In dem Städtchen Brandenburg blieb Till Eulenspiegel vierzehn Tage lang. Und zwar in der Herberge »Zur Heimat«, wo wandernde Handwerksburschen billiges Quartier bekamen. Die Herberge lag am Marktplatz, und im Haus nebenan wohnte ein Schneidermeister. Dieser Schneider hatte drei Gesellen. Die saßen bei schönem Wetter nicht etwa in der Werkstatt drin, sondern draußen vorm Haus auf einem großen Brett, das sie morgens auf vier Pfosten legten, die in der Erde staken. Sie hockten wie die Moslems auf ihrem Brett, mit untergeschlagenen Beinen, und nähten Hosen, Jacken und was es sonst noch zu nähen gab. Wenn Till an ihnen vorbeikam, wurden sie jedes Mal wütend. Denn sie konnten ihn nicht ausstehen. Wahrscheinlich, weil er immer spazieren ging, statt zu arbeiten, und zweitens, weil er stets in seinem Hanswurst-Gewand herumlief, statt bei ihrem Meister einen gut sitzenden Anzug zu bestellen.
Sie machten sich mächtig über ihn lustig, warfen Stoffreste hinter ihm her und streckten ihm sogar die Zunge heraus! Eines Nachts schlich nun Eulenspiegel vor das Haus des Schneiders und sägte heimlich die vier Holzpfosten an. Am nächsten Morgen, es war gerade Markttag und der Platz war voller Menschen, legten die drei ahnungslosen Schneidergesellen das Brett auf die Pfosten, setzten sich in Positur und arbeiteten, dass die Nähnadeln glühten.
Das ging eine Weile ganz gut. Bis der Schweinehirt kam und auf seinem Horn blies! Nun kamen die Schweine aus den Häusern gerannt, natürlich auch die Schweine des Schneidermeisters. Sie rieben sich faul an den Pfosten vorm Haus – und jetzt ging alles blitzschnell: Die angesägten Pfosten brachen ab; das Brett stürzte zu Boden; und die drei Gesellen flogen hoch im Bogen auf die Straße, mitten unter die erstaunten Leute! »Hilfe!«, rief jemand aus der Menge. »Der Wind weht drei Schneider fort!«
Ihr wisst selbstverständlich, wer das rief, ja? Die blamierten Schneidergesellen kamen auch dahinter. Sie bekamen eine Mordswut auf Till. Aber solange er in Brandenburg blieb, saßen sie von jetzt ab in der Werkstatt drin statt vorm Haus, schwitzten und dankten schließlich dem Himmel, als Eulenspiegel sein Bündel schnürte und wieder weiterwanderte.
Als er fort war, setzten sie sich sofort wieder vors Haus und sagten großspurig zu den Leuten: »Sein Glück, dass er weg ist, sonst hätten wir ihn bis zur Unkenntlichkeit verprügelt!«