WIE EULENSPIEGEL TURMBLÄSER WAR


Einmal trat Till beim Grafen von Anhalt in Dienst. Der Graf hatte damals viele seiner Ritter und deren Knechte im Bernburger Schloss versammelt, um die Bauern, die vor den Stadtmauern ihre Felder und Wiesen hatten, gegen die Überfälle der Raubritter zu verteidigen. Das war nötig geworden. Denn die Raubritter brandschatzten die Dörfer und trieben den Bauern das Vieh fort.

Eulenspiegel wurde auf dem höchsten Turm des Schlosses einquartiert und musste von dort aus Tag für Tag über das Land schauen. Sobald die Feinde kämen, sollte er auf einer Trompete Alarm blasen.

In den Schlosshof konnte er übrigens auch hinunterblicken. Da sah er dann immer die Ritter und Knechte an langen Tischen sitzen und ununterbrochen essen und trinken. Und vor lauter Essen und Trinken vergaßen der Graf und die anderen, ihrem Turmbläser Essen hinaufzuschicken. Und obwohl er rief, so laut er konnte, hörten sie ihn nicht. Weil der Turm zu hoch war. Vom Turm herunterklettern durfte er auch nicht, da er ja dauernd ins Land schauen musste. Eines schönen Nachmittags sah er die Raubritter zu Pferde dahersprengen. Sie trieben die Viehherden vor der Stadt zusammen, steckten ein paar Scheunen in Brand und benahmen sich überhaupt sehr unfein. Eulenspiegel lag im Fenster und schaute ihnen gemütlich zu. Doch die Trompete ließ er ruhig an der Wand hängen. Endlich kam einer der Bauern ins Schloss gerannt und erzählte dem Grafen von dem Überfall. Die Ritter holten hastig ihre Pferde aus dem Stall und jagten wie der Wind aus dem Stadttor. Doch die Feinde waren samt dem gestohlenen Vieh schon über alle Berge. Als der Graf ins Schloss zurückkam, war er sehr wütend. Er kletterte in voller Rüstung auf den Turm hinauf und sagte: »Warum, zum Donnerwetter, hast du nicht geblasen, als du die Feinde kommen sahst?«

»Und warum«, fragte Eulenspiegel, »habt Ihr mir nichts zu essen heraufgeschickt? Bevor man nicht gegessen hat, kann man nicht Trompete blasen.«

Ein andres Mal hatte der Graf einen Ausfall aus der Stadt gemacht und den Feinden ihr Vieh fortgetrieben. Das Vieh war ins Schloss gebracht und dutzendweise am Spieß gebraten worden.

Und nun saßen wieder alle im Schlosshof drunten und aßen wie die Scheunendrescher. Till roch den Braten oben im Turm. Aber man vergaß den Wächter wieder einmal. Da nahm er kurz entschlossen die Trompete von der Wand, steckte sie durchs Fenster und blies Alarm. Der Graf und die Ritter ließen das Essen stehen und liegen, zogen ihre Panzer an und galoppierten zur Stadt hinaus. Kaum waren sie fort, rannte Till vom Turm, belud sich mit Kalbs- und Schweinebraten und anderen Esswaren, kletterte wieder auf den Turm und aß, bis ihm die Hose nicht mehr passte.

Als der Graf zurückkehrte, war er wieder sehr wütend. Er stieg auf den Turm hinauf und sagte: »Bei dir ist wohl eine Schraube locker? Was fällt dir denn ein, Alarm zu blasen, wenn keine Feinde zu sehen sind? He?«

»Das macht der Hunger«, erwiderte Till. »Da phantasiert man wie im Fieber.« »Unsinn«, sagte der Graf. »Wer Alarm bläst, wenn keine Feinde zu sehen sind, und nicht bläst, wenn sie kommen, ist kein Trompeter für mich.« Er bestellte einen andern Mann zum Turmbläser, und Eulenspiegel wurde Fußknecht, also Infanterist.

Das war ihm gar nicht recht. Denn als die Feinde wieder vor der Stadt erschienen, musste er mit zum Tor hinaus und kämpfen. Er ließ sich sehr viel Zeit und lief als Letzter hinterdrein. Und als die Feinde in die Flucht geschlagen worden waren, rannte er als Erster ins Schloss zurück. Das machte er beim nächsten und übernächsten Überfall ganz genauso, bis es allen, auch dem Grafen, auffiel. Und der Graf fragte, was das heißen solle. »Die Sache ist die«, sagte Till. »Da ich als Turmbläser so wenig zu essen bekam, bin ich körperlich nicht auf der Höhe. Wenn ich wirklich die Energie aufbrächte, der Erste vorm Feind zu sein, müsste ich irrsinnig schnell zurückrennen, um als Erster wieder im Schloss zu sein und rasch zu essen. Diese Rennerei würde meine Gesundheit nicht aushalten.« »Scher dich zum Teufel!«, rief der Graf aufgebracht. »Oder soll ich dich hängen lassen?« »Nein«, sagte Till. »Auch das würde meine Gesundheit nicht aushalten!« Und er schnürte sein Bündel und verließ Schloss und Stadt Bernburg, so schnell er konnte.




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