Die Blutige Baronin

Im schwachen Licht von Herrn Wurms Laterne und Toms Taschenlampe zogen die drei Buch für Buch aus den wüsten Stapeln hervor. Tom hatte die Türpfosten sorgfältig bepinselt und ganze Berge von Salz ausge­streut. Draußen wurde es immer dunkler, und die Macht der Blutigen Baronin wuchs und wuchs. Mit flie­genden Fingern blätterten Tom, Hedwig Kümmelsaft und Herr Wurm sich durch Tausende von knisternden alten Buchseiten. Sie lasen, tranken Frau Wurms star­ken Kaffee und lasen weiter: von Freßgelagen und Hungersnöten, Bauernaufständen, Galgenbergen und grausamen kleinen Kriegen, von Königsbesuchen, Feu­ersbrünsten, die die halbe Burg vernichteten, und von Cholera und Pest, die auch vor den dicken Burgmauern nicht haltmachten.

»Hört sich ja alles scheußlich an!« stöhnte Tom ir­gendwann. »Also das hab' ich mir romantischer vorge­stellt.«

»Was?« fragte Hedwig Kümmelsaft.

»Na, das Leben auf so 'ner Burg«, sagte Tom.

»Nein, weiß Gott, romantisch war daran bestimmt nichts«, murmelte Hedwig Kümmelsaft. »Vor allem nicht, wenn man zum arbeitenden Teil der Bewohner gehörte.« Plötz­lich runzelte sie die Stirn. »Moment mal. Da ist was.« Vorsichtig strich sie die zerknitterten Seiten glatt. »Ja,

das ist unser Gespenst. Hört zu:

Am 14- November 1623 heiratete die Gräfin Jaspara von Mauswitz den Baron von Dusterberg zu Krötenstein, den sie schon im Jahr darauf bei einem heftigen Streit erdolchte. Darauf­hin regierte die Baronin viele Jahre ungerecht und grausam. Vom Volk erhielt Jaspara schon bald den Beinamen die Blutige Baronin, weil sie oft, blutbespritzt von der Jagd, über die Felder ritt. Doch sie trug diesen Beinamen auch noch aus anderen Gründen zu Recht, denn sie verkaufte ihre Bauern als Soldaten, um immer neue Pferde und Hunde für ihr liebstes Hobby anzuschaffen: die Jagd.

Wilderer richtete sie höchstpersönlich hin, indem sie sie eigen­händig in den Burggraben stieß. Erst zehn Jahre nach dem Mord an ihrem Gatten ereilte sie die gerechte Strafe für dieses Verbre­chen. Die Schwester ihres gemeuchelten Ehemannes...«

Hedwig Kümmelsaft hob den Kopf und lauschte.

»Was ist?« fragte Tom beunruhigt.

Frau Kümmelsaft legte warnend den Finger auf die Lippen.

»Hört ihr das?« flüsterte sie.

»Ein Pferd!« rief Herr Wurm. »Es klingt wie ein Pferd!«

Lauter und lauter wurde das Geräusch. Ein scharfes Getrappel. Es kam immer näher. Hufe galoppierten dröhnend durch die langen Gänge der Burg.

Der GEMEG-Seismograph surrte und blinkte wie ver­rückt.

»Achtung!« schrie Tom. Die galoppierenden Hufe dröhnten ihm in den Ohren. »Achtung, sie kommt!«

Mit einem gellenden Schrei flog die Blutige Baronin auf ihrem Geisterpferd durch die geschlossene Tür der Bibliothek. Schnaubend landete das bleiche Pferd nur einen Meter vor dem armen Herrn Wurm. Wild rollte es mit den roten Augen und blähte die Nüstern. Seine Mähne schlängelte sich in der Luft wie ein Bündel Schlangen.


Die Baronin aber saß mit flatterndem Haar im Sattel, in der Hand ein riesiges Schwert, mit dem sie wild in der Luft herumfuchtelte. Scheußlich sah sie aus, und ihre Augen funkelten rot in dunklen Höhlen. Mit wirrem Haar und einem Brustpanzer über dem wallenden Kleid

grinste sie auf die Gespensterjäger hinunter.

»Gihiiiib mir das Buuuuch!« rief sie drohend, und ih­re bleiche Hand griff durch die Luft.

Wimmernd kauerte sich der arme Herr Wurm auf dem Boden zusammen.

»Das Buch kriegst du nicht!« rief Tom, sprang vor und sprühte dem Pferd Salzwasser in die Nüstern.

Frau Kümmelsaft rammte den Eisendorn des Strom­wärmewandlers in den Fußboden, riß sich die Schnur von der Schulter und wirbelte sie wie ein Lasso über dem Kopf herum. Mit sicherer Hand warf sie der Baro­nin den Stecker genau in den Mund. Erstaunt klappte die den Mund zu, machte ihn wieder auf und versuch­te, den Stecker auszuspucken. Aber das wollte ihr ein­fach nicht gelingen.

In der Bibliothek wurde es warm, warm und immer wärmer. Der Eisendorn begann rot zu glühen. Die Blu­tige Baronin und ihr Pferd schwankten. Ihre Umrisse verschwammen, als wären sie flüssig.

»Aaaaahhhh!« schrie die Baronin, während ihr Pferd sich mit schwabbelnden Beinen unter ihr aufbäumte. »Hööööör auf, hööööör sofoooooort auuuuuf!«

Aber Hedwig Kümmelsaft dachte natürlich gar nicht daran.

»Schmeckt dir das nicht, Jaspara?« rief sie.

Da kreischte das Gespenst wütend, riß sein Pferd herum, gab ihm die Sporen und galoppierte auf eins der Fenster zu. Die Fensterflügel sprangen auf, und mit einem gewaltigen Satz sprang das Geisterpferd samt seiner scheußlichen Reiterin über die Brüstung und stürzte sich in den Burggraben.

Herr Wurm, Tom und Frau Kümmelsaft rannten ans Fenster und sahen gerade noch, wie die Blutige Baro­nin im brodelnden Wasser versank.

»Na, in dem Buch muß ja eine Menge Interessantes über die Dame drinstehen«, sagte Tom.

»Hoffentlich!« sagte Hedwig Kümmelsaft.

Herr Wurm stand immer noch am Fenster und starr­te hinunter in das dunkle Wasser.

»Sie wird wiederkommen!« hauchte er.

»Mit Sicherheit!« sagte Hedwig Kümmelsaft. »Und ich fürchte, allzubald. Kommen Sie, Herr Wurm.« Sie zog ihn sanft vom Fenster weg. »Wir gehen zurück zu Ihrer Frau. Da werden wir das Buch über die Blutige Baronin in Ruhe zu Ende lesen.«

»Was war denn das für ein Ding, mit dem Sie sie vertrieben haben?« fragte Herr Wurm voller Bewunde­rung.

»Oh, das ist eine eigene Konstruktion«, sagte Hed­wig Kümmelsaft, während sie sich die Schnur wieder um die Schulter schlang. »Ein Stromwärmewandler. Entzieht stromfressenden Gespenstern den Strom wie­der und macht das daraus, was sie am allerwenigsten mögen - Wärme.«

»Ganz erstaunlich«, murmelte Herr Wurm. »Wirk­lich, ganz erstaunlich.«

Dann machten sie sich durch die dunkle Burg rasch auf den Rückweg. Zurück zu Frau Wurm und Hugo, die schon ungeduldig warteten.


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