Winter ist so schön

George und ich saßen an einem Fensterplatz im La Boheme, einem französischen Restaurant, das er hin und wieder auf meine Kosten besuchte, und ich sagte: »Es wird wohl Schnee geben.«

Nun war das kein großer Beitrag zur Vermehrung des Wissens auf dieser Welt. Den ganzen Tag über war es dunkel und bedeckt gewesen, die Temperaturen lagen unter dem Nullpunkt, und der Wetterbericht hatte Schnee vorhergesagt. Dennoch war ich ein wenig beleidigt, als George meine Bemerkung vollkommen ignorierte.

Er sagte: »Ich mußte gerade an meinen Freund Septimus Johnson denken.«

»Warum?« fragte ich. »Was hat der denn damit zu tun, daß es wahrscheinlich schneien wird?«

»Er befindet sich am logischen Endpunkt einer Folge von Gedanken«, sagte George ernst. »Davon haben dir sicherlich schon andere Leute erzählt, auch wenn du so etwas selbst noch nie erlebt hast.«

Mein Freund Septimus [sagte George] war ein aufbrausender junger Mann, dessen Gesicht ständig einen finsteren Ausdruck zeigte und an dessen Oberarmen sich mächtige Muskelpakete wölbten. In seiner Familie war er das siebte Kind - daher der Name. Er hatte einen jüngeren Bruder, der Octavius hieß, und eine jüngere Schwester namens Nina. Ich weiß nicht, wie weit sich diese Ziffernfolge fortsetzte, aber es müssen die beengten Verhältnisse seiner Jugend gewesen sein, die in späteren Jahren dazu führten, daß er so merkwürdig versessen auf Stille und Einsamkeit war.

Als er erwachsen geworden war und mit seinen Romanen einen gewissen Erfolg errungen hatte (so wie du, mein alter Freund, nur daß die Kritiker sich über seine Werke hin und wieder recht lobend äußern), verfügte er schließlich über genügend Geld, um seinen absonderlichen Leidenschaften zu frönen. Kurz gesagt, er kaufte sich ein einsames Haus auf einem abgelegenen Stück Land im Norden des Staates New York und zog sich oft für kürzere oder längere Zeitspannen dorthin zurück, um seine Romane zu schreiben. Das Grundstück war nicht völlig von jeder Zivilisation abgeschnitten, aber doch zumindest von scheinbar unberührter Wildnis umgeben, soweit das Auge reichte.

Ich glaube, ich bin der einzige Mensch, den er jemals freiwillig zu einem Besuch auf seinem Landsitz eingeladen hat. Vermutlich fühlte er sich von der ruhigen Würde meines Benehmens und der faszinierenden Vielfalt meiner Unterhaltung angezogen. Er hat nie auch nur mit einem Sterbenswort erwähnt, was ihn an mir faszinierte, doch etwas anderes kann es wohl kaum gewesen sein.

Natürlich mußte man im Umgang mit ihm stets Vorsicht walten lassen. Jeder, der einmal den freundlichen Schlag auf den Rücken gespürt hat, mit dem Septimus Johnson seine Freunde so gern begrüßte, weiß, wie sich eine gebrochene Wirbelsäule anfühlt. Dennoch erwies sich sein beiläufiger Einsatz von Körperkraft bei unserer ersten Begegnung durchaus als nützlich.

Damals wurde ich von ein oder zwei Dutzend Rowdys bedroht, die meine vornehme Haltung und Erscheinung zu der Annahme verleitet hatten, ich würde unbeschreiblichen Reichtum in Form von Geld und Juwelen bei mir tragen. Ich wehrte mich verzweifelt, da ich an jenem Tag zufälligerweise nicht einen Cent in der Tasche hatte. Mir war bewußt, daß mich die Rowdys, wenn sie dies herausfänden, in ihrer Enttäuschung mit der größten Rohheit behandeln würden.

In diesem Augenblick erschien Septimus, der gerade über einen Text nachgrübelte, an dem er damals schrieb. Die Horde von Unholden war ihm im Weg, und da er zu sehr in Gedanken versunken war, als daß er ihnen hätte ausweichen können, ging er direkt durch sie hindurch und schleuderte sie geistesabwesend beiseite, zwei links, drei rechts. Als der Morgen dämmerte, stieß er schließlich am Grunde des Durcheinanders auf mich, und just in diesem Augenblick fiel ihm eine Lösung für das literarische Problem ein, über das er nachdachte - worum auch immer es sich dabei gehandelt haben mochte. Er betrachtete mich daher als Glücksbringer und lud mich zum Essen ein. Da ich eine Einladung zum Essen für einen noch viel größeren Glücksfall halte, habe ich angenommen.

Im Verlauf der Mahlzeit war er so meiner Anziehungskraft erlegen, daß er mich auf seinen Landsitz einlud. Solche Einladungen wiederholten sich oft. Einmal sagte er zu mir, daß er sich in meiner Gesellschaft beinahe so fühlte, als würde er alleine sein, und von jemandem, der die Einsamkeit so sehr liebte wie er, war das ganz offensichtlich ein großes Kompliment.

Eigentlich hatte ich eine armselige Hütte erwartet, doch weit gefehlt: Septimus hatte mit seinen Romanen eindeutig gut verdient und keine Kosten gescheut. (Ich weiß, es ist ein wenig unhöflich, in deiner Gegenwart von erfolgreichen Romanen zu sprechen, alter Freund, aber wie immer fühle ich mich den Tatsachen verpflichtet.)

Obwohl das Haus so einsam gelegen war, daß es mich dort stets ein wenig gruselte, verfügte es über Elektrizität, die von einem Ölgenerator im Keller und Solarzellen auf dem Dach erzeugt wurde. Das Essen war gut, und Septimus besaß einen hervorragenden Weinkeller. Wir lebten in vollendetem Luxus - ein Zustand, an den ich mich trotz mangelnder Gewohnheit schon immer erstaunlich leicht anpassen konnte.

Natürlich ließ sich nicht gänzlich vermeiden, daß mein Blick ab und zu durch ein Fenster fiel, und die Gleichförmigkeit der Landschaft war erstaunlich deprimierend. Selbstverständlich gab es Hügel und Felder, einen kleinen See und unglaubliche Massen widerlich grüner Vegetation. Aber nirgends war ein Zeichen menschlicher Behausung zu sehen, keine Straßen oder irgend etwas anderes Sehenswertes - von ein paar Telegraphenmasten abgesehen.

Nach einem guten Essen und einem guten Wein sagte Septimus einmal herzlich: »George, ich finde deine Gegenwart hier überaus angenehm. Es ist eine solche Erholung, mich an meinen Computer zu setzen, nachdem ich dir eine Weile zugehört habe, daß sich mein Stil deutlich verbessert hat. Besuch mich, wann immer du willst. Hier«, er machte eine ausholende Geste, »kannst du all deinen Sorgen und Ärgernissen entkommen. Und wenn ich an meinem Computer arbeite, darfst du gern über meine Bücher verfügen, über meinen Fernseher, meinen Kühlschrank und - ich denke, du weißt, wo sich der Weinkeller befindet.«

Zufälligerweise wußte ich das sehr genau. Ich hatte mir sogar einen kleinen Lageplan angefertigt, auf dem ein großes X den Standort des Weinkellers anzeigte und verschiedene Zugangswege sorgfältig eingezeichnet waren.

»Allerdings«, sagte Septimus, »ist dieser Zufluchtsort vor dem Elend dieser Welt vom 1. Dezember bis zum 31. März geschlossen. In dieser Zeit kann ich dir meine Gastfreundschaft nicht anbieten, weil ich dann in meinem Stadthaus wohne.«

Ich war ziemlich bestürzt, das zu erfahren. Die Winterzeit ist für mich immer die schlimmste Zeit. Schließlich, mein guter Freund, sind die Gläubiger im Winter besonders hartnäckig. Diese habgierigen Leute, die - wie jeder weiß -reich genug sind, um auf die wenigen armseligen Cents zu verzichten, die ich ihnen schulden mag, scheinen ein besonderes Vergnügen bei dem Gedanken zu empfinden, daß man mich bei Schnee auf die Straße setzen könnte. Das stachelt sie zu immer neuen Ausbrüchen raubtierhafter Gier an, so daß ich gerade in dieser Zeit einen Zufluchtsort besonders begrüßt hätte.

Ich sagte: »Warum solltest du nicht auch im Winter hierherkommen, Septimus? Mit einem prasselnden Feuer in diesem wunderbaren Kamin, das deine ebenfalls wunderbare Heizung ergänzt, könntest du arktischen Frösten trotzen.«

»Das stimmt«, erwiderte Septimus, »allerdings treffen hier anscheinend jeden Winter heulende Schneestürme aufeinander und begraben mein kleines Paradies unter Schneewehen. Dieses Haus, inmitten der Abgeschiedenheit, die ich so sehr liebe, ist dann vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten.«

»Das ist doch kein Nachteil«, wandte ich ein.

»Du hast natürlich vollkommen recht«, sagte Septimus. »Aber ich beziehe alle lebensnotwendigen Dinge von dieser Außenwelt - Essen, Getränke, Brennstoff, Wäsche. Es ist demütigend, aber wahr, daß ich ohne fremde Hilfe im Grunde nicht überleben würde. Zumindest könnte ich nicht das Leben in Saus und Braus führen, das sich jeder anständige Mensch wünscht.«

Ich sagte: »Weißt du, Septimus, vielleicht fällt mir eine Lösung für dieses Problem ein.«

»Bitte, nur zu«, erwiderte er, »aber es wird nichts nützen. Immerhin kannst du dich hier acht Monate im Jahr wie zu Hause fühlen, oder zumindest wann immer ich während dieser acht Monate hier sein sollte.«

Das stimmte natürlich, doch welcher vernünftige Mensch wird mit acht Monaten zufrieden sein, wenn es zwölf Monate gibt? Noch am selben Abend rief ich Azazel herbei.

Ich glaube, du kennst Azazel noch nicht. Das ist ein Dämon, ein etwa zwei Zentimeter großer magischer Kobold, der über außergewöhnliche Kräfte verfügt und diese mit Freuden zur Schau stellt, weil er in seiner eigenen Welt - wo auch immer das sein mag - nicht sehr beliebt ist. Demzufolge ...

Oh, du hast doch schon von ihm gehört? Also wirklich, alter Freund, wie soll ich dir eine ordentliche Geschichte erzählen, wenn du dich ständig bemüßigt fühlst, deine eigene Meinung zum Besten zu geben? Dir scheint nicht klar zu sein, daß die Kunst eines wahrhaft guten Gesprächspartners darin besteht, ganz Ohr zu sein und nicht ständig zu unterbrechen, schon gar nicht mit der fadenscheinigen Begründung, du hättest die Geschichte schon einmal gehört. Jedenfalls - Wie immer war Azazel wütend, daß ich ihn herbeigerufen hatte. Angeblich war er gerade mit etwas beschäftigt gewesen, das er ein heiliges religiöses Fest nannte. Ich konnte mich nur mit Mühe beherrschen. Er ist immer gerade mit etwas beschäftigt, das er für wichtig hält und kommt nie auf den Gedanken, daß ich ihn natürlich nur wegen etwas herbeirufe, das tatsächlich wichtig ist.

Ich wartete geduldig, bis sein zorniges Gezwitscher verstummte, und erklärte ihm dann die Situation.

Er hörte mir mit einem finsteren Ausdruck in seinem winzigen Gesicht zu und fragte schließlich: »Was ist Schnee?«

Ich seufzte und erklärte es ihm.

»Du meinst, hier fällt gefrorenes Wasser vom Himmel? Brocken gefrorenen Wassers? Und es gibt immer noch Leben auf dieser Welt?«

Ich beschloß, ihm nichts von Hagel zu erzählen, sondern sagte: »Es fällt in weichen, flaumigen Flocken, oh Mächtiger« - es besänftigt ihn immer, weißt du, wenn man ihn mit diesen blödsinnigen Namen anspricht -, »die allerdings Unannehmlichkeiten verursachen können, wenn sie in zu großen Mengen auftreten.«

Azazel sagte: »Wenn du mich darum bittest, das Wetter auf eurer Welt zu verändern, muß ich dies entschieden ablehnen. Das fiele unter die Kategorie planetarer Umgestaltung, und die widerspricht der Ethik meines überaus ethischen Volkes. Ich käme nicht im Traum auf die Idee, unethisch zu handeln, besonders da man mich -würde man mich dabei erwischen - an den gefürchteten Lamellvogel verfüttern würde, eine überaus gräßliche Kreatur mit schrecklichen Tischmanieren. Ich sage dir lieber nicht, aufweiche Weise er mich verspeisen würde.«

»Und ich käme nicht im Traum auf die Idee, dich darum zu bitten, unseren Planeten umzugestalten, oh Erhabener. Eigentlich hatte ich an etwas Einfacheres gedacht. - Weißt du, neuer Schnee ist so weich und flaumig, daß er das Gewicht eines Menschen nicht trägt.«

»Das liegt daran, daß ihr so massig seid«, sagte Azazel spöttisch.

»Zweifellos«, sagte ich, »aber diese Masse behindert das Laufen. Ich würde meinen Freund gern ein wenig leichter machen, wenn er sich auf Schnee befindet.«

Ich hatte einige Schwierigkeiten, Azazels Aufmerksamkeit zu fesseln. Er sagte nur immer wieder angewidert: »Gefrorenes Wasser - überall - begräbt das ganze Land unter sich.« Er schüttelte den Kopf, als sei ihm die Vorstellung vollkommen unbegreiflich.

»Kannst du meinen Freund leichter machen?« fragte ich, um wieder auf mein doch recht einfaches Anliegen zurückzukommen.

»Natürlich«, erwiderte Azazel entrüstet. »Ich müßte lediglich das Antigravitationsprinzip so anwenden, daß es unter bestimmten Bedingungen durch Wassermoleküle ausgelöst wird. Nicht einfach, aber machbar.«

»Warte«, sagte ich ein wenig beunruhigt, als ich daran dachte, was passieren könnte, wenn dieses Prinzip uneingeschränkt zum Einsatz kam. »Es wäre ratsam, meinem Freund die Kontrolle über die Stärke der Antigravitation zu geben. Hin und wieder mag er vielleicht doch einmal den Boden berühren wollen.«

»Ich soll den Mechanismus auch noch eurem groben Bewegungsapparat anpassen? Also wirklich! Deine Unverschämtheit kennt keine Grenzen.«

»Ich bitte ja nur darum«, sagte ich, »weil du es bist. Ich käme natürlich nie auf den Gedanken, einen anderen Vertreter deiner Spezies um so etwas Schwieriges zu bitten.«

Diese taktische Lüge zeigte die erwartete Wirkung. Azazel streckte seine Brust um zwei Millimeter heraus und sagte in einem gebieterischen, tiefen Quiekston: »So soll es geschehen.«

Ich nehme an, daß Septimus noch im selben Augenblick mit besagter Fähigkeit ausgestattet wurde, bin mir allerdings nicht ganz sicher. Denn damals war gerade August, und weit und breit lag kein Schnee, an dem man das hätte ausprobieren können. Ich war auch nicht in Stimmung für einen kurzen Ausflug in die Antarktis, nach Patagonien oder gar Grönland, nur um mir das nötige Material für mein Experiment zu beschaffen.

Zudem hatte es keinen Sinn, Septimus über die neue Situation aufzuklären - er hätte mir sowieso nicht geglaubt. Womöglich wäre er zu der lächerlichen Schlußfolgerung gelangt, daß ich - ich - betrunken sei.

Doch das Schicksal meinte es gut mit mir. Ende November befand ich mich gerade in Septimus' Landhaus - zum Abschied von der Saison, wie er es nannte -, als eine große Menge Schnee fiel, ungewöhnlich viel für diese Jahreszeit.

Septimus fluchte laut und erklärte dem Universum den Krieg, weil es ihm diese infame Beleidigung nicht erspart hatte.

Für mich waren jedoch himmlische Zeiten angebrochen - und für ihn ebenfalls, auch wenn er es noch nicht wußte. Ich sagte: »Keine Angst, Septimus. Jetzt ist die Gelegenheit gekommen, um festzustellen, daß Schnee dir nichts anhaben kann.« Ich erklärte ihm die Situation in allen Einzelheiten.

Es war wohl zu erwarten gewesen, daß er zunächst äußerst ungläubig reagieren würde, aber er ließ sich darüber hinaus noch zu einigen vollkommen unnötige Bemerkungen über meinen Geisteszustand hinreißen.

Ich hatte jedoch monatelang Zeit gehabt, um mir etwas zurechtzulegen, also sagte ich: »Du hast dich vielleicht schon gefragt, wie ich meinen Lebensunterhalt verdiene, Septimus. Meine Zurückhaltung in dieser Hinsicht wird dich nicht mehr verwundern, wenn ich dir erzähle, daß ich eine Schlüsselfigur in einem Forschungsprogramm der Regierung über Antigravitation bin. Ich kann dir nicht mehr verraten, als daß du Teil eines überaus wichtigen Experiments bist und dieses Programm damit wesentlich voranbringst. Das ist von erheblicher Bedeutung für die nationale Sicherheit.«

Er starrte mich mit großen, erstaunten Augen an, während ich leise ein paar Töne der amerikanischen Nationalhymne summte.

»Ist das dein Ernst?« fragte er.

»Würde ich dich belügen?« gab ich zurück. Und dann, auch auf die Gefahr einer Erwiderung hin, fügte ich hinzu: »Würde die CIA dich belügen?«

Er kaufte es mir ab, überwältigt von der schlichten Aufrichtigkeit, die all meine Sätze durchdringt.

»Was soll ich machen?« fragte er.

Ich erwiderte: »Der Boden ist mit nur fünfzehn Zentimetern Schnee bedeckt. Stell dir vor, daß du nichts wiegst, und dann geh einen Schritt vor die Tür.«

»Ich muß es mir einfach nur vorstellen?«

»Genau so funktioniert es.«

»Ich werde nasse Füße bekommen.«

Ich erwiderte sarkastisch: »Dann zieh deine hohen Stiefel an.«

Er zögerte, holte dann tatsächlich seine hohen Stiefel hervor und stieg hinein. Dieser deutliche Beweis dafür, daß er meinen Ausführungen nur bedingt Glauben schenkte, verletzte mich tief. Außerdem zog er sich einen Pelzmantel über und setzte eine noch pelzigere Kappe auf.

»Wenn du dann bereit wärst -«, sagte ich kühl.

»Keineswegs«, erwiderte er.

Ich öffnete die Tür, und er trat hinaus. Auf der überdachten Veranda lag kein Schnee, aber sobald er seine Füße auf die Treppe setzte, schienen sie unter ihm wegzugleiten. Er klammerte sich verzweifelt an der Balustrade fest.

Irgendwie hatte er die unterste Stute der kurzen Treppe erreicht und versuchte, sich aufzurichten. Es funktionierte nicht, zumindest nicht so, wie er es beabsichtigt hatte. Mit wild rudernden Armen schlitterte er einige Schritt weit davon und konnte sich dann nicht mehr auf den Füßen halten. Er landete auf dem Rücken und rutschte weiter, bis er an einem jungen Baum vorbeikam und sich mit einem Arm an seinem Stamm festhielt. Er glitt noch drei oder vier Mal um den Baum herum, ehe er zum Stillstand kam.

»Was ist denn das für ein rutschiger Schnee?« rief er, und seine Stimme zitterte vor Entrüstung.

Zugegebenermaßen starrte ich trotz meines Vertrauens in Azazel verwundert zu ihm hinüber. Er hatte keine Fußabdrücke hinterlassen, und sein rutschender Körper hatte keine Furche in den Schnee gezogen.

Ich sagte: »Auf dem Schnee hast du kein Gewicht.«

»Du bist verrückt«, erwiderte er.

»Schau dir den Schnee an«, sagte ich. »Du hast keine Spuren hinterlassen.«

Er starrte auf den Schnee und machte dann ein paar Bemerkungen, die man früher als nicht gesellschaftsfähig bezeichnet hätte.

»Außerdem«, fuhr ich fort, »hängt die Reibung zum Teil von dem Druck ab, den ein rutschender Körper auf die Oberfläche ausübt, auf der er sich bewegt. Je geringer dieser Druck, desto geringer die Reibung. Da du nichts wiegst, übst du keinen Druck auf den Schnee aus, es gibt also keine Reibung, und deshalb gleitest du über den Schnee, als sei es das glatteste Eis.«

»Und was soll ich nun tun? Meine Füße rutschen ständig unter mir weg!«

»Es tut dir doch nicht weh, oder? Wenn du kein Gewicht hast und auf dem Rücken landest, kann es nicht weh tun.«

»Trotzdem. Nur weil ich mir nicht wehgetan habe, ist das kein Grund, den Rest meines Lebens auf dem Rücken im Schnee zu verbringen.«

»Nun komm schon, Septimus, stell dir vor, daß du wieder Gewicht hast und dann steh auf.«

Er machte wie üblich ein finsteres Gesicht und sagte: »Ich soll mir also einfach vorstellen, daß ich wieder etwas wiege, ja?« Aber er tat es und kam unbeholfen auf die Füße.

Er sank einige Zentimeter tief in den Schnee ein, und als er vorsichtig versuchte, einen Fuß vor den anderen zu setzen, hatte er dabei nicht mehr Schwierigkeiten, als dies normalerweise zu erwarten wäre.

»Wie machst du das, George?« fragte er mit einer Achtung in der Stimme, die er mir bisher nicht entgegengebracht hatte. »Ich hätte nicht gedacht, daß du Wissenschaftler bist.«

»Die CIA zwingt mich dazu, meine umfassenden wissenschaftlichen Kenntnisse zu verbergen«, erklärte ich. »Jetzt stell dir vor, daß du Stück für Stück leichter wirst, während du läufst. Deine Spuren sollten dabei immer flacher und der Schnee immer rutschiger werden. Bleib stehen, wenn du das Gefühl hast, daß er gefährlich glatt wird.«

Er gehorchte, denn wir Wissenschaftler üben mit unserem überlegenen Intellekt einen starken Einfluß auf gewöhnliche Sterbliche aus. »Jetzt«, sagte ich, »versuch ein wenig hin und her zu rutschen. Wenn du stehenbleiben willst, stell dir einfach vor, daß du wieder schwerer wirst -Und zwar langsam, sonst fällst du vornüber.«

Er hatte den Trick sofort heraus, denn er war ein sportlicher Typ. Er hatte mir einmal erzählt, daß er sämtliche Sportarten beherrschte, mit Ausnahme des Schwimmens. Als er drei Jahre alt gewesen war, hatte ihn sein Vater ins Wasser geworfen, in dem wohlmeinenden Versuch, ihm ohne ermüdenden Unterricht das Schwimmen beizubringen. Zehn Minuten Mund-zu-Mund Beatmung waren nötig, um Septimus wiederzubeleben. Er sagte, daß er sich seither vor dem Wasser fürchtete und auch eine Abneigung gegen Schnee hegte. »Schnee ist einfach nur gefrorenes Wasser«, sagte er und vertrat damit dieselbe Ansicht wie Azazel.

Seine Abneigung gegen Schnee schien sich jedoch unter den neuen Umständen gelegt zu haben. Mit einem ohrenbetäubenden »Hui!« schlitterte er umher und machte sich hin und wieder schwerer, wenn er eine Drehung vollzog, um mit einer aufspritzenden Schneefontäne zum Stehen zu kommen.

»Warte!« sagte er, stürzte ins Haus und - ob du's glaubst oder nicht - kehrte mit Schlittschuhen zurück, die er an seinen Stiefeln befestigt hatte.

»Ich habe auf meinem See Schlittschuhlaufen gelernt«, erklärte er, während er die Stiefel anzog, »aber es hat mir nie Spaß gemacht. Ich hatte immer Angst, das Eis könnte einbrechen. Jetzt kann ich gefahrlos über Land Schlittschuh lauten.«

»Aber denk daran«, sagte ich besorgt, »es funktioniert nur über H20 Molekülen. Wenn du auf ein Stück nackte Erde stößt oder auf freiliegendes Pflaster, wirst du sofort wieder dein normales Gewicht besitzen. Du könntest dich verletzen.«

»Keine Angst«, erwiderte er, kam auf die Füße und lief los. Ich sah zu, wie er beinahe einen Kilometer weit über die schneebedeckte Einöde seines Landes raste, und an meine Ohren drang ein fernes Krächzen: »Schneemann bau'n und Schneeballschlacht, Winter ist so schön, hat geschneit die ganze Nacht ...«.

Du mußt wissen, daß Septimus die Höhe eines Tones nur errät und dabei ständig falsch liegt. Ich hielt mir die Ohren zu.

Für mich brach der wohl glücklichste Winter meines Lebens an. Die ganze Zeit über saß ich in dem warmen und gemütlichen Haus, als und trank wie ein König, las erbauliche Bücher und versuchte dabei, gewitzter zu sein als der Autor und herauszufinden, wer der Mörder war, während ich mir mit großer Genugtuung die Verärgerung meiner Gläubiger in der Stadt vorstellte.

Durch das Fenster konnte ich beobachten, wie Septimus seine endlosen Runden über den Schnee drehte. Er sagte, er fühle sich dabei wie ein Vogel und hätte eine Freude an der Weite des Raums wie nie zuvor. Nun ja, jedem das seine.

Ich warnte ihn jedoch davor, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen. »Es würde mich in Gefahr bringen«, sagte ich, »denn die CIA würde diese privaten Experimente nicht gutheißen. Mich selbst kümmert diese Gefahr nicht, weil die Wissenschaft für jemanden wie mich über allem steht. Wenn allerdings jemand beobachten sollte, wie du über den Schnee gleitest, würdest du gewaltige Aufmerksamkeit erregen, und Dutzende von Journalisten würden über dich herfallen. Die CIA würde davon erfahren, und du müßtest Experimente über dich ergehen lassen, in denen dich Hunderte von Wissenschaftlern und Armeeangehörige in deine Bestandteile zerlegen. Du würdest nie wieder auch nur für eine Minute allein sein. Im ganzen Land würdest du Berühmtheit erlangen und wärst ständig von Tausenden von Leuten umgeben, die sich um dich sorgen.«

Diese Aussicht ließ Septimus erschaudern, was - wie ich nur zu gut wußte - für jemanden, der so sehr die Einsamkeit liebte wie er, nur natürlich war. Dann sagte er: »Aber wie soll ich meine Vorräte auffüllen, wenn ich eingeschneit bin? Darum ging es doch in diesem Experiment.«

Ich erwiderte: »Ich bin sicher, die Lastwagen werden fast immer auf den Straßen bis hierher gelangen, und du kannst genug Vorräte anlegen für den Fall, daß sie es einmal nicht schaffen. Solltest du tatsächlich irgend etwas dringend benötigen, wenn du gerade eingeschneit bist, kannst du so nah an die Stadt herangleiten wie möglich und dabei aufpassen, daß dich niemand sieht. Zu solchen Zeiten werden nur sehr wenige Leute unterwegs sein, möglicherweise überhaupt niemand. Dann stellst du dein normales Gewicht wieder her, legst die letzten hundert Schritte zu Fuß zurück und versuchst erschöpft auszusehen.

Du kaufst ein, was du brauchst, entfernst dich wieder einige hundert Schritte von der Stadt und läufst dann los. Verstehst du?«

In Wahrheit bestand während des gesamten Winters nicht ein einziges Mal die Notwendigkeit zu einem solchen Ausflug. Ich hatte mir von Anfang an gedacht, daß er die Gefahr, die von den Schneemassen ausging, etwas übertrieben hatte. Es hat auch nie jemand beobachtet, wie er über den Schnee glitt.

Septimus konnte davon nicht genug bekommen. Du hättest sein Gesicht sehen sollen, wenn der Schnee einmal eine Woche lang ausblieb oder die Temperaturen über den Gefrierpunkt stiegen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr er darauf hoffte, daß die Schneedecke sich hielt.

Was für ein herrlicher Winter! Wie tragisch, daß es der einzige bleiben sollte!

Was geschehen ist? Ich will dir erzählen, was geschehen ist. Erinnerst du dich an den Satz, den Romeo spricht, bevor er Julia mit dem Dolch ersticht? Wahrscheinlich nicht, also werde ich dir auf die Sprünge helfen. Er sagt: »Laß ein Weib an dich heran, und die Vernunft läßt dich im Stich.«

Im darauffolgenden Herbst lernte Septimus eine Frau kennen - Mercedes Gumm. Er hatte auch früher schon Affären gehabt, schließlich war er kein Einsiedler, aber noch nie hat ihm eine Frau soviel bedeutet. Meist hatte er sich eine Zeitlang mit ihnen getroffen, sich leidenschaftlich in sie verliebt und sie schließlich vergessen, ebenso wie sie ihn. Dagegen ist nichts einzuwenden. Schließlich haben mir selbst schon einige junge Damen nachgestellt, und ich konnte daran nichts Schlechtes finden, selbst wenn sie mich hin und wieder in die Enge getrieben haben und -aber ich schweife ab.

Septimus besuchte mich in bedrückter Stimmung. »Ich liebe sie, George«, sagte er. »Ich kann an nichts anderes mehr denken. Mein ganzes Leben dreht sich um sie.«

»Wie reizend«, erwiderte ich. »Von mir aus darfst du dich gern eine Zeitlang mit ihr treffen.«

»Danke, George«, sagte Septimus düster. »Aber was ich wirklich brauche, ist ihr Einverständnis. Ich weiß nicht, wieso, aber irgendwie scheint sie mich nicht besonders zu mögen.«

»Wie seltsam«, sagte ich. »Sonst hast du doch meist Erfolg bei den Frauen. Immerhin bist du reich, sportlich und nicht häßlicher als die meisten anderen.«

»Ich denke, es liegt an meinen Muskeln«, sagte Septimus. »Sie hält mich für einen Einfaltspinsel.«

Ich konnte Miss Gumm für ihren Scharfsinn nur bewundern. Um es freundlich zu formulieren: Septimus war tatsächlich ein Einfaltspinsel. Eingedenk der Muskelpakete, die sich unter den Ärmeln seines Jacketts wölbten, hielt ich es jedoch für das Beste, ihm meine Einschätzung der Lage vorzuenthalten.

»Sie sagt, daß ihr das Körperliche gleichgültig ist. Stattdessen möchte sie einen Mann, der aufmerksam ist, intelligent, zutiefst vernünftig, philosophisch und noch einen Haufen andere Eigenschaften dieser Art besitzt. Außerdem sagt sie, daß ich diesem Ideal nicht im geringsten entspreche.«

»Hast du ihr erzählt, daß du Schriftsteller bist?«

»Natürlich. Und sie hat sogar ein paar meiner Romane gelesen. Aber weißt du, George, es geht darin meist um Fußballspieler, und sie sagt, sie findet das abstoßend.«

»Ich nehme an, sie ist nicht besonders sportlich?«

»Nicht im mindesten. Sie schwimmt«, er verzog das Gesicht, als würde er sich daran erinnern, wie er im zarten Alter von drei Jahren durch Mund-zu-Mund-Beatmung wiederbelebt wurde, »aber das macht die Sache auch nicht besser.«

»Wenn das so ist«, sagte ich besänftigend, »dann vergiß sie, Septimus. Frauen sind nicht so schwer zu finden. Die eine geht, die nächste kommt. Es gibt viele Fische im Meer und Vögel in der Luft. Im Dunkeln sind sie alle gleich. Ob diese Frau oder eine andere, das spielt doch keine Rolle.«

Ich hätte endlos weiterreden können, aber er schien seltsam unruhig zu werden, während er mir zuhörte, und einen Einfaltspinsel sollte man nicht beunruhigen.

Septimus sagte: »Aber George, deine Ansichten kränken mich zutiefst. Mercedes ist für mich das einzige Mädchen auf dieser Welt. Ohne sie könnte ich nicht leben. Sie ist untrennbar verbunden mit meinem innersten Selbst. Sie ist der Hauch meiner Lungen, das Schlagen meines Herzens, das Licht meiner Augen. Sie -«

Er wollte gar nicht mehr aufhören, und es schien ihn nicht im geringsten zu kümmern, daß er mich mit seinen Ansichten zutiefst kränkte.

Er sagte: »Ich sehe also keinen anderen Ausweg, als sie zu heiraten.«

Mit diesen Worten nahm das Verhängnis seinen Lauf. Ich wußte genau, was geschehen würde. Sobald sie geheiratet hatten, wäre es mit meinem Paradies vorbei. Ich weiß nicht warum, aber frischgebackene Ehefrauen bestehen grundsätzlich darauf, daß unverheiratete Freunde ihren Abschied nehmen. Ich würde nie wieder auf Septimus' Landsitz eingeladen werden.

»Das kannst du nicht machen«, sagte ich bestürzt.

»Oh, ich gebe zu, es ist ein folgenschwerer Schritt, aber ich denke, ich werde es schaffen. Ich habe mir schon etwas ausgedacht. Mercedes mag mich für einen Einfaltspinsel halten, aber ich bin nicht vollkommen verblödet. Ich werde sie Anfang des Winters auf meinen Landsitz einladen. Dort, in der Ruhe und Harmonie meines kleinen Eden, wird sich ihr ganzes Wesen öffnen, und sie wird die wahre Schönheit meiner Seele erkennen.«

Ich war der Meinung, daß er sich von Eden eindeutig zuviel versprach, doch ich sagte: »Du wirst ihr doch nicht etwa zeigen, wie du über den Schnee gleiten kannst, oder?«

»Nein, nein«, erwiderte er. »Erst wenn wir verheiratet sind.«

»Selbst dann -«

»Unsinn, George«, sagte Septimus vorwurfsvoll. »Eine Ehefrau ist die bessere Hälfte ihres Mannes. Einer Ehefrau kann man die tiefsten Geheimnisse seiner Seele anvertrauen. Eine Ehefrau -«

Erneut erging er sich in endlosen Reden, und alles, was ich tun konnte, war, mit schwacher Stimme zu erwidern: »Der CIA wird das nicht gefallen.«

Seiner knappen Bemerkung über die CIA würden die Sowjets sicher von ganzem Herzen zustimmen. Kuba und Nicaragua ebenso.

»Ich werde sie irgendwie dazu überreden, Anfang Dezember mit mir zu kommen«, sagte er. »Ich nehme an, du hast Verständnis dafür, George, daß wir beide allein sein wollen. Ich weiß, du würdest nicht im Traum daran denken, den romantischen Möglichkeiten, die die friedliche Einsamkeit der Natur für mich und Mercedes bereit hält, im Wege zu stehen. Die Stille und das langsame Verstreichen der Zeit wird uns sicher auf unwiderstehliche Weise zusammenführen.«

Natürlich erkannte ich das Zitat. Diesen Satz spricht Macbeth, kurz bevor er Duncan mit dem Dolch ersticht, aber ich starrte Septimus nur kalt und würdevoll an. Einen Monat später begleitete Miss Gumm Septimus tatsächlich auf seinen Landsitz, und ich mußte zu Hause bleiben.

Was auf dem Landsitz geschehen ist, habe ich nicht mit eigenen Augen gesehen. Ich weiß nur das, was Septimus mir erzählt hat, deshalb kann ich nicht für alle Einzelheiten bürgen.

Miss Gumm war tatsächlich eine Schwimmerin, aber da Septimus eine unüberwindliche Abneigung gegen dieses spezielle Hobby verspürte, stellte er ihr keine weiteren Fragen dazu. Und Miss Gumm hielt es offenbar nicht für notwendig, einem Einfaltspinsel von sich aus weitere Einzelheiten darüber zu erzählen. Daher hatte Septimus nie herausgefunden, daß Miss Gumm eine jener Verrückten war, die sich gern mitten im Winter einen Badeanzug anziehen, auf einem See ein Loch ins Eis hacken und ins eiskalte Wasser springen, um ein gesundes und belebendes Bad zu nehmen.

So kam es, daß Miss Gumm an einem klaren und frostigen Morgen aufwachte, während Septimus noch immer in einfältigem Schlummer lag, Badeanzug, Frotteemantel und Turnschuhe anzog und auf dem schneebedeckten Pfad zum See lief. Der Rand des Sees war mit einer dünnen Eisschicht bedeckt, aber in der Mitte war er noch nicht zugefroren. Sie zog also Mantel und Turnschuhe aus und sprang offenbar mit dem größten Vergnügen in das eisige Wasser.

Septimus erwachte kurz darauf, und der feinfühlige Instinkt des Liebenden teilte ihm auf der Stelle mit, daß seine geliebte Mercedes nicht da war. Er lief durch das ganze Haus und rief ihren Namen. Als er ihre Kleider und ihre anderen Sachen in ihrem Zimmer entdeckte, wußte er, daß sie nicht heimlich in die Stadt zurückgefahren war, wie er zunächst befürchtet hatte. Sie mußte also aus dem Haus gegangen sein.

Hastig stieg er mit nackten Füßen in seine Stiefel und zog seinen dicksten Mantel über den Schlafanzug. So eilte er hinaus und rief ihren Namen.

Miss Gumm hörte ihn natürlich, winkte mit den Armen in seine Dichtung und rief: »Hier drüben, Sep! Hier drüben.«

Was als nächstes geschah, erzähle ich dir in Septimus' eigenen Worten. Er sagte: »In meinen Ohren klang es wie: >Hier drüben, Hilfe, Hilfe !< Ich gelangte also zu der logischen Schlußfolgerung, daß meine Geliebte sich in einem Anfall von Wahnsinn auf das Eis hinausgewagt hatte und ins Wasser gefallen war. Wie hätte ich auf den Gedanken kommen sollen, daß sie sich aus freien Stücken in den eisigen See stürzen würden.

Ich liebte sie so sehr, George, daß ich auf der Stelle bereit war, dem Wasser zu trotzen, das ich in meiner Feigheit normalerweise fürchte - besonders eiskaltes Wasser - und ihr zu Hilfe zu eilen. Nun, vielleicht nicht auf der Stelle, aber ich habe wirklich nicht länger als zwei Minuten darüber nachgedacht, allerhöchstens drei.

Dann schrie ich: >Ich komme, meine Einzige, meine Geliebte! Behalt den Kopf über Wasser !<, und rannte los. Ich wollte nicht durch den Schnee dorthin laufen. Ich glaubte, daß ich dafür nicht genug Zeit hätte. Daher machte ich mich leichter, während ich lief und schlitterte los, über die dünne Schneedecke, über das Eis, das den Rand des Sees bedeckte, und mit einem fürchterlichen Platschen ins Wasser hinein.

Wie du weißt, kann ich nicht schwimmen und habe eigentlich furchtbare Angst vor dem Wasser. Stiefel und Mantel zogen mich außerdem nach unten, und ich wäre ertrunken, hätte Mercedes mich nicht gerettet.

Man hätte meinen sollen, daß diese romantische Rettungsaktion uns näher zusammengeführt, uns zusammengeschweißt hätte, aber - «

Septimus schüttelte den Kopf, und in seinen Augen standen Tränen. »Dem war leider nicht so. Stattdessen wurde sie wütend. >Du Einfaltspinsels kreischte sie. >Stürzt dich ins Wasser mit Mantel und Stiefeln und kannst nicht einmal schwimmen. Was in aller Welt hast du dir dabei gedacht? Weißt du, was es für ein Kampf war, dich aus dem See zu ziehen? Und du hattest solche Angst, daß du mir einen Schlag gegen das Kinn versetzt hast. Ich hätte beinahe das Bewußtsein verloren, und dann wären wir beide ertrunken. Außerdem tut es immer noch weh.«

Sie packte ihre Sachen und reiste beleidigt ab. Ich blieb auf meinem Landsitz und bekam kurz darauf eine böse Erkältung, von der ich mich immer noch nicht ganz erholt habe. Seither habe ich sie nicht mehr wiedergesehen - sie antwortet nicht auf meine Briefe und ruft mich nicht zurück. Mein Leben ist vorbei, George.«

Ich sagte: »Nur aus Neugierde, Septimus, aber warum hast du dich in das Wasser gestürzt? Warum bist du nicht am Ufer des Sees stehengeblieben oder so weit auf das Eis hinausgegangen, wie du es wagen konntest? Dann hättest du ihr einen langen Stock hinhalten oder ein Seil zuwerfen können, wenn du eines gefunden hättest ...«

Septimus blickte betrübt drein. »Ich wollte mich ja gar nicht ins Wasser stürzen. Ich wollte darüber hinweggleiten.«

»Darüber hinweggleiten? Habe ich dir nicht gesagt, daß deine Schwerelosigkeit nur auf dem Eis funktioniert?«

Septimus starrte mich mit wildem Blick an. »Das habe ich mir schon gedacht. Du hast gesagt, daß es nur über H2O funktioniert. Das schließt Wasser mit ein, oder nicht?«

Er hatte recht. H2O klang wissenschaftlicher, und ich hatte die Rolle des genialen Wissenschaftlers spielen wollen. Ich sagte: »Ich meinte H2O in festem Zustand.«

»Aber das hast du nicht gesagt«, erwiderte er und stand langsam auf, wie mir schien in der eindeutigen Absicht, mich in meine Bestandteile zu zerlegen.

Ich habe das Weite gesucht, ehe ich herausfinden konnte, ob dies tatsächlich zutraf. Seitdem habe ich ihn nicht mehr wiedergesehen. Natürlich bin ich auch nie wieder auf seinem paradiesischen Landsitz gewesen. Ich glaube, er lebt heute auf einer Südseeinsel, hauptsächlich deshalb, denke ich, weil er nie wieder Eis oder Schnee sehen will.

Wie schon gesagt: »Laß ein Weib an dich heran, und die Vernunft läßt dich im Stich.« Wenn ich so darüber nachdenke, könnte es auch Hamlet gewesen sein, der diesen Satz spricht, kurz bevor er Ophelia mit dem Dolch ersticht.«

George ließ einen langen, weinseligen Seufzer aus den Tiefen dessen aufsteigen, was er für seine Seele hielt, und sagte: »Das Restaurant macht gleich zu, und wir sollten besser aufbrechen. Hast du die Rechnung bezahlt?«

Bedauerlicherweise hatte ich das getan.

»Kannst du mir vielleicht einen Fünfer leihen, mein alter Freund, damit ich nach Hause komme?«

Zu meinem noch größeren Bedauern konnte ich auch das.

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