Vierter Teil. Der Herzog von Burgund

1.

Es gab Tage, an denen Lea ihre Rolle als Samuel Goldstaub verfluchte. Den heutigen aber empfand sie als besondere Strafe Gottes für ihre Vermessenheit, einen Mann darstellen zu wollen. Um ihr wahres Geschlecht vor fremden Augen zu verbergen, trug sie über ihrem Kaftan einen weiten Wollmantel, und nun brachte die schwüle Hitze, die das Land in einen Backofen verwandelte und jeden Atemzug zur Qual machte, sie beinahe um. Der Schweiß rann ihr in Bächen über den Rücken und verursachte ein höllisches Jucken zwischen ihren Schulterblättern, ihr Gesicht tropfte, und ihre Augen brannten, als hätte sie sie mit Salz eingerieben.

Für Lea war es kein Trost, dass Jochanan nicht weniger litt als sie. Er ächzte unter der Last einer doppelt so schweren Kiepe und hatte, damit seine Herrin nicht auffiel, ebenfalls darauf verzichtet, den Mantel auszuziehen. Zu leicht hätte sich ein anderer Wanderer fragen können, warum der eine Jude sich bei der Hitze vermummte und der andere nicht. Leas Kaftan klebte jedoch wie eine zweite Haut auf ihren voller gewordenen Brüsten und hätte jedem Vorbeikommenden offenbart, dass eine Frau in ihm steckte.

Am Nachmittag holten sie einen Wanderer ein, der ähnlich wie Jochanan unter einer breiten, mit allerlei billigen Waren behangenen Kiepe einher stapfte. Er hatte seine Kleidung bis auf das dünne, lange Hemd ausgezogen und sich den Kaftan um die Hüften geschlungen.

Als er Leas und Jochanans Schritte hinter sich vernahm, blieb er stehen und blickte ihnen entgegen. Sein

Bart war schütter und vor der Zeit ergraut, doch seine dunklen Augen blitzten listig unter seinen dichten Brauen hervor. »Friede sei mit euch, Brüder!«

»Friede sei auch mit dir, Bruder«, antwortete Lea in einer Stimmlage, die zu tief für eine Frau klang. Sie hatte lange geübt, um Samuel ben Jakob glaubhaft darstellen zu können.

»Treibt ihr hier Geschäfte?«, fragte der Kiepenhändler misstrauisch. Anscheinend war dies hier sein Revier, und er wollte es nicht mit Konkurrenten teilen.

Lea schüttelte den Kopf. »Nein, Bruder. Wir sind auf dem Weg ins Burgundische und haben diesen Pfad nur gewählt, um den Weg abzukürzen.«

»Bis ins Burgund habt ihr aber noch ein ganzes Stück zurückzulegen. Ich bin Gideon aus Vogtsberg und habe von den Herren dieser Gegend die Erlaubnis zum Tandhandel erhalten.«

»Mein Name ist Samuel, und das ist mein Freund Jo-chanan«, erklärte Lea erleichtert darüber, ihren Vatersnamen nicht nennen zu müssen. Anscheinend war dies unter den Landjuden, zu denen Gideon vermutlich zählte, nicht mehr üblich. Sie kannte Vogtsberg nicht, hielt es aber für eine jener elsässischen Herrschaften, die es hier zuhauf gab. Der Name deutete darauf hin, dass es sich um habsburgischen Besitz handelte, der jedoch nicht Kaiser Friedrich III. gehörte, sondern dessen Vetter Sigismund. Auch ihr Ziel Burgund zählte seit neuestem zu den Habsburger Erblanden, allerdings regierte dort Maximilian, der Sohn des Kaisers, als Herzog. Von der Stelle, an der sie sich jetzt befanden, bis zu den burgundischen Grenzen waren es keine zehn deutschen Meilen, und nur ein Tandhändler wie Gideon konnte diese Strecke als weit empfinden. Lea freute sich jedenfalls über das Zusammentreffen, denn der Mann kannte gewiss die Leute in dieser Gegend und würde in der Herberge die Aufmerksamkeit von ihr und Jochanan ablenken.

So kam es auch. Die Knechte des Wirtes begrüßten den Kiepenhandler mit gutmütigem Spott und schenkten den beiden Juden in seiner Begleitung keinen zweiten Blick. Gideon führte seine neuen Bekannten zu einer halb von Gestrüpp überwucherten Bank im Schatten des Ziegenstalls und besorgte dann Essen für sie alle. Es bestand aus Brot, hartem Käse und Wasser, das mit einem winzigen Schuss Wein veredelt worden war. In einem Land, in dem der Wein billig war, zeugte das am meisten von der Armut des Wanderhändlers. Er schien anzunehmen, dass seine beiden Glaubensbrüder ebenfalls nicht gut gestellt waren, und Lea hatte nicht die Absicht, ihn eines Besseren zu belehren.

Während sie ihr karges Mahl einnahmen, erzählte Gideon von seiner Frau, seinen Kindern und dem Rest seiner Sippe, die in der Herrschaft Vogtsberg ihr Auskommen und eine gewisse Sicherheit gefunden hatten. Er berichtete auch von seinen Geschäften und war sichtlich stolz darauf, neben einem schon wohlgefüllten Sack Mehl auch ein paar mindere Münzen für seine Waren eingetauscht zu haben.

So viel Armseligkeit machte Lea fassungslos. Dieser Gideon würde in seinem ganzen Leben nicht so viel verdienen wie sie bei einem einzigen ihrer Geschäfte. Er schien jedoch zufrieden zu sein und sah sein jetziges Leben in einem rosigen Licht, denn als Kind hatte er zweimal miterleben müssen, wie seine Familie all ihrer Habe beraubt und aus der Stadt vertrieben worden war.

»Auf dem Land lebt es sich um einiges besser als in einem Ghetto«, beteuerte er lebhaft. »Wir besitzen ein hübsches Gärtchen, das mein Weib und meine Kinder versorgen, und können uns sogar ein paar Hühner und eine

Ziege halten. Außerdem sind die Nachbarn viel freundlicher als in den Städten, in denen die hohen Herren und die Handwerkszünfte unsereinem schier die Luft zum Atmen abschnüren.«

Lea überließ es Jochanan, die Unterhaltung mit Gideon zu bestreiten. Nach seinen Worten stammten sie von der anderen Seite des Rheines und hatten die Erlaubnis erwirkt, im Burgundischen Handel treiben zu dürfen. Gideon wunderte sich zwar, weshalb sie so weit fortreisten, bohrte glücklicherweise jedoch nicht nach. Lea hätte ihm auch kaum erklären können, aus welchem Grund sie ausgerechnet nach Vesoul reiste. Sie war ja selbst nicht mit sich im Reinen, ob sie das Richtige tat, denn dort wollte sie sich ausgerechnet mit Roland Fischkopf treffen.

Vor nicht allzu langer Zeit hatte sie sich geschworen, jede weitere Begegnung mit diesem Menschen zu vermeiden, und jetzt reiste sie ihm sogar entgegen. Sie erinnerte sich noch gut an ihre Verblüffung, aber auch ihre Erbitterung, als sie vor gut einem Jahr einen Brief von ihm erhalten hatte, in dem er ihr von dem glücklichen Abschluss des Geschäfts berichtete, in welches er ihr Gold gesteckt hatte. Damals hatte er mitgeteilt, dass er ihren Gewinn in Höhe von eintausend Gulden für sie bei einem Bankier deponiert und die zwölfhundert, die er für das Gold erzielt hatte, in einer neuen Beteiligung angelegt hatte, über die er sich jedoch nicht auslassen wollte. Ein paar Monate später war sie angeblich noch einmal um tausend Gulden reicher geworden, aber auch davon hatte sie nichts als ein Stück Papier mit seinen Beteuerungen.

Lea wäre froh gewesen, wenigstens einen Teil der Summe in Händen halten zu können, die nun in Italien schlummerte, denn nach den Ausgaben für die markgräfliche Hochzeit waren ihre Kassen nicht mehr so gut gefüllt. Doch das Geld war für sie so fern, als läge es auf dem Mond. Roland Fischkopf hatte es nämlich auf seinen eigenen Namen bei einem Genueser Bankhaus angelegt, da dieses, wie er ihr mitgeteilt hatte, kein Geld von Juden annahm.

Sie war nicht so arm, dass sie am Bettelstab hätte gehen müssen, denn ihr Vermögen übertraf immer noch das der meisten jüdischen Kaufleute. Aber es war mehr denn je ihr Ziel, Hartenburg zu verlassen und sich an einem Ort im Reich anzusiedeln, wo sie nicht auf Gedeih und Verderb einem launischen, habgierigen Landesherrn ausgeliefert war, und um das zu erreichen, benötigte sie Gold und nochmals Gold. Die Kosten für die Hochzeit des Hartenburgers waren so hoch gewesen, dass sie kurzfristig Geld bei Geschäftsfreunden hatte aufnehmen müssen, um ihre laufenden Geschäfte nicht zu beeinträchtigen. Um wenigstens einen Teil der Summe wiederzubekommen, war ihr keine andere Wahl geblieben, als die Har-tenburger Steuerpacht zu übernehmen. Nun hatte sie noch stärker mit der Geldgier des Markgrafen zu kämpfen und musste gleichzeitig darauf achten, dass sie seine Untertanen nicht allzu sehr gegen sich aufbrachte. Zu ihrem Glück war Samuel Goldstaub für die meisten Har-tenburger ein Steuereintreiber wie die anderen vor ihm, ein Mann, den man heimlich beschimpfte und verachtete, dessen Existenz man aber hinnahm wie Geburt oder Tod. Die Leute grüßten sie nicht mehr ganz so freundlich, wenn sie durch Hartenburg ging, aber noch fluchte man ihr nicht ins Gesicht und warf ihr auch keine Steine nach.

Die meisten zahlten ihre Steuern unter viel Gejammer, aber ohne großen Widerstand, und bei denjenigen, bei denen die Soldaten, die der Markgraf ihr für ein gewisses Salär zur Verfügung gestellt hatte, hatten nachhelfen müssen, war der frühere Steuerpächter auch schon auf tatkräftige Hilfe angewiesen gewesen. Was Lea am meis-ten störte, war die Tatsache, dass sie etliche Wochen durch Hartenburg hatte ziehen müssen, bis sie den letzten Kreuzer eingetrieben hatte, denn das war ihren übrigen Geschäften nicht sonderlich zuträglich gewesen. Sie hoffte inständig, dass sie trotz aller Schwierigkeiten in den nächsten zwei, drei Jahren über genügend Kapital verfügen würde, um ihrer Heimat den Rücken kehren zu können, und sie setzte deswegen auch große Erwartungen in diese Reise. Wenn sie Erfolg hatte, würde sie ihrem Ziel einen großen Schritt näher kommen.

Später, als Gideon und Jochanan bereits in den Verschlag gekrochen waren, der ihnen allen als Schlafstatt zugewiesen worden war, holte Lea zwei Briefe aus ihrer Kiepe und las sie im Schein einer Stalllaterne noch einmal durch. In dem einen schwor Roland Fischkopf Stein und Bein, dass sie jederzeit über ihn an ihr Geld kommen könne. Das glaubte sie ihm jedoch ebenso wenig, wie sie einem Kirchenmann getraut hätte, der einen Juden seinen geliebten Bruder nannte.

Wichtiger als dieses Schreiben war ihr jedoch die Antwort auf eine Anfrage, die sie über Simeon ben Asser an den Handelsagenten gerichtet hatte. Da weder sie noch einer ihrer jüdischen Geschäftspartner in der Lage waren, Alban von Rittlage zum Bezahlen seiner Schulden zu zwingen, hatte sie von Fischkopf wissen wollen, ob er nicht einen christlichen Bankier kenne, der in der Lage war, diese Gelder einzutreiben. Die Notiz, die Fischkopf ihr daraufhin geschickt hatte, war kurz und wenig informativ gewesen. Er sei Anfang Juni im burgundischen Ve-soul, schrieb er, und sie solle Rittlages Schuldbriefe dorthin bringen. Lange hatte sie mit sich gerungen, ob sie sich auf den Weg machen sollte. Zuerst hatte sie sich gesagt, dass es reine Zeitverschwendung sein würde, Fischkopfs Aufforderung zu folgen, doch dann hatte ihre Un-ternehmungslust gesiegt, denn sie sagte sich, dass sie mit jedem Gulden, den sie für ihre Schuldbriefe erhielt, Har-tenburg eher verlassen konnte. Die wertvollen Dokumente trug sie gut versteckt mit sich, und doch war ihre Sorge, sie könnten ihr abhanden kommen, größer als die um das Flussgold, das sie bei früheren Wanderungen mit sich geschleppt hatte.

»Hoffentlich hält Fischkopf mich nicht ein weiteres Mal zum Narren«, murmelte sie vor sich hin, während sie die Briefe wieder verstaute. Sie ging zum Abtritt und danach zu ihrer Schlafstelle. Als sie die Tür des Verschlags öffnete, scholl ihr ein doppeltes Schnarchkonzert entgegen. Lea suchte sich ein freies Plätzchen, wickelte sich in ihren Mantel und legte sich hin. Mehr als der Lärm um sie herum hielten ihre wirbelnden Gedanken sie jedoch noch lange wach.

2.

Am nächsten Morgen brachen sie nach einem kärglichen Frühstück auf. Zunächst hatte Gideon noch denselben Weg wie sie und unterhielt sie mit fröhlichem Geschwätz. Dabei versuchte er, sie von den Vorteilen des Landlebens zu überzeugen, das seiner Meinung nach die einzige Möglichkeit für die bedrängten Juden darstellte, den Verfolgungen und Vertreibungen in den großen Städten zu entgehen. Lea hörte ihm lächelnd zu und antwortete, dass sie da schon eher nach Polen gehen würde, wie andere, ihr bekannte Juden es bereits getan hätten. Sie dachte dabei an ihren Onkel Esra ben Nachum, der lange darauf gehofft hatte, sein Neffe Samuel würde ihn nach Hartenburg holen. Nachdem ihm der Aufenthalt bei Ru-ben ben Makkabi langsam verleidet wurde, hatte er Samuel um Geld gebeten, um sich beim polnischen König Kasimir IV. das Privileg zur Ansiedlung in einer seiner Städte erkaufen zu können. Der Ort hieß, wenn Lea sich richtig erinnerte, Rzeszow. In den letzten Monaten hatte auch sie schon mit dem Gedanken gespielt, ebenfalls einen Schutzbrief des Polenkönigs zu erwerben und sich im Osten anzusiedeln.

»Du bist gut«, sagte Gideon kopfschüttelnd. »Der Pole schenkt einem nichts, sondern will blanke Gulden für das Wohnrecht in seinem Land sehen. Und selbst wenn ich mir so viel Geld vom Mund absparen könnte, bliebe mir nichts, um die weite Reise zu finanzieren. Nein, Freund Samuel, ich sage dir, am besten lebt man hier bei uns als armer Mann auf dem Land. Da hat man keine Neider und trotzdem sein Auskommen.«

Lea zog die Stirn kraus. Waren ihre Landsleute, die in früheren Zeiten Kaiser und Könige mit wertvollen Waren versorgt und ihnen großzügige Kredite gewährt hatten, bereits mit so wenig zufrieden? Genügten ihnen ein Dach über dem Kopf, so windschief es auch sein mochte, und ein voller Bauch für sich und ihre Familien? Wo blieb dabei die Kultur, die sich ihr Volk in den fast anderthalbtausend Jahren in der Diaspora bewahrt hatte?

Jochanan hatte mehr Verständnis für Gideon als sie. »Unser Volk hat schon oft Zeiten der Bedrängnis erlebt und wird auch diese überstehen.«

Lea war froh, dass ihr Knecht ihr die Antwort abnahm. Sie hätte nicht gewusst, was sie hätte sagen sollen, und war erleichtert, als Gideon sich kurz vor Mittag von ihnen verabschiedete. Sein Weg führte jetzt die bewaldeten Seitenschluchten der Vogesen hinauf, wo er Bauernhöfe kannte, auf denen er mit seinen Waren höchst willkommen war. Dort hatte er seinen Worten zufolge für seine Waren häufiger ein paar Heller oder sogar einen blanken Groschen erhalten als Mehl oder Eier.

Lea wünschte ihm Glück und blickte seiner hageren Gestalt nach, bis sie zwischen den Bäumen verschwunden war. Dann wandte sie sich kopfschüttelnd ab. »So könnte ich nicht leben«, sagte sie, während sie weitergingen.

Jochanan lächelte ein wenig traurig. »Der Mensch vermag viel, wenn die Umstände es erzwingen.«

Als Knecht wusste er, mit wie wenig man zufrieden sein konnte. Lea aber, die im Wohlstand aufgewachsen war, tat sich schwer, eine andere Lebensweise zu akzeptieren. Ein Gutes hatte die Begegnung mit Gideon jedoch für sie beide, denn sie besaßen jetzt genug Gesprächsstoff, um die Meilen, die sie zurücklegten, nicht mehr so stark zu spüren und auch die Hitze nicht, die an diesem Tag noch unerträglicher geworden war. Das Gewitter, das Lea erwartet hatte, war am Vortag ausgeblieben, schrieb aber heute schon gegen Mittag seine ersten Anzeichen an den westlichen Himmel.

Der Pfad, dem Lea und Jochanan gefolgt waren, traf um die Zeit, in der sich der Horizont verdunkelte, auf eine von Norden nach Süden führende Straße, doch zu ihrem Pech gab es keinen Meilenstein in der Nähe der Einmündung, der ihnen die Richtung nach Vesoul angegeben hätte. So entschied Lea sich, nach Norden zu gehen, denn in der Ferne glaubte sie Dächer zu erkennen, und sie hoffte, in einer Herberge Unterschlupf finden zu können, ehe das Unwetter losbrach.

Die Gebäude entpuppten sich als größeres Dorf mit einer Reihe schiefergedeckter Bauernhöfe und einer kleinen Kirche mit einem wuchtigen, viereckigen Turm, dessen Spitze von einem kupferbeschlagenen Pultdach gebildet wurde. Die große Herberge am Dorfrand umgab ein mehr als mannshoher Palisadenzaun, in den ein festes, eisenbeschlagenes Tor eingelassen war und der auf Lea wie eine kleine Festung wirkte. Sie hatte das Tor noch nicht erreicht, als ein erstaunter Ruf an ihr Ohr drang. »Grüß dich, Samuel! Das ist aber eine Freude, dich hier zu treffen.«

»Ich hoffe, sie ist auch meinerseits.« Lea fletschte die Zähne und musste an sich halten, um Roland Fischkopf nicht gleich zur Begrüßung an die Kehle zu gehen, doch er schien ihre Abneigung gegen ihn nicht wahrzunehmen. Er hockte auf dem Balken einer stabilen Umzäunung, die sich an den Palisadenzaun anschloss, winkte ihr lachend zu und verscheuchte gleich darauf den Wirtsknecht, der die beiden angeblichen Kiepenhändler abweisen wollte.

Nachdem der Knecht sich mit einem Doppelpfennig in der Hand zurückgezogen hatte, musterte Orlando Leas Aufzug und schüttelte den Kopf. »Wie siehst du denn aus,

Samuel? Gehen deine Geschäfte so schlecht, dass du Tandhandel betreiben musst?«

»Wenn ein guter Teil meines Kapitals samt den Gewinnen weiterhin auf Konten liegt, auf die ich keinen Zugriff habe, wird es bald dazu kommen.«

Orlando tat erstaunt. »Mein lieber beschnittener Freund, warum hast du mir nicht geschrieben, dass du dringend Geld brauchst? Ich hätte es dir durch einen vertrauenswürdigen Boten geschickt. Hunger leiden sollst du meinetwillen nicht.«

»Noch ist es nicht so weit.« Lea wandte sich ab, um diesem Menschen ihre Verärgerung nicht zu zeigen. Er nahm sie einfach nicht ernst und schien jetzt sogar an ihrem Handelsgeschick zu zweifeln. Wie hatte sie nur vergessen können, wie penetrant und boshaft er war? Wütend über sich selbst und ihre Dummheit, eine weite Reise gemacht zu haben, um diesen impertinenten Menschen zu treffen, überlegte sie, ob sie nicht auf der Stelle kehrtmachen sollte.

Immer noch breit grinsend stieg Orlando von seinem Sitz herunter und legte ihr die Hand auf den Oberarm, als wollte er sie an sich ziehen. »Wieso bist du hierher gekommen? Ich dachte, wir wollten uns in Vesoul treffen?«

Lea musste an sich halten, um nicht vor der Berührung zurückzuweichen. »Ich bin auf dem Weg dorthin.«

Orlando deutete mit dem Kopf in die Richtung, aus der sie gekommen war. »Nach Vesoul geht es aber dorthin.«

»Das mag ja sein. Aber als ich auf die Straße traf, war kein Meilenstein zu finden, der mir den Weg gewiesen hätte. Darum bin ich hierher gekommen, um mich zu erkundigen.«

Er hob die Hand und klatschte ihr anerkennend auf die Schulter. »Und hast sehr gut daran getan, mein lieber

Samuel. Du wirst nämlich bald das Glück haben, den Herzog von Burgund mit eigenen Augen zu sehen. Vor wenigen Minuten sind seine Vorreiter erschienen und haben sein Kommen angekündigt. Wie du siehst, bereitet man sich bereits auf seinen Empfang vor.« Orlando wies in den Hof der Herberge, wo mehr als zwei Dutzend Knechte und Bauernburschen hektisch arbeiteten, um die Durchgänge zu den Ställen und Schuppen bis auf zwei zu verbarrikadieren. Die Mägde schlossen die Fensterläden, als stände das Gewitter, dessen erste Vorboten in der Ferne aufzogen, bereits unmittelbar bevor.

Lea sah sich verdattert um. »Das sieht so aus, als würde man einen Angriff erwarten und nicht einen Gast.«

Ehe Orlando ihr antworten konnte, kamen weitere Männer mit Dreschflegeln und Forken in den Händen auf die Herberge zu, und sein Grinsen wurde noch breiter. »Herzog Maximilian scheint hier nicht sonderlich beliebt zu sein.«

»Was hat das zu bedeuten?« Lea deutete auf den Knecht, der auf die Herberge zugerannt kam und lauthals brüllte, er habe den Zug des Herzogs kommen gesehen.

»Komm weg von hier!«, gab Orlando statt einer Erklärung zurück. Als Lea nicht gleich reagierte, packte er sie und zog sie mit sich. Jochanan, der nicht das Geringste verstand, beschloss, Lea nicht aus den Augen zu lassen, aber erst einzugreifen, wenn Fischkopf ihr so nahe kam, dass ihr Geheimnis in Gefahr geriet.

Orlando führte Lea in das Hauptgebäude der Herberge, einen lang gestreckten Bau, der über dem gemauerten Erdgeschoss zwei weitere, aus Fachwerk errichtete Stockwerke besaß, an welchen mehrere Holzbalkone entlangliefen. Während Lea auf sein Geheiß die schwere Kiepe abstreifte und in eine Ecke stellte, öffnete Orlando ungeniert einen der bereits verriegelten Zugänge zu dem

Balkon im obersten Geschoss, trat hinaus und zog sie mit sich.

»Dort kommt der Herzog!« Orlando drehte Lea wie eine Puppe Richtung Norden und deutete auf die Straße, wo eben eine kleine Reiterkavalkade unter wehenden Bannern um die Ecke bog. Die polierten Harnische der Männer glänzten im Licht der sich schon nach Westen neigenden Sonne wie Silber, und die Farbenpracht ihrer federgeschmückten Helme übertraf alles, was Lea bis jetzt gesehen hatte. Den Reitern folgte ein von sechs Grauschimmeln gezogener Reisewagen von enormer Größe. Deichsel, Naben und das tonnenförmige Dach waren mit vergoldeten Verzierungen bedeckt, und die Wände trugen die Wappen von Burgund, Habsburg und dem Reich. Dem Wagen folgte eine Gruppe Berittener in buntscheckiger Kleidung, und hinter diesen tauchten nach und nach mehrere Trosswagen auf, denen sich eine kleine Schar Ritter in schimmernder Wehr als Nachhut an-schloss. Alles in allem waren es mit Knechten und Bediensteten mehr als einhundert Mann, die sich der Herberge näherten.

Lea fragte sich, was die fünfzig oder sechzig nur mit Arbeitsgerät bewaffneten Bauern, die sich hier versteckt hielten, gegen all diese Leute ausrichten konnten, kam aber nicht dazu, Orlando zu fragen, denn in diesem Augenblick erreichte die Vorhut des herzoglichen Reisezugs das weit offen stehende Tor. Die Männer trabten auf den Hof und auf den Wink eines Herbergsknechts weiter durch den linken der beiden Durchgänge. Der dichtauf folgende Reisewagen des Herzogs wurde zum rechten Durchgang geschickt, und als er ihn passiert hatte, eilten mehrere Wirtsknechte zum Tor der Herberge, schlugen die beiden mächtigen Flügel zu und versperrten sie mit drei großen Balken. Es ging so schnell, dass nur ein halbes

Dutzend Reiter in den Hof gelangt waren. Noch während diese sich verblüfft umsahen, schlossen die Knechte die beiden Durchgänge und trennten den Herzog und seine Vorreiter von seinen Trabanten, die sich zum größten Teil noch vor dem Haupttor befanden.

»He! Was soll das?«, rief der Hauptmann der herzoglichen Leibwache zornig.

»Das kann ich dir sagen!«, brüllte ein Mann, der nach Orlandos Worten der Wirt war, zum obersten Fenster der Herberge hinaus. »Der hohe Herr ist mir bereits zweimal die Zeche schuldig geblieben. Ein drittes Mal lasse ich mir das nicht mehr gefallen. Entweder zahlt er auf der Stelle seine Schulden, oder meine Knechte werden ihn aus seinem Wagen holen und in den Schweinestall sperren.«

Der Hauptmann zog das Schwert. »Versuche es, und wir zünden dir deine Hütte über dem Kopf an!«

Der Wirt lachte höhnisch auf. »Das würde der Gesundheit des Herzogs aber nicht gut bekommen. Schließlich hat er mit dem Kutscher nur vier Bedienstete an seiner Seite, mit denen wir leicht fertig werden!«

»Verdammter Hund! Mögest du in der untersten Hölle braten!« Der Hauptmann stieß noch einen gotteslästerlichen Fluch aus, wagte es aber nicht, den Befehl zum Angriff zu geben, um das Leben seines Herrn nicht zu gefährden.

Der Wirt sah sich in der stärkeren Position und wagte es jetzt, sich aus dem Fenster zu lehnen. »Wenn der Herr bezahlt, erhält er Obdach und ihr ebenfalls. An seiner Stelle würde ich es mir schnell überlegen, denn es zieht ein böses Wetter auf. Der Herzog mag es in seinem Wagen trocken überstehen. Doch Ihr, Hauptmann, und der Rest Eures Trupps werdet hinterher aussehen wie ertränkte Katzen.«

Wie zur Bestätigung seiner Worte wurde der Himmel rasch dunkler, und in nicht allzu großer Entfernung zuckten die ersten Blitze auf.

Herzog Maximilian war aus seinem Wagen gestiegen und stand nun auf dem Bock neben dem Kutscher. »Verdammt, Wirt, du bekommst dein Geld schon noch. Aber dafür muss ich zuerst nach Brügge zurück. Jetzt habe ich nicht so viel bei mir.«

Der Wirt lachte höhnisch. »Vielleicht können Eure Leute zusammenlegen, Euer Durchlaucht, und für Euch geradestehen. Sorgt aber dafür, dass genug Geld zusammenkommt. Umsonst gibt es für Euch nicht einmal mehr eine Strohschütte im Pferdestall. Ich bin es leid, jedes Mal vertröstet zu werden, wenn ich meine Forderungen stelle.«

Orlando lachte Lea ins Ohr. »Ich glaube kaum, dass Herzog Maximilian und seine Leute trotz ihrer prunkvollen Erscheinung zusammen mehr als zwanzig Gulden im Beutel tragen. Die italienischen Bankiers nennen ihn nicht umsonst Massimiliano senza denaro.«

»Was heißt das?« Lea kannte zwar etliche italienische Begriffe aus ihren Notizbüchern und der Geschäftskorrespondenz, aber sie hatte sie noch nie als gesprochene Worte vernommen.

»Maximilian ohne Geld«, belehrte Orlando sie lächelnd. Er schien nachzudenken, denn er rieb sich mit dem rechten Zeigefinger über die Nase und sah Lea dann fragend an, »Wie viel gemünztes Gold hast du bei dir?«

»Vielleicht dreihundert Gulden«, antwortete sie verblüfft und ärgerte sich im selben Moment, weil sie es ihm so unbedacht verraten hatte.

»Ich habe auch noch ein paar Gulden im Beutel. Zusammen könnte es reichen. He Wirt!« Orlando winkte dem Besitzer der Herberge heftig zu.

»Was willst du, Kerl?« Der Wirt war über die Störung sichtlich verärgert.

Orlando ließ sich jedoch nicht einschüchtern. »Mit wie viel steht der Herzog bei Euch in der Kreide?«

»Mit fast fünfhundert Gulden, deren größter Teil mit Verlaub gesagt noch von der Brautfahrt des hohen Herrn stammt, und die liegt fast fünfzehn Jahre zurück.« Der Wirt schnaubte zornig und befahl seinen Knechten, ja Acht zu geben, dass ihnen der Herzog nicht entkam.

»Für fünfhundert Gulden behandelt ihr den edelsten Herrn der Christenheit wie einen Strauchdieb?« Orlandos Stimme triefte vor Abscheu.

Der Wirt winkte verächtlich ab, aber seine Stimme klang erheblich höflicher. »Für Euch mag es wenig sein, aber für mich ist es der halbe Wert meiner Herberge, und der Steuereintreiber meines Herrn ist weniger langmütig, als ich es dem Herzog gegenüber war.«

Orlando nickte verständnisvoll. »Das kann ich mir vorstellen. Trotzdem darfst du nicht so edle und vornehme Männer bei diesem Wetter im Freien stehen lassen. Es tröpfelt bereits.«

Der Wirt schnaubte wie ein Zugochse. »Ohne Geld gibt es kein Dach über den Kopf!«

»Wer sagt, dass Ihr kein Geld bekommt? Mein eph-raimitischer Freund und ich werden die Schuld des Herzogs begleichen, damit er hier so aufgenommen wird, wie es einem noblen Herrn zukommt.«

Lea schnappte bei Orlandos Worten nach Luft. »Wie käme ich dazu?«

Orlando legte ihr die Rechte auf den Mund und befahl ihr, still zu sein. »Ich weiß schon, was ich tue! Es wird unser beider Schaden nicht sein.«

Dem Hauptmann der Trabanten juckte es sichtlich in den Fingern, dem renitenten Wirt eine Abreibung zu verpassen. Einer der Edelleute, die mit im Hof eingesperrt waren, befahl ihm jedoch zu schweigen. Er lenkte sein Pferd zu dem Balkon, auf dem Lea und Orlando standen, und zog seinen grauen, mit roten und blauen Federn geschmückten Hut, sah den Juden aber nicht an.

»Ich danke Euch im Namen meines Herrn. Es ist wirklich an der Zeit, diese Farce zu beenden.«

Während Orlando die Verbeugung formvollendet erwiderte, schniefte Lea empört. Orlando fasste sie am Nacken und beugte ihren Kopf. »Weißt du nicht, wie man sich vor einem hohen Herrn verbeugt?«, fragte er leise.

Leas Wut bekam dadurch noch mehr Nahrung. Sie hatte ihren Rücken so oft vor dem Hartenburger Markgrafen, dessen Sekretär und einigen seiner Hofschranzen krümmen müssen, dass sie all die hohen Herrschaften hasste, die die Ehrerbietung der einfachen Leute als ihr natürliches Recht auffassten. Der Wirt schlug mit der Faust auf das Fensterbrett. »Erst will ich Geld sehen!«

»Das wird sogleich geschehen!«, rief Orlando zu ihm hoch und blickte Lea fordernd an. »Wo hast du deine Gulden?«

Da sie nur störrisch das Kinn vorreckte, drehte er sich um, trat in den Flur, in dem er ihr die Kiepe abgenommen hatte, und durchsuchte sie unter Jochanans heftigem Protest. Mit einem triumphierenden Ausruf brachte er ein kleines, aber schweres Säckchen zum Vorschein und öffnete es. Doch er fühlte nur Mehl.

Verärgert zog er seine Hand zurück und starrte seine weiß gefärbten Finger an. Als Lea spöttisch auflachte, hatte er sich jedoch sofort wieder in der Gewalt. »Verdammt, wir haben keine Zeit für solche Späße.«

Er wollte erneut in das Säckchen greifen, doch Lea nahm es ihm weg. »Das ist Flussgold, das ich bei einem Goldschmied eintauschen will. Ich habe es nur in den Mehlsack gesteckt, um es vor Leuten wie dir zu verbergen. Das Münzgold ist da drin.« Sie zog ein verschrammtes Kästchen unter dem Tand hervor, öffnete es und schüttete den Inhalt vor Orlando auf den Boden. Orlando verbiss sich ein unanständiges Schimpfwort und las rasch das Geld auf. Jochanan, der ihn eben noch einen Dieb genannt hatte, half ihm, während Lea mit verschränkten Armen neben ihnen stand und innerlich gegen sich selbst wütete. Sie hätte wissen müssen, dass eine Begegnung mit diesem Fischkopf sie noch ärmer machen würde, statt ihr aus ihren Problemen herauszuhelfen. Dennoch sah sie regungslos zu, wie Orlando ihre wie neu glänzenden Zwölfguldenstücke in die Hand des beim ersten Klang des Goldes herbeigeeilten Wirts zählte. Auch die Tatsache, dass der Handelsagent den noch fehlenden Rest aus seinem eigenen Beutel dazulegte, konnte ihre innere Selbstzerfleischung kaum mildern.

»Bist du jetzt zufrieden?«, fragte Orlando den Wirt. Als dieser nickte, packte er den Mann und stieß ihn trotz seiner beträchtlichen Körperfülle auf den Balkon. »Sag deinen Leuten, dass sie sofort das Tor und die Verhaue öffnen und den Herzog und seine Männern in Haus lassen sollen, ehe uns die Wetterwand erreicht.«

Orlando hatte das letzte Wort noch nicht gesprochen, da spaltete ein greller, vielfach verästelter Blitz den dunklen Himmel. Kaum einen Herzschlag später erschütterte ein gewaltiges Donnergrollen die Herberge und ließ die Pferde der Reisenden vor Angst aufwiehern. Der Wirt warf nur einen kurzen Blick zum Himmel, dessen Schleusen sich jeden Augenblick öffnen konnten, und brüllte seine Knechte an, das Tor zu öffnen und die Verhaue zu beseitigen. Jetzt zeigte es sich, dass er die Bauern nicht umsonst zusammengerufen hatte. Jeder griff zu, um die Pferde des herzoglichen Reisezugs in die Ställe und offenen Unterstände zu bringen. Auch der große Reisewagen wurde in eine Remise geschoben, damit seine goldenen Verzierungen und farbenprächtigen Wappenbilder nicht unter dem Wetter leiden mussten.

Der Herzog versuchte, seine Würde zu wahren, und schritt steifen Schritts auf die Herberge zu, obwohl schon die ersten, beinahe faustgroßen Tropfen auf der Erde zerplatzten. Trotz der Hitze, die den Tag über geherrscht hatte, trug er ein golddurchwirktes Seidenwams und rote Handschuhe mit goldenen Säumen. Seine Hosen waren ebenfalls rot und saßen eng an seinen Schenkeln, während die Schamgegend durch goldene Stickereien besonders betont worden und stark ausgestopft war.

»Maximilian sieht aus, als hätte er das Gemächt eines Hengstes«, spottete Lea, die neben Orlando getreten war. Er kicherte fast wie eine Frau. »Packt dich der Neid?«

Lea schüttelte heftig den Kopf. »Bei Gott, nein, welches Weib könnte ein solches Glied in sich aufnehmen?«

Orlando amüsierte sich über das Entsetzen in ihrer Stimme, lächelte ihr aber begütigend zu. »Unter Herrn Maximilians Hosenlatz steckt mehr Wolle als Fleisch. Ich glaube kaum, dass er sich an dieser Stelle mit mir messen kann.«

Lea warf ihm einen schiefen Blick zu und zog die Mundwinkel herab. »So? Muss ich Euch ab jetzt Roland, den Hengst, nennen? Dann muss man wohl die Stuten vor Euch beschützen, denn mit Frauen werdet Ihr es wohl kaum treiben können.«

Leas Spott kränkte Orlando in einer Weise, die er selbst nicht verstand, und reizte ihn gleichzeitig. Ihr angenehmes, von der Sonne leicht gebräuntes Gesicht war so dicht vor ihm, dass er sie ohne Mühe hätte küssen können, und er stellte sich unwillkürlich vor, wie sie unter ihrem alles verhüllenden Mantel aussehen mochte. Sie musste jetzt etwas über zwanzig Jahre alt sein und die weichen Formen einer erwachsenen Frau besitzen, auch wenn sie diese meisterlich zu verbergen wusste. Irritiert schüttelte er den Kopf, denn bislang hatte er sich nur für

Frauen interessiert, die mindestens einen Kopf kleiner als er und schwarzhaarig waren. Lea aber konnte ihm auf gleicher Höhe in die Augen sehen und hatte einen leuchtend rotblonden Schopf.

»Hat es Euch die Sprache verschlagen?«, höhnte Lea, als Orlando stumm blieb.

»Das gewiss nicht. Nachdem du mich für fähig hältst, Stuten zu besteigen, überlegte ich, welches Tier zu dir passt. Ich vermute, eine Ziege wäre das Richtige.« Zu seiner Zufriedenheit nahm Orlando wahr, wie Leas Gesicht sich dunkel färbte.

Sie hatte sich jedoch sofort wieder in der Gewalt. »Bei einem Tier zu liegen ist ein Gräuel vor dem Herrn. Allein der Gedanke daran ist eine Sünde.«

Mit diesen Worten drehte sie Orlando den Rücken zu und wollte ins Haus zurückkehren. In dem Augenblick schlug ein Blitz krachend in eine Eiche ein, die keine fünfzig Schritt von der Herberge entfernt stand, und der ihm folgende Donner raste über den Hof und ließ das Gebäude erzittern, gerade als der Wirt Herzog Maximilian unter etlichen Bücklingen ins Haus geleitete und dabei ein so devotes Gesicht machte, als hätte er nie versucht, den hohen Herrn zu erpressen.

3.

Während Lea sich vor Schreck an Orlando klammerte und von ihm kurzerhand zur Treppe geschoben wurde, betrat Herzog Maximilian an der Spitze seiner engsten Begleiter die Gaststube und befahl dem Wirt, aufzutragen, was Küche und Keller zu bieten hatten. Dann wandte er sich an den Edelmann, der Orlando vorhin gedankt hatte.

»Herr van Grovius, seid so gut und ladet die beiden Herren, die uns eben so behilflich waren, an meinen Tisch.«

»Den Juden auch?«, fragte Frans van Grovius verblüfft.

»Wenn wir auf Kosten dieses Mannes essen und trinken, können wir ihn kaum zusehen lassen. Also behandelt ihn so höflich wie einen Christenmenschen.«

Sein Blick traf den Wirt, der noch immer vor ihm stand, als erwarte er weitere Befehle. »Mach, dass du in die Küche kommst und ein gutes Mahl für uns bereiten lässt, du Schurke. Wenn du dir alle Mühe gibst, werde ich dir deine Unverschämtheiten vielleicht verzeihen können.«

Das klang so drohend, dass der Wirt, der jetzt nicht mehr auf seine Bauern zählen konnte, einen weiteren Bückling machte und eiligst durch die nächste Tür verschwand. Sekunden später schoss er wieder heraus und bat den Herzog und dessen Begleiter in die gute Stube der Herberge, wo bereits ein Knecht mit einem großen Zinnkrug des besten Weines auf die hohen Gäste wartete.

Der Herzog ließ sich einschenken und probierte. Der

Wein schien ihm zu schmecken, denn er hielt den Pokal dem Knecht zum Nachfüllen hin. Unterdessen hatte Frans van Grovius Orlando in dem geräumigen Zimmer gefunden, das dieser für sich und seine jüdischen Begleiter zugewiesen bekommen hatte.

Artig verneigte er sich vor ihm und bat ihn, Gast seines Herrn zu sein.

»Wohl eher unser eigener Gast, da wir die Zeche bezahlen«, murmelte Lea leise und nur für Orlando verständlich. Orlando verbeugte sich lächelnd vor dem Edelmann. »Wir nehmen dankend an und freuen uns über die hohe Ehre.«

Van Grovius bedachte Lea mit einem schiefen Blick, der ihrem schäbigen Mantel und noch mehr dem verknitterten Judenhut galt, und wandte sich zum Gehen. Lea verschränkte die Arme, hob beleidigt das Kinn und lehnte sich gegen einen der mannshohen Bettpfosten, als wollte sie dort stehen bleiben und schmollen. Orlando feixte, legte ihr den Arm um die Schulter und zog sie mit sich. »Versuche, dich gut zu benehmen, mein beschnittener Freund. Wenn wir Glück haben, lohnt sich dieser Abend für uns beide.«

Einen Moment später verfluchte er sich, weil seine Worte und ihre schmale, weiche Figur ihn daran erinnerten, dass sie eben kein beschnittenes Glied unter ihrem Kaftan trug, sondern verlockend anders geformt war. Orlando versuchte, die Reaktion seines Körpers auf diesen Gedanken zu ignorieren, und nahm sich vor, so bald wie möglich eine Hure aufzusuchen. Wie es aussah, hatte er seine Bedürfnisse zu lange nicht gestillt, denn sonst würde er nicht nach diesem Mannweib lechzen. Ein Blick auf Leas ebenmäßige Gesichtszüge brachte ihn dazu, seine Einschätzung zu berichtigen. So sah keine männermordende Megäre aus und auch keine Walküre heidnischer

Sagen. Hätte sie eine weibliche Frisur und Kleider getragen, wie es sich gehörte, wären etliche Frauen vor Neid auf ihre Schönheit erblasst. Orlando war froh, als van Grovius sie vor den Herzog führte, so dass sich seine Gedanken mit etwas anderem beschäftigen konnten als mit Leas Geschlecht. Maximilian von Burgund war knapp über dreißig und hätte ohne seine vorspringende, leicht hängende Unterlippe als hübscher Mann gelten können. Zorn verdunkelte seine hellblauen Augen, aber als er sich Orlando und Lea zuwandte, wichen die Schatten von seinem Gesicht und machten einem fröhlichen Lächeln Platz.

»Willkommen, meine Freunde. Es freut mich, in dieser abgelegenen Gegend zwei Herren von Anstand und ausgesuchter Höflichkeit getroffen zu haben.« Plötzlich stutzte er und blickte Orlando durchdringend an. »Dich kenne ich doch. Wo habe ich dich vor kurzem erst gesehen?«

Van Grovius fasste Orlando schärfer ins Auge und legte die Stirn in Falten. Plötzlich hüstelte er, um die Aufmerksamkeit seines Herrn auf sich zu lenken. »Ich erkenne den Mann, Eure Hoheit. Er kam im letzten Jahr als Bote der Antwerpener Bankiers Eelsmeer und Deventer in unser Feldlager und hat uns das Geld gebracht, das wir so dringend für die Fortsetzung der Belagerung von Rouvel-lier benötigten.«

»Dann sei er uns doppelt willkommen.« Maximilian klopfte Orlando freundlich auf die Schulter und bat ihn, zu seiner Linken Platz zu nehmen. Lea musste sich neben ihn setzen und fand sich so in der Nähe des Herzogs wieder.

Unterdessen tobte sich das Unwetter mit voller Wucht über dem Dorf aus. Der Himmel war so schwarz wie in einer Neumondnacht, und das Wasser fiel vom Himmel, als wollte es Mensch und Tier ersäufen. Die Wirtsknechte brachten Laternen mit duftenden Wachskerzen herein, doch trotz der Lampenschirme aus Glas flackerten die Dochte im Luftzug und drohten immer wieder auszugehen.

Nach dem dritten Becher Wein erinnerte Herzog Maximilian sich an seine Vorreiter und winkte den Wirt mit grimmiger Miene zu sich. »He, du Schurke, was hast du mit meinen Leuten gemacht, die ich zu deiner Herberge vorausgesandt habe?«

Dieser zuckte schuldbewusst zusammen. »Verzeiht, Eure Hoheit, aber wir haben sie betrunken gemacht und in den Schweinestall gesperrt. Ich werde sie sofort herausholen lassen.«

Der Herzog musste ein Lachen unterdrücken. »Tu das! Obwohl ich sagen muss, die Kerle hätten es ob ihrer Dummheit verdient, die Nacht dort zu verbringen. Doch jetzt lass endlich auffahren. Reisen macht hungrig.«

Der Wirt verneigte sich devot und wieselte davon. Kurz darauf öffnete sich die Küchentür, und zwei Knechte erschienen mit einem riesigen Tablett, das sie wie eine Bahre zwischen sich trugen. Andere Knechte ergriffen die Platten und Schüsseln und boten sie dem Herzog als Erstem an. Orlando und Lea wurden direkt nach Maximilian bedient.

Lea winkte einem Knecht, der ihr ein Stück knusprig gebratenes Spanferkel vorlegen wollte, mit einer Geste des Abscheus beiseite. Auch Orlando lehnte das Ferkel ab und ließ sich stattdessen eine große Portion gedünsteten Karpfens auf seinen Teller laden. Lea wählte ebenfalls den Fisch und danach den in Pfeffer gewälzten Schenkel eines Kapauns. Das war nur der Beginn eines reichlich bemessenen Mahles. Lea konnte sich nicht erinnern, jemals so gut gespeist zu haben, aber sie musste sich sagen, dass dies nur recht und billig war. Schließlich hatte sie reichlich für die hohe Ehre bezahlt, am Tisch des Herzogs sitzen zu dürfen.

Ihr Blick streifte Orlando, der sich seinem Gesichtsausdruck nach sehr wohl zu fühlen schien. Der Handelsagent beachtete sie nicht weiter, sondern unterhielt sich angeregt mit dem Herzog, mit van Grovius und einigen anderen Herren aus Maximilians Begleitung. Dabei wechselte er mühelos von der deutschen Sprache ins Französische und brachte es sogar fertig, auf eine Frage Grovius' in Flämisch zu antworten. Lea, die außer Jiddisch und Hebräisch nur Deutsch sprach, beneidete ihn glühend um diese Kenntnisse und fragte sich gleichzeitig, wer dieser Mann wirklich sein mochte.

In jener Wirtschaft, in der man sie hatte verbrennen wollen, hatte er sich als Beauftragter eines großen Handelshauses ausgegeben, und damit wäre er der nachrangi-ge Angestellte eines Kaufherrn. Ruben ben Makkabi hatte ihn jedoch als Handelsagenten aus Hamburg vorgestellt, der auf eigene Rechnung arbeitete und Beteiligungen an Schiffsladungen und Handelszügen vermittelte, und hier bezeichnete man ihn nun als Geldboten eines Antwerpener Bankiers. Lea hatte mit einem Mal das Gefühl, dass es nicht gut wäre, zu genau zu wissen, was dieser Mann so alles trieb. Sie wäre nicht überrascht, zu erfahren, dass er mit Kaperkapitänen und den Seeräubern der nördlichen Meere im Bunde stände. Auf alle Fälle war er eine schillernde Figur und ein Unglück für sie, denn er hatte sie erneut um mehrere hundert guter Gulden erleichtert.

Eine Weile unterhielt Orlando sich mit dem Herzog auf Französisch. Plötzlich wechselte Maximilian ins Deutsche und sah Lea auffordernd an. »Gibt es eine Gunst, die ich Euch gewähren kann?«

Lea hob in einer hilflosen Geste die Hände, denn sie hatte keine Ahnung, was sie sich wünschen konnte, außer dem Geld natürlich, das sie für ihn ausgelegt hatte.

Orlando aber setzte eine fröhliche und gleichzeitig bittende Miene auf. »Eure Hoheit könnten Seine Gnade über ein paar Freunden von mir leuchten lassen. Die Herren würden sich gern in Antwerpen ankaufen, und das fiele ihnen leichter, wenn Ihr so freundlich wärt, sie dem dortigen Magistrat zu empfehlen.«

»Gerne«, antwortete Maximilian erleichtert darüber, so billig davongekommen sein, und wandte sich Lea zu. »Und welche Gunst kann ich dir erweisen?«

Lea wusste nicht, was sie sagen sollte. Da mischte sich Orlando zum zweiten Mal ein. »Was erfreut das Herz eines Sohnes Ephraims mehr als Geld, hoher Herr?«

Maximilians Miene wurde abweisend, ja geradezu drohend, doch Orlando hob begütigend die Hand. »Und nichts betrübt ihn mehr als eine Schuld, die nicht beglichen wird. Mein Geschäftspartner besitzt Schuldbriefe über mehrere tausend Gulden, die er selbst nicht einfordern kann.«

Maximilian war sichtlich verblüfft. »Einige tausend Gulden, sagst du? So sieht er ja nun wirklich nicht aus. Mein Gott, mit dem Geld könnte ich meinen nächsten Feldzug gegen Karl VIII. von Frankreich beginnen.«

Orlando nickte geradezu auffordernd. »Es handelt sich um den Gegenwert der Herrschaft Elzsprung, die Alban von Rittlage sich mit von Juden geliehenem Geld gekauft hat. Wie bekannt ist, gelang es dem ehemaligen kaiserlichen Vogt vor mehreren Jahren nicht, das Judenpogrom in Sarningen zu verhindern. Umso mehr erbost es meinen Geschäftspartner, dass er sich weigert, seine Schulden bei den Söhnen Judas zu begleichen.«

»Mein Vater kam damals in Sarningen um.« Leas Stimme klang leise, aber schneidend scharf.

Ein dröhnender Donnerschlag verhinderte, dass der Herzog sofort antworten konnte. Als die Elemente sich wieder beruhigt hatten, rieb er sich mit dem rechten Daumen nachdenklich über das Kinn und musterte Lea zweifelnd. »Hat Rittlage sich tatsächlich seine Herrschaft mit dem Gold der Juden erkauft?«

Sie nickte. »So ist es, Euer Gnaden.«

»Und jetzt will er seine Schuldbriefe nicht mehr auslösen?«, setzte Maximilian nach.

»So ist es, Euer Gnaden«, wiederholte Lea.

»Die Summe, die du zu fordern hast, beträgt mehrere tausend Gulden?« Die Neugier des Herzogs war mit Händen zu greifen. Lea hätte gar zu gerne gewusst, warum ihn die Sache so brennend zu interessieren schien. »Es sind genau viertausendzweihundert Gulden.«

»Eine Summe, bei der ich nicht Nein sagen würde, wenn man sie mir anbietet«, antwortete Maximilian lachend. »Damit könnte ich einige Kompanien Landsknechte besolden. Es wird bald wieder Krieg mit Frankreich geben, wenn Karl VIII. nicht wider Erwarten einlenkt.«

»Vielleicht wären Eure Bankiers in der Lage, Rittlages Schuld einzufordern«, warf Orlando mit einem leicht amüsierten Lächeln ein.

Maximilians Augen glitzerten. »Das wären sie ganz bestimmt.«

Lea sah, dass der Herzog danach gierte, die Schuldbriefe in seine Hände zu bekommen, und verfluchte Orlando im Stillen, weil er die Rede darauf gebracht hatte. Hätte sie die Wechsel bei einem christlichen Bankier eingetauscht, würde sie wenigstens einen Teil der Summe erhalten haben. Herzog Maximilian würde die Papiere einstreichen, ohne auch nur Dankeschön zu sagen. Sie bedachte Orlando mit einem bitterbösen Blick, den dieser jedoch mit einem Augenzwinkern beantwortete.

»Hol die Schuldbriefe, mein beschnittener Freund«, forderte er sie auf. »Dir gibt Rittlage keinen lumpigen Heller, doch für Herrn Maximilian sind sie blanke viertausend Gulden wert.«

Lea schob den Teller mit dem vierten Gang, einem in roter Marinade gebeizten Kaninchenrücken zurück und stand seufzend auf. Ihr tat es Leid, Rittlages Schuldverschreibungen aus der Hand zu geben, denn sie hatte bis zuletzt gehofft, ihm damit das Genick brechen zu können. Wenn sie Pech hatte, würde Maximilian ihm nur leutselig auf die Schulter klopfen und die Wechsel verbrennen.

Als sie mit dem Bündel gesiegelter Pergamente zurückkehrte, drehte sich das Gespräch am Tisch um Werbeoffiziere, Söldner und Ausrüstung. Orlando empfing sie mit einem zufriedenen Lächeln, nahm ihr die Unterlagen aus der Hand und reichte sie an van Grovius weiter. Dieser schnitt die Schnur durch, faltete jedes einzelne Blatt auf und zählte die Summen zusammen.

Schließlich wirkte er geradezu fassungslos. »Der Jude hat die Wahrheit gesagt, Eure Hoheit. Die Wechsel lauten genau auf viertausendzweihundert Gulden, und kein Einziger davon ist als eingelöst gekennzeichnet.«

»Dann werden meine Bankiers mir diese Summe auch übergeben.« Maximilian wandte sich fröhlich an Orlando. »Gut gemacht, mein Freund. Es bleibt damit bei der Vereinbarung, die wir eben getroffen haben.«

»Mein Geschäftspartner wird sich gewiss darüber freuen.«

Orlando verneigte sich und blinzelte dann Lea zu.

»Was für eine Vereinbarung?«, fragte sie misstrauisch.

»Seiner Gnaden, dem Herzog von Burgund, beliebt es, dir als Dank für diese Schuldbriefe für drei Jahre das Monopol für den Handel mit spanischen Weinen in der Grafschaft Flandern zu übertragen.« Man sah Orlando an, wie stolz er auf diese Abmachung war. Lea selber starrte ihn hilflos an. Tausend bittere Worte ballten sich in ihrer Kehle, und nur die Anwesenheit des Herzogs und seiner Begleiter hinderte sie daran, sie Fischkopf ins Gesicht zu schleudern.

Orlando achtete jedoch nicht weiter auf sie, sondern verbeugte sich erneut vor dem Herzog. »Mein Geschäftsfreund wird einen Geleitbrief brauchen, um sein Monopol durchsetzen zu können, Euer Gnaden. Wie Ihr wisst, werden Juden nicht überall gerne gesehen.«

Maximilian hatte gut gespeist, einen ausgezeichneten Burgunder getrunken und eben den Gegenwert von über viertausend Gulden eingestrichen. So nickte er Orlando und Lea so selbstzufrieden zu, als hätte er den Sieg über den Franzosen schon in der Tasche, und wies dann seinen Sekretär an, die erbetenen Dokumente auszufertigen. Orlando erhielt seinen Brief an den Magistrat der Stadt Antwerpen, dem bei Androhung der Ungnade ihres Landesherrn die Ansiedlung von Orlandos Bekannten befohlen wurde. Lea bekam die Urkunde für ihr Weinmonopol überreicht, und als Letztes stellte der Sekretär den Geleitbrief für sie aus.

»Welchen Namen soll ich einsetzen? Ich weiß ja nicht, wie der Jude heißt«, fragte er mürrisch.

»Samuel ben Jakob, genannt Goldstaub«, antwortete Lea so ruhig, wie sie es vermochte.

Bevor der Mann die Feder auf das Papier setzen konnte, bat Orlando ihn zu warten. »Ich weiß nicht, ob es so glücklich wäre, wenn mein Geschäftspartner durch diesen Geleitbrief auf den ersten Blick als Jude erkannt würde. Die Söhne Ephraims haben viele Neider und Feinde, und nicht jeder wird das Siegel des Herzogs von Burgund so achten, wie es sich gehört.«

»Dann lass dir einen Namen einfallen«, murrte der Sekretär, während er ärgerlich die Feder beiseite legte.

»Muss dies denn gleich heute sein?«, fragte Orlando den Herzog mit einem beinahe koketten Augenaufschlag. Maximilian winkte lachend ab. »Natürlich nicht. Ich werde den Geleitbrief siegeln und unterzeichnen. Unser jüdischer Freund kann den gewählten Namen ruhig später einfügen.«

»Ich danke Euch.« Orlando verbeugte sich ein weiteres Mal und brachte Lea mit einem Griff dazu, es ebenfalls zu tun.

Unterdessen hatte das Unwetter sich ausgetobt. Es regnete zwar noch stark, doch die Front der Blitze war weitergezogen und der Donner nur mehr als leichtes Dröhnen aus der Ferne zu vernehmen. Die Reise in der Hitze und das reichliche Mahl mit dem guten Wein forderten nun ihren Tribut. Maximilian stand auf und verabschiedete sich, um sich in sein Zimmer zurückzuziehen, und die meisten seiner Begleiter taten es ihm gleich.

Orlando und Lea suchten ebenfalls die Kammer auf, die man ihnen zugewiesen hatte. Es handelte sich um ein luftiges Gemach mit zwei großen Betten an der Wand und einem Feldbett davor, auf dem Jochanan bereits schlief. Seine und Leas Kiepen lehnten an der Wand, ebenso Orlandos um einiges leichteres Reisegepäck.

Lea hatte auch jetzt kein Auge für die Annehmlichkeiten des Zimmers, sondern wartete nur, bis die Schritte des Wirtsknechts auf dem Flur verhallt waren. In dem Moment verzerrte sich ihr Gesicht vor Wut, und sie stemmte die Arme in die Hüften. »Herr Fischkopf! Ihr seid noch mein Untergang. Durch Euch habe ich heute erneut gutes Geld verloren - und zwar mehr als je zuvor.«

Orlando lachte schallend. »Immerhin hast du auf drei Jahre das Weinmonopol für Flandern erhalten, und dafür würde dich mancher deiner Landsleute glühend beneiden.«

»Was will ich mit einem Monopol, das ich nicht nutzen kann?

Ich bin weder in der Lage, spanische Weine nach Flandern zu bringen, noch kann ich verhindern, dass diese nach Herzenslust ins Land geschmuggelt werden.« Lea ballte die Fäuste und maß ihr Gegenüber mit einem geradezu mörderischen Blick.

Orlando lächelte beinahe schon mitleidig. »Jetzt schau doch ein Mal über deinen judäischen Tellerrand hinaus, mein beschnittener Freund. Du wolltest doch Rittlage am Boden sehen, nicht wahr? Sei versichert, Herzog Maximilian ist genau der Mann, der dir deine Rache verschaffen kann. Wenn jemand im Reich mächtig genug ist, um Rittlage von Elzsprung zu vertreiben, so ist er es. Mit seiner militärischen Macht im Rücken werden seine Bankiers, allen voran die Fugger, jeden lumpigen Heller, der in deinen Schuldbriefen steht, aus Rittlage herauspressen, dessen kannst du versichert sein.«

»Eine arg teure Rache«, höhnte Lea. »Außerdem wird Rittlage danach derselbe sein, der er vorher war, nämlich ein Edelmann des Reiches, und wenn er seine Herrschaft verliert, kann er jederzeit wieder in die reich belohnten Dienste eines hohen Herrn treten.«

Orlando lächelte spitzbübisch. »So leicht wird ihm das bestimmt nicht fallen, nachdem er sich Maximilians Feindschaft zugezogen hat. Er wird von einem reichsunmittelbaren Ritter, der sein Knie nur vor dem Kaiser zu beugen hat, zum abhängigen Diener eines weniger mächtigen Herrn absteigen, und wenn er Pech hat, als Vogt einer zugigen, halb verfallenen Burg irgendwo abseits der Handelsstraßen enden.«

»Das mag ja sein. Aber das bringt mir nicht das Geld zurück, das ich für die Schuldverschreibungen bezahlt habe.«

»Womit wir wieder beim flandrischen Weinmonopol wären. Höre mir gut zu, mein beschnittener Freund. Die Urkunde des Herzogs ist sicher das Dreifache der viertausend Gulden wert, die du dafür bezahlt hast. Dafür brauchst du noch nicht einmal selbst deinen Wein von Spanien nach Flandern zu transportieren. Es reicht, wenn du das herzogliche Privileg den flandrischen Ständen vorlegst. Von dem Augenblick an wird man drei Jahre lang auf jedes Fass spanischen Weines, das ins Land gebracht wird, eine Abgabe für dich einfordern und Groschen für Groschen mit dir abrechnen.«

Lea zeigte ihm die Zähne. »Was Ihr nicht sagt, Meister Fischkopf! Euren Worten zufolge muss ich nur mit dem Finger schnippen, und die Gulden fallen mir in den Schoß.«

Orlando hob die Hände zum Himmel, als wollte er von dort Beistand erflehen, und holte tief Luft. »Ich sehe, du hast keine Ahnung, wie so ein Monopol gehandhabt wird. Pass auf, ich erkläre es dir.«

In der nächsten halben Stunde hielt Orlando Lea einen ausführlichen Vortrag darüber, wie die christlichen Herrscher zu Geld kamen. Die Herren belegten den Handel und das Manufakturwesen nämlich oft willkürlich mit Steuern, die sie an Dritte vergaben, bevor sie überhaupt fällig geworden waren.

»An der Küste wird nicht viel geschmuggelt, zumindest keine Waren, die von so weit her kommen«, beruhigte Orlando sie zuletzt. »Die Behörden in Antwerpen, Brügge, Blankenberge und Ostende kontrollieren alle Ladungen, die in ihren Häfen umgeschlagen werden, und ziehen die Steuern ein. Wenn du Angst hast, man würde dir die Gelder nicht auszahlen, so will ich dir auch da behilflich sein - gegen eine gewisse Beteiligung, versteht sich. Freunde von mir, die in Flandern ansässig sind, werden gerne bereit sein, deine Interessen zu vertreten.«

»Das sind wohl ähnliche Schurken wie Ihr!«

Orlando setzte eine künstlich betrübte Miene auf. »Ich ein Schurke? Das tut weh, mein Lieber. Wenn ich daran denke, wie oft ich dir den Hals gerettet habe ...«

»Ein Mal! Und das wird mich wohl bis ans Ende meines Lebens verfolgen«, behauptete Lea.

»Und was ist mit der Sache in Augsburg, wo Ruben ben Makkabi und seine Gäste beinahe . « Orlando unterbrach sich im letzten Augenblick, denn er hatte eben sagen wollen, dass jene Leute hinter ihr Geheimnis gekommen wären, wenn er nicht eingegriffen hätte. Er räusperte sich und setzte den Satz mit einer unverfänglicheren Behauptung fort. »... dich wie ein Tier im Käfig betrachten wollten? Du warst doch froh, dass sie keine Möglichkeit hatten, sich über dich lustig zu machen. Wie steht es eigentlich mit deinen Verletzungen zwischen den Beinen? Sind sie mittlerweile abgeheilt?«

»Das geht Euch überhaupt nichts an.« Lea fühlte, dass sie diesem Mann nicht gewachsen war, und drehte ihm abrupt den Rücken zu.

Orlando wanderte durch die Schlafkammer, strich über die sauberen, nach Blüten duftenden Laken und blickte zuletzt sogar unter die Betten. »Wir wohnen hier wirklich feudal. Es steht sogar Nachtgeschirr bereit, damit wir nicht zum Abtritt gehen müssen. Das wäre bei über hundert Leuten, die heute hier übernachten, gewiss nicht so einfach. Das Häuschen und die Mistgruben werden ständig besetzt sein.«

Lea gab keine Antwort, sondern setzte sich auf das Bett, das der Tür am nächsten stand, verschränkte die Arme und überlegte, was sie jetzt tun sollte. In den Verschlagen, in denen Jochanan und sie bislang untergekommen waren, hatte es genügt, sich in den Mantel zu hüllen und einen Teil des eigenen Gepäcks als Kopfkissen zu benützen. Decken hatte es selten gegeben - und wenn, hatten sie nach Pferden gerochen oder gar nach Schweinen, weil missgünstige Herbergsknechte sie in deren Mist getaucht und in der Sonne getrocknet hatten. Sie konnte sich Orlando jedoch nicht im Hemd zeigen, weil ihm dann sofort klar werden würde, was es mit ihren angeblichen Verletzungen am Unterleib auf sich hatte.

»Hast du noch Lust, dir einen Namen für deinen Geleitbrief auszusuchen?«, fragte Orlando in ihre Überlegungen hinein.

»Samuel ben Jakob ist ein guter Name, und ich gedenke keinen anderen zu tragen«, erklärte sie störrisch.

»Es gibt genug Gegenden, die ein Jude heutzutage meiden muss, in denen sich ein Mann in der Kleidung eines normalen Reisenden aber ungefährdet aufhalten kann. Du solltest dir einen christlich klingenden Namen und die dazu passenden Gewänder zulegen.«

Lea wies auf ihren Mantel und den Judenhut. »Soll ich etwa so zu einem Schneider gehen?«

»Das ist nicht nötig. Ich bin bereit, dir unverfängliche Kleidung zu besorgen.«

Lea beantwortete sein Angebot mit einem grimmigen Schnauben, und Orlando begriff, dass an diesem Tage nicht mehr mit ihr zu reden war. Er zuckte mit den Schultern und wollte sie schon auffordern, sich endlich ins Bett zu legen, als ihre verkrampfte Haltung ihm verriet, dass genau das ihr Problem war. Schließlich konnte sie sich ja aus mehreren Gründen nicht vor seinen Augen ausziehen. Er beschloss, ihr die Sache leichter zu machen, gähnte ausgiebig und begann, sich bis auf die Unterhose zu entkleiden, an der seine Beinkleider nach alter Art mit Schnüren befestigt waren.

»Ich weiß nicht, was du noch zu tun beabsichtigst. Aber ich bin müde und will jetzt schlafen. Blase das Licht aus, wenn du dich hinlegst.« Mit diesen Worten kroch er unter die Decken und drehte ihr den Rücken zu. Der flackernde Schatten, den die Kerze an die Wand warf, zeigte ihm, dass sie sich jetzt ebenfalls ihrer Kleidung entledigte. Leider bemerkte sie den verräterischen Umriss hinter ihr und löschte rasch das Licht.

»Gute Nacht«, murmelte Orlando wie schlaftrunken, obwohl er sich alles andere als müde fühlte.

Für einen Augenblick hatte er Leas Formen zumindest erahnen können. Das Bild verfolgte ihn nun und erzeugte eine Spannung in seinen Lenden, die nach Erfüllung schrie. Beinahe war er versucht, zu ihr hinüberzugreifen und sie zu lehren, eine Frau zu sein. Jochanans ununterbrochenes Schnarchen erinnerte ihn jedoch daran, dass sie nicht allein waren. Er fürchtete den Burschen nicht, doch selbst wenn er zum Ziel kam, würde Lea ihn danach noch mehr verabscheuen als Rittlage und die von ihm gesandten Mörder ihres Vaters. Mit einem entsagungsvollen Seufzer schloss Orlando die Augen und richtete seine Gedanken auf andere Dinge. Doch sie kehrten noch viele Stunden lang zum Objekt seiner Begierde zurück.

4.

Als Herzog Maximilian zur dritten Morgenstunde aufbrach, winkte er Orlando und Lea, die auf den Hof getreten waren, um seiner Abreise zuzusehen, noch einmal huldvoll zu. Während er seinen Reisewagen bestieg und gleichzeitig einen scharfen Disput mit dem Hauptmann seiner Wache begann, verabschiedete Orlando sich von van Grovius und einigen anderen Herren aus Maximilians Begleitung in ihrer jeweiligen Muttersprache. Lea hörte ihm interessiert zu und brachte später, als sie in der still gewordenen Herberge beim Frühstück saßen, die Rede auf seine Sprachkünste.

»Eines gibt es, um das ich Euch beneide, Herr Fischkopf, nämlich Euer Talent, Euch in fremden Zungen auszudrücken.«

»Das ist keine Naturgabe, die einem zufliegt, und auch nichts, was man sich von heute auf morgen aneignen kann, sondern das Ergebnis langen Lernens und steter Übung. Du könntest es in dieser Fertigkeit ebenfalls weit bringen.«

Ein herber Zug legte sich um Leas Mund. »Dazu müsste ich einen Lehrer finden, der bereit ist, sich mit einem Juden abzugeben.«

»Ich könnte dir den Grundwortschatz der bedeutendsten Sprachen dieser Welt beibringen.«

Lea hielt Orlandos vergnügtes Auflachen für Spott und Herablassung und hob abwehrend die Hände. »Das wird wohl kaum möglich sein, da Ihr ja nach Vesoul weiterreist, während ich mich auf den Weg nach Worms mache, um mein Flussgold an einen Geschäftsfreund zu verkaufen.«

»Das Ziel meiner Reise war nicht Vesoul, sondern eine Begegnung mit dem Burgunderherzog, und das Geschäft habe ich mit Erfolg abgeschlossen. Jetzt ist die Straße nach Worms ebenso gut wie jede andere. Also kann ich dich eine Weile begleiten.«

»Ihr habt Maximilian aufgesucht, um für einige Leute das Privileg zu erwerben, sich in seinem Reich niederlassen zu dürfen?

Aber was hattet Ihr davon?«

Er lächelte selbstzufrieden. »Sie zahlen gut dafür.«

Lea zog die Stirn kraus. »Aber warum sind sie nicht selbst an den Herzog herangetreten?«

»Es wäre ja möglich, dass sie seine Sprache nicht verstehen.«

Lea war sich jetzt sicher, dass Roland Fischkopf sich über sie lustig machte. Sie schwankte noch zwischen Empörung und Neugier, als er die Hand hob. »Fehlende Sprachkenntnisse könnten auch dir zum Problem werden. Auf alle Fälle solltest du Italienisch lernen, denn das ist die Sprache der großen Bankiers. Etwas Französisch wäre auch nicht schlecht, aber wichtiger noch ist Spanisch, insbesondere, da du das spanische Weinmonopol in Flandern besitzt.«

Orlando war klar, dass Lea weniger über Sprachen reden wollte als über den Grund, warum er so weit reiste, um sich für fremde Leute zu verwenden, doch das durfte er ihr nicht auf die Nase binden. Er sah, wie sie Luft holte, um ihm Fragen zu stellen, und setzte seinen Vortrag fort. »Die drei Sprachen sind miteinander verwandt, und wenn du eine von ihnen beherrschst, fällt es dir leichter, die beiden anderen zu lernen. Zum Beispiel heißt Guten Tag auf Französisch >bonjour< und auf Italienisch >buon-giorno<. Es wird ähnlich geschrieben und klingt auch recht ähnlich. Auf Spanisch lautet dieser Gruß >buenos dias<. Das hört sich, wenn man die anderen Begriffe kennt, schon ein wenig vertraut an. Ich bin sicher, dass du mit allen Sprachen zurechtkommen wirst, wenn du dir nur ein wenig Mühe gibst.«

Orlando amüsierte sich über Leas zweifelnde Miene, wurde dann aber nachdenklich. »Du solltest auch in anderer Hinsicht an dir arbeiten. Mir hat es gestern gar nicht gefallen, wie du dich von mir hast herumstoßen lassen. Auch wenn du ein Jude bist, solltest du ein bisschen Rückgrat zeigen und dich zur Wehr setzen, wenn man dir quer kommt.«

»Gestern wart Ihr aber recht zufrieden mit meiner Duldsamkeit.«

»Gestern war auch ein anderer Tag«, antwortete Orlando ungerührt. »Was hätte es für einen Eindruck auf den Herzog gemacht, wenn wir uns gezankt und vielleicht sogar geprügelt hätten? Aber ich fürchte, du ziehst bei jedem, der dich hart anfasst, den Schwanz ein.«

Er amüsierte sich über das Gesicht, das Lea bei der Anspielung auf ihr nicht vorhandenes männliches Geschlechtsteil zog, und sagte sich, dass es nur recht und billig war, wenn er sie ein wenig damit quälte. Schließlich war es sehr ungehörig, als Mann herumzulaufen und mit Fremden im selben Zimmer zu schlafen. Gleichzeitig erregte ihn der Gedanke, ihr beizubringen, wie sie sich verteidigen konnte, und sie dabei zu berühren.

»Ich werde dir zeigen, wie man sich gegen Übergriffe und Belästigungen wehrt und sich Respekt verschafft.«

»Ich weiß nicht, ob das so gut ist«, wandte Lea zögernd ein. »Ein Jude, der sich zur Wehr setzt, wird oft erschlagen wie ein toller Hund.«

»Du sollst ja auch nicht gegen eine ganze Rotte ankämpfen. Aber es wäre besser, wenn du einen Räuber, der dich um dein Geld bringen, oder einen betrunkenen

Lümmel, der nur sein Mütchen an dir kühlen will, in die Schranken weisen kannst.«

Jochanan, der sich seit ihrer Ankunft so unauffällig verhalten hatte, als wäre er überhaupt nicht vorhanden, hob mit einem Mal den Kopf und nickte eifrig. »Herr Fischkopf hat Recht. Ich bin unterwegs oft genug vor Angst fast gestorben, und ich fände es gut, wenn wir uns nicht alles bieten lassen müssten.« Er sah Orlando mit einem hoffnungsvollen Lächeln an. »Könnt Ihr vielleicht auch mir etwas beibringen?«

Orlando klopfte ihm gönnerhaft auf die Schulter. »Freilich, Jochanan. Vier Fäuste sind immer besser als zwei. Aber nun beeilt euch mit dem Essen, denn wir wollen heute noch aufbrechen.«

Lea ärgerte sich, dass Orlando sie nicht nur begleiten wollte, sondern sich auch gleich zum Anführer der kleinen Gruppe aufgeschwungen hatte, aber sie wusste nicht, was sie dagegen tun konnte. Sie war wegen des Weinprivilegs und der neuen Handelsverbindungen, die sie über ihn knüpfen wollte, vorerst auf sein Wohlwollen angewiesen und musste für eine Weile gute Miene zum bösen Spiel machen.

In ihren Gedanken überschlug sie die Strecke nach Worms. Sie würden mindestens drei, vielleicht sogar dreieinhalb Wochen unterwegs sein. So lange würde sie den Mann ertragen müssen, ganz gleich, wie schwer es ihr fallen mochte. Sie nahm sich vor, die Zeit zu nutzen und so viel wie möglich von ihm lernen. Wenn es ihr gelang, ihm den einen oder anderen Tipp zu entlocken, der den Handel mit Leuten außerhalb der ihr bekannten jüdischen Gemeinschaft betraf, mochte sich der ihr noch bevorstehende Ärger sogar bezahlt machen.

5.

Zwei Wochen später war Lea am Ende ihrer Kraft. Ihr Körper schien nur noch aus Abschürfungen und blauen Flecken zu bestehen, die sie sich bei den Kampfübungen mit Orlando zugezogen hatte, und unter ihrem linken Auge verblasste ein Veilchen, das ihm seit mehreren Tagen Anlass zu Spott gab. Ihr wäre es ein Hochgenuss gewesen, auch einmal sein Gesicht zeichnen zu können, doch all ihre Versuche scheiterten an der in ihren Augen fast übermenschlichen Leichtigkeit, mit der er ihren Angriffen auswich oder sie so unterlief, dass sie diejenige war, die wieder einmal im Dreck saß und nicht wusste, wie ihr geschehen war.

Zwar beschränkten die Selbstverteidigungsübungen sich auf die wenigen Stunden, die sie unterwegs auf stillen Waldlichtungen abseits der Straßen verbringen konnten, doch Ruhe fand Lea nur während der kurzen Nachtstunden. Orlando traktierte sie beinahe ununterbrochen mit Sprachunterricht, so dass ihr der Kopf schwirrte, weil er so viele neu gelernte Worte, Redewendungen und Sätze in Italienisch, Spanisch, Französisch und gelegentlich auch in Latein aufnehmen musste. Schon wenige Stunden nach ihrem Aufbruch hatte Orlando begonnen, sich als unerbittlicher Zuchtmeister aufzuführen, der Lea ohne Vorwarnung mit Anweisungen und Fragen in einer anderen Sprache traktierte und ihr, wenn sie nicht rasch genug die richtige Antwort darauf wusste, zur Strafe eine Kopfnuss verpasste oder einen Knuff gegen den Arm. Abends beim Einschlafen malte Lea sich aus, wie sie es diesem impertinenten Menschen irgendwann einmal heimzahlen würde, tat es aber stets in einer anderen Sprache, um in Übung zu bleiben. Ein paarmal hatte sie ihrem Peiniger Beleidigungen in verschiedenen Sprachen ins Gesicht geschleudert und war prompt wegen ihrer flüssigen Aussprache gelobt worden.

Jochanan hatte sich weitaus weniger schinden lassen müssen als sie. Allerdings war er mit dem kleinsten Lob für seine Versuche zufrieden, sich Orlandos Ringergriffen zu entziehen, und er besaß nicht den geringsten Ehrgeiz, seinen Lehrmeister übertreffen zu wollen. Bei den Sprachen tat er sich im Gegensatz zu Lea schwer, würde aber, wie Orlando es ausdrückte, in Zukunft weder in Spanien noch in Italien, Frankreich oder Burgund verhungern, solange er noch Geld besaß, um sich etwas kaufen zu können.

Da sie an diesem Tag die kleine Stadt Hannosweiler erreichen wollten, hatten sie ihre Übungen etwas abgekürzt, was auch daran liegen mochte, dass Orlando ausnahmsweise Rücksicht auf Leas Verletzungen nahm. Diesmal war sie bei einer überhasteten Attacke auf ihn etwas zu schwungvoll auf ihrem Hinterteil gelandet und hatte sich die rechte Hüfte geprellt. Nun humpelte sie mit zusammengebissenen Zähnen hinter ihren Begleitern her und fluchte stumm über ihren Quälgeist, der sie wieder einmal ausgelacht und verspottet hatte.

Während Orlando hurtig ausschritt, um die gute halbe Meile nach deutscher Rechnung schnell hinter sich zu bringen, blieb Jochanan stehen, um auf seine Herrin zu warten und sie zu stützen. Orlando war fast schon außer Rufweite, als er bemerkte, dass die anderen ihm nicht so rasch folgen konnten, und drehte sich kurz nach ihnen um. »Ihr findet mich im >Blauen Karpfen<. Soll ich schon etwas für euch bestellen?«

Lea rief ihm einen klangvollen spanischen Fluch nach und blieb erschöpft stehen. Für einen Augenblick überlegte sie, ob sie und Jochanan Hannosweiler nicht umgehen und sich anderswo eine Unterkunft suchen sollten. Sie kannte die Gegend jedoch nicht gut genug, um ungefährdet auf eigene Faust Weiterreisen zu können, und musste zugeben, dass Roland Fischkopf sie bisher gut geführt hatte. Zu ihrer Verwunderung hatte er den Weg so gewählt, dass sie in Herbergen unterkommen konnten, in denen Juden nicht über das übliche Maß hinaus schlecht behandelt wurden.

Auf Jochanan gestützt hinkte sie weiter und schimpfte dabei in allen Tonarten auf diesen eingebildeten Menschen vor ihr und wünschte ihm alle Schrecken der Hölle auf den Hals, bis Jochanan, dessen Geduld sonst beinahe unbegrenzt zu sein schien, aufbegehrte.

»Du bist selbst schuld, dass Herr Fischkopf dich so hart anfasst, Herrin. Was musst du ihn auch die ganze Zeit bis aufs Blut reizen? In seiner Gegenwart verwandelst du dich in ein keifendes, altes Marktweib.«

Lea blieb ob dieses schnöden Verrats für einen Augenblick die Sprache weg. Sie funkelte ihren Knecht empört an und suchte nach Argumenten, mit denen sie Jochanans gute Meinung von ihrem Peiniger zerschmettern konnte. »Nicht ich reize ihn, sondern er gibt keine Ruhe. Er verachtet uns, weil wir Juden sind, und macht sich über uns lustig.«

Jochanan hob beleidigt den Kopf. »Nein, das glaube ich nicht, denn dann würde er sich nicht so viel Mühe mit uns geben. Es war auch bestimmt nicht Herrn Fischkopfs Schuld, dass du so böse gestürzt bist. Du hast ihn überhastet angegriffen und versucht, ihn mit dem Knie an der Stelle zu treffen, wo es einem Mann wehtut. Er ist nun einmal ein großer Kämpfer, der mit einem Dutzend von uns zugleich fertig wird.«

Die Tatsache, dass Jochanan Recht hatte, dämpfte Leas schlechte Laune nicht gerade. Sie hatte die Chance gesehen, Roland Fischkopf einmal wimmernd zu ihren Füßen liegen zu sehen. Stattdessen war sie im hohen Bogen durch die Luft geflogen und mit ihrer rechten Hüfte hart auf einer vorstehenden Wurzel gelandet. »Er ist ein Christ und ein gemeiner Schurke! Denke doch nur daran, wie oft er mich um Gold und Geld gebracht hat.«

»Jetzt bist du aber sehr ungerecht, Herrin. Schließlich hat Herr Fischkopf weit mehr als den Wert des Goldes, welches er damals mitgenommen hat, bei der Banco San Giorgio in Genua für dich einbezahlt. Das hast du mir selbst gesagt.«

»Aber ohne ihn komme ich nicht an das Geld heran«, gab Lea erregt zurück.

»Selbst wenn er es behielte, wärest du noch nicht arm, denn der Handel mit England und den spanischen Staaten, den du auf seinen Rat hin ausgebaut hast, hat dir schon hohe Gewinne gebracht. Bestimmt wärst du in der Lage, die Einfuhr spanischen Weines nach Flandern ganz allein zu übernehmen.«

Jochanans Vorstellungen ihrer Gewinne waren allzu übertrieben, doch eines stimmte: Lea hatte sich im letzten Jahr aller Verbindungen bedient, zu denen ihr Roland Fischkopf verholfen hatte, und sie ausgenutzt, um weitere Geschäftspartner zu finden, denen nicht daran gelegen war, einen Juden zu betrügen. So hatte sie im Gegensatz zu einigen anderen Geschäftsfreunden Ruben ben Mak-kabis, die dem christlichen Handelsagent misstraut hatten, keine empfindlichen Einbußen im Handel mit England und Spanien hinnehmen müssen. Durch die Gewinn bringenden Anteile an verschiedenen christlichen Handelsfahrten hatte sie einen Teil der Summen wieder hereingebracht, die sie für die Hochzeit des Markgrafen hat-te ausgegeben müssen. Daher tat ihr der Verlust der Rittlagewechsel nicht sonderlich weh, denn sie hatte nicht damit gerechnet, sie je einlösen zu können. Wenn Roland Fischkopf Recht behielt - was er zu ihrer Erbitterung meistens tat -, würde sie über den geschriebenen Wert hinaus einen erklecklichen Gewinn machen und käme dadurch ihrem Wunsch, sich in einer der großen Reichsstädte einkaufen zu können, wieder ein Stück näher. Anders als er angenommen hatte, kannte sie die Art der hohen Herren, für rasches Geld Privilegien zu vergeben, die über die Dauer ihrer Wirksamkeit hinweg mehr wert waren als die dafür gezahlte Summe, denn sie konnte die Gerechtsamen, die sie Ernst Ludwig von Hartenburg abgekauft hatte, kaum noch zählen. Obwohl der Markgraf der geldgierigste Mensch war, den sie kannte, zog sie aus den meisten noch ein wenig Gewinn, auch wenn sie mit mühseliger Arbeit verbunden waren wie das Steuerpatent der Markgrafschaft.

Während Leas Gedanken sich um ihre Situation und die nächsten Geschäfte drehten, hinkte sie auf Jochanan gestützt auf Hannosweiler zu. Sie erreichten den Ort schneller, als Lea erwartet hatte, doch als Jochanan stehen blieb und seinen Arm zurückzog, zuckten starke Schmerzen durch ihre Hüfte, so dass sie sich auf die Lippen biss, um nicht laut aufzustöhnen, denn angesichts des Torwächters, der mit grimmiger Miene auf sie zustach, wollte sie keine Schwäche zeigen. Es war ein vierschrötiger Kerl in abgetragener Kleidung, deren Farben man nur noch erahnen konnte. Seine militärische Ausrüstung bestand aus einem flachen Helm, gegen dessen Beulen und Rostflecken er einen vergeblichen Kampf auszufechten schien, und einer Hellebarde, die mehr einem Sauspieß glich, der einem Jäger nicht mehr gut genug gewesen war. Das Wappen auf seiner Brust war so verblasst, dass man dem Reichsadler, der eines der Felder zierte, nicht mehr entnehmen konnte, ob Hannosweiler eine reichsfreie Stadt war oder zu einer Reichsgrafschaft gehörte.

Der Mann wanderte einmal um die beiden Juden herum und rümpfte die Nase. »Euresgleichen hat bei uns eigentlich nichts verloren.«

Das Wort »eigentlich« verriet Lea, dass der Wächter nur auf eine nicht allzu kleine Münze aus war. Ein württembergischer Doppelkreuzer wechselte den Besitzer, dann trat der Mann beiseite und wies mit seinem Spieß in die Stadt. »Ihr dürft hier keine heidnischen Rituale in aller Öffentlichkeit abhalten noch Weibsleute und Kinder beschwatzen, an solchen teilzunehmen«, erklärte er noch und ging dann einem Bauern entgegen, der sich mit einem von einer mageren Kuh gezogenen Wagen dem Tor näherte.

Während Lea und Jochanan die Stadt betraten, warfen sie dem Turm und der Wehranlage einen zweifelnden Blick zu. Der Ort schien einmal bessere Tage gesehen zu haben. Jetzt aber bröckelte der Mörtel von den Wänden, und überall fehlten Steine in den Mauern. Das Holz des Fachwerks zeigte tiefe Risse und Löcher an den Stellen, an denen die Holzdübel herausgefallen waren, und die aufgemalten Wappen waren so verblasst, dass nur noch ihr Umriss zu erkennen war.

Lea hatte schon andere Städte dieser Art gesehen. Meist verarmten sie, wenn die Handelsstraßen, die sie reich gemacht hatten, durch veränderte Besitzverhältnisse in den umliegenden Ländern plötzlich anders verliefen. Hannosweiler schien es so ergangen zu sein, denn der Ort wirkte so, als würde er von seiner Vergangenheit träumen und die Gegenwart nach Möglichkeit ignorieren. Die Straße, die zum Marktplatz führte, war einmal mit Feldsteinen gepflastert gewesen, von denen nur noch Reste existierten, und einige der verfallenen Häuser rechts und links von ihr trugen noch vergilbte Herbergsschilder. In einem der einst stattlichen Gebäude hatten sich dem Geruch und dem Aussehen nach zu urteilen arme Leute eingenistet, die mit ungeeigneten Mitteln versuchten, ihre Bleibe zu erhalten, doch bei den anderen waren Fensterstöcke und Türen herausgebrochen worden und die Dächer zum Teil schon eingestürzt. Lea fröstelte, als sie unweit des Marktes durch eine Gasse kam, die mit einem längst verfallenen Tor verschlossen gewesen war und an deren Hausmauern verblasste Zeichen darauf hindeuteten, dass hier früher einmal Juden gelebt hatten. Die Häuser waren dem Verfall preisgegeben worden und teilweise so zerstört, dass Lea sich bang fragte, was ihren Bewohnern zugestoßen sein mochte.

Jochanan interessierte sich nicht für Hausruinen, sondern hielt eifrig nach dem »Blauen Karpfen« Ausschau, den Orlando ihnen genannt hatte. Daher achtete er ebenso wenig wie Lea auf den untersetzten Mann mit dem hageren Gesicht, der aus einer Seitengasse kam und so schnell stehen blieb, als wäre er gegen eine Wand gelaufen. Er riss Augen und Mund weit auf und machte Miene, auf die beiden Reisenden zuzugehen. Dann aber zog er sich wieder in den Schatten der Gasse zurück und starrte ihnen nach. In dem Augenblick, in dem Jochanan auf ein niederes Fachwerkhaus mit einem schiefen, aber noch stabil aussehenden Dach zeigte, über dessen Eingangstür ein Schild mit einem blauen Fisch hing, folgte der Mann ihnen so vorsichtig, als wollte er nicht entdeckt werden, aber als Lea sich der Tür des Gasthauses näherte, trat er hinter sie und legte seine Hand auf ihre Schulter.

Erschrocken drehte sie sich um und sah sich einem schmutzigen Subjekt in einem vielfach geflickten Kittel und löchrigen Hosen gegenüber. »Was willst du?«, fuhr sie ihn an.

Der Kerl entblößte seine schadhaften Zähne. »Lea Jakobstochter! Hol mich der Teufel, wenn das keine Überraschung ist.«

Lea empfand Panik, als sie mit ihrem eigenen Namen angesprochen wurde, beruhigte sich aber sofort wieder, als Jochanan einen erfreuten Schrei ausstieß. »Saul! Dem Gott unserer Väter sei Dank, du lebst.«

Lea rieb sich die Augen. Es war tatsächlich der Knecht, den sie vor gut fünf Jahren nach Worms geschickt hatte. Da auch sie angenommen hatte, er sei einem Raubmord zum Opfer gefallen, atmete sie erleichtert auf. »Welch eine Freude, dich zu sehen, Saul. Ich dachte schon, dir wäre etwas Schlimmes zugestoßen.«

»Wie man's nimmt«, antwortete Saul mit verkniffener Miene. Lea erwartete nun von Saul zu hören, dass er das von Zofar ben Naftali erhaltene Geld an Räuber verloren und sich anschließend geschämt hätte, mit leeren Händen vor ihr zu erscheinen. Daher wehrte sie sich im ersten Moment nicht, als er sie packte und in eine mit verwildertem Efeu überwucherte Laube schob, die sich an den »Blauen Karpfen« anschloss.

»Was für ein Glück für mich, dich getroffen zu haben«, sagte er mit einem hämischen Kichern und zeigte dann auf Leas Kiepe.

»Besonders gut scheint es auch dir nicht ergangen zu sein. Doch ich hoffe, du hast noch ein wenig Geld übrig.«

»Nur ein paar Kreuzer für die Reise«, antwortete Lea verblüfft.

»Mehr ist mir nicht geblieben.« Zu ihrer Erbitterung war das die Wahrheit, denn ihre Goldmünzen hatte sie für den Herzog von Burgund ausgeben müssen.

Saul stieß einen unanständigen christlichen Fluch aus. »Ein paar Kreuzer sind mir zu wenig!«

Er sah sich kurz um, ob er mit Lea und Jochanan, der ihnen gefolgt war und ihn nun verständnislos anstarrte, allein war. Dann brachte er sein Gesicht so nahe an Leas, dass ihr von seinem stinkenden Atem übel wurde.

»Höre mir ganz genau zu, du Miststück. Entweder gibst du mir genug Geld, damit ich aus dieser Drecksstadt verschwinden und mich anderswo als geachteter Bürger niederlassen kann, oder ich werde den Behören melden, dass sich eine als Mann verkleidete Jüdin in ihre Stadt geschlichen hat, um ihre Brunnen zu vergiften. Man würde dich sofort einsperren, und was die Kerkerknechte dann mit dir machen, kannst du dir sicher vorstellen. Vielleicht lassen sie mich sogar als Ersten ran, zur Belohnung, weil ich dich entlarvt habe.«

Lea schob Saul von sich weg und öffnete den Mund, um ihn zu fragen, was in ihn gefahren wäre, da stieß Jo-chanan, der aus seiner Erstarrung erwacht war, ein wütendes Schnauben aus und ging auf den Mann los. Saul drehte sich nur leicht und verpasste ihm einen Tritt, der ihn zurückstolpern ließ, zog dann ein Messer und setzte es Lea an die Kehle.

»Vorsicht, Jochanan. Sonst steche ich Lea ab und lasse dich als Brunnenvergifter in den Kerker werfen. Also seid vernünftig und gebt mir, was ich fordere, dann könnt ihr diese Stadt unversehrt wieder verlassen.«

»Du bist kein Jude mehr, du bist ein Schwein!«, presste Lea voller Grimm heraus.

Sie hätte Saul, so heruntergekommen wie er wirkte, wieder als Knecht aufgenommen, allein schon um Ketura zu entlasten, die sich zu Hause fast zu Tode schuftete. Stattdessen hing sie hilflos in seinen Händen, denn das Messer an ihrer Kehle hinderte sie daran, sich mit einem der Tricks zu befreien, die Roland Fischkopf ihr beigebracht hatte. Ihr war klar, dass ihr auch die geschickteste Gegenwehr nicht würde helfen können, denn solange Saul lebte, stellte er eine Gefahr für sie dar. Am liebsten hätte sie ihn in Sicherheit gewiegt und ihn in einem passenden Augenblick umgebracht, doch sie wusste, wie die Behörden mit Juden umsprangen, die einen Bewohner ihrer Stadt ermordeten, selbst wenn es sich nur um ein verkommenes Subjekt wie Saul handelte. Ganz gleich, wie sie es wendete, sie war ihrem einstigen Knecht hilflos ausgeliefert, und das wusste er genauso gut wie sie.

»Los, mach dein Maul auf, Weib! Wie viel Geld kannst du mir geben? Es sollten mehr als die fünfhundert Gulden sein, die ich von deinem Wormser Prachtjuden erhalten habe.«

»Du hast also mein Geld unterschlagen. Aber wieso läufst du dann so zerlumpt herum?«

Saul spuckte wütend aus. »Um den größten Teil hat mich ein christlicher Kaufmann gebracht, mit dem ich einen Handel aufziehen wollte. Den Rest verlor ich in einem Hurenhaus, denn das Schweineweib, das ich gerade besteigen wollte, hat das Schreien angefangen und mich von den Knechten ihres Hurenwirts als Juden auf die Straße werfen lassen. Wahrscheinlich hatte sie nach einem Blick in meine Börse eine Möglichkeit gesucht, mein Geld an sich zu bringen.«

Man konnte Saul ansehen, dass er sich noch immer über seine Unvorsichtigkeit ärgerte. Jetzt sprudelte er seine Geschichte hervor, als wäre er froh, willige Zuhörer gefunden zu haben. Der Versuch, sein Geld zurückzubekommen, war an den Behörden gescheitert, und er hatte die Stadt nur mit einem Tuch um die Lenden verlassen müssen. Nach zwei hungrigen Nächten war er auf einen Studenten gestoßen, der ohne den Schutz einer Reisegruppe durch das Waldgebirge wanderte, und hatte ihn umgebracht, um an Kleidung und ein paar Münzen zu kommen. Leider war die Beute zu gering gewesen, um noch einmal neu anfangen zu können, und so war er in

Hannosweiler hängen geblieben und lebte nun von kleinen Besorgungen für Wirte und ehrbare Bürger und gelegentlich auch von Diebstahl.

»Du siehst, unsere Begegnung kommt mir sehr gelegen«, schloss er seinen Bericht.

Lea begriff, dass der Mann bereit war, zum Äußersten zu gehen, und kämpfte einen weiteren Panikanfall nieder. »Ich besitze wirklich nur ein paar Münzen. Du kannst ja in meinem Beutel nachschauen.«

»Dann hast du eben Pech gehabt.« Saul drückte das Messer fester gegen Leas Hals und ritzte ihre Haut. Ein roter Blutstropfen quoll heraus und rann langsam an ihrer Kehle herab, bis er vom Kragen ihres Mantels aufgesogen wurde.

Jochanan konnte seine Wut kaum mehr beherrschen. »Verdammter Kerl! Wenn du sie umbringst, reiße ich dich in Stücke!«

Saul spuckte ihm vor die Füße. »Entweder bekomme ich Geld, oder ich rufe die Stadtbüttel. Die haben sicher nichts gegen ein wenig Spaß mit einem Judenweib.«

Lea stieß ein ersticktes Fauchen aus. »Verstehst du denn nicht?

Ich habe kein Geld, aber ich kann dir eine Schuldverschreibung ausstellen, die du in der nächsten jüdischen Gemeinde einlösen kannst.«

»Für wie blöd hältst du mich? Du brauchst doch nur diesen Trottel Jochanan vorausschicken, um die Leute deines Geschäftspartners zu warnen. Ich habe keine Lust, als Wasserleiche in einem Fluss zu landen.«

»Ich habe nichts dergleichen vor. Immerhin bist du ein Glaubensbruder, und Juden töten einander nicht. Also sei vernünftig, und nimm eine Anweisung entgegen«, beschwor Lea ihn. Jochanan deutete auf seine Kiepe. »Vielleicht gibt die Ratte sich mit dem Flussgold zufrieden.«

Bei dem Wort Gold flammten Sauls Augen begehrlich auf, und sein Griff löste sich etwas. »Ihr habt Gold dabei? Wie viel?«

Lea schnaubte. »Genug, um eine Kreatur wie dich kaufen zu können.«

»Los, Jochanan, zeig mir das Zeug«, befahl Saul. »Und versuche keine Tricks. Es würde deiner Herrin nicht gut bekommen.«

Die Spitze seines Messers bohrte sich erneut in Leas Haut. Diesmal lief ein dünner, nicht enden wollender Faden ihren Hals hinunter. Jochanan zerrte an seiner Kiepe und brachte schließlich den Mehlsack zum Vorschein. Als er ihn öffnete, bellte Saul ihn an.

»Du willst mich wohl verarschen. Das ist doch nur Mehl.«

»Nicht nur.« Jochanan zog einen prall gefüllten Lederbeutel heraus, öffnete mit zitternden Händen die Schnur und hielt Saul die Öffnung hin.

Als Saul das goldene Geriesel sah, musste er einen Aufschrei unterdrücken. Gleich darauf starrte er Jochanan wieder drohend an. »Gut, das nehme ich. Binde den Beutel zu und lege ihn dort auf den Sims. Dann kommst du in die Laube zurück und wirfst dich flach auf den Boden, verstanden?«

Jochanan zögerte einen Moment, aber Leas Blick ließ ihn tun, was der untreue Knecht von ihm verlangte. In dem Moment, in dem er sich hinwarf, stieß Saul Lea zu Boden, so dass sie über Jochanan fiel, und stürzte aus der Laube. Obwohl sie sofort wieder auf die Beine kam und trotz ihrer Verletzungen wie ein Pfeil aus der Laube he-rausschoss, war Saul nirgends mehr zu sehen.

Jochanan lief schnüffelnd wie ein Hund die Gasse auf und ab, ohne eine Spur des Gesuchten zu finden, und kehrte dann mit hängendem Kopf zu Lea zurück. »Sollte ich den Kerl in die Hände bekommen, bringe ich ihn um.«

»Du wirst schneller sein müssen als ich.« Leas Stimme klang beinahe gleichmütig, doch ihre Miene verriet, wie ernst sie es mit dieser Drohung meinte. Einen Augenblick überlegte sie, ob sie Roland Fischkopf bitten sollte, ihr bei der Suche nach Saul zu helfen. Aber dazu hätte sie ihm erklären müssen, dass sie und Jochanan nach all den Kampfübungen nicht in der Lage gewesen waren, mit einen einzigen Straßenräuber fertig zu werden. Sie konnte sich Fischkopfs Gelächter lebhaft vorstellen. Nein, sie würde ihm nicht noch eine weitere Gelegenheit geben, sich über sie lustig zu machen. Lieber verzeichnete sie einen weiteren Verlust in dem Buch, in dem sie Einsatz und Ertrag ihrer Geschäfte eintrug.

Gleichzeitig wurde ihr klar, dass sie nichts gegen Saul unternehmen durfte, so schwer es ihr auch fiel. Natürlich konnte sie ihre Bekannten und Geschäftspartner in den jüdischen Gemeinden informieren und sie bitten, den Mann dingfest zu machen und als Dieb und Straßenräuber den Behörden zu übergeben. Doch wenn ihr ehemaliger Knecht sich in die Enge getrieben sah, würde er versuchen, sich mit dem Verrat ihres Geheimnisses aus der Schlinge zu ziehen.

Lea rieb sich die Hüfte, die bei dem Sturz erneut geprellt worden war, und drehte sich zu Jochanan um. »Kein Wort zu Fischkopf, ich bitte dich! Unser Ärger geht diesen arroganten Christen nichts an.«

Jochanan sah Lea verständnislos an. »Wäre es nicht besser ...?

Nein ...? Ich verstehe. Saul würde ihm sagen, wer du wirklich bist, und wer weiß, ob Herr Fischkopf dich dann nicht auch damit erpresst.«

»Ich hasse es, eine Frau zu sein.« Lea packte den Sack, in dem sich nur noch ein wenig weißes Mehl befand, und schleuderte ihn in eine Ecke der Laube. Dann humpelte sie zum Tor der Herberge, in der Hoffnung, sich in einer dunklen Ecke verkriechen zu können. Sie wollte niemanden mehr sehen und mit niemandem mehr sprechen, am wenigsten mit Roland Fischkopf.

6.

Im Gegensatz zu Lea hatte Orlando den »Blauen Karpfen« ohne Probleme erreicht und sich ein reichliches Mahl auftragen lassen. Während er aß, wanderte sein Blick immer wieder durch ein offen stehendes Fenster die Gasse entlang, und so bemerkte er den Mann, der Lea und Jochanan nachschlich, ohne ihn jedoch zu erkennen. Als er sah, wie der Fremde Lea mit sich zog, sprang er auf und lief ins Freie. Da die Hausecke die Laube seinem Blick entzog, wollte er schon in die falsche Richtung laufen, aber Leas Stimme und der Name Saul brachten ihn auf die richtige Spur. Er stürzte auf die Laube zu, um sie zu warnen und ihr vom Verrat ihres ehemaligen Knechts zu berichten. Doch als er den Efeu beiseite schob, sah er, wie Saul das Messer zog und es ihr an die Kehle setzte.

Um Lea nicht zu gefährden, blieb er stehen und lauschte. Ein-, zweimal überlegte er, ob er den Mann nicht mit einem schnellen Wurf seines Dolches außer Gefecht setzen sollte, doch zum einen war er sich seiner Kunst nicht so sicher, und zum anderen waren ihm die Folgen einer solchen Tat durchaus bewusst. So beobachtete er in sicherer Deckung, wie Saul Jochanan das Gold abpresste. Für einen Augenblick befand sich der Beutel fast in seiner Reichweite, doch ehe er zugreifen konnte, hatte Saul das Säckchen gepackt und rannte davon, als wäre der Teufel hinter ihm her. Orlando lief ihm nach, sah, wie Saul keine zehn Schritte weiter einen Haken schlug und durch eine Türöffnung in ein halb eingestürztes Haus sprang, und folgte ihm ohne zu zögern. So kam es, dass Lea weder ihn noch den räuberischen Knecht erblickte.

Saul schien das Gold blind und taub gemacht zu haben, denn er bemerkte seinen Verfolger nicht. Seine Beute fest an die Brust gedrückt verließ er das Haus auf der anderen Seite, schlug erneut einen Haken und rannte eine Gasse entlang, in der sich der Dreck kniehoch stapelte. Erst als er die Einmündung einer weiteren Gasse erreicht hatte, blieb er kurz stehen und sah sich um. Orlando verbarg sich rasch unter einem leeren Torbogen, lugte aber sofort wieder hinaus, um den Dieb nicht aus den Augen zu verlieren. Saul aber war so schnell verschwunden, als hätte ihn der Erdboden verschluckt.

Orlando unterdrückte den Ärger über seine zu große Vorsicht und ging angespannt weiter. Doch weder in dieser noch in der Quergasse war eine Spur von dem Mann zu finden, und er sah sich schon sämtliche Ruinen dieser Stadt durchsuchen. Da vernahm er Sauls Stimme, und ein frischer, schmutziger Fußabdruck vor einer schief in den Angeln hängenden Tür verriet ihm, welches Haus der Mann betreten hatte. Orlando schob des Türblatt vorsichtig beiseite, schlich durch einen mit Unrat bedeckten Flur und folgte Sauls Stimme zu einem Raum am anderen Ende.

Da Orlando annahm, der Knecht würde mit einer anderen Person reden, näherte er sich so lautlos wie möglich. Durch einen Riss in dem Sack, der die Tür ersetzte, konnte er in die schmuddelige Kammer sehen, in der Saul sich häuslich eingerichtet hatte. Eine einfache Schlafstelle, ein aus Ziegelsteinen aufgeschichteter Tisch, den eine zerbrochene Marmorplatte deckte, ein primitiv gefertigter Hocker und ein paar in die Wand geschlagene Haken bildeten die ganze Einrichtung. Während Orlando nach einer zweiten Person Ausschau hielt, wurde ihm klar, dass Saul in triumphierenden Selbstgesprächen schwelgte. Der Knecht pries die unerwartete Wendung seines Schicksals und spottete über Lea, die er auch weiterhin ausnehmen wollte wie einen Sabbatkarpfen. Als der Mann sich von dem kleinen Fenster entfernte, durch das er hätte fliehen können, riss Orlando den Vorhang beiseite und sprang in den Raum.

Saul trat schützend vor den Sack mit dem Gold, der halb ausgeleert auf seinem Bett lag, und brüllte den ungebetenen Besucher an. »Raus hier! Das ist meine Wohnung!«

Orlando grinste. »Oh, ich gehe wieder, sobald du mir den Beutel ausgehändigt hast, den du gerade zu verbergen suchst, und zwar mit jedem Stäubchen, das hineingehört.«

Saul richtete sich drohend auf. »Das hättest du wohl gern! Ich sagte: Verschwinde, sonst ...!«

»Möchtest du dem Richter erklären, wie du zu dem Gold gekommen bist?« Orlandos Stimme klang sanft und weckte gerade deswegen in Saul die Erinnerung an ihre Begegnung in der Augsburger Schenke.

»Du schon wieder!«

»Ja, ich«, antwortete Orlando mit einem Lächeln, das mehr einem Zähnefletschen glich. »Aber diesmal lasse ich dir die Beute nicht.«

»So, das tust du nicht? Wie willst du mich denn daran hindern?«, fragte Saul höhnisch, während seine Hand an seinem Rücken entlang zu der Messerscheide glitt, die in seinem Hosenbund verborgen war. Er lachte kurz auf, drehte sich leicht zur Seite, um seinen Gegner zu täuschen, und riss die Waffe heraus. Als die Klinge auf Orlando zufuhr, wich dieser mit gewohnter Schnelligkeit aus. Doch der Raum bot ihm nicht genug Platz, und so schrammte die Spitze des Messers über seine Rippen.

Noch ehe Orlando den Schmerz spürte, trat er mit aller Kraft zu. Er traf Saul so hart am Knie, dass der Mann einknickte und nach hinten stürzte. Dabei schlug sein

Hinterkopf mit einem hässlichen Knirschen gegen die Tischplatte. Ein Zittern ging durch seinen Körper, der haltlos an den Ziegelsteinen herabrutschte, und das Messer entglitt seinen Händen. Orlando trat auf die Waffe und zog im gleichen Moment seine eigene Klinge, um gegen den nächsten Angriff gewappnet zu sein. Dann aber stellte er fest, dass sein Gegner sich bei seinem Sturz das Genick gebrochen hatte. Dieser Mann würde Lea nie mehr erpressen. Orlando atmete hörbar auf und horchte kurz, ob der Lärm Neugierige angelockt hatte. Als sich nichts rührte, schob er das Gold, das Saul auf einem alten Dachziegel ausgebreitet hatte, in den Beutel zurück, presste seinen linken Unterarm auf den blutenden Schnitt über seinen Rippen und verließ das Gemäuer. Ehe er die Straße betrat, sah er sich vorsichtig um, aber zu seinem Glück hasteten die wenigen Menschen, die sich auf den Gassen bewegten, grußlos an ihm vorbei oder wichen ihm genauso ängstlich aus wie den anderen Passanten. Das ungewöhnliche Misstrauen, welches diese Stadt beherrschte, kam Orlando ebenso zugute wie die schnell hereinbrechende Dämmerung, die dafür sorgte, dass man in der Herberge nur so weit sehen konnte, wie das Licht der beiden in der Gaststube brennenden Kienspäne reichte. So entging dem Wirt, der ihm entgegenkam, seine Verletzung.

»Sind die Juden angekommen, die ich unterwegs überholt habe?«, fragte Orlando ihn.

Der Wirt nickte. »Gerade vorhin. Sie haben sich gleich in ihre Kammer zurückgezogen.«

»Gut, dann werde ich mich ebenfalls in mein Zimmer begeben.«

Der Wirt deutete auf den Tisch, auf dem noch Orlandos Mahl stand. »Ist mein Essen Euch nicht gut genug? Soll ich es abräumen lassen?«

»Nein, nein, ich habe nur noch etwas zu erledigen. Seid so gut und haltet die Fliegen fern, bis ich wieder da bin.«

Orlando nickte ihm zu und stieg schnell nach oben, bevor ein Wirtsknecht auftauchte, um ihm den Weg auszuleuchten. In seiner Kammer konnte er sich endlich um seine Wunde kümmern. Es war ein glatter Schnitt, der an einer Stelle den Muskel verletzt hatte und stark blutete. Orlando sah sich gezwungen, sein bestes Unterhemd, das aus besonders fein gewebtem Leinen bestand, zu zerreißen, um Verbandsmaterial zu gewinnen. Dieser Umstand hob seine Laune ebenso wenig wie die schmerzhaften Verrenkungen, die er machen musste, um sich einen festen Verband anzulegen. Das Hemd, das ebenfalls aus bestem Leinen für ihn angefertigt worden und noch so gut wie neu gewesen war, hatte einen langen Riss. Am liebsten hätte er es verbrannt, aber wegen der sommerlichen Hitze gab es kein Feuer im Kamin und es lag auch keine Asche darin. Einfach wegwerfen wollte er es nicht, denn das blutige Kleidungsstück konnte die Büttel auf ihn aufmerksam machen, und so rollte er es zusammen und stopfte es tief in sein Bündel. Er würde das Hemd seiner Mutter geben, damit sie es flickte und dem alten Hausdiener schenkte. Vorsichtig streifte Orlando sich sein Ersatzhemd über und steckte es in die Hose. Die Bewegungen bereiteten ihm Schmerzen, und doch fühlte er sich mit einem Mal recht zufrieden. Er hatte einen widerwärtigen Schuft zur Hölle geschickt und Lea davor bewahrt, ständig in Angst vor einem Erpresser leben zu müssen. Bei dem Gedanken überlegte er, ob er nicht gleich zu ihr gehen und ihr das Gold zurückgeben sollte. Er hob den Beutel auf, entschied sich dann aber anders, denn er wusste nicht, wie er die Sache erklären sollte. Wenn er ihr erzählte, was geschehen war, würde er in ihren Augen als Mörder dastehen, und das wollte er nicht.

Er beschloss, das Gold selbst einzutauschen, weitere Geschäfte in ihrem Namen zu betreiben und die Gewinne auf ihr italienisches Konto einzuzahlen. Irgendwann, in ein oder zwei Jahren, das versprach er ihr im Stillen, würde er den Wert des Goldes verdoppelt oder gar verdreifacht haben und ihr jeden Heller davon ohne die üblichen Abschläge zurückzahlen. Mit diesem Vorsatz verließ er seine Kammer und stieg in die Wirtsstube hinab, um sein unterbrochenes Abendessen fortzusetzen.

7.

Als Orlando am nächsten Morgen erwachte, stand die Sonne schon so hoch über dem Horizont, dass ihre Strahlen auf die gegenüberliegende Hauswand fielen. Seine Verletzung gestattete ihm immer noch keine schnellen Bewegungen und so benötigte er mehr Zeit als gewohnt, bis er sich gewaschen und angezogen hatte. Dennoch war er vor Lea in der Gaststube, und als sie erschien, trank er bereits sein Morgenbier. Sie wirkte übernächtigt, und ihre Lippen waren zu schmalen Strichen zusammengepresst.

Orlando winkte ihr fröhlich. »Einen schönen Guten Morgen, mein lieber Samuel.«

»Guten Morgen«, kam es mürrisch zurück. Orlando hob scheinbar verwundert den Kopf. »Welche Riesenlaus ist denn dir über die Leber gelaufen, mein beschnittener Freund?«

Bis jetzt hatte Lea immer gereizt reagiert, wenn er sie so genannt hatte. Heute zuckte sie jedoch nur mit den Schultern. »Warum sollte mir etwas über die Leber gelaufen sein? Ich habe mich nur entschlossen, nicht nach Worms weiterzureisen, sondern nach Hause zurückzukehren. Also werden sich unsere Wege hier trennen müssen.«

Orlando musste sich ein wissendes Lächeln verkneifen. »Aber warum? Du hast mir doch selbst erklärt, dass du dort Gold umtauschen und einige Geschäfte mit Zofar ben Naftali und seinen Freunden aushandeln wolltest.«

Er las Lea vom Gesicht ab, dass der Verlust des Goldes ihr diese Pläne vereitelt hatte und sie sich wie ein verwundetes Tier in die trügerische Sicherheit ihres Heims zurückziehen wollte. Wenn sie jetzt den Mund auftat und sich wenigstens in dieser Sache ihm anvertraute, würde er ihr das Gold zurückgeben und ihr sagen, dass sie den Erpresser nicht mehr fürchten musste. Doch ihr abweisender Gesichtsausdruck machte ihm klar, dass er zu viel von ihr erwartete.

»Ein Traum hat mich davor gewarnt, weiterzureisen. Deshalb habe ich mich heute Morgen zur Umkehr entschieden«, behauptete Lea, ohne rot zu werden, und forderte im gleichen Atemzug den Wirt auf, ihr Brot und Milch zu bringen. Der Mann verzog angewidert das Gesicht. »Was willst du denn mit Milch, Jude? Zu einem kräftigen Frühstück gehört Bier.«

»Und vielleicht auch noch ein Schweinebraten?«, fragte Lea bissig. »Bringe mir, was ich verlangt habe, und kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten.«

Orlando machte ein tadelndes Geräusch mit der Zunge. »Aber Samuel! Du beleidigst den guten Mann, denn er ist zu Recht stolz auf sein Bier. Auf dieser Reise habe ich noch kein besseres getrunken.«

Lea rümpfte die Nase. »Bei all dem Bier, welches Ihr in Euch hineinschüttet, bezweifle ich, dass Ihr den Unterschied noch erkennen könnt.«

Sie scheuchte den Wirt mit einer Handbewegung in die Küche und setzte sich zu Orlando an den Tisch, der ihr seinen Bierkrug entgegenstreckte.

»Hier trink, das kräftigt und vertreibt die Sorgen.«

»Wie kommt Ihr darauf, dass ich Sorgen hätte?«

Orlando hob die Handflächen zum Himmel und lächelte sanft.

»Jeder Mensch hat irgendwann Sorgen, und du siehst mir so aus, als hättest du sie heute.«

»Wenn ich es genau betrachte, ist heute eher ein Freudentag für mich, denn ich werde Euch endlich los.« Leas

Stimme klang herb, doch es schwang ein so erleichterter Unterton darin, dass Orlando sie konsterniert musterte.

»Das meinst du doch nicht im Ernst, mein lieber be-schn... Freund Samuel.«

»Ja, sagt es doch frei heraus. Gebt zu, dass ich für Euch doch nur ein verachtenswerter Jude bin«, forderte Lea ihn in scharfem Ton auf.

Orlando warf in einer verzweifelten Geste die Hände hoch und zuckte zusammen, weil die hastige Bewegung an seiner Wunde riss. »Du verkennst mich, Samuel. Ich verachte keine Juden - und ganz besonders dich nicht. Ganz im Gegenteil! Ich bewundere deinen Mut und deine Findigkeit, und ich bin überzeugt, dass sich nur wenige Menschen mit dir messen können.«

»Ich glaube, Ihr habt zu viel von dem Zeug da genommen.« Lea zeigte auf den Steinguttopf mit Gänseschmalz, der neben anderen Töpfen und Schüsseln vor Orlando stand.

Orlando seufzte tief und wandte sich dann Jochanan zu, der eben die Wirtsstube betrat. »Sag mir, wie kann ich deinen Herrn davon überzeugen, dass meine Absichten ihm gegenüber nur die besten sind?«

»Woher soll ich das wissen? Bitte lasst ihn in Ruhe, denn er hat eine sehr schlechte Nacht hinter sich.« Der Verrat des Mannes, den Jochanan für seinen Freund gehalten hatte, und die Scham, dass er seine Herrin nicht vor dem Strauchdieb hatte schützen können, ließen ihn die gewohnte Sanftmut und Zurückhaltung vergessen.

»Eurer Laune nach zu urteilen hattet ihr wohl beide schlechte Träume.« Orlando lachte kurz auf und wandte sich wieder seinem Frühstück zu. In seinen Gedanken aber wirbelten tausend Worte, die er Lea hätte sagen wollen. Doch bei jedem Satz hätte er ihr vorher beichten müssen, dass er ihr Geheimnis bereits seit fünf Jahren kannte. Er versuchte, sich ihre Reaktion darauf vorzustellen. Kratzbürstig und überempfindlich, wie sie war, würde das Geständnis in ihr nur Zorn, Hass und Verachtung auslösen. In diesem Augenblick verfluchte er sich, weil er ihr gegenüber nicht von Anfang an mit offenen Karten gespielt hatte. Aber zu Beginn ihrer Bekanntschaft hatte er sie nicht ernst genommen und sie zum Opfer jener Scherze gemacht, für die ihn sein Vater immer wieder tadelte, und jetzt war es zu spät. In seiner Überheblichkeit hatte er eine Mauer zwischen sich und ihr errichtet, die unüberwindlich hoch geworden war.

Nach einer Weile hob er den Kopf und blickte Lea seufzend an.

»Es ist wirklich besser, wenn unsere Wege sich trennen.«

Lea glaubte Verachtung in seinen Worten mitschwingen zu hören und kniff die Lippen noch fester zusammen. Wie hätte sie auch wissen können, dass der Widerwille, den sie bei ihrem Gegenüber spürte, diesem selbst galt.

»Sehr richtig! Juden sollen unter Juden bleiben und Christen unter Christen. Zwischen uns gibt es einfach keine Gemeinsamkeit.«

Orlando hob müde die Schultern. »Wir beten zum selben Gott und sollten die gleichen Gesetze beachten.«

Leas Gesicht wurde zu einer höhnischen Maske. »Das Wort >sollten< ist typisch für euch Christen. Ihr führt das eine im Munde und tut in Wahrheit genau das Gegenteil. Ihr mordet und schändet in Gottes Namen und wisst gar nicht, wie sehr ihr ihn damit erzürnt. Eure Werke und Taten sind ein Gräuel vor Seinen Augen.«

Orlando lachte bitter auf. »Da muss wohl doch eine ganz große Laus auf deiner Leber krabbeln. Komm, trink ein Bier, damit du dich wieder beruhigst.«

Lea wollte auffahren, doch Jochanans Hüsteln machte sie darauf aufmerksam, dass der Wirt in die Stube zurückgekehrt war. Er hätte ihr die flammenden Anklagen gegen die Christenheit, die ihr noch auf der Zunge lagen, mit Sicherheit sehr übel genommen. So drehte sie Orlando den Rücken zu, nahm ihr Frühstück entgegen und schlang es so rasch hinunter, als hätte sie seit Tagen gehungert.

»Los, lass uns aufbrechen!«, befahl sie Jochanan, als sie fertig war.

Der Knecht starrte entsagungsvoll auf seinen halb vollen Teller, stand aber widerspruchslos auf, denn er kannte Leas Stimmungen und wusste, wann es besser war, ihr nicht zu widersprechen. Hinter ihrem Rücken stopfte er sich noch schnell ein paar Brocken in den Mund und spülte sie mit einem letzten Schluck Milch herunter, ehe sie die Tür erreicht hatte.

»Verzeiht meinem Herrn. Er meint es nicht so«, raunte er Orlando im Vorübergehen zu.

Dieser blickte lächelnd zu ihm auf. »Samuel wird in mir immer einen guten Freund finden, das verspreche ich dir. Achte auf ihn und sorge dafür, dass er weder seine Kampfübungen noch die fremden Sprachen vernachlässigt.«

Jochanan nickte eifrig. »Das werde ich tun.«

Im selben Augenblick rief Lea ungeduldig nach ihm. Jochanan eilte hinaus und kam kurz darauf mit der Kiepe auf dem Rücken an der Türöffnung vorbei. Er winkte Orlando kurz zu, während Lea, die mit missmutigem Gesicht hinter ihrem Knecht herstapfte, dem Zurückbleibenden keinen Blick schenkte. Orlando trat ans Fenster, um den beiden hinterher zu sehen. Dabei wurde ihm klar, dass auch er nicht mehr lange verweilen durfte. Er musste Hannosweiler verlassen haben, bevor Sauls Leichnam gefunden wurde, denn es mochte Zeugen geben, die ihn mit blutverschmiertem Hemd aus der Hausruine hatten kommen sehen. Daher zahlte er seine Zeche und machte sich auf den Weg. Vor der Tür überlegte er, ob er seine Planungen nicht umstoßen und Lea folgen sollte. Schließlich schüttelte er den Kopf. Es gab Menschen, die auf ihn warteten und sich auf seine Hilfe verließen. Die durfte er nicht enttäuschen. Um sich abzulenken, ging er noch einmal die Pläne durch, die er für die nächsten Aktionen geschmiedet hatte, aber es gelang ihm nicht so recht, denn bald schon vermisste er Lea. Ihm fehlte sogar ihre tiefe, ihm gegenüber jedoch meist hell und keifend klingende Stimme, und so zweifelte er langsam an seinem Verstand. Was, fragte er sich, fand er eigentlich an diesem Weib, das ihn behandelte, als wäre er der schlechteste Mensch auf Gottes Erdboden? Aber wie er es auch drehte und wendete, er kam immer zu dem Schluss, dass er noch keiner Frau begegnet war, die ihr auch nur ansatzweise das Wasser reichen konnte.

8.

Die ersten Tage ihrer Reise legte Lea schweigend zurück. Jochanan versuchte zwar mehrmals, ein Gespräch anzuknüpfen, doch ihr abweisender Gesichtsausdruck ließ ihn jedes Mal wieder verstummen. Dabei hätte er sich gewünscht, sie würde ihm ihr Herz ausschütten, denn in ihren Augen lag so viel Schmerz und Zorn, dass er sich fragte, was sie so tief getroffen hatte. Allein der Verlust des Goldes, welches sie nach der Hochzeit des Markgrafen noch einmal unter großer Gefahr aus dem Fluss geholt hatte, konnte es nicht sein.

Er ahnte nicht, wie Recht er hatte. Leas Gedanken galten tatsächlich nur am Rande dem verlorenen Gold. Was ihr Sorgen machte, war die Gefahr, die von Saul ausging. Mehr als einmal überlegte sie, ob es nicht besser wäre, nach Hannosweiler zurückzukehren, den ungetreuen Knecht zu suchen und zu töten. Aber sie verwarf den Plan, so oft sie ihn fasste, denn sie wusste, dass sie nicht in der Lage war, einen Menschen umzubringen, und Jo-chanan war es noch weniger.

Zwischendurch schwelgte sie in Selbstvorwürfen. Sie hätte damals, nach dem Tod ihres Vaters, alles packen und vor dem Ablauf der vier Wochen mit ihren Geschwistern und den Bediensteten Hartenburg verlassen sollen. Hätten sie sich damals in einer Reichsstadt angesiedelt, die unter dem Schutz des Kaisers stand, wären sie zwar nach den notwendigen Zahlungen bettelarm gewesen und hätten von der Mildtätigkeit anderer Juden leben müssen, doch sie wäre nicht gezwungen gewesen, ein solch unna-türliches Leben zu führen und sich immer wieder in Gefahr zu begeben. Elieser wäre in die jüdische Gemeinschaft hineingewachsen und hätte sich ein Beispiel an anderen jüdischen Männern nehmen können. Mit Hilfe der anderen Gemeindemitglieder wäre es ihm vielleicht sogar möglich gewesen, einen kleinen Handel anzufangen und der Familie ein bescheidenes Auskommen zu sichern, und Rachel wäre längst mit einem frommen Mann verheiratet. Vielleicht hätte auch sie selbst einen Ehemann und mit ihm zusammen die Liebe gefunden. Ihre Selbstzweifel wuchsen mit jeder Meile, die sie zurücklegten. Hatte sie wirklich nur ihre Familie retten wollen? fragte sie sich. Oder hatte Rachel Recht, die ihr vorwarf, sie und Elieser beherrschen zu wollen? Hätte sie weniger Kraft und Zeit in ihre Geschäfte stecken und sich stattdessen um die Erziehung ihrer Geschwister kümmern sollen? Lea wusste keine Antwort auf all die quälenden Fragen, und mit Jo-chanan darüber zu reden, hatte in ihren Augen keinen Sinn, denn er war genau wie seine Mutter und seine Schwester gewohnt, der Herrschaft in Glück und Not gleichermaßen zu gehorchen und deren Entscheidungen nicht in Frage zu stellen.

Immer öfter kehrten ihre Gedanken zu Roland Fischkopf zurück. Sie wusste selbst nicht, warum sie ihn so schlecht behandelte, denn trotz seines Spottes und seiner Überheblichkeit hatte er ihr aus mehr als einer misslichen Lage herausgeholfen und auch sein Wort gehalten, das Gold, das er ihr vor zwei Jahren abgenommen hatte, mit Gewinn zurückzuzahlen. Mit dem Geleitbrief Herzog Maximilians war es ihr jetzt möglich, nach Genua zu reisen und die Anweisung, die Fischkopf ihr auf die Banco San Giorgio ausgestellt hatte, einzulösen. Natürlich konnte sie das Papier auch mit einigen Abschlägen an einen christlichen Bankier im Reich verkaufen, aber dazu muss-te sie ebenfalls an einen Ort reisen, an dem sie niemand kannte, und dort als Christ auftreten. Es reizte sie jedoch, nach Italien hinunterzufahren und sich das Geld selbst zu holen. Der Wunsch löste neue Gewissenbisse in ihr aus, denn ihr war klar, dass sie ihre Geschwister dann schon wieder für längere Zeit allein lassen musste, anstatt dafür zu sorgen, dass die beiden zu guten Menschen jüdischen Glaubens heranwuchsen. Das war ihre eigentliche Aufgabe - und nicht die, Geld zu scheffeln und einen gierigen Landesherrn damit zu füttern. Sie sah die Kluft, die zwischen ihrem Wunsch, nach Sitte und Brauch zu leben, und der Wirklichkeit lag und lachte bitter auf. Doch bevor sie erneut in einem schwarzen Sumpf voller Selbstvorwürfe eintauchen konnte, griff Jochanan ein. Er legte die Hand auf ihre Schulter und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen. »Herrin, ist es Saul, der dir so viele Sorgen bereitet? Dann ist es wohl besser, ich kehre um und versuche, den Kerl unschädlich zu machen.«

Lea holte tief Luft und blickte Jochanan das erste Mal seit Tagen bewusst an. »Nein! Ich will nicht, dass du ihn tötest und dafür von den christlichen Behörden gefoltert und hingerichtet wirst.«

»Aber du und die anderen hättet Ruhe vor diesem Schuft.«

»Wenn du Erfolg hast, ist der Preis zu hoch, und wenn du scheiterst, bringst du ihn erst recht gegen uns auf, und er wird sich an uns heften wie ein Blutegel. Also vergiss die Sache.«

Jochanan atmete erleichtert auf. Er wäre bereit gewesen, sein Leben für Lea und seine Familie zu opfern, fühlte sich jedoch nicht zum Rächer berufen. Als sie weitergingen und Lea erneut ins Brüten versank, empfand er seine Hilflosigkeit stärker als je zuvor. »Herrin, ich mache mir Sorgen um dich.«

Lea sah ihn irritiert an. »Sorgen um mich? Aus welchem Grund?«

»Seit Hannosweiler wirkst du so gequält. Ich dachte, es wäre wegen Saul, aber es muss mehr sein.«

»Du bist ein braver Bursche, Jochanan, und der treueste Diener, den man sich wünschen kann. Aber auch du kannst mir meine Probleme nicht abnehmen.«

Jochanan begriff durchaus, dass sie nicht reden wollte, aber er musste sie aus diesem unguten Zustand herausreißen, selbst wenn er sich dafür ihren Zorn zuzog. So bohrte er weiter, bis Lea vor seiner Hartnäckigkeit kapitulierte.

»Es ist wegen Elieser und Rachel. Ich hätte mich mehr um sie kümmern müssen und fürchte, ich habe bei ihrer Erziehung versagt.«

Jochanan schüttelte energisch den Kopf. »Das hast du bestimmt nicht. Wenn man jemandem Vorwürfe machen müsste, dann deinem Vater. Er hat Samuel sehr streng erzogen und auch dich übermäßig hart angefasst, obwohl du ihm die Hausfrau ersetzt hast. Aber seine beiden jüngeren Kinder hat er nach dem Tod eurer Mutter so verwöhnt, dass es uns Bediensteten euch Älteren gegenüber mehr als ungerecht erschien. Ich höre von meiner Mutter und meiner Schwester gewiss mehr über das, was im Haus vorgeht, als du. Elieser spielt dir den eifrigen Talmudschüler nur vor. In Wirklichkeit liegt er, wenn du weg bist, faul herum und lässt sich sogar noch füttern. Und was Rachel betrifft, so sitzt sie am liebsten am Stadtgraben und genießt die Bewunderung der dort flanierenden Männer. Meine Mutter ärgert sich sehr darüber, denn das gehört sich wirklich nicht für eine fromme Jüdin, und da Rachel Gomer auf ihre Spaziergänge mitnimmt, muss meine Schwester auch noch deren Arbeit tun.«

Lea wurde blass vor Zorn. »Warum erfahre ich das erst jetzt?«

Jochanan kroch unter ihrem Blick in sich zusammen. »Mutter hat uns verboten, dir noch mehr Sorgen aufzuhalsen. Ihrer Ansicht nach sind Elieser und Rachel alt genug, um zu wissen, was sie tun.«

»Elieser ist ein launisches Kind«, widersprach Lea. Jo-chanan wandte den Kopf ab und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin, aber Lea sprach aus, was er meinte. »Elieser ist jetzt achtzehn und damit so alt wie Samuel, als dieser in Sarningen ermordet wurde.«

»Rachel ist noch ein Jahr älter und hätte längst verheiratet werden müssen«, setzte Jochanan hinzu.

Lea zuckte in einer komisch-verzweifelten Geste mit den Schultern. »Irgendwie ist mir die Zeit unter den Händen zerronnen. Wenn wir nach Hause kommen, werde ich etwas unternehmen.«

»Es wird dir kaum gelingen, Elieser zu verheiraten, denn er wird nicht auf dich hören, und bei Rachel wirst du ebenfalls kein Glück haben, denn sie wird sich hinter Elieser stecken, wie sie es auch sonst immer tut.«

Lea schlug mit der geballten Faust in die offene Hand. »Noch geschieht in unserem Haus das, was ich bestimme!«

Trotz ihres scharfen Tonfalls lächelte sie. Das Gespräch mit Jochanan hatte die Schatten aus ihrem Gemüt vertrieben und ihren Kampfgeist wieder geweckt. Als sie weitergingen, kreisten ihre Gedanken um die Zukunft ihrer Geschwister und all die Dinge, die sie tun musste, um ihnen eine bessere Heimat zu verschaffen und ihren Lebensunterhalt zu sichern. Elieser würde die Geschäfte noch einige Jahre lang nicht alleine führen können, also musste sie die Zügel in der Hand halten, bis er in einer anderen Stadt die Hilfe von Glaubensgenossen in Ans-pruch nehmen konnte. Für sie galt es jetzt, neue Kräfte zu sammeln, um ihrem Bruder einen neuen Anfang zu verschaffen und Rachel eine Mitgift, mit der sie jedem frommen und wohlhabenden Juden als Schwiegertochter willkommen war.

9.

Kurz nach diesem Gespräch erreichten Lea und Jochanan ein Stück oberhalb Straßburgs den Rhein. Eine Weile überlegte sie, ob sie nicht ihre Geschäftspartner in der elsässischen Metropole besuchen sollte, entschied sich jedoch dagegen. Sie wollte auf dem kürzesten Weg nach Hause, um dort nach dem Rechten zu sehen. So beschloss sie, die Fähre bei Dietheim zu nehmen.

Das Haus der Fährleute lag auf einem künstlich aufgeschütteten Hügel etwas abseits des Ufers und hatte seinem verwitterten Aussehen zufolge wohl schon etlichen Rheinhochwassern getrotzt.

Als Lea und Jochanan sich dem Ufer näherten, sahen sie den Prahm hoch auf einer Kiesbank liegen. Er wirkte wie eine übergroße, beinahe quadratische Schachtel mit flach über das Wasser ragendem Bug und Heck. Der Fährmann stand in seinem Gefährt und trieb Wergschnüre in eine Fuge zwischen den Planken, während seine Knechte angeschwemmte Äste zu Brennholz hackten und vor dem Haus aufstapelten. Als Lea die Fähre erreichte, unterbrach der Fährmann seine Arbeit und musterte sie und Jochanan mit zusammengekniffenen Augenbrauen. »Wollt ihr hinüber?«

»Wenn es genehm ist.« Lea strich über ihren Geldbeutel und ließ die Münzen klirren.

Der Fährmann spuckte den Grashalm aus, auf dem er gerade kaute, und rief nach seinen Knechten. »Küni, Urs, kommt her!

Arbeit gibt's.«

Die beiden Burschen ließen ihr Holz liegen, stemmten sich gegen den Kahn, und schoben ihn wieder ins Wasser. Während sie die Ruder ergriffen, beugte der Fährmann sich über die Befestigungskette. Doch bevor er sie löste, streckte er fordernd die Hand aus.

»Zwei Juden, das macht für die Überfahrt vier Groschen, im Voraus zu bezahlen.«

Lea reichte ihm die verlangten Münzen. Es war ein unverschämt hoher Preis, doch sie war froh, dass der Fährmann sich überhaupt herabließ, die Überfahrt zu machen. An anderen Fähren hatte sie schon stundenlang warten müssen, bis christliche Reisende auftauchten, und einige Male hatte man sie nur mitgenommen, nachdem sie sich bereit erklärt hatte, den Fährpreis für alle zu bezahlen.

Der Fährmann löste die Kette, packte dann eine lange Stange und stieß die Fähre vom Ufer ab. Während seine Knechte sich gegen ihre Ruder stemmten, lenkte er den Prahm auf den Rhein hinaus. Jochanan, der schaukelnden Booten wenig abzugewinnen mochte, setzte sich auf den Boden, während Lea stehen blieb. Die Fährleute arbeiteten gut. Die Strömung des Flusses trug den Prahm nur unwesentlich ab, und sie näherten sich rasch dem gegenüberliegenden Ufer. Lea sah bereits die Landestelle vor sich, als der Fährmann mit einem Mal das Steuer herumriss und das Boot der Strömung preisgab, »Die restlichen zehn Schritte könnt ihr schwimmen, Judenpack«, rief er höhnisch.

Jochanan zog erschrocken den Kopf ein. Lea hingegen zuckte nur lächelnd mit den Schultern. »Dann werde ich den Tiroler Silbergroschen, den ich dir als Trinkgeld geben wollte, wohl wieder einstecken müssen.«

Die Augen des Fährmannes flammten begehrlich auf. »Wenn du ihn nicht zahlst, schlage ich dir den Schädel ein«, drohte er und schnauzte seine Männer an, den Kahn ans Ufer zu bringen. Innerhalb kürzester Zeit scharrte der

Bug des Prahms über den Kies. Jochanan sah die Stange, die der Fährmann drohend schwang, sprang vor Schreck über Bord und landete in knöcheltiefem Wasser. Lea zog den Tiroler Groschen hervor und ließ ihn in ihrer Hand aufblitzen, doch sie hielt ihn fest, bis sie auf trockenem Boden stand. Dann legte sie die Münze auf die Bordwand. Fluchend bückte der Fährmann sich danach. Anscheinend hatte er die Fähre in dem Augenblick, in dem Lea ausstieg, vom Ufer abstoßen wollen, um wenigstens einen der beiden Juden zu Fall zu bringen. Da auch keine weiteren Reisenden auf dieser Uferseite in Sicht kamen, schickte er Lea einen weiteren Fluch hinterher und befahl seinen Knechten, wieder abzustoßen.

Lea seufzte und schob die Kiepe zurecht. »Noch so ein Zwischenfall, und ich werde Roland Fischkopfs Ratschlag annehmen und in Zukunft als Christ verkleidet reisen.«

Jochanan, der ihr half, die steile Uferböschung hoch-zuklettern, sah sie erschrocken an. »Aber Herrin, das kannst du nicht tun, denn wenn du erkannt wirst, wird man dich töten. Außerdem müsstest du deine Schläfenlocken abschneiden, und dann kannst du dich bei keinem frommen Juden mehr sehen lassen.«

»Deine Mutter hat sie mir schon einmal angeklebt«, gab Lea übermütig zurück. Dann sah sie Jochanans gequältes Gesicht und klopfte ihm auf die Schulter. »Jetzt beruhige dich wieder. Ich habe ja nicht gesagt, dass ich es tue.«

Jochanan nickte zwar, doch in seinen Augen lagen Zweifel. Er kannte seine Herrin gut genug, um zu wissen, dass sie ihre Worte früher oder später in die Tat umsetzen würde.

10.

Während Leas Abwesenheit verlief das Leben in Hartenburg in seinen altgewohnten Bahnen. Der Markgraf war nun seit zwei Jahren verheiratet und seit kurzem wieder Vater eines Sohnes. Doch man munkelte allenthalben, dass er seiner bigotten Gemahlin überdrüssig war und unter den Schönen seines Ländchens Ausschau hielt, um eine zu finden, die ihn über seine liebesleere Ehe hinwegtröstete. Dabei fasste er die jüngere Schwester des Juden Samuel Goldstaub ins Auge, die ihm ausnehmend gut gefiel.

Ausgerechnet bei der schönsten Frau, die er je gesehen hatte, überfielen Ernst Ludwig von Hartenburg jedoch Skrupel. Normalerweise interessierte er sich nicht für seinen Schutzjuden, außer wenn dieser ihm wieder einmal Geld beschaffen musste, aber man hatte ihm berichtet, dass diese Leute nach heidnischen Regeln lebten und engstirnige Ansichten hatten. Trotzdem hätte er vor seiner zweiten Vermählung die junge Jüdin wie jedes andere Bauern- oder Bürgermädchen, das ihm gefiel, auf seine Burg mitgenommen und benutzt. Jetzt aber regierte dort seine Frau und hatte seinen Besitz mit Dutzenden ihr hündisch ergebenen Höflingen bevölkert, die ihr alles zutrugen, was im Land geschah. Die einzige Zuflucht, die ihm noch geblieben war, bot ein altes Jagdhaus, das sein Großvater erbaut hatte und das von einer ihm treu gebliebenen Dienerschaft versorgt wurde. Wenn er die schöne Jüdin dorthin entführte, würde er sich jedoch Ärger mit seiner Gemahlin einhandeln und sich gleichzeitig seinen Hoffaktor zum Feind machen, und das konnte er sich finanziell immer weniger leisten. Er hatte den Juden schon einige Male bis zur Schmerzgrenze geschröpft und gedachte es auch weiter zu tun, denn der junge Goldstaub war noch ein größeres Genie im Geldbeschaffen als sein Vater. Aber wenn er die Familienehre des mickrigen Kerlchens angriff, riskierte er, dass sein Goldesel auf Nimmerwiedersehen verschwand und auch kein anderer seine Stelle einnahm. Wie man so hörte, verfügte das Judenpack über ein besseres Nachrichtensystem als der Kaiser, und wenn es unter den Söhnen Judas hieß, der Markgraf von Hartenburg stelle ihren Töchtern und Schwestern nach, würde er keinen Hoffaktor mehr finden, der seine Kasse in Ordnung hielt. Trotz dieser Überlegungen ritt er so oft wie möglich an der Stelle vorbei, an der die Jüdin in der Sonne saß.

Rachel war bald schon klar geworden, dass sie das Interesse des Landesherrn auf sich gezogen hatte. Im Allgemeinen verachtete und hasste sie die Christen, doch die Blicke, die Ernst Ludwig ihr zuwarf, prickelten auf ihrer Haut. So saß sie an jedem Tag, an dem das Wetter es zuließ, auf einem Mauervorsprung am Stadtgraben und wurde selten enttäuscht. Bald beließ es der Markgraf nicht mehr bei Blicken, sondern winkte ihr zu und zügelte sein Pferd neben ihr, um sie eingehend zu betrachten.

Rachel fühlte, dass Ernst Ludwig sie begehrte, und ihr Körper reagierte auf seine Nähe mit ihr bisher unbekannten Gefühlen. Es war, als entfache der Anblick dieses Mannes ein Feuer in ihr. Nach außen hin tat sie schüchtern, schon um Gomer nicht Verdacht schöpfen zu lassen. Aber in ihr drehte sich alles nur noch um den Markgrafen und die Frage, welche Vorteile sie sich durch eine Verbindung mit ihm verschaffen konnte. Eine Liaison mit ihrem Landesherrn war die einzige Möglichkeit für sie, ihre Schwester zu übertrumpfen und eine Stellung zu erlangen, in der sie Lea das Heft aus der Hand nehmen und Elieser an deren Stelle setzen konnte.

Wenn ihr Gewissen ihr das Ungehörige dieser Pläne vor Augen hielt, dachte sie an Esther, die ja ebenfalls das Weib eines fremdländischen Potentaten geworden war. Dabei schob sie großzügig die Tatsache beiseite, dass Ernst Ludwig von Hartenburg nicht in der Lage war, seine Gemahlin zu verstoßen, wie König Ahasver es mit der Herrin Vashti getan hatte, und dass der christliche Klerus niemals eine Jüdin als Gemahlin des Landesherrn akzeptieren würde.

Als Sarah von dem Interesse des Markgrafen für Rachel erfuhr, machte sie sich Sorgen um sie, denn sie traute Ernst Ludwig zu, das Mädchen zu entführen und es entehrt in ihr Elternhaus zurückzuschicken. Auf den Gedanken, dass Rachel selbst mit der Überlegung spielte, sich dem Markgrafen hinzugeben, kam sie nicht, da sie deren Hass auf Christen kannte.

»Du bist viel zu unvorsichtig, Kind«, schalt sie sie, als Rachel an einem schönen Nachmittag Ende Juni heimkehrte.

Das Mädchen schüttelte mit einem ärgerlichen Lachen den Kopf. »Das ist lächerlich! Lea reist durch aller Herren Länder, und das heißt du gut. Mir aber machst du Vorwürfe, wenn ich durch die Straßen meiner Heimatstadt schlendere.«

»Ich habe nicht gesagt, dass ich Leas Verhalten gutheiße! Aber da sie als Mann verkleidet auf Reisen geht, ist ihre Tugend weniger in Gefahr als die deine. Was ist, wenn dir irgendein Kerl auflauert und dich in die Büsche zerrt, um dich zu schänden?«

Rachel ahnte, dass Sarah mit dem Kerl den Markgrafen meinte und mit den Büschen die Burg, und verkniff sich ein spöttisches Lächeln. »Du bist zu ängstlich, Sarah.

Schließlich ist Gomer stets bei mir, und außerdem meide ich einsame Stellen, an denen mir ein Mann Gewalt antun könnte. Draußen am Graben sitze ich in Hörweite der Torwachen, die mir sofort beistehen würden.«

Sarah stellte nicht zum ersten Mal fest, dass Rachel jeden ihrer Ratschläge missachtete, und wandte sich enttäuscht ab. Lea muss ihr den Kopf zurechtsetzen, wenn sie nach Hause kommt, sagte sie sich, fürchtete sich aber gleichzeitig vor einer erneuten Auseinandersetzung zwischen den Schwestern. Rachel wollte auf niemand mehr hören, am wenigsten auf sie oder Lea.

»Sie muss verheiratet werden, sonst treibt ihr hitziges Blut sie noch in den Untergang«, sagte Sarah kurz darauf zu ihrer Tochter.

Ketura brachte gerade die Warenballen in die Halle, die nicht abgeholt worden waren, um sie von dort aus mit einem Seil auf den Speicher zu befördern, in dem sie vor Dieben sicher waren. Jetzt setzte sie die Schubkarre ab, wischte sich mit einem Tuch den Schweiß aus dem Gesicht und nickte seufzend. »Du sprichst von Merab?«

Sarah hob misstrauisch den Kopf. »Was ist mit Merab?«

»Sie streicht um Elieser herum wie eine rollige Katze.«

»Ach was! Elieser ist ein Krüppel und dürfte nicht anziehend genug sein für eine junge Frau.«

»Aber er ist der einzige Mann im Haus - außer meinem ständig abwesenden Bruder, und aus dem hat Merab sich noch nie etwas gemacht.«

»Im Gegensatz zu Gomer, aber die sieht Jochanan nicht einmal an.« Sarah versuchte zu lachen, aber es war, als schlügen ihr die Sorgen über dem Kopf zusammen und nähmen ihr den Atem.

»Ich wünschte, Lea wäre zurück.«

Ketura winkte ab. »Was würde das schon nützen?

Elieser und Rachel tun in ihrer Gegenwart so, als wären sie noch Kinder, und dann gibt sie in allem nach.«

»Sie liebt sie eben.«

»Liebe ist etwas Schönes, aber zu viel davon ist Dummheit.«

Sarah nickte bedauernd und schob sich an der Schubkarre vorbei, um in die Küche zu gehen. Unter der Tür drehte sie sich noch einmal um. »Ich meinte aber nicht Merab, sondern Rachel. Sie führt sich so schamlos auf, dass ich das Schlimmste befürchte. Ich habe Angst, dass sie den Markgrafen reizt, und zu was Ernst Ludwig fähig ist, hat die arme Lea am eigenen Leib erfahren müssen.«

Ketura zuckte zusammen, »Hat er sie an jenem Abend im Schloss geschändet?«

Sarah schüttelte den Kopf und erzählte ihrer Tochter die Geschichte, die sie die ganzen Jahre mit sich herumgetragen hatte.

»Nein, so weit ist es nicht gekommen. Der Hofnarr, der sie vergewaltigen sollte, hat sich von ihr mit zweihundert Gulden bestechen lassen und sie unversehrt gelassen, obwohl er deswegen Schläge bekam und in Ungnade fiel. Er hat dann das Geld, das Lea ihm bezahlt hat, benutzen müssen, um aus Hartenburg zu fliehen. Seit jenem Abend aber trägt Lea tiefe Narben auf ihrer Seele, und ich hab Angst, dass sie zeit ihres Lebens alle Männer verabscheuen wird.«

Ketura zog die Schultern hoch, als fröstelte sie. »Trotz dieser bösen Erfahrung ist Lea wieder zum Schloss hochgegangen und hat uns davor bewahrt, vertrieben zu werden.«

»Ich glaube, nicht einmal Samuel wäre gelungen, was sie vollbracht hat«, stimmte Sarah ihrer Tochter zu und drehte sich weg, um die Tränen zu trocknen, die ihr bei der Erinnerung an jene Ereignisse in die Augen gestiegen waren.

Dann dachte sie an das, was sie über Merab erfahren hatte, und beschloss, sofort mit der Magd zu reden. Sie fand sie jedoch weder in der Küche, in der sie um diese Zeit hätte sein müssen, noch in den anderen Wirtschaftsräumen. So stieg sie die Treppe empor, um in den Wohnräumen nach ihr zu suchen. Aus Eliesers Zimmer drangen keuchende Laute, gefolgt von einem Stöhnen, das sich zu immer größeren Höhen aufschwang.

Sarah öffnete vorsichtig die Tür, die sich erstaunlich lautlos in ihren Angeln bewegte. Zuerst bemerkte sie nur zwei Schatten an der Wand, von denen einer still lag, während der andere sich hastig auf und ab bewegte. Als sie näher trat, stellte sie fest, dass Elieser und Merab sich nackt ausgezogen hatten und sich dem ältesten Spiel der Menschheit hingaben, bei dem die junge Magd den Part übernommen hatte, der eigentlich den Männern zukam.

Sarah stampfte auf und stemmte die Fäuste in die Hüften. »Sagt mal, schämt ihr beiden euch denn nicht? Wenn ich Lea davon berichte, wird sie außer sich sein.«

Merab sprang mit einem quiekenden Laut aus dem Bett und griff nach ihren Kleidern. Elieser packte sie jedoch am Arm und hielt sie zurück. »Du bleibst hier, und du alte Hexe verschwindest aus meinem Zimmer. Was hier geschieht, geht dich überhaupt nichts an.«

Sarah hob den Zeigefinger. »Lea wird das nicht dulden.«

Elieser lachte höhnisch auf. »Meine Schwester ist auch nur ein Weib, und sie darf mir keine Vorschriften machen. Ich bin das Familienoberhaupt, falls du das vergessen haben solltest. Ich warne dich, Alte! Wenn du nur ein Wort zu Lea sagst, stehen du und deine beiden Kinder am nächsten Tag auf der Straße. Hast du mich verstanden?«

Sarah starrte Elieser mit offenem Mund an. So hatte er noch nie mit ihr gesprochen. Dann wurde ihr klar, was er gesagt hatte. Tatsächlich war er der eigentliche Hausherr und hatte die Macht, sie, Ketura und Jochanan fortzuschicken. Lea würde zwar versuchen, es zu verhindern, aber dann würde sich Elieser bei der nächsten Reise seiner Schwester bitter an ihr und Ketura rächen.

»Gott gefällt nicht, was ihr beide tut«, mahnte sie niedergeschlagen.

Elieser schenkte ihr nur einen verächtlichen Blick. Zutiefst verletzt drehte Sarah den beiden den Rücken zu und schlurfte mit hängenden Schultern hinaus. So mutlos wie heute hatte sie sich noch nicht einmal bei der Rückkehr der Überlebenden aus Sarningen gefühlt. Mehr denn je wünschte sie, Lea wäre da und sie könnte ihr ihr Herz ausschütten. Doch selbst das durfte sie nicht mehr, wenn sie sich selbst und ihrer Tochter die Heimat bewahren wollte.

Elieser genoss den soeben errungenen Sieg und gönnte Merab ein sehr selbstzufriedenes Lächeln. »Komm her, wir sind noch nicht fertig.«

Der Magd saß der Schreck noch in den Gliedern, so dass sie am ganzen Leib zitterte und abwehrend die Hände hob. Doch ein paar bissige Bemerkungen von Elieser brachten sie zum Lachen, und so überließ sie sich wieder ganz der Lust.

Nachdem beide zur Erfüllung gekommen waren und Merab das Zimmer wieder verlassen hatte, lag Elieser still auf seinem Bett und dachte nach. So mutig und souverän, wie er sich Sarah gegenüber gegeben hatte, fühlte er sich bei weitem nicht. Lea war nicht mehr das Mädchen, das er mit einem Fausthieb von seinem Platz am Fenster hatte vertreiben können. Sie würde niemals zulassen, dass er Sarah und ihre Kinder davonjagte, und so blieb ihm nur zu hoffen, dass er der Alten genug Angst eingejagt hatte und sie den Mund hielt.

Dann aber fragte er sich, was Lea mit ihm machen würde, wenn sie auf andere Weise erfuhr, was Merab und er trieben. Für einen Augenblick überlegte er, ihr in diesem Fall wortreiche Vorwürfe zu machen, weil sie ihm noch keine Ehefrau verschafft hatte. Er brauchte von Zeit zu Zeit einen weichen, willigen Leib, der sich ihm öffnete, aber er konnte sich kaum vorstellen, dass Lea ihn ernst nehmen würde, denn sie gab ihm jedes Mal, wenn sie ihn ansah, das Gefühl, immer noch der dreizehnjährige Knabe zu sein, den sie in Sarningen gerettet hatte. Bevor sie merkte, was er mit Merab trieb, musste er ihr beweisen, dass er ein erwachsener Mann war.

Jetzt erinnerte Elieser sich wieder daran, wie oft Lea ihn gebeten hatte, sich in die Geschäfte einzuarbeiten. Bisher hatte er sich vor dieser Aufgabe gedrückt, doch das musste sich nun ändern. Es ärgerte ihn zwar, dass er als der eigentliche Erbe seines Vaters bei seiner älteren Schwester gut Wetter machen musste, aber es war die einzige Chance für ihn, ihren Zorn im Zaum zu halten. Kurz entschlossen stand er auf, kleidete sich an und ging in Leas Kammer. Mit dem bitteren Gedanken, dass das eigentlich sein Zimmer sein müsste, setzte er sich auf den Sessel und nahm den ersten Brief von dem Stapel, den Sarah für Lea bereitgelegt hatte. Schon nach den ersten Zeilen ließ er ihn sinken. Das hölzerne, mit Worten anderer Sprachen und vielen Abkürzungen durchsetzte Handelslatein wirkte auf ihn wie sinnloses Gebrabbel. Er legte den Brief beiseite, erbrach das Siegel des nächsten und faltete ihn auseinander. Doch mit dem Inhalt dieses Schreibens erging es ihm nicht besser. Schließlich warf er das Blatt wütend beiseite und fragte sich, was seine Schwester sich dabei gedacht hatte, sich solche Briefe schicken zu lassen. Für einen Moment war es ihm, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggezogen. Er würde seine Schwester niemals davon überzeugen können, dass er fähig war, seinen Teil zum Familienunterhalt beizutragen. Da fiel ihm ein, dass sie ihn vor ihrer Abreise gebeten hatte, sich um die Steuerlisten von Hartenburg zu kümmern. Er entdeckte die Papiere in Griffweite auf einem Bord, auf dem Lea sie für ihn bereitgelegt hatte, nahm sie herunter und las sie aufmerksam durch.

Diese Arbeit ging ihm leichter von der Hand, denn er kannte die meisten Hartenburger Familien und wusste sie einzuschätzen. Auch half ihm die Steuerliste des letzten Jahres, die Lea hinzugelegt hatte. Während er die beiden Listen miteinander verglich, erinnerte er sich daran, dass Lea und Jochanan im letzten Jahr mehr als zwei Monate damit beschäftigt gewesen waren, die Steuern einzutreiben. Schon damals hatte er ihre lange Anwesenheit als einengend empfunden, doch heuer wäre es ihm mehr als lästig, wenn sie sich länger zu Hause aufhielt. Er konnte es nicht wagen, Merab zu benutzen, wenn seine Schwester hier alles kontrollierte, aber er war nicht bereit, monatelang auf die körperlichen Dienste der Magd zu verzichten. Während Elieser die einzutreibende Summe unter den Hartenburger Familien aufteilte, erschien ein Lächeln auf seine Lippen. Jetzt wusste er, wie er sich gleichzeitig bei Lea beliebt machen und sie schnell wieder loswerden konnte: In diesem Jahr würde er die Steuern einziehen. Da der Markgraf ihm einige Soldaten als Schutz zur Verfügung stellen würde, hatte er keine Übergriffe verärgerter Bürger zu fürchten, und Merabs willige Schenkel würden ihn für diese Arbeit belohnen. Jetzt musste er sich nur etwas einfallen lassen, um Lea öfter als bisher auf Reisen zu schicken.

11.

Hartenburg war nicht mehr weit, als Lea auf eine größere Reisegruppe traf. Die Leute saßen um den Brunnen einer kleinen, aus roh behauenen Holzstämmen errichteten Herberge herum, deren moosbedecktes Strohdach dringend der Erneuerung bedurfte. Vor dem Haus verteilte eine Wirtsmagd Suppe aus einem dampfenden Kessel. Der Geruch verriet Lea, dass der Wirt nicht mit Schweinefleisch gegeizt hatte, und so würden Jochanan und sie sich auch hier mit Brot und etwas Käse zufrieden geben müssen.

Wie gewohnt stellte Lea ihre Kiepe an der Hauswand ab und ging auf den Brunnen zu, um sich zu erfrischen. Die Leute, die dort saßen, musterten die sich nähernden Juden mit verächtlichen Blicken und dachten nicht daran, ihnen den Weg freizugeben. Einige hoben sogar Dreckklumpen auf, um sie zu verjagen. Die Wirtsmagd, die Samuel Goldstaub kannte und sich auf ein gutes Trinkgeld freute, schimpfte lauthals und scheuchte ein paar von ihnen beiseite.

Lea dankte ihr, trat an den mit Holz eingefassten Brunnen und wusch sich unter den bösen Bemerkungen einiger Umstehender am Abfluss Gesicht und Hände. Dann wollte sie zu der am einströmenden Wasser angebundenen Schöpfkelle greifen, um zu trinken, aber einer der Reisenden riss sie ihr aus den Händen.

»Nimm gefälligst deine Hände, Jude. Oder glaubst du, ehrliche Christenmenschen wollen ein Gefäß benutzen, das du mit deinen schmutzigen Lippen besudelt hast?«

Da der Mund des Mannes vor Schweinefett triefte, beugte Lea sich schnell über den Wasserstrahl, um ihren angewiderten Gesichtsausdruck zu verbergen. Nach dem Anblick war es ihr lieber, das Wasser aus ihren Händen zu trinken. Auf der anderen Seite tat es ihr eine hübsche, junge, aber schon sehr füllig gewordene Frau gleich, und als sich ihre Blicke kreuzten, stieß die Fremde einen Schrei aus und schlug die Hände vors Gesicht, so dass das Wasser über ihr Kleid lief. Sie schüttelte sich und rannte dann so schnell um den Brunnen herum, dass sie wie eine rollende Kugel wirkte.

»Gott im Himmel! Das kann doch nicht wahr sein! Samuel! Bist du es wirklich, oder narrt mich ein Spuk?«

Lea erkannte ihr Gegenüber erst an der Stimme. »Gretchen?

Gretchen Pfeifferin?«

Die Frau nickte. Es war tatsächliche die Freundin aus Sarningen, die Lea und ihren Geschwistern das Leben gerettet hatte.

Gretchen schluchzte vor Freude und umarmte Lea ungeachtet der empörten Blicke ihrer Reisegenossen. Dann musterte sie Lea zweifelnd und riss dabei Mund und Augen auf. Eine scharfe Falte erschien auf ihrer Nasenwurzel, und sie strich wie suchend über Leas Gesicht.

»Du bist ja Lea! Aber wieso ...« Zum Glück sprach sie so leise, dass kein anderer ihre Worte hörte.

Lea zuckte zusammen und sah sich hastig um. »Bitte schweig, sonst bringst du mich in größte Schwierigkeiten.«

Da ihre Verkleidung auf den langen Wanderungen noch nie angezweifelt worden war, hatte sie beinahe schon vergessen, in welcher Gefahr sie beständig schwebte. Wenn aufkam, dass Samuel tot war und sie die Geschäfte unter seinem Namen und in Männerkleidung führte, würden sie und die Ihren Hartenburg nicht rasch genug verlassen können, um dem Zorn des Markgrafen zu entgehen.

Gretchen wirkte genauso ängstlich wie damals und handelte ebenso kaltblütig, denn sie zog Lea ein Stück zur Seite, lachte dabei so laut, dass es in Leas Ohren viel zu unecht klang, und schüttelte verblüfft den Kopf. »Warum läufst du als dein Bruder herum?«

»Weil ich Elieser ersetzen muss. Er war noch lange krank und ist ein .« Lea brach ab, denn sie wollte das Wort Krüppel vor ihrer Freundin nicht gebrauchen. »Er leidet immer noch unter den Folgen seiner schweren Verletzungen.«

»Deswegen musst du dich als Mann verkleiden?«

»Erinnere dich, dass du mich in Männerkleidung gesteckt hast. Die Torwächter haben mich bei unserer Rückkehr prompt für Samuel gehalten, und kurz darauf hat der Markgraf meinen Bruder unter Androhung schwerer Strafe zu sich rufen lassen. Ich habe mir einen Kaftan übergestreift und bin hingegangen. Damals habe ich nicht erwartet, dass ich diese Rolle noch viele Jahre lang würde spielen müssen, aber Eliesers Schwäche zwingt mich dazu. Bitte nenne mich auch in Zukunft Samuel, wenn du mich in Männerkleidung siehst. Wenn herauskommt, wer ich wirklich bin, wird es mich und die Meinen das Leben kosten.«

Gretchen nickte. »Oh ja, das glaube ich auch. Man würde dich aller möglichen Verbrechen anklagen und auf den Scheiterhaufen binden. Keine Sorge, Samuel, ich verplappere mich nicht. Mein Gott, was bin ich froh, dich schon hier getroffen zu haben.«

Lea lächelte ein wenig über den Überschwang, der aus den Worten ihrer Freundin sprach. »Ich nehme an, du bist unterwegs, um deine Eltern zu besuchen.«

»Ja, das auch. Aber in erster Linie wollte ich zu dir.

Meine Schwiegermutter ist nämlich gestorben, und wir haben etwas unter ihren Sachen gefunden, das dir gehört.« Gretchen griff in die Tasche und holte einen Beutel heraus, in den sie Lea blicken ließ. Es lagen mehrere Schmuckstücke und ein paar Goldmünzen darin.

Das Pogrom von Sarningen lag so weit hinter ihr, dass Lea den kleinen Schatz, den die alte Pfeifferin ihnen in Sar-ningen vorenthalten hatte, erst auf den zweiten Blick erkannte. Gerührt reichte sie Gretchen die Hand. »Ich danke dir. Damit machst du mir eine große Freude. Die Brosche hier gehörte bereits der Großmutter meiner Großmutter, und ich war sehr traurig, sie verloren zu haben.«

Gretchen senkte beschämt den Blick. »Peter und ich hätten damals darauf bestehen müssen, dass die Alte die Sachen herausrückt. Aber .«

Sie brach ab und seufzte. Lea lächelte aufmunternd, denn ihr war klar, dass ihre Freundin und deren Mann die alte Frau gefürchtet und es nicht gewagt hatten, ihr den Schmuck wieder abzunehmen.

Jochanan tauchte neben Lea auf und hielt ihr ein Brett hin, auf dem zwei Becher verdünnten Weines, zwei kleine Brote und zwei Stücke Käse lagen. Leas Blick zeigte dem Knecht, dass sie nicht gestört werden wollte, und so stellte er das primitive Tablett auf einen Baumstumpf in ihrer Nähe, nahm sich seinen Teil und setzte sich ein Stück entfernt ins Gras. Lea trank einen Schluck Wein und begann hungrig zu essen.

Gretchen knetete nervös ihre Finger und sah Lea mit einem beinahe bettelnden Blick an. »Ich bin vor allem deswegen nach Hartenburg unterwegs, um mit dir zu sprechen. Du hast nach deiner glücklichen Rückkehr einen so lieben Brief geschrieben, dass ich noch oft an dich denken musste. Meine Eltern haben mir auch einmal geschrieben und dabei auch den Hartenburger Leibjuden erwähnt, der noch reicher sein sollte als sein Vater. Ich habe angenommen, es handele sich um Elieser, und wollte dich bitten, ihn zu überreden, uns .«

Sie schluchzte auf und trocknete einen Tränenschwall.

Lea lächelte ihr aufmunternd zu. »Sag frei heraus, was dir auf der Seele brennt. Du hast uns damals gerettet, und ich werde für dich tun, was ich kann.«

»Schuld an allem ist Alban von Rittlage, dieser gemeine Verräter!«, brach es aus Gretchen heraus. »Peter hat viele Jahre in seinen Diensten gestanden, bis Rittlage vor einem halben Jahr sein Amt als kaiserlicher Vogt in Sar-ningen niedergelegt hat, um sich als einer der Hauptleute des schwäbischen Kreises in seiner Herrschaft Elzsprung niederzulassen. Seine Gefolgsleute und seinen Stab an Schreibern und Bütteln hat er jedoch nicht mitgenommen, sondern sie allesamt vor die Tür gesetzt. Vorher aber hat er den Sarninger Bürgern noch zweitausend Gulden als Strafe für die Vertreibung der Juden auferlegt, und die Leute, die es wagten, ihn daran zu erinnern, dass er selbst der Anstifter dieser Tat gewesen war, als Verleumder in den Kerker geworfen. Nachdem er Sarningen verlassen hatte, hat sich der Hass der Bürger gegen die Männer gerichtet, die in den Diensten des Vogts gestanden hatten. Man hat Peter angedroht, uns das Haus über dem Kopf anzuzünden, wenn wir Sarningen nicht bald verlassen, und im letzten Monat ist er überfallen und zusammengeschlagen worden. Wir müssen fort, aber ohne Empfehlung oder eine größere Summe gemünzten Goldes wird uns keine Stadt als Bürger aufnehmen. Wir besitzen weder das eine noch das andere, und meine Eltern verfügen auch nicht über so viel Vermögen oder Einfluss am markgräflichen Hof, dass wir nach Hartenburg übersiedeln und Peter dort eine Stelle bekommen könnte.«

Lea hatte zunächst nur den Namen Rittlage verstan-den, denn im gleichen Moment stieg ihr das Blut in die Ohren, so dass sie nichts anderes vernahm als ihren Herzschlag. »Du sagst, Rittlage wäre zu einem der Hauptleute des schwäbischen Reichskreises aufgestiegen?«

Gretchen nickte bedrückt. »So ist es. Man sagt, er würde bereits nach einer passenden Erbin suchen, um seinen Besitz durch eine Heirat zu vermehren.«

Tausend Gedanken schossen Lea gleichzeitig durch den Kopf. Sie hielt es für einen Fehler Rittlages, sich seiner alten Gefolgsleute entledigt zu haben und die Bürger von Sarningen für etwas bezahlen zu lassen, für das er selbst verantwortlich war. Anscheinend fühlte er sich nach den Jahren, die seit dem Sarninger Pogrom vergangen waren, sicher vor üblen Nachreden oder Racheakten.

Sie dachte an Herzog Maximilian, dem sie Rittlages Schuldverschreibungen übergeben hatte, und lächelte selbstzufrieden. Der Geldbedarf des Herrn war allgemein bekannt, und er würde über seine Bankiers jeden Kreuzer der Summe und noch Etliches an Zinsen von Rittlage eintreiben lassen. Für einen Augenblick fragte sie sich, was geschehen würde, wenn der ehemalige Vogt sich weigerte zu zahlen. Maximilian, der Sohn und designierte Nachfolger des Kaisers, würde das höchstwahrscheinlich als Beleidigung auffassen und ihm die Fehde antragen. Ihr schien es unwahrscheinlich, dass Rittlage seine reichsfreie Herrschaft Elzsprung gegen eine solche Macht halten konnte, und mit seinem Besitz würde er auch all seine neuen Ämter verlieren und froh sein müssen, wenn ihn ein anderer Adeliger in seine Dienste nahm. Lea hoffte, dass er tief genug sinken würde, um ein Opfer der Feinde zu werden, die er sich mit seinen Ränken geschaffen hatte.

Gretchen bemerkte das Lächeln auf Leas Lippen und blickte sie verdattert an. »Du freust dich wohl noch, dass es uns so schlecht geht.«

Lea schüttelte den Gedanken an Rittlages Schicksal ab und lachte. »Du Schaf, ich dachte doch an etwas ganz anderes. Natürlich helfe ich euch. Sag mir, wie viel Geld ihr braucht, um euch woanders anzusiedeln. Warte ...! Dein Peter ist doch Schreiber?«

Gretchen nickte eifrig. »Oh ja, er beherrscht die Amtssprache, versteht es, ein Stadtarchiv zu führen, und kennt die Geheimzeichen der kaiserlichen Post. Er hat auch dem Kämmerer assistiert und kann sehr gut rechnen. Glaub mir, er ist sehr klug und kennt sich in vielen Dingen aus.«

Lea blickte auf die sich im warmen Sommerwind wiegenden Wiesenblumen und dachte kurz nach. »Ein Geschäftsfreund von mir hat das Monopol für den Handel mit spanischen Weinen für die Grafschaft Flandern erhalten und brauchte jemand, der dieses Monopol für ihn überwacht. Wenn dein Peter dazu bereit wäre, müsstet ihr jedoch nach Flandern reisen und euch dort niederlassen.«

»Das Angebot wird er bestimmt annehmen!« Man sah Gretchen an, wie glücklich sie über die Aussicht war, Sarningen nicht als Bettlerin verlassen und heimatlos über die Landstraßen ziehen zu müssen.

Während des Gesprächs hatte sich die Reisegruppe, mit der Gretchen gezogen war, zum Aufbruch bereitgemacht. Eine alte Frau trat mit einem etwa zweijährigen Knaben auf dem Arm auf Gretchen zu und machte eine auffordernde Geste. »Komm endlich, Gretchen. Wir ziehen weiter.«

»Danke, Katharina, aber ich werde euch hier verlassen und mit Samuel Goldstaub, dem Nachbarn meiner Eltern, auf dem kürzesten Weg nach Hartenburg gehen.« Gret-chen streckte die Arme nach dem Kind aus, welches die andere noch einmal herzte, ehe sie es ihr mit einem bösen Seitenblick auf den Juden reichte.

»Das ist Peters und mein größter Schatz«, sagte Gret-chen stolz.

Lea starrte das Kind an und musste den Wunsch unterdrücken, es an sich zu nehmen und auf ihren Armen zu wiegen. Der glückselige Gesichtsausdruck, mit dem Gret-chen ihren Sohn betrachtete, erinnerte sie schmerzlich daran, worauf sie verzichten musste. Für einen Augenblick verfluchte sie das Schicksal, das sie wie eine entwurzelte Pflanze vor sich hertrieb, und wünschte sich, ebenfalls einen braven Mann und ein hübsches Kind zu besitzen. Dann aber holte sie tief Luft und straffte die Schultern. Sie hatte ihren Weg doch halb und halb freiwillig gewählt und würde ihn weitergehen müssen bis zum bitteren Ende.

»Was waren das für Leute?«, fragte sie Gretchen, als die Gruppe weitergezogen war.

»Pilger auf dem Weg nach St. Maria am Stein. Die großen Handelszüge, unter deren Schutz man als Frau auch allein reisen kann, nehmen zu viel Geld, und so habe ich mich diesen Leuten angeschlossen. Ich hatte vor, mich oben bei Briesthal von ihnen zu trennen, weil die Fuhrleute von dort aus den Weg nach Hartenburg nehmen. Aber jetzt habe ich ja dich und deinen Knecht als Begleiter.«

»Wenn wir jetzt aufbrechen und stramm gehen, können wir die Stadt noch vor dem Abend erreichen.« Lea wartete Gretchens Antwort nicht ab, sondern steckte sich das letzte Stück Käse in den Mund und ging die Zeche zahlen. Als sie sich ihre Kiepe auf den Rücken lud, hatte Gretchen schon ihr Bündel auf den Rücken und das Kind in einem Tuch vor die Brust gebunden. Die beiden Frauen gingen voran, während Jochanan ihnen im Abstand von ein paar Schritten folgte.

Wie Lea vorausgesagt hatte, erreichten sie Hartenburg, kurz bevor die Stadttore geschlossen wurden. Sie brachte die Freundin zu ihren Eltern, die ihre Tochter und ihr Enkelkind unter Freudentränen in die Arme schlossen und sich wortreich bei Samuel Goldstaub bedankten, weil er sie sicher zu ihnen geleitet hatte. Als Lea endlich nach Hause kam, war es bereits dunkel, und sie hatte nur noch den Wunsch, sich zu waschen und nach einem leichten Mahl ins Bett zu gehen. Doch dazu kam sie so schnell nicht, denn ihren Geschwistern gelang es zum ersten Mal sie freudig zu überraschen.

Als sie das Wohnzimmer betrat, kniete Rachel auf dem Teppich und sortierte einen Haufen Münzen, während Elieser neben ihr auf einem Stuhl saß und die Summen, die sie ihm nannte, in eine Liste eintrug. Bei Leas Anblick huschte ein verlegenes Lächeln über das Gesicht ihres Bruders.

»Fein, dass du zurück bist Schwester. Schau, wir haben versucht, dich während deiner Abwesenheit zu entlasten, damit du dich auch einmal von der Reise erholen kannst. Wie du siehst, habe ich den größten Teil der Hartenbur-ger Steuern schon eingezogen.«

»Ich habe Elieser dabei geholfen«, erklärte Rachel mit ungewohntem Eifer und ohne Leas Männerkaftan auch nur eines Blickes zu würdigen. »Schließlich muss jeder von uns etwas zum Unterhalt der Familie beitragen, nicht wahr? Wir möchten, dass du dir auf deinen vielen Reisen keine Sorgen mehr um uns machen musst.«

»Ich danke euch.« Lea umarmte ihre Geschwister, ohne die Blicke zu bemerken, die die beiden wechselten, und wischte sich Freudentränen aus den Augenwinkeln.

12.

Als Orlando dieses Mal nach Hamburg zurückkehrte, das ihm in den letzten Jahren zur Heimat geworden war, tat er es mit sehr zwiespältigen Gefühlen. Er liebte den Anblick der Schiffe im Hafen und die mit Schnitzwerk, Figuren und Bildern verzierten Häuser, die den Reichtum seiner Bewohner nach außen trugen. Doch diesmal freute er sich nicht so wie sonst, nach Hause zu kommen, denn ein Teil seines Herzens war in der Ferne geblieben. Er schlenderte ein Stück an der Elbe entlang, durchquerte dann das Hafentor und folgte dem schmalen Weg, der die Gebäude zu seiner Linken von einem Kanal trennte, der vom Hafen zu den Speichern und Wohnhäusern der Kaufleute führte.

Am Ufer des künstlichen Wasserarms lagen Dutzende von Schuten, die von eifrigen Schauerleuten entladen wurden. Dort stand auch Orlandos Vaterhaus, dessen Hauszeichen, ein großer, weit vorspringender Fischkopf, seinen neuen Bewohnern ihren deutschen Namen verliehen hatte. Vor dem Haus entluden Arbeiter einen großen Prahm und schafften die Waren in die Speicherräume im Dachgeschoss. Dazu benutzten sie einen Flaschenzug, der an einem aus dem Maul des Fisches vorkrängenden Giebelbalken befestigt war und über einer Luke endete, durch die die Ballen und Körbe in den Speicher gebracht wurden und die sich ebenfalls im Maul des Fisches befand.

Orlando sah den Männern eine Weile zu und erwiderte ihre fröhlichen Grüße. Dann trat er durch das offene Tor ins Innere des Gebäudes und stieg die Treppe zu den

Wohnräumen hoch, die sich in den beiden Obergeschossen befanden. Alisio, der alte Hausdiener seiner Eltern, hatte ihn bereits kommen sehen und beeilte sich, ihm Wams und Reisesack abzunehmen. »Gott, dem Erhabenen, sei Dank, dass Ihr heil zurückgekommen seid, Don Orlando«, begrüßte er ihn in kastilischer Sprache.

Orlando legte den Kopf schief und musterte den Alten. »Das klingt ja fast so, als würdest du dich freuen, mich zu sehen, Aloysius«, antwortete er auf Deutsch.

»Freilich, Don Orlando. Die Dona wartet bereits voller Sehnsucht auf Euch.«

Orlando fühlte sich mit einem Mal so angespannt wie ein Tau im Sturm. Wenn Alisio nicht murrte, weil er ihn auf Deutsch und auch noch mit dem hier gebräuchlichen Namen Aloysius ansprach, und wenn seine Mutter ihn sogar herbeisehnte, musste etwas Unangenehmes vorgefallen sein. »Was ist mit meinem Vater? Ihm geht es doch hoffentlich gut.«

Orlando atmete auf, als Alisio ihm versicherte, dass Don Manuel sich wohl befinde. Mehr konnte Alisio nicht berichten, denn in dem Augenblick öffnete sich eine Tür, und Orlandos Mutter Leonora blickte hinaus. Als sie ihren Sohn im Flur stehen sah, lief sie ihm entgegen und schloss ihn die Arme. Sie war eine kleine, etwas mollige Person mit schwarzem, leicht angegrauten Haar und einem immer noch anziehend schönen Gesicht.

»Bin ich froh, dass du endlich wieder daheim bist, Orlando. Es ist etwas Schreckliches geschehen. Dein Onkel Ammon ist in die Fänge der Inquisition geraten.«

»Ammon?« Orlando begriff erst im zweiten Augenblick, dass sie ihren Bruder Rodrigo meinte. Im Allgemeinen verwendeten sie auch innerhalb der Familie keine jüdischen Namen und hatten hier in Hamburg sogar die spanischen Namen abgelegt, die in ihrer Familie üblich gewesen waren, seit sein Großvater Ephraim vor beinahe fünfzig Jahren nicht ganz freiwillig zum Christentum übergetreten und auf den Namen Ramon Terasa getauft worden war. Obwohl sein Vorfahr heimlich am jüdischen Glauben festgehalten hatte, war er später sogar in den Stand eines Hidalgo aufgestiegen, doch die christlichen Adeligen hatten ihn als Converso beschimpft und nie als ihresgleichen anerkannt.

Orlando schüttelte die Erinnerung an eine Zeit ab, die er nur aus Erzählungen kannte, und löste sich aus den Armen seiner Mutter. »Was ist mit Onkel Rodrigo?«

»Er wurde beschuldigt, immer noch den Gesetzen Judas zu gehorchen. Zwar konnte er aus Sevilla entkommen und zusammen mit seiner Familie im Konvent von San Juan de Bereja Zuflucht suchen, doch auch da sind sie nicht sicher. Jeden Tag kann man sie herausholen und in die Kerker der Inquisition schaffen, und was dort mit ihnen geschieht, weißt du ja selbst. Wenn du kein Wunder geschehen lässt, wird man ihn so lange foltern, bis er Freunde und Nachbarn mit in den Untergang reißt, und ihn dann bei lebendigem Leib verbrennen.«

Orlando sah seiner Mutter an, dass sie außer sich vor Angst und Sorge um ihren Bruder war, und er konnte es ihr nicht verdenken. Wer einmal in die Fänge der Inquisition geriet, hatte kaum eine Chance, ihr lebendig zu entrinnen. »Das ist wirklich eine schlimme Nachricht, Mama. Aber ich verspreche dir, es wird alles gut werden. Ich werde Onkel Rodrigo herausholen.«

»Nein, das wirst du nicht! Ich verbiete dir, noch einmal nach Spanien zu fahren.« Don Manuel Terasa de Quereda war an die Tür getreten. Mit der einen Hand stützte er sich auf eine Krücke, mit der anderen klammerte er sich an den Türrahmen, um aufrecht stehen zu können. Er war ein hagerer, mittelgroßer Mann mit einem scharf geschnittenen Gesicht und schwarzen Augen, in denen jetzt ein lichtloses Feuer zu flackern schien.

»Hast du mich verstanden, Orlando? Du gehst nicht noch einmal nach Spanien, nie mehr!« Da Orlando immer noch nicht antwortete, stieß er die Krücke auf den Boden, so dass er beinahe sein Gleichgewicht verlor.

Alisio eilte an seine Seite, um ihn zu stützen. »Herr, Ihr dürft doch nicht alleine aufstehen, und noch viel weniger Euch aufregen.«

»Beides ist manchmal notwendig«, antwortete Don Manuel mit sanfter Stimme, während sein Blick Frau und Sohn durchbohrte. »Rodrigo kannte das Risiko, das er einging, aber er wollte unbedingt in Spanien bleiben. Hätte er auf meinen Rat gehört, würde er schon seit Jahren bei uns in Frieden leben und brauchte weder die Qualen der Folter noch die Flammen eines Autodafes zu fürchten.«

So leicht war Dona Leonora jedoch nicht zum Schweigen zu bringen. Sie klammerte sich an ihren Sohn und starrte Don Manuel vorwurfsvoll an. »Orlando hat vielen uns unbekannten Glaubensbrüdern die Flucht ermöglicht und soll nun sein eigenes Blut den Henkersknechten überlassen? Ich habe meinen Vater an die grausamen Mönche verloren und will nicht, dass mein Bruder dessen Schicksal teilt.«

»Aber deinen Sohn willst du ohne Bedenken opfern, Weib!«, brach es aus Don Manuel heraus. »Begreifst du denn nicht, dass das Ganze eine Falle der Spanier ist, um Orlandos habhaft zu werden? Man hätte Rodrigo nie aus Sevilla entkommen lassen, wenn man ihn hätte sofort verhaften wollen. Nein, Orlando ist ihr Ziel. Er hat den Herren der Inquisition schon zu viele Juden und Conver-sos aus Spanien herausgeschafft und ihnen geholfen, den größten Teil ihres Vermögens in Sicherheit zu bringen.

Wir wissen doch alle, dass es den Inquisitoren und denen, die hinter ihnen stehen, nur zum geringsten Teil auf die angeblichen Ketzer selbst ankommt, sondern auf das Gold und die Güter, die sie bei ihnen erbeuten. Ich habe sichere Kunde, dass der Herzog von Montoya und seine Freunde dreitausend Reales auf Orlandos Kopf ausgesetzt haben. Dein Bruder hat davon erfahren und ist trotzdem in Spanien geblieben. Soll unser Sohn wegen Rodrigos Dummheit sterben?«

Orlando breitete die Arme aus. »Vielleicht hat die Sache tatsächlich nichts mit mir zu tun. Ich habe von dem Herzog von Burgund erfahren, dass Königin Isabella und ihr Gemahl einen Feldzug gegen Granada planen. Kastilien und Aragon haben schon oft Juden und Conversos festgesetzt, um Geld für ihre Kriege von ihnen zu erpressen.«

»Das ist möglich.« Don Manuels Miene war nicht zu entnehmen, welche Annahme ihm wahrscheinlicher erschien. Dona Leonora warf die Arme hoch und begann zu schluchzen.

»Sie werden Ammon nicht freilassen, und wenn er ihnen sein ganzes Vermögen in den Rachen steckt. Nein, sie werden ihm die Glieder unter der Folter brechen und ihn dann bei einem ihrer schrecklichen Autodafes zur Belustigung des Pöbels verbrennen, so wie sie es mit meinem Vater gemacht haben. Orlando ist seine einzige Rettung!«

Don Manuel schlug mit der linken Hand gegen den Türbalken und verlor das mühsam bewahrte Gleichgewicht. Die Tatsache, dass Alisio ihn auffing, hob seine Laune nicht gerade. »Orlando wird gar nichts sein. Er geht nicht nach Spanien. Und damit Schluss.«

»Aber er ist doch ein so kluger Junge. Erinnere dich daran, wie er dich gerettet hat, obwohl er noch ein Kind war.«

Don Manuels Gesicht verzerrte sich, als er sich jener schrecklichen Tage entsann, in denen neidische Nachbarn ihn als heimlichen Juden angeklagt hatten. Die kirchlichen Behörden hatten ihn daraufhin verhaftet und wochenlang gefoltert, um ihn zu einem Geständnis zu zwingen. Orlando, der damals gerade zwölf geworden war, hatte seinen Beichtvater Jose Albanez, den Bruder des Almosengebers der Königin Isabella, dazu gebracht, ihn aus dem Kerker herauszuholen. Der Pater, der im Gegensatz zu anderen Klerikern kein Judenfeind gewesen war, hatte ihm geraten, Spanien sofort zu verlassen, da er nicht mächtig genug sei, ihn und seine Familie auf Dauer vor dem Zugriff der Inquisitoren zu bewahren. Diesem Rat hatte Don Manuel schneller folgen können, als seine Verfolger erwartet hatten, denn der junge Orlando hatte in einer Voraussicht, die niemand einem Knaben dieses Alters zugetraut hätte, bereits alles für eine heimliche Abreise vorbereitet gehabt.

Auf der Suche nach einer neuen Heimat hatten sie weit reisen müssen, denn ein entkommener Converso konnte sich in jenen Regionen des Reiches Deutscher Nation, zu deren Bischöfen und Äbten die Inquisitoren gute Verbindungen hatten, nicht sicher fühlen. So hatten sie ihr Glück im Norden gesucht und waren in Hamburg aufgenommen worden. Die Bürger dieser Stadt kümmerte es zum Glück nicht, ob ein spanischer Kaufmann seinen christlichen Glauben bereits mit der Muttermilch eingesogen hatte oder heimlich jüdischen Riten frönte.

Don Manuel schüttelte schwer atmend den Kopf. »Ich habe es nicht vergessen, Weib. Wie könnte ich auch, denn schließlich hat die Gefangenschaft mich die Gesundheit und den Gebrauch meiner Glieder gekostet. Damals bestand für Orlando jedoch keine Gefahr für Leib und Leben. Die kirchlichen Judenjäger hätten ihn höchstens in ein Kloster gesteckt und einen Geschorenen aus ihm gemacht. Doch jetzt würden sie ihn zum höheren Lobe Gottes und im Angesicht der Majestäten auf einem möglichst langsam schwelenden Scheiterhaufen verbrennen.«

Warnend hob er die Krücke und schüttelte sie gegen seinen Sohn. »Wage es nicht, dich heimlich davonzuschleichen, und höre endlich mit deinen verrückten Abenteuern auf. Ich will, dass du wie ein ehrlicher Kaufmann lebst, dir ein Weib suchst und mir Enkel verschaffst.«

Dona Leonora lachte bitter auf. »Wie soll er denn hier eine Frau finden? Außer uns lebt niemand von unserem Volk in dieser Stadt, und was die Aschkenasim aus Altona betrifft, so verachten sie uns Conversos noch mehr als die Christen.«

Don Manuel wies mit dem Kinn durch das kleine Flurfenster auf den Giebel jenseits des Kanals. »Dann soll er mir eben einen der Flachsköpfe aus dieser Gegend ins Haus bringen.«

»Nein! Ich dulde keine Christin im Haus!«

»Gott hat Männer und Frauen geschaffen, aber keine Juden und Christen. Ein hiesiges Mädchen wird Orlando eine ebenso gute Frau sein wie eine Jüdin aus Sevilla oder Toledo.«

»Oder eine genauso schlechte.« Orlando hielt es an der Zeit, sich in Erinnerung zu bringen, denn schließlich ging es ja um ihn.

Sein Vater bedachte ihn mit einem zornigen Blick, sagte jedoch nichts, während die Mutter sichtlich aufatmete. »Nur ein jüdisches Mädchen wird dich glücklich machen können, mein Sohn.«

Leas Bild stieg in Orlandos Gedanken auf, und er stellte sich vor, wie es wäre, wenn er sie in ihrer Männerkleidung hereinbringen und seinen Eltern sagen würde, dass sie die einzige Frau sei, die er heiraten wolle. Seine Mutter würde wohl in Ohnmacht fallen, und sein Vater ... Nun -dessen Reaktion mochte er sich lieber erst gar nicht vorstellen.

»Ich weiß nicht, ob ich überhaupt zur Ehe tauge«, sagte er leichthin. »Und was Onkel Rodrigo betrifft, Mutter« - er ignorierte dabei den warnenden Blick seines Vaters -»so habe ich genug Freunde in Spanien, die ihm helfen können. Ich werde ihnen umgehend schreiben.«

»Das ist aber auch alles, was du tun wirst! Ich dulde keine gefährlichen Eskapaden mehr, hast du mich verstanden?«

Die Mutter lächelte Orlando unter Tränen an und sagte nur ein Wort. »Danke.«

Orlando drückte sie an sich und deutete dann auf die Treppe.

»Ich gehe nach oben und ziehe mich um. Kann mir jemand Waschwasser hochbringen? Dann möchte ich essen, denn ich komme um vor Hunger.«

Seine Mutter verwandelte sich von einem Augenblick zum anderen in eine umsichtige Hausfrau. »Frisches Wasser steht täglich für dich bereit. Geh nur! Ich sage derweil Elmira Bescheid, dass sie dir einen Imbiss machen soll.«

Sie strich ihrem Sohn wie einem kleinen Jungen über die Haare und verschwand dann in der Küche. Don Manuel öffnete den Mund, als wollte er noch etwas zu Orlando sagen, forderte stattdessen jedoch Alisio auf, ihn zu seinem Sessel zurückzubringen. Orlando wollte dem alten Diener helfen, wich aber vor dessen beleidigtem Blick zurück. Don Manuel zu versorgen war eine Aufgabe, die Alisio sich von niemandem abnehmen ließ.

Orlando stieg über zwei schmale, steile Treppen bis ins Dachgeschoss. Zum größten Teil diente es als Speicher für wertvolle und nicht allzu schwere Waren, die man nicht im Erdgeschoss lagern wollte, da man dort nicht sicher vor Dieben war. Er ging an den Arbeitern vorbei, die unter der Aufsicht eines Hausknechts gerade einen Stapel Tuchballen umschichteten, um mehr Platz zu gewinnen, und warf noch einen Blick auf den Kanal. Dann wandte er sich dem hinteren Teil des Dachbodens zu, auf dem sich die Truhen mit Leinen, Winterkleidung und anderen privaten Gütern stapelten. Sie verbargen die Tür zu einer Kammer, in der die Mägde des Vorbesitzers geschlafen hatten.

Der Raum war nicht besonders groß, und man sah ihm an, dass Orlando sich nicht häufig hier aufhielt. Das ganze Mobiliar bestand aus einem bequemen Bett, einem kleinen Tisch, einem Stuhl, dem Ständer für Krug und Waschschüssel, einem Bord an der Wand und einer Truhe für seine Kleidung. Auf dem Bord lagen fein säuberlich zusammengerollt mehrere Landkarten, flankiert von einem Tintenfass, einem Gestell mit frischen Schreibfedern und ein Stoß Papier, das so weiß in der Sonne schimmerte, als hätte seine Mutter Alisio eben erst damit beauftragt, es ihrem Sohn hinaufzubringen.

Orlando hätte statt dieser Dachkammer auch ein größeres Zimmer im Wohntrakt wählen können. Doch da das Haus zum Fischkopf höher war als die umliegenden Gebäude, hatte er von hier oben einen wunderbaren Ausblick auf den Hafen und die Schiffe, die an den Elbkais vertäut lagen. Auch jetzt ging er zuerst zum Fenster und blickte hinaus. Im Sommer herrschte reger Betrieb auf dem Fluss. Neben dickbäuchigen Koggen gab es holländische Kuffs und englische Segler, die Waren aus aller Herren Länder brachten und auf neue Ladung warteten, die von großen, plumpen Elbkähnen in Form von Getreide, Bier und Vieh aus dem Hinterland in die Stadt geschafft wurde. Die Kähne übernahmen ihrerseits die Waren aus Übersee und wurden dann flussaufwärts getreidelt.

Der Anblick einer Nao unter den portugiesischen Farben erinnerte Orlando an seinen Onkel. Seiner Erfahrung nach schwebte Rodrigo Varjentes de Baramosta tatsächlich in Lebensgefahr, denn selbst wenn er versuchte, sich freizukaufen, würde man ihn nur laufen lassen, wenn er den letzten Maravedi hergegeben hatte, um ihn dann nach einigen Tagen oder Wochen wieder gefangen zu setzen und der Folter zu unterwerfen. Ganz gleich, was sein Onkel tat, er war verloren.

Gleichzeitig war er der gleichen Meinung wie sein Vater. Die Tatsache, dass man Rodrigo aus Sevilla hatte fliehen lassen, ließ keine andere Erklärung zu, als dass man einen gewissen Orlando Terasa endlich in die Hände bekommen wollte. Aber er würde ihnen nicht den Gefallen tun und in die Falle gehen, die man mit Sicherheit für ihn gelegt hatte. Andererseits durfte er auch nicht die Hände in den Schoß legen, denn dann würde er bis ans Ende seiner Tage den Vorwurf in den Augen seiner Mutter sehen, am Tod ihres Bruders mitschuldig geworden zu sein. Lange überlegte er, welche seiner spanischen Freunde und Gewährsleute in der Lage waren, Rodrigo und seine Gruppe aus dem Konvent zu schaffen und an die Küste zu bringen, wo ein Schiff sie aufnehmen konnte. Doch solange er auch grübelte, er kannte niemanden, der bereit war, sich für seinen Onkel in Lebensgefahr zu begeben.

Es musste jemand sein, der die Flucht planen und vorbereiten konnte, ohne dass die Inquisitoren Verdacht schöpften. Freunde, die ihm oder einem Boten von ihm für ein, zwei Tage Unterschlupf gewährten, Nachrichten weiterreichten oder mit Geld und Pferden aushalfen, besaß er genug. Aber einen Mann zu finden, der mutig, nein, verrückt genug war, der Inquisition ihr Opfer unter der Nase wegzuschnappen, war schier unmöglich. Wenn er Rodrigo helfen wollte, musste er es selbst tun, aber wenn er nach Spanien ging, konnten die Aufregung und die Angst um ihn seinen Vater das Leben kosten. Orlando ging all die Namen und Gesichter jener durch, die er gerettet und denen er eine neue Heimat verschafft hatte. Er musste jemanden finden, der gleichzeitig draufgängerisch und besonnen war, jemand, dem es zur zweiten Natur geworden war, seine Umwelt zu täuschen.

Ein Mann wie Samuel Goldstaub. Ja, Lea würde er es zutrauen, Sand in die ewig misstrauischen Augen der spanischen Inquisitoren zu streuen.

Schnell schüttelte er diesen Gedanken ab. Natürlich durfte er Lea keiner solchen Gefahr aussetzen, selbst wenn sie, was unwahrscheinlich war, diesem halsbrecherischen Unternehmen zustimmen würde. So nahm er ein Blatt Papier und schrieb die Namen aller in Frage kommenden Männer auf und ging die Liste dann sorgfältig durch. Als er mehr als zwei Drittel von ihnen wieder ausgestrichen hatte, spürte er, wie die Verzweiflung seinen Geist wie ein schwarzes Tuch einhüllte.

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