Kapitel 6

Gegen zehn Uhr am nächsten Morgen betrat der Graf John Grays Haus, und John Grays Herz lachte wieder. Seine Lordschaft schaute matt, mutlos und melancholisch drein und sagte: «Fern von diesem Haus zu sein ist elend; es gibt kein Glück als hier! Mein Herz dürstet - laßt mich Mary sehen!»

Dem Wunsch wurde umgehend entsprochen; Mary kam, die anderen gingen. Der Graf sagte: «Oh, ich mußte kommen - ich konnte nicht leben, wo Sie nicht waren! Ich habe mich so bemüht, Sie zu vergessen - um Ihretwillen -, doch es überstieg meine Kräfte. Schauen Sie mich an - und betrachten Sie jedes Haar auf meinem Kopf, jeden Zug auf meinem Gesicht als einen Zeugen der Qualen, die ich erlitten habe. Ich konnte nicht rasten noch ruhen. Ich bin gekommen, mich Ihnen auf Gnade und Ungnade zu ergeben - Sie um Mitleid anzuflehen, um mein Leben zu betteln. Denn ohne Sie kann ich nicht leben. Ich habe es mir abverlangt, mit grausamer Härte abverlangt - und bin gescheitert. Haben Sie Erbarmen!»

Marys Mitgefühl loderte hoch auf, ihre Tränen fielen wie der Regen. Sie versuchte, etwas Tröstliches zu sagen; er antwortete mit leidenschaftlichen Beschwörungen. Und so ging das unglückliche Ringen weiter, bis John Gray ins Zimmer platzte und rief: «David ist ermordet worden! Und Hugh Gregory sitzt deshalb im Gefängnis!»

Mary fiel in Ohnmacht.

Den ganzen Tag war das Dorf in Aufruhr. Das Alltagsleben stand still. Eine Menschenmenge sammelte sich vor David Grays Büro und ereiferte sich stundenlang über den Mord, geduldig auf eine Gelegenheit wartend, hineinzukommen und das schaurige Spektakel drinnen anzustarren. Der Tote lag in einem Meer von Blut. Die umgestürzten Möbel zeigten, daß ein Kampf stattgefunden hatte. Auf dem Schreibtisch lag ein Blatt, vom Block abgerissen, auf dem David Gray einen Satz begonnen, dessen Ende jedoch nicht mehr erlebt hatte -nämlich: «Ich, David Gray, der ich im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte und - »

Neben der Leiche war ein Stoffetzen gefunden worden, der genau zu einer abgerissenen Ecke von Hugh Gregorys Rockschoß paßte; und auf Hughs Beinkleidern entdeckte man mehrere winzig kleine Blutspritzer. Da lag der Eröffnungssatz eines Testamentes, und dieses Testament sollte das zukünftige Vermögen des Mädchens hinwegfegen, dessen Ehemann Hugh Gregory eines Tages zu werden hoffte. Man raunte, Hughs Vater sei in letzter Zeit gefährlich ins Wanken geraten, in finanzieller Hinsicht; der Zwischenfall des Vorabends wurde ausführlich erörtert. Dann kam jemand mit der Bemerkung, die Hugh einst gemacht hatte, daß David Gray ihn «irgendwann einmal zu oft» schmähen und beleidigen würde.

Keine Frage, Hugh Gregory war der Mörder. Jeder mußte das zugeben und war tief betrübt darüber. Doch die meisten waren überzeugt, daß ihn keine niedrigen Beweggründe, sondern das unstillbare Bedürfnis nach Rache für die lang erduldeten Beleidigungen dazu getrieben hätten. Hugh beteuerte eisern seine Unschuld, trotz der fatalen Kette belastender Indizien. Seine Unschuldsbekundungen klangen so aufrichtig, daß sich einige Leute aus dem Dorf eine Weile in ihrer Meinung irremachen ließen, doch nur eine Weile; denn am mittleren Nachmittag fand man ein blutiges Messer, das, wie allseits bekannt, Hugh gehörte, am unteren Ende seiner Matratze versteckt; ein verschwindend kleiner roter Fleck auf dem Drillich hatte die Aufmerksamkeit auf den schmalen Riß gelenkt, durch den das Messer hineingeschoben worden war.

Kein Mensch glaubte jetzt noch an Hugh Gregorys Unschuld, außer Mary Gray, und auch ihr Vertrauen schwand dahin. Hugh hatte ihr einen Brief geschrieben, in dem er sie anflehte, den Glauben an ihn nicht zu verlieren; Gott in Seiner Gnade werde zu Seiner Zeit die Wahrheit gewiß an den Tag bringen. Doch dieser Brief blieb bei John Gray hängen und kam nicht weiter. Mehrere Tage lang harrte Mary Gray verzweifelt der Antwort auf eine Nachricht, die sie Hugh geschickt hatte, mit der Bitte, ihr doch ein tröstliches Wort zu sagen; doch es kam keine Antwort - bis zu ihr. Tommy Gray hatte versprochen, Marys Brief zu Hugh zu schmuggeln, und seinen Auftrag auch erfüllt; doch der alte Gray behielt den Jungen im Auge; er fing die Antwort ab und schüchterte ihn derart ein, daß dieser Mary bereitwillig berichtete, wie Hugh ihren Brief vor seinen Augen zerknüllt habe, mit den Worten, wenn sie ihn wirklich liebe, würde sie Himmel und Erde für seine Rettung in Bewegung setzen, statt wertvolle Zeit mit der Nachfrage zu verschwenden, ob er schuldig oder unschuldig sei. Es folgten mehrere Tage und Nächte tiefster Qual, und nur die freundliche Zuwendung und die warmen Worte des Grafen konnten das Leiden des Mädchens ein wenig lindern. Schließlich gab sie alle Hoffnung auf und fügte sich in die bittere Erkenntnis von Hugh Gregorys Schuld. Auch ihre Mutter war inzwischen davon überzeugt. Und so nahm in diesem Haus niemand mehr seinen Namen in den Mund. Mary jedoch mußte feststellen, daß auch das Verbrechen die Liebe nicht abtöten konnte. Sie liebte Hugh Gregory immer noch -diese Liebe ließ sich nicht bezwingen. Aber heiraten könne sie ihn niemals, sagte sie. Nun komme, was da wolle, sagte sie; ihr sei es gleich, was das Schicksal ihr noch bringe.

Während die Wochen verstrichen, lernte sie den Grafen zu schätzen, denn in seiner Gesellschaft kam sie noch am ehesten zur Ruhe.

Es würde lange dauern, die Bitten, Beschwörungen und Belagerungen aufzuführen, die am Ende Mary Grays Widerstand zermürbten und ihr die Zustimmung, Graf Fontainebleau zu heiraten, abrangen. Das Vermögen, das durch den Tod des Onkels auf Mary - und damit auf die ganze Familie - übergegangen war, stachelte den Ehrgeiz ihres Vaters nach Höherem nur noch an, nun wollte er sich mit ausländischem Adel verbunden sehen. Als es darum ging, ein Datum für die Hochzeit zu finden, sagte Mary matt: «Entscheidet ihr das. Mir ist es gleichgültig. Laßt mir nur ein wenig Zeit und Ruhe.»

Der 29. Juni wurde festgesetzt, die Hochzeit sollte im engsten Kreise stattfinden, in John Grays Haus. - Von nun an ging Mary Gray nicht mehr vor die Tür und weigerte sich, irgend jemanden zu empfangen außer ihre Familie und den Grafen. Das Neueste des Tages und der Dorfklatsch wurden in ihrer Gegenwart nicht angesprochen. Nur eins ließ die Zukunft erhoffen. Man hatte ihr versichert, Hughs Prozeß könne dank der Finessen seiner Anwälte um ein oder zwei Jahre hinausgezögert werden, und das werde er wahrscheinlich gar nicht mehr erleben, da seine Gesundheit bereits einigen Schaden genommen hatte.

In Wirklichkeit kam es sehr bald zum Prozeß. Dies wurde aber vor Mary geheimgehalten. Der Schuldspruch erfolgte am 22. Juni. Und als Tag der Vollstreckung durch den Strang wurde der 29. bestimmt - der Tag der Hochzeit!

Verwirrung! Was nun? Die Hochzeit verschieben? Nein. Nicht nötig. Das ganze Dorf war aufgewühlt vor Kummer. David Gray war allgemein verhaßt, Hugh Gregory dagegen uneingeschränkt beliebt gewesen. Die Leute hatten sich eingeredet, es sei sicher nur ein Urteil wegen Totschlags und eine Gefängnisstrafe zu erwarten. Schon eilten Boten quer durchs Land zur Hauptstadt; ganz bestimmt würde die

Urteilsvollstreckung ausgesetzt, womöglich käme es zu einer Begnadigung. Wozu also die Hochzeit verschieben? Mary wußte nichts von dem Urteil, nicht einmal vom Prozeß.

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