Hugo kam mit. Und so waren sie zu fünft, als sie auf den Burghof hinaustraten.
Stockdunkel war es inzwischen. Aus dem heftigen Regen war Schnee geworden. Feucht und kalt fielen die Flocken vom dunklen Himmel und deckten alles zu.
»Ohooooohoooo!« heulte Hugo. »Wühü wundörbor. Köllör-koltös Schnööööwötttör, wuuundörbooor!«
»Auch das noch!« stöhnte Tom. »Richtiges Gespensterwetter! Da wird sich die Baronin ja pudelwohl fühlen, was?«
Hedwig Kümmelsaft nickte. Besorgt blickte sie über den verschneiten Hof, aber es war keine Schlammspur in dem makellosen Weiß zu sehen.
Herr Wurm ging mit seiner Laterne voran, neben ihm trippelte Frau Wurm, und dann kamen Tom und Frau Kümmelsaft:, Salzwasser und GEMEG- Seismograph griffbereit. Hugo schwabbelte mal vor, mal hinter der kleinen Gruppe. Genüßlich ließ er sich die Schneeflocken in den Mund rieseln.
»Die Pferdeställe sind im linken Flügel!« raunte Herr Wurm. »Gleich an der äußeren Burgmauer.«
»Und das da rechts?« Tom zeigte auf den anderen Seitenflügel der Burg. »Was ist da drin?«
Auf dem Dach war ein kleiner Glockenturm, und über einer großen Tür hing steinern das Wappen der von Dusterbergs zu Krötenstein.
»Das ist die Kapelle«, sagte Frau Wurm. »Die Kapelle -icks - der Dusterbergs mit der Familiengruft.«
»Die Familiengruft?« fragte Hedwig Kümmelsaft. »Es gibt hier eine Familiengruft? Das ist ja sehr interessant!«
»Jasparas Geburtstag!« rief Tom.
Herr Wurm schlug sich auf die Stirn. »Natürlich, warum habe ich Dummkopf daran nicht früher gedacht?«
Vor Aufregung stolperte er fast über seine Füße.
»Kopöllö, Gruft. Pfui Toiföl!« murmelte Hugo. »Ob- schoilüchö Ortö, gonz obschoilüch.«
»Ja, ja«, sagte Tom, »jeder weiß, daß die meisten Gespenster so was nicht mögen. Um so besser, dann werden wir der Baronin da wenigstens nicht begegnen.«
Als sie vor den Pferdeställen standen, die nun die Garagen des Grafen waren, sah Frau Kümmelsaft sich sorgfältig um. Aber es war nichts Verdächtiges zu sehen oder zu hören. Auch der GEMEG-Seismograph gab keinen Pieps von sich.
»Herr Wurm«, sagte Frau Kümmelsaft. »Ich schlage vor, Sie und Ihre Frau kümmern sich um die Autobatterien. Nehmen Sie sie aber auf keinen Fall mit, das würde die Baronin nur zu Ihnen locken. Gießen Sie das hier einfach darüber. Das macht sie für eine Weile für Gespenster ungenießbar. Hier ist auch ein Funkgerät.« Sie reichte den Wurms das Funkgerät und zwei
kleine Fläschchen. »Hugo, du bleibst bei den beiden und heulst ins Funkgerät, sobald du etwas Gespenstisches riechst. Wir kommen dann sofort zu euch.«
»Jo, joooo«, säuselte Hugo. »Würd gömocht. Obwohl üch du Barohonün görn ötwos nähähör könnön- lörnön würdö. Ührö Spukkunst üst würklüch gonz wu- uuundörbor, und ous-söhön tut sü ouch nücht
schlöcht, o noin!«
»Die Dame ist abscheulich!« sagte Tom. »Also werd bloß nicht romantisch, ja?«
»Oh, üch bün ouch obschoilüch«, säuselte Hugo. »Dos würdö müch nücht störön.«
Tom verdrehte die Augen. »Oh, ooooh! Du klingst ja richtig verliebt! Verliebt in ein glubschäugiges Scheusal!«
»Blööööödsünn!« Hugo gab Tom einen ärgerlichen Stubs vor die Brust. »Sohooo oin Blööödsünnn!«
Tom kicherte so sehr, daß ihm die Brille von der Nase rutschte. »O Mann, das wird ja 'ne heiße Liebe, wenn ihr zwei euch die Eisfinger drückt. Weißt du was, Hugo, mach ihr doch einfach ein paar Gespensterkomplimente, wenn sie auftaucht. Vielleicht vergißt sie dann, daß sie uns in Pfützen verwandeln und aufschlürfen will, okay?«
»Söhör wützüg!« säuselte Hugo und blies Tom seinen Moderatem ins Gesicht. »Wohonsünnüg wützüg!«
»Oh, hört jetzt auf, ihr beiden«, sagte Frau Kümmelsaft. »Wir haben wirklich keine Zeit für so etwas. Herr Wurm, haben Sie den Schlüssel für die Kapelle und die Gruft?«
»Aber natürlich.« Herr Wurm zog einen großen Schlüsselbund aus der Tasche. »Der da ist es, der lange, verschnörkelte.«
Frau Kümmelsaft steckte ihn ein und gab Herrn Wurm den GEMEG-Seismographen. »Hier«, sagte sie, »für alle Fälle. Auf Hugo in seinem romantisch verwirrten Zustand verlassen Sie sich wohl besser nicht. Komm, Tom.«
»Tschüs, Hugo!« kicherte Tom. »Und sehn dich nicht zu sehr nach deiner Angebeteten, ja? Sonst kommt sie noch wirklich.«
»Hohoooo!« säuselte Hugo und warf ihm einen Schneeball an den Kopf. Dann verschwand er mit den Wurms in den alten Pferdeställen.
Hedwig Kümmelsaft und Tom überquerten den Hof, um sich die Gruft der von Dusterbergs zu Krötenstein anzusehen.
Der Schnee lag schon so hoch, daß ihre Füße bis an die Knöchel darin versanken. Schweigend gingen sie nebenein' ander her. Außer ihren knirschenden Schritten war nichts zu hören. Tom ließ seinen Blick über die dunklen Fenster ringsum wandern. Aber diesmal spürte er keine Augen, die ihn an starrten, wie bei ihrer Ankunft.
»Na, ein Glück«, murmelte er.
»Was?« fragte Hedwig Kümmelsaft.
»Och, nichts.« Tom wischte sich ein paar Schneeflocken von der Brille. »Ich glaub', die Tür unter dem Wappen da ist es.«
Hedwig Kümmelsaft steckte den Schlüssel ins Schloß. Ächzend schwang die Tür auf, und sie standen in der Kapelle der von Dusterbergs. Es roch nach feuchtem Stein, nach Kerzenwachs - und nach Schlamm.
»Sieh dir das an«, flüsterte Hedwig Kümmelsaft.
Dunkle Schlammspuren führten den Gang zwischen den geschnitzten Chorstuhlreihen entlang und verschwanden im Dunkel hinter dem Altar.
Tom bückte sich. »Die Spuren scheinen schon älter zu sein«, flüsterte er.
Vorsichtig gingen sie weiter. Hinter dem Altar öffnete sich ein zweiter Raum, ein Raum mit mehreren großen Steinplatten an den Wänden.
Vor einigen kauerten weinende Engel mit steinernen Tränen in den Marmoraugen.
Langsam ließ Tom das Licht seiner Taschenlampe über die Inschriften der Platten gleiten.
»Giselbert, Ethelgar, Miesgunde«, las Tom. »Du meine Güte, hatten die komische Namen. Ich frage mich.« Weiter kam er nicht.
Im Funkgerät knackte es.
»Hallo, hallo!« flüsterte Herr Wurms aufgeregte Stimme. »Bitte melden!«
»Was gibt's?« fragte Frau Kümmelsaft.
»Sie war vor uns hier. Die Batterien sind ausgeschlürft!« rief Herr Wurm. »Alle. Es sieht hier furchtbar aus. Was sollen wir jetzt tun?«
»Kommen Sie sofort zu uns rüber!« sagte Frau Kümmelsaft. »So schnell Sie können.«
»Schlimme Nachrichten!« murmelte Tom.
Er leuchtete den nächsten Grabstein an, vor dem zwei Marmorhunde Wache hielten. Die Inschrift war über und über mit Schlamm bedeckt. Tom zog sein Taschenmesser heraus und kratzte den Dreck vorsichtig ab.
»Jaspara, Baronin von Dusterberg zu Krötenstein«, las er. »Meuchlings gemordet am 12. Mai 1658 bei Morgengrauen. Geboren am selbigen Tag des Herrn 1623.«
»Mai.« Frau Kümmelsaft rieb sich die Nasenspitze. »Wann geht die Sonne im Mai auf?«
»Moment.« Tom zog einen kleinen Kalender aus der Hosentasche. »Sonnenaufgang im Mai - hier. Vier Uhr vierzig.« Er sah auf seine Uhr. »Jetzt ist es kurz nach Mitternacht. Na,
das gibt uns ja noch etwas Zeit zu entscheiden, was wir machen.«
»Viel zu entscheiden gibt es da nicht, fürchte ich«, sagte Frau Kümmelsaft. Nachdenklich betrachtete sie den alten Grabstein. »Mir sind nur zwei Methoden bekannt, wie man einem so spukstarken SPUMIDUV zur ewigen Ruhe verhelfen kann.«
»Eine kenn' ich auch«, sagte Tom. »Man schreibt den Namen des Gespensts rückwärts auf einen Spiegel und bringt es irgendwie dazu hineinzusehen. Dann verdampft es.«
»Hmm!« Frau Kümmelsaft nickte. »Aber diese Methode habe ich vor vielen Jahren mal bei einem Geist angewandt, der ertrunken war - genau wie unsere Baronin hier. Der Spiegel ist zerplatzt, und der Geist hat mich dreimal um sein Schloß gejagt. Mich hat nur gerettet, daß ich es irgendwie in mein spukgesichertes Auto geschafft habe. Eine scheußliche Erfahrung. Ganz abgesehen davon, daß ich von oben bis unten mit Spiegelsplittern gespickt war wie ein Glasigel.«
»Und der Geist?« fragte Tom. »Was ist mit dem Geist passiert?«
»Der hat noch drei Kollegen verflüssigt«, sagte Frau Kümmelsaft, »bis ihn der berühmte italienische Geisterjäger Professor Boccabella vernichtet hat.«
»Und womit?« fragte Tom. »Wie hat er das geschafft?«
»Mit einer unglaublich gefährlichen Methode«, sagte Frau Kümmelsaft. »Er.«
Wieder knackte das Funkgerät.
»Zu Hilfe!« schrie Herr Wurm mit sich überschlagender Stimme. »Zu Hilfeeeee! Sie kommt. Sie koo- oommt!«
Tom und Frau Kümmelsaft rannten los.