ZEHNTES KAPITEL, in welchem es um ein blaues Portefeuille geht

Am frühen Abend des 28. Juni (also dem 16. des in Rußland gültigen Kalenders) hielt vor dem Hotel »Winter Queen«, an der Gray Street gelegen, eine Mietkutsche. Der Kutscher in Zylinder und weißen Handschuhen sprang vom Bock, klappte ein Trittbrett herunter und öffnete, sich verbeugend, den schwarzlackierten Schlag mit der Aufschrift:

DUNSTER & DUNSTER SINCE 1848.

LONDON REGAL TOURS

Erst streckte sich ein saffianlederner, mit Silbernägeln beschlagener Straßenschuh aus der Tür, dann folgte mit einem behenden Sprung der junge Gentleman in seiner ganzen Pracht: mit üppigem Schnauzer, der zur zarten Physiognomie so gar nicht passen wollte, federgeschmücktem Tirolerhut und weiter Alpenpelerine. Der junge Mann schaute sich um, und da er nichts als eine stille, unauffällige kleine Straße zu sehen bekam, blieb sein aufgeregter Blick schnell an dem Hotelgebäude hängen: ein vierstöckiger, recht unansehnlicher Bau im georgianischen Stil, der sichtlich schon bessere Zeiten gekannt hatte.

Der junge Gentleman zögerte noch. Dann sprach er zu sich selbst auf russisch: »Ach, was soll’s.«

Nach dieser rätselhaften Formel lief er die Stufen hinauf und betrat das Vestibül.

Buchstäblich eine Sekunde später trat aus dem gegenüberliegenden Pub ein Mann im schwarzen Regenmantel und begann, die hohe Mütze mit dem glänzenden Schild tief in die Augen gezogen, vor der Hoteltür auf und ab zu spazieren.

Doch entging dieser bemerkenswerte Umstand der Aufmerksamkeit des Ankömmlings, da er bereits vor dem Tresen stand und das ausdruckslose Bildnis einer mittelalterlichen Dame mit prächtigem Jabot betrachtete - das mußte die »Winterkönigin« sein. Der dösende Portier begrüßte den Fremden mit Gleichmut; als er jedoch sah, daß der Boy, obwohl er nur den Reisesack hereingetragen hatte, einen ganzen Shilling erhielt, grüßte er noch einmal und sehr viel freundlicher, wobei er den Gast nun nicht mehr mit Sir, sondern mit Your Honour ansprach.

Der junge Herr wollte wissen, ob Zimmer frei seien, und verlangte das beste, das zu haben war, mit heißem Wasser und Zeitungen; dann trug er sich unter dem Namen Erasmus von Dorn, ansässig in Helsingfors, in das Gästebuch ein. Der Portier bekam für nichts und wieder nichts einen halben Sovereign und nannte den verrückten Ausländer von nun an Your Lordsbip.

Indes hatte »Herr von Dorn« mit ernsthaften Zweifeln zu kämpfen. Daß die stilvolle Amalia Kasimirowna in diesem drittklassigen Hotel abgestiegen sein sollte ließ sich schwer vorstellen. Hier stimmte offensichtlich etwas nicht.

In seiner Verlegenheit traute er sich gar, den vor ihm katzbuckelnden Portier zu fragen, ob es denn in London noch ein weiteres Hotel dieses Namens gebe, worauf ihm hochheilig versichert wurde, es gebe weder ein solches, noch habe es je eins gegeben, wenn man freilich von jenem »Winter Queen« absah, welches sich zuvor an diesem Ort befunden habe und vor mehr als hundert Jahren bis auf die Grundmauern abgebrannt sei.

Sollte denn alles umsonst gewesen sein: die zwölftägige Rundreise durch Europa, der angeklebte Schnauzbart, die edle Equipage, gemietet in Waterloo Station anstelle einer gewöhnlichen Droschke, und schließlich der verausgabte halbe Sovereign?

Na, das Bakschisch wirst du mir zumindest noch abdienen, mein Freund! dachte Fandorin (belassen wir es, seines Inkognitos ungeachtet, bei diesem Namen).

»Sagen Sie, Teuerster, Sie beherbergen nicht zufällig eine gewisse Miss Olsen?« fragte er mit gespielter Beiläufigkeit und stützte den Ellbogen lässig auf den Tresen.

Die Antwort, wiewohl durchaus zu erwarten gewesen, versetzte Fandorins Herzen einen Stich.

»Nein, Mylord, eine Lady dieses Namens wohnt bei uns nicht und hat nie hier gewohnt.«

Und da er die Bestürzung in den Augen des Gastes gewahrte, ließ der Portier noch eine kleine Kunstpause verstreichen, ehe er diskret verkündete: »Wobei mir der Name, den Durchlaucht zu erwähnen beliebten, nicht ganz unbekannt ist.«

Fandorin schwankte kurz, ehe er eine weitere Goldmünze aus der Rocktasche angelte.

»Reden Sie.«

Der Portier beugte sich nach vorn und hüllte Fandorin in eine Wolke von billigem Kölnischwasser, während er ihm zuflüsterte: »Wir belieben Post zu empfangen, die an den Namen dieser Person gerichtet ist. Allabendlich um zehn Uhr kommt ein Mr. Morbid, dem Anschein nach ein Diener oder Haushofmeister, und holt die Briefe ab.«

»So ein Riese mit großen blonden Koteletten, der den Eindruck macht, als hätte er noch kein einziges Mal im Leben gelacht?« kam Fandorins Frage wie aus der Pistole geschossen.

»Jawohl, Mylord, das ist er.«

»Treffen denn öfters Briefe ein?«

»Beinahe täglich, Mylord, und mitunter gleich mehrere. Heute zum Beispiel«, der Portier sah vielsagend zu einem Schrank mit vielen Fächern hinüber, »kamen ganze drei.«

Die Andeutung wurde verstanden.

»Ich würde gern einen Blick auf die Umschläge werfen - nur so, aus reiner Neugier«, bemerkte Fandorin und klopfte mit dem nächstfälligen halben Sovereign auf den Tresen.

Die Augen des Portiers funkelten in fiebrigem Glanz: Hier ging etwas Unerhörtes, schwer zu Fassendes vor, das nichtsdestoweniger äußerst willkommen war.

»Es ist strengstens verboten, müssen Sie wissen, Mylord, aber ... Wenn es nur darum geht, einen Blick auf die Umschläge ...«

Gierig griff Fandorin nach den Briefen, doch er wurde enttäuscht: Die Umschläge waren ohne Absender. Den dritten Obolus hatte er wohl umsonst berappt. Zwar hatte der Chef einen jeglichen Aufwand sanktioniert, sofern er »der Vernunft angemessen und der Sache dienlich« sei . Was sagten übrigens die Stempel?

Die Stempel machten Fandorin nachdenklich: Ein Brief war in Stuttgart aufgegeben, der zweite in Washington, der dritte gar in Rio de Janeiro. Immerhin!

»Läßt Miss Olsen seit längerem ihre Korrespondenz hier eingehen?« fragte Fandorin, während er in Gedanken überschlug, wieviel Zeit so ein Brief brauchte, über den Ozean zu schwimmen. Und zuvor mußte dafür gesorgt sein, daß die hiesige Adresse nach Brasilien gelangte! Ein merkwürdiges Verfahren. Dabei konnte die Beshezkaja höchstens drei Wochen in England sein.

Die Antwort überraschte ihn.

»Seit längerem, Mylord. Als ich hier meinen Dienst antrat, was jetzt vier Jahre her ist, kamen die Briefe schon.«

»Wie bitte? Bringen Sie da nichts durcheinander?«

»Wenn ich es Ihnen sage, Mylord. Mr. Morbid ist wohl erst seit kurzem in Miss Olsens Diensten, seit Anfang des Sommers. Vor ihm war es ein Mr. Moebius, der die Post holen kam, und noch davor ein Mr. . hm, sorry, ich habe vergessen, wie der Mann hieß. Ein recht unauffälliger Gentleman, und redselig war er auch nicht.«

Gar zu gern hätte Fandorin in die Briefe hineingeschaut. Forschend blickte er seinem Informanten ins Gesicht. Nein, der würde wohl nicht dichthalten. Aber der frischgebackene Titularrat und diplomatische Kurier erster Kategorie hatte eine bessere Idee.

»Jeden Abend um zehn, sagten Sie, kommt dieser Mr. Morbid?«

»Auf die Minute, Mylord.«

Fandorin legte noch einen viertel Sovereign auf den Tresen, beugte sich darüber und flüsterte dem Glückspilz von Portier etwas in das geneigte Ohr.

Die Zeit, die bis um zehn verblieb, wurde auf die allerproduktivste Weise genutzt.

Als erstes ölte und lud Fandorin seinen kurierdienstlichen Colt. Dann begab er sich in das Badezimmer und füllte, bei wechselweisem Betätigen des Warm- und des Kaltwasserhebels, die Wanne, was ungefähr fünfzehn Minuten in Anspruch nahm. Eine halbe Stunde ließ er es sich wohl sein, dann war das Wasser kalt, und der Plan für das weitere Vorgehen stand endgültig fest.

Nachdem er sich den Schnauzbart wieder angeklebt und sein Spiegelbild mit einigem Wohlgefallen betrachtet hatte, schlüpfte Fandorin in das Kostüm des unauffälligen Engländers: schwarze Melone, schwarzes Jackett, schwarze Hose, schwarze Krawatte. In Moskau hätte man ihn vermutlich für einen Sargträger gehalten - hier in London durfte er hoffen, sich auf diese Weise unsichtbar zu machen. Und nachts kam der Aufzug erst recht gelegen: Ließ man das Hemd vorn hinter den Revers verschwinden und schlug die Manschetten zurück, so löste man sich in den Fängen der Nacht buchstäblich auf - was für den gefaßten Plan sehr vonnöten war. Blieben noch anderthalb Stunden für einen Spaziergang, um die nähere Umgebung kennenzulernen. Erast Fandorin bog von der Gray Street in eine größere Straße ein, wo es von Equipagen wimmelte, und fand sich kurze Zeit später vor dem berühmten Old-Vic-Theatre wieder, das im Stadtführer ausführlich beschrieben war. Er lief ein Stück weiter und sah vor sich - wie seltsam! - die bekannten Umrisse von Waterloo Station; die Kutsche hatte gute vierzig Minuten gebraucht, ihn von hier ins »Winter Queen« zu befördern, wofür der Kutscher, dieser Schuft, ihm fünf Shilling abknöpfte. Schließlich tauchte, in der Abenddämmerung ungemütlich grau, die Themse vor ihm auf. Fandorin schauderte, als er in ihre trüben Fluten blickte, ihn überkam eine böse Vorahnung. Überhaupt fühlte er sich unbehaglich in dieser fremden Stadt. Die Passanten schauten an ihm vorbei, nicht einer blickte ihm ins Gesicht, was in Moskau - sagen Sie selbst! - ein Ding der Unmöglichkeit wäre. Zugleich wurde Fandorin das merkwürdige Gefühl nicht los, als bohrte sich ein böser Blick in seinen Rücken. Ein paarmal drehte er sich um, und einmal war ihm tatsächlich, als sähe er eine schwarzgewandete Gestalt hinter eine der Theatersäulen huschen. Von da an riß Fandorin sich zusammen, verfluchte seine übertriebene Ängstlichkeit und wandte den

Blick kein weiteres Mal zurück. Immer diese verdammten Nerven! Er zweifelte sogar, ob er mit der Verwirklichung seines Planes nicht besser bis zum nächsten Abend warten sollte. Dann hätte er am Morgen noch die Botschaft aufsuchen und jenen geheimnisvollen Schriftführer Pyshow treffen können, den der Chef ihm empfohlen hatte. Doch allzuviel bange Vorsicht war peinlich und Zeit ohnehin keine zu verlieren, beinahe drei Wochen waren ins Land gegangen - für Bagatellen.

Die Europareise war weniger angenehm verlaufen, als Fan- dorin im ersten Überschwang erwartet hatte. Das ganze jenseits des Grenzpunkts Wirballen gelegene Territorium deprimierte ihn auf Grund seiner gravierenden Unähnlichkeit mit den schlichten heimatlichen Weiten. Fandorin hatte aus dem Zugfenster geblickt und darauf gewartet, daß die adretten Dörfchen und Spielzeugstädtchen aufhörten und eine normale Landschaft anfinge, doch je weiter der Zug sich von der russischen Grenze entfernte, um so schneeweißer wurden die Häuser und um so pittoresker die Städte. Fandorin schnürte es die Brust immer enger, loszuflennen erlaubte er sich jedoch nicht. Letzten Endes, so sagte er sich, ist nicht alles Gold, was glänzt; die Schwermut ließ sich von diesem Gedanken nicht verdrängen.

Später gewöhnte er sich schon ein bißchen an das, was er zu sehen bekam, ja, es schien ihm bereits, als wäre Moskau gar nicht so viel schmutziger als Berlin und der Kreml samt den goldenen Kirchenkuppeln etwas, wovon die Deutschen nur träumen konnten. Andere Mißlichkeiten beschäftigten ihn nun weit mehr: Der Militärattache

der russischen Botschaft, dem Fandorin ein versiegeltes Paket ausgehändigt hatte, hieß ihn die Reise einstweilen unterbrechen und auf eine Geheimkorrespondenz warten, die nach Wien weiterzubefördern war. Das Warten währte eine ganze Woche, und Fandorin war es längst leid, im Schatten Unter den Linden dahinzuschlendern und sich an den wohlgenährten Schwänen der Berliner Parkanlagen zu freuen.

Gleiches widerfuhr ihm in Wien, nur daß er diesmal fünf Tage auf ein für den Pariser Militärattache bestimmtes Paket zu warten hatte. Fandorin wurde nervös bei dem Gedanken, »Miss Olsen« könnte in der Zwischenzeit das Hotel verlassen, ohne noch länger auf eine Botschaft ihres Ippolit zu warten, denn dann wäre sie wohl auf immer und ewig verschollen. Seine Nervosität zu bekämpfen, saß er viel in Kaffeehäusern herum, verspeiste Unmengen von Mandeltorte und trank literweise Creme-Soda dazu.

Dafür ergriff er in Paris sogleich die Initiative: Für ganze fünf Minuten ließ er sich in der russischen Vertretung sehen, drückte dem bevollmächtigten Oberst die Dokumente in die Hand und tat dabei unmißverständlich kund, daß er in besonderer Mission unterwegs und zu keiner Stunde Aufenthalt befugt sei. Für die fruchtlose Zeitverschwendung der letzten Wochen strafte er sich selbst, indem er darauf verzichtete, Paris zu besichtigen, und nur mit dem Fiacre die neuen, unlängst von Baron Haussmann geschlagenen Boulevardschneisen Richtung Gare du Nord fuhr. Auf dem Rückweg würde dafür immer noch Zeit sein.

Um Viertel vor zehn saß Fandorin, hinter einer zu Zwecken der Observation mit einem Löchlein versehenen Ausgabe der »Times« versteckt, im Vestibül des »Winter Queen«. Auf der Straße stand die vorsorglich gemietete Droschke bereit. Der Portier hielt sich an die Instruktionen und schaute demonstrativ nicht in die Richtung, wo der so gar nicht sommerlich gekleidete Hotelgast mit der Zeitung saß; er gab sich sogar Mühe, ihm den Rücken zuzukehren.

Drei Minuten nach zehn schellte das Glöckchen, die Tür ging auf, und ein Hüne von Mann in grauer Livree betrat das Vestibül. Er war es: »John Karlytsch«! Fandorins Auge saugte sich an dem Zeitungsblatt fest, das über den Ball des Prinzen von Wales berichtete.

Verstohlen ging der Blick des Portiers jetzt nach dem zur unrechten Zeit in seine Lektüre vertieften Mr. von Dorn herüber, noch dazu ließ dieser Gauner die buschigen Brauen auf und nieder tanzen, was das Objekt glücklicherweise nicht bemerkte beziehungsweise zu bemerken geflissentlich vermied.

Die Droschke war nicht umsonst bestellt. Es zeigte sich, daß der Lakai nicht zu Fuß, sondern mit einem sogenannten »Egoisten« gekommen war, einem jener Einspänner, die nur einer einzigen Person Platz boten; gezogen wurde er von einem stämmigen Rappen. Auch der einsetzende Nieselregen kam gerade recht, denn so klappte John Karlytsch das lederne Verdeck nach oben und hätte nun, selbst wenn er darauf aus gewesen wäre, den Verfolger gar nicht bemerken können.

Der Befehl, dem Mann in der grauen Livree zu folgen, erstaunte den Kutscher nicht im geringsten; er knallte mit seiner langen Peitsche, und der Plan trat in seine erste Phase.

Es war bereits dunkel. Die Straßenlaternen brannten, doch Fandorin, ortsunkundig, verlor in den immer gleich aussehenden steinernen Karrees dieser fremden, beängstigend verschwiegenen Stadt sehr bald die Orientierung. Nach einiger Zeit wurden die Häuser spärlicher und niedriger, Bäume hoben sich schemenhaft aus der Dunkelheit ab, und nach einer weiteren Viertelstunde begannen von Gärten umgebene Villen sich entlang der Straße zu reihen. Vor einer blieb der »Egoist« stehen, ein riesiger Schatten löste sich von ihm, John Karlytsch öffnete das Gittertor. Fandorin lehnte sich aus der Droschke und sah den Einspänner auf das umzäunte Gelände fahren, wonach das Tor wieder geschlossen wurde.

Der gewitzte Kutscher brachte sein Pferd ohne Aufforderung zum Stehen, wandte sich um und fragte:

»Möchten Sie, daß die Polizei von dieser Fahrt etwas erfährt, Sir?«

»Hier haben Sie eine Krone, tun Sie, was Sie für richtig halten!« erwiderte Fandorin, da er beschlossen hatte, den Mann nicht warten zu lassen - der schien ihm zu pfiffig. Ohnehin war unklar, wann die Rückfahrt anstand. Vor ihm lag nichts als Ungewißheit.

Sich über den Zaun zu schwingen fiel ihm nicht schwer. In seiner Schulzeit hatte Fandorin ganz andere Zäune bezwungen.

Der Garten erwies sich als wenig einladend - er war voll schrecklicher Schatten und stachliger Gehölze. Zwischen den Bäumen schimmerten die Umrisse eines zweistöckigen Gebäudes mit gewölbtem Dach. Darauf bedacht, so leise wie möglich aufzutreten, kämpfte Fandorin sich zu den letzten Büschen vor (Fliederduft, vermutlich eine englische Sorte). Von hier begann er mit der Aufklärung.

Das Haus durfte mit Fug und Recht eine Villa genannt werden. Am Portal brannte eine Laterne. Mehrere Fenster im Parterre waren hell erleuchtet, dort wohnten vermutlich die Bediensteten. Interessanter kam ihm das schwach leuchtende Fenster im ersten Stock vor - doch wie hinaufgelangen? Daß unweit davon das Fallrohr der Dachrinne verlief, schien günstig; zudem war die Hauswand von rankendem Pflanzenwuchs überzogen, der recht guten Halt versprach.

Die Gewohnheiten einer nicht sehr fernen Jugend schienen sich einmal mehr bezahlt zu machen.

Als schwarzer Schatten huschte Fandorin zur Hauswand hinüber und rüttelte an dem Fallrohr. Es schien stabil, klapperte nicht. Die existentielle Erfordernis, jedes Poltern zu vermeiden, ließ den Aufstieg gemächlicher vorangehen, als Fandorin es sich gewünscht hätte. Endlich ertastete der Fuß einen Sims, der glücklicherweise um das gesamte Stockwerk herumlief. Aus Vorsicht krallte Fandorin die Finger in das Gerank aus Efeu, wildem Wein und irgendwelchen Lianen (der Teufel wußte, wie diese schlangenartigen Triebe in Wirklichkeit hießen), ehe er begann, sich in winzigen Schritten auf das ersehnte Fenster zuzubewegen.

Zunächst war er bitter enttäuscht: In dem Zimmer war niemand. Das Licht einer Lampe mit rosa Schirm fiel auf einen gediegenen Schreibtisch, wo irgendwelche Papiere lagen; in der Ecke schien ein Bett zu stehen. Unklar, ob das ein Arbeitszimmer war oder ein Schlafgemach. Fandorin harrte an die fünf Minuten aus, in denen nichts weiter passierte, als daß sich ein fetter Nachtfalter auf den Lampenschirm setzte und mit den pelzigen Flügeln zuckte. Blieb Fandorin etwas anderes, als zurückzukriechen? Oder sollte er riskieren, ins Innere einzudringen? Sacht drückte er gegen die Fensterschenkel, sie gaben sofort nach. Fandorin zauderte. Zieh sich des Wankelmuts, der Feigheit. Und mußte im nächsten Moment feststellen, daß es gut gewesen war abzuwarten: Denn nun ging die Tür auf, und zwei Personen traten ein - eine Frau und ein Mann.

Beim Anblick der Frau mußte Fandorin an sich halten, um nicht in ein Freudengeheul auszubrechen: die Beshezkaja! Das schwarze Haar glatt zurückgekämmt und mit einem roten Band zusammengebunden, gehüllt in ein spitzenbesetztes Nachtgewand, über das sie einen Zigeunerschal mit Blütenmuster geworfen hatte, stand sie da in ihrer ganzen blendenden Schönheit. Oh, einer solchen Frau durften alle Übeltaten vergeben sein!

Den Mann, dessen Gesicht im Dunklen blieb (der Größe nach zu urteilen, mußte es Mr. Morbid sein), fragte Amalia Beshezkaja in gepflegtem Englisch (eine Spionin, bestimmt war sie eine Spionin!): »Und er ist es ganz gewiß?«

»Ja, Ma’am. Es gibt nicht die geringsten Zweifel.«

»Woher die Gewißheit? Haben Sie ihn denn gesehen?«

»Das nicht, Ma’am. Heute hat Franz dort Wache gehalten. Er hat berichtet, das Bürschchen sei gegen sieben eingetroffen. Die Beschreibung stimmt haargenau überein, sogar mit dem Schnauzbart haben Sie recht behalten.«

Die Beshezkaja lachte schallend.

»Man darf ihn trotzdem nicht unterschätzen, John. Ein geborenes Glückskind - ich kenne diesen Menschentyp gut, er ist unberechenbar und sehr gefährlich.«

Fandorin hüpfte das Herz im Leib. War da etwa von ihm die Rede? Nein, das konnte nicht sein.

»Halb so wild, Ma’am. Sie brauchen es nur anzuordnen, dann fahren Franz und ich hin und erledigen das. Zimmer Nummer fünfzehn, zweiter Stock.«

Exakt: Zimmer Nummer fünfzehn, zweiter Stock. Dort wohnte er. Wie hatten sie das herausbekommen? Wer hatte es ihnen gesteckt? Mit einem Ruck riß Fandorin sich den schmählichen und unnützen Bart von der Lippe, verbiß sich den Schmerz.

Amalia Beshezkaja - oder wie immer ihr wirklicher Name lautete - verzog das Gesicht, ihre Stimme wurde schneidend:

»Unterstehen Sie sich! Ich bin selbst schuld, also bringe ich das auch selbst wieder in Ordnung. Wenn man schon einmal im Leben einem Mann traut . Ich frage mich nur, warum sie uns aus der Botschaft nicht vorgewarnt haben, daß er kommt.«

Fandorin spitzte die Ohren. Sie haben also ihre Leute in der Botschaft! Na prima! Brilling wollte es nicht glauben. Und wer ist es? Sag schon, sag!

Doch die Beshezkaja wechselte das Thema.

»Waren Briefe da?«

»Drei auf einmal, Ma’am.« Mit einer Verbeugung überreichte ihr der Lakai die Umschläge.

»Gut, John, Sie können schlafen gehen. Für heute brauche ich Sie nicht mehr.« Sie unterdrückte ein Gähnen.

Als sich die Tür hinter Mr. Morbid geschlossen hatte, warf Amalia die Briefe achtlos auf den Schreibtisch und trat zum Fenster. Fandorin fuhr zurück hinter den Mauervorsprung, sein Herz klopfte wie rasend. Blicklos starrte die Beshezkaja mit ihren großen Augen in die tröpfelnde Finsternis (wäre nicht die Scheibe gewesen, hätte er ihr Gesicht mit der Hand berühren können) und murmelte versonnen, nunmehr auf russisch: »Mein Gott, wie öde. Da hockt man hier und versauert .«

Als nächstes tat sie etwas Seltsames: Sie trat zu einem frivol geformten, einen Amor darstellenden Wandleuchter und drückte dem minderjährigen Liebesgott auf den bronzenen Bauchnabel. Der daneben hängende Stich (irgendein Jagdstück) rückte lautlos zur Seite und gab den Blick auf ein kupfernes Türchen mit rundem Knauf frei. Amalias nackter, schmaler Arm fuhr aus dem bauschigen Ärmel, sie drehte den Knauf ein paarmal hin und her, und das Türchen öffnete sich mit einem singenden Ton. Fandorin preßte die Nase an die Scheibe, um nur ja nichts Entscheidendes zu verpassen.

Die Beshezkaja, in diesem Augenblick mehr denn je einer ägyptischen Königin gleichend, beugte sich graziös nach vorn, nahm etwas aus dem Safe heraus und drehte sich um. In den Händen hielt sie ein blausamtenes Portefeuille.

Sie setzte sich an den Schreibtisch, entnahm dem Portefeuille einen großen gelben Umschlag und diesem ein Blatt Papier, das dicht mit kleiner Schrift beschrieben war. Dann öffnete sie mit dem Messer die eingetroffenen Briefe und übertrug etwas daraus auf ihr Blatt. Hierfür brauchte sie höchstens zwei Minuten. Nachdem alle Papiere wieder in der Mappe verstaut waren, rauchte die Beshezkaja eine ihrer Maisstrohzigaretten an, tat ein paar tiefe Züge und schaute gedankenvoll ins Leere.

Fandorin war der Arm eingeschlafen, mit dem er sich an den Schlingpflanzen festhielt, der Knauf des Colts drückte ihm in die Seite, die unbequem verrenkten Füße begannen gleichfalls zu schmerzen. Lange Zeit würde er in dieser Lage nicht mehr zubringen können.

Endlich hatte Kleopatra ein Erbarmen, drückte ihre Zigarette aus, erhob sich und verschwand in der gegenüberliegenden, kaum erleuchteten Zimmerecke, wo sich eine recht niedrige Tür befand, die nun auf- und wieder zuging; bald darauf war fließendes Wasser zu hören. Dort hinten mußte das Badezimmer sein.

Auf dem Schreibtisch lag und lockte das blaue Portefeuille. Frauen benötigen, wie man weiß, einige Zeit für ihre Abendtoilette. Fandorin stieß einen Fensterflügel auf, stützte ein Knie auf die Fensterbank und stand im nächsten Moment im Zimmer. Den Blick immer wieder auf die Badtür gerichtet, wo das Wasser unverändert gleichmäßig rauschte, begann er das Portefeuille auszuweiden.

Ein dickes Bündel Briefe befand sich dann, außerdem der gelbe Umschlag. Auf ihm stand eine Adresse:

M. Nickolas M. Croog, Poste restante, l’Hotel des postes, S.-Petersbourg, Russie

Das war schon einmal nicht schlecht. In dem Umschlag steckten mehrere Blätter mit Tabellen, die auf englisch ausgefüllt waren, die fliehenden Buchstaben kannte Fandorin gut. In der ersten Spalte standen irgendwelche Nummern, in der zweiten die Namen diverser Länder, in der dritten Amtsbezeichnungen oder Ränge, Spalte vier enthielt Datumsangaben, nicht anders Spalte fünf: Junitage in aufsteigender Folge. Die drei letzten Eintragungen - an der frischen Tinte sah man, daß es die eben vorgenommenen waren - lasen sich so:

N° 1053F Brasilien Chef der abgesandt eingegangen
kaiserlichen 30. Mai 28. Juni 1876
Leibwache
N° 852F Vereinigte Stellvertretender abgesandt eingegangen
Staaten von Senatsausschuß- 10. Juni 28. Juni 1876
Nordamerika Vorsitzender
N° 354F Deutschland Amtsgerichts- abgesandt eingegangen
präsident 25. Juni 28. Juni 1876

Aha! Die heute im Hotel für Miss Olsen eingegangenen Briefe stammten aus Rio de Janeiro, Washington und Stuttgart. Fandorin wühlte in dem Briefbündel und suchte den brasilianischen heraus. Er enthielt einen Briefbogen ohne Anrede und Unterschrift, mit einer einzigen Zeile:

30. Mai, Chef der kaiserlichen Leibwache, N° 1053F.

Die Beshezkaja übertrug also den Inhalt der Briefe, die sie erhielt, in Tabellen, die sie dann einem Monsieur oder eher Mister Nickolas Croog in Petersburg sandte. Zu welchem Zweck? Wieso Petersburg? Was hatte das alles zu bedeuten?

Die Fragen überstürzten sich, eine drängte sich vor die andere, nach Antworten zu sinnen blieb jedoch keine Zeit - im Bad hatte das Wasser zu rauschen aufgehört. Fandorin stopfte Briefe und Blätter hastig zurück in ihr Behältnis. Den Rückweg zum Fenster anzutreten schaffte er nicht mehr. Eine schmale weiße Gestalt erschien im Türrahmen und erstarrte.

Fandorin zog den Revolver aus dem Gürtel und befahl mit halb pfeifender, halb zischender Stimme: »Frau Beshezkaja - ein Ton, und ich schieße! Gehen Sie zum Tisch und setzen Sie sich! Schnell!«

Schweigend kam sie näher, fixierte ihn wie gebannt mit ihren funkelnden, bodenlosen Augen, setzte sich vor den Schreibtisch.

»Das haben Sie wohl nicht erwartet?« erkundigte sich Fan- dorin höhnisch. »Sie hielten mich für einen Dummkopf, nicht wahr?«

Amalia Beshezkaja schwieg, ihr Blick war aufmerksam und ein wenig erstaunt, so als sähe sie Fandorin zum ersten Mal.

»Was bedeuten diese Listen?« fragte er und fuchtelte mit dem Colt. »Was spielt Brasilien für eine Rolle? Wer verbirgt sich hinter den Nummern? Los, antworten Sie!«

»Sie haben sich rausgemacht«, gab die Beshezkaja mit unerwartet leiser, nachdenklicher Stimme von sich. »Ein richtiger Mann.«

Sie ließ den Arm sinken, und das Nachtgewand glitt ihr von der runden Schulter, die so weiß war, daß Fandorin schlucken mußte.

»Ein verwegener, streitsüchtiger Dummkopf«, sagte sie, immer noch so leise, und schaute ihm in die Augen. »Und sehr, sehr schön.«

»Wenn Sie glauben, Sie könnten mich in Versuchung führen, dann vertun Sie Ihre Zeit«, stieß er errötend hervor. »Ich bin nicht der Depp, für den Sie mich halten.«

»Sie sind ein armer Junge, der nicht einmal ahnt, worauf er sich eingelassen hat«, entgegnete Amalia kummervoll. »Ein armer, hübscher Junge. Und ich werde Sie nun nicht mehr retten können.«

»Denken Sie gefälligst an Ihre eigene Rettung!« Fandorin mühte sich, die verfluchte Schulter zu übersehen, die sich unterdessen noch mehr entblößt hatte. Konnte es eine so strahlend weiße Haut geben, so weiß wie Milch und Schnee?

Die Beshezkaja war aufgesprungen, Fandorin prallte zurück und hielt den Colt vor sich.

»Sitzenbleiben!«

»Keine Angst, mein Dummerchen. Diese hübschen roten Wangen! Darf man die anfassen?«

Sie streckte die Hand aus und berührte ihn mit den Fingern leicht im Gesicht.

»Ganz heiß! ... Was soll ich nur mit Ihnen machen?«

Ihre andere Hand legte sich auf seine Finger, die krampfhaft den Revolver hielten. Ihre matten Augen zwinkerten kein einziges Mal, und sie waren so nah, daß Fandorin darin zwei kleine rosa Lampen sehen konnte. Eine unbegreifliche Passivität nahm von ihm Besitz. Er erinnerte sich, daß Ippolit Surow ihn gewarnt hatte, von einer Motte hatte er gesprochen, doch die Erinnerung war so abstrakt, als beträfe sie ihn nicht.

Dann ging alles sehr schnell. Mit der Linken schob die Be- shezkaja den Colt zur Seite, mit der Rechten packte sie Fan- dorin beim Kragen und riß ihn zu sich heran, zugleich hieb sie ihre Stirn gegen seine Nase. Von dem scharfen Schmerz wurde Fandorin schwarz vor Augen, aber er hätte ohnehin nichts mehr sehen können, denn die Lampe flog krachend zu Boden, und ägyptische Finsternis zog ein. Vom nachfolgenden Stoß - mit dem Knie in den Bauch - knickte der junge Mann ein, seine Finger krümmten sich, das Zimmer wurde von einem Blitz erhellt, ein Schuß ertönte. Amalia japste nach Luft, ein kurzer Schrei, eher ein Greinen - und niemand schlug mehr auf Fandorin ein, niemand preßte ihm das Handgelenk. Er hörte einen Körper fallen. In seinen Ohren dröhnte es, Blut lief ihm in zwei Rinnsalen das Kinn herunter, Tränen entströmten seinen Augen, und in der Tiefe des Bauches geschah etwas, das ihm keine andere Wahl lassen wollte, als sich zusammenzurollen und zu warten, stöhnend, bis dieser unerträgliche Schmerz vorüberging. Das aber war ihm nicht vergönnt - von unten hörte er laute Stimmen, polternde Schritte.

Fandorin riß das Portefeuille vom Tisch und warf es aus dem Fenster, erklomm den Fensterstock und kletterte nach draußen, wobei er beinahe abgestürzt wäre, da eine Hand immer noch die Pistole hielt. Er wußte später nicht mehr, wie er das Fallrohr hinuntergekommen war, hatte Angst, das Portefeuille im Dunkeln nicht wiederzufinden, doch es lag gut sichtbar auf dem weißen Kies. Fandorin raffte es an sich und stürzte quer durch die Büsche davon, seine Gedanken rasten. Feiner diplomatischer Kurier ... Erschießt eine Frau ... Mein Gott, was mach ich jetzt, was mach ich jetzt ... Aber sie ist selber schuld . Ich wollte doch gar nicht . Wohin jetzt . Die Polizei wird mich suchen . Oder die anderen . Ein Mörder . In die Botschaft auf keinen Fall . Das Land verlassen, so schnell es geht . Geht nicht . Die suchen die Bahnhöfe ab, die Häfen . Für das Portefeuille kriechen die in jedes Loch . Abtauchen . Mein Gott, Herr Brilling, was tun, was tun?

Im Laufen blickte Fandorin um sich, und was er nun sah, brachte ihn zum Stolpern, beinahe wäre er hingeschlagen.

Im Gebüsch stand reglos eine schwarze Gestalt im langen Mantel, das Gesicht im Mondlicht fahl, zur Maske erstarrt, ein seltsam bekanntes Gesicht - Graf Surow!

Das war zuviel. Fandorin jaulte auf, warf sich mit letzter Kraft über den Zaun, tat erst einen Sprung nach rechts, dann einen nach links - von welcher Seite war er mit dieser verdammten Droschke gekommen? Egal! Er rannte einfach auf und davon.

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