Als Lea Hartenburg verlassen hatte, war es Spätsommer gewesen und die Landschaft hatte von der langen Hitze staubig gewirkt, bei ihrer Rückkehr aber prangten Wald und Flur in den frischen Farben des Frühlings. Diese Jahreszeit hatte Lea immer besonders geliebt und war dann gerne auf Reisen gegangen. Diesmal aber schenkte sie weder dem zarten Grün des Weinlaubs noch den mit weißen Blüten überzuckerten Apfelbäumen einen Blick, und sie hatte auch kein Ohr für den Gesang der Vögel in den Zweigen. Je näher sie der Heimat und damit der Trennung von Orlando kam, umso tiefer kroch sie in sich hinein, bis sie sich wünschte, sie wäre tot. Dabei hätte sie glücklich sein müssen, dass ihr Spanienabenteuer ohne größere Probleme zu Ende gegangen war.
Auf dem Ritt nach Santa Pola hatte sie sich immer wieder zu der Idee beglückwünscht, um die Begleitung ihrer vier burgundischen Freunde gebeten zu haben, denn sie waren einige Male Reitern begegnet, die so aussahen, als hielten sie die Reisegruppe unter Beobachtung, und kleinere Trupps von Bewaffneten hatten ebenfalls ein verdächtiges Interesse an ihnen gezeigt. Eingedenk des Streichs, den sie Alvaro de Arandela gespielt hatte, hatte sie ihren Begleitern gleich zu Beginn der Reise vorgeschlagen, nur von den eigenen Vorräten zu leben und den mitgeführten Wein mit Wasser aus Quellen zu verdünnen, um nicht hereingelegt zu werden.
Van Grovius hatte de Poleur, de la Massoulet, van Haalen und von Kandern nur mitgeteilt, Königin Isabella selbst habe den Wunsch geäußert, dass sie Leon de Saint Jacques begleiten und unterwegs beschützen sollten, und so erfuhren die vier erst während des Ritts, um was es ging. Lea hatte sich nicht lange mit Erklärungen aufgehalten, sondern ihren Freunden nur gesagt, sie müssten einen Mann abholen und beschützen, der sich den Herzog von Montoya zum Feind gemacht hatte. Da die vier Burgunder sich nur allzu gut an die Gefangenschaft im Kloster San Isidro bei Sanlucar erinnerten, fragten sie nicht weiter, sondern setzten kampflustige Mienen auf und hielten die Hände in der Nähe ihrer Schwertgriffe.
Jetzt, nachdem alles vorbei war, vermochte Lea nicht zu sagen, ob ihre Vorsicht oder die Bereitschaft ihrer Freunde, sie zu verteidigen, sie heil in der Festung von Santa Pola hatte ankommen lassen. Damals war sie innerlich auf alles vorbereitet gewesen, aber es war glatter gegangen, als sie es sich hatte vorstellen können. Don Julio Vasquez de Frugell, der Kommandant der Festung von Santa Pola, hatte dem Befehl der Königin widerspruchslos gehorcht und ihr Orlando ohne Zögern übergeben, obwohl Alvaro de Arandela, der kurz vor ihnen dort eingetroffen sein musste, scharf protestiert und ihm Vorhaltungen gemacht hatte. Zu seinem Pech hatte Montoyas Wachhund den burgundischen Edelmann de Saint Jacques nicht mit der Weinhändlerin von Bereja in Verbindung gebracht, daher hatte ihm das einzig handfeste Argument gefehlt, welches ihm beim Kommandanten der Festung hätte Gehör verschaffen können.
Bei der Erinnerung an Arandelas zornrotes Gesicht musste Lea viele Wochen später noch lächeln. Der Mann hatte sich ihr und dem freigelassenen Orlando mit blanker Klinge in den Weg gestellt, war aber angesichts der drohend erhobenen Schwerter der jungen Burgunder zurückgewichen und hatte sich mit hilflos obszönen Gesten und Beschimpfungen begnügt. Wäre es den Flüchen nach gegangen, die er der Gruppe nachgebrüllt hatte, hätte sich die Hölle zu ihren Füßen auftun und Satans Dämonen sie bei lebendigem Leib zerreißen müssen.
An jenem Tag war Lea so glücklich gewesen wie noch nie in ihrem Leben, und sie hatte keinen weiteren Gedanken an Montoyas Kreaturen und die Gefahren verschwendet, die von ihnen ausgingen, sondern nur Augen für Orlando gehabt. Er war zwar stark abgemagert gewesen und hatte sich vor Schwäche kaum auf seinen Füßen halten können, war aber sonst unverletzt geblieben. Lea erinnerte sich selbst nach all den Wochen der Reise noch gut an den Augenblick, in dem er von zwei Wächtern in das Arbeitszimmer des Festungskommandanten geschoben wurde, und sie wusste, sie würde dieses Bild bis an das Ende ihrer Tage wie einen kostbaren Schatz hüten.
Orlando hatte offensichtlich erwartet, zum Verhör gebracht zu werden, vielleicht sogar zu der ersten Konfrontation mit dem Herzog von Montoya, auf dessen Befehl er in Ketten gelegt und in eine winzige Kammer gesperrt worden war, in die kein Lichtstrahl fiel und in der kein Ton aufklang. Seine Miene hatte trotzig, ja geradezu herausfordernd frech gewirkt, als wollte er zumindest verbal die Klinge mit seinem Gegner kreuzen. Aber als er Lea in dem ihm nur allzu gut bekannten Gewand eines spanischen Edelmanns neben dem Kommandanten der Festung stehen gesehen hatte, war er zunächst schier in Panik ausgebrochen, wohl weil er angenommen hatte, dass sie ebenfalls in die Hände seiner Feinde geraten war. Als er dann begriff, was vor sich ging, hatten seine Gesichtszüge Fassungslosigkeit und eine geradezu komische Verblüffung widergespiegelt. In keinem Augenblick seiner Befreiung aber war ein Ton über seine Lippen gekommen, und er hatte auch in all den Wochen danach kein Wort über seine Befreiung verloren.
An Bord des überfüllten genuesischen Seglers, der schon zum Auslaufen bereit gewesen war und dessen Kapitän sie für einen Wucherpreis mitgenommen hatte, hatte er nur einmal »Danke« zu ihr gesagt, ihr aber keine einzige Frage gestellt. Lea war immer noch leicht beleidigt, denn in der Folgezeit hatte Orlando sich wie ein eifersüchtiger Liebhaber aufgeführt und nicht wie ein Mann, den sie der Folter und dem Tod entrissen hatte. Die Anwesenheit der vier burgundischen Edelleute hatte ihn offensichtlich gestört, und er änderte seine Haltung auch nicht, als Lea ihm klar machte, dass sie ihn ohne ihre Freunde nie hätte befreien können. Auch später in Genua hatte er die vier übermütigen Burschen genauso wie in der Enge des Schiffes höflich, aber distanziert behandelt, ganz ohne die Herzlichkeit und die professionelle Leichtigkeit im Umgang mit anderen, die ihm früher zu Eigen gewesen war.
Sein Benehmen wurde noch abweisender, als Baramos-ta und seine Leute sich ihnen in Genua anschlossen. Der Kaufmann wollte Orlando nach Hamburg begleiten, um dort seine Schwester Leonora und seinen Schwager Manuel wiederzusehen. Da die jetzt mehr als zwanzig Personen umfassende Reisegruppe weder über Frankreich noch über den stürmischen Atlantik ins Reich gelangen konnte, musste sie einige Wochen in Genua warten, bis das Wetter sich so weit beruhigt hatte, dass sie den mühsamen und gefährlichen Weg nach Mailand und Lugano und weiter über die Alpenpässe antreten konnte.
Schon in der Stadt hatte Lea die Anwesenheit von Orlandos Verwandten als störend empfunden, und ihr war dann auch die schier unverwüstliche Fröhlichkeit de Poleurs und seiner Freunde auf die Nerven gegangen. Unterwegs aber begriff sie, dass die Anwesenheit so vieler Menschen sogar ihr Glück war, denn sie half ihr, eine
Wand zwischen sich und Orlando zu errichten, hinter der sie ihre in Unordnung geratenen Gefühle verbergen konnte.
Nach einer langen und unbequemen Reise, in der Lea den leichten Schritt ihrer Stute Cereza schmerzlich vermisst hatte, die bei dem überstürzten Aufbruch in Spanien hatte zurückbleiben müssen, war die Gruppe nun am Oberrhein angekommen, wo sich die vier Burgunder von ihr trennen wollten. Während Leas Blick nach Osten schweifte, wo der Gipfel des Blauen über die ihn umgebenden Berge aufragte, trat de Poleur auf sie zu. »Willst du uns nicht doch zu Heimberts Besitz begleiten, Leon?«
Lea schüttelte den Kopf. »Es geht nicht, Thibaut. Ich bin nun einmal nicht mein eigener Herr, und es wartet ein Auftrag auf mich, den ich längst hätte erfüllen müssen. Andernfalls wäre ich gerne mitgekommen.«
»Das ist schade«, antwortete Heimbert von Kandern an de Poleurs Stelle. »Ich hätte dir gerne meine Heimat gezeigt. So schön Flandern und Spanien auch sein mögen, mit dem Schwarzwald lassen sie sich doch nicht vergleichen. Nirgends anders kann man sich so wohl fühlen wie dort.«
De Poleur protestierte vehement, denn er ließ nichts auf seine Heimat Hainault kommen, und de la Massoulet und van Haalen beteiligten sich augenblicklich mit lebhaften Beschreibungen ihrer Heimatorte an dem kleinen Streitgespräch und versuchten, auch Lea mit einzubezie-hen. Sie hörte ihnen jedoch nur lächelnd zu.
Schließlich schlug Heimbert von Kandern mit der geballten Rechten in die linke Hand. »Wenn wir noch lange diskutieren, werden wir meines Vaters Burg heute nicht mehr erreichen. Also lasst uns aufbrechen.«
De Poleur nickte bedrückt und drehte sich zu Lea um. »Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder, Leon.«
»So Gott es will, wird es geschehen«, antwortete Lea diplomatisch.
Der junge Burgunder umarmte sie und hatte dabei Mühe, die Tränen zu unterdrücken. »Du bist der beste Freund, den ich je hatte, Leon. Danke für alles.«
Dann ließ er sie abrupt los und schwang sich in den Sattel des Pferdes, das er am Vortag in Basel mit einem kleinen Kredit Leas erworben hatte.
»Bis zum nächsten Mal, Leon!« Er schwenkte seinen Hut und gab dann dem Tier die Sporen. Seine drei Freunde winkten Lea ebenfalls ein letztes Mal zu und folgten ihm etwas weniger ungestüm.
Orlando blickte den vier jungen Männern mit unverhohlener Erleichterung nach. Ihre Gegenwart hatte immer wieder seine Eifersucht entfacht, auch wenn Lea sie eher wie jüngere Brüder behandelt hatte, die man nicht ganz ernst nehmen konnte. Mit ihm war sie jedoch nie so locker und fröhlich umgegangen, und das ärgerte ihn. Gleichzeitig bewunderte er sie, dass es ihr gelungen war, mehr als ein halbes Jahr ununterbrochen in einer Männergesellschaft zu leben, dabei ihr wahres Geschlecht vor so vielen neugierigen Blicken zu verbergen und gleichzeitig Aufgaben zu erledigen, an denen alle anderen einschließlich seiner eigenen Person gescheitert wären. Er sehnte sich danach, sie in die Arme zu nehmen, ihr zu sagen, dass er sie liebte und nie mehr loslassen wollte, doch die Gegenwart seiner Verwandten hinderte ihn daran.
Nachdem die burgundischen Edelleute sich verabschiedet hatten, rückte der Zeitpunkt näher, an dem auch Lea die Reisegruppe verlassen musste. Orlando hätte sie am liebsten bis Hartenburg begleitet und seinen Onkel und dessen Leute alleine Weiterreisen lassen. Baramosta hatte sich jedoch immer noch nicht von der Verfolgung und dem langen Eingesperrtsein im Kloster erholt; er war ängstlich und unbeholfen wie ein kleines Kind, und da es seinen Angehörigen kaum besser ging und keiner von ihnen der deutschen Sprache mächtig war, musste Orlando bei ihnen bleiben. Aus diesem Grund versuchte er Lea zu überreden, ihn zu begleiten.
»Bitte, Samuel, überleg es dir noch einmal. Ich wünsche mir nichts mehr, als dich mit nach Hamburg zu nehmen und dich meiner Mutter vorzustellen. Sie würde sich riesig freuen, den Lebensretter ihres Bruders und ihres Sohnes kennen zu lernen.«
Lea lachte hart auf. »Was die Rettung betrifft, Senor Cabeza de Pez, so sind wir jetzt quitt.«
Orlando hob beschwörend die Hände. »Nein, Samuel, das sind wir nicht. Du hast weitaus mehr für mich getan als ich für dich. Bei der Sache mit Holzinger war ich keinen Augenblick in Gefahr, während du monatelang unter dem Schatten des Todes gelebt und zuletzt noch Kopf und Kragen riskiert hast, um mich zu befreien, Bitte, tu mir ... Du machst so ein abwehrendes Gesicht? Nun, ich will dich nicht bedrängen oder dich zwingen, mit mir zu kommen. Sag mir nur, ob ich noch etwas für dich tun kann. Du bekommst jede Hilfe von mir, die du brauchst, und müsste ich den Teufel aus der Hölle holen.«
»Du kannst mir jetzt schon helfen. Sag mir, wie ich unauffällig an jüdische Kleidung kommen kann. Ich darf Hartenburg nicht in diesem Gewand betreten.« Leas Stimme klang so kühl, als wäre er ein beiläufiger Bekannter und nicht mit ihr durch mehr als ein gefährliches Abenteuer verbunden.
Orlando seufzte innerlich und fragte sich, ob er den Panzer, der Lea seit Spanien umgab, je würde durchbrechen können. Er war wirklich versucht, sie in die Arme zu reißen, ihr Gesicht mit Küssen zu bedecken und ihr zu sagen, dass sie die mutigste, schönste und beste Frau auf der ganzen Welt war. Ihn schauderte jedoch vor der Kälte, die sie ausströmte, und er war schon so weit, dass er sich über einen Ausbruch ihrer früheren Bissigkeit und Spottlust gefreut hätte.
»Mein Onkel Rodrigo würde sich ebenfalls freuen, wenn du uns begleiten würdest. Er hält sehr viel von dir und hat mich sogar gefragt, ob ich nicht den Vermittler machen könnte, denn er möchte dich als Schwiegersohn gewinnen.« Noch während Orlando die Worte aussprach, wusste er, dass er einen Fehler begangen hatte, denn mit dieser Bemerkung hatte er Lea erst recht einen Grund gegeben, seine Bitte abzulehnen. Sie warf den Kopf hoch, und ihre Miene wurde noch starrer. »Sage dem guten Baramosta, dass ich zwischen den Beinen ... - wie nanntest du es einmal? - etwas beschädigt bin und daher kein geeigneter Ehemann für seine Tochter wäre.«
Jetzt hat meine Dummheit den Graben zwischen uns noch tiefer aufgerissen, dachte Orlando bedrückt. Er sah, wie sie in die Richtung blickte, in die de Poleur und seine Freunde vor kurzem geritten waren. »Du bedauerst es wohl, dass unsere Begleiter uns verlassen haben?«
Lea zog eine Schulter hoch. »Bedauern? Nein. Sie waren angenehme Reisegefährten .«
»Im Gegensatz zu mir, willst du sagen.«
»Das kann man nicht vergleichen. Uns beide verbindet ein tieferes Gefühl, als ich es für de Poleur und die anderen je empfinden könnte.«
Orlando holte tief Luft. So ein Geständnis hatte er nicht erwartet. Zu seinem Leidwesen gab sie ihm jedoch keine Chance, einen weiteren Blick in ihr Inneres zu werfen, sondern klappte ihren Eispanzer wieder zu. »Wir sollten zum Schiff zurückkehren. Der Kapitän wird schon ungeduldig sein, und mich drängt es auch, nach Harten-burg zurückzukehren. Ich war schon viel zu lange weg, und meine Geschäfte schließen sich nicht von selbst ab.« Sie drehte ihm den Rücken zu und stieg den Hang hinab zum Rhein.
»Wenn ich dir Kleidung besorgen soll, werden wir einen Tag in Breisach bleiben müssen«, rief Orlando ihr nach, doch sie antwortete nicht mehr.
Seufzend folgte er ihr. Der Tag in Breisach würde ihre Meinung auch nicht mehr ändern, das spürte er deutlich. Er konnte es ihr auch nicht verdenken, dass sie nach Hause wollte, denn genau wie er hatte sie ihre Pflichten schon viel zu lange vernachlässigt. Vielleicht würde sie zugänglicher sein, wenn sie ihr gewohntes Leben wieder aufgenommen hatte. Er beschloss, in dem Moment, in dem er seinen Onkel und dessen Familie gut untergebracht hatte, Lea aufzusuchen und noch einmal zu versuchen, mit ihr zu reden, und wenn er so lange vor ihrer Tür sitzen bleiben musste, bis sie bereit war, ihm zuzuhören. Dann konnte er ihr endlich sagen, dass er ohne sie nicht mehr leben wollte.
Nach einem herzlichen Abschied von Baramosta und den Seinen und einem erheblich kühleren von Orlando verließ Lea das Schiff in der Nähe der Sarnmün-dung und folgte dem Fluss, ohne sich noch ein einziges Mal umzudrehen. Nach drei Leguas oder vielmehr zwei deutschen Meilen würde sie Sarningen erreichen. Je näher sie der Stadt kam, die ihr so viel Leid gebracht hatte, umso weniger hatte sie Lust, deren Mauern zu betreten. In der kastilischen Tracht, die sie immer noch trug, würde sie dort noch stärker auffallen als in Kaftan und Judenhut. Kurz vor Sarningen entschied sie sich, den Ort zu meiden, und bog von der Straße ab. Als sie nach einem beschwerlichen Weg wieder die Hauptstraße erreichte, drehte sie sich zu der Stadt um, von der jetzt nur noch die Mauerkrone und die Kirchtürme zu sehen waren, und sprach ein stummes Gebet für ihre Lieben, die sie dort verloren hatte. Dann musste sie kräftig ausschreiten, denn die nächste Herberge lag noch zwei Stunden Fußmarsch entfernt, und sie wollte nicht auf freiem Feld übernachten.
Der dichte Wald, der kurz hinter Sarningen begann und der sie auf jener unglückseligen Reise damals geängstigt hatte, bot ihr nun die Gelegenheit, sich von Leon de Saint Jacques in den Juden Samuel Goldstaub zurückzu-verwandeln. Die spanischen Kleider legte sie sorgfältig zusammen und stopfte sie in ihren Tragsack, denn sie wollte sie weder wegwerfen noch irgendwo zurücklassen, wo sie Aufsehen hätten erregen können. Sie würde sie zu Hause säubern und in ihre Kleidertruhe legen, denn es waren bittersüße Erinnerungen mit diesem Gewand verbunden.
Tief in ihren Kummer und in die Vorstellung verstrickt, ein Leben ohne Glück und ohne Liebe vor sich zu haben, verschwendete sie kaum einen Gedanken an die Tatsache, wie gefährdet ein allein reisender Jude in diesen Gegenden war. Es mochte jedoch an ihrer verschlossenen Miene liegen oder an ihrem festen, ausgreifenden Schritt, den sie sich in ihrer Rolle als Christ angewöhnt hatte, dass den Schimpfworten, die ihr hinterherflogen, weder Drohungen noch Handgreiflichkeiten folgten. Trotzdem fiel es ihr schwer, sich wieder damit abzufinden, dass ihr die Wirtsknechte beim Anblick ihres abgetragenen, fleckigen Kaftans und des aus der Form geratenen gelben Huts eine Abstellkammer oder eine schmutzige Ecke im Stall zuwiesen und ihr für teures Geld einen Napf schlechten Essens hinstellten. Zu ihrer Erleichterung verzichteten die Leute jedoch darauf, ihr Schweinefleisch vorzusetzen. Das half ihr ein wenig, sich wieder an das Leben zu gewöhnen, welches sie jahrelang geführt hatte, machte ihr aber auch klar, wie stark der Aufenthalt in Spanien sie verändert hatte. Es war keine Selbstverständlichkeit mehr für sie, eine demütige Haltung einzunehmen, und sie musste oft an sich halten, um nicht die von Unwissenheit und Dummheit strotzenden Bemerkungen einiger Leute mit scharfen Worten zurückzuweisen.
Als das Tal sich weitete und Hartenburg im hellen Sonnenschein vor ihr lag, wich ihre Trauer, und sie freute sich sogar, nach Hause zu kommen. Sie sog den Anblick der Stadt in sich auf und ließ ihren Blick über die rasch fließende Sarn gleiten, die die Mauern mit ihrer engen Schleife umschloss und sich dann durch grüne Wiesen und frisch geackerte Felder schlängelte, ehe sie zwischen Eichen und Tannen wieder in den Wald eintauchte. Sie blickte zum Rauchberg hoch, dessen Flanken mit dichtem Grün überzogen waren und von dessen Gipfel auch heute wieder jene Dunst- und Nebelschwaden aufstiegen, die ihm seinen Namen gegeben hatten.
Die Wächter am Sarntor grüßten Lea freundlich und ließen sie ohne Fragen passieren. Das rief in ihr das Gefühl hervor, endlich heimgekehrt zu sein, und so schritt sie wohlgemut durch die Gassen, ohne die neugierigen Blicke der Nachbarn und das Geflüster zu bemerken, welches ihren Weg begleitete. Das Tor zum Hof ihres Anwesens stand offen, und zu ihrer Überraschung stapelten dort zwei fremde Knechte Fässer unter einem neu errichteten Vordach. Obwohl sie nur einfache Kittel trugen, konnte Lea sehen, dass es sich um Männer ihres Volkes handelte.
»Friede sei mit euch«, grüßte sie sie verwundert.
Die Knechte musterten sie nicht weniger erstaunt. »Friede sei auch mit dir, Bruder. Wen dürfen wir dem Herrn melden?«
Lea wollte schon sagen, dass sie der Herr hier sei. Doch in dem Moment sah sie Eliesers Gesicht hinter einem Fenster auftauchen, und fast im gleichen Moment erschollen drinnen laute Stimmen. Zwei Männer und zwei kräftige Mägde kamen aus dem Haus gerannt und umringten sie. Zu ihrer Überraschung erkannte sie Ruben ben Makkabi und dessen Sohn Jiftach, die Frauen aber waren ihr ebenso fremd wie die beiden Knechte.
Ruben ben Makkabi grüßte sie nicht, sondern packte sie bei der Schulter und wollte sie aufs Haus zuschieben. »Herein mit dir, aber sofort!«
Lea schüttelte seine Hand ab und sah ihn empört an. »Was soll das?«
Statt einer Antwort packten die beiden Mägde sie und zerrten sie in den Vorraum. Unter der Tür zum Gäste-zimmer starrte Elieser ihr mit einem so angespannten Gesicht entgegen, als könnte sie sich jeden Moment in eine giftige Schlange verwandeln.
»Was hat das zu bedeuten, Elieser? Wo kommen all die Fremden her?«, fuhr Lea ihn an und versuchte, sich aus dem Griff der Mägde zu befreien, ohne ihnen wehzutun.
Elieser kniff die Lippen zusammen und sah Ruben ben Makkabi Hilfe suchend an. Der Augsburger Kaufmann baute sich vor Lea auf und maß sie mit einem vernichtenden Blick. »Elieser hat vor kurzem meine Hannah geheiratet und ist somit mein Schwiegersohn. Jetzt werde ich dafür sorgen, dass er auch Herr im eigenen Haus wird.«
Leas Blick irrte zwischen ihrem Bruder und Ben Mak-kabi hin und her, und es dauerte einen Augenblick, bis sie begriff, was der Mann da eben gesagt hatte. Ehe sie reagieren konnte, packten die beiden Mägde fester zu, schleiften sie mit Jiftachs Unterstützung die Treppe hinauf und stießen sie in das Zimmer ihres Vaters.
Hier erst ging Lea auf, wie ernst Ruben ben Makkabi seine Drohung meinte. Die Briefe, die sonst immer auf einem Bord auf sie gewartet hatten, lagen geöffnet in mehreren Stapeln auf dem Tisch, und die Truhe, die die Wertpapiere und die Geschäftsbücher enthielt, stand mit geöffnetem Deckel mitten im Raum. Kratzspuren an den eisernen Riegeln und den Schlössern der inneren Fächer zeigten ihr, dass jemand versucht hatte, die Sicherheitsvorrichtungen zu umgehen, um an den Inhalt zu kommen.
Elieser war ebenfalls mit nach oben gekommen und unter der Tür stehen geblieben. Mit einem heftigen Ruck löste Lea sich aus den Händen der Mägde und stemmte die Arme in die Hüften. »Darf ich endlich wissen, was hier gespielt wird?«
Auch jetzt antwortete Ruben ben Makkabi anstelle ihres Bruders. »Es ist an der Zeit, dich zu lehren, welcher Platz dir gebührt, Lea Jakobstochter. Die Zeit, in der du deine Geschwister ungestraft tyrannisieren konntest, ist vorbei!«
Lea zuckte zusammen wie unter einem Schlag. Ihr sorgsam gehütetes Geheimnis war aufgedeckt, und Elie-sers schuldbewusste Miene zeigte ihr, dass er sie verraten hatte. Er schien die in ihr aufwallende Wut zu spüren und hob die Hände, als müsse er sich vor einem Schlag schützen.
»Du bist so lange weggeblieben, dass wir angenommen haben, du seiest unterwegs verunglückt. Da wusste ich mir nicht anders zu helfen und habe mich an den Rabbi gewandt.«
Eliesers Stimme klang jämmerlich und verriet gleichzeitig, dass er log. Lea sah Gomer hinter ihm vorbeihuschen und für einen Moment mit einem verängstigten Gesicht in den Raum starren. Nun verstand sie ohne weitere Erklärungen, was passiert war. Ruben ben Makkabi hatte mit Hilfe des mitgebrachten Gesindes die Herrschaft über ihr Haus ergriffen und war nicht bereit, sie wieder herzugeben.
Das bestätigten die nächsten Worte des Rabbis. »Du wirst dieses anstößige Gewand auf der Stelle ablegen und dich kleiden, wie es einer Frau geziemt. Danach wirst du mir alles erklären, was in den Briefen steht, denn vieles ist so verschlüsselt, dass selbst ich es nicht entziffern kann, und natürlich wirst du mir auch die Truhe öffnen und mir deine Geschäftspapiere übergeben.«
Lea verschränkte die Arme. »Darauf kannst du lange warten!«
»Ich sehe schon, es steht genauso schlimm um dich, wie ich befürchtet habe. In deinem Körper, Lea, sitzt ein Dämon, der dich aufsässig macht, deinen Verstand ver-zerrt und deine Familie beinahe in den Untergang getrieben hätte. Dieser böse Geist war es, der Rachel zur Hure gemacht und Elieser seine Rechte geraubt hat, so dass der arme Junge wie ein kleines Kind im Haus festgehalten wurde und keine Talmudschule besuchen durfte, wie es sich für jeden frommen Aschkenasi geziemt. Aber keine Sorge, ich werde dir den Teufel austreiben und dich in ein gehorsames Weib verwandeln.«
Lea verstand nur eines: Rachel musste etwas zugestoßen sein.
»Was ist mit meiner Schwester?«
»Frag doch nicht so dumm. Du warst doch selbst dafür, dass sie die Mätresse des Markgrafen wird.« Eliesers Stimme zitterte so, dass er stotterte.
Diese Lüge verschlug Lea die Sprache, und ihr wurde so übel, dass sie glaubte, ihr Inneres wolle sich nach außen kehren. Sie sollte Rachel einem Mann in die Arme getrieben haben, für den eine Frau nicht mehr war als eine Öffnung, in der er seinen Geschlechtstrieb abreagieren konnte? Das war absurd. Seit dem Pogrom von Sarningen hasste Rachel Christen mehr als alles andere auf der Welt. Nie, niemals, davon war Lea fest überzeugt, hatte ihre Schwester sich diesem Mann freiwillig hingegeben. Sie konnte noch nicht einmal vermuten, was wirklich geschehen war, und sah auf einmal alle Ängste bestätigt, die sie seit langem gehegt hatte. Mehr als sonst bereute sie, Hartenburg damals, als der Markgraf seine ersten, unverschämten Forderungen gestellt hatte, nicht verlassen zu haben. Es wäre wirklich besser gewesen, sie hätten von den Almosen anderer Juden gelebt, als erfahren zu müssen, dass die arme Rachel durch den Markgrafen in Schande geraten war.
Ruben ben Makkabi schien Leas Schreckensstarre und ihre Ratlosigkeit für Unterwerfung unter das von ihm bestimmte Schicksal zu halten, denn er sprach eine kurze Beschwörungsformel und legte seine Hand auf Leas Stirn. »Weiche aus diesem Weib, Dämon, und gehe dorthin, wo du hingehörst.«
Lea schüttelte sich und trat zurück »Ich bin von keinem Dämon befallen. Den, fürchte ich, hat mein Bruder ins Haus gerufen!«
Als sie sich zu Elieser umdrehen wollte, war dieser verschwunden. Statt seiner kam Jiftach wieder ins Zimmer und warf den Tragsack, den Lea im Hof hatte fallen lassen müssen, in eine Ecke.
Ruben ben Makkabi brachte seine Augen dicht vor die ihren.
»Wirst du mir jetzt gehorchen und mir mitteilen, was ich wissen will?«
Lea wandte sich ab, verschränkte die Arme vor der Brust und antwortete ihm mit einem verächtlichen Auflachen. »Fahr zur Hölle!«
Eine der Mägde spreizte die Finger, als müsse sie sich gegen den bösen Blick schützen. Ruben ben Makkabi aber nickte nur, als sähe er sich bestätigt. »Nun, so werden wir dich mit Hunger gefügig machen müssen und so den Dämon in dir schwächen, damit meine Gebete ihn vertreiben können. Wenn du dann wieder du selbst bist, Weib, wirst du mit Jiftach unter den Traubaldachin treten. Dein Bruder und ich haben bereits den Heiratsvertrag ausgehandelt und unterschrieben.«
»Wie bitte? Ich soll Jiftach heiraten? Oh nein, das kannst du dir aus dem Kopf schlagen!«
Ruben ben Makkabi warf den Kopf hoch und murmelte eine weitere Beschwörungsformel. Dann wandte er sich an die beiden Mägde. »Bringt sie nach oben und sperrt sie in die Dachkammer. Passt aber auf, dass ihr das alte Gesinde nicht heimlich etwas zum Essen zusteckt.«
Ohne sie noch eines Blickes zu würdigen, verließ er den Raum. Jiftach blieb zurück und half auch jetzt den beiden Mägden, ihre Gefangene zu bändigen.
Lea war außer sich vor Wut und hätte nun jede Waffe benützt, um sich zu befreien. Doch ihr spanisches Schwert hatte sie bei Orlando zurückgelassen, und der Dolch steckte in ihrem Gepäck. Auch fiel es ihr immer noch schwer, Menschen ihres eigenen Glaubens wehzutun, und so besann sie sich zu spät auf die Tricks, die Orlando ihr beigebracht hatte. Als sie sich beinahe schon befreit hatte, packte Jiftach ihre Füße und verdrehte ihren Körper so schmerzhaft, dass sie sich die Treppe hochschleppen lassen musste wie ein Schaf, das geschachtet werden soll. Die drei warfen sie in einer Dachkammer zu Boden, rannten hinaus, als wäre der Teufel selbst hinter ihnen her, und schlossen die Tür von außen, ehe Lea sich aufgerichtet hatte. Sie hörte, wie der Riegel mit einem Ruck vorgeschoben wurde, und kam sich vor wie ein gefährliches wildes Tier, das man in einen Käfig gesteckt hatte.
»In der Kammer liegt ein Gewand, das einer Frau geziemt«, rief Jiftach noch ganz außer Atem durch die Tür. »Zieh dich um, Weib, sonst werden die Mägde dich dazu zwingen.«
Sollen sie doch kommen, dachte Lea wütend. Noch einmal würde sie sich nicht überraschen und wie ein Schlachttier behandeln lassen. Sie stand auf und sah sich nach etwas um, das sie als Waffe benutzen konnte. Doch außer einer dünnen Decke, die auf dem Boden zusammengefaltet lag und ihr wahrscheinlich als Lager dienen sollte, und ein paar ihr unbekannter Kleidungsstücke gab es keinen anderen Gegenstand im Zimmer, noch nicht einmal einen Krug mit Wasser oder einen Topf, in den sie ihre Notdurft verrichten konnte. Sie hob nacheinander das Leinenhemd, die Bluse, den Rock und die Schürze auf, die aus gutem Stoff gefertigt waren und zusammen die Tracht bildeten, die wohlhabende Jüdinnen in den großen Städten trugen, schleuderte sie in eine Ecke und setzte sich dann auf die Decke, um ihre innere Ruhe zurückzugewinnen und einen klaren Kopf zu bekommen.
Sie hatte sich auf alle möglichen Katastrophen vorbereitet, die von außen auf ihre Familie hätten niederstürzen können, doch sie hatte nicht damit gerechnet, in ihrem eigenen Haus Glaubensgenossen vorzufinden, die sie wie ein widerspenstiges Kind behandelten und kurzerhand einsperrten, Sie war sich nicht sicher, ob sie ohne Hilfe wieder aus diesem Loch herauskam, und überlegte, wem an ihrer Freiheit gelegen sein könnte. Rachel schied aus, nicht nur, weil sie nicht mehr im Haus wohnte, sondern weil Ruben ben Makkabi genau das tat, was sie sich immer gewünscht hatte, nämlich sie, Lea, auf den Platz zu verweisen, auf den sie in ihren Augen gehörte. Sarah wurde, wie sie einer Bemerkung hatte entnehmen können, von den anderen Mägden überwacht, also konnte sie nur hoffen, dass Jochanan und Ketura einen Weg fanden, sie zu befreien.
Darauf durfte sie sich jedoch nicht verlassen, denn Sarahs Kinder waren gewiss guten Willens, aber List war nicht ihre Stärke, und sie ließen sich viel zu leicht einschüchtern. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als sich selbst zu helfen. Ruben ben Makkabi würde alles tun, um ihren Willen zu brechen, und sie musste sich etwas einfallen lassen, wie sie ihn überlisten konnte. Aber ihr Kopf war wie leer gefegt. Lea empfand auf einmal das Lächerliche ihrer Situation und lachte bitter auf. Man hatte sie, die einen so mächtigen Mann wie den Herzog von Montoya übertölpeln hatte können, im eigenen Haus eingesperrt wie ein kleines Mädchen, das sich am Kuchen für den Sabbat vergriffen hatte.
Unwillkürlich musste sie daran denken, mit welch harschen Worten sie Orlandos Angebot, sie nach Hause zu begleiten, abgelehnt hatte. Jetzt sehnte sie sich nach seinem Zuspruch, selbst wenn er nur aus spöttischen Bemerkungen bestanden hätte. Eine Welle der Verzweiflung schwappte über sie hinweg, nahm all das Selbstbewuss-tsein mit sich, das sie in den letzten Jahren erworben hatte, und verwandelte sie in ein heulendes Bündel Elend.
Es war so still im Haus, als würde das Leben darin den Atem anhalten, aus Furcht vor dem, was die Zukunft barg. Ruben ben Makkabi hatte sich in das Zimmer zurückgezogen, das er seit seiner Ankunft bewohnte, und las noch einmal die Gebete, mit denen er den bösen Geist aus Lea austreiben wollte. Eine seiner beiden Mägde bewachte unterdessen die Dachkammer, in der man Lea eingesperrt hatte, während die andere Sarah und Gomer in der Küche beaufsichtigte. Ketura und Jochanan arbeiteten draußen auf dem Hof und bissen die Zähne zusammen, weil Ruben ben Makkabis Knechte sich als ihre Herren aufspielten und sie schikanierten.
Elieser empfand Leas Anwesenheit trotz der Tatsache, dass sie ihm nichts mehr anhaben konnte, wie einen Albtraum und hatte sich zu Hannah geflüchtet, die seit wenigen Tagen sein Weib war. Sie saß in ihrem Zimmer und strickte Strümpfe für ihn, damit sein beschädigtes Bein die Kälte des nächsten Winters nicht mehr so spüren sollte. Elieser sah sie bewundernd an. Eine bessere Frau hätte er nicht bekommen können, denn sie war gutwillig, ständig um ihn besorgt und in allen Dingen darauf bedacht, es ihm recht zu machen.
Noch immer war es ihm ein Rätsel, wie sie ihren widerstrebenden Vater trotz aller Sanftheit dazu gebracht hatte, ihnen die Heirat ohne einen Besuch der Talmudschule oder sonstige Vorbedingungen zu erlauben. Ihr Temperament im Bett und ihre Lust an der Liebe waren nicht mit Merabs Leidenschaft zu vergleichen, dafür aber vermittelte sie ihm das Gefühl, ein vollwertiger Mann zu sein, der seinem Weib alles geben konnte, was sie auf dem ehelichen Lager erwartete. Bei diesem Gedanken spürte Elieser, dass sich etwas an ihm regte. Nach all der Aufregung war er zwar nicht in der Stimmung für eine Balgerei im Bett, doch es mochte ihm helfen, Leas vorwurfsvolle Blicke zu vergessen. Aber gerade, als er Hannah bitten wollte, sich für ihn auszuziehen, klopfte jemand an die Tür.
»Kann ich hereinkommen?«, hörte er Jiftach fragen. Elieser wollte ihn schon wegschicken, aber dann sagte er sich, dass ein Gespräch mit seinem Schwager ihn ebenfalls für eine Weile ablenken würde.
»Tritt ein!« Er rückte beiseite, so dass sein Schwager neben ihm Platz nehmen konnte.
Jiftach wirkte verstört und fahrig. Er ließ sich mit seinem nicht unbeträchtlichen Gewicht auf die Bank plumpsen, starrte Elieser an wie ein Ertrinkender den rettenden Zweig und seufzte zum Gotterbarmen. »Ich habe mir das alles ganz anders vorgestellt. Warum kann Lea sich nicht in ihr Schicksal fügen, wie es einer frommen Frau geziemt? Stattdessen benimmt sie sich wie eine Rasende. Reagiert sie immer so aufbrausend und bösartig?
Dann möchte ich sie lieber nicht heiraten.«
Elieser erschrak. Wenn Jiftach sich weigerte, Lea zur Frau zu nehmen, würde sie im Haus bleiben und ihn bald wieder so beherrschen wie früher. Das musste er unter allen Umständen verhindern. Er holte tief Luft, setzte eine leicht belustigte Miene auf und winkte ab. »Nein, nein, früher war sie ganz anders, Sie ist nicht sie selbst, glaub mir. Aus ihr spricht der Dämon, aber den wird dein Vater bald austreiben. Du wirst sehen, bald frisst Lea dir aus der Hand und ist so sanft und nachgiebig wie meine Hannah.«
Hannah hörte ihren Namen und blickte von der Handarbeit auf. »Soll ich euch Wein bringen?«
Jiftach leckte sich die Lippen. Einen so guten Tropfen wie hier gab es zu Hause nicht. »Das wäre lieb von dir.«
Sie stand auf, ging zur Tür, blieb aber dort stehen und warf Elieser einen fragenden Blick zu. Als er nickte, verließ sie das Zimmer und kehrte mit einem vollen Zinnkrug und zwei Bechern zurück. Elieser nahm sie ihr ohne Dank aus den Händen und schenkte Jiftach ein.
»Hier, Schwager! Trinken wir auf deine baldige Heirat.«
Jiftach nahm den Becher und trank ihn in einem Zug leer. Besonders glücklich wirkte er dabei nicht. »Vater würde sich freuen, wenn Lea mein Weib würde. Aber ...« Er brach kurz ab und schüttelte den Kopf. »Als ich letztens Rachel gesehen habe, hoffte ich, Lea würde ihr gleichen. Aber sie wirkt hart und abstoßend, und ich fürchte, sie wird ein zänkisches Mannweib bleiben.«
Elieser lächelte, denn er musste daran denken, wie Jif-tach bei Rachels Anblick die Augen aus dem Kopf gequollen waren. Sie hatte ein durchscheinendes Kleid mit einem Dekollete getragen, das ihren Busen schamlos enthüllte, und auch sonst einen Anblick geboten, der selbst einen heiligen Mann in Versuchung geführt hätte. Mit ihr verglichen hatte Lea nichts Frauliches an sich, denn sie besaß harte Muskeln, wo weiches Fleisch hätte sein sollen, und ihr Busen war nicht größer als der Go-mers, die immer noch so zierlich wirkte wie ein Kind. Ein wenig bedauerte er Jiftach, der den Bund mit einem so wenig anziehenden Wesen eingehen sollte, doch wenn er sein eigener Herr werden wollte, musste er dafür sorgen, dass Lea Jiftachs Weib wurde und in einer weit entfernten Stadt lebte.
»Du kannst Lea ebenso wenig mit Rachel vergleichen wie eine Pflaume mit einem Pfirsich. Auf ihre Weise schmecken diese Früchte jedoch beide gut. Wenn Lea einmal unter dir liegt und sich ihr Schoß einladend öffnet, werden deine Zweifel verfliegen.« Elieser spürte, wie der Gedanke an das eheliche Beilager seines Schwagers sein Verlangen nach Hannah schürte, und machte eine unauffällige Geste, die ihr sagte, dass er heute noch nach ihr verlangen würde. Im Schein der untergehenden Sonne konnte er sehen, wie ihr Gesicht dunkler wurde und ihre Augen in Vorfreude aufleuchteten.
Jiftach schüttelte bedrückt den Kopf. »Ich fürchte, deine Schwester wird eine arg saure Pflaume sein.«
Elieser lächelte wie ein Mann im Bewusstsein reicher Erfahrung.
»Da irrst du dich gewaltig. Schließlich ist sie nur eine Frau, und Gott hat ihr Geschlecht mit dem Verlangen nach einem Mann erfüllt. Zeig ihr, wer der Herr ist, und vernachlässige niemals deine ehelichen Pflichten, dann hast du ein friedliches, gehorsames Weib.«
»Ich hoffe, du behältst Recht.« Jiftach versuchte, sich selbst Mut einzuflößen, und schenkte sich zu dem Zweck noch einen Becher mit Eliesers Wein voll. Doch als er wieder beginnen wollte, seine Befürchtungen bei Elieser abzuladen, kam eine der Mägde herein und bat sie zu Tisch. Ruben ben Makkabi hatte sich das Essen in seine Kammer bringen lassen, um sein Studium der Gebete nicht unterbrechen zu müssen, und so speisten Jiftach, Elieser und Hannah allein. Die beiden Männer hielten sich an die Regel, die zweideutige oder gar schmutzige Bemerkungen während der Mahlzeit verbot, und so verflachte das Gespräch.
Elieser hoffte, nach dem Essen mit Hannah alleine bleiben zu können, doch sein Schwager folgte ihm wie ein Hund und leerte den letzten Rest des Weins in seinen Becher. Während Elieser noch überlegte, wie er ihn wegschicken konnte, ohne ihn zu beleidigen, legte ihm Jiftach plötzlich die Hand auf den Arm und zog ihn zu sich heran. »Bist du dir sicher, dass Lea nur so hart ist, weil der Geist eines Mannes in ihren Körper gefahren ist? Meinst du wirklich, sie wird sich ändern, wenn der Dämon vertrieben ist?«
»Ja, ganz sicher! Das hat dein Vater doch schon gesagt«, beteuerte Elieser eindringlich.
»Dann weiß ich ein gutes Mittel, ihr zu helfen. Ein Gast meines Vaters hat von einer jungen Frau berichtet, die ebenfalls vom Geist eines Mannes besessen war. Sie war mit einem vortrefflichen jungen Mann verlobt, von dem sie jedoch nichts wissen wollte. Kam er in das Haus ihres Vaters, beschimpfte sie ihn und warf ihm sogar Teller an den Kopf. Alles Zureden half nichts, und die Gebete der Rabbis blieben ohne Wirkung. Da hat ein Fremder dem jungen Mann geraten, sich des Nachts zu seiner Braut zu schleichen und den Geschlechtsverkehr mit ihr zu vollziehen, auch wenn sie sich noch so sehr dagegen sträuben sollte. Der männliche Geist könne es nicht ertragen, hat der Mann gesagt, wenn ein anderer Mann den Körper in Besitz nimmt, in den er gefahren ist, und würde entfliehen, um der Sünde der Sodomie zu entgehen. Der Bräutigam befolgte den Rat, überwältigte das Mädchen und machte es zur Frau. Am nächsten Morgen war sein Gesicht zwar ein wenig zerkratzt, dafür aber hatte er das gehorsamste Weib gewonnen, das man sich denken kann.«
Für Jiftach war das eine ungewöhnlich lange Rede. Elieser sah ihm an, dass er lange darüber nachgedacht haben musste, wie er sie vortragen sollte. Sein nächster Blick galt Hannah, die bedrückt, aber auch ein wenig ratlos wirkte. Ihr behagte offensichtlich nicht, dass eine Frau zum Geschlechtsverkehr gezwungen worden war. Andererseits ging es um ihren Bruder, der schon so lange auf die eheliche Vereinigung mit Lea hatte warten müssen.
Auch jetzt konnte es noch Wochen und sogar Monate dauern, bis die Gebete ihres Vaters den Trotz des Mädchens gebrochen und den Geist aus ihr vertrieben haben würden.
Sie blickte auf und sah den fragenden Blick ihres Mannes auf sich ruhen. »Was meinst du dazu, Elieser? Wäre das tatsächlich ein Weg, deine Schwester aus der Gewalt des Dämons zu befreien?«
Elieser strich mit der Rechten nachdenklich über seinen schütteren Kinnbart und wiegte den Kopf. Eine Vergewaltigung war ohne Frage ein schlimmes Verbrechen. Andererseits hatten Ruben ben Makkabi und er die Ketuba unterzeichnet und damit die Hochzeit zwischen Jiftach und Lea festgeschrieben. Wenn er jetzt vor seiner Schwester kapitulierte, würde er sich ihr auf alle Zeiten unterwerfen müssen und nie den ihm zustehenden Platz als Oberhaupt der Familie einnehmen können. Er zwinkerte Hannah aufmunternd zu und legte nun seinerseits Jiftach die Hand auf den Arm. »Es wäre einen Versuch wert. Wenn der störrische Geist Lea verlassen hat, wird sie sich glücklich schätzen, deine Frau geworden zu sein.«
Hannah musste kichern. Sie hatte sich seit Jahren danach gesehnt, einen Bräutigam zu bekommen, der ihr die Jungfernschaft nehmen und sie zur Frau machen würde, und war mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Daher fiel es ihr leicht, sich vorzustellen, dass es einer geheilten Lea genauso gehen würde. Sie sah ihren Bruder in einem verklärten Licht und war fest davon überzeugt, dass sie, wenn Jiftach sein Vorhaben in die Tat umsetzte, Lea schon am nächsten Tag als ihre Schwägerin in die Arme schließen konnte. Daher nickte sie ihrem Bruder auffordernd zu.
»Geh zu deiner Braut und zeige ihr, was für ein Mann du bist.«
Elieser hatte so seine Zweifel, aber einerseits schien es der einzige Weg zu sein, Lea zu bändigen, und zum anderen sah er darin jetzt eine gute Gelegenheit, den störenden Schwager loszuwerden. Er stand auf, humpelte zu Tür und öffnete sie. »Nimm dein Glück selbst in die Hand und zeige Lea, dass du ihr Herr bist. Meine Gedanken und Gebete werden dich begleiten!«
Mit diesen Worten schob er seinen immer noch zögernden Schwager aus dem Zimmer. Beide übersahen dabei den Schatten, der draußen vorüberhuschte und hinter der angelehnten Tür eines anderen Zimmers verschwand.
Jiftach sog tief die Luft ein und starrte Elieser an, als wollte er sich noch einmal seiner Zustimmung versichern. »Gut, ich werde dem Weib da oben zeigen, dass sie mir zu Willen zu sein hat!«
Mit diesen Worten drehte er sich um und ging schnaufend zur Treppe. Als er sich noch einmal zu Hannahs Zimmertür wandte, hörte er, wie der Riegel vorgelegt wurde.
Diese Heimkehr war für Orlando noch bitterer als die letzte. Weder die Freude seiner Mutter, ihren Bruder und dessen Familie gesund und unversehrt vor sich zu sehen, noch das überschwängliche Lob seines Onkels vermochten seine trübe Stimmung zu heben. Er machte sich Vorwürfe, weil er Lea so einfach hatte gehen lassen, und war fest entschlossen, nach Hartenburg zu reisen und mit ihr zu reden. Vielleicht gelang es ihm dort, den Panzer zu durchdringen, hinter dem sie sich versteckte.
Am Abendbrottisch war er noch immer so stark in seinen Überlegungen eingesponnen, wie er Lea überzeugen und endlich für sich gewinnen konnte, dass er nicht zuhörte, wie sein Onkel über die Flucht aus Spanien berichtete. Baramosta erzählte nämlich, dass ihr Retter Leon de Saint Jacques nicht nur ihn und die Seinen, sondern auch Orlando befreit hatte.
Don Manuel fragte noch einmal nach und lief dabei rot an. Dann kniff er die Augenbrauen zusammen, warf seinem Sohn einen finsteren Blick zu und schlug mit der flachen Hand so heftig auf den Tisch, dass Teller und Näpfe hochsprangen. Jetzt erst sah Orlando auf und bemerkte, dass der Wutausbruch ihm galt. Ehe er etwas sagen konnte, schrie sein Vater ihn an.
»Du hast also meinen ausdrücklichen Befehl missachtet und bist nach Spanien gefahren. Das wird Folgen für dich haben. Ich ...«
Dona Leonora legte ihrem Mann die Hand auf den Arm und sah ihn bittend an. Don Manuel brummte etwas in den Bart und lehnte sich zurück. »Wir werden hinterher darüber reden, mein Sohn, unter vier Augen!«
»Bitte, Manuel, sei nicht zu streng mit unserem Jungen. Es hat sich doch alles zum Guten gewendet.«
Don Manuel schob das Kinn vor, und sein Bart zitterte vor Erregung. »Aber nicht durch seinen Verdienst! Dein Sohn ist nicht nur ungehorsam, Weib, sondern handelt auch immer wieder so unverantwortlich wie ein kleines Kind. Das werde ich ihm ein für allemal austreiben.«
Obwohl sich sein Schwager ebenfalls für Orlando verwandte, blieb Don Manuel bei seinem Standpunkt. Er wartete gerade so lange, bis seine Gäste sich satt gegessen hatten, befahl dann Orlando, ihm zu folgen, und ließ sich von Alisio in sein Zimmer führen. Er hatte sich noch nicht gesetzt, da ergoss sich sein Zorn über seinen Sohn. »Ich hatte dich schon letztens gewarnt, mit diesen unsäglichen Abenteuern aufzuhören. Doch anscheinend bist du auf diesem Ohr taub. Deswegen wirst du dieses Haus nicht eher verlassen, als bis du ein verheirateter Mann bist, und du wirst mir einen Eid leisten, dich nie mehr auf ein so gefährliches Vorhaben einzulassen.«
»Auf was soll ich denn schwören, auf das Kreuz oder den Talmud?«
Sein Vater verzog sein Gesicht zu einer Miene des Ab-scheus.
»Sarkasmus steht dir nicht, mein Sohn. Du wirst mir dein Wort geben und es diesmal nicht mehr brechen. Und was deine Braut betrifft, so überlasse ich dir sogar eine gewisse Auswahl. Wie wäre es mit Baramostas Tochter Bianca? Schließlich hast du sie selbst ins Haus gebracht.«
Der Tonfall seines Vaters zeigte Orlando, wie ernst es Don Manuel war. Ich hätte mit Lea reden sollen, dachte er verzweifelt. Sie hätte ich sofort geheiratet. Doch jetzt war es zu spät. Sein Vater würde ihn nicht mehr nach
Hartenburg reisen lassen, und Lea einen Boten zu senden, dafür fehlte ihm der Mut. Wie er sie kannte, würde sie dem Mann doch nur zornig die Tür weisen.
»Was ist? Gefällt dir Bianca?«, fragte Don Manuel ungeduldig. Orlando lachte bitter auf. Ausgerechnet seine Kusine sollte er heiraten, für die ein gewisser Leon de Saint Jacques beinahe ein Gott war? Nähme er sie zur Frau, würde Leas Schatten ihn bis an sein Lebensende verfolgen.
Don Manuel sah ihn missbilligend an. »Ich finde deine Situation nicht zum Lachen, mein Sohn. Doch wenn du Bianca nicht magst, musst du sie nicht nehmen. Wie wäre es dann mit Lorrestas Tochter Marita? Sie hat viel für dich übrig, und ich könnte beide zu uns einladen.«
Marita Lorresta würde ihm zwar nie sagen, dass ein anderer und noch dazu in Wirklichkeit gar nicht existierender Mann in allen Dingen besser war als er, wie Bianca es sicher tun würde, dafür aber mit ihrer Geschwätzigkeit innerhalb eines Monats den Wunsch in ihm hervorrufen, sie zu erwürgen. Orlando schauderte bei dem Gedanken, mit ihr verheiratet zu sein.
»Sie gefällt dir also auch nicht. Dann wirst du eben eine der einheimischen Flachsköpfe heimführen. Ich werde dir Imma Barkmann zur Frau geben. Du kannst dich vielleicht noch an die Tochter eines meiner hiesigen Geschäftspartner erinnern.«
Mutter wird mir nie verzeihen, wenn ich ein christliches Mädchen heirate, fuhr es Orlando durch den Kopf. Außer einer Jüdin würde Leonora höchstens eine Annussi akzeptieren, eine Converso, die zum christlichen Glauben gezwungen worden und willens war, die jüdischen Traditionen in der Familie an die nächste Generation weiterzugeben.
Orlando hob in hilfloser Verzweiflung die Hände.
Wenn er seinen Vater zu sehr aufregte, wäre das sein Tod. Aber er konnte Lea nicht einfach aus seinem Herzen reißen. »Bitte, Vater, lass mir Zeit, mich zu entscheiden.«
»Nun gut. Zeit kannst du haben. Du gehst jetzt auf dein Zimmer und wirst es erst wieder verlassen, wenn du dich für eines der drei Mädchen entschieden hast.«
Orlando hätte seinem Vater am liebsten gesagt, dass er darauf lange würde warten müssen, aber Don Manuels Miene ließ keinen Zweifel aufkommen, dass es nur noch nach seinem Willen zu gehen hatte.
Schwere Schritte auf der Treppe rissen Lea aus ihren quälenden Gedanken.
»Du kannst zu Bett gehen, Abischag. Ich übernehme jetzt die Wache«, hörte sie Jiftach draußen sagen.
Kurz darauf verrieten ihr knarzende Geräusche, dass jemand versuchte, die Stufen leise hinunterzugehen. Noch dachte sie sich nichts dabei und wollte schon wieder in das Meer aus Selbstvorwürfen und unausgegorenen Plänen in ihrem Inneren eintauchen, als der Riegel zurückgeschoben wurde. Das spärliche Mondlicht, das durch das handgroße Dachfenster hereinfiel, reichte nicht aus, um etwas erkennen zu können. Der Schritt und der schwere Atem verrieten Lea jedoch, dass es sich bei dem Eindringling um Jiftach handeln musste. Sie spürte, wie sich ihre Haare auf den Armen vor Wut sträubten, doch sie rührte sich nicht.
Jiftach blieb stehen, blinzelte in die Dunkelheit und ärgerte sich, weil er vergessen hatte, eine Lampe mitzubringen. Jetzt würde er sein Vorhaben bei Dunkelheit durchführen müssen. Vielleicht war es auch besser so, fuhr es ihm durch den Kopf, denn er wollte gar nicht wissen, ob Leas Gestalt seinen Vorstellungen entsprach oder nicht, denn sein Vater hatte sich diese Heirat in den Kopf gesetzt und würde ihm keine andere Braut suchen. So schloss er die Tür hinter sich und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Höre mir gut zu, Lea. Ich habe ein Mittel gefunden, wie ich dir den Dämon austreiben kann. Es wird dir vielleicht ein wenig wehtun, doch morgen früh wirst du mir für meine Hilfe danken.«
Lea begriff nicht, was er wollte. »Wie oft soll ich euch noch erklären, dass ich nicht besessen bin? Verschwinde und lass mich in Ruhe!«
Er stieß ein beinahe kindhaftes Kichern aus und drehte sich in die Richtung, aus der ihre Stimme gekommen war. »Oh nein, das werde ich nicht tun. Heute Nacht, meine Liebe, werde ich dich zu meinem Weib machen.«
Lea sprang auf, als hätte man ihr einen Peitschenhieb übergezogen. Jiftachs Stimme klang angetrunken, und in dem Zustand waren Männer am gefährlichsten, denn sie waren noch im Vollbesitz ihrer Kräfte, hatten aber schon ihre Hemmungen verloren. Lea glaubte nicht, dass es Sinn hatte, um Hilfe zu rufen, denn sie war sich sicher, dass Jiftach mit dem Wissen seines Vaters zu ihr gekommen war. Wie es aussah, wollte Ruben ben Makkabi sich die Macht über ihre Familie mit einer Vergewaltigung sichern.
Heißer Zorn wallte in ihr auf. Sie hatte jahrelang unter Männern gelebt und war nie in Gefahr zu geraten, ihre Jungfernschaft zu verlieren, und jetzt kam da so ein Tölpel wie Jiftach daher und wollte ihr Gewalt antun. Vorhin war sie zu schockiert gewesen, um die Verteidigungstricks, die Orlando sie gelehrt hatte, wirkungsvoll anzuwenden. Jetzt war es, als flösse das Wissen um die eigene Stärke wie rote Glut durch ihre Adern. Sie atmete tief durch, hörte Jiftach näher kommen und machte sich bereit, ihn abzuwehren.
Im Vollgefühl seiner männlichen Überlegenheit streckte der junge Mann die Hände aus, um nach Lea zu greifen, streifte etwas Warmes, Weiches und wurde dann schmerzlich überrascht. Zwei Schläge trieben seine Arme hoch und ein weiterer traf mit beträchtlicher Wucht jene Stelle zwischen seinen Beinen, an der es einem Mann besonders wehtut. Stöhnend brach er in die Knie und schnappte nach Luft. Sein ganzes Empfinden bestand nur noch aus Schmerz, aber er bekam nicht genug Luft, um zu schreien. Sein Gesicht streifte etwas, das sich wie ein Frauenkörper anfühlte, dann schien sein Schädel unter einem weiteren Hieb zu platzen, und er fiel in ein tiefes, schwarzes Loch.
Als Jiftachs Jammern verstummte und er wie ein prall gefüllter Sack auf den Boden aufschlug, schüttelte Lea sich vor Schreck und Erleichterung, auch wenn ihre Hände sich anfühlten, als hätte sie auf einen Baumstamm eingedroschen. Für einen Augenblick blieb sie regungslos stehen und horchte, ob sich im Haus etwas rührte. Da alles still blieb, atmete sie erleichtert auf und schlich auf Zehenspitzen zur Tür. Wie es aussah, konnte es ihr jetzt gelingen, heimlich das Haus zu verlassen. Aber als sie die Klinke berührte, verriet ihr das Knarren der Treppenstufen, dass sich jemand der Dachkammer näherte. Sie drückte sich neben die Tür und ballte die Fäuste. Noch einmal würde sie sich nicht einfangen lassen, schwor sie sich. In dem Moment fiel Licht in die Kammer und blendete sie. Durch die tanzenden Flammen vor ihren Augen sah sie Sarah in der Öffnung stehen, in der einen Hand die Lampe und in der anderen einen Schürhaken. Erleichtert trat Lea ins Helle.
Sarah deutete auf den regungslosen Jiftach und zeigte grinsend ihre Zahnlücken. »Ich habe zufällig gehört, wie Jiftach davon sprach, dir Gewalt antun zu wollen, und bin gekommen, um dir beizustehen. Aber wie es aussieht, bist du auch so mit ihm fertig geworden.«
Ihre Stimme klang bewundernd, aber auch ein wenig unsicher, denn sie wusste nicht, was sie von einer jungen Frau halten sollte, die einen kräftigen Mann wie Jiftach mit blanken Händen niederschlagen konnte.
Lea ging nicht auf sie ein, sondern packte das Hemd, das man ihr hingelegt hatte, riss einen Teil davon ab und steckte es Jiftach als Knebel in den Mund. »Ich brauche Zeit zur Flucht. Hilf mir, den Kerl zu fesseln, damit er nicht das ganze Haus aufwecken kann, wenn er wieder zu sich kommt.«
Sarah schien die Wendung, die das Schicksal genommen hatte, nicht begreifen zu können, denn sie blieb wie erstarrt stehen und blickte ihre Herrin mit offenem Mund an. Lea kümmerte sich nicht um sie, sondern benutzte die restlichen Teile des Gewands, um Jiftach Hände und Füße zu fesseln und ihn an einen der Pfosten zu binden, die den Dachstuhl trugen.
Es ging so schnell, dass Sarah erst zum Luftholen kam, als Lea schon fertig war. Die alte Frau senkte die Lampe und leuchtete Jiftach, der langsam aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte, ins Gesicht. »Das wird dich in Zukunft lehren, einer unschuldigen Jungfrau Gewalt antun zu wollen.«
Lea prüfte Jiftachs Fesseln und wandte sich dann mit einem zufriedenen Auflachen zur Tür.
»Wer schläft in meinem Zimmer?«, fragte sie Sarah und nahm ihr den Schürhaken aus der Hand, der eine durchaus wirkungsvolle Waffe darstellte.
Die alte Frau winkte ab. »Niemand. Ruben ben Mak-kabi hat entschieden, dass es das Zimmer des Hausherrn sei, in dem nur Elieser schlafen dürfe. Dein Bruder aber zieht sein altes Zimmer vor, weil es dort wärmer ist.«
»Das ist gut.« Lea lauschte, ob sich etwas im Haus rührte, verließ dann vorsichtig die Dachkammer und schlich zu ihrem Zimmer. Als sie die Klinke hinunterdrückte, fand sie die Tür zu ihrer Erleichterung nicht abgeschlossen. Sie schlüpfte in den Raum, zündete eine der Kerzen an und sah sich um. Die Geschäftsbriefe lagen noch dort, wo sie sie am Nachmittag gesehen hatte, und die Schlüssel zu den Geheimfächern in der Truhe hatte ebenfalls niemand weggeräumt. So viel Leichtsinn angesichts des fremden Gesindes im Haus ärgerte Lea, denn so hätte jeder im Haus an den Schlössern herumspielen und den Inhalt des Kastens vernichten können.
Mit einem Mal überwog ihre Neugier die Vorsicht. Sie überflog die Briefe und steckte diejenigen ein, die ihr wichtig erschienen. Sie würde die Schreiben später noch einmal genauer lesen müssen, doch schon der erste Blick hatte ihr verraten, dass sie nun genug Geld besessen hätte, um sich in einer jener Reichsstädte, die Juden gewogen waren, als reicher Kaufmann ansiedeln zu können. Diese Möglichkeit hatten Ruben ben Makkabi und ihr Bruder, der den Augsburger Händler in ihre Geheimnisse eingeweiht hatte, nun genommen.
Lea hatte sich so von ihren Geschäften ablenken lassen, dass sie nicht merkte, wie die Tür hinter ihr aufging. Als Sarahs Stimme neben ihr erklang, zuckte sie zusammen und griff nach dem Schürhaken, ließ ihn jedoch sogleich wieder los. Sarah hob flehend die Hände, aber ihre Stimme war so zittrig und leise, dass Lea sie kaum verstand. »Nimmst du Jochanan, Ketura und mich mit, wenn du gehst? Wir können hier nicht länger bleiben.«
Lea sah Sarah an, wie schwer es ihr fiel, diese Bitte zu äußern. Hier in diesem Haus hatte sie ihren Mann Ger-schom kennen gelernt und ihre Kinder geboren, und es war ihr immer als ein sicherer Hort in einer feindseligen Welt erschienen. Doch man hatte ihr, wie sie nun berichtete, die Schlüsselgewalt genommen und die Arbeiten einer niederen Magd zugewiesen. Nur der Respekt vor ihrem Alter hatte die neuen Dienstboten bisher daran gehindert, sie genauso herumzustoßen wie ihre Kinder oder Gomer. Da Lea nicht sogleich antwortete, brach Sarah in Tränen aus. »Bitte Lea, lass uns nicht hier zurück!«
Lea war gerade dabei, die große Truhe zu öffnen, und war sich gar nicht bewusst, auf Sarahs Frage nur in Gedanken geantwortet zu haben. »Natürlich nehme ich euch mit. Packt ganz leise Zusammen, so dass die anderen nicht aufwachen.«
»Wir werden so lautlos sein wie eine Spinne an der Wand«, versprach Sarah und verschwand erstaunlich leise.
Bis jetzt hatte Leas ganzes Sinnen und Trachten sich nur darauf konzentriert, Ruben Ben Makkabi und einer aufgezwungenen Heirat zu entkommen. Jetzt aber wurde ihr bewusst, dass sie weiterdenken musste. In diesen Stunden hatte sie ihre Heimat verloren, und das noch nicht einmal, wie sie immer gefürchtet hatte, durch eine Laune des Markgrafen. Nein, ihr eigener Bruder und ein Mann ihres eigenen Volkes hatten sie ihr genommen. Ru-ben ben Makkabi war gewiss überzeugt, recht zu handeln, doch er berücksichtigte dabei nicht, was sie für ihre Geschwister getan hatte. Mit seinem Eingreifen hatte er alles zerstört, was sie sich mühsam aufgebaut hatte, und erwartete überdies noch, dass sie sich seinem Willen beugte. Aber das würde sie niemals tun.
Um überleben und wenigstens ihrer treuen Sarah und deren Kindern Schutz bieten zu können, brauchte sie Geld. Sie nahm das Säckchen mit dem letzten Flussgold aus der Truhe, stellte die geprägten Hartenburger Zwölfergulden daneben, die sie als eiserne Reserve zurückbehalten hatte, und griff nach ihren Geschäftspapieren. Als sie sie in der Hand hielt, wurde ihr klar, dass die meisten für sie nun wertlos waren, denn Ruben ben Makkabi hatte bestimmt schon denjenigen ihrer jüdischen Geschäftspartner, mit denen auch er Handelsbeziehungen unterhielt, mitgeteilt, dass Elieser ben Jakob das neue Haupt der Familie war und die Geschäfte führte.
Wenn sie sich an diese Leute wandte und ihr Geld einforderte, würde man sie abweisen und im schlimmsten Fall sogar festhalten, um sie Ruben ben Makkabi zu übergeben. Sie konnte nur noch über jene Summen verfügen, von denen ihr Bruder und sein Schwiegervater nichts wussten, wie die Einzahlungen, die Orlando für sie bei der Banco San Giorgio in Genua getätigt hatte und ihre Einlagen bei Eelsmeer und Deventer in Antwerpen, auf die auch der Gewinn aus dem flandrischen Weinmonopol floss.
Lea sortierte die für sie wertlosen Papiere aus und legte sie in die Truhe zurück. Für einen Augenblick überlegte sie, ob sie nicht wenigstens versuchen sollte, an das Geld zu kommen, das sie bei Zofar ben Naftali in Worms stehen hatte, gab aber den Gedanken sofort wieder auf. Als einer der wichtigsten Bankiers der Juden im Reich war Zofar gewiss als Erster von Ruben ben Makkabi informiert worden, auch durfte sie keine Spuren hinterlassen, die ihre Verwandten zu ihr führen konnten. Dank ihrer jahrelangen Arbeit würde Elieser nun mehr als das Doppelte von dem Kapital besitzen, das sie von ihrem Vater übernommen hatte. Lea besänftigte die in ihr aufsteigende Wut jedoch schnell wieder, denn trotz allem war Elieser ihr Bruder und hatte ein Anrecht auf das Erbe, und Rachel musste ja auch noch versorgt werden. Ihr selbst blieb noch genug, um irgendwo neu anfangen zu können.
Mit diesem beruhigenden Gedanken packte sie das Geld und die Unterlagen ein und wandte sich zur Tür, gerade als Sarah, Ketura und Jochanan ins Zimmer quollen. Die drei sahen aus, als würden ihre Herzen vor Worten überlaufen, doch hier im Haus mussten sie stumm bleiben, um niemand auf ihre Flucht aufmerksam zu machen. Lea reichte Jochanan das Paket mit dem Flussgold, Ketura einen Teil der geprägten Münzen und lud den Rest sich selbst auf. Als sie einen letzten Blick in das
Zimmer warf, das sechs Jahre lang ihr Refugium gewesen war, fiel ihr Blick auf ihren Reisesack, der unter anderem die kastilische Männertracht enthielt, die noch aus Orlandos Vorrat an Verkleidungen stammte. Wenn sie ihre Spuren gründlich verwischen wollte, durfte sie nicht als Samuel Goldstaub reisen, sondern musste sich außerhalb von Hartenburg wieder in Leon de Saint Jacques verwandeln.
Auf dem Hof wartete Gomer auf sie. Die junge Magd zitterte vor Angst, doch sie ergriff Leas Hand und küsste sie. »Ich bleibe bei dir, Herrin, ganz gleich, wohin du gehst.«
»Das tun wir alle«, antwortete Sarah an Leas Stelle und stellte dann die Frage, die Lea sich noch nicht beantwortet hatte. »Wohin wenden wir uns?«
Lea hörte die Turmuhr Mitternacht schlagen und winkte ihre Schützlinge mit ungeduldigen Gesten zur Hoftür hinaus.
»Erst einmal müssen wir Hartenburg verlassen«, erklärte sie, während sie sie durch die vom Mondlicht nur sehr spärlich erhellten Gassen zum Straßburger Tor führte. Jochanan griff nach Leas Ärmel. »Sobald man unsere Flucht bemerkt, wird Elieser zu Rachel laufen, und die wird den Markgrafen dazu bringen, uns verfolgen zu lassen.«
Lea klopfte ihm beruhigend auf die Schulter. »Hartenburg ist nur ein Staubkorn im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Seine nächste Grenze liegt keine zwei Stunden Weges von hier, und weiter wird man uns nicht folgen.«
»Dafür müssten wir um die Stadt herum und über die Berge gehen. Auf der Handelsstraße erreichen wir die Grenze nicht vor morgen Nacht, und die Reiter des Markgrafen sind schnell.«
»Ich hoffe, sie suchen uns auf der Handelsstraße. Wir aber werden genau das tun, was du eben gesagt hast, und lange vor dem Morgengrauen außer Reichweite sein. Jetzt aber schweigt und beeilt euch.«
Als sie das geschlossene Tor erreichten, stöhnte Jochanan auf, als hätte man ihn geschlagen. »Ich habe gar nicht daran gedacht, dass wir ja warten müssen, bis die Stadttore am Morgen geöffnet werden. Jetzt ist alles aus! Wir werden niemals entkommen.«
Lea ging an ihm vorbei zum Haus des Türmers und klopfte laut an die Tür.
»Was machst du da, Mädchen?«, rief Sarah erschrocken. Im selben Augenblick wurde im Obergeschoss ein Fenster geöffnet. Der Türmer steckte den Kopf heraus und leuchtete missmutig die kleine Gruppe an.
»Was soll denn das, ihr Judenschweine? Macht, dass ihr verschwindet.«
Vor ihrem Aufenthalt in Spanien hätte Lea den Kopf eingezogen und wäre davongelaufen, in der Hoffnung, sich bis zum Morgen irgendwo verstecken zu können. Jetzt aber verschränkte sie die Arme vor der Brust und warf dem Mann einen spöttischen Blick zu.
»Wenn du uns nicht aufmachst, werde ich Seine Durchlaucht, den Markgrafen, wecken lassen und ihm sagen müssen, dass ich seinen Auftrag nicht erfüllen kann. Dann erhältst du eine Tracht Prügel, die dich lehren wird, das nächste Mal gefälliger zu sein.«
»Warum sagst du nicht gleich, dass du im Auftrag unseres markgräflichen Hurenbocks kommst?« Der Türmer schnaubte ärgerlich und zog seinen Kopf zurück.
Wenig später kam er im Nachthemd aus dem Haus und schloss die kleine Pforte auf, die dazu diente, einzelne Leute passieren zu lassen, ohne dass man gleich das ganze Tor öffnen musste. Eine Münze wechselte ihren Besitzer, dann standen Lea und ihre Begleiter im Freien.
Als sie in die Nacht hineinwanderten, schenkte Lea im Gegensatz zu ihren Schützlingen Hartenburg keinen Blick mehr, sondern konzentrierte sich darauf, in der spärlichen Helligkeit die schlimmsten Schlaglöcher zu umgehen und trotzdem so schnell wie möglich aus der Sichtweite der Stadt zu kommen. Als das erste Waldstück hinter ihnen lag, bogen sie auf einen Pfad ab, der sich zwischen den Wiesen und Feldern auf die Berge zuschlängelte. Lea sah mehrfach sorgenvoll zu den Wolkenfetzen hoch, die an der zu zwei Dritteln sichtbaren Mondscheibe vorbeizogen, denn wenn der Himmel sich zuzog, würden sie rasten müssen. Zu ihrem Glück blieb es weiterhin klar, auch wenn die Gruppe nicht so schnell vorankam, wie es allen lieb gewesen wäre. Mit jeder Stunde aber, die sie dahint-rotteten, stieg die Hoffnung, dass sie unentdeckt entkommen konnten.
Zunächst war keinem der fünf Reisegefährten zum Reden zumute, denn der holprige Untergrund erforderte alle Aufmerksamkeit, und der Schock, den die Ereignisse des letzten Tages in ihnen allen ausgelöst hatte, wirkte noch nach. Lea quälte sich mit Gewissensbissen. Sechs Jahre lang hatte sie gerackert und gekämpft, um ihren Geschwistern die Heimat zu erhalten, und jetzt kam sie sich wie eine Verräterin vor, weil sie Elieser und Rachel einfach zurückließ. Nach einer Weile hielt sie das Schweigen nicht mehr aus und versuchte, Sarah ihre Sorgen anzuvertrauen.
»Ich fühle mich so schlecht, denn ich laufe einfach mit den Taschen voller Gold davon, während die arme Rachel sich in der Gewalt des Markgrafen befindet, der sie gezwungen hat, seine Hure zu werden. Am liebsten würde ich umkehren und versuchen, ihr auch zur Flucht zu verhelfen ...«
Sarah stieß ein meckerndes Lachen aus. »Gezwungen?
Wer hat dir denn das gesagt? Wahrscheinlich dein feiner Bruder, für den die Wahrheit nur zählt, wenn sie ihm nützt. Nein, Lea, vergiss Rachel. Sie war es, die dem Markgrafen aufgelauert und sich ihm an den Hals geworfen hat, um so schnell wie möglich in sein Bett springen zu können.«
Lea hob abwehrend die Hand. »Das glaube ich nicht. Seit Sarningen hat sie die Christen aus tiefster Seele gehasst.«
»Die markgräfliche Gunst war ihr wichtig genug, all das zu vergessen. Und bedauere sie ja nicht! Sie hat unseren Landesherrn aus eigenem Antrieb dazu gebracht, deine Privilegien auf Elieser zu überschreiben, und ihm auf Ruben ben Makkabis Wunsch die Erlaubnis abgebettelt, weitere Juden in Hartenburg ansiedeln zu dürfen. Du warst zu oft und zu lange auf Reisen und kennst deine Schwester daher nicht so gut wie ich. Ich weiß, dass sie seit Jahren auf eine Gelegenheit gelauert hat, dich loszuwerden und Elieser zum Herrn des Hauses zu machen. Und auch sie hätte Jiftach nicht davon abgehalten, dich zu vergewaltigen.«
»Was hat Jiftach getan?«, fragte Jochanan ebenso erschrocken wie wütend.
Lea zuckte mit den Schultern, obwohl Jochanan die Geste ja gar nicht sehen konnte. »Er hat versucht, mir Gewalt anzutun, und sich als Paket an einem Tragbalken gefesselt wiedergefunden.«
»Ich wollte Lea beistehen, doch es war nicht mehr nötig«, setzte Sarah immer noch erstaunt hinzu.
Sie schloss zu Lea auf und legte ihr die Hand auf die Schulter.
»Trauere nicht zu sehr um deine Geschwister. Sie ruhen jetzt in den Betten, die sie sich selbst bereitet haben. Elieser ist auch nicht besser als Rachel, denn er hat Ruben ben Makkabi schon im letzten Herbst zu sich eingeladen, kaum dass du das Haus verlassen hattest. Jochanan musste seinen Brief nach Straßburg zu Rabbi Rubens Geschäftsfreunden bringen, die ihn weitergeleitet haben. Dein Bruder hat schon lange nach einem Weg gesucht, dich von deinem Platz zu verdrängen, ohne dafür einen Finger rühren zu müssen. Heute Abend hat er Jiftach noch Glück gewünscht, als dieser zu dir hochging.«
Lea wollte Sarah zuerst nicht glauben, aber nun redeten alle auf sie ein, und sogar die sonst so stille Gomer tat alles, um Lea die Augen zu öffnen. Vieles von dem, das die vier vorzutragen hatten, war Lea durchaus bewusst, doch bisher hatte sie alles Unangenehme im Verhalten ihrer Geschwister darauf geschoben, dass sie noch halbe Kinder waren. Nun aber wurde ihr schmerzhaft klar, dass sie als Erzieherin völlig versagt hatte und ihr wirklich nichts anderes übrig blieb, als die beiden ihrem Schicksal zu überlassen. Sie konnte nur hoffen, dass es Ruben ben Makkabi gelang, ihre Geschwister zu beschützen, und schickte ein stilles Gebet zum Himmel.
Sarah humpelte eine Weile neben der verbissen schweigenden Lea her und räusperte sich dann ein paarmal, und als ihre Herrin immer noch nicht reagierte, hielt sie sie kurzerhand fest. »Bitte Lea, willst du uns nicht sagen, wohin du uns bringen willst?«
»Ich weiß es noch nicht. Zunächst müssen wir Harten-burg weit hinter uns lassen.«
»Wir sollten den ehrenwerten Zofar ben Naftali in Worms aufsuchen. Er ist ein Großer unter den Juden im Reich und wird uns gewiss sagen können, wo wir eine neue Heimat finden.«
Lea entzog sich Sarahs Griff. »Rabbi Zofar ist ein glaubensstrenger Mann und wird eher auf Ruben ben Makkabis Seite stehen als auf meiner, und in gewisser
Weise sind sie auch im Recht. Wir hätten damals, als Vater, Samuel und dein Mann tot waren, in einer jüdischen Gemeinde Zuflucht suchen sollen. Das bei Ruben ben Makkabi und Zofar ben Naftali hinterlegte Geld hätte ausgereicht, uns das Ansiedlungsrecht zu erkaufen und ein schmales Häuschen zu pachten. Vielleicht wäre sogar genug übrig geblieben, um einen kleinen Handel aufzumachen, so dass wir nicht auf die Mildtätigkeit der anderen Gemeindemitglieder angewiesen gewesen wären. Doch ich wollte das Werk meines Vaters fortsetzen, um es ungeschmälert in Eliesers Hände zu geben.«
Jochanan stieß die Luft zwischen den Zähnen heraus, so dass es sich wie das Zischen einer Schlange anhörte. »Mach dir deswegen kein schlechtes Gewissen, Herrin. Du wolltest uns damals vor der Vertreibung retten, und das hast du getan. Hätten wir die Stadt ohne Erlaubnis verlassen, wären wir mit dem schwer verletzten Elieser keine Meile weit gekommen, denn die Reiter des Markgrafen hätten uns eingeholt und zurückgeschleppt. Was dann passiert wäre, können wir uns alle lebhaft vorstellen.«
Jochanan schüttelte sich, denn er musste an den Tag denken, an dem Medardus Holzinger Lea und ihn auf den Scheiterhaufen hatte bringen wollen. Die damalige Kebse des Markgrafen, jene Wirtstochter, hätte ebenfalls diesen Tod für sie gefordert und ihn genossen wie ein Schauspiel.
Ketura stimmte ihrem Bruder eifrig zu. »Du hast das einzig Richtige getan, Lea. Schuld daran, wie es gekommen ist, tragen deine Geschwister.«
»Nur selten ist jemand allein für so eine Situation verantwortlich«, wandte Lea ein. »Einen Teil meiner Schuld dürfte ich mittlerweile jedoch abgetragen haben. Elieser verbleibt ein hübsches Vermögen, mit dem er, wenn er es geschickt einsetzt, seinen Reichtum vermehren kann. Nur um Rachel tut es mir Leid. Ich hätte ihr rechtzeitig einen Mann suchen müssen.«
Sarah schnaubte. »Glaubst du, sie hätte dir gehorcht? Deine Schwester zog es vor, eine große Dame zu spielen. Eine fromme und arbeitsame Frau zu werden, danach stand ihr nie der Sinn. Wo sie jetzt ist, dürfte sie glücklicher sein denn als Ehefrau eines braven Juden.«
Während des Gesprächs hatten sie den Grenzstein erreicht, der das Ende der Hartenburger Herrschaft: anzeigte. In der Dunkelheit war das Wappen ebenso wenig zu erkennen wie das auf dem Grenzstein, der dahinter auftauchte. Lea wusste jedoch, dass sie die habsburgische Herrschaft Ortwil erreicht hatten.
Sie wandte sich zu ihren Begleitern um und wies auf die beiden schattenhaften Stelen. »Der erste Teil unserer Flucht ist gelungen. Wir werden bis zum Morgengrauen weitergehen und uns dann im Wald ein Versteck suchen. Dort werde ich mich umziehen und in der nächsten Stadt andere Kleidung für euch besorgen oder wenigstens Stoff und Nähzeug, damit ihr euch etwas anfertigen könnt. Denkt daran: Keiner von uns darf als Jude erkannt werden.«
Sarah war entsetzt. »Aber Lea, sollen wir uns etwa als Christen verkleiden?«
»Ja!« Lea wusste, dass sie auf die Gefühle der anderen keine Rücksicht nehmen durfte, wenn ihre Flucht glücklich enden sollte. »Ab dem heutigen Tag sind wir keine Juden mehr, sondern Ausgestoßene, die die Gesellschaft unserer Glaubensgenossen meiden müssen. Kämen wir zu einer jüdischen Gemeinde, würden die Ältesten uns sofort zu Ruben ben Makkabi zurückschicken oder uns sogar wie Diebe behandeln, weil ich einen Teil meines sauer verdienten Geldes mitgenommen habe. Uns wird nichts anderes übrig bleiben, als unter Christen zu leben. Wir werden den Sabbat nicht mehr so ehren können, wie es unsere Pflicht wäre, und unsere Festtage nur noch heimlich feiern dürfen.«
Ketura und Jochanan stimmten bedrückt zu, während Sarah und Gomer aufschluchzten und abwehrend die Hände hoben. Doch nach einer kurzen, aber heftigen Diskussion war allen klar, dass Lea die Wahrheit sprach. Es gab keinen Weg zurück.
Als eine verbissene Stille eintrat, hob Jochanan den Kopf. »Vielleicht kann Herr Fischkopf uns helfen. Er hat doch schon Leute unterstützt, die sich neu ansiedeln mussten.«
Lea atmete tief durch. Mit genau diesem Entschluss hatte sie in der letzten Stunde gerungen. »Du hast Recht, Jochanan. Wir werden zu Orlando gehen.«
Orlando starrte durch das Fenster auf den Hafen, ohne die Schiffe zu sehen, die dort lagen. Er fühlte sich leer und entschlusslos und hatte überdies ein schlechtes Gewissen, weil er seinem Vater einfach nicht gehorsam sein konnte. Ein paarmal hatte er sogar schon überlegt, auf und davon zu gehen, Lea aufzusuchen und sie zu überreden, ein neues Leben mit ihm anzufangen, irgendwo in einem fernen Land, wo sie keiner kannte. Aber wenn er seine Familie verließ, würde sein Vater ihn verstoßen, und er musste als heimatloser Bettler und als ein ehrloser, pflichtvergessener Sohn, der seinen Eltern die gebührende Achtung und die Unterstützung im Alter verweigerte, vor die Frau treten, die er liebte. Lea war eine fromme Jüdin und würde ihm diesen Schritt höchst übel nehmen, selbst wenn es ihm gelang, sie von seinen ehrlichen Absichten zu überzeugen. Blieb er aber hier, konnte ihn nur ein Wunder vor einer Ehe mit einer ungeliebten Frau bewahren.
Das ihm aufgezwungene Weib tat ihm jetzt schon Leid, denn es würde höchstwahrscheinlich kein gutes Leben an seiner Seite haben. Für ihn konnte eine andere Frau niemals mehr sein als ein Gefäß, in das er seinen Samen legte, um einen Sohn oder, besser gesagt, einen Enkel für seinen Vater zu zeugen. Je länger er hier oben eingesperrt war, umso stärker sehnte er sich nach Lea und umso sicherer war er, dass sie die Einzige war, mit der er sein Leben teilen wollte.
Orlando war nicht bereit, seinem Vater nachzugeben, und verharrte wochenlang in brütendem Selbstmitleid.
Eines Tages aber spürte er, wie sein Widerstand bröckelte. Die Enge seines Zimmers begann ihn in den Wahnsinn treiben und ließ es ihm besser erscheinen, seinem Vater den Gefallen zu tun und mit einer der ihm angebotenen Frauen den erwarteten Enkel zu zeugen. Gleichzeitig aber schwor er sich, an dem Tag, an dem er ihm ein gesundes Kind in die Arme legen konnte, auf und davon zu gehen und als einfacher Matrose auf einer Kogge oder Karacke anzuheuern, die möglichst weit weg fuhr, vielleicht sogar zu den wilden Küsten Afrikas, von denen viele Schiffe nicht zurückkamen. Gerade, als er sich ausmalte, wie er dort im Kampf mit einem der sagenhaften Ungeheuer fiel, die jene Landstriche besiedeln sollten, entfernte jemand den Balken, mit dem man seine Tür versperrt hatte. Alisio trat mit einem Gesicht ein, als hätte er alle Sabbatküchlein gestohlen.
»Ich weiß nicht, ob Don Manuel billigen wird, was ich hier tue, junger Herr, doch es sind Gäste für Euch angekommen.«
Orlando verzog das Gesicht. »Gäste? Nein, danke. Sag ihnen, sie sollen sich zum Teufel scheren.«
Der Diener zog den Kopf ein, ließ sich aber nicht verscheuchen.
»Sie wollen Euch unbedingt sprechen, Don Orlando, und behaupten, es wäre dringend.«
Orlando zuckte mit den Schultern. Wahrscheinlich waren es irgendwelche Conversos, die sich auf eigene Faust ins Reich durchgeschlagen hatten und nun seine Hilfe benötigten. Vielleicht war es gut so, denn dieser Zwischenfall würde das Unvermeidliche noch ein wenig aufschieben. Er verließ seinen Platz am Fenster und folgte Alisio nach unten.
Seine Eltern standen auf dem Treppenabsatz über der Eingangshalle und starrten sichtlich verwirrt auf die
Fremden, die am Fuß der Treppe warteten. Als Erstes entdeckte Orlando eine junge, breit gebaute Frau mit einem etwas derben Gesicht, die ein ebenso schlecht sitzendes Kleid trug wie ihre zierliche Begleiterin, die sich ängstlich an sie klammerte. Hinter ihnen tauchten eine ebenso verschreckt wirkende, ältere Frau auf und zwei Männer, von denen Orlando von seinem Standort aus jedoch nur die Beine sehen konnte.
Sein Vater warf ihm einen fragenden Blick zu. Orlando zuckte irritiert mit den Schultern. Inzwischen hatten auch Baramosta und dessen jüngere Tochter die Halle betreten. Bianca warf nur einen Blick auf die Besucher und stieß einen Jubelruf aus. Zu Don Manuel gewandt zeigte sie auf einen der Männer. »Das, Onkel, ist Don Leon de Santiago, unser Retter!«
Orlando riss es beinahe von den Füßen. Ungläubig stürmte er die Treppe hinab und sah Lea mitten in der Halle stehen. Sie trug immer noch die kleidsame Tracht eines kastilischen Edelmanns. Einen Moment starrte er sie fassungslos an. »Bei Gott, Lea! Du bist es wirklich.«
Er riss sie an sich und presste seinen Mund auf ihre Lippen. Lea wusste nicht, wie ihr geschah. Einen Moment lag sie regungslos in seinen Armen und kämpfte gegen das Chaos aus Gefühlen an, die sie überfluteten. Während sie versuchte, sich auf den Beinen zu halten, die unter ihr nachzugeben drohten, begriff sie erst, dass er sie mit ihrem richtigen Namen angesprochen hatte.
Orlando spürte Leas Widerstreben, aber auch eine ihr wohl selbst nicht bewusste Bereitschaft, sich seinen Umarmungen hinzugeben, und jubelte auf. »Mein Liebes! Jetzt hast du mir zum zweiten Mal das Leben gerettet.«
Dann drehte er sich zu seinen Eltern um, die sich in Salzsäulen verwandelt zu haben schienen und ihn entgeistert anstarrten. Bianca kreischte auf, warf Orlando einen giftigen Blick zu und machte eine Bewegung, als wollte sie ihren Leon de Saint Jacques aus seinen Armen reißen.
Orlando schob Lea auf seine Eltern zu. »Das ist Lea Samuel Goldstaub, das mutigste und beste Mädchen der Welt und die einzige Frau, die ich heiraten werde!«
Für einen Augenblick war es so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Dann redeten alle durcheinander. Orlando hob abwehrend die Hand. »Lasst unsere Gäste sich doch erst einmal frisch machen. Ich werde euch später alles erklären. Dir auch, mein Schatz.« Er küsste Lea noch einmal und gab sie dann frei.
Sie musterte ihn kopfschüttelnd und begann dann zu lachen.
»Das bist du mir auch schuldig, du hinterhältiger Kerl! War ich so unvorsichtig, dass du mich durchschaut hast?«
Ihre eher komische Empörung veranlasste Orlando zu einem beinahe mädchenhaften Kichern. »Das warst du gewiss nicht. Aber weißt du, mir ist vor sechs Jahren euer Saul in Worms über den Weg gelaufen und hat geplaudert.«
Lea schnappte nach Luft. »Vor sechs Jahren? Willst du damit sagen, du hast die ganze Zeit gewusst, wer ich bin?«
Als er nickte, holte sie mit der Hand aus. »Du bist ein Schuft! Ein widerwärtiger Heuchler, ein ...«
Orlando hielt ihr die Wange hin. »Schlag zu, Lea. Ich habe es verdient.«
Lea starrte ihn zweifelnd an und ließ ihre Hand wieder sinken.
»Wir beide reden noch miteinander.«
Es klang nicht nach einer Drohung.
Inzwischen hatte Dona Leonora sich wieder gefasst, wenn sie auch noch sehr blass wirkte. Ohne Lea aus den Augen zu lassen, stieg sie die Treppe hinunter und trat auf sie zu. Das kurze Haar und die Männerkleidung irri-tierten sie offensichtlich, forderten aber auch ihre Neugier heraus. Sie ging um Lea herum, packte sie dann am Arm und zog sie mit sich auf den Gang zu, der zum Waschraum führte.
»Du wirst dich gewiss säubern wollen. Alisio, sage deiner Frau, sie soll heißes Wasser in die Waschstube bringen.« Während der Diener in Richtung Küche verschwand, führte Dona Leonora Lea in einen schlichten Raum mit einem Steinfußboden und gekachelten Wänden. Ein steinerner Trog mit kaltem Wasser, eine Kupferwanne und mehrere Schüsseln und Kannen auf einem Bord deuteten darauf hin, dass hier nicht nur Wäsche gewaschen wurde. Lea hatte sich kaum umgesehen, da schleppte eine kleine, dickliche Frau mit runden Wangen und schwarzen Knopfaugen einen Holzeimer mit dampfendem Wasser herein.
»Bleib hier, Elmira, und hilf mir, unseren Gast zu baden«, forderte ihre Herrin sie auf.
Elmira starrte abwehrend auf Leas Männerkleidung und sah ihre Herrin dann ganz verwirrt an. »Wäre das nicht Alisios Aufgabe?«
»Ich hoffe nicht. Also mach schon, richte unserem Gast das Bad!«
Während die Köchin das heiße Wasser in die Wanne schüttete und es mit dem kühlen Wasser aus dem Trog mischte, öffnete Dona Leonora resolut die Knöpfe von Leas Wams und ihrem Hemd. Ihre verkniffene Miene entspannte sich, als ihre Finger prüfend über das Band glitten, das Leas Brüste flach presste, und ohne die abwehrende Haltung der jungen Frau zu beachten, zog sie ihr die restliche Kleidung aus. Als Lea splitternackt vor ihr stand, seufzte sie wie befreit auf, trat mit einem zufriedenen Lächeln zurück und überließ das Mädchen Elmiras Fürsorge.
Sie selbst sammelte Leas Kleidungsstücke auf und nickte ihr aufmunternd zu. »Ich hole dir etwas Frisches zum Anziehen. Meine Kleider sind dir wahrscheinlich ein wenig zu weit und um einiges zu kurz, aber für heute muss es gehen. Morgen werde ich Stoff besorgen, und wir nähen dir ein passenderes Gewand.«
Mit diesen Worten verließ sie durchaus vergnügt die Badestube und kehrte nach einer Weile mit einem Bündel Kleider zurück. Nicht lange danach stand Lea frisch gewaschen und mit etwas römischen Rosenöl parfümiert vor der Hausherrin und starrte auf die bestickte Leinenbluse und den blauen Wickelrock, der ihr gerade bis zu den Waden reichte, aber so geschickt gebunden war, dass er ihre schlanke Taille betonte.
Orlandos Mutter nickte zufrieden. »Du bist ein wenig groß für eine Frau, aber du hast eine gute Figur. Ich glaube, mein Sohn hat eine gute Wahl getroffen.«
»Noch habe ich ihn nicht erwählt«, antwortete Lea leise, aber mit einer gewissen Schärfe.
Dona Leonora ließ sich nicht beirren. »Deine alte Dienerin hat erzählt, dass ihr jüdischen Glaubens und die Überlebenden eines Pogroms seid. Hier bei uns seid ihr nun in Sicherheit.«
Orlandos Mutter hatte Sarahs hastigem Bericht nur mit einem Ohr gelauscht und offensichtlich einiges durcheinandergebracht, doch für sie zählte nur eines: Die künftige Frau ihres Sohnes entstammte ihrem eigenen Volk. Damit war sie ihr als Schwiegertochter von Herzen willkommen.
Genau das sagte sie auch eine gute Stunde später zu ihrem Gemahl, der beobachtete, wie Lea und Orlando sich nach einem zunächst recht heftig verlaufenen Gespräch verliebt ansahen und schließlich umarmten. »Sie ist zwar keine Sephardin, aber mit unseren Sitten gewiss besser vertraut als Bianca oder Marita Lorresta«, schloss sie ihren begeisterten Vortrag.
Don Manuel schenkte seiner Frau einen nachsichtigen Blick.
»Ob die Kinder ihre Gebete in Zukunft in hebräischer oder lateinischer Sprache zu Gott erheben wollen, sollen sie getrost selbst entscheiden.«
»Gewiss, mein Salomo«, antwortete Dona Leonora mit geheuchelter Demut. Dann erinnerte sie daran, dass genau dies der geheime jüdische Name war, den die Mutter ihres Mannes ihrem Sohn gegeben hatte, und lächelte versonnen.
An einem schönen Sommertag saß Lea auf ihrem Stuhl, den sie mit zwei Kissen gepolstert hatte, und schrieb Zahlen in ihr Rechnungsbuch. Sie war so beschäftigt, dass sie nicht wahrnahm, wie die Tür geöffnet wurde.
Auf Alisio gestützt trat ihr Schwiegervater ein. Als Lea aufblickte, blickte er sie erwartungsvoll an. »Wie laufen denn die Geschäfte? Haben sich deine letzten Investitionen schon ausgezahlt?«
Lea nickte mit leuchtenden Augen. »Oh ja! Allein unser Anteil an der Kogge, die aus Riga kam, hat uns einen Reingewinn von mehr als zweitausend Gulden eingebracht.«
Don Manuel lächelte zufrieden. »Also hast du wieder einmal Recht behalten, mein Kind. Mit so einem hohen Gewinn habe ich wirklich nicht gerechnet. Du bist eine noch geschicktere Geschäftsfrau, als Orlando es damals behauptet hat.«
Lea freute sich ehrlich über die Anerkennung ihres Schwiegervaters, gleichzeitig aber fühlte sie sich niedergeschlagen, denn Orlando war schon seit fast drei Monaten unterwegs und hatte keine Ahnung, dass es eine wichtigere Neuigkeit gab als den Gewinn aus dem Handel mit Pelzen aus dem Osten. Sie legte die Handflächen auf ihren schon leicht gewölbten Leib und seufzte.
»Ich hoffe, Orlando kommt bald zurück. Sonst wird er noch Vater, ohne es zu wissen.«
Don Manuel lachte so gelöst wie schon lange nicht mehr. »Bis zur Geburt gehen ja noch etliche Monate ins Land, und bis dahin ist er längst zu Hause. Deswegen bin ich ja auch gekommen und nicht, weil ich mich nach den Geschäften erkundigen wolle. Vor kurzem ist die Meerjungfrau in den Hafen eingelaufen, auf der dein Gatte meines Wissens zurückkehren sollte.«
Lea schoss von ihrem Stuhl hoch. »Du meinst, Orlando kommt heute nach Hause?«
»Hoffen wir es.«
In dem Moment drangen laute Stimmen aus der Vorhalle hoch. Lea lief aus dem Kontor und sah Orlando unten in der Halle stehen. Mit wenigen Schritten flog sie ihm entgegen und fiel ihm um den Hals. »Orlando, es ist so schön, dich wiederzusehen.«
Er küsste sie, schob sie ein wenig zurück und betrachtete sie von Kopf bis Fuß. »Ich glaube, du hast ein wenig zugenommen.«
Lea kicherte und wurde rot wie ein junges Mädchen, aber erst, als sie über ihren Bauch strich, begann er zu begreifen.
»Sag bloß, du bist schwanger.«
»Natürlich bin ich schwanger.« Lea blickte ihn leicht gekränkt an, weil er es nicht sofort erkannt hatte. Dann bemerkte sie die Schatten auf seinem Gesicht. »Was ist los? Du siehst aus, als wäre dir etwas Schlimmes zugestoßen.«
Orlando nickte bedrückt. »Nicht mir. Ich habe zwei Nachrichten mitgebracht, eine, die dich freuen wird, und leider auch eine sehr unangenehme.«
»Spann mich nicht auf die Folter!«
»Die gute Nachricht ist, dass Alban von Rittlage, der ja seine Herrschaft Elzsprung nicht aufgeben wollte, in einer offen angetragenen Fehde Leben und Besitz verlor.«
Lea atmete tief durch. »Rittlage ist tot. Damit sind mein Vater und mein Bruder nun endlich gerächt. Wie lautet nun die schlechte Nachricht?«
»Sie kommt aus Hartenburg. Ursula, die Ehefrau des Markgrafen, setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um deine Schwester Rachel aus dem Bett ihres Gemahls zu vertreiben, und hat sogar an den Papst geschrieben, damit dieser dem Hartenburger wegen seiner jüdischen Kebse den Kirchbann androht. Damit aber nicht genug lässt sie Medardus Holzinger suchen, damit er - wie sie gesagt haben soll - mit dem Judengezücht, das sich in Hartenburg eingenistet hat, ein für alle Mal aufräumt.«
Lea erstarrte. Mehr als ein Jahr lang hatte sie nichts mehr von ihren Geschwistern gehört und war überzeugt gewesen, sie hätte mit jenem Teil ihres Lebens abgeschlossen. Jetzt aber überfiel sie die Erinnerung an ihre eigene Begegnung mit dem Judenschlächter, und sie spürte, wie sich jedes Härchen auf ihrer Haut aufstellte.
»Ich muss ihnen helfen, Orlando. Holzinger wird sie und all jene auf den Scheiterhaufen bringen, die Ruben ben Makkabi nach Hartenburg gelockt hat.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte Lea sich zu Alisio um.
»Sag Jochanan, er soll alles für die Reise vorbereiten. Wir werden Hamburg noch heute verlassen.«
Orlando zog sie tröstend an sich, streichelte ihren Bauch und schüttelte den Kopf. »Nein, das wirst du nicht tun. Du musst an unsere Tochter denken.«
»Es wird ein Sohn«, schnappte Lea.
Orlando küsste sie auf die Wange. »Du bist noch schöner, wenn deine Augen mich so anfunkeln. Aber ich wünsche mir dennoch, dass unser erstes Kind eine Tochter sein wird.«
In diesem Moment interessierte sich Lea jedoch nicht dafür. Sie packte den Kragen seines Wamses. »Verstehst du mich denn nicht? Auch wenn meine Geschwister nicht gut an mir gehandelt haben, kann ich sie doch keinem solchen Schicksal ausliefern! Und ich muss auch an jene anderen denken, die guten Glaubens nach Hartenburg gekommen sind. Haben sich viele Juden dort angesiedelt?«
»Soweit ich weiß, nur zwei Familien ohne viel Gesinde.« Orlando warf seinem Vater einen Hilfe suchenden Blick zu und nahm dessen unmerkliches Nicken wahr. »Sei vernünftig, mein Schatz. Du hast meine Verwandten gerettet, und jetzt werde ich mich dafür revanchieren.«
Um sie vollends zu überzeugen, fasste er ihre Hände und küsste sie. »Keine Sorge, ich schaffe das schon.«
Lea nickte nach kurzem Zögern und lächelte dann versöhnt.
»Davon bin ich überzeugt. Gib aber gut Acht auf dich. Ich möchte nicht, dass unser Kind ohne Vater aufwächst.«
Orlando und Don Manuel sahen sich erleichtert an, denn sie hatten sich schon auf eine Auseinandersetzung mit ihr eingestellt, und der alte Herr nickte ihr aufmunternd zu. »Bis mein Enkel oder meine Enkelin« - er warf seinem Sohn dabei einen spöttischen Blick zu - »geboren wird, hat Orlando deine Leute und die anderen Harten-burger Juden in Sicherheit gebracht und ist längst wieder zu Hause.«
»Das walte der Gott Israels«, sagte Dona Leonora, die einen Teil des Gesprächs gehört hatte.
Die nächsten Monate wurden für Lea zur Qual.
Während ihre Schwangerschaft fortschritt, beschäftigten sich ihre Gedanken mehr mit Orlando als mit ihrem ungeborenen Kind, und immer wieder musste sie gegen die Furcht ankämpfen, er könne sich zu weit vorwagen und selbst ein Opfer Holzingers werden. Um sich abzulenken, stürzte sie sich in die Arbeit und saß Tag für Tag von Sonnenaufgang bis zur Dämmerung an ihrem Schreibtisch und lenkte die Geschicke des Handelshauses Fischkopf. Doch sie konnte sich nicht so recht über ihre Erfolge freuen, und das Lob ihres Schwiegervaters war ihr nun eher lästig, denn sie wollte nur über Orlando sprechen, ganz gleich, ob sie zur Abwechslung einmal Dona Leonora bei der Vorbereitung für ein besonderes Festmahl half oder ihren Schwiegereltern bei den Mahlzeiten Gesellschaft leisten musste.
Sie machte ihre Schwiegermutter so nervös, dass diese sie zuletzt nicht mehr aus den Augen ließ, aus Angst, Lea könne doch noch auf die Idee kommen, Orlando nachzureisen. Sarah und Ketura teilten die Befürchtungen der Hausherrin und halfen ihr ebenso wie Gomer, die seit kurzem mit Jochanan verheiratet war, Lea unauffällig im Auge zu behalten.
Als der Sommer sich neigte, war Lea immer noch ohne Nachricht. In ihren Träumen sah sie Orlando sich in Flammen winden und hörte seine Todesschreie. Die Bilder verfolgten sie auch noch im Wachen, und sie betete beinahe stündlich, dass ihr Kind nicht vaterlos aufwachsen möge.
Anfang September saß Lea wie gewohnt in ihrem Arbeitszimmer, obwohl ihr aufgewölbter Leib ihr das Schreiben schwer machte. Als das Kind sie besonders heftig trat, stand sie auf und presste die Hände gegen ihren schmerzenden Rücken. In dem Moment drang jener Lärm zu ihr hoch, der gewöhnlich Besucher ankündete.
Sie holte tief Luft, verwünschte die Störung, watschelte aber dennoch zur Tür und blickte neugierig hinaus. In dem Moment kam Orlando die Treppe hinauf. Er stürmte auf sie zu, umarmte sie aber so vorsichtig, als bestände sie aus hauchfeinem Glas, und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen.
»Wie du siehst, bin ich doch noch vor der Geburt unserer Tochter zurückgekommen«, sagte er und streichelte dabei ihren Leib. Leas Lippen zuckten. »Ich hoffe, du bist nicht allzu enttäuscht, wenn es doch ein Sohn wird.«
Dann klammerte sie sich an ihn, als wollte sie ihn nie mehr loslassen, und fragte ihn ängstlich: »Hast du Elieser und Rachel noch retten können?«
Die Art, wie sie es sagte, verriet Orlando, dass ihre Liebe ihm auch einen Fehlschlag verzeihen würde. Er kitzelte sie mit der Nasenspitze unter dem Ohrläppchen, was seine Antwort nicht verständlicher machte. »Ich habe sie und alle anderen Juden rechtzeitig aus Hartenburg weggebracht. Da Ernst Ludwig von Hartenburg kaum eine seiner Zusagen Ruben ben Makkabi gegenüber eingehalten hatte, gab es außer deinen Verwandten dort nur die beiden Kleinhändlersippen, von denen wir schon gehört hatten.«
»Hattest du größere Probleme?«
Orlando konnte Lea ansehen, dass sie jede Einzelheit erfahren wollte. »Ganz und gar nicht. Ich brauchte nur noch die Flucht zu organisieren, denn die Leute waren schon vorgewarnt, und zwar durch deine Schwester. Ra-chel hat ein Gespräch zwischen ihrem markgräflichen Liebhaber und dessen Sekretär Frischler belauscht, in dem die beiden ehrenwerten Herren beschlossen, sie ebenso wie die anderen Juden Holzinger zu überlassen. Ich traf sie und die Oberhäupter der beiden anderen Familien bei deinem Bruder an, gerade als sie ihre scheinbar hoffnungslose Situation beklagten. Die markgräflichen Gardisten hatten zwar den Befehl, die Juden an der Flucht zu hindern, aber ich fand einen Torwächter, der goldenen Argumenten zugänglich war und mir half, die Leute einzeln aus der Stadt zu schmuggeln. So brauchte ich die Flüchtlinge nur noch draußen zu sammeln und auf dem gleichen Weg aus dem Land zu führen, den du damals genommen hast. Bis der Markgraf feststellen konnte, dass ihm seine Juden abhanden gekommen waren, befanden wir uns bereits auf habsburgischem Gebiet. Ich möchte nun nicht in seiner Haut stecken, denn der gute Ernst Ludwig wird seiner Gemahlin und Holzinger einiges zu erklären haben. Die beiden dürften annehmen, dass er die Leute selbst gewarnt und fortgeschickt hat.«
Anders als Orlando konnte Lea keine Schadenfreude empfinden. »Ich wünsche allen dreien die Pest an den Hals!«
Sie wollte noch etwas hinzusetzen, blickte dann aber verwundert in die leere Vorhalle hinab. »Wo sind denn Rachel und Elieser? Hast du sie nicht mitgebracht?«
Orlando schüttelte nachsichtig den Kopf. »Nein, das ging wirklich nicht. Du weißt doch selbst, dass hier in Hamburg keine Juden geduldet werden, und beide wären nicht bereit gewesen, ihren Glauben zu verleugnen. Würde man uns nicht für spanische Christen halten, erginge es uns ebenfalls schlecht.«
Lea musste nun doch lächeln. »Ja, es ist ein Glück, dass man hier nicht ganz so glaubensstreng ist wie an-derswo. Zumindest scheint es den Leuten nicht aufzufallen, dass wir nur an den heiligsten Feiertagen der Christen in die Kirche kommen und am Sabbat ruhen. Aber sag, was hast du mit Rachel und Elieser gemacht? Wie hat mein Bruder den Weg über die Berge geschafft?«
»Mit Hilfe seiner Frau. Sie hat ihn gestützt, ja beinahe getragen, und wollte sich dabei noch nicht einmal von den Knechten helfen lassen. So ein tapferes Weib hat Elieser meiner Meinung nach gar nicht verdient.« Orlando ließ sich von Gomer, die stumm mit einem Tablett hinter ihnen gewartet hatte, einen Schluck Wein reichen, um sich die Kehle anzufeuchten. »Ich, habe deine Verwandten zu Ruben ben Makkabi nach Augsburg gebracht, aber ich fürchte, ich habe mir keine Dankbarkeit bei ihm erworben. Kaum hatte Jiftach Rachel gesehen, da fragte er sie schon, ob sie ihn heiraten wolle - und ob du es glaubst oder nicht, sie ist ihm in die Arme gefallen.«
Leas Gesicht drückte allen Unglauben der Welt aus. »Rachel und Jiftach? Nein, das ist unmöglich!«
»Ich habe meinen Augen auch nicht getraut, aber es ist so. Sie ließen sich von Ruben ben Makkabi nicht einschüchtern, sondern bestanden darauf, ein Paar zu werden. Der Alte war so entsetzt, dass er sie beide aus dem Haus gewiesen hat.«
»Du hast sie doch nicht etwa auf der Straße stehen lassen?«
Orlando verdrehte die Augen. »Für was für ein Ungeheuer hältst du mich? Ich habe Jiftach und Rachel genug Geld gegeben, damit sie sich in Polen ansiedeln können, und sie sogar bei einem Handelszug untergebracht, der sie fast bis ans Ziel bringen wird. Elieser und Hannah wollen ihnen bei nächster Gelegenheit folgen und sich wie sie in Kosow ankaufen. Das ist weit genug weg von Rzeszow, wo euer Onkel Esra ben Nachum nun lebt. Die beiden
Pärchen haben nämlich die Nase voll von Verwandten, die sie bevormunden wollen.«
Lea nickte nachdenklich und wünschte Elieser und Rachel im Stillen alles Gute. Sie merkte, dass sie sogar ein wenig traurig war, weil sie ihre Geschwister nie mehr wiedersehen würde, und gleichzeitig wurde ihr bewusst, wie glücklich sie mit Orlando geworden war und dass sie sich unbändig auf ihr Kind freute. »Ich danke dir, mein Schatz! Du bist der Beste aller Männer.«
»Das will ich auch hoffen«, rief er und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen.
Ein kalter, stürmischer Herbst zog vom Meer die Elbe hoch, wälzte düstere graue Wolken über die Stadt und tauchte sie in einen feinen, nebelähnlichen Regen. Die Schiffe blieben nun im Hafen, und das bunte Völkergemisch der Matrosen suchte Wärme und Zuneigung in den Schenken und Hurenhäusern des Hafenviertels. Im Haus zum Fischkopf achtete man an diesem Tag jedoch weder auf das Wetter noch auf das, was in der Stadt vor sich ging. Don Manuel und Orlando saßen in der guten Stube und zuckten bei jedem Schrei zusammen, den Lea von sich gab.
»Mein Gott, ist das entsetzlich«, stöhnte Orlando schließlich auf. »Es hört sich an, als läge Lea im Sterben.«
»Das solltest du nicht einmal denken«, tadelte ihn sein Vater.
»Es ist nun einmal von Gott gewollt, dass Frauen unter Schmerzen gebären, da Eva die Hand nach dem Einzigen ausstreckte, das ihr und Adam im Paradies verboten war.«
Orlando fuhr zornig aus seinem Stuhl hoch. »Was ist das für ein Gott, der für einen einzigen Apfel die Frauen so bestraft?«
»Diese Lästerung will ich nicht gehört haben.« Don Manuel blickte ihn tadelnd an, dann aber wurde seine Miene weich, und er forderte seinen Sohn auf, sich wieder zu setzen. »Komm, nimm Platz und fasse Hoffnung. Lea ist eine Frau mit einem starken Willen. Sie lässt sich von den Schmerzen nicht besiegen und wird dir einen prächtigen Sohn schenken.«
»Es wird eine Tochter«, antwortete Orlando leise, aber mit einer gewissen Schärfe.
Sein Vater lachte leise in sich hinein. Orlando hatte sich so in die Vorstellung einer Tochter verbohrt, dass es einem Sohn schwer fallen würde, die ihm gebührende Freude in seinem Vater zu wecken. Bei diesem Gedanken schüttelte Don Manuel den Kopf. Nein, Orlando würde sich gewiss auch über einen Knaben freuen. Noch während er darüber nachdachte, welchen der vielen Namen beiderlei Geschlechts, die Lea und Orlando überlegt hatten, für seinen ersten Enkel oder seine erste Enkelin passend wäre, kam Jochanan herein. An seinem Gesicht war zu erkennen, dass er mit seiner Herrin litt. Er blickte scheu nach oben, doch die Türen dort waren alle fest verschlossen, und keine der Frauen des Haushaltes ließ sich sehen. Erst, als er hilflos die Hände ringen wollte, erinnerte er sich an das in festes Leinen gehüllte Paket, das er wie einen Feind gepackt hatte, und wandte sich Orlando zu.
»Das hat eben ein Bote gebracht. Es soll aus Spanien kommen.«
»Aus Spanien?« Orlando sah verwundert auf, ergriff dann das Paket und schnitt die Umhüllung mit dem scharfen Messer auf, das Jochanan ihm reichte. Schließlich hielt er mehrere kleine Säckchen, ein kleines Kästchen und etliche dicht beschriebene Blätter in der Hand. Als er zu lesen begann, kratzte er sich verwundert am Kopf, wurde dann aber von der Lektüre derart in ihren Bann gezogen, dass er alles um sich herum vergaß. Erst nach einer Weile merkte er, wie still es im Haus geworden war. Voller Sorge drehte er sich zu seinem Vater um, der ihn mit einem seltsamen Lächeln musterte.
»Nun mein Sohn, du dürftest wohl der erste Ehemann sein, der die Geburt seines Erben verpasst hat.«
»Was?«, rief Orlando verdattert. »Lea hat ...«
»Dir einen Sohn geschenkt«, unterbrach Don Manuel ihn lachend. »Hattest du etwas anderes erwartet? Du weißt doch, es geht immer nach ihrem Kopf. Sie wollte einen Knaben, also hat sie ihn auch bekommen.«
Orlando hörte ihm schon nicht mehr zu, sondern raste die Treppe hoch, um zu Lea zu kommen. Fast schon oben angekommen, hielt er inne, kam noch einmal herab und ergriff das eben eingetroffene Schreiben und das Kästchen und machte sich erneut auf den Weg. Sein Vater wunderte sich und winkte Jochanan heftig, ihm nach oben zu helfen. Als sie Leas Zimmer erreichten, kniete Orlando neben ihrem Bett und hielt die Hände seiner Frau in den seinen. Sein Blick wanderte von ihr zu dem Kind, das Sarah eben in warme Tücher wickelte, und wieder zurück.
»Es tut mir Leid, dass es keine Tochter geworden ist, Orlando«, sagte Lea eben etwas kläglich.
Orlando schüttelte lächelnd den Kopf. »Dummchen, ich bin doch genauso glücklich über unseren Sohn.«
Lea erwiderte sein Lächeln. »Beim nächsten Mal wird es eine Tochter, das verspreche ich dir.«
»Ganz gewiss«, stimmte ihr Don Manuel zu und tippte Orlando dann mit seinem Gehstock an. »Nun, was hast du für eine so wichtige Botschaft erhalten, dass sie dich selbst die Geburt deines Sohnes vergessen machte?«
Orlando stand auf und wedelte mit einem der Blätter vor Leas Gesicht herum. »Du wirst es nicht glauben, von wem dieser Brief stammt. Er ist an einen Leon de Saint Jacques gerichtet und wurde über das Bankhaus Eelsmeer und Deventer an uns weitergeleitet.«
»Los, sag schon!«, rief Lea drängend.
Orlando öffnete das kleine Kästchen, brachte einen daumengroßen Gegenstand aus Gold zum Vorschein und reichte ihn Lea. Es war die Figur eines Menschen, aber von so einer seltsamen Art, wie Lea sie noch nie gesehen hatte.
»Es ist ein Geschenk von Don Cristobal Colon an einen Freund, der ihm Mut zusprach in dunklen Stunden.«
»Ich kenne keinen Colon«, antwortete Lea verständnislos. Orlandos Lächeln verstärkte sich. »Du hast ihn als Cristoforo Colombo kennen gelernt. Er hat Indien erreicht und ist als hochgeehrter Mann nach Spanien zurückgekehrt. Dieses Schmuckstück enthielt er der Königin vor, um es dir, oder besser gesagt, Leon de Saint Jacques zu schenken.«
»Er hat es also geschafft. Ich freue mich für ihn!«, Leas Gedanken flogen zu dem genuesischen Kapitän, der nie aufgegeben hatte, an sein Ziel zu glauben.
»Das Schmuckstück ist noch nicht alles, was er dir geschickt hat. Die anderen Dinge sind wohl nicht so viel wert, aber gewiss sehr interessant und selten.«
»Ich will sie sehen«, bettelte Lea. Orlando wollte schon das Zimmer verlassen, um alles zu holen, doch da trat ihm seine Mutter in den Weg.
»Das hat bis morgen Zeit. Jetzt muss Lea sich um unseren kleinen Samuel kümmern, und danach sollte sie ein wenig ruhen.«
»Aber ...«, begann Orlando, doch da zog ihn sein Vater zur Seite. »Mein Sohn, eines, was du noch lernen musst, ist, Frauen in gewissen Situationen nicht zu widersprechen.«