Amalaswintha
"Amalaswintha verzagte nicht nach Frauenart, sondern kräftig wahrte sie ihr Königtum."
(Prokop, Gotenkrieg, I, 3)
Wie ein Donnerschlag aus heitrem Himmel traf Athalarichs plötzliches Ende die gotische Partei, die an diesem nämlichen Tage ihre Hoffnungen so hoch gespannt hatte. Alle Maßregeln, die der König in ihrem Sinne angeordnet, waren gelähmt, die Goten plötzlich wieder ohne Vertretung in dem Staat, an dessen Spitze jetzt die Regentin ganz allein gestellt war.
Am frühen Morgen des nächsten Tages stellte sich Cassiodor bei dem Präfekten ein. Er fand diesen in ruhigem, festem Schlaf.
«Und du kannst ruhig schlafen, ruhig wie ein Kind, nach einem solchen Schlag!» - «Ich schlief», sagte Cethegus, sich auf den linken Arm aufrichtend, «im Gefühle neuer Sicherheit.» -«Sicherheit! ja, für dich, aber das Reich!»
«Das Reich war mehr gefährdet durch diesen Knaben als ich. Wo ist die Königin?» - «Am offenen Sarge ihres Sohnes sitzt sie, sprachlos! Die ganze Nacht.»
Cethegus sprang auf: «Das darf nicht sein», rief er. «Das tut nicht gut. Sie gehört dem Staat, nicht dieser Leiche. Um so weniger, als ich von Gift flüstern hörte. Der junge Tyrann hatte viele Feinde. Wie steht es damit?»
«Sehr ungewiß. Der griechische Arzt Elpidios, der die Leiche untersuchte, sprach zwar von einigen auffallenden Erscheinungen. Aber, wenn Gift gebraucht worden, meinte er, müßte es ein sehr geheimes, ihm völlig fremdes sein. In dem Becher, daraus der Arme den letzten Trunk getan, fand sich nicht die leiseste Spur verdächtigen Inhalts. So glaubt man allgemein, die Aufregung habe das alte Herzleiden zurückgerufen und dieses ihn getötet. Aber doch ist es gut, daß man dich von dem Augenblick, da du die Versammlung verließest, immer vor Zeugen gesehen: der Schmerz macht argwöhnisch.»
«Wie steht es um Kamilla?» forschte der Präfekt weiter. -«Sie soll von ihrer Betäubung noch gar nicht erwacht sein; die Ärzte fürchten das Schlimmste. - Aber ich kam, dich zu fragen: Was soll nun weiter geschehen? Die Regentin sprach davon, die Untersuchung gegen dich niederzuschlagen.» - «Das darf nicht sein!» rief Cethegus. «Ich fordre die Durchführung. Eilen wir zu ihr.» - «Willst du sie am Sarge ihres Sohnes stören?» - «Ja, das will ich! Deine zarte Rücksicht bebt davor zurück? Gut, komme du nach, wenn ich das Eis gebrochen.»
Er verabschiedete den Besuch und rief seine Sklaven, ihn anzukleiden. Bald darauf schritt er, in dunkelgraues Trauergewand gehüllt, hinab zu dem Gewölbe, wo die Leiche ausgestellt lag. Gebieterisch wies er die Wachen und die Frauen Amalaswinthens hinweg, die den Eingang hüteten, und trat geräuschlos ein.
Es war die niedrig gewölbte Halle, in der ehedem die Leichen der Kaiser mit Salben und Brennstoffen für den Scheiterhaufen bereitet worden. Das schweigende Gelaß, mit dunkelgrünem Serpentin getäfelt, von kurzen dorischen Säulen aus schwarzem Marmor getragen, war nie von der Tageshelle beleuchtet: auch jetzt fiel auf die düstern byzantinischen Mosaiken auf dem Goldgrund der Wandplatten kein andres Licht als von den vier Pechfackeln, die an dem Steinsarkophag des jungen Königs mit unstetem Schimmer flackerten.
Dort lag er, auf einem tiefroten Purpurmantel, Helm, Schwert und Schild zu seinen Häupten.
Der alte Hildebrand hatte ihm einen Eichenkranz um die dunkeln Locken gewunden. Die edeln Züge ruhten in ernster, bleicher Schöne.
Zu seinen Füßen saß in langem Trauerschleier die hohe Gestalt der Regentin, das Haupt auf den linken Arm gestützt, der auf dem Sarkophage ruhte, der rechte hing schlaff herab. Sie konnte nicht mehr weinen.
Das Knistern der Pechflammen war das einzige Geräusch in dieser Grabesstille. -
Lautlos trat Cethegus ein, nicht unbewegt von der Poesie des Anblicks. Aber mit einem Zusammenziehen der Brauen war dies Gefühl wie ein Anflug von Mitleid erstickt. «Klarheit gilt es», sprach er zu sich selbst, «und Ruhe.» Leise trat er näher und ergriff die herabgesunkene Hand Amalaswinthens. «Erhebe dich, hohe Frau, du gehörst den Lebendigen, nicht den Toten.»
Erschrocken sah sie auf: «Du hier, Cethegus? Was suchst du hier?»
«Eine Königin.»
«Oh, du findest nur eine weinende Mutter!» rief sie schluchzend. - «Das kann ich nicht glauben. Das Reich ist in Gefahr, und Amalaswintha wird zeigen, daß auch ein Weib dem Vaterland den eignen Schmerz opfern kann.»
«Das kann sie», sagte sie, sich aufrichtend: «Aber sieh auf ihn hin. - Wie jung, wie schön -! Wie konnte der Himmel so grausam sein.» - «Jetzt oder nie», dachte Cethegus. «Der Himmel ist gerecht, streng, nicht grausam.»
«Wie redest du? Was hat mein edler Sohn verschuldet? Wagst du ihn anzuklagen?» - «Nicht ich! Doch eine Stelle der Heiligen Schrift hat sich erfüllt an ihm: Amalaswintha verhüllte ihr Antlitz. Sie hatte dem Sohn an seinem Sarge seine Auflehnung herzlich vergeben. Aber diese Auffassung, diese Worte ergriffen sie doch mächtig und zogen sie ab von ihrem Schmerz zur liebgewordenen Gewohnheit des Herrschens. «Du hast, o Königin, die Untersuchung gegen mich niederschlagen wollen und Witichis zurückberufen. Letzteres mag sein. Aber ich fordere die Durchführung des Prozesses und feierliche Freisprechung als mein Recht.» «Ich habe nie an deiner Treue gezweifelt. Weh mir, wenn ich es jemals müßte. Sage mir: ich weiß von keiner Verschwörung! und alles ist abgetan.» - Sie schien seine Beteuerung zu erwarten. Cethegus schwieg eine Weile. Dann sagte er ruhig: «Königin, ich weiß von einer Verschwörung.» «Was ist das?» rief die Regentin und sah ihn drohend an. -«Ich habe diese Stunde, diesen Ort gewählt», fuhr Cethegus mit einem Blick auf die Leiche fort, «dir meine Treue entscheidend zu besiegeln, daß sie dir unauslöschlich möge ins Herz geschrieben sein. Höre und richte mich. » «Was werd' ich hören?» sprach die Königin wachsam und fest entschlossen, sich weder täuschen noch erweichen zu lassen. «Ich wär' ein schlechter Römer, Königin, und du müßtest mich verachten, liebte ich nicht vor allem mein Volk. Dies stolze Volk, das selbst du, die Fremde, liebst. Ich wußte wie du es weißt -, daß der Haß gegen euch als Ketzer, als Barbaren in den Herzen fortglimmt. Die letzten strengen Taten deines Vaters hatten ihn geschürt. Ich ahnte eine Verschwörung. Ich suchte, ich entdeckte sie.» - «Und verschwiegst sie!» sprach die Regentin, zürnend sich erhebend. - «Und verschwieg sie. Bis heute. Die Verblendeten wollten die Griechen herbeirufen und nach Vernichtung der Goten sich dem Kaiser unterwerfen.» -«Die Schändlichen!» rief Amalaswintha heftig. - «Die Toren! Sie waren schon so weit gegangen, daß nur ein Mittel blieb, sie zurückzuhalten: ich trat an ihre Spitze, ich ward ihr Haupt.» -«Cethegus!» - «Dadurch gewann ich Zeit und konnte edle, wenn auch verblendete Männer von dem Verderben zurückhalten. Allgemach konnte ich ihnen die Augen darüber öffnen, daß ihr Plan, wenn er gelänge, nur eine milde mit einer despotischen Herrschaft vertauschen würde. Sie sahen es ein, sie folgten mir, und kein Byzantiner wird diesen Boden betreten, bis ich ihn rufe, ich - oder du.» «Ich! rasest du?» - «Nichts ist den Menschen zu verschwören!' sagt Sophokles, dein Liebling. Laß dich warnen, Königin, die du die dringendste Gefahr nicht siehst. Eine andre Verschwörung, viel gefährlicher als jene römische Schwärmerei, bedroht dich, deine Freiheit, das Herrschaftsrecht der Amaler, in nächster Nähe - eine Verschwörung der Goten.» - Amalaswintha erbleichte. «Du hast gestern zu deinem Schrecken ersehn, daß nicht deine Hand mehr das Ruder dieses Reiches führt. Ebensowenig dieser edle Tote, der nur ein Werkzeug deiner Feinde war. Du weißt es, Königin, viele in deinem Volk sind blutdürstende Barbaren, raubgierig, roh: sie möchten dies Land brandschatzen, wo Vergil und Tullius gewandelt. Du weißt, dein trotziger Adel haßt die Übermacht des Königshauses und will sich ihm wieder gleichstellen. Du weißt, die rauhen Goten denken nicht würdig von dem Beruf des Weibes zur Herrschaft.» - «Ich weiß es», sprach sie stolz und zornig. - «Aber nicht weißt du, daß alle diese Parteien sich geeinigt haben. Geeinigt gegen dich und dein römerfreundlich Regiment. Dich wollen sie stürzen oder zu ihrem Willen zwingen. Cassiodor und ich, wir sollen von deiner Seite fort. Unser Senat, unsre Rechte sollen fallen, das Königtum ein Schatten werden. Krieg mit dem Kaiser soll entbrennen. Gewalt, Erpressung, Raub über uns Römer hereinbrechen.» - «Du malst eitle Schreckbilder!» - «War ein eitles Schreckbild, was gestern geschah? Wenn nicht der Arm des Himmels eingriff, warst nicht du selbst wie ich der Macht beraubt? Warst du denn noch Herrin in deinem Reich, in deinem Hause? Sind sie nicht schon so mächtig, daß der heidnische Hildebrand, der bauerische Witichis, der finstre Teja in deines betörten Sohnes Namen offen deinem Willen trotzen? Haben sie nicht jene rebellischen drei Herzöge zurückberufen? Und deine widerspenstige Tochter und -» - «Wahr, zu wahr!» seufzte die Königin. «Wenn diese Männer herrschen dann lebt wohl, Wissenschaft und Kunst und edle Bildung! Leb' wohl, Italia, Mutter der Menschlichkeit! Dann lodert in Flammen auf, ihr weißen Pergamente, brecht in Trümmer, schöne Statuen. Gewalt und Blut wird diese Fluren erfüllen, und späte Enkel werden bezeugen: solches geschah unter Amalaswintha, der Tochter Theoderichs.» «Nie, niemals soll das geschehen! Aber -» «Du willst Beweise? Ich fürchte, nur zu bald wirst du sie haben. Du siehst jedoch schon jetzt: auf die Goten kannst du dich nicht stützen, wenn du jene Greuel verhindern willst. Gegen sie schützen nur wir dich, wir denen du ohnehin angehöret nach Geist und Bildung, wir Römer. Dann, wenn jene Barbaren lärmend deinen Thron umdrängen, dann laß mich jene Männer um dich scharen, die sich einst gegen dich verschworen, die Patrioten Roms: sie schützen dich und sich selbst zugleich.» «Cethegus», sprach die bedrängte Frau, «du beherrschest die Menschen leicht! Wer, sage mir, wer bürgt mir für die Patrioten, für deine Treue» «Dies Blatt, Königin, und dieses! Jenes enthält eine genaue Liste der römischen Verschworenen - du siehst, es sind viele hundert Namen: dies die Glieder des gotischen Bundes, die ich freilich nur erraten konnte. Aber ich rate gut. Mit diesen beiden Blättern geb' ich die beiden Parteien, geb' ich mich selbst ganz in deine Hand. Du kannst mich jeden Augenblick bei den Meinen selbst als Verräter entlarven, der vor allem deine Gunst gesucht, kannst mich preisgeben dem Haß der Goten - ich habe jetzt keinen Anhang mehr, sobald du willst: ich stehe allein, allein auf dem Boden deiner Gunst.» Die Königin hatte die Rolle mit leuchtenden Augen durchflogen. «Cethegus», rief sie jetzt, «ich will deiner Treue gedenken in dieser Stunde!» Und sie reichte ihm gerührt die Hand. Cethegus neigte leise das Haupt. «Noch eins, o Königin. Die Patrioten, fortan deine Freunde wie die meinen, wissen das Schwert des Verderbens, des Hasses der Barbaren über ihren Häuptern hangen. Die Erschrocknen bedürfen der Aufrichtung. Laß sie mich deines hohen Schutzes versichern: stelle deinen Namen an die Spitze dieses Blattes und laß mich ihnen dadurch ein sichtbares Zeichen deiner Gnade geben.» Sie nahm den goldnen Stift und die Wachstafel, die er ihr reichte. Einen Augenblick noch zögerte sie nachdenklich: dann aber schrieb sie rasch ihren Namen und gab ihm Griffel und Tafel zurück: «Hier, sie sollen mir treu bleiben, treu wie du.» Da trat Cassiodorus ein: «O Königin, die gotischen Großen harren dein. Sie begehren dich zu sprechen.» «Ich komme! Sie sollen meinen Willen vernehmen», sprach sie heftig: «du aber, Cassiodor, sei der erste Zeuge des Beschlusses, den diese ernste Stunde in mir gereift, den bald mein ganzes Reich vernehmen soll: hier der Präfekt von Rom ist hinfort der erste meiner Diener, wie er der treuste ist: sein ist der Ehrenplatz in meinem Vertrauen und an meinem Thron.» Staunend führte Cassiodor die Regentin die dunkeln Stufen hinan. Langsam folgte Cethegus. Er hob die Wachstafel in die Höhe und sprach zu sich selbst: «Jetzt bist du mein, Tochter Theoderichs. Dein Name auf dieser Liste trennt dich auf immer von deinem Volk.»
Als Cethegus aus dem unterirdischen Gewölbe wieder zu dem Erdgeschoß des Palastes aufgetaucht war und sich anschickte, der Regentin zu folgen, ward sein Ohr berührt und sein Schritt gefesselt durch feierliche, klagende Flötentöne. Er erriet, was sie bedeuteten.
Sein erster Antrieb war, auszuweichen. Aber alsbald entschloß er sich zu bleiben. «Einmal muß es doch geschehen, also am besten gleich», dachte er. «Man muß prüfen, wie weit sie unterrichtet ist.»
Immer näher kamen die Flöten, wechselnd mit eintönigen Klagegesängen. Cethegus trat in eine breite Nische des dunklen Ganges, in welchen schon die Spitze des kleinen Zuges einbog. Voran schritten paarweise sechs edle römische Jungfrauen in grauen Klageschleiern, gesenkte Fackeln in den Händen. Darauf folgte ein Priester, dem eine hohe Kreuzesfahne mit langen Wimpeln vorangetragen wurde. Hierauf eine Schar von Freigelassenen der Familie, angeführt von Corbulo, und die Flötenbläser. Dann erschiene von vier römischen Mädchen getragen, ein offener, blumenüberschütteter Sarg: da lag auf weißem Linnentuch die tote Kamilla, in bräutlichem Schmuck, einen Kranz von weißen Rosen um das schwarze Haar, ein Zug lächelnden Friedens spielte um den leicht geöffneten Mund. Hinter dem Sarg aber wankte, mit gelöstem Haar, stier vor sich hinblickend, die unselige Mutter, von Matronen umgeben, welche die Sinkende stützten. Eine Reihe von Sklavinnen schloß den Zug, der sich langsam in das Totengewölbe verlor.
Cethegus erkannte die schluchzende Daphnidion und hielt sie an. «Wann starb sie?» fragte er ruhig. - «Ach, Herr, vor wenigen Stunden! Oh, die gute, schöne, freundliche Domina!» - «Ist sie noch einmal erwacht zu vollem Bewußtsein?»
«Nein, Herr, nicht mehr. Nur ganz zuletzt schlug sie die großen Augen nochmal auf und schien rings umher zu suchen.
«Aber was sagt der Arzt? Wie konnte sie so plötzlich sterben?» - «Ach, der Arzt sah sie nur flüchtig; er hatte alle Gedanken bei der Königsleiche und die Herrin litt ja gar nicht, daß der fremde Mann ihre Tochter berühre. Das Herz ist ihr eben gebrochen: daran mag man wohl sterben! Aber still, sie kommen.» Der Zug ging in derselben Ordnung ohne den Sarg zurück. Daphnidion schloß sich an. Nur Rusticiana fehlte. Ruhig schritt Cethegus den einsamen Gang auf und nieder, sie zu erwarten.
Endlich stieg die gebrochne Gestalt die Stufen herauf. Sie wankte und drohte zu fallen. Da ergriff er rasch ihren Arm. «Rusticiana, fasse dich!»
«Du hier? O Gott, du hast sie auch geliebt! Und wir, wir beide haben sie ermordet!» Und sie brach auf seiner Schulter zusammen. «Schweig, Unselige!» flüsterte er, sich umsehend.
«Ach, ich, die eigne Mutter, habe sie getötet. Ich habe den Trank gemischt, der ihm den Tod gebracht.»
Gut, dachte er, sie ahnt also nicht, daß sie getrunken, geschweige, daß ich sie trinken sah. «Es ist ein grausamer Streich des Geschicks», sagte er laut; «aber bedenke, was sollte werden, wenn sie lebte? Sie liebte ihn!» - «Was werden sollte?» rief Rusticiana, von ihm zurücktretend.
«Oh, wenn sie nur lebte! Wer kann wider die Liebe? Wäre sie sein geworden, sein Weib - seine Geliebte, wenn sie nur lebte!» - «Aber du vergißt, daß er sterben mußte.» - «Mußte? Warum mußte er sterben? Auf daß du deine stolzen Pläne hinausführst! O Selbstsucht ohnegleichen!»
«Es sind deine Pläne, die ich ausführe, nicht die meinen; wie oft muß ich dir's wiederholen? Du hast den Gott der Rache heraufbeschworen, nicht ich: was klagst du mich an, wenn er Opfer von dir fordert? Besinne dich besser. Lebe wohl.»
Aber Rusticiana faßte heftig seinen Arm: «Und das ist alles? Und weiter hast du nichts, kein Wort, keine Träne für mein Kind? Und du willst mich glauben machen, um sie, um mich zu rächen habest du gehandelt? Du hast nie ein Herz gehabt. Du hast sie auch nicht geliebt - kalten Blutes siehst du sie sterben -ha, Fluch - Fluch über dich.» - «Schweig, Unsinnige.» -«Schweigen? Nein, reden will ich und dir fluchen. Oh, wüßt' ich etwas, das dir wäre, was mir Kamilla war! Oh, müßtest du, wie ich, deines ganzen Lebens letzte, einzige Freude fallen sehen, fallen sehen und verzweifeln. Wenn ein Gott im Himmel ist, wirst du das erleben.»
Cethegus lächelte.
«Du glaubst an keine Macht im Himmel, die vergelte? Wohlan, glaub' an die Rache einer jammervollen Mutter! Du sollst erzittern! Ich eile zur Regentin und entdecke ihr alles! Du sollst sterben!» - «Und du stirbst mit mir.»
«Mit lachenden Augen, wenn ich dich verderben sehe.» Und sie wollte hinweg. Aber Cethegus ergriff sie mit starkem Arm. «Halt, Weib. Glaubst du, man sieht sich nicht vor mit deinesgleichen? Deine Söhne, Anicitis und Severinus, die Verbannten, sind heimlich in Italien, in Rom, in meinem Hause. Du weißt, auf ihre Rückkehr steht der Tod. Ein Wort - und sie sterben mit uns: dann magst du deinem Gatten auch die Söhne, wie die Tochter, als durch dich gefallen zuführen. Ihr Blut über dein Haupt.» Und rasch war er um die Ecke des Ganges biegend verschwunden.
«Meine Söhne!» rief Rusticiana und brach auf dem Marmorestrich zusammen.
Wenige Tage darauf verließ die Witwe des Boethius mit Corbulo und Daphnidion den Königshof für immer. Vergebens suchte die Regentin sie zu halten.
Der treue Freigelassene führte sie zurück auf die verborgene Villa bei Tifernum, die je verlassen zu haben sie jetzt tief bedauerte. Sie baute daselbst, an der Stelle des kleinen Venustempels, eine Basilika, in deren Krypta eine Urne mit den Herzen der beiden Liebenden beigesetzt wurde.
Ihre leidenschaftliche Seele verband mit dem Gebet für das Heil ihres Kindes unzertrennlich die Bitte der Rache an Cethegus, dessen wahre Beteiligung an Kamillens Tod sie nicht einmal ahnte: nur das durchschaute sie, daß er Mutter und Tochter als Werkzeuge seiner Pläne gebraucht und in herzloser Kälte des Mädchens Glück und Leben aufs Spiel gesetzt hatte.
Und kaum minder unablässig als das Licht der daselbst gestifteten ewigen Lampe stieg das Gebet und der Fluch der vereinsamten Mutter zum Himmel empor.
Die Stunde sollte nicht ausbleiben, die ihr die Schuld des Präfekten ganz enthüllte, und auch die Rache nicht, die sie dafür vom Himmel niederrief.
Am Hofe von Ravenna aber wurde ein zäher und grimmiger Kampf geführt.
Die gotischen Patrioten, obwohl durch den plötzlichen Untergang ihres jugendlichen Königs schwer betrübt und für den Augenblick überwunden, wurden doch von ihren unermüdlichen Führern bald wieder aufgerafft. Das hohe
Ansehen des alten Hildebrand, die ruhige Kraft des zurückberufenen Witichis und Tejas wachsamer Eifer wirkten unablässig. Wir haben gesehen, wie es diesen Männern gelungen war, Athalarich zur Abschüttelung der Oberleitung seiner Mutter zu verhelfen. Jetzt gelang es ihnen leicht, unter den Goten immer mehr Anhang zu finden gegen eine Regentschaft, in welcher der ihnen als Hochverräter verhaßte Cethegus mehr als je in den Vordergrund trat. Die Stimmung im Heer, in der germanischen Bevölkerung von Ravenna war genügend zu einem entscheidenden Schlage vorbereitet. Mit Mühe hielt der alte Waffenmeister die Unzufriedenen zurück, bis sie, durch wichtige Bundesgenossen verstärkt, desto sicherer siegen könnten.
Diese Bundesgenossen waren die drei Herzöge Thulun, Ibba und Pitza, die Amalaswintha vom Hofe verscheucht und ihr Sohn soeben zurückberufen hatte. Thulun und Ibba waren Brüder, Pitza ihr Vetter.
Ein andrer Bruder der ersteren, Herzog Alarich, war vor Jahren wegen angeblicher Verschwörung zum Tode verurteilt und seit seiner Flucht verschollen.
Sie stammten aus dem berühmten Geschlecht der Balten, das bei den Westgoten die Königskrone getragen hatte und den Amalungen kaum nachstand an Alter und Ansehn. Ihr Stammbaum führte, wie der des Königshauses, bis zu den Göttern hinauf. Ihr Reichtum an Grundbesitz und abhängigen Colonen und der Ruhm ihrer Kriegstaten erhöhten Macht und Glanz ihres Hauses. Man sagte im Volk, Theoderich habe eine Zeitlang daran gedacht, mit Übergehung seiner Tochter und ihres unmündigen Knaben, zum Heile des Reiches den kräftigen Herzog Thulun zu seinem Nachfolger zu bestellen.
Und die Patrioten waren jetzt, nach dem Tode Athalarichs, entschlossen, für den äußersten Fall, das heißt, wenn die Regentin von ihrem System nicht abzubringen sei, jene Gedanken wieder aufzunehmen.
Cethegus sah das Gewitter heranziehen: er sah, wie das gotische Volksbewußtsein, von Hildebrand und seinen Freunden wachgerufen, sich immer heftiger gegen die romanisierende Regentschaft sträubte.
Mit Unmut gestand er sich, daß es ihm an wirklicher Macht fehle, diese Unzufriedenheit niederzuhalten. Ravenna war nicht sein Rom, wo er die Werke beherrschte, wo er die Bürger wieder an die Waffen gewöhnt und an seine Person gefesselt hatte; hier waren alle Truppen Goten, und er mußte fürchten, daß sie einen Haftbefehl gegen Hildebrand oder Witichis mit offenem Aufruhr beantworten würden. So faßte er den kühnen Gedanken, mit einem Zug sich aus den Netzen, die ihn zu Ravenna umstrickten, herauszureißen: er beschloß, die Regentin, nötigenfalls mit Gewalt, nach Rom zu bringen, nach seinem Rom, dort hatte er Waffen, Anhang, Macht. Dort war Amalaswintha ausschließlich in seiner Gewalt, und die Goten hatten das Nachsehen.
Zu seiner Freude ging die Regentin lebhaft auf seinen Plan ein. Sie sehnte sich hinweg aus diesen Mauern, wo sie mehr eine Gefangene als eine Herrscherin erschien. Sie verlangte nach Rom, nach Freiheit und Macht. Rasch wie immer traf Cethegus seine Maßregeln. Auf den kürzren Weg zu Lande mußte er verzichten, da die große Via flaminia sowohl als die andern Straßen von Ravenna nach Rom durch gotische Scharen, die Witichis befehligte, bedeckt waren und daher zu fürchten stand, daß ihre Flucht auf diesem Wege zu früh entdeckt und vielleicht verhindert würde. So mußte er sich entschließen, einen Teil des Weges zur See zurückzulegen: aber auf die gotischen Schiffe im Hafen von Ravenna konnte man zu einem solchen Zweck nicht zählen.
Zum Glück erinnerte sich der Präfekt, daß der Nauarch Pomponius, einer der Verschworenen, mit drei Trieren zuverlässiger, d. h. römischer Bemannung an der Ostküste des Adriatischen Meeres, zwischen Ancona und Teate, auf afrikanische Seeräuber Jagd machend, kreuzte. Diesem sandte er Befehl, in der Nacht des Epiphaniafestes in der Bucht von Ravenna zu erscheinen. Er hoffte, vom Garten des Palastes aus, unter dem Schutz der Dunkelheit und während kirchliche und weltliche Festfeier die Stadt beschäftigte, leicht und sicher mit Amalaswintha die Schiffe zu erreichen, die sie zur See über die großen Stellungen hinaus bis nach Teate bringen sollten: von da aus war der Weg nach Rom kurz und ungefährdet.
Diesen Plan im Bewußtsein - sein Bote kam glücklich hin und zurück mit dem Versprechen des Pomponius, pünktlich einzutreffen -, lächelte der Präfekt zu dem täglich wachsenden, trotzigen Haß der Goten, die seine Günstlingsstellung bei Amalaswintha mit Ingrimm betrachteten. Er ermahnte diese, geduldig auszuharren und nicht durch einen Ausbruch ihres königlichen Zornes über die «Rebellen» vor dem Tag der Befreiung einen Zusammenstoß herbeizuführen, der leicht alle Pläne der Rettung vereiteln konnte.
Das Epiphaniafest war gekommen: das Volk wogte in dichten Massen in den Basiliken, auf den Plätzen der Stadt. Die Kleinodien des Schatzes lagen geordnet und gepackt bereit, ebenso die wichtigsten Urkunden des Archivs. Es war Mittag. Amalaswintha und der Präfekt hatten soeben ihren Freund Cassiodor von dem Plan unterrichtet, dessen Kühnheit ihn anfangs erschreckte, dessen Klugheit ihn alsbald gewann. Sie wollten gerade aus dem Gemach der Beratung aufbrechen, als plötzlich der Lärm des Volkes, das vor dem Palast auf und nieder flutete, lauter und heftiger anschwoll. Drohungen, Jubelrufe, Waffenklirren wild durcheinander.
Cethegus schlug den Vorhang des großen Rundbogenfensters zurück: doch er sah nur noch die letzten Reihen der Menge nachdrängen in die offenen Tore des Palastes. Die Ursache der Aufregung war nicht zu entdecken.
Aber schon stieg im Palatium das Getöse die Treppen hinan, Zank mit der Dienerschaft wurde hörbar, einzelne
Waffenschläge, bald nahe, schwere Tritte. Amalaswintha bebte nicht: fest hielt sie den Drachenknauf des Thronstuhles, auf den Cassiodor sie zurückgeführt.
Cethegus warf sich indessen den Andringenden entgegen. «Halt», rief er, unter der Tür des Gemaches hinaus, «die Königin ist für niemand sichtbar.»
Einen Augenblick lautlose Stille.
Dann rief eine kräftige Stimme: «Wenn für dich, Römer, auch für uns, für ihre gotischen Brüder. Vorwärts!»
Und wieder erhob sich das Brausen der Stimmen, und im Augenblick war Cethegus, ohne Anwendung bestimmter Gewalt, von dem Andrang der Masse wie von unwiderstehlicher Meeresflut bis weit in den Hintergrund des Saales zurückgeschoben, und die Vordersten im Zuge standen dicht vor dem Thron.
Es waren Hildebrand, Witichis, Teja, ein baumlanger Gote, den Cethegus nicht kannte, und neben ihm - es litt keinen Zweifel - die drei Herzoge Thulun, Ibba und Pitza, in voller Rüstung, drei prachtvolle Kriegergestalten. Die Eingedrungenen neigten sich vor dem Thron. Dann rief Herzog Thulun nach rückwärts gewendet mit der Handbewegung eines geborenen Herrschers: «Ihr, gotische Männer, harret noch draußen eine kurze Weile; wir wollen's in eurem Namen mit der Regentin zu schlichten suchen. Gelingt es nicht so rufen wir euch auf zur Tat - ihr wißt, zu welcher.»
Willig und mit Jubelrufen zogen sich die Scharen hinter ihm zurück und verloren sich bald in den Gängen und Hallen des Schlosses.
«Tochter Theoderichs», hob der Herzog Thulun an, das Haupt zurückwerfend, «wir sind gekommen, weil uns dein Sohn, der König, zurückberufen. Leider finden wir ihn nicht mehr am Leben. Wir wissen, daß du uns nicht gerne hier siehst.»
«Wenn ihr das wißt», sprach Amalaswintha mit Hoheit, «wie könnt ihr wagen, dennoch vor unser Angesicht zu treten? Wer gestattet euch, wider unsern Willen zu uns zu dringen?» - «Die Not gebeut es, hohe Frau, die Not, die schon stärkere Riegel gebrochen als eines Weibes Laune. Wir haben dir die Forderungen deines Volkes vorzutragen, die du erfüllen wirst.» -«Welche Sprache! Weißt du, wer vor dir steht, Herzog Thulun?» - «Die Tochter der Amalungen, deren Kind ich ehre, auch wo es irrt und frevelt.» - «Rebell!» rief Amalaswintha und erhob sich majestätisch vom Throne, «dein König steht vor dir.» Aber Thulun lächelte: «Du würdest klüger tun, Amalaswintha, von diesem Punkt zu schweigen. König Theoderich hat dir die Mundschaft über deinen Sohn übertragen, dem Weibe: das war wider Recht, aber wir Goten haben ihm nicht eingeredet in seine Sippe. Er hat diesen Sohn zum Nachfolger gewünscht, den Knaben: das war nicht klug. Aber Adel und Volk der Goten haben das Blut der Amalungen geehrt und den Wunsch eines Königs, der sonst weise war. Niemals jedoch hat er gewünscht, und niemals hätten wir gebilligt, daß nach jenem Knaben ein Weib über uns herrschen solle, die Spindel über die Speere.»
«So wollt ihr mich nicht mehr anerkennen als eure Königin?» rief sie empört. «Und auch du, Hildebrand, alter Freund Theoderichs, auch du verleugnest seine Tochter?»
«Frau Königin», sprach der Alte, «wollest du selbst verhüten, daß ich dich verleugnen muß.»
Thulun fuhr fort: «Wir verleugnen dich nicht - noch nicht. Jenen Bescheid gab ich nur, weil du auf dein Recht pochst, und weil du wissen mußt, daß du ein Recht nicht hast.
Aber weil wir gern den Adel des Blutes ehren - wir ehren damit uns selbst -, und weil es in diesem Augenblick zu bösem Zwiespalt im Reich führen könnte, wollten wir dir die Krone absprechen, so will ich dir die Bedingungen sagen, unter denen du sie fürder tragen magst.»
Amalaswintha litt unsäglich: wie gern hätte sie das stolze
Haupt, das solche Worte sprach, dem Henker geweiht. Und machtlos mußte sie das dulden! Tränen wollten in ihr Auge dringen: sie preßte sie zurück, aber erschöpft sank sie auf ihren Thron, von Cassiodor gestützt.
Cethegus war indessen an ihre andre Seite getreten: «Bewillige alles!» raunte er ihr zu, «'s ist alles erzwungen und nichtig. Und heute nacht noch kommt Pomponius.»
«Redet», sprach Cassiodor, «aber schont des Weibes, ihr Barbaren.»
«Ei», lachte Herzog Pitza, «sie will ja nicht als Weib behandelt sein: sie ist ja unser König.»
«Ruhig, Vetter», verwies ihn Herzog Thulun, «sie ist von edlem Blut wie wir.»
«Fürs erste», fuhr er fort, «entläßt du aus deiner Nähe den Präfekten von Rom. Er gilt für einen Feind der Goten. Er darf nicht die Gotenkönigin beraten. An seine Stelle bei deinem Thron tritt Graf Witichis.»
«Bewilligt!» sagte Cethegus selbst, statt Amalaswinthas.
«Fürs zweite erklärst du in einem Manifest, daß fortan kein Befehl von dir vollziehbar, der nicht von Hildebrand oder Witichis unterzeichnet, daß kein Gesetz ohne Genehmigung der Volksversammlung gültig ist.»
Die Regentin fuhr zornig auf, aber Cethegus hielt ihren Arm nieder. «Heute nacht kommt Pomponius!» flüsterte er ihr zu. Dann rief er laut: «Auch das wird zugestanden.»
«Das dritte», hob Thulun wieder an, «wirst du so gern gewähren, als wir es empfanden. Wir drei Balten haben nicht gelernt, in der Hofburg die Häupter zu bücken: Das Dach ist uns zu niedrig hier. Amaler und Balten leben am besten weit voneinander - wie Adler und Falk. Und das Reich bedarf unsres Arms an seinen Marken. Die Nachbarn wähnen, das Land sei verwaiset, seit dein großer Vater ins Grab stieg. Awaren,
Gepiden, Sklavenen springen ungescheut über unsre Grenzen. Diese drei Völker zu züchtigen, rüstest du drei Heere, je zu dreißig Tausendschaften, und wir drei Balten führen sie als deine Feldherrn nach Osten und nach Norden.»
Die ganze Waffenmacht obendrein in ihre Hände: nicht übel! dachte Cethegus. «Bewilligt», rief er lächelnd.
«Und was bleibt mir», fragte Amalaswintha, «wenn ich all das euch dahingegeben?»
«Die goldene Krone auf der weißen Stirn», sagte Herzog Ibba.
«Du kannst ja schreiben wie ein Grieche», begann Thulun aufs neue. «Wohlan, man lernt solche Künste nicht umsonst. Hier dies Pergament soll enthalten - mein Sklave hat es aufgezeichnet - was wir fordern.»
Er reichte es Witichis zur Prüfung: «Ist es so? Gut. Das wirst du unterschreiben, Fürstin. - So, wir sind fertig. Jetzt sprich du, Hildebad, mit jenem Römer.»
Doch vor ihn trat Teja, die Rechte am Schwert, zitternd vor Haß: «Präfekt von Rom», sagte er, «Blut ist geflossen, edles, teures, gotisches Blut. Es weiht ihn ein, den grimmen Kampf, der bald entbrennen wird. Blut, das du büßen» - der Zorn erstickte seine Stimme.
«Pah», rief, ihn zurückschiebend, Hildebad - denn er war der baumlange Gote, «macht nicht so viel Aufhebens davon! Mein goldner Bruder kann leicht etwas missen von überflüssigem Blut. Und der andre hat mehr verloren, als er missen kann. Da, du schwarzer Teufel», rief er Cethegus zu und hielt ihm ein breites Schwert dicht vor die Augen, «kennst du das?»
«Des Pomponius Schwert!» rief dieser erbleichend und einen Schritt zurückweichend. Amalaswintha und Cassiodor fragten erschrocken: «Pomponius?»
«Aha», lachte Hildebad, «nicht wahr, das ist schlimm? Ja, aus der Wasserfahrt kann nichts werden.»
«Wo ist Pomponius, mein Nauarch?» rief Amalaswintha heftig.
«Bei den Haifischen, Frau Königin, in tiefer See.»
«Ha, Tod und Vernichtung!» rief Cethegus, jetzt fortgerissen vor Zorn, «wie geht das zu?»
«Lustig genug. Sieh, mein Bruder Totila - du kennst ihn ja, nicht wahr? - lag im Hafen von Ancona mit zwei kleinen Schiffen. Dein Freund Pomponius, der machte ihm seit einigen Tagen ein so übermütiges Gesicht und ließ so dicke Worte fallen, daß es selbst meinem arglosen Blonden auffiel. Plötzlich ist er eines Morgens mit seinen drei Trieren aus dem Hafen entwischt. Totila schöpfte Verdacht, setzt alle Leinwand auf, fliegt ihm nach, holt ihn ein auf der Höhe von Pisaurum, stellt ihn, geht zu ihm an Bord mit mir und ein paar andern und fragt ihn wohinaus?»
«Er hatte kein Recht dazu, Pomponius wird ihm keine Antwort gegeben haben.»
«Doch, Vortrefflicher, er gab ihm eine. Wie der sah, daß wir zu sieben allein auf seinem Schiff, da lachte er und rief: Schwert, sein Geschenk, zurück und sagt ihm, es kann keiner wider den Tod: sonst hätte ich Wort gehalten.> Ich hab's ihm gelobt, es zu bestätigen. Er war ein tapferer Mann. Hier ist das Schwert.» Schweigend nahm es Cethegus. «Die Schiffe ergaben sich, und mein Bruder führte sie zurück nach Ancona. Ich aber segelte mit dem schnellen hierher und traf am Hafen mit den drei Balten zusammen, gerade zur rechten Zeit.» Eine Pause trat ein, in welcher die Überwundnen ihre böse Lage schmerzlich überdachten. Cethegus hatte ohne Widerstand alles bewilligt in der sicheren Hoffnung auf die Flucht, die nun vereitelt war. Sein schönster Plan war durchkreuzt, durchkreuzt von Totila: tief grub der Haß diesen Namen in des Präfekten Seele. Sein grimmiges Rachesinnen ward erst durch den Ausruf Thuluns gestört: «Nun, Amalaswintha, willst du unterzeichnen? Oder sollen wir die Goten zur Wahl eines Königs berufen?» Rasch fand bei diesen Worten Cethegus die Fassung wieder: er nahm die Wachstafel aus der Hand des Grafen und reichte sie ihr hin: «Du mußt, o Königin», sagte er leise, «es bleibt dir keine Wahl.» Cassiodor gab ihr den Griffel, sie schrieb ihren Namen, und Thulun nahm die Tafel zurück. «Wohl», sagte er, «wir gehn, den Goten zu verkünden, daß ihr Reich gerettet ist. Du, Cassiodor, begleitest uns, zu bezeugen, daß alles ohne Gewalt geschehen ist.» Auf einen Wink Amalaswinthens gehorchte der Senator und folgte den gotischen Männern hinaus auf das Forum vor dem Schlosse. Als sie sich mit Cethegus allein sah, sprang die Fürstin heftig auf: nicht länger gebot sie ihren Tränen. Leidenschaftlich schlug sie die Hand vor die Stirn. Ihr Stolz war aufs tiefste gebeugt. Schwerer als des Gatten, des Vaters, ja selbst Athalarichs Verlust traf diese Stunde ihr Herz. «Das», rief sie laut weinend, «das also ist die Überlegenheit der Männer. Rohe, plumpe Gewalt! O Cethegus, alles ist verloren.» «Nicht alles, Königin, nur ein Plan. Ich bitte um ein gnädiges Andenken», setzte er kalt hinzu, «ich gehe nach Rom.» «Wie? Du verläßt mich in diesem Augenblick? Du, du hast mir all diese Versprechungen abgewonnen, die mich entthronen, und nun scheidest du? O besser, ich hätte widerstanden, dann wär' ich Königin geblieben, hätten sie auch jenem Rebellenherzog die Krone aufgesetzt.» Jawohl, dachte Cethegus, besser für dich, schlimmer für mich. Nein, kein Held soll mehr diese Krone tragen. - Rasch hatte er erkannt, daß Amalaswintha ihm nichts mehr nützen könne - und rasch gab er sie auf. Schon sah er sich nach einem neuen Werkzeug für seine Pläne um. Doch beschloß er, ihr einen Teil seiner Gedanken zu enthüllen, damit sie nicht auf eigne Faust handelnd jetzt noch ihre Versprechungen widerrief und dadurch Thulun die Krone zuwende. «Ich gehe, o Herrin», sprach er, «doch ich verlasse dich darum nicht. Hier kann ich dir nichts mehr nützen. Man hat mich aus deiner Nähe verbannt, und man wird dich hüten, eifersüchtig wie eine Geliebte.» «Aber was soll ich tun mit diesen Versprechungen, mit diesen drei Herzogen?» «Abwarten, zunächst dich fügen. Und die drei Herzoge», setzte er zögernd bei - «die ziehn ja in den Krieg - vielleicht kehren sie nicht zurück.» «Vielleicht!» seufzte die Regentin. «Was nützt ein Vielleicht!» Cethegus trat fest auf sie zu: «Sie kehren nicht zurück sobald du's willst.» Erschrocken bebte die Frau: «Mord? Entsetzlicher, was sinnst du?» - «Das Notwendige. Mord ist das falsche Wort dafür. Es ist Notwehr. Oder Strafe. Hättest du in dieser Stunde die Macht, du hättest das volle Recht, sie zu töten. Sie sind Rebellen. Sie zwingen deinen königlichen Willen. Sie erschlagen deinen Nauarchen, den Tod haben sie verdient.» «Und sie soll'n ihn finden», flüsterte Amalaswintha, die Faust ballend, vor sich hin, «sie soll'n nicht leben, die rohen Männer, die eine Königin gezwungen. Du hast recht - sie sollen sterben.» «Sie müssen sterben - sie, und», fügte er ingrimmig bei, «und - der junge Seeheld!» «Warum auch Totila? Er ist der schönste Jüngling meines Volkes.» «Er stirbt», knirschte Cethegus, «oh, könnt er zehnmal sterben.» Und aus seinem Auge sprühte eine Glut des Hasses, die, plötzlich aus der eisigkalten Natur brechend, Amalaswintha in Schrecken überraschte. «Ich schicke dir», fuhr er rasch und leise fort, «aus Rom drei vertraute Männer, isaurische Söldner. Die sendest du den drei Balten nach, sobald sie in ihren Heerlagern eingetroffen. Hörst du, du sendest sie, die Königin: denn sie sind Henker, keine Mörder. Die drei müssen an einem Tage fallen. -Für den schönen Totila sorge ich selbst! Der Schlag wird alles erschrecken. In der ersten Bestürzung der Goten eile ich von Rom herbei. Mit Waffen, dir zur Rettung. Leb' wohl.» Er verließ rasch die Hilflose, an deren Ohr in diesem Augenblick von dem Forum vor dem Palatium jubelndes Freudengeschrei der Goten schlug, die den Erfolg ihrer Führer, die Besiegung Amalaswinthas feierten. Sie fühlte sich ganz verlassen. Daß die letzte Verheißung des Präfekten kaum mehr als ein leeres Trostwort zur Beschönigung seines Abgangs war, ahnte sie mit banger Seele. Gramvoll stützte sie die Wange auf die schöne Hand und verlor sich eine Weile finster in ihren ratlosen Gedanken. Da rauschten die Vorhänge des Gemaches: ein Palastbeamter stand vor ihr: «Gesandte von Byzanz bitten um Gehör. Justinus ist gestorben: Kaiser ist sein Neffe Justinian. Er bietet dir seinen brüderlichen Gruß und seine Freundschaft.» «Justinianus!» rief die ginze Seele der bedrängten Frau. Sie sah sich ihres Sohnes beraubt, von ihrem Volk bedroht, von Cethegus verlassen: ringsumher hatte sie in trüben Sinnen vergeblich Hilfe und Halt gesucht, und aufatmend aus tiefer Brust wiederholte sie jetzt: «Byzanz - Justinianus!»
In den Waldbergen von Fiesole findet heutzutage der Wanderer, der von Florenz heranzieht, rechts von der Straße die Ruinen eines ausgedehnten, villenartigen Gebäudes.
Efeu, Steinbrech und Wildrosen haben um die Wette die Trümmer überkleidet: die Bauern des nahen Dorfes haben seit Jahrhunderten Steine davongetragen, die Erde ihrer Weingärten an den Hügelrändern aufzudämmen. Aber noch immer bezeichnen die Reste deutlich, wo die Säulenhalle vor dem Hause, wo das Mittelgebäude, wo die Hofmauer stand. Üppig wuchert das Unkraut auf dem Wiesgrund, wo dereinst der schöne Garten in Zier und Ordnung prangte: nichts davon hat sich erhalten als das breite Marmorbecken eines längst vertrockneten Brunnens, in dessen kiesigem Rinnsal sich jetzt die Eidechse sonnt.
Aber in den Tagen, von denen wir erzählen, sah es hier viel anders aus. «Die Villa des Mäzen bei Fäsulä», wie man das Gelände damals, wohl mit wenig Fug, benannte, war von glücklichen Menschen bewohnt, das Haus von vorsorglicher Frauenhand bestellt, der Garten von hellem Kindeslachen belebt. Zierlich war die rankende Klematis hinaufgebunden an den schlanken Schäften der korinthischen Säulen vor dem Haus, und der Wein zog freundlich schmückend über das flache Dach. Mit weißem Sande waren die schlängelnden Wege des Gartens bestreut, und in den Nebengebäuden, die der Wirtschaft dienten, glänzte eine Reinlichkeit, wartete stille Ordnung, die nicht auf römische Sklavenhände raten ließ.
Es war um Sonnenuntergang.
Die Knechte und Mägde kehrten von den Feldern zurück: die hoch mit Heu beladenen Wagen, mit Rossen nichtitalischer Zucht bespannt, schwankten heran: von den Hügeln herunter trieben die Hirten Ziegen und Schafe herzu, von großen zottigen Hunden umbellt.
Dicht vor dem Hoftor gab es die lebendigste Szene des bunten Schauspiels: ein paar römische Sklaven trieben mit tobenden Gebärden und gellendem Geschrei die keuchenden Pferde eines grausam überladnen Wagens an: nicht mit Peitschenhieben, sondern mit Stöcken, deren Eisenspitzen sie den Tieren immer in dieselbe wunde Stelle stießen. Nur ruckweise ging es trotzdem vorwärts. Jetzt lag ein großer Stein vor dem linken Vorderrad, jeden Fortschritt unmöglich machend. Aber der wütige Italier sah es nicht.
«Vorwärts, Bestie, und Kind einer Bestie», schrie er dem zitternden Rosse zu, «vorwärts, du gotisches Faultier!» Und ein neuer Streich mit dem Stachel und ein neuer verzweifelter Ruck: aber das Rad ging nicht über den Stein, das gequälte Tier stürzte in die Knie und drohte den Wagen mit umzureißen. Darüber wurde der Treiber erst recht grimmig. «Warte, du Racker!» schrie er und schlug nach dem Auge des zuckenden Rosses. Aber nur einmal schlug er, im nächsten Augenblick stürzte er selbst wie blitzgetroffen unter einem mächtigen Streiche nieder.
«Davus, du boshafter Hund!» brüllte eine Bärenstimme, und über dem Gefallenen stand schier nochmal so lang und gewiß nochmal so breit wie der erschrockene Tierquäler ein ungeheurer Gote, einen derben Knüttel wiederholt auf den Rücken des Schreienden schwingend.
«Du elender Neidling», schloß er mit einem Fußtritt, «ich will dich lehren, umgehn mit einem Geschöpf, das sechsmal besser ist als du. Ich glaube, du Schandbub quälst den Hengst, weil er von jenseits der Berge ist. Noch einmal laß mich das sehn, und ich zerbreche dir alle Knochen im Leibe. Jetzt auf und abgeladen: du trägst alle Schwaden, die zuviel sind, auf deinem eignen Rücken in die Scheuer. Vorwärts.»
Mit einem giftigen Blick stand der Gezüchtigte auf und schickte sich hinkend an, zu gehorchen.
Der Gote hatte das zuckende Roß sogleich aufgerichtet und wusch ihm jetzt sorglich die geschürften Knie mit seinem eignen Abendtrunk von Wein und Wasser.
Kaum war er damit zu Ende, als ihn vom nahen Stall her dringend eine helle Knabenstimme rief: «Wachis, hierher, Wachis!» - «Komme schon, Athalwin, mein Bursch, was gibt's?» - und schon stand er in der offnen Türe des Pferdestalles, neben einem schönen Knaben von sieben bis acht Jahren, der sich heftig die langen, gelben Haare aus dem erglühenden Antlitz strich und mit Mühe in den himmelblauen Augen zwei Tränen des Zornes zerdrückte. Er hatte ein zierlich geschnitztes Holzschwert in der Rechten und hob es drohend gegen einen schwarzbraunen Sklaven, der mit gebognem Nacken und mit geballten Fäusten trotzig ihm gegenüberstand.
«Was gibt's da?» wiederholte Wachis über die Schwelle tretend.
«Der Rotschimmel hat wieder nichts zu saufen, und sieh nur, zwei Bremsen haben sich eingezogen oben an seinem Bug, wo er mit der Mähne nicht hinreichen kann und ich nicht mit der Hand, und der böse Cacus da, wie ich's ihm sage, will mir nicht folgen, und gewiß hat er mich geschimpft auf römisch, was ich nicht verstehe.» Wachis trat drohend näher.
«Ich habe nur gesagt», sprach Cacus langsam zurückweichend: «erst ess' ich meine Hirse, das Tier mag warten; bei uns zu Lande kommt der Mensch vor dem Vieh.» -«So, du Tropf?» sagte Wachis, die Bremsen erschlagend, «bei uns kommt das Roß vor dem Reiter zum Futter; mach vorwärts.»
Aber Cacus war stark und trotzig; er warf den Kopf auf und sagte: «Wir sind hier in unserm Land - da gilt unser Brauch.» -«Eia, du verfluchter Schwarzkopf, wirst du gehorchen?» sprach Wachis ausholend. - «Gehorchen? Nicht dir! Du bist auch nur ein Sklave wie ich: und meine Eltern haben schon hier im Hause gelebt, als deinesgleichen noch Küh' und Schafe stahlen jenseits der Berge.» Wachis ließ den Knüttel fallen und wiegte seine Arme: «Höre, Cacus, ich habe ohnehin noch einen Span mit dir, du weißt schon, was für einen. Jetzt geht's in einem hin.» -«Ha», lachte Cacus höhnisch, «wegen Liuta, der Flachsdirn? Pah, ich mag sie nicht mehr, die Barbarin. Sie tanzt wie eine Jungkuh.» - «Jetzt ist's aus mit dir», sagte Wachis und schritt auf seinen Gegner zu. Aber dieser wandte sich wie eine Katze aus dem Griff des Goten, riß ein spitzes Messer aus der Brustfalte des Wollrocks und warf es nach ihm: da sich Wallis bückte, sauste es haarscharf an seinem Kopf vorbei und fuhr tief in den Pfosten der Tür. «Na, warte, du Mordwurm!» rief der Germane und wollte sich auf Cacus werfen; da fühlte er sich von hinten umklammert.
Es war Davus, der die Gelegenheit der Rache scharf erpaßt hatte.
Aber jetzt ward Wachis sehr zornig.
Er schüttelte ihn ab, packte ihn mit der Linken am Genick, erwischte mit der Rechten Cacus an der Brust und stieß nun mit Bärenkraft seinen beiden Gegnern die Köpfe zusammen, jeden Stoß mit einem Ausruf begleitend: «So, meine Jungen - das für das Messer - und das für den Rückensprung - und den für die Jungkuh» - und wer weiß, wie lange diese seltsame Litanei noch fortgedauert haben würde, hätte sie nicht ein lautes Rufen gestört.
«Wachis - Cacus - auseinander, sag' ich!» rief eine volle starke Frauenstimme, und vor der Tür erschien ein stattliches Weib in blauem, gotischem Gewand. Sie war nicht groß und doch imposant: ihr schöner Bau eher mächtig als zart. Die goldbraunen Haare waren in reichen, doch einfachen Flechten um das runde Haupt geschlungen, die Züge regelmäßig, aber eher fest als fein gezeichnet. Geradheit, Tüchtigkeit, Verlässigkeit sprachen aus den fast allzugroßen graublauen Augen: die unbedecktem vollen Arme zeigten, daß sie der Arbeit nicht fremd. An ihrem breiten Gürtel, über den das braune Untergewand von selbstgewirktem Zeuge bauschte, klirrte ein Bund von Schlüsseln: die Linke stemmte sie ruhig in die Hüfte, und befehlend streckte sie die Rechte vor sich hin.
«Eia, Rauthgundis, strenge Frau», sagte Wachis loslassend, «mußt du denn überall die Augen haben?»
«Überall, wo mein Gesinde Unfug treibt. Wann werdet ihr lernen, euch zu vertragen? Euch Welschen fehlt der Herr im Hause. Aber du, Wachis, solltest nicht auch der Hausfrau Verdruß machen. Komm, Athalwin, mit mir.» Und sie führte den Knaben an der Hand mit fort.
Sie ging in dein Seitenhof und füllte aus einer Truhe Körner in ihr Gewand, die Hühner und Tauben zu füttern, die sie sogleich dicht umdrängten.
Athalwin sah eine Weile schweigend zu. Endlich sagte er: «Du, Mutter, ist's wahr? Ist der Vater ein Räuber?»
Rauthgundis hielt inne in ihrem Tun und sah das Kind an: «Wer hat das gesagt?»
«Wer? Ei, des Nachbars Calpurnius Neffe. Wir spielten auf dem großen Heuhaufen seiner Wiese drüben überm Zaun, und ich zeigte ihm, wie weit das Land uns gehöre rechts vom Zaun weit und breit - soweit unsre Knechte mähten und fern der Bach schimmerte. Da ward er zornig und sagte: «So? und was sagtest du drauf?» «Ei, gar nichts, Mutter. Ich warf ihn nur über den Heuhaufen hinunter, daß er die Füße gen Himmel schlug. Aber jetzt, nach der Hand, möcht' ich doch wissen, ob's wahr ist.» «Nein, Kind, es ist nicht wahr. Gestohlen hat's der Vater nicht. Aber offen genommen, weil er besser war und stärker als diese Welschen. Und alle starken Helden haben's immer so gemacht zu allen Zeiten. Und die Welschen in den Tagen, da sie stark waren und ihre Nachbarn schwach, am allermeisten. Aber nun komm, wir müssen nach dem Linnen sehen, das auf dem Anger zur Bleiche liegt.» Als sie nun den Stallungen den Rücken wandten und dem nahen Grashügel links vom Hause zuschritten, hörten sie den raschen Hufschlag eines Rosses, das auf der alten römischen Heerstraße nahte. Rasch hatte Athalwin den Gipfel des Hügels erreicht und blickte nach der Straße hin. Da sprengte ein Reiter auf einem mächtigen Braunen die Waldhöhe herab auf die Villa zu: hell funkelte sein Helm und die Spitze der Lanze, die er schräg über dem Rücken trug. «Der Vater, Mutter, der Vater!» rief der Knabe und rannte pfeilgeschwind den Hügel hinab dem Reiter entgegen. Rauthgundis hatte jetzt auch die Höhe erreicht. Ihr Herz pochte. Sie legte die Hand vors Auge, in die schimmernde Abendröte zu schauen: dann sagte sie still glücklich vor sich hin: «Ja, er ist's. Mein Mann!»
Inzwischen hatte Athalwin den Nahenden schon erreicht und kletterte an seinem Fuß hinan. Der Reiter hob ihn mit liebevoller Hand herauf und setzte ihn vor sich in den Sattel und flog jetzt im Galopp heran: lustig wieherte Wallada, das edle Tier, einst Theoderichs Streitroß, die Heimat und die Herrin erkennend, und schlug freudig mit dem langen, wallenden Schweif.
Nun war der Reiter heran und stieg ab mit dem Knaben.
«Mein liebes Weib!» sprach er, sie herzlich umarmend. «Mein Witichis!» flüsterte sie, an seiner Brust erglühend, entgegen, «willkommen bei den Deinen.» - «Ich hatte versprochen, noch vor dem neuen Mond zu kommen, schwer ging's -»
«Aber du hieltst Wort wie immer.» - «Mich zog das Herz», sagte er, den Arm um sie schlingend. Sie schritten langsam dem Hause zu. «Dir, Athalwin, ist scheint's Wallada wichtiger als der Vater», lächelte er dem Kleinen zu, der sorgfältig das Pferd am Zügel nachführte.
«Nein, Vater, aber gib mir noch die Lanze dazu - so gut wird mir's selten hier in dem Bauernleben» - und den langen schweren Speerschaft mit Mühe einherschleppend, rief er laut: «He, Wachis, Ansbrand, der Vater hat Durst vom scharfen Ritt.»
Lächelnd strich Witichis über den Flachskopf des Knaben, der jetzt an ihnen vorüber und voran eilte. «Nun, und wie steht's hier draußen bei euch?» fragte er, auf Rauthgundis blickend. «Gut, Witichis, die Ernte ist glücklich eingebracht, die Trauben gestampft, die Garben geschichtet.»
«Nicht danach frag' ich», sagte er, sie zärtlich an sich drückend, - «wie geht es dir?» - «Wie's einem armen Weibe geht», antwortete sie, zu ihm aufblickend, «das seinen herzgeliebten Mann vermißt. Da hilft nur Arbeit, Freund, und tüchtig Schaffen, daß man das weiche Herz betäubt. Oft denk' ich, wie arg du dich mühen mußt, draußen, unter fremden Leuten, im Lager und am Hof, wo niemand dein in Treuen pflegt. Da soll er wenigstens, denk' ich dann, kommt er heim, sein Haus immer wohl bestellt und traulich finden.
Und das ist's, sieh, was mir all die dumpfe Arbeit lieb macht und weihet und veredelt.»
«Du bist mein wackeres Weib. Mühst du dich nicht zuviel?»
«Die Arbeit ist gesund. Aber der Verdruß, die Bosheit der Leute, das tut mir weh.» Witichis blieb stehen. «Wer wagt's, dir wehzutun?» - «Ach, die welschen Knechte und die welschen
Nachbarn.
Sie hassen uns alle. Weh uns, wenn sie uns nicht mehr fürchten. Calpurnius, der Nachbar, ist so frech, wenn er dich ferne weiß, und die römischen Sklaven sind trotzig und falsch; nur unsre gotischen Knechte sind brav.»
Witichis seufzte. Sie waren jetzt vor dem Hause angelangt und ließen in dem Säulengang sich vor einem Marmortisch nieder. «Du mußt bedenken», sagte Witichis, «der Nachbar hat ein Drittel seines Guts und seiner Sklaven an uns abtreten müssen.» - «Und hat zwei Drittel behalten und das Leben dazu -er sollte Gott danken!» meinte Rauthgundis verächtlich.
Da sprang Athalwin heran mit einem Korb voll Äpfeln, die er vom Baum gepflückt; dann kamen Wachis und die andern germanischen Knechte mit Wein, Fleisch und Käse, und sie grüßten den Herrn mit freimütigem Handschlag. «Gut, meine Kinder, seid gegrüßt. Die Frau lobt euch. Aber wo stecken Davus, Cacus und die andern?» - «Verzeih, Herr», schmunzelte Wachis, «sie haben ein schlecht Gewissen.»
«Warum? Weshalb?» - «Ei, ich glaube, weil ich sie ein bißchen geprügelt habe - sie schämen sich.» Die andern Knechte lachten. «Nun, es kann ihnen nicht schaden», meinte Witichis, «geht zu eurem Essen. Morgen seh' ich nach eurer Arbeit.» Die Knechte gingen. «Was ist's mit Calpurnius», fragte Witichis, sich einschenkend. Rauthgundis errötete und besann sich: «Das Heu von der Bergwiese», sagte sie dann, «das unsre Knechte gemäht, hat er nachts in seine Scheuer geschafft und gibt es nicht heraus.» - «Er wird es schon herausgeben, mein' ich...» sagte er ruhig, trinkend. «Jawohl», rief Athalwin lebhaft, «das mein' ich auch. Und gibt er's nicht mir noch lieber! Dann sagen wir Fehde an, und ich zieh' hinüber mit Wachis und den reisigen Knechten, mit Waffen und Wehr. Er sieht mich immer so giftig an, der schwarze Schleicher.»
Rauthgundis wies ihn zur Ruh' und schickte ihn schlafen.
«Wohl, ich gehe», sagte er, «aber, Vater, wenn du wiederkommst, bringst du mir statt dieses Steckens da ein richtig Gewaffen mit, nicht wahr?» Und er hüpfte ins Haus.
«Der Streit mit diesen Welschen endet nie», sagte Witichis, «er vererbt sich auf die Kinder. Du hast hier allzuviel Verdruß damit. Desto lieber wirst du tun, was ich dir vorschlage: komm mit nach Ravenna an den Hof.»
Hoch erstaunt blickte ihn das Weib an: «Du scherzest!» sagte sie, ungläubig. «Du hast das nie gewollt. In den neun Jahren, die ich dein bin, ist dir's nie eingefallen, mich an den Hof zu führen. Ich glaube, es weiß niemand in dem Volk, daß eine Rauthgundis lebt. Du hast ja unsere Ehe geheimgehalten», lächelte sie, «wie eine Schuld.» - «Wie einen Schatz», sagte Witichis, die Arme um sie schlingend. - «Ich habe dich nie gefragt, warum. Ich war und bin glücklich dabei und dachte und denke: er wird wohl seinen Grund haben.»
«Ich hatte meinen guten Grund: er besteht nicht mehr. Du magst nun alles wissen. Wenige Monate, nachdem ich dich gefunden in deiner Felseneinsamkeit und lieb gewonnen, kam König Theoderich auf den seltsamen Gedanken, mich seiner Schwester Amalaberga, der Witwe des Thüringerkönigs, zu vermählen, die gegen ihre schlimmen Nachbarn, die Franken, Mannesschutz bedurfte.» - «Du solltest dort die Krone tragen?» sprach Rauthgundis mit strahlenden Augen. «Mir aber», fuhr Witichis fort, «war Rauthgundis lieber als Königin und Krone, und ich sagte nein.
Es verdroß ihn schwer, und er verzieh mir nur, als ich ihm sagte, ich würde wohl niemals freien. Konnt' ich doch damals nicht hoffen, dich je mein zu nennen: du weißt, wie lange dein Vater mißtrauisch und eisern dich mir nicht anvertrauen wollte. Als du nun aber doch mein geworden, da hielt ich's nicht für wohlgetan, ihm das Weib zu zeigen, um das ich seine Schwester ausgeschlagen.»
«Aber warum hast du mir das verschwiegen, neun Jahre lang"»
«Weil», sagte er, ihr herzlich in die Augen blickend, «weil' ich meine Rauthgundis kenne. Du hättest immer geglaubt, wunder was ich an jener Krone verloren. Jetzt aber ist der König tot, und ich bin dauernd an den Hof gebunden. Wer weiß, wann ich wieder ruhen werde im Schatten dieser Säulen, im Frieden dieses Daches.»
Und in kurzen Worten erzählte er ihr den Sturz des Präfekten, und welche Stellung er nunmehr einnahm bei Amalaswinthen. Aufmerksam hörte ihn Rauthgundis an; dann drückte sie ihm die Hand: «Das ist wacker, Witichis, daß die Goten allmählich merken, was sie an dir haben. Und du bist heiterer, denk' ich, als sonst.»
«Ja, mir ist wohler, seit ich mit tragen darf an der Last der Zeit. Dabei stehen und sie wuchtig drücken sehen auf mein Volk, war viel schwerer. Mich dauert dabei nur die Regentin; sie ist wie eine Gefangene.»
«Bah, warum hat das Weib gegriffen in das Amt der Männer. Mir fiele das nie ein.»
«Du bist keine Königin, Rauthgundis, und Amalaswintha ist stolz.»
«Ich bin zehnmal so stolz wie sie. Aber so eitel bin ich nicht. Sie muß nie einen Mann geliebt haben und seinen Wert und seine Art begriffen. Sie könnte sonst nicht die Männer ersetzen wollen.»
«Am Hof sieht man das anders an. Komm nur mit an den Hof.»
«Nein, Witichis», sagte sie ruhig, aufstehend, «der Hof paßt nicht für mich. Und ich nicht für den Hof. Ich bin des Ödbauern Kind und gar unhöfisch geartet. Sieh diesen braunen Nacken», lachte sie, «und diese rauhen Hände. Ich kann nicht die Lyra zupfen und Verslein lesen: schlecht taugt' ich zu den feinen Römerinnen, und wenig Ehre würdest du haben von mir.»
«Du wirst dich doch nicht zu schlecht erachten für den Hof?» - «Nein, Witichis, zu gut.» - «Nun, man müßte sich gegenseitig ertragen, würdigen lernen.» - «Das würd' ich nie. Sie vielleicht mich, aus Furcht vor dir, ich niemals sie. Ich würd' ihnen täglich ins Gesicht sagen, daß sie hohl, falsch und schlecht sind.»
«So willst du lieber deinen Mann entbehren, mondelang?» -«Ja, lieber ihn entbehren, als in schiefer, schlimmer Stellung um ihn sein. O mein Witichis», sagte sie, innig den Arm um seinen Nacken legend, «denk' nur, wer ich bin, und wie du mich gefunden.
Wo die letzten Siedelungen unseres Gotenvolkes den Saum der Alpen umgürten, hoch auf den Felsschroffen der Scaranzia, wo die junge Isara schäumend aus den Steinklüften ins offene Land der Bajuwaren bricht, da steht meines Vaters stiller Ödhof. Nichts kannt' ich da als die strenge Arbeit des Sommers auf den einsamen Almen, des Winters in der rauchgeschwärzten Halle am Rocken mit den Mägden. Früh starb die Mutter, und den Bruder haben die Welschen erstochen. So wuchs ich einsam auf, allein mit dem alten Vater, der so treu, aber auch so hart und verschlossen wie seine Felsen. Da sah ich nichts von der Welt, die rechts und links von unsern Bergen lag. Nur hoch von oben sah ich manchmal neugierig, wie ein Saumroß mit Salz oder Wein in der Talschlucht des Weges zog. Da saß ich wohl manchen schimmervollen Sommerabend auf der zackigen Kulm des hohen Arn. Und sah der Sonne nach, wie sie so herrlich niedersank weit drüben überm Licus: und ich dachte, was sie wohl alles gesehen den langen Sommertag, seit sie aufstieg drüben überm breiten Önus. Und daß ich wohl auch wissen möchte, wie's aussieht über dem Karwendel. Oder gar drüben, hinter dem Brennusberg, wo der Bruder hinüberzog und nie mehr wiederkam. Und doch fühlte ich, wie schön es sei droben in meiner grünen Einsamkeit, wo ich den Steinadler pfeifen hörte aus dem nahen Horst, und wo ich prächtige Blumen brach, wie sie nicht wuchsen unten in der Ebene, und auch wohl einmal des Nachts den Bergwolf vor meiner Stalltür heulen hörte und mit dem Kienbrand scheuchte.
Und auch in dem frühen Herbst, in den langen Wintern hatte ich Muße, still in mich hineinzusinnen: wann um die hohen Tannen die weißen Nebelschleier spannen, wann der Bergwind die Felsblöcke von unserem Strohdach riß und die Schneestürze von den Schroffen donnernd niedergingen. So wuchs ich auf, fremd in der Welt jenseits der nächsten Wälder, nur zu Hause in der stillen Welt meiner Gedanken, und in dem engen Bauernleben.
Da kamest du - ich weiß es noch wie heute» - und sie hielt an, in Erinnerung verloren.
«Ich weiß es auch noch genau», sagte Witichis. «Ich führte eine Hundertschaft zur Ablösung von Juvavia nach der Augustastadt am Licus - ich war vom Weg und meinen Leuten abgekommen: lang war ich den schwülen Sommertag pfadlos umhergeirrt - da sah ich Rauch aufsteigen überm Tannenhang, und bald fand ich das versteckte Gehöft und trat ins Tor: da stand ein prächtig Mädchen am Ziehbrunnen und hob den Eimer.»
«Und ich erschrak siedheiß - zum erstenmal in meinem Leben! als der große, bräunliche Mann um die Hausecke bog mit dem krausen Bart und dem funkelnden Helm.»
"Ja, du wurdest blutrot bis in die Schläfe, und ich bat dich um einen Trunk Wasser. Und niemals hat mein Auge ein schöner Bild gesehen, als wie du dich niederbeugtest und mit den kräftigen Armen den schweren Eimer auf den Brunnenrand hobst und mir schöpftest in dem Kürbiskrug: reich fielen die dichten goldbraunen Zöpfe übers schwarze Mieder bis in die Knie, und deine Wangen waren pfirsichgleich: o wie wacker, frisch und blühend sahst du aus. Und wie wacker, frisch und blühend bist du mir geblieben seither alle Zeit.»
«Und darum, mein Witichis, auf daß ich dir blühend bleibe, führe mich nicht an den Hof. Sieh, hier schon im Tal, im Südtal der Alpen, wird mir's oft zu schwül, und ich sehne mich nach einem Atemzug aus der Tannenluft meiner Waldberge. Am Hofe aber in den engen Goldgemächern - da würd' ich dir verkümmern und verschmachten. Laß du mich hier - ich will schon fertig werden mit Nachbar Calpurnius. Und du, das weiß ich ja, du denkst auch im Königssaal nach Haus an Weib und Kind.»
«Ja, weiß Gott, mit sehnenden Gedanken. So bleibe denn hier, und Gott behüte dich, mein gutes Weib.» -
Am zweiten Morgen darauf ritt Witichis wieder zurück, die Waldhöhe hinan. Der Abschied hatte ihn fast weich gemacht: mit Kraft hatte er den Ausdruck des Gefühls gehemmt, das er sich, schlicht und streng von Art, zu zeigen scheute. Wie hing des Wackern Herz an diesem kern'gen Weib und seinem Knaben!
Hinter ihm drein trabte Wachis, der sich's durchaus nicht hatte nehmen lassen, dem Herrn noch eine Strecke das Geleit zu geben. Plötzlich ritt er zu ihm hinan. «Herr», sagte er, «ich weiß was.»
«So? Warum sagst du's nicht?» - «Weil mich noch niemand darum gefragt hat.» - «Nun, ich frage dich drum.» - «Ja, wenn man gefragt ist, muß man freilich reden. Die Frau hat dir gesagt, daß Calpurnius so ein böser Nachbar ist?» - «Ja. Und was soll's damit?» - «Sie hat dir aber nicht gesagt, seit wann?»
«Nein. Weißt du, seit wann?» - «Nun, seit etwa einem halben Jahr. Da traf Calpurnius einmal die Frau im Wald allein, wie sie beide glaubten. Aber sie waren nicht allein. Es lag einer im Graben und hielt seinen Mittagsschlaf.»
«Der Faulpelz warst du.»
«Richtig erraten. Und da sagte Calpurnius etwas zur Frau.»
«Was sagte er?»
«Das hab ich nicht verstanden. Aber die Frau war nicht faul, hob die Hand und schlug ihm ins Gesicht, daß es patschte. Das hab' ich verstanden. Und seither ist der Nachbar ein schlimmer Nachbar, und das wollt' ich dir sagen, weil ich mir schon dachte, die Frau werde dich nicht ärgern wollen mit dem Wicht.
Aber es ist doch besser, du weißt darum. Und sieh, da steht Calpurnius gerade unter seiner Hoftür - siehst du, dort - und jetzt fahr' wohl, lieber Herr.»
Und damit wandte er sein Pferd und jagte im Galopp nach Hause.
Witichis aber stieg das Blut zu Kopf. Er ritt an die Tür seines Nachbarn, dieser wollte sich ins Haus drücken, aber Witichis rief ihn in einem Ton, daß er bleiben mußte.
«Was willst du mir, Nachbar Witichis», sagte er, blinzelnd zu ihm aufsehend.
Witichis zog den Zügel an und schob sein Roß dicht neben jenen. Dann streckte er ihm die geballte erzgepanzerte Faust hart vor die Augen: «Nachbar Calpurnius», sagte er ruhig, «wenn ich dir einmal ins Gesicht schlage, stehst du nie wieder auf.»
Calpurnius fuhr erschrocken zurück.
Witichis aber gab seinem Rosse den Sporen und ritt stolz und langsam seines Weges.
Zu Rom in seinem Arbeitszimmer lag, auf den weichen Kissen des Lectus behaglich ausgestreckt, Cethegus, der Präfekt.
Er war guter Dinge.
Die Untersuchung gegen ihn hatte mit Freisprechung geendet: nur im Fall augenblicklicher Durchforschung seines Hauses, wie sie der junge König angeordnet, aber sein Tod vereitelt hatte, wäre Entdeckung zu befürchten gewesen. Er hatte durchgesetzt, daß die Befestigung von Rom fortgeführt wurde, mit Zuschüssen aus seinen eigenen Geldern, was seinen Einfluß in der Stadt noch hob. In der letzten Nacht hatte er Versammlung gehalten in den Katakomben: alle Berichte lauteten günstig. Die Patrioten wuchsen an Zahl und Reichtum.
Der härtere Druck, der seit den letzten Vorgängen zu Ravenna auf den Italiern lastete, konnte die Zahl der Unzufriednen nur vermehren, und, was die Hauptsache war, Cethegus hielt jetzt alle Fäden der Verschwörung in seiner Hand. Unbedingt erkannten selbst die eifersüchtigsten Republikaner die Notwendigkeit an, bis zum Tag der Freiheit dem Begabtesten die Führung zu überlassen.
So vorgeschritten war die Stimmung gegen die Barbaren bei allen Italiern, daß Cethegus den Gedanken fassen konnte, sobald Rom vollends befestigt, ohne Hilfe der Byzantiner loszuschlagen. Denn, wiederholte er sich immer wieder, alle Befreier sind leicht gerufen und schwer abgedankt. Und mit Liebe pflegte er den Gedanken, Italien allein zu befreien.
So lag der Präfekt, legte Cäsars Bürgerkrieg, in dem er geblättert, zur Seite, stützte das Haupt auf den linken Arm und sagte zu sich selbst: «Die Götter müssen noch Großes mit dir vorhaben, Cethegus. So oft du stürzest, fällst du, heil wie eine Katze, auf die sichern Füße. Ah, wenn es uns wohl geht, möchten wir uns mitteilen. Aber Vertrauen ist ein zu gefährliches Vergnügen, und das Schweigen ist der einzig treue Gott. Und doch bleibt man ein Mensch und möchte...» -
Da trat ein Sklave ein, der alte Ostiarius Fidus, überreichte schweigend einen Brief auf flacher goldner Schale und ging. «Der Bote wartet», sagte er.
Gleichgültig nahm Cethegus das Schreiben.
Aber sowie er auf dem Wachs, das die Schnüre der Tafeln zusammenhielt, das Siegel - die Dioskuren - erkannte, rief er lebhaft: «Von Julius! Zu guter Stunde!» löste eilig die Fäden, legte die Tafeln auseinander und las - das kalte bleiche Antlitz überflogen schon einem sonst völlig fremden Hauch freudiger Wärme.
«Cethegus, dem Präfekten, sein Julius Montanus.
Wie lange ist's, mein väterlicher Lehrer»
«(beim Jupiter, das klingt frostig»), «daß ich dir nicht den schuldigen Gruß gesendet. Das letztemal schrieb ich dir an den grünen Ufern des Ilissos, wo ich in dem verödeten Hain des Akademos die Spuren Platons suchte - und nicht fand. Ich weiß wohl, mein Brief war nicht heiter. Die traurigen Philosophen dort, in vereinsamten Schulen wandelnd, zwischen dem Druck des Kaisers, dem Argwohn der Priester und der Kälte der Menge, sie konnten nichts in mir erwecken als Mitleid. Meine Seele war dunkel, ich wußte nicht, weshalb.
Ich schalt meinen Undank gegen dich - den großmütigsten aller Wohltäter -» («so unerträgliche Namen hat er mir nie gegeben», schaltete Cethegus ein).
«Seit zwei Jahren reise ich, mit deinen Reichtümern wie ein König der Syrer ausgestattet, von deinen Freigelassenen und Sklaven begleitet, durch ganz Asien und Hellas, genieße alle Schönheit und Weisheit der Alten - und mein Herz bleibt unbefriedigt, mein Leben unausgefüllt. Nicht Platons schwärmerische Weisheit, nicht das Goldelfenbein des Pheidias, Homeros nicht und nicht Thukydides boten, was mir fehlte.
Endlich, endlich hier in Neapolis, der blühenden, göttergesegneten Stadt, hab' ich gefunden, was ich unbewußt überall vermißt und immer gesucht.
Nicht tote Weisheit: warmes, lebendiges Glück» («er hat eine Geliebte! nun endlich, du spröder Hippolyt, Dank euch, Eros, und Anteros!»), «oh, mein Lehrer, mein Vater! Weißt du, welch ein Glück es ist, ein Herz, das dich ganz versteht, zum erstenmal dein eigen zu nennen?» («ah, Julius», seufzte der Präfekt mit einem seltnen Ausdruck weicher Empfindung, «ob ich es wußte!») «Dem du die ganze volle Seele offen zeigen magst? Oh, wenn du's je erfahren, preise mich, opfre Zeus dem Erfüller endlich: zum erstenmal hab' ich einen Freund.»
«Was ist das?» rief Cethegus unwillig aufspringend mit einem Blick eifersüchtigen Schmerzes, «der Undankbare!»
«Denn, das fühlst du wohl, ein Freund, ein Herzensvertrauter fehlte mir bis jetzt, Du, mein väterlicher Lehrer» -
Cethegus warf die Tafeln auf den Schildpatt-Tisch und machte einen hastigen Gang durchs Zimmer. «Torheit!» sagte er dann ruhig, nahm den Brief auf und las weiter -
«Du, so viel älter, weiser, besser, größer als ich - du hast mir eine solche Wucht von Dank und Verehrung auf die junge Seele geladen, daß sie sich dir nie ohne Scheu öffnen konnte. Auch hörte ich oft mit Zagen, wie du solche Weichheit und Wärme mit ätzendem Witz verhöhntest: ein scharfer Zug um deinen stolzen, festgeschlossenen Mund hat solche Gefühle in mir in deiner Nähe stets getötet wie Nachtfrost die ersten Veilchen» («nun, aufrichtig ist er!»). «Jetzt aber hab' ich einen Freund gefunden: offen, warm, jung, begeistert wie ich, und die gekannte Wonne ist mein Teil. Wir haben nur eine Seele in zwei Körpern: die sonnigen Tage, die mondsilbernen Nächte wandeln wir miteinander durch diese elyseischen Gefilde und finden kein Ende der geflügelten Worte. Aber ich muß ein Ende finden dieses Briefs. Er ist ein Gote» («auch noch», sagte Cethegus ungehalten,) «und heißt Totila.»
Cethegus ließ die Hand mit dem Brief einen Augenblick sinken, er sagte nichts, nur die Augen schloß er einen Moment, dann las er ruhig nochmal:
«Und heißt Totila!»
«Als ich am Tage nach meiner Ankunft in Neapolis durch das Forum des Neptunus schlenderte und an der Bogenwölbung eines Hauses die Statuen bewunderte, die ein Bildhauer dort zum Kaufe ausgestellt, stürzt urplötzlich aus der Tür auf mich los ein grauköpfiger Mann mit einer wollnen Schürze, über und über mit Gips bestäubt, in der Hand ein spitzes Gerät: er packt mich an der Schulter und schrie: Ich dachte, der Alte sei verrückt, und sagte: In seiner Werkstatt standen andre halbvollendete umher, und er erklärte mir, seit Jahren trage er sich mit der Idee einer Dioskurengruppe. Für den Kastor habe er vor kurzem ein köstlich Modell in einem jungen Goten gefunden. Gern sagte ich dem närrischen Alten zu, andern Tages wiederzukommen. Und das erfüllt' ich um so lieber, als ich erfuhr, daß mein gewalttätiger Freund Xenarchos sei, der größte Bildner in Marmor und Erz, den Italien seit lange gesehn. Am andern Tag kam ich dann wieder und fand meinen Kastor - es war Totila: und ich kann nicht leugnen, daß mich die große Ähnlichkeit überraschte, wenn auch Totila älter, höher, kräftiger und unvergleichlich schöner ist als ich. Xenarchos sagt, wir seien wie Hellcitrus und Goldcitrus. Denn Totila ist heller an Haar und Haut: und gerade so, schwört der Meister, haben sich die beiden Dioskuren geglichen und nicht geglichen. So lernten wir uns denn unter den Götterbildern Xenarchs kennen und lieben. Wir wurden in Wahrheit Kastor und Pollux, innig und unzertrennlich wie sie, und schon ruft uns das heitre Volk von Neapolis bei diesem Namen, wann wir, Arm in Arm geschlungen, durch die Straße gehn. Unsere junge Freundschaft ward aber noch besonders rasch gereift durch eine drohende Gefahr, die sie leicht in der Blüte geknickt hätte. Wir waren eines Abends, wie wir pflegten, zur Porta Nolana hinaus gewandelt, in den Bädern des Tiberius Kühlung von des Tages Hitze zu suche n. Nach dem Bade hatte ich in einer Laune spielender Zärtlichkeit - du wirst sie schelten - des Freundes weißen Gotenmantel umgeschlagen und seinen Helm mit den Schwanenflügeln aufs Haupt gesetzt. Lächelnd ging er, meine Chlamys umwerfend, auf den Tausch ein, und friedlich plaudernd schritten wir durch den Pinienhain im ersten Dunkel der Nacht nach der Stadt zurück. Da springt aus dem Taxusgebüsch hinter mir ein Mann auf mich her, und ich fühle kaltes Eisen an meinem Halse. Aber im nächsten Augenblick lag der Mörder zu meinen Füßen, Totilas Schwert in der Brust. Nur leicht verwundet beugte ich mich zu dem Sterbenden nieder und fragte ihn, welcher Grund ihn habe zum Haß, zum Morde gegen mich treiben können. Er aber starrte mir ins Antlitz und hauchte: Cethegus senkte den Brief und drückte die linke Hand vor die Stirn. «Wahnsinn des Zufalls», sagte er, «wohin konntest du führen!» Und er las zu Ende: «Totila sagte, er habe der Feinde viele am Hofe zu Ravenna. Wir zeigten den Vorfall Uliaris, dem Gotengrafen zu Neapolis, an. Dieser ließ die Leiche durchsuchen und Nachforschungen anstellen - ohne Erfolg. Uns beiden aber hat diese ernste Stunde die junge Freundschaft gefestigt und mit Blut geweiht für alle Zeit. Ernster und heiliger hat sie uns verbunden. Das Siegel der Dioskuren, das du mir zum Abschied geschenkt, war ein freundlich Omen, das sich freundlich erfüllt hat. Und wenn ich mich frage, wem dank' ich all dies Glück? Dir, dir allein, der mich in diese Stadt Neapolis gesendet, in der ich all mein Glück gefunden. So mögen dir es alle Götter und Göttinnen vergelten! Ach, ich sehe, dieser ganze Brief redet nur von mir und dieser Freundschaft schreibe doch bald, wie es um dich steht. Vale.» Ein bitteres Lächeln zuckte um des Präfekten ausdrucksvollen Mund. Und wieder durchmaß er das Gemach in nur mit Mühe gehaltenen Schritten. Endlich blieb er stehen, das Kinn in die linke Hand stützend. «Wie kann ich nur so - jugendlich sein, mich zu ärgern. Es ist alles sehr natürlich, wenn auch sehr einfältig. Du bist krank, Julius. Warte, ich will dir ein Rezept schreiben.» Und mit einem Anflug von grausamer Freude im Antlitz setzte er sich auf den Schreiblectus, nahm eine Papyrusrolle aus der Bronzevase, griff die gnidische Schilffeder und schrieb mit der roten Tinte aus einem Löwenkopf von Achat, der an dem Lectus angeschraubt war: «An Julius Montanus Cethegus, der Präfekt von Rom. Deine rührende Epistel aus Neapolis hat mir viel Spaß gemacht. Sie zeigt, daß du in der letzten Kinderkrankheit steckst. Hast du sie abgetan, wirst du ein Mann sein. Die Krisis zu beschleunigen, verschreibe ich dir das beste Mittel. Du suchst sogleich den Purpurhändler Valerius Procillus, meinen ältesten Gastfreund in Neapolis auf Er ist der reichste Kaufherr des Abendlandes, ein grimmiger Feind der Kaiser von Byzanz, die ihm Vater und Brüder getötet, ein Republikaner wie Cato und schon deshalb mein vertrauter Freund. Seine Tochter Valeria Procilla aber ist die schönste Römerin unserer Zeit und eine echte Tochter der alten, der heidnischen Welt. Antigone oder Virginia würden sich der Freundin freuen. Sie ist nur drei Jahre jünger und folglich zehnmal reifer als du. Gleichwohl wird sie dir der Vater nicht versagen, erklärst du ihm, daß Cethegus für dich wirbt. Du aber wirst dich beim ersten Anblick sterblich in sie verlieben. Du wirst das: obgleich ich es dir vorher sage, und obgleich du weißt, daß ich es wünsche. In ihren Armen wirst du alle Freunde der Welt vergessen: geht die Sonne auf, erbleicht der Mond. Übrigens, weißt du, daß dein Kastor einer der gefährlichsten Römerfeinde ist? Und ich habe einmal einen gewissen Julius gekannt, der geschworen: Rom über alles. Vale.» Cethegus rollte den Papyrus zusammen, umschnürte ihn mit den Bändern von rotem Bast, befestigte diese an der Schleife mit Wachs und drückte seinen Amethystring mit dem herrlichen Jupiterkopf auf dasselbe. Dann berührte er einen aus dem Marmorgetäfel hervorschauenden silbernen Adler: draußen an der Wand des Vestibulums schlug ein eherner Donnerkeil auf den Silberschild eines niedergeworfenen Titanen mit glockenhellem Ton. Der Sklave trat wieder ein. «Laß den Boten in meinen Thermen baden, gib ihm Speise und Wein, einen Goldsolidus und diesen Brief. Morgen mit Sonnenaufgang geht er damit zurück nach Neapolis.»
Mehrere Wochen darauf finden wir den ernsten Präfekten in einem Kreis, der sehr wenig zu seinem hohen Trachten, ja zu seinem Alter zu passen schien.
In dem seltsamen Nebeneinander von Heidentum und Christentum, das in den ersten Jahrhunderten nach der Konstantiner Bekehrung das Leben und die Sitten der Römerwelt mit grellen Widersprüchen erfüllte, spielte besonders die friedliche Mischung von Festen der alten und der neuen Religion eine auffallende Rolle. Neben den großen Feiertagen des christlichen Kirchenjahres bestanden auch noch größtenteils die fröhlichen Feste der alten Götter fort, wenn auch meist ihrer ursprünglichen Bedeutung, ihres religiösen Kernes beraubt.
Das Volk ließ sich etwa den Glauben an Jupiter und Juno nehmen und die Kultushandlungen und die Opfer, aber nicht die Spiele, die Feste, die Tänze und Schmäuse, die mit jenen Handlungen verbunden waren; und die Kirche war von jeher klug genug, zu dulden, was sie nicht ändern konnte.
So wurden ja sogar die echt heidnischen Lupercalien, mit welchen sich derber Aberglaube und wüster Unfug aller Art verband, erst im Jahre vierhundertsechsundneunzig - und nur mit Mühe abgeschafft.
Viel länger natürlich behaupteten sich harmlose Feste wie die Floralien, die Palilien, und zum Teil haben sich ja manche von ihnen in den Städten und Dörfern Italiens mit unveränderter Bedeutung bis auf diese Stunde erhalten. So waren denn die Tage der Floralien gekommen, die, früher auf der ganzen Halbinsel, als ein Fest besonders der fröhlichen Jugend, mit lauten Spielen und Tänzen gefeiert, auch in jenen Tagen noch wenigstens mit Schmaus und Gelage begangen wurden.
Und so hatten sich denn die beiden Licinier und ihr Kreis von jungen Rittern und Patriziern an den Hauptfesttag der Floralien zu einem Symposion zusammenbestellt, für welches jeder der Gäste, wie bei unsern «Picknicks», seinen Beitrag in Speisen oder Wein zu liefern hatte. Die Fröhlichen versammelten sich bei dem jungen Kallistratos, einem liebenswürdigen und reichen Griechen aus Korinth, der sich im Genuß künstlerischer Muse zu Rom niedergelassen und nahe bei den Gärten des Sallust ein geschmackvolles Haus gebaut hatte, das als der Mittelpunkt heitern Lebensgenusses und feiner Bildung. galt. Außer dem reichen Adel Roms verkehrten dort vornehmlich die Künstler und Gelehrten, und dann auch jene Schichten von römischer Jugend, denen über ihren Rossen und Wagen und Hunden wenige Zeit und Gedanken für den Staat übrigblieb, und die daher bis jetzt dem Einfluß des Präfekten unzugänglich gewesen waren.
Deshalb war es diesem sehr erwünscht, als ihm der junge Lucius Licinius, jetzt sein glühendster Anhänger, die Einladung des Korinthers überbrachte. «Ich weiß wohl», sagte er schüchtern, «wir können deinem Geist nicht ebenbürtige Unterhaltung bieten, und wenn dich nicht die alten Kyprier und Falerner locken, die Kallistratos spenden wird, lehnst du ab.»
«Nein, mein Sohn, ich komme», sagte Cethegus, «und mich locken nicht die alten Kyprier, sondern die jungen Römer.»
Kallistratos, der sein Hellenentum mit Stolz zur Schau trug, hatte sein Haus mitten in Rom in griechischem Stil gebaut. Und zwar nicht in dem des damaligen, sondern des freien, des perikleischen Griechenlands, und dies machte im Gegensatz zu der geschmacklosen Überladung jener Tage den Eindruck edler Einfachheit. Durch einen schmalen Gang gelangte man in das Peristyl, den offenen, von Säulengängen umschlossenen Hof, dessen Mittelpunkt ein plätschernder Springbrunnen in braunem Marmorbecken bildete. Die nach Norden offene Säulenhalle enthielt außer andern Gelassen auch den Speisesaal, der heute die kleine Gesellschaft versammelt hielt. Cethegus hatte sich vorbehalten, nicht schon zu der «Coena», dem eigentlichen Schmause, sondern erst zu der «Commissatio», dem darauf folgenden nächtlichen Trinkgelage, zu kommen. Und so fand er denn die Freunde in der vornehmen Trinkstube, wo längst schon die zierlichen Bronzelampen an den schildpattgetäfelten Wänden brannten und die Gäste, mit Rosen und Eppich bekränzt, auf den Polstern des hufeisenförmigen Triklinums lagerten. Eine betäubende Mischung von Weinduft und Blumenduft, von Fackelglanz und Farbenglanz drang ihm an der Schwelle entgegen.
«Salve, Cethege!» rief der Wirt dem Eintretenden entgegen. «Du findest nur kleine Gesellschaft.»
Cethegus befahl dem Sklaven, der ihm folgte, einem herrlich gewachsenen jungen Mauren, dessen schlanke Glieder durch den Scharlachflor seiner leichten Tunika mehr gezeigt als verhüllt wurden, ihm die Sandalen abzubinden. Er zählte indessen: «Nicht unter den Grazien», lächelte er, «nicht über die Musen.»
«Geschwind, wähle den Kranz», mahnte Kallistratos, «und nimm deinen Platz da oben auf dem Ehrensitz der mittleren Kline. Wir haben dich im voraus zum Symposiarchen, zum Festkönig gewählt.»
Der Präfekt hatte sich vorgesetzt, diese jungen Leute zu bezaubern. Er wußte, wie gut er das konnte: und er wollte es heute. Er wählte einen Rosenkranz und ergriff das elfenbeinerne Zepter, das ihm ein syrischer Sklave kniend reichte. Das Rosendiadem zurechtrückend schwang er mit Würde den Stab: «So mach' ich eurer Freiheit ein Ende!»
«Ein geborner Herrscher», rief Kallistratos, halb im Scherz, halb im Ernst. - «Aber ich will ein sanfter Tyrann sein! Mein erst Gesetz: ein Drittel Wasser - zwei Drittel Wein.» - «Oho», rief Lucius Licinius und trank ihm zu, «bene te! Du führst üppig Regiment. Gleiche Mischung ist sonst unser Höchstes.»
«Ja, Freund», lächelte Cethegus, sich auf dem Ecksitz der mittleren Kline, dem «Konsulplatz», niederlassend, «ich habe meine Trinkstudien unter den Ägyptern gemacht, die trinken nur lautern. He, Mundschenk wie heißt er?»
«Ganymedes - er ist aus Phrygien. Hübscher Wuchs, eh?» -«Also, Ganymed, gehorche deinem Jupiter und stelle neben jeden eine Patera Mamertiner Weines - doch neben Balbus zwei, weil er sein Landsmann ist.» Die jungen Leute lachten.
Balbus war ein reicher Gutsbesitzer auf Sizilien, noch sehr jung und schon sehr dick.
«Pah», lachte der Trinker, «Efeu ums Haupt und Amethyst am Finger - so trotz' ich den Mächten des Bacchus.» - «Nun, wo steht ihr im Wein?» fragte Cethegus, dem jetzt hinter ihm stehenden Mauren winkend, der ihm einen zweiten Kranz von Rosen, diesmal um den Nacken schlang.
«Settiner Most mit hymettischem Honig war das letzte. Da, versuch'!» so sprach Piso, der schelmische Poet, dessen Epigramme und Anakreontika die Buchhändler nicht rasch genug konnten abschreiben lassen, und dessen Finanzen sich doch stets in poetischer Unordnung befanden. Und er reichte dem Präfekten, was wir einen «Vexierbecher» nennen würden, einen bronzenen Schlangenkopf, der, unvorsichtig an den Mund gebracht, einen Strahl Weines heftig in die Kehle schoß. Aber Cethegus kannte das Spiel, behutsam trank er und gab den Becher zurück. «Deine trocknen Witze sind mir lieber, Piso», lachte er und haschte ihm aus der Brustfalte ein beschriebenes Täfelchen.
«O gib», sagte Piso, «es sind keine Verse - sondern - ganz im Gegenteil! - eine Zusammenstellung meiner Schulden für Wein und Pferde.»
«Je nun», meinte Cethegus, «ich hab' sie an mich genommen -sie sind also mein. Du magst morgen die Quittung bei mir einlösen: aber nicht umsonst mit einem deiner boshaften Epigramme auf meinen frommen Freund Silverius!» - «O Cethegus», rief der Poet erfreut und geschmeichelt, «wie boshaft kann man sein für vierzigtausend Solidi! Wehe dem heiligen Mann Gottes.»
«Und im Schmause - wie weit seid ihr damit?» fragte Cethegus, «schon bei den Äpfeln? sind es diese?»
Und er sah blinzelnd nach zwei Fruchtkörben von Palmenbast, die hoch aufgehäuft auf einem Bronzetisch mit elfenbeinernen Füßen prangten. «Ha, Triumph!» lachte Marcus Licinius, des Lucius jüngerer Bruder, der sich mit der liebhaberischen Spielplastik der Mode abgab. «Da siehst du meine Kunst, Kallistratos! Der Präfekt nimmt meine Wachsäpfel, die ich dir gestern geschenkt, für echt.» - «Ah, wirklich?» rief Cethegus wie erstaunt, obwohl er den Wachsgeruch längst ungern vermerkt. «Ja, Kunst täuscht die Besten. Bei wem hast du gelernt? Ich möchte dergleichen in meinem kyzikenischen Saal aufstellen.»
«Ich bin Autodidakt», sagte Marcus stolz, «und morgen schicke ich dir meine neuen persischen Äpfel: - denn du würdigst die Kunst.»
«Aber das Gelag ist doch zu Ende?» fragte der Präfekt, den linken Arm auf das Polster der Kline stützend.
«Nein», rief der Wirt, «ich will es nur gestehn: da ich auf unsern Festkönig erst zur Trinkstunde rechnen durfte, hab' ich noch einen kleinen Nachschmaus zu den Bechern gerüstet.» -«O du Frevler», rief Balbus, sich mit der zottigen Purpurgausape die fettglänzenden Lippen wischend, «und ich habe so schrecklich viel von deinen Feigenschnepfen gegessen!» - «Das ist wider die Verabredung!» rief Marcus Licinius. - «Das verdirbt meine Sitten!» sagte der fröhliche Piso ernsthaft. -«Sprich, ist das hellenische Einfachheit?» fragte Lucius Licinius. - «Ruhig, Freunde», tröstete Cethegus mit einem Zitat: «Auch unverhofftes Unheil trägt ein Römer stark.»
«Der hellenische Wirt muß sich nach seinen Gästen richten», entschuldigte Kallistratos, «ich fürchte, ihr kämt mir nicht wieder, böte ich euch marathonische Kost.» - «Nun, dann bekenne wenigstens, was noch droht», rief Cethegus, «du, Nomenklator, lies die Schüsseln ab: ich werde dann die Weine bestimmen, die dazu gehören.»
Der Sklave, ein schöner lydischer Knabe, in einem bis an die Knie aufgeschlitzten Röckchen von blauer pelusischer Leinwand, trat dicht neben Cethegus an den Tisch von Zypressenholz und las von einem Täfelchen ab, das er an goldenem Kettchen um den Hals trug: «Frische Austern aus Britannien in Thunfischbrühe mit Lattich.» - «Dazu Falerner von Fundi», sprach Cethegus ohne Besinnen. «Aber wo steht der Schenktisch mit den Pokalen? Rechter Trunk mundet nur aus rechter Schale.»
«Dort ist der Schenktisch!» und auf einen Wink des Hausherrn fiel der Vorhang zurück, der die eine Ecke des Zimmers, den Gästen gegenüber, verhüllt hatte.
Ein Ruf des Staunens flog von den Tischen.
Der Reichtum der dort zur Schau gestellten Prunkgeschirre und der Geschmack ihrer Anordnung war selbst diesen verwöhnten Augen überraschend. Auf der Marmorplatte des Tisches stand ein geräumiger silberner Wagen mit goldnen Rädern und ehernem Gespann: es war ein Beutewagen, wie sie in römischen Triumphen aufgeführt zu werden pflegten: und als köstliche Beute lagen darin Pokale, Gläser, Schalen jeder Gestalt und jedes Stoffes in scheinbarer Unordnung, doch mit kunstverständiger Hand gehäuft.
«Bei Mars dem Sieger», lachte der Präfekt, «der erste römische Triumph seit zweihundert Jahren. Ein seltner Anblick! Darf ich ihn zerstören?» - «Du bist der Mann, ihn wieder aufzurichten», sagte Lucius Licinius feurig. - «Meinst du? Versuchen wir's! Also zum Falerner die Kelche dort von Terebinthenholz.»
«Weindrosseln vom Tagus mit Spargel von Tarent!» fuhr der Lydier fort. «Dazu den roten Massiker von Sinuessa aus jenen amethystnen Kelchen.»
«Junge Schildkröten von Trapezunt mit Flamingozungen.»
«Halt an, beim heiligen Bacchus», rief Balbus. «Das sind ja die Qualen des Tantalus. Mir ist ganz gleich, aus was ich trinke, aus Terebinthen oder Amethyst - aber dies Aufzählen von Götterbissen mit trocknem Gaumen halt' ich nicht mehr aus. Nieder mit Cethegus dem Tyrannen, er sterbe, wenn er uns hungern läßt.» - «Mir ist, ich wäre Imperator und hörte das getreue Volk von Rom. Ich rette mein Leben und gebe nach. Tragt auf, ihr Sklaven.» Da tönten Flöten aus dem Vorgemach, und im Takte der Musik schritten sechs Sklaven, Efeu um die glänzend gesalbten Locken, in roten Mänteln und weißen Tuniken heran. Sie reichten den Gästen frische Handtücher von feinstem sidonischem Linnen mit weichen Purpurfransen.
«Oh», rief Massurius, ein junger Kaufmann, der vornehmlich mit schönen Sklaven und Sklavinnen handelte und in dem zweideutigen Ruhme stand, der feinste Kenner solcher Ware zu sein, «das weichste Handtuch ist ein schönes Haar» - und er fuhr dem eben neben ihm knienden Ganymed durch die Locken. «Aber, Kallistratos, jene Flöten sind hoffentlich weiblichen Geschlechts - auf mit dem Vorhang - laß die Mädchen ein.»
«Noch nicht», befahl Cethegus. «Erst trinken, dann küssen. Ohne Bacchus und Ceres, du weißt -»
«Friert Venus, nicht Massurius.»
Da erscholl aus dem Seitengemach der Klang von Lyra und Kithara, und ein trat ein Zug von acht Jünglingen in goldgrün schillernden Seidengewändern, worauf der «Anrichter» und der «Zerleger»: die sechs andern trugen Schüsseln auf dem Haupt: sie zogen im Taktschritt an den Gästen vorüber und machten vor dem Anrichttisch von Citrus halt. Während sie hier beschäftigt, waren, erklangen vom Mittelgrunde her Kastagnetten und Zimbeln, die großen Doppeltüren drehten sich um ihre erzschimmernden Säulenpfosten, und ein Schwarm von Sklaven in der schönen Tracht korintischer Epheben strömte herein. Die einen reichten Brot in zierlich durchbrochenen Bronzekörben, andre verscheuchten die Mücken mit breiten Fächern von Straußenfedern und Palmblättern, einige gossen Ö1 in die Wandlampen aus doppelhenkeligen Krügen mit anmutvollen Bewegung, indes etliche mit zierlichen Besen von ägyptischem Schilf von dem Mosaikboden die Brosamen fegten und die übrigen Ganymed die Becher füllen halfen, die jetzt schon eifrig kreisten.
Damit stieg denn die Raschheit, die Wärme des Gesprächs, und Cethegus, der, wie überlegen nüchtern er blieb, völlig im Moment versunken schien, bezauberte durch seine Jugendlichkeit die Jünglinge.
«Wie ist's», fragte der Hausherr, «wollen wir würfeln zwischen den Schüsseln? Dort neben Piso steht der Würfelbecher.» - «Nun, Massurius», meinte Cethegus mit einem spöttischen Blick auf den Sklavenhändler, «Willst du wieder einmal dein Glück wider mich versuchen? Willst du wetten gegen mich? Gib ihm den Becher, Syphax!» winkte er dem Mauren.
«Merkur soll mich bewahren!» antwortete Massurius in komischem Schreck. «Laßt euch nicht ein mit dem Präfekten -er hat das Glück seines Ahnherrn Julius Cäsar geerbt.»
«Omen accipio!» lachte Cethegus, «das nehm' ich an, mitsamt dem Dolch des Brutus.»
«Ich sag' euch, er ist ein Zauberer! Erst jüngst hat er eine ungewinnbare Wette gegen mich gewonnen an diesem braunen Dämon. -» Und er wollte dem Sklaven eine Feige ins Gesicht werfen: aber dieser fing sie behende mit den glänzend weißen Zähnen und verzehrte sie mit ruhigem Behagen.
«Gut, Syphax», lobte Cethegus, «Rosen aus den Dornen der Feinde! Du kannst ein Gaukler werden, sobald ich dich freilasse.»
«Syphax will nicht frei sein, er will dein Syphax sein und dein Leben retten wie du seins.»
«Was ist das - dein Leben?» fragte Lucius Licinius mit erschrockenem Blick. - «Hast du ihn begnadigt?» fragte Marcus.
«Mehr, ich hab' ihn losgekauft.»
«Ja, mit meinem Gelde!» brummte Massurius.
«Du weißt, ich hab' ihm dein verwettet Geld sofort als Peculium geschenkt.»
«Was ist das mit der Wette? Erzähle, vielleicht ein Stoff für meine Epigramme», fragte Piso.
«Laßt den Mauren selbst erzählen - sprich, Syphax, du darfst.»
Ohne Zögern trat der junge Sklave in das von den Tischen gebildete Hufeisen, den Rücken zur Türe gewandt. Sein funkelndes Auge überflog rasch die Versammlung und haftete dann mit Glut an seinem Herrn: alle bewunderten die jugendliche Kraft und Schönheit der schlanken Glieder, deren tiefes Braun nur um die Hüften ein kostbarer Schurz von Scharlach verhüllte.
«Leicht ist erzählt, was schwere Schmerzen barg. Ich bin daheim im Lieblingsland der Sonne; wo hundert Palmen die immer grüne Oase beschatten, außer uns nur dem Löwen bekannt und dem fleckigen Panther. Aber in einer götterverlassenen Nacht, da fand der Feind unser altes Versteck. Vandalische Reiter waren's und keine Rettung. Rot und schwarz stieg der Rauch unsrer Zelte durch die Zedernwipfel hinan, kreischend flohen die Weiber und Kinder. Da traf mich ein sausender Speer.
Ich erwachte gebunden im Sklavenraum eines Griechenschiffs, das uns gekauft, mich und viele Männer und Weiber meines Stammes: ich hatte nichts gerettet als meinen Gott, den weißen Schlangenkönig, ich trug ihn im Gürtel geborgen. Sie brachten uns nach Rom, da kaufte mich einer, dessen Namen verflucht sei.»
«'s ist unser Freund Calpurnius», unterbrach Cethegus.
«Und kein Stern soll ihm leuchten auf nächtlicher Fahrt, er soll verdursten im heißen Sand», knirschte der Maure mit aufloderndem Haß. «Er schlug mich oft um nichts und ließ mich hungern. Ich schwieg und betete zu meinem Gott um Rache. Er zürnte, daß ich so ruhig seine Wut ertrug.
Er wußte nicht, daß Syphax seinen Gott bei sich trug in Gestalt einer Schlange. Da trat er eines Morgens an mein Lager und fand sie um meinen Hals geringelt. Er erschrak: ich sagte ihm, seine Zähne seien nicht tödlich, aber seine Rache. Da ergrimmte er, schlug nach mir und sagte:
Nieder schlug ich den Verfluchten mit dieser Faust und gewann die Türe des Hauses und sprang hinaus ins Freie und dreißig Sklaven hinter mir drein. Da galt es das Leben.»
Die Gäste lauschten gespannt, selbst Balbus setzte den Becher ab, den er eben zu Munde führte.
«Ich laufe nicht schlecht: oft haben wir, drei Vettern und ich, die windschnelle Antilope müde gejagt. Und die Sklaven waren langsam und schwer.
Aber sie kannten die Stadt und ihre Straßen und ich nicht. So war es ein ungleich Spiel. Die Verfolger teilten sich in Scharen von drei, vier Mann und gewannen mir durch Seitengassen und Durchgänge den Weg ab.
Zum Glück hatte ich im Vorbeirennen an einer Schmiede einen schweren Feuerhaken errafft: zwei-, dreimal braucht' ich ihn, die Verfolger zu scheuchen, zu treffen, die mir plötzlich von vorn entgegenkamen. Ich fühlte aber, lange konnte das nicht mehr dauern: wie rasch ich war, wie langsam sie, zuletzt mußte ich doch erliegen.
Da sandte mir der Gott, den ich fest mit der Linken an die Brust drückte, ihn», - und sein schönes Auge funkelte, -«meinen Herrn, den gewaltigen, der mächtig ist wie der Löwe von Abaritana und klug wie der Elefant, der da gut ist wie milder Regen nach langer Dürre und herrlich wie -»
«Jetzt erzählst du schlecht, Syphax, ich will vollenden. Ich kam gerade von den Schanzwerken am aurelischen Tor, dem Grabmal Hadrians.»
«Deinem schönen, göttergeschmückten Lieblingsort», unterbrach Kallistratos.
«Und bog am Fuße des Kapitols in das Forum Trajans: da stand eine gaffende, schreiende Menge und sah der Menschenjagd neugierig zu: wie ein Pfeil schoß der Maure von dem Forum des Nerva heran, seine Verfolger weit hinter ihm. Aber siehe, dicht neben mir bogen von links fünf, von rechts sieben der Sklaven Calpurnius' auf das Forum ein, bereit, ihn aufzufangen, sowie er auf den Platz ankam.
Ich blickte den Platz hinab auf den Mauren, der jetzt gleich heran war.
Denn eben hatte der Flüchtling die erste Kette der Sklaven, die sich ihm an der Mündung der Via julia entgegenwarf, durchbrochen und flog jetzt auf uns zu.
Da war er heran.
Drei Speere sausten zugleich: aber wie ein Panther duckte der Flinke unter ihnen weg und, plötzlich aufschnellend, sprang er in hohem Satz über die Lanzen der beiden übrigen. Atemlos kam er dicht vor mir zu Boden: er blutete von Steinen und Pfeilen, und schon kam jetzt vom Forum julium heran das ganze Rudel. Verzweifelnd sah er um sich und wollte nach rechts in die Friedens-Tempel-Straße, die ihn gerade nach seines Herrn Hause zurückgeführt hätte. Da sah ich vor uns das Portal der kleinen Basilika von Sankt Laurentius offen stehen.
«In meiner Sprache! Er kennt meine Sprache», rief Syphax.
«Er kennt, glaub' ich, alle Sprachen», meinte Marcus Licinius.
«
«Da hattest du gewonnen», sagte Kallistratos.
«Ich wohl, aber er nicht. Denn die Priester von St. Laurentius, so eifersüchtig sie ihre Asylrechte wahren, so wenig haben sie Mitleid mit einem Heiden. Einen Tag lang bargen sie ihn: als sie aber erfuhren, daß er um der Schlange willen seinen Herrn niedergeschlagen, da stellten sie ihm die Wahl, Christ zu werden und den Götzen aufzugeben, oder Calpurnius und die Muränen.
Syphax wählte den Tod. Ich erfuhr es und kaufte dem Zornigen seine Rache ab und das Leben dieses schlanken Burschen, des schönsten Sklaven in Rom.»
«Kein schlechtes Geschäft», meinte Marcus, «der Maure st dir treu.»
«Ich glaube», sagte Cethegus, «tritt zurück, Syphax. Da bringt der Koch sein Meisterstück, so scheint's.»
Es war eine sechspfündige Steinbutte, seit Jahren im Meerwasserweiher des Kallistratos mit Gänselebern gemästet. Der vielgepriesene «Rhombus» kam auf silberner Schüssel, ein goldenes Krönchen auf dem Kopf.
«Alle guten Götter und du, Prophete Jonas!» lallte Balbus zurücksinkend in die Polster, «der Fisch ist mehr wert als ich selber.» - «Still, Freund», warnte Piso, «daß uns nicht Cato höre, der gesagt: wehe der Stadt, wo ein Fisch mehr wert als ein Rind.» Schallendes Gelächter und der laute Ruf: Euge belle! übertönte den Zornruf des Halbberauschten.
Der Fisch ward zerschnitten und köstlich erfunden.
«Jetzt, ihr Sklaven, fort mit dem matten Massiker. Der edle Fisch will schwimmen in edlem Naß. Auf, Syphax, jetzt paßt, was ich zu dem Gelage beigesteuert. Geh und laß die Amphora hereinbringen, welche die Sklaven draußen in Schnee gestellt. Dazu die Phialen von gelbem Bernstein.»
«Was bringst du Seltenes, aus welchem Land?» fragte Kallistratos. «Frag', aus welchem Weltteil? bei diesem vielgereisten Odysseus», sagte Piso.
«Ihr müßt raten. Und wer errät, wer diesen Wein schon gekostet hat, dem schenk' ich eine Amphora, so hoch wie diese.»
Zwei Sklaven, eppichbekränzt, schleppten den mächtigen, dunkeln Krug herein: von schwarzbraunem Porphyr und fremdartiger Gestalt, mit hieroglyphischen Zeichen geschmückt und wohlvergipst oben an der Mündung.
«Beim Styx! Kommt er aus dem Tartarus? Das ist ein schwarzer Gesell», lachte Marcus.
«Aber er hat eine weiße Seele - zeige sie, Syphax.» Der Nubier schlug mit dem Hammer aus Ebenholz, den ihm Ganymedes reichte, sorgfältig den Gips herunter, hob mit silberner Zange den Verschluß von Palmenrinde he raus, schüttete die Schicht Öl hinweg, die oben schwamm, und füllte die Pokale. Ein starker berauschender Geruch entstieg der weißen, klebrigen Flüssigkeit. Alle tranken mit forschender Miene.
«Ein Göttertrank!» rief Balbus absetzend. - «Aber stark wie flüssiges Feuer», sagte Kallistratos.
«Nein, den kenn' ich nicht!» sprach Lucius Licinius.
«Ich auch nicht», beteuerte Marcus Licinius. - «Aber ich freue mich, ihn kennen zu lernen», rief Piso und hielt Syphax die leere Schale hin.
«Nun», fragte der Wirt, zu dem letzten, bisher fast ganz stummen Gast zu seiner Rechten gewendet, «nun, Furius, großer Seefahrer, Abenteurer, Indiensucher, Weltumsegler, wird deine Weisheit auch zuschanden?»
Der Gefragte erhob sich leicht von den Kissen, ein schöner athletischer Mann von einigen dreißig Jahren, von bronzener, wettergebräunter Gesichtsfarbe, kohlschwarzen, tiefliegenden Augen, blendend weißen Zähnen und vollem Rundbart nach orientalischem Schnitt.
Aber ehe er noch sprechen konnte, fiel Kallistratos rasch ein: «Doch, beim Zeus Xenius, ich glaube, ihr kennt euch gar nicht?» Cethegus maß die fesselnde Erscheinung mit scharfem Blick. «Ich kenne den Präfekten von Rom», sagte der Schweigsame. - «Nun, Cethegus, und dies ist mein vulkanischer Freund, Furius Ahalla, aus Korsika, der reichste Schiffsherr des Abendlands, tief wie die Nacht und heiß wie das Feuer. Er hat fünfzig Häuser, Villen und Paläste an allen Küsten von Europa, Asien und Afrika, zwanzig Galeeren, ein paar tausend Sklaven und Matrosen und -»
«Und einen sehr geschwätzigen Freund», schloß der Korse. «Präfekt, mir ist es leid um dich, aber die Amphora ist mein. Ich kenne den Wein.» - Und er nahm ein Kibitzei und zerschlug es mit goldenem Löffel.
«Schwerlich», lächelte Cethegus spöttisch.
«Doch. Es ist Isiswein. Aus Ägypten. Aus Memphis.» Und ruhig schlürfte er das goldrötliche Ei.
Erstaunt sah ihn Cethegus an. «Erraten», sagte er dann. «Wo hast du ihn gekostet?»
«Notwendig da, wo du. Er fließt ja nur aus einer Quelle», lächelte der Korse. - «Genug mit euren Geheimnissen! Keine Rätsel unter den Rosen!» rief Piso. - «Wo habt ihr beiden Marder dasselbe Nest gefunden?» fragte Kallistratos.
«Nun», rief Cethegus, «wisset es immerhin. Im alten Ägypten, im heil'gen Memphis voraus, haben sich immer noch, dicht neben den christlichen Einsiedlern und Mönchen in der Wüste, glaubenszähe Männer und namentlich Frauen erhalten, die nicht lassen wollen von Apis und Osiris und besonders treu den süßen Dienst der Isis pflegen. Sie flüchten von der Oberfläche, wo die Kirche das Kreuz der Askese siegreich aufgepflanzt, in die Tiefen, in den geheimen Schoß der großen Mutter Erde mit ihrem heiligen teuren Wahn. In einem Labyrinth unter den Pyramiden des Cheops haben sie noch einige hundert Krüge geborgen des mächtigen Weines, welcher dereinst die Eingeweihten zu den Orgien der Freude, der Liebe berauschte. Die Kunde geht geheimgehalten von Geschlecht zu Geschlecht, immer nur eine Priesterin kennt den Keller und bewahrt den Schlüssel.
Ich küßte die Priesterin, und sie führte mich ein: - sie war eine wilde Katze, aber ihr Wein war gut: - und sie gab mir zum Abschied fünf Krüge mit aufs Schiff.
«So weit hab' ich es mit Smerda nicht gebracht», sagte der Korse; «sie ließ mich trinken im Keller, aber als Andenken gab sie mir nur das mit» - und er entblößte den braunen Hals. -«Einen Dolchstich der Eifersucht», lachte Cethegus. «Nun, mich freut, daß die Tochter nicht aus der Art schlägt. Zu meiner Zeit, das heißt, als mich die Mutter trinken ließ, lief die kleine Smerda noch im Kinderröckchen. Wohlan, es lebe der heil'ge Nil und die süße Isis.» Und die beiden tranken sich zu.
Aber es verdroß sie, ein Geheimnis teilen zu sollen, das jeder allein zu besitzen geglaubt.
Doch die andern waren bezaubert von der Laune des eisigen Präfekten, der jugendlich wie ein Jüngling mit ihnen plauderte und jetzt, da das beliebteste Thema für junge Herren unter den Bechern angeregt war - Liebesabenteuer und Mädchengeschichten -, unerschöpflich übersprudelte von Streichen und Schwänken, die er meistens selbst erlebt. Alle hingen mit Fragen an seinen Lippen. Nur der Korse blieb stumm und kalt.
«Sage», rief der Wirt und winkte dem Schenken, als gerade das Gelächter über eine solche Geschichte verhallt war, «sag' an, du Mann buntscheckiger Erfahrung: ägyptische Isismädchen, gallische Druidinnen, nachtlockige Töchter Syriens und meine plastischen Schwestern von Hellas -, alle kennst du und weißt du zu schätzen, aber sprich, hast du je ein germanisch Weib geliebt?»
«Nein», sagte Cethegus, seinen Isiswein schlürfend, «sie waren mir immer zu langweilig.»
«Oho», meinte Kallistratos, «das ist zuviel gesagt. Ich sage euch, ich habe an den letzten Kalenden einen Wahnsinn gehabt für ein germanisch Weib, die war nicht langweilig.»
«Wie, du, Kallistratos von Korinth, der Aspasia, der Helena Landsmann, erglühst für ein Barbarenweib? O arger Eros, Sinnenverwirrer, Männerbeschämer», schalt der Präfekt.
«Ja, wenn du willst, war's eine Sinnesverwirrung: ich habe nie dergleichen erfahren.»
«Erzähle, erzähle», drängten die andern.
«Immerhin», sagte der Hausherr, die Polster glättend, «obwohl ich keine glänzende Rolle dabei spiele.
Also an den vorigen Kalenden etwa kam ich zur achten Stunde aus den Bädern des Abaskantos nach Hause.
Da steht auf der Straße niedergelassen eine Frauensänfte, vier Sklaven dabei, ich glaube, gefangene Gepiden. Unmittelbar aber vor der Türe meines Hauses stehen zwei verhüllte Frauen, die Calantica über den Kopf gezogen. Die eine trug sklavisches Gewand, aber die andre war sehr reich und geschmackvoll gekleidet, und das wenige, was von Wuchs und Gestalt zu sehen, war göttlich. Welch schwebender Schritt, welch feiner Knöchel, welch hochgewölbter Fuß! Als ich näher herankam, ließen sich beide rasch in die Sänfte heben, und fort waren sie. Ich aber - ihr wißt, es steckt des Bildhauers Blut in allen
Hellenen -, ich träumte des Nachts von dem feinen Knöchel und dem wogenden Schritt.
Mittags drauf, da ich die Türe öffne, aufs Forum zu gehn zu den Bibliographen, wie ich pflege, seh' ich dieselbe Sänfte rasch von danne n eilen.
Ich gestehe, ohne sonst besonders eitel zu sein, diesmal hoffte ich eine Eroberung gemacht zu haben - ich wünschte es so sehr. Und ich zweifelte gar nicht mehr, als ich, um die achte Stunde nach Hause kommend, wieder meine Fremde, diesmal unbegleitet, an mir vorüberschlüpfen sah und nach ihrer Sänfte eilen. Folgen konnt' ich den raschen Sklaven nicht, so trat ich in mein Haus, froher Gedanken voll. Da sagte Ostiarius:
Pochenden Herzens eile ich in das Gemach. Richtig, es war die Sklavin, die ich gestern gesehen. Sie schlug den faltigen Mantel zurück: eine hübsche, verschlagne Maurin oder Katthagerin - ich kenne den Schlag - sah mich mit schlauen Augen an.
Ich faßte ihre Hand und wollte ihr die dunkle Wange streicheln - denn wer die Herrin begehrt, der küsse die Sklavin -, aber sie lachte und sprach:
Laut lachten die jungen Leute, Cethegus mit ihnen.
«Ja, lacht nur», fuhr der Hausherr selbst einstimmend fort, «ich aber lachte damals nicht. Aus all meinen Träumen heruntergefallen, sprach ich verdrießlich:
Da sagte die Schlange: Er ist Hellene, er liebt die Schönheit, er brennt vor Neugier, meine Herrin zu sehn.> Das war so richtig, daß ich nur lächeln konnte. Und sie schlüpfte hinweg. Unruhig blieb ich zurück. Ich konnte nicht leugnen, meine Neugier war sehr gespannt. Fest entschlossen, meinen Ares nicht herzulassen und die Kunstnärrin doch zu sehen, erwartete ich gierig die bestimmte Stunde. Die Stunde kam, und die Sänfte kam. Ich stand lauschend an meiner offnen Tür. Die Sklavin stieg heraus. Bebend vor Aufregung trat ich heran, der Purpurvorhang der Sänfte fiel halb zurück, und ich sah -» «Nun», rief Marcus, sich vorbeugend, den Becher in der Hand. «Was ich nie wieder vergessen werde. Ein Gesicht, Freunde, von ungeahnter Schönheit. Kypris und Artemis in einer Person. Ich war wie geblendet. Ich kann sie nicht schildern. Der Vorhang fiel zu. Ich aber sprang zurück, hob den Ares aus der Nische, reichte ihn der Punierin, wies ihr Gold zurück und taumelte in meine Tür, betäubt, als hätt' ich eine Waldnymphe gesehn.» «Nun, das ist stark», lachte Massurius. «Bist doch sonst kein Neuling in den Werken des Eros.» «Aber», fragte Cethegus, «woher weißt du, daß diese Zauberin eine Gotin war?» «Sie hatte dunkelrotes Haar und milchweiße Haut und schwarze Augenbrauen.» «Alle guten Götter!» dachte Cethegus. Aber er schwieg und wartete. Keiner der Anwesenden sprach den Namen aus. «Sie kennen sie nicht», sagte Cethegus zu sich. - «Und wann war das?» fragte der Wirt. «An den vorigen Kalenden.» «Ganz richtig», rechnete Cethegus; «da kam sie von Tarentum durch Rom nach Ravenna. Sie ruhte hier drei Tage.» «Und so hast du», lachte Piso, «deinen Ares eingebüßt für einen Blick. Schlechter Handel! Diesmal waren Merkur und Venus im Bunde. Armer Kallistratos.» «Ach», sagte dieser, «die Büste war gar nicht so viel wert. Es war moderne Arbeit. Jon in Neapolis hat sie vor drei Jahren gemacht. Aber ich sag' euch, einen Pheidias hätt' ich hingegeben um jenen Anblick.» «Ein Idealkopf?» fragte Cethegus, wie gleichgültig, und hob den ehernen Mischkrug, der vor ihm stand, scheinbar bewundernd, auf «Nein, das Modell war ein Barbar - irgendein Gotengraf -Watichis oder Witichas - wer kann sich die hyperboreischen Namen merken!» sagte Kallistratos seinen Bericht schließend und einem Pfirsich die Haut abziehend. Nachdenklich schlürfte Cethegus aus seiner Schale von Bernstein.
«Ja, die Barbarinnen könnte man sich gefallen lassen», rief Marcus Licinius, «aber der Orkus verschlinge ihre Brüder!» Und er riß den welken Rosenkranz vom Haupt -, die Blumen ertrugen den Dunst des Gelages schlecht - und ersetzte ihn durch einen frischen. «Nicht nur die Freiheit haben sie uns genommen - sie schlagen uns bei den Töchtern Hesperiens in der Liebe sogar aus dem Felde. Erst neulich hat die schöne Lavinia meinem Bruder die Türe verschlossen und den fuchsroten Aligern eingelassen.»
«Barbarischer Geschmack!» meinte der Verschmähte achselzuckend und wie zum Trost nach seinem Isiswein langend. «Du kennst sie auch, Furius - ist es nicht Geschmacksverirrung?» - «Ich kenne deine Nebenbuhler nicht», sagte der Korse. «Aber es gibt schon Burschen unter diesen Goten, die einem Weib gefährlich werden mögen.
Und da fällt mir ein Abenteuer ein, das ich jüngst entdeckt, das aber freilich noch ohne Spitze ist.» - «Erzähle nur», mahnte Kallistratos, die Hände in das laue Waschwasser steckend, das jetzt in korinthischen Erzschüsseln herumgereicht wurde, «vielleicht finden wir die Spitze dazu.»
«Der Held meiner Geschichte», hob Furius an, «ist der schönste der Goten.» - «Ah, Totila der junge», unterbrach Piso und ließ sich den kameengeschmückten Becher mit Isiswein füllen. «Derselbe. Ich kenne ihn seit Jahren und bin ihm sehr gut, wie alle müssen, die je sein sonnig Angesicht geschaut, abgesehen davon» - und hier überflog des Korsen Züge ein Schatten ernsten Erinnerns, und er stockte -, «daß ich ihm sonst verbunden bin.»
«Du bist, scheint's, verliebt in den Blondkopf», spottete Massurius, dem Sklaven, den er mitgebracht, ein Tuch voll pizentinischen Zwiebacks zuwerfend, um es mit nach Hause zu nehmen. «Nein, aber er hat mir, wie allen, mit denen er zu tun hat, viel Freundliches erwiesen, und gar oft hatte er die Hafenwache in den italischen Seestädten, wo ich landete.»
«Ja, er hat große Verdienste um das Seewesen der Barbaren», sagte Lucius Licinius. - «Wie um ihre Reiterei», stimmte Marcus bei, «der schlanke Bursche ist der beste Reiter seines Volks.»
«Nun, ich traf ihn zuletzt in Neapolis: wir freuten uns der Begegnung, aber vergebens drang ich in ihn, die fröhlichen Abendgelage auf meinem Schiffe zu teilen.»
«Oh, diese deine Schiffsabende sind berühmt und berüchtigt», meinte Balbus, «du hast stets die feurigsten Weine.» - «Und die feurigsten Mädchen», fügte Massurius bei.
«Wie dem sei, Totila schützte jedesmal Geschäfte vor und war nicht zu gewinnen. Ich bitte euch! Geschäfte nach der achten Stunde in Neapolis! Wo die Fleißigsten faul sind! Es waren natürlich Ausflüchte. Ich beschloß, ihm auf die Sprünge zu kommen, und umschlich abends sein Haus in der Via lata. Richtig: gleich den ersten Abend kam er heraus, vorsichtig umblickend und, zu meinem Staunen, verkleidet; wie ein Gärtner war er angetan, einen Reisehut tief ins Gesicht gezogen, eine Abolla umgeschlagen. Ich schlich ihm nach. Er ging quer durch die Stadt nach der Porta Capuana zu. Dicht neben dem Tore steht ein dicker Turm, darinnen wohnt der Pförtner, ein alter patriarchenhafter Jude, dem König Theoderich ob seiner großen Treue die Hut des Tores anvertraut.
Vor dem Tore blieb mein Gote stehen und schlug leise in die Hand: da flog eine schmale Seitentür von Eisen, die ich gar nicht bemerkt, geräuschlos auf, und hinein schlüpfte Totila geschmeidig wie ein Aal.»
«Ei, ei», fiel Piso der Dichter eifrig ein, «ich kenne den Juden und Miriam, sein herrlich prachtäugiges Kind! Die schönste Tochter Israels, die Perle des Morgenlands, ihre Lippen sind Granaten, ihr Aug' ist dunkelmeeresblau, und ihre Wangen haben den roten Duft des Pfirsichs.»
«Gut, Piso», lächelte Cethegus - «dein Gedicht ist schön.» -«Nein», rief dieser. «Miriam selbst ist die lebendige Poesie.» -«Stolz ist die Judendirne», brummte Massurius dazwischen, «sie hat mich und mein Gold geschmäht mit einem Blick, als habe man nie ein Weib um Geld gekauft.»
«Siehe», sprach Lucius Licinius, «so hat sich der hochmüt'ge Gote, der einherschreitet, als trüg' er alle Sterne des Himmels auf seinem Lockenhaupt, zu einer Jüdin herabgelassen.»
«So dacht' auch ich, und ich beschloß, den Jungen bei nächster Gelegenheit schwer zu verhöhnen mit seinem Moschusgeschmack. Aber nichts da. Ein paar Tage darauf mußte ich nach Capua. Ich breche vor Sonnenaufgang auf, die Hitze zu meiden. Ich fahre durch die Porta Capuana zur Stadt hinaus beim ersten Frührot: und als ich in meinem Reisewagen über die harten Steine an dem Judenturm vorüberrassele, denk' ich neidvoll an Totila und sage mir, der liegt jetzt in weichen Armen. Aber am zweiten Meilensteine vor dem Tor begegnet mir, nach der Stadt zuschreitend, leere Blumenkörbe über Brust und Rücken, in Gärtnertracht, wie damals - Totila. Er lag also nicht in Miriams Armen. Die Jüdin war nicht seine Geliebte, vielleicht seine Vertraute, und wer weiß, wo die Blume blüht, die dieser Gärtner pflegt. Der Glücksvogel! Bedenkt nur, auf der Via Capuana stehen all die Villen und Lustschlösser der ersten Familien von Neapolis, und in jenen Gärten prangen und blühen die herrlichsten Weiber.»
«Bei meinem Genius», rief Lucius Licinius, die bekränzte Schale hebend, «dort leben ja die schönsten Weiber Italiens -Fluch über den Goten!» - «Nein», schrie Massurius, von Wein erglühend,. «Fluch über Kallistratos und den Korsen, die uns mit fremden Liebesgeschichten bewirten, wie der Storch aus Kelchgläsern den Fuchs. Laß endlich, Hausherr, deine Mädchen kommen, wenn du deren bestellt hast: nicht höher brauchst du unsre Erwartung zu spannen. »
«Jawohl, die Mädchen, die Tänzerinnen, die Psalterien!» riefen die jungen Leute durcheinander.
«Halt», sprach der Wirt, «wo Aphrodite naht, muß sie auf Blumen wandeln. Dies Glas bring ich dir, Flora!» Er sprang auf und schleuderte an die getäfelte Decke eine köstliche Kristallschale, daß sie klirrend zersprang.
Sowie das Glas an die Balken der Decke schlug, hob sich das ganze Getäfel wie eine Falltür empor, und ein reicher Regen von Blumen aller Art flutete auf die Häupter der erstaunten Gäste nieder. Rosen von Pästum, Veilchen von Thurii, Myrten von Tarentum, Mandelblüten bedeckten wie ein dichtes Schneegestöber in duftigen Flocken den Mosaikboden, die Tische, die Polster und die Häupter der Gäste.
«Schöner», rief Cethegus, «zog Venus nie auf Paphos ein.»
Kallistratos schlug in die Hände. Da teilte sich beim Klang von Lyra und Flöte dem Triklinium gerade gegenüber die Mittelwand des Gemachs: vier hochgeschürzte Tänzerinnen, ausgesucht schöne Mädchen, in persischer Tracht, d. h. in durchsichtigen Rosaflor gekleidet, sprangen Zimbeln schlagend aus einem Gebüsch von blühendem Oleander.
Hinter ihnen kam ein großer Wagen in Gestalt einer Fächermuschel, dessen goldne Räder von acht jungen Sklavinnen geschoben wurden, vier Flötenbläserinnen in lydischem Gewand - Purpur und Weiß mit goldgestickten Mänteln - schritten vorauf: und auf dem Sitz des Wagens ruhte, von Rosen übergossen, in halb liegender Stellung Aphrodite selbst, in Gestalt eines blühenden Mädchens von lockender, üppiger Schönheit, dessen fast einzige Verhüllung der Aphroditen nachgebildete Gürtel der Grazien war.
«Ha, beim heiligen Eros und Anteros!» schrie Massurius und sprang unsicheren Schrittes von der Kline herab unter die Gruppe.
«Verlosen wir die Mädchen!» rief Piso, «ich habe ganz neue
Würfel aus Gazellenknöcheln, weihen wir sie ein.» - «Laß sie den Festkönig verteilen», schlug Marcus Licinius vor. «Nein, Freiheit, Freiheit wenigstens in der Liebe», rief Massurius und faßte die Göttin heftig am Arme, «und Musik, heda, Musik -»
«Musik», befahl Kallistratos.
Aber noch ehe die Zimbelschlägerinnen wieder anheben konnten, wurde die Eingangstür hastig aufgerissen, und die Sklaven, die ihn aufhalten wollten, zur Seite drängend, stürmte Scävola herein, er war leichenblaß.
«Hier also, hier wirklich find' ich dich, Cethegus? In diesem Augenblick!»
«Was gibt's?» sagte der Präfekt und nahm ruhig den Rosenkranz vom Haupt.
«Was es gibt? Das Vaterland schwankt zwischen Szylla und Charybdis. Die gotischen Herzoge Thulun, Ibba und Pitza -»
«Nun?» fragte Lucius Licinius.
«Sie sind ermordet!»
«Triumph!» rief der Römer und ließ die Tänzerin fahren, die er umfaßt hielt.
«Schöner Triumph!» zürnte der Jurist. «Als die Nachricht nach Ravenna kam, beschuldigte alles Volk die Königin, sie stürmten den Palast -, doch Amalaswintha war entflohn.»
«Wohin?» fragte Cethegus, rasch aufspringend.
«Wohin? Auf einem Griechenschiff - nach Byzanz!»
Cethegus setzte schweigend den Becher auf den Tisch und furchte die Stirn.
«Aber das Ärgste ist - die Goten wollen sie absetzen und einen König wählen. - «Einen König?» sagte Cethegus. «Wohlan, ich rufe den Senat zusammen. Auch die Römer sollen wählen.»
«Wen, was sollen wir wählen?» fragte Scävola.
Aber Cethegus brauchte nicht zu antworten. Lucius Licinius rief statt seiner: «Einen Diktator! Fort, fort in den Senat.»
«In den Senat!» wiederholte Cethegus majestätisch. «Syphax, meinen Mantel.»
«Hier, Herr, und dabei dein Schwert», flüsterte der Maure. «Ich führ' es immer mit, auf alle Fälle.»
Und Wirt und Gäste folgten halb taumelnd dem Präfekten, der, allein völlig nüchtern, ihnen voran aus dem Hause auf die Straße schritt.
In einem der schmalen Gemächer des Kaiserpalastes zu Byzanz stand kurze Zeit nach dem Fest der Floralien ein kleiner Mann von nicht ansehnlicher Gestalt in sorgenschweres Sinnen versunken.
Es war still und einsam rings um ihn.
Obwohl es draußen noch heller Tag, war doch das Rundbogenfenster, das nach dem Hofraum des weitläufigen Gebäudes führte, mit schweren golddurchwirkten Teppichen dicht verhangen: gleichköstliche Stoffe deckten den Mosaikboden des Zimmers, so daß kein Geräusch die Schritte des langsam auf und ab Wandelnden begleitete.
Gedämpftes, mattes Licht füllte den Raum.
Auf dem Goldrund der Wände prangte die lange Reihe der christlichen Imperatoren seit Constantius in kleinen weißen Büsten: gerade über dem Schreibdivan hing ein großes mannshohes Kreuz von gediegenem Golde.
So oft der einsam auf und nieder Schreitende daran vorbeikam, neigte er das Haupt vor demselben: denn in der Mitte des Goldes war, von Glas umschlossen, ein Splitter des angeblich echten Kreuzes angebracht.
Endlich blieb er vor der Weltkarte stehen, die, den Orbis romanus darstellend, auf purpurgesäumtem Pergament eine der Wände bedeckte. Nach langem, prüfendem Blick seufzte der Mann und bedeckte mit der Rechten Gesicht und Augen.
Es waren keine schönen Augen und kein edles Gesicht: aber vieles, Gutes und Böses, lag darin.
Wachsamkeit, Mißtrauen und List sprechen aus dem unruhigen Blick der tiefliegenden Augen: schwere Falten, der Sorge mehr als des Alters, furchten die vorspringende Stirn und die magern Wangen.
«Wer den Ausgang wüßte!» seufzte er noch einmal die knochigen, Hände reibend. «Es treibt mich unablässig. Ein Geist ist in meine Brust gefahren und mahnt und mahnt.
Aber ist's ein Engel des Herrn oder ein Dämon? Wer mir meinen Traum deutete! Vergib, dreieiniger Gott, vergib deinem eifrigsten Knecht. Du hast die Traumdeuter verflucht.
Aber doch träumte König Pharao, und Joseph durfte ihm deuten; und Jakob sah im Traum den Himmel offen, und ihre Träume kamen von dir. Soll ich - darf ich es wagen?»
Und wieder schritt er unschlüssig auf und nieder, wer weiß, wie lange noch, wäre nicht der Purpurvorhang des Eingangs leise gehoben worden.
Ein goldschimmernder Velarius warf sich vor dem kleinen Mann zur Erde mit auf der Brust gekreuzten Armen. «Imperator, die Patrizier, die du beschieden.»
«Geduld», sagte jener, sich auf die Kline mit dem Gestell von Gold und Elfenbein niederlassend, «rasch die Silberschuhe und die Chlamys.»
Der Palastdiener zog ihm die Sandalen mit den dicken Sohlen und den hohen Absätzen an, welche die Gestalt um ein paar Zoll erhöhten, und warf ihm den faltenreichen, mit Goldsternen übersäten Mantel um die Schulter, jedes Stück der Gewandung küssend, wie er es berührte: nach einer Wiederholung der fußfälligen Niederwerfung, die in dieser orientalischen Unterwürfigkeit erst neuerlich verschärft worden war, ging der Velarius.
Und Kaiser Justinianus stellte sich, den linken Arm auf eine gebrochene Porphyrsäule aus dem Tempel von Jerusalem gestützt, die zu diesem Behuf nach seiner Größe zurechtgesägt war, in seiner «Audienzattitüde» dem Eingang gegenüber.
Der Vorhang ging zurück, und drei Männer betraten das Gemach mit der gleichen Begrüßungsform wie jener Sklave; und doch waren sie die ersten Männer dieses Kaiserreichs, wie, mehr noch als ihre reichgeschmückten Gewänder, ihre hochbedeutenden Köpfe, ihre geistvollen Züge bewiesen.
«Wir haben euch beschieden», hob der Kaiser an, ohne ihre demütige Begrüßung zu erwidern, «euren Rat zu hören - über Italien. Ich habe euch alle nötigen Kenntnisse über die Dinge daselbst verschafft: die Briefe der Regentin, die Dokumente der Patriotenpartei daselbst: drei Tage hattet ihr Zeit. Erst rede du, Magister Militum.»
Und er winkte dem Größten unter den dreien, einer stattlichen, ganz in eine reichvergoldete Rüstung gekleideten Heldengestalt. Die großen, offenen, hellbraunen Augen sprachen von Treue und Zuversicht, eine starke gerade Nase, volle Wangen gaben dem Gesicht den Ausdruck gesunder Kraft, die breite Brust, die gewaltigen Schenkel und Arme hatten etwas Herkulisches, der Mund aber zeigte trotz des grimmen Rundbartes Milde und Gutherzigkeit.
«Herr», sprach er mit voller, aus tiefer Brust quellender Stimme, «Belisars Rat ist immer: greifen wir die Barbaren an. Soeben hab' ich auf dein Geheiß das Reich der Vandalen in Afrika zertrümmert mit fünfzehntausend Mann. Gib mir dreißigtausend, und ich werde dir die Gotenkrone zu Füßen legen.»
«Gut», sprach der Kaiser erfreut, «dies Wort hat mir wohlgetan. Was sprichst du
Der Angeredete war wenig kleiner als Belisar, aber nicht so breitschultrig und die Glieder nicht so sehr durch stete Übung entwickelt. Die hohe, ernste Stirn, das ruhige Auge, der festgeschnittene Mund zeugten von einem mächtigen Geist. «Imperator», sagte er gemessen, «ich warne dich vor diesem Krieg. Er ist ungerecht.»
Unwillig fuhr Justinianus auf: «Ungerecht! Wiederzunehmen, was zum Römischen Reich gehört.»
«Gehört hat. Dein Vorfahr Zeno überließ durch Vertrag das Abendland an Theoderich und seine Goten, wenn sie den Anmaßer Odoaker gestürzt.»
«Theoderich sollte Statthalter des Kaisers sein, nicht König von Italien.»
«Zugegeben. Aber nachdem er es geworden - wie er es werden mußte, ein Theoderich konnte nicht der Diener eines Kleinern sein -, hat ihn Kaiser Anastasius, dein Ohm Justinus, du selbst hast ihn anerkannt, ihn und sein Königreich.»
«Im Drang der Not. Jetzt, da sie in Not und ich der Stärkere, nehm' ich die Anerkennung zurück.»
«Das eben nenn' ich ungerecht.»
«Du bist unbequem und unbeholfen, Tribonian, und ein zäher Rechthaber. Du taugst trefflich, meine Pandekten zusammenzubauen. In Politik werd' ich dich nie wieder befragen. Was hat die Gerechtigkeit mit der Politik zu tun!»
«Gerechtigkeit, o Justinianus, ist die beste Politik.»
«Bah, Alexander und Cäsar dachten anders.»
«Sie haben erstens ihr Werk nicht vollendet, und dann zweitens» - er hielt inne.
«Nun, zweitens?»
«Zweitens bist du nicht Cäsar und nicht Alexander.»
Alle schwiegen. Nach einer Pause sagte der Kaiser ruhig: «Du bist sehr offen, Tribonianus.»
«Immer, Justinianus.»
Rasch wandte sich der Kaiser zu dem Dritten. «Nun, was ist deine Meinung, Patricius?»
Der Angeredete verbannte rasch von seinen Lippen ein kaltes Lächeln, das ihm die Moralpolitik des Juristen erweckt, und richtete sich auf.
Er war ein verkrüppeltes Männchen, noch bedeutend kleiner als Justinian, weshalb dieser im Gespräch mit ihm den Kopf noch viel mehr als nötig gewesen wäre, herabsenkte. Er war kahlköpfig, die Wangen von krankhaftem Wachsgelb, die rechte Schulter höher als die linke, und er hinkte etwas auf dem linken Fuß, weshalb er sich auf einen schwarzen Krückstock mit goldnem Gabelgriff stützte. Aber das durchdringende Auge war so adlergewaltig, daß es von dieser unansehnlichen Gestalt den Eindruck des Widrigen fernhielt, dem fast häßlichen Gesicht die Weihe geistiger Größe verlieh: und der Zug schmerzlicher Entsagung und kühler Überlegenheit um den feinen Mund hatte sogar einen fesselnden Reiz. «Imperator», sagte er mit scharfer bestimmter Stimme, «ich widerrate diesen Krieg - für jetzt.»
Unwillig zuckte des Kaisers Auge: «Auch aus Gründen der Gerechtigkeit?» fragte er, fast höhnisch. - «Ich sagte für jetzt.» -«Und warum?» - «Weil das Notwendige dem Angenehmen vorgeht. Wer sein Haus zu verteidigen hat, soll nicht in fremde Häuser einbrechen.» - «Was soll das heißen?» - «Das soll heißen: vom Westen, von den Goten droht diesem Reiche keine Gefahr. Der Feind, der dieses Reich verderben kann, vielleicht verderben wird, kommt vom Osten.»
«Die Perser!» rief Justinian verächtlich.
«Seit wann», sprach Belisar dazwischen, «seit wann fürchtet Narses, mein großer Nebenbuhler, die Perser?»
«Narses fürchtet niemand», sagte dieser, ohne seinen Gegner anzusehn, «weder die Perser, die er geschlagen hat, noch dich, den die Perser geschlagen haben. Aber er kennt den Orient. Sind es die Perser nicht, so sind es andre, die nach ihnen kommen. Das Gewitter, das Byzanz bedroht, steigt vom Tigris auf, nicht vom Tiber.»
«Nun, und was soll das bedeuten?»
«Das soll bedeuten, daß es schimpflich ist für dich, o Kaiser, für den Römernamen, den wir noch immer führen, Jahr für Jahr von Chosroes, dem Perserkhan, den Frieden um viele Zentner Goldes zu erkaufen.»
Flammende Röte überflog des Kaisers Antlitz: «Wie kannst du Geschenke, Hilfsgelder also deuten!»
«Geschenke! Und wenn sie ausbleiben, eine Woche nur über den Zahltag, verbrennt Chosroes, des Cabades Sohn, deine Dörfer. Hilfsgelder! Und er besoldet damit Hunnen und Sarazenen, deiner Grenze gefährlichste Feinde.»
Justinian machte einen raschen Gang durchs Zimmer. «Was also rätst du?» fragte er, hart vor Narses stehenbleibend. «Nicht die Goten anzugreifen ohne Not, ohne Grund, wenn man sich der Perser kaum erwehrt. Alle Kräfte deines Reiches aufzubieten, um diese schimpflichen Tribute abzustellen, die schmählichen Verheerungen deiner Grenzen zu verhindern, die verbrannten Städte Antiochia, Dara, Edessa wieder aufzubauen, die Provinzen wieder zu gewinnen, die du im nahen Osten -trotz Belisars tapfrem Schwert - verloren, deine Grenzen durch einen siebenfachen Gürtel von Festungen vom Euphrat bis zum Araxes zu schirmen. Und hast du dies Notwendige alles vollbracht - und ich fürchte sehr, du kannst es nicht vollbringen! -, dann magst du versuchen, wozu der Ruhm dich lockt.»
Justinianus schüttelte leicht das Haupt. «Du bist mir nicht erfreulich, Narses», sagte er bitter.
«Das weiß ich längst», sprach dieser ruhig.
«Und nicht unentbehrlich!» rief Belisar stolz. «Kehre dich nicht, mein großer Kaiser, an diese kleinen Zweifler! Gib mir die dreißigtausend, und ich wette meine rechte Hand, ich erobre dir Italien.»
«Und ich wette meinen Kopf», sagte Narses, «was mehr ist, daß Belisar Italien nicht erobern wird, nicht mit dreißig-, nicht mit sechzig-, nicht mit hunderttausend Mann.»
«Nun», fragte Justinian, «und wer soll's dann können und mit welcher Macht?»
«Ich», sagte Narses, «mit achtzigtausend.»
Belisar erglühte vor Zorn: er schwieg, weil er keine Antwort fand.
«Du hast dich doch bei allem Selbstgefühl sonst nie so hoch über deinen Gegner gestellt», sprach der Jurist.
«Und tu's auch jetzt nicht, Tribonian. Sieh, der Unterschied ist der: Belisarius ist ein großer Held, der bin ich nicht. Aber ich bin ein großer Feldherr - und siehe, das ist Belisarius nicht. Die Goten aber wird nur ein großer Feldherr überwinden.»
Belisarius richtete sich in seiner ganzen stolzen Höhe auf und preßte die Faust krampfhaft um seinen Schwertknauf. Es war, als wolle er dem Krüppel neben ihm den Kopf zerdrücken. Der Kaiser sprach für ihn: «Belisar kein großer Feldherr! Der Neid verblendet dich, Narses.»
«Ich beneide Belisar um nichts, nicht einmal», seufzte er leise, «um seine Gesundheit. Er wäre ein großer Feldherr, wenn er nicht ein so großer Held wäre. Er hat noch jede Schlacht, die er verlor, aus zu viel Heldentum verloren.»
«Das kann man von dir nicht sagen, Narses», warf Belisar bitter ein.
«Nein, Belisarius, denn ich habe noch nie eine Schlacht verloren.»
Eine ungeduldige Antwort Belisars ward abgeschnitten durch den Velarius, der, den Vorhang aufhebend, meldete:
«Alexandras, den du nach Ravenna gesendet, o Herr, ist seit einer Stunde gelandet und fragt -»
«Herein mit ihm, herein!» rief der Kaiser, hastig von seiner Kline aufspringend. Ungeduldig winkte er dem Gesandten, von seiner Proskynesis sich zu erheben: «Nun, Alexandros, du kommst allein zurück?»
Der Gesandte, ein schöner, noch junger Mann, wiederholte: «Allein.»
«Es verlautete doch - dein letzter Bericht - wie verließest du das Gotenreich?»
«In großer Verwirrung. Ich schrieb dir in meinem letzten Bericht, die Königin habe beschlossen, sich ihrer drei hochmütigsten Feinde zu entledigen. Sollte der Anschlag mißlingen, so war sie in Italien nicht mehr sicher und bat sich in diesem Falle aus, daß sie auf meinem Schiff nach Epidamnus, dann hierher nach Byzanz flüchten dürfe.»
«Was ich mit Freuden bewilligte. Nur, und der Anschlag?»
«Ist geglückt. Die drei Herzoge sind nicht mehr.
Aber nach Ravenna kam das Gerücht, der gefährlichste unter ihnen, Herzog Thulun, sei nur verwundet. Dies bewog die Regentin, da ohnehin die Goten in der Stadt sich drohend vor dem Palaste scharten, auf mein Schiff zu flüchten. Wir lichteten die Anker, aber bald nachdem wir den Hafen verlassen, schon auf der Höhe von Arimunum, holte uns Graf Witichis mit Übermacht ein, kam an Bord und forderte Amalaswinthen auf, zurückzukehren, indem er sich für ihre Sicherheit bis zur feierlichen Untersuchung vor der Volksversammlung verbürgte. Da sie von ihm erfuhr, daß jetzt auch Herzog Thulun seinen
Wunden erlegen, und aus seinem Anerbieten sah, daß er und seine mächtigen Freunde noch nicht an ihre Schuld glaubten, da überdies Gewalt zu fürchten war, willigte sie darein, mit ihm umzukehren nach Ravenna. Zuvor aber schrieb sie noch an Bord der Sophia diesen Brief an dich und sendet dir aus ihrem Schatze diese Geschenke.»
«Davon später, sprich weiter, wie stehn die Dinge jetzt in Italien?»
«Gut für dich, o großer Kaiser. Das vergrößerte Gerücht von dem Aufstand der Goten in Ravenna, von der Flucht der Regentin nach Byzanz durchflog das ganze Land. Vielfach kam es schon zum Zusammenstoß zwischen Römern und Barbaren. In Rom selbst wollten die Patrioten losschlagen, im Senat einen Diktator wählen, deine Hilfe anrufen. Aber alles wäre verfrüht gewesen, nachdem die Regentin in den Händen des Witichis: nur das geniale Haupt der Katakombenmänner hat es verhindert.»
«Der Präfekt von Rom?» fragte Justinian.
«Cethegus. Er mißtraute dem Gerücht. Die Verschworenen wollten die Goten überfallen, dich zum Kaiser Italiens ausrufen, ihn einstweilen zum Diktator wählen. Aber er ließ sich in der Kurie buchstäblich die Dolche auf die Brust setzen und sagte: nein.»
«Ein mutiger Mann!» rief Belisar.
«Ein gefährlicher Mann!» sagte Narses.
«Eine Stunde darauf kam die Nachricht von der Rückkehr Amalaswinthens, und alles blieb beim alten. Der schwarze Teja aber hatte geschworen, Rom zu einer Viehweide zu machen, wenn es einen Tropfen Gotenblut vergossen. All das hab' ich auf meiner absichtlich zögernden Küstenfahrt bis nach Brundisium erfahren. Aber noch Besseres hab' ich zu melden. Nicht nur unter den Römern, unter den Goten selbst hab' ich eifrige Freunde von Byzanz gefunden, ja unter den Gliedern des Königshauses.»
«Das wäre!» rief Justinian. «Wen meinst du?»
«In Tuscien lebt, reichbegütert, Fürst Theodahad, Amalaswinthens Vetter.»
«Jawohl, der letzte Mann im Haus der Amalungen, nicht wahr?»
«Der letzte. Er und noch viel mehr Gothelindis, sein kluges, aber böses Gemahl, die stolze Baltentochter, hassen aufs gründlichste die Regentin. Er, weil sie seiner maßlosen Habsucht, mit der er all seiner Nachbarn Grundbesitz an sich zu reißen sucht, entgegentritt: sie, aus Gründen, die ich nicht entdecken konnte, ich glaube, sie reichen in die Mädchenzeit der beiden Fürstinnen zurück - genug, ihr Haß ist tödlich. Diese beiden nun haben mir zugesagt, dir in jeder Weise Italien zurückgewinnen helfen zu wollen; ihr genügt es, scheint's, die Todfeindin vom Thron zu stürzen, er freilich fordert reichen Lohn.»
«Der soll ihm werden.»
«Seine Hilfe ist deshalb wichtig, weil er schon halb Tuscien besitzt - das Adelsgeschlecht der Wölsungen hat den andere Teil - und spielend in unsre Hände bringen kann, dann aber, weil er, wenn Amalaswintha fällt, ihr auf den Thron zu folgen Aussicht hat. Hier sind Briefe von ihm und von Gothelindis. Aber lies vor allem das Schreiben der Regentin - ich glaube, es ist sehr wichtig.»
Der Kaiser zerschnitt die Purpurschnüre der Wachstafel und las: «An Justinian, den Imperator der Römer, Amalaswintha, der Goten und Italier Königin!»
«Der Italier Königin», lachte Justinian, «welch verrückter Titel!»
«Durch Alexandros, deinen Gesandten, wirst du erfahren, wie Eris und Ate in diesem Lande hausen. Ich gleiche der einsamen Palme, die von widerstreitenden Winden zerrissen wird. Die Barbaren werden mir täglich feindseliger, ich ihnen täglich fremder, die Römer aber, soviel ich mich ihnen nähere, werden mir nie vergessen, daß ich germanischen Stammes. Bis jetzt habe ich entschlossenen Geistes allen Gefahren getrotzt: jedoch ich kann es nicht länger, wenn nicht wenigstens mein Palast, meine fürstliche Person vor der Überraschung drängender Gewalt sicher ist. Ich kann mich aber auf keine der Parteien hier im Lande unbedingt verlassen.
So ruf ich dich, als meinen Bruder in der königlichen Würde, zu Hilfe. Es ist die Majestät aller Könige, die Ruhe Italiens, dies es zu beschirmen gilt.
Schicke mir, ich bitte dich, eine zuverlässige Schar, eine Leibwache» der Kaiser warf einen bedeutsamen Blick auf Belisar -, «eine Schar von einigen tausend Mann mit einem mir unbedingt ergebenen Anführer: sie sollen den Palast von Ravenna besetzen, er ist eine Festung für sich. Was Rom betrifft, so müssen jene Scharen mir vor allem den Präfekten Cethegus, der ebenso mächtig als zweideutig ist und mich in der Gefahr, in die er mich geführt, plötzlich verlassen hat, fernhalten, nötigenfalls vernichten. Habe ich meine Feinde niedergeworfen und mein Reich befestigt, wie ich zum Himmel und der eignen Kraft vertraue, so werd' ich die Truppen und Führer mit reichen Geschenken und reicherem Dank zurücksenden. Vale.»
Justinian drückte krampfhaft die Wachstafel in seiner Faust: leuchtenden Auges sah er vor sich hin, seine nicht schönen Züge vereitelten sich im Ausdruck hoher geistiger Macht, und dieser Augenblick zeigte, daß in dem Manne neben vielen Schwächen und Kleinheiten eine Stärke, eine Größe lebte: die Größe eines diplomatischen Genies.
«In diesem Brief», rief er endlich strahlenden Blickes, «halt' ich Italien und das Gotenreich.» Und in mächtiger Bewegung durchschnitt er das Gemach mit großen Schritten, jetzt sogar die Verbeugung vor dem Kreuz vergessend.
«Eine Leibwache - sie soll sie haben! Aber nicht ein paar tausend Mann, viele Tausende, mehr als ihr lieb sein wird, und du, Belisarius, sollst sie führen.»
«Sieh auch die Geschenke», mahnte Alexandros und wies auf einen köstlichen Schrein von Thuienholz mit Gold eingelegt, den der Velarius hinter ihm niedergestellt hatte. «Hier ist der Schlüssel.» Er überreichte ein kleines Büchschen von Schildpatt, das mit der Regentin Siegel geschlossen war.
«Es ist ihr Bild dabei», sagte er, wie zufällig mit lauterer Stimme.
In dem Augenblick, da der Gesandte die Stimme kräftiger erhoben, steckte sich, leise und unbemerkt von allen außer ihm, der Kopf eines Weibes durch den Vorhang, und zwei funkelnde schwarze Augen sahen scharf auf den Kaiser. Dieser öffnete den Schrein, schob rasch alle Kostbarkeiten beiseite und griff hastig nach einem unscheinbaren Täfelchen von geglättetem Buchs mit einem schmalen Goldrahmen. Ein Ruf des Staunens entflog unwillkürlich seinen Lippen, sein Auge blitzte, er zeigte das Bild Belisar: «Ein herrliches Weib, welche Majestät der Stirn! Ja, man sieht die geborene Herrscherin, die Königstochter!» Und bewundernd sah er auf die edeln Züge.
Da rauschte der Vorhang, und die Lauscherin trat ein.
Es war Theodora, die Kaiserin: ein verführerisches Weib. Alle Künste weiblichen Erfindungsgeistes in einer Zeit des äußersten Luxus und alle Mittel eines Kaiserreichs wurden täglich stundenlang aufgeboten, diese an sich ausgezeichnete, aber durch ein zügelloses Sinnenleben früh angegriffene Schönheit frisch und blendend zu erhalten.
Goldstaub lieh ihrem dunkelblauschwarzen Haar metallischen Glanz: es war am Nacken mit aller Sorgfalt gegen den Wirbel hinaufgekämmt, den schönen Bau des Hinterkopfs, den feinen Ansatz des Halses zu zeigen.
Augenbrauen und Wimpern waren mit arabischem Stimmi glänzend schwarz gefärbt: und so kunstvoll war das Rot der Lippen aufgetragen, daß selbst Justinian, der diese Lippen küßte, nie an eine Unterstützung der Natur durch phönikischen Purpur dachte. Jedes Härchen an den alabasterweißen Armen war sorgfältig ausgetilgt, und das zarte Rosa der Fingernägel beschäftigte täglich eine besondere Sklavin lange Zeit.
Und doch hätte Theodora, damals noch nicht vierzig Jahre alt, auch ohne all diese Künste für ein ganz auffallend schönes Weib gelten müssen.
Edel freilich war dieses Antlitz nicht: kein großer, ja kein stolzer Gedanke sprach aus diesen angestrengten, unheimlich glänzenden Augen, um die Lippen schwebte ein zur Gewohnheit gewordenes Lächeln, das die Stelle der ersten künftigen Falte ahnen ließ: und die Wangen zeigten in der Nähe der Augen Spuren müder Erschöpfung.
Aber wie sie jetzt mit ihrem süßesten Lächeln auf Justinian zuschwebte, das schwere Faltenkleid von dunkelgelber Seide zierlich mit der Linken aufhebend, übte die ganze Erscheinung einen betäubenden Zauber, ähnlich dem süßen, einlullenden Geruch von indischem Balsam, der von ihr duftete.
«Was erfreut meinen kaiserlichen Herrn so sehr? Darf ich seine Freude teilen?» fragte sie mit süßer, einschmeichelnder Stimme. Die Anwesenden warfen sich vor der Kaiserin zur Erde, kaum minder ehrerbietig als vor Justinian.
Dieser aber schrak bei ihrem Anblick, wie auf einer Schuld ertappt, zusammen und wollte das Bild in der Busenfalte seiner Chlamys verbergen. Aber zu spät. Schon haftete der Kaiserin scharfer Blick darauf.
«Wir bewunderten», sagte er verlegen, «die - die schöne
Goldarbeit des Rahmens.» Und er reichte ihr errötend das Bild.
«Nun, an dem Rahmen», lächelte Theodora, «ist beim besten Willen nicht viel zu bewundern. Aber das Bild ist nicht übel. Gewiß die Gotenfürstin?» Der Gesandte nickte. «Nicht übel, wie gesagt. Aber barbarisch, streng, unweiblich. Wie alt mag sie sein, Alexandros?»
«Etwa fünfundvierzig.»
Justinian blickte fragend auf das Bild, dann auf den Gesandten. «Das Bild ist vor fünfzehn Jahren gemacht», sagte Alexandros wie erklärend.
«Nein», sprach der Kaiser, «du irrst; hier steht die Jahreszahl nach Indiktion und Konsul und ihrem Regierungsantritt: es ist von diesem Jahr.»
Eine peinliche Pause entstand.
«Nun», stammelte der Gesandte, «dann schmeicheln die Maler wie -» - «Wie die Höflinge», schloß der Kaiser. Aber Theodora kam ihm zu Hilfe.
«Was plaudern wir von Bildern und dem Alter fremder Weiber, wo es sich um das Reich handelt. Welche Nachrichten bringt Alexandros? Bist du entschlossen, Justinianus?» -«Beinahe bin ich es. Nur deine Stimme wollte ich noch hören, und du, das weiß ich, bist für den Krieg.»
Da sagte Narses ruhig: «Warum, Herr, hast du uns nicht gleich gesagt, daß die Kaiserin den Krieg will? Wir hätten unsre Worte sparen können.» - «Wie? Willst du damit sagen, daß ich der Sklave meines Weibes bin?» - «Hüte besser deine Zunge», sagte Theodora zornig, «schon manchen, der sonst unverwundbar schien, hat die eigne spitze Zunge erstochen.»
«Du bist sehr unvorsichtig, Narses», warnte Justinian.
«Imperator», sagte dieser ruhig, «die Vorsicht hab' ich längst aufgegeben. Wir leben in einer Zeit, in einem Reich, an einem Hof, wo man um jedes mögliche Wort, das man gesprochen
oder nicht gesprochen hat, in Ungnade fallen, zugrunde gehen kann. Da mir nun jedes Wort den Tod bringen kann, will ich wenigstens an solchen Worten sterben, die mir selbst gefallen.»
Der Kaiser lächelte: «Du mußt gestehn, Patricius, daß ich viel Freimut ertrage.»
Narses trat auf ihn zu: «Du bist groß von Natur, o Justinianus, und ein geborner Herrscher: sonst würde Narses dir nicht dienen. Aber Omphale hat selbst Herkules klein gemacht.»
Die Augen der Kaiserin sprühten tödlichen Haß. Justinian ward ängstlich.
«Geht», sagte er, «ich will mit der Kaiserin allein beraten. Morgen vernehmt ihr meinen Entschluß.»
Sowie sie draußen waren, schritt Justinian auf seine Gattin zu und drückte einen Kuß auf ihre weiße niedre Stirn. «Vergib ihm», sagte er, «er meint es gut.»
«Ich weiß es», sagte sie, seinen Kuß erwidernd. «Darum, und weil er unentbehrlich ist gegen Belisar, darum lebt er noch.» -«Du hast recht, wie immer.» Und er schlang den Arm um sie. «Was hat er Besondres vor?» dachte Theodora. «Diese Zärtlichkeit deutet auf ein schlechtes Gewissen.»
«Du hast recht», wiederholte er, mit ihr im Gemach auf und nieder schreitend. «Gott hat mir den Geist versagt, der die Schlachten entscheidet, aber mir dafür diese beiden Männer des Sieges gegeben - und zum Glück ihrer zwei. Die Eifersucht dieser beiden sichert meine Herrschaft besser als ihre Treue: jeder dieser Feldherren allein wäre eine stete Reichsgefahr, an dem Tage, da sie Freunde würden, wankte mein Thron. Du schürst doch ihren Haß?»
«Er ist leicht zu schüren: zwischen ihnen ist eine natürliche Feindschaft wie zwischen Feuer und Wasser. Und jede Bosheit des Verschnittenen erzähl' ich mit großer Entrüstung meiner Freundin Antonina, des Helden Belisar Weib und Gebieterin.» -«Und jede Grobheit des Helden Belisar bericht' ich treulich dem reizbaren Krüppel. Aber zu unsrer Beratung. Ich bin, nach dem Bericht des Alexandros, so gut wie entschlossen zu dem Zug nach Italien.»
«Wen willst du senden?» - «Natürlich Belisar. Er verheißt, mit dreißigtausend zu vollbringen, was Narses kaum mit achtzigtausend übernehmen will.»
«Glaubst du, daß jene kleine Macht genügen wird?»
«Nein. Aber Belisars Ehre ist verpfändet: er wird all seine Kraft aufbieten, und es wird ihm doch nicht ganz gelingen.» -«Und das wird ihm sehr heilsam sein. Denn seit dem Vandalensieg ist sein Stolz nicht mehr zu ertragen.» - «Aber er wird drei Viertel der Arbeit tun. Dann rufe ich ihn ab, breche selbst mit sechzigtausend auf, nehme Narses mit, vollende im Spiel das letzte Viertel und bin dann auch ein Feldherr und ein Sieger.»
«Fein gedacht», sagte Theodora in aufrichtiger Bewunderung seiner Schlauheit: «dein Plan ist reif.»
«Freilich», sagte Justinian seufzend stehenbleibend. «Narses hat recht, im geheimen Grund des Herzens muß ich's zugestehen. Es wäre dem Reiche heilsamer, die Perser abwehren, als die Goten angreifen. Es wäre mehr sichere, weisere Politik. Denn vom Osten kommt einst das Verderben.»
«Laß es kommen! Das kann noch Jahrhunderte anstehn, wenn von Justinian nur noch der Ruhm auf Erden lebt, wie Afrika, so Italien zurückgewonnen zu haben. Hast du für die Ewigkeit zu bauen? Die nach dir kommen, mögen für ihre Gegenwart sorgen: sorge du für die deine.» - «Wenn man aber dann sprechen wird: hätte Justinian verteidigt, statt zu erobern, so stünd' es besser? Wenn man sagen wird: Justinians Siege haben sein Reich zerstört?» - «So wird niemand sprechen. Die Menschen blendet der Glanz des Ruhms. Und noch eins» - und hier verdrängte der Ernst der tiefsten Überzeugung den Ausdruck listiger Beschwatzung von ihren schmeichelnden Zügen.
«Ich ahn' es, doch vollende.»
«Du bist nicht nur Kaiser, du bist ein Mensch.
Höher als das Reich muß dir deiner Seele Seligkeit stehen. Auf deinem, auf unsrem Pfad zur Herrschaft, zu dem Glanz dieser Herrschaft mußte mancher blut'ge Schritt geschehn: manches Harte mußte getan werden: Leben und Schätze so manchen gefährlichen Feindes mußten - genug.
Wohl bauen wir mit einem Teil dieser Schätze der heiligen, der christlichen Weisheit jenen Siegestempel, der allein schon unsern Namen unsterblich machen wird auf Erden. Aber für den Himmel - wer weiß, ob es genügt!
Laß uns» - und ihr Auge erglühte von unheimlichem Feuer -«laß uns die Ungläubigen vertilgen und über die Leichen der Feinde Christi hin den Weg zur Gnade suchen.» Justinian drückte ihre Hand. «Auch die Perser sind Feinde Christi, sind sogar Heiden.» - «Hast du vergessen, was der Patriarch gelehrt? Ketzer sind siebenmal schlimmer als Heiden! Ihnen ward der rechte Glaube gebracht, und sie haben ihn verschmäht. Das ist die Sünde wider den heiligen Geist, die nie vergeben wird - auf Erden und im Himmel. Du aber bist das Schwert, das diese gottverfluchten Arianer schlagen soll: sie sind Christi verhaßteste Feinde: sie kennen ihn und leugnen dennoch, daß er Gott. Schon hast du in Afrika die ketzerischen Vandalen niedergeworfen und den Irrwahn dort in Blut und Feuer erstickt: jetzt ruft dich Italien, Rom, die Stätte, wo der Apostelfürsten Blut geflossen, die heil'ge Stadt: nicht länger darf sie diesen Ketzern dienen. Justinian, gib sie dem wahren Glauben wieder.»
Sie hielt inne. Der Kaiser blickte schwer aufatmend zu dem Goldkreuz empor. «Du deckst die letzten Tiefen meines Herzens auf: das ist es ja, was, noch mächtiger als Ruhm und Siegesehre, mich zu diesen Kriegen treibt. Aber bin ich fähig, bin ich würdig, so Großes, so Heiliges zu Gottes Ehre zu vollenden? Will er durch meine sünd'ge Hand so Großes vollführen? Ich zweifle, ich schwanke. Und der Traum, der mir in dieser Nacht geworden, war er von Gott gesendet? Und was soll er bedeuten? Treibt er zum Angriff, oder mahnt er ab? Nun hatte deine Mutter Komito, die Wahrsagerin von Kypros, große Weisheit, Ahnungen und Träume zu deuten.» -
«Und du weißt, die Gabe ist erblich. Habe ich dir nicht auch den Ausgang des Vandalenkrieges aus deinem Traume gedeutet?»
«Du sollst mir auch diesen Traum erklären. Du weißt, ich werde irre an dem besten Plan, wenn ein Omen dawider spricht. Höre denn. Aber» - und er warf einen ängstlichen Blick auf sein Weib -, «aber bedenke, daß es ein Traum war und kein Mensch für seine Träume kann.»
«Natürlich, sie sendet Gott.» - «Was werd' ich vernehmen?» sagte sie zu sich selbst.
«Ich war gestern nacht eingeschlafen, erwägend den letzten Bericht über Amala - über Italien. Da träumte mir, ich ging durch eine Landschaft mit sieben Hügeln. Dort ruhte unter einem Lorbeer das schönste Weib, das ich je gesehen. Ich stand vor ihr und betrachtete sie mit Wohlgefallen. Plötzlich brach aus dem Busch zur Rechten ein brüllender Bär, aus dem Gestein zur Linken eine zischende Schlange gegen die Schlummernde hervor. Aufwachend rief sie meinen Namen. Rasch ergriff ich sie, drückte sie an meine Brust und floh mit ihr: rückblickend sah ich, wie der Bär die Schlange zerriß und die Schlange den Bären zu Tode biß.»
«Nun, und das Weib?»
«Das Weib drückte einen flüchtigen Kuß auf meine Stirn und war plötzlich wieder verschwunden, und ich erwachte, vergebens die Arme nach ihr ausstreckend. Das Weib», fuhr er rasch fort, ehe Theodora nachsinnen sollte, «ist natürlich Italien.»
«Jawohl», sagte die Kaiserin ruhig. Aber ihr Busen wogte. «Der Traum ist der glücklichste. Bär und Schlange sind Barbaren und Italier, die um die Siebenhügelstadt ringen. Du entreißest sie beiden und läßt sie sich gegenseitig vernichten.
«Aber sie entschwindet mir wieder - sie bleibt mir nicht.»
«Doch. Sie küßt dich und verschwindet in deinen Armen. So wird Italien aufgehn in deinem Reich.»
«Du hast recht», rief Justinian aufspringend. «Sei bedankt, mein kluges Weib. Du bist die Leuchte meiner Seele. Es sei gewagt: Belisar soll ziehn.»
Und er wollte den Velarius rufen. Doch hielt er plötzlich an. «Aber noch eins.» Und die Augen niederschlagend, faßte er ihre Hand.
«Ah», dachte Theodora, «jetzt kommt's.»
«Wenn wir nun das Gotenreich zerstört und in die Hofburg von Ravenna mit Hilfe der Königin selbst eingezogen sind - was - was soll dann mir ihr, der Fürstin, werden?»
«Nun», sagte Theodora völlig unbefangen, «was mit ihr werden soll? Was mit dem entthronten Vandalenkönig geworden. Sie soll hierher, nach Byzanz.»
Justinian atmete hoch auf. «Mich freut es, daß du das Richtige fandest.»
Und in wirklicher Freude drückte er ihr die schmale, weiße, wunderzierliche Hand.
«Mehr als das», fuhr Theodora fort. «Sie wird um so leichter auf unsre Pläne eingehen, je sicherer sie einer ehrenvollen Aufnahme hier entgegensieht. So will ich selbst ihr ein schwesterliches Schreiben senden, sie einzuladen. Sie soll im Fall der Not stets ein Asyl an meinem Herzen finden.»
«Du weißt gar nicht», fiel Justinian eifrig ein, «wie sehr du dadurch unsern Sieg erleichterst. Die Tochter Theoderichs muß völlig von ihrem Volk hinweg zu uns gezogen werden. Sie selbst soll uns nach Ravenna führen.»
«Dann kannst du aber nicht gleich Belisar mit einem Heere senden. Das würde sie nur argwöhnisch machen und widerspenstig. Sie muß völlig in unsern Händen, das Barbarenreich von innen heraus gebrochen sein, ehe das Schwert Belisars aus der Scheide fährt.»
«Aber in der Nähe muß er von jetzt an stehen.»
«Wohl, etwa auf Sizilien. Die Unruhen in Afrika geben den besten Vorwand, eine Flotte in jene Gewässer zu senden. Und sowie das Netz gelegt, muß Belisars Arm es zuziehn.»
«Aber wer soll es legen?»
Theodora dachte eine Weile nach; dann sagte sie:
«Der geistgewaltigste Mann des Abendlands: Cethegus Cäsarius, der Präfekt von Rom, mein Jugendfreund.»
«Recht. Aber nicht er allein. Er ist ein Römer, nicht mein Untertan, mir nicht völlig sicher. Wen soll ich senden. Noch einmal Alexandros?»
«Nein», rief Theodora rasch, «er ist zu jung für ein solches Geschäft, nein.» Und sie schwieg nachdenklich. «Justinian», sprach sie endlich, «auf daß du siehst, wie ich persönlichen Haß vergessen kann, wo es das Reich gilt und der rechte Mann gewählt werden muß, schlage ich dir selber meinen Feind vor: Petros, des Narses Vetter, des Präfekten Studiengenossen, den schlauen Rhetor - ihn sende.»
«Theodora» - rief der Kaiser erfreut, sie umarmend, «du bist mir wirklich von Gott geschenkt. Cethegus - Petros - Belisar: Barbaren, ihr seid verloren!»
Am Morgen darauf erhob sich die schöne Kaiserin vergnügt von dem schwellenden Pfühl, dessen weiche Kissen, mit blaßgelber Seide überzogen, mit den zarten Halsfedern des pontischen Kranichs gefüllt waren.
Vor dem Bette stand ein Dreifuß mit einem silbernen Becken, den Okeanos darstellend, darin lag eine massiv goldne Kugel. Die weiche Hand der Kaiserin hob lässig die Kugel und ließ sie klingend in das Becken fallen: der helle Ton rief die syrische Sklavin in das Gemach, die im Vorzimmer schlief. Mit auf der Brust gekreuzten Armen trat sie an das Lager und schlug die schweren Vorhänge von violetter chinesischer Seide zurück. Dann ergriff sie den sanften iberischen Schwamm, der, in Eselsmilch getränkt, in kristallner Schale ruhte, und bestrich damit sorgfältig die Masse von öligem Teig, die Gesicht und Hals der Kaiserin während der Nacht bedeckte.
Dann kniete sie vor dem Bette nieder, das Haupt fast zur Erde gebeugt, und reichte die rechte Hand hinauf.
Theodora faßte diese Hand, setzte langsam den kleinen Fuß auf den Nacken der Knienden und schwang sich dann elastisch zur Erde. Die Sklavin erhob sich und warf der Herrin, die jetzt, nur mit der Untertunika von feinstem Batist bekleidet, auf dem Palmenholzrand des Bettes saß, den feinen Ankleidemantel von Rosagewebe über die Schultern.
Dann verneigte sie sich, wandte sich zur Tür, rief: «Agave!» und verschwand. Agave, eine junge, schöne Thessalierin, trat ein; sie rollte dicht vor die Herrin den mit unzähligen Büchschen und Fläschchen besetzten Waschtisch von Citrusholz und begann, ihr Gesicht, Nacken und Hände mit weichen, in verschiedene Weine und Salben getauchten Tüchern zu reiben.
«Das große Bad erst gegen Mittag!» sagte sie.
Darauf erhob sich diese vom Lager und glitt auf den bunten, mit Pardelfell überzogenen Stuhl, die Kathedra.
Da schob Agave eine ovale Wanne von Terebinthenholz heran, außen mit Schildpatt bekleidet, gefüllt mit köstlich duftendem Wasser, und hob die zierlichen, glänzend weißen Füße der Herrin hinein. Hierauf löste sie das Netz von Goldfäden, das die Nacht über die blau glänzenden Haare der Kaiserin zusammenhielt, so daß jetzt die weichen schwarzen Wellen über Schultern und Brust wallen konnten. Sie schlang ihr noch das breite Busenband von Purpur um, verneigte sich und ging mit dem Rufe: «Galatea!»
Eine betagte Sklavin löste sie ab, die Amme und Wärterin und, leider müssen wir hinzufügen, die Kupplerin Theodoras in der Zeit, da sie nur erst des Akacius, des Löwenwärters im Zirkus flitterbehängtes Töchterlein und, fast noch ein Kind, der schon tief verdorbne Liebling des großen Zirkus war. Alle Demütigungen und Triumphe, alle Laster und Listen auf der Abenteurerin wechselndem Pfad bis zum Kaiserthron hatte Galatea getreulich geteilt.
«Wie hast du geschlafen, mein Täubchen?» fragte sie, ihr in einer Bernsteinschale die aromatische Essenz reichend, welche die Stadt Adana in Cilicien für die Toilette der Kaiserin in großen Mengen als jährlichen Tribut einzusenden hatte.
«Gut, ich träumte von ihm.» - «Von Alexandros?» - «Nein, du Närrin, von dem schönen Anicius.» - «Aber der Bestellte wartet schon lange draußen in der geheimen Nische.» - «Er ist ungeduldig», lächelte der kleine Mund, «nun, so laß ihn ein.» Und sie legte sich auf dem langen Diwan zurück, eine Decke von Purpurseide über sich ziehend; aber die feinen Knöchel der schönen Füße blieben sichtbar.
Galatea schob den Riegel vor den Haupteingang, durch welchen sie eingetreten, und ging dann quer durch das Gemach zu der Ecke gegenüber, die durch eine eherne Kolossalstatue Justinians ausgefüllt war.
Die scheinbar unbewegliche Last wich sofort zur Seite, sowie die Vertraute eine Feder berührte, und zeigte eine schmale Öffnung in der Wand, welche durch die Statue in ihrer gewöhnlichen Stellung vollständig verdeckt wurde: ein dunkler Vorhang war vor den Spalt gezogen. Galatea hob den Vorhang auf, und herein eilte Alexandros, der schöne junge Gesandte.
Er warf sich vor der Kaiserin aufs Knie, ergriff ihre schmale Hand und bedeckte sie mit glühenden Küssen.
Theodora entzog sie ihm leise. «Es ist sehr unvorsichtig, Alexandros», sagte sie, den schönen Kopf zurücklehnend, «den Geliebten zur Ankleidung zuzulassen. Wie sagt der Dichter? Allein ich hab' es dir bei Abreise nach Ravenna verheißen, dich einmal in meiner Morgenstunde vorzulassen. Und du hast deinen Lohn reichlich verdient. Du hast viel für mich gewagt. -Fasse die Flechten fester!» rief sie Galatea zu, die an die ihr allein zustehende Arbeit gegangen war, das prachtvolle Haar der Gebieterin zu ordnen. «Du hast das Leben für mich gewagt.» - Und sie reichte ihm wieder zwei Finger der rechten Hand. «O Theodora», rief der Jüngling, «für diesen Augenblick würd' ich zehnmal sterben.» «Aber», fuhr sie «warum hast du mir nicht auch von dem letzten Brief der Barbarin an Justinian Abschrift zukommen lassen?» - «Es war nicht mehr möglich, es ging zu rasch. Ich konnte von meinem Schiff keinen Boten mehr senden: kaum gelang es gestern, nach der Landung, dir sagen zu lassen, daß ihr Bild bei den Geschenken sei. Du kamst im rechten Augenblick.» «Ja, was würde aus mir, wenn ich die Türsteher Justinians nicht doppelt so hoch besoldete als er? Aber Unvorsichtigster aller Gesandten, wie täppisch war das mit der Jahreszahl!» «O schönste Tochter von Kypros, ich hatte dich mondenlang nicht mehr gesehen. Ich konnte an nichts denken als an dich und deine berauschende Schönheit.» «Nun, da muß ich wohl verzeihen. Das schwarze Stirnband, Galatea! Du bist ein besserer Liebhaber als Staatsmann. Deshalb hab' ich dich auch hierbehalten. Ja, du solltest wieder nach Ravenna. Aber ich denke, ich schicke einen älteren Gesandten und behalte den jungen für mich. Ist's recht so?» lächelte sie, die Augen halb schließend. Alexandros, kühner und glühender werdend, sprang auf und drückte einen Kuß auf ihre roten Lippen. «Halt ein, Majestätsverbrecher», schalt sie und schlug mit dem Flamingofächer leicht seine Wange. «Jetzt ist's genug für heute. Morgen magst du wiederkommen und von jener Barbarenschönheit erzählen. Nein, du mußt jetzt gehn. Ich brauche diese Morgenstunde noch für einen andern.» «Für einen andern!» rief Alexandros zurücktretend. «So ist es wahr, was man leise zischelt in den Gynäceen, in den Bädern von Byzanz? Du ewig Ungetreue hast -» «Eifersüchtig darf ein Freund Theodoras nicht sein!» lachte die Kaiserin. Es war kein schönes Lachen. «Aber für diesmal sei unbesorgt - du sollst ihm selbst begegnen. Geh.» Galatea griff ihn an der Schulter und drehte den Widerstrebenden ohne weiteres hinter die Statue und zur Türe hinaus. Theodora setzte sich nun aufrecht, das faltige Untergewand mit dem Gürtel schließend.
Sogleich kam Galatea wieder zum Vorschein mit einem kleinen gebückten Mann, der viel älter aussah als seine vierzig Jahre. Kluge, aber allzu scharfe Züge, das stechende Auge, der bartlose, eingekniffene Mund - alles machte den Eindruck unangenehmer Pfiffigkeit.
Theodora nickte leicht auf seine kriechende Verbeugung; Galatea begann ihr die Augenbrauen zu malen.
«Kaiserin», hob der Alte ängstlich an, «ich staune über deine Kühnheit. Wenn man mich hier sähe! Die Klugheit von neun Jahren wäre durch einen Augenblick vereitelt.»
«Man wird dich aber nicht sehen, Petros», sagte Theodora ruhig. «Diese Stunde ist die einzige, da ich vor der zudringlichen Zärtlichkeit Justinians sicher bin. Es ist seine Betstunde. Ich muß sie ausbeuten, so gut ich kann. Gott erhalte ihm seine Frömmigkeit! Galatea, den Frühwein. Wie? Du fürchtest doch nicht, mich mit diesem gefährlichen Verführer allein zu lassen?» Die Alte ging mit häßlichem Grinsen und kam gleich zurück, einen Henkelkrug süßen gewärmten Chierweins in der einen Hand, Becher mit Wasser und Honig in der andern.
«Ich konnte heute unsere Unterredung nicht, wie gewöhnlich, in der Kirche veranstalten, wo du in dem dunklen Beichtstuhl einem Priester täuschend ähnlich siehst. Der Kaiser wird dich noch vor der Kirchenzeit zu sich bescheiden, und du mußt zuvor genau unterrichtet sein.»
«Was ist zu tun?»
«Petros», sagte Theodora, sich behaglich zurücklehnend und langsam das süße Getränk schlürfend, das Galatea mischte, «heute kam der Tag, der unsere langjährige Mühe und Klugheit lohnen und dich zum großen Mann machen wird.»
«Zeit wär' es», meinte der Rhetor.
«Nur nicht ungeduldig, Freund. (Galatea, etwas mehr Honig.) Um dich für das heutige Geschäft in die rechte Stimmung zu versetzen, wird es gut sein, dich an das Vergangene, an die Entstehungsart unserer - Freundschaft zu erinnern.»
«Was soll das? Wozu ist das nötig?» sagte der Alte unbehaglich.
«Zu mancherlei. Also. Du warst der Vetter und Anhänger meines Todfeindes Narses. Folglich auch mein Feind. Jahrelang hast du im Dienste deines Vetters mir entgegengearbeitet, mir wenig geschadet, dir selbst aber noch weniger genützt. Denn Narses, dein tugendhafter Freund, setzt seine Ehre und seine Schlauheit darein, nie etwas für seine Verwandten zu tun, daß man ihm nie, wie die andern Höflinge dieses Reiches, des Nepotismus zeihen könne.
Aus lauter Vorsicht und eitel Tugend ließ er dich unbefördert. Du darbtest und bliebst einfacher Schreiber. Aber ein feiner Kopf wie du weiß sich zu helfen. Du fälschtest, du verdoppeltest die Steuerausschreiben des Kaisers. Die Provinzen zahlten neben der von Justinian verlangten noch eine zweite Steuer, die Petros und die Steuererheber untereinander teilten. Eine Weile ging das vortrefflich. Aber einmal -»
«Kaiserin, ich bitte dich -»
«Ich bin gleich zu Ende, Freund. Aber einmal hattest du das Unglück, daß einer von den neuen Steuerboten die Gunst der Kaiserin höher anschlug als den von dir verheißnen Teil der Beute. Er ging auf deinen Antrag ein, ließ sich die Urkunde von dir fälschen und - brachte sie mir.»
«Der Elende», murrte Petros.
«Ja, es war schlimm», lächelte Theodora, den Becher wegstellend. «Ich konnte jetzt meinem boshaften Feind, dem Vertrauten des verhaßten Eunuchen, den schlauen Kopf vor die Füße legen, und ich muß gestehen: es lüstete mich sehr danach, sehr! Aber ich opferte die kurze Rache einem großen, dauernden Vorteil. Ich rief dich zu mir und ließ dir die Wahl, zu sterben oder mir fortan zu dienen. Du warst gütig genug, das letztere zu wählen, und so haben wir, vor der Welt nach wie vor die heftigsten Feinde, insgeheim seit Jahren zusammen gewirkt: du hast mir alle Pläne des großen Narses im Entstehen verraten, und ich hab' es dir wohl vergolten: du bist jetzt ein reicher Mann.»
«Oh, nicht der Rede wert.»
«Bitte, Undankbarer, das weiß mein Schatzmeister besser. Du bist sehr reich.»
«Wohl, aber ohne Rang und Würde. Meine Studiengenossen sind Patrizier, Präfekten, große Herren im Morgen- und Abendland: so Cethegus in Rom, Prokopius in Byzanz.»
«Geduld. Vom heutigen Tage an wirst du die Leiter der Ehren rasch erklimmen. Ich mußte doch immer etwas zu geben behalten. Höre: du gehst morgen als Gesandter nach Ravenna.»
«Als kaiserlicher Gesandter?» rief Petros freudig.
«Durch meine Verwendung. Aber das ist nicht alles.
Du erhältst von Justinian ausführliche Anweisungen, das Gotenreich zu verderben, Belisar den Weg nach Italien zu bahnen.»
«Diese Anweisungen - befolg' ich oder vereitl' ich?»
«Befolgst du. Aber du erhältst noch einen Auftrag, den dir Justinian ganz besonders ans Herz legen wird: die Tochter Theoderichs um jeden Preis aus der Hand ihrer Feinde zu retten und nach Byzanz zu bringen. Hier hast du einen Brief von mir, der sie dringend einladet, an meiner Brust ein Asyl zu suchen.» -
«Gut», sagte Petros, den Brief einsteckend, «ich bringe sie also sofort hierher.»
Da schnellte Theodora wie eine springende Schlange vom Lager auf, daß Galatea erschrocken zurückfuhr.
«Bei meinem Zorn, Petros, nein. Dich send' ich deshalb. Sie darf nicht nach Byzanz, sie darf nicht leben!»
Bestürzt ließ Petros den Brief fallen. «O Kaiserin», flüsterte er - «ein Mord!»
«Still, Rhetor», sprach Theodora mit heiserer Stimme, und unheimlich funkelten ihre Augen. «Sie muß sterben.»
«Sterben? O Kaiserin, warum?»
«Warum? Das hast du nicht zu fragen. Doch halt: - du sollst es wissen, es gibt deiner Feigheit einen Sporn - wisse -» und sie faßte ihn wild am Arme und raunte ihm ins Ohr: «Justinian, der Verräter, fängt an, sie zu lieben.»
«Theodora!» rief der Rhetor erschrocken und trat einen Schritt zur Seite.
Die Kaiserin sank auf die Kline zurück.
«Aber er hat sie ja nie gesehen!» stammelte sich fassend Petros.
«Er hat ihr Bild gesehen: er träumt bereits von ihr, er glüht für dieses Bild.»
«Du hast nie eine Rivalin gehabt.»
«Ich werde darüber wachen, daß ich keine erhalte.»
«Du bist so schön.»
«Amalaswintha ist jünger.»
«Du bist so klug, bist seine Beraterin, die Vertraute seiner geheimsten Gedanken.»
«Das eben wird ihm lästig. Und» - sie ergriff wieder seinen Arm «merke wohl: sie ist eine Königstochter! Eine geborene Herrscherin, ich des Löwenwärters plebejisch Kind. Und - so wahnwitzig lächerlich es ist! - Justinian vergißt im Purpurmantel, daß er des dardanischen Ziegenhirten Sohn. Er hat den Wahnsinn der Könige geerbt, er, selbst ein Abenteurer, er faselt von angebornen Majestät, von dem Mysterium königlichen Bluts. Gegen solche Grillen hab' ich keinen Schutz. Von allen Weibern der Erde fürchte ich nichts: aber diese Königstochter - -»
Sie sprang zürnend auf und ballte die kleine Hand.
«Hüte dich, Justinian!» sagte sie, durch das Gemach schreitend. «Theodora hat mit diesem Auge, mit dieser Hand Löwen und Tiger bezaubert und beherrscht: laß sehen, ob ich nicht diesen Fuchs im Purpur in Treue erhalten kann.» Sie setzte sich wieder.
«Kurz. Amalaswintha stirbt», sagte sie, plötzlich wieder kalt geworden.
«Wohl», erwiderte der Rhetor, «aber nicht durch mich. Du hast der blutgewohnten Diener genug. Sie sende; ich bin ein Mann der Rede.»
«Du bist ein Mann des Todes, wenn du nicht gehorchst. Gerade du, mein Feind mußt es tun: keiner meiner Freunde kann es ohne Verdacht.»
«Theodora», mahnte der Rhetor, sich vergessend, «die
Tochter des großen Theoderich ermorden, eine geborne Königin -»
«Ha», lachte Theodora grimmig, «auch dich Armseligen blendet die geborne Königin. Narren sind die Männer alle, noch mehr als Schurken! Höre, Petros, an dem Tage, da die Todesnachricht aus Ravenna eintrifft, bist du Senator und Patricius.»
Wohl blitzte des Alten Auge. Aber Feigheit oder Gewissensangst waren doch mächtiger als der Ehrgeiz. «Nein», sagte er entschlossen, «lieber lasse ich den Hof und alle Pläne.»
«Das Leben läßt du, Elender!» rief Theodora zornig. «Oh, du wähntest, du seiest frei und ungefährdet, weil ich damals vor deinen Augen die gefälschte Urkunde verbrannt? Du Tor! Es war die rechte nicht! Sieh her - hier halte ich dein Leben.»
Und sie riß aus einer Capsula voller Dokumente ein vergilbtes Pergament. Sie zeigte es dem Erschrocknen, der jetzt willenlos in die Knie brach.
«Befiehl», stammelte er, «ich gehorche.»
Da pochte man an die Haupttüre.
«Hinweg», rief die Kaiserin. «Hebe meinen Brief an die Gotenfürstin vom Boden auf und bedenk' es wohl: Patricius, wenn sie stirbt, Folter und Tod, wenn sie lebt. Fort.»
Und Galatea schob den Betäubten durch den geheimen Eingang hinaus, drehte den bronzenen Justinian wieder an seine Stelle und ging, die Haupttür aufzutun.
Herein trat ein stattliche Frau, größer und von gröberen Formen als die kleine, zierliche Kaiserin, nicht so verführerisch schön, aber jünger und blühender, mit frischen Farben und ungekünstelter Art.
«Gegrüßt, Antonina, geliebtes Schwesterherz! Komm an meine Brust!» rief die Kaiserin der tief sich Verbeugenden entgegen.
Die Gattin Belisars gehorchte schweigend.
«Wie diese Augengruben hohl werden!» dachte sie, sich wieder aufrichtend.
«Was das Soldatenweib für grobe Knöchel hat!» sagte die Kaiserin zu sich selbst, da sie die Freundin musterte.
«Blühend bist du wie Hebe», rief sie ihr laut zu, «und wie die weiße Seide deine frischen Wangen hebt! Hast du etwas Neues mitzuteilen von - von ihm?» fragte sie und nahm gleichgültig spielend vom Waschtisch ein gefürchtetes Werkzeug, eine spitze Lanzette an einem Stäbchen von Elfenbein, mit welchem ungeschickte oder auch nur unglückliche Sklavinnen von der zürnenden Herrin oft zolltief in Schultern und Arme gestochen wurden.
«Heute nicht», flüsterte Antonina errötend, «ich hab' ihn gestern nicht gesehn.»
«Das glaub' ich», lächelte Theodora in sich hinein. «Oh, wie schmerzlich werd' ich dich bald vermissen», sagte sie, Antoninens vollen Arm streichelnd. «Schon in der nächsten Woche vielleicht wird Belisarius in See stechen und du, treueste aller Gattinnen, ihn begleiten. Wer von euren Freunden wird euch folgen?»
«Prokopius», sagte Antonina, «und» - setzte sie, die Augen niederschlagend, hinzu - «die beiden Söhne des Boethius.»
«Ach so», lächelte die Kaiserin, «ich verstehe. In der Freiheit des Lagerlebens hoffst du dich des schönen Jünglings ungestörter zu erfreuen, und indessen Held Belisarius Schlachten schlägt und Städte gewinnt -»
«Du errätst es. Aber ich habe dabei eine Bitte an dich. Dir freilich ward es gut. Alexandros, dein schöner Freund, ist zurück: er bleibt in deiner Nähe, und er ist sein eigner Herr, ein reifer Mann. Aber Anicius, du weißt es, der Jüngling, steht unter seines ältern Bruders Severinus strenger Hut. Nie würde dieser, der nur Rache an den Barbaren sinnt und Freiheitsschlachten, diese zarte Freundschaft dulden. Er würde unsern Verkehr tausendfach stören. Deshalb tu' mir eine Liebe: Severinus darf uns nicht folgen. Wenn wir an Bord sind mit Anicius, halte den ältern Bruder in Byzanz zurück mit List oder Gewalt - du kannst es ja leicht - du bist die Kaiserin.»
«Nicht übel», lächelte Theodora. «Welche Kriegslisten! Man sieht, du lernst von Belisarius.»
Da erglühte Antonina über und über.
«Oh, nenne seinen Namen nicht. Und höre nicht! Du weißt am besten, von wem ich gelernt, zu tun, worüber man erröten muß.»
Theodora schoß einen funkelnden Blick auf die Freundin.
«Der Himmel weiß», fuhr diese fort, ohne es zu beachten, «Belisar selbst war nicht treuer als ich, bis ich an diesen Hof kam. Du warst es, Kaiserin, die mich gelehrt, daß diese selbstischen Männer, von Krieg und Staat und Ehrgeiz erfüllt, uns, wenn sie einmal unsre Eheherrn, vernachlässigen, uns nicht mehr würdigen, wenn sie uns besitzen. Du hast mich gelehrt, wie es keine Sünde, kein Unrecht sei, die unschuldige Huldigung, die schmeichelnde Verehrung, die der tyrannische Gemahl versagt, von einem noch hoffenden und deshalb noch dienenden Freunde hinzunehmen. Gott sei mein Zeuge, nichts andres als diesen süßen Weihrauch der Huldigung, den Belisar versagt, und mein eitles, schwaches Herz nicht missen kann, will ich von Anicius.»
«Zum Glück für mich wird das sehr bald langweilig für ihn», sagte Theodora zu sich selbst.
«Und doch - schon dies ist ein Verbrechen, fürcht' ich, an Belisar. Oh, wie ist er groß und edel und herrlich. Wenn er nur nicht allzugroß wäre für dies kleine Herz.» - Und sie bedeckte das Antlitz mit den Händen.
«Die Erbärmliche», dachte die Kaiserin, «sie ist zu schwach zum Genuß wie zur Tugend.»
Da trat Agave, die hübsche junge Thessalierin, ins Gemach mit einem großen Strauß herrlicher Rosen.
«Von ihm», flüsterte sie der Herrin zu. - «Von wem?» fragte diese. Aber jetzt sah Antonina auf, und Agave winkte warnend mit den Augen.
Die Kaiserin reichte Antoninen den Strauß, sie zu beschäftigen, «bitte, stell' ihn dort in die Marmorvase.»
Während die Gattin Belisars den Rücken wendend gehorchte, flüsterte Agave: «Nun, von ihm, den du gestern den ganzen Tag hier versteckt gehalten: von dem schönen Anicius -» setzte das holde Kind errötend bei.
Aber kaum hatte sie das unvorsichtige Wort gesagt, als sie laut schreiend nach ihrem linken Arme griff. Die Kaiserin schlug sie mit der noch blutigen Lanzette ins Gesicht. «Ich will dich lehren, Augen haben, ob Männer schön oder häßlich», flüsterte sie grimmig. «Du läßt dich in die Spinnstube sperren auf vier Wochen - sogleich - und zeigst dich nie mehr in meinen Vorzimmern. Fort!»
Weinend ging das Mädchen, ihr Haupt verhüllend.
«Was hat sie getan?» fragte Antonina sich wendend.
«Das Riechfläschchen fallen lassen», sagte Galatea rasch, ein solches von dem Teppich aufhebend. - «Herrin, dein Haar ist fertig.»
«So laß die Ankleiderinnen ein und wer sonst im Vorsaal ist. -Willst du einstweilen in diesen Versen blättern, Antonina? Es sind die neuesten Gedichte des Arator, <über die Taten der Apostel), gar erbaulich zu lesen! Zumal hier, die Steinigung des heiligen Stephanos! Aber lies und sprich sein Urteil.»
Galatea öffnete weit die Türe des Haupteingangs: ein ganzer Schwarm von Sklavinnen und Freigelassenen wogte herein. Die einen besorgten das Hinausräumen der gebrauchten Toilettegeräte, andre räucherten mit Kohlenpfännchen und sprengten aus schmalhalsigen Fläschchen Balsam durch das Gemach. Die meisten aber waren um die Person der Kaiserin beschäftigt, die jetzt ihren Anzug vollendete. Galatea nahm ihr den Rosaüberwurf ab. «Berenike», rief sie, «die milesische Tunika mit dem Purpurstreif und der goldnen Falbel: es ist Sonntag heute.»
Während die erfahrene Alte, die allein das Haar der Kaiserin berühren durfte, die kostbare Goldnadel, mit der Venusgemme im Knopf, kunstvoll in die Knoten des Hinterhauptes schob, fragte die Kaiserin: «Was gibt es Neues in der Stadt, Delphine?»
«Du hast gesiegt, o Herrin!» antwortete die Gefragte, mit den Goldsandalen niederkniend. «Deine Farbe, die Blauen, haben gestern im Zirkus gesiegt über die Grünen zu Roß und Wagen.»
«Triumph!» frohlockte Theodora, «eine Wette von zwei Zentenaren Gold, - es ist mein. Nachrichten? woher? aus Italien?» rief sie einer eben mit Briefen eintretenden Dienerin entgegen.
«Jawohl, Herrin, aus Florentia von der Gotenfürstin Gothelindis, ich kenne das Gorgonensiegel, und von Silverius, dem Diakon.»
«Gib», sagte Theodora, «ich nehme sie mit in die Kirche. Den Spiegel, Elpis.» - Eine junge Sklavin trat vor mit einer ovalen drei Fuß langen Platte von glänzend poliertem Silber in einem reich mit Perlen besetzten Goldrahmen und getragen von einem starken Fuß von Elfenbein. Die arme Elpis hatte harten Dienst. Sie mußte während der Vollendung des Ankleidens die schwere Platte bei jeder Bewegung der unruhigen Herrin sofort dermaßen drehen, daß diese sich ununterbrochen darin beschauen konnte, und weh ihr, wenn sie einer Wendung zu spät nachfolgte.
«Was gibt es zu kaufen, Zephyris?» fragte die Kaiserin eine dunkelfarbige libysche Freigelassene, die ihr eben die zahme Hausschlange, die in einem Körbchen auf weichem Moose ruhte, zur Morgenliebkosung reichte.
«Ach, nicht viel Besondres», sagte die Libyerin, «komm, Glauke», fuhr sie fort, indem sie die blendend weiße, golddurchwirkte Chlamys aus der Kleiderpresse nahm und sorgfältig auf den Armen ausgebreitet hielt, bis die Gerufene ihr sie abnahm, mit einem Wurf der Kaiserin in den schönsten Falten über die Schulter schlug, mit dem weißen Gürtel zusammenfaßte und das eine Ende mit einer Goldspange, die einst die Taube der Venus, jetzt aber im Gegenteil den Heiligen Geist darstellte, über der weißen Achsel befestigte. Glauke, die Tochter eines athenischen Bildhauers, hatte jahrelang den Faltenwurf studiert, war deshalb von der Kaiserin um viele tausend Solidi angekauft worden und hatte den ganzen Tag über nur dies einzige Geschäft.
«Duftige Seifenkugeln aus Spanien», berichtete Zephyris, «sind wieder frisch angekommen. Ein neues milesiches Märchen ist erschienen, und der alte Ägypter ist wieder da», setzte sie leiser hinzu, «mit seinem Nilwasser. Er sagt, es helfe unfehlbar. Die Perserkönigin, die acht Jahre kinderlos -»
Seufzend wandte sich Theodora ab, ein Schatten flog über das glatte Gesicht. «Schick' ihn fort», sagte sie, «diese Hoffnung ist vorüber.»
Und es war einen Augenblick, als wollte sie in trübes Sinnen versinken.
Aber sich aufraffend trat sie, Galateen winkend, zu ihrem Lager zurück, nahm den zerdrückten Eppichkranz, der auf ihrem Kopfkissen lag, und gab ihn der Alten mit den geflüsterten Worten: «Für Anicius, schick' es ihm zu. - Den Schmuck, Erigone!» Diese, von zwei andern Sklavinnen unterstützt, trug mühsam die schwere Kiste von Erz herbei, deren Deckel, in getriebnen Figuren die Werkstätte des Vulcanus darstellend, mit dem Siegel der Kaiserin an die Lade befestigt war. Erigone zeigte, daß das Siegel unverletzt, und schlug den Deckel auf: neugierig stellte sich da manches Mädchen auf die Fußspitzen, einen Blick von den schimmernden Schätzen zu erhaschen.«Willst du noch die Sommerringe, Herrin?» fragte Erigone. - «Nein», sprach Theodora wählend, «die Zeit dafür ist um. Gib mir die schwereren, die Smaragden.» Erigone reichte ihr Ohrringe, Fingerring und Armband.
«Wie schön», sagt Antonina, von ihren frommen Versen aufsehend, «steht das Weiß der Perle zu dem Grün des Steins!»
«Es ist ein Schatzstück der Kleopatra», sagte die Kaiserin gleichgültig, «der Jude hat den Stammbaum der Perle eidlich erhärtet.»
«Aber du zögerst lange», erinnerte Antonina, «Justinians Goldsänfte harrte schon, als ich herauf kam.»
«Ja, Herrin», rief eine junge Sklavin ängstlich, «der Sklave vor der Sonnenuhr sagte schon die vierte Stunde an. Eile, Herrin.»
Ein Stich mit der Lanzette war die Antwort. «Willst du die Kaiserin mahnen?» Aber Antoninen flüsterte sie zu: «Man muß die Männer nicht verwöhnen: sie müssen immer auf uns warten, wir nie auf sie.
Meinen Straußenfächer, Thais. Geh, Jone, die kappadokischen Sklaven sollen an meine Sänfte treten.»
Und sie wandte sich zum Gehen. «O Theodora», rief Antonina rasch, «vergiß meine Bitte nicht.»
«Nein», sagte diese, plötzlich stehenbleibend, «gewiß nicht! Und damit du ganz sicher gehst», lächelte sie, «leg' ich's in deine eigne Hand. Meine Wachstafel und den Stift.» Galatea brachte sie eilig. Theodora schrieb und flüsterte der Freundin zu: «Der Präfekt des Hafens ist einer meiner alten Freunde. Er gehorcht mir blind. Lies, was ich schreibe: Wenn Severius, des Boethius Sohn, das Schiff des Belisarius besteigen will, halt' ihn, nötigenfalls mit Gewalt, zurück und sende ihn hierher in meine Gemächer: er ist zu meinem Kämmerer ernannt.) Ist's recht so, liebe Schwester?» flüsterte sie. «Tausend Dank», sagte diese mit leuchtenden Augen. «Aber wie», rief die Kaiserin laut, plötzlich an ihren Hals fassend, «und die Hauptsache hätten wir vergessen? Mein Amulett, den Mercurius! Bitte, Antonina, dort liegt es.» Hastig wandte sich diese, den kleinen goldnen Merkur, den besten Geleitsmann, der an seidner Schnur an dem Bette der Kaiserin hing, zu holen. Inzwischen aber strich Theodora schnell das Wort «Severinus» mit dem Goldgriffel aus und schrieb dafür «Anicius». Sie klappte das Täfelchen zusammen, umschnürte und siegelte es mit ihrem Venusring. «Hier das Amulett», sagte Antonina zurückkommend. «Und hier der Befehl!» lächelte die Kaiserin. «Du magst ihn selbst im Augenblick der Abfahrt an Aristarchos übergeben. Und jetzt», rief sie, «jetzt auf: in die Kirche.»
In Neapolis, derjenigen Stadt Italiens, über welcher die zu Byzanz aufsteigenden Wetterwolken sich zuerst entladen sollten, ahnte man nichts von einer drohenden Gefahr. Da wandelten damals Tag für Tag an den reizenden Hängen, welche nach dem Posilipp führen, oder an den Uferhöhen im Südosten der Stadt, in vertrautem Gespräch, alle Wonnen jugendlich begeisterter Freundschaft genießend, zwei herrliche Jünglinge, der eine in braunen, der andre in goldnen Locken: die Dioskuren, Julius und Totila.
O schöne Zeit, da es die reine Seele, umweht von der frischen Morgenluft des Lebens, noch unenttäuscht und unermüdet, trunken von der Fülle stolzer Träume, drängt, hinüberzufluten in ein gleich junges, gleich reiches, gleich überschwengliches Gemüt. Da stärkt sich der Vorsatz zu allem Edelsten, der Aufschwung zu dem Höchsten, der Flug bis in die lichte Nähe des Göttlichen wird in der Mitteilung gewagt, in der seligen Gewißheit, verstanden zu sein.
Wenn der Blütenkranz in unsren Locken gewelkt ist und die Ernte unsres Lebens beginnt, mögen wir lächeln über jene Träume der Jünglingszeit und Jünglingsfreundschaft; aber es ist kein Lächeln des Spottes; es ist ein Ausdruck von jener Wehmut, mit der wir in nüchterner Herbstluft der süßen, berauschenden Lüfte des ersten Frühlings gedenken. -
Der junge Gote und der junge Römer hatten sich gefunden in der glücklichsten Zeit für einen solchen Bund, und sie ergänzten sich wunderbar. Totilas sonnige Seele hatte den vollen Schmelz der Jugend bewahrt: lachend sah er in die lachende Welt: er liebte die Menschen, und der Glanz seines wohlwollenden Wesens gewann ihm leicht und rasch alle Herzen. Er glaubte nur an das Gute und des Guten Sieg: traf er das Böse, das Gemeine auf seinem Pfad, so trat er es mit dem heilig lodernden Zorn eines Erzengels in den Staub: durch seine sanfte Natur brach dann, den Helden verratend, die gewaltige Kraft, die in ihr ruhte, und nicht eher ließ er ab, bis das verhaßte Element aus seinem Lebenskreis getilgt war. Aber im nächsten Augenblick war dann die Störung, wie überwunden so vergessen, und harmonisch wie seine Seele fühlte er ringsum Welt und Leben. Stolz und froh empfand er die Vollkraft seiner Jugend, und jauchzend drückte er das goldne Dasein an die Brust. Singend schritt er durch die wimmelnden Straßen von Neapolis, der Abgott der Mädchen, der Stolz seiner gotischen Waffenfreunde, wie ein Gott der Freude, beglückend und beglückt.
Der helle Zauber seines Wesens teilte sich selbst der stilleren Seele seines Freundes mit, Julius Montanus, zart und sinnig angelegt, eine fast weibliche Natur, früh verwaist und von Cethegus' hochüberlegnem Geist eingeschüchtert, in Einsamkeit und unter Büchern aufgewachsen, von der trostlosen Wissenschaft jener Zeit mehr belastet als gehoben, sah das Leben ernst, fast wehmütig an. Ein Zug zur Entsagung und die Neigung, alles Bestehende an dem strengen Maß übermenschlicher Vollendung zu messen, lag in ihm und mochte sich leicht bis zur Schwermut verdüstern. Zur glücklichen Stunde fiel Totilas sonnige Freundschaft in seine Seele und erhellte sie bis in ihre tiefsten Falten so mächtig, daß seine edle Natur auch von einem schweren Schlage sich wieder elastisch aufrichten konnte, den eben diese Freundschaft auf sein Haupt ziehen sollte.
Hören wir ihn selbst darüber an den Präfekten berichten:
«Cethegus, dem Präfekten, Julius Montanus.
Die kaltherzige Antwort, die du auf den warmgefühlten Bericht von meinem neuen Freundschafts-Glück erteiltest, hat mir zuerst - gewiß gegen deine Absicht - sehr wehe getan, später aber das Glück eben dieser Freundschaft erhöht, freilich in einer Weise, welche du weder ahnen noch wünschen konntest.
Der Schmerz durch dich hat sich bald in Schmerz um dich verwandelt. Wollte es mich anfangs kränken, daß du meine tiefste Empfindung als die Schwärmerei eines kranken Knaben behandeltest und die Heiligtümer meiner Seele mit bittrem Spott antasten wolltest - nur wolltest, denn sie sind unantastbar -, so ergriff mich doch statt dessen bald das Gefühl des Mitleids mit dir. Wehe, daß ein Mann wie du, so überreich an Kräften des Geistes, darbet an den Gütern des Herzens. Wehe, daß du die Wonne der Hingebung nicht kennst und jene opferfreudige Liebe, die ein von dir mehr verspotteter als verstandner Glaube, den mir jeder Tag des Schmerzes näher bringt, die caritas, die Nächstenliebe, nennt: Wehe dir, daß du das Herrlichste nicht kennst! Vergib die Freiheit dieser meiner Rede: ich weiß, ich habe noch nie in solchen Worten zu dir gesprochen: aber erst seit kurzem bin ich, der ich bin. Vielleicht nicht ganz mit Unrecht hat noch dein letzter Brief Spuren von Knabenhaftigkeit an mir gegeißelt. Ich glaube, sie sind seitdem verschwunden, und ein Verwandelter sprech' ich zu dir. Dein Brief, dein Rat, deine Arznei hat mich allerdings zum Manne gereift, aber nicht in deinem Sinn und nicht nach deinem Wunsch. Schmerz, heiligen, läuternden Schmerz hat er mir gebracht, er hat diese Freundschaft, die er verdrängen sollte, auf eine harte Probe gestellt, aber, der Güte Gottes sei's gedankt, er hat sie im Feuer nicht zerstört, sondern gehärtet für immer.
Höre und staune, was der Himmel aus deinen Plänen geschaffen hat.
Wie wehe mir dein Brief getan - in alter Gewohnheit des Gehorsams befolgte ich alsbald seinen Auftrag und suchte deinen Gastfreund auf, den Purpurhändler Valerius Procillus. Er hatte bereits die Stadt verlassen und seine reizende Villa bezogen. Ich fand an ihm einen vielerfahrnen Mann und einen eifrigen Freund der Freiheit und des Vaterlandes: in seiner Tochter Valeria aber ein Kleinod.
Du hattest recht prophezeit. Meine Absicht, mich gegen sie zu verschließen, zerschmolz bei ihrem Anblick wie Nebel vor der Sonne: mir war, Elektra oder Kassandra, Clölia oder Virginia stehe vor mir. Aber mehr noch als ihre hohe Schönheit bezauberte mich der Schwung ihrer unsterblichen Seele, die sich alsbald vor mir auftat. Ihr Vater behielt mich sogleich als seinen Gast im Hause, und ich verlebte unter seinem Dach mit ihr die schönsten Tage meines Lebens. Die Poesie der Alten ist der Äther ihrer Seele.
Wie rauschten die Chöre des Äschylos, wie rührend tönte Antigones Klage in ihrer melodischen Stimme; stundenlang lasen wir in Wechselrede, und herrlich war sie zu schauen, wann sie sich erhob im Schwung der Begeisterung, wann ihr dunkles Haar, in freie Wellen gelöst, niederfloß und aus ihrem großen runden Auge ein Feuer blitzte nicht von dieser Welt.
Und - was ihr vielleicht noch tiefen Schmerz bereiten wird -eine Spaltung, die durch all ihr Leben geht, gibt ihr den höchsten Reiz. Du ahnst wohl, was ich meine, da du seit Jahren das Schicksal ihres Hauses kennst. Du weißt wohl genauer als ich, wie es kam, daß Valeria schon bei ihrer Geburt von ihrer frommen Mutter einem ehelosen, einsamen Leben in Werken der Andacht geweiht, dann aber von ihrem reichen und mehr römisch als christlich gesinnten Vater um den Preis einer Kirche und eines Klosters, die er baute, losgekauft worden ist. Aber Valeria glaubt, daß der Himmel nicht totes Gold nehme für eine lebendige Seele: sie fühlt sich der Bande jenes Gelübdes nicht ledig, deren sie ewig, aber nur in Furcht, nicht in Liebe, gedenkt.
Denn du hattest recht, als du schriebst: sie sei durch und durch ein Kind der alten, der heidnischen Welt. Das ist sie, die echte Tochter ihres Vaters: aber doch kann sie der frommen Mutter entsagend Christentum nicht abtun: es lebt nicht in ihr als ein Segen, es lastet auf ihr als ein Fluch, als der unentrinnbare Zwang jenes Gelübdes. Diesen wundersamen Zwiespalt, diesen verhängnisvollen Widerstreit trägt die edle Jungfrau im Gemüt: er quält sie, aber er veredelt sie zugleich.
Wer weiß, wie er sich lösen wird? Der Himmel allein, der ihr Schicksal lenkt. Mich aber zieht dieser innere Kampf mit ernsten Schauern an: du weißt ja, daß in mir selbst der Christenglaube und die Philosophie in ungeklärter Mischung durcheinanderwogen. Zu meinem Staunen hat in diesen Tagen des Schmerzes der Glaube zugenommen, und fast will mich bedünken, die Freude führe zu der heidnischen Weisheit, zu Christus aber der Schmerz und das Unglück.
Aber höre, wie ich diese Liebe in mir keimen sah, war ich froher Hoffnung voll. Valerius, vielleicht schon früher von dir für mich gewonnen, sah meine wachsende Neigung offenbar nicht ungern: vielleicht hatte er nur das an mir auszusetzen, daß ich seinen Traum von der Wiederaufrichtung der römischen Republik nicht eifrig genug teilte und nicht seinen Haß gegen die Byzantiner, in denen er die Todfeinde seines Hauses wie Italiens sieht. Auch Valeria war mir bald freundschaftlich geneigt, und wer weiß, ob nicht damals die Verehrung gegen den Willen ihres Vaters und diese Freundschaft genügt hätten, sie in meine Arme zu führen. Aber ich danke - soll ich sagen Gott oder dem Schicksal? -, daß es nicht so kam: Valeria einer halb gleichgültigen Ehe opfern wäre ein Frevel gewesen. Ich weiß nicht, welches seltsame Gefühl mich abhielt, das Wort zu sprechen, das sie in jenen Tagen gewiß zu der Meinen gemacht hätte. Ich liebte sie doch so tief - aber so oft ich mir ein Herz fassen und bei ihrem Vater um sie werben wollte, immer beschlich mich ein Gefühl, als tu' ich Unrecht an dem Gut eines andern, als sei ich ihrer nicht würdig oder doch nicht die ihr vom Schicksal zugedachte Hälfte ihrer Seele, und ich schwieg und bezähmte das pochende Herz.
Einstmals um die sechste Stunde - schwül die Sonne rings auf Land und Meer - suchte ich Schatten in der kühlen Marmorgrotte des Gartens. Ich trat ein durch das Oleandergebüsch: da lag sie schlafend auf der weichen Rasenbank, die eine Hand auf dem leise wogenden Busen, der linke Arm unter dem edeln Haupt, das noch vom Frühmahl her der schöne Asphodeloskranz schmückte. Ich stand bebend vor ihr: so schön war sie noch nie gewesen, ich beugte mich über sie und staunte die edeln, wie in Marmor gebildeten Züge an: heiß schlug mein Herz, ich beugte mich über sie, diese roten feingeschnittenen Lippen zu küssen.
Da fiel mir's plötzlich zentnerschwer aufs Herz: es ist ein Raub, was du begehen willst. Totila! rief unwillkürlich meine ganze Seele, und still, wie ich gekommen, schlich ich fort.
Totila! Was war er mir nicht früher eingefallen?
Ich machte mir Vorwürfe, den Bruder meines Herzens über dem neuen Glück fast vergessen zu haben.
Deine Prophezeiung, Cethegus, dachte ich, soll sich nicht erfüllen: diese Liebe soll mich dem Freunde nicht entfremden. Er soll Valeria sehen, gleich mir bewundern, meine Wahl lobpreisen, und dann, dann will ich werben, und Totila soll glücklich sein mit uns.
Andern Tages ging ich nach Neapolis zurück, ihn zu holen. Ich pries ihm den Schimmer des Mädchens, aber ich vermochte es nicht über mich, ihm von meiner Liebe zu sprechen. Er sollte sie sehen und alles erraten. Wir fanden sie bei unserer Ankunft nicht in den Zimmern der Villa. So führte ich Totila in den Garten - Valeria ist die eifrigste Pflegerin der Blumen -, wir bogen, Totila voran, aus einem dichten Taxusgang: da schimmerte uns ihre Erscheinung plötzlich entgegen. Sie stand vor einer Statue ihres Vaters und kränzte sie mit frischgepflückten Rosen, die sie, hoch aufgehäuft in der Busenfalte der Tunika, mit der Linken auf der Brust zusammenhielt.
Es war ein überraschend schönes Bild: die herrliche Jungfrau, in dem Grün des Taxus gleichsam eingerahmt, vor dem weißen Marmor, die Rechte anmutvoll erhebend, und mächtig wirkte die Erscheinung auf Totila: mit einem lauten Ruf des Staunens
blieb er sprachlos, ihr gerade gegenüber, stehen.
Sie sah auf und zuckte erschrocken, wie blitzgetroffen, zusammen: die Rosen fielen in dichten Flocken aus ihrem Gewand: sie sah es nicht: ihre Augen hatten sich getroffen, ihre Wangen erglühten - ich sah mit Blitzesschnelle ihr Geschick und mein Geschick entschieden.
Sie liebten sich beim ersten Anblick.
Schmerzlich, wie ein brennender Pfeil, durchdrang die Gewißheit meine Seele. Aber doch nur einen Augenblick herrschte der Schmerz ungemischt in meiner Brust. Sofort, wie ich die beiden betrachtete, die herrlichen Gestalten, empfand ich neidlose Freude, daß sie sich gefunden: denn es war, wie wenn die Macht, die der Sterblichen Leiber bildet und Seelen, die aus einem Stoff füreinander geschaffen: wie Morgensonne und Morgenröte schimmerten sie ineinander, und jetzt erkannte ich auch das dunkle Gefühl, das mich wie ein Vorwurf von Valeria ferngehalten, das mir seinen Namen auf die Lippen geführt hatte: sein sollte Valeria werden nach Gottes Ratschluß oder dem Gang der Sterne, und ich sollte nicht zwischen sie treten.
Erlaß mir, das Weitere zu berichten. Denn so selbstisch ist mein Sinn geartet, so wenig Macht hat noch die heilige Lehre des Entsagens über mich gewonnen, daß - ich schäme mich, das zu gestehen - daß mein Herz auch jetzt noch manchmal schmerzlich zuckt, statt freudig zu schlagen für das Glück der Freunde.
Rasch und unscheinbar, wie zwei Flammen ineinander lodern, schlugen ihre Seelen zusammen. Sie lieben sich und sind glücklich wie die seligen Götter: mir ist die Freude geblieben, ihr Glück zu schauen und ihnen beizustehen, es noch vor dem Vater zu verbergen, der sein Kind wohl schwerlich dem
Meine Liebe aber und ihren Opfertod halt' ich vor dem Freunde tief verborgen: er ahnt nicht und soll nie erfahren, was sein glänzend Glück nur trüben könnte. Du siehst nun, o Cethegus, wie weit ab von deinem Ziel ein Gott deinen Plan gewendet. Mir hast du jenes Kleinod Italiens bringen wollen und hast es Totila zugeführt. Meine Freundschaft hast du zerstören wollen und hast sie in den Gluten heiliger Entsagung von allem Irdischen befreit und unsterblich gemacht. Du hast mich zum Manne machen wollen durch der Liebe Glück - ich bin's geworden durch der Liebe Schmerz.»
Wir unterlassen es, den Eindruck dieses Schreibens auf den Präfekten auszumalen, und begleiten lieber die beiden Dioskuren auf einem ihrer Abendspaziergänge an den reizenden Ufergeländen von Neapolis.
Sie wandelten nach der früh beendigten Coena durch die Stadt und zur Porta nolana hinaus, die in schon halb verwitterten Reliefs die Siege eines römischen Imperators über germanische Stämme verherrlichte.
Totila blieb stehen und bewunderte die schöne Arbeit.
«Wer ist wohl Kaiser», fragte er den Freund, «dort auf dem Siegeswagen, mit dem geflügelten Blitz in der Hand wie ein Jupiter Tonans?» - «Es ist Marc Aurel», sagte Julius und wollte weitergehen. - «O bleib doch! Und wer sind die vier Gefesselten mit den langwallenden Haaren, die den Wagen ziehen?»
«Es sind Germanenkönige.» - «Doch welches Stammes», fragte Totila weiter - «sieh da, eine Inschrift:
Laut lachend schlug der junge Gote mit flacher Hand auf die Marmorsäule und schritt rasch durch das Tor. «Eine Lüge in Marmor?» rief er rückwärts blickend. «Das hat der Imperator nicht gedacht, daß einst ein gotischer Seegraf in Neapolis seine
Prahlereien Lügen straft.» - «Ja, die Völker sind wie die wechselnden Blätter am Baume», sagte Julius nachdenklich; «wer wird nach euch in diesen Landen herrschen?» Totila blieb stehen. «Nach uns?» fragte er erstaunt. - «Nun, du wirst doch nicht glauben, daß deine Goten ewig dauern werden unter den Völkern?»
«Das weiß ich doch nicht», sagte Totila langsam fortschreitend. «Mein Freund, Babylonier und Perser, Griechen und Makedonen und, wie es scheinen will, auch wir Römer hatten ihre zugemessene Zeit: sie blühten, reiften und vergingen. Soll's anders sein mit den Goten?»
«Ich weiß das nicht», sagte Totila unruhig, «ich habe den Gedanken nie gedacht. Es ist mir noch nie eingefallen, daß eine Zeit kommen könnte, da mein Volk» - er hielt inne, als sei es Sünde, den Gedanken auszudenken. «Wie kann man sich dergleichen vorstellen! Ich denke daran so wenig wie - wie an den Tod!»
«Das sieht dir gleich, mein Totila!»
«Und dir sieht es gleich, dich und andre mit solchen Träumereien zu quälen.»
«Träumereien! Du vergißt, daß es für mich, für mein Volk schon Wirklichkeit geworden. Du vergißt, daß ich ein Römer bin. Und ich kann mich nicht darüber täuschen, wie die meisten tun: es ist vorbei mit uns. Das Zepter ist von uns auf euch übergegangen; glaubst du, es lief so ohne Schmerz, ohne Nachsinnen für mich ab, in dir, meinem Herzensfreund, den Barbaren, den Feind meines Volkes zu vergessen?»
«Das ist nicht so, beim Glanz der Sonne!» fiel Totila eifrig ein. «Find' ich auch in deiner milden Seele den herben Wahn? Blick' doch nur um dich! Wann, sage mir, wann hat Italien herrlicher geblüht als unter unsrem Schilde? Kaum in den Tagen des Augustus. Ihr lehrt uns Weisheit und Kunst, wir leihen euch Friede und Schutz. Kein schöneres Wechselverhältnis läßt sich denken! Die Harmonie zwischen Römern und Germanen kann eine ganz neue Zeit erschaffen, schöner als je eine bestanden.»
«Die Harmonie! Aber sie ist nicht da. Ihr seid uns ein fremdes Volk, geschieden durch Sprache und Glauben, durch Stammesund Sinnesart und durch halbtausendjährigen Haß.
Wir brachen früher eure Freiheit, ihr jetzt die unsre; zwischen uns gähnt eine ewige Kluft.» - «Du verwirfst den Lieblingsgedanken meiner Seele.»
«Es ist ein Traum!» - «Nein, er ist Wahrheit, ich fühl' es und vielleicht kommt noch die Zeit, dir's zu beweisen. Das Werk meines Lebens bau' ich drauf.» - «So wär's auf einen edlen Wahn gebaut. Keine Brücke zwischen Römern und Barbaren!» -«Dann», sagte Totila heftig, «begreif ich nicht, wie du leben kannst, wie du mich -»
«Vollende nicht», sagte Julius ernst. «Es war nicht leicht: es war die schwerste der Entsagungen! Erst nach hartem Widerstreit der Selbstsucht ist sie mir gelungen: aber endlich hab' ich aufgehört, in meinem Volk allein zu leben. Der heil'ge Glaube, der jetzt schon - und er allein vermag's - Römer und Germanen verbindet, der meinen widerstrebenden Verstand durch lauter Schmerzen Schmerzen, die Freuden sind, -allmählich immer mächtiger umschlingt, er hat mir auch in diesem Zwiespalt Friede gebracht. In diesem einen darf ich mich jetzt schon rühmen, ein Christ zu sein: ich lebe der Menschheit, nicht meinem Volk allein, ein Mensch, kein bloßer Römer mehr. Darum kann ich dich, den Barbaren, lieben wie einen Bruder: sind wir doch Bürger eines Reichs: der Menschheit.
Darum kann ich es ertragen, zu leben, nachdem ich mein Volk gestorben sehe. Ich lebe der Menschheit: sie ist mein Volk!»
«Nein», rief Totila lebhaft, «das könnt' ich nimmermehr. In meinem Volk allein kann ich und will ich leben: meines Volkes Art ist die Luft, in der allein meine Seele atmen kann. Warum soll'n wir nicht dauern können, ewig: oder doch solang diese
Erde dauert? Was Perser und Griechen! Wir sind von besserem Stoff. Weil sie dahinsiechten und versanken, müssen darum auch wir siechen und versinken? Noch blüh'n wir in voller Jugendkraft! Nein, wenn ein Tag kommt, da die Goten sinken -mög' ihn mein Auge nicht mehr sehn. O all ihr Götter, laßt uns nicht dahinkranken jahrhundertelang wie diese Griechen, die nicht leben können und nicht sterben! Nein, muß es sein, so sendet ein furchtbar Kampfgewitter und laßt uns rasch und herrlich fallen, alle, alle und mich voran!»
Der Jüngling hatte sich in die wärmste Begeisterung gesprochen. Er sprang empor von der Marmorbank auf der Straße, darauf sie sich niedergelassen, den Lanzenschaft hoch gen Himmel erhebend.
«Mein Freund», sagte Julius, ihn liebevoll anblickend, «wie schön steht dir dieser Eifer! Aber bedenke, ein solcher Kampf würde mit uns, mit meinem Volk entbrennen, und sollte ich -?»
«Zu deinem Volke sollst du stehn mit Leib und Seele, das ist klar, wenn es jemals zu solchem Kampfe kommt. Du glaubst, das würde unsrer Freundschaft Eintrag tun? Mitnichten! Zwei Helden können sich knochentiefe Wunden haun und dabei doch die besten Freunde sein. Ha, mich würd' es freuen, dich in einer Schlachtreihe mir entgegenschreiten zu sehn mit Schild und Speer!»
Julius lächelte. «Meine Freundschaft ist nicht so grimmiger Art, du wilder Gote. - Diese Fragen und Zweifel haben mich lange und bitter gequält, und all meine Philosophen zusammen haben mir nicht den Frieden gebracht. Erst seit ich's in Schmerzen erfahren, daß ich dem Gott im Himmel allein zu dienen habe und auf Erden der Menschheit und nicht einem Volk -»
«Gemach, Freund», rief Totila, «wo ist denn die Menschheit, von der du schwärmst? Ich sehe sie nicht. Ich sehe nur Goten, Römer, Byzantiner! Eine Menschheit über den wirklichen
Völkern, irgendwo in den Lüften, kenn' ich nicht. Ich diene der Menschheit, indem ich meinem Volke lebe. Ich kann gar nicht anders! Ich kann nicht die Haut abstreifen, darin ich geboren bin. Gotisch denk' ich, in gotischen Worten, nicht in einer allgemeinen Sprache der Menschheit; die gibt es nicht. Und wie ich nur gotisch denke, kann ich auch nur gotisch fühlen. Ich kann das Fremde anerkennen, o ja. Ich bewundere eure Kunst, euer Wissen, zum Teil euren Staat, in welchem alles so streng geordnet ist.
Wir können vieles von euch lernen - aber tauschen könnt' ich und möcht ich mit keinem Volk von Engeln. Ha, meine Goten! Im Grund des Herzens sind mir ihre Fehler lieber als eure Tugenden.»
«Wie ganz anders empfinde ich, und bin doch ein Römer!»
«Du bist kein Römer! Vergib, mein Freund, es gibt schon lange keine Römer mehr. Sonst wär' ich nicht der Seegraf von Neapolis! So wie du kann nur empfinden, wer eigentlich kein Volk mehr hat. So wie ich muß jeder fühlen, der eines lebendigen Volkes ist!»
Julius schwieg eine Weile. «Und wenn dem so ist - wohl mir! Heil, wenn ich die Erde verloren, den Himmel zu gewinnen. Was sind die Völker, was ist der Staat, was ist die Erde? Nicht hier unten ist die Heimat meiner unsterblichen Seele! Sie sehnt sich nach jenem Reiche, wo alles anders ist als hier.»
«Halt ein, mein Julius», sprach Totila, stehenbleibend, die Lanze auf den Boden stoßend. «Hier laß mich stehn und leben, hier nach Kräften das Schöne genießen, das Gute schaffen nach Kräften. In deinen Himmel kann und will ich dir nicht folgen. Ich ehre deine Träume, ich ehre deine heil'ge Sehnsucht - aber ich teile sie nicht. Du weißt», fügte er lächelnd hinzu, «ich bin ein Heide, unverbesserlich wie meine Valeria - unsere Valeria. Zur rechten Stunde denk' ich ihrer. Deine erdenflücht'gen Träume ließen uns am Ende des Liebsten auf Erden vergessen.
Sieh, wir sind zur Stadt zurückgekommen, die Sonne sinkt so rasch hier im Süden, und ich soll noch vor Nacht die bestellten Sämereien in den Garten des Valerius bringen. Ein schlechter Gärtner», lächelte er, «der seiner Blume vergäße. Leb' wohl - ich biege rechts hinab.»
«Grüße mir Valeria. Ich gehe nach Hause, zu lesen.»
«Was liesest du jetzt? Noch Platon?»
«Nein, Augustinus, Lebe wohl!»
Rasch eile Totila durch die Straßen der Vorstadt, die belebteren Teile der Innenstadt meidend, nach der Porta capuana zu und dem Turm Isaks, des jüdischen Pförtners. Der Turm, unmittelbar zur Rechten des Tores, mit starken Mauern und massiv gewölbtem Dach erbaut, erhob sich in mehreren sich verjüngenden Absätzen. In dem höchsten Stockwerk, dicht an den zackigen Zinnen, waren zwei niedre, aber breite Gelasse zur Wohnung des Türmers bestimmt.
Dort hausten der alte Jude und Miriam, sein dunkelschönes Kind.
In dem größern Gemach, wo an den Wänden in strengster Ordnung die großen, schweren Schlüssel zu den Haupttüren und den Nebenpforten des wichtigsten Torgebäudes, dann das krumme Wächterhorn und der breite, hellebardengleiche Speer des Pförtners hingen, saß mit gekreuzten Beinen auf rohrgeflochtener Matte Isak, der greise Turmwart: eine hohe, starkknochige Gestalt mit der Adlernase und den buschigen, hochgeschweiften Brauen seiner Rasse.
Er hielt einen langen Stab zwischen den Knien, und aufmerksam hörte er den Worten eines jungen, unansehnlichen Mannes, offenbar auch eines Israeliten, zu, in dessen harten, nüchternen Zügen der ganze Rechnerverstand des jüdischen Stammes lag.
«Sieh, Vater Isak», schloß er mit unschöner, klangloser Stimme, «meine Rede ist keine eitle Rede, und meine Worte kommen nicht aus dem Herzen allein, das blind ist, sondern aus dem Kopf, der da ist sehend. Und hier hab' ich mit mir gebracht Brief und Urkund für jedes Wort meines Mundes: hier meine Bestallung als Baumeister für alle Wasserleitungen von Italien, jährlich fünfzig Goldsoldi und für jedes neue Werk zehn Soldi besonders. Eben erst hab' ich wieder hergestellt die zerfallene Wasserleitung dieser Stadt Neapolis; hier in diesem Beutel sind die zehn Goldstücke, richtig bezahlt. Du siehst, ich kann ernähren ein Weib; zudem bin ich Rachels, deiner Muhme, leiblicher Sohn. So laß mich nicht reden umsonst und gib mir Miriam, dein Kind, daß sie bestelle mein Haus.»
Aber der Alte strich seinen grauen langen Kinnbart und schüttelte langsam das Haupt. «Jochem, Sohn Rachels, mein Sohn - ich sage dir, laß ab, laß ab.»
«Warum? Was kannst du haben gegen mich? Wer mag reden wider Jochem in Israel?»
«Niemand. Du bist gerecht und still und fleißig und mehrest deine Habe, und dein Werk gedeiht vor dem Herrn. Aber hast du gesehen, daß sich Nachtigall paart mit dem Sperling oder die schlanke Gazelle mit dem Lasttier? Sie passen nicht zusammen! Und nun sieh dorthin und sage mir selbst, ob du passest für Miriam, mein Kind.»
Und er schob mit seinem langen Stock sachte den grünwollenen Vorhang zur Seite, der das vordere Gemach abschloß.
Leise silberne Töne waren schon herübergeklungen in das Gespräch der Männer: jetzt sah man in den einfachen, aber gefälligen Raum. An dem weiten Rundbogenfenster, das über die herrliche Neapolis, das blaue Meer und die fernen Berge die freieste Aussicht bot, stand ein junges Mädchen, ein fremdartig geformtes Saiteninstrument im Arm. Es war eine Erscheinung von überraschender Schönheit. Glühend rot fiel das Licht der sinkenden Sonne noch in das hochgelegene Gemach und übergoß wie das weiße Faltengewand so das edel geschnittene Profil des Mädchens mit purpurnem Schimmer: es spielte auf dem glänzend schwarzen Haar, das, halb hinter das feine Ohr zurückgestrichen, die edlen Schläfen zeigte. Und wie dieser Sonnenglanz, so schien der Glanz der Poesie die ganze Erscheinung zu umstrahlen, jede ihrer Bewegungen zu begleiten und jeden träumerischen Blick aus diesen dunkelblauen Augen, die, in tiefes Sinnen versunken, über die Stadt und das Meer hinschweiften. «Dunkelmeeresblau» hatte diese Augen Piso, der Dichter, genannt. -
Wie im halben Traum berührten die Finger nur leise, leise die Saiten, während von den halbgeöffneten Lippen, geflüstert mehr als gesungen, eine alte, melancholische Weise erklang:
«An Wasserflüssen Babylons Saß weinend Judas Stamm: Wann kommt der Tag, da Judas Stamm Nicht mehr zu weinen hat?»
«Nicht mehr zu weinen hat!» wiederholte sie träumend und neigte das Haupt auf den Arm, der die Harfe auf der Fensterbrüstung hielt.
«Sieh hin», sprach der Alte leise, «ist sie nicht lieblich wie die Rose in den Gärten von Saron und die Hindin auf den Bergen von Hiram, und ist kein Fehl an ihrem Leibe?»
Ehe Jochem antworten konnte, scholl dreimal ein leises Klopfen an der schmalen Eisenpforte unten. Miriam fuhr auf aus ihrem Sinnen, strich rasch mit der Hand über die Augen und eilte die enge Wendeltreppe hinunter.
Jochem trat an das Fenster, und sein Gesicht legte sich in grimmige Falten. «Ha, der Christ, der gottverfluchte», knirschte er und ballte die Faust. «Schon wieder der blonde Gote mit dem unbändigen Stolz! Vater Isak, ist das der Edelhirsch, der dir zu deiner Hindin paßt?» - «Sohn, rede nicht Hohnwort wider Isak! Du weißt ja, der Jüngling hat sein Herz gesetzt auf ein Römermädchen, seine Seele denkt nicht an die Perle von Juda.»
«Aber vielleicht die Perle von Juda an ihn!»
«Mit Dank und Freuden, wie das Lamm denkt des starken Hirten, der es entrissen dem Rachen des Wolfs. Hast du vergessen, wie bei der letzten Jagd, welche die verdammten Römer machten auf die Schätze und Goldhaufen von Israel, und als sie niederbrannten die heil'ge Synagoge mit unheil'gem Feuer, wie da eine Rotte dieser bösen Buben mein armes Kind aufjagte auf der Straße, wie ein Rudel Wölfe das weiße Lamm, und zerrten ihr den Schleier vom Haupt und das Busentuch von den Schultern: wo war da Jochem, meiner Muhme Sohn, der sie begleitete? Entflohen war er vor der Gefahr mit hurtigen Füßen und ließ die Taube in den Krallen der Geier!»
«Ich bin ein Mann des Friedens», sagte Jochem unbehaglich, «meine Hand führt nicht das Schwert der Gewalt.»
«Aber Totila führt es, wie einst der Löwe Juda, und der Herr ist mit ihm. Allein, wie er des Weges kam, sprang er unter die Schar der frechen Räuber und schlug den frechsten mit der Schärfe des Schwertes und verscheuchte die andern, wie der Turmfalk die Krähen, und hüllte sorglich den Schleier über mein lebendiges Kind und stützte ihren wankenden Schritt und führte sie heim, ungeschädigt, in die Arme ihres alten Vaters. Das lohne ihm Jehova der Herr mit langem Leben und segne alle Schritte seines Pfades.»
«Nun, wohl», sagte Jochem, seine Urkunden einsteckend, «ich gehe, diesmal für lange Zeit. Ich reise über das große Wasser, zu machen ein groß Geschäft.»
«Ein groß Geschäft? Mit wem?»
«Mit Justinianus, dem Kaiser übers Morgenland. Es ist eingestürzt ein Stück der großen Kirche, die er baut der Weisheit des Herrn in der goldnen Stadt des Konstantin. Ich hab' entworfen Plan und saubern Grundriß, wieder aufzubauen das Gebäude.»
Heftig sprang der Alte auf und stieß seinen Stab auf den Boden:
«Wie, Jochem, Sohn Rachels, dem Römer willst du dienen? Dem Kaiser, dessen Vorfahren die heilige Zion verbrannt und in die Asche gelegt den Tempel des Herrn? Und bauen willst du an einem Haus des Unglaubens, du, der Sohn des frommen Manasse? Wehe, wehe über dich!»
«Was rufest du Wehe und weißt nicht warum? Riechst du's dem Goldstück an, ob es kommt aus der Hand des Juden oder des Christen? Wiegt es nicht gleich schwer, und glänzt es nicht gleich lieblich?»
«Sohn Manasses, du kannst nicht Gott dienen und dem Mammon.»
«Aber du selbst, dienst du nicht den Ungläubigen? Seh' ich nicht das Wächterhorn an der Wand deines Hauses? Führst du nicht die Schlüssel für diese Goten und tust ihnen auf und zu die Pforten für ihren Ausgang und Eingang und hütest die Burg ihrer Stärke?»
«Ja, das tu' ich», sagte der Alte stolz, «und wachen will ich für sie treulich, Tag und Nacht, wie der Hund für den Herrn, und solang Isak Odem hat, der Sohn Rubens, soll kein Feind dieses Volkes schreiten durch dies Tor. Denn Dank schulden die Kinder Israels ihnen und ihrem großen König, der weise war wie Salomo, und wie Gideons war sein Schwert! Dank' wie unsre Väter dem großen König Cyrus, der sie befreiet hat aus Babylon. Die Römer haben gebrochen den Tempel des Herrn und zerstreut sein Volk über das Angesicht der Erde. Sie haben uns verspottet und geschlagen und verbrannt unsre heiligen Stätten und geplündert unsre Truhen und verunreinigt unsere Häuser und gezwungen unsere Weiber überall in ihren Landen und haben geschrieben gegen uns manch grausam Gesetz. Da kam dieser große König von Mitternacht, dessen Samen Jehova segne, und hat wieder aufgebaut unsre Synagogen: und wenn sie die Römer niederrissen, mußten sie alles wieder aufrichten mit eigner Hand und eignem Gelde, und er hat beschützt den Frieden unsrer Dächer, und wer einen schädigte aus Israel, der mußte es büßen, wie wer einen Christen gekränkt. Er hat uns gelassen unsern Gott und unsern Glauben und hat beschirmt unsre Schritte auf den Straßen unsres Handels, und wir feierten das Passah in Frieden und Freude, wie nicht mehr seit den Tagen, da der Tempel noch stand auf den Höhen von Zion. Und als ein Großer unter den Römern mir mit Gewalt meine Sarah geraubt, mein Weib, ließ ihm König Theoderich das stolze Haupt abschlagen noch am selben Tage und gab mir wieder mein Weib unversehrt. Und das will ich gedenken, solange meine Tage dauern, und will dienen seinem Volke treu bis zum Tode, und man soll wieder sagen, weit in allen Landen: treu und dankbar wie ein Jude.»
«Mögest du nicht Undank ernten von den Goten für deinen Dank», sagte Jochem, sich zum Gehen rüstend: «Mir ist, einmal kommt die Stunde für mich, wieder um Miriam zu werben, zum letztenmal. Vielleicht, Vater Isak, bist du dann minder stolz.» Und er schritt durch Miriams Gemach zur Treppe hinaus, wo er Totila begegnete. Mit einer häßlichen Verbeugung und einem stechenden Blick drückte sich der Kleine an dem schlanken Goten vorbei, der beim Eintritt in die Türmerwohnung sich tief bücken mußte. Miriam folgte ihm auf dem Fuß.
«Dort hängen deine Gärtnerkleider», sagte sie, ohne die langen Wimpern aufzuschlagen, «und hier am Fenster hab' ich die Blumen bereitgestellt. Sie liebt die weißen Narzissen, sagtest du neulich. Ich habe weiße Narzissen besorgt. Sie duften lieblich.» Und die melodische Stimme schwieg.
«Du bist ein gutes Mädchen, Miriam», sagte Totila, den Helm mit den silberweißen Schwanenflügeln abhebend und auf den
Tisch setzend, «wo ist dein Vater?» - «Der Segen des Herrn ruhe auf deinen goldenen Locken», sprach der Alte, in das Gemach tretend. - «Gegrüßt, treuer Isak!» rief Totila, warf den langen, glänzend weißen Mantel ab, der ihm von den Schultern floß, und hüllte sich in einen braunen Überwurf, den ihm Miriam von der Wand reichte. «Ihr guten Leute! Ohne euch und eure verschwiegene Treue wüßte ganz Neapolis um mein Geheimnis. Wie kann ich euch danken!» - «Dank?» sagte Miriam, schlug die dunkelblauen Augen auf und ließ sie leuchtend auf ihm ruhen. «Du hast voraus gedankt für alle Zeit.»
«Nein, Miriam», sagte der Gote, den braunen, breitkrempigen Filzhut tief in die Stirne ziehend, «ich mein' es herzlich gut mit euch. Sage, Vater Isak, wer ist der Kleine, den ich schon öfter hier gesehen und eben wieder begegnet? Mir ist, er hat sein Auge auf Miriam geworfen. Sprich offen, wenn es bei ihr nur am Gelde fehlt - ich helfe gern.» - «Es fehlt an der Liebe, Herr, bei ihr», sagte Isak ruhig. - «Da kann ich freilich nicht helfen! Aber wenn sonst ihr Herz gewählt - ich möchte gern etwas tun für meine Miriam.» Und er legte freundlich die Hand auf das glänzende schwarze Haar des Mädchens. Nur leise war die Berührung. Aber wie vom heißen Blitz getroffen fiel Miriam plötzlich auf die Knie: die Arme über dem Busen kreuzend, und das schöne Haupt tief nach vorne beugend: wie eine tauschwere Blume glitt sie zu den Füßen Totilas nieder.
Dieser trat bestürzt einen Schritt zurück.
Aber im Augenblick war das Mädchen wieder auf: «Verzeih, es war nur eine Rose - sie fiel vor deinen Fuß.»
Sie legte die Blume auf den Tisch, und so gefaßt war sie, daß weder ihr Vater noch der Jüngling des Vorfalls weiter achteten.
«Es dunkelt schon, eile Herr», sprach sie ruhig und reichte ihm den Korb mit den Blumen. - «Ich gehe. Auch Valeria schuldet dir reichen Dank: ich habe ihr viel von dir erzählt, und sie fragt mich stets nach dir. Sie möchte dich lang schon sehen.
Nun, vielleicht geht das bald - heut' ist's wohl das letztemal, daß ich diese Vermummung brauche.»
«Willst du sie entführen, die Tochter von Edom?» rief der Alte. «Bring' sie nur hierher! Hier ist sie wohl geborgen.»
«Nein», fiel Miriam ein, «nicht hierher, nein, nein!»
«Weshalb nicht, du seltsames Kind?» zürnte der Alte.
«Das ist kein Raum für seine Braut - dies Gemach - es brächte ihr kein Heil.» - «Beruhigt euch», sagte Totila, schon an der Türe, «offne Werbung soll der Heimlichkeit ein Ende machen. Lebt wohl.» Und er schritt hinaus, Isak nahm den Speer, das Horn und einige Schlüssel von der Wand; er folgte, ihm zu öffnen und die Abendrunde längs allen Pforten des großen Torbaues zu machen.
Miriam blieb oben allein.
Lange Zeit stand sie unbeweglich mit geschlossenen Augen an derselben Stelle. Endlich strich sie mit beiden Händen über Schläfe und Wangen und schlug die Augen auf. Still war's im Gemach; durch das offene Fenster glitt der erste Strahl des Mondlichts. Er fiel silbern auf Totilas hellen Mantel, der in langen Falten über dem Stuhl hing. Rasch flog Miriam auf den weißen Schimmer zu und bedeckte den Saum des Mantels mit heißen Küssen. Dann ergriff sie den blinkenden Schwanenhelm, der neben ihr auf dem Tische stand, sie umfaßte ihn mit beiden Armen und drückte ihn zärtlich an die Brust. Dann hielt sie ihn eine Weile träumend vor sich hin: endlich - sie konnte nicht wiederstehen - hob sie ihn rasch auf und setzte ihn auf das schöne Haupt: sie zuckte, als die Wölbung ihre Stirn berührte, dann strich sie die schwarzen Flechten aus den Schläfen und drückte einen Augenblick den harten, kalten Stahl fest mit beiden Händen an die glühende Stirn. Dann hob sie ihn wieder ab und legte ihn, scheu umblickend, auf seinen frühern Ort zu dem Mantel. Darauf trat sie ans Fenster und sah hinaus in die duftige Nacht und das zauberische Mondlicht. Ihre Lippen regten sich wie im Gebet: aber die Worte des Gebets klangen aus in der alten Weise:
«An Wasserflüssen Babylons Saß weinend Judas Stamm: Wann kommt der Tag, der all dein Leid, Du Tochter Zions, stillt?»
Indessen Miriam schweigend aufsah zu den ersten Sternen, hatte Totilas rascher, sehnsuchtsbeflügelter Schritt alsbald die Villa des reichen Purpurhändlers, die etwa eine Stunde vor dem capuanischen Tor gelegen war, erreicht.
Der Türstehersklave wies ihn an den alten Hortularius, den Freigelassenen Valerias, dem die Sorge für die Gärten überlassen war. Dieser, der Vertraute der Liebenden, nahm dem Gärtnerburschen die Blumen und Sämereien ab, die er angeblich von dem ersten Blumenhändler von Neapolis brachte, und geleitete ihn in sein gewöhnliches Schlafgemach im Erdgeschoß, dessen niedrige Fenster in den Garten führten: am anderen Morgen noch vor Aufgang der Sonne - so wollte es die Geheimlehre der antiken Gärtnerei - müßten die Blumen eingesetzt werden, auf daß das erste Sonnenlicht, das sie in dem neuen Boden träfe, das segenbringende der Morgensonne sei. -
Ungeduldig erwartete der junge Gote in dem engen Gemach bei einem Kruge Weines die Stunde, da sich Valeria von ihrem Vater nach dem gemeinsamen Nachtmahl verabschieden konnte.
Immer wieder sah er zum Himmel auf, an dem Auftauchen der Sterne und dem Gang des Mondes den Fortschritt der Nacht zu ermessen. Er schlug den Vorhang zurück, der die Fensteröffnung schloß; stille war's in dem weiten Garten. In der Ferne plätscherte nur leise der Springbrunnen, und Zikaden zirpten in den Myrtengebüschen: der warme, üppige Südwind strich in schwülem Hauch durch die Nacht, stoßweise ganze
Wolken von Wohlgerüchen aus Rosenbäumen auf seinen Fittichen mit sich führend, und weithin aus dem Pinienwäldchen am Ende des Gartens drang lockend und sinnaufregend der tiefgezogene, heiße Schlag der Nachtigall.
Endlich hielt sich Totila nicht länger. Geräuschlos schwang er sich über die Marmorbrüstung des Fensters: kaum knisterte unter seinen raschen Schritten der weiße Sand der schmalen Wege, wie er, den Strom des Mondlichts meidend, unter dem Schatten der Gebüsche dahineilte. Vorüber an den dunklen Taxusgängen und den Lauben von Oliven, vorüber an der hohen Statue der Flora, deren weißer Marmor geisterhaft im Mondlicht schimmerte, vorüber an dem weiten Becken, wo sechs Delphine den Wasserstrahl hoch aus den Nüstern bliesen, rasch eingebogen in den dicht verwachsenen Laubweg von Lorbeer und Tamarinden, und nun, noch ein Oleandergebüsch durchdringend, stand er vor der Grotte aus Tropfstein, in der die Quellnymphe über einer dunklen, großen Urne lehnte.
Wie er eintrat, glitt eine weiße Gestalt hinter der Statue hervor.
«Valeria, meine schöne Rose!» rief Totila und umschlang glühend die Geliebte, die leise seinem Ungestüm wehrte. «Laß, laß ab, mein Geliebter», flüsterte sie, sich seinem Arm entziehend. «Nein, du Süße, ich will nicht von dir lassen. Wie lang, wie schmerzlich hab' ich dein entbehrt! Hörst du, wie lockend und wirbelnd die Nachtigall ruft, fühlst du, wie der warme Hauch der Sommernacht, der berauschende Duft des Geißblattes Liebe atmet? Sie alle mahnen und bedeuten, wir sollen glücklich sein! Oh, laß sie uns festhalten, diese goldnen Stunden. Meine Seele ist nicht weit genug, all ihr Glück zu fassen: all deine Schönheit, all unsre Jugend und diese glühende, blühende Sommernacht; in mächtigen Wogen rauscht das volle Leben durch das Herz und will's vor Wonne sprengen.»
«O mein Freund! Gern möcht' ich, wie du, aufgehn im Glücke dieser Stunden. Ich kann es nicht. Ich traue nicht diesem berauschenden Duft, der üppigen Schwüle dieser Sommernächte: sie dauert nicht: sie brütet Unheil: ich kann nicht glauben an das Glück unsrer Liebe.»
«Du liebe Törin, warum nicht?»
«Ich weiß es nicht: der unselige Zwiespalt, der all mein Leben scheidet, übt seinen Fluch auch hier. Gern möchte mein Herz sich trunken, wie du, diesem Glücke hingeben. Aber eine Stimme in mir warnt und mahnt: es dauert nicht - du sollst nicht glücklich sein.»
«So bist du nicht glücklich in meinen Armen?»
«Ja und nein! Das Gefühl des Unrechts, der Schuld gegen meinen edlen Vater lastet auf mir. Sieh, Totila, was mich zumeist an dir beglückt, ist nicht diese deine jugendschöne Kraft, selbst deine große Liebe nicht. Es ist der Stolz meines Herzens auf deine Seele, auf deine offene, lichte, edle Seele. Ich habe mich gewöhnt, dich klar und hell wie einen Gott des Lichts durch diese dunkle Welt schreiten zu sehen: der edle Mut siegessichrer Kraft, der Schwung, die freudige Wahrhaftigkeit deines Wesens ist mein Stolz: daß alles Kleine, Dumpfe, Gemeine versinken muß, wo du nahest, das ist mein Glück. Ich liebe dich wie eine Sterbliche den Sonnengott, der ihr in Fülle seines Lichts genaht. Und deshalb kann ich an dir nichts Heimliches, Verstecktes dulden. Auch die Wonnen dieser Stunden nicht - sie sind erlistet, und es kann nicht länger also sein.»
«Nein, Valeria, und es soll auch nicht. Ich fühle ganz wie du. Auch mir ist die Lüge dieser Mummerei verhaßt, ich trage sie nicht länger. Ich bin gekommen, ihr ein Ende zu machen. Morgen, morgen werf' ich diese Täuschung ab und spreche zu deinem Vater offen und frei.» - «Dieser Entschluß ist der beste, denn» -
«Denn er rettet dein Leben, Jüngling!» unterbrach plötzlich eine tiefe Stimme, und aus dem dunklen Hintergrund der Grotte
trat ein Mann und stieß das blanke Schwert in die Scheide.
«Mein Vater!» rief Valeria überrascht, doch in mutiger Fassung. Totila schlang seinen Arm um sie, sein Kleinod zu verteidigen.
«Hinweg, Valeria, fort von dem Barbaren!» sprach Valerius, befehlend den Arm ausstreckend.
«Nein, Valerius», sagte Totila, die Geliebte fester an sich drückend, «ihr Platz ist forthin an dieser Brust.»
«Verwegner Gote!»
«Höre mich, Valerius, und zürne uns nicht um dieser Täuschung willen. Du hast es selbst gehört, schon morgen sollte sie enden.»
«Zu deinem Glück hab' ich's gehört. Gewarnt von dem ältesten meiner Freunde, wollt' ich doch kaum glauben, daß meine Tochter - mich hintergeht. Als ich's glauben mußte, beschloß ich, daß dein Blut deine List bezahlen sollte. Dein Entschluß hat dein Leben gerettet. Jetzt aber flieh: du siehst ihr Antlitz niemals wieder.» -
Totila wollte heftig erwidern, aber Valeria kam ihm zuvor: «Vater», sprach sie ruhig, zwischen die Männer tretend, «höre dein Kind. Ich will meine Liebe nicht entschuldigen, sie bedarf es nicht, sie ist göttlich und notwendig wie die Sterne: die Liebe zu diesem Mann ist das Leben meines Lebens.
Du kennst meine Seele: Wahrheit ist ihr Äther, und ich sage dir, bei meiner Seele: nie werd' ich lassen von diesem Mann!» -«Und niemals ich von ihr», rief Totila und ergriff ihre Rechte.
Hochaufgerichtet stand das junge Paar, vom Licht des Mondes voll beleuchtet, vor dem Alten: ihre edlen Züge und Gestalten trugen im Augenblick die Weihe heiliger Begeisterung: und so schön war die Gruppe, daß ein rührendes, erweichendes Gefühl davon sich unwillkürlich dem zürnenden Vater aufdrängte. «Valeria, mein Kind!»
«O mein Vater! Du hast mit einer Liebe und Treue all meine Schritte geleitet, daß ich bisher die Mutter, die verlorene, zwar beklagte, aber kaum vermißte. Jetzt, in dieser Stunde, vermiß' ich sie zum erstenmal: jetzt, ich fühl' es, bedürfte ich ihrer Fürsprache. O so laß ihr Andenken wenigstens für mich sprechen. Laß mich dir ihr Bild vor die Seele führen und dich an den Augenblick erinnern, da dich die Sterbende zum letztenmal an ihr Lager rief und dir, wie du mir oft gesagt, mein Glück auf die Seele band als heiligstes Vermächtnis.» -
Valerius drückte die linke Hand vor die Stirn; seine Tochter wagte die andre zu fassen, er entzog sie ihr nicht, offenbar rang es gewaltig in des Alten Brust. Endlich sprach er: «Valeria, du hast ein mächtig Wort gesprochen, ohne es zu wissen. Es wäre unrecht, dir zu verschweigen, was du ahnungsvoll berührt. Erfahre, was deine Mutter in jener Sterbestunde mir auferlegt. Noch immer drückte ihre Seele jenes Gelübde, das wir doch lange abgelöst. Und ich gelobte es in ihre lebende Hand. Aber mein Kind einem Barbaren geben, einem Feind Italiens, nein, nein!» Und mit heftiger Armbewegung riß er sich von ihr los. «Ich bin vielleicht so gar barbarisch nicht, Valerius», hob Totila an. «Wenigstens bin ich in meinem ganzen Volk der wärmste Freund der Römer. Glaube mir, nicht euch hasse ich; die ich verabscheue, sind eure wie unsre verderblichsten Feinde - die Byzantiner!» Das war ein glückliches Wort. Denn in dem Herzen des alten Republikaners war der Haß gegen Byzanz die Kehrseite seiner Liebe zur Freiheit und zu Italien. Er schwieg, aber sein Auge ruhte sinnend auf dem Jüngling. «Mein Vater», sprach Valeria, «dein Kind würde keinen Barbaren lieben. Lern' ihn kennen: und schiltst du ihn dann noch barbarisch - so will ich nie die Seine werden. Ich fordre nichts von dir als: lern' ihn kennen, entscheide du selbst, ob meine Wahl edel sei oder nicht. Ihn lieben alle Götter, und alle Menschen müssen ihm gut sein - du allein wirst ihn nicht verwerfen.» Und sie faßte seine Hand. «O lerne mich kennen, Valerius», bat Totila, innig seine andre Hand ergreifend. Der Alte seufzte. Endlich sprach er: «Kommt mit mir zum Grabe der Mutter. Dort ragt es unter den Zypressen. Da ruht die Urne mit ihrem Herzen. Dort laßt uns ihrer gedenken, der edelsten Frau, und ihren Schatten anrufen. Und ist es echte Liebe und eine edle Wahl - so werd' ich erfüllen, was ich gelobt.»
Einige Wochen später finden wir zu Rom in dem uns wohl erinnerlichen Schreibgemach mit der Cäsarstatue Cethegus, den Präfekten, und unsern neuen Bekannten, Petros, des Kaisers oder vielmehr der Kaiserin Gesandten.
Die beiden Männer hatten unter lebhaftem Gespräch und wechselseitigem Erinnern an frühere Zeiten - sie waren Studiengenossen, wie wir erfuhren - zu einfachem Mahl einen Krug alten Massikers geleert und waren soeben aus dem Speisesaal in das abgelegene Arbeitszimmer getreten, um jetzt ungestört von den bedienenden Sklaven Geheimeres zu besprechen.
«Sobald ich mich überzeugt hatte», schloß Cethegus seinen Bericht über die letzten Ereignisse, «daß die
Schreckensnachrichten aus Ravenna nur erst Gerüchte waren, vielleicht erdichtet, jedenfalls übertrieben, setzte ich der Aufregung und dem Eifer meiner Freunde die größte Ruhe entgegen. Der Feuerkopf Lucius Licinius mit seiner törichten Begeisterung für mich hätte bald alles verdorben. Unablässig forderte er meine Diktatur, buchstäblich setzte er mir das Schwert auf die Brust und schrie, man müsse mich zwingen, das Vaterland zu retten. Er schwatzte so viel aus der Schule, daß es nur ein Glück war, der schwarze Korse - der es mit den Barbaren zu halten scheint, niemand weiß recht, warum - nahm ihn für mehr berauscht als er war. Endlich kam die Nachricht, Amalaswintha sei zurückgekehrt, und so beruhigten sich allmählich Volk und Senat.»
«Du aber», sagte Petros, «hattest zum zweitenmal Rom vor der Rache der Barbaren gerettet ein unvergeßliches Verdienst, das dir die ganze Welt, zunächst aber die Regentin, danken muß.»
«Die Regentin - arme Frau!» meinte Cethegus achselzuckend, «wer weiß, wie lange die Goten oder deine Gebieter zu Byzanz sie noch werden auf dem Throne lassen.»- «Wie? Da irrst du sehr!» fiel Petros eifrig ein. «Meine Sendung hat vor allem den Zweck, ihren Thron zu stützen; und bei dir wollte ich eben anfragen, wie man das am besten könne», setzte er pfiffig hinzu.
Aber der Präfekt lehnte sein Haupt zurück an die Marmorwand und sah den Gesandten lächelnd an: «O Petros, o Petre», sagte er, «warum so verdeckt? Ich dächte doch, wir kennten uns besser.»
«Was meinst du?» fragte der Byzantiner befangen.
«Ich meine, daß wir nicht umsonst Recht und Geschichte miteinander studiert haben zu Berytus und Athen. Ich meine, daß wir damals schon unzählige Male als Jünglinge, lustwandelnd und Weisheit austauschend, zu dem Ergebnis gelangten: der Kaiser müsse diese Barbaren austreiben aus
Italien und wieder zu Rom herrschen wie zu Byzanz. Und da nun ich noch denke wie dazumal, wirst wohl auch du nicht ein andrer geworden sein.» - «Ich habe meine Ansicht der meines Herrn zu unterwerfen, und Justinian» - «Erglüht natürlich für die Herrschaft der Barbaren in Italien.»
«Freilich», sagte der Rhetor verlegen, «es könnten Fälle eintreten -»
«Petre», rief jetzt Cethegus, sich unwillig aufrichtend, «keine Phrasen und keine Lügen. Sie sind nicht angewandt bei mir. Sieh, Petros, es ist wieder dein alter Fehler: du bist immer zu pfiffig, um klug zu sein. Du meinst, es muß immer gelogen sein, und hast nie den Mut zur Wahrheit. Man muß aber nur dann lügen, wenn man in seiner Lüge ganz sicher ist. Wie kannst du mich darüber täuschen wollen, daß der Kaiser Italien wieder haben will? Ob er die Regentin stürzen oder halten will, hängt davon ab, ob er glaubt, ohne oder mit ihr leichter ans Ziel zu kommen. Wie er hierüber denkt, das soll ich nicht erfahren. Aber sieh, trotz all deiner Verschmitztheit, sobald wir noch einmal zusammengewesen, sag' ich dir ins Gesicht, was dein Kaiser hierin vorhat.»
Ein boshaftes und bittres Lächeln spielte um des Gesandten Mund: «Noch immer so stolz, wie in der Dialektik zu Athen», sagte er giftig. - «Jawohl, und du weißt, zu Athen war ich immer der Erste, Prokopius der Zweite, und erst der Dritte warst du.»
Da trat Syphax ein:
«Eine verhüllte Frau, o Herr», meldete er, «sie wartet dein im Zeussaal.»
Sehr froh, diese Unterredung abgebrochen zu sehen, denn er fühlte sich dem Präfekten nicht gewachsen, grinste Petros: «Nun, ich wünsche Glück zu solcher Störung.»
«Ja, dir!» lächelte Cethegus und ging hinaus.
«Hochmütiger, du sollst noch deinen Spott bereuen», dachte der Byzantiner.
Cethegus fand in dem Saale, der von einer schönen Zeusstatue des Glykon von Athen den Namen trug, eine in gotischer Tracht reich gekleidete Frau; sie schlug bei seinem Eintritt die Kapuze des braunen Mantels zurück.
«Fürstin Gothelindis», fragte der Präfekt überrascht, «was führt dich zu mir.
«Die Rache!» erwiderte eine heisere, unschöne Stimme, und die Gotin trat dicht an ihn heran. Sie zeigte scharfe, aber nicht häßliche Züge: und man hätte sie sogar schön nennen müssen, wenn nicht das linke Auge ausgeflossen und die ganze linke Wange durch eine große Narbe entstellt gewesen wäre: diese Wunde schien jetzt frisch zu bluten, da dem leidenschaftlichen Weibe die Röte in die Wangen schoß, wie sie bei jenem Wort die Faust ballte. So tödlicher Haß loderte aus dem einen grauen Auge, daß Cethegus unwillkürlich von ihr zurücktrat.
«Rache?» fragte er, «an wem?»
«An - davon später. Vergib», sagte sie, sich fassend, «daß ich euch störe. Dein Freund Petros, der Rhetor von Byzanz, ist bei dir, nicht wahr?»
«Ja. Woher weißt du -»
«Oh, ich sah ihn vor der Coena durch deine Portikus eintreten», sagte sie gleichgültig.
«Das ist nicht wahr», sprach Cethegus im Geiste, «ich hab' ihn ja zur Gartentür hereinführen lassen. Also haben sich die beiden hier zusammenbestellt. Ich soll das nicht ahnen. Aber was haben sie mit mir vor?»
«Ich will dich nicht lange hier festhalten», fuhr Gothelindis fort. «Ich habe nur eine Frage an dich. Antworte kurz ja oder nein. Ich kann das Weib - die Tochter Theoderichs - stürzen, und ich will's: bist du darin für mich oder gegen mich?»
«Oh, Freund Petros», dachte der Präfekt, «jetzt weiß ich bereits, was du mit Amalaswinthen vorhast. Aber wir wollen
sehen, wie weit ihr schon seid.»
«Gothelindis», hob er ausholend an, «du willst die Regentin stürzen - das glaub' ich dir - aber daß du's kannst, bezweifle ich.»
«Höre, dann entscheide, ob ich's kann. Das Weib hat die drei Herzoge ermorden lassen.»
Cethegus zuckte die Achseln: «Das glauben manche Leute.»
«Aber ich kann es beweisen.»
«Das wäre», meinte Cethegus ungläubig. - «Herzog Thulun, wie du weißt, starb nicht sofort. Er ward auf der ämilischen Straße überfallen, nahe bei meiner Villa zu Tannetum: meine Colonen fanden ihn und brachten ihn in mein Haus. Du weißt, er war mein Vetter - ich bin aus dem Hause der Balten - er verschied in meinen Armen.»
«Nun, und was sagte der Kranke im Wundfieber?»
«Nichts Wundfieber! Herzog Thulun traf noch im Stürzen den Mörder mit dem Schwert: er entkam nicht weit; meine Colonen suchten ihn und fanden ihn sterbend im nächsten Walde: er hat mir alles gestanden.»
Cethegus drückte nur unmerklich die Lippen zusammen. «Nun, wer war er? Was hat er ausgesagt?»
«Er war», sprach Gothelindis scharf, «ein isaurischer Söldner, ein Aufseher der Schanzarbeiten zu Rom, und sagte aus: Cethegus, der Präfekt, hat mich zur Regentin, die Regentin zu Herzog Thulun gesendet.»
«Wer hörte dies Geständnis außer dir?» fragte Cethegus lauernd.
«Niemand. Und niemand soll davon hören, wenn du zu mir stehest. Wenn aber nicht, dann -»
«Gothelindis», unterbrach der Präfekt, «keine Drohung: sie nützt dir nichts. Du solltest einsehen, daß du mich dadurch nur erbittern, nicht zwingen kannst. Ich lasse es im Notfall zur offnen Anklage kommen: du bist als grimmige Feindin Amalaswinthens bekannt: dein Zeugnis allein - du warst unvorsichtig genug, zu gestehen, daß niemand sonst das Geständnis gehört - wird weder sie noch mich verderben. Zwingen kannst du mich zum Kampfe gegen die Regentin nicht: höchstens überreden, wenn du mir's als meinen eignen Vorteil darstellen kannst. Und dazu will ich selbst dir einen Verbündeten schaffen. Du kennst doch Petros, meinen Freund?»
«Genau, seit lange.»
«Erlaube, daß ich ihn zu dieser Unterredung herbeihole.»
Er ging in das Studierzimmer zurück. «Petros, mein Besuch ist die Fürstin Gothelindis, Theodahads Gemahlin. Sie wünscht uns beide zu sprechen. Kennst du sie?»
«Ich? O nein; ich habe sie nie gesehen!» sagte der Rhetor rasch.
«Gut; folge mir.» Sowie sie in den Saal des Zeus traten, rief Gothelindis ihm entgegen:
«Gegrüßt, alter Freund, welch überraschend Wiedersehn.»
Petros verstummte.
Cethegus, die Hände auf den Rücken gelegt, weidete sich an der Bestürzung des Diplomaten von Byzanz. Nach einer peinlichen Pause hob er an: «Du siehst, Petros, immer zu pfiffig, immer unnötige Feinheiten. Aber komm, laß dich eine entdeckte List mehr nicht so niederschlagen. Ihr beide habt euch also verbunden, die Regentin zu stürzen. Mich wollt ihr gewinnen, euch dabei zu helfen. Dazu muß ich genau wissen, was ihr weiter vorhabt. Wen wollt ihr auf Amalaswinthens Thron setzen? Denn noch ist der Weg für Justinian nicht frei.»
Beide schwiegen eine Weile. Es überraschte sie sein klares Durchschauen der Lage. Endlich sprach Gothelindis: «Theodahad, meinen Gemahl, den letzten Amelungen.»
«Theodahad, den letzten, der Amelungen», wiederholte
Cethegus langsam. Indessen überlegte er alle Gründe für und wider. Er bedachte, daß Theodahad, unbeliebt bei den Goten, durch Petros erhoben, bald ganz in der Hand der Byzantiner stehen und die Katastrophe durch Herbeirufung des Kaisers anders, früher als er wollte, herbeiführen würde.
Er bedachte, daß er jedenfalls die Heere der Oströmer möglichst lange fernhalten müsse, und er beschloß bei sich, die gegenwärtige Lage und Amalaswintha aufrechtzuerhalten, da sie ihm Zeit zu seinen Vorbereitungen ließen. All das hatte er im Augenblick gedacht, erwogen, beschlossen. «Und wie wollt ihr nun eure Sache angehn?» fragte er ruhig.
«Wir werden das Weib auffordern, zugunsten meines Gatten abzudanken, unter Androhung, sie des Mordes anzuklagen.»
«Und wenn sie's darauf wagt?»
«So vollführen wir die Drohung», sagte Petros, «und erregen unter den Goten einen Sturm, der ihr -»
«Das Leben kostet», rief Gothelindis.
«Vielleicht die Krone kostet», sagte Cethegus. «Aber gewiß sie nicht Theodahad zuwendet. Nein, wenn die Goten einen König wählen, heißt er nicht Theodahad.»
«Nur zu wahr!» knirschte Gothelindis.
«Dann könnte leicht ein König kommen, der uns allen viel unerfreulicher wäre als Amalaswintha.
Und deshalb sag' ich euch offen: ich bin nicht für euch, ich halte die Regentin.»
«Wohlan», rief Gothelindis grimmig, sich zur Tür wendend, «also Kampf zwischen uns, komm, Petros.»
«Gemach, ihr Freunde», sprach der Byzantiner.
«Vielleicht ändert Cethegus seinen Sinn, wenn er dies Blatt gelesen.»
Und er reichte dem Präfekten jenen Brief, den Alexandros von Amalaswintha an Justinian überbracht.
Cethegus las: seine Züge verfinsterten sich.
«Nun», meinte Petros höhnisch, «willst du noch die Königin stützen, die dich dem Untergang geweiht? Wo warst du, wenn sie ihren Plan durchführte und deine Freunde nicht für dich wachten.»
Cethegus hörte ihn kaum an. «Armseliger», dachte er, «als ob es das wäre! Als ob die Regentin daran nicht ganz recht hätte. Als ob ich ihr das verargen könnte! Aber die Unvorsichtige hat bereits getan, was ich von Theodahad erst fürchtete: sie hat sich selbst vernichtet und all meine Pläne bedroht: sie hat die Byzantiner schon ins Land gerufen, und sie werden jetzt kommen, ob sie noch will oder nicht. Solange Amalaswintha Königin, wird Justinian ihren Beschützer spielen.» Und nun wandte er sich scheinbar in großer Bestürzung an den Gesandten, den Brief zurückgebend: «Und wenn sie ihren Entschluß durchführte, wenn sie auf dem Thron bliebe - bis wann können eure Heere landen?»
«Belisar ist schon auf dem Wege nach Sizilien», sagte Petros, stolz darauf, den Hochmütigen eingeschüchtert zu haben, «In einer Woche kann er vor Rom liegen.»
«Unerhört», rief Cethegus in unverstellter Bewegung.
«Du siehst», sprach Gothelindis, welcher Petros inzwischen den Brief gereicht, «die du halten wolltest, will dich verderben. Komm ihr zuvor.»
«Und im Namen des Kaisers, meines Herrn, fordre ich dich auf, mir beizustehn, dies Gotenreich zu vernichten und Italien seine Freiheit wiederzugeben. Man weiß am Kaiserhof dich und deinen Geist zu schätzen, und nach dem Siege verheißt dir Justinian - die Würde eines Senators zu Byzanz.»
«Ist's möglich!» rief Cethegus. «Aber nicht einmal diese höchste Ehre treibt mich dringender in euren Bund als die Entrüstung über die Undankbare, die zum Lohn für meine Dienste mein Leben bedroht. - Du bist doch gewiß», fragte er ängstlich, «daß Belisar noch nicht sobald landen wird?»
«Beruhige dich», lächelte Petros, «diese meine Hand ist's, die ihn herbeiwinkt, wenn es Zeit. Erst muß Amalaswintha durch Theodahad ersetzt sein.»
«Gut», dachte Cethegus, «Zeit gewonnen, alles gewonnen. Und nicht eher soll der Byzantiner landen, bis ich ihn an der Spitze des bewaffneten Italiens empfangen kann.» - «Ich bin der Eure», sprach er, «und ich denke, ich werde die Regentin dahin bringen, deinem Gatten mit eigner Hand die Krone aufs Haupt zu setzen. Amalaswintha soll dem Zepter entsagen.»
«Nie tut sie das!» rief Gothelindis.
«Vielleicht doch! Ihr Edelmut ist noch größer als ihr Herrscherstolz. Man kann seine Feinde auch durch ihre Tugenden verderben», sagte Cethegus nachsinnend. «Ich bin meiner Sache gewiß, und ich grüße dich, Königin der Goten!» schloß er mit leichter Verbeugung.
Die Regentin Amalaswintha stand in der Zeit nach der Beseitigung der drei Herzoge in einer abwartenden Haltung.
Hatte sie durch den Fall der Häupter des ihr feindlichen Adels etwas mehr freie Hand gewonnen, so stand doch die Volksversammlung zu Regeta bei Rom in naher Aussicht, in der sie sich von dem Verdacht des Mordes völlig reinigen oder die Krone, vielleicht das Leben, lassen mußte. Nur bis dahin hatten ihr Witichis und die Seinen ihren Schutz zugesagt. Sie spannte deshalb ihre Kräfte an, ihre Stellung bis zu jener Entscheidung nach allen Kräften zu befestigen.
Von Cethegus hoffte sie nichts mehr: sie hatte seine kalte Selbstsucht durchschaut; doch vertraute sie, daß die Italier und die Verschworenen in den Katakomben, an deren Spitze ja ihr
Name stand, ihre römerfreundliche Herrschaft einem aus der rauhen Gotenpartei hervorgegangenen König vorziehen würden. Sehnlich wünschte sie das Eintreffen der vom Kaiser erbetenen Leibwache herbei, um für den ersten Augenblick der Gefahr eine Stütze zu haben: und eifrig war sie bemüht, unter den Goten selbst die Zahl ihrer Freunde zu vermehren.
Sie berief mehrere der alten Gefolgsleute ihres Vaters, eifrige Anhänger des Hauses der Amaler, greise Helden von großem Namen im Volk, Waffenbrüder und beinahe Jugendgenossen des alten Hildebrand, zu sich nach Ravenna, besonders den weißbärtigen Grippa, den Mundschenk Theoderichs, der dem Waffenmeister an Ruhm und Ansehn kaum nachstand: sie überhäufte ihn und die andern Gefolgen mit Ehren, übertrug Grippa und seinen Freunden das Kastell von Ravenna und ließ sie schwören, diese Feste dem Geschlecht der Amaler sicher zu erhalten.
Wenn die Verbindung mit diesen im Volk beliebten Namen eine Art von Gegengewicht wider Hildebrand, Witichis und ihre Freunde schaffen sollte - und Witichis konnte die Auszeichnung der Freunde Theoderichs nicht als staatsgefährlich verhindern -, so sah sich die Königin auch gegen die Adelspartei der Balten und ihrer Bluträcher nach einer Stütze um. Sie erkannte diese mit scharfem Blick in dem edlen Hause der Wölsungen, nach den Amalern und Balten der dritthöchsten Adelssippe unter den Goten, reich begütert und einflußreich in dem mittleren Italien, deren Häupter dermalen zwei Brüder, Herzog Guntharis und Graf Arahad, waren. Diese zu gewinnen, hatte sie ein besonders wirksames Mittel ersonnen: sie bot für die Freundschaft der Wölsungen keinen geringeren Preis als die Hand ihrer schönen Tochter. -
Zu Ravenna in einem reich geschmückten Gemach standen Mutter und Tochter in ernstem, aber nicht vertraulichem Gespräch hierüber.
Mit hastigen Schritten, fremd ihrer sonstigen Ruhe, durchmaß die junonische Gestalt der Regentin den schmalen Raum, manchmal mit einem zornigen Blick das herrliche Geschöpf messend, welches ruhig und gesenkten Auges vor ihr stand, die linke Hand in die Hüfte, die Rechte auf die Platte des Marmortisches gestützt.
«Besinne dich wohl», rief Amalaswintha heftig, plötzlich stehen bleibend, «besinne dich anders. Ich gebe dir noch drei Tage Bedenkzeit.»
«Das ist umsonst: ich werde immer sprechen wie heute», sagte Mataswintha, die Augen nicht erhebend.
«So sage nur, was du an Graf Arahad auszusetzen hast.»
«Nichts, als daß ich ihn nicht liebe.»
Die Königin schien das gar nicht zu hören. «Es ist doch in diesem Fall ganz anders als damals, da du mit Cyprianus vermählt werden solltest. Er war alt und - was in deinen Augen vielleicht ein Nachteil» - fügte sie bitter hinzu - «ein Römer!»
«Und doch ward ich um meiner Weigerung willen nach Tarentum verbannt.»
«Ich hoffte, Strenge würde dich heilen. Mondelang halt' ich dich ferne von meinem Hof, von meinem Mutterherzen» -
Mataswintha verzog die schöne Lippe zu einem herben Lächeln.
«Umsonst! Ich rufe dich zurück» -
«Du irrst. Mein Bruder Athalarich hat mich zurückgerufen.»
«Ein andrer Freier wird dir vorgeschlagen. Jung, blühend schön, ein Gote von edelstem Adel, sein Haus jetzt das zweite im Reich. Du weißt, du ahnst wenigstens, wie sehr mein rings bedrängter Thron der Stütze bedarf: er und sein kriegsgewalt'ger Bruder verheißen uns die Hilfe ihrer ganzen Macht: Graf Arahad liebt dich, und du - du schlägst ihn aus! Warum? Sage, warum?»
«Weil ich ihn nicht liebe.»
«Albernes Mädchengerede. Du bist eine Königstochter - du
hast dich deinem Hause, deinem Reiche zu opfern.»
«Ich bin ein Weib», sagte Mataswintha, die blitzenden Augen aufschlagend, «und opfre mein Herz keiner Macht im Himmel und auf Erden.»
«Und so spricht meine Tochter! Sieh auf mich, törichtes Kind. Großes hab' ich erstrebt und erreicht. Solange Menschen das Hohe bewundern, werden sie meinen Namen nennen. Ich habe alles gewonnen, was das Leben Herrlichstes bietet, und doch hab'ich -»
«Nie geliebt. Ich weiß es», seufzte ihre Tochter.
«Du weißt es?»
«Ja, es war der Fluch meiner Kindheit. Wohl war ich noch ein Kind, als mein geliebter Vater starb: ich wußte es nicht zu sagen, aber ich konnte es empfinden, damals schon, daß seinem Herzen etwas fehlte, wenn er seufzend, mit schmerzlicher Liebe, Athalarich und mich umfing und küßte und wieder seufzte.
Und ich liebte ihn darum um so inniger, daß ich fühlte, er suchte Liebe, die ihm fehlte. Jetzt freilich weiß ich längst, was mich damals unerklärlich peinigte: du wardst unseres Vaters Weib, weil er nach Theoderich der nächste am Thron: aus Herrschsucht, nicht aus Liebe, wardst du sein, und nur kalten Stolz hattest du für sein warmes Herz.»
Überrascht blieb Amalaswintha stehen: «Du bist sehr kühn.»
«Ich bin deine Tochter.»
«Du redest von der Liebe so vertraut - du kennst sie besser, scheint's, mit zwanzig als ich mit vierzig Jahren - du liebst!» rief sie schnell, «und daher dieser Starrsinn.»
Mataswintha errötete und schwieg.
«Rede», rief die erzürnte Mutter, «gesteh' es oder leugne!»
Mataswintha senkte die Augen und schwieg: nie war sie so schön gewesen.
«Willst du die Wahrheit verleugnen? Bist du feige,
Amelungentochter?»
Stolz schlug das Mädchen die Augen auf:
«Ich bin nicht feige, und ich verleugne die Wahrheit nicht. Ja, ich liebe.»
«Und wen, Unselige?»
«Das wird mir kein Gott entreißen.»
Und so entschieden sah sie dabei aus, daß Amalaswintha keinen Versuch machte, es zu erfahren.
«Wohlan», sagte sie, «meine Tochter ist kein gewöhnlich Wesen. So fordere ich das Ungewöhnliche von dir: Dein Alles dem Höchsten zu opfern.»
«Ja, Mutter, ich trage im Herzen einen hohen Traum. Er ist mein Höchstes. Ihm will ich alles opfern.»
«Mataswintha», sprach die Regentin, «wie unköniglich! Sieh, dich hat Gott vor Tausenden gesegnet an Herrlichkeit des Leibes und der Seele: du bist zur Königin geboren.»
«Eine Königin der Liebe will ich werden. Sie preisen mich alle um meine Weibesschönheit: wohlan, ich hab' mir's vorgesteckt, liebend und geliebt, beglückend und beglückt, ein Weib zu sein.»
«Ein Weib! Ist das dein ganzer Ehrgeiz?»
«Mein ganzer. O wär' es auch der deine gewesen!»
«Und der Enkelin Theoderichs gilt das Reich und die Krone nichts? Und nichts dein Volk, die Goten?»
«Nein, Mutter», sagte Mataswintha ernst: «es schmerzt mich beinahe, es beschämt mich, aber ich kann mich nicht zwingen zu dem, was ich nicht fühle: ich empfinde nichts bei dem Worte,
ist sie mir von je gewesen und geblieben als eine verhaßte, feindliche Macht.»
«O mein Kind, weh mir, wenn ich das verschuldet hätte! Und tust du's nicht um des Reiches, o tu's um meinetwillen. Ich bin so gut wie verloren ohne die Wölsungen. Tu's um meiner Liebe willen.»
Und sie faßte ihre Hand.
Mataswintha entzog sie mit bittrem Lächeln: «Mutter, entweihe den höchsten Namen nicht. Deine Liebe! Du hast mich nie geliebt. Nicht mich, nicht den Bruder, nicht den Vater.»
«Mein Kind! Was hätt' ich geliebt, wenn nicht euch!»
«Die Krone, Mutter, und diese verhaßte Herrschaft. Wie oft hast du mich von dir gestoßen vor Athalarichs Geburt, weil ich ein Mädchen war und du einen Thronerben wolltest. Denke an meines Vaters Grab und an -»
«Laß ab», winkte Amalaswintha.
«Und Athalarich? Hast du ihn geliebt, oder vielmehr sein Recht auf den Thron? O wie oft haben wir armen Kinder geweint, wenn wir die Mutter suchten und die Königin fanden.»
«Du hast mir nie geklagt. Erst jetzt, da du mir Opfer bringen sollst.»
«Mutter, es gilt ja auch jetzt nicht dir, nur deiner Krone, deiner Herrschaft. Leg' diese Krone ab, und du bist aller Sorgen frei. Die Krone hat dir und uns allen kein Glück, nur Schmerzen gebracht. Nicht du bist bedroht: dir wollt' ich alles opfern - nur dein Thron, nur der goldne Reif des Gotenreichs, der Götze deines Herzens, der Fluch meines Lebens: nie werd' ich dieser Krone meine Liebe opfern, nie, nie, nie!»
Und sie kreuzte die weißen Arme über ihrer Brust, als wollte sie die Liebe darin beschirmen.
«Ah», sagte die Königin zürnend, «selbstisches, herzloses Kind! Du gestehst, daß du kein Herz hast für dein Volk, für die
Krone deiner großen Ahnen - du gehorchst nicht freiwillig der Stimme der Ehre, des Ruhmes deines Hauses - wohlan, so gehorche dem Zwang. Du sprichst mir die Liebe ab, so erfahre meine Strenge. Zur Stunde verläßt du mit deinem Gefolge Ravenna.
Du gehst als Gast nach Florentia in das Haus des Herzogs Gunthari: seine Gattin hat dich geladen. Graf Arahad wird deine Reise begleiten. Verlaß mich. Die Zeit wird dich beugen.»
«Mich?» sprach Mataswintha, sich hoch aufrichtend: «keine Ewigkeit!»
Schweigend blickte ihr die Königin nach. Die Anklagen der Tochter hatten einen mächtigeren Eindruck auf sie gemacht, als sie zeigen wollte. «Herrschsucht?» sagte sie zu sich selbst. «Nein, das ist es nicht, was mich erfüllt. Ich fühlte, daß ich dies Reich schirmen und beglücken konnte, darum liebte ich die Krone. Und gewiß, ich könnte, wie mein Leben, so meine Krone opfern, verlangte es das Heil meines Volkes. Könntest du das, Amalaswintha?» fragte sie sich, zweifelnd die Linke auf die Brust legend.
Sie ward aus ihrem Sinnen geweckt durch Cassiodor, der langsam und gesenkten Hauptes eintrat.
«Nun», rief Amalaswintha, erschreckt von dem Ausdruck seiner Züge, «bringst du ein Unglück?»
«Nein, nur eine Frage.»
«Welche Frage?»
«Königin», hob der Alte feierlich an, «ich habe deinem Vater und dir dreißig Jahre lang gedient, treu und eifrig, ein Römer den Barbaren, weil ich eure Tugenden ehrte, und weil ich glaubte, Italien, der Freiheit nicht mehr fähig, sei unter eurer Herrschaft am sichersten geborgen: denn eure Herrschaft war gerecht und mild. Ich habe fort gedient, obwohl ich meiner Freunde Boethius und Symmachus Blut fließen sah, wie ich glaube, unschuldig Blut: aber sie starben durch offenes Gericht,
nicht durch Mord. Ich mußte deinen Vater ehren, auch wo ich ihn nicht loben konnte. Jetzt aber -»
«Nun, jetzt aber?» fragte die Königin stolz.
«Jetzt komme ich, von meiner vieljährigen Freundin, ich darf sagen, meiner Schülerin -»
«Du darfst es sagen», sprach Amalaswintha weicher.
«Von des großen Theoderich edler Tochter ein einfach schlichtes Wort, ein Ja zu erbitten. Kannst du dies Ja sprechen -ich flehe zu Gott, daß du es könntest -, so will ich dir dienen treu wie je, solang es dieses greise Haupt vermag.»
«Und kann ich's nicht?»
«Und könntest du es nicht, o Königin», rief der Alte schmerzlich, «oh, dann Lebewohl dir und meiner letzten Freude an dieser Welt.»
«Und was hast du zu fragen?»
«Amalaswintha, du weißt, ich war fern an der Nordgrenze des Reichs, als hier Aufstand losbrach, als jene furchtbare Kunde, jene furchtbare Anklage sich erhob. Ich glaubte nichts - ich flog hierher - von Tridentum. Seit zwei Tagen bin ich hier, und keine Stunde vergeht, keinen Goten spreche ich, ohne daß die schwere Klage mir schwerer aufs Herz fällt. Und auch du bist verwandelt, ungleich, unstet, unruhig - und doch will ich's nicht glauben. - Ein treues Wort von dir soll all diese Nebel zerstreuen.»
«Wozu die vielen Reden», rief sie, auf die Armlehne des Thrones sich stützend, «sage kurz, was hast du zu fragen?»
«Sprich nur ein schlichtes Ja: bist du schuldlos an dem Tod der drei Herzoge?»
«Und wenn ich es nicht wäre - haben sie nicht reichlich den Tod verdient?»
«Amalaswintha, ich bitte dich: sage ja.»
«Du nimmst ja auf einmal großen Anteil an den gotischen
Rebellen!»
«Ich beschwöre dich», rief der Greis, auf die Knie fallend, «Tochter Theoderichs, sage ja, wenn du kannst.»
«Steh auf», sprach sie finster sich abwendend, «du hast kein Recht, so zu fragen.»
«Nein», sagte der Alte, ruhig aufstehend, «nein, jetzt nicht mehr. Denn von diesem Augenblick an gehör' ich der Welt nic ht mehr an.»
«Cassiodor!» rief die Königin erschrocken.
«Hier ist der Schlüssel zu meinen Gemächern in dieser Königsburg: du findest darin alle Geschenke, die ich von dir und Theoderich erhalten, die Urkunden meiner Würden, die Abzeichen meiner Ämter. Ich gehe.»
«Wohin, mein alter Freund, wohin?»
«In das Kloster, das ich gegründet zu Squillacium in Apulien. Fortan werd' ich, fern von den Werken der Könige, nur die Werke Gottes auf Erden verwalten: längst verlangt meine Seele nach Frieden, und jetzt hab' ich auf Erden nichts mehr, was mir teuer. Noch einen Rat will ich dir scheidend geben: lege das Zepter aus der blutbefleckten Hand: sie kann diesem Reiche nicht mehr Segen, nur Fluch kann sie ihm bringen. Denke an das Heil deiner Seele, Tochter Theoderichs: Gott sei dir gnädig.»
Und ehe sie sich von ihrer Bestürzung erholt, war er verschwunden.
Sie wollte ihm nacheilen, ihn zurückrufen, aber an dem Vorhang trat ihr Petros, der Gesandte von Byzanz, entgegen.
«Königin», sagte er rasch und leise, «bleib' und höre mich. Es gilt ein dringendes Wort. Man folgt mir auf dem Fuß.»
«Wer folgt dir?»
«Leute, die es nicht so gut meinen mit dir als ich. Täusche dich nicht länger: die Geschicke dieses Reiches erfüllen sich: du hältst sie nicht mehr auf, so rette für dich, was zu retten ist: ich
wiederhole meinen Vorschlag.»
«Welchen Vorschlag?»
«Den von gestern.»
«Den der Schande, des Verrats! Niemals! Ich werde diese Beleidigung deinem Herrn, dem Kaiser, melden und ihn bitten, dich abzurufen. Mit dir verhandle ich nicht mehr.»
«Königin, es ist nicht mehr Zeit, dich zu schonen. Der nächste Gesandte Justinians heißt Belisar und kommt mit einem Heere.»
«Unmöglich!» rief die verlassene Fürstin. «Ich nehme meine Bitte zurück.»
«Zu spät. Belisars Flotte liegt schon bei Sizilien. Den Vorschlag, den ich dir gestern als meinen Gedanken mitteilte, hast du als solchen verworfen. Vernimm: nicht ich, der Kaiser Justinian selbst ist es, der ihn ausspricht als letztes Zeichen seiner Huld.»
«Justinian, mein Freund, mein Schützer, will mich und mein Reich verderben!» rief Amalaswintha, der es schrecklich tagte.
«Nicht dich verderben, dich erretten! Wiedergewinnen will er dies Italien, die Wiege des römischen Reichs: dieser unnatürliche, unmögliche Staat der Goten, er ist gerichtet und verloren. Trenne dich von dem sinkenden Fahrzeug. Justinian reicht dir die Freundeshand, die Kaiserin bietet dir ein Asyl an ihrem Herzen, wenn du Neapolis, Rom, Ravenna und alle Festungen in Belisars Hände lieferst und geschehen läßt, daß die Goten entwaffnet über die Alpen geführt werden.»
«Elender, soll ich mein Volk verraten, wie ihr mich? Zu spät erkenne ich eure Tücke! Eure Hilfe rief ich an, und ihr wollt mich verderben.»
«Nicht dich, nur die Barbaren.»
«Diese Barbaren sind mein Volk, sind meine einzigen Freunde: ich erkenne es jetzt, und ich stehe zu ihnen in Tod und Leben.»
«Aber sie stehn nicht mehr zu dir.»
«Verwegner! Fort aus meinen Augen, fort von meinem Hof.»
«Du willst nicht hören? Merke wohl, o Königin, nur unter jener Bedingung bürg' ich für dein Leben.»
«Für mein Leben bürgt mein Volk in Waffen.»
«Schwerlich. Zum letztenmal frag' ich dich»
«Schweig. Ich liefere die Krone nicht ohne Kampf an Justinian.»
«Wohlan», sagte Petros zu sich selbst, «so muß es ein andrer tun. - Tretet ein, ihr Freunde», rief er hinaus. -
Aber aus dem Vorhang trat langsam mit gekreuzten Armen Cethegus.
«Wo ist Gothelindis? Wo Theodahad?» flüsterte Petros.
Seine Bestürzung entging der Fürstin nicht.
«Ich ließ sie vor dem Palast. Die beiden Weiber hassen sich zu grimmig. Ihre Leidenschaft würde alles verderben.»
«Du bist mein guter Engel nicht, Präfekt von Rom», sprach Amalaswintha finster und von ihm zurückweichend.
«Diesmal vielleicht doch», flüsterte Cethegus, auf sie zuschreitend. «Du hast die Vorschläge von Byzanz verworfen? Das erwartete ich von dir. Entlaß den falschen Griechen.»
Auf einen Wink der Königin trat Petros in ein Seitengemach.
«Was bringst du mir, Cethegus! Ich traue dir nicht mehr!»
«Du hast, statt mir zu trauen, dem Kaiser vertraut, und du siehst den Erfolg.»
«Ich sehe ihn», sagte sie schmerzlich.
«Königin, ich habe dich nie belogen und getäuscht darin: ich liebe Italien und Rom mehr als deine Goten: Du wirst dich erinnern, ich habe dir dies niemals verhehlt.»
«Ich weiß es und kann es nicht tadeln.»
«Am liebsten säh' ich Italien frei. Muß es dienen, so dien' es nicht dem tyrannischen Byzanz, sondern euch, der milden Hand der Goten. Das war von je mein Gedanke, das ist er noch heute. Um Byzanz abzuhalten, will ich dein Reich erhalten: aber offen sag' ich dir, du, deine Herrschaft läßt sich nicht mehr stützen. Rufst du zum Kampfe gegen Byzanz, so werden dir die Goten nicht mehr folgen, die Italier nicht vertrauen.»
«Und warum nicht? Was trennt mich von den Italiern und von meinem Volk?»
«Deine eignen Taten. Zwei unselige Dokumente, in der Hand des Kaisers Justinian. Du selbst hast zuerst seine Waffen ins Land gerufen, eine Leibwache von Byzanz!»
Amalaswintha erbleichte: «Du weißt -»
«Leider nicht nur ich, sondern meine Freunde, die Verschworenen in den Katakomben: Petros hat ihnen den Brief mitgeteilt: sie fluchen dir.»
«So bleiben mir meine Goten.»
«Nicht mehr. Nicht bloß der ganze Anhang der Balten steht dir nach dem Leben: - die Verschworenen von Rom haben im Zorn über dich beschlossen, sowie der Kampf entbrannt, aller Welt kundzutun, daß dein Name an ihrer Spitze stand gegen die Goten, gegen dein Volk. Jenes Blatt mit deinem Namen ist nicht mehr in meiner Hand, es liegt im Archiv der Verschwörung.»
«Ungetreuer!»
«Wie konnte ich wissen, daß du hinter meinem Rücken mit Byzanz verkehrst und dadurch meine Freunde dir verfeindest? Du siehst: Byzanz, Goten, Italier, alles steht gegen dich. Beginnt nun der Kampf gegen Byzanz unter deiner Führung, so wird Uneinigkeit Italier und Barbaren spalten, niemand dir gehorchen, und dies Reich hilflos vor Belisar erliegen. Amalaswintha, es gilt ein Opfer: ich fordere es von dir im Namen Italiens, deines und meines Volkes.»
«Welches Opfer? Ich bringe jedes.»
«Das höchste: deine Krone. Übergib sie einem Mann, der Goten und Italier gegen Byzanz zu vereinen vermag, und rette dein Volk und meines.»
Amalaswintha sah ihn forschend an: es kämpfte und rang in ihrer Brust: «Meine Krone! Sie war mir sehr teuer.»
«Ich habe Amalaswinthen stets jedes höchsten Opfers fähig gehalten.»
«Darf ich, kann ich deinem Rate trauen!»
«Wenn der dir süß wäre, dürftest du zweifeln. Wenn ich deinem Stolze schmeichelte, dürftest du mißtrauen: aber ich rate dir die bittre Arznei der Entsagung. Ich wende mich an deinen Edelsinn, an deinen Opfermut: laß mich nicht zuschanden werden.»
«Dein letzter Rat war ein Verbrechen», sagte Amalaswintha schaudernd.
«Ich hielt deinen Thron durch jedes Mittel, solang er zu halten war, solang er Italien nützte: jetzt schadet er Italien, und ich verlange, daß du dein Volk mehr liebst als dein Zepter.»
«Bei Gott! Du irrst darin nicht: für mein Volk hab' ich mich nicht gescheut, fremdes Leben zu opfern» - sie verweilte gern bei diesem Gedanken, der ihr Gewissen beschwichtigte -, «ich werde mich nicht weigern, jetzt - aber wer soll mein Nachfolger werden?»
«Dein Erbe, dem die Krone gebührt, der letzte Amaler.»
«Wie? Theodahad, der Schwächling?»
«Er ist kein Held, das ist wahr. Aber die Helden werden ihm gehorchen, dem Neffen Theoderichs, wenn du ihn einsetzest. Und bedenke noch eins: seine römische Bildung hat ihm die Römer gewonnen: ihm werden sie beistehen: einen König nach des alten Hildebrand, nach Tejas Herzen würden sie hassen und fürchten.»
«Und mit Recht», sagte die Regentin sinnend: «aber Gothelindis Königin!»
Da trat Cethegus ihr näher und sah ihr scharf ins Auge: «So klein ist Amalaswintha nicht, daß sie kläglicher Weiberfeindlichkeit gedenkt, wo es edler Entschlüsse bedarf. Du erschienst mir von jeher größer als dein Geschlecht. Beweis es jetzt. Entscheide dich!»
«Nicht jetzt», sprach Amalaswintha, «meine Stirne glüht, und verwirrend pocht mein Herz. Laß mir diese Nacht, mich zu fassen. Du hast mir Entsagung zugetraut: ich danke dir. Morgen die Entscheidung.»