Dritter Teil. Schlechte Geschäfte

1.

Lea saß scheinbar unbeteiligt an einem Tisch in der hintersten Ecke und drehte den anderen Gästen den Rücken zu, damit keiner sehen konnte, dass sie den von vielen Zähnen gezeichneten Holzbecher starr vor Angst umklammerte. Ihre Kehle war wie ausgedörrt, doch sie bekam keinen Tropfen des mit Wein gefärbten Wassers über die Lippen, aber nicht, weil es mehr nach Pferd als nach Trauben schmeckte, sondern weil das Grauen vor dem, was sie erwartete, sie wie eine schwarze Wolke durchdrang.

In den letzten drei Jahren hatten die Geschäfte sie gezwungen, monatelang als Samuel ben Jakob umherzurei-sen, und dabei war sie in mehr als eine brenzlige Situation geraten. Oft hatte sie den Gefahren mit dem Instinkt eines gejagten Tieres im letzten Moment ausweichen können, und wenn ihr das nicht gelungen war, hatte sie den schlimmsten Übergriffen die Spitze nehmen können, so dass sie mit viel Spott, ein paar Knuffen und der Bekanntschaft mit Mist und Jauche davongekommen war. Diesmal aber sah sie sich einem unversöhnlichen Feind gegenüber, vor dem es kein Entrinnen gab.

»Wer einen Juden totschlägt, vollbringt ein gottgefälliges Werk!«

Die Stimme des Mönches klang wie das misstönende Krächzen eines Raben. Die anderen Gäste stimmten ihm jedoch so inbrünstig zu, als spräche er von den Freuden des christlichen Paradieses.

Lea versuchte, ihre Angst zu verdrängen, um wieder klar denken zu können. Hatte sie ihren Kopf nicht schon öfter aus einer sich drohend zusammenziehenden Schlinge ziehen können? Es war ihr gelungen, den Markgrafen von Hartenburg zu täuschen und sein neuer Hoffaktor zu werden, und als sie wenig später ebenfalls als Samuel verkleidet nach Worms zu Zofar ben Naftali gewandert war, hatte sie Tag und Nacht auf der Hut sein müssen, um nicht entlarvt zu werden. Kurz darauf war es ihr gelungen, Ruben ben Makkabi zu täuschen, obwohl dieser Samuel drei Jahre zuvor kennen gelernt hatte. Ihr Ent-schluss, auch außerhalb von Hartenburg als Samuel aufzutreten, hatte sich auf den beiden ersten Reisen schon als kluger Schachzug erwiesen, denn ihr war es nicht nur gelungen, die bereits bestehenden Geschäftsverbindungen zu erhalten, sondern auch, die Verbindungen der beiden Männer auszunützen und die ihr zustehenden Summen in lukrativen Geschäften anzulegen. Inzwischen hatte sie das Vermögen ihrer Familie gemehrt, so dass sie nun vor dem Problem stand, den neu erworbenen Reichtum vor ihrem habgierigen Landesherrn zu verbergen.

Auch hatte sie sich bisher dem Drängen Ruben ben Makkabis nach einer Doppelhochzeit entziehen können, obwohl der Rabbi nicht locker ließ. Aber er hatte es aufgrund ihrer wortreichen Schilderungen akzeptiert, dass Samuel seine Stellung als Hoffaktor festigen musste, bevor er den Markgrafen um eine Heiratserlaubnis bitten durfte, und er hatte auch verstanden, dass Lea in dieser Zeit für die Leitung des Haushalts unentbehrlich war. Kürzlich hatte er seinem lieben Samuel jedoch zu verstehen gegeben, dass er nicht mehr lange zu warten gedachte, und Lea hatte eine neue Ausrede vorbereitet, die nicht nur stichhaltiger war als der Hinweis auf ihren Landesherrn, sondern dem Rabbi den Wind aus den Segeln nehmen würde, zumindest, was Samuel betraf. Aber wenn sie keinen Weg fand, den mörderischen Absichten des berüchtigten Judenjägers Medardus Holzinger zu entkommen, würden sich all ihre Sorgen in den Flammen eines eigens für sie errichteten Scheiterhaufens auflösen.

»Der Geruch eines brennenden Juden ist ein Wohlgeruch in der Nase des Herrn!« Die Worte des hageren, ungewaschenen Mönches bereiteten Lea beinahe körperliche Schmerzen, und sie musste ihre Knie zusammenpressen, damit das Zittern ihrer Beine sich nicht auf die Bank übertrug, auf der sie saß. Ein Ritter, der von drei Reisigen begleitet wurde und dem Wein schon reichlich zugesprochen hatte, stimmte Holzinger mit dröhnender Stimme zu. Lea fragte sich, ob Saul, auf dessen Rückkehr sie vergebens gewartet hatte, auf dem Heimweg von einer Rotte wie dieser hier umgebracht worden war. In Worms war er gewesen, das hatte sie von Zofar ben Naftali erfahren. Neben ihr verlor Jochanan die Nerven. Er sprang auf, murmelte etwas von »auf den Abtritt gehen« und schlängelte sich durch die Menschen in Richtung Tür. Als er an dem Ritter vorbeikam, sprang dieser auf und schlug ihn mit der Faust nieder, die in einem metallbeschlagenen Handschuh steckte. Jochanan flog gegen die Wand, stürzte mit blutüberströmtem Gesicht zu Boden und krümmte sich wimmernd.

Lea hätte am liebsten den nächstbesten Gegenstand gepackt und wäre damit auf den Ritter losgegangen, doch seiner herausfordernden Miene und den erwartungsvollen Gesichtern der anderen Gäste war deutlich anzusehen, dass sie auf so eine Reaktion lauerten. Ein falscher Schritt von ihr, und man würde sie ergreifen und auf möglichst unangenehme Weise zu Tode bringen. Lea war klar, dass die Leute sie auch dann nicht entkommen lassen würden, wenn sie sich völlig passiv verhielt. Früher oder später würden sie den Hetzreden des Mönches folgen und sie und Jochanan ins Feuer werfen. Aber sie gedachte den

Augenblick so lange wie möglich hinauszuzögern, denn solange sie lebte, konnte Gott vielleicht doch noch ein Wunder geschehen lassen. Das zustimmende Johlen der Gäste auf die nächste Bemerkung des Judenjägers zeigte Lea, dass sie wohl vergebens hoffte. Ihre Doppelexistenz als Lea und Samuel Goldstaub, die sich nach den ersten Schwierigkeiten so viel versprechend entwickelt hatte, würde in dieser kleinen, verwitterten Herberge zwischen Dillingen und Günzburg enden.

Wie bei einem Sterbenden zogen die Bilder der vergangenen drei Jahre noch einmal an ihren Augen vorbei. Sie war den Anweisungen ihres Vaters an Samuel gefolgt, hatte unter dem Namen ihres Bruders die Geschäftskorrespondenz beantwortet und war etliche neue Abmachungen eingegangen, so dass die Geschäfte ihres Vaters unter ihrer Leitung nahtlos weitergelaufen waren und sogar kräftigen Aufschwung genommen hatten. Ihr Geld arbeitete nun bis weit über die Grenzen des Reiches Deutscher Nation hinaus und mehrte sich beinahe wie von selbst, denn sie hatte bei der Wahl ihrer Beteiligungen eine glückliche Hand besessen.

Letztendlich hatten sich der Goldstaub und die kleinen Körner als Schlüssel zu ihrem Erfolg erwiesen. Als sie eine Aufstellung ihres Vermögens gemacht und dabei das Flussgold gewogen hatte, war sie beinahe auf den doppelten Wert jener Klumpen gekommen, die sie zu Harten-burger Gulden geschlagen hatte, um die Gier des Markgrafen zu befriedigen. In der Zwischenzeit hatte sie einen Teil des Goldes aus ihrer Heimat hinausgeschmuggelt, es zu verschiedenen Goldschmelzen gebracht und zu Münzen, Stangen und Barren verarbeiten lassen. Diesmal war sie zum gleichen Zweck unterwegs, und die Beutel, die in unauffälligen Hüllen in ihrem und Jochanans Gepäck untergebracht waren, wogen mehr als bei allen anderen Rei-sen zusammen, und nun sah es so aus, als würde das Gold, das sie unter Lebensgefahr geborgen hatte, die Taschen ihrer Mörder füllen. Wie berauscht von den Reden des Mönches hieb der Ritter auf den Tisch, um die Aufmerksamkeit des Wirts und der anderen Gäste auf sich zu lenken. »Ich habe eine Menge Feuerholz draußen an der Hauswand aufgestapelt gesehen. Lasst uns daraus einen Scheiterhaufen errichten und das Judenpack verbrennen.«

Während der Mönch sich zurücklehnte und zufrieden lächelte, wurde das Gesicht des Wirtes abweisend. »Das Holz ist für den Winter.«

Der Ritter ließ sich nicht beirren. »Willst du dich etwa sträuben, Mann, ein gottgefälliges Werk zu unterstützen? Es ist noch früh genug im Jahr, um einen neuen Vorrat anzulegen. Ich sage, wir nehmen das Holz und schicken die verdammten Juden zur Hölle.«

»Wenn Ihr mir das Holz bezahlt ...«, antwortete der Wirt mit noch verkniffenerer Miene.

Der Mönch fiel ihm ins Wort. »Wenn du das Holz spendest, auf dem die Juden verbrannt werden, ist das so viel wie der Schlüssel zum Himmelreich!«

»Das mag ja sein, aber ich muss noch den Holzfäller bezahlen, der es mir geschlagen hat, und der Grundherr bekommt auch noch eine größere Summe für die Erlaubnis, das Holz aus seinem Forst zu holen. Das sind recht handfeste, irdische Schulden, deren Begleichung ich nicht mit dem Hinweis auf das Himmelreich verweigern kann.«

Der Ritter ballte die Faust. »Du bist ein elender Geizhals!«

Der Mönch winkte ihm zu schweigen und sah den Wirt mit einem Lächeln an, das verständnisvoll wirken sollte. »Du wirst mit dem Geld entschädigt werden, das der Jude mit sich führt.«

Der Wirt warf einen Blick auf Leas abgetragenen Mantel und den alten Judenhut auf ihrem Kopf, dessen gelbe

Farbe längst ins Bräunliche spielte, und schüttelte zweifelnd den Kopf. »Der Bettel, der bei denen zu holen ist, wird nicht einmal dem Holzfäller genügen.«

Ein Kaufmann sprang auf, eilte zu dem Mönch und drückte seine Lippen mit Inbrunst auf dessen schmierige Kutte, mit der Sarah nicht einmal mehr den Boden gewischt hätte. Dann wandte er sich an den Wirt und hob die Arme wie zum Gebet.

»Sorge dich nicht, Mann. Wenn das Geld des Judenschweins nicht reicht, lege ich den Rest darauf, um für mich und meine Familie einen Ablass von meinen Sünden zu erlangen.«

Lea musste an sich halten, um nicht aufzustöhnen, denn sie hatte den Mann erkannt. Es war der Kaufmann, der ihr vor drei Jahren auf dem Heimweg von Sarningen erklärt hatte, wie man mit allen Juden im Reich verfahren sollte. Jetzt schien er die Gelegenheit zu wittern, sein Scherflein zur Vernichtung des ihm verhassten Volkes beizutragen. Er starrte Lea an, als wollte er sie mit seinen Blicken töten, erkannte sie aber nicht. Der Unterschied zwischen einem nach Art der Christen gekleideten Reisenden und dem in einen Kaftan gehüllten Juden war wohl doch zu groß.

Der Mönch nickte dem Kaufmann sichtlich zufrieden zu. »Damit ist die Entscheidung gefallen. Der Jude und sein Knecht kommen ins Feuer.«

Der Ritter und seine Leute jubelten bei diesen Worten auf. Es waren harte Männer, denen das Töten zum Handwerk geworden war und vielleicht sogar zur Lust. Aber auch die meisten anderen Gäste stimmten dem Be-schluss des Mönches zu, wenn auch bei weitem nicht so begeistert. Keiner war jedoch bereit, es sich mit dem Klosterbruder zu verderben, dessen Stimme seit mehr als einer halben Stunde so scharf wie eine Peitsche auf sie einge-schlagen hatte. Die meisten von ihnen hatten von Medar-dus Holzinger gehört, der bereits Hunderte Juden auf den Scheiterhaufen gebracht haben sollte und den einen oder anderen Christen, der es gewagt hatte, sich für die Söhne Judas zu verwenden, gleich mit dazu. Man galt in diesen Landen sehr rasch als Ketzer, wenn man einem Kirchenmann wie Holzinger missfiel.

Lea hatte inzwischen mit ihrem Leben abgeschlossen. Mit bissiger Selbstverspottung dachte sie daran, dass ihr Geheimnis nun für alle Zeiten sicher war, denn einem Häuflein Asche konnte man nicht mehr ansehen, ob es von einem Mann oder einer Frau stammte. Während sie sich noch fragte, wie es ihren Geschwistern ergehen würde, wenn sie durch ihren Tod ein zweites Mal verwaisten, erhob sich ein junger Mann, der seiner schreiend bunten, städtischen Kleidung nach zu urteilen zu jenen geckenhaften Müßiggängern aus reicher Familie gehörte, die für ihre Spottlust und ihre Streiche berüchtigt waren.

Er trat neben den Mönch und wies mit einer Gebärde des Abscheus auf die an klobigen Tischen sitzenden Gäste und den Wirt, der neben dem aufgebockten Weinfass stand. »Die Verbrennung eines verdammten Juden ist gewiss eine gottgefällige Tat. Doch weiß ich nicht, ob das hier der richtige Rahmen dafür ist.«

Medardus Holzinger blickte sichtlich verwirrt auf. »Wieso denn nicht?«

»Seht Euch doch um!«, antwortete der junge Mann in mokantem Tonfall. »Was seht Ihr? Ein Dutzend zusammengewürfelter Reisender, einen fetten Wirt und ein paar tölpelhafte Knechte. Sollen nur so wenige Leute des Segens teilhaftig werden, den die Verbrennung eines Christusmörders mit sich bringt? In Spanien zum Beispiel versammeln sich Zehntausende, wenn ein Jude in die Feuer der Hölle geschickt wird.«

»Ihr wart bei einem Autodafe zugegen?«, fragte der Mönch mit unverhohlenem Neid.

»Als Agent eines großen Handelshauses kommt man weit herum.« In der Stimme des jungen Mannes lag eher Spott als Stolz. Er drehte sich zu dem Ritter um und deutete eine Verbeugung an.

»Die Verbrennung eines Juden ist keine Wirtshausunterhaltung, sondern ein großes Ereignis, welches in einer Stadt oder wenigstens in einem größeren Marktflecken stattfinden und lange vorher angekündigt werden muss, damit möglichst viele Menschen des Segens dieses Werkes teilhaftig werden können. Auch ist es Sitte, dass ein Bischof als Vertreter der Geistlichkeit dabei anwesend ist oder zumindest ein Reichsabt.«

Der Ritter zog eine säuerliche Miene. »Damit könnt Ihr schon Recht haben. Aber wir wollen hier und heute unseren Spaß haben.«

»Sehe ich aus wie jemand, der Euch eine Freude missgönnt?«, fragte der junge Mann sichtlich verwundert und schnippte dabei ein Stäubchen von seinen hellblau und grellrot gestreiften Beinkleidern. »Edler Herr, man vermag eine Menge Spaß mit einem Juden zu haben, viel mehr, als wenn man ihn einfach ins Feuer stößt. Da quiekt er ein paarmal, dann ist es vorbei. Außerdem stinkt es erbärmlich.«

»Das sind die Wohlgerüche des Paradieses!«, warf der Mönch giftig ein.

Der junge Mann zog die Schultern hoch und ließ sie wieder fallen, »Im Paradies will ich sie gerne schmecken, aber hier auf dieser Welt ist mir ein anderer Duft lieber.«

Lea wusste nicht, was sie von dem Ganzen halten sollte. Gab es für sie und Jochanan doch noch eine Chance, das Zusammentreffen mit dem berüchtigten Judenschlächter zu überleben, oder wollte dieser Geck nur ihre

Qualen verlängern? Nein, so bösartig sah er eigentlich nicht aus, eher wie jemand, dem die Hetzreden des Mönches nicht gefielen. Aber wie sollte ein gewöhnlicher Reisender es fertig bringen, sie den Klauen eines Medardus Holzinger zu entreißen?

»Wein für alle, und zwar vom besten«, rief der junge Mann dem Wirt zu. »Halt, dem ehrwürdigen Bruder reicht lieber Wasser. Er hat gewiss ein Fastengelübde abgelegt.«

Sofort traf ihn ein giftiger Blick des Mönches, der die Gäste nun vehement aufforderte, die Judenpest zu verbrennen.

»Ja, aber nicht hier und heute!«, wehrte der Ritter ab und musterte den jungen Gecken neugierig. »Nun sprecht, Mann! Erzählt uns, was man andernorts so mit Juden treibt.«

»Oh, da gibt es allerhand interessante Sitten«, antwortete der Handelsagent beflissen. »In Piombino in Italien zum Beispiel wird der Vorsteher der jüdischen Gemeinde jedes Jahr zu Ostern nackt auf eine trächtige Sau gesetzt und dreimal um den großen Markt herumgeführt.«

»Eine gute Idee«, lachte der Ritter. »Kommt, wir ziehen die Juden aus.«

Lea erbleichte. Was die rauen Kriegsleute mit ihr anstellen würden, wenn sie sie als Frau entlarvten, brauchte sie nicht zu fragen. Einige der Kerle wollten schon aufspringen und ihr Vorhaben in die Tat umsetzen, als der Buntgekleidete abwehrend die Hand erhob.

»Einen alten Juden nackt ausziehen und sich an seiner Schrumpeligkeit zu ergötzen mag ja ganz nett sein. Aber dieser da« - er zeigte dabei auf Lea - »ist jung und von angenehmer Gestalt. Ihn nackt zu sehen, könnte das Seelenheil unseres frommen Kirchenmanns hier gefährden.«

»Du meinst, er könnte versucht sein, seinen Nagel in das Loch zu schlagen, das Männern wie Frauen gleichermaßen zu Eigen ist?« Der Ritter brüllte vor Lachen und lenkte damit den Zorn des Mönches auf sich.

»Wollt Ihr etwa behaupten, ich sei so verderbt, Sodo-mie zu treiben?«

Der Handelsagent schüttelte energisch den Kopf. »Beim Leibe Christi, nein! Doch hat der Satan nicht auch Hiob in Versuchung geführt, genauso wie den heiligen Benedikt und die heilige Cäcilie? Dünkt Ihr Euch etwa reiner oder sicherer vor den Werken des Teufels als diese drei erhabenen Personen?«

Dem Gesicht des Mönches war anzusehen, dass er sich durchaus reiner fühlte, und er protestierte auch wütend gegen diese Unterstellung, aber seine Worte gingen in aufbrandendem Gelächter unter.

»Was können wir denn sonst mit den Juden anfangen?«, fragte der Ritter enttäuscht.

Der junge Mann lächelte herablassend. »In Birnbach in Bayern müssen sich die Juden jedes Jahr an Abrahams Geburtstag in ihrer Synagoge versammeln und eine große Portion Schweinefleisch essen.«

»Kein schlechter Gedanke! Das ist für die doch dasselbe, als wenn unsereiner seinen eigenen Kot fressen müsste.« Begeistert drehte der Ritter sich zum Wirt um und verlangte zwei Riesenportionen von dem über dem Feuer bratenden Spanferkel.

»Aber besonders fett!«, rief der Handelsagent. Dann betrachtete er Jochanan mit zweifelndem Blick und schüttelte den Kopf.

»Ihr hättet dem Kerl nicht die halben Zähne ausschlagen sollen. So bringt er nichts hinunter. Wirt, für den Knecht nur ein Stück klein geschnittenen Specks. Soll doch sein Herr für ihn mitfressen.«

Das war ein Spaß genau nach dem Herzen der Reisigen und Handelsleute, die in der Herberge Unterkunft gefunden hatten. Ein paar von ihnen packten Jochanan und schleppten ihn zu Leas Tisch, um den sich nun alle versammelten. Einzig der Mönch blieb auf seinem Platz hocken und murmelte lateinische Worte, die jedoch nicht nach frommen Gebeten klangen. Leas Erleichterung, der Aufdeckung ihres Geschlechts und einer Massenvergewaltigung durch die anwesenden Männer entgangen zu sein, währte nicht lange. Angewidert starrte sie auf das fette, dampfende Stück Schweinefleisch, das noch über das Brett hinausragte, welches der Wirt vor sie hinstellte, und kämpfte allein von dem Geruch mit Magenkrämpfen und Übelkeit. Als sie zu dem geckenhaften Mann aufsah, nahm sie ein belustigtes Grinsen wahr. Wie es schien, hatte er sie nur deswegen vor dem Feuertod bewahrt, um sich stundenlang an ihren Qualen ergötzen zu können.

Am liebsten hätte sie den Schweinebraten gepackt und ihm an den Kopf geworfen. Da die Stimmung in der Gaststube schnell wieder umschlagen konnte, zwang sie sich zu der Einsicht, dass es besser sei, Schweinefleisch zu essen und sich in den nächsten Wochen mit Gebeten und Fasten zu reinigen, als für immer tot zu sein. Widerwillig ergriff sie das Messer, das ihr der Ritter in die Hand drückte, und schnitt sich ein kleines Stück von dem Braten ab. Neben ihr fütterte der Geck Jochanan wie ein kleines Kind mit triefendem Speck. An dem Blick ihres Knechts erkannte sie, dass es auch ihm lieber war, mit Schweinefleisch besudelt als verbrannt zu werden. In dem Augenblick hasste Lea sich selbst für die Tatsache, dass sie nicht weniger am Leben hing als ihr Begleiter.

Mit einer unhörbaren Verwünschung, die den hier Anwesenden im Allgemeinen und dem Handelsagenten im Besonderen galt, begann sie zu essen. Ihr Quälgeist ließ sie jedoch auch jetzt nicht in Ruhe. »Schmeckt es dir, mein beschnittener Freund? Übrigens sagen die großen Kirchenlehrer, dass ihr Juden in der Hölle in Luzifers Schweinestall gesperrt werdet, damit der Höllenfürst sich an euren vor Abscheu verzerrten Mienen weiden kann.«

Die Leute rings um ihn lachten, und als Leas Gesicht vor Wut dunkel anlief und sie ihren Peiniger mit gefletschten Zähnen anfunkelte, schlug sich der Ritter vor Begeisterung auf die Schenkel. »Der da wartet nicht bis zur Hölle!«

»Iss weiter, mein beschnittener Freund.« Die Stimme des jungen Mannes klang sanft, aber zwingend. Da Lea nicht sofort reagierte, nahm er ihr das Messer aus der Hand, schnitt ein Stück nach dem anderen von dem Braten ab und stopfte es ihr unter dem Gejohle der Zuschauer in den Mund, und er ließ erst von ihr ab, als das Brett vor ihr fast blank geputzt war.

»Jetzt soll der Jude auf der Sau reiten«, forderte der Kaufmann, der das Holz hatte bezahlen wollen. Der Handelsagent warf einen Blick nach draußen und schüttelte den Kopf.

»Dafür ist es schon zu dunkel. Wir würden kaum etwas sehen und uns im Schweinekoben höchstens Schuhe und Gewand beschmutzen.«

»Das würde dir wohl in der Seele wehtun.« Der Ritter, der selbst in recht buntscheckiges Tuch gekleidet war, zeigte dabei auf das dunkelblaue, vielfach gefältelte Wams des Handelsagenten, aus dessen Schlitzen rotes und grünes Futter in verschiedenen Schattierungen aufblitzte. Der junge Mann blickte auf seine Lederschuhe hinab, deren Glanz von keinem Staubkörnchen getrübt wurde, und nickte mit einem entschuldigenden Lächeln.

»Dann holen wir die Sau eben in die Wirtsstube«, schlug ein anderer Händler vor.

Der Wirt schüttelte den Kopf, dass seine Hamsterba-cken flogen. »Die Sau kommt mir nicht herein. Wenn die hier was fallen lässt, stinkt es noch tagelang, und mir bleiben die Gäste weg.«

»Alte Unke«, schimpfte einer der Reisigen.

Der Handelsagent winkte lachend ab. »Eine Sau kann doch jeder Jude reiten. Ich habe vorhin Ferkel gesehen. Holen wir eines von denen herein und lassen unseren beschnittenen Freund es herzen und küssen. Das wird viel lustiger.«

»Wenn du auch dagegen Einwände hast, schlagen wir dir die Bude kurz und klein«, drohte der Ritter dem Wirt an.

Der Mann wandte sich mit einem ärgerlichen Schwung seiner überquellenden Fettmassen ab. »Macht doch, was ihr wollt!«

Mehrere Männer verließen die Gaststube und kehrten kurz darauf mit einem quiekenden Ferkel zurück. »Da haben wir ein besonders schönes Exemplar«, lachte einer. »Komm Jude, gib unserem Schatz einen Schmatz.«

Dabei hielt er Lea die rosige Schnauze des Ferkels auffordernd vor die Nase. Sie wollte angewidert das Gesicht abwenden, spürte im gleichen Moment jedoch die Finger des geckenhaften Mannes wie eine eiserne Klammer in ihrem Genick. Er bog ihren Kopf herum, bis ihre Lippen die Schnauze des Tieres berührten, und das Gelächter schien schier die Gaststube sprengen zu wollen. Lea spürte die kalte, feuchte Schweineschnauze auf ihren Lippen, und ihr wurde klar, dass sie das Tier bei weitem nicht so hasste wie den Mann, der sie zu diesen Dingen zwang. Er ließ nun ihren Nacken los und drückte ihr das Ferkel wie ein Kind in die Arme. »So, jetzt umarme deine kleine Freundin und tanze mit ihr. Die Gäste wollen unterhalten werden.«

Lea wollte das schmutzige, sich windende Ding sofort wieder loslassen, doch ein warnender und seltsam bittender Blick ihres Quälgeists mahnte sie, weiterhin mitzumachen. Als sie die hämischen Gesichter der übrigen Gäste auf sich gerichtet sah, wurde ihr klar, dass sie, wenn sie überleben wollte, den Hofnarren für diesen Pöbel abgeben musste. Einer der Männer holte unter dem Gejohle der anderen eine Fiedel aus seinem Gepäck und spielte ihr auf.

»Was sehen wir denn da? Ein Jude, der mit seiner Braut tanzt!«, kreischte einer der jüngeren Reisigen auf.

Der Ritter schnaufte halberstickt. »Ich hoffe, ihr habt ihm ein weibliches Ferkel beschafft.«

»Freilich! Wir haben schon darauf geachtet, ein Schweinemädchen für den Schweinejuden zu holen«, gab der andere zurück. Stunden um Stunden schienen zu vergehen, in denen Lea sich vor den immer betrunkener werdenden Zuschauern beinahe bis zur Selbstaufgabe erniedrigte. Als sie endlich aufhören durfte, lagen die meisten Gäste vom Wein überwältigt unter den Tischen. Der Ritter, der standfester war als die anderen, umarmte den Handelsagenten und lachte dabei, dass ihm die Tränen in die Augen traten.

»Das war wirklich der köstlichste Spaß seit langem, mein Freund. He, wie soll ich dir vernünftig danken, wenn ich noch nicht einmal deinen Namen kenne. Ich bin Bernhard von Ochsenmaul, ein fränkischer Reichsritter und, wie ihr alle gesehen habt, ein guter Kerl.«

»Ochsenmaul ist ja auch ein guter Name«, antwortete der Geck wie betrunken kichernd.

Der Ritter fühlte sich veralbert und lief dunkelrot an. Doch ehe er etwas sagen konnte, verneigte sich der Handelsagent schwungvoll. »Vor allem, wenn man ihn neben den meinen stellt. Darf ich mich vorstellen? Ich bin Roland Fischkopf.«

Der Ritter zog den Handelsagenten an sich. »Fischkopf? Das ist gut. Wir beide passen wirklich zusammen.«

»Das will ich meinen! Ochsenmaul und Fischkopf sind zwei wunderschöne Namen. Wer das Gegenteil behaupten will, soll es nur wagen.« Er entwand sich dem Griff des weinseligen Ritters und warf einen Blick in die Runde.

Lea hatte das Ferkel auf einen Tisch gestellt, wo es zum Gaudium einiger Leute quiekend hin und her rannte und dabei mehrfach in Gefahr geriet, herabzufallen, und sah sich forschend um. Da sich niemand mehr um sie zu kümmern schien, hob sie Jochanan auf, der noch immer aus Mund und Nase blutete, und verschwand mit ihm durch die Tür, nicht ohne noch einen letzten Blick auf den Mönch zu werfen, der wie ein gebannter Dämon in seiner Ecke hockte und die Betrunkenen mit grimmigen und anklagenden Blicken bedachte. Er schien nicht begreifen zu können, dass ihm jemand das Heft aus der Hand genommen und sein Werk zunichte gemacht hatte.

2.

Roland Fischkopf, den seine Verwandten und besten Freunde als Orlando Terasa de Quereda y Cunjol kannten, sah sich noch einmal in dem Raum um, der nun mehr einem Schlachtfeld als einer Gaststube glich. Es stank nach verschüttetem Wein und menschlichen Ausdünstungen, und kaum einer der noch aufrecht sitzenden Gäste sah so aus, als würde er ohne Hilfe sein Bett finden. Nur der Mönch, dem der Wirt tatsächlich nur Wasser hingestellt hatte, war hellwach und starrte Orlando an, als würde er sich am liebsten an ihm für das Entkommen der Juden schadlos halten.

Orlando wusste, dass er sich an diesem Tag einen unversöhnlichen Feind geschaffen hatte, der hartnäckiger sein würde als andere Verfolger, und ihm blieb nur zu hoffen, dass Medardus Holzinger nie erfuhr, von wem er übertölpelt worden war. Jetzt ärgerte er sich über sich selbst, weil er zu Gunsten dieser Lea Goldstaub eingegriffen hatte. Die beiden Leben, die er hier gerettet hatte, konnten später einmal den Tod anderer bedeuten, die sich auf seine Hilfe verließen.

Das durfte er jedoch nicht diesem verrückten Weibsbild ankreiden, sondern nur sich selbst. Als er von Ruben ben Makkabi erfahren hatte, dass Samuel ben Jakob nach Augsburg kommen würde, hatte er für den letzten Teil des Weges die gleiche Strecke gewählt, die Lea nehmen musste. In den letzten Jahren hatte er des Öfteren von dem jungen Fernhandelskaufmann reden hören und mit Verwunderung den Lobliedern auf dessen Tüchtigkeit gelauscht, so dass er diese ungewöhnliche Frau persönlich hatte kennen lernen wollen.

Natürlich konnte er es ihr nicht zum Vorwurf machen, in diese höllische Situation geraten zu sein, denn wer hätte voraussehen können, dass der als fanatischer Judenver-nichter bekannte Mönch Medardus Holzinger ebenfalls diese Straße ziehen würde? In gewisser Weise freute Orlando sich sogar, dass er Lea hatte helfen können. Es war ein herrlicher Spaß gewesen, dem Mönch die schon sicher geglaubte Beute zu entreißen, und es hatte ihm beinahe genauso viel Vergnügen bereitet, das zornige Blitzen zweier großer, dunkelblauer Augen in einem durchaus hübschen Gesicht herauszufordern. Die junge Frau hätte wohl nichts lieber getan, als ihm ihre kräftigen, weißen Zähne in die Kehle zu schlagen.

Nach einem letzten Blick auf die betrunkenen Gäste verließ er den Raum, nahm draußen eine der Laternen vom Bord und ging hinüber in den Stall, in dem der Wirt den Juden eine unbenutzte Geschirrkammer zugewiesen hatte. Es war ein primitiver Holzverschlag mit einem großen, an der Längsseite aufgerissenen Futterkasten, auf dessen Deckel ein Strohsack und eine löchrige Decke lagen. Dieses primitive Bett sah jedoch noch bequemer aus als der mit einem fadenscheinigen Leintuch bedeckte Haufen alten Strohs an der gegenüberliegenden Wand, auf dem wohl Leas Diener schlafen sollte.

Orlando empfand es als ungehörig, dass Lea und ihr Knecht im selben Raum nächtigten, und wunderte sich gleichzeitig über den Ärger, den er deswegen empfand. Jochanan hatte mit einem so treuen Hundeblick zu seiner Herrin aufgeschaut, als wäre sie sein Abgott. Das allein bewies schon, dass es zwischen den beiden keine verbotenen Vertraulichkeiten gab. Der Knecht war gewiss ein braver Kerl, aber kein Mann, der das Herz oder die Sinne einer so energischen jungen Frau entflammen konnte.

Orlando verweilte einen Augenblick in der Erinnerung an Leas seidig glatte Haut und den feinen, wenn auch sonnengebräunten Händen, und er fragte sich, wie wohl der Rest ihres Körpers aussehen mochte. Schnell schüttelte er diese Gedanken ab. Ihn hatte Lea nicht als Frau zu interessieren, sondern als das, für das sie sich ausgab, nämlich den erfolgreichen jüdischen Handelsherrn Samuel ben Jakob aus Hartenburg. Da weder Lea noch ihr Knecht irgendwo zu sehen waren, zog er das Gepäck heraus, das unter Laub und Stroh verborgen in der Futterkiste lag. Ihm war bei der Ankunft der beiden schon aufgefallen, dass die Bündel der beiden zu schwer für ihre Größe wirkten, und nun nutzte er die Gelegenheit, sich anzusehen, was Lea mit sich herumschleppte. Gespannt öffnete er die kunstvollen Knoten, mit denen die Packen gesichert waren, und starrte kurz darauf auf das Gefun-kel, in dem sich das Licht seiner Laterne widerspiegelte. Die beiden armselig wirkenden Juden führten Gold im Wert von mehreren tausend Gulden mit sich.

Jetzt wurde ihm klar, warum die Hartenburger den Hoffaktor ihres Markgrafen Goldstaub nannten. Selten hatte ein Jude einen Beinamen mit mehr Berechtigung getragen als dieser Samuel, der eine Lea war. Orlando wollte die beiden Beutel schon wieder verschließen, als ihm einfiel, das hier eine Chance für ihn lag, ein Geschäft abzuschließen, mit dem er guten Gewinn erwirtschaften und gleichzeitig einem seiner Schützlinge wieder auf die Beine helfen konnte. Kurz entschlossen nahm er ein Tuch aus Leas Gepäck, breitete es auf dem Bett aus und schüttete die Hälfte des Goldstaubs und der Körner hinein. Die um einiges leichter gewordenen Beutel verschloss er mit denselben kunstvollen Knoten und schob sie wieder in den Kasten. Dann knotete er die Enden des mit Gold gefüllten Tuches zusammen, damit nichts von dem wertvollen Inhalt verloren gehen konnte, und wog es mit einem anerkennenden Lächeln in der Hand. Während er die Beute in seine Kammer trug, überschlug er deren Wert. Er schätzte den Anteil, den er sich genommen hatte, auf eintausend bis eintausendzweihundert Gulden. So viel war die zugige, halb zerfallene Burg nicht wert, in der Ritter Ochsenmaul hausen mochte. Es war gut, dass weder der Mönch noch der Ritter etwas von diesem Schatz geahnt hatten, denn sonst hätte selbst ein Engel des Herrn Lea und ihren Knecht nicht vor dem Feuertod bewahren können.

Nachdem Orlando das Gold in seinem Zimmer versteckt hatte, machte er sich auf die Suche nach der jungen Jüdin und fand sie schließlich an einem Bach unweit der Herberge. Leas Gesicht schimmerte im hellen Mondlicht grünlich. Wie es aussah, hatte sie sich den Finger in den Mund gesteckt, um den Magen zu entleeren, und schien sich kaum noch aufrecht halten zu können. Dennoch kümmerte sie sich um ihren verletzten Knecht und reinigte ihm gerade das blutverschmierte Gesicht. Als Orlandos Schatten über sie fiel, hob sie den Kopf und funkelte ihn hasserfüllt an. »Habt Ihr uns noch nicht genug gequält?

Wollt Ihr Euch noch weiter an unserem Elend weiden?«

»Elend?« Orlando dehnte dieses Wort genüsslich. »Mein beschnittener Freund, du solltest frohlocken, dass du überhaupt noch kotzen kannst. Außerdem wäre ein wenig Dankbarkeit mir gegenüber angebracht. Schließlich habe ich dir das Leben gerettet. Oder hast du vergessen, dass man für dich und deinen Knecht den Scheiterhaufen errichten wollte? Ihr dürftet die ersten Juden sein, die dem ehrwürdigen Bruder Medardus Holzinger entkommen sind, und seid versichert, seine Freude darüber hält sich in Grenzen. Daher gebe ich euch beiden den Rat, so rasch wie möglich von hier zu verschwinden. Wenn die

Leute morgen mit schweren Köpfen aufwachen, könnten sie für seine Einflüsterungen empfänglich sein und versuchen, ihre Kopfschmerzen durch den Geruch eines gerösteten Juden zu vertreiben.«

Lea erhob sich, um nicht weiter zu Orlando aufsehen zu müssen. »Ihr seid ja sehr besorgt um mich und meinen Knecht. Erwartet Ihr vielleicht noch eine Belohnung dafür?«

»Die habe ich mir bereits genommen«, antwortete Orlando grinsend. »So geschwächt, wie ihr seid, wärt ihr beide sowieso nicht mehr in der Lage, die schweren Packen mit eurem Gold zu tragen.«

Lea zuckte zusammen und starrte ihr Gegenüber fassungslos an.

»Ihr habt mir mein Gold gestohlen?«

Orlando hob abwehrend die Hände. »Gestohlen? Was für ein böses Wort! Nein, ich habe mir etwa die Hälfte davon geborgt. Deswegen bist du immer noch nicht arm, mein beschnittener Freund.«

»Ich bin weder Euer Freund noch be ...« Lea biss sich auf die Zunge, denn sie hätte sich beinahe verraten. Da sie jedoch als männlicher Jude gelten wollte, durfte sie die Beschneidung nicht leugnen. »... noch sehe ich ein, Euch etwas schuldig zu sein! Schließlich habt Ihr Euch heute genug derbe Scherze mit mir geleistet.«

»Gewiss keinen derberen, als ihn der Mönch für dich plante«, erinnerte Orlando sie.

»Ihr hattet Euren Spaß und tragt dafür mein Gold mit Euch fort. Das mag Euch genügen.«

Lea drehte Orlando den Rücken zu und beugte sich wieder zu Jochanan hinab.

Orlando ärgerte sich schon wieder über dieses sturköp-fige Weibsstück. Wäre sie ein vernünftig denkender Mann, hätte sie begriffen, wie knapp sie dem Tod ent-gangen war. Er hatte ja keinen überschwänglichen Dank für die Rettung erwartet, aber wenigstens ein paar nette Worte. Dieses Mädchen von gerade mal neunzehn Jahren tat jedoch so, als wäre er an ihrem Unglück schuld und nannte ihn zum Dank auch noch einen Dieb.

»Mein lieber beschnittener Freund«, begann er mit sanfter Stimme. »Ich habe dich mitnichten bestohlen, sondern nur eine größere Summe von dir geborgt. Ich habe nämlich die Gelegenheit zu einem viel versprechenden Geschäft, das ich sonst hätte ausschlagen müssen. Dank deines Goldes bin ich jetzt in der Lage, mich an einem größeren Unternehmen zu beteiligen. Sieh dich als mein Geschäftspartner an, denn ich werde dir die ausgeliehene Summe auf den Heller genau zurückzahlen und den Profit brüderlich mit dir teilen.« Orlando schnurrte fast vor Vergnügen, während Leas Miene immer eisiger wurde.

»Wollt Ihr mich noch weiter verspotten? Ihr seid nicht nur ein Dieb, sondern auch ein elender Lügner! Geht! Macht, dass Ihr fortkommt, bevor ich meine Beherrschung verliere. Ich bete zu dem Gott meiner Väter, Euch nie mehr begegnen zu müssen.«

»Das ist ein harsches Lebewohl, mein beschnittener Freund, aber ich gebe mich jetzt damit zufrieden.«

Orlando drehte sich um und kehrte in die Herberge zurück. Er musste an sich halten, um unterwegs nicht lauthals zu lachen. Wüsste Lea, dass er ebenfalls zu Ruben ben Makkabi unterwegs war, würde sie an ihrem eigenen Gift ersticken.

Als er am nächsten Morgen aufstand, schliefen die meisten Reisenden noch ihren Rausch aus. Vom Wirt erfuhr er, dass die beiden Juden bereits vor Anbruch der Dämmerung aufgebrochen waren, während der Mönch kurz nach Sonnenaufgang die Herberge in die andere Richtung verlassen hatte.

»Den Wein, den Ihr gestern für alle bestellt habt, braucht Ihr nicht zu bezahlen«, setzte der Wirt mit unglücklichem Gesicht hinzu. »Ich bin ja froh, dass alles so glimpflich abgegangen ist, denn andernfalls hätte ich ganz bestimmt Schwierigkeiten mit der Obrigkeit bekommen.«

Orlando klopfte dem Mann lächelnd auf die Schulter. »Hab keine Sorge um deinen Verdienst, mein Freund. Ich habe gestern Abend mit dem Juden gesprochen und fand ihn sehr glücklich, weil ihm nichts geschehen ist. Deswegen hat er mir Geld für dich zurückgelassen, so dass du seinetwegen keinen Verlust erleiden musst.«

Der Wirt sah seinen Gast verwundert an. »Davon hat mir der Jude beim Abschied aber nichts gesagt.«

Orlando hob die Augenbrauen. »Ist das nicht zu verstehen? Er ist zwar nicht reich, doch die paar Münzen in seinem Beutel hätten einige Gäste durchaus veranlassen können, ihm zu folgen und ihn auszurauben.«

»Da habt Ihr freilich Recht«, stimmte der Wirt ihm zu. »Wenn es genehm wäre, so bekäme ich zwanzig Groschen für drei große Kannen meines besten Weins, außerdem noch weitere fünf für Eure eigene Übernachtung und die Zeche.«

Orlando war sich sicher, dass der fette Wirt einen billigeren Wein ausgeschenkt hatte, zählte aber brav die geforderte Summe ab und drückte sie ihm mit einem weiteren Groschen als Trinkgeld in die Hände. »Es stimmt so, mein Guter. Aber nun schickt mir den Knecht mit heißem Wasser in meine Kammer und lasst mein Frühstück richten. Ich will ebenfalls bald aufbrechen.«

Der Wirt verbeugte sich so tief, wie seine Fülle es erlaubte, und watschelte davon, um seine Anweisungen an das Gesinde zu geben.

3.

Zu Leas Erleichterung stellte sich heraus, dass Jocha-nan weder den Kiefer gebrochen noch mehr als einen Zahn verloren hatte. Die Wunden in Gesicht und Mund hinderten ihn zwar daran, feste Kost zu sich zu nehmen, aber sonst verlief der Rest der Reise ohne weitere Schwierigkeiten. Trotzdem war Lea froh, als sie Augsburg vor sich auftauchen sahen, und wünschte sich, sie befände sich schon in der gewiss trügerischen Sicherheit von Ruben ben Makkabis Heim. Nachdem sie die Torsteuer bezahlt hatte, musste sie sich zwingen, gemessenen Schrittes Richtung Judenviertel zu gehen.

Ihr Gastgeber empfing sie mit sichtlicher Freude und ließ, als er Jochanans geschwollenes, von einer Platzwunde entstelltes Gesicht sah, gleich einen Arzt rufen. Während er den Knecht in die Obhut seines Gesindes gab, führte er Lea in seine beste Stube, die mit kunstvoll gewebten Teppichen aus feinster Wolle ausgelegt war und an deren Wänden von kundiger Hand gestickte Bilder von der Sehnsucht nach dem fernen Jerusalem sprachen. Rubens Sohn Jiftach hockte wie eine Kröte auf einem niedrigen Stuhl und rezitierte Thoratexte, während dessen Schwester Hannah Lea bedienen musste. Es war dem Hausherrn deutlich anzusehen, dass er seinem Plan, das Mädchen mit Samuel ben Jakob zu verheiraten, diesmal ein Stück näher kommen wollte.

»Meine Hannah ist ein hübsches Mädchen, nicht wahr?«, pries Ruben seine Tochter, als hätte sein junger Gast sie noch nie gesehen. »Sie ist folgsam, fleißig und brav und auch nicht zu ausgelassen an Purim und beim

Chanukka-Fest. Gewiss wäre sie einem Handelsmann, der viel unterwegs ist, eine angenehme Gefährtin und die treue Hüterin seines Hauses.«

Lea seufzte innerlich. Die Andeutungen in ihrem letzten Schreiben hatten offensichtlich noch nichts bewirkt, also würde sie noch deutlicher werden müssen, um den eifrigen Ehestifter zu bremsen. Zu ihrer Erleichterung klopfte es an der Tür, und ein Diener meldete, dass weitere Gäste erschienen waren. Lea hätte dem Mann am liebsten ein Goldstück in die Hand gedrückt, weil er ihr eine direkte Antwort erspart hatte. Ihre Freude verlor sich jedoch rasch, denn Ruben hörte auch im Kreis seiner Freunde nicht auf, Samuel seine Tochter schmackhaft zu machen.

Kaleb ben Manoach, einer von Rubens Nachbarn, stimmte seinem Gastgeber eifrig zu. »Wie alt bist du, Samuel? Einundzwanzig, nicht wahr? Da wird es aber höchste Zeit für dich, dir ein Weib zu nehmen.«

Das Eintreten des Dieners bewahrte Lea erneut vor einer Antwort. »Es ist ein weiterer Gast eingetroffen, Herr«, wandte er sich an Ruben ben Makkabi. »Aber er ist keiner von uns, sondern ein Christ.«

»Das kann nur Roland Fischkopf sein, ein Hamburger Handelsagent, der gelegentlich für mich als Aufkäufer tätig ist. Schnell, führe ihn herein.« Der Hausherr scheuchte den Diener mit einer Handbewegung fort und lächelte über die Verblüffung seiner Gäste. Trotzdem wirkte er genauso gespannt wie sie.

Kaleb ben Manoach verzog angewidert das Gesicht. »Du arbeitest mit einem Christen zusammen?«

Ruben ben Makkabi winkte ab. »Das tun wir doch alle mehr oder weniger.«

»Ja, aber nicht so, dass man ihnen echtes Vertrauen schenken müsste.«

Im selben Augenblick trat Orlando ein. Sein Blick schweifte über die versammelte Runde und blieb auf Lea haften.

»Oh, da ist ja mein lieber Freund Samuel! Was bin ich erleichtert, dich unbeschadet wiederzusehen. Ich hatte schon Angst, man hätte dir unterwegs doch noch aufgelauert.« Seine Stimme klang so erfreut, als hätte er einen lange vermissten Verwandten vor sich.

Lea biss die Kiefer zusammen, um die Worte zurückzuhalten, die über ihre Zunge drängten. Ihr Blick irrte zwischen Ruben ben Makkabi und Fischkopf hin und her, und sie verfluchte den Zufall, der diesen heimtückischen Christen ausgerechnet in dieses Haus geführt hatte. »Wie Ihr seht, bin ich gut in Augsburg angekommen. Das allerdings war nicht Euer Verdienst.«

»Beileibe nicht. Aber glaube nicht, es wäre leicht für mich gewesen, Bruder Medardus Holzinger davon abzuhalten, dir zu folgen und dich doch noch auf den Scheiterhaufen zu bringen.«

Die übrigen Gäste erbleichten bei der Erwähnung des gefürchteten Namens. Ruben ben Makkabi schluckte und starrte Lea entgeistert an. »Was höre ich da? Du bist Me-dardus Holzinger, diesem Sendboten des Bösen, begegnet?«

»... und ihm entkommen!«, setzte Orlando zufrieden lächelnd hinzu.

Kaleb ben Manoach schenkte Samuel einen anerkennenden Blick. »Das ist ein Wunder! Gepriesen sei der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.«

Lea erkannte mit erschreckender Klarheit, dass sie entweder ihren Peiniger loben oder das Verdienst, dem Feuertod entgangen zu sein, für sich selbst in Anspruch nehmen musste. Das Erste tun zu müssen, erbitterte sie bis ins Mark, aber sie durfte die ehrwürdigen Ältesten der

Augsburger Gemeinde nicht anlügen. »Ich gebe zu, dass Medardus Holzinger sehr viel daran gelegen war, Jocha-nan und mich auf dem Scheiterhaufen zu sehen. Dein neuer Gast . äh, ich habe den Namen vergessen .« Lea wandte sich scheinbar gleichmütig an Orlando.

»Fischkopf, Roland Fischkopf«, half dieser lächelnd aus.

»Nun, Herrn Fischkopf gelang es, die Leute von dem Verlangen des Mönches abzulenken.«

Kaleb ben Manoach musterte Orlando wie ein lebendig gewordenes Wunder Gottes. »Wie ist Euch dies nur gelungen, werter Freund?«

»Ach, Herr Fischkopf brachte ein paar Ideen vor, wie man mehr Spaß am Judenquälen hat, als wenn man sie verbrennt. Er begeisterte die Anwesenden damit so sehr, dass sie den Reden des Mönches keinerlei Beachtung mehr schenkten, und ließ mich die halbe Nacht lang einen schweinischen Hofnarren spielen.«

Der Hass in Leas Stimme schockierte Ruben ben Mak-kabi und seine jüdischen Gäste, so dass sie Samuel strafend ansahen. Orlando lächelte jedoch, als hätte sie ihm Komplimente gemacht. »Es tut mir Leid, wenn dir mein Eingreifen missfallen hat. Doch mit weniger als der Unterhaltung, die du ihnen unter meiner sanften Anleitung geboten hast, hätte der Pöbel sich wohl kaum zufrieden gegeben.«

Während die übrigen Gäste verständnisvoll nickten, hatte Lea an dem Spott in Orlandos Stimme zu kauen, und sie benötigte ihre letzte Kraft, um eine diplomatische Antwort zu formulieren. »Nun, Eure Scherze waren dem Volk, das sie mit mir trieb, wohl angemessen.«

Mit Verbitterung nahm sie wahr, wie die übrigen Juden im Raum ihren Peiniger für sein Eingreifen und seine ans Wunderbare grenzende Geistesgegenwart lobten, und musste sich zurückhalten, um nicht ihrer Wut freien Lauf zu lassen. Ihr war jedoch klar, dass man ihr jedes kränkende Wort über diesen Fischkopf übel genommen hätte.

Nach einer Weile, in der das Gespräch an Lea vorbeigelaufen war, wandte Kaleb ben Manoach, der sich nicht mit Orlandos knappen Erklärungen zufrieden geben wollte, »Freund Samuel« zu. »Was musstest du denn so alles tun, mein armer Junge? Dich etwa nackt ausziehen?«

»Beim Gott Abrahams, nein!«, platzte Lea heraus. »Das ist mir erspart geblieben.«

Ruben ben Makkabis Miene zeigte eine Mischung aus Mitgefühl und unverhohlener Neugier. »Was für ein Glück für dich, Samuel, denn sonst hätten die Christen dich sicher nicht nur wegen deines beschnittenen Gliedes, sondern auch wegen der Narben verspottet, die man dir, wie du in deinem letzten Brief schriebst, beim Sarninger Pogrom zugefügt hat.«

Orlando hob den Kopf. »Welche Narben?«

»Von Wunden, über die man nicht gerne redet«, beschied Lea ihm kühl.

Die anderen Gäste, die von Ruben in Samuels Leiden eingeweiht worden waren, lachten verhalten, und Kaleb ben Manoach klärte Orlando eifrig auf. »Wisst Ihr, Herr Fischkopf, unser armer Freund Samuel geriet vor drei Jahren in das Sarninger Pogrom und erlitt dabei Verletzungen an jener Stelle, mit der Gott, unser Schöpfer, Adam ausgestattet hat.«

Orlando hob den Zeigefinger zum Zeichen, dass er verstanden hatte. »Ah, am Pimmel.«

Kaleb ben Manoach hüstelte. »Nicht nur dort.«

Orlando drehte sich zu Lea um. »Ach, mein armer Freund, da kann ich nur hoffen, dass diese Verletzung dich nicht daran hindert, Männerwerk bei deiner Ehefrau zu verrichten.«

Lea starrte Orlando so entgeistert an, dass er Mühe hatte, seine aufsteigende Heiterkeit zu verbergen, und Ruben ben Makkabi stieß einen tiefen, traurigen Seufzer aus. Seine Miene aber zeigte, wie froh er war, dass die Unterhaltung sich wieder dem Thema zuwandte, das ihm am Herzen lag. »Unser lieber Samuel hat sich noch kein Weib genommen. So bleibt mir die Hoffnung, dass er meine Hannah erwählt. Sie ist ein verständiges Mädchen, das ihm gewiss keine Vorhaltungen machen wird, wenn seine Verletzung ihn das eine oder andere Mal zur Enthaltsamkeit zwingt.«

»Wenn es nur das eine oder andere Mal sein würde, wäre es ja gut«, stichelte Kaleb ben Manoach, der Samuels Weigerung, Hannah trotz ihrer reichen Mitgift zu heiraten, mit seiner Verletzung in Verbindung brachte.

Ruben bedachte seinen Nachbarn mit einem Blick, der diesem nichts Gutes für die Zukunft versprach, während Orlando sich mit einem hinterhältigen Lächeln an Lea wandte. »So schlimm steht es doch gewiss nicht, Samuel, oder doch?«

Lea hatte ganz vergessen, dass sie genau diesen Eindruck bei Ruben ben Makkabi hatte hinterlassen wollen, und bedachte Orlando mit einem mörderischen Blick. Reichte es dem Mann denn nicht, dass sie sich vor seinen christlichen Mitbürgern zum Narren hatte machen müssen? Warum beschämte er sie jetzt auch noch vor ihren eigenen Landsleuten? Sie schluckte die Tränen hinunter, die ihr in der Kehle brannten, und bemühte sich, so gelassen wie möglich zu antworten.

»Eure Sorge um mein Wohlergehen ehrt mich, Herr Fischkopf, doch Ihr braucht Euch keine Sorgen zu machen. Ich bin durchaus fähig zur körperlichen Vereinigung.«

Für einen Augenblick war Lea zufrieden mit sich selbst, denn ihre Worte entsprachen ja der Wahrheit. Schließlich war sie eine Frau, an der nichts fehlte. Im nächsten Moment aber verfluchte sie sich für ihre Unbedachtheit, denn Ruben ben Makkabi jubelte auf.

»Das ist die schönste Nachricht, die ich seit langem gehört habe. Damit steht der Verwirklichung unserer Wünsche nun nichts mehr im Weg. Wenn du willst, Samuel, kannst du noch heute mit Hannah unter den Baldachin treten.«

Orlando, der still vor sich hin lächelte, hatte Lust, den Dolch in Leas Brust noch ein wenig herumzudrehen. »Ich habe schon viel über eure jüdischen Hochzeiten gehört, aber noch keine miterlebt. Es würde mich freuen, daran teilnehmen zu dürfen.«

Lea lachte schadenfroh auf. »Darauf wäre ich nicht so begierig. Wie ich gehört habe, werden Christen, die mit den Söhnen Judas feiern, von ihrer Obrigkeit hart bestraft. Das Mindeste, was Ihr zu erwarten habt, sind ein paar Tage im Karzer.«

Orlando ließ sich nicht beeindrucken. »Das würde ich für die Freude ertragen, dir und deiner jungen Braut meine Glückwünsche darbringen zu können.«

»Nein, da führt kein Weg hin.« Leas Gesicht wurde mit einem Mal hart und abweisend. Sollte Ruben ben Makkabi sie jetzt vor die Tür setzen, würde sie ihre Geschäfte nicht mehr in dem Ausmaß weiterführen können wie bisher. Das wäre ein herber Verlust für sie, aber auch für ihn. Nach dem ersten Aufwallen ihrer Wut wurde ihr jedoch bewusst, dass sie, wenn ihre Familie Hartenburg doch einmal verlassen musste, diese und manch andere jüdische Tür verschlossen finden würde.

Ruben ben Makkabi schien nicht zu wissen, was er sagen sollte, Kaleb ben Manoach hingegen schien sich zu amüsieren, denn er kicherte wie ein kleines Mädchen.

»Vielleicht ist die Verletzung unseres Freundes doch nicht so gut verheilt.«

»Mein Arzt hat mich gewarnt, voreilig zu sein, und ich soll mich noch einmal von ihm behandeln lassen, bevor ich ehelichen Pflichten nachkommen kann.«

Lea hoffte, mit dieser Behauptung die Diskussion beenden zu können, und beschloss, Ruben ben Makkabis Haus in Zukunft zu meiden, auch wenn das ihren Geschäften schaden würde. Ihr Blick traf Orlando, dem sie die Schuld an dieser Entwicklung gab, und sie ärgerte sich über das sichtbare Vergnügen, mit dem er dem Gespräch gefolgt war. Sie sah sich wieder mit dem Ferkel auf dem Arm tanzen, bis sie vor Erschöpfung beinahe zusammengebrochen wäre, und hätte ihren Zorn darüber am liebsten laut hinausgeschrien. Begriff denn niemand von den anwesenden Vorstehern der jüdischen Gemeinde, dass dieser Christ ihre Gesellschaft nur suchte, um sich später über sie lustig zu machen?

Ruben ben Makkabi hatte sich schnell wieder gefasst, war aber nicht bereit, seine Pläne aufzugeben. »Wir haben auch hier in Augsburg hervorragende Ärzte. Der ehrenwerte Rechab ben Elija ist gerade bei deinem Knecht, um nach seinen Wunden zu sehen. Ich könnte ihn zu dir rufen.«

Als Lea daraufhin heftig den Kopf schüttelte, ließ er einen kleinen Laut des Unmuts hören, drang aber weiter in sie ein. »Dann sollten wir wenigstens über die Heirat deiner Schwester reden, Samuel. Wenn du schon auf die Freuden der Ehe verzichten willst, darfst du Lea deswegen den Weg zu einer eigenen Familie und einem eigenen Hausstand nicht versperren. Das ist nicht recht an ihr gehandelt. Allerdings wirst du, wenn sie dein Haus verlässt, dir ein Weib nehmen müssen, das deinem Haushalt vorsteht.«

»Hannah würde sich bedanken, wenn ihr die Freuden der Ehe verwehrt blieben.« Durch diese Bemerkung verdarb Kaleb ben Manoach es sich jetzt endgültig mit seinem Nachbarn. Orlando bekämpfte den Wunsch, die junge Frau noch weiter in Verlegenheit zu bringen. Eigentlich sollte das Mädchen ihm Leid tun. In ihrer Rolle als Mann musste sie früher oder später bösen Schiffbruch erleiden, denn sie hatte ja nicht nur die christliche Umwelt gegen sich, sondern musste sich auch noch gegen die Männer des eigenen Volkes behaupten. Er dachte an das Gold, das er ihr abgenommen hatte, und beschloss, die Summe samt dem Gewinn so für sie anzulegen, dass ihr das Geld auch dann verblieb, wenn sich die Türen ihrer Landsleute vor ihr schlossen und sie zu einer Ausgestoßenen wurde.

Ruben ben Makkabis Gesicht zeigte nichts von seinem Ärger über Samuel ben Jakobs unzugängliche Art, sondern nur eine schier unendliche Geduld. Er blickte Lea auffordernd, ja fast ein wenig flehend an, erhielt aber keine Reaktion. Sein jüngster Geschäftsfreund schien sich durch sein Drängen oder mehr noch durch die Bemerkungen seines Nachbarn verletzt zu fühlen und hatte sich in sich selbst zurückgezogen.

Lea beschäftigte sich jedoch weniger mit den Anspielungen auf Samuels mangelnde Zeugungskraft, sondern mit der geradezu abstoßenden Vorstellung, einen Tölpel wie Jiftach heiraten zu müssen. Lieber blieb sie zeit ihres Lebens unvermählt. Solange sie als Samuel Goldstaub auftreten musste, würde das ihr Schicksal sein, denn eine Heirat kam erst dann für sie in Frage, wenn Elieser alt und erfahren genug war, um die Geschäfte selbst führen zu können. Lea ertappte sich bei dem Wunsch, dass der Zeitpunkt nie kommen möge, denn seit der Markgraf von Hartenburg und seine Mätresse sie zur Steigerung ihrer Lust gedemütigt hatten, graute ihr vor dem Gedanken an die körperliche Vereinigung von Mann und Frau. Hätte der Narr sich damals nicht gnädiger als sein Herr erwiesen, hätte sie an jenem Tag ihre Jungfernschaft und ihre Ehre verloren. Um ihre Lippen spielte ein Lächeln, als sie daran dachte, dass der Verwachsene sich kurz darauf mit den von ihr erhaltenen zweihundert Gulden aus dem Staub gemacht hatte. Der neue Narr des Markgrafen war verkommen genug, um sich willig an den obszönen Scherzen der Mätresse zu beteiligen, sollte aber bei weitem nicht mehr so witzig sein wie sein Vorgänger.

Während Leas Gedanken sich mit der Vergangenheit beschäftigten, fand Orlando, dass sie es sich zu leicht machte, indem sie ihren Gastgeber ignorierte. Er trat an ihre Seite und tippte ihr auf die Schulter. »So nachdenklich, Samuel? Glüht in deiner Brust vielleicht doch die Sehnsucht nach den zärtlichen Händen einer Ehefrau und den Wonnen, die sie dir im Bett bereiten könnte?«

Diesmal ließ Lea seine Stichelei wie Wasser von sich abperlen.

»Darüber wisst Ihr sicher mehr als ich, und ob es für mich Wonnen wären, wage ich zu bezweifeln.«

»Dich schmerzen wohl deine Wunden, wenn dich das Verlangen nach einem Weib überkommt.« Orlando lächelte boshaft.

Da Lea als entmannt gelten wollte, musste sie auch den Spott ertragen lernen, der solche Leute traf.

Lea sah Orlando so abweisend an, dass Ruben ben Makkabi annahm, Fischkopf habe ins Schwarze getroffen. Daher legte er die Hand auf Samuels Schulter, um ihn zu trösten. »Gräme dich nicht weiter, mein Freund. Es gibt Mittel, diese Schmerzen zu lindern. Wenn sie dich in die Lage versetzen, einen Sohn zu zeugen, solltest du dich nicht scheuen, sie anzuwenden. Ich werde dir etwas von der Mixtur besorgen.«

Unterdessen hob einer der Gäste mit Namen Simeon ben Asser die Hand. »Die Probleme unseres jungen Freundes in allen Ehren, aber ich bin nicht hierher gekommen, um Klageweib zu spielen, sondern um über Geschäfte zu reden. Ich habe gute Nachricht für dich, Samuel. Das Schiff aus England, dessen Ankunft sich über Gebühr verzögert hat, ist endlich mit einer Ladung englischer Wolle in Amsterdam gelandet. Wie du dich erinnerst, erwarben wir einen Anteil von fünfzehn Prozent, und da mein Gewährsmann die Ware zu einem guten Preis verkaufen konnte, hat jeder von uns einen Gewinn von zweihundert Gulden gemacht. Willst du die gesamte Summe zurückhaben, oder beteiligst du dich auch an meinem nächsten Geschäft?«

Lea, die froh gewesen war, dass endlich jemand das Thema gewechselt hatte, rechnete kurz nach. Wenn sie die ständigen Forderungen des Markgrafen erfüllen und sich dennoch ein Vermögen schaffen wollte, welches es ihr und ihrer Familie ermöglichte, sich eines Tages in einer der großen Reichsstädte niederzulassen, dann konnte sie sich nicht viele schlechte Geschäfte leisten.

»Nein, ich werde mich wohl nicht mehr beteiligen, Simeon. Du hattest mir dreihundert Gulden als geringstmöglichen Gewinn versprochen - und das in einer weitaus kürzeren Zeit.«

Simeon ben Asser warf in einer verzweifelten Geste die Hände hoch. »Beim Gott Abrahams, Samuel. Kann ich für die Stürme auf dem Meer? Beim nächsten Mal kommt das englische Schiff gewiss schneller, und unser Gewinn wird größer sein.«

Lea schüttelte zweifelnd den Kopf und überlegte, wie sie ihre Ablehnung in sanfte Wort kleiden konnte. Da griff Orlando ein. »Ihr hattet einen Siebtelanteil an dieser Ladung und nur vierhundert Gulden Gewinn daraus gezo-gen? Ich fürchte, da hat man Euch übers Ohr gehauen. Englische Wolle wird in Flandern immer stärker gefragt, und ich habe letztens an einem Zwölftel einer Ladung fünfhundert Gulden verdient.«

Simeon ben Asser musterte Orlando unglücklich. »Mein Gewährsmann hat das Gegenteil behauptet.«

Lea musterte Simeon ben Asser scharf und fragte sich, ob er sie betrogen haben könnte. Seine Niedergeschlagenheit schien jedoch echt zu sein. »Ist dein Handelspartner wirklich vertrauenswürdig, Simeon?«

Simeon ben Asser zuckte unschlüssig mit den Achseln und breitete die Hände aus. »Ich nehme es an. Schließlich habe ich schon mit seinem Vater zusammengearbeitet und nur die besten Erfahrungen gemacht.«

Lea schüttelte unwillig den Kopf. »Ist er ein Mann aus unserem Volk oder ein Christ?«

»Er ist keiner der Söhne Judas«, gab Simeon ben Asser

zu.

»Dann war sein Vater wohl ein ehrenwerter Mann, während der Sohn glaubt, einen Juden ungestraft betrügen zu können.«

Orlando lachte hart auf. »Dann ist der Kerl ein Narr. Die großen Kaufleute wie die Fugger, Welser, Tucher und wie sie alle heißen achten genau darauf, ob ihre Geschäftspartner ehrlich sind. Wenn der Mann Pech hat, vertraut ihm bald keiner mehr einen lumpigen Heller an.«

Lea war nicht seiner Meinung. Christliche Handelsherren sahen die jüdischen Kaufleute als lästige Konkurrenz an und bekämpften sie mit allen Mitteln. »Vielleicht wird dieser Mann von Euren Welsern und Tuchern sogar dafür bezahlt, um uns zu betrügen und auf Dauer aus dem Handel mit englischer Wolle zu verdrängen.«

»Das kann man nicht ausschließen«, musste Orlando zugeben.

»Auf alle Fälle solltet Ihr Euch einen anderen Handelsagenten in Amsterdam besorgen.«

»Wie denn?«, rief Simeon ben Asser verbittert. »Ich kenne dort niemand außer meinem jetzigen Gewährsmann, und wer weiß, ob ein anderer nicht nur mein Geld nimmt und mich dann auslacht.«

»Dann müssen wir uns aus diesem Geschäft zurückziehen«, antwortete Lea so kühl, als ginge es um ein paar Viertelbatzen. Für sie stellte der Handel mit England einen eher geringen Teil ihrer Geschäftsbeziehungen dar, Simeon ben Asser aber bezog den größten Teil seines Einkommens aus dieser Quelle. Versiegte sie, war er zwar noch kein armer Mann, spielte unter den jüdischen Kaufleuten aber keine nennenswerte Rolle mehr, und wenn er noch ein weiteres Mal Pech hatte, würde er als Tandler über die Straßen ziehen müssen.

Ruben ben Makkabi hatte interessiert zugehört und wandte sich nun an Orlando. »Wisst Ihr keinen sicheren Gewährsmann in einem der Nordseehäfen, Herr Fischkopf? Schließlich seid Ihr dort so gut wie zu Hause.«

Simeon ben Asser starrte Orlando an wie ein Ertrinkender einen Strohhalm. Lea winkte jedoch verächtlich ab und machte ein Gesicht, als wollte sie sagen: Diesem Mann vertraue ich noch nicht einmal einen Kieselstein an. Ihre Ablehnung reizte Orlando und brachte ihn dazu, auf Ruben ben Makkabis Wunsch einzugehen. Er tat so, als müsse er angestrengt nachdenken, und schnalzte dann mit dem Fingern, als sei ihm plötzlich etwas eingefallen.

»Ich glaube, ich kann Euch helfen. Ihr müsstet allerdings Eure Geschäfte von Amsterdam nach Antwerpen verlegen. Dort ist vor kurzem ein spanischer Kaufmann zugezogen, für den ich mich verbürgen kann. Er ist so ehrlich, wie man in diesem Gewerbe nur sein kann.«

»Nehmt Ihr Euch als Beispiel?«

Leas Spott konnte Orlando nicht erschüttern. »Ich glaube einen guten Ruf zu haben. Unser verehrter Gastgeber wird dir das gewiss bestätigen, denn ich habe schon etliche Geschäfte für ihn in Hamburg und Lübeck getätigt.«

Ruben ben Makkabi nickte zufrieden lächelnd. »Ich kann nur das Beste über Herrn Fischkopf berichten. Er hat immer zu meiner größten Zufriedenheit gearbeitet und die vorausgesagte Gewinnspanne meist noch übertroffen.«

»Ob das wohl alle Leute von Euch sagen können, Herr Fischkopf?« Nun war es Lea, die sticheln musste.

Orlando ließ sich von einem Diener den Weinbecher füllen, drehte das Gefäß in der Hand, ohne daraus zu trinken, und blinzelte Lea unter hängenden Lidern zu. »Ihr dürft Samuels Worte nicht übel nehmen«, bat er die Anwesenden. »Er hat sich zum Dank für meine bescheidene Hilfe in jener Herberge an einem meiner Geschäfte beteiligt, zweifelt zu meiner Betrübnis jedoch an einem guten Gelingen.«

Ruben ben Makkabi sprang Orlando bei. »Da brauchst du dich wirklich nicht zu sorgen, Samuel. Ein Geschäft, das Herr Fischkopf abschließt, gelingt immer und bringt reichen Gewinn.«

Lea war überzeugt, dass sie kein Körnchen des entwendeten Goldstaubs Wiedersehen würde, aber da sie sich nicht weiter mit Roland Fischkopf streiten wollte, ignorierte sie ihn und sprach Ruben ben Makkabi auf ihre gemeinsamen Geschäfte an. Auch hier hätte der Ertrag höher sein können, doch lag dies an den äußeren Umständen und nicht an einem betrügerischen Gewährsmann. Lea selbst zahlte Ruben mit Anteilsscheinen, die sie ihm ausstellte, für einen Handel aus, der unter ihrer Federführung abgelaufen war, und überreichte auch eini-gen anderen Kaufleuten von ihr gezeichnete Papiere, die diese bei jüdischen Bankiers wie Zofar ben Naftali einlösen oder direkt in neue Geschäfte stecken konnten.

Sie selbst erhielt das Recht auf die Lavendelernte eines provenzalischen Grafen, die ihr einer ihrer Geschäftsfreunde anstelle gemünzten Goldes oder einer Bankanweisung übergab. Alles in allem hätte sie mit dem Verlauf der Verhandlungen zufrieden sein können. Doch das an Roland Fischkopf verlorene Gold schmerzte sie. Es war weniger der materielle Verlust, der sie ärgerte, sondern die Art, wie er sich in seinen Besitz gesetzt hatte. Sie war ihm ja dankbar, dass er Jochanan und ihr das Leben gerettet hatte, und hätte sich gern dafür erkenntlich gezeigt. Doch er hatte wie ein Dieb gehandelt und nicht wie ein ehrlicher Kaufmann, so dass sie jetzt mit leeren Händen dastand und keine Forderung gegen ihn geltend machen konnte. Als David ben Mordechai neben ihr durchdringend hüstelte, bemerkte Lea, dass sie im Gespräch mit ihrem nächsten Geschäftspartner unaufmerksam geworden war. Sofort verbannte sie Fischkopf aus ihren Gedanken und konzentrierte sich wieder auf die Verhandlungen.

In den nächsten Stunden wechselten Waren und Güter im Wert von etlichen tausend Gulden die Besitzer. Orlando beteiligte sich nur an einigen wenigen Geschäften, hörte aber höchst interessiert den Verhandlungen der anderen zu und lächelte das eine oder andere Mal amüsiert.

Die meisten der hier versammelten Patriarchen der jüdischen Gemeinde schlossen ihre Geschäfte mit viel Witz und Temperament ab, Simeon ben Asser versuchte jedoch seine Partner mit wortreichen Klagen über andere schlechte Geschäfte mitleidig zu stimmen, und Kaleb ben Manoach schacherte um jeden Groschen, als würde man ihm das Brot vom Mund rauben. Ruben ben Makkabi blieb hingegen so ruhig und gelassen, als ginge es um ein paar Äpfel auf dem Markt, war aber bei seinen Abschlüssen sehr vorsichtig, während Lea selbst bei riskanteren Geschäften einem Eisblock glich. Orlando wusste nicht mehr, was er von ihr halten sollte. Selbst unter Christen hatte er niemanden kennen gelernt, der so kaltblütig und nervenstark mit Summen umging, deren Verlust für die meisten Anwesenden den Ruin bedeuten würde.

Ruben ben Makkabi bemerkte Orlandos Verblüffung und klopfte Lea anerkennend auf die Schulter. »Unser Freund Samuel ist trotz seiner Jugend ein Handelsmann, wie man ihn nur selten findet. Er riecht förmlich, ob ein Geschäft Ertrag abwirft oder nicht. Ich habe ihn vor einiger Zeit zu einem scheinbar todsicheren Geschäft überreden wollen, doch er sagte nein. Ob du es glaubst oder nicht, der Handel platzte und brachte mir einen Verlust von fast achthundert Gulden. Dafür verdiente ich mehr als tausend Gulden an einem Geschäft, das ich nur ab-schloss, um Samuel einen Gefallen zu tun.«

Lea lächelte scheinbar geschmeichelt, doch Orlando entging weder der Spott, der in ihren Mundwinkeln zuckte, noch der leichte Ärger in Ruben ben Makkabis Worten. So konnte er sich zusammenreimen, dass sein Gastgeber sich nur an jenem Handel beteiligt hatte, um den erwarteten Verlust als Druckmittel gegen Samuel ben Jakob zu benutzen und die geplanten Ehen vorantreiben zu können. Jetzt schien ihr Gastgeber nicht zu wissen, ob er sich mehr über das gewonnene Geld freuen oder beklagen sollte, dass der ersehnte Schwiegersohn ein weiteres Mal seinem Zugriff entschlüpft war.

Kaleb ben Manoach begann zu lachen. Es klang wie das Krähen eines Hahns. »Bei einem Handel wird der gute Samuel herbe Verluste erleiden! Er hat doch tatsächlich seinem Oheim Esra ben Nachum alle Schuldver-schreibungen des kaiserlichen Vogts Alban von Rittlage abgekauft. Aber aus dem wird kein Jude einen Groschen herausholen, es sei, er schafft es, bis zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches vorzudringen und dessen Hilfe zu erlangen.«

Während andere sich abwandten, um unauffällig mitleidige Blicke auszutauschen, zeigte Simeon ben Asser offen sein Unverständnis über ein solch schlechtes Geschäft. »Tja, mein Junge, diese Forderungen sind das Pergament nicht wert, auf dem sie stehen. Wenn du tatsächlich auf Kaiser Friedrich III. zählst, kann ich dich nur warnen. Da ist es besser, auf himmlische Gerechtigkeit zu hoffen.«

Ruben ben Makkabi bedachte die beiden Männer mit zornigen Blicken. »Samuel hat recht getan. Esra ben Na-chum war nach dem Sarninger Pogrom so arm wie eine Kirchenmaus, da er den größten Teil seines Vermögens in jener Stadt angelegt hatte. Mit dem Kauf der Schuldverschreibungen hat Samuel seinen Oheim unterstützen können, ohne ihm das Gefühl zu geben, ein Bittsteller zu sein.«

Nun nickten die anwesenden Gäste zustimmend und lobten Samuels Großmut. Jeder von ihnen hatte arme Verwandte, die es zu unterstützen galt, oder Freunde, die aus ihren Städten vertrieben worden waren und dabei alles verloren hatten. Daher drehte sich das Gespräch für eine Weile um die immer wieder aufflackernden Judenverfolgungen.

Allmählich wurde es draußen dunkel. Hannah hatte längst die Öllampen angezündet und kam nun herein, um die leeren Weinkrüge zu holen. Es war offensichtlich, dass sie alles tat, um in Samuels Augen als fleißiges und gleichzeitig zurückhaltendes Mädchen zu erscheinen. Doch welchen Eindruck sie wirklich auf Samuel Goldstaub machte, ließ Lea sich nicht anmerken.

Orlando hatte nicht übel Lust, sein Opfer noch ein wenig zu necken. Die fortgeschrittene Stunde ließ ihn jedoch davon absehen, denn er hatte sich ein Zimmer im »Weißen Schwan« in der Kreuzgasse gemietet und dort auch sein Abendessen bestellt. Er erhob sich und wollte sich von seinem Gastgeber und dessen Gästen verabschieden, als Ruben ben Makkabi auf einen dunkelblauen Wandteppich wies, der in goldenen hebräischen Zeichen die Aufschrift »Unsere Heimat Jerusalem« trug.

»Es ist Zeit zum Sabbatgebet, meine Brüder. Lasst uns unseren Gast Lebewohl sagen und dann gemeinsam in die Mikwe gehen, um die Mühen des Alltags von unseren Leibern zu waschen.«

Seine Worte trafen Lea wie ein Keulenschlag. Bis jetzt war es ihr stets gelungen, der gemeinsamen rituellen Reinigung im Schachtbad zu entgehen, indem sie erst nach dem Sabbat oder den großen Festtagen bei ihren Gastgebern erschien. Ausreden fanden sich genug, denn die Straßen waren unsicher oder aus verschiedensten Gründen unpassierbar. In ihrem Ärger über Roland Fischkopfs dreisten Diebstahl und mehr noch durch den Schock, dem Judenschlächter Medardus Holzinger nur mit knapper Not entronnen zu sein, hatte sie nicht auf die Zeit geachtet und war zu früh aufgetaucht. Wenn sie sich jetzt weigerte, mit den Männern ins Bad zu steigen, würde man sie für alle Zeit verachten und sich vielleicht sogar weigern, weiterhin Geschäfte mit ihr zu machen. Das wäre das Ende von Samuels erfolgreicher Karriere, und über kurz oder lang würde sie auch ihre Stellung als markgräflicher Schutzjude und Hoffaktor verlieren.

Orlando war gerade dabei, Simeon ben Asser den Namen und die Adresse seines Antwerpener Gewährsmannes zu diktieren. Während sein Gegenüber alles aufschrieb, wanderte sein Blick verstohlen zu Lea hinüber. Er war gespannt, was sie jetzt tun würde. Da Samuel als gläubiger Jude galt, konnte sie die Aufforderung zum rituellen Reinigungsbad kaum ablehnen. War sie findig genug, sich auch aus dieser Klemme zu winden, oder würde sie es darauf ankommen lassen und versuchen, ihr wahres Geschlecht im dämmrigen Licht der Öllampen zu verbergen?

Kaleb ben Manoach beobachtete Leas Mienenspiel. »Unserem Freund Samuel scheint es peinlich zu sein, uns sehen zu lassen, was die Messer der Christen mit ihm angestellt haben.«

Ruben ben Makkabi legte den Arm um Leas Schulter. »Hab keine Sorge, Samuel. Du bist doch unter Freunden. Hier wird dich keiner verspotten.« Seinem Gesicht war jedoch deutlich anzusehen, dass er es kaum erwarten konnte, Klarheit über Samuels Ehefähigkeit zu erlangen.

Orlando bedauerte es beinahe, bei diesem Spaß nicht dabei sein zu können. Er sah, wie Lea zum Sprechen ansetzte, aber kein Wort herausbrachte. Ihr Gesicht wirkte ebenso verzweifelt wie kämpferisch. Ihm imponierte ihre Haltung, und in einer plötzlichen Eingebung hob er die Hand.

»Ich bedauere es, euch unseren Freund Samuel noch eine Weile entführen zu müssen, doch ich muss noch ein paar wichtige Dinge mit ihm besprechen. Da ich noch eine andere Verabredung an diesem Abend habe und Augsburg morgen in aller Frühe verlassen muss, duldet die Sache keinen Aufschub.« Erst als ihm die Worte über die Lippen gekommen waren, begriff er, dass er schon wieder dabei war, Lea aus einer üblen Patsche zu helfen.

Der Hausherr schnaubte enttäuscht, wollte es sich aber weder mit Samuel und noch mit dem Handelsagenten verderben.

»Nun gut, wenn es denn sein muss. Aber beeilt Euch bitte, und haltet Samuel nicht zu lange von seiner Glaubenspflicht fern, Herr Fischkopf.«

Während er an der Spitze seiner Gäste in den Keller stieg, ärgerte Ruben ben Makkabi sich über seine Nachgiebigkeit und ließ den Unmut an seinem Sohn aus, der zwar die Tür zum Bad geöffnet, aber sonst das meiste von dem, was zu der Reinigungszeremonie notwendig war, vergessen hatte. Während er Jiftach einschärfte, was noch bereitzulegen war, entkleideten sich die übrigen Männer schon und äußerten dabei allerlei Vermutungen über Samuel ben Jakobs körperliche Probleme.

Kaleb ben Manoach stieß Ruben ben Makkabi an. »Du solltest dir gut überlegen, ob du deine Hannah einem Kapaun zur Gattin geben willst. So wie Samuel sich ziert, muss man das Schlimmste annehmen.«

Simeon ben Asser strich sich über seinen schütteren Bart. »Du denkst auch, dass die Christen ihn kastriert haben, nicht wahr?«

Kaleb nickte glucksend. »Was sollte ich sonst annehmen? Hast du dir den Jungen nicht näher angesehen? Er ist jetzt einundzwanzig Jahre alt und weist nicht den geringsten Bartwuchs auf. Und seine Stimme ist auch nicht die eines Mannes. Ich gebe zu, sie klingt sehr angenehm, aber sie ist beinahe so hell wie die einer Frau. Was schließt ihr daraus?«

Ruben ben Makkabi winkte ärgerlich ab und ließ dabei beinahe seinen Hauskaftan fallen, den er gerade sorgfältig zusammenlegte. »Du siehst viel zu schwarz, Kaleb. Ich kannte einen Mann, der als Knabe ebenfalls in ein Pogrom der Christen geraten ist. Er hatte mit dreißig Jahren noch keinen Bart und eine Stimme wie ein Kind. Innerhalb weniger Wochen änderte sich dies total. Mit einunddreißig besaß er den herrlichsten Vollbart, heiratete und, ob ihr es glaubt oder nicht, ist heute Vater von sieben Söhnen.«

Kaleb ben Manoach legte sein Gewand beiseite und drehte sich mit spöttischer Miene zu seinem Gastgeber um. »Ich fürchte, du hoffst auf ein Wunder, das nie eintreten wird.«

Er hatte die Lacher auf seiner Seite, und während die Männer in das kalte Wasser stiegen, nutzte David ben Mordechai die Gelegenheit, seine Neugier zu stillen. »Wie bist du eigentlich an diesen Fischkopf gekommen?«

»Das würde ich auch gerne wissen«, warf Kaleb ben Manoach ein. »Du weißt genauso gut wie wir, dass man christlichen Handelsleuten nicht trauen kann, und du behandelst diesen Mann ja fast zuvorkommender als einen von uns. Woher willst du wissen, dass er sich nicht in dein Vertrauen einschleichen will, um dich zu verderben?«

Ruben ben Makkabi kämpfte gegen den Wunsch, den penetranten Frager zu packen und unter Wasser zu drücken, bis er halb erstickt war. »Roland Fischkopf ist absolut zuverlässig. Dafür hat sich unser ehrenwerter Bruder Zofar ben Naftali aus Worms persönlich bei mir verbürgt.«

Simeon ben Asser stieß einen überraschten Ruf aus. »Zofar ben Naftali hat dir Fischkopf persönlich empfohlen? Das ist unglaublich! Dann muss dieser junge Mann ja wie lauteres Gold sein.«

Ruben ben Makkabi nickte bestätigend und schnitt die Fragen der Übrigen ab, indem er sie ermahnte, dass sie vor lauter Reden noch das Sabbatgebet verpassen würden.

4.

Lea wusste nicht, ob sie Roland Fischkopf dankbar sein sollte oder misstrauisch bleiben musste, denn sie erwartete halb und halb, einem weiteren unangenehmen Scherz des Christen zum Opfer zu fallen. »Was habt Ihr mit mir zu besprechen?«

Darüber dachte Orlando gerade angestrengt nach. Er hatte ihr geholfen, ohne an die Konsequenzen zu denken. Am liebsten hätte er ja nichts mehr mit diesem schnippischen Frauenzimmer zu tun gehabt, davon war er zumindest im Augenblick fest überzeugt.

»Ich wollte dir nur noch einmal versichern, dass ich mir dein Gold nicht als Belohnung für eure Rettung angeeignet habe. Ich sehe es als ganz normales Geschäftsdarlehen an, das ich zu den üblichen Konditionen nehmen und mit Zins und Gewinnanteil zurückzahlen werde. Du wirst die Abrechnung und eine Bankanweisung bekommen, wie du es gewohnt bist.«

»Wann wird das sein? Wenn der Kaiser den ersten Juden zu seinem Kanzler ernannt hat?«

Ihr Hinweis auf den Kaiser brachte Orlando auf die erlösende Idee. Doch er konnte sich eine beißende Bemerkung nicht verkneifen. »Ich verstehe nicht, wie du einerseits wie ein ausgefuchster Geschäftsmann handeln kannst und dich andererseits wie ein kleines Mädchen benimmst, dem man seine Glasperlenkette weggenommen hat. Nein, mein lieber beschnittener Freund, niemand kann mir nachsagen, ein unzuverlässiger Geschäftspartner zu sein. Was mich dazu bringt, dir einen weiteren Handel anzubieten.«

Seine ständigen Anspielungen auf Samuels Beschneidung brachten Lea so in Wut, dass sie ihre Abneigung diesem Mann gegenüber kaum noch im Zaum halten konnte. »Für wie dumm haltet Ihr mich eigentlich?«

»Vielleicht sogar für klüger als mich, denn ich kann mit den Schuldverschreibungen Alban von Rittlages nichts anfangen, während du sie offensichtlich sammelst. Zufällig sind drei von ihnen in meinem Besitz, ausgestellt auf je einhundert Gulden. Ich könnte sie dir billig verkaufen, sagen wir mit zwanzig Prozent Gewinn für mich.«

Fassungslos über so viel Frechheit begann Lea zu lachen. »Ihr verlangt einen stolzen Preis für ein paar wertlose Papiere. Wie kommt Ihr darauf, dass ich nur einen Heller dafür ausgeben würde? Rittlage denkt nicht daran, seine Schulden bei uns Juden zu bezahlen, und dazu zwingen können wir ihn nicht.«

»Du könntest eine Petition beim Kaiser einreichen«, schlug Orlando hilfreich vor.

Lea fragte sich, ob der Mann noch alle fünf Sinne beisammen hatte. Als Handelsagent, oder was er in Wirklichkeit sein mochte, musste er über die Verhältnisse im Reich ebenso gut Bescheid wissen wie sie. »Kaiser Friedrich III. mag ein ehrenwerter Mann sein, der meinem Wunsch nicht abgeneigt wäre, aber man nennt ihn zu Recht >des Reiches Erzschlafmütze<. Wenn ich eine Bittschrift an den Hof sende, werden vielleicht einmal meine Enkel eine Antwort darauf erhalten.«

»So darf Ruben ben Makkabi also doch Hoffnungen hegen?«

Diese Spitze konnte Orlando sich nicht verkneifen. Lea starrte ihn verwirrt an. »Wie meint Ihr das?«

»Aus deinen Worten entnehme ich, dass du einer baldigen Heirat mit Hannah und der deiner Schwester Lea mit dem jungen Jiftach nicht abgeneigt bist.« Leas Mie-nenspiel amüsierte Orlando so sehr, dass er sein Lachen mit einem Hustenanfall kaschieren musste und es ihm Mühe bereitete, mit normaler Stimme weiterzusprechen.

»Was Rittlages Schuldbriefe betrifft, so hoffte ich, dass du mir sie aus Dankbarkeit für den Gefallen, den ich dir eben getan habe, abkaufen würdest. Es war doch deutlich zu sehen, wie wenig dir daran gelegen war, unserem neugierigen Gastgeber und seinen Freunden die Verwachsungen zwischen deinen Beinen zur Schau stellen zu müssen.«

»Verwachsungen?« Leas Stimme klang schrill, aber sie nahm sich schnell wieder zusammen. Wenn sie sich jetzt gehen ließ und ihrer Abscheu für diesen Mann Ausdruck gab, verriet sie sich noch. Nimm diesen Fischkopf nicht ernst, mahnte sie sich, denn er wiederholt ja doch nur die Vermutungen eines alten Narren wie Kaleb ben Ma-noach.

»Die Verwachsungen, wie Ihr es nennt, sind Narben von Verletzungen, die mir Christen wie Ihr zugefügt haben! Aber gut, ich gebe zu, es ist mir unangenehm, sie anstarren zu lassen, und ich will nicht undankbar sein. Also kaufe ich Euch die Schuldbriefe ab, aber nur mit zehn Prozent Aufschlag.« In dem Augenblick, in dem sie ihr Angebot abgab, tat es ihr körperlich weh, gutes Geld zum Fenster hinauswerfen zu müssen. Doch sie hoffte, diesen aufdringlichen Menschen auf diese Weise loswerden zu können.

»Der ist ja hartnäckiger als eine Schmeißfliege«, murmelte sie fast unhörbar vor sich hin.

Orlando verstand es trotzdem und musste sich wieder ein Lachen verbeißen. Gleichzeitig empfand er Mitleid mit der jungen Frau. Es war gewiss nicht leicht für sie gewesen, als Sechzehnjährige in die Rolle eines Toten zu schlüpfen und sich auf dem Platz eines durch vielerlei Erfahrungen abgehärteten Hofjuden zu behaupten. Er schüttelte diesen Gedanken jedoch sofort wieder ab, denn zu viel Mitgefühl trübte die Sinne. »Dann sind wir uns einig, mein beschnittener Freund. Ich schicke dir die Schuldbriefe und behalte dafür dreihundertdreißig Gulden von unserem ersten gemeinsamen Gewinn ein.«

Lea atmete auf. Wenigstens musste sie ihrem verlorenen Gold nicht auch noch gutes Geld hinterherwerfen. Sie nickte zustimmend und rang sich, als Orlando sich verabschiedete, ein paar höfliche Worte ab. Während der junge Mann fröhlich vor sich hin pfeifend Ruben ben Makkabis Haus verließ, lief Lea zur Kellertür und horchte. Drinnen war es still. Also hatten die anderen Männer das Schachtbad schon verlassen. Trotzdem näherte sie sich so vorsichtig, dass sie sich rasch wieder hätte zurückziehen können. Doch drinnen wartete nur Jochanan auf sie. Sein verletztes Gesicht verschwand fast ganz unter einem sauberen Verband, und seine Stimme klang noch undeutlicher als vorher.

»Ich bin schon fertig, also kannst du jetzt hinein. Die anderen sind bereits in die Synagoge gegangen. Beeil dich, denn das Gebet fängt gleich an.« Er reichte Lea frische Kleidung und stellte sich neben dem Eingang des Schachtbades auf, um sie zu warnen, falls jemand kommen würde.

Lea schlüpfte aus ihren Kleidern und stieg in das eiskalte Wasser. Obwohl die Zeit drängte, wusch sie sich mit aller Sorgfalt. Samuel durfte nicht in den Ruf kommen, seine Pflichten als getreuer Aschkenasi nachlässig zu erfüllen. Als Jochanan kurze Zeit später warnend hüstelte, schoss sie aus dem Bad, trocknete sich rasch ab und schlüpfte fast gleichzeitig in Hemd und Kaftan. Es war keine Sekunde zu früh, denn beinahe im gleichen Augenblick steckte ihr Gastgeber den Kopf zur Tür herein. Ru-ben ben Makkabi hatte gehofft, Samuel überraschen zu können, und ärgerte sich sichtlich, dass er seine Gäste zur Synagoge begleitet hatte, anstatt auf seinen Wunschschwiegersohn zu warten.

Lea schlang ein Tuch um ihre feuchten Haare, warf den Gebetsmantel über und ließ sich von Jochanan helfen, den Gebetsriemen anzulegen. Dann wandte sie sich mit einem freundlichen Lächeln an ihren Gastgeber. »Ich bin bereit.«

5.

Leider hinderte die Sabbatruhe Ruben ben Makkabi nicht, dem vermeintlichen Samuel die Tugenden seiner Kinder und die wirtschaftlichen Vorteile der doppelten Verbindung wortreich vor Augen zu führen. Während Lea all ihre Phantasie aufwenden musste, um dem Drängen ihres Gastgebers auszuweichen, beneidete sie Roland Fischkopf, der als Christ keine Rücksicht auf den Sabbat zu nehmen brauchte. Am liebsten hätte sie genau wie er Augsburg umgehend verlassen, doch Sitte und Gesetz ihres Volkes hielten sie unerbittlich fest, und sie musste neben ben Makkabis Überredungsversuchen auch noch Jif-tachs leeres Geschwätz ertragen. Der Junge wollte einen guten Eindruck auf seinen zukünftigen Schwager machen und gab sich alle Mühe, Rubens geflüsterten Anweisungen zu folgen. Lea schüttelte es bei dem Gedanken, dass ihr Vater sie mit diesem unförmigen Schwachkopf ohne jegliches Einfühlungsvermögen verheiraten hätte wollen. Jetzt konnte sie niemand mehr dazu zwingen, und sie zog es vor, bis zum Ende ihrer Tage ledig zu bleiben und sich später einmal um Rachels und Eliesers Kinder zu kümmern.

Als sie endlich Abschied nehmen konnte, schärfte Ru-ben ben Makkabi dem lieben Samuel noch einmal ein, sich seine Vorschläge gut zu überlegen, zumal seine Schwester Lea ja auch nicht jünger würde. Es fiel Lea schwer, seine guten Wünsche ehrlichen Herzens zu erwidern, und sie atmete auf, als die Stadt hinter ihr und Jo-chanan zurückblieb.

Sie hatten ein gutes Stück Weg bis nach Hause vor sich und mussten diesmal doppelt wachsam sein, da sie nicht wussten, wohin sich der Judenjäger Medardus Holzinger gewandt hatte. Aber das Glück war ihnen diesmal hold, denn auf dem Rückweg durchquerten sie die zu den österreichischen Besitzungen zählenden Herrschaften Burgau und Ehingen und die württembergischen Städte Mün-singen, Herrenberg und Calw, ohne auch nur einmal in Gefahr zu geraten oder Schlimmeres zu erleben als einen Herbergswirt, der sie noch nicht einmal in seinem Hof unter freiem Himmel übernachten lassen wollte. Diese Nacht blieb die einzige, die sie ängstlich zusammengekauert und mit knurrendem Magen im Schutz eines Gebüschs verbringen mussten. Nach einer einsamen Wanderung über die Höhen des Schwarzwalds, auf der ihnen nur einmal ein Sauhirt mit seiner stinkenden Herde begegnete, erreichten sie am Abend des fünfzehnten Tages Hartenburg, und als Lea auf das Tor zuschritt, nahm sie sich vor, die Stadt so bald nicht wieder zu verlassen. Ebenso wie ihr Vater hatte Lea es geschafft, sich das Wohlwollen der einfachen Leute in Hartenburg mit Trinkgeldern und zinsgünstigen Kleinkrediten zu erhalten. Daher behandelten die Wachen sie zwar etwas von oben herab, aber nicht unfreundlich, während die raffgierigen Hofschranzen des Markgrafen alles taten, um ihr das Leben schwer zu machen, und nie mit den Waren zufrieden waren, die sie ihnen aus aller Herren Länder besorgte. Zu ihrem Glück zügelte Ernst Ludwig die Gier seines Gefolges immer wieder, wahrscheinlich, um seine eigenen Einnahmen nicht zu schmälern, verlangte dafür aber untertänigste Dankbarkeit in Worten, Gesten und zusätzlichen Geschenken.

Bei dem Gedanken an ihren Landesherrn wünschte Lea sich zum wiederholten Male, genügend Geld zu besitzen, um sich in den Schutz einer freien Reichsstadt einkaufen, dort Grund pachten und ein Haus errichten zu können. Doch als sie nun durch die Straßen ging, war sie wiederum froh, hier leben zu dürfen. Anders als in den meisten Städten, in denen auch die einheimischen Juden geringschätzig und abweisend behandelt wurden und in denen ihnen beim geringsten Zwischenfall böse Schimpfworte nachflogen, riefen die Einheimischen ihr Grüße zu, die Lea freundlich erwiderte, und einige Nachbarn blieben stehen, um sich nach dem Wohlergehen ihres jüngeren Bruders zu erkundigen oder zu fragen, was es Neues im Reich gab. So benötigte Lea auch diesmal länger für den Weg durch die Stadt, als es notwendig gewesen wäre. Mit dem Gefühl, in die heimische Geborgenheit zurückgekehrt zu sein, erreichte sie schließlich ihr Haus. Es war, als hätte Sarah schon nach ihr Ausschau gehalten, denn sie öffnete ihr persönlich das Tor. Das Gesicht der Wirtschafterin wirkte jedoch eher verkniffen als erfreut. Lea erschrak. »Ist etwas passiert?«

»Nichts, was man zwischen Tür und Angel berichten kann.«

Die knappe Antwort verriet Lea, dass die treue Alte vorhatte, sie im Lauf des Abends mit einem Haufen Klagen zu überschütten. Das war nicht gerade das, was Lea sich für den Tag ihrer Rückkehr gewünscht hätte, und als ihre Schwester hinter Sarah auftauchte, hoffte sie für einen Augenblick, wenigstens von ihr freundlich und unbeschwert empfangen zu werden. Rachel war in den letzten drei Jahren von einem hübschen Mädchen zu einer wunderschönen Frau erblüht und glich nun dem Bild, das ihr Volk sich von Bathseba machte, um deretwillen König David beinahe von Gott verworfen worden wäre. Schöner als Rachel konnte auch Urias Weib nicht gewesen sein. Lea war stolz auf das Aussehen ihrer Schwester, auch wenn es Sarah und ihr mehr und mehr Mühe machte, die jungen Männer von ihrer Schwelle fern zu halten, denn es handelte sich bei den Bewerbern ausnahmslos um Christen. Die meisten von ihnen hatten ehrliche Absichten, denn sie sagten offen, dass sie Rachel in den Schoß der heiligen römischen Kirche führen und sie nach christlichem Ritus zur Frau nehmen wollten. Lea vermutete, dass nicht nur Rachels Schönheit das rege Interesse an ihr hervorrief, sondern auch die Hoffnung auf eine reiche Mitgift. Es gab Leute im Reich, die von konvertierten Juden abstammten und es nicht nur zu erklecklichem Wohlstand, sondern auch zu hohem Ansehen gebracht hatten. Gold deckte in den Augen der wohlhabenden Bürger beinahe jeden anderen Makel zu und öffnete die meisten Türen, ja sogar die zum christlichen Himmelreich. Mit Geld und noch mehr Geld hätte Lea sich von dem Markgrafen Ernst Ludwig beinahe jedes Privileg erwerben können, aber sie hielt sich zurück, um den Appetit des Landesherrn nicht unnötig zu reizen.

Schon mit einer Hand voll Hartenburger Zwölfergulden hätte sie sich zum Beispiel das Recht erkaufen können, einen oder zwei weitere jüdische Knechte nach Har-tenburg zu holen, denn in ihrem Haushalt gab es mit Jo-chanan nur einen arbeitsfähigen Mann, und den benötigte sie als Reisebegleiter. Jetzt übernahm Ketura einen Teil seiner Arbeit, und wenn Jochanan nach Hause kam, konnte er sich nicht erholen, sondern musste all das erledigen, was liegen geblieben war.

Lea war sich bewusst, dass nicht nur die Geldgier des Markgrafen sie davon abhielt, sich weitere Knechte zu besorgen, sondern mehr noch ihre Abneigung, fremde Menschen in ihr Doppelleben einzuweihen. Christliche Tagelöhner, die man nach getaner Arbeit hätte nach Hause schicken können, gab es mehr als genug, und die meisten von ihnen wären gerne in Samuel Goldstaubs Dienste getreten, um von seiner Großzügigkeit zu profitieren, aber die Kirche verbot es ihren Gläubigen, für einen Juden zu arbeiten.

Während Leas Gedanken bereits wieder um die Probleme kreisten, die hier auf sie warteten, starrte Rachel sie naserümpfend an und wies auf ihr von der Sonne gebräuntes Gesicht. »Wie siehst du denn schon wieder aus?«

Leas Blick glitt über Rachels Alabasterhaut, um die ein Engel sie hätte beneiden können, und seufzte. Sie war Frau genug, um sich über Rachels Kritik zu ärgern, gleichzeitig aber fühlte sie sich als große Schwester, die der kleinen solche Grobheiten verzeihen musste. »Das nehme ich auf mich, um dir und Elieser ein gutes Leben zu ermöglichen.«

Rachel kniff die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen und schüttelte heftig den Kopf. »Erzähl mir doch nichts! Du tust es nicht unseretwegen, sondern weil du Gefallen daran findest, als Mann herumzulaufen. Hast du denn gar kein Schamgefühl? Wenn dein Betrug entdeckt wird, blamierst du auch uns bis auf die Knochen! Kein Jude wird noch etwas mit uns zu tun haben wollen, denn deine Verworfenheit beschmutzt uns alle.«

Lea ließ die Schultern sinken. Ihre Schwester hatte sich in den letzten drei Jahren nicht geändert. Für Rachel war ihr Auftreten als Samuel Goldstaub eine Sünde wider den Herrn und daher verdammenswert. Das hinderte sie jedoch nicht daran, die Vorteile zu nutzen, die ihr das auf diese Weise verdiente Geld verschaffen konnte. Auch jetzt verwandelte sie sich im Bruchteil eines Augenblicks von einer zürnenden, tiefgläubigen Jungfrau in ein bettelndes Kind.

»Was hast du mir denn diesmal mitgebracht?«

Lea zog eine kleine Schatulle unter ihrem Mantel hervor und reichte sie ihr. Rachel riss sie auf und stieß einen

Schrei aus. Drinnen lag eine mit Rubinen und Amethysten besetzte Brosche in Form eines Schmetterlings. Lea hatte das Schmuckstück bei einem Goldschmied gesehen und auf der Stelle erworben. Rachel ließ die Steine im Sonnenlicht aufblitzen und rief nach Gomer, die ihr helfen sollte, das richtige Gewand dazu auszusuchen.

Da Lea schon einmal begonnen hatte, ihre Geschenke zu verteilen, holte sie die Talmudniederschrift hervor, die ihr Bruder sich gewünscht hatte, und trat in Eliesers Zimmer. Der Junge zählte nun sechzehn Jahre, wirkte jedoch kaum älter als dreizehn. In einen dunklen Kaftan gekleidet und mit einer schlichten Kippah auf dem Kopf hockte er auf einem Kissen und rezitierte aus den Schriften des berühmten Rabbis Mose ben Maimon. Obwohl er Leas Eintreten durchaus wahrnahm, beachtete er sie zunächst nicht, sondern las den Text zu Ende. Als er fertig war, küsste er inbrünstig die Schriftrolle und legte sie in einen silbernen Halter. Dann erst blickte er auf und musterte Lea, als wäre sie eine besonders hässliche Küchenschabe, die ihm gerade über die Füße kroch. »Was gibt es denn so Wichtiges, dass du alle Scham vergisst und in diesem Aufzug in mein Zimmer trittst?«

»Ich wollte dir das Buch, das du dir so sehnsüchtig gewünscht hast, gleich bei meiner Ankunft überreichen«, rechtfertigte Lea sich matt, da sie all ihre Kraft benötigte, ihren Ärger zu bezähmen.

Elieser nahm das Geschenk mit einer Selbstverständlichkeit entgegen, als wäre es ihre Pflicht, seine Wünsche zu erfüllen, schlug es auf und begann zu lesen.

Lea holte tief Luft. »Ich überbringe dir Grüße von Ru-ben ben Makkabi und den anderen Mitgliedern der Augsburger Gemeinde.«

Da er nicht auf ihre Worte reagierte, tippte sie ihn an. »He, ich rede mit dir!«

»Ja, ja, ich habe schon gehört. Ich hoffe, es geht unseren Brüdern in Augsburg gut.« Elieser zeigte deutlich, wie wenig er sich für Ruben ben Makkabis Wohlergehen und das der übrigen Augsburger Juden interessierte.

»Es geht ihnen gut.« Lea fragte sich, wie es weitergehen sollte, wenn ihr Bruder sich nur um geistliche Dinge kümmerte und nicht das geringste Interesse für die Geschäfte zeigte. Nach den Gesetzen ihres Volkes war er das Oberhaupt der Familie und hätte längst in die Fußstapfen seines Vaters treten müssen. Sie atmete zwei-, dreimal tief durch und trat so dicht neben ihn, dass ihr staubiger Kaf-tan ihn beinahe berührte. »Hast du dir in der Zwischenzeit die Geschäftskorrespondenz angesehen, wie du es mir versprochen hast?«

»Ich bin nicht dazu gekommen.« Elieser rutschte ein Stück von ihr weg und verzog angewidert den Mund, zauberte dann aber jenes Lächeln auf seine Lippen, das die anderen Frauen des Haushalts dazu brachte, ihm jede seiner Launen zu verzeihen.

Auch Lea ließ sich davon rühren. »Ich hatte dich doch so eindringlich darum gebeten. Wie soll ich dir die Geschäfte übergeben und brav zu Hause bleiben, wie du es dir wünschst, wenn du dir keine Mühe gibst, dich einzuarbeiten?«

»Wie soll ich denn die Geschäfte führen? Ich bin doch nur ein Krüppel, der das Bett kaum verlassen kann.« Elie-ser streckte sein rechtes Bein aus und zog den Saum seines Kaftans höher.

»Sieh her!«, rief er mit klagender Stimme. Lea betrachtete seinen dürren Unterschenkel, der mehr einem Stock glich als dem Körperteil eines Menschen. Doch unterwegs hatte sie Leute gesehen, die weitaus schlimmer verkrüppelt waren als Elieser und dennoch alles taten, um sich einen Platz im Leben zu erkämpfen. Irgendwie musste sie ihrem Bruder beibringen, dass er kein Kind mehr war, sondern ein junger Mann, der Pflichten zu erfüllen hatte.

»Du bist nicht der einzige Jude, der körperlich gezeichnet ist. Einige unserer Handelspartner leiden unter ähnlichen körperlichen Gebrechen und sind doch recht erfolgreich. Du wirst sehen, du schaffst das auch. Komm nachher in mein Zimmer und hilf mir. Ich möchte, dass du ein paar der Briefe schreibst, denn unsere Geschäftsfreunde sollen merken, dass es dich gibt.«

Lea ärgerte sich über den bettelnden Klang in ihrer Stimme und gleich darauf über Eliesers Reaktion.

»Soll ich etwa mein Studium wegen ein paar lächerlicher Briefe unterbrechen, die du ohnehin schneller schreibst als ich?« Er musterte Lea von unten nach oben, drehte ihr den Rücken zu und schlug den mitgebrachten Talmud auf. Da sie sich nicht mit ihm streiten wollte, blieb ihr nichts anderes übrig, als den Raum zu verlassen.

Auf dem Weg in ihr Zimmer machte sie sich Vorwürfe, bei der Erziehung ihres Bruders völlig versagt zu haben. Sie hatte ihn wegen seiner Verletzungen und der Schmerzen, über die er ständig klagte, lange Zeit von allen Pflichten befreit und zugelassen, dass sich der gesamte Haushalt seinen Wünschen unterordnete, und nun schien er zu glauben, dass er das Leben eines verwöhnten Kindes bis an das Ende seiner Tage weiterführen konnte. Lea überlegte, was sie unternehmen konnte, um ihn zur Vernunft zu bringen, fühlte sich dieser Aufgabe aber nicht gewachsen, denn Elieser hatte sich noch nie etwas von ihr sagen lassen. Wenn es zum Streit zwischen ihr und ihm gekommen war, hatte sein Vater ihm Recht gegeben, ganz gleich, um was es ging, und da Elieser nach Sitte und Gesetz ihr Vormund war - falls es zu jener Bar-Mizwa in Sarningen gekommen war, wie er behauptete -, konnte er guten Gewissens jeden Rat von ihr in den Wind schlagen.

An diesem Tag war Lea froh, die Tür ihres Zimmers hinter sich schließen zu können. Doch sie hatte sich zu früh auf einige Augenblicke der Ruhe gefreut. Noch bevor sie Kaftan und Hemd ablegen und sich wieder in sich selbst verwandeln konnte, schlüpfte Sarah zur Tür herein.

Sie stellte eine Schüssel mit Waschwasser auf den kleinen Tisch neben dem Bett und half Lea mit flinken Fingern, sich der schmutzigen Kleidung zu entledigen. Dabei machte sie ihr die ersten Vorhaltungen. »Du solltest keine so langen und gefährlichen Reisen mehr unternehmen. Jochanan hat mir eben erzählt, wie knapp ihr dem Feuertod entronnen seid.«

»Wenn die Geschäfte weiterlaufen sollen, muss ich auf Reisen gehen. Aber im Augenblick brauchst du dir keine Sorgen zu machen, denn in den nächsten Monaten kann ich alles noch Anstehende brieflich erledigen.«

Die alte Frau wiegte zweifelnd den Kopf. »Besser wäre es, du bliebest ganz zu Hause. Rachel fehlt eine feste Hand und auch jemand, der ihr die Mutter ersetzen kann. Erinnere dich daran, wie einsam du dich nach Ruths Tod gefühlt hast.«

»Ich hoffe, ich habe mich in Rachels Alter nicht so töricht benommen wie sie.«

Sarah lächelte, winkte aber gleichzeitig ab. »Wie sich das anhört! Du bist nur zwei Jahre älter als sie, aber wenn man euch beide so ansieht, könnten es ebenso viele Jahrzehnte sein. Um Rachel mache ich mir jedoch weniger Sorgen als um Elieser.«

Ein scharfer Unterton in Sarahs Stimme ließ Lea aufhorchen.

»Was kann unser frommer Talmudschüler denn schon angestellt haben? Geht er zu spät ins Bett, weil er sich nicht von seinen Texten trennen kann?«

»Frommer Talmudschüler?« Sarah winkte verächtlich ab. »Erst letzte Woche hat er Merab in den Hintern gekniffen, als sie sein Zimmer säuberte, und das dumme Ding hat auch noch gekichert, anstatt ihm eine Ohrfeige zu geben.«

Lea zuckte mit den Schultern und beugte sich tief über die Waschschüssel. Als sie sich abtrocknete, lächelte sie amüsiert.

»Sei doch froh, dass Elieser endlich Interesse an anderen Dingen zeigt als nur an seinen frommen Schriften. Schließlich ist er in dem Alter, in dem junge Männer den Frauen nachschauen.«

Sarah hob mahnend den Zeigefinger. »Nimm die Sache nicht zu leicht, oder willst du, dass es zu Heimlichkeiten kommt, die man nicht dulden darf?«

»Ich werde schon aufpassen«, versprach Lea leichthin und griff nach dem Kleid, das sie sich zurechtgelegt hatte. Zu ihrer Verwunderung legte Sarah die Hand darauf. »Nimm ein frisches Hemd und den anderen Kaftan, denn du musst sofort zur Burg. Seit zwei Wochen ist jeden Tag ein Diener des Markgrafen erschienen und hat nach Samuel Goldstaub gefragt. Ich fürchte, es geht diesmal um etwas Größeres.«

Lea runzelte die Stirn. Wenn der Markgraf nach ihr schickte, hatte es selten etwas Gutes zu bedeuten. Meist forderte er Geld und noch mehr Geld oder bestellte exotische Waren, die ihm sein Hoffaktor billig oder am besten gleich umsonst besorgen sollte. »Hat man dir verraten, warum man mich so dringend sprechen will?«

»Nein, aber ich vermute, dass es mit dem Tod seines Erben zusammenhängt. Während du fort warst, kam die Nachricht, dass der einzige Sohn des Markgrafen, der ja, wie du weißt, zur Erziehung an den Hof des Pfalzgrafen am Rhein geschickt worden war, bei einer Waffenübung vom Pferd gefallen und kurz darauf seinen Verletzungen erlegen ist. Jetzt muss der Markgraf noch einmal heiraten, um seine Dynastie zu erhalten.«

»Das ist keine gute Neuigkeit! Hochzeiten sind teuer, und wie ich Seine Durchlaucht kenne, werde ich sogar noch für die Schürzen seiner Köche aufkommen müssen.«

Lea strich sich über das kurze Haar, an das sie sich auch nach drei Jahren noch nicht gewöhnt hatte, schlüpfte mit grimmiger Miene in die schmutzigen Reisekleider und setzte ihren verschossenen gelben Hut wieder auf. Sie sah kurz an sich herab und fand, dass ihr Mantel schäbig genug aussah, um damit vor ihren Landesherrn treten zu können. So hatte es bereits ihr Vater gehalten und damit einen gewissen Erfolg gehabt. Ob ihr die ärmliche Kleidung allerdings diesmal helfen würde, den Ansprüchen des Markgrafen wirkungsvoll entgegentreten zu können, bezweifelte sie.

Mit Sarahs innigsten Wünschen versehen machte sie sich auf den Weg. Sie war noch etliche Schritte vom Burgtor entfernt, als einer der Wächter sie entdeckte, in den Burghof rannte und lauthals rief, dass der Jude endlich erschienen wäre. Ein Diener lief ihr entgegen und forderte sie eindringlich auf, schneller zu gehen. Er führte sie jedoch nicht zum Markgrafen, sondern zu der Zimmerflucht, in der Frischler residierte. Der Sekretär ließ sie geraume Zeit vor der Tür stehen, bevor er ihr barsch befahl, einzutreten.

Frischler hockte wie ein feister Bär hinter seinem Tisch, auf dem ein großer und bereits halb geleerter Weinkrug neben einem Trinkbecher und einem Stapel dicht beschriebener Blätter stand. Die rote Hose des Mannes war schmutzig und warf Falten, und das dunkelblaue Wams war an den Ellbogen bereits fadenscheinig geworden und voller Speisereste.

Der Sekretär starrte Lea so gereizt entgegen, als wäre sie an allem schuld, was ihm das Leben schwer machte, dann goss er seinen Becher voll, trank ihn in einem Zug leer und stellte ihn hart ab. »Du hast dir verdammt viel Zeit gelassen, Jude.«

Lea verbeugte sich tief, um ihre Nervosität zu verbergen. »Um die Wünsche Seiner Durchlaucht zu erfüllen, ist es leider von Nöten, von Zeit zu Zeit auf Reisen zu gehen.«

»Papperlapapp! Wenn Seine Durchlaucht nach dir schickt, hast du hier zu sein!«

Lea beschränkte sich darauf, sich noch einmal tief zu verbeugen. Sollte der Mann sich ruhig austoben. Irgendwann musste er ihr ja sagen, was man von ihr erwartete.

Frischler stürzte den Inhalt eines weiteren Bechers in sich hinein und stellte das Gefäß auf den Blätterstapel. Dann schob er ihn mit einem Fluch beiseite, ergriff das oberste Blatt und las es kurz durch.

»Du wirst bereits von dem tragischen Verlust Seiner Durchlaucht gehört haben.«

Lea nickte. »Gerade eben habe ich es erfahren. Wenn es erlaubt ist, möchte ich Seiner Durchlaucht persönlich mein Beileid überbringen.«

»An dem Gestammel eines Juden ist ihm wohl kaum gelegen.«

Umso mehr aber an dessen Geld, fuhr es Lea durch den Kopf. Frischler reichte ihr das Blatt mit einer Geste, als wollte er es ihr in den Rachen stopfen. »Seine Durchlaucht gedenkt, sich erneut zu vermählen, und zwar mit der Tochter des Reichsritters Ewald von Sulzburg-Hachingen. Zu diesem Zweck wirst du die Gegenstände auf dieser Liste als Brautgeschenke für die Dame Ursula besorgen.«

Ein flüchtiger Blick auf das Blatt zeigte Lea, dass sie allein für diese Waren zweitausend Gulden benötigte, und das war nur der Anfang. Als Nächstes trug Frischler ihr auf, ein Dutzend Fässer besten spanischen Weines, pfundweise Gewürze und Spezereien für die markgräfliche Küche und Seidendraperien zur Ausschmückung des Hochzeitssaals zu besorgen. Dann händigte er ihr noch eine dritte Liste aus, auf der etliche Dutzend kleinerer Posten verzeichnet standen.

»Als vorerst Letztes«, fuhr Frischler fort, »wirst du einen großen Gasthof oder eine Herberge für die Mätresse Seiner Durchlaucht erwerben. Das Anwesen muss mindestens fünf Tagesreisen von Hartenburg entfernt sein. Sie wird noch vor der Hochzeit unseres Landesherrn zusammen mit ihrer Schwester dorthin übersiedeln.«

Ein leichtes Lächeln stahl sich auf Leas Lippen. Der Markgraf wollte seine Mätresse auf billige Art und Weise loswerden, bevor seine neue Gemahlin hier in Hartenburg Einzug hielt. In diesem speziellen Fall war sie sogar sehr gerne bereit, ihm seine Wünsche zu erfüllen. Sie hatte der Wirtstochter das üble Spiel nicht vergessen, zu dem man sie nach dem Tod ihres Vaters und Samuels gezwungen hatte, und sie kannte eine Herberge, die ihr jetziger Besitzer mit Freuden verkaufen würde. Außer einigen wenigen, besonders wagemutigen Wanderern gab es dort hauptsächlich Füchse und Bären, und das Haus diente Räubern als Zuflucht, die den Häschern Württembergs und Vorderösterreichs entgehen wollten. Den Kerlen würden zwei schamlose Weiber wie die Mätresse und deren Schwester mehr als willkommen sein.

Der Gedanke brachte sie zu Frischler zurück. Jetzt verstand sie, was in dem Mann vorging. Durch die neue Ehe des Markgrafen verlor der Sekretär neben seiner bisherigen Bettgespielin auch einen großen Teil seines Einflusses. Er war der einzige Mensch gewesen, dem der Herzog vertraut und mit dem er seine intimsten Geheimnisse geteilt hatte, und musste nun um seine Position fürchten, denn bei dem Ruf, der der Dame Ursula vorauseilte, war zu erwarten, dass sie mit dem Schlendrian und der Verschwendung im Schloss und in der gesamten Markgrafschaft aufräumen würde.

Das Letzte freute Lea, auch wenn sie sich über die Wahl des Markgrafen wunderte. Sie hatte einiges über Ursula von Sulzburg-Hachingen gehört und glaubte zu wissen, dass die Dame entsetzt wäre, wenn sie etwas über das Lotterleben ihres Bräutigams erfahren hätte. Sie war nämlich mit vier Jahren zur Erziehung in ein Nonnenkloster gegeben worden und sollte bereits die niederen Weihen erhalten haben. Durch den frühen Tod ihrer drei Brüder war sie die einzige Erbin ihres Vaters geworden, und deswegen hatte Ewald von Sulzburg-Hachingen von Papst Innozenz VIII. einen Dispens für sie erwirkt. Es war schnell bekannt geworden, dass Ursulas Äbtissin sich in Rom für sie eingesetzt und von dem dankbaren Vater mehrere Güter und ein großes Stück Wald für das Kloster erhalten hatte.

»Was ist, Jude? Hat es dir die Sprache verschlagen? Fang gar nicht erst an zu jammern, welche Schwierigkeiten du siehst, sondern schaff das Zeug heran. Die Hochzeit wird in sechs Wochen stattfinden, und wenn dann nicht alle Vorbereitungen den Wünschen Seiner Durchlaucht entsprechen, kannst du im alten Turmverlies verschimmeln.«

Lea zuckte unter Frischlers aggressivem Tonfall zusammen und verneigte sich unwillkürlich. »Das wird knapp, aber ich dürfte alles rechtzeitig genug herbeischaffen können. Sagt mir, ist Seine Durchlaucht sich über die Summen im Klaren, die er auszugeben gedenkt? Ich werde für die meisten Waren Vorauszahlungen leisten müssen und würde deswegen gern wissen, wie Seine Durchlaucht das Ganze bezahlen will.«

Der Sekretär hob die Augenbrauen. »Du wirst das Geld vorstrecken müssen, denn die Kassen Seiner Durchlaucht sind wie gewöhnlich leer. Aber er möchte seine Ehe nicht mit neuen Schulden bei einem raffgierigen Juden beginnen und bietet dir deswegen die Steuerpacht von Hartenburg an.«

So etwas hatte Lea befürchtet. Der Markgraf wollte ihr nicht nur nichts zahlen, sondern überdies noch mehr Geld aus ihr herausschlagen. Ein Steuerpächter hatte die geschätzten Einnahmen seines Gebiets im Voraus an den Landesherrn zu bezahlen, und wie Lea Ernst Ludwig kannte, würde der hohe Herr mehr Geld von ihr verlangen, als die Markgrafschaft an Steuern aufbringen konnte. Um ihre Kosten wieder hereinzubekommen, würde sie die einfachen Leute, die nicht von der Steuerpflicht befreit waren, bis aufs Blut auspressen müssen. Ein gnadenloses Eintreiben der Abgaben aber würde die Bürger von Hartenburg gegen sie und ihre Familie aufbringen, so dass es nur eines Funkens bedurfte, den Ärger in Hass und Aggression umschlagen zu lassen. Etliche Pogrome gegen die jüdischen Gemeinden hatten in solchen Zuständen ihre Wurzeln. Sie würde es sich jedoch nicht lange leisten können, die verlangten Summen aus ihrer eigenen Tasche zu bezahlen.

»Wäre es nicht besser, wenn ich die Steuerpacht in den Besitzungen der neuen Markgräfin übernähme?«

Lea zwang sich zu einem untertänig bittenden Gesichtsausdruck. Ihr war bewusst, dass ihr auch in diesem Fall üble Nachrede folgen würde, doch dann war wenigstens nicht ihre Familie in Gefahr.

Frischler sah betreten drein. »Leider ist es Seiner Durchlaucht nicht möglich, das Steuermonopol der Herrschaft Sulzburg-Hachingen aus eigener Machtvollkommenheit zu vergeben. Du wirst dich also mit Hartenburg begnügen müssen.«

Lea hätte dem Sekretär beinahe ins Gesicht gelacht. Der Vater der Dame Ursula hatte also schon vorgebaut, um nicht zusehen zu müssen, wie sein Besitz schon zu Lebzeiten unter den verschwenderischen Händen des Markgrafen zerrann. Lea fragte sich, warum Ewald von Sulzburg-Hachingen überhaupt dazu bereit war, seine Tochter Ernst Ludwig von Hartenburg zur Frau zu geben. Die Antwort lag auf der Hand: Der Sulzburger vermählte seine Erbin weniger mit dem Mann als mit seinem Titel. Seine Enkel würden keine nachrangigen Reichsritter mehr sein, sondern fürstlichen Geblüts und damit über allen Edelleuten mit Ausnahme der Kurfürsten des Heiligen Römischen Reiches stehen. Das war der Preis, für den Ewald von Sulzburg-Hachingen seine Tochter einem Wüstling auslieferte.

Etwas von dem Spott und der Verachtung, die Lea für die hohen Herrschaften empfand, musste sich auf ihrem Gesicht abgezeichnet haben, denn Frischler schlug plötzlich mit der Faust auf den Tisch. »Grinse mich nicht so frech an, du beschnittener Hund. Entweder übernimmst du die Hartenburger Steuerpacht, oder ...« Er schwieg einen Moment und blickte Lea höhnisch an. »Oder du wirst eben warten müssen, bis Seine Durchlaucht gewillt ist, seine Schulden bei dir zu begleichen.«

Das wird niemals der Fall sein, dachte Lea verbittert. Selbst wenn sie darauf achtete, billig einzukaufen und es mit der Qualität nicht ganz so genau nahm, würde sie horrende Verluste erleiden. Einen Teil davon konnte sie durch überhöhte Preise für die besseren Familien in Har-tenburg ausgleichen, aber alles in allem blieb es ein schlechtes Geschäft. In diesem Augenblick verfluchte sie Roland Fischkopf, an den sie ein kleines Vermögen verloren hatte. Jetzt würde sie sich aller Reserven entblößen und hoffen müssen, dass sie keine weiteren Verluste erlei-den oder der Markgraf seinen Würgegriff bei nächster Gelegenheit erneuern würde. Wie es aussah, hielt er sie bereits jetzt für eine Zitrone, die man bedenkenlos ausquetschen konnte.

Mit einem Mal fühlte sie sich kraftlos und des ewigen Kampfes müde. Sie würde den Niedergang ihrer Familie nicht mehr lange aufhalten können. Ohne auf Frischlers letzte Worte einzugehen, verneigte sie sich vor ihm. »Ich werde alles besorgen.«

»Das wird auch Zeit«, blaffte der Sekretär sie an. »Mach, dass du verschwindest, und sorge dafür, dass nichts von der Liste fehlt!«

»Wie Ihr befehlt.« Lea machte einen weiteren tiefen Bückling und verließ den Raum. Auf dem Flur atmete sie erst einmal tief durch. Frischlers aggressive Haltung und die Art, wie er dem Wein zusprach, machten ihr Angst, und sie hoffte, dem Mann so lange aus dem Weg gehen zu können, bis er den Ärger über die Minderung seines Einflusses und den Verlust seiner Hure überwunden hatte.

Als sie über den Burghof ging, wurde ihr klar, dass die Ausgaben für den Markgrafen sie in die Lage versetzen würden, nicht nur das Privileg für die Ansiedlung zweier jüdischer Knechte bewilligt zu bekommen, sondern auch die Erlaubnis zu einer Heirat erwerben zu können. Beides war jedoch nicht in ihrem Interesse, und so hoffte sie, dass Rachel und Elieser sich zu wenig für die Zusammenhänge interessierten und Ruben ben Makkabi nie erfuhr, wie leicht sie seine Wünsche zu diesem Zeitpunkt hätte erfüllen können. Ihm würde sie mitteilen, dass sie zu Ausgaben gezwungen wurde, die es ihr unmöglich machten, sich von ihrem Landesherrn die Genehmigung zu einer, geschweige denn gleich zwei Heiraten zu erkaufen. Diese Lüge würde ihr nicht schwer auf der Seele liegen.

6.

Sarah wartete hinter dem Tor auf Leas Rückkehr.

»Was hat der Herr von dir gewollt?«

»Nicht viel«, antwortete Lea so leichthin wie möglich und versuchte zu lächeln. Gleichzeitig machte es sie traurig, weil sie niemanden hatte, mit dem sie ihre Sorgen teilen konnte. Sarah durfte sie nicht mit neuen Problemen belasten, denn die brave Alte würde vor Angst keinen Schlaf mehr finden, und sonst gab es niemanden, dem sie vertrauen konnte oder der ihre Situation verstand.

»Ernst Ludwig will sich wieder vermählen, und ich soll ein paar Sachen für ihn besorgen. Deswegen muss ich schon morgen nach Straßburg aufbrechen. Bitte lass frische Kleidung für Jochanan und mich bereit legen.«

»Du willst schon wieder fort?« Sarah schnaubte empört, wagte aber keine Widerrede, sondern eilte ins Haus, um alles für Leas Abreise vorzubereiten.

Lea folgte ihr etwas langsamer. Mit müden Bewegungen stieg sie die Stufen zum ersten Stock empor, wo die Tür zu Eliesers Zimmer weit offen stand. Ihr Bruder saß auf seinem Kissen, las konzentriert in dem neuen Talmud und schien der Welt völlig entrückt zu sein.

Lea hätte ihn in dem Augenblick am liebsten gepackt und ihn so lange geschüttelt, bis er begriff, dass die Welt nicht nur aus ihm selbst bestand. Die meisten jüdischen Männer verbrachten viele Stunden am Tag damit, die heiligen Schriften zu studieren, und sie lebten fromm und möglichst buchstabengetreu nach den Gesetzen ihres Volkes, gingen aber mit gleicher Energie ihrem Gewerbe nach. Selbst berühmte Rabbis scheuten die Arbeit nicht, die ihnen und ihren Familien Brot und Obdach gab. Elie-ser kümmerte sich jedoch um nichts weiter als um seine Bücher und ließ sich umsorgen wie ein kleines Kind. Vorhin, bei ihrer Rückkehr, hatte sie sich noch fest vorgenommen, ihren Bruder bei der Hand zu nehmen und ihn, ob er wollte oder nicht, in ihre Geschäfte einzuführen. Doch dazu würde es in der nächsten Zeit nicht kommen, denn das, was sie für den Markgrafen heranschaffen musste, ließ sich nur zu einem geringen Teil durch Briefe erledigen, auch dann nicht, wenn sie diese nicht einem Handelszug mitgab, sondern sie durch die kaiserlichen Posthalter oder gar durch berittene Boten des Markgrafen befördern ließ, was ihr in diesem Fall möglich war. Sie schüttelte die bedrückenden Gedanken ab und ging weiter. Als sie an der Tür zur guten Stube vorbeikam, sah sie Rachel drinnen am Kamin sitzen und im Licht eines Kienspans ein Bettlaken flicken. Als ein Dielenbrett unter Leas Fuß knarrte, blickte das Mädchen auf, warf ihre Arbeit auf den Boden und funkelte die Schwester zornig an.

»Dir gefällt es wohl, den Hausherrn zu spielen, während ich mich als Dienstmagd abplagen muss. Sieh her, ich habe mich sogar gestochen.« Damit streckte sie Lea ihren linken Zeigefinger entgegen, auf dem ein winziger roter Punkt zu sehen war. Lea dachte an ihre Fingerspitzen, die oft wie ein Nadelkissen durchlöchert gewesen waren, wenn sie in einer düsteren Ecke Samuels Lehrern zugehört und dabei fleißig genäht und geflickt hatte. Um des lieben Friedens willen schluckte sie eine scharfe Bemerkung und bedauerte ihre Schwester mit ein paar tröstenden Worten.

Rachel aber wollte sich nicht beruhigen lassen. »Wenn du dich darum kümmern würdest, dass wir mehr Dienstboten bekämen, müsste ich mich nicht so abplagen und meine Finger ruinieren.«

Lea trat näher und betrachtete die wohlgeformten Hände ihrer Schwester, die keine Spuren harter Arbeit aufwiesen. Am liebsten hätte sie ihr von Ruben ben Mak-kabis Tochter Hannah erzählt, deren Hände keinen Moment zu ruhen schienen. Doch ihr war klar, dass Rachel ihr weniger wegen der Arbeit gram war, die sie tun musste, sondern weil sie, Lea, nicht zu Hause blieb und wieder Hausfrau und Ersatzmutter spielte wie vor Samuels Tod.

So schüttelte sie nachsichtig den Kopf. »Wir können derzeit keine neuen Dienstboten nachholen. Zum einen kostet die Erlaubnis viel Geld, und zum anderen könnten wir unser Geheimnis dann nicht mehr bewahren. Doch sobald Elieser die Geschäfte übernimmt, wird er mit unserem Landesherrn darüber verhandeln können.«

Ihre Schwester fuhr auf. »Wann sollte das sein? Du denkst doch gar nicht daran, dir das Heft aus der Hand nehmen zu lassen, sondern redest Elieser ein, er sei ein wertloser Krüppel, der gerade mal gut genug ist, das Sabbatgebet zu sprechen.«

Noch ehe sie das letzte Wort ausgesprochen hatte, riss Leas Geduldsfaden, und ihre Hand klatschte auf Rachels Wange.

»Das will ich kein zweites Mal mehr hören! Bildest du dir ein, es wäre so lustig, in einer Schenke zu sitzen, sich gottlose Schmähungen anhören zu müssen und darauf zu warten, auf einem Scheiterhaufen verbrannt zu werden? Oder möchtest du ein Schwein küssen und damit vor einer Rotte grölender Betrunkener herumtanzen?«

Ihre Stimme überschlug sich, und sie sah ganz so aus, als wollte sie noch einmal zuschlagen. Rachel wich hinter die Truhe zurück und hob die Hände vors Gesicht. Als sie sah, dass Lea ihr nicht folgte, giftete sie weiter. »Den armen, hilflosen Elieser aber willst du in diese grausame Welt hinausjagen.«

Auf diese Unterstellung wusste Lea nichts zu antworten. Sie hatte schon mehr gesagt, als sie wollte. Daher drehte sie ihrer Schwester brüsk den Rücken zu und ging, ohne noch einmal nach rechts oder links zu sehen, in ihr Zimmer. Es war nicht mehr die enge Dachkammer, die sie früher bewohnt hatte, sondern der Raum, in dem ihr Vater gearbeitet und geschlafen hatte und der eigentlich Elieser als Oberhaupt der Familie zugestanden hätte. Da das Zimmer ihres Bruders luftiger und nicht mit Tischen, Truhen und Borden voller Geschäftspapiere vollgestopft war, hatte er es ihr großzügig überlassen. So brauchte sie nicht erst aus dem zweiten Stock herabzuklettern, wenn sie Unterlagen einsehen wollte, und konnte auch nachts arbeiten, ohne die anderen durch knarrende Treppenstufen zu stören.

Jetzt zog sie die Tür mit einem heftigen Ruck ins Schloss, so dass es durch das ganze Haus hallte, und schob den Riegel vor. Dann warf sie sich auf das Bett, ohne darauf zu achten, dass sie immer noch ihre schmutzige Reisekleidung trug, und ließ ihren Tränen freien Lauf. So mutlos wie an diesem Tag hatte sie sich selten zuvor gefühlt.

Lea wusste nicht, wie lange sie sich ihrer Verzweiflung hingegeben hatte. Mit einem Mal war es ihr, als hätte jemand die schwarze Decke gelüftet, die sich über ihrer Seele ausgebreitet hatte, so dass ein helles Licht in ihr aufleuchtete. Ihr Kampfgeist war wieder erwacht. Sie hatte sich und ihre Geschwister vor drei Jahren nicht gerettet, indem sie die Hände in den Schoss gelegt hatte. Damals hatte sie getan, was sie nur konnte, um sie lebend zurückzubringen und ihnen allen die Heimat zu sichern. Jetzt machte sie sich Vorwürfe, weil sie sich zu lange an Har-tenburg geklammert hatte. Die Markgrafschaft war keine sichere Bleibe mehr, denn Ernst Ludwig hatte Blut oder, besser gesagt, Geld geleckt. Er würde immer höhere

Summen fordern, gegen die die Hartenburger Steuerpacht bald ein Tropfen auf dem heißen Stein sein würde. Nicht zum ersten Mal fragte Lea sich, wie es ihrem Vater gelungen war, den Geldhunger der Markgrafen und dessen Vorgänger so weit einzudämmen, dass er und seine Familie von den Resten seiner Einkünfte behaglich hatten leben können. In dem Punkt hatte sie offensichtlich versagt und bekam nun die Folgen zu spüren.

Mit einem Ruck setzte sie sich auf und bleckte die Zähne in Richtung der Burg, deren Umriss sich durch die Wachfeuer und das helle Mondlicht gegen einen schwarz werdenden Himmel abzeichnete. »Eure Gier wird Euch bald selbst treffen, Euer Durchlaucht. Wenn Ihr mich schlachten und ausnehmen wollt wie ein Hühnchen für das Sabbatmahl, schneidet Ihr Euch ins eigene Fleisch.«

Ihre Stimme war nicht so fest, wie sie gehofft hatte, denn ihr war klar, dass sie der Macht des Markgrafen nichts entgegenzusetzen hatte. Wenn sie ihn verärgerte, würde er seine Soldaten schicken, ihr Haus und das greifbare Vermögen beschlagnahmen und sie und ihre Angehörigen aus Hartenburg vertreiben. Vielleicht würde er sie auch in den Turm werfen und foltern lassen, wie es Juden andernorts schon häufig ergangen war, um alle Gelder in die Hand zu bekommen, die sie außerhalb Har-tenburgs angelegt hatte.

»So weit darf es niemals kommen«, schwor Lea sich. Sie stand auf, legte den schmutzigen Mantel und den Kaf-tan ab und öffnete die Tür, um nach Gomer zu rufen, die ihre beiden Lampen putzen und mit frischen Dochten versehen sollte. Die Magd erschien so schnell, als hätte sie nur auf Leas Ruf gewartet. Als die beiden Öllampen brannten, dankte Lea ihr knapp, zog mit einem Ruck die Vorhänge zu und nahm die Korrespondenz zur Hand, die Sarah sorgfältig aufgestapelt hatte. Das erste Schreiben stammte von ihrem spanischen Geschäftspartner Rodrigo Varjentes de Baramosta und war in jenem hölzernen Latein gehalten, mit dem gelehrte Kaufleute verschiedener Zungen miteinander korrespondierten. Obwohl Lea mittlerweile viele Worte dieser Sprache gelernt hatte, benötigte sie die Notizbücher, die ihr Vater und ihr Großvater in langen Jahren sorgfältig mit guter Tinte und einer klaren Handschrift gefüllt hatten. Hier fand sie nicht nur viele Ausdrücke des Handelslateins, sondern auch die wichtigsten Begriffe aus anderen Sprachen, die oft in die Briefe eingestreut waren. Baramostas Brief enthielt eine unangenehme Überraschung. Er sei nicht mehr in der Lage, seine Geschäfte weiter von Sevilla aus zu führen, schrieb er, das Geld, das Samuel bei ihm angelegt habe, sei jedoch sicher und würde zu einem späteren Zeitpunkt mit Zins und Zinseszins zurückerstattet werden. Aber er teilte ihr nicht mit, wohin er umziehen wollte, und gab ihr auch nicht die Adresse eines anderen Gewährsmannes an, wie es sonst üblich war.

Lea konnte nur hoffen, dass der Spanier Wort hielt und sich wieder meldete. In ihrer jetzigen Situation war sie auf jeden Heller angewiesen, den sie auftreiben konnte. Sie legte Baramostas Brief ärgerlich beiseite und nahm das nächste Schreiben zur Hand. Sie las jedoch nicht, sondern versank wieder ins Grübeln. Da der Markgraf versuchen würde, so viel wie möglich aus ihr herauszupressen, musste sie sicherere Anlagen für das Geld finden, das ihr noch blieb, und über den doch recht eingeschränkten Kreis ihrer jetzigen Geschäftspartner hinweg neue Verbindungen aufbauen. Von nun an würde sie alles tun, um weit weg von Hartenburg und auch weit weg von dem Einfluss, den Ruben ben Makkabi in der ihr bekannten Geschäftswelt ausübte, neu anfangen zu können.

Als sie überlegte, wo sie ansetzen sollte, kam ihr zu ih-rer eigenen Verblüffung Roland Fischkopf in den Sinn und der Rat, den er Simeon ben Asser gegeben hatte. Jetzt ärgerte sie sich, dass sie sich den Namen und die Adresse seines Antwerpener Gewährsmannes nicht notiert hatte, denn dann hätte sie sich direkt an den Mann wenden können. Im Gegensatz zu dem Augsburger Kaufmann wollte sie sich stärker am Englandhandel beteiligen, auch wenn es auf der Insel keine Juden mehr gab. Die englischen Kaufleute fragten nicht danach, ob das Geld, das sie erhielten, von christlichen Handelspartnern oder den Söhnen Judas stammte.

Wie Lea es auch drehte und wendete - es gab keinen anderen Weg. Sie durfte nicht mehr nur mit jüdischen Landsleuten Geschäfte treiben, sondern musste ihr Geld überall dort arbeiten lassen, wo es Zinsen brachte. Andernfalls würde ihr Landesherr sie bis aufs Mark aussaugen und sie davonjagen, so dass die Familie Goldstaub irgendwo im Schmutz der Landstraße endete.

Als Sarah eine Stunde später hereinkam, fand sie Lea mit einem bösen Lächeln über ihre Korrespondenz gebeugt. Die alte Frau verkrampfte die Hände vor der Brust und richtete ein Stoßgebet gen Himmel. »Gott Abrahams, schütze Lea und uns alle! Lass nicht zu, dass Jakobs Tochter sich schon wieder in Gefahr bringt!«

Leas Miene verriet nicht, ob sie die Worte gehört hatte. Aber als sie den Brief weglegte, in dem sie gerade gelesen hatte, und zu ihrer Dienerin aufsah, wirkte ihr Lächeln beinahe übermütig.

»Bring mir mein Essen hierher, Sarah. Ich muss noch arbeiten und habe keine Zeit, mit der Familie zu speisen.«

Sarah zuckte zusammen und starrte Lea an, als wäre ihr ein Gespenst begegnet. Diese Worte hatte sie so oft von Jakob ben Jehuda gehört, dass sie zu glauben begann, der Geist des Vaters sei in die Tochter gefahren.

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