Die Sinfonie in f-Moll Farbtonart 4,750 μ

Durchsichtige Kunststoffplatten bildeten die Wände der breiten Veranda, die nach Süden zum Meer hin lag. Die matte Deckenbeleuchtung kontrastierte nicht mit dem hellen Mondlicht, sondern zeichnete die scharfen Schatten weicher. Auf der Veranda war fast die gesamte Meeresexpedition versammelt. Nur die jüngsten Mitarbeiter badeten im mondbeschienenen Meer. Kart San, der Maler, hatte sich mit seinem schönen Modell eingefunden. Frit Don, der Expeditionsleiter, erzählte von der Untersuchung des von Miiko entdeckten Pferdes. Als man, um das Gewicht zu berechnen, das Material bestimmen wollte, hatte man eine überraschende Entdeckung gemacht: Unter einer dünnen Schicht, die aus einer einfachen Legierung bestand, befand sich pures Gold. Wenn die Statue massiv war, betrug ihr Gewicht, nach Abzug des verdrängten Wassers, vierhundert Tonnen. Zur Bergung dieses Monstrums wurden Schiffe mit Spezialausrüstungen erwartet.

Als man auf die unsinnige Verwendung des wertvollen Metalls zu sprechen kam, erinnerte sich eines der ältesten Expeditionsmitglieder einer Sage, die er im Geschichtsarchiv gelesen hatte. Ihr zufolge war einst der gesamte Goldschatz eines Landes verschwunden. (Damals hatte Gold noch als Äquivalent der Arbeit gedient.) Die verbrecherischen Herrscher waren nach jahrelanger Unterdrückung des Volkes geflohen, weit über die Grenzen des Landes, die es dereinst noch gab. Zuvor ließen sie jedoch in aller Stille die gesamten Goldvorräte des Landes zusammentragen und daraus eine Statue gießen, die auf dem belebtesten Platz der Hauptstadt aufgestellt wurde. Das Gold konnte also niemand finden. Der Historiker äußerte die Vermutung, daß niemand geahnt habe, welches Metall unter der billigen Legierung verborgen sei.

Diese Geschichte fand größte Aufmerksamkeit. Der Fund dieser riesigen Goldmenge bedeutete für die Menschheit ein großartiges Geschenk. Obzwar das schwere gelbe Metall schon längst nicht mehr als Wertsymbol diente, wurde es nach wie vor für elektrische Geräte, medizinische Präparate und vor allem für die Anamesonherstellung benötigt.

In einer Ecke der Veranda hatten sich Weda Kong, Dar Weter, der Maler, Tschara Nandi und Ewda Nal zusammengefunden. Ganz in der Nähe hatte der bescheidene Ren Boos Platz genommen. Nur Mwen Mass fehlte.

„Sie hatten recht mit ihrer Behauptung“, sagte Dar Weter, zu dem Maler gewandt. „Der Künstler oder, besser gesagt, die Kunst bleibt stets hinter der beschleunigten Entwicklung von Wisschenschaft und Technik zurück.“

„Sie haben mich mißverstanden“, entgegnete Kart San. „Diese Fehler wurden bereits korrigiert, und man hat die Verpflichtung der Kunst gegenüber der Menschheit erkannt. Nicht mehr erdrückende Monumentalwerke werden geschaffen, nicht mehr prunkvolle, aber hohle Fassaden. Die Kunst soll vor allem auf den emotionalen Bereich des Menschen einwirken. Nur die Kunst kann die menschliche Psyche beeinflussen und sie für die Wahrnehmung der kompliziertesten Eindrücke aufnahmebereit machen. Wer von uns weiß nicht, wie zauberhaft leicht man etwas versteht, in das man sich vorher durch Musik, Farbe oder Bild einfühlen konnte? Und wie verschließt sich die menschliche Seele, wenn man in sie grob und unvorbereitet eindringt! Sie als Historiker wissen besser als jeder andere, wieviel Leid die Menschheit im Kampf um Entwicklung und Erziehung der emotionalen Seite der Psyche erfahren hat.“

„Vor sehr langer Zeit strebte die Kunst nach abstrakten Formen“, bemerkte Weda Kong.

„Die Kunst versuchte, in Nachahmung des Verstandes zu abstrahieren, er hat allem anderen gegenüber den Vorzug erhalten. Keine Kunst kann sich abstrakt ausdrücken, außer der Musik, die eine Sonderstellung einnimmt und auf ihre Art gleichfalls völlig konkret ist. Es war ein Irrweg.“

„Welchen Weg halten Sie für den richtigen?“

„Die Kunst ist meiner Meinung nach Widerspiegelung des Kampfes und der Schrecken der Welt in den Gefühlen der Menschen und bisweilen eine Illustration des Lebens, jedoch stets mit der allgemeinen Zweckmäßigkeit als Richtschnur. Diese Zweckmäßigkeit ist eben das Schöne, ohne das es kein Glück gibt und das Leben keinen Sinn hat. Andernfalls führt die Kunst leicht zu grotesken Einfällen, vor allem bei ungenügender Kenntnis des Lebens und der Geschichte.“

„Ich habe mir immer gewünscht, die Kunst möge die Welt nicht nur nachgestalten, sondern sie bezwingen und verändern“, warf Dar Weter ein.

„Einverstanden!“ rief Kart San aus. „Jedoch nicht nur die äußere Welt, sondern — vor allem die innere Welt des Menschen, seine Emotionen. Ihre Erziehung… mit dem Verständnis für alle Widersprüche…“

Ewda Nal legte ihre feste, warme Hand auf Dar Weters Arm.

„Von welchem Traum haben Sie sich heute getrennt?“

„Von einem sehr schönen.“

„Jeder von uns“, fuhr der Maler fort, „der Werke der Massenkunst des Altertums — Filme, Aufzeichnungen von Theateraufführungen und Gemäldeausstellungen — gesehen hat, weiß, wie geschliffen, geschmackvoll und frei von allem Überflüssigen dagegen unsere modernen Schauspiele, Tänze und Bilder sind. Ganz zu schweigen von den Zeiten der Dekadenz.“

„Er ist klug, aber geschwätzig“, flüsterte Weda Kong.

„Für einen Maler ist es schwer, die höchst komplizierten Erscheinungen, die er sieht und aus seiner Umwelt auswählt, mit Worten oder Formeln auszudrücken“, schaltete sich Tschara Nandi ein, und Ewda Nal nickte zustimmend.

„Mir schwebt folgendes vor“, fuhr Kart San fort. „Ich möchte eine Gestalt malen, in der die edelsten Gefühle und typische Farben und Formen vereint sind. Ich möchte Gestalten reproduzieren, die die vollkommene Schönheit der verschiedenen Rassen aus ferner Vergangenheit repräsentieren, der Menschen, aus deren Vermischung wir hervorgegangen sind. ›Die Tochter Gondwanas‹ zum Beispiel verkörpert das Einssein mit der Natur, das unbewußte Wissen um den Zusammenhang zwischen Dingen und Erscheinungen; Gefühle und Empfindungen, die noch ganz vom Instinkt beherrscht werden.

›Die Tochter der Thetis‹ — des Mittelmeers — dagegen verkörpert weit höher entwickelte Gefühle, eine viel breitere Skala. Das ist bereits ein anderes Einssein mit der Natur: durch Emotionen statt durch Instinkte. Die alten Mittelmeerkulturen sind Zeugnis dafür: Im Lebensraum der Kreter, Etrusker, Hellenen, Inder entstand das Bild des Menschen, der diese emotional bestimmte Kultur schaffen konnte. Welch ein Glück, daß ich Tschara gefunden habe! In ihr sind Züge der Griechen und Kreter mit denen der späteren Völker Zentralindiens vereint.“

Weda lächelte, weil sie mit ihrer Vermutung recht behalten hatte, und Dar Weter flüsterte ihr zu, ein besseres Modell sei schwerlich zu finden.

„Wenn mir ›Die Tochter der Thetis‹ gelingt, folgt als dritter Teil der Konzeption unweigerlich eine blonde Frau des Nordens mit ruhigem, klarem Blick, hochgewachsen, gemessen in ihren Bewegungen, wie es einst die Russinnen waren, die Frauen aus Skandinavien oder England. Erst wenn mir das gelungen ist, werde ich zur Synthese kommen und das Abbild der heutigen Frau malen, in das das Beste von diesen drei Stammüttern eingeht.“

„Warum eigentlich nur ›Töchter‹ und nicht auch ›Söhne‹?“ erkundigte sich Weda lächelnd.

„Muß ich Ihnen etwa erklären, daß das Schöne nach den Gesetzen der Physiologie bei der Frau vollendeter und ausgefeilter ist?“ erwiderte der Maler unwillig.

„Wenn Sie Ihr drittes Bild in Angriff nehmen, prüfen Sie, ob Weda Kong nicht dafür in Frage kommt“, schlug Ewda Nal vor. „Es gibt kaum…“

Schnell stand der Maler auf.

„Sie meinen wohl, ich sehe das nicht! Ich muß mich zusammennehmen, daß diese Gestalt nicht jetzt schon die andere verdrängt, die mich noch beschäftigt. Aber Weda…“

„Sehnt sich nach Musik“, vollendete diese, leicht errötend. „Schade, daß hier nur ein Sonnenflügel vorhanden ist, der nachts nicht spielt!“

„Handelt es sich um ein Halbleitersystem, das mit Sonnenlicht betrieben wird?“ erkundigte sich Ren Boos, über die Sessellehne gebeugt. „Dann könnte ich den Flügel auf Empfängerstrom umschalten.“

„Dauert das lange?“ fragte Weda freudig.

„Eine Stunde etwa.“

„Das hat keinen Zweck. In einer Stunde kommen die Nachrichten über das Weltnetz. Wir waren von der Arbeit so in Anspruch genommen, daß wir den Empfänger zwei Abende lang nicht eingeschaltet haben.“

„Aber Sie könnten uns doch etwas vorsingen, Weda“, bat Dar Weter. „Kart San hat noch ein guterhaltenes Saiteninstrument aus dem Dunklen Zeitalter der Feudalgesellschaft.“

„Eine Gitarre“, sagte Tschara Nandi.

„Wer spielt? — Ich werde es selbst versuchen. Vielleicht komme ich damit zurecht.“

„Ich spiele!“ Tschara erbot sich, zum Atelier zu laufen und die Gitarre zu holen.

„Ich komme mit“, schlug Frit Don vor.

Herausfordernd warf Tschara den Kopf in den Nacken. Durch einen Knopfdruck von Scherlis öffnete sich eine Wand der Veranda, und man konnte das östliche Ufer der Bucht völlig überschauen. Mit riesigen Sätzen jagte Frit Don davon. Tschara folgte ihm mit zurückgebogenem Kopf. Anfangs blieb sie zurück, aber das Atelier erreichten beide gleichzeitig. Sie verschwanden in dem dunklen, unbeleuchteten Eingang. Kurz darauf liefen sie schon wieder im Mondlicht am Ufer entlang, schnellfüßig und verbissen. Als erster erreichte Frit Don die Veranda, doch Tschara sprang durch ein offenes Seitenfenster und war somit vor ihm im Raum.

Weda klatschte begeistert in die Hände.

„Dabei war Frit Don im Frühjahr Sieger im Zehnkampf!“

„Und Tschara Nandi war auf der Tanzhochschule. Beide Fächer hat sie absolviert: klassische und moderne Tänze“, bemerkte Karl San im gleichen Ton wie Weda.

„Weda und ich haben auch tanzen gelernt, allerdings nur an einer einfachen Schule“, sagte seufzend Ewda Nal.

„Die wird ja jetzt von allen besucht“, spottete der Maler.

Tscharas Finger glitten langsam über die Saiten. Das junge Mädchen hob den Kopf und stimmte mit hellem Sopran ein wehmütiges Lied von einem unerfüllten Traum an. Das Lied war neu und stammte aus der Südzone. Weda fiel mit ihrer Altstimme ein und übernahm die Führung der Melodie. Das Duett machte einen starken Eindruck auf die Zuhörer; so verschiedenartig die beiden Sängerinnen auch waren, so gut ergänzten sie einander, Dar Weter blickte von einer zur anderen und wußte nicht, welche der Gesang anziehender machte: Weda, mit dem Ellbogen auf das Schaltpult des Empfängers gestützt, den Kopf unter dem Gewicht der aschblonden Zöpfe gesenkt, die im Mondlicht silbern schimmerten, oder Tschara mit der Gitarre auf dem nackten runden Knie, den Oberkörper leicht vorgebeugt. Ihr Gesicht war so tiefbraun, daß sich die Zähne und das Weiße in den Augen grell davon abhoben.

Das Lied verstummte. Unschlüssig griff Tschara einige Akkorde. Dar Weter ging es durch Mark und Bein: Das war doch das Lied, das ihn einst Weda entfremdet hatte und das auch sie jetzt schmerzlich berühren mußte!

Immer neue Akkorde jagten einander und erstarben, ohne miteinander zu verschmelzen. Eine abgerissene Melodie, wie Gischt, der ans Ufer stürzt, auf dem Sand auseinanderflutet und ins bodenlose dunkle Meer zurückfließt. Tschara sang selbstvergessen, mit klangvoller Stimme Worte von der Liebe, die durch die eisigen Tiefen des Weltraums von Stern zu Stern fliegt, um ihn, der den Kosmos erforscht, zu finden. Vielleicht kehrt er nicht mehr zurück. Ach, wenn sie doch wenigstens erfahren könnte, wie es ihm geht, ihm helfen, ihn grüßen könnte!

Weda blieb stumm. Tschara spürte, daß das Lied unangebracht war, brach ihren Gesang ab, sprang auf, warf dem Maler die Gitarre zu und eilte zu der Historikerin, die mit gesenktem Kopf unbeweglich dastand.

Weda lächelte.

„Tanzen Sie uns doch etwas vor, Tschara!“

Das junge Mädchen nickte, doch da mischte sich Frit Don ein: „Mit dem Tanzen wollen wir noch etwas warten — jetzt beginnt die Sendung.“

Auf dem Dach des Hauses wurde ein Teleskoprohr mit einem Metallkreuz ausgefahren, das von acht Halbkugeln auf einem Metallring gekrönt war. Machtvolle Klänge erfüllten das Zimmer.

Zu Beginn der Sendung wurde eine der neuen Spiralstädte des nördlichen Wohngürtels gezeigt. Unter den Architekten gab es zwei Richtungen: Die einen waren Verfechter der Pyramidenstadt, und die anderen gaben dem spiralförmigen Typ den Vorzug. Die Städte wurden dort gebaut, wo besonders günstige Lebensbedingungen vorhanden waren, immer nahe am Meer oder an einem großen See. Automatische Fabriken im Wechsel mit Wald- und Wiesengürteln umgaben ringförmig die Stadt.

Die Städte wurden terrassenförmig an Abhängen angelegt, so daß stets eine Hausfassade der Sonne zugekehrt war. Im Innern der Gebäude befanden sich die Maschinen-, Lager- und Verteilungsräume, die Werkstätten und Küchen, die mitunter tief in die Hänge hineingebaut waren. Die Verfechter der Pyramidenstädte priesen als Vorzug deren verhältnismäßig geringe Höhe bei bedeutendem Fassungsvermögen, während die Spiralstädte oft über tausend Meter hoch aufragten. Die Mitglieder der Meeresexpedition sahen auf dem Bildschirm eine steil in die Höhe steigende Spirale; auf ihr leuchteten opalisierende Kunststoffwände in der Sonne, Porzellanrippen, die sich vom Schmelzgestein der Fassaden abhoben, und blitzende Metallbefestigungen. Die einzelnen Windungen stiegen allmählich von der Peripherie zum Mittelpunkt hin an. Die Gebäudekomplexe waren durch tiefe vertikale Nischen unterteilt. In schwindelnder Höhe hingen leichte Brücken, Balkons und Gartenterrassen. Riesige, von blinkenden Geländern eingefaßte Treppen führten zu den Parkterrassen, die sich strahlenförmig bis zu dem ersten dichten Waldgürtel hin erstreckten. Die Straßen folgten der Krümmung der Spirale, waren entweder freitragend oder eingebaut und liefen unter einer gläsernen Überdachung entlang. An Stelle von Fahrzeugen beförderten Bänder Personen und Lasten.

Lebhafte, lachende und ernste Menschen eilten durch die Straßen, gingen unter Arkaden spazieren oder zogen sich an stille Orte, unter die Kolonnaden an den Treppenübergängen oder in die hängenden Gärten auf den Terrassendächern zurück.

Die Bildreportage von der großen Stadt dauerte nicht lange. Dann folgten die Nachrichten.

„Die Erörterung des von der ›Akademie für gelenkte Strahlungen‹ eingebrachten Projekts über die völlige Ersetzung der Schrift durch elektronische Aufzeichnungen wird fortgesetzt“, begann der Mann auf dem Bildschirm. „Das Projekt findet keine allseitige Unterstützung. Der Haupteinwand ist die Kompliziertheit der Leseapparate. Das Buch würde aufhören, dem Menschen ein Freund zu sein, der ihn überallhin begleitet. Wahrscheinlich wird das Projekt trotz aller möglichen Vorteile abgelehnt werden!“

„Da haben sie lange diskutiert!“ bemerkte Dar Weter. „Einerseits die verlockend einfache Möglichkeit der Bandaufnahme, andererseits die Schwierigkeit beim Lesen…“

Der Sprecher auf dem Bildschirm fuhr fort: „Die gestrige Nachricht wird bestätigt, die 37. Sternenexpedition hat sich gemeldet. Sie kehrt“ — Dar Weter erstarrte. Er sah Weda Kong an. Seinem feinen Ohr entging nicht ihr stockender Atem — „aus der Richtung des Quadrats 401 zurück; soeben hat das Schiff das Minusfeld in einem Hundertstel Parsek Entfernung von der Bahn des Neptuns verlassen. Die Verspätung der Expedition ist auf das Zusammentreffen mit einer schwarzen Sonne zurückzuführen. Menschenleben sind nicht zu beklagen. Die Geschwindigkeit des Schiffes“, sagte abschließend der Sprecher, „beträgt fünf Sechstel der Lichtgeschwindigkeit. Die Expedition wird in elf Tagen auf der Station Triton eintreffen. Informationen über hervorragende Entdeckungen sind zu erwarten.“

Weitere Nachrichten folgten, doch niemand hörte mehr zu. Alle umringten Weda und beglückwünschten sie. Weda lächelte. Auch Dar Weter trat zu ihr. Sie fühlte den festen Druck der ihr so vertraut gewordenen Hand und begegnete seinem offenen Blick. Schon lange hatte er sie nicht mehr so angesehen. Sie wußte, daß sich hinter seiner Ungezwungenheit ihr gegenüber ein geheimer Kummer verbarg. Und sie wußte auch, daß er jetzt in ihrem Gesicht nicht nur Freude las.

Dar Weter ließ ihre Hand los, lächelte und trat beiseite. Lebhaft erörterten die anderen Expeditionsteilnehmer die Meldung.

Weda blieb im Kreise der anderen, beobachtete aber heimlich Dar Weter. Sie sah, wie Ewda Nal zu ihm trat und sich eine Minute später auch Ren Boos dazugesellte.

„Wir müssen Mwen Mass suchen, er weiß ja noch von nichts!“ rief Dar Weter, als wäre ihm das plötzlich eingefallen. „Kommen Sie mit, Ewda. Sie auch. Ren.“

„Ich komme auch, wenn es recht ist“, sagte Tschara Nandi, die zu den dreien getreten war.

Sie gingen auf das leise Plätschern der Wellen zu. Dar Weter blieb stehen, wandte das Gesicht dem kühlen Wind zu und seufzte tief. Als er sich umdrehte, traf er Ewda Nals Blick.

„Ich fahre gleich von hier aus weg“, antwortete er auf ihre stumme Frage.

Ewda faßte ihn unter. Eine Zeitlang schritten alle vier schweigend weiter.

„Ich habe mir eben überlegt, ob es sein muß“, flüsterte Ewda. „Aber wahrscheinlich muß es das, und Sie haben recht. Wenn Weda…“

Ewda verstummte, doch Dar Weter drückte verstehend ihre Hand. Hinter ihnen ging Ren Boos, ängstlich auf eine gehörige Entfernung zu der neben ihm gehenden Tschara bedacht. Mit großen Augen blickte sie ihn wiederholt von der Seite an und konnte nur mit Mühe ein spöttisches Lächeln unterdrücken. Ewda lachte leise auf und reichte dem Physiker plötzlich die freie Hand. Ren Boos ergriff sie hastig, was bei diesem schüchternen Mann komisch wirkte.

„Wo ist denn ihr Freund?“ Tschara blieb am Wasser stehen.

Dar Weter blickte sich suchend um und bemerkte im hellen Mondlicht deutlich Fußspuren auf dem nassen Sand.

„Dorthin ist er gegangen.“ Dar Weter zeigte in Richtung der großen Felsen.

„Ja, das sind seine Fußtapfen“, bestätigte Ewda.

„Wie wollen Sie das so genau wissen?“ fragte Tschara zweifelnd.

„Sehen Sie, wie regelmäßig die Schritte sind? Solch einen Gang hatten die Jäger in der Urgesellschaft. Mir scheint, Mwen Mass ist bei all seiner Gelehrtheit naturverbundener als jeder von uns. Wie Sie sind, Tschara, weiß ich allerdings nicht.“

„Ich? O nein!“ Das junge Mädchen zeigte plötzlich nach vorn und rief: „Da ist er ja!“

Auf einem der zunächst liegenden Felsbrocken war die riesige Gestalt des Afrikaners aufgetaucht. Wie polierter schwarzer Marmor glänzte seine Haut im Mondlicht.

Mwen Mass bemerkte die Näherkommenden, sprang vom Felsen und kam kurz darauf angekleidet zum Vorschein. Mit wenigen Worten erzählte ihm Dar Weter, was sich ereignet hatte, und Mwen Mass äußerte den Wunsch, unverzüglich Weda Kong zu sehen.

„Gehen Sie mit, Tschara“, meinte Ewda, „wir bleiben noch ein wenig hier.“

Dar Weter winkte zum Abschied, und über Mwen Mass’ Gesicht glitt ein Ausdruck des Verstehens. Er murmelte halb vergessene Abschiedsworte. Bewegt und nachdenklich ging Dar Weter in Begleitung der schweigsam gewordenen Ewda weiter. Ren Boos blieb unschlüssig stehen, bis er sich Mwen Mass und Tschara Nandi anschloß.

Dar Weter und Ewda wanderten bis zu dem Kap, das die Bucht vom offenen Meer trennte. Von hier aus waren die Lichter, die die riesigen tellerförmigen Flöße der Meeresexpedition säumten, deutlich sichtbar.

Dar Weter schob das durchsichtige Boot ins Wasser und trat dicht vor Ewda hin. Ewda hob sich auf die Zehenspitzen und küßte den Freund.

„Ich bleibe mit Weda zusammen, Dar“, sagte sie, seine Gedanken erratend. „Wir werden gemeinsam an unseren Wohnort zurückkehren und dort die Ankunft der Expedition abwarten. Geben Sie Bescheid, wenn Sie sich eingerichtet haben. Ich helfe Ihnen immer von Herzen gern.“

Noch lange blickte Ewda dem Boot nach,

Dar Weter fuhr zum zweiten Floß, wo die Mechaniker noch mit dem Montieren der Akkumulatoren beschäftigt waren. Auf Dar Weters Bitte entzündeten sie drei grüne Feuer, im Dreieck angeordnet.

Bereits anderthalb Stunden später hing ein Flugschiff, das gerade dieses Gebiet überflog, über dem Floß. Dar Weter setzte sich in den herabgelassenen Aufzug, war noch für wenige Sekunden unter dem beleuchteten Rumpf des Flugschiffes zu sehen und verschwand dann in der Bodenluke. Am nächsten Morgen betrat er seine Wohnung unweit vom Observatorium des Rates, die er noch nicht getauscht hatte. Er öffnete in beiden Zimmern die Gebläsehähne. Wenige Minuten später war aller Staub verschwunden. Dar Weter zog das Wandbett heraus, stellte das Zimmer auf den Geruch und das Plätschern des Meeres ein, an das er sich in der letzten Zeit so gewöhnt hatte, und war bald in tiefen Schlaf versunken.

Er erwachte mit dem Empfinden, die Welt habe für ihn ihren Reiz verloren. Weda war fern und würde fern bleiben, bis… Dabei sollte er ihr helfen, statt die Situation noch zu komplizieren!

Er erfrischte sich im Badezimmer unter dem angenehm kühlen, elektrisierten Wasser. Dann trat er ans Televisiofon, öffnete die Spiegeltüren und rief die nächst gelegene Stelle für Arbeitsverteilung an. Auf dem Bildschirm erschien das Gesicht eines jungen Mannes. Er begrüßte Dar Weter mit einem leichten Anflug von Ehrerbietung, einem Zeichen ausgesuchter Höflichkeit.

„Ich suche eine komplizierte, langfristige Tätigkeit, verbunden mit körperlicher Arbeit“, begann Dar Weter. „Zum Beispiel in den antarktischen Gruben.“

„Dort ist nichts frei!“ sagte der Sprecher bedauernd. „Auch in den Bergwerken der Venus, des Mars, ja sogar des Merkurs ist alles besetzt! Sie wissen ja, je schwieriger die Arbeit ist, desto lieber geht die Jugend dorthin.“

„Dazu kann ich mich nicht mehr zählen. Aber wo ist denn gegenwärtig noch etwas frei?“

„Auf den Diamantenfeldern in Mittelsibirien“, begann der junge Mann langsam, den Blick auf eine für Dar Weter unsichtbare Tabelle gerichtet, „falls Sie Bergarbeit wünschen. Außerdem gibt es freie Stellen in den ozeanischen Lebensmittelfabriken, am Sonnenpumpwerk in Tibet… Aber das gehört schon zur leichten Arbeit, ebenso wie die anderen Stellen.“

Dar Weter dankte dem Informator und bat, ihm kurze Bedenkzeit zu lassen, vorläufig die Arbeit auf den Diamantenfeldern aber nicht zu vergeben.

Er schaltete die Verteilungsstation aus und ließ sich mit dem Haus Sibiriens, einem geographischen Informationszentrum, verbinden. Man schaltete seinen Apparat in die dortige Gedächtnismaschine mit den neuesten Aufzeichnungen ein, und vor Dar Weter zogen langsam unendliche Wälder vorüber. Dort, wo einst die Taiga mit spärlichem Baumbestand und ständig gefrorenem Erdboden war, wuchsen jetzt mächtige Baumriesen: sibirische Zedern und amerikanische Mammutbäume, die bereits am Aussterben gewesen waren. Riesige rote Stämme umgaben wie eine große Ringsperre die mit Betonkappen bedeckten Hügel. Zehn Meter dicke Stahlrohre wanden sich aus den Betonkappen heraus, verliefen über die Wasserscheiden zu den nächst gelegenen Flüssen und sogen das Wasser in ihre trichterförmigen Schlünde ein. Leise summten die elektrischen Pumpen. Hunderttausende Kubikmeter Wasser stürzten in die Tiefen der edelsteinhaltigen vulkanischen Schächte, unterspülten das Gestein und ergossen sich wieder nach außen, wobei sie in den Sieben der Waschkammern riesige Mengen von Diamanten zurückließen. In langen, lichtüberfluteten Räumen überwachten Menschen die Skalen der Sortiermaschinen. In einem ununterbrochenen Strom rieselten die glitzernden kleinen Steine durch die kalibrierten Öffnungen in die Behälter. Fortwährend beobachteten die Operateure der Pumpstationen die Zeiger der Rechenmaschine, die den ständig sich ändernden Widerstand des Gesteins, den Druck und den Wasserverbrauch, den Streckenvortrieb und die ausgeworfene Menge fester Teilchen berechneten. Dar Weter kam zu dem Schluß, daß die freundliche Landschaft der sonnenbeschienenen Wälder jetzt nicht das Richtige für ihn sei, und schaltete das Haus Sibiriens ab. Im gleichen Augenblick ertönte das Rufsignal, und auf dem Bildschirm tauchte das Gesicht des Informators der Verteilungsstation auf.

„Soeben habe ich eine Anforderung erhalten: In den Unterwassertitangruben an der Westküste Südamerikas ist eine Stelle frei geworden. Das ist die schwierigste Arbeit, die es heutzutage gibt. Aber Sie müssen sofort beginnen.“

„Dann kann ich mich ja nicht mehr dem psychophysischen Test an einem Institut der ›Akademie für Psychophysiologie der Arbeit‹ unterziehen!“ meinte Dar Weter besorgt.

„Da Sie an Ihrem früheren Arbeitsplatz jährlich getestet wurden, ist er in diesem Falle nicht nötig.“

„Bitte schicken Sie eine Information dorthin, und geben Sie mir die Koordinaten durch“, antwortete Dar Weter unverzüglich.

„Westzweig der Spiralstraße, siebzehnte südliche Abzweigung, Station 6 L, Punkt KM 40. Ich gebe Bescheid.“

Der Bildschirm erlosch. Dar Weter packte seine geringe persönliche Habe zusammen und legte die Bänder mit den Bildern und Stimmen von Bekannten und den wichtigsten Aufzeichnungen seiner Gedanken in eine Schatulle. Von der Wand nahm er eine Chromreflexreproduktion eines alten russischen Gemäldes und vom Tisch eine Bronzestatuette der Weda Kong ähnlich sehenden Schauspielerin Bello Gal. Das alles und die wenigen Kleidungsstücke paßten in einen Aluminiumbehälter, auf dessen Deckel ein komplizierter Satz von Zahlen und Linearzeichen angebracht war. Dar Weter stellte die Koordinaten ein, öffnete eine Luke in der Wand und schob den Behälter hinein. Die Kiste verschwand auf einem Förderband im Dunkeln. Danach sah er sich prüfend seine Zimmer an. In der Epoche des Großen Rings gab es keine Bediensteten mehr. Das war nur möglich, weil jeder ein Höchstmaß an Ordnung und Disziplin aufbrachte und Wohnhäuser sowie öffentliche Gebäude äußerst praktisch eingerichtet und mit Reinigungs- und Lüftungsautomaten versehen waren. Nach der Kontrolle drückte er den Hebel vor der Tür nach unten, das Zeichen, daß die von ihm bisher belegten Zimmer frei waren, und ging. Die mit Milchglas verkleidete Galerie war von der Sonne erwärmt, doch auf dem flachen Dach blies wie immer der kühle Meereswind. Die leichten Fußgängerbrücken zwischen den Gebäuden schienen in der Luft zu schweben und lockten zu einem Spaziergang, doch Dar Weter hatte keine Zeit. Über eine Rolltreppe gelangte er in das unterirdische elektromagnetische Postamt, von wo ihn ein kleines Fahrzeug zur nächsten Station der Spiralstraße brachte. Dar Weter wollte nicht den Umweg über die Beringstraße machen, über die der Verbindungsbogen des Westzweiges ging. Auf diesem Wege dauerte die Fahrt nach Südamerika, zumal sie so weit nach Süden — bis zur siebzehnten Abzweigung — führte, etwa vierzehn Tage. Längs der Breitengrade der nördlichen und südlichen Wohnzone verkehrten schwere Transport-Flugschiffe und verbanden die einzelnen Zweige der Spiralstraße auf kürzestem Wege miteinander, über die Ozeane hinweg. Dar Weter hatte vor, auf dem Zentralzweig bis zur südlichen Wohnzone zu fahren, und hoffte, den Leiter des Lufttransportwesens zu überreden, ihn als Eilfracht zu befördern. Abgesehen davon, daß sich die Reisezeit auf dreißig Stunden verkürzte, konnte Dar Weter auch noch den Sohn Grom Orms, des Vorsitzenden des Rates für Astronautik, besuchen. Grom Orm hatte ihn zum Lehrer und Mentor seines Sohnes gewählt.

Der Junge war herangewachsen und sollte im nächsten Jahr zwölf Herkulestaten vollbringen; bis dahin arbeitete er im Wachdienst in den Sümpfen Westafrikas.

Wen von den Jungen zog es nicht zu dieser Tätigkeit! Sie mußten das Auftreten von Haien im Ozean, von schädlichen Insekten, Vampiren und Reptilien in den tropischen Sümpfen, von krankheitserregenden Mikroben in den Wohnzonen, von Viehseuchen oder Waldbränden in der Steppen- und Waldzone beobachten. Die schädlichen Parasiten aus der Vergangenheit der Erde, die immer wieder aus den abgelegenen Winkeln des Planeten hervorkrochen, mußten aufgespürt und vernichtet werden. Der Kampf gegen die verderbenbringenden Formen des Lebens fand nie ein Ende. Auf neue Vernichtungsmittel reagierten die Mikroorganismen, Insekten und Pilze mit der Herausbildung neuer Formen. Erst in der Ära der Wiedervereinigten Welten hatte man gelernt, die starken Antibiotika richtig zu nutzen, ohne gefährliche Folgen befürchten zu müssen.

Wenn Dis Ken zur Sumpfwache eingesetzt ist, überlegte Dar Weter, dann wird aus ihm schon in jungen Jahren ein ernsthafter Arbeiter.

Grom Orms Sohn war — wie alle Kinder der Ära des Rings — in einem Internat an der Meeresküste in der Nordzone erzogen werden. Dort hatte er auch die ersten Testprüfungen im psychologischen Institut der „Akademie für Psychophysiologie der Arbeit“ bestanden.

Der Jugend wurden stets Arbeiten übertragen, die ihre psychischen Besonderheiten berücksichtigten: ihr Fernweh, ihr erhöhtes Verantwortungsgefühl und ihre Egozentrik.

Lautlos und ruhig jagte das Fahrzeug dahin. Dar Weter ging in den oberen Stock, der von einem durchsichtigen Verdeck überdacht war. Weit unten, zu beiden Seiten der Straße, huschten Gebäude, Kanäle, Wälder und Berggipfel vorüber. An der Grenze zwischen der Landwirtschafts- und der Waldzone funkelten die durchsichtigen Kuppeln automatisierter Betriebe im Sonnenlicht. Durch die kristallenen Wände der Gebäude schimmerten die Konturen der großen Maschinen.

Das Denkmal Shin Kads sauste vorüber; er war der Entdecker eines billigen Verfahrens zur Herstellung von künstlichem Zucker. Dann führte die Straße durch die Wälder der tropischen Landwirtschaftszone. Unübersehbar war dieses Gebiet, dicht bewachsen mit verschieden hohen Bäumen, deren Laub und Rinde in den unterschiedlichsten Farbtönen leuchteten. Auf den schmalen, glatten Wegen, die die einzelnen Flächen voneinander trennten, krochen Ernte-, Bestäubungs- und Registriermaschinen dahin, blitzte ein Gewirr von Leitungen. Einst war das reife Getreidefeld Sinnbild des Überflusses gewesen. Doch bereits in der Ära der Wiedervereinigten Welt hatte man erkannt, wie unökonomisch einjährige Kulturen sind. Nachdem man die Landwirtschaft ausschließlich in die tropische Zone verlegt hatte, wurden die arbeitsaufwendigen Gräser- und Strauchkulturen von mehrjährigen Bäumen abgelöst, die dem Boden weniger Nährstoffe entzogen und gegen klimatische Unbilden beständig waren. Bereits Jahrhunderte vor der Ära des Großen Rings waren sie zu den Hauptkulturpflanzen geworden.

Getreide-, Beeren- und Nußbäume mit vielen tausend Sorten eiweißreicher Früchte lieferten je Stamm bis zu einer Dezitonne Nahrung. Zwei Gürtel nahrungspendender Bäume mit einer Fläche von vielen hundert Millionen Hektar zogen sich um die Planeten. Zwischen beiden lag die äquatoriale Waldzone, riesige tropische Wälder, die den Planeten mit Nutzholz versorgten, mit weißem, schwarzem, violettem, rosafarbenem, goldgelbem und grauem, das wie Seide schillerte, mit eisenhartem und solchem, das weich war wie ein Apfel, mit Holz, das im Wasser unterging wie ein Stein, und anderem, das leicht war wie Kork. Dutzende von Harzsorten wurden hier gewonnen; sie waren billiger als die synthetischen und besaßen gleichzeitig wertvolle technische oder heilkräftige Eigenschaften.

Die Wipfel der Waldriesen reichten bis zum Straßendamm herauf. In dem dichten Blätterwald verborgen, lagen inmitten freundlicher Waldwiesen Häuser und mächtige spinnenförmige Maschinen, die aus achtzig Meter langen Stämmen von gewaltiger Stärke und Festigkeit Balken und Bretter herstellten.

Links sah man jetzt die Kuppen der bekannten Berge des Äquators. Auf einem von ihnen, dem Kenia, befand sich die Verbindungsstation des Großen Rings. Das Waldmeer trat auf der linken Seite hinter einem steinigen Hochplateau zurück, auf dem blaue würfelförmige Bauten standen.

Der Zug hielt, und Dar Weter betrat einen großen, mit grünem Glas ausgelegten Platz — die Station Äquator. Neben der Fußgängerbrücke, die über den flachen Kronen der Atlaszedern zu schweben schien, strebte eine Pyramide aus weißem Aplith vom Lualaba-Fluß empor. Die Skulptur eines Menschen in Arbeitskleidung aus der Ära der Partikularistischen Welt krönte ihre stumpfe Spitze. In der rechten Hand hielt der Mann einen Hammer, und mit der linken hob er eine blitzende Kugel mit vier ausgefahrenen Sendeantennen zum blaßblauen Äquatorhimmel empor. Es war das Denkmal für die Schöpfer der ersten künstlichen Erdsatelliten. Begeisterung und Anspannung drückte der Körper dieses Menschen aus, der zurückgebeugt eine Kugel in den Himmelsraum zu stoßen schien. Die kraftvolle Spannung schien ihm von den sonderbar gekleideten Figuren zuzuströmen, die rings um den Sockel des Denkmals standen.

Dar Weter betrachtete die Gesichter dieser Skulpturen stets mit besonderer Anteilnahme. Er wußte, daß die Menschen, die die ersten künstlichen Satelliten konstruiert und das Tor zum Weltraum aufgestoßen hatten, Russen waren, Angehörige jenes Volkes, von dem er abstammte.

Auch jetzt wieder sah Dar Weter zu dem Denkmal hinüber, um erneut festzustellen, was die alten Helden und die modernen Menschen Gemeinsames hatten und worin sie sich unterschieden. Am Ende der Brücke tauchten zwei schlanke Gestalten auf, blieben stehen, und dann stürzte einer der jungen Leute schnell auf Dar Weter zu. Er schlang seinen Arm um Dar Weters breite Schultern und musterte verstohlen die ihm vertrauten Gesichtszüge.

Mit Wohlgefallen betrachtete Dar Weter den Sohn des berühmten Erbauers der Station auf dem Planeten des Centaurus und Vorsitzenden des Rates für Astronautik, der er nun schon fünfzehn Jahre hintereinander war. Grom Orm mußte mindestens hundertdreißig Jahre alt sein, also dreimal so alt wie Dar Weter.

Dis Ken rief seinen Begleiter herbei, einen dunkelhaarigen jungen Mann.

„Das ist Tor An, mein bester Freund; der Komponist Sig Sor ist sein Vater. Wir arbeiten beide in den Sümpfen“, fuhr Dis fort, „wollen gemeinsam unsere Herkulestaten vollbringen und auch weiter zusammenarbeiten.“

„Befaßt du dich immer noch mit der Vererbungskybernetik?“ fragte Dar Weter.

„Natürlich! Tor hat mich noch mehr dafür begeistert, er ist Musiker wie sein Vater. Er und seine Freundin träumen davon, zu erforschen, wie die Musik die Entwicklung des menschlichen Organismus leichter begreifen läßt, sie wollen in einer Sinfonie die Struktur des Organismus darstellen.“

„Du drückst dich etwas unklar aus“, meinte Dar Weter vorwurfsvoll.

„Ich verstehe es noch nicht besser“, erwiderte Dis verwirrt, „vielleicht kann es Tor richtig formulieren.“

Der junge Mann wurde rot, hielt aber dem prüfenden Blick stand.

„Dis wollte vom Rhythmus der Vererbung sprechen. Wenn sich der menschliche Organismus aus der Mutterzelle entwickelt, baut er sich in Akkorden aus Molekülen auf. Die ursprüngliche paarige Spirale entwickelt sich aus dem Modell einer Sinfonie. Mit anderen Worten, die Entwicklung des menschlichen Organismus wird durch das gleiche Programm wie Musik gelenkt.“

„So?“ rief Dar Weter übertrieben erstaunt. „Dann wollen Sie wohl auch die gesamte Evolution der organischen und anorganischen Materie auf eine große Sinfonie zurückzuführen?“

„Deren Aufbau und Rhythmik von den physikalischen Grundgesetzen bestimmt werden. Es muß nur erkannt werden, wie das Programm beschaffen ist und woher die Information für diesen musikalisch-kybernetischen Mechanismus stammt“, erklärte Tor An mit der festen Überzeugtheit der Jugend.

„Und von wem stammt diese Idee?“

„Von meinem Vater. Er hat kürzlich seine dreizehnte kosmische Sinfonie in f-Moll und der Farbtonart 4,750 μ komponiert.“

„Ich werde sie mir unbedingt einmal anhören. Ich liebe Blau. — Aber nun zu euren Herkulestaten. Wißt ihr schon, was für euch vorgesehen ist?“

„Nur die ersten sechs stehen bis jetzt fest.“

„Ach natürlich! Die restlichen sechs werden ja erst festgelegt, wenn die erste Hälfte vollbracht ist“, erinnerte sich Dar Weter.

„Wir sollen den unteren Teil der Höhle Kon-i-Gut in Mittelasien säubern und bewohnbar machen“, begann Tor An.

„Durch einen schroffen Gebirgskamm eine Straße zum Mental-See bauen“, setzte Dis Ken die Aufzählung fort, „eine Fläche in Argentinien neu mit Getreidebäumen bepflanzen, im Gebiet bei Trinidad, wo sich kürzlich der Meeresboden gehoben hat, die Ursachen für das Auftauchen der großen Oktopoden klären…“

„Und die Tiere vernichten.“

„Das sind fünf Aufgaben. Und welche ist die sechste?“

Die beiden jungen Leute drucksten eine Weile herum.

„Bei uns beiden hat man Befähigung für die Musik festgestellt“, sagte errötend Dis Ken. „Und nun sollen wir Material über die alten Tänze auf der Insel Bali sammeln und sie musikalisch und choreographisch rekonstruieren.“

„Mit anderen Worten, Tänzerinnen suchen und ein Ensemble zusammenstellen“, meinte lachend Dar Weter.

„Ja“, bestätigte mit niedergeschlagenen Augen Tor An.

„Ein interessanter Auftrag! Aber das ist doch eine Kollektivaufgabe, ebenso wie der Straßenbau zum See.“

„Oh, wir sind ein gutes Kollektiv! Die anderen wollen Sie ebenfalls bitten, ihr Mentor zu sein. Das wäre eine feine Sache!“

Dar Weter gab zu bedenken, daß er für die sechste Tat nicht der geeignete Mentor sei. Aber freudestrahlend versicherten ihm die beiden jungen Leute, Sig Sor selbst habe versprochen, sie bei der sechsten Tat anzuleiten.

„In einem Jahr und vier Monaten suche ich mir in Mittelasien eine Beschäftigung“, sagte Dar Weter.

„Gut, daß Sie jetzt nicht mehr die Außenstationen leiten!“ rief Dis Ken, „Ich hatte nicht zu hoffen gewagt, daß ich solch einen Mentor bekomme.“ Plötzlich wurde der junge Mann puterrot, seine Stirn bedeckte sich mit kleinen Schweißperlen. Tor An sah ihn vorwurfsvoll an.

Dar Weter beeilte sich, Grom Orms Sohn aus der Verlegenheit zu helfen.

„Habt ihr viel Zeit?“

„Leider nicht! Drei Stunden hat man uns beurlaubt. Wir haben einen Fieberkranken von unserer Sumpfstation hierhergebracht.“

„Sieh mal an! Das Fieber existiert also immer noch. Und ich dachte…“

„Ganz selten tritt es auf, nur noch in den Sumpfgebieten“, warf Dis hastig ein. „Deshalb sind wir ja auch da.“

„Bleiben uns also noch zwei Stunden. Fahren wir in die Stadt — ihr möchtet euch doch bestimmt gern das Haus des Neuen ansehen?“

„Nein! Wir möchten lieber, daß Sie uns Fragen beantworten. Wir haben uns schon welche zurechtgelegt. Das ist auch wichtig für unsere Zukunft.“

Dar Weter war einverstanden, und so gingen die drei in eines der kühlen Zimmer des Gästesaals.

Zwei Stunden später beförderte ein anderes Fahrzeug Dar Weter weiter, der, müde geworden, auf einer weichen Bank des Wagens eingeschlafen war. Er erwachte auf der Station der Chemikerstadt. Über einem großen Kohlevorkommen erhob sich ein gigantisches Bauwerk in Form eines Sterns mit zehn gläsernen Zacken. Die Kohle wurde hier zu Arzneimitteln, Vitaminen, Hormonen, Kunstseide und synthetischem Pelz verarbeitet. Die Abfallprodukte dienten der Zuckerherstellung. In einem der Zacken wurden aus der Kohle seltene Metalle wie Germanium und Vanadium gewonnen. Was war nicht alles in dem wertvollen schwarzen Gestein enthalten!

Ein alter Freund Dar Weters, der hier als Chemiker arbeitete, kam zur Station. Mit einem dritten hatten sie einst als junge Mechaniker auf einer indonesischen Station für Erntemaschinen im Tropengürtel gearbeitet. Jetzt war der eine Chemiker und Leiter eines großen Laboratoriums, der zweite war sozusagen bei der Landwirtschaft geblieben — er hatte eine neue Bestäubungsmethode entwickelt — und der dritte, Dar Weter, kehrte nun wieder zur Erde zurück. Das Wiedersehen der beiden Freunde dauerte nicht länger als zehn Minuten, war aber viel schöner als auf den Bildschirmen der Televisiofone.

Die Weiterreise ging rasch vonstatten. Der Direktor der Breitengrad-Luftverkehrslinie erfüllte Dar Weters Bitte mit dem freundlichen Entgegenkommen eines Menschen aus der Ära des Großen Rings. Dar Weter durfte sofort über den Ozean fliegen und befand sich nun auf dem Westzweig der Spiralstraße südlich der siebzehnten Abzweigung, die an der Küste endete. Dort stieg er in ein Gleitboot um.

Hohe Berge traten bis dicht ans Ufer. An den sanft ansteigenden Hängen waren Terrassen aus weißem Gestein angelegt, die den aufgeschütteten Boden zurückhielten. Auf den Terrassen standen ziemlich weit voneinander entfernt orangerot und kanariengelb gestrichene Häuschen mit blaugrauen Dächern.

Weit ins Meer hinaus ragte eine künstliche Sandbank. An ihrer Spitze stand ein Turm, umbrandet von den Wellen. Er stand am Rande des Festlandmassivs, das einen Kilometer tief steil in den Ozean abfiel. Vom Turm aus führte ein gewaltiger Schacht in Form eines dicken Betonrohres schräg nach unten und mündete im Gipfel eines unterseeischen Berges, der aus fast reinem Titanoxid bestand. Alle Prozesse der Erzverarbeitung gingen unter Wasser vor sich. An die Oberfläche gelangten nur die großen Barren reinen Titans und Mineralabfälle, die das Meer im weiten Umkreis um den Turm trübten. Auf diesen gelben Wogen schaukelte das Gleitboot vor der Anlegestelle an die Südseite des Turms. Dar Weter paßte einen günstigen Augenblick ab, sprang auf die nasse Plattform und stieg zu der Balustrade hinauf. Dort hatten sich einige dienstfreie Mitarbeiter eingefunden, um den neuen Genossen zu empfangen. Die Mitarbeiter dieses scheinbar so einsamen Bergwerkes waren durchaus keine finsteren Einsiedler, wie sie Dar Weter seiner eigenen Stimmung entsprechend hier anzutreffen erwartet hatte. Sie begrüßten ihn fröhlich, ein wenig abgespannt von der harten Arbeit. Von den acht Anwesenden waren drei Frauen.

Es vergingen zehn Tage, bis sich Dar Weter endgültig mit der neuen Arbeit vertraut gemacht hatte.

Komplizierte Maschinen bewegten sich in dem steinernen Bauch des unterseeischen Berges und fraßen sich immer weiter in das spröde rotbraune Mineral hinein. Am schwierigsten war die Arbeit im unteren Teil des Maschinenkomplexes, wo das Gestein automatisch abgebaut und zerkleinert wurde. Die Maschinen wurden von der Zentrale gesteuert, wo die Beobachtungen vom Lauf der Schneid- und Zerkleinerungsanlagen, der wechselnden Festigkeit und Zähigkeit des Minerals sowie die Informationen aus der Aufbereitungsabteilung zusammentrafen. Je nach Metallgehalt, der ständig wechselte, erhöhte oder verringerte sich die Geschwindigkeit des Abbau- und Zerkleinerungsaggregats. Wegen des begrenzten wassergeschützten Raums konnte den kybernetischen Maschinen nicht der gesamte Arbeitskomplex überlassen werden.

Dar Weter wurde Mechaniker für Beobachtung, Prüfung und Schaltung des unteren Aggregats. Er versah seinen täglichen Dienst in einem halbdunklen Raum, dessen Wände von Schalttafeln bedeckt waren. Trotz der Ventilation herrschte hier drückende Hitze, die durch den erhöhten Druck noch verstärkt wurde. Der müde Körper verlangte Ruhe, doch das Gehirn nahm gierig die Eindrücke der neuen Welt auf.

Wenn Dar Weter und sein junger Gehilfe dann wieder nach oben kamen, standen sie lange auf der Balustrade und sogen die frische Luft ein. Dann gingen sie baden, nahmen ihre Mahlzeit ein und zogen sich in eines der auf den Terrassen gelegenen Häuschen zurück. Dar Weter war bemüht, sich wieder in das neue Gebiet der Mathematik — die Kochlearrechnung — zu vertiefen. Ihm schien, er habe seine frühere Verbindung zum Kosmos schon völlig verloren. Wie alle Mitarbeiter der Titanerzgrube blickte er jedem Floß, das mit sorgfältig gestapelten Titanbarren davonfuhr, befriedigt nach. Nach der Reduzierung der Polargebiete waren die Stürme auf der Erde seltener geworden, und viele überseeische Gütertransporte erfolgten auf Flößen mit Eigenantrieb oder im Schlepp. Als die Belegschaft der Grube wechselte, blieb Dar Weter zusammen mit zwei anderen Bergbau-Enthusiasten.

Doch bald mußte in der Grube die Arbeit unterbrochen werden, die Abbau- und Zerkleinerungsmaschinen wurden überholt.

Der südliche Herbst mit seinen ruhigen, heißen Tagen war ins Land gezogen. Dar Weter stieg hinauf in die Berge. In majestätischer Größe ragten hier die jahrtausendealten Felsen empor. Das trockene Gras raschelte, und von tief unten drang leise das Rauschen der Brandung herauf.

Der ehemalige Leiter der Außenstationen atmete tief den Geruch der sonnendurchglühten Felsen und des trockenen Grases ein. Er war überzeugt, daß ihm noch viel Gutes bevorsteht — und zwar um so mehr, je besser und stärker er selbst sein würde.

Wer ein Verhalten sät,

wird eine Gewohnheit ernten.

Wer eine Gewohnheit sät,

wird einen Charakter ernten.

Wer einen Charakter sät,

wird ein Schicksal ernten.

Dieser alte Spruch ging ihm durch den Sinn. Ja, den härtesten Kampf hat der Mensch mit dem Egoismus auszufechten! Da helfen keine sentimentalen Grundsätze und keine schöne, aber ohnmächtige Moral, sondern nur die dialektische Erkenntnis, daß Egoismus nicht Ausgeburt böser Kräfte ist, sondern ein natürlicher Instinkt des Urmenschen, der in der Primitivgesellschaft eine große Rolle spielte und der Selbsterhaltung diente. Deshalb ist oft bei stark ausgeprägter Individualität auch der Egoismus stark entwickelt und schwerer zu bekämpfen. Aber er muß überwunden werden, daß ist wohl die wichtigste Aufgabe in der modernen Gesellschaft. Aus diesem Grunde wird soviel Mühe und Zeit auf die Erziehung verwendet und die Erbstruktur jedes einzelnen sorgfältig untersucht. Mitunter tauchen unerwartet Charaktereigenschaften ferner Vorfahren auf. Es kommt zu erstaunlichen Entartungen der Psyche, wie man sie aus den großen Katastrophen im Zeitalter der Partikularistischen Welt kennt, als die Menschen bei ihren Versuchen mit Kernenergie nicht genügend Vorsicht walten ließen und die Erbmasse vieler ihrer Zeitgenossen schädigten.

Auch Dar Weter besaß einen weit zurückreichenden Stammbaum, der jetzt jedoch nicht mehr gebraucht wurde. Das Studium der Vorfahren war durch eine direkte Strukturanalyse des Vererbungsmechanismus ersetzt worden. Diese Analyse hatte bei der längeren Lebensdauer noch an Bedeutung gewonnen. Seit der Ära der Gemeinschaftlichen Arbeit konnten die Menschen bis zu einhundertundsiebzig Jahre alt werden; vor kurzem hatte sich jedoch herausgestellt, daß auch dreihundert Jahre noch nicht die äußerste Grenze waren…

Knirschende Schritte schreckten Dar Weter aus seinen Gedanken. Zwei Gestalten näherten sich. Er erkannte die Ingenieurin von der Elektroschmelzsektion, eine schüchterne und schweigsame Frau, und den kleinen, lebhaften Ingenieur vom Außendienst. Die beiden, vom schnellen Gehen erhitzt, grüßten Dar Weter und wollten an ihm vorübergehen, doch er hielt sie an.

„Ich wollte Sie schon lange bitten“, sagte er, zur Ingenieurin gewandt, „für mich einmal die kosmische Sinfonie Nummer dreizehn in f-Moll blau zu spielen. Sie haben uns schon viel vorgespielt, aber das nicht.“

„Sie meinen die kosmische Sinfonie von Sig Sor?“ fragte die Frau. Als Dar Weter ihre Frage mit einem Kopfnicken beantwortete, lachte sie. „Es gibt wenige Menschen auf der Erde, die sie vortragen können… und wenn, dann nur auf einem Sonnenflügel mit dreifacher Klaviatur. Weshalb rufen Sie nicht das ›Haus für höhere Musik‹ an, um sich das Band vorspielen zu lassen? Unser Empfänger ist stark genug.“

„Ich weiß nicht, wie das gemacht wird“, murmelte Dar Weter, „ich habe früher nie…“

„Ich werde die Sinfonie für heute abend bestellen!“ versprach die Ingenieurin reichte ihrem Gesprächspartner die Hand und setzte ihren Weg fort.

Für den Rest des Tages wurde Dar Weter das Gefühl nicht los, daß sich etwas Wichtiges ereignen werde. Mit seltsamer Ungeduld erwartete er die elfte Stunde — die vom „Haus für höhere Musik“ festgesetzte Zeit für die Sendung der Sinfonie.

Die Ingenieurin übernahm die Rolle des Ordners. Sie bat Dar Weter und die anderen Musikfreunde, im Saal gegenüber dem silbernen Gitter des Tongeräts und dem Hemisphärenbildschirm Platz zu nehmen. Sie schaltete das Licht aus und erklärte, es sei sonst schwierig, den Farbteil der Sinfonie zu verfolgen, die nur in einem besonders ausgestatteten Saal aufgeführt werden könne und der hier notgedrungen durch den inneren Raum des Bildschirms Grenzen gesetzt seien.

Im Dunkel schimmerte schwach der Bildschirm, das Rauschen des Meeres war kaum zu hören. In weiter Ferne entstand ein tiefer und voller Ton, von dem eine spürbare Kraft auszugehen schien. Er wurde stärker, ließ das Zimmer und die Herzen der Zuhörer erbeben. Sich immer höher schwingend, zerstob und zerfiel er plötzlich in Millionen kristallene Splitter. In der dunklen Luft sprühten winzige orangefarbene Fünkchen auf. Es war wie der Einschlag jenes prähistorischen Blitzes, dessen Entladung vor Millionen Jahrhunderten zum erstenmal auf der Erde einfache Kohlenstoffverbindungen zu komplizierteren Molekülen vereinigt hatte, die die Grundlage für die organische Materie und das Leben bildeten.

Eine Mauer beunruhigender und disharmonischer Töne wälzte sich heran, ein tausendstimmiger Chor der Sehnsucht und Verzweiflung, zu dem matte Schatten von Purpur und Rot hin und her huschten und erloschen.

In der Bewegung der kurzen und scharfen vibrierenden Töne wurde eine ringförmige Ordnung bemerkbar, und in der Höhe begann eine verschwommene Spirale grauen Lichts zu kreisen. Plötzlich durchschnitten lang anhaltende, erhabene und klingende Töne voll ungestümer Kraft den wirbelnden Chor. Die klaren Linien blauer, feuriger Pfeile durchdrangen die weichen Lichtkonturen des Raumes bis in die bodenlose Finsternis hinter der Spirale und versanken im Dunkel des Grauens und Schweigens.

So endete der erste Satz. Die Zuhörer vermochten kein Wort hervorzubringen; sie waren noch ganz benommen, als die Musik wieder einsetzte. Breite Kaskaden machtvoller Töne, von vielfarbigen blendenden Modulationen begleitet, sanken und wurden schwächer, die strahlenden Lichter verblaßten im melancholischen Rhythmus einer wehmütigen Melodie. Da klang in den fallenden Kaskaden etwas Zusammengeballtes und Stürmisches auf, und erneut begannen die blauen Lichter ihren rhythmischen, tanzenden Aufstieg.

Ergriffen spürte Dar Weter in den blauen Tönen das Streben nach schwierigen Rhythmen und Formen; der Urkampf des Lebens mit der Entropie hätte nicht besser widergespiegelt werden können — Stufen, Dämme, Filter, die die abfallende Energie aufhielten. So, genau so waren sie, diese ersten Regungen einer äußerst komplizierten Organisation der Materie!

Die blauen Pfeile bildeten eine Kette von geometrischen Figuren, Kristallformen und. Gittern, die entsprechend den Verbindungen der Moll-Dreiklänge komplizierter wurden, zerfielen und sich wieder vereinigten und plötzlich erloschen.

Der dritte Satz der Sinfonie begann mit einem Moderato von Baßnoten, zu denen im Takt blaue Lichter aufflammten und gleich darauf in der Tiefe der Unendlichkeit und Zeit verschwanden. Die drohend schwingenden Bässe wurden stärker, ihr Rhythmus beschleunigte sich und ging in eine stürmische und unheilschwangere Melodie über. Die blauen Lichter wirkten wie Blumen, die auf dünnen Feuerstengeln verwelkten. Traurig ließen sie unter dem Ansturm der tiefen, dröhnenden Töne die Köpfe hängen und erloschen. Doch die Lichter flammten immer häufiger auf, verdichteten sich zu zwei hellen Streifen einer in das unermeßliche Dunkel führenden Straße und liefen in die Unendlichkeit des Alls — goldene klingende Stimmen des Lebens, die die finstere Gleichgültigkeit der sich bewegenden Materie mit Wärme erfüllten. Die dunkle Straße wurde zum Fluß, zum gigantischen Strom einer blauen Flamme, zu einem verworrenen Ornament, in dem der Widerschein bunter Lichter funkelte.

Ungestüm wuchs die klangvolle Melodie an und entfaltete sich im rhythmischen Tempo des tiefen Grollens der Zeiten. Dar Weter schwirrte der Kopf, er war nicht mehr in der Lage, allen Nuancen der Musik und des Lichts zu folgen, und nahm nur die allgemeinen Umrisse dieser gigantischen Komposition auf. Der Ozean hoher kristallreiner Töne rauschte in einer strahlenden, ungewöhnlich kräftigen leuchtend blauen Farbe. Der Ton wurde immer höher, und die Melodie selbst wurde zu einer ungestüm wirbelnden Spirale, bis sie plötzlich in einem blendendhellen Auflodern des Lichts abbrach.

Die Sinfonie war zu Ende, und Dar Weter begriff, was ihm all die Monate gefehlt hatte. Er sehnte sich nach einer Arbeit, die mit dem Kosmos verbunden war, mit der sich unaufhörlich entfaltenden Spirale des menschlichen Strebens in die Zukunft. Direkt vom Musiksaal aus begab er sich in das Fernsprechzimmer und rief die Zentralstation für Arbeitsverteilung in der nördlichen Wohnzone an. Der junge Informator, der Dar Weter die Arbeit in der Grube vermittelt hatte, erkannte ihn und sagte erfreut: „Heute morgen hat man Sie vom Rat für Astronautik angerufen, ich konnte aber keinen Anschluß bekommen. Ich werde sofort die Verbindung herstellen.“

Der Bildschirm wurde dunkel und leuchtete kurz danach wieder auf; jetzt sah man das Gesicht Mir Oms, des ersten der vier Sekretäre des Rates.

„Ein großes Unglück hat sich ereignet! Der Satellit 57 ist untergegangen. Der Rat beruft Sie zur Übernahme einer sehr schwierigen Arbeit. Ich schicke Ihnen ein Planetenschiff. Halten Sie sich bereit!“

Dar Weter blieb noch lange voller Bestürzung vor dem erloschenen Bildschirm sitzen.

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