Sechster Teil. Für den Ruhm Kastiliens

1.

Lea zitterte bei jedem Schritt der Stute und saß so stocksteif im Sattel, als könnte er sich samt dem Pferd jeden Moment unter ihr auflösen. Fast drei Wochen hatte sie darauf gewartet, zu Medicaneli gerufen zu werden, doch als sein Reitknecht ihr am Morgen die Einladung zu einem Ausritt überbracht hatte, hatte sie erschrocken abgewehrt und ihm erklärt, dass sie nicht reiten könne. Der Mann hatte nur gelacht und gesagt, der Herzog erwarte den Senor. Danach hatte Lea sich den ganzen Vormittag Vorwürfe gemacht, denn eigentlich hätte sie wissen müssen, dass es so kommen würde, denn Medica-neli war schon mit einer Reihe burgundischer Edelleute ausgeritten, angefangen bei Frans van Grovius und seinem engeren Stab bis zu ihren Freunden de Poleur und de la Massoulet. Zu ihrer Erleichterung war der Reitknecht am Nachmittag mit einer lammfrommen Stute erschienen und hatte mit einer völlig regungslosen Miene gewartet, bis sie in den Sattel geklettert war.

Der Herzog war ein schlanker, hoch gewachsener Mann mit schmalem, hochmütigem Gesicht und blondem Haar, zu dem seine fast schwarzen, wachsamen Augen einen scharfen Kontrast bildeten. Eine Weile sah er über Leas mangelnde Reitkünste hinweg, aber als sie scharf Luft holte, weil die Stute den Kopf hochwarf und den Hang ein wenig schneller hinablief, begann er schallend zu lachen. »Keine Sorge, Saint Jacques, Cereza beißt nicht.«

Cereza, die Kirsche, war ein passender Name für die hübsche Rotfuchsstute. Zuerst hatte Lea ihn nicht richtig verstanden und sich gewundert, wieso man ein solches

Pferd Bier nennen konnte. Dann hatte sie begriffen, dass sie unwillkürlich ein V in das Wort Cereza geschmuggelt und »cerveza« verstanden hatte. Dabei gab es im spanischen Heerlager kein Bier, sondern Wein, der in Kastilien und Aragon gekeltert wurde und zu den besten der Welt zählte. Dieser Wein war es auch, der in ganzen Schiffsladungen nach Flandern gebracht wurde und ihr zurzeit ein kleines Vermögen bescherte. Lea erinnerte sich noch gut daran, wie verblüfft sie gewesen war, als Orlando ihr anhand der Abrechnungen gezeigt hatte, wie viel sie an ihrem Weinmonopol verdiente.

Der Gedanke an ihren Reichtum verlieh ihr nun ein gewisses Selbstbewusstsein. Männer wie Medicaneli oder auch Montoya mochten durch ihre Kleidung und ihr Auftreten glänzen und große Ländereien besitzen. Lea war sich jedoch sicher, mehr Geld flüssig machen zu können als beide zusammen, und bald würde sie genug besitzen, um Hartenburg mit der ganzen Familie verlassen und sich woanders ansiedeln zu können, ohne dass sie jeden Heller aus dem Geschäft herausziehen musste. Ein wenig von der Erleichterung, die sie bei diesem Gedanken empfand, musste sich in ihrer Haltung widergespiegelt haben, denn Medicaneli nickte zufrieden. »So sieht es schon besser aus.«

»Gott sei Dank. Ich wusste nicht, dass es so schwierig ist, sich auf einem Pferd zu halten.«

Die Lippen des Herzogs bebten vor unterdrückter Heiterkeit.

»Mein lieber Saint Jacques, Ihr wärt der Erste, den Ce-reza abwirft. Sie ist, um es offen zu sagen, das Lamm unter meinen Pferden. Man kann auf ihren Rücken setzen, was man will, sie trägt es mit unendlicher Geduld.«

»Meint Ihr nicht eher, sie erträgt es?«, antwortete Lea mit dem Anflug eines Lächelns.

»Es freut mich, dass Ihr Euren Humor wiedergefunden habt, und hoffe, er verlässt Euch nicht sogleich wieder, denn wir werden etwas hurtiger traben müssen, um unser Ziel zu erreichen.«

»Welches Ziel?«

»Nun, welches denn wohl? Granada natürlich!«

»Aber die Stadt ist doch noch in der Hand der Mauren«, wandte Lea verblüfft ein.

»Noch haben wir die Stadt nicht eingenommen, das ist richtig, aber es lohnt sich, sie aus der Ferne zu betrachten. Wer weiß, was von ihrer Pracht übrig bleibt, wenn der Krieg in ihren Mauern tobt.«

Der Herzog ritt einen makellos schwarzen Hengst, der auf die geringste Bewegung seines Herrn reagierte und nun in einen schnellen Trab fiel. Cereza versuchte, an seiner Seite zu bleiben, und ließ Lea wie einen Ball im Sattel hüpfen.

»Stellt Euch in den Steigbügeln auf!«, rief der Herzog ihr zu.

Lea versuchte es, konnte sich aber nicht halten und klatschte so heftig auf den Sattel, dass sie den Schlag noch im Genick spürte. Gleichzeitig ärgerte sie sich über Orlando, der doch hätte wissen müssen, dass sie die für Juden unübliche Kunst des Reitens nie gelernt hatte und in Spanien nicht umhinkommen würde, ein Pferd zu besteigen. Sie wünschte, er hätte ihr wenigstens die Grundzüge beigebracht, denn sie fühlte sich vor dem Herzog bis auf die Knochen blamiert, und zudem wurde ihr langsam klar, dass sie ein Pferd benötigen würde, um ihren geheimen Auftrag zu erfüllen.

Während Cereza Medicanelis Hengst mehr von sich aus folgte, als von ihr gelenkt zu werden, badete Lea sich in einem See aus Selbstmitleid und Vorwürfen gegenüber Orlando. Ein Teil ihres Gehirns fragte sie jedoch, wie es ihm hätte gelingen sollen, ihr auf der schnellen Rheinbarke van Duyls das Reiten beizubringen. Er war auch nur ein Mensch und zudem in größter Sorge um Baramosta gewesen. Die Überlegungen beschäftigten sie so, dass sie die Beschwerden des Rittes ein wenig vergaß und ihr Körper sich instinktiv den Bewegungen der Stute anpasste. Dennoch war sie schließlich heilfroh, als Medicaneli seinen Rappen auf einer Hügelkuppe zügelte und ins Tal hinabwies, wo die maurische Stadt lag.

Granada wirkte wie ein Bild aus einer verzauberten Welt. Die hellroten Ziegeldächer der Häuser und Paläste inmitten der Olivenhaine und Palmengärten leuchteten wie der Spiegel eines Sees, den der Sonnenaufgang färbt, und die Mauern und Stadttore wirkten wehrhaft und verspielt zugleich. Lea konnte sogar die Menschen erkennen, die durch die Straßen hasteten, hauptsächlich Mägde mit Krügen auf den Schultern und Männer mit Turbanen in weiten Kaftanen. Einen Augenblick später rannte eine große Anzahl gepanzerter Krieger aus einem der Gebäude und stürmte auf das Tor zu, das sich genau in Leas Richtung öffnete.

»Wenn wir nicht rasch von hier verschwinden, werden uns die Mauren gefangen nehmen«, sagte sie besorgt.

Medicaneli schüttelte lächelnd den Kopf. »Man hat nicht unsertwegen Alarm gegeben, Saint Jacques, sondern wegen der Soldaten dort.«

Er deutete auf eine Kompanie Arkebusiere, welche das persönliche Wappen Königin Isabellas auf ihren Röcken trugen, ein Bündel aus blutroten Pfeilen über dem Turm Kastiliens, und die auf die Stadt zurückten. »Ihre Majestät hält eine gewisse Demonstration ihrer Macht für nötig, um Boabdils Bereitschaft zur Kapitulation zu erhöhen.«

Lea hatte inzwischen erfahren, dass die Spanier Mo-hammed XII. verachteten, weil er sich mit seinen Truppen in Granada verschanzt hielt, anstatt dem Gegner auf freiem Feld zu begegnen. Da sie mittlerweile drei Wochen im Feldlager des spanischen Königspaars verbracht hatte, verstand sie die Haltung des Emirs. Sie hatte nie ein raue-res Kriegsvolk gesehen als die Männer, die hier um Granada versammelt waren. Jeder von ihnen achtete ein Leben weniger als einen Maravedi, und alle gierten danach, die Muslime in Granada abzuschlachten und sich ihre Reichtümer anzueignen.

Die Arkebusiere entdeckten jetzt die beiden Reiter. Ihr Hauptmann, der mit dem blanken Schwert in der Hand auf einem kräftigen Falben ritt, befahl seinen Männern, weiter vorzurücken. Er selber scherte aus und kam mit hochmütiger Miene näher, aber als er den Herzog erkannte, nahm sein Gesicht einen beinahe lächerlich devoten Ausdruck an. Er steckte sein Schwert in die Scheide und versuchte, sich im Sattel zu verbeugen. »Verzeiht, Euer Gnaden, ich wusste nicht, dass Ihr den Angriff persönlich überwachen wollt.«

Der Herzog hob beschwichtigend die Hand. »Ich will Euren Angriff nicht überwachen, Redonzo. Ich kam nur zufällig in die Gegend, um unserem burgundischen Freund die Stadt zu zeigen.«

Redonzo schien nicht viel von Bankiers zu halten, denn er maß Lea mit einem verächtlichen Blick und schien sich zu fragen, wieso ein spanischer Grande sich mit einem so unbedeutenden Wesen abgab.

Medicaneli schien seine Gedanken lesen zu können. »Ihr solltet die Macht der Bankleute nicht unterschätzen, Redonzo. In ihren Truhen liegt mehr Geld als in denen der Könige und Kaiser. Man sagt, Don Carlos von Burgund habe seine Tochter Marie nicht zuletzt deswegen dem Habsburger Maximilian zur Gemahlin gegeben, weil sich dessen Bankiers als großzügiger erwiesen als jene seines französischen Konkurrenten.«

Man konnte sehen, dass das über den Horizont des Hauptmanns ging. Er blickte sich hastig um und bat den Herzog, sich verabschieden zu dürfen, da er den Angriff leiten müsse. Medicaneli gestattete es gnädig und lenkte seinen Rappen ein wenig zu Seite. »Es wäre besser, wenn Ihr Cereza fester am Zügel nehmt, Saint Jacques. Es wird gleich etwas laut werden.«

Lea befolgte den Rat, ohne die Augen von den Soldaten zu lassen, die den Hang bis fast zur Hälfte hinabstiegen, dort stehen blieben und ihre Arkebusen schussfertig machten. In dem Moment waren die Straßen Granadas wie leer gefegt. Einen Augenblick später öffnete sich das Tor, und der Kriegertrupp, den Lea gesehen hatte, machte einen Ausfall. Da befahl Redonzo seinen Männern zu feuern.

Es knallte ohrenbetäubend, gleichzeitig wurden die spanischen Soldaten von einer dichten Qualmwolke eingehüllt, die der Wind auf Lea zutrieb. Der Pulverdampf setzte sich beißend in Mund, Nase und Augen fest, und erst als die letzten Schwaden sich verzogen hatten, konnte Lea wieder auf Granada hinabblicken. Die Mauren hatten sich inzwischen zurückgezogen und das Tor hinter sich geschlossen.

Medicaneli zuckte verächtlich mit den Schultern. »Granada wird sich nicht mehr lange halten. Boabdil wagt es ja nicht einmal, eine einzige Kompanie angreifen zu lassen.«

»Hätte er den Angriff befohlen, wären die Soldaten dort wohl in arge Schwierigkeiten geraten und wir mit ihnen.«

Der Herzog winkte ab. »Nicht wir, sondern Boabdil, denn hinter den Hügeln warten mehrere tausend unserer

Männer darauf, dass die maurischen Feiglinge endlich ihre Nasen zeigen.«

»Vielleicht wissen die Mauren das und bleiben deswegen zu Hause.«

Medicaneli maß sie mit einem grimmigen Blick. »Das ist kein ehrenhaftes Verhalten. Wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, muss man kämpfen und hoffen, doch noch irgendwie zu siegen. Sonst kann man nur die Schläge hinnehmen wie ein Sklave, und wie es aussieht, hat Boabdil sich für Letzteres entschieden. Aber mich interessiert der Maure im Augenblick weniger als Ihr, Saint Jacques. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich Euch helfen soll.«

Leas Gedanken überschlugen sich. Wenn Medicaneli sie nicht unterstützte, hatte sie wertvolle Zeit verloren. Jetzt ärgerte sie sich, weil sie die letzten Wochen nicht dazu genutzt hatte, weitere Kontakte zu knüpfen. Allerdings hatte es auch kaum Gelegenheit dazu gegeben, denn bisher war keiner der anderen Gewährsleute, die Orlando ihr genannt hatte, im Kriegslager aufgetaucht. Sie wusste daher immer noch nicht, ob Baramosta sich überhaupt noch in seiner Zuflucht befand. Vielleicht lebten er und die Seinen schon längst nicht mehr, und ihr Auftrag war gescheitert.

»Ich verstehe Euch nicht, Euer Ehren. Ich habe angenommen, Orlando Terasa wäre Euer Freund.«

»Orlando ist ein Narr! Genau wie sein Vater und sein Onkel will auch er nicht einsehen, dass es für einen konvertierten Juden in Spanien nur einen Platz gibt, an dem er sicher ist, nämlich am Hof der Könige. Don Manuel und Don Rodrigo haben sich eingebildet, sie könnten genauso weiterleben wie ihre Ahnen und mit dem Handel Geld verdienen. Damit haben sie solch fanatischen Kreaturen wie Montoya und seinem Anhang aber erst die Möglichkeit gegeben, gegen sie vorzugehen.«

Lea holte tief Luft. Orlando war Jude - das war alles, was sie den Worten des Herzogs zunächst entnahm. Wie blind war sie gewesen! Sie hatte Tage und Wochen in seiner Gesellschaft verbracht, und es war ihr nicht aufgefallen. Zwar hatte er gelegentlich Schweinefleisch gegessen, aber nur in Gesellschaft fremder Menschen, in der er das Angebot des Wirts nicht hatte zurückweisen können, ohne sich verdächtig zu machen. Sein Wissen über jüdische Bräuche und die Leichtigkeit, mit der er mit konservativen Juden vom Schlag eines Ruben ben Makkabi umgegangen war, hätten ihr die Augen öffnen müssen.

Eigentlich sollte sie sich über diese Nachricht freuen, stattdessen aber benötigte sie alle Kraft, die sie aufbringen konnte, um nicht in Tränen auszubrechen. Nun würde sie sich in Orlandos Gegenwart noch mehr in Acht nehmen müssen, damit er ihr wahres Geschlecht nicht entdeckte, oder besser noch ihn für immer meiden. Jüdische Männer achteten sorgfältig darauf, dass ihre Frauen keinen Fingerbreit von Sitte und Brauch abwichen, und ein Mädchen, das sich für einen Mann ausgab, war nicht nur in Rachels Augen ein Gräuel vor dem Herrn.

Medicaneli sah sie scharf an. »Passt es Euch nicht, was ich über Terasa gesagt habe, oder wusstet Ihr nicht, dass er ein Converso ist? Ich hoffe, Ihr steht noch zu Eurem Plan, Saint Jacques, denn ich habe mich gerade entschieden, Euch beizustehen. Doch sagt Orlando Terasa de Quereda y Cunjol, es ist das letzte Mal gewesen, und nennt ihm auch meinen Preis für diese Unterstützung. Er hat hier in Spanien viel Geld von geflohenen Juden und Conversos verborgen, das er für seine Pläne benutzen will. Aber dieses Geld hätten Ihre Majestäten für den Feldzug gegen Granada gut gebrauchen können, und es ist mein Wille, dass es den vereinigten Reichen Spaniens zugute kommt. Unter dieser Bedingung bin ich bereit, Euch zu unterstützen.«

Lea überlegte scharf, was sie antworten sollte. Darauf hatte Orlando - oder vielmehr Don Orlando - sie nicht vorbereitet. Ihr Quälgeist war also nicht nur ein konvertierter Jude, sondern überdies noch ein Mann von Stand, ein Adliger, dem ein Herold vorangehen durfte, um seinen Wappenschild zu tragen. Jetzt wunderte es sie nicht mehr, dass er mit einem Souverän wie dem Herzog von Burgund beinahe wie von gleich zu gleich umgegangen war, während sie selbst wie ein Häufchen Elend daneben gesessen und sich an das andere Ende der Welt gewünscht hatte. Medicaneli schnaufte verärgert. »Ihr zögert mir zu lange mit einer Antwort«

»Verzeiht, Euer Gnaden, aber Ihr seht mich verblüfft. Wie kann es sein, dass ein Jude in diesem Land in den Adelsstand erhoben wurde?«

»Als Jude gewiss nicht!«, spottete der Herzog. »Orlando Terasas Großvater entsagte dem mosaischen Glauben und ließ sich taufen. Als eifriger Diener König Juans II. wurde er später in den Adelsstand erhoben, und Orlando würde heute zu den Granden Kastiliens zählen, hätte Don Manuel, sein Vater, nicht die Tochter eines heimlichen Juden zum Weib genommen und wäre wieder ein Händler geworden.«

»Ihr seid doch auch der Nachkomme eines konvertierten Juden.« Diesen Pfeil musste Lea einfach abschießen. Medicaneli lächelte immer noch, aber nun wirkte es hochmütig.

»Meine Großmutter war Jüdin. Sie starb bei der Geburt meiner Mutter, und mein Großvater, der sehr an ihr gehangen hatte, wurde daraufhin Christ. Da seine Tochter ein reiches Erbe zu erwarten hatte, warb mein Vater um sie und führte sie heim. Doch seid versichert, Saint Jacques, dass in meinen Adern das edelste Blut Spaniens fließt und keine jüdischen Irrlehren mich davon abbrin-gen können, meinem Vaterland mit aller Kraft zu dienen.«

Aus diesen Worten sprach eine schier grenzenlose Verachtung. Um den Herzog nicht zu erzürnen, äußerte Lea sich nicht dazu, sondern kehrte zu seiner Forderung zurück. »Ich wusste nicht, dass Orlando noch so viel Geld in Spanien verborgen hält.«

»Aber es ist so. Dieses Geld ist der Preis für meine Hilfe.«

»Ich werde Eure Forderung Orlando überbringen und ihn bitten, sie zu erfüllen.«

»Gebt mir Euer Ehrenwort, dass das Geld in die Hände Ihrer Majestäten kommt. Orlando wird sich daran halten.«

Lea nickte dem Herzog kurz zu. »Mein Wort habt Ihr. Ich werde alles daransetzen, das Gold in die Hände des Königspaars gelangen zu lassen. Könnt Ihr mir nun sagen, was Ihr über Baramosta wisst? Befindet er sich noch in Freiheit?«

»Freiheit ist nicht ganz das richtige Wort. Er versteckt sich noch immer im Kloster San Juan de Bereja, aber seine Häscher liegen keine tausend Schritt entfernt auf der Lauer.«

Lea bohrte nach. »Wo genau befindet sich das Kloster, und wie kann man ihn von dort wegholen?«

»Das Kloster liegt etwa zehn Leguas nordwestlich von Alicante in der Nähe der Stadt Almansa. Gewöhnt Euch besser an den Sattel, denn Ihr werdet einige Tage reiten müssen, um dorthin zu kommen. Wie Ihr Baramosta von dort wegbringt, bleibt Eurer Findigkeit überlassen. Wenn Ihr Glück habt, hilft Euch Jose Albanez, der Abt des Klosters, dabei.«

Lea sah Medicaneli an, dass er zu keinen weiteren Auskünften bereit war, obwohl er sicher viel mehr wusste. Sie fragte ihn auch nicht, denn sie erinnerte sich an

Orlandos Rat, von seinen spanischen Gewährsleuten nicht zu viel zu erwarten.

Medicaneli schien ihr anzusehen, dass sie nicht ganz zufrieden war. »Um Euren Wissensdurst zu stillen, will ich Euch noch mitteilen, dass Capitano Ristellis Schiff vor kurzem in den Hafen von Alicante eingelaufen ist. Es hat unterwegs im Sturm gelitten und wird daher mindestens vier Wochen in Alicante bleiben müssen. Bis dorthin solltet Ihr Euer Vorhaben abgeschlossen haben.«

Lea ärgerte sich erneut über den unverhohlenen Spott in seiner Stimme und musste sich zwingen, freundlich zu bleiben. »Ich danke Euch für diese Botschaft, Euer Gnaden.«

Sie stellte sich in den Steigbügeln auf und verbeugte sich geziert, verlor dabei jedoch das Gleichgewicht und konnte sich nur mit Mühe auf der Stute halten.

Medicaneli gluckste vor Vergnügen, wurde aber schnell wieder ernst. »Lasst Euch dabei aber nicht von meinem Freund Montoya erwischen, Saint Jacques. Er wäre sonst versucht, Euch als Waffe gegen mich einzusetzen.«

Lea verstand den Mann immer weniger. Wenn der Herzog Angst hatte, dass ein Feind die Situation ausnützen und ihm schaden könnte, sollte er doch alles tun, um der Sache ein Ende zu machen. Sie kam jedoch nicht dazu, ihm das zu sagen, denn Medicaneli trieb sein Pferd an, und sie hatte alle Hände voll zu tun, sich auf dem ihren zu halten. Erst als Santa Fee vor ihnen auftauchte, nahm er das Tempo zurück und wies lächelnd auf die Stute.

»Ihr werdet ein Pferd brauchen, Saint Jacques. Erlaubt mir, Euch Cereza zur Verfügung zu stellen. Mich würde allerdings interessieren, wie Ihr das Feldlager verlassen wollt, ohne dass Herr de Grovius Einspruch erhebt?«

Lea tätschelte den Hals der Stute und betete stumm, dass das Geschöpf seine Geduld mit ihr auch dann nicht verlieren würde, wenn sie allein unterwegs waren. »Ich danke Euer Gnaden für Eure Großzügigkeit. Was Mijn-heer van Grovius' Erlaubnis zu einem Abstecher nach Alicante betrifft, so dürfte sie zu erhalten sein, denn er weiß bereits, dass ich den dortigen Repräsentanten meines Bankhauses aufsuchen muss.«

»Dann tut das aber auch, und vergesst es nicht.« Der Herzog lüpfte lächelnd den Hut und ritt sichtlich gut gelaunt auf sein Quartier zu. Während er abstieg, berichtete er den Höflingen, die sich um ihn sammelten, mit weithin hallender Stimme von dem Angriff der kastilischen Arke-busiere und dem feigen Rückzug der Mauren.

2.

Es war leichter, das Kriegslager zu verlassen, als Lea erwartet hatte. Frans van Grovius, der mittlerweile fast täglich an die königliche Tafel geladen wurde, hörte nicht einmal richtig zu, als sie ihm erklärte, nach Alicante reisen zu müssen, sondern wünschte ihr nur uninteressiert gute Reise und ließ sie stehen. Erleichtert machte sie sich auf den Weg in ihr Quartier, als ihr einfiel, dass sie ihre Abreise ja auch noch ihren Freunden plausibel machen musste. Das, dachte sie, würde um einiges schwieriger werden. Sie hatte das Zelt, das sie mit de Poleur, da la Massoulet und von Kandern teilte, jedoch noch nicht erreicht, als ihr Thibaut freudestrahlend entgegeneilte.

»Schön, dass du kommst, Leon. Es gibt wunderbare Neuigkeiten.«

»Haben die Mauren sich ergeben?«, fragte Lea spöttisch. De Poleur schüttelte lachend den Kopf. »Das noch nicht. Aber unser spanischer Freund Raul de Llorza hat uns auf das Gut seiner Familie eingeladen. Es liegt etwas nördlich von Albacete am Rio Jucar, In der Nähe soll es Menschen geben, die ihre Häuser in die Bergwände hineingegraben haben. Kannst du dir das vorstellen?«

Lea konnte sich derzeit überhaupt nichts vorstellen, und sie kannte auch keinen Raul de Llorza. De Poleur war ein Meister darin, neue Bekanntschaften zu schließen, das wusste sie, aber dennoch fragte sie sich, aus welchem Grund einer der bis zum Übermaß stolzen und zurückhaltenden spanischen Edelleute den jungen Burgunder und sie zu sich nach Hause einlud. Als sie ihre Verwunderung äußerte, schlug de Poleur ihr grinsend auf die Schulter.

»Natürlich sind nicht nur wir beide eingeladen. De la Massoulet und von Kandern kommen natürlich mit. Van Haalen wäre auch gerne dabei, aber van Grovius will nicht auf seine Dienste verzichten. Morgen früh geht's los. Du hast ja jetzt deine Cereza. Das Stutchen ist gerade das Richtige für einen Stubenhocker wie dich, der lieber Gulden und Dukaten zählt, als einen herzhaften Ritt zu wagen.«

Lea war nicht beleidigt, denn seine Freundschaft zu ihr oder besser gesagt zu Leon de Saint Jacques war tief und ehrlich. Es war die Art, wie de Poleur sich Luft machen musste, denn hier im Feldlager lungerte er genauso beschäftigungslos herum wie im Monasterio San Isidro, und so war er außer sich vor Freude, endlich mehr von dem sagenumwobenen Land sehen zu können, in dem sie sich befanden.

Leas Begeisterung hielt sich eher in Grenzen. »Ich weiß nicht, ob ich mit Euch kommen kann. Ich muss dringend nach Alicante reisen.«

De Poleur wischte diesen Einwand mit einer weit ausholenden Geste beiseite. »Ich weiß, ich weiß! Bankiersgeschäfte gehen für deinereinen ja vor. Aber unser Freund de Llorza hat schon gesagt, das sei kein Problem. Wir haben bis Murcia den gleichen Weg, und du solltest nachkommen, wenn du deinen Auftrag erledigt hast.«

Lea stellten sich die Haare auf. Wie konnte dieser Raul de Llorza von ihrer Absicht wissen, nach Alicante zu reiten? Steckte Montoya dahinter? Hatte er sie entlarvt und wollte sie auf diese Weise unauffällig in die Hand bekommen? Sie schalt sich wegen ihres Kleinmuts. Wahrscheinlich hatte der Herzog von Medicaneli unauffällig eingegriffen, um ihr auf diese Weise weiterzuhelfen. Auf jeden Fall lenkte die Einladung auf die Güter der Familie de Llorza Neugierige von ihrem Ausflug nach Alicante ab, dachte sie zufrieden.

Als sie kurz darauf im Zelt die Karte von Spanien aufschlug, die Orlando ihr mitgegeben hatte, presste sie die Hand auf den Mund, um einen Freudenruf zu unterdrücken. Don Raul de Llorzas Gut lag keine zehn Leguas vom Monasterio San Juan de Bereja entfernt. Unauffälliger als in der Begleitung des ihr jetzt noch unbekannten Edelmanns hätte sie nicht in die Nähe ihres Ziels gelangen können.

3.

Während Lea Pläne wälzte, wie sie die geradezu ideale Situation ausnutzen konnte, erreichte Orlando mit dem englischen Handelssegler »Seagull« die Küste Spaniens. Von Bilbao aus, dem Ziel Kapitän Hor-nes, wollte er ein Stück über Land bis zum Ebro reisen, mit einem Boot bis nach Tortosa fahren und dort auf einen Küstensegler umsteigen, der ihn nach Alicante bringen würde. Spätestens in dieser Stadt hoffte er, von seinen Gewährsleuten etwas über Leas Schicksal zu erfahren.

Orlando war so nervös, dass er die »Seagull« am liebsten schon in dem Augenblick verlassen hätte, in dem das Schiff an der Hafenmole festgezurrt wurde, doch er wollte Master Hörne keinen Ärger bereiten. Der Kapitän musste zuerst sein Schiff samt Passagieren und Ladung bei den Behörden anmelden. War die Bürokratie in den meisten Häfen schon ein Ärgernis, so stellten Spaniens Beamte eine besondere Plage dar. Ohne Stempel und Siegel des Hafenmeisters durfte, wie ein Matrose spottete, nicht einmal eine Ratte an Land.

Hörne blieb mehrere Stunden weg, und als er wiederkam, glänzte sein Gesicht verdächtig. Auch sein schwankender Gang deutete darauf hin, dass er sein Augenmerk weniger auf die spanischen Beamten als auf den hiesigen Wein gerichtet hatte. Dryer, der Zahlmeister, der ihn begleitet hatte, wirkte hingegen nüchtern und abgehetzt. Während Horne in seine Kajüte taumelte, kam er auf Orlando zu.

»Sie können jetzt von Bord gehen, Sir.«

Auf diese Worte hatte Orlando gewartet. Er warf sich seinen Reisesack über die Schulter und verabschiedete sich herzlich von dem Zahlmeister.

»Bis zum nächsten Mal, Master Dryer. Richtet Master Hörne einen schönen Gruß von mir aus.«

»Das werde ich tun.« Die Stimme des Zahlmeisters klang gepresst. Er blieb stocksteif stehen und sah Orlando nach, bis dieser festen Boden unter den Füßen hatte und in das bunte Gewimmel der Matrosen, Huren und Handelsleute eintauchen wollte. In dem Moment kam wieder Bewegung in den Mann. Er lief Orlando nach und hielt ihn am Ärmel fest.

»Sorry, Sir, ich habe etwas vergessen. Master Hörne musste dem Stellvertreter des Hafenmeisters hundert Ma-ravedis versprechen, damit er Euch erlaubte, das Schiff bereits heute zu verlassen, aber er war leider nicht mehr in der Lage, Euch das mitzuteilen.«

»Das war er wirklich nicht.« Orlando, der schon einige Male mit Hörne gefahren war und ihn zu kennen glaubte, fand es eigenartig, dass der Kapitän sich gleich nach der Ankunft hatte voll laufen lassen. Wenigstens hatte Hörne vorher noch dafür gesorgt, dass sein Passagier das Schiff verlassen durfte, das war Orlando die hundert Maravedis wert. Während er nach seiner Geldbörse griff, zog der Zahlmeister ihn ein wenig beiseite. Dabei stießen sie gegen einen Mönch im schwarzen Habit des Dominikanerordens.

»Perdone usted, Padre«, entschuldigte Orlando sich. Im gleichen Moment wich der Zahlmeister zurück, und ein Dutzend Soldaten schienen um Orlando herum aus dem Boden zu wachsen und richteten ihre Speere auf ihn.

»Buenos dias, Don Orlando Terasa de Quereda y Cun-jol! Oder sollen wir besser Senor Cabeza de Pez sagen?« Der Dominikaner hatte sich hinter den Soldaten aufgestellt und betrachtete Orlando wie eine Katze die gefangene Maus.

Orlando starrte auf die Speerspitzen und ließ die Schultern sinken. Sein Glück hatte ihn nun endgültig verlassen, und er musste an seinen Vater denken, der ihn wohl noch im Grabe verfluchen würde. Während vier der Bewaffneten ihn packten und seine Arme auf den Rücken bogen, warf er dem Zahlmeister, der neugierig hinter den Soldaten stehen geblieben war, einen bösen Blick zu. »Judas!«

Dryer wurde blass und zog sich ein paar Schritte zurück, als fürchte er, verhext zu werden. Auch die Männer, die Orlando fesselten, warfen sich ängstliche Blicke zu, die ihre grimmigen Mienen Lügen straften, und der Dominikaner murmelte Gebete, mit denen böse Dämonen gebannt werden sollten.

»Nehmt den Kerl in die Mitte. Wir werden ihn heute Nacht im Kerker unseres Klosters unterbringen«, befahl der Mönch, nachdem man Orlando so viele Stricke um den Leib gebunden hatte, dass er kaum noch Luft bekam. »Morgen holt ihr diesen Dämon heraus, steckt ihn in den eisernen Karren und bringt ihn nach Santa Pola. Seine Gnaden, der Herzog von Montoya, will ihn dort persönlich verhören.«

Auf den fragenden Blick des Hauptmanns reagierte der Mönch mit einem Kreuzzeichen über dem Mann. »Sei unbesorgt. Ich werde Euch zusammen mit zwei meiner Brüder begleiten.«

Der Hauptmann nickte zufrieden und gab seinen Männern den Befehl, Orlando Terasa zwischen sich zu nehmen und ihn mit den Speeren in Schach zu halten.

Der Zahlmeister der »Seagull« wagte es nun, sich dem Mönch zu nähern. »Dispenseme, Padre, doch habt Ihr nicht etwas vergessen?«

Als der Mönch ihn fragend ansah, machte Dryer das Zeichen des Geldzählens.

»Ach so, du willst deine Belohnung, Ingles. Keine Sor-ge, sowie mein Bericht, den ich heute noch aufsetze, das Heilige Offizium erreicht hat, wirst du dein Geld erhalten. Am besten machst du dich sofort auf den Weg nach Valladolid, um deine Reales dort abzuholen.« Er sprach einen kurzen Segen über den Zahlmeister, drängte sich durch die Menge, die bei Orlandos Verhaftung zusammengelaufen war und den Zwischenfall nun heiß diskutierte, und eilte hinter den Soldaten her.

Dryer wusste nicht, ob er sich auf die Belohnung freuen oder über diese kurze Abfertigung ärgern sollte. Bis Valladolid war es ein weiter Weg, und er würde seinen guten Posten an Bord der »Seagull« aufgeben müssen, um dorthin zu reisen. Dabei stand zu befürchten, dass die Herren der Inquisition ähnlich langsam reagierten wie die königlichen Behörden und er ein halbes Jahr oder länger warten musste, bis man sich gnädigerweise herabließ, ihm sein Geld auszuzahlen.

Eine innere Stimme sagte ihm, dass er das Gold wohl nie erhalten werde und der Verlust seiner Stellung die Strafe für seinen Verrat sei, und für einen kurzen Moment wünschte er sich selbst zum Teufel. Dann aber sah er die dreitausend goldenen Reales vor sich und beschloss, sie sich zu holen, und wenn er Tag und Nacht vor der Tür des Großinquisitors ausharren musste, um sie zu bekommen. Es ging schließlich nicht nur um dreißig lächerliche Silberlinge, für die Jesus Christus verraten worden war.

4.

Als Lea sich am Morgen für den Ritt nach Alicante fertig machte, erhielt sie Besuch von Cristoforo Co-lombo. Leas Freunde nahmen sich kaum Zeit für einen kurzen Gruß, sondern verschwanden unter fadenscheinigen Vorwänden aus dem Zelt, denn ihnen graute, wie sie ihr mehrfach versichert hatten, vor den endlos langen Vorträgen des Genuesen. Colombo gönnte ihnen nicht einmal einen Blick, sondern kam auf Lea zu und ergriff ihre Hand.

»Ich habe gehört, dass Ihr das Feldlager verlasst, Saint Jacques, und will mich von Euch verabschieden, für den Fall, dass wir uns nicht Wiedersehen.«

Lea sah ihn neugierig an. »Habt Ihr es geschafft? Geht es nun bald nach Indien?«

Colombos Gesicht verdüsterte sich. »Nein, ich habe es noch nicht geschafft. Die Königin ist meinem Vorhaben gewogen, und edle Männer wie der Herzog von Medica-neli und Luis de Santangel, der Verwalter der Privatschatulle König Fernandos, haben mich nach Kräften unterstützt, aber wie ich gehört habe, werden die ehrwürdigen Herren der Universität von Salamanca mein Ansuchen ablehnen. Meine Berechnungen seien falsch, behaupten sie, denn die Erde wäre viel größer, als ich es angegeben habe, und der Weg nach Westen so lang, dass kein Schiff ihn je würde zurücklegen können. Dabei habe ich ihnen Toscanellis Briefe vorgelegt, in denen er meine Ausführungen in allen Punkten bestätigt, und ihnen die Karten gezeigt, auf denen die Insel Antillas eingezeichnet ist, die auf dem Weg nach Indien liegt. Die Karthager haben die-ses sagenumwobene Eiland bereits vor mehr als anderthalbtausend Jahren erreicht, denn seit dieser Zeit wird seine Lage überliefert.«

Colombo hatte sich angewöhnt, Lea im Abstand von ein paar Tagen sein Leid zu klagen, da sie die Einzige war, die ihm jederzeit geduldig zuhörte. Heute aber fiel er sogar ihr lästig, denn all ihre Gedanken waren auf den weiten Ritt gerichtet, der vor ihr lag. Zu allen anderen Problemen hatte sich noch ein weiteres gesellt, denn sie bekam ihre unreinen Tage. Bisher war es ihr immer gelungen, die Blutung geheim zu halten, aber sie fürchtete, dass das Werg, das sie als Ersatz für das gewohnte Moos in Binden gewickelt hatte, dem Druck des Sattels nachgeben und ihre Hose sich rot färben würde. Während sie noch überlegte, was sie tun konnte, um sich nicht auf diese Weise zu verraten, redete Colombo ununterbrochen weiter.

»... gibt noch die Chance, dass Ihre Majestäten den Vorschlag Don Luis de Santangels annehmen. Er ist nämlich bereit, meine Reise aus seinem Privatvermögen zu bezahlen.«

»Das würde mich freuen, Senor Colombo, denn ich bin überzeugt, dass Eurem Unternehmen Erfolg beschieden sein wird. Doch jetzt entschuldigt mich. Meine Gefährten warten bereits, und wir haben einen weiten Weg vor uns.«

»Buen viaje, Saint Jacques. Ich hoffe, Ihr könnt mir dasselbe wünschen, wenn Ihr zurückkommt.« Colombo klopfte Lea auf die Schulter und verließ etwas fröhlicher das Zelt.

»E buena suerte, Senor Colombo, viel Glück!«, rief sie ihm auf Spanisch und Deutsch nach, griff nach ihrem Gepäck und folgte ihm ins Freie.

Im Pferch musste sie den Kuss einer feuchten Pferde-schnauze über sich ergehen lassen und Cereza erst einmal an einer kitzligen Stelle ihrer Mähne kraulen, bevor sie ihr den Sattel auflegen konnte. Als sie die Satteltaschen und ihre Gepäckrolle befestigt hatte, holte sie noch einmal tief Luft und stieg steifbeinig auf.

»Dort kommt de Llorza«, rief de Poleur und deutete hinter Lea. Lea zog die Stute herum, damit sie dem Ankömmling entgegensehen konnte. Raul de Llorza war ein schlanker Mann Mitte zwanzig in engen schwarzen Hosen und einem dunkelgrauen Wams. Auf dem Kopf trug er einen hellgrauen Hut, dessen Krempe kaum breiter war als ein Finger und Lea an den Fez des Osmanen erinnerte, dessen Skizze sie vor kurzem bei einem der Maler aus dem burgundischen Stab gesehen hatte. Obwohl de Llor-za kaum älter war als seine Gäste, bewegte er sich so bedächtig und geziert, dass Leas Begleiter neben ihm wie Lausbuben wirkten.

»Buenos dias, Senores.« De Llorzas Gruß fehlte jede Herzlichkeit. Lea kam es so vor, als fasste er diesen Ausflug als lästige Pflicht auf, zu der ihn jemand genötigt hatte, und sie fragte sich, wer die Macht besaß, diesem arroganten jungen Mann seinen Willen aufzuzwingen und sie und ihre Freunde in die Nähe des Ortes zu bringen, der ihr Ziel war. Das konnte nur Medicanelis Werk sein.

Während de Poleur ihren Gastgeber lärmend begrüßte, hielt Lea sich zurück. Der Blick, den der Spanier ihr zuwarf, zeigte nur allzu deutlich, dass er keinen Wert auf ihre Bekanntschaft legte, denn er zuckte verächtlich mit den Schultern und murmelte etwas wie »comerciante«, was ihres Wissens nach Händler bedeutete. Hier mochte es die Bedeutung von »Pfeffersack« haben, wie die Ritter auf ihren Burgen die Kaufherren in den Städten beschimpften, deren Reichtum ihnen ein Dorn im Auge war.

De Llorzas Haltung kam Lea gerade recht, denn je we-niger er sie beachtete, umso freier konnte sie sich bewegen. Sie ließ ihre Freunde voranreiten und sah lächelnd zu, wie sie den Spanier in ihrem schlechten Kastilisch nervten. Solange die drei mit ihrem Gastgeber beschäftigt waren, konnten sie nicht über Saint Jacques' mangelnde Reitkünste lästern.

Allerdings ritten die vier Bediensteten, die auf ihren plumpen braunen Pferden den Schluss der Gruppe bildeten, auch nicht besser, wie Lea erleichtert feststellte. Für eine Weile beschäftigte sie der Kontrast zwischen den vier bäuerlichen Gestalten hinter ihr und dem Edelmann, der einen halbwilden und auf maurische Weise gezäumten Grauschimmel ritt. Die Zügel und Riemen des Pferdes trugen einen hellen Samtüberzug und waren mit flatternden roten Tressen geschmückt, der Sattel mit Silberfiligran beschlagen und die Satteldecke dicht mit Rankenwerk bestickt. Cerezas Zaumzeug wirkte dagegen schlicht, war aber im Gegensatz zu dem der Reittiere hinter ihr von guter Qualität. Das Schwert, das Lea am Abend zuvor von einem Boten erhalten hatte, konnte sich auch neben der Waffe de Llorzas sehen lassen. Zwar war sein Griff nicht so reich verziert und es trug auch keine Juwelen auf der Scheide, aber die Klinge war aus dem besten Stahl, Es war in Toledo geschmiedet worden und ungewöhnlich scharf, wie de Poleur ihr bestätigt hatte. Thibaut war beim Anblick der Waffe direkt neidisch geworden und hatte sie eine Weile geschwungen, ehe er sie in die Scheide zurückgesteckt und Lea geholfen hatte, das Schwertgehänge anzupassen.

Zu Leas Erleichterung war das Schwert um einiges kleiner und leichter als die Waffen ihrer Freunde und lag ihr wunderbar in der Hand; und doch fühlte sie sich damit nicht so sicher wie mit dem Dolch. Sie hatte nie gelernt, mit einer Waffe zu kämpfen, und wusste, dass sie sich schon beim ersten Hieb blamieren würde. Das war jedoch nicht der einzige Grund, warum das Schwert ihr Kopfzerbrechen bereitete. Wer auch immer es ihr geschickt hatte, schien überzeugt zu sein, dass ein gefährlicher Weg vor ihr lag.

5.

Eine knappe Woche später hielt Lea Cereza zurück, als diese wie gewohnt den anderen Pferden folgen wollte. Hinter ihr lag eine ereignislose Reise durch ein felsiges Land, das jetzt im Winter grün schimmerte, im Sommer jedoch, wie sie von de Llorzas Diener erfahren hatte, unter einer sengenden Sonne lag, die einem das Mark aus den Knochen brannte. Die Gruppe hatte Granada im weiten Bogen umgangen und war zunächst zwei Tage lang durch das ehemalige Emirat geritten. Lea war bald klar geworden, dass Raul de Llorza neben seinem Hochmut noch über weitere ihr unsympathische Charaktereigenschaften verfügte. Mauren, die ihnen unterwegs begegnet waren, hatte er wie Sklaven behandelt und sich so benommen, als wäre allein der Anblick dieser Menschen schon eine Beleidigung für ihn, und einmal hatte er einen Juden, der ihm nicht schnell genug ausgewichen war, über den Haufen geritten und sich hinterher noch seiner Tat gebrüstet. Selbst Thibaut de Poleur, der sonst für jeden schlechten Scherz zu haben war, hatte sich in dem Moment abgewandt und angewidert das Gesicht verzogen.

Die unangenehmen Zwischenfälle waren der Grund, dass Lea es eine Weile genoss, das erste Mal seit Monaten allein zu sein. Doch als sie einem Soldatentrupp begegnete, der ihr den Weg versperrte und sie zum Ziel geschmackloser Witze machte, wurde ihr doch mulmig zumute, und sie wünschte sich, de Poleur wäre noch bei ihr, denn er hätte die Situation sicher mit ein, zwei Scherzworten entspannt. Zu ihrem Glück hatte der Anführer der Rotte es eilig und befahl seinen Männern mit scharfen Worten weiterzumarschieren.

Als Lea ihnen nachblickte, musste sie an Orlando denken. Mit ihm an der Seite hätte sie eben keine Furcht empfunden, denn er hätte den Soldaten allein durch seine Haltung Respekt eingeflößt. Sie erinnerte sich noch gut, wie sie sich gefragt hatte, woher ein einfacher Handelsagent eine so große Selbstsicherheit und eine Leichtigkeit im Auftreten hernahm, aber wenn man ein spanischer Edelmann mit dem klangvollen Namen Orlando Terasa de Quereda y Cunjol war, fiel es einem wahrscheinlich leicht, sich jedermann gegenüber richtig zu verhalten und gleichzeitig die Welt mit einem gewissen Spott zu betrachten.

An ihrer Stelle hätte Orlando auch genau gewusst, wie er die vor ihr liegende Aufgabe lösen konnte, während sie im Ungewissen tappte und von Selbstzweifeln zerfressen wurde. Eine Weile überlegte sie, ob sie zuerst nach Ali-cante reiten oder lieber gleich das Monasterio von San Juan de Bereja aufsuchen sollte. Ehe sie sich entschieden hatte, brach die Nacht herein, und weit und breit waren kein Dorf und keine Herberge zu sehen.

Da es um sie herum auch keine anderen Menschen gab, nutzte sie die Gelegenheit, sich am Ufer eines von dichtem Gebüsch umgebenen Rinnsals gründlich zu waschen und frische Brustwickel anzulegen. Dann rastete sie an einem noch glimmenden Feuer, das wohl Bauern auf einem Feld entzündet hatten, und nutzte die Gelegenheit, ihre gebrauchten Monatsbinden zu entsorgen, die sich als erstaunlich zuverlässig erwiesen hatten. Zufrieden sah sie zu, wie das verräterische Päckchen mit dem Werg zu Asche zerfiel. Es hatte seine Schuldigkeit getan. Als die Glut erloschen war, kuschelte Lea sich an ihre Stute, die sich ebenfalls niedergelegt hatte, und verbrachte eine ungestörte Nacht.

Trotz des unbequemen Lagers erwachte sie am Morgen so erfrischt wie schon lange nicht mehr, und als sie sich noch einmal in dem nahe gelegenen Bach gewaschen und Cereza getränkt hatte, fühlte sie sich zuversichtlicher als in den letzten Wochen. Sie beschloss, zuerst nach Alicante zu reiten, und folgte einer schlecht instand gehaltenen Straße nach Osten. Nach einer Weile stellte sie fest, dass es mit ihrem Mut doch nicht ganz so weit her war, wie sie gedacht hatte, denn ihre rechte Hand wanderte immer wieder zum Knauf ihres Schwertes und blieb darauf ruhen, als biete der kühle Griff ihr Sicherheit. Im Feldlager hatte sie viel von Räubern und Briganten gehört, die die Wege unsicher machen sollten, und schalt sich im Nachhinein über ihren Leichtsinn, die Nacht auf freiem Feld verbracht zu haben.

Als sie auf Reisende traf, die ebenfalls Alicante zum Ziel hatten, nahm sie deren Einladung, sich ihnen anzuschließen, dankbar an. Die Gruppe bestand aus Händlern und Hausierern, die mit Eseln und Maultieren unterwegs waren und sich über die Gesellschaft eines jungen Edelmanns mit einem scharfen Schwert an der Seite freuten. Lea blieb nur zu hoffen, dass die Männer nicht erfuhren, wie wenig sie diese Wertschätzung verdiente. Wenigstens hatte sie sich in den letzten Tagen so weit an den Sattel gewöhnt, um vor nicht allzu kritischen Augen als passabler Reiter erscheinen zu können. Das war vor allem Cere-zas Verdienst, dachte Lea und tätschelte der Stute dankbar den Hals. Jetzt, wo die Innenseiten ihrer Oberschenkel nicht mehr wie Feuer brannten und sie beim Traben nicht mehr wie ein nasser Sack auf den Sattel klatschte, machte ihr das Reiten sogar ein wenig Spaß.

Da ihre neuen Begleiter achtungsvoll Abstand hielten und Cereza von allein der Straße folgte, spann Lea sich wieder in ihre Gedanken ein und schreckte erst hoch, als einer der

Händler die bevorstehenden Festtage zu Ehren eines Heiligen erwähnte und dabei das Datum nannte. Beschämt erinnerte sie sich daran, dass in dieser Zeit das Chanukka-Fest gefeiert wurde. Zu Hause in Hartenburg würden die Cha-nukka-Lichter brennen und Sarah darauf achten, dass etwas besonders Gutes auf den Tisch kam. Sie fragte sich, ob Elie-ser diesmal das Hanerot sprechen oder ob Jochanan weiterhin die Rolle des Vorbeters einnehmen würde.

Bei dem Gedanken an das Chanukka-Fest fiel ihr ein, dass sie auf dieser Reise bereits Rosch ha-Schanah, Jörn Kippur und das Laubhüttenfest versäumt hatte, und machte sich Vorwürfe, weil sie wenigstens in Gedanken ihre Gebete sprechen hätte können. Sie war jedoch zu aufgewühlt gewesen, um sich an ihre religiösen Pflichten zu erinnern. Jetzt aber schwor sie sich, im neuen Jahr während der Feste zu Hause zu bleiben und sie so zu feiern, wie es sich für eine fromme Jüdin gehörte. Um ihr Gewissen zu beruhigen, bekräftigte sie ihr Vorhaben mit einem lautlosen Gebet.

Alicante lag etwa zwanzig Leguas westlich von Murcia, dem ersten Ziel ihrer burgundischen Freunde. Ein guter Reiter hätte den Weg, den Lea gewählt hatte, in zwei Tagen zurücklegen können, die Reisegruppe kam jedoch nur so schnell voran, wie es die widerspenstigen Tragtiere zuließen, und erreichte ihr Ziel erst am frühen Nachmittag des vierten Tages. Auf der Plaza Mayor verabschiedeten die Männer sich wortreich voneinander, und jeder dankte de Saint Jacques im Namen irgendeines Heiligen für seine Begleitung, so als hätte Lea sie vor Pestilenz und Feuer bewahrt. Während sie sich noch fragte, was an der von keinem Zwischenfall getrübten Reise so gefährlich gewesen war, löste sich die Gruppe auf und ließ sie allein zurück.

Für ein paar Augenblicke blieb Lea starr auf ihrem

Pferd sitzen, denn es war ihr bewusst geworden, dass ihr nun der Moment bevorstand, in dem ihre Maske einer harten Bewährungsprobe unterzogen wurde. Bankiers ließen sich nicht so leicht täuschen wie Edelleute, und sie achteten viel genauer auf die Papiere, die man ihnen vorlegte. Von den nächsten Stunden würde es abhängen, ob sie eine Chance bekam, Baramosta und die Seinen aus Spanien herauszubringen. Sie holte tief Luft und sprach einen beleibten Mann in derber Kleidung an.

»Entschuldigen Sie, Senor. Können Sie mir sagen, wo ich die Calle de San Justo finde?«

Der Dicke musterte ihre Stute, der man ansah, dass sie keinem armen Mann gehören konnte, und deutete eine Verneigung an.

»Nehmt den Weg da drüben, Euer Ehren, und biegt in die dritte Gasse ein, die zur linken Hand abgeht.«

»Muchas gracias, Senor.« Lea wollte dem Mann zum Dank eine kleine Münze reichen, doch er war schon wieder im Gewimmel der Menschen verschwunden. Vorsichtig lenkte sie Cereza, deren Brust die Menge teilte wie ein Schiffsbug die Wellen, durch das Gewimmel und erreichte bald die gesuchte Gasse. Das Haus, in dem der spanische Kompagnon der Bankiers Eelsmeer und Deventer aus Antwerpen lebte, war ein moderner Bau aus sorgfältig behauenen und mit einfachen Basreliefs geschmückten Sandsteinquadern. Er war zwar nicht höher als die schmalbrüstigen Häuser, die ihn umgaben, schien sie jedoch alle zu erdrücken. Lea ritt durch ein mehr als zwei Manneslängen hohes Tor in den Hof, stieg ab und warf einem herbeieilenden Knecht die Zügel zu.

»Ist Senor Barillo zu sprechen?«

Der Knecht nickte. »Si, Senor. Wenn Sie so gut wären, sich ins Oficina zu begeben und sich dort anzumelden. Ich kümmere mich inzwischen um Ihr Pferd.«

Lea wandte sich so hastig dem Eingang zu, dass ihr die Schwertscheide schmerzhaft gegen die Waden schlug, und fluchte leise über ihre innere Unruhe und Unsicherheit. Als sie das Vorzimmer des Bankiers betrat, hatte sie sich jedoch wieder in der Gewalt. »Buenos dias, Senor«, grüßte sie den am vordersten Schreibpult stehenden Kommis. »Mein Name ist Leon de Saint Jacques. Ich wollte fragen, ob Post für mich hier angekommen ist.«

Der Angestellte, ein hagerer Mann unbestimmbaren Alters, blickte auf und musterte sie mit blass schimmernden Augen. Er war kein Spanier, sondern eher ein Flame, den es hierher verschlagen hatte, und obwohl er vermutlich schon seit Jahren hier lebte, war sein Kastilisch um einiges schlechter als das ihre.

»Buenos dias, Don Leon. Wir haben Euch schon erwartet. Ich melde Euch sogleich bei Senor Barillo an.« Mit diesen Worten verließ er sein Pult und verschwand durch eine Tür in der Rückwand.

In den nächsten Minuten stand Lea Höllenängste aus. Jeden Moment erwartete sie, einen Inquisitor des Dominikanerordens mit seinen Männern hereinkommen und blanke Klingen aufblitzen zu sehen. Stattdessen kehrte der flämische Kommis in Begleitung eines untersetzten Spaniers in hellblauen Hosen und einem gleichfarbenen Wams zurück. Der Mann segelte auf Lea zu und begrüßte sie überschwänglich.

»Welch eine Freude, Euch zu sehen, Don Leon! Eure Ankunft wurde uns schon vor Monaten angekündigt, und wir waren sehr in Sorge um Euch. Es macht so viel Gesindel unsere Straßen unsicher, dass auch ein tapferer junger Herr wie Ihr seines Lebens nicht sicher ist. Und dann der Krieg mit diesen schrecklichen Mauren! Wer denen in die Hände fällt, wird einen Kopf kürzer gemacht, bevor er noch einmal Atem holen kann.«

Um Leas Lippen spielte ein nervöses Lächeln. »Wie Ihr seht, Senor Barillo, habe ich alle Gefahren gut überstanden. Ein Brief soll hier für mich angekommen sein.«

»Nicht nur ein Brief«, antwortete Barillo in einem Ton, als würde er die Wichtigkeit der Leute nach der Anzahl der Schreiben messen, die er für sie empfing. Er strich sich mit den Handflächen über sein Wams und bat Lea, ihm in sein Arbeitszimmer zu folgen.

»Ich habe alles vorbereitet«, erklärte er, während er einladend die Tür aufhielt.

Als Lea an Barillo vorbeiging, berührte ihre rechte Hand unwillkürlich den Schwertknauf. Es befand sich jedoch niemand sonst in dem Raum, der mit einem großen Tisch und vier bequemen Stühlen, einem Schrank, einem Schreibpult und zwei mit kräftigen Schlössern versehenen Truhen möbliert war. Die Fenster waren vergittert und die Außenwand an dieser Stelle mehr als eine Armspanne dick.

»Einen Moment bitte.« Barillo trat an den Schrank, öffnete ihn und holte ein mit einem roten Band umwickeltes Bündel heraus, das er an Lea weiterreichte. »Hier sind Eure Schreiben.«

Lea riss mit bebenden Händen das Band herunter und atmete auf, als sie sah, dass zwei der Briefe von Orlando stammten. Ohne auf den Bankier zu achten, brach sie die Siegel auf und faltete die Blätter auseinander. In dem ersten, den er ihr wohl schon von Antwerpen aus nachgesandt hatte, gab er ihr in dem von den jüdischen Händlern im Reich verwendeten Code eine Beschreibung, wie sie am besten zum Monasterio von San Juan de Bereja gelangte, und warnte sie dabei eindringlich vor allen möglichen Gefahren. Der andere Brief war eine Geldanweisung auf eine Summe von eintausend Gulden, mit denen sie ihre Auslagen begleichen sollte. Lea reichte dieses

Schreiben an Senor Barillo weiter. Der warf einen Blick darauf und befahl dann dem Kommis, der ihnen gefolgt war, die Summe bereitzustellen. Dann wandte er sich wieder Lea zu.

»Ihr könnt über noch höhere Summen verfügen, Don Leon. Ich habe ebenfalls einen Brief von Don Orlando Terasa erhalten, in dem er Euch seine sämtlichen Einlagen in unserem Bankhaus zur Verfügung stellt.«

Konnte es sich um jene Vermögen handeln, welche der Herzog von Medicaneli für seine Hilfe von ihr gefordert hatte? fragte Lea sich. Die Summe, die ihr Barillo auf ihre Frage hin nannte, war atemberaubend hoch. Da kamen all die Gelder nicht mit, die sie sich in den letzten sechs Jahren erarbeitet hatte.

»Wenn ich mehr brauche, werde ich es Euch wissen lassen, Senor Barillo«, sagte sie, nachdem sie sich gefasst hatte. »Zum jetzigen Zeitpunkt wäre mir jedoch mehr mit Auskünften gedient. Wisst Ihr, ob sich ein genuesischer Schiffer mit Namen Ristelli noch in Alicante befindet?«

»Si, das tut er. Wenn Ihr jetzt aus dem Fenster blickt, könnt Ihr ihn sogar kommen sehen.«

Lea eilte ans Fenster und sah hinaus. Der einzige Passant, der auf das Haus zusteuerte, war ein breitschultriger Mann mit Hosen, die um die Hüften und die Oberschenkel flatterten, unter dem Knie jedoch zusammengebunden waren, einem bis knapp über die Taille fallenden braunen Wams und einer fleckigen Filzkappe, deren ursprüngliche Farbe nicht mehr zu erkennen war. Sein Gesicht war von der Sonne verbrannt, und über die Wange zog sich eine fingerlange, rote Narbe. Mit seinem kurz gehaltenen, ergrauenden Bart und flinken Augen, denen nichts zu entgehen schien, wirkte er eher wie ein Pirat als wie ein ehrlicher Handelskapitän. Lea schob dieses Vorurteil sofort beiseite. Um Flüchtlinge aus Spanien hinauszuschmug-geln, brauchte es Männer, die bereit waren, dem Teufel in die Suppe zu spucken. Orlando hielt Ristelli für zuverlässig, und bisher hatte er sich Leas Erfahrung zufolge noch nie geirrt.

»Ich würde mich freuen, ein paar Worte mit dem Capi-tan sprechen zu können.«

»Senor Ristelli wird sich noch mehr freuen. Seit er hier in Alicante eingelaufen ist, hat er fast jeden Tag nach Euch gefragt, Don Leon.« Barillo hatte die Worte kaum ausgesprochen, als es im Vorraum laut wurde.

»Saint Jacques ist hier? Ich will ihn sofort sprechen!«, vernahm Lea eine harte, abgehackt klingende Stimme. Sie machte einen Schritt nach vorne, um in den Vorraum zurückzukehren, doch Barillo hielt sie zurück und eilte selbst hinaus. Lea hörte, wie er Ristelli schmeichelnd zu beruhigen suchte, dann öffnete sich die Tür erneut, und der Seekapitän stampfte breitbeinig hinein. Beim Anblick von Leon de Saint Jacques riss er die Augen auf. »Seit wann schickt Orlando Kinder, um Männerarbeit zu tun?«

Es war nicht gerade die Begrüßung, die Lea erwartet hatte. Sie verbeugte sich knapp und musterte den Kapitän dann - wie sie hoffte - etwas von oben herab. »Buenos dias, Senor. Ihr seid Ristelli, der Genuese?«

»Genau und das in eigener Person. Hier, ich habe einen Brief für Euch.« Mit diesen Worten griff Ristelli in eine Tasche und holte einen schmutzigen Fetzen Papier heraus, der so aussah, als habe er als Untersetzer für einen Weinbecher gedient. Lea ergriff das Papier, klappte es auf und erkannte Orlandos Handschrift. Er wies sie an, dem Kapitän bei ihrem ersten Zusammentreffen sofort zweihundert Dukaten auszuzahlen. Ristelli starrte sie so böse an, als wolle er den Raum ohne dieses Geld nicht mehr verlassen.

»Senor Barillo, würdet Ihr bitte so gut sein, dreihundert Dukaten für den Capitan zu holen.« Lea erhöhte die Summe aus eigenem Antrieb, um Ristelli bei Laune zu halten. Das Gesicht des Genuesen hellte sich sofort auf. Während Barillo den Raum verließ, um das Geld zu besorgen, trat er auf Lea zu.

»Ich kann jederzeit lossegeln, wenn es nötig sein sollte.«

»Und die Schäden an Eurem Schiff?«

Der Genuese zeigte ein verschlagenes Grinsen. »Manche Schäden lassen sich eben schneller beheben, als es aussieht. Wo soll ich die angekündigte Fracht an Bord nehmen?«

Orlando hatte Lea während der Reise nach Antwerpen einige Wege genannt, auf denen sie seinen Onkel und dessen Familie zur Küste schmuggeln konnte. Wegen der zu erwarteten Verfolgung hatte er die Flucht auf dem nahen Fluss als die aussichtsreichste angesehen. Lea hatte mehrfach die Karten studiert und war zu dem gleichen Schluss gekommen. »Don Orlando hat Cullera an der Mündung des Rio Jucar als Treffpunkt vorgeschlagen. Allerdings habe ich bis jetzt noch nichts in die Wege leiten können.«

»Dann wird es aber höchste Zeit!« Ristelli dachte kurz nach.

»Bei gutem Wind brauche ich zwei Tage bis Cullera, bei schlechtem vier, je nachdem, wie gut meine Aquilone das Cabo de la Nao umschifft. Ihr solltet diese Zeit im Auge behalten.«

»Dann ist es das Beste, Ihr segelt spätestens übermorgen in aller Frühe los, denn ab jetzt muss alles sehr schnell gehen.«

Ristelli nickte zustimmend. Zu einer Antwort kam er jedoch nicht mehr, da Barillo mit dem Geld zurückkehrte. Er händigte Lea den Beutel aus, die den Inhalt kurz ab-schätzte und ihn dann an Ristelli weiterreichte. »Wir sind uns also einig, Kapitän.«

Ristelli ergötzte sich an dem Glanz der Goldstücke und grinste breit. »Ihr könnt auf mich zählen, Messer Leon de Saint Jacques. Ich werde dort sein. Ach ja, eines hätte ich beinahe vergessen. Da ist noch ein Paket bei mir an Bord, das ich Euch aushändigen soll. Ich werde es Euch durch einen meiner Matrosen überbringen lassen.«

»Muchas gracias.« Lea wusste zwar nicht, um was es sich handeln konnte, war jedoch um jede Kleinigkeit dankbar, die ihr diese Aufgabe erleichtern konnte.

Als der Kapitän sich zum Gehen wandte, hielt sie ihn auf. »Halt, ich weiß noch nicht, wo ich heute Nacht einkehren werde. Daher ist es wohl besser, ich begleite Euch und hole das Paket selber ab.«

Der Genuese hob abwehrend die Hände. »Nein! Ich will nicht, dass man Euch bei mir an Bord sieht.«

Barillo trat lächelnd dazwischen. »Ihr seid selbstverständlich mein Gast, Don Leon. Ich habe Felipe bereits zu meiner Esposa geschickt, damit sie den Mägden befiehlt, Euch ein Zimmer zu richten. Also könnt Ihr Euer Paket hier in Empfang nehmen.«

Lea dankte ihm mit einer höflichen Verbeugung. »Ich bin Euch sehr verbunden, Senor Barillo. Und Ihr, Capi-tan, könnt mir Euren Matrosen senden.«

Ristelli brummte zufrieden und verließ mit einem recht freundlichen Arrivederci das Bankhaus, während Lea Ba-rillo in das Obergeschoss folgte, in dem sich seine Privaträume befanden.

Die Hausfrau empfing den so lange erwarteten Gast mit Ehrerbietung und führte Lea in das für sie vorbereitete Zimmer. Es war nur eine Kammer, deren Fenster nicht größer war als eine Schießscharte, aber ein stabiles Bett und ein Nachttisch standen darin. Während Lea sich noch umsah, eilte Senora Barillo in die Küche und richtete ihr eine Mahlzeit her, die sie einen kleinen Imbiss nannte, von der aber eine halbe Kompanie hungriger Soldaten hätte satt werden können.

Zwei Stunden später saß Lea auf der Kante ihres Bettes und wickelte das Paket aus, das einer der genuesischen Matrosen ihr gebracht hatte. Die Hülle bestand aus festem Leinen, das mit Bändern zusammengehalten wurde, und war etwa so groß wie ein Reisesack. Als sie die Knoten gelöst hatte und das Tuch aufschlug, sah sie einen Haufen Kleidungsstücke vor sich liegen. Es handelte sich um verschiedene Trachten, von denen ihr besonders die bunten, abgetragenen Lumpen einer Hausiererin, eine Mönchskutte vom Orden des heiligen Bernhard und das malerische Gewand eines kastilischen Edelmanns ins Auge stachen. Alle Stücke waren sauber und verströmten den Duft von Kampfer und Mottenkraut, und zwischen den Kleidern kamen ein Beutel mit Gold- und Silberstücken spanischer Prägung, ein Säckchen mit eisernen Haken und Feilen und ein weiteres mit mehreren kleinen Döschen zum Vorschein, die verschiedene Pasten und Pulver enthielten.

Zunächst wusste Lea nicht, was sie damit anfangen sollte, doch dann begriff sie, was Orlando geplant hatte. Der Inhalt des Pakets hatte ihm vermutlich selbst schon bei seinen kühnen Abenteuern geholfen, sich in eine andere Person zu verwandeln. Ein Lächeln huschte über Leas Gesicht, als sie sich Orlando in Frauenkleidern vorstellte. Wenn er sein Bärtchen abrasierte, sein Gesicht mit einer der Pasten dunkler färbte und die in die Bluse eingewickelte Perücke aufsetzte, würde er durchaus glaubhaft eine Frau darstellen können.

Nachdenklich blickte sie aus dem Fensterschlitz, durch den man nur auf ein anderes Dach sehen konnte. Trotz seines christlichen Namens und der Tatsache, dass ihn ein Priester getauft hatte, war Orlando ein Jude geblieben, der der Gewalt der Mächtigen mit Scharfsinn und List zu begegnen wusste. Das war auch die einzig wirksame Waffe, über die sie selbst verfügte, und sie würde sie einsetzen. Mit diesem Vorsatz packte sie die Kleidungsstücke wieder ein und machte es sich gemütlich.

6.

Zwei Tage später erreichte Lea die kleine Stadt Almansa und bog dort nach Westen auf den Karrenweg ab, der in das Dorf Bereja und das in der Nähe liegende Kloster von San Juan führte. Die Berge, die den Ort umgaben, waren etwa so hoch wie die Gipfel des heimischen Schwarzwalds, wirkten jedoch wie viele andere hier schroffer und abweisender, und die Wege waren kaum besser als Ziegenpfade. Am Vortag hatte es heftig geregnet, und es kamen noch immer Schauer herunter, so dass Cerezas Hufe bis zu den Knöcheln im Schlamm versanken und sie nur im Schritt gehen konnte.

Lea hatte sich in den festen Mantel gehüllt, der bei besserem Wetter an den Sattel geschnallt wurde, und war doch bis auf die Haut nass geworden. Hemd und Wams klebten ihr am Körper, so dass ihr Busen in dem Moment, in dem sie den Mantel auszog, trotz des Bandes und der Stoffschichten darüber zu erkennen sein würde. Für einige Augenblicke war sie nicht sicher, wie sie weiter vorgehen sollte. Vor allem im Kloster wäre es fatal für sie, wenn man sie als Frau entlarven würde. San Juan de Bereja war ein Männerkloster und weiblichen Personen der Zutritt bei strenger Strafe verboten. Lea ging noch einmal ihre Möglichkeiten durch und schüttelte ihre Verzagtheit mit einer entschlossenen Geste ab. So lange wie diesmal hatte sie ihre Maske noch nie aufrechterhalten, und sie würde ihr Vorhaben nicht durch eine Dummheit oder Unvorsichtigkeit gefährden.

Als sie in einem kleinen Weiler unweit Berejas eine bescheidene Osteria entdeckte, kehrte sie ein und stellte ihr

Pferd unter. Für eine Hand voll Maravedis bekam sie ein Schlafzimmer für sich allein, in dem sie sich trockenreiben und umziehen konnte. Dann bestellte sie sich ein Mahl aus scharf gewürztem Lammfleisch und Weizenmehlklößen und spülte es mit frischem Wein aus dieser Gegend hinunter. Sie schlief lange in dieser Nacht und wurde zum ersten Mal seit langem nicht von Albträumen gequält. So wachte sie wohlgemut auf und zog sich rasch an, um so schnell wie möglich aufbrechen zu können. Doch ein heftiger, lang anhaltender Schauer hielt sie in ihrer Unterkunft fest, so dass sie sich erst im Lauf des Nachmittags auf den Weg zum Kloster machen konnte. Zum Glück nieselte es jetzt nur noch ganz leicht, und so blieb das Bündel, das sie unter dem Arm trug, trocken.

Oberhalb von Bereja erstreckte sich ein Pinienhain, der ihr die Gelegenheit gab, sich umzuziehen. Als kastilischer Edelmann betrat sie den Schatten der Bäume, als Bernhardinermönch verließ sie ihn wieder. Sie stellte erleichtert fest, dass ihre Verkleidung gut gewählt war, denn in den Gassen des Ortes lungerten Männer in den Farben Montoyas herum und beäugten misstrauisch jeden Fremden. Um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, wanderte Lea ganz gemächlich die Straße entlang und machte sich, da alles so gut ging, schließlich den Spaß, dem Soldaten, der auf sie zukam, mit salbungsvoller Stimme den Segen zu erteilen. Der Mann schlug unwillkürlich das Kreuzzeichen und vergaß ganz, den Fremden nach seinem Woher zu fragen.

Das Kloster befand sich kaum mehr als einen Steinwurf vom Ort entfernt am anderen Ufer des Rio Grande, einem ruhig fließenden Gewässer, das seinem Namen keine Ehre machte. In Leas Plänen spielte der kleine, aber mit Booten zu befahrende Fluss eine wichtige Rolle, denn er mündete etwa zwölf Leguas weiter in den Rio Jucar, der nach weiteren elf oder zwölf Leguas bei Cullera ins Meer floss. Mit etwas Glück und Gottes Hilfe würden die Flüchtlinge die Küste eher erreichen als die Nachricht von ihrer Flucht. Doch vorher musste Lea mit Baramosta sprechen und vor allem herausfinden, wie sie Montoyas Soldaten übertölpeln konnte. Mit der hier lauernden Meute auf den Fersen war ein Entkommen unmöglich.

Während Lea noch überlegte, hatte sie die alte, steinerne Brücke überquert und die vor dem eigentlichen Kloster gelegene Kirche erreicht, welche dem Apostel Johannes geweiht war. Da sie immer noch keine Ausrede gefunden hatte, die ihr den Zutritt zum Kloster und zu seinem Abt verschaffen konnte, betrat sie das Gotteshaus und fand sich in einem düsteren Gemäuer wieder, das nur durch ein paar schmale, bemalte Fenster hoch unter dem Dach erhellt wurde. Die dicken Mauern und das schwere Tor zeigten, dass San Juan de Bereja in einer Zeit errichtet worden war, in der die Macht der Mauren noch weit nach Norden und Osten gereicht hatte. Lea beugte am Eingang ihr Knie, bekreuzigte sich und sah sich dabei unauffällig um. Zu ihrer Erleichterung hielten sich nur ein paar ältere Frauen und zwei junge Mädchen im Kirchenschiff auf, die in ihren dunklen Kleidern und den über dem Kopf gezogenen Mantillas wie dunkle Schatten im Kirchengestühl knieten. Als sie tiefer in das Kirchenschiff hineinging, nahm sie noch einen beleibten Mönch wahr, der in einer Nische vor dem Bildnis der Jungfrau Maria kniete und inbrünstig betete.

Als er Leas Schritte hörte, hob der Mann den Kopf, starrte sie einen Augenblick lang an, als wollte er durch ihre Kutte hindurchsehen, und stand auf. Er bekreuzigte sich noch einmal vor dem Madonnenbild und kam mit einer freudigen Miene auf den Neuankömmling zu, als hätte er ihn erwartet.

»Buenos dias, Bruder. Du kommst wohl von weit her«, begrüßte er Lea leise. Dabei streckte er die Hand nach ihrer Kutte aus und strich über einen Riss an der Schulter, der von kunstfertiger Hand geflickt worden war. »Beim heiligen Orlando, du kommst wohl nicht zufällig in diese Gegend?«

Lea horchte auf. Den Namen hatte der Mönch gewiss nicht ohne Grund erwähnt. Konnte sie ihm vertrauen, oder war er mit Montoyas Soldaten im Bund? Sie betrachtete sein rundes, offenes Gesicht mit den dunklen, besorgt blickenden Augen und lächelte.

»Da keine andere Kutte zur Hand war, hat Bruder Orlando mir seine geborgt.«

Die Pupillen des Mönches weiteten sich. »Gesegnet sei der heilige Orlando und natürlich auch die Jungfrau Maria.« Er fasste Lea am Arm und zog sie in eine dunkle Ecke. »Bei der heiligen Dreifaltigkeit, Ihr wisst nicht, wie sehnsüchtig wir auf Nachricht warten. Die Situation ist kaum noch zu ertragen.«

»Das kann ich mir vorstellen, denn ich habe die Soldaten im Ort gesehen.«

Der Mönch seufzte. »Sie sind vor mehr als einem halben Jahr nach Bereja gekommen, kurz nachdem einige Leute erfahren haben, welche Gäste das Kloster beherbergt.«

Er ist vorsichtig, dachte Lea anerkennend. Da sie während ihrer vielen Reisen und über ihre ausgedehnten Geschäftsbeziehungen gelernt hatte, Menschen einzuschätzen, nahm sie an, dass der Mönch vertrauenswürdig war, und beschloss, mit offenen Karten zu spielen.

»Don Orlando hat mich geschickt, um Baramosta und die Seinen außer Landes zu bringen.«

»Der Madonna und allen Heiligen sei Dank! Wir haben gehofft, dass er uns nicht im Stich lässt. Kommt, ich bringe Euch zu meinem Abt. Bei San Juan, wie wird er sich über Eure Ankunft freuen.«

Er sah sich vorsichtig um und führte Lea durch eine Seitentür in einen Gang, der Kirche und Kloster verband. Schon nach wenigen Schritten erreichten sie eine weitere Pforte, durch die man die Klostermauer passieren konnte. Dahinter öffnete sich ein Flur, der mit Szenen aus der christlichen Mythologie bemalt war und von dem Relieftüren abgingen. Vor einer von ihnen, auf der christliche Heilige wie grimmige Höllenwächter abgebildet waren, blieb ihr Begleiter stehen und klopfte an.

Ein leises »Adelante« antwortete ihm. Der Mönch öffnete die Tür kaum mehr als einen Spalt, schob Lea hindurch und schlüpfte so eilig hinter ihr her, als hätte er Angst, mit einem unbekannten Bruder gesehen zu werden.

Das Zimmer war sehr groß, aber mit Schränken, Regalen und anderen Möbeln so voll gestopft, das man kaum einen Schritt vor den anderen setzen konnte. Lea stieg über mehrere vom Alter dunkel gefärbte Truhen, wich einem mit Büchern beladenen Stuhl aus und stand vor dem Abt, den sie sich beim Anblick der geschnitzten Wächterfiguren ganz anders vorgestellt hatte. Jose Al-banez war ein alter Mann mit einem faltigen, von einem inneren Feuer erleuchteten Gesicht. Seine gebeugten Schultern schienen das Gewicht seiner weißen Kutte kaum tragen zu können, und doch strahlte er eine innere Kraft und eine Güte aus, die Lea sofort Vertrauen fassen ließen. Für einen Augenblick erinnerte Lea sich an Juan Perez, den weitaus robuster wirkenden Abt von La Rabida, das fast am anderen Ende Spaniens lag, und fragte sich, wie Orlando das Vertrauen zweier so unterschiedlicher Kirchenmänner hatte gewinnen können. Pablos mahnendes Hüsteln löste sie wieder aus ihren Gedanken.

Sie verbeugte sich, ergriff aber nicht die Hand des Abtes, um sie zu küssen, wie ein echter Mönch es getan hätte.

Albanez warf Leas Begleiter einen fragenden Blick zu. »Willst du mir unseren Besucher nicht vorstellen, Pablo?«

»Er kommt von Don Orlando. Mehr weiß ich nicht.«

Lea verneigte sich noch einmal auf die Art eines Edelmanns.

»Mein Name ist Leon de Saint Jacques, und ich bin ein Freund von Orlando Terasa. Er hat mich geschickt, um Rodrigo Baramosta und den Seinen zur Flucht aus Spanien zu verhelfen.«

Albanez blickte zweifelnd an ihr hoch. »Ihr seid noch sehr jung.«

»Ich glaube nicht, dass Orlando älter war, als er seine ersten Leute rettete.«

Der Abt starrte sie einen Augenblick durchbohrend an, aber als er erkannte, dass sein Gast keine Anspielung hatte machen wollen, lächelte er wehmütig. »Bei Gott, das war er wirklich nicht. Verzeiht, ich wollte Euch nicht kränken. Doch unsere Situation wird von Tag zu Tag kritischer, und ich sehe keinen Ausweg mehr. Die Soldaten des Herzogs von Montoya bewachen das Kloster und werden niemanden entkommen lassen. Selbst wenn es unseren Gästen gelänge, San Juan de Bereja ungesehen zu verlassen, würden die Posten, die weiter unten am Fluss Wache halten, sie bald entdecken und dafür sorgen, dass die Verfolger sie nach kurzer Zeit einholen. Man müsste Baramosta und den Seinen einen Vorsprung von mindestens einem halben Tag verschaffen und für ein Schiff sorgen, das bei Cullera auf sie wartet.«

»Das Schiff steht bereit«, antwortete Lea. »Doch wegen der Soldaten zerbreche ich mir ebenfalls den Kopf.«

Der dickliche Mönch schlug mit der Faust in die offene Hand.

»Ihr Auftrag ist es, Don Orlando zu fangen! Sie haben oft genug in der Fonda von Bereja geprahlt, was sie mit ihm machen werden, wenn sie ihn in die Finger bekommen.«

»Sie sollen aber auch verhindern, dass Senor Baramos-ta entkommt«, setzte der Abt mit einem bitteren Lächeln hinzu.

»Wie geht es ihm? Ich wollte ihn schon lange kennen lernen.«

Erst, als sie die letzten Worte ausgesprochen hatte, begriff Lea, dass sie noch vorsichtiger sein musste, denn aus ihr hatte nicht der christliche Edelmann de Saint Jacques gesprochen, sondern der jüdische Kaufmann Samuel ben Jakob, der der persönlichen Bekanntschaft mit einem langjährigen Geschäftspartner interessiert entgegensah.

»Bitte, bringe unseren Gast unauffällig zu mir«, bat der Abt den Mönch. Während Pablo sich eifrig nickend entfernte, hob der Abt bedauernd die Hände. »Es tut mir Leid, Saint Jacques, dass ich Euch nicht wie einen hochgestellten Gast behandeln und meinen Mitbrüdern vorstellen kann. Meine Stellung im Kloster ist leider nicht mehr unangefochten wie früher, denn man hat mir Mitbrüder aufgenötigt, die mit dem Gedankengut der Inquisition konform gehen und für den Herzog von Montoya spionieren. Von ihnen wird Alvaro de Arandela, der Anführer unserer Bedränger in Bereja, über alles auf dem Laufenden gehalten, was hier drinnen vorgeht.«

Lea hob interessiert den Kopf. »Arandela? Ist der Mann mit Don Diego de Arandela verwandt?«

»Er ist sein jüngerer Bruder und genau wie jener einer von Montoyas Bluthunden.« Albanez schüttelte seufzend den Kopf, als verstände er die neue Zeit nicht mehr, und fragte Lea nach Orlando. In dem Moment erkannte Lea, wie wenig sie über ihren einstigen Quälgeist wusste, und schämte sich, weil sie den Abt mit ein paar belanglosen Floskeln abspeisen musste. Dabei sah sie Orlando so deutlich vor ihrem inneren Auge, als stünde er vor ihr. Er lächelte, als wollte er ihr Mut zusprechen, und mit einem Mal erschien ihr die Bedrohung durch Arandelas Soldaten weniger bedrohlich.

Kurz darauf klopfte es leise an der Tür. Bevor der Abt zum Eintreten auffordern konnte, wurde sie geöffnet, und Pablo schob einen groß gewachsenen Mann herein, dem eine Kutte wie ein Sack um die hagere Gestalt schlotterte. Baramostas Augen waren vor Angst weit aufgerissen, und seine Züge waren unnatürlich bleich, als erwarte er das Schlimmste. Als er einen Fremden vor sich sah, atmete er sichtlich auf. »Gott sei gedankt. Der Junge war klug genug, nicht selbst nach Spanien zu kommen. Er wäre Montoyas Falle gewiss nicht entgangen.«

Lea ärgerte das mangelnde Vertrauen in ihren Freund und bedachte Baramosta mit einem bösen Blick. »Don Orlando ist klüger als Montoyas Wachhunde und alle, die ihm sonst noch nachstellen.«

Baramosta schüttelte traurig den Kopf. »Irgendwann nützt auch die beste List nichts mehr.«

Albanez lächelte begütigend. »Verzeiht meinem Gast, Don Leon. Die Monate, die er hilflos in unserem Kloster verbringen musste, haben seinen Mut erschüttert.«

»Fasst Euch, Senor Baramosta. Spätestens übermorgen wirft das Schiff, das Euch und Eure Leute an Bord nehmen soll, vor Cullera Anker. Wir müssen nur noch einen Weg finden, Euch dorthin zu schaffen, ohne dass Don Alvaros Soldaten Euch abfangen können.«

»Das ist unmöglich«, erwiderte Baramosta düster. »Alvaro de Arandela gilt als treuer Diener seines Herrn und wird seine Befehle unter allen Umständen befolgen.«

»Welche Befehle sind das?«, fragte Lea scharf.

»Uns als Köder für meinen Neffen hier im Kloster festzuhalten. Bei Gott, wenn es nur um mich, meinen Sohn, meinen Schwiegersohn und unsere Knechte ginge, wäre alles ganz einfach. Wir wären bereit, uns auf ewig unter den Schutz des ehrwürdigen Abtes zu stellen und die Kutten der Mönche des heiligen Bernhards überzustreifen. Doch mein armes Weib, meine Töchter und die anderen Frauen wären dann der Gnade Gottes und der Barmherzigkeit der Mildtätigen anheim gegeben.«

»Wo sind die Frauen jetzt?«

»Wir haben sie in unserem Vorwerk untergebracht«, antwortete der Abt an Baramostas Stelle. »Es liegt zwar nicht hinter schützenden Mauern, doch die Soldaten haben sich bisher damit begnügt, die Damen über den Fluss hinweg mit Spott und üblen Reden zu belästigen.«

»Gibt es genug Boote, um alle zugleich den Fluss hinabzuschaffen?«

Albanez nickte bedrückt. »Die Boote reichen aus. Doch sobald ich den Befehl gebe, sie aus dem Bootshaus zu holen, läuft einer von Montoyas Spionen zu Arandela und berichtet es ihm. Die Soldaten würden den Fluss sofort absperren.«

Lea legte die Hand an die Wange und überlegte. »Die Soldaten müssen wir ausschalten, ganz gleich, auf welchem Weg Eure Schützlinge das Kloster verlassen. Gibt es eine Möglichkeit, den Männern ein starkes Abführmittel oder eine große Dosis Schlafpulver ins Essen zu mischen?«

»Nein. Dazu müssten wir nämlich den Wirt der Fonda einweihen, und der verdient an Montoyas Männern zu gut, als dass er mitmachen würde.«

Pablo lachte auf und schnalzte mit den Fingern. »Vielleicht gibt es doch einen Weg. Wie ich gehört habe, sind die Weinvorräte des Wirtes zu Ende gegangen, und er wartet dringend auf eine Lieferung aus Almansa. Da die Straße durch den Regen aufgeweicht ist, kann es noch Tage dauern, bis die Karren ihn passieren können. Die Soldaten sind jedoch nicht gewöhnt, Wasser zu trinken, und Arandela hat bereits anfragen lassen, ob wir nicht aushelfen können.«

Lea nickte zufrieden. »Also könntet Ihr den Soldaten mit Schlafmittel versetzten Wein zukommen lassen.«

Der Abt hob abwehrend die Hände. »Nein, das geht nicht, Arandela wäre sofort klar, wer für diesen Streich verantwortlich ist, und sein Herr würde sich in seiner Wut an uns rächen. Die meisten meiner Mitbrüder sind brave Leute, die ich nicht schuldlos leiden sehen will.«

Lea spann den Gedanken jedoch weiter. »Der Wein muss ja nicht aus dem Kloster kommen. Ich habe unterwegs Hausierer gesehen, Männer und Frauen, die mit einem Esel und einem Fässchen unterwegs waren, um ihren Wein an Reisende und Hirten zu verkaufen.«

Albanez schüttelte den Kopf. »Ein Mann darf es auf keinen Fall sein. Arandela würde mit Sicherheit beschwören, dass sich einer meiner Mönche verkleidet und seine Leute vergiftet hätte, schon um seinem Herrn gefällig zu sein, dem ich schon lange ein Dorn im Auge bin.«

Plötzlich grinste Pablo über das ganze Gesicht. »Don Orlando hat sich schon öfter als Frau verkleidet, und ich kann mir vorstellen, Don Leon wäre ebenfalls in der Lage, in die Rolle eines Hausiererweibs zu schlüpfen.«

Natürlich wäre ich das, dachte Lea, die ihre plötzlich aufwallende Heiterkeit verbergen musste. »Damit ist klar, was wir tun müssen. Jetzt brauche ich nur noch den Wein, einen Esel und ein Mittel, um die Soldaten auszuschalten.«

Pablos Mundwinkel verzogen sich fast bis zu seinen Ohrläppchen. »Eine gute Wegstunde talaufwärts liegt ein

Meierhof, der zu unserem Kloster gehört, und dort gibt es sowohl Wein als auch Esel. Zum Glück sind die uns aufgezwungenen Mönche nicht so begierig, die schwere Feldarbeit zu verrichten, daher sind dort oben nur Freunde von mir. Den Mohnsaft kann ich aus der Klosterapotheke nehmen. Aber wie wir an geeignete Frauenkleider kommen, weiß ich nicht. Nichts von dem, was die Damen im Vorwerk tragen, ist für unsere Zwecke geeignet.«

Lea lachte wie befreit auf. »Orlando hat mir seine Ausrüstung zur Verfügung gestellt, und darunter ist auch die Kleidung einer armen Frau. Also steht unserem Befreiungsschlag gegen Montoyas Leute nichts mehr im Wege.«

Baramosta schüttelte zweifelnd den Kopf. »Ich weiß nicht, ob ...«

Pablo fuhr ihm ärgerlich über den Mund. »Wollt Ihr Spanien verlassen oder samt Eurer Familie und Eurem Gesinde zur Belustigung des Pöbels auf einem Scheiterhaufen enden?«

»Pablo, mäßige deine Stimme. Wenn dich jemand hört ...«, wies Albanez den Mönch zurecht.

»Ist doch wahr«, brummte dieser mürrisch.

Baramosta wandte sich Hilfe suchend an Lea. »Glaubt Ihr wirklich, es könnte gelingen, Senor?«

»Dieser Herr ist kein Senor, sondern Don Leon de Santiago.«

Der Abt betrachtete den eifernden Mönch nachsichtig. »Unser mutiger junger Freund ist wohl ein Edelmann, aber kein Spanier. Er stammt aus dem Heiligen Römischen Reich und heißt de Saint Jacques.«

»Genauer gesagt stamme ich aus Burgund«, verbesserte Lea ihn. Langsam hasste sie diese Lügen und Verstellungen und wünschte sich auf einmal nichts sehnlicher, als bald wieder sie selbst zu sein. »Es wäre mir lieb, die

Sache bald hinter mich zu bringen. Bitte, Pablo, besorge mir das Schlafmittel und bring mich zum Meierhof.«

Der Abt winkte ab. »Nicht so hastig, mein junger Held. Gleich beginnt die Abendmesse, Kein Mönch verlässt zu dieser Zeit das Kloster, und danach werden die Pforten geschlossen. Ihr werdet bis morgen früh mein Gast bleiben müssen. Ich bitte Euch jedoch, auf die Teilnahme an der Messe zu verzichten, denn wenn Ihr die Kirche betretet, werden die falschen Leute Fragen stellen. Wenn es Euch recht ist, würde ich nachher gerne noch ein wenig mit Euch plaudern. San Juan de Bereja ist so abgelegen, dass nur selten Neuigkeiten aus der fernen Welt den Weg hierher finden.«

Diesen Wunsch durfte Lea ihm nicht abschlagen. So sah sie sich nach einem Stuhl um, und Albanez, der ihren suchenden Blick bemerkte, wies Pablo an, die Bücher von einem der Stühle zu räumen.

»Verzeiht, dass ich Euch noch keinen Platz angeboten habe, aber ich war zu sehr in Gedanken«, entschuldigte er sich und schien sich auch daran zu erinnern, dass sein Gast hungrig und durstig sein musste. So schickte er Pablo mit einigen Ermahnungen in die Küche.

Der dicke Mönch war empört, dass sein Abt ihm zutraute, leichtsinnig zu sein. »Die Krähen, die Montoya uns ins Nest gesetzt hat, werden nichts bemerken.«

Baramosta verließ ebenfalls das Zimmer des Abtes, um die Messe zu besuchen. Echte oder vorgetäuschte Frömmigkeit und Glaubensinbrunst waren der einzige Schutz, den er und seine Leute in dieser Umgebung besaßen. Würden sie den anderen Mönchen durch gleichgültiges Verhalten oder gar jüdische Sitten auffallen, könnte selbst Albanez ihnen nicht mehr helfen. Der Abt wartete, bis Pablo Wein, Brot und ein Stück Lammbraten gebracht hatte, und entschuldigte sich dann, weil die Pflicht ihn rief. Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, flüsterte Lea ein hebräisches Gebet. Jetzt benötigte sie alle Kraft, die Gott ihr geben konnte, um das Notwendige zur richtigen Zeit zu tun.

7.

Als der Abt zurückkehrte, dunkelte es bereits. Lea hatte nicht gewagt, eine der Wachskerzen auf dem Schreibtisch anzuzünden, da sie niemand auf sich aufmerksam machen wollte. Jose Albanez entschuldigte sich, sie in der Dämmerung sitzen gelassen zu haben, schlug Feuer und hielt es an einen Docht. Das Wachs zischte und knallte leise, verbreitete aber sofort einen angenehmen Duft.

»So ist es besser«, sagte er lächelnd. »Ich habe Pablo angewiesen, uns frischen Wein zu bringen. Bei einem guten Schluck unterhält man sich besser.«

»Ich würde meinen Wein lieber mit Wasser verdünnen, denn ich muss einen klaren Kopf bewahren. Schließlich habe ich morgen so einiges zu tun.«

»Ihr haltet es wohl wie die alten Griechen, die jeden für einen Barbaren ansahen, der seinen Wein unvermischt trank.« Albanez nickte Lea lächelnd zu und sah in den noch fast vollen Krug, der auf dem Tisch stand. »Ihr habt ja kaum etwas getrunken. Dabei ist der Wein wirklich gut.«

»Das gebe ich gerne zu. Don Alvaro de Arandela würde ihn sicher zu schätzen wissen. Doch ich bin nicht nach Spanien gekommen, um seine Weine zu probieren, sondern um Baramosta zu retten.«

»Was Euch mit Gottes Hilfe auch gelingen wird.« Al-banez atmete tief durch und blickte durch das Fenster ins Freie. Plötzlich erinnerte er sich daran, dass Arandelas Soldaten sein Fenster unter Beobachtung hielten, und schloss rasch die Vorhänge.

»Wir müssen alles tun, um Eure Anwesenheit geheim zu halten.«

Pablos Erscheinen enthob Lea einer Antwort. Der Mönch

schenkte ihr und dem Abt nach und brachte auf Leas Wunsch noch eine Kanne mit frischem, kühlem Wasser. Dann wünschte er eine gute Nacht und verließ das Zimmer wieder. Albanez trank einen Schluck und starrte dann geistesabwesend in die Flüssigkeit.

»Ihr tragt einen klugen Kopf auf Euren Schultern, Don Leon«, sagte er nach einer Weile. »Orlando Terasa hätte keinen besseren Mann schicken können, um seinen Oheim zu retten.«

Lea blickte überrascht auf. »Baramosta ist Orlandos Onkel? Das wusste ich gar nicht.«

»Er erzählt wohl nicht viel über seine Vergangenheit?« Albanez nahm Leas Nicken als Antwort. »Orlando ist ein anständiger Junge, an dem sich die meisten Edelleute in seinem Alter, die sich stolz Spanier nennen, ein Beispiel nehmen müssten.«

Lea erinnerte sich an Raul de Llorza und wusste, was der Abt meinte. Ganz anders als Orlando war de Llorza ein aufgeblasener Dummkopf, der fest davon überzeugt war, sein Name und seine Abkunft würden ihn weit über die weniger vom Schicksal begünstigten Menschen stellen.

»Spanien wurde mit der Heirat Rey Fernandos und Reina Isabellas vereint, aber es hat dabei seine Seele verloren«, klagte der Abt. »Narren wie der Herzog von Montoya oder Francisco de Cisneros geben heutzutage den Ton an, Männer, denen ihr eigenes Wort schon nichts mehr gilt, wenn es ihre Lippen verlassen hat, und denen es eine Freude ist, andere zu knechten und in den Staub zu treten.«

Lea wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Als

Albanez weitersprach, begriff sie, dass er keinen Kommentar von ihr erwartete. Es schien ihm gut zu tun, seine geheimsten Gedanken jemandem mitzuteilen, von dem er annahm, dass er ihn verstand. »Wisst Ihr, wie wenig es braucht, um einen guten Christen, dessen Großvater ein Jude war, in die Fänge der Inquisition zu treiben? Bei Orlandos Vater Don Manuel Terasa genügten das Wort eines ehrlosen Schurken und ein Fetzen Papiers mit ein paar hebräischen Schriftzeichen, die man in einem Winkel seines Speichers fand. Zum Glück bewahrte Orlando kühles Blut und benachrichtigte mich, so dass ich intervenieren und seinen Vater retten konnte. Damals stellte man mir noch die Bedingung, dass er und seine Familie Spanien sofort verlassen müssten. Heute wäre es mir nicht mehr möglich, ihnen zu helfen, so wie ich so vielen anderen nicht helfen konnte, wie Orlandos Großvater, dem Vater seiner Mutter. Er wurde ebenfalls denunziert, und als man sein Haus durchsuchte, fand man einen Chanukka-Leuchter aus Messing. Obwohl Gil Varjentes bei allen Heiligen und unserem Herrn Jesus Christus schwor, diesen Leuchter nie gesehen zu haben, wurde er zum Tod durch Verbrennen verurteilt und bei einem Autodafe hingerichtet.«

Albanez schwieg einen Moment, um die Wirkung seiner Worte auf seinen Gast abzuschätzen. Leas Gesicht war starr vor Entsetzen. Eben hatte sie noch geglaubt, Orlando verachten zu müssen, weil er sich vom Glauben seiner Vorväter abgewandt hatte, doch angesichts der Schicksalsschläge, die er bereits in jungen Jahren erlitten hatte, verstand sie seine Haltung. Auch sie war nicht zur Märtyrerin geboren, wie die Begegnung mit dem Judenjäger Holzinger ihr gezeigt hatte, und angesichts der Tatsache, dass Orlando viele Juden und Conversos gerettet hatte, die in anderen Ländern wieder für das Volk Judas gewonnen werden konnten, war Gott ihm bestimmt nicht gram. Von diesem Standpunkt aus gesehen war es für sie geradezu eine heilige Pflicht, Baramosta und den Seinen zur Flucht zu verhelfen.

Der Abt bemerkte nichts von ihrer Geistesabwesenheit, sondern erzählte weiter. »Cisneros, Montoya und ihre Speichellecker haben dem Königspaar mittlerweile so zugesetzt, dass die beiden geschworen haben, zum Dank für einen baldigen Sieg über Granada alle Juden aus Aragon und Kastilien zu vertreiben. Damit aber schlagen sie Spaniens fleißigste und kunstfertigste Hände ab. Ich habe etliche Briefe an Reina Isabella geschickt und sie angefleht, von diesem Vorhaben abzusehen, aber vergebens. Zuletzt schlug ich sogar vor, alle Juden Spaniens in einem Teil des eroberten Emirats anzusiedeln, um sie nicht heimatlos zu machen, doch auch diesen Wunsch verweigert man mir.« Albanez seufzte tief und kämpfte gegen die Tränen an, die ihm in die Augen stiegen.

»Versteht mich nicht falsch, Don Leon. Auch ich bin dafür, die Juden und Mauren Spaniens dem einzig wahren Glauben zuzuführen, doch sollte die Bekehrung mit Liebe geschehen und durch gutes Beispiel, nicht aber mit Drohungen und durch Gewalt. Mir wird ganz kalt im Herzen, wenn ich an die so genannte heilige Inquisition denke. Im Namen Jesu, der doch Gnade und Barmherzigkeit predigte, verurteilen sie Menschen zum Tod auf dem Scheiterhaufen und sind damit nicht besser als die Heiden von Karthago, die ihre eigenen Kinder zu Ehren des Götzen Moloch verbrannten.«

»Du sollst nicht töten.« Lea sprach diese Worte aus, ohne es eigentlich zu wollen.

Albanez nickte. »So steht es in der Bibel, aber auch in der Thora der Kinder Israels. Wir haben so viel gemeinsam, und doch verachten wir einander, als wäre der jeweils andere eine Ausgeburt Satans.«

»Was gewiss nicht die Schuld der Juden ist«, wandte Lea ein und vergaß dabei ganz, dass sie einen christlichen Edelmann darstellte.

Albanez schüttelte unwillig den Kopf. »Haben nicht die Pharisäer die ersten Christen verfolgen lassen, als die Gruppe der Gläubigen noch klein und schwach war? Haben sie nicht Saulus aus Tarsus ausgesandt, um die Christen zu töten?«

»Wie wollt Ihr das aufwiegen? Einhundert tote Juden für einen toten Christen, oder umgekehrt? Ist es Gott gefällig, ein Volk nach anderthalbtausend Jahren noch immer für etwas büßen zu lassen, was damals geschehen ist? Selbst der Gott Israels erlässt die Sünden der Väter nach vier oder sieben Generationen.«

Albanez blickte Lea mit neuem Interesse an. »Offensichtlich seid Ihr in den alten Schriften wohl bewandert, Don Leon. Daher freut es mich doppelt, mit Euch plaudern zu können. Seid versichert, dass ich keinen Juden hasse. Selbst wenn Baramosta wieder zum mosaischen Glauben zurückkehrt, nachdem er mein Kloster verlassen hat, wird dies nichts an meiner Wertschätzung für ihn ändern. Die Schuld an einem solchen Schritt würde nämlich auf die zurückfallen, die ihn bedrängt haben.«

Der Abt freute sich sichtlich, einen Menschen gefunden zu haben, dem es Vergnügen zu bereiten schien, sich mit seinem Verstand zu messen, und so entspann sich ein langes Gespräch. Mitternacht war bereits vorüber, als Al-banez Lea anbot, sein Bett mit ihr zu teilen. Lea wollte erschrocken ablehnen, denn sie fürchtete, entdeckt zu werden, und ihr war nur zu sehr bewusst, dass die Anwesenheit einer Frau, noch dazu einer bekennenden Jüdin, eine nicht wieder gutzumachende Beleidigung für den frommen Mann darstellte. Da das Kloster überfüllt war, gab es jedoch sonst keinen Raum, in dem sie nicht Gefahr lief, als fremder Eindringling entlarvt zu werden. So stimmte sie beklommen zu, legte sich aber mit der Kutte hin und drückte sich ganz an die Wand. Der Abt nahm es mit Wohlgefallen zur Kenntnis, und so konnte sie sich ein wenig entspannen.

Als sie am nächsten Morgen erwachte, saß Albanez bereits wieder auf seinem Stuhl und las in seinem Brevier. Neben ihm stand Pablo mit dem Frühstück für sie und einer Kürbisflasche, die seinen Worten zufolge bis zum Rand mit Mohnsaft gefüllt war.

»Du musst dich stärken, Bruder Leon, denn es liegt ein anstrengender Tag vor uns.«

8.

Etwa zu derselben Zeit, in der Lea und Pablo das Kloster verließen, starrte Alvaro de Arandela fassungslos auf einen schmalen Streifen Papier, den er gerade einer Brieftaube abgenommen hatte. Die Nachricht stammte von seinem Bruder Diego und besagte nicht weniger, als dass der Teufelsknecht Orlando Terasa endlich in die Hände der Verteidiger des wahren Glaubens gefallen war. Für Don Alvaro bedeutete die Nachricht, dass er seinen Posten in diesem von Gott verlassenen Winkel Spaniens bald würde räumen dürfen. Er musste an sich halten, um seine Erleichterung nicht hinauszuschreien, denn er sah sich schon an der Seite seines Herrn in die letzte Schlacht um Granada reiten und großen Ruhm erwerben. Arandelas Blick schweifte zum Kloster hinüber, das mit seinen grauen Mauern mehr einer Festung als einem Bauwerk zur Ehre Gottes glich. Dicht neben den Klostermauern lag das kleine Vorwerk, in dem die Weiber Baramostas und seiner Ketzerbrut Zuflucht gefunden hatten. Jetzt, wo der Fuchs gefangen war, brauchte man den Köder nicht mehr, sagte er sich und beschloss, die Frauen noch am gleichen Tag gefangen nehmen zu lassen und die Männer mit ihnen zu erpressen, damit sie freiwillig herauskamen.

Vorher aber wollte er seinen Männern die gute Nachricht mitteilen, und so schickte er seinen Stellvertreter Vasco los, um alle zusammenzurufen. Es waren insgesamt vierzig Krieger, die er persönlich aus der Garde des Herzogs ausgewählt hatte. Sie würden ihm in die Hölle folgen und notfalls auch in ein Kloster, um es von den Feinden

Spaniens zu befreien. Als die Soldaten erwartungsvoll auf dem Platz vor der Fonda Aufstellung genommen hatten, konnte Alvaro sich ein triumphierendes Lachen nicht verkneifen. »Der Zweck unserer Wache ist erfüllt. Orlando Terasa wurde gefangen genommen.«

Zuerst herrschte ungläubiges Schweigen, dann fluchte einer der Männer. »Verdammt noch mal, ich wollte, wir hätten ihn erwischt und nicht irgendwelche anderen Kerle.«

Arandela war mit dieser Reaktion zufrieden. Selbst nach den ermüdenden Monaten, die sie hier auf der Lauer gelegen hatten, gierten seine Männer noch nach Taten. Vielleicht sollte er ihnen zum Dank die Weiber der Con-versos überlassen. Dem Teufel war es schließlich egal, wenn sie benutzt bei ihm ankamen.

»Auch wenn andere den Schuft gefangen haben, ist es doch ein Grund zu feiern«, brüllte einer der Soldaten von hinten.

»Womit denn? Mit Wasser?«, fragte einer seiner Kameraden bissig. »Der Keller der Fonda ist so trocken wie meine Kehle, und in den anderen Häusern ist auch nichts mehr zu holen. Die Einzigen, die noch zum Saufen haben, sind die Weißkittel im Kloster, und die wollen uns ja nichts abgeben.«

»Man sollte den Mönchen die Bude ausräumen«, forderte ein Dritter seine Kameraden auf.

Für einen Augenblick sah es so aus, als würden die Männer auf der Stelle zum Kloster marschieren, um dort ihre Wut an den ungastlichen Bernhardinermönchen auszulassen, und Arandela machte sich schon bereit, einzugreifen. Doch da lenkte sein Stellvertreter Vasco den Zorn der Männer auf ein anderes Opfer. Er wies auf die Fonda. »Schauen wir lieber nach, ob der Wirt nicht doch noch ein Fässchen Wein vor uns versteckt hält, um es selbst zu saufen. Der Kerl hat mir ein zu großes Schurkengesicht.«

Dieser Vorschlag wurde mit Jubel aufgenommen. Drei, vier Soldaten eilten in die Fonda und stiegen in den Weinkeller hinab. Man hörte von draußen durch das winzige Schachtfenster, wie sie darin herumrumorten. Kurz darauf kehrten sie mit einem Fässchen zurück.

»Der Kerl hat uns tatsächlich belogen. Dafür bezahlen wir diesen Wein auch nicht«, riefen sie den Wartenden zu. Der Wirt folgte ihnen händeringend. »Nicht doch, Seno-res. Dieser Wein ist nur noch als Essig zu verwenden.«

Vasco funkelte ihn spöttisch an. »Das werden wir ja sehen, du Schuft. Wenn der Wein zu trinken ist, erhältst du eine Tracht Prügel, die dich lehren wird, in Zukunft ehrlich zu sein.« Er schlug das Spundloch mit dem Knauf seines Schwertes ein, goss den hellroten Wein in einen Becher und nahm einen Schluck. Sofort lief sein Gesicht hochrot an, und er spie die Flüssigkeit mit einer Geste des Abscheus aus.

»Terrible! Das Zeug ist wirklich nicht zu trinken.«

»Verdammt, wir wollen Wein!«, brüllte ein Soldat den Wirt an.

»Also schaff welchen her, und wenn du ihn den Mönchen aus der Nase ziehst. Wir wollen feiern.«

Der Wirt eilte hastig davon und klopfte an mehrere Häuser, von denen er hoffte, dass ihre Besitzer ihm doch noch einmal helfen würden. Zu seinem Schrecken schüttelten jedoch alle bedauernd die Köpfe, Sie hatten den meisten Wein schon an die Soldaten abgegeben und wollten das wenige, das ihnen geblieben war, für sich behalten. Als der Wirt sich gerade schweren Herzens zum Kloster aufmachen wollte, gellte ein scharfer Pfiff durch das Dorf. Ein Soldat deutete auf eine Frau, die einen schreiend bunten Rock trug und mit einem Esel am Zügel den Hügel herunterkam. Die beiden Fässchen auf dem Packsattel des Tieres ließen die Soldaten aufjubeln.

»Da kommt genau das, was wir brauchen.« Vasco eilte Lea entgegen und hielt ihr fordernd seinen Becher hin. »Schenk ein, Weib, ich habe Durst.«

Der Empfang überrollte Lea. Ihre Ängste hatten ihr schon vorgegaukelt, dass man ihr den mit Mohnsaft versetzten und daher nicht besonders gut schmeckenden Wein über den Kopf schütten und ihr schlimmstenfalls sogar aus Ärger über das schlechte Gesöff Gewalt antun würde. Doch die Soldaten umringten sie und rissen ihr vor Gier beinahe die Fässer vom Esel. Sie konnte gar nicht so schnell einschenken, wie man ihr die Becher entgegenstreckte. Selbst der in grünem Samt und schimmernden Stahl gekleidete Edelmann mit dem scharf geschnittenen Gesicht und den krausen, schwarzen Haaren, der nur Al-varo de Arandela sein konnte, trank in großen Schlucken. Er war auch der Einzige, der ihr eine Münze zuwarf. Die anderen tranken, ohne zu bezahlen. Lea warf dem Anführer einen auffordernden Blick zu, so als wollte sie hinterher bei ihm kassieren, dankte aber innerlich dem Gott ihrer Väter, weil er die Feinde in ihre Hand gegeben hatte.

Gerade, als sie den letzten Tropfen in einen Becher rinnen ließ, begannen die ersten Soldaten zu gähnen. Lea warf einen raschen Blick in die Runde, und stellte fest, dass die Männer, die lachend und singend am Boden saßen, einer nach dem anderen in sich zusammensanken. Nun wurde es höchste Zeit zu verschwinden. Zu ihrer Erleichterung hielt sie niemand auf. Während hinter ihr die trunkenen Stimmen der Soldaten erlahmten, zerrte sie den Esel hinter sich her, um so bald wie möglich die Stelle zu erreichen, an der Pablo und einer seiner Mitbrüder vom Meierhof auf sie warteten. Als Lea die Mönche vor sich auftauchen sah, schlang sie die Mantilla enger um sich, um ihren von keinem Band gehaltenen Busen zu verbergen.

»Wie ist es gelaufen?«, fragte Pablo, der ihr aufgeregt entgegenkam.

Über Leas Gesicht huschte ein Lächeln. »Excelente, Brüder. Die Soldaten haben den Wein getrunken, als hätten sie eben die Wüste durchquert. Baramosta und die Seinen können aufbrechen.«

Der andere Mönch gab einen Seufzer von sich, als wäre alle Last der Welt von seinem Herzen genommen. »Dann wird endlich wieder Ruhe in unserem Tal einkehren.«

»Wollen wir es hoffen.« Pablo nahm Lea die Zügel aus der Hand und reichte sie seinem Mitbruder. »Du weißt, was du zu tun hast?«

»Ich muss den Esel und die Fässchen verschwinden lassen. Das ist wohl die leichtere Aufgabe. Gott befohlen, Brüder, und lasst Euch nicht erwischen.«

»Ich gewiss nicht, und unser junger Bruder wird ebenso gut auf sich aufpassen«, antwortete Pablo lachend.

Er hatte den Mönchen im Meierhof erklärt, sein Begleiter sei ein Mitbruder aus einem befreundeten Kloster, und sie hatten seine Worte nicht in Zweifel gezogen. Sollte ein Teil der Wahrheit durchsickern, wollte der Abt versuchen, jeden Verdacht von dem burgundischen Edelmann Leon de Saint Jacques abzulenken. Lea war froh über die weise Voraussicht, denn aus dem gleichen Grund hatte sie vor, in die Höhle des Löwen, also zu dem bei Granada versammelten Hof zurückzukehren. Sie bedankte sich noch einmal bei dem Mönch aus dem Meierhof und streichelte zum Abschied den Esel, der brav mitgemacht hatte. Als der Mann gegangen war, wandte sie sich besorgt an Pablo. »Soll ich nicht doch besser bis Cullera mitkommen?«

Der Mönch winkte ab. »Nein, nein, das schaffe ich allein. Schließlich kenne ich Ristelli von Don Orlandos letz-tem Streich her. Sei unbesorgt, lieber Bruder Leon, ich bringe Baramosta und die Seinen sicher zum Schiff. Ihr solltet Euch beeilen, um nicht zu spät auf de Llorzas Gut anzukommen. Wenn alles vorbei ist, werde ich Euch dort aufsuchen und Euch berichten, wie es gelaufen ist.«

Lea schüttelte zweifelnd den Kopf. »Ich weiß nicht ... Ich habe das Gefühl, meine Aufgabe ist noch nicht erfüllt.«

Pablo legte ihr die Hand auf die Schulter und zog sie an sich, was etwas eigenartig aussah, da Lea noch in Frauenkleidern steckte und er seine Mönchskutte trug. »Beruhigt Euch, Don Leon. Ihr habt mehr als genug getan. Würde man Euch jetzt bei den Flüchtlingen sehen, könntet Ihr die Aufmerksamkeit unserer Feinde auf Euch ziehen.«

»Also gut, Pablo. Ich lege das Schicksal Baramostas und der Seinen in deine Hände. Aber geh jetzt, denn ihr dürft keine Zeit verlieren. Und pass auf, dass Montoyas Spione im Kloster nicht noch alles verderben.«

»Die haben derzeit anderes zu tun. Als ich in der Klosterapotheke war, um den Schlafsaft zu holen, fiel mir ein starkes Abführmittel in die Hände. Das habe ich als Gottes Zeichen angesehen und es in den Kessel mit dem Morgentrunk eingerührt. Ich fürchte, die Latrinen des Klosters werden schon überfüllt sein. Meine wahren Mitbrüder werden mir vergeben, und Montoyas Spione haben es verdient. Doch nun Gott befohlen. Grüßt Don Orlando und besonders seinen Vater von mir.« Pablo schniefte, wischte sich eine Träne von der Wange und stiefelte mit langen Schritten auf das Kloster zu.

Lea sah ihm noch einen Augenblick nach, dann eilte sie zu dem Pinienwäldchen, in dem sie ihre Sachen versteckt hatte, und verließ es kurz darauf wieder in der Tracht eines kastilischen Edelmannes, die sie für ihren weiteren

Weg behalten wollte. Das Frauenkleid und die Mönchskutte hatte sie fest eingepackt, damit man nicht erkennen konnte, was sie unter dem Arm trug. Eine gute Stunde später erreichte sie die Osteria, in der Cereza untergestellt war.

»Buenos dias, Senor. Wir haben uns bereits Sorgen um Euch gemacht«, begrüßte der Wirt sie.

Lea neigte ihr Haupt und setzte eine verklärte Miene auf. »Ich habe die Nacht und einen Teil des Vormittags betend am Altar der heiligen Jungfrau verbracht und fühle mich nun wunderbar getröstet.«

»Dann dürftet Ihr müde sein und schlafen wollen«, schloss der Wirt aus ihren Worten.

»Aber nein! Gott hat mich mit neuer Kraft erfüllt. Packt mir etwas Brot, ein Stück Lammbraten und eine Kürbisflasche mit Wein ein und sagt, was Ihr von mir bekommt. Ein Knecht soll meine Stute satteln, denn ich will gleich aufbrechen.«

Keine halbe Stunde später blieb der kleine Ort hinter Lea zurück. Am nächsten Kreuzweg verließ sie den Fahrweg und ritt den steilen Hang hoch, der das Tal des Rio Grande an dieser Stelle begrenzte. Oben angekommen lag eine leicht gewellte Hochebene vor ihr. Nachdem die Stute sich ein wenig vom Aufstieg erholt hatte, ließ Lea sie rasch ausgreifen. Sie schnitt den Bogen ab, den der Fluss machte, und erreichte den Rio Grande erst wieder nach gut zwei Leguas. Während sie Cereza zügelte, beobachtete sie die beiden Boote, die sich unten auf dem Fluss näherten. Zusammen mit Baramosta befanden sich fünfzehn Personen darin, dazu kam noch Pablo, der am Heck des vorderen Bootes saß und das Steuer hielt. Gerade als sie ihn auf sich aufmerksam machen wollte, blickte er auf und winkte ihr zu.

Lea winkte zurück, nahm dann das Bündel mit der

Kutte und dem verräterischen Kleid und schleuderte es über den Steilhang hinab ins Wasser. Einer von Baramos-tas jungen Begleitern holte es mit einer Stange ins Boot und verstaute es unter seinem Sitzbrett. Auf diesem Weg würden die Sachen wieder in Ristellis Besitz kommen. Das schien Lea sicherer, als die Kleidung irgendwo unterwegs zu vergraben oder sie bei sich zu behalten.

»Muchas gracias«, rief Orlandos Onkel zu ihr hoch. Seine Frau stand neben ihm und betete, während die drei jungen Frauen, bei denen es sich um die Töchter und die Schwiegertochter des Paares handeln musste, ihrem Retter Kusshände zuwarfen.

»Fahrt mit Gott«, flüsterte Lea erleichtert und besorgt zugleich, Pablo hatte Recht. Sie konnte jetzt nicht mehr für die Flüchtlinge tun, als ihnen ihre besten Wünsche mitzugeben. Sie selbst musste zu Frans van Grovius und den Burgundern zurückkehren, um deren Gesicht vor dem spanischen Königspaar und deren Höflingen zu wahren und aus dem unbestimmten Gefühl heraus, dass sie in diesem Land noch eine Aufgabe zu erfüllen hatte.

9.

Als Lea das Gut der Familie de Llorza erreichte, begrüßte Thibaut de Poleur sie so überschwänglich, als hätte er einen lange verschollenen Verwandten wiedergefunden. Offensichtlich hatte er sie auf dem letzten Stück der Reise vermisst und berichtete ihr nun wortreich von den Wundern, die ihnen unterwegs begegnet waren. Da die Gruppe die Höhlenwohnungen bei Penas de San Pedro besucht und dort ein wenig gefeiert hatte, war sie erst am Vortag bei de Llorzas Eltern aufgetaucht. Als de Po-leur seinen Bericht endlich abgeschlossen hatte und seinen guten Freund Leon fragte, wie es ihm ergangen sei, lächelte Lea wehmütig.

»Ich war bei einem Geschäftspartner meiner Dienstherren und hatte dort einige Aufträge zu erledigen und nach der Post zu schauen. Es war jedoch nichts Wichtiges dabei. Das einzig Gute an dem Ritt ist die Tatsache, dass ich den nächsten Teil meiner Spesen abholen konnte und endlich wieder flüssig bin.«

»Da geht es dir besser als mir«, antwortete de Poleur mit einem säuerlichen Lachen. »Mein Beutel ist so leer, dass ihn der Wind davontragen könnte.«

»Ich kann durchaus ein paar Maravedis erübrigen und dir einen Kredit bei mir einräumen. Vergiss nicht, ich bin Bankier.«

De Poleur überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf. »Führe mich nicht in Versuchung. Ich habe nämlich bei einem Waffenschmied in Murcia ein Schwert gesehen, das mir ausgezeichnet gefallen hat. Aber das kostet einige Maravedis mehr, als du mir leihen dürftest.«

Lea hörte aus der Stimme des Burgunders eine gewisse Hoffnung heraus, das Schwert doch noch erwerben zu können. Aber sein Stolz ließ nicht zu, dass er sich eine Abfuhr holte. Da sie sich de Poleurs Wohlwollen erhalten wollte, machte sie eine wegwerfende Geste. »Kauf dir die Waffe ruhig. Ich lege dir das Geld aus und warte, bis du es mir eines Tages zurückzahlen kannst.«

»Damit machst du aber ein schlechtes Geschäft, Leon. Mir fließt das Geld nämlich nur so zwischen den Fingern hindurch, und es bleibt nie genug übrig, um meine Schulden bezahlen zu können, geschweige denn, etwas zu sparen.«

»Dann nimm die Waffe als Geschenk.«

»Im Ernst? Ich nehme dich beim Wort!« Auf de Poleurs Gesicht machte sich ein zufriedenes Lächeln breit. »Du bist wirklich der beste Freund, den ein Mann haben kann, Leon. Aber jetzt muss ich dich endlich unseren Gastgebern vorstellen.«

Er wies einen Knecht an, Cereza in den Stall zu bringen und abzureiben, fasste Lea am Arm und führte sie auf das flache, wenig imposant wirkende Hauptgebäude des Gutes zu. Die aus Bruchsteinen errichteten Mauern waren mit Lehm bestrichen und weiß gekalkt und die kleinen Fenster kaum größer als Schießscharten, während die Tür so wirkte, als sei sie aus dicken, kaum bearbeiteten Brettern zusammengenagelt worden. Die wohnliche Einrichtung des Hauses machte das abweisende Äußere jedoch mehr als wett.

Don Esteban, Raul de Llorzas Vater, empfing sie in einem großen Zimmer, das trotz der kleinen Fenster hell und luftig wirkte. An der Wand standen große Truhen, die mit Teppichen und Decken bedeckt waren und als Sitzgelegenheiten dienten. Bequeme Stühle aus dunklem Holz, ein großer Tisch mit Intarsien, ein gemauerter Kamin, dessen wohlige Wärme das klamme Winterwetter fernhielt, und ein reicher Wandschmuck aus Teppichen, Waffen und Jagdtrophäen vervollständigten die Einrichtung.

»Seid mir willkommen, Don Leon«, begrüßte Don Es-teban Lea in der hier gebräuchlichen Mundart Aragons, die sich von der kastilischen Sprache, die sie gelernt hatte, so stark unterschied, dass sie ihn kaum verstand. Da sie nicht gleich antwortete, wiederholte Raul de Llorza die Worte seines Vaters auf Kastilisch. Don Esteban verzog das Gesicht, als hätte er auf etwas sehr Bitteres gebissen. Offensichtlich ärgerte er sich darüber, dass sein Sohn sich als Mann von Welt gab und ihn zum Provinzler degradierte.

»Ich danke Euch!« Lea verbeugte sich vor ihrem Gastgeber und wandte sich dann dessen Gemahlin zu. War der Hausherr ein großer, breit gebauter Mann mit dunkelbraunen Haaren, so wirkte Dona Estrella klein und puppenhaft. Sie hatte ihr pechschwarzes, leicht blau schimmerndes Haar mit einem geschnitzten Elfenbeinkamm aufgesteckt und trug ein dunkelgrünes Kleid, das eher bequem als modisch wirkte. Vor allem aber war sie eine Hausfrau, die alles daransetzte, ihre Gäste zu verwöhnen. Sie wartete kaum, bis Lea auch sie begrüßt hatte, sondern eilte mit einer Entschuldigung in die Küche, um, wie sie sagte, der Köchin auf die Finger zu sehen.

»Ich hoffe, Ihr hattet eine schöne Reise durch Aragon«, begann Don Esteban die Konversation.

»Wir sind nur zu einem kleinen Teil durch Aragon geritten, der größte Teil unseres Weges führte durch Kastilien«, berichtigte Don Raul seinen Vater.

Das Gesicht des alten Herrn färbte sich dunkel. »Unser Sohn hat ganz vergessen, woher er stammt, und ist ein Castellano geworden.«

Seine Stimme verriet den Grimm, der in ihm wühlte.

»Es ist Kastilien, das in Spanien den Ton angibt!«, verteidigte sein Sohn sich.

Don Esteban bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick. »Ich glaube nicht, dass es unsere Gäste interessiert, wer in Spanien den Ton angibt. Hier in Aragon ist es jedenfalls Rey Fernando und nicht die Königin Kastiliens.«

»Bitte streitet euch nicht schon wieder!« Dona Estrella war ins Zimmer zurückgekehrt und bedachte Gemahl und Sohn mit tadelnden Blicken. »Was sollen unsere Gäste von euch halten?«

»Es ist nicht mein Streit«, brummte Don Esteban.

Dona Estrella ließ nicht locker. »Wir sollten lieber daran denken, dass wir uns auf das Weihnachtsfest vorbereiten müssen. Es sind nur noch wenige Tage bis dorthin.«

Es klang so mahnend und feierlich, dass Lea am liebsten in Tränen ausgebrochen wäre. Sie hatte die Festtage ihres Glaubens nicht begehen können, wie es sich gehörte, und sah sich nun gezwungen, an einer Feier zu Ehren des Mannes teilzunehmen, dessen Religion die Juden zu einem gejagten, erniedrigten und ständig gefährdeten Volk gemacht hatte. Am liebsten wäre sie noch vor Beginn der Festlichkeiten abgereist, doch wenn sie ihre Maske aufrechterhalten wollte, musste sie hier bleiben, in die Gebete der Christen einstimmen und ihr Knie beugen, wann immer der Priester es von ihr forderte.

Um mit sich ins Reine kommen zu können, schützte sie Erschöpfung vor und bat, sich zurückziehen zu dürfen. Zum Glück erhielt sie einen Raum für sich allein, eine winzige Kammer, gerade groß genug für ein Bett und einen Stuhl. Dona Estrella entschuldigte sich, weil sie dem Herrn de Santiago nichts Besseres anbieten konnte. Es waren jedoch so viele Freunde und Verwandte erschienen, um das Weihnachtsfest mit dem Sippenoberhaupt zu feiern, dass alle anderen Schlafräume besetzt waren.

Lea versuchte, die Hausherrin zu beruhigen. »Das Zimmer ist schön, und ich werde mich hier wohl fühlen.«

Dona Estrella wirkte nicht sonderlich erleichtert. Offensichtlich glaubte sie es dem Rang des Gastes schuldig zu sein, ihn besser zu behandeln. »Wenn Ihr etwas benötigt, so ruft. Eine der Mägde wird sofort kommen und Eure Wünsche erfüllen.«

»Ich danke Euch.« Lea neigte lächelnd den Kopf, atmete aber auf, als ihre gluckenhaft besorgte Gastgeberin sie endlich allein ließ.

Lea wartete, bis die Magd ihr einen Krug Wasser und eine Schüssel gebracht hatte, und versperrte dann die Tür. Diese hatte zwar weder Schloss noch Riegel, doch Lea stellte den Stuhl so unter die Klinke, dass niemand unaufgefordert eintreten konnte. Danach machte sie sich bereit, ins Bett zu gehen. Es war erst später Nachmittag, doch sie fühlte sich nach dem langen Ritt und der Anspannung durch das Abenteuer in Bereja wie erschlagen.

In der Nacht träumte sie wirr und sah nacheinander Baramosta, Orlando und sich selbst als Gefangene Montoyas. Der Herzog schäumte vor Wut und ließ diese vor allem an ihr aus. Während die Folterknechte der Inquisition sie mit glühenden Zangen quälten, verfluchte Lea sich, weil sie nicht mit an Bord von Ristellis Schiff gegangen war und Spanien verlassen hatte. In dem Moment schreckte sie auf und fand sich hellwach. Sie presste die Hand auf ihr rasendes Herz, starrte auf die im ersten Schein der Dämmerung dicht herangerückten Wände und glaubte sich tatsächlich im Kerker gefangen. Erst als die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster in die kleine Kammer fielen, vermochte sie ihre Angststarre abzuschütteln und sich zu entspannen.

Die Sonne verblasste bald in Dunstschleiern, und am späten Vormittag zogen dunkle Wolken über die Berge heran und hüllten das ganze Land in tristes Grau. Kurz darauf stürzte der Regen mit einer solchen Wucht vom Himmel, dass die Tropfen kniehoch von den Pfützen aufstoben. Don Esteban starrte grimmig hinaus und prophezeite, dass das schlechte Wetter noch etliche Tage anhalten würde.

Raul de Llorza schnaubte wütend, denn die Pläne, die er für seine Gäste geschmiedet hatte, lösten sich in den vom Himmel fallenden Fluten auf. Ihm und den anderen jungen Herren blieb nichts anderes übrig, als sich um den Kamin zu versammeln und einander von ihren tatsächlichen oder eingebildeten Abenteuern zu berichten, mit denen sie sich eifrig zu übertrumpfen versuchten. Zu Don Raul hatte sich dabei eine Gruppe von jungen Edelleuten aus der Gegend gesellt, die seinen geschliffenen kastili-schen Dialekt und seine modische Kleidung bewunderten und ihm im Duell der Worte gegen Thibaut de Poleur und dessen Freunde beistanden.

Lea beteiligte sich nicht an diesem Wettstreit, sondern spielte mit ihrem Gastgeber Schach. Sie hatte das Spiel früher öfter mit Samuel gespielt, in den letzten Jahren aber keine Gelegenheit dazu gehabt. So gewann Don Es-teban die ersten Partien. Bald aber wendete sich das Blatt. Auch wenn Lea ihren Gastgeber nicht jedes Mal übertrumpfen konnte, so war sie ihm, wie Don Esteban anerkennend sagte, ein würdiger Gegner.

Am Morgen des Christtags regnete es immer noch, und es sah so aus, als müssten alle den Weg zur Kirche in einer Kutsche zurücklegen. Um die Mittagszeit klarte es jedoch auf, und die Straße trocknete so weit ab, dass sie reiten konnten. Lea schloss sich dem Zug mit wenig Begeisterung an und war froh, als der Padre in der Kirche nach einer viel zu langen Predigt das letzte Amen sprach. Die feierliche Stimmung begleitete die Gruppe, bis sie das Gut erreicht und sich im Wohnraum versammelt hatten.

Während die Gäste dem Wein zusprachen, der von Don Estebans eigenen Weinbergen stammte, und sich an den Leckerbissen labten, die Dona Estrellas Küchenmägde auf großen Tabletts in den Raum trugen, lockerte die Atmosphäre sich auf und es fiel immer wieder das Wort Corrida. Zuerst glaubte Lea, es handele sich dabei um einen Wettlauf, den einige der Gäste abhalten wollten. Später, als der Zusatz de Toros fiel, dachte sie an ein Stiertreiben. Doch auf das, was am nächsten Tag unter einem strahlend blauen Himmel abgehalten wurde, war sie nicht vorbereitet. Nach einem reichlichen, wenn auch recht spät gereichten Frühstück führte Don Raul die Gäste zu einer Stelle des Gutes, an der ein kreisrunder Platz mit festen Balken umzäunt worden war. Ein sich nach innen öffnendes Gattertor war der einzige Zugang zu diesem Pferch.

Zuerst wurde ein halbwüchsiger Stier hineingetrieben, an dessen Hörnern zwei rote Quasten befestigt waren. Zwei junge Burschen unter Don Estebans Knechten stiegen über den Zaun, tanzten um den Stier herum und versuchten, ihm die Quasten von den Hörnern zu reißen. Ihr Spiel war nicht ungefährlich, denn der Bulle war gereizt und stieß immer wieder zu. Schließlich gelang es einem der Burschen, die erste Quaste zu erhaschen. Während er zum Zaun floh und blitzschnell darüber kletterte, schlich sich sein Kamerad an den Stier und zupfte die zweite Quaste los. Er verlor sie jedoch auf der Flucht, zögerte einen Augenblick und wollte sie aufheben, doch da war der Bulle schon über ihm, trampelte ihn zu Boden und nahm ihn auf die Hörner.

Lea stockte der Atem, als der junge Bursche durch die Luft geschleudert wurde und benommen auf dem Boden liegen blieb. Bevor der Bulle erneut auf ihn losgehen konnte, wurde das Gattertor aufgerissen. Zwei Reiter galoppierten auf Pferden hinein, die mit dicken Strohmatten gepanzert waren, und drängten den Stier ab, während ein paar beherzte Kerle den Verletzten herausholten.

»Das war erst der Anfang«, erklärte Don Raul, der ungerührt zugesehen hatte. An diesem Tag hatte er sein gewohntes schwarzes Gewand gegen ein hauteng sitzendes rotes vertauscht und ließ sich nun von seinem Diener in eine leichte Rüstung helfen.

Zwei Knechte führten derweil ein mit Strohmatten und Lederpolstern behangenes Pferd heran. Raul de Llorza stieg auf und lenkte das Tier in den Pferch. Dort verbeugte er sich und ließ sein Pferd dabei eine Pirouette auf der Hinterhand drehen. Noch während aller Augen auf ihn gerichtet waren, trieben einige berittene Knechte einen ausgewachsenen schwarzen Stier in die Arena. Das Tier warf mit seinen Hufen den Sand hoch und schnaubte zornig.

Die Damen kreischten auf, als das Tier aus dem Stand lospreschte und sich auf den Reiter stürzte. Don Raul ließ sein Pferd mit einer geschickten Drehung ausweichen und trabte fast beleidigend gemächlich zum Zaun, an dem sein Diener stand und ihm zwei kurze Spieße reichte. De Llorza wartete, bis der Stier ihn fast wieder erreicht hatte, lenkte sein Pferd dann mit einem Schenkeldruck zur Seite und stieß gleichzeitig beide Spieße in den gewölbten Nacken des Bullen. Ein zorniges Brüllen erfüllte die Luft, und der Stier verfolgte seinen Peiniger mit animalischer Wut. Don Rauls Pferd wich ihm jedoch mit scheinbar mühelosen Bewegungen aus. Der Reiter hielt nun eine lange Lanze in der Hand, mit der er dem Bullen beinahe nach Belieben schmerzhafte Wunden zufügte.

Lea wusste nicht, wie lange sie dieses in ihren Augen ekelhafte Schauspiel noch ertragen konnte, wollte sich aber nicht sichtbar abwenden, um nicht aufzufallen. Auch Don Esteban sah nicht so aus, als würde er es genießen, denn auf seinem Gesicht spiegelten sich Zorn und Verachtung. Die jüngeren Gäste aber brachen jedes Mal, wenn Raul de Llorza den Bullen mit seiner Lanze traf, in Begeisterungsrufe aus. Zuletzt umrundete Don Raul das Rund im Galopp, ergriff dabei ein Schwert, das sein Diener ihm hinhielt, und setzte sich an die Flanke des erschöpften Bullen. Die Klinge blitzte in der Sonne auf und bohrte sich tief in den Rücken des Tieres.

Der Bulle blieb stehen, als wäre er gegen eine Wand gerannt, schrie noch einmal klagend auf und stürzte dann wie ein gefällter Baum zu Boden. Don Raul ritt um das tote Tier herum und lenkte sein Pferd dabei nur mit den Schenkeln. »So feiert man die Corrida de Toros in Kastilien«, rief er den Anwesenden triumphierend zu.

Lea erinnerte sich an Jose Albanez' Ausspruch, dass man Gott in diesem Land nach der Art der Karthager Menschenopfer darbringen würde. Das blutige Gemetzel, dessen Zeuge sie eben geworden war, kam ihr auch so vor wie ein heidnisches Ritual.

Don Esteban schüttelte angewidert den Kopf. »Einem Bullen die Quasten von den Hörnern zu holen, ist ein fröhlicher Spaß für mutige Burschen, aber einen guten Stier sinnlos abzuschlachten, halte ich für Verschwendung.«

Ihm war anzusehen, wie sehr ihn die Entfremdung seines Sohnes schmerzte. Auch einige andere ältere Gäste murrten über diese neuen kastilischen Sitten, die Jungen waren jedoch begeistert und ließen Don Raul hochleben. Leas Freunde de Poleur, de la Massoulet und von Kan-dern wirkten hingegen verstört. Sie waren die Jagd in den dichten Wäldern der Ardennen und des Schwarzwalds gewöhnt, und diese Art von Stierhatz war nicht nach ihrem Sinn. An diesem Abend sprachen sie denn auch zum ersten Mal davon, bald nach Granada zurückzukehren. Lea hatte nichts dagegen einzuwenden.

So schnell, wie sie es beabsichtigt hatten, konnten Lea und ihre Freunde nicht aufbrechen, denn nach Weihnachten schlug das Wetter erneut um. Wieder regnete es heftig, und die Wege wurden für Reiter und Wagen unpassierbar. Ein Mann trotzte jedoch den Elementen - Pablo, der Mönch aus San Juan de Bereja. Er kam an einem späten Vormittag zum Gut, um mit Leon de Saint Jacques zu sprechen, was zum Glück niemanden zu Fragen veran-lasste. Sein Bericht war kurz, aber zufriedenstellend. Ro-drigo Varjentes de Baramosta und seine Begleitung hatten Ristellis Schiff Aquilone unbehelligt erreicht und waren bereits auf dem Weg nach Genua.

Lea dankte Pablo für die Botschaft, bat ihn, Albanez die besten Grüße zu übermitteln, und verabschiedete sich erleichtert von ihm. Lange sah sie ihm noch nach, während er durch den Regen stapfte, dabei immer kleiner wurde und sich schließlich im Grau eines neuen Schauers auflöste. Ihr war um einiges leichter ums Herz, und sie hätte sich am liebsten in den Sattel geschwungen, um zu der Delegation der Burgunder zurückzukehren und damit dem Ende der Reise ein wenig näher zu kommen. Neujahr und Dreikönigstag vergingen jedoch mit starken Unwettern, und es dauerte noch eine weitere Woche, bis der Himmel aufklarte und die Erde trocknete.

Den Rückweg mussten sie ohne Raul de Llorza antreten, denn der junge Edelmann hatte andere Pläne, als in die Schlacht um Granada zurückzukehren. Sein kühler Abschied zeigte, wie froh er war, die vier burgundischen Gäste loszuwerden, und die drei jungen Männer rätselten noch eine Weile, warum er sie überhaupt eingeladen hat-te. Lea erfuhr von Thibaut de Poleur, dass Don Raul in den Diensten Luis de Santangels stand, des Verwalters der Privatschatulle König Fernandos von Aragon. Santangel gehörte zum Kreis um Medicaneli, das bestätigte Leas Vermutung, der Herzog habe seine Fäden gezogen, um ihr eine längere Abwesenheit von der burgundischen Gesandtschaft zu ermöglichen.

Das unwirtlich kühle Wetter weckte in keinem von Leas Begleitern besonderes Interesse an der Landschaft, darüber war sie froh, denn ihr Kopf schwirrte zu sehr, um sich für bizarre Felsformationen oder malerische Herrensitze zu begeistern. Die Städte auf ihrem Weg blieben hinter ihnen zurück wie Schatten. Nur in Murcia verweilten sie einen Tag, damit de Poleur das Schwert kaufen konnte, nach dem er sich so sehr gesehnt hatte. Danach ging ihre Reise ohne Unterbrechung weiter.

Als die kleine Gruppe sich bis auf zwanzig Leguas der Stadt Granada genähert hatte, kam ihnen eine andere Reisegesellschaft entgegen. Sie bestand aus zwei Männern, die zu Fuß gingen, und einem Knaben von vielleicht drei oder vier Jahren auf einem alten Maulesel, der auch das Gepäck der Leute trug. Leas Begleiter ritten an den Reisenden vorbei, ohne sich um sie zu kümmern. Sie selbst zügelte ihre Stute und starrte die Leute, die sich gegen die winterliche Kühle und den gelegentlichen Regen mit festen Mänteln gewappnet hatten, verwundert an.

»Buenos dias, Senor Colombo. Das ist aber eine unerwartete Begegnung.«

Der Genuese hielt das Maultier an und sah zu ihr hoch. »Ihr seid es, de Saint Jacques! Es freut mich, Euch zu sehen, auch wenn ich Euch adios sagen muss, statt Euch einen guten Tag zu wünschen.«

»Es sieht aus, als kehrtet Ihr dem Hof den Rücken. So hattet Ihr keinen Erfolg?«

Colombo lachte bitter auf. »Die Herren der ehrenwerten Universität von Salamanca lehnten meinen Plan wie erwartet ab, und Königin Isabella war nicht bereit, Luis de Santangels Angebot anzunehmen, mir die Fahrt im Gegenzug für die Gewährung einiger Privilegien zu finanzieren. Wahrscheinlich deshalb, weil er ein Mann aus Aragon ist und keiner ihrer eigenen kastilischen Edelleu-te.«

Das glaubte Lea weniger. Wie sie die Königin einschätzte, waren ihr Santangels Forderungen zu hoch gewesen. Ihr tat der Genuese Leid; er hatte sein Herz und sein ganzes Schicksal an die Fahrt nach Indien gehängt und war, nachdem er zuerst in Portugal, das seine Kapitäne auf den Weg um Afrika herum schickte, keinen Erfolg gehabt hatte, nun auch in Spanien abgewiesen worden.

»Was wollt Ihr jetzt tun, Senor Colombo?«

Der Genuese stocherte mit der Stiefelspitze im Straßenschlamm und zuckte mit den Schultern. »Ich verlasse Spanien, wo ich so viele nutzlose Jahre vergeudet habe, und reise nach Frankreich, in der Hoffnung, dass Karl VIII. mir gewogener ist, als es die spanischen Majestäten waren.«

»Ich wünsche Euch dafür sehr viel Glück.« Lea beugte sich im Sattel nieder, um Colombo die Hand zu reichen. Ein letzter Wink noch, dann musste sie Cereza antreiben, um ihre Gefährten einzuholen. Als sie aufgeschlossen hatte, drehte sie sich noch einmal um und blickte auf die immer kleiner werdende Gestalt eines Mannes, der nicht bereit war, sich dem Schicksal zu beugen, und der viele Jahre seines Lebens opferte, um einen einzigen großen Plan Wirklichkeit werden zu lassen.

10.

Manuel Alonzo de Coronera, der Herzog von Montoya, war wütender als ein verwundeter Stier. Gerade hatte er sich noch in dem Triumph gesonnt, Orlando Terasa endlich gefangen zu haben, da erreichte ihn die Nachricht von Baramostas Flucht aus dem Kloster von San Juan de Bereja. Montoyas rechte Hand Diego de Arandela schlich um ihn herum wie ein geprügelter Hund und überlegte verzweifelt, wem er die Schuld an diesem Desaster in die Schuhe schieben konnte, um den Zorn des Herzogs von sich und seinem Bruder Alvaro abzulenken.

»Dahinter stecken gewiss diese Marranos, die getauften Judenschweine, die sich um die Majestäten geschart haben«, wisperte er seinem Herrn ins Ohr.

Montoya maß ihn mit einem vernichtenden Blick. »Was Ihr nicht sagt! Natürlich hatten Medicaneli, San-tangel und deren heuchlerische Judenbrut ihre Hand im Spiel. Doch solange ich keine hieb- und stichfesten Beweise in den Händen halte, wird die Königin weiterhin ihre Hand über dem gotteslästerlichen Gesindel halten.«

»Vor einigen Wochen sind mehrere burgundische Edel-leute in Raul de Llorzas Begleitung in die Richtung gereist, in der auch San Juan de Bereja liegt. Sie könnten Baramosta geholfen haben.«

Montoya winkte unwirsch ab. »Daran habe ich auch schon gedacht. Aber ein vager Verdacht ist ein zu brüchiges Schwert in meinen Händen. Da müsstet Ihr mir schon einen handfesteren Beweis beschaffen.«

»Wenn Ihr mir erlaubt, einen der jungen Herren etwas strenger zu befragen, wird mir dies möglich sein.«

»Ihr seid doch nicht ganz richtig im Kopf«, fuhr Montoya seinen Gefolgsmann an. »Es ist eine Sache, die Burgunder für eine Weile im Monasterio de San Isidro festzuhalten, aber ließe ich einen von ihnen verhaften und foltern, würde Frans van Grovius sich bei Ihren Majestäten beschweren, und erführe sein Herr, der Herzog von Burgund, davon, würde er von der Königin Genugtuung fordern und dafür sorgen, dass ich in Ungnade falle.«

Arandelas Miene verzog sich zu einem bösen Lächeln. »Dann muss man den Kerlen, die Baramosta befreit haben, eben eine Falle stellen. Wir haben ja einen unwiderstehlichen Köder!«

»Ihr meint Orlando Terasa?« Montoya strich sich mit dem Zeigefinger der rechten Hand über den Bart und dachte nach.

»Ihr habt Recht! Bis jetzt habe ich Terasas Gefangennahme noch geheim gehalten, aber jetzt scheint es mir an der Zeit, das zu ändern. Sorgt dafür, dass Euer Bruder diesen Sohn des Satans scharf bewacht, und warnt ihn eindringlich davor, ein zweites Mal zu versagen.«

Arandela verbeugte sich tief und beglückwünschte den Herzog zu seinem Plan. Gleichzeitig aber überlegte er, was er von Alvaro dafür fordern konnte, weil er den Zorn des Herzogs so meisterlich von ihm abgelenkt hatte.

11.

Bei der Abreise hatte es in Santa Fee nur so von Soldaten gewimmelt, aber als Leas Reisegruppe zurückkehrte, war das Feldlager bis auf eine einzige Kompanie Arkebusiere leer. Auch das Königspaar hatte die Stadt verlassen und war in Granada eingezogen. Es war bezeichnend für Colombo, dass er eine so wichtige Nachricht wie die Kapitulation des Emirs nicht erwähnt hatte. Außer Indien hatte im Kopf des Genuesen nichts anderes Platz.

Von einem Beamten, den das Königspaar in Santa Fee zurückgelassen hatte, erfuhren Lea und ihre Begleiter, dass auch die burgundische Gesandtschaft nach Granada umgezogen war. Daher machten sie sich nach einer kurzen Rast auf den Weg und erreichten die Stadt im Lauf des Nachmittags. Als Lea durch die Straßen ritt, konnte sie kaum fassen, dass sich eine so wehrhafte Stadt den Spaniern ohne größeren Widerstand ergeben hatte. Der Emir war inzwischen mit seiner Familie und den letzten Getreuen zur Küste gezogen, um nach Marokko überzusetzen, wo er hoffte, von dem dortigen Sultan aufgenommen zu werden. Auf der großen Moschee hatte das Kreuz den Halbmond ersetzt, und die Bewohner Granadas schienen erleichtert zu sein, dass der Krieg vorüber war.

Laurens van Haalen, der zurückbleiben hatte müssen, sonnte sich jetzt in dem Ruhm, bei der Übergabe der Stadt dabei gewesen zu sein, und berichtete seinen Freunden haarklein, wie alles vor sich gegangen war. In der Tat hatte das Königspaar Isabella und Fernando den Mauren annehmbare Bedingungen gewährt. Sie sollten den größ-ten Teil ihres Besitzes und vor allem ihren Glauben behalten dürfen. Der Vertrag war durch Hernando de Talave-ra, dem zum ersten Erzbischof von Granada ernannten spanischen Unterhändler, ausgehandelt und von ihren Majestäten unterzeichnet worden. Lea konnte sich jedoch nicht vorstellen, dass all diese Versprechen auf Dauer eingehalten werden würden, denn sie erinnerte sich an die Worte von Jose Albanez über die Macht der heiligen Inquisition. Für die Juden Kastiliens und Aragons zog schon jetzt nach dem Fall Granadas eine Katastrophe herauf, da das Königspaar den Eid geleistet hatten, sie im Falle eines Sieges über den Emir des Landes zu verweisen.

Lea beschäftigte sich in Gedanken immer noch mit dem Unglück, das ihre Glaubensgenossen nun heimsuchen würde, als sie das Quartier betrat, in dem sie untergebracht worden war. Wie das Zelt im Feldlager musste sie sich den Raum mit de Poleur und den anderen drei Freunden teilen. Die jungen Edelleute waren froh, wieder bei der Gesandtschaft zu sein, und machten sich sofort auf den Weg, Granada zu erkunden. Sie forderten auch ihren Freund Leon wortreich auf, sie zu begleiten, doch Lea schützte Müdigkeit vor und erklärte, sie wolle zu Bett gehen. Sie kam jedoch nicht dazu, sich hinzulegen, denn kaum waren ihre Begleiter verschwunden, klopfte es an der Tür. Lea schlüpfte rasch wieder in ihre Kleider und öffnete. Vor ihr stand ein Mann in der schlichten, wetterfesten Tracht eines Reitknechts und verneigte sich.

»Seid Ihr Santiago?«

Lea war es gewöhnt, ihren von Orlando erhaltenen Namen auf Spanisch zu hören und nickte.

Der Knecht verneigte sich erneut. »Eure Stute steht wie befohlen zum Ausritt bereit.«

»Ich habe nichts dergleichen befohlen!«

»Mein Herr wünscht es.«

Lea sah dem Knecht an, dass er nicht weichen würde, bis sie der Aufforderung Folge leistete. Es war zwar erst später Nachmittag und damit noch über eine Stunde hell, aber dennoch war es eine ungewöhnliche Zeit für eine solche Einladung. Verwirrt fragte sie sich, wer sie unbedingt sehen wollte. Höchstwahrscheinlich war es der Herzog von Medicaneli, der an ihrem Bericht interessiert war, aber es konnte auch Montoya sein, der bereits herausgefunden hatte, wer Baramosta die Flucht ermöglicht hatte, und nun versuchte, sie unauffällig aus dem Haus zu locken. Lea spürte, wie ihr Herz sich vor Furcht zusam-menpresste, und wünschte sich nicht zum ersten Mal, sie hätte Spanien auf Ristellis Schiff verlassen. Aber jetzt war es zu spät für Selbstvorwürfe. Sie griff nach ihrem Mantel und dem Schwert und folgte dem Knecht ins Freie.

»Reitet zu dem Hügel, von dem aus Ihr Granada zum ersten Mal gesehen habt«, rief der Mann ihr zu und verschwand grußlos im Gewirr der Gassen.

Lea streichelte Cereza, die gesattelt vor ihr stand, und überlegte, ob sie die Aufforderung nicht besser ignorieren sollte. Sie konnte hundert Gründe vorschieben, und Müdigkeit war nicht der schlechteste davon. Dann aber siegte ihre Neugier. Sie stieg in den Sattel und lenkte Cereza durch das Gewimmel der Menschen zum Tor.

Im Schatten eines Ölbaumhains wenige hundert Schritt hinter dem Tor gesellte sich ein Reiter auf einem pechschwarzen Ross zu ihr. Lea atmete erleichtert auf, als sie Medicaneli erkannte, aber als sie sein furchtverzerrtes und graues Gesicht sah, erschrak sie.

»Was ist geschehen, Euer Gnaden?«

»Montoya hat Orlando Terasa gefangen genommen«, sagte er mit ersterbender Stimme.

»Orlando hier in Spanien? Aber das ist unmöglich.« Lea schüttelte ungläubig den Kopf.

Medicaneli lachte bitter auf und stieß einen groben Fluch aus.

»Es ist die Wahrheit. Orlando Terasa wurde in Bilbao gefangen gesetzt, als er an Land gehen wollte. Meine Gewährsleute haben es mir bestätigt.«

»So ein Idiot! Wieso musste er nach Spanien kommen, wo er doch genau wusste, was für ein hoher Preis auf seinen Kopf ausgesetzt war und dass in allen Häfen Spione auf ihn lauerten!«

Hätte Lea Orlando in diesem Moment vor sich gehabt, sie hätte ihn mit beiden Händen geohrfeigt, so kochte die Wut in ihr hoch. Gleichzeitig aber fühlte sie sich zum Sterben elend. Warum hast du das getan, Orlando?, schrie sie tief in ihrem Innern auf. Warum hast du gegen alle Vernunft gehandelt, obwohl dir klar sein musste, dass Montoya und seine Kreaturen dir hier eine Falle gestellt hatten?

»Wenn Terasa unter der Folter spricht, sind meine Freunde und ich verloren, denn dann erfährt Montoya genug über uns, um uns vernichten zu können.« Aus Me-dicanelis Worten sprach schiere Panik.

Lea interessierte sich jedoch kaum für das Schicksal des Herzogs. »Wir müssen Orlando befreien.«

Medicaneli wirkte auf einmal wie ein alter Mann, dessen Stolz man mit einem einzigen Hieb gebrochen hatte. »Glaubt Ihr, Saint Jacques, man würde Terasa so nachlässig bewachen, dass man ihn mit einem Fingerschnippen aus seinem Gefängnis herausholen kann? Montoya hat ihn in die Festung von Santa Pola bringen lassen, und deren Tore sind weder mit Gewalt noch mit List zu öffnen.«

»Woher wisst Ihr das? Montoya hätte doch mehr Erfolg, wenn er Euch und Eure Freunde weiterhin in Sicherheit wiegen könnte.«

Sie sagte ihm nicht, welcher Gedanke ihr gerade durch den Kopf schoss. Die Nachricht von Orlandos Gefangennahme musste gezielt gestreut worden sein, um Montoya die Chance zu geben, die Leute in die Hand zu bekommen, die Baramostas Flucht ermöglicht hatten. Gelang ihm das nicht, war sein Erfolg nur ein halber Sieg. Vielleicht wollte er auch, dass Medicaneli, Santangel und andere Edelleute, die von konvertierten Juden abstammten, einen verzweifelten Versuch unternahmen, Orlando zu befreien, und sich dabei bloßstellten. Eine kopflose Tat würde den Einfluss zerstören, den sie sich am Hof erarbeitet hatten, und ohne den Schutz der Königin würden sie bald in den Kerkern der Inquisition oder auf dem Scheiterhaufen enden. Medicaneli schien keines klaren Gedankens mehr fähig zu sein, denn er jammerte wie ein altes Weib und rang hilflos die Hände.

»Uns bleibt nur die Flucht. Doch wohin sollen wir gehen, wovon sollen wir leben? Unsere Besitztümer bestehen aus Ländereien, aus Vieh und Leibeigenen. Die können wir nicht in die Tasche stecken wie die Juden ihr Gold. Und als Edelleute können wir auch nicht mehr auftreten, denn das Königspaar wird uns aller Ehren und Titel entkleiden und wahrscheinlich sogar unsere Auslieferung fordern, egal, wohin wir uns wenden werden.«

»Ihr seht, es gibt nur einen Weg für Euch. Ihr müsst mir helfen, Orlando zu befreien.«

Lea wusste selbst, dass das so gut wie unmöglich war. Gewalt schied von vorneherein aus, und Orlandos Bewacher würden sich gewiss nicht so leicht übertölpeln lassen wie Alvaro de Arandela. Medicaneli achtete auch nicht auf ihre Worte, sondern beklagte weiterhin das böse Geschick und machte Orlando Terasa persönlich dafür verantwortlich, dass seine Tage als Edler von Spanien gezählt waren.

Lea nahm ihm die Weinerlichkeit ebenso übel wie seine Vorwürfe gegen Orlando und fuhr ihn wütend an. »Hal-tet endlich den Mund und lasst mich nachdenken. Jammern könnt Ihr zu Hause!«

Der Herzog machte ein Gesicht, als wollte er aufbrausen, fiel aber sofort wieder in sich zusammen. »Versteht Ihr denn nicht? Wir sind alle verloren!«

»Wenn Ihr so denkt, denn legt Euch doch gleich einen Strick um den Hals und rutscht auf Knien zu Montoya.« Lea holte tief Luft, um nicht noch mehr zu sagen, denn sie hatte mehr Verständnis für den Mann, als sie sich selbst eingestehen mochte. Sie fürchtete zwar weniger für ihre eigene Sicherheit, aber sie kam fast um bei dem Gedanken, was man Orlando gerade antun mochte. Die Vorstellung, dass man ihm in diesem Moment auf der Folterbank die Glieder ausrenkte oder Feuer seine Haut zerfraß, bereitete ihr Übelkeit. So durfte er einfach nicht enden, und wenn sie den Herzog von Montoya eigenhändig umbringen musste, um es zu verhindern.

Bei dieser eher lächerlichen Vorstellung rief sie sich zur Ordnung, denn aus Verzweiflung oder Spinnereien entstanden nur selten gute Pläne. In dem Augenblick musste sie an ihre Begegnung mit Colombo denken, der nach Frankreich unterwegs war. Er war kein Spinner, denn sonst wäre die Königin nicht von seinen Plänen angetan gewesen. Soviel sie wusste, hatte Isabella nur aus Geldmangel und übergroßem Stolz darauf verzichtet, Colom-bos Schiffe auszurüsten und ihn nach Westen zu schicken. Lea dachte, dass es im Leben zuging wie in einer Schachpartie. Solange der König nicht matt gesetzt war, gab es immer noch einen Zug, und in dieser Partie war die Königin die entscheidende Figur.

Medicaneli zuckte zusammen und verstummte, als Lea im Sattel herumfuhr und die Hand auf seinen Arm legte. »Seid Ihr in der Lage, mir so schnell wie möglich eine Privataudienz bei der Königin zu verschaffen?«

Der Herzog starrte sie verblüfft an. »Was wollt Ihr von Isabella?

Sie wird uns auch nicht helfen können. Im Gegenteil, Ihr würdet die Sache noch schlimmer machen.«

»Haltet Euch nicht mit Schwarzseherei auf, sondern tut es einfach. Die Zeit drängt!«

Lea sah, wie es an seiner spanischen Herzogsehre nagte, von einem einfachen Edelmann, noch dazu dem Angestellten eines Wucherers, herumkommandiert zu werden. Er würgte jedoch seinen Stolz hinunter und nickte. »Ich lasse Euch wissen, ob und wann die Königin Euch empfangen wird.« Damit zog er seinen Rappen herum und ritt im Galopp nach Granada zurück. Lea folgte ihm in leichtem Trab und legte sich noch auf dem Weg die Gründe zurecht, mit denen sie Isabella überzeugen wollte, ihren Vorschlag anzunehmen.

12.

Als Lea ihr Quartier erreichte, war die Nacht hereingebrochen, zu ihrem Glück aber waren ihre Begleiter noch nicht zurückgekehrt. Sie zog sich so weit aus, wie sie es verantworten konnte, und schlüpfte ins Bett. Schlaf stellte sich jedoch nicht ein, denn sie musste an Orlando denken und das, was ihm bevorstand, wenn ihr Plan misslang. Es waren Bilder des Grauens, die wieder und wieder in ihrem Kopf entstanden und sich nur mühsam verdrängen ließen. Wenn sie jetzt einen Fehler machte, würde sie sich ihr Leben lang Vorwürfe machen, das war ihr klar, und nicht nur das. Sie würde Orlando vermissen. Seine spöttische, schulmeisterhafte Stimme würde ihr ebenso fehlen wie seine Art, sie anzufassen und herumzukommandieren. Jetzt erinnerte sie sich mit einem Gefühl von Sehnsucht an die Wochen, in denen er ihr fremde Sprachen beigebracht und sie gelehrt hatte, mit viel mehr Selbstbewusstsein aufzutreten, als es einem Juden gut tat.

Er ist trotz allem ein Schuft, sagte sie sich, ein Mann, der den Glauben seiner Väter verraten hatte, ein ... Es half ihr nicht, ihn schlechter darzustellen, als er war, denn sosehr sie sich auch dagegen wehrte, sie konnte sich nicht mehr vor der Erkenntnis verschließen, dass sie Orlando liebte.

Es musste schon an jenem Tag passiert sein, an dem er sie vor Medardus Holzinger gerettet hatte. Seitdem hatte sie immer wieder an ihn denken müssen, ihre Gefühle für ihn aber als Hass und Verachtung interpretiert. Nun gesellte sich zu der Angst um sein Leben eine tiefe Traurig-keit. Selbst wenn es ihr gelingen sollte, Orlando zu befreien, würde sie ihre Liebe zu ihm tief im Innern begraben müssen, denn nie, niemals würde sie ihm gestehen dürfen, wer sie in Wirklichkeit war. Erfuhr er, dass sie eine Frau war, musste er sie für eine Verworfene halten, ein Weib, das alle Scham und alle seinem Geschlecht gebotene Zurückhaltung vergessen hatte, und sich von ihr abwenden wie von einer Hure - und das mit Recht, hatte sie doch schon mit Männern im selben Bett gelegen, wie neulich mit dem Abt eines christlichen Klosters.

Als de Poleur und die anderen kurz nach Mitternacht zurückkehrten, stellte Lea sich schlafend, denn sie wollte sich weder das betrunkene Gerede ihrer Freunde anhören noch deren Fragen beantworten. Aber sie konnte nur ihre Augen schließen und ruhen, denn die quälenden Bilder ihrer Phantasie ließen sie keinen Schlaf finden.

Am nächsten Morgen verließ Lea ihr Quartier nur für die Morgenmesse, an der sie teilnehmen musste, und für das Frühstück, das sie mit den anderen in einem mit bunten Säulen und Bögen geschmückten Saal einnahm, denn die Angst, Medicanelis Boten zu versäumen, trieb ihr trotz der Kühle in den Räumen den Schweiß auf die Stirn. Um die Mittagszeit brachte ihr ein Bote in den Farben der Königin ein Gewand, damit Don Santiago, wie er sagte, Ihrer Majestät in angemessener Kleidung gegenübertreten konnte. Es handelte sich um die höfische Gewandung eines kastilischen Edelmanns, die aus dunkelgrünen Strumpfhosen, einem schwarzen, silberbestickten Samtwams, einem passenden Hut und einem hellbraunen, bis zu den Knien reichenden Umhang aus feinster Merinowolle bestand. Dazu bekam sie Schuhe mit großen, silbernen Schnallen, die ihr jedoch etwas zu groß waren.

Lea zerschnitt eines ihrer Hemden, um die Schuhe auszupolstern, und zog sich um. Als sie sich in dem Spiegel betrachtete, den seine frühere Besitzerin, die Haremsdame eines hohen maurischen Edelmanns, zurückgelassen hatte, erkannte sie sich im ersten Augenblick selbst nicht, so prächtig sah sie aus. Während sie auf den Ruf der Königin wartete, zählte sie noch einmal alle Argumente auf, mit denen sie die Herrin Kastiliens überzeugen wollte.

Dann ging alles sehr schnell. Ein Diener mit dem Wappen der Königin auf seinem Wams klopfte an die Tür und überreichte ihr die mit goldener Tinte geschriebene Einladung zur Audienz, und die diskrete Haltung seiner Hand wies darauf hin, dass er Lohn für sein Erscheinen erwartete. Lea reichte ihm mehrere Münzen, ohne auf ihren Wert zu achten. Der zufriedenen Miene des Mannes zufolge mussten es goldene Reales gewesen sein. Der Diener verbeugte sich so tief wie vor einem Herzog und bat sie geradezu devot, ihm zu folgen. Trotz ihrer Sorgen und ihrer Anspannung freute Lea sich ein wenig darauf, den ehemaligen Palast des Emirs, die Alhambra, betreten zu dürfen, in dem nun das Königspaar residierte. Das, was sie sah, übertraf ihre Erwartungen bei weitem. Sie schritt durch einen Traum aus filigranen Mauern, schlanken Säulen und zierlichen Innenhöfen mit Wasserspielen, Palmen und kunstvollen Mosaiken, und es gelang ihr, das phantastische Bild einer versinkenden Epoche in sich aufzunehmen. Während der Diener sie an den Wachen vorbei durch luftige Korridore führte, wurde ihr klar, dass sie diesen Tag, ganz gleich wie er enden mochte, niemals vergessen würde.

Die Tür zu den Gemächern der Königin wurde von vier Gardisten bewacht, die das Wappen Kastiliens auf ihren Harnischen trugen. Auf einen Wink des Dieners öffneten sie die Türflügel und ließen Lea eintreten. Der Diener eilte ihr voraus, und sie hörte, wie er sie bei Isabellas Kammerfrau ankündigte. »Don Leon de Saint Jac-ques, Mitglied der Gesandtschaft des Herzogs von Burgund.«

Die Dame winkte dem Diener zu gehen und trat auf Lea zu.

»Kommt! Doch was auch immer Ihr von Ihrer Majestät begehrt, fasst Euch kurz. Ihre Majestät hat viel zu tun.«

Lea verbeugte sich und spähte dabei in den hinteren Teil des Raumes, in dem die Königin auf einem bequemen Sessel vor dem Fenster saß und Akten studierte. Isabella war eine schöne Frau mit frischen, gesunden Farben, blauen Augen und langem, nussbraunem Haar. Sie trug ein einfaches, dunkelrotes Kleid und als einzigen Schmuck eine dünne Goldkette mit einer großen Perle. Lea erinnerte sich daran, dass es hieß, die Königin habe den größten Teil ihres Schmucks bei ihren Bankiers für die Finanzierung des Feldzugs gegen Granada verpfändet. Natürlich hatten diese Herren die Juwelen nicht an sich genommen, sondern sie in den Schatzkammern der Königin gelassen. Trotzdem verzichtete Isabella darauf, Schmuck zu tragen, der nach Recht und Gesetz nicht mehr ihr gehörte. Die Kammerfrau führte Lea zu Isabella, die jedoch nicht von ihrer Akte aufsah, bis sie sie durchgesehen und zur Seite gelegt hatte. Als sie sich endlich dem Neuankömmling zuwandte, verbeugte Lea sich so tief, wie sie nur konnte. Ihr Blut rauschte so laut in ihren Ohren, dass sie beinahe überhörte, wie die Königin sie aufforderte zu sprechen. Mit gebeugtem Rücken blieb Lea stehen und kämpfte gegen ihre Schwäche an.

»Ich bin Eurer Majestät sehr dankbar, vor Euch erscheinen zu dürfen.«

»Ihr seht verstört aus, Saint Jacques.« Es war nicht zu erkennen, ob die Königin sich darüber amüsierte oder sich ärgerte, weil man ihr die Zeit stahl.

»Als ich von meiner Reise zurückkehrte, traf ich kurz vor Granada auf Senor Colombo. Er sagte mir, dass er auf dem Weg nach Frankreich sei, um Karl VIII. um Schiffe zu bitten.« Das war keine sehr diplomatische Einleitung, aber Lea hatte keine bessere gefunden.

Die Königin wirkte leicht verärgert. »Wie kommt Ihr gerade auf ihn?«

»Ich weiß, dass Eure Majestät ihn gerne nach Indien geschickt hätte, aber . « Lea brach ab und prüfte die Wirkung ihrer Worte.

Isabellas Lippen wurden schmal wie ein Strich. »Ich habe nicht das Geld, um seine Fahrt bezahlen zu können, und das Angebot Luis de Santangels war nicht mit der Ehre Kastiliens vereinbar.«

Es klang ablehnend, ja sogar feindselig. Jeder andere wäre nun mit einer Verbeugung gegangen und hätte mit seinem Begehren gewartet, bis die Königin besserer Laune wäre. Lea glaubte jedoch, die Königin genau dort zu haben, wo sie es wünschte. »Was forderte Don Luis denn von Euch?«

Diese Frage zu stellen grenzte an Unverschämtheit, doch die Königin wirkte eher verwirrt als wütend. Sie musterte Lea, die in ihrer Tracht wie ein hübscher Bursche von achtzehn Jahren wirkte, und entschied sich für ein nachsichtiges Lächeln. »Santangel wollte Rechte am Handel und an Land, die nur der Krone zustehen. Da war unakzeptabel.«

Lea war nicht ganz dieser Ansicht, doch sie hatte oft genug gehört, dass die Königin bei aller Liebenswürdigkeit streng und unduldsam sein konnte. Auch nahm sie es als gegeben an, dass der Herzog von Montoya und seine Verbündeten alles getan hatten, um Isabella gegen San-tangels Vorschläge einzunehmen.

»Ich wäre bereit, Colombos Fahrt ohne solche Forde-rungen zu finanzieren, nur für die Gewährung einer kleinen Gunst.« So klein war die Gunst zwar nicht, die Lea im Sinn hatte, doch sie musste der Königin den Köder erst schmackhaft machen.

»Ihr? Wie wollt Ihr denn das Geld für diese Expedition aufbringen?« Es lag ebenso viel Verwunderung wie Spott in Isabellas Worten.

Lea zog die Anweisung, die sie von dem Bankier Baril-lo in Alicante erhalten hatte, unter ihrem Wams hervor. Dabei sah sie den Schatten eines in der Nähe stehenden Gardisten, der sich bereitmachte, einzugreifen, falls ihre Hand einen Dolch halten sollte. Der Mann zog sich jedoch wieder etwas zurück, als er sah, dass der Besucher der Königin ein Stück Papier überreichte.

»Euer Majestät, für dieses Schreiben erhalten Eure Bankiers vierzigtausend Reales in Gold. Das dürfte reichen, Cristoforo Colombo mehr als einmal nach Indien zu schicken.« Lea lächelte bei diesen Worten in sich hinein, denn ihr war bewusst, dass es sich bei dieser Summe um das Geld handelte, das der Herzog von Medicaneli von ihr oder besser von Orlando für seine Hilfe gefordert hatte, nämlich um den Gegenwert jener Schätze, welche die geflohenen Juden und Conversos hatten zurücklassen müssen und die bislang nicht außer Landes geschafft werden konnten.

Die Königin las das Schreiben aufmerksam durch, faltete es vorsichtig wieder zusammen und legte es unter ein Stück spiegelnd blank geschliffenen, grünen Marmor, das zwischen den Akten auf dem kleinen Tisch neben ihr lag und ihr als Briefbeschwerer diente. »Welche Gunst fordert Ihr von mir?«

»Das Leben eines Mannes.«

Im gleichen Augenblick wurde Lea klar, dass es ab jetzt nicht mehr allein um Orlando ging, sondern auch um sie selbst, von Medicaneli und seinen Freunden ganz zu schweigen. Wenn Isabella ablehnte, dann war auch sie in höchster Gefahr. Als die Königin zögerte, sah sie sich schon auf demselben Scheiterhaufen brennen wie Orlando. Auch gut!, sagte eine Stimme in ihr. Dann sind wir wenigstens im Tod vereint. Isabella schien den seltsamen Bittsteller vor ihr im eigenen Saft schmoren zu wollen, denn sie ließ sich Zeit.

»Wessen Leben?«, fragte sie nach ein paar Atemzügen hörbar misstrauisch.

»Das eines spanischen Edelmanns, der sein Heimatland verlassen musste und so unglücklich war, sich den Zorn Seiner Gnaden, des Herzogs von Montoya, zuzuziehen.« Nun gab es kein Zurück mehr, dachte Lea und fühlte sich trotzdem erleichtert.

»Ihr sprecht von Orlando Terasa, den man früher auch de Quereda y Cunjol nannte? Der Mann ist ein Bandit, der den Tod hundertfach verdient hat.« Isabellas Miene verhieß nichts Gutes.

Lea war zu weit gegangen, um sich einschüchtern zu lassen.

»Euer Majestät, Orlando Terasa hat im Kleinen doch nichts anderes getan, als was Ihr im Großen plant, nämlich Spanien von den Juden zu befreien.«

Isabella sah Lea einen Augenblick fassungslos an, denn so unverschämt offen hatte schon lange niemand mehr mit ihr geredet. Dann aber zuckten ihre Mundwinkel, und sie lachte laut auf.

»Mut habt Ihr für zwei, Saint Jacques, und noch mehr Frechheit. Orlando Terasa ist jedoch ein Dorn im Fleisch Spaniens, ein .«

»Wohl eher ein Dorn im Sitzfleisch des Herzogs von Montoya«, fiel Lea der Königin ins Wort. »Ist Euch die Rache dieses Mannes mehr wert als der Ruhm Kastiliens?«

»Was dem Ruhm Kastiliens nützt, bestimme immer noch ich!« Isabella sah in diesem Moment so aus, als wollte sie die Wache rufen und das unverschämte Geschöpf vor sich abführen lassen.

Lea raffte all ihren Mut zusammen und blickte ihr ins Gesicht.

»Wollt Ihr wirklich zusehen, wie Colombo Indien im Auftrag Frankreichs erreicht und die Schätze dieses Landes die Truhen Karls VIII. füllen? Euer Majestät, ich bitte Euch, die Folgen zu bedenken, die das für Euch und vor allem für Eure Kinder haben könnte.«

»Welche Folgen?« Die Königin wirkte überrascht, aber auch neugierig.

»Wenn Frankreich seinen Reichtum stärker mehren kann als seine Nachbarn, hat das Auswirkungen auf Spanien und den Rest Europas. Nicht lange, dann wird Frankreichs Schatten den Ruhm der vereinigten Königreiche von Kastilien und Aragon verdunkeln, und Euer Sohn Don Juan, der Euch hoffentlich auf dem Thron nachfolgen wird, steht einem Nachbarn gegenüber, der die Mittel besitzt, seinen Willen gegen jedermann durchzusetzen. Denkt auch an Eure Tochter Juana, die, wie es heißt, eines Tages mit Philipp, dem Sohn des Herzogs von Burgund, vermählt werden soll. Damit könnte einer Eurer Enkel dereinst die Krone des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation tragen. Doch was wird das für ein Reich sein, wenn Frankreich den Krieg gegen Herzog Maximilian durch die Schätze Indiens gewinnen und ihm Burgund wegnehmen kann? Weiß man, ob Frankreich sich damit zufrieden geben würde, oder ob es dann nicht plant, das Reich Karls des Großen wieder zu errichten und über ganz Europa zu herrschen?«

Lea schleuderte diese Worte der Königin so leidenschaftlich entgegen, als wäre der Franzose ihr persönli-cher Feind, und nahm erleichtert wahr, dass Isabella sich der Wirkung ihrer Argumente nicht entziehen konnte. Frankreich war nicht nur der Rivale Burgunds und des Reiches, sondern auch Spaniens. Jede Vergrößerung seiner Macht beschnitt die Souveränität der Nachbarreiche. Lea wusste, dass sie ein gefährliches Spiel spielte. Würde die Königin sich überzeugen lassen? Oder lag ihr der mögliche Aufstieg Frankreichs so fern, dass ihr die Sache nicht wert war, einem dem Tod geweihten Gefangenen die Freiheit zurückzugeben?

»Orlando Terasa de Quereda y Cunjol muss sterben!«

Isabellas Miene wurde hart, und ihre Worte klangen so bestimmt, dass Lea schon alles verloren gab. Sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte, und suchte verzweifelt nach Worten. Isabella schien jedoch keine Antwort zu erwarten, denn nach einer kurzen Pause entspannten sich ihre Züge, und sie lächelte.

»Der Edelmann Don Orlando muss sterben, doch ob ein Orlando Cabeza de Pez irgendwo in einer kalten Stadt im Norden lebt, wird Kastiliens Ruhm nicht schmälern. Fischkopf ist ein passender Name für diesen Schurken, findet Ihr nicht auch, Saint Jacques?«

Lea nickte verwirrt, denn sie begriff nicht ganz, was die Königin damit sagen wollte. Isabella kümmerte sich auch nicht um ihren fragenden Blick, sondern klatschte in die Hände. Ein Diener eilte herbei und schob das an der Wand stehende Schreibpult zum Sessel der Königin. Diese wählte ein Blatt Papier aus, tauchte die Feder in die Tinte und begann zu schreiben.

»Dies ist eine Anweisung an Don Julio Vasquez de Frugell, den Kommandanten der Festung von Santa Pola. Er wird den Tod Don Orlando Terasa de Quereda y Cun-jol bestätigen und Euch den Gefangenen Orlando Fischkopf übergeben. Ihr beide werdet Spanien mit dem näch-sten Schiff verlassen und es nie mehr betreten. Habt Ihr mich verstanden, Saint Jacques?«

Lea fühlte sich zu erschlagen, um Erleichterung zu empfinden. »Ja, Eure Majestät. Ich danke Euch und verspreche Euch von ganzem Herzen, dass wir Spanien in Zukunft meiden werden.«

Die Königin nickte wie uninteressiert, während ihre Feder kratzend über das Papier fuhr. Plötzlich hielt sie inne und hob den Kopf. »Es gibt noch andere wichtige Dinge, die getan werden müssen. Sanchez!« Sie winkte ihren Leibwächter heran und deutete mit der Hand zur Tür. »Sanchez, sendet sofort Boten aus, die Senor Co-lombo folgen und ihn auffordern sollen, zurückzukehren. Lasst ihm ausrichten, ich sei jetzt gewillt, ihm die Reise nach Indien zu gestatten.«

Während der Gardist salutierte und eilig den Raum verließ, wandte die Königin sich Lea zu. Um ihre Lippen spielte ein verächtliches Lächeln. »Frankreichs Glorie wird den Ruhm Kastiliens nicht überschatten. Wenn Senor Co-lombo Erfolg haben sollte, werden die Schätze Indiens meine Truhen füllen, und nicht die des französischen Königs.« Für einen kurzen Moment schien die Königin in eine Zukunft zu blicken, die für das vereinigte Spanien goldene Zeiten versprach. Sie atmete tief durch und lächelte so selbstzufrieden, als würde diese Zukunft bereits morgen anbrechen. Lea wollte Isabella bereits an Orlandos Freilassung erinnern, als die Königin weitersprach.

»Ihr habt mir einen mehrfachen Gefallen getan, Saint Jacques. Senor Colombo wird seine Reise unter dem Banner Kastiliens unternehmen und dabei für mein Reich hoffentlich Ruhm und Reichtümer erringen, die Frankreich vorenthalten bleiben. Zum anderen gebt Ihr mir die Möglichkeit in die Hand, den Frieden an meinem Hof zu bewahren. Auch wenn die Juden ein verderbtes Ge-schlecht sind, kann der Glaube an Christus sie doch zum Licht und zur ewigen Seligkeit führen, und in gewisser Weise sind mir ehrenhafte Conversos lieber als die alten Geschlechter Kastiliens, denn sie kennen nur eine Treue, nämlich die zur Krone. Sie wissen, dass ihr Leben und ihre Stellung allein von der Gnade der Könige abhängen.«

Lea holte tief Luft. Von dieser Seite hatte sie die Situation am spanischen Königshof noch nicht betrachtet. Die Königin gab Orlando also nicht nur für das Gold frei, mit dem sie Colombo nach Westen schicken konnte, sondern auch für die Bewahrung ihrer eigenen Macht. Wie es schien, hatte sie bereits nach einer Möglichkeit gesucht, Montoya die Waffe gegen Medicaneli und dessen Verbündete aus der Hand zu schlagen. Medicaneli, Talavera, aber auch der Aragonier Santangel waren Stützen ihres Thrones, die sie nicht verlieren wollte, und Orlandos angeblicher Tod sollte das Gesicht des Herzogs von Montoya wahren. Doch was war, wenn der Herzog sich damit nicht zufrieden gab?

Der Weg von Granada nach Santa Pola war weit. Wenn Montoyas Leute ihr unterwegs auflauerten, hatte sie keine Chance, ihnen zu entkommen.

Die Königin schien ihre Gedanken lesen zu können, denn ihr Lächeln erstarrte, und sie winkte die nächststehende Wache heran. »Gonzales, sorgt dafür, dass eine Eskorte für Saint Jacques bereitgestellt wird. Er wird Granada morgen früh verlassen.«

Und was ist, wenn diese Leute auf der Seite Montoyas stehen und seine Befehle befolgen?, fuhr es Lea durch den Kopf. Ein Unfall ist leicht arrangiert, deswegen brauchte sie einen anderen Schutz als ein paar spanische Gardisten.

Sie trat einen Schritt vor und verbeugte sich. »Eure Majestät sind zu gütig. Erlaubt mir, noch eine kleine Bitte zu äußern.«

»Noch eine?« Isabellas Stimme klang ungläubig.

»Gestattet meinen Freunden de Poleur, de la Massoulet, von Kandern und van Haalen, mich nach Alicante zu begleiten. Eine einzelne Person kann zu leicht verloren gehen.«

»Ihr traut meinen Männern nicht und hofft, dass es nicht einmal Montoya wagt, fünf burgundische Edelleute verschwinden zu lassen. Ihr seht, ich durchschaue Euch. Aber Eure Bitte sei gewährt. Und nun Gott befohlen, Saint Jacques.« Die Königin wandte sich ab und setzte ihren Namenszug unter das Dokument.

Lea nahm es entgegen, verbeugte sich ein letztes Mal und zog sich rückwärts gehend aus dem Raum zurück, wie sie es beim Markgrafen von Hartenburg gelernt hatte.

13.

Ruben ben Makkabi blieb stehen und musterte die vor ihm liegende Stadt interessiert. Gegen seine Heimat Augsburg war Hartenburg kaum mehr als ein befestigtes Dorf, aber es schien groß genug zu sein, mehr als eine jüdische Familie zu beherbergen. Wenn nichts dagegen sprach, würde er um eine Audienz beim Markgrafen ersuchen und diesen von der Ansiedlung weiterer Juden überzeugen. Er hatte eine Reihe von Argumenten, die er vorbringen konnte, und alle bestanden aus Gold. Ernst Ludwig von Hartenburg war, wie er gehört hatte, dem Klang dieses Metalls besonders zugänglich. Als Ru-ben ben Makkabi und seine Leute das Tor erreichten, stellte er fest, dass nicht nur der Markgraf an Gold interessiert war. Die Wachen drangsalierten die jüdischen Reisenden zwar nicht, erteilten ihnen aber erst gegen eine erkleckliche Steuer die Erlaubnis, die Stadt zu betreten. Als sie kurz darauf Samuel ben Jakobs Haus erreichten, nahm er mit Bedauern wahr, dass es sich nicht von den umstehenden Gebäuden unterschied. Es gab in seinen Fenstern keine religiösen Symbole, wie es in den jüdischen Gemeinden sonst üblich war, und es gab auch keine hohe Mauer, die es von den anderen trennte.

Auf sein Klopfen hin öffnete ein junger Knecht das Tor und starrte die Ankömmlinge mit offenem Mund an. »Rabbi Ruben, welcher Wind weht Euch denn nach Har-tenburg?«

»Gottes Segen sei mit dir, Jochanan. Ich will deinen Herrn sprechen, oder besser gesagt, Elieser ben Jakob. Allerdings wäre ich froh, wenn wir vorher unsere Kleider wechseln und uns aufwärmen könnten. Das letzte Stück Weg war doch recht beschwerlich.«

»Kommt herein.« Jochanan rief nach Gomer, die sich um Hannah kümmern sollte. Er selbst führte das Maultier in den Stall und legte ihm etwas Heu vor.

»Meine Schwester wird sich gleich um das Tier kümmern«, versprach er Ruben ben Makkabi und bat ihn, ihm ins Haus zu folgen.

»Deine Schwester?«, fragte Ben Makkabi erstaunt. »Habt ihr denn keine Knechte für diese Arbeit?«

»Ein so kleiner Haushalt wie der unsrige benötigt keinen zweiten Knecht.« Jochanan lächelte etwas ängstlich, denn das war ja kaum die halbe Wahrheit, und er war froh, als Eliesers Erscheinen den Besucher von ihm ablenkte.

Leas Bruder hatte einen mit Kaninchenfell besetzten Hausmantel um die Schultern geschlungen und stützte sich schwer auf seine Krücke. Als er sah, welche Gäste da gekommen waren, straffte er die Schultern und verbarg den klobigen Stock hinter seinem Rücken. »Friede sei mit dir, Ruben ben Makkabi.«

»Friede auch mit dir, Elieser ben Jakob. Wie du siehst, bin ich so schnell gekommen, wie es mir möglich war.«

»Dafür bin ich dir sehr dankbar.« Elieser war tatsächlich so erleichtert, wie es der Klang seiner Stimme verriet. Den ganzen Winter über hatte ihn die Angst gequält, Lea könnte vor Ruben ben Makkabi in Hartenburg eintreffen. Doch sie war nun schon seit über einem halben Jahr wie vom Erdboden verschluckt, und mittlerweile war er zu dem Schluss gekommen, dass ihr etwas zugestoßen sein musste. Daher war er doppelt froh, dass sein sehnlichst erwarteter Gast endlich eingetroffen war. Ruben ben Makkabi würde ihm helfen, sich in dem Gewirr der Handelsverbindungen, die Lea aufgebaut hatte, zurechtzufin-den. Aber zunächst galt es, sich um die Bequemlichkeit der Gäste zu kümmern.

»Jochanan, bring warmes Wasser ins Waschhaus, damit der Rabbi und sein Sohn sich säubern können, und sage deiner Mutter, sie soll einen Imbiss für die Gäste bereitstellen und auch den Knecht versorgen. Rabbi Ruben, bitte folgt Jochanan. Wir werden über alles reden, wenn du dich ein wenig erholt hast.«

Eine knappe Stunde später hatten Ruben ben Makkabi und seine Kinder sich mit Elieser in der guten Stube des Hauses versammelt. Während Hannahs Vater und ihr Bruder wie ihr Gastgeber auf bequemen Stühlen am Tisch saßen, hatte die junge Frau auf einem Hocker in der Ecke am Fenster Platz genommen und stickte. Elieser konnte kaum die Augen von Hannah abwenden, Sie war zwar ein paar Jahre älter als er und nicht so hübsch wie Merab, aber als Tochter eines angesehenen jüdischen Kaufmanns die passende Ehefrau für ihn.

Ruben ben Makkabi saß auf dem Ehrenplatz, genoss einen ausgezeichneten Wein, der von den Hängen des nahen Kaiserstuhls stammte, und betrachtete seinerseits die Einrichtung des Zimmers. Die Möbel wirkten auffallend schlicht und stammten gewiss nicht von der Hand eines jüdischen Schreiners, und außer einem Wandbehang mit einem von hebräischen Schriftzeichen eingerahmten sie-benarmigen Leuchter deutete zu seinem Leidwesen nichts daraufhin, dass hier Juden lebten.

Da Elieser so stumm blieb wie ein Fisch, schenkte Ru-ben ben Makkabi sich noch einmal nach und blickte den jungen Mann über den Becherrand hinweg an. »Nun, willst du mir nicht erzählen, warum ich dich aufsuchen und sogar meine Kinder mitbringen sollte? Außerdem frage ich mich, wieso deine Schwestern und dein Bruder Samuel uns noch nicht begrüßt haben.«

Elieser zog den Kopf ein. »Nun ja, ich ... Es ist schwer zu erklären ...«

Er atmete ein paarmal kräftig durch, und dann quollen die Worte schrill aus ihm heraus. »Es gibt keinen Samuel. Mein Bruder ist damals bei dem Pogrom in Sarningen ums Leben gekommen. Während ich schwer verletzt daniederlag, hat Lea sich für ihn ausgegeben und die Geschäfte in seinem Namen weitergeführt.«

»Das ist unmöglich. Ich habe Samuel schon früher einmal gesehen, als dein Vater noch lebte, und ihn später einige Male bei mir zu Gast gehabt. Nein, nein, ein so scharf geschliffener Verstand, wie er ihn besitzt, kann niemals einem Weib gehören.«

Noch während Ruben ben Makkabi die Worte aussprach, überfielen ihn Zweifel. Nur zu gut erinnerte er sich an Samuels Sträuben, mit anderen Männern zusammen die Mikwe zu benützen, und an seine Bartlosigkeit. Auch war seine Stimme nicht tief genug für einen Mann gewesen. Trotzdem konnte er nicht glauben, was Elieser da behauptete.

»Es ist unmöglich. Eine Frau kann niemals so viel geschäftlichen Erfolg erringen wie Samuel. Beim Gott unserer Väter, er hat mit uns verhandelt, als besäße er die Erfahrung von Jahrzehnten.«

Elieser beugte sich zu ihm und sprach so leise, dass die beiden anderen ihn nicht verstehen konnten. »Das hat meine Schwester ja auch. Es ist nicht die wahre Lea, die Ihr kennen gelernt habt, Rabbi. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass der Geist unseres Vaters in sie gefahren ist, um die Familie zu retten. Das erklärt nämlich auch, warum sie sich geweigert hat, mir die Geschäfte zu übergeben, als ich alt und vor allem gesund genug war, sie selbst zu führen.«

»Der Geist eures Vaters, sagst du? Das würde die Sa-che erklären.« Ruben ben Makkabi lehnte sich zurück, sprach ein kurzes Gebet gegen die Dämonen, die sich in diesem Haus eingenistet haben mochten, und überlegte, was zu tun war. Er kannte die Gebete und Riten, mit denen Geister gebannt werden konnten, und traute sich zu, Lea von ihrer Besessenheit zu heilen. Doch bevor er ans Werk ging, musste er Klarheit über die gesamte Situation gewinnen und sehen, was er aus ihr machen konnte.

Er blickte Elieser stirnrunzelnd an. »Du hast in deinem Brief angedeutet, dass die Hochzeit meiner Tochter stattfinden könnte. Doch Samuel existiert nicht mehr.«

»Aber ich existiere, und ich bin bereit, den Bund mit Hannah einzugehen.«

Merab, die eben ins Zimmer trat, um frischen Wein zu bringen, ließ bei Eliesers Worten die Kanne fallen und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Ruben ben Makkabi erfasste sogleich, was hier vorging. Wenn seine Tochter Herrin dieses Hauses werden sollte, musste die Magd fortgeschafft werden. Er beschloss, sie mit nach Augsburg zu nehmen. Da sie es gewohnt war, bei einem Mann zu liegen, und er die Sittsamkeit seiner Gemeinde nicht gefährden durfte, würde er sie verheiraten müssen. Das war nicht so einfach, denn ein Knecht brachte das Geld für die Heiratserlaubnis nicht auf. Für einen Augenblick schwankte er, denn er hatte nicht vor, einem seiner Knechte die Hochzeit zu finanzieren. Dann fiel ihm Kaleb ben Manoach ein, dessen Weib im letzten Jahr gestorben war. So ein hübsches Ding würde die Männlichkeit seines Nachbarn gewiss reizen und ihn seinen Geldbeutel öffnen lassen.

Nachdem Ruben ben Makkabi dieses Problem für sich geklärt hatte, ging er sofort das nächste an. »Ich bin bereit, deinen Antrag zu überdenken. Du wirst jedoch erlauben, dass ich dich vorher prüfe. Ich gebe meine Tochter nur einem Mann zum Weibe, der den Talmud studiert hat und die Gesetze unseres Volkes kennt. Kannst du mir die Lehrer nennen, an deren Weisheit du dich gelabt hast?«

Elieser breitete hilflos die Arme aus. Es war jetzt mehr als sechs Jahre her, seit der letzte Lehrer hier in Harten-burg gewesen war. Er hatte zwar in der Zwischenzeit neben der Thora auch den Talmud studiert und einige gelehrte Kommentare gelesen, aber er war nicht das, was sein Gast unter einem schriftenkundigen Mann verstand. »Ich bitte dich, mir zu verzeihen, doch Hartenberg liegt sehr abgelegen, und der Markgraf hat uns nicht erlaubt, gelehrte Rabbis zu uns einzuladen.«

Ruben ben Makkabi nickte verständnisvoll. »So hast du also die Talmudschule einer anderen Gemeinde besucht.«

»Das hätte ich ja gerne getan, doch Lea hat es mir nicht gestattet. Sie war ja meist auf Reisen, und so musste ich hier bleiben und sie vertreten.« Die Lüge kam Elieser so leicht über die Lippen, dass Ruben ben Makkabi keinen Verdacht schöpfte, sondern ihn verstört anblickte. »Soll das heißen, dass du nie eine Talmudschule besucht hast?«

Elieser schien vor Scham den Tränen nahe zu sein. »Wie hätte ich das tun können? Ich durfte Hartenberg doch nicht verlassen.«

»Dann wirst du es schnellstes nachholen. Am besten, du begleitest mich nach Augsburg. Dort verschaffe ich dir die besten Lehrer. Sie werden dich prüfen und uns sagen, ob du schon das nötige Wissen besitzt, oder wie lange du brauchen wirst, um es zu erwerben. Sobald sie mit dir zufrieden sind, darfst du mit meiner Hannah unter den Traubaldachin treten. Ich hoffe, du wirst sie nicht allzu lange warten lassen, denn sie sollte längst verheiratet und Mutter sein.«

Elieser blickte bewundernd zu Hannah hinüber, die sich scheu gab, ihm aber im Schutz ihrer gegen das Licht gehaltenen Handarbeit verheißungsvoll zulächelte.

Ruben ben Makkabi trommelte mit den Fingerspitzen auf den Tisch. »Wenn ich dich richtig verstanden habe, kann Lea nicht hier sein, weil sie als Samuel unterwegs ist. Ich vermisse aber auch deine andere Schwester, Rachel. Warum begrüßt sie uns nicht? Ist sie so krank, dass sie nicht aufstehen kann, oder gibt es noch mehr Dinge, die ich erfahren müsste?«

Elieser hatte schon seit Ruben ben Makkabis Ankunft überlegt, wie er ihm beibringen konnte, was Rachel trieb, ohne dass der Rabbi empört das Haus verließ. Er be-schloss, nichts zu beschönigen. »Meine Schwester Rachel lebt nicht mehr bei uns. Sie ist die Mätresse des Markgrafen geworden.«

Ruben ben Makkabi hatte das Gefühl, der Boden würde sich unter seinen Füßen öffnen. Für einen Augenblick glaubte er noch, sich verhört zu haben, doch der peinlich berührte Gesichtsausdruck des jungen Mannes verriet ihm, dass es die Wahrheit war. »Beim Gott unserer Väter, wie konnte das geschehen? Wieso hat Samuel ... ich meine, Lea das zugelassen?«

Elieser verbarg sein Gesicht in den Händen. Jetzt lag es in seiner Hand, Lea so unmöglich zu machen, dass der Rabbi ihre Herrschaft in diesem Hause mit allen Mitteln beenden würde. »Als der Markgraf an Rachel Interesse zeigte, hat Lea ihr sogar dazu geraten, sich ihm an den Hals zu werfen, weil sie hoffte, ein paar Privilegien mehr für uns herausschlagen zu können.«

»So viel Verworfenheit ist mir noch nie untergekommen!«, rief Ruben ben Makkabi erbittert, ließ aber nicht erkennen, ob er Lea oder Rachel damit meinte, »Da sieht man, was alles geschieht, wenn Juden ihre Gemeinden verlassen. Das schlechte Beispiel der Christen verdirbt sie, so dass sie die Sitten und Gebräuche des Volkes Juda vergessen und sich von Gottes Gesetzen abwenden. Was aus solchen Leuten werden kann, sieht man ja an Medardus Holzinger, dem Judenschlächter. Sein Vater wurde in Trient als Joschia ben Isai geboren, trat aber später zum Christentum über und wurde der schlimmste Ankläger unserer Brüder in Trient. Er unterstützte die infame Beschuldigung, die Juden dort hätten einen christlichen Knaben namens Simon getötet und sein Blut getrunken. Zahllose unseres Volkes verloren daraufhin ihr Leben, nicht nur in Trient, sondern auch in vielen anderen Städten des Reiches. Dabei wurde schon bald bekannt, dass der Bischof von Trient den Knaben durch einen seiner Handlanger ermorden und die Leiche in das Haus eines unserer Brüder schaffen ließ, um diesen zu verderben.«

Elieser hob erschrocken die Hände. »Rabbi, ich ... , wir sind gute Juden, glaube mir. Bitte hilf uns, auf dem rechten Weg zu bleiben!«

Ruben ben Makkabi strich sich über den Bart und musterte Elieser so eindringlich, dass dieser in sich zusammenkroch. Dann nickte er. »Ich werde es versuchen. Für Rachel kann ich wohl nichts mehr tun, denn sie ist eine Verworfene. Doch auch sie kann noch etwas Gutes bewirken. Ich werde versuchen, ihren Einfluss auf den Markgrafen auszunützen, um die Erlaubnis für die Ansiedlung einer lebensfähigen jüdischen Gemeinde zu erhalten. Was Lea betrifft, so wird sich auch für sie ein Weg finden lassen. Wenn der Geist, der sie beherrscht, ausgetrieben worden ist, kann sie, wenn sie noch als Ehefrau taugt, mit Jiftach unter den Hochzeitsbaldachin treten. So oder so werde ich sie auf den Platz verweisen, auf den sie als Weib gehört.«

Elieser entnahm diesen Worten, dass Ruben ben Mak-kabi von nun an die Zügel in die Hand zu nehmen gedachte, und verzog das Gesicht. Seine Befreiung von Lea hatte er sich anders vorgestellt, aber er tröstete sich damit, dass er von nun an offiziell das Haupt der Familie war und seine Schwester ihm in Zukunft gehorchen musste.

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