerbröckelte unter den Fingern des Spaniers, und er riss den Brief auseinander, als wollte er die Störung rasch beenden. Sein verkniffenes Gesicht nahm schon nach den ersten Zeilen einen überraschten Ausdruck an, und als er fertig war, spielte ein Lächeln um seine Lippen.
»Du bist in diesen Tagen rheinabwärts gefahren?«
»Ja!«, antwortete der Kapitän knapp und bequemte sich dann zu einer genaueren Auskunft. »Ich kam von Straßburg.«
Der Mönch starrte ihn an wie einen Braten nach der Fastenzeit.
»Es fahren nicht viele Schiffe rheinabwärts bis nach Antwerpen. Sag, hattest du einen Passagier mit dem Namen Roland Fischkopf an Bord?«
Van Duyl sah, wie die Hand des Mönches unter seine Kutte glitt, und hörte Münzen klirren. Sofort wurde er freundlicher.
»Sehr wohl, ehrwürdiger Vater. Der Mann versprach mir ein gutes Trinkgeld, wenn ich die Stadt vor der Abfahrt der burgundischen Gesandtschaft erreichen würde.«
Esquedras Lächeln schwankte zwischen Triumph und demütiger Dankbarkeit. »Der Himmel scheint unsere Gebete erhört zu haben. Hab Dank, mein Sohn, dass du diese Botschaft so rasch besorgt hast. Im Himmel ist dir reicher Lohn gewiss.«
Er streckte dem konsternierten Kapitän, der eine andere Belohnung erwartet hatte, die Hand zum Kuss hin. Von Duyl drückte seine Lippen darauf und wollte sich schon enttäuscht abwenden, als Esquedra ihn zurückhielt.
»Deine Botschaft ist nicht nur ihren Lohn im Himmel wert, sondern auch auf Erden«, sagte er mit salbungsvoller Stimme und zählte dem Schiffer sechs kastilische Rea-les in die Hand. Der Kapitän nickte zufrieden, denn damit hatte sich das Trinkgeld, das er von Orlando erhalten hatte, beinahe verdoppelt.
Bevor er sich bedanken konnte, hatte Esquedra sich zurückgezogen, und der Pförtner winkte ihn hinaus und schloss hinter ihm die Tür. Van Duyl starrte auf das Geld und kratzte sich am Kopf. Die Nachricht musste ungewöhnlich wichtig gewesen sein, denn die Diener Gottes fielen sonst eher durch ihre offenen Hände auf als durch Freigiebigkeit.
Esquedra rannte unterdessen wenig würdevoll den Kreuzgang des Klosters entlang, bog in einen dunklen Korridor ein und riss eine Tür auf. Der Raum dahinter war so mit Pergamentrollen und gebundenen Büchern vollgestopft, dass die Wände kaum noch zu erkennen waren, und den einzig freien Platz in der Mitte nahm ein Schreibpult ein, an dem ein Mönch den Text eines vergilbten und teilweise schon löchrigen Pergaments auf weißes Papier übertrug. Der Mann blickte verärgert auf, doch bevor er ein Wort des Tadels von sich geben konnte, überreichte Esquedra ihm den Brief. »Lies, Bruder Jaime. Der Fisch ist dabei, uns in die Reuse zu schwimmen.«
Bruder Jaime legte vorsichtig die Gänsefeder zur Seite, nahm Holzingers Brief entgegen und überflog ihn. Seine Augen weiteten sich vor Überraschung. »Das ist unglaublich. Nein, so verrückt kann nicht einmal Orlando Terasa sein. Glaubst du, dass dieses Schreiben echt ist?«
»Ganz bestimmt! Der Schiffer, der mir diese Nachricht überbrachte, hat mir erzählt, er habe einen Roland Fischkopf nach Antwerpen gebracht, der sich der Delegation der Burgunder anschließen wollte. Orlando Terasa scheint sich einzubilden, er wäre unter den Gesandten des Herzogs vor unserem Zugriff sicher. Doch da hat er sich getäuscht. Wir werden seine Ankunft mit einem schnellen
Schiff nach Spanien melden, damit unsere Brüder ihm einen warmen Empfang bereiten können.«
Esquedra lachte hämisch, während sein Klosterbruder ein unbeschriebenes Blatt Papier vom Stapel nahm und zu schreiben begann.
»Gott hat diesen Dämon mit Blindheit geschlagen, um ihn in unsere Hände zu geben«, sagte er dabei.
Als Lea die »Zwaluw« vor sich sah, atmete sie erleichtert auf. So ein großes Schiff hatte sie noch nie gesehen, auch wenn man ihr diesen Schiffstyp schon beschrieben hatte. Es handelte sich um eine dreimastige Ka-racke, deren Bauweise die der Koggen allmählich ablöste. In diesem Typ hatte sich die Schiffsbaukunst der nördlichen Meere mit dem Können und den Erfahrungen des Südens vereinigt und eine Schiffsform geschaffen, die in der Lage war, weite Strecken zu segeln und große Lasten zu tragen.
Die »Zwaluw« war auch für diese Fahrt mit Handelsgütern beladen worden, wenn auch nicht mit so vielen, wie Kapitän Jan Ruyters normalerweise mitgenommen hätte. Die Mitglieder der burgundischen Gesandtschaft brauchten viel Platz, und so hatte Ruyters das Zwischendeck durch dünne Wände unterteilen lassen und auf diese Weise Kabinen für seine Passagiere geschaffen. Der Bauch des Schiffes war jedoch den Handelsgütern vorbehalten. Der Kapitän hoffte auf ein zweifaches Geschäft, auch wenn er nicht sicher war, wann er die Passage für seine Gesandtschaft erhalten würde, denn der Herzog war als säumiger Zahler bekannt. Ruyters war jedoch nicht unzufrieden, denn sein Anteil an der »Zwaluw« betrug nur ein Achtel, und die Eigner der anderen Teile würden ihre Ausgaben durch herzogliche Privilegien doppelt und dreifach hereinbringen und ihn dabei nicht vergessen.
Dem jungen Burschen, der von einem schwer belade-nen Knecht begleitet wurde, schenkte er zunächst keine Beachtung. Erst als dieser auf das Deck der »Zwaluw« kletterte und sich forschend umsah, bequemte er sich, seinen Platz vor dem Steuerhaus zu verlassen.
»Wenn Ihr dieser Bankenmensch Fischkopf seid, dann habt Ihr Euch aber reichlich Zeit gelassen.« Es klang bärbeißig, denn wäre die »Zwaluw« nicht durch einen Sturm im Hafen festgehalten worden, so hätte Ruyters wegen dieses Mannes warten müssen und dabei Zeit und Geld verloren.
»Leon de Saint Jacques zu Diensten«, stellte Lea sich mit einer angedeuteten Verbeugung vor. »Auf Herrn Fischkopf wartet Ihr vergebens. Ich bin an seiner Stelle hier.«
»Das müsst Ihr mit den Herren des Herzogs ausmachen. Ich verlasse den Hafen, sobald die Flut abläuft.« Ruyters schnaubte verärgert über diese neue Verwicklung und übergab seinen Passagier der Obhut seines Zahlmeisters, der eilig herangewieselt kam.
Lea ließ sich von dem Mann in die Tiefen des Schiffes führen. Da sie als Letzte der Gesandtschaft an Bord gekommen war, musste sie sich mit dem Platz zufrieden geben, den die anderen übrig gelassen hatten. Lorrestas Diener folgte ihr mit dem Gepäck und lud es schließlich an dem Ort ab, den der Zahlmeister ihm anwies. Lea gab dem Diener eine Münze als Trinkgeld und verabschiedete ihn. Der Zahlmeister sah ihm sichtlich verwirrt nach.
»Nehmt Ihr Euren Diener nicht mit? Er könnte bei den Matrosen im Vorschiff schlafen.«
»Ich bin gewohnt, selbst für mich zu sorgen.« Lea nickte dem Mann freundlich zu und sah sich in dem engen Verschlag um, in dem sie die nächsten Tage und Wochen hausen musste. Er enthielt vier Kojen, je zwei zu zwei übereinander gebaut und nach vorne so weit geschlossen, dass die Schläfer auch bei rauem Seegang nicht hinausfallen konnten. Der Gang zwischen ihnen war zu schmal, um zwei Leute zugleich aufzunehmen, und das einfache Bettzeug deutete an, dass hier keine Herren von Stand, sondern die Diener der ranghöchsten Gesandtschaftsmitglieder schliefen. Wie es aussah, stand Roland Fischkopf als Vertreter des Bankhauses Eelsmeer und Deventer in keinem hohen Ansehen.
Lea störte es nicht. Sie war gewohnt, mit schlechten Schlafplätzen vorlieb zu nehmen, und da sie auf ihren Reisen öfter in überfüllten Kammern oder mit vielen anderen unter einem halb offenen Schutzdach hatte schlafen müssen, konnte sie auch damit gut umgehen. Wie Orlando ihr versichert hatte, gab es auf einem so großen Schiff Örtlichkeiten, in denen die Passagiere ihre körperliche Notdurft verrichten konnten, ohne sich den Blicken der Matrosen aussetzen zu müssen. Dort würde sie ihr Brustband richten und die Binden wechseln, die sie im Augenblick tragen musste.
Solange man sie nicht mit Gewalt auszog, würde sie ihr Geschlecht verbergen können, und gegen körperliche Gewalt konnte sie sich inzwischen zur Wehr setzen. Als der Zahlmeister, der ihr noch wortreich erklärt hatte, welche Bereiche des Schiffes die Passagiere betreten durften und welche nicht, endlich ging, steckte sie einen ihrer beiden Dolche zwischen die dünne Matratze und die Wand, so dass sie ihn im Liegen jederzeit erreichen konnte. Den anderen ließ sie sichtbar am Gürtel hängen.
Einen Teil ihres Gepäcks konnte sie in dem noch freien Kasten verstauen, der mit drei anderen auf der Gangseite hinter den Betten angebracht war. Die Seekiste aber musste draußen bei den anderen bleiben, war als oberste aber leicht zu öffnen. Nach einem letzten Blick auf ihr neues Domizil kletterte Lea die Leiter zum Oberdeck hoch, um sich nach dem Anführer der Gesandtschaft umzusehen.
Anders als bei ihrer Ankunft wimmelte es nun hier oben von Matrosen, die vom Kapitän hin und her gescheucht wurden und an allen möglichen Seilen zerrten und zurrten. Die Gesandten des Herzogs und ihre Diener, die es bei dem stürmischen Wetter der letzten Tage vorgezogen hatten, im »Gouden Leuw« am Marktplatz zu übernachten, kamen in kleinen Gruppen an Bord. Obwohl Ruyters drängte und über die Trödelei schimpfte, schienen sie das Wort Eile noch nie gehört zu haben. Die meisten von ihnen warfen einen misstrauischen Blick auf das Wasser und machten ein Gesicht, als würden sie die nächsten Wochen lieber in einem französischen Kerker verbringen als an Bord dieses Schiffes.
Lea erkannte einige Mitglieder der Delegation. Es waren Männer aus dem Gefolge des Herzogs, die sie zusammen mit Orlando in der Nähe von Vesoul getroffen hatte. Einige Augenblick kämpfte sie mit der Angst, man könne sie als den Juden entlarven, der Maximilians Zeche ausgelegt hatte, doch niemand schenkte ihr Beachtung. Frans van Grovius, der die Delegation anführte, stieß sie im Vorbeigehen achtlos beiseite, stach auf den Kapitän zu und herrschte ihn an, ob dieser verdammte Fischkopf endlich angekommen sei.
Lea trat auf van Grovius zu. »Leon de Saint Jacques, zu Euren Diensten, edler Herr. Ich bedaure, Euch mitteilen zu müssen, dass Herr Fischkopf leider verhindert ist und ich seine Stelle als Vertreter der Bankiers Eelsmeer und Deventer einnehme.«
Van Grovius drehte sich zu Lea um, starrte sie empört an, ohne dass Erkennen in seinen Augen aufblitzte, und schlug mit seiner behandschuhten Rechten gegen die Reling. »Es war der Wille des Herzogs, dass Roland Fischkopf uns begleiten soll. Was könnte ihn daran hindern, meinem Herrn zu gehorchen?«
»Ein gebrochenes Bein«, log Lea ungerührt. »Ich bedauere die Verspätung, aber die Nachricht erreichte mich erst vor wenigen Tagen.«
Van Grovius winkte verächtlich ab. »Meinem Herrn kann es gleichgültig sein, welcher Bankknecht an unserer Reise teilnimmt. Du wirst dich in Spanien im Hintergrund halten und uns das Reden überlassen, hast du mich verstanden? Ich habe es von Anfang an für überflüssig gehalten, deinesgleichen mitzunehmen.«
Lea fand van Grovius unerträglich arrogant. Sein Auftreten hatte keine Ähnlichkeit mehr mit dem Mann, der sich an jenem Abend bei Vesoul als angenehmer Gesprächspartner erwiesen hatte. Wie viele Menschen, die in der Gegenwart ihrer Herren den Kopf gesenkt hielten, behandelte er, wenn er sich als Ranghöchster fühlte, jene, die unter ihm standen, schroff und herablassend. In gewisser Weise war Lea seine Haltung ganz lieb, denn wenn sie in Spanien nicht gebraucht wurde, konnte sie ihre oder vielmehr Roland Fischkopfs Pläne ungehindert verfolgen.
Der Kapitän verließ seinen Platz auf dem Heckkastell und forderte die Passagiere barsch auf, das Deck für die arbeitenden Matrosen zu räumen und nach unten zu verschwinden. Van Grovius schüttelte abwehrend den Kopf. »Ich bleibe hier und sehe zu, wie das Schiff ablegt«, erklärte er in einem Ton, der eigentlich keinen Widerspruch zuließ.
Bei Ruyters geriet er damit jedoch an den Falschen. »Das ist mein Schiff, und auf meinem Deck halten sich beim Ablegen nur die Männer auf, die arbeiten müssen, und niemand, der ihnen vor den Füßen herumstolpert, verstanden?«
Van Grovius sah einen Moment so aus, als wollte er den Kapitän niederschlagen, doch dann drehte er sich um und stieg zähneknirschend die steile Leiter ins Zwischen-deck hinab. Seine Begleiter folgten ihm wie eine Herde Schafe, unter die Lea sich wie selbstverständlich mischte.
Als sie ihre Kabine betrat, war von ihren Mitbewohnern niemand zu sehen. Lea nahm an, dass sie ihre Herren bedienen mussten, und sah kurz darauf mehrere in Livreen steckende Männer mit Platten voller Speisen, Weinkannen und Körben mit Brot und Obst durch den Gang eilen. Anscheinend hatten van Grovius und die anderen Edelleute beschlossen, ihr unterbrochenes Mittagsmahl auf dem Schiff fortzusetzen. Lea erinnerte sich nur mit Grausen an ihre Erfahrungen auf der Rheinbarke und wünschte den Herren im Stillen guten Appetit.
Gleichzeitig schüttelte sie sich, denn sie fürchtete, selbst wieder der Seekrankheit zum Opfer zu fallen. Wenn sie hier so schwach und elend wurde wie auf der »Marijkje«, würde es ihr kaum möglich sein, in der Enge des Zwischendecks ihre wahre Identität zu verbergen.
Oben steigerte sich das Gebrüll des Kapitäns zu einem schier ohrenbetäubenden Dröhnen. Das Schiff schaukelte stärker und legte sich auf die Seite, während das Klatschen der Wellen auf der Bordwand zeigte, dass es Fahrt aufnahm. Die Reise, die sie bis ins ferne Spanien führen sollte, hatte begonnen.
Im Gegensatz zu Marinus van Duyl, dessen ganzes Bestreben einer möglichst raschen Fahrt gegolten hatte, zählte Jan Ruyters zu den eher vorsichtigen Kapitänen. Er ließ nicht mehr Segel setzen, als es brauchte, um die »Zwaluw« in gemütlicher Fahrt die Schelde hinabzusteuern, und so machte das Schiff seinem Namen, der Schwalbe bedeutete, keine Ehre. Lea war froh um die gemächliche Reise, denn so konnte sie sich besser an die Tücken des Seegangs gewöhnen. Da die »Zwaluw« um einiges größer war als die »Marijkje«, bewegte sie sich gemächlicher und schüttelte ihre Passagiere auch nicht so durch. Trotzdem fühlten sich die meisten von Leas Mitreisenden schon kurz nach der Abfahrt hundeelend, allen voran die Herren um Frans van Grovius, die zu Anfang kräftig getafelt hatten. Die Edelleute stöhnten und jammerten zum Steinerweichen, während ihre ebenfalls grün-gesichtigen Diener ihnen Schüsseln hinhalten mussten, in die sie sich erleichtern konnten.
Die »Zwaluw« beherbergte mehr als hundert Menschen, die auf engstem Raum zusammengepfercht waren, und die Seekrankheit machte das Schiff für etliche Stunden zu einer ganz eigenen Art von Hölle. Die weniger angesehenen Mitglieder der Gesandtschaft und die Bediensteten wurden von den Matrosen unbarmherzig an Deck getrieben, wo sie an der Reling stehend unter dem Gelächter der Seemannschaft die Fische fütterten. Zwei von Leas Kabinengenossen gehörten zu den Opfern, während der Dritte zwar verschont blieb, sich aber ständig um seinen leidenden Herrn kümmern musste. So hatte Lea zu ihrer Erleichterung die Kabine den Rest des Tages für sich allein. Als es dunkelte, ließ Ruyters den Anker werfen, um sein Schiff nicht durch eine nächtliche Fahrt durch die von Untiefen durchzogene Westerschelde zu gefährden. Das sanfte Wiegen der »Zwaluw« schläferte Lea bald ein, und sie erwachte am Morgen mit dem sicheren Gefühl, auf dieser Fahrt von der Seekrankheit verschont zu bleiben.
Im Gegensatz zu den anderen Passagieren ließ sie sich das Frühstück schmecken und ging dann an Deck. Der Himmel war noch immer düster, doch der Wind hatte abgeflaut und wehte nun mehr von Norden, so dass die »Zwaluw« auf ihrem westlichen Kurs nicht mehr dagegen ankreuzen musste. Lea sah zu, wie das Bugspriet des Schiffes in der Dünung kreisende Bewegungen vollführte, und schmeckte das Salz in der Luft. Es konnte nicht mehr weit sein bis zum offenen Meer. Bevor sie es jedoch erreichten, legte Ruyters noch einmal in Vlissingen an, um einen Lotsen an Bord zu holen. Erst am nächsten Tag wagte sich die »Zwaluw« auf die offene Nordsee hinaus. Jetzt sah Lea zum ersten Mal Wasser, das ohne Grenzen bis zum Horizont reichte, und bekam nun doch Angst vor der grauen, wogenden Masse um sich herum.
Zu ihrer anfänglichen Erleichterung dachte Ruyters nicht daran, den Bug einfach in die See hinauszurichten und bis Spanien zu fahren. Er segelte in Sichtweite der Küste nach Südwesten, steuerte für die erste Übernachtung Brügge an und ließ dort frische Lebensmittel und Wasser an Bord bringen. Die zweite Nacht verbrachte die »Zwaluw« im Hafen Gravelingen. Als der Kapitän sich dann gezwungen sah, den Machtbereich des Burgunderherzogs zu verlassen, steuerte er auf England zu, um der französischen Küste nicht zu nahe zu kommen.
In diesen Tagen lernte Lea die übrigen Mitglieder der burgundischen Gesandtschaft kennen. Es waren allesamt Herren von Stand, Ritter, Barone und Grafen in Gewändern aus Samt und Seide, die vor goldenen Stickereien und aufgenähten Edelsteinen nur so strotzten. Die Barette und Hüte der Herren waren mit unzähligen Reiherfedern geschmückt, und die Finger ihrer behandschuhten Hände verschwanden fast unter protzigen Ringen. Lea kam sich vor wie ein Rebhuhn, das unter eine Schar von Pfauen geraten war. Die Herren benahmen sich auch wie diese Vögel, denn sie prunkten ständig mit ihren Namen und den Stammbäumen ihrer Familien. Frans van Grovius, ihr Anführer, war Flame, doch die meisten von ihnen sprachen Französisch oder Deutsch, denn das Herzogtum Burgund umfasste Gebiete aller drei Sprachkreise.
Da Lea nicht zu den Bediensteten zählte, aber von den Edelleuten auch nicht als gleichberechtigtes Mitglied der Gesandtschaft angesehen wurde, wusste man zunächst nichts mit Leon de Saint Jacques anzufangen. Ihre Kajütengenossen und die anderen Diener begegneten ihr mit einer gewissen Scheu und bemühten sich, ihr nicht zu nahe zu treten, und der engere Kreis um Frans von Grovius sah über sie hinweg, als wäre sie Luft. Die restlichen Begleiter der Gesandten, die als Schreiber und Archivare fungieren sollten, waren zumeist Angehörige des Kleinadels, die weniger Vorurteile pflegten und den Bankmenschen allmählich akzeptierten.
Zu ihrem Entsetzen bemerkte Lea bald, dass man sie wegen des Namens, den Roland Fischkopf ihr aufgezwungen hatte, für einen Mann von niederem Adel hielt, aber zumindest wunderte sich niemand über ihr schlechtes Französisch. Es gab genügend andere an Bord, deren Namen auf eine Sprache hinwies, die sie kaum beherrschten, denn in einem Land wie Burgund zählte nur der Stand eines Mannes.
Lea hatte sich nach kurzer Zeit so in ihre Rolle hineingesteigert, dass sie sich beleidigt fühlte, als ein paar der jungen Herren darüber spotteten, dass im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation jeder geadelt werden konnte, der Kaiser Friedrich III. ein paar tausend blanke Gulden auf die Hand zählte. Damit spielten sie in erster Linie auf die italienischen Geschlechter der Gonzaga und Visconti an, die erst kürzlich eine Erhöhung ihrer Titel und Würden vom Kaiser erhalten hatten, ließen aber durchblicken, dass sie den Adel derer de Saint Jacques ebenfalls als gekauft ansahen.
Lea reagierte nicht auf diese Provokationen, denn sonst hätte sie sich fragen lassen müssen, wieso ein Bankiersbote ein Adelsprädikat trug und sich nicht einfach Leon Saint Jacques nannte. Jetzt ärgerte sie sich, weil sie sich von Orlando nicht hatte erklären lassen, warum er sie als Mann von Stand auftreten ließ, denn dann hätte sie sich etwas wohler gefühlt.
Vier junge Männer in ihrem Alter schienen keine Abneigung gegen Bankiers zu haben, denn sie nahmen sie in ihren Kreis auf und speisten mit ihr zusammen, als wären sie seit jeher Kameraden gewesen. Der Ranghöchste von ihnen war Laurens van Haalen aus Gent, der van Grovius als Sekretär diente, und um ihn herum scharten sich die beiden Freunde Thibaut de Poleur und Herault de la Massoulet aus der Grafschaft Hainault und der Schwabe Heimbert von Kandern. Jeder der drei hatte ein spezielles Aufgabengebiet, das ihnen an Bord der »Zwaluw« jedoch nur wenig Arbeit verschaffte. So saßen sie meist an Deck, blickten aufs Meer hinaus und unterhielten sich über Gott, die Welt und Spanien. Für Lea hatte die Bekanntschaft den Vorteil, dass sie ihr Französisch verbessern konnte und mehr über die Absichten des Burgunderherzogs erfuhr.
Natürlich sollten Maximilians Pläne streng geheim gehalten werden, aber sowohl die Spitzen der Gesandtschaft wie auch ihr Gefolge hatten kaum etwas anderes zu tun, als darüber zu diskutieren, ob die ins Auge gefassten Verlobungen Wirklichkeit werden konnten. Darüber hinaus schien der Herzog sich Hoffnungen auf eine kräftige militärische Unterstützung durch Kastilien und Aragon zu machen und hatte seinem Botschafter aufgetragen, Soldaten und Ausrüstung nach Möglichkeit gleich mitzubringen. Lea zweifelte am Erfolg der Mission, zumindest, was diesen Teil betraf, denn sie hatte von Orlando erfahren, dass Königin Isabella und ihr Gemahl vor allem den Krieg gegen Granada und die endgültige Niederwerfung der Mauren im Sinn hatten, aber sie durfte sich ihre Skepsis nicht anmerken lassen.
Da das müßige Geschwätz nicht dazu geeignet war, den unbeschäftigten jungen Herren die Langeweile zu vertreiben, stachelten sie sich gegenseitig zu immer neuen Mutproben an. Kapitän Ruyters musste sie mehr als einmal von den Masten herunterjagen lassen, auf denen sie in ihrem Übermut herumkletterten und die Matrosen behinderten. Den Vogel schoss jedoch Thibaut de Poleur ab. Für die Mitglieder der Delegation standen vier kleine, wie Schwalbennester am Heck klebende Verschläge für ihre Notdurft zur Verfügung, während die Schiffsbesatzung ungeniert an der windabgewandten Seite des Schiffes über die Reling urinierte. Für das große Geschäft kletterten die Matrosen auf ein unter dem Bugspriet gespanntes Netz und ließen dort die Hosen herunter. Nach vollbrachter Tat holten sie an einem Seil ein im Wasser hängendes zer-fleddertes Tauende ein, mit dessen Hilfe sie sich den Hintern putzten, bevor sie auf das feste Deck zurückkehrten.
Nach dem Genuss etlicher Becher burgundischen Weines kam de Poleur auf den Gedanken, es den hartgesotte-nen Seeleuten gleichzutun. Unter dem johlenden Beifall seiner Freunde kletterte er auf das Netz hinaus, wobei er sich nicht nur des Weines wegen um einiges schwerer tat als die Matrosen, und löste, während er sich mit der linken Hand krampfhaft an einer Leine festhielt, mit der Rechten seinen Gürtel. Weiter kam er nicht, denn die Ledersohlen seiner Schuhe rutschten auf dem glitschigen Tauwerk ab, und er stürzte über den Rand des Netzes ins Wasser.
Um nicht Zeuge von de Poleurs verrücktem Vorhaben werden zu müssen, hatte Lea sich zum Schiffsheck zurückgezogen. Der erschreckte Aufschrei der anderen ließ sie an die Reling eilen, und als sie über die Bordwand blickte, sah sie de Poleur hilflos mit den Armen schlagend auf sich zutreiben. Ohne nachzudenken griff sie nach einer Taurolle, die neben ihr hing, und warf de Poleur ein Ende zu. Der junge Mann, der im eisigen Nordseewasser auf einen Schlag nüchtern geworden war, packte das Seil und war kaltblütig genug, es mehrmals um den Arm zu wickeln, damit es ihm nicht aus den Händen gerissen wurde. Lea hatte das andere Ende um einen Belegnagel geschlungen, der in einer Halterung steckte, und versuchte, den Mann an Bord zu ziehen, doch ihre Kräfte waren zu gering. Zum Glück hatten mehrere Matrosen den Zwischenfall bemerkt und eilten ihr zu Hilfe. Kurz darauf stand de Poleur wieder auf dem trockenen Deck. In seinem durchnässten Wams und den auf den Knien hängenden Strumpfhosen wirkte er lächerlich, und das war ihm durchaus bewusst. Trotzdem bedankte er sich zuerst überschwänglich bei seinem Freund Leon, bevor er seine Hose hochzog, um seine Blöße zu bedecken.
»Das war wirklich Hilfe in höchster Not! Ich werde es dir nie vergessen und dir in ewiger Freundschaft verbunden bleiben, glaube mir! Aber eins ärgert mich gewaltig.«
»Was denn?«, fragte Lea verblüfft.
De Poleur deutete nach achtern, wo in der Ferne ein bunter Gegenstand auf den Wellen schaukelte. »Bei dem Ganzen habe ich meinen Hut verloren. Er hat mich fünf Gulden gekostet - und das war noch ein guter Preis. Jetzt wird Neptun ihn aufsetzen und sagen, dass Thibaut de Poleur einen ausgezeichneten Geschmack hat.«
Herault de la Massoulet musste lachen. »Sei doch froh, dass er nur deinen Hut bekommt und nicht auch noch deine Schuhe, Hosen und dein Wams und dich gleich mit dazu. Nimm in Zukunft den Abtritt, wie es sich für einen Edelmann gehört.«
De Poleur nickte leicht geknickt. »Du hast Recht. Ein Bad im Salzwasser reicht mir. Es brennt abscheulich in den Augen.«
Lea tippte ihn auf die Schulter. »Du solltest unter Deck gehen und dich umziehen, sonst holst du dir in dem kalten Wind noch den Tod.«
»Ach, Leon, du hast wie immer Recht. Manchmal denke ich, durch deine Adern rinnt Salzwasser, denn du wirkst immer so kühl und beherrscht.« De Poleur konnte schon wieder lächeln, wenn es auch noch kläglich wirkte.
»Danke Gott dafür, denn sonst könntest du jetzt deinen Charme an Neptuns Töchtern erproben.« De la Mas-soulet gab ihm einen freundschaftlichen Klaps und schob ihn unbarmherzig auf die Leiter zu, die ins Zwischendeck führte.
Diese Begebenheit vertiefte die Freundschaft zwischen Lea und den vier jungen Männern und stärkte auch ihre Position an Bord. Thibaut de Poleur überschüttete sie förmlich mit seinem Dank, und selbst van Grovius ließ ihr durch Laurens von Haalen seine Anerkennung aussprechen. Der Einzige, den der Zwischenfall nicht zu kümmern schien, war der Kapitän. Als die englische Küs-te in Sicht kam, steuerte er als Erstes den Hafen von Sandwich an, in dem sie die Nacht verbrachten, und segelte dann in gemütlichen Etappen den Kanal entlang. Rhye, Portsmouth, Torquay und Plymouth waren seine nächsten Ziele. Lea und ihre Begleiter nutzten die Zeit in den Häfen, um sich die Füße zu vertreten und das Angebot der englischen Tavernen zu erproben. Während de Poleur und die anderen über die einheimische Küche spotteten, war Lea sehr damit zufrieden. In Wasser gekochtes Gemüse sowie gekochtes oder gebratenes Rind- und Lammfleisch machten es ihr leichter, wenigstens halbwegs nach den Regeln ihres Glaubens zu leben, ohne dabei aufzufallen. Die Tiere waren zwar nicht geschachtet worden, wie es für fromme Juden vorgeschrieben war, doch in ihren Augen war das das kleinere Übel.
Nachdem mit Falmouth der letzte englische Hafen hinter ihnen zurückgeblieben war, richtete Jan Ruyters den Bug seines Schiffes nach Südwesten und ließ alle Segel setzen, so dass die »Zwaluw« mit einem Mal über das Wasser zu fliegen schien. Vom Zahlmeister erfuhr Lea, dass der Kapitän sowohl den bedrohlichen Herbststürmen im Golf von Biscaya wie auch den von Brest und Saint Malo aus operierenden französischen Kaperschiffen entgehen wollte. Gelänge es Karl VIII. von Frankreich, die Gesandten seines Feindes Maximilian in die Hände zu bekommen, besäße er nicht nur ein Faustpfand, sondern würde auch versuchen, ihnen die Kriegspläne des Burgunderherzogs zu entreißen.
Bis dahin hatte Lea die Seereise eher für einen vergnüglichen Ausflug gehalten und war überzeugt gewesen, frühestens in Spanien Gefahren begegnen zu können. Nach dieser Auskunft aber machte ihr jedes Segel Angst, das der Mann im Ausguck meldete. Auch zeigten ihr die hohen Wogen des Atlantischen Ozeans, die sich im Golf von
Biscaya auftürmten und die »Zwaluw« wie eine Nussschale auf dem Wasser tanzen ließen, dass auch dieses große Schiff dem Wüten der Naturgewalten hilflos ausgeliefert war. Jetzt verstand sie, warum die Matrosen, die sie für eisenharte Kerle gehalten hatte, bei jeder Gelegenheit ihre Heiligen anriefen und um Schutz anflehten. Sie selbst konnte den Gott ihrer Väter nur in Gedanken bitten, sie unversehrt an ihr Ziel zu bringen.
Um die »Zwaluw« von Frankreichs Küsten fern zu halten, musste Jan Ruyters sein Schiff etliche hundert Meilen über die offene See steuern, und daher war kein anderer an Bord so erleichtert wie er selbst, als im Süden die Berge Asturiens über der Kimm erschienen. Er umrundete Kap Ortegal im ehrfurchtsvollen Abstand und lief auf die galizische Stadt La Coruna zu, den nächstgelegenen spanischen Hafen im Norden. Die Aufregung an Bord steigerte sich mit jeder Meile, die sich die »Zwaluw« der Küste näherte. Als das Schiff schließlich im Hafen lag, erwartete nicht nur Lea, dass sie von Bord gehen und von La Coruna aus über Land weiterreisen würden. Doch vor dem Schiff zogen Soldaten auf, und deren Kommandant verbot jedermann, das Schiff zu verlassen. Einige der Edelleute, die gehofft hatten, auf dem Weg zu den spanischen Königen den Wallfahrtsort Santiago de Compostela besuchen und dort am Grab des heiligen Jakobus beten zu können, beschwerten sich zunächst höflich, aber als man ihnen schroffe Antworten gab, vergaßen sie, was sie ihrem Stand schuldig waren, und zeterten wie Marktweiber.
Die Flüche halfen ihnen jedoch ebenso wenig wie ihre Bitten. Der Offizier erlaubte dem Kapitän nur, Frischwasser zu fassen, und schickte ihm einen Lotsen mit zwei Gehilfen an Bord, der die »Zwaluw« auf ihrer weiteren Fahrt begleiten sollte. Dieser befahl Ruyters auf der Stelle abzulegen. Lea stellte schnell fest, dass die Augen des angeblichen Lotsen sich mehr mit den Menschen an Bord als mit dem Schiff selbst beschäftigten, und seine Fragen deuteten ebenfalls daraufhin, dass er die Aufgabe hatte, die Gesandtschaft zu überwachen. Jan Ruyters blieb nichts anderes übrig, als den Bug der »Zwaluw« wieder auf die See hinauszurichten. Am späten Nachmittag umrundeten sie Kap Finisterre und segelten in die Nacht hinein. Obwohl die Küste zu ihrer Linken immer in Sichtweite blieb, untersagte ihnen der Lotse, in einen der Häfen einzulaufen, und nachdem sie die Mündung des Min-ho hinter sich gelassen hatten, befahl er einen größeren Abstand zum Land, da das Verhältnis zwischen den Spanischen Reichen und ihrem Nachbarn Portugal nicht ohne Spannungen war und die Gefahr bestand, dass König Joäo II. die »Zwaluw« abfangen ließ.
Für Ruyters hieß dies, dass er die Häfen Portugals ebenso meiden musste wie die französischen. Sein einziger Trost war das gute Wetter und der günstig stehende Wind. Hatte die »Zwaluw« im Norden schon die ersten Ausläufer der gefürchteten Biskaya-Stürme abgeritten, so segelte sie jetzt in einem sich sanft wiegenden, blauen Meer, und schon bald blieben die Kaps von da Roca und Säo Vicente backbord zurück.
Die Stimmung an Bord sank mit jedem Reisetag, und sie hellte sich auch nur kurz auf, als die »Zwaluw« nach einer schier endlos erscheinenden Reise in die Mündung des Guadalquivir einlief und im Hafen von Sanlucar de Barrameda festmachte. Hatten die Mitglieder der Delegation erwartet, dort als Gäste empfangen und auf schnellstem Weg zu Königin Isabella und ihrem Gemahl geleitet zu werden, wurden sie bitter enttäuscht. Zuerst verbot man ihnen, von Bord zu gehen, und als man es ihnen endlich gestattete, waren überall Soldaten aufgezogen.
Dann tauchte ein hoch gewachsener Edelmann mit langem, scharf geschnittenem Gesicht und durchdringenden dunklen Augen auf. Sein grünes, reichlich mit Gold-stickereien verziertes Brokatwams, die roten Kniehosen aus Seide und der an einen Blumentopf erinnernde Samthut, der steif auf dem lockigen, blonden Haar saß, verblüfften die Gäste, und alle Augen folgten ihm, während er den Führer der Gesandtschaft herablassend, aber so freundlich begrüßte, als wäre Frans van Grovius ein willkommener Gast. Der Burgunder verlieh seinem Ärger über diesen seltsamen Empfang in gestelzten Worten Ausdruck, doch der Spanier, der sich ihm als Manuel Alonzo de Coronera, Herzog von Montoya, vorgestellt hatte, erklärte ihm lächelnd, dass die vereinigten Reiche von Kastilien und Aragon sich im Krieg befänden und daher gewisse Maßnahmen unumgänglich seien.
»Der tut so, als wären wir alle Spione der Franzosen oder - noch schlimmer - der Mauren«, raunte Thibaut de Poleur seinen Freunden zu.
Lea gab ihm Recht. Die Spanier behandelten sie trotz ihrer freundlichen Worte wie ungebetene Gäste, die von einer gefährlichen Seuche befallen waren, und trieben die Delegation mitsamt der Dienerschaft wie eine Herde Schafe zum Kloster San Isidro, das eine halbe Stunde außerhalb von Sanlucar de Barrameda lag. Die Spanier hatten einen Teil der Anlage von den Mönchen geräumt und setzten die burgundische Abordnung nun dort fest. Niemand, nicht einmal Frans van Grovius, durfte das schwer bewachte Gelände verlassen. Zu Leas stiller Freude waren die Zellen so klein, dass nur eine Person darin hausen konnte, und so genoss sie zum ersten Mal, seitdem sie Antwerpen verlassen hatte, wieder ihre ungeteilte Privatsphäre. Allerdings bedauerte sie, dass die »Zwaluw« nicht in Palos de la Frontera gelandet war, denn dort hätte man sie im Kloster La Rabida unterbringen müssen, dessen Abt Juan Perez Orlando als einen der Männer bezeichnet hatte, von denen sie Hilfe erwarten konnte.
Leas Freunde de Poleur, de la Massoulet, van Haalen und von Kandern bewohnten die Zellen neben ihr, doch im Gegensatz zu ihr kamen die jungen Männer weder mit den beengten Verhältnissen noch mit der Langeweile zurecht, die sich schon bald wie eine ansteckende Krankheit ausbreitete. Daher begrüßten die vier den Befehl der Spanier, dass sich die Gesandten mit ihrem Gefolge und den Bediensteten auf dem Klosterhof aufzustellen hätten, als willkommene Abwechslung nach dem wochenlangen Eingesperrtsein im Klostergebäude.
Als sie wie Rekruten in Reih und Glied standen und Frans van Grovius vor Wut bereits purpurrot angelaufen war, erschien der Herzog von Montoya. Er war auch diesmal so prächtig gekleidet, dass sein Aufzug das Sonnenlicht wiederspiegelte und die Augen blendete, und trug zudem ein juwelengeschmücktes Schwert an der Seite. Zwei Mönche im schwarzen Habit der Dominikaner begleiteten ihn. Ihre dunklen Augen sogen sich an den Gesichtern der Burgunder fest, als wollten sie jedem von ihnen bis in die Tiefen seiner Seele schauen.
Frans van Grovius trat vor, um gegen die entwürdigende Behandlung zu protestieren. Der Herzog hob die Hand und deutete auf die Burgunder. »Es wäre mir eine Freude, wenn Ihr mir die Mitglieder Eurer Gesandtschaft persönlich vorstellen würdet«, sagte er in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ.
Lea konnte van Grovius' Zähneknirschen nahezu hören, doch der Flame wagte keinen Widerstand. Während er die hohen Herren vorstellte, verbeugten sie sich der Etikette gemäß so, wie es ihrem Rang zukam. Der Spanier erwiderte die Verbeugungen in einer lässigen Art, die zeigen sollte, dass er niemandem Vorrang vor sich selbst einräumte.
Montoyas Interesse galt jedoch weniger den hochran-gigen Edelleuten, sondern dem Schwarm von Begleitern, und die beiden Mönche wirkten, als sie an den jungen Edelleuten vorbeischritten, wie Geier, die auf ein verendetes Wild lauerten. Bei Frans van Haalen stutzten sie, und einer nahm prüfend eine seiner blonden, bis auf die Schultern fallenden Locken zwischen die Finger, um festzustellen, ob die Farbe echt war.
Dann blieben sie vor de la Massoulet stehen, der etwas größer war als Lea und dunkles Haar und einen schmalen Oberlippenbart hatte. Während die Mönche ihn eingehend musterten und sogar um ihn herumgingen, blieb der Herzog ein wenig zurück und versammelte etliche Soldaten in seiner Nähe. Lea musste ein Lachen unterdrücken, denn sie hatte längst begriffen, wen die Spanier suchten. Niemand, der Orlando einmal gesehen hatte, würde ihn mit de la Massoulet verwechseln, denn gegen den verwegenen Handelsagenten wirkte der Wallone höchstens durchschnittlich.
Die Mönche schienen zu dem Schluss zu kommen, dass de la Massoulet nicht der Gesuchte sein konnte, sie schüttelten unmerklich den Kopf und gingen zum Nächsten weiter. Heimbert von Kandern und seiner vierschrötigen Gestalt schenkten sie nur einen flüchtigen Blick, aber de Poleur weckte für einen Moment ihr Interesse. Doch auch er entsprach nicht Orlandos Beschreibung.
Die Mönche ließen einen leisen Ausruf der Enttäuschung vernehmen und wandten sich Lea zu, der vor Angst das Herz in die Hose rutschte. Für einen Moment fürchtete sie, die Leute hätten von Rolands Plan erfahren und besäßen ihr Signalement. Während die Mönche sie musterten, hörte sie ihr Blut in den Ohren rauschen und raffte ihren ganzen Mut zusammen, um die Blicke der Kuttenträger frech zu erwidern. Einer der Mönch winkte verächtlich ab und zog seinen Gefährten weiter, und Lea hörte noch, wie er sie ein Milchgesicht nannte. Dann wandten die Mönche ihre Aufmerksamkeit den Dienern und Knechten der Edelleute zu, wurden bei ihnen aber ebenso wenig fündig.
Die Prozedur dauerte länger als eine Stunde, und danach wurde die Gesandtschaft ohne Angabe von Gründen in ihre Quartiere zurückgeschickt. In den nächsten Tagen brachten Soldaten die Mitglieder der burgundischen Delegation einzeln in die Gemächer des Priors, die Montoya für die Verhöre beschlagnahmt hatte. Während man die hohen Adeligen ihrem Rang gemäß höflich behandelte, nahm man bei ihren Begleitern keinerlei Rücksicht auf irgendwelche Empfindlichkeiten. De Poleur und de la Massoulet wurden jeweils mehr als drei Stunden lang befragt und mussten beinahe über jeden Augenblick Rechenschaft ablegen, den sie auf der »Zwaluw« verbracht hatten.
Als Lea zum Verhör gerufen wurde, fühlten sich ihre Knie so weich an wie feuchte Schwämme, und ihre Ängste gaukelten ihr vor, der berüchtigte Großinquisitor Tomas de Torquemada, von dem es hieß, er entlarve Ketzer und heimliche Juden auf den ersten Blick, würde schon auf sie warten. Aber der Mann, der sie aufforderte, sich auf den bereitstehenden Stuhl zu setzen, war ein ihr unbekannter Dominikanermönch. Er starrte sie eine Weile stumm an, forderte sie dann schroff auf, sich auszuweisen, und kontrollierte jeden einzelnen ihrer Geleitbriefe und Handschreiben so gründlich, als bezweifle er ihre Echtheit. Im Stillen dankte Lea Orlando für seine Voraussicht, denn keines der Schreiben war mit der gleichen Tinte geschrieben oder mit dem gleichen Wachs gesiegelt, und die Herkunft des Papiers und der Grad der Vergilbung waren ebenfalls unterschiedlich. Lea erklärte dem Mönch, der sie mit abwechselnd sanfter und scharfer
Stimme vernahm, dass sie Leon de Saint Jacques hieße, ursprünglich französischer Herkunft sei und sich nun in den Diensten der Herren Eelsmeer und Deventer, der Bankiers Herzog Maximilians, befände. Der Mönch verglich ihre Aussagen mit dem Inhalt ihrer Schreiben und fragte sie dann, ob sich auf der »Zwaluw« noch ein weiterer Passagier befunden hätte, der unterwegs verschwunden sei. Lea wusste nicht, dass Montoya diese Frage bereits dem Lotsen gestellt hatte, der die »Zwaluw« von La Coruna hierher geleitet hatte. Da der Mann sich sicher war, dass niemand während seiner Anwesenheit das Schiff verlassen hatte, wollte man wissen, ob die bewusste Person die »Zwaluw« bereits vor dem ersten Aufenthalt in einem spanischen Hafen verlassen haben könnte.
Lea konnte ihm nicht sagen, ob sich eine weitere Person an Bord befunden hätte, wollte es aber auch nicht ausschließen, da sie weder sämtliche Mitglieder der Gesandtschaft noch die Besatzung des Schiffes persönlich kannte. Der Mönch gab sich schließlich damit zufrieden und winkte ihr, zu gehen. Sie konnte nicht wissen, dass ihre Aussage wie die einiger anderer Mitreisender dazu führte, dass Jan Ruyters und seine Besatzung einem scharfen Verhör unterworfen wurden. Da niemand wusste, wen die Spanier suchten, trugen deren Aussagen noch mehr zur Verwirrung bei. Lea, die eifrig den Gesprächen der anderen Delegationsmitglieder lauschte, entnahm ihnen, dass der Name Roland Fischkopf oder Orlando Te-rasa kein einziges Mal gefallen war, und lächelte in sich hinein. Hätten die Spanier mit offenen Karten gespielt und den Namen des Gesuchten genannt, wüssten sie längst, dass er die »Zwaluw« nicht betreten hatte. So aber verfingen sie sich im Netz ihrer eigenen Geheimniskrämerei und suchten nach einem Gespenst.
Gefolgt von einem seiner engsten Vertrauten schritt der Herzog von Montoya den langen, nur von wenigen Talglampen erhellten Korridor entlang, der zu seinen Gemächern führte, und zog dabei ein Gesicht, als hätte man ihn mit einem Schlag aller Preziosen beraubt. Dabei war er auch an diesem Tag so prächtig gekleidet, als ginge er zu einem Empfang bei Hof. Diego de Arande-la hingegen wirkte in seiner dunkelgrauen Tracht wie eine Krähe neben einem Goldfasan. Doch auch sein Gesicht zeigte deutlich, dass der Misserfolg ihn wurmte.
»Wie konnte es nur passieren, dass uns dieser schleimige Fisch entschlüpft ist, Euer Gnaden? Ich kann mir nicht erklären, wie er das Schiff verlassen konnte, bevor es La Coruna erreichte. Es ist doch jedes Fischerboot im weiten Umkreis kontrolliert worden.«
»Orlando Terasa ist ein Dämon, ein Sohn des Satans, und kennt tausend Schliche. Ich fürchte, die ehrwürdigen Brüder der heiligen Inquisition haben ihn unterschätzt.« Montoya blieb stehen, ballte die Fäuste und starrte Aran-dela dabei so zornig an, als mache er seinen Gefolgsmann für den Fehlschlag verantwortlich. Gleich aber entspannte sein Gesicht sich wieder und der Anflug eines spöttischen Lächelns huschte über seine Lippen.
»Ganz gleich, welchen Weg Orlando Terasa nimmt, er wird uns in die Hände fallen. Ich hatte die Hoffnung gehegt, ihn unter den Burgundern ausfindig machen und ihn ohne große Mühe gefangen nehmen zu können, doch Satan muss ihn gewarnt haben. Aber er wird seiner gerechten Strafe nicht entrinnen, denn unsere Gebete und die der frommen Brüder des Heiligen Offiziums werden die Zaubermacht dieses Teufels brechen.«
Arandela stimmte seinem Herrn beflissen zu, seine Miene drückte jedoch Zweifel aus. »Orlando Terasa wird mit Sicherheit in Eure Falle tappen, Euer Gnaden. Aber ich fürchte, Baramosta und seine Leute könnten den Aufruhr nützen, den die Gefangennahme Terasas hervorrufen wird, und uns entkommen. Sollten wir sie nicht vorher wegschaffen lassen?«
Montoya musterte seinen Gefolgsmann mit einem beinahe mitleidigen Blick. »Nehmt Ihr den Speck aus der Falle, bevor die Maus hineingegangen ist?«
»Gewiss nicht, Euer Gnaden«, würgte Diego de Aran-dela hervor und verwünschte seine Unvorsichtigkeit, dieses Thema überhaupt angesprochen zu haben.
»Ihr solltet die Stellung berücksichtigen, die der Abt von San Juan de Bereja immer noch einnimmt. Jose Al-banez mag zwar nicht mehr so viel Einfluss besitzen wie noch vor zwanzig Jahren, doch er steht immer noch hoch in der Gunst der Königin, und sie würde einen Übergriff auf sein Kloster missbilligen.«
Arandela schüttelte ungläubig den Kopf. »Auch dann noch, wenn wir den Abt als Helfer von Ketzern und Juden entlarven?«
»Albanez wird behaupten, er habe Baramosta und seine Begleiter durch sein Gebet von allen Anfechtungen der Ketzerei reinigen wollen, und Königin Isabella reicht ihm die Hand zum Kuss.« Montoya winkte verärgert ab, öffnete die Tür zu seinen Gemächern und trat ein. Arandela zögerte, ihm zu folgen, doch eine ungeduldige Geste seines Herrn zeigte ihm, dass er noch nicht entlassen war.
Ein Diener erschien, um nach den Wünschen des Herzogs zu fragen. Montoya wies ihn an, Wein zu servieren, und führte Arandela in eine kleine Kammer, in der ein von Papieren überquellender Tisch und mehrere bequeme Stühle standen. Ein mit Büchern gefülltes und von einem jetzt offen stehenden Vorhang verdecktes Regal nahm die gesamte Längswand ein, und an der Stirnseite des Raumes gab es ein schmales, von Kniehöhe bis zur Decke reichendes Fenster aus bemaltem Glas. Es zeigte den Apostel Jakobus als gewappneten Ritter, der den Emir von Sevilla in den Staub warf.
»Ich werde Sanlucar morgen verlassen und an den Hof zurückkehren«, erklärte Montoya ansatzlos. »Der Feldzug gegen Granada steht unmittelbar bevor, und es ist meine heilige Pflicht, die Maden, die sich am Fleisch des christlichen Spaniens mästen, in ihre Schranken zu weisen.«
»Dafür werdet Ihr andere Waffen benötigen als Worte, Euer Gnaden, denn die Königin vertraut diesen Leuten.«
»Sie sind Nachkommen von Mauren und Juden, die sich nach außen eine christliche Haut übergestreift haben, und eine Beleidigung für die Edlen Kastiliens und Ara-gons, denn ihre Falschheit schreit zum Himmel! Trotz ihres scheinheiligen Gehabes sind sie Ketzer und Heiden geblieben, die heimlich ihren dämonischen Riten frönen.« Der Herzog schlug mit der geballten Faust auf den Tisch und erschreckte den Diener, der Don Diego eben den Wein einschenken wollte, so dass ein Teil der roten Flüssigkeit über Arandelas Ärmel floss.
»Kannst du nicht aufpassen, du Tölpel?«, schrie Montoyas Vertrauter den Lakaien an und trat ihm gegen das Schienbein, so dass der Mann vor Schmerz aufstöhnte.
Der Herzog schenkte dem Zwischenfall keine Beachtung, sondern starrte düster auf den von der Abendsonne erleuchteten Sankt Jakobus und wünschte sich, mit den Feinden Spaniens und der heiligen Kirche, wie er seine persönlichen Gegner bezeichnete, ebenso umspringen zu können wie der heilige Ritter mit den Mauren.
»Orlando Terasa ist der Schlüssel zu der Ketzerei, die uns umgibt. Er kennt all die Heuchler und Götzenanbeter, die unser Land den höllischen Heerscharen ausliefern, und wird uns unter der Folter ihre Namen nennen. Dann, Don Diego, kommt unsere große Stunde.«
Arandela hegte gewisse Zweifel an den Visionen seines Herrn und wechselte daher schnell das Thema. »Was soll mit den Burgundern geschehen, Euer Gnaden? Wollt Ihr sie in ihre Heimat zurückschicken?«
Montoya überlegte kurz. »Nein, nein, sie werden erst einmal hier bleiben. Ich entscheide später, was mit ihnen geschehen soll. Ihr werdet Euch in der Zwischenzeit ihrer annehmen.«
Arandelas Miene war anzusehen, wie wenig es ihm be-hagte, sich von seinem Herrn trennen zu müssen. So wie es verschiedene Gruppen gab, die am königlichen Hof miteinander um die Gunst des Königspaars wetteiferten, stritten auch die Gefolgsleute der Großen um Macht und Einfluss, und er befürchtete nicht ganz zu Unrecht, dass seine Konkurrenten um die Gunst des Herzogs versuchen würden, ihn in seiner Abwesenheit auszustechen. Doch der einzige Weg, sich das Wohlwollen seines Herrn zu erhalten, war, Montoyas Befehle strikt auszuführen und nicht zu versagen. Daher beugte er schicksalsergeben das Haupt und bat den Herzog um letzte Instruktionen.
Am nächsten Tag verließ Manuel Alonzo de Coro-nera, Herzog von Montoya, das Kloster San Isidro bei Sanlucar, um an den Hof zu reisen. Für Lea und ihre Begleiter änderte sich dadurch nichts, außer dass es keine quälenden Verhöre mehr gab und die Aufregung wieder einer lähmenden Langeweile Platz machte. Frans van Grovius und die anderen hohen Herren, die erwartet hatten, in Spanien wie hochgeehrte Gäste empfangen zu werden, fühlten sich in San Isidro eingekerkert wie unerwünschte Eindringlinge oder gar Spione.
Stellte diese Behandlung schon eine kaum mehr zu entschuldigende Beleidigung dar, so drehte Diego de Arande-la noch den Dolch in der Wunde herum, indem er über das zweite Ansinnen des Burgunderherzogs spottete und den Gesandten gegenüber keinen Zweifel daran aufkommen ließ, dass Herzog Maximilian keinen einzigen Spießträger erhalten würde. Die Kräfte von Kastilien und Aragon seien im Kampf gegen die Mauren gebunden, erklärte er van Grovius hochfahrend und wischte dessen Gegenargumente wie die Worte eines aufmüpfigen Dieners beiseite.
Lea erfuhr von van Haalen, der als van Grovius' Sekretär an den Verhandlungen teilnahm, was hinter den verschlossenen Türen vor sich ging, und machte sich ihre eigenen Gedanken. Während ihre Freunde außer sich vor Zorn waren, weil die Spanier ihnen gegenüber einen so überheblichen Stolz an den Tag legten, verstand sie die Haltung der kastilischen und aragonischen Edelleute. In einer Zeit, in der die Heere unter dem Halbmond das mehr als tausendjährige Byzantinische Reich niedergeworfen und den Balkan überrannt hatten und nun Ungarn und das Römische Reich der Deutschen bedrohten, waren die Spanier die Einzigen, die den Kriegern des Islam erfolgreich die Stirn boten und sich anschickten, das letzte Maurische Reich auf spanischem Boden zu vernichten. Die Soldaten, die die Gesandtschaft bewachten, sprachen über kaum etwas anderes als ihre Hoffnung, noch am Krieg teilnehmen zu können und zu erleben, wie die Mauern Granadas brachen und die Schätze der märchenhaften Stadt ihren Eroberern in die Hände fielen.
»Was glaubst du, Leon, werden die Spanier mit uns machen?«, fragte de Poleur eines Abends, als die Sonne das Meer im Westen wie ein riesiger, blutroter Ball berührte und den ganzen Horizont in Flammen zu setzen schien.
»Ich weiß es nicht«, antwortete Lea mit hochgezogenen Schultern.
»Sie werden uns wieder auf die >Zwaluw< stecken und nach Hause schicken«, sagte Heimbert von Kandern so bestimmt, als hätte er den Befehl schon vernommen.
»Das will ich nicht hoffen!« Leas Stimme klang so panikerfüllt, dass ihre Freunde sich spöttisch ansahen. Ein Fehlschlag musste wohl einen herben Verlust für das Bankhaus darstellen, welches ihr kühler Freund vertrat.
Tatsächlich aber galt Leas Sorge ihrem wahren Auftrag. Wenn die Delegation zurückgeschickt wurde, konnte sie nichts für die Conversos tun, die verzweifelt auf Hilfe warteten. Vor ihrem inneren Auge zogen die Leute wie eine geisterhafte Prozession an ihr vorbei, ausgezehrte Männer, Frauen und Kinder, die auf Scheiterhaufen gebunden wurden und sich im Angesicht einer grölenden Menschenmenge in den Flammen wanden. So weit durfte es nicht kommen, schwor sie sich, und wenn sie aus dem
Kloster fliehen und sich auf eigene Faust durch das ganze Land schlagen musste. Ihr wurde bewusst, dass sie das wohl bald würde tun müssen, denn sie war auf die Schiffer angewiesen, die gegen gemünztes Gold das Risiko auf sich nahmen, Flüchtlinge aus dem Land zu schmuggeln.
Orlando hatte ihr zwei Kapitäne genannt, denen sie vertrauen konnte. Den Ersten von ihnen, den Genueser Filippo Ristelli, würde sie wohl verpassen, denn er sollte Orlandos Informationen zufolge im November oder Dezember den Hafen von Alicante anlaufen. Die Zeit reichte einfach nicht mehr, Baramosta und seine Verwandten zu finden und Verbindung zu dem Schiffer aufzunehmen. Also musste sie auf Angelo Scifo aus Palermo warten, dessen Ankunftszeit noch ungewisser war als die von Ris-telli. Er konnte ebenso gut im Februar auftauchen wie im April.
Während Leas Gedanken um ihre Aufgabe und die Probleme kreisten, die sich vor ihr auftürmten, diskutierten ihre Freunde ebenfalls, was sie tun konnten, um dieser unwürdigen Situation ein Ende zu bereiten. Der leicht entflammbare de Poleur schlug vor, den nächsten spanischen Edelmann, der ihnen nicht passte, zum Zweikampf zu fordern. Van Haalen, der etwas schwerfällig wirkte, gab zu bedenken, dass es nicht ihre Aufgabe sei, die Ritter Spaniens zu dezimieren, die sich zum Sturm auf Granada bereitmachten. Ein paarmal sprachen die vier auch Lea an, doch diese saß mit angespanntem Gesicht auf einer Mauerkante und starrte blicklos in die Ferne.
»Leon träumt mal wieder«, spottete Heimbert von Kandern gutmütig. Kaum hatte er es ausgesprochen, schweiften auch seine Gedanken ab. Er musste an den heimatlichen Schwarzwald denken, in dem jetzt, Anfang November, bereits der erste Schnee fiel.
Auch Lea dachte an zu Hause und fragte sich, wie ihre
Familie während ihrer langen Abwesenheit zurechtkam. Sie konnte nur hoffen, dass Elieser und Rachel ihre Aufgaben erfüllten und sich wenigstens um das Notwendigste kümmerten, denn wenn die beiden den Markgrafen verärgerten, würde sie bei ihrer Rückkehr nur noch einen Trümmerhaufen vorfinden.
Der Winter war in diesem Jahr früher als sonst eingetroffen.
Zu St. Martin hatte noch die Sonne geschienen, wenn es auch bereits kalt gewesen war, doch in den Tagen danach schneite es ununterbrochen, und die bewaldeten Hänge des Schwarzwalds färbten sich weiß. In Harten-burg lag der Schnee kniehoch, und die Leute mühten sich ab, um die Gassen der Stadt begehbar zu halten.
Elieser ben Jakob berührte der Wechsel der Jahreszeiten nur wenig. Er saß in seiner warmen Stube und las den Brief, den Ruben ben Makkabi ihm geschrieben hatte. Eigentlich war der Brief an Samuel gerichtet, doch da seine Schwester schon seit etlichen Wochen in der Ferne weilte, hatte er das Siegel erbrochen. Von den geschäftlichen Dingen, die in dem Schreiben angesprochen wurden, verstand er nicht viel, aber der persönliche Teil, dem der Absender mehrere Seiten gewidmet hatte, interessierte ihn umso mehr. Ruben drängte auf die seit langem ins Auge gefasste Doppelhochzeit zwischen seinem Sohn Jiftach und Lea sowie seiner Tochter Hannah und Samuel, und er zeigte sich enttäuscht, weil Samuel immer noch Ausflüchte hatte. Elieser kicherte, als er sich vorstellte, wie Lea sowohl mit Jiftach als auch mit dessen Schwester unter den Hochzeitsbaldachin trat. Ruben ben Makkabi würde aus allen Wolken fallen, wenn er die Wahrheit erfuhr. Um seinen Spaß mit einem vertrauten Menschen zu teilen, rief Elieser Rachel zu sich und reichte ihr das Schreiben. Sie überflog es und warf es mit einer Geste des Abscheus zu Boden.
»Lea muss meschugge gewesen sein, einen ehrenwerten Mann wie Rabbi Ruben auf so erbärmliche Weise zu hintergehen. Hannah und Jiftach vergeuden ihre besten Jahre, während Lea durch die Welt zieht, Reichtümer scheffelt und uns wie Gefangene hält.«
In ihrer Wut auf die Schwester unterschlug sie, dass sie ein besseres Leben führte als die meisten christlichen Mädchen in Hartenburg und Elieser die Stadt in Jochanans Begleitung jederzeit verlassen konnte, um nach Sulzburg, Freiburg oder Straßburg zu reisen, wo es bedeutende jüdische Gemeinden gab.
Elieser hob das Schreiben wieder auf und las es noch einmal. Anders als Lea, die genau wusste, dass es kein bindendes Eheversprechen gab, nahm er Ruben ben Makkabis Worte für bare Münze. Da es jedoch keinen Samuel mehr gab, den Hannah hätte heiraten können, war es geradezu seine Pflicht, dieses Verlöbnis einzugehen. Auch wenn Merab von Zeit zu Zeit bereit war, seine männlichen Bedürfnisse zu befriedigen, so war sie doch nur ein Dienstbote. Er war der eigentliche Erbe seines Vaters, auch wenn Lea derzeit die Geschäfte für ihn führte, und deswegen verpflichtet, einen Sohn zu zeugen, der seinen Namen weiterführte, und den konnte ihm keine Magd gebären. Zudem zeigte Merab auch nach etlichen Monaten regelmäßigen Verkehrs keine Neigung, schwanger zu werden.
»Ruben ben Makkabi darf es niemals erfahren.« Rachel deutete auf das Blatt in Eliesers Händen, und ihre Stimme klang schrill vor Aufregung.
»Was denn?«, fragte Elieser verblüfft.
»Die Sache mit Lea und Samuel.«
Elieser sah seine Schwester an, als hätte er ein unverständiges Kind vor sich. »Wie stellst du dir das vor? Samuel existiert nun einmal, auch wenn Lea ihn nur spielt.
Ruben ben Makkabi hat ihn ja schon öfter als Gast in seinem Haus empfangen.«
»Dann wird Samuel eben sterben! Wenn Lea nach Hause kommt, muss sie ihre Männersachen verbrennen und darf nicht mehr als Mann herumlaufen. Unseren Bekannten sagen wir, unser Bruder sei auf seiner letzten Reise gestorben.«
Elieser schüttelte lachend den Kopf. »Und das, nachdem genügend Leute gesehen haben, dass Samuel wohlbehalten nach Hartenburg zurückgekehrt ist? Liebe Rachel, das nimmt uns keiner ab.«
»Sollen wir denn ewig wie Fliegen in einem Spinnennetz in Leas Schlichen gefangen sein?«
Elieser lehnte sich zurück und blickte seufzend zu ihr auf. »Natürlich nicht. Sie wird, wie vereinbart, Jiftach ben Ruben heiraten und ich an Samuels Stelle dessen Schwester Hannah. Samuel selbst wird es danach nicht mehr geben. Doch dazu benötigen wir Ruben ben Mak-kabis Hilfe. Er ist ein kluger, erfahrener Mann und wird wissen, was zu tun ist.«
Rachel hob entsetzt die Hände. »Du wirst unser Gesicht schwärzen, wenn du ihm sagst, wie unsere Familie gegen die Sitten und Gesetze unseres Volkes verstoßen hat!«
»Unsinn. Ruben ben Makkabi wird schon aus eigenem Interesse dafür sorgen, dass unser Gesicht weiß bleibt.« Elieser lächelte versonnen, denn seine Gedanken galten bereits den Freuden der Ehe, die er so bald wie möglich mit Rubens Tochter Hannah teilen wollte.
Rachel stampfte mit dem Fuß auf und verließ wütend das Zimmer. In ihren Augen war Elieser ein eingebildeter Narr, schlimmer noch als Lea, die zwar dreist und unverschämt war, aber wenigstens noch Verstand besaß, was man von Elieser nicht behaupten konnte. Es war eine ha-nebüchene Dummheit, einen Fremden in das Familiengeheimnis einweihen zu wollen. Sie stieg die Treppe hinab zur Küche, um sich eine Leckerei aus der Speisekammer zu holen, stutzte aber, als sie den dicken, langen Fellmantel sah, den Jochanan griffbereit neben die Tür zum Hof gehängt hatte. Der Anblick brachte sie auf eine Idee. Bisher war es ihr noch nicht gelungen, den Markgrafen so zu reizen, dass er sie angesprochen oder ihr eine Botschaft gesandt hätte. Das mochte daran liegen, dass er bisher ständig von Leuten umgeben gewesen war, deren Treue mehr der Markgräfin galt als ihm. Aber Frau Ursula hatte Hartenburg vor einer Woche verlassen, um sich in ein Kloster zurückzuziehen, weil sie, wie es hieß, das sündhafte Leben ihres Gemahls nicht länger ertragen konnte. Ernst Ludwig hatte sie leichten Herzens ziehen lassen, zumal sie ihm erst vor kurzem einen zweiten Sohn geboren hatte, so dass die Erbfolge Hartenburgs nunmehr gesichert war. Rachel war sich sicher, dass der Markgraf es nicht lange ohne Beischläferin aushalten würde, und be-schloss zu handeln.
Sie war überzeugt davon, dass Leas falsches Spiel über kurz oder lang auffliegen und die Familie ins Unglück stürzen musste, so dass sie alle als Bettler von dannen ziehen oder vielleicht sogar von den Männern eines beleidigten Landesherrn erschlagen wurden, und sie glaubte, den einzig gangbaren Weg gefunden zu haben, das zu verhindern. Sie, Rachel Goldstaub, würde den Markgrafen so becircen, dass er alles tat, was sie von ihm verlangte. Auf diese Weise würde sie sich und ihren Angehörigen endlich die Sicherheit verschaffen, von der ihre Schwester immer nur redete.
Es war ein offenes Geheimnis in der Stadt, dass Ernst Ludwig sich in seine Jagdhütte zurückgezogen hatte, die eine gute Wegstunde außerhalb Hartenburgs an der Süd-flanke des Rauchbergs stand. Dort wartete er, bis sich die Hektik der Abreise seiner Gemahlin gelegt hatte und das Schloss wieder in den Zustand versetzt worden war, der seinen Vorstellungen entsprach. Rachel war im letzten Sommer einmal in der Nähe des gar nicht wie eine Hütte wirkenden Gebäudes spazieren gegangen, um den wuchtigen, ganz aus Holz errichteten Bau zu betrachten, und sie traute sich zu, das Haus trotz des hohen Schnees zu Fuß zu erreichen.
Kurz entschlossen schlüpfte sie in Jochanans Filzstiefel und seinen Fellmantel, der ihr bis zu den Füßen reichte, setzte sich die warme Kappe auf und lief schnell zur Tür, um nicht entdeckt zu werden. Als sie ins Freie trat, biss die Kälte in jedes blanke Stück Haut und kroch unter ihre Kleidung. Sie schüttelte sich und wollte im ersten Impuls ins Haus zurückkehren, doch ihr war klar, dass es vielleicht die einzige Gelegenheit war, ihrem Ziel näher zu kommen. Wenn sie wartete, bis es wärmer wurde, hätte längst ein anderes Kebsweib den Platz an der Seite des Markgrafen eingenommen. Rachel zog den Mantel eng um sich, schob die Kappe tiefer ins Gesicht und stapfte über deh Hof. Bevor sie durch das Tor auf die Gasse trat, warf sie einen letzten Blick auf das Haus, in dem sie geboren worden war, und schwor sich, es um jeden Preis für Elieser und dessen Nachkommen zu erhalten.
Als sie das Stadttor erreichte, hockten die Wächter in ihrer Stube am Feuer und warfen ihr nur einen flüchtigen Blick zu. Rachel wurde klar, dass man sie für Jochanan hielt, und fröstelte mit einem Mal, obwohl ihr durch die Bewegung warm geworden war. Vor der Stadt fegte der Wind ungehindert über die Felder, wirbelte den Schnee hoch, trieb ihn vor sich her und türmte ihn zu mannshohen Verwehungen auf. Rachel senkte das Gesicht bis in den Kragen und wanderte tiefgebeugt wie eine alte Frau auf den Spuren, die Schlitten und Karren zwischen den Schneewänden hinterlassen hatten.
Zunächst kam sie rasch vorwärts, aber als sie den Wald erreichte, von dessen Wipfeln es der Wind immer noch schneien ließ, sank sie bei jedem Schritt bis zum Knie ein, und als die Turmuhr von St. Koloman das dritte Mal die Stunde schlug, ohne dass ihr Ziel in Sichtweite kam, wurde ihr angst und bange. Sie befürchtete, sich verlaufen zu haben, und sah sich schon erfroren am Fuß einer der mächtigen Eichen liegen oder zum Opfer der Wölfe werden, die bei einer solchen Kälte bis vor die Stadtmauern kamen, um dort auf leichtsinnige Beute zu lauern.
Sie blieb stehen, drehte sich um und wollte auf ihrer langsam verwehenden Spur zurückkehren, als in der Ferne ein leises Klingeln ertönte, das sich rasch näherte. Wenig später sah sie einen von zwei Rappen gezogenen Schlitten in rasender Fahrt auf sich zukommen. Sie stolperte zwei Schritte zurück, zog dann aber die Kappe ab, schwenkte sie und rief um Hilfe. Für einen Moment kamen ihr die Pferde so nahe, dass sie sie beinahe umgerissen hätten, doch der Kutscher lenkte das Gespann im letzten Moment zur Seite und brachte es zum Stehen. Gleichzeitig erhob sich eine in flauschige Pelze gehüllte Gestalt von der weich gepolsterten Bank des prachtvollen Schlittens und wandte sich ihr zu.
»Wen haben wir denn da?«
Rachel erkannte die Stimme des Markgrafen und atmete erleichtert auf, ließ ihre Stimme jedoch sehr jämmerlich klingen.
»Ich bin Rachel, Jakob Goldstaubs Tochter.«
Ernst Ludwig schob die Kapuze zurück und starrte Rachel verblüfft an. »Die schöne Jüdin?«
Seine Augen verrieten Rachel, dass er angebissen hatte, und es war ihr bewusst, dass sie jetzt all ihre Sinne zusammenhalten musste, um nicht wie die Mägde zu enden, die er einmal zu sich genommen und dann weggejagt hatte.
»Ja. Ich wollte nur einen kleinen Spaziergang machen und bin immer weiter in den Wald hineingeraten. Wenn ich die Gnade erflehen dürfte, Euer Durchlaucht, mit Euch zur Stadt zu fahren, würde ich Euch auf ewig als meinen Lebensretter preisen.«
»Steig ein, mein schönes Kind!« Der Markgraf streckte ihr die Hand entgegen, half ihr auf den Schlitten und legte einen Teil der Pelze, die ihn wärmten, über sie. Dabei versuchte er, ihre Formen abzutasten, was ihm wegen ihres unförmigen Mantels jedoch nicht gelang.
»Fahr los«, fuhr er den Kutscher an.
Der Mann machte keine sehr intelligente Miene. »In die Stadt, Euer Durchlaucht?«
»Nein! Zurück zum Jagdhaus, du Trottel.«
Rachel protestierte so vehement, als hätte sie diesen Befehl nicht vorhergesehen. »Aber, Euer Durchlaucht, das geht doch nicht.«
»Bis in die Stadt ist es zu weit. Du bist ja völlig durchgefroren und musst dich erst aufwärmen und erholen, sonst wirst du noch krank.« Ernst Ludwig strich ihr über die Wange. Sein Lächeln sollte wohl zärtlich wirken, erinnerte Rachel jedoch an das Zähnefletschen eines Raubtiers über seiner Beute.
Während der Kutscher die Pferde antrieb, zog der Markgraf Rachel mit einer besitzergreifenden Geste an sich. Er hatte seit der Geburt seines jüngsten Sohnes keine Frau mehr besessen und würde sich dieses Mädchen nicht mehr entgehen lassen. Seine Gier fegte die Bedenken, die er wegen ihres Bruders gehegt hatte, beiseite. Wenn der Jude aufmüpfig wurde, würde er ihn mit Peitschenhieben zur Stadt hinaustreiben lassen.
Sie erreichten das Jagdhaus in so kurzer Zeit, dass Rachel begriff, wie nah sie ihrem Ziel bereits gewesen war. Die Begegnung im Schnee war ihrem Vorhaben jedoch dienlicher gewesen als eine Diskussion mit einem misstrauischen Pförtner. Der Markgraf zitterte geradezu vor Gier, sie zu besitzen, das verrieten ihr sein Blick und seine Hände.
Ein Diener riss die Tür auf, kaum dass der Schlitten vor der Tür hielt, und starrte Rachel, die in ihrem Fellmantel und der über die Ohren hängenden Kappe wie ein geschlechtsloser Waldgeist wirkte, verstört an. Der Markgraf scheuchte ihn mit einer Handbewegung aus dem Weg, führte sie in einen geheizten Vorraum und befahl dem Diener grob, ihr aus der Winterkleidung zu helfen und ihnen einen großen Krug warmen Würzweins in sein Gemach zu bringen. Der Lakai schien die unfreundliche Behandlung gewohnt zu sein, denn er pellte Rachel mit geschickten Bewegungen aus den warmen Hüllen und verschwand gleich darauf wie ein Schatten, während Ernst Ludwig sie durch einen mit Jagdtrophäen geschmückten Gang führte.
Er öffnete die Tür zu einem großen Raum, der halb wie ein Arbeitszimmer und halb wie ein Schlafgemach wirkte, obwohl mindestens zehn Personen an dem grob gezimmerten Tisch in der Mitte hätten tafeln können. Das große Bett in der Ecke war einem bäuerlichen Alkovenbett nachempfunden, und das Stehpult in der anderen Ecke glich jenen, die in den klösterlichen Schreibstuben üblich waren. Daneben stand jedoch ein zweiter Tisch, auf dem wie auf dem Pult allerlei Schreibutensilien ausgebreitet waren und zu dem ein ledergepolsterter Stuhl mit Armlehnen gehörte. Im Kamin flackerte ein frisch geschürtes Feuer, und über einer Kanne auf dem großen Tisch kräuselte sich Dampf.
Der Markgraf füllte die beiden Becher, die neben dem Gefäß standen, und reichte Rachel einen davon. »Hier, trink das, dann wird dir gleich wieder warm.«
Rachel fror zwar nicht mehr, nippte aber gehorsam an dem Getränk, während der Markgraf seinen Becher in einem einzigen Zug leerte und ihn dann einfach fallen ließ. Er zog sein Wams aus, als wäre es ihm zu heiß geworden, und schleuderte es in eine Ecke.
»Deine Füße müssen halb erfroren sein. Ich werde sie ein wenig kneten.« Ohne Rachels Antwort abzuwarten, hob er sie auf und trug sie zum Bett hinüber, dessen Vorhänge noch hochgebunden waren, so dass man das geschnitzte und sorgfältig bemalte Wappen des Markgrafen in der Decke des Alkovens sehen konnte. Er hielt sich nicht damit auf, ihr vorsichtig die Strümpfe auszuziehen, sondern riss sie ihr schnaufend samt Kleid und Unterröcken vom Leib.
Rachel wurde einen Moment starr vor Angst, denn auf so eine gewaltsame Behandlung war sie nicht gefasst gewesen. Sie beruhigte sich aber sofort wieder und lachte, als gefiele es ihr. Sie gönnte dem Markgrafen jedoch nur einen kurzen Blick auf das lockige Dreieck zwischen ihren Schenkeln, dann bedeckte sie es mit beiden Händen und sah mit weit aufgerissenen Augen zu ihm auf. »Herr, was tut Ihr? Meine Jungfräulichkeit ist mein einziges Gut. Kein jüdischer Mann wird mich noch ansehen, wenn Ihr sie mir jetzt raubt.«
Der Markgraf entledigte sich seiner eigenen Kleidung und ging dabei so hastig vor, dass er einige Knöpfe von Hemd und Hose riss. Rachels Einwand beantwortete er mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Pah, für eine Hand voll Gold sieht jeder Jude über dein fehlendes Jungfernhäutchen hinweg.«
Über Rachels Gesicht huschte ein triumphierender
Ausdruck. Der Markgraf war also bereit, für ihre Gunst zu zahlen. »Ich muss Euch zu Willen sein, denn Ihr seid stärker als ich und mein Herr. Doch mein Bruder wird mich umbringen, wenn er davon erfährt. Ihr müsst mich vor seiner Wut schützen!«
Rachel dachte dabei an Lea, die sie wohl eigenhändig erwürgen würde, wenn sie erfuhr, dass sie die Geliebte des verhassten Landesherrn geworden war. Der Markgraf trat so dicht vor das Bett, dass sein Glied direkt vor Rachels Gesicht aufragte, und schien sich an ihrem bestürzten Blick zu weiden. Der Gedanke, dass sich diese Masse in ihren Körper senken würde, versetzte sie in Panik. Doch sie zwang sich zu einem bittenden Lächeln.
Ernst Ludwig lachte sie aus. »Dein Bruder wird nicht wagen, dich anzurühren, denn schließlich bin ich nicht nur dein Herr, sondern auch der seine.«
»Bitte gebt mir schriftlich, dass Ihr mich vor ihm beschützen werdet, damit ich seiner Wut begegnen kann. Und versprecht mir auch, für mich zu sorgen, wenn Ihr meiner müde geworden seid, denn mein Bruder wird mich wie einen räudigen Hund von seiner Schwelle stoßen.«
Spannung knisterte im Raum. Halb ärgerlich über ihr Ansinnen und von einem schon schmerzhaft werdenden Verlangen erfüllt, wollte Ernst Ludwig sich auf sie stürzen. Doch dann wurde ihm klar, dass die schöne Jüdin bereit war, ihm weiterhin als Geliebte zu dienen. Er bezwang seine Erregung, wankte zum Schreibpult und riss ein frisches Blatt Papier von dem Bord dahinter. Mit fliegenden Händen setzte er ein kurzes Schreiben auf, in dem er versprach, Rachel Goldstaub zu beschützen und bis an ihr Lebensende gut zu versorgen, setzte sein Siegel darunter und drückte ihr das Blatt in die Hand. Während sie einen Blick darauf warf und ihre Anspannung einem beinahe triumphierenden Lächeln wich, zog der Markgraf an einem Seil, das die Vorhänge im Innern des Alkovens zurückzog und den Blick auf ein Relief mit nackten, vergoldeten Mädchen in verführerischen Posen freigab. Keine von ihnen konnte sich mit der Schönheit des Wesens messen, das ihn mit einem bangenden und gleichzeitig anbetenden Blick erwartete.
»Bist du jetzt zufrieden?«, fragte er, wartete ihre Antwort jedoch nicht ab, sondern stürzte sich auf sie.
Der Herzog von Montoya hätte seinen Ärger über den Fehlschlag, diesen Teufel Orlando Terasa nicht in die Hände bekommen zu haben, am liebsten an der burgundischen Delegation ausgelassen. Doch trotz seiner Verachtung für diese Leute durfte er zwei Dinge nicht außer Acht lassen. Zum einen würde Herzog Maximilian als Nachfolger seines Vaters Friedrich III. einmal den Thron Karls der Großen besteigen und damit der ranghöchste Herrscher der Christenheit werden, und zum anderen wusste er von früheren Verhandlungen bezüglich der beiden Hochzeiten, dass das Königspaar dieser doppelten Verbindung durchaus nicht abgeneigt war. Wenn nichts Schwerwiegendes dazwischenkam, würde Maximilian von Burgund sowohl der Schwiegervater des Infanten Don Juan wie auch der der Infantin Dona Juana werden, so dass einer seiner Enkel einmal die Throne von Kastilien und Aragon auf sich vereinen konnte. Unter diesem Gesichtspunkt erschien es ihm nicht ratsam, sich diesen Mann zum Feind zu machen, indem er seine Gesandten unverrichteter Dinge heimschickte. Daher sandte der Herzog von Montoya ein Schreiben an seinen Gefolgsmann Diego de Arandela, in dem er ihm befahl, Frans van Grovius und seine Begleiter zu Isabella und Fernando zu geleiten, die sich wegen des Krieges gegen Granada mit dem gesamten Hofstaat an den Grenzen des Emirats niedergelassen hatten.
Lea und die übrigen Mitglieder der Gesandtschaft erfuhren von der veränderten Haltung der Spanier bereits beim nächsten Abendessen nach der Ankunft des herzog-lichen Boten. Hatte man ihnen bislang nur karge Kost zukommen lassen, so bogen sich nun die Tische unter den köstlichsten Leckerbissen. Frans van Grovius wurde zu dem mit geschnitzten Heiligenfiguren geschmückten Stuhl des Abtes geleitet, und für jeden Edelmann, Gelehrten und Sekretär stand ein eigener Diener bereit, der in einer mit den Wappen Kastiliens geschmückten Livree steckte. Im Gegensatz zu de Poleur und den anderen war Lea mit den Mahlzeiten, die aus ein wenig Gemüse, einem Stück Brot und Fisch oder gelegentlich auch einmal Hammelfleisch bestanden hatten, sehr zufrieden gewesen. Doch wie es aussah, würde es ihr nun nicht mehr möglich sein, die Speisevorschriften ihres Glaubens halbwegs einzuhalten. Als Erstes wurden mit Honig und süßen Mandeln kandierte Spanferkel aufgetragen und jedem Mitglied der Gesandtschaft ein großes Stück vorgelegt, während mehrere Dominikanermönche die Gäste scharfäugig beobachteten. Lea war klar, dass das ein Versuch der Spanier war, einen heimlichen Juden unter den Gesandten zu entlarven, und sie folgte dem Beispiel Thibaut de Poleurs, der bereits beim ersten Bissen Laute des Entzückens ausstieß.
»Köstlich! Wirklich köstlich!«, jubelte sie, während sie auf dem Fleisch herumkaute, das ihren Mund wie schmierige Asche füllte.
Da auch die anderen alle des Lobes voll waren, schwand das Misstrauen der durch den Raum schleichenden Dominikanermönche, und Don Diego, den sie bisher nur hochfahrend und verletzend erlebt hatte, lobte in höchsten Tönen die in Wahrheit nicht existierende spanisch-burgundische Waffenbrüderschaft und verkündete laut, dass die Delegation in den nächsten Tagen Weiterreisen würde, um den Königen von Kastilien und Aragon die besten Wünsche ihres Herzogs für den bevorstehenden Krieg überbringen zu können. Nach der Art und
Weise zu urteilen, mit der er das Wort Kastilien hervorhob und Aragon halb verschluckte, musste er ein eifriger Gefolgsmann Königin Isabellas sein, Lea nickte versonnen, denn nun bemerkte sie zum ersten Mal die Spannungen, von denen Orlando ihr berichtet hatte. Die beiden Spanischen Reiche waren erst zwei Jahrzehnte vorher durch die Heirat der kastilischen Königin Isabella mit Fernando von Aragon vereint worden, aber die Granden pflegten genauso wie die einfachen Bürger ihre Eigenständigkeit und hüteten eifersüchtig die überkommenen Privilegien. So kam es, dass die alte Rivalität der Kastilier und Aragonier zumindest im Geheimen weiterkochte.
»Endlich tut sich was«, sagte Thibaut de Poleur und blickte dabei mit so hungrigen Blicken auf Leas Teller, dass sie ihm mit säuerlicher Miene, aber leichten Herzens einen Teil ihres Spanferkels opferte.
Lea war so erleichtert über diese Wendung, dass sie den Rest ihres Fleisches leichter herunterbrachte. Die Angst, gescheitert zu sein, hatte wie Mehltau auf ihrer Seele gelegen. Aber nun sah es so aus, als hätte sie nicht vergebens all die Wochen gegen die Furcht vor Entdeckung und - noch schlimmer - vor dem eigenen Versagen angekämpft, während sie tiefer und tiefer in die Rolle des Leon de Saint Jacques geglitten war, so dass sie beinahe schon gelernt hatte, wie ein christlicher Edelmann zu denken.
Während sie noch überlegte, was sie auf einen nur halb verständlichen Scherz von de Poleur antworten sollte, öffnete sich der Eingang des Speisesaals, und ein Mönch im braunen Habit des Franziskanerordens trat ein. Er war nur mittelgroß, hatte aber einen stattlichen Bauchumfang und ein rundes, offenes Gesicht, das kindliche Naivität auszudrücken schien, doch seine dunklen, flinken und durchdringenden Augen verrieten einen wachen Geist. Der
Verbeugung nach, die Diego Arandela sich abrang, musste er eine bedeutende Stellung einnehmen. Ihm folgte ein Mann, der ein einfaches dunkelgraues Wams, Hosen aus festem braunem Stoff und eine schlichte schwarze Kappe ohne jeden Schmuck auf dem Kopf trug. Seinem Auftreten nach war er kein einfacher Bürger, denn er schien so sehr von seiner Wichtigkeit überzeugt zu sein, dass er Don Diego nur mit einer knappen Verbeugung grüßte.
»Das ist Senor Cristoforo Colombo«, stellte der Mönch ihn vor. Don Diego verzog angewidert das Gesicht. »Der verrückte Genuese?«
»Genau der, mein Herr! Aber es wird sich bald erweisen, ob ich verrückt bin oder die Narren, die mich so bezeichnen«, antwortete Colombo mit einer Stimme, die Lea an die der Kapitäne van Duyl und Jan Ruyters beim Herumkommandieren ihrer Matrosen erinnerte.
Don Diego fuhr wütend auf. »Damit beleidigt Ihr Seine Durchlaucht, den Herzog von Montoya, den ehrwürdigen Dekan der Universität von Salamanca und viele andere weise und mächtige Herren in Spanien!«
»Dummheit macht auch vor den höchsten Kreisen der Gesellschaft nicht Halt«, antwortete der Genuese ungerührt. Der ihn begleitende Mönch legte ihm lächelnd die Hand auf die Schulter. »Senor Colombo, Ihr hattet mir doch versprochen, etwas verbindlicher zu sein.«
»Hast du eine Ahnung, wer der Kerl ist?«, wisperte de Poleur Lea zu.
Sie schüttelte den Kopf, ohne Colombo aus den Augen zu lassen. Er musste etwa vierzig Jahre alt sein und war von mittelgroßer, untersetzter Gestalt und seinem ständig wechselnden Mienenspiel zufolge von heftigem Temperament. Sein Gesicht wirkte etwas rundlich und wies tiefe Kerben neben seinen Mundwinkeln auf, die von vielen Enttäuschungen und Nackenschlägen zeugten. Seine Au-gen aber strahlten einen ungebrochenen Optimismus und eine Verachtung für die Welt aus, von der er sich offensichtlich verkannt fühlte. Die Haare, die unter seiner Kappe hervorragten und gerade lang genug waren, um die Ohren zu bedecken, leuchteten so weiß wie die eines alten Mannes.
Don Diego beschloss, den Genuesen zu ignorieren, und wandte sich an den Mönch. »Ehrwürdiger Vater, Ihr seid doch gewiss nicht nur gekommen, um uns Senor Colom-bo vorzustellen.«
Lea fiel das seltsame Lächeln auf den Lippen des Mönches auf und winkte den Lakaien heran, der sie bediente. »Wer ist der geistliche Herr, der eben gekommen ist?«
»Das ist Juan Perez, der ehrwürdige Abt von La Rabida und frühere Schatzmeister der Königin«, erhielt sie zur Antwort. Lea wurde starr vor Erregung. Das war einer der Männer, die Orlando ihr genannt hatte, und sie überlegte, was sie tun konnte, um in Juan Perez' Nähe zu kommen und ihn unauffällig anzusprechen. Leider schien der Abt sich nicht für die burgundische Delegation zu interessieren, denn er warf den Männern an der Tafel nur einen beinahe mitleidigen Blick zu und wandte sich wieder an Diego de Arandela.
»Es ist der Wille Ihrer Majestät, Königin Isabella, Senor Colombo noch einmal zu empfangen. Da Ihr, wie ich erfahren habe, in Kürze an den Hof reist, bitte ich Euch, Euch meines Gastes anzunehmen.«
Obwohl Juan Perez sein Anliegen sehr höflich formuliert hatte, war Don Diego klar, dass es sich um einen Befehl handelte. Er schluckte seinen Ärger hinunter und verneigte sich mit einem verkniffenen: »Es wird mir eine Freude sein«.
Juan Perez' Miene spiegelte nur sanfte Freundlichkeit. »Das hoffe ich, Don Diego.«
Diego de Arandela beschloss, nicht weiter auf dieses Thema einzugehen, und verbeugte sich erneut vor dem Abt von La Rabida.
»Ihr werdet doch an diesem Abend mein Gast sein?«
Sein Gegenüber schüttelte den Kopf. »Leider nein. Ich bedauere, mich sofort wieder verabschieden zu müssen, aber wichtige Geschäfte erfordern meine sofortige Abreise. Senor Colombo wird es jedoch eine Ehre sein, an Eurem Tisch zu speisen. Er hat sich bereits beklagt, dass er heute noch nicht zum Essen gekommen ist.«
Don Diego nickte schicksalsergeben, winkte einen Diener herbei und befahl ihm, den Genuesen an einen freien Platz zu führen und ihm aufzuwarten.
Juan Perez reichte Colombo zum Abschied die Hand und klopfte ihm auf die Schulter. »Ich wünsche Euch mehr Glück als beim letzten Mal, Senor. Ihr werdet es brauchen.«
»Die Königin wird sich der Kraft meiner Argumente letztendlich nicht entziehen können«, antwortete der Genuese selbstbewusst und sah dem Abt nach, bis dieser den Saal verlassen hatte. Orlando hatte Lea zwar erklärt, dass es zwischen den Brüdern des heiligen Franziskus, die der heiligen Inquisition eher ablehnend gegenüberstanden, und den Mönchen des Dominikanerordens, denen eben-diese Inquisition besondere Macht verlieh, eine gewisse Feindschaft herrschte, aber sie hätte sich nicht vorstellen können, dass Juan Perez die Einladung, hier zu speisen, so schroff und fast schon beleidigend ablehnen würde. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und ihm gefolgt, doch damit hätte sie nur unnötiges Aufsehen erregt. So konnte sie nur hoffen, dass sich ihr noch eine andere Gelegenheit bieten würde, mit einem von Orlandos Gewährsleuten zu sprechen. Während ihre Gedanken sich noch mit ihrem Auftrag beschäftigten, führte der Diener Colombo auf den einzigen freien Platz, den es am Tisch noch gab, und der war neben ihr.
De Poleur richtete sich auf, so dass er den Genuesen über Leas Kopf hinweg anblicken konnte. »Welches weltbewegende Anliegen führt Euch denn zur Königin von Kastilien?«
»Ich will nach Indien segeln«, antwortete der Genuese so laut, dass die Gesichter ringsum sich ihm zuwandten.
»Indien?« Die meisten Mitglieder der burgundischen Delegation konnten mit diesem Begriff nicht viel anfangen. Sie hielten ihn für die Bezeichnung eines Phantasielands, von dem ein paar wichtigtuerische Händler faselten, um den Preis für ihre Waren hochzutreiben. Auch Lea wusste nicht mehr, als dass einige der kostbarsten Waren, die sie für den Hartenburger Hof beschaffte, aus Indien stammen sollten, aber sie hatte sich nie dafür interessiert, wo es lag.
»Was ist an diesem Indien denn so wichtig?«, fragte de Poleur verblüfft.
Colombo maß den Wallonen mit einem verächtlichen Blick.
»Indien ist das reichste Land der Welt. Die Häuser dort sind mit Gold gedeckt, und das Pflaster seiner Straßen besteht aus Silber. Es gibt dort Gewürze, von denen eine Unze mehr wert ist als manches Schloss.«
Der Genuese brachte es fertig, gleichzeitig zu essen und ohne Pause von den Wundern jenes sagenumwobenen Landes zu berichten. Dabei verstieg er sich zu Lobreden, die Lea gleichzeitig als schwülstig und kindisch empfand. Ihren Freunden schien das Gerede eher lächerlich vorzukommen, denn Heimbert von Kandern grinste zu Laurens van Haalen hinüber und tippte sich an die Stirn, während de la Massoulet den Genueser mit unverhohlenem Spott musterte. »Wenn dieses Indien wirklich so herrlich ist, warum ist dann noch niemand dorthin gefahren?«
»König Joäo von Portugal schickt einen Kapitän nach dem anderen aus, um das riesige Reich auf dem Seeweg zu erreichen. Aber sie fangen es falsch an, denn sie versuchen, Afrika zu umrunden. Das ist eine viel zu weite und gefahrvolle Reise. Ich werde nach Westen segeln und weniger als die halbe Strecke benötigen, die die Portugiesen für ihre Fahrt veranschlagen.«
Colombos Fell war entweder zu dick, um die Reaktionen der anderen Gäste zu bemerken, oder er war so sehr von sich überzeugt, dass alle Anzüglichkeiten an ihm abprallten. Lea imponierte der Genuese, der so selbstbe-wusst auftrat, als wäre er von älterem Adel als die anwesenden Edelleute. Gleichzeitig sagte sie sich, dass ein Mann, der von Juan Perez eingeführt worden war, Verbindung zu anderen Freunden Orlandos haben mochte, und sie beschloss, ihre Bekanntschaft mit ihm zu vertiefen. Daher gab sie sich Mühe, seinen mathematischen Ausführungen zu folgen, mit denen er seine skeptischen Zuhörer davon überzeugen wollte, dass er Indien auf dem westlichen Weg übers Meer in weniger als dreißig Tagen erreichen konnte. Während die anderen schon bald das Interesse an der Sache und dem Mann verloren, ließ Lea sich von Cristoforo Colombo einspinnen und überquerte in ihrer Phantasie selbst das Meer in Richtung der untergehenden Sonne.
In den nächsten zwei Tagen sah man Don Diego wie
gehetzt herumeilen, und so war niemand erstaunt, dass am Morgen des dritten die Schiffe bereitlagen, die Frans von Grovius und seine Begleiter samt dem Genueser den Guadalquivir hoch bis nach Penaflor bringen sollten. Von dort aus würde die Delegation auf dem Landweg über Ecija nach Puente Genil gebracht werden, dem Ort, an dem sich die Heere Kastiliens und Aragons für den Marsch auf Granada rüsteten. Da kein anderer die Gesellschaft des redseligen Genuesen lange ertrug, musste Lea ihren Verschlag auf dem Boot mit Colombo teilen. Auch sie stöhnte manches Mal innerlich über seinen unaufhörlichen Redestrom, doch sie erkannte rasch, dass sie in den Gesprächen mit ihm ihr Kastilisch verbessern konnte, denn für jemand, der aus einem fremden Land stammte, beherrschte er die Sprache ausgezeichnet. Da er gerne und lange erzählte, erfuhr sie auch viel über die Männer, die ihm den Weg zur Königin von Kastilien geebnet hatten. Mehrere von ihnen gehörten zu Orlandos Freunden und Gewährsleuten, und sie rechnete fest damit, dass Colombo sie bei einem von ihnen einführen konnte.
Colombos Selbstbewusstsein war jedoch zu groß, um sich auf Dauer mit einem jungen Bankier als einzigem Gesprächspartner zu begnügen. Er hatte von den burgundischen Hafenstädten Brügge und Antwerpen gehört und wollte von van Grovius wissen, ob dessen Herr bereit wäre, seine Fahrt zu finanzieren, falls Königin Isabella wider Erwarten doch ablehnen würde. Frans van Grovius un-terbrach die Aufzählungen der Schätze, die Herzog Maximilian beim Erfolg seiner Expedition erwerben würde, in einem so rüden Ton, als hätte der Genueser eben von ihm und dem Sohn des Kaisers verlangt, die Füße ihres französischen Feindes zu küssen. Colombo machte noch einen Versuch, van Grovius die Vorteile eines schnellen Seewegs nach Indien zu erklären, wurde aber keiner Antwort mehr gewürdigt. So kehrte er mit einem Schulterzucken zu Lea zurück.
»Es war nur eine theoretische Frage«, erklärte er ihr. »Die Königin ist gewillt, auf meine Vorschläge einzugehen, denn sie hat mir zwanzigtausend Maravedis für die Reise an den Hof anweisen lassen. So viel verbrauche ich natürlich nicht, und daher nehme ich das Geld als erste Anzahlung für die Ausstattung, die ich für die Fahrt nach Indien benötige. Als Stellvertreter der königlichen Majestäten von Kastilien und Aragon kann ich doch nicht in Lumpen vor den Herrschern Indiens, Chinas und Zipan-gus erscheinen.«
»Von China habe ich schon einmal gehört, aber das dritte Land ist mir unbekannt.« Mit dieser Bemerkung öffnete Lea erneut die Schleusen von Colombos Beredsamkeit.
»Beides sind reiche und mächtige Länder. Der berühmte venezianische Reisende Marco Polo hat Kunde von ihnen gebracht. Es soll dort Wunder geben, die das Auge keines anderen Europäers bisher erblickt hat.« Colombo zählte ihr alle die sonderbaren Dinge auf, die in China und Zipangu auf ihn warten würden, und ließ auch Indien nicht aus. Dank seiner Erzählungen verflogen die Tage für Lea wie im Flug, während ihre Gefährten, die sich auf dem engen Schiff und dem träge dahinfließenden Strom wie Vieh eingepfercht vorkamen, sich noch erbärmlicher langweilten als im Kloster von San Isidro.
Die Reizbarkeit der Männer steigerte sich noch, als die Schiffe sich Sevilla näherten und man ihnen die Erlaubnis verweigerte, die Stadt aufzusuchen. Ihnen blieb nicht anderes übrig, als die Mauern und die über sie hinausragenden Türme der Kirchen von San Clemente, San Luis und der noch unvollendeten Kathedrale von Bord aus zu betrachten und ihren Kommentar zu den prächtig verzierten Dächern des ehemaligen maurischen Palastes abzugeben.
De Poleur und die anderen waren froh, als sie fünf Tage später die kleine Stadt Penaflor erreichten und die schwimmenden Särge, wie sie die Schiffe getauft hatten, endlich verlassen durften. Hatten die jungen Edelleute gehofft, ihre Reise nun standesgemäß auf feurigen anda-lusischen Hengsten fortsetzen zu können, wurden sie bitter enttäuscht, denn man sperrte sie in plumpe Kutschen, in denen die Fahrt auf den holprigen Straßen zur Tortur wurde. Selbst Cristoforo Colombo murrte, weil er lieber ein Maultier benutzt hätte, anstatt sich in dem ungefederten Wagen die Knochen wund stoßen zu lassen.
Lea war als Einzige froh über diese Fügung, denn Orlando hatte bei all seinen Plänen nicht bedacht, dass sie nicht reiten konnte. Da man sie für einen Edelmann hielt, durfte sie anders als der bürgerliche Seefahrer Colombo der spanischen Sitte gemäß keinen Esel und kein Maultier besteigen, und im Sattel eines Pferdes hätte sie ein so beschämendes Bild abgegeben, dass ihr niemand mehr den Herrn von Stand abgenommen hätte.
Trotz aller Geduld und der Bereitschaft, Strapazen zu ertragen, empfand auch Lea die Fahrt bald als Zumutung. Sie saßen jeweils zu acht in einem Wagen, mit dem Rücken zur Seitenwand auf einer ungepolsterten Bank, so dass sie wegen der herabgezogenen und festgezurrten Planen kaum etwas von der Landschaft sahen.
Thibaut de Poleur war es schnell leid und verrenkte sich, um ein Loch in den geteerten Stoff hinter sich zu bohren. Doch gerade, als er hinausschauen wollte, stürzte das linke Vorderrad in ein besonders tiefes Schlagloch. De Poleur verlor den Halt, fiel über de la Massoulet und schlug sich die Lippen am Holz der gegenüberliegenden Sitzbank blutig.
»Verdammt noch mal, gleich steige ich dem Kutscher aufs Dach!«, brüllte er und fluchte dann gotteslästerlich.
De Massoulet schob ihn auf seinen Platz zurück. »Sei froh, dass du dir nicht die Zähne ausgeschlagen hast, du Trottel.«
»Wie nennst du mich? Diese Beleidigung wirst du mir bezahlen, sobald dieser Schinderkarren steht.«
»Gerne.« De la Massoulet hatte die Reise so aufgebracht, dass er bereit war, sich mit jedem zu schlagen, und wäre es auch sein bester Freund. Er stieß Heimbert von Kandern an. »Ich wähle dich zum Sekundanten.«
»Und ich wähle Leon«, rief de Poleur mit geballten Fäusten.
»Seid doch vernünftig«, beschwor Laurens van Haalen die beiden Streithähne.
Heimbert von Kandern verzog sein Gesicht zu einer abschätzigen Grimasse. »Vernunft müsste man diesen beiden Streithähnen wohl erst einprügeln. Der Streit ist so müßig wie das Gegacker einer Henne.«
»Noch ein Wort - und ich fordere dich ebenfalls«, schäumte de Poleur auf.
Lea atmete tief durch und hob die Hände. »Ihr seid doch die besten Freunde. Wie könnt ihr euch da schlagen wollen?«
De Poleur ballte die Fäuste. »Nach all dem Ärger, den ich in diesem verdammten Land erlebte, muss ich einfach jemand zur Ader lassen, und de la Massoulet hat sich ja freiwillig angeboten!«
Sein Gegner bleckte kampfeslüstern die Zähne. »Ich wollte dieses Großmaul schon lange auf die ihm zustehende Größe zurechtstutzen. Also seid still und haltet euch heraus, sonst wird mein Schwert noch durstiger.«
Es klang so böse, dass Lea zurückwich. Von Kandern und van Haalen zuckten mit den Schultern und blickten so gleichgültig ins Land hinaus, als wäre nichts gewesen, während die beiden Streithähne ihren Groll weiterpflegten.
Als der Wagen in der Dämmerung anhielt, sprang Thi-baut de Poleur vom Wagen und zog blank. »Komm herunter und stelle dich mir, Herault, damit ich dir deine Frechheiten austreiben kann.«
Er war so wütend, dass er nicht einmal merkte, dass er gegen das Reglement verstieß, indem er seinen Duellgegner mit Vornamen ansprach. De la Massoulet folgte ihm auf dem Fuß und stieß Colombo dabei rüde beiseite. Der Genuese fluchte und drohte dem jungen Adeligen mit der Faust. Doch der beachtete ihn nicht, sondern behielt de Poleur im Auge, während er sein Schwert zog.
Lea drehte sich zu Heimbert von Kandern um. »Gibt es denn keine Möglichkeit, diese beiden Kindsköpfe zur Vernunft zu bringen?«
»Lass sie sich doch schlagen, wenn sie unbedingt Blut sehen wollen!« Von Kandern hatte der Streit so verärgert, dass er kein Interesse an einer Schlichtung hatte. So unternahm Lea es, die beiden Kampfhähne zum Frieden zu bewegen, erntete dafür aber nur rüde Flüche. So trat sie beiseite und überließ es von Kandern, das Zeichen zum Beginn des Zweikampfes zu geben.
Der Lärm rief van Grovius herbei. Er musterte die beiden Duellanten grimmig, während van Haalen ihm den lächerlichen Anlass zu dem Streit schilderte, doch statt dazwischen zu fahren, zuckte er nur mit den Schultern, »Wenn die beiden sich schlagen wollen, sollen sie es tun.
Wird einer von ihnen jedoch so verletzt, dass er die Reise nicht mehr fortsetzen kann, werde ich ihn ohne Begleitung hier zurücklassen.« Brüsk drehte er sich um und folgte einem spanischen Bediensteten in ein flaches, staubiges Gebäude mit winzigen Fenstern, in dem das Abendessen für die Delegation bereitstand.
Leas Magen knurrte, aber sie war gezwungen, als de Poleurs Sekundant so lange im Freien zu bleiben, bis der Kampf entschieden war. Zum Glück waren die beiden jungen Herrn mit ihren Flüchen treffsicherer als mit ihren Schwertern. Der Schweiß rann ihnen in Strömen über die Gesichter, aber selbst als die letzten Sonnenstrahlen erloschen, war immer noch kein Blut geflossen. Mit einem Mal stolperte de Poleur, als er einem Streich de la Mas-soulets auswich, und setzte sich auf dem Hosenboden. Sein Gegner hob das Schwert, um den Vorteil auszunützen. Dann aber schüttelte er den Kopf und schleuderte seine Waffe zu Boden. »Verdammt, Thibaut, wir sind beide Narren, uns hier zu streiten, während die anderen sich drinnen den Wanst voll schlagen. Unserer beider Ehre ist genug getan. Also steh auf und komm mit.«
De Poleur starrte seinen Freund einen Augenblick so finster an, als wollte er den Streit fortsetzen, doch dann hörte auch er seinen Magen knurren und kam mit einem missglückten Lachen auf die Beine. »Ein Loch in einer spanischen Straße ist es nicht wert, meinen besten Freund zu erschlagen.«
Die beiden Streithähne reichten einander die Hände und wanderten Arm in Arm auf die Herberge zu, ohne ihren Sekundanten einen einzigen Blick zu schenken.
Von Kandern sah ihnen kopfschüttelnd nach. »Wegen dieser beiden Narren mussten wir auf unser Essen warten. Komm, Leon, schauen wir, dass wir auch noch etwas bekommen.«
Am nächsten Tag führte der Weg durch das Tal des Rio Genil immer weiter auf die Berge zu. Die vor ihnen aufragenden Bergkämme unterschieden sich stark von denen des Schwarzwalds, in dem Lea zu Hause war, denn die steil in den blauen, nur von wenigen weißen Wolken durchzogenen Himmel ragenden Grate wirkten kahl und abweisend.
Gewitzt durch den Zwischenfall am Vortag hatte de Poleur die Leinen der Plane vor der Abfahrt gelöst und das schwere Tuch hochgebunden, so dass die Passagiere mehr von der Landschaft sahen. Die Einwände eines spanischen Trossknechts hatte er mit einer Flut klangvoller französischer Flüche beantwortet und den Mann zuletzt mit einem Griff zum Schwert in die Flucht geschlagen. Doch kaum einer der acht Reisenden wollte die Veränderung so recht genießen, denn nun waren sie den Wolken feinen Staubes ausgesetzt, den die Hufe der Pferde und die Räder der vor ihnen fahrenden Wagen aufwirbelten.
Leas Kleidung machte der Schmutz nicht viel aus, denn sie war für strapaziöse Reisen gemacht und ließ sich leicht reinigen. Die bunten Gewänder der jungen Edelleute mussten am Abend von den Dienern kräftig ausgeklopft und gebürstet werden, wobei der eine oder andere kleine Edelstein seine Fassung verlor und in fremde Taschen wanderte. Als es am nächsten Morgen weiterging, entdeckten de Poleur und die anderen ihre Verluste und überboten sich in ihren Verwünschungen.
Lea beteiligte sich nicht an den Klagen über das diebische Gesinde, sondern zog ein Tuch vor Mund und Nase, um besser atmen zu können, und betrachtete das Land, durch das sie fuhren. Das breite Flusstal wirkte fruchtbar, wurde jedoch kaum bewirtschaftet. Nur selten tauchte ein Gehöft in der Ferne auf oder einer der Unterstände für die Hirten, die ihre Schafherden auf den grasbewachsenen Hügeln weiden ließen.
Nach einer schier endlos langen Reise kündeten einige niedergebrannte Gebäude an, dass die Reisenden sich Puente Genil und damit der Grenze zum Emirat Granada näherten. Die Stadt zeigte kaum Spuren des Krieges, wirkte aber wie tot. Die spanischen Truppen, die hier liegen sollten, hatten, wie man von einem Soldaten erfuhr, nach ersten erfolgreichen Scharmützeln die fliehenden Feinde bis Loja verfolgt. So mussten Lea und ihre Reisegefährten noch einige weitere Tage in den unbequemen Wagen verbringen.
Kaum war Puente Genil hinter ihnen zwischen den Hügeln verschwunden, passierte der Wagenzug eine Säule am Wegesrand, auf der in arabischen Schriftzeichen eingemeißelt war, dass hier das Reich Emir Mohammeds XII. von Granada begann. Vorrückende Spanier hatten versucht, die Inschrift herauszuschlagen, ohne sie jedoch auslöschen zu können, und zu Leas Verwunderung übersetzte Cristoforo Colombo die Inschrift für sie und ihre Begleiter. Ihren fragenden Blick beantwortete er mit einem spitzbübischen Lächeln und nahm eine Landkarte aus der Ledertasche, die er stets bei sich trug. Als er sie auseinander rollte, sah Lea, dass sie arabische Bezeichnungen trug.
»Das ist die getreue Kopie einer Karte, die arabische Seefahrer gezeichnet haben. Leider beherrsche ich weder die Schrift noch die Sprache in genügendem Umfang. Doch mein Freund Luis de Torres, der ausgezeichnet Arabisch spricht, hat mir so viel beigebracht, dass ich die wichtigsten Worte erkennen kann. So habe ich die Inschrift auf der Säule bis auf den Namen Mohammed entziffert, aber da die Zahl zwölf neben dem Namen stand, konnte es sich nur um den jetzigen Emir von Granada handeln.«
Für einen Augenblick sah es so aus, als wollte der Ge-nueser das Pergament wieder einstecken, doch dann breitete er es auf Leas Schoß aus und begann seinen Inhalt zu erklären. »Hier siehst du Kairo, hier Tunis, und hier Spanien. Und hier« - sein Finger wanderte ein ganzes Stück nach Westen, wo einige Linien den Verlauf einer unbekannten Küste darstellen sollten - »das ist die Insel Antil-las, die vor der Küste Indiens liegt!«
Lea nickte lächelnd, obwohl sie genau wusste, dass sie sich nun eine mehrstündige Wiederholung seiner Pläne würde anhören müssen. Wie sie es sich mittlerweile angewöhnt hatte, lauschte sie seinen Ausführungen mit halbem Ohr und versuchte, an den richtigen Stellen verständnisvoll zu nicken, während sie die Landschaft ringsum im Auge behielt.
Zunächst waren nur die Reste niedergebrannter Dörfer zu sehen, die diese Gegend wohl zu Dutzenden bedeckt hatten. Am späten Abend erreichten sie jedoch einen unversehrten Ort, der aus einem Kreis einfacher Häuser bestand, die ein größeres, von einer weißen Kuppel gekröntes Bauwerk umgaben. Ein schmaler, hoch aufragender und oben spitz zulaufender Turm ließ Lea an eine Art Gotteshaus denken, ein Eindruck, der von dem mannshohen, hölzernen Kreuz auf vergoldetem Stumpf verstärkt wurde, das die Kuppel krönte.
Colombo folgte Leas Blick. »Das war einmal eine Moschee der Mauren, die man zu einer Kirche des einzigen und wahren Gottes gemacht hat.«
Lea interessierte sich jedoch weniger für die Moschee als vielmehr für die Menschen, die das Dorf bevölkerten. Die Männer trugen lange, kaftanartige Hemden in hellen Farben sowie um den Kopf gewickelte Tücher, die Frauen weite, bis zum Boden fallende Gewänder, die ihre Gestalt völlig verhüllten, und Kopftücher, die ähnlich wie die Kopfbedeckungen frommer Jüdinnen keine einzige Haarsträhne sehen ließen. Einige der besser gekleideten Frauen trugen dazu noch Schleier vor den Gesichtern, so dass man von ihnen nur dunkle, furchtsam blickende Augen erkennen konnte. Einige Männer kamen scheu näher und boten den Burgundern Orangen und Wassermelonen an. Lea sah, wie sich in ihren Gesichtern die Angst vor den Eroberern mit der Hoffnung paarte, dass die christliche Herrschaft nicht allzu drückend werden würde. Dem wohlbestellten Land nach zu urteilen mussten die Leute hier gute Bauern sein, denn auch jetzt im Winter, der auf Lea und ihre Begleiter eher wie ein milder Frühling wirkte, trugen die Felder und Haine verschiedene Früchte. Im weiteren Umkreis um das Dorf sah man, wohin man auch blickte, große Gruppen von Olivenbäumen und zwischen ihnen Orangenhaine, die gleichzeitig Blüten und Früchte trugen. Lea sagte sich, dass die Könige Kastiliens und Aragons sich glücklich preisen mussten, weil ihnen mit Granada ein so herrliches Land in den Schoß fiel.
Dieser Meinung war auch Laurens van Haalen, der als van Grovius' Begleiter alle Provinzen des Herzogtums Burgund von den Niederlanden über Luxemburg bis an die Grenzen der Eidgenossenschaft bereist hatte. »Schönere Ländereien als in diesem Granada gibt es selbst in Burgund nicht.«
De Poleur zuckte mit den Schultern. »Von einem schönen Anblick haben wir aber nichts. Ich für meinen Teil bin froh, wenn wir endlich am Ziel sind.«
Die mürrisch dahingeworfenen Worte erinnerten Lea daran, wie viel Zeit sie schon verloren hatte. Sie stand immer wieder Höllenängste aus, dass Baramosta und seine Familie sich schon in den Händen der Inquisition befinden und ihr nichts anderes übrig bleiben würde, als sich Gewissheit über das Schicksal der Conversos zu beschaffen und mit leeren Händen zu Orlando zurückzukehren. Trübsinnige Gedanken verdrängten das Staunen über das schöne Land, durch das sie reisten, und als sie einmal durch ein besonders tiefes Schlagloch aufgeschreckt wurde, bemerkte sie, dass sich auf Cristoforo Colombos Miene ebenfalls Zweifel und Missstimmung breit machten.
In Loja erfuhren sie, dass die Truppen Kastiliens und Aragons bereits auf die Hauptstadt des Emirats vorrückten. Erst in einem Ort, den die Spanier Santa Fee nannten und der nur wenige Leguas westlich der Stadt Granada lag, erreichten sie das Heer. Kaum hatte der vorderste Wagen das Lagertor passiert, eilte ihnen der Herzog von Montoya entgegen. Er hatte die höfische Tracht mit einem goldpunzierten Harnisch, reich verzierten Achselstücken und einem federgeschmückten Helm mit Spangenvisier vertauscht. Lea musterte diesen Aufzug verblüfft. In den Augen der spanischen Damen mochte Montoya damit Eindruck schinden, aber für den Kampf schien ihr seine Ausrüstung nur wenig geeignet zu sein.
Montoya wartete ungeduldig, bis Frans van Grovius ausgestiegen war, trat dann mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu und umarmte ihn wie einen alten, lange vermissten Freund. »Bienvenido, Don Franco. Ihre Majestäten Isabella und Fernando waren sehr erfreut, zu hören, dass Euer durchlauchtigster Herr seinen besten Berater geschickt hat, um ihnen seine Glückwünsche zur Eroberung Granadas zu überbringen.«
»Noch ist es nicht so weit«, raunte de Poleur Lea ins Ohr.
Als hätte Montoya es gehört, streckte er seine Rechte nach Osten aus, wo sich hinter den Hügeln die Stadt Granada befinden musste, und lächelte. »Ihr kommt zu einer glücklichen Stunde, Don Franco, denn der Emir von Granada verhandelt bereits mit uns über seine Kapitulation.«
»Das ist wirklich eine gute Nachricht.« Frans van Grovius strahlte Montoya an, als hätte dieser ihm gerade von einem großen Sieg Maximilians von Burgund über die Franzosen berichtet. Nun umarmte er den Spanier und lobte wortreich die Fürsorge, die dieser ihm und seinen Begleitern hatte angedeihen lassen.
Lea glaubte zuerst, kein Spanisch mehr zu verstehen, denn so viele Lügen und Verdrehungen auf einmal hatte sie noch nie vernommen. Dann aber begriff sie, warum van Grovius auf Montoyas Heuchelei einging. Er hatte sich wohl entschlossen, all die Kränkungen und die heimlichen und offenen Beleidigungen zu vergessen, um seinem Herrn in Burgund berichten zu können, dass er in Spanien auf das Artigste empfangen worden sei. Schließlich ging es ja nicht nur um seine persönliche Befindlichkeit, sondern um die erhoffte Verlobung der Kinder seines Landesherrn mit den Erben Spaniens. Würde van Grovius seiner verletzten Gefühle wegen die Verhandlungen gefährden, bestand die Gefahr, dass sein Herr ihm die Schuld am Scheitern der Gesandtschaft zuschrieb und ihn fallen ließ. Also musste der flämische Adlige alles tun, um sein Gesicht und damit auch seinen Einfluss auf den künftigen Kaiser zu wahren.
Während Lea die beiden Herren noch beobachtete, stiegen ihre Begleiter aus dem Wagen. De Poleur stupste sie schließlich von draußen an. »He, Leon, bist du eingeschlafen? Ich für meinen Teil bin froh, diesem rumpelnden Ungetüm endlich entkommen zu sein, und hoffe, wir können die Rückreise standesgemäßer antreten.«
Dabei zeigte er auf die spanischen Rosse, die sich in einem großen Pferch am Rande des Heerlagers tummelten. Lea sah ihm an, dass er darauf brannte, eines der rassigen Tiere zu erproben, und dachte mit Schrecken an ihre fehlenden Reitkünste. Montoya führte die Mitglieder der Delegation in ein großes, seidenes Zelt, das wohl extra für die erwarteten Gäste errichtet worden war, und ließ ihnen einen Imbiss reichen. Ganz anders als im Kloster bei Sanlucar war der Herzog so gut gelaunt, dass er sich von van Grovius ausfragen ließ. Lea spitzte die Ohren, um nichts zu verpassen, langweilte sich aber zunächst bei den Berichten über den Kriegszug. Ihr Interesse wurde erst wieder geweckt, als Montoya seinen Gästen erklärte, dass die Königin, der König und ein Teil ihres Hofstaats ihr Quartier in dem malerischen Schlösschen aufgeschlagen hatten, welches man durch den offenen Zelteingang am gegenüberliegenden Hang bewundern konnte.
Es war einer der Landsitze, die Mohammed XII. an verschiedenen Stellen seines Reiches besessen hatte, ein in Leas Augen fremdartiges Bauwerk mit schlanken Säulen, weiß und schwarz eingefassten Rundbögen und Fenstern aus geschnitztem Rankenwerk, durch die man hinausblicken konnte, ohne von außen gesehen zu werden. Die über dem Gebäude wehenden Banner Kastiliens und Ara-gons verrieten, dass die Majestäten diese Eroberung ebenso wenig aus der Hand zu geben gedachten wie das Land, das ihre Truppen nun besetzt hielten.
»Wenn ihr die Güte hättet, jetzt das Mahl zu beenden«, bat Montoya seine Gäste nach einer Weile. »Ihre Majestät hat befohlen, am Nachmittag eine Feldmesse abzuhalten, um Gott für den bisherigen Erfolg des Krieges zu danken. Es wäre mir eine Ehre, wenn ihr daran teilnehmen würdet.«
Alle nickten und standen sofort auf, denn diesem Be-fehl durfte sich keiner entziehen, wenn er nicht die Königin erzürnen wollte. Lea hatte nun schon so oft an christlichen Gottesdiensten teilgenommen, lateinische Worte nachgeplappert und Inbrunst geheuchelt, dass es ihr nur noch wenig ausmachte, einen Christen zu spielen. Bei dieser Messe aber musste sie mehr als sonst darauf achten, keinen Fehler zu begehen, denn neben den Augen ihrer Majestäten waren auch die der Inquisition auf die Neuankömmlinge gerichtet. So kniete sie im Staub des Feldlagers nieder und lächelte dabei über die Eitelkeit der hochrangigeren Teilnehmer, für die einige Diener bunte Seidentücher ausbreiteten, damit sie ihre Knie nicht beschmutzten.
Da Lea sich in ihrer schlichten Tracht von den anderen Edelleuten unterschied, wurde ihr ein Platz ganz hinten angewiesen, so dass sie das Königspaar und seinen Hofstaat nur aus der Ferne betrachten konnte. Ihre Majestäten saßen auf zwei nebeneinander und in gleicher Höhe aufgestellten Sesseln unter einem goldbestickten Baldachin und hatten die Großen ihres Reiches um sich versammelt. Die Messe hielt ein schlanker Priester mit entrücktem Gesicht und glühenden Augen, der in eine schlichte, weiße Kutte gehüllt war. Die Bischöfe, die auf mit goldenen Tüchern bedeckten Bänken hinter dem Prediger saßen, wirkten in ihren prunkvollen Roben wie Goldfasane, die sich um eine schlichte, weiße Taube versammelt hatten. Ein junger Spanier, der neben Lea kniete, raunte ihr zu, dass es sich bei dem Priester um Don Diego de Deza handele, den Beichtvater und Erzieher des Infanten Don Juan.
Orlando hatte Lea auf der gemeinsamen Rheinfahrt beigebracht, wie sie an katholischen Messen teilzunehmen hatte, und bisher hatte sie sich innerlich gegen die Göt-zendienerei abschotten können, auch wenn sie alles mitmachte. Doch hier waren die Inbrunst und Verzückung der Menschen so stark zu spüren, dass sie in jeder Faser ihres Körpers vibrierte. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und davongelaufen, um den Gott ihrer Väter in einer stillen Ecke um Verzeihung für ihr Tun zu bitten. Aber die Kutten der Mönche, die überall in der Menge der Betenden verstreut waren, mahnten sie, sich zusammenzureißen und nicht aufzufallen. Sie stand mit den anderen auf und kniete mit ihnen nieder, bekreuzigte sich sorgfältig, wenn es erforderlich war, und heuchelte den erwarteten Glaubenseifer.
Dazu verhalfen ihr nicht nur Orlandos Lehren, sondern auch die Tatsache, dass ihr Bruder Samuel und sie sich als Kinder in die St. Kolomanskirche von Hartenburg geschlichen und die christlichen Gottesdienste beobachtet hatten. Erst Jahre später war ihr aufgegangen, in welcher Gefahr sie dabei geschwebt hatten, denn wären sie entdeckt worden, hätten die christlichen Priester dies als Hinwendung zu ihrem Glauben angesehen, sie ihrer Familie entrissen und in Klöster gesteckt, um aus Samuel einen Mönch und aus ihr eine Braut Christi zu machen.
Lea schüttelte die peinigende Erinnerung ab und konzentrierte sich darauf, so zu tun, als erhebe sie bei den Gesängen ihre Stimme. Die Feldmesse zog sich ungewöhnlich lange hin, und zuletzt wusste sie nicht mehr, wie oft sie ihr Knie gebeugt und sich bekreuzigt hatte. Als Diego de Deza mit dem letzten Amen dem versammelten Heer seinen Segen erteilte, war sie schweißgebadet und sehnte sich danach, sich irgendwo zu waschen und umzuziehen. Aber auch dabei würde sie sich noch mehr in Acht nehmen müssen als bisher, denn Leute, die sich zu sauber hielten, wurden von den Spaniern verdächtigt, heimliche Juden oder Ketzer zu sein. So würde sie sich wieder darauf beschränken, die Hände mit Wasser zu netzen und sich damit über den Mund zu fahren. Eines wusste sie: wenn sie nach Hause zurückkehrte, würde sie sich die Haut vom Leibe scheuern und wochenlang fasten, um all den innerlichen und äußerlichen Schmutz loszuwerden, dem sie auf dieser Reise ausgesetzt war. Für einen Moment wünschte sie sich, sie zöge wieder in einem einfachen Kaftan gekleidet über die Straßen des Reiches, wo sie sich heimlich, aber umso gründlicher in fließenden Quellen hatte waschen können.
Die Soldaten kehrten nun zu ihren Stellungen oder Quartieren zurück. Lea und ihre Begleiter glaubten sich ebenfalls entlassen, als Montoya seine behandschuhte Rechte auf Frans van Grovius' Arm legte.
»Ihre Majestäten wünschen Euch und Eure Caballeros zu sehen.«
Van Grovius war sichtlich geschmeichelt, so rasch vom spanischen Königspaar empfangen zu werden, und begleitete Montoya nach vorne. Als Lea zögerte, sich den burgundischen Edelleuten anzuschließen, kamen de Poleur und Heimbert von Kandern auf sie zu und nahmen sie mit. Van Grovius und seine hochrangigsten Begleiter wurden bis vor das Königspaar geleitet, während Lea und die anderen gut zehn Schritte vor den Thronen durch einen Höfling aufgehalten wurden. Es war jedoch nahe genug, um die hohen Herrschaften betrachten zu können. Beide waren um die vierzig Jahre alt, doch während die in ein schlichtes rotes Gewand gekleidete kastilische Königin in anmutiger Hoheit die burgundischen Gäste begrüßte, saß ihr Gemahl Fernando von Aragon eingefallen und mit sauertöpfischem Gesicht neben ihr. Er hatte einen braunen, mit Zobel besetzten Mantel um seinen Leib geschlungen und sah aus, als sehnte er in dieser nicht einmal allzu winterlichen Landschaft die Hitze des Sommers herbei.
»Die Königin ist wunderschön, aber ihrem Gemahl scheint es das Korn verhagelt zu haben«, wisperte der ewige Spötter de Poleur Lea zu.
Laurens van Haalen musste ein Grinsen unterdrücken. »Das wundert mich nicht. Es weiß doch jeder, wer in dieser Ehe die Hosen anhat. Herr Ferdinand ist es gewiss nicht.«
Poleur schüttelte ungläubig den Kopf. »Aber die Königin sieht gar nicht so herrschsüchtig aus.«
»Sie war drei Jahre alt, als ihr Vater Juan II. starb, und verdrängte zwanzig Jahre später ihren Bruder König Enrique vom Thron. Im selben Jahr heiratete sie Fernando von Aragon, um Spanien unter ihrem Willen zu vereinen. Wenn das nicht für ihre Herrschsucht spricht, will ich ein Franzose sein.«
Lea betrachtete die Königin genauer und musste van Haalen Recht geben. Isabella war gewiss keine Frau, die sich das Heft aus der Hand nehmen ließ. Da hätte der König schon aus härterem Holz geschnitzt sein müssen.
Die kurze Audienz war rasch vorbei. Frans von Haalen und seine Kavaliere verneigten sich mehrfach vor dem Königspaar und verließen den Kreis rückwärts gehend. Die Königin stand auf, hob noch einmal die Hand zum Gruß und stieg eine kleine Treppe hoch, die wie von Zauberhand neben ihr aufgetaucht war, und setzte sich auf ihren Zelter. Der König wartete, bis sie gut im Sattel saß, und schwang sich dann vom Boden aus mit einer kraftvollen Bewegung auf den Rücken eines unruhig stampfenden andalusischen Hengstes.
Lea sah dem Königspaar und der Schar ihrer Begleiter nach, bis sie den Hang zu dem kleinen Schloss hinaufritten, und blickte sich dann nach ihren Freunden um. Doch die waren inzwischen zu dem Pferch hinübergelaufen, um sich die Pferde anzusehen. Einzig Colombo weilte noch in ihrer Nähe. Er winkte eben einem der Edelleute zu, den
Lea in der Begleitung des Königspaares gesehen hatte und der ebenfalls zurückgeblieben war. Der Mann erwiderte Colombos Gruß und kam mit sichtlicher Freude auf ihn zu.
Lea eilte an die Seite des Genuesen. »Wer ist der Herr?«
Colombo lächelte ungewohnt fröhlich. »Seine Durchlaucht, der Herzog von Medicaneli, einer der angesehensten Männer am spanischen Hof und einer der wenigen Höflinge, die ihren Kopf zum Denken benutzen und nicht nur, um ein schmuckes Hütchen darauf zu setzen.«
Lea atmete innerlich auf, und bevor der Genuese ihr mit einer sicherlich wortreichen Begrüßung zuvorkommen konnte, beugte sie ihr Haupt und sprach den Herzog an.
»Eure Durchlaucht, es ist mir eine Freude, Euch von einem gemeinsamen Freund grüßen zu dürfen.«
Etwa um die gleiche Stunde, in der Lea dem Herzog von Medicaneli begegnete, stieg Orlando Terasa de Quereda y Cunjol in London an Bord des Handelsschiffs »Seagull«, das mit dem nächsten Ebbstrom die Themse hinabfahren wollte, um nach Spanien zu segeln. Oben an Deck drehte er sich um und starrte das Ufer an. Er wusste, dass es Wahnsinn war, was er tat, und die Stimme der Vernunft drängte ihn dazu, das Schiff sofort wieder zu verlassen und die Geschäftspartner aufzusuchen, bei denen er um diese Zeit hätte ankommen müssen. Doch sein Herz trieb ihn in eine andere Richtung, immer näher auf das Land zu, das er seinem Vater zufolge nie wieder betreten durfte und in dem, wenn er nicht übermenschliches Glück hatte, ein qualvoller Tod auf ihn wartete.
Orlando war sich bewusst, dass er sein Wort hätte halten können, wenn er nicht den Fehler begangen und ausgerechnet Lea dorthin geschickt hätte. Seit ihrer Abfahrt aus Antwerpen vor mehr als vier Monaten hatte er nichts mehr von ihr gehört, und es war ihm auch nicht gelungen, von den noch existierenden Handelspartnern seines Vaters eine Nachricht von ihr oder über sie zu bekommen. Dafür hatte er sichere Kunde, dass sein Onkel Ba-ramosta mit seiner Familie immer noch im Kloster San Juan de Bereja lebte, und das hieß für ihn nichts anderes, als dass Lea gescheitert war und sich nun in den Händen der Inquisition befand.
Seit Wochen verfolgten ihn nachts die schrecklichsten Albträume, in denen Lea in düsteren Kellern gemartert wurde, bis nur noch ein zuckendes, blutiges Bündel von ihr übrig blieb, das unter dem Gejohle des Volkes an einen Pfahl gebunden und langsam verbrannt wurde. Wenn er aufwachte, hallten ihre Schreie noch in seinem Ohr, und er ekelte sich vor sich selbst. Er vermochte sich kaum noch zu rasieren, weil er seinen eigenen Anblick nicht mehr ertrug, so sehr verachtete er sich dafür, dass er eine Frau Gefahren ausgesetzt hatte, denen er sich selbst nicht hatte stellen wollen. Nein, nicht irgendeine Frau, korrigierte er sich, sondern die Frau, die er liebte.
Der Kapitän tippte ihm auf die Schulter und riss ihn für einen Augenblick aus seiner Selbstzerfleischung. »Die Flut steht hoch, Master Fischkopf. Wir werden einen starken Ebbstrom haben, der uns sicher auf das Meer hinaustragen wird.«
»Das wollen wir hoffen, Master Hörne.« Orlando zwang sich zu einem gequälten Lachen. Zu anderen Zeiten hätte er das Gespräch mit dem Kapitän genossen und über dessen Scherze gelacht. Doch in seinem ganzen Sinnen und Fühlen war nur Platz für Lea. Er musste Gewissheit haben, was mit ihr geschehen war, und vor allen Dingen wollte er sie, wenn er sie gegen alle Wahrscheinlichkeit noch lebend und wohlbehalten antraf, so schnell wie möglich aus Spanien wegbringen.
Während Orlando dem Matrosen, der sein Gepäck aufgenommen hatte, unter Deck folgte, zog der am Fockmast lehnende Zahlmeister, der ihn die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen hatte, ein zerfleddertes Blatt Papier aus einer Innentasche seines Wamses, las den Text noch einmal aufmerksam durch und grinste breit. Mit den dreitausend goldenen Reales, die die Spanier für die Gefangennahme eines gewissen Orlando Terasa, auch genannt Roland Fischkopf, zahlen würden, konnte er sich ein eigenes Schiff kaufen oder sich an mehreren großen Handelsseglern beteiligen.