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Ardaig, die ursprüngliche Hauptstadt, war um die Bucht herumgewachsen, wo der Fluß Oiss sich in den Wildwidh-Ozean ergoß, und ihr Hinterland war bis zu den Ausläufern der östlichen Berge ein einziges Siedlungsgebiet geworden. Trotzdem hatte die Stadt ihre alte Atmosphäre behalten. Ihre Bürger waren traditionsbewußter, kultivierter und dem Müßiggang zugeneigter als anderswo. Ardaig war das kulturelle und künstlerische Zentrum Merseias. Obgleich der Große Rat immer noch einmal im Jahr hier zusammentrat und die Burg Afon immer noch die Hauptresidenz des Roidhuns war, hatte sich das Schwergewicht der Regierungstätigkeit nach dem antipodischen Tridaig verlagert. Diese neue Hauptstadt war jung, technologisch orientiert, von brüllendem Verkehrslärm erfüllt, von Leben überschäumend, durchzuckt von fiebrigen Ausbrüchen der Gewalttat, Metropole der Industrie, des Handels und des Verbrechens. Darum hatte es Überraschung ausgelöst, als Brechdan Ironrede bestimmt hatte, daß das neue Marineministerium bei Ardaig errichtet werden sollte.

Auf Opposition stieß er nicht. Er war nicht nur Vorsitzender des Großen Rates; bis zu seiner Berufung in die Verwaltung war er Angehöriger der Marine gewesen und hatte es dort zum Flottenadmiral gebracht. So war es ganz natürlich, daß seine besondere Liebe und Förderung der Marine galt. Charakteristischerweise hatte er es verschmäht, Gründe für seine Entscheidung zu nennen. Es war sein Wille, und so hatte es zu geschehen.

Tatsächlich hätte er nicht einmal sich selbst logisch unanfechtbare Gründe angeben können. Wirtschaftliche Gesichtspunkte, Entballung, Regionalausgleich, alle diese Argumente ließen sich mit Gegenargumenten beantworten. Er schätzte es, daß er von Ardaig aus nur einen kurzen Luftsprung zu machen hatte, wenn er sich in die heitere Stille seines privaten Landsitzes Danghodan zurückziehen wollte, aber er hoffte und glaubte, daß diese Überlegung ihn nicht beeinflußt hatte. Auf irgendeine obskure Weise war ihm klar, daß das Instrument, das wie kein anderes Merseias Schicksal war, von Merseias ewiger Stadt aus geführt werden mußte.

Und so erhob sich der Turm, daß sein Schatten im Abendlicht einen breiten Balken über die ganze Stadt legte. Flugmaschinen umschwärmten die hochgelegenen Landeplätze wie Seevögel. Nach Einbruch der Dunkelheit verwandelte der Lichtschein aus ungezählten Fenstern das gigantische Bauwerk in ein flimmerndes, scheinbar körperloses und unwirkliches Etwas, und das Leuchtfeuer auf der Spitze verscheuchte die Sterne. Trotzdem zerstörte das Haus der Admiralität, wie es genannt wurde, nicht das alte Stadtbild Ardaigs. Dafür hatte Brechdan gesorgt. Es lag fünf Kilometer vom Stadtkern entfernt und bildete so einen Gegenpol, eine moderne Antwort auf die alte Stadtsilhouette mit ihren Türmen und Kuppeln. Die oberste Etage, über der nur noch eine Ebene mit technischen Anlagen und Verkehrseinrichtungen lag, war sein eigener Bereich.

An diesem Abend war er allein. Außer ihm hatten nur drei seiner Vertrauten Zutritt zum Allerheiligsten. Wollten sie zu ihm, mußten sie an einem Wachtposten vorbei durch einen leeren Vorraum, wo sie Gesicht und Hände vor eine photoelektrisch gesteuerte Abtastvorrichtung zu halten hatten. Erst nach ihrer positiven Identifizierung öffnete sich die innere Panzertür. Begehrten mehrere Zutritt, mußte sich jeder einzelne identifizieren lassen. Der Vorschrift wurde durch eine Alarmanlage und automatische Strahlfeuerwaffen Nachdruck verliehen.

Die Möblierung seines Büros war zweckmäßig und nicht extravagant: Schreibtisch, Stahlkammer, Rechenanlage, Diktatschreiber, Fernsprecheinrichtungen. Er drückte auf einen der Knöpfe, und sein Ruf ging als unkenntlich gemachtes Geräusch in den Äther hinaus. Fünfzehntausend Kilometer entfernt — ein Drittel des Planetenumfangs — erreichte er das Ohr dessen, für den er bestimmt war.

„Du hast mich geweckt“, knurrte Schwylt. „Konntest du nicht eine anständige Tageszeit wählen?“

Brechdan lachte. „Die wäre für mich unanständig gewesen. Diese Sache mit Therayn hat nicht Zeit bis zur nächsten Konferenz. Ich habe die Situation überprüft und halte es für zweckmäßig, so schnell wie möglich eine Flotte hinzuschicken, zusammen mit einem geeigneten Nachfolger für Gadrol.“

„Leicht gesagt. Gadrol wird damit nicht einverstanden sein, und das mit Recht, und er hat mächtige Freunde. Außerdem sind da noch die Terraner, und wenn sie von diesem Unternehmen hören, werden sie reagieren, obwohl es weit von ihren Grenzen entfernt stattfindet. Wir brauchen eine Prognose ihres Verhaltens, und wie sich das auf die Verhältnisse auf Starkad auswirken wird. Ich habe Lifrith und Priadwyr bereits verständigt. Je früher wir vier uns über das Problem aussprechen können, desto besser.“

„Das läßt sich im Moment schlecht einrichten. Die Delegation der Terraner ist heute eingetroffen. Nachher findet ein Begrüßungsempfang statt.“

„Was?“ Schwylt zeigte Erstaunen und Unwillen. „Einen von ihren stumpfsinnigen Riten? Ist das dein Ernst?“

„Leider. Und die nächsten Tage muß ich ihnen zur Verfügung stehen. Für ihre Begriffe wäre es ein schlimmer Verstoß gegen die Höflichkeit, wenn der Premierminister von Merseia den Vertreter seiner Majestät links liegen lassen würde.“

„Was kann bei den Gesprächen schon herauskommen? Das ist doch nur ein Manöver, um uns Sand in die Augen zu streuen! Ich sehe die ganze Sache als Farce an.“

„Gewiß. Aber wir müssen so tun, als ob wir darauf eingingen. Wenn wir nicht vorsichtig taktieren, könnte uns die Entwicklung aus der Kontrolle geraten, und wir müßten unsere Aktionspläne vorzeitig verwirklichen. Außerdem möchte ich wissen, wie ernst es ihnen mit einer Regelung der Starkad-Affäre ist. Wenn sie es ehrlich meinen, werde ich ihre Hoffnungen ermutigen. Auf diese Weise können wir den Schock dämpfen, den wir mit unserer Besetzung Therayns auslösen werden. Alles das aber heißt, daß ich die Gespräche, Einladungen und Zusammenkünfte mehr in die Länge ziehen muß, als ich es ursprünglich beabsichtigte. Es ist wichtig, daß ich mit den Köpfen der Delegation persönliche Bekanntschaft schließe.“

Schwylt zog eine Grimasse. „Du hast einen sehr merkwürdigen Geschmack bei der Auswahl deiner Freunde.“

„Denkst du an dich?“ spottete Brechdan. „Paß auf. Der Plan für Starkad ist alles andere als eine Straße, die wir bloß zu gehen brauchen. Die Situation muß beobachtet und entsprechend den neuen Entwicklungen modifiziert werden, jeden Tag aufs Neue. Etwas Unvorhergesehenes, ein brillanter Schachzug der Terraner, ein Nachlassen ihrer Moral, ein Meinungsumschwung unter den Eingeborenen — alles ist in dieser prekär ausbalancierten Situation wichtig und kann eine völlige Neuplanung unserer Strategie erforderlich machen. Je genauer die Daten sind, die wir besitzen, desto besser können wir beurteilen, was zu tun ist. Wir müssen nicht nur auf ihre militärischen Aktionen achten, sondern wir müssen auch ihre Gefühle kennen und zu beeinflussen lernen, was um so schwieriger ist, als sie eine fremde Rasse sind. Wir brauchen Einfühlungsvermögen und taktisches Geschick, wenn wir verhindern wollen, daß sie Starkad zu einem Vorposten ihres Imperiums machen, zu einer Speerspitze, die auf unser Herz zielt. Richten wir uns nach diesen Regeln, wird es viel leichter für uns sein, ihren Einfluß auf Starkad zu beseitigen und der Gefahr durch schnelles, sicher zupackendes Handeln ein Ende zu machen.“

Schwylt beäugte ihn zweifelnd. „Ich habe den Verdacht, daß du sie magst.“

„Wieso, das ist kein Geheimnis“, antwortete Brechdan. „Sie waren einmal großartige Leute. Sie könnten es wieder sein, wenn es auch nicht wahrscheinlich ist.“

„Was machen wir mit Therayn?“ wollte Schwylt wissen.

„Ihr drei übernehmt die Sache“, sagte Brechdan. „Ich werde von Zeit zu Zeit Ratschläge geben, aber ihr habt volle Autorität. Sobald sich die Lage nach der Übernahme des Planeten genügend stabilisiert hat, können wir alle zusammenkommen und die Auswirkungen auf Starkad und unsere Beziehungen mit den Terranern durchsprechen.“

„Wie du willst“, sagte Schwylt und nickte. „Gute Jagd.“

„Gute Jagd.“ Brechdan unterbrach die Verbindung. Er blieb bewegungslos sitzen. Der Tag war ihm lang geworden. Seine Knochen waren steif, und sein Schwanz schmerzte unter dem Gewicht seines Körpers. Ja, dachte er, man wird alt. Zuerst merkt man es kaum; ein Abstumpfen der Sinne, ein Nachlassen der Kräfte — und dann findet man sich plötzlich über Nacht in einer Strömung wieder, die einen so schnell davonträgt, daß die Landschaft wie verwischt erscheint, und von vorn hört man das Donnern des Katarakts…

Am liebsten wäre er nach Haus geflogen, hätte die reine Luft von Danghodan geatmet, einen Spaziergang durch den Garten gemacht und sich dann ins Bett fallen lassen. Aber man erwartete ihn in der Botschaft der Terraner. Und danach mußte er zurückkommen und mit diesem Geheimagenten sprechen — wie hieß er noch? — Dwyr, richtig. Besser, er bereitete sich gleich darauf vor, den Rest der Nacht in seinem hiesigen Privatgemach zu verbringen.

Er straffte die Schultern, nahm eine Stimulanspille und verließ das Büro.

Im Gebäude der Admiralität wurde Tag und Nacht gearbeitet. Er hörte das Summen und Klappern, das Fußgetrappel und die Stimmen durch die geschlossene Tür des Vorraumes. Weil er einfach nicht die Zeit hatte, mit jedem Offizier, Techniker und Wachtposten Grüße und Belanglosigkeiten auszutauschen, benützte er diesen Ausgang selten. Eine andere Tür öffnete sich auf seinen Privatkorridor, der schnurstracks zum Landeplatz führte, wo stets eine Maschine für ihn bereitstand.

Als er die Plattform betrat, war die Luft feucht und kühl und wohltuend. Das Dach schirmte ihn gegen das grelle Licht des Leuchtfeuers ab, und er konnte die Stadt klar zu seinen Füßen liegen sehen.

Ardaig hatte nichts von der hektisch bunten Lichterglut irdischer Städte. Bodenfahrzeuge verkehrten nur auf wenigen breiten Alleen und waren im übrigen auf unterirdische Schnellstraßen beschränkt. Die meisten Straßen und Plätze blieben Fußgängern und Reitern vorbehalten. Im Gegensatz zu Handelszentren mit ausgebauten Zulieferungssystemen fand man in Ardaig keine Warenhäuser und Großeinkaufsstätten. Die Läden waren kleine Unternehmen, die oft über mehrere Generationen hinweg im Besitz einer Familie waren. Tridaig brüllte. Ardaig murmelte unter seiner salzigen Seebrise. Zwei der vier Monde standen am Himmel, Neihevin und Seith, und ihr silbriger Schimmer lag über Stadt und Hügeln.

Brechdans Pilot kreuzte die Arme und verbeugte sich. Der Alte war eigentlich überflüssig, weil die Regierungsmaschinen sämtlich mit Robotpiloten ausgestattet waren. Aber seine Familie hatte den Ironredes schon immer gedient. Die Leibwächter salutierten und folgten Brechdan in die Maschine. Sie schnurrte davon.

Das Stimulans wirkte. Brechdan fühlte sich erfrischt, von neuer Energie erfüllt. Entspanne dich, sagte er sich, sei geduldig und warte ab… Wenn es schon zu einem Krieg kommt und wir die Terraner auslöschen müssen, werden wir das Universum jedenfalls von einer Unmenge leeren Geschwätzes befreien.

Sein Ziel war eine Beleidigung für die Augen, eine Ansammlung von Residenzen und Bürogebäuden im vulgären Blasenstil des frühen Imperiums vor vierhundert Jahren. Damals war Merseia ein aufstrebender Planet gewesen, der eine ständige Gesandtschaft wert aber nicht bedeutend genug war, um Standort oder Architektur selbst zu bestimmen. Der Qugothügel befand sich seinerzeit ein gutes Stück außerhalb der Stadt. Später hatte Ardaigs Wachstum ihn eingekreist, und aus der Gesandtschaft war eine Botschaft mit Hunderten von Angestellten geworden.

Brechdan schritt zwischen Rosenbüschen die Auffahrt hinauf. Am Portal nahm ein Bediensteter seinen Mantel, und ein betreßter Portier, groß wie er selber, meldete ihn an. In der Halle sah er den üblichen Haufen geckenhaft gekleideter Zivilisten, gespreizt gravitätischer Offiziere und Attachés — und dort in der Ecke, das mußten die Neuankömmlinge sein. Graf Oliveira von Ganymed, der kaiserliche Botschafter, eilte herbei. Er war ein älterer Mann, mager und zerstreut, dessen Fähigkeiten Brechdan einmal zu einer unangenehmen Überraschung verholfen hatten.

„Willkommen, Kanzler“, sagte er in Eriau und begleitete seine Worte mit einer zeremoniellen Verbeugung. „Wir sind erfreut, daß Sie uns mit Ihrer Anwesenheit beehren.“ Er führte Brechdan über das spiegelnde Parkett. „Darf ich Sie mit dem Sonderbeauftragten seiner Majestät bekannt machen? Graf Markus Hauksberg von Ny Kalmar.“

„Ich bin geehrt, Kanzler“, sagte Hauksberg. (Lässige Haltung, von der körperlichen Kondition Lügen gestraft. Augen, die einen unter halbgeschlossenen Lidern genau beobachten. Akzentfreie Aussprache. Vorsicht.)

„… Oberst Max Abrams.“

„Die Hand des Vach Ynvory ist mein Schild.“ (Barbarischer Akzent, aber fließend. Worte und Gesten selbstbewußt; nichts Verlegenes. Graue Haare, gedrungene Figur, militärische Haltung, der Blick eines Gegners. Das ist also der Kerl, der von Starkad mitgekommen ist. Auch den muß man im Auge behalten.)

Weitere Begrüßungen. Brechdan entschied bald, daß außer Hauksberg und Abrams keiner eine über das von der Höflichkeit gesetzte Maß hinausgehende Beachtung verdiente.

Der Empfang hatte begonnen. Man stand in kleinen Gruppen herum und versuchte mit den merseiischen Gästen Konversation zu treiben.

Brechdan nahm ein Glas Wein an und verzichtete auf kaltes Büfett und Erfrischungen. Er zirkulierte von einer Gruppe zur anderen schlendernd im Raum, bis er glaubte, der erwarteten Kontaktfreudigkeit Genüge getan zu haben, dann steuerte er den Grafen Hauksberg an.

„Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Herreise“, begann er.

„Ein wenig langweilig“, erwiderte Hauksberg, „bis Ihre Eskorte zu uns stieß. Ich muß sagen, ein großartiges Manöver. Und die Ehrenformation nach unserer Landung war noch besser. Ich hoffe, es hat niemand etwas dagegen gehabt, daß ich das Schauspiel filmte.“

„Gewiß nicht, vorausgesetzt, Sie haben die technischen Anlagen des Landeplatzes nicht zum Gegenstand Ihrer Motivsuche gemacht.“

„Haha! Übrigens — Ihr Außenminister ist ein wenig steif, nicht wahr? Er brauchte eine Weile, um aufzutauen. Ich mußte mich erst erbötig machen, ihm meine Beglaubigung zu zeigen.“

Brechdan nahm Hauksbergs Arm und führte ihn in einen leeren Winkel. Alle verstanden den Hinweis. Der Empfang ging weiter, aber niemand näherte sich auf Hörweite den beiden, die unter einem bombastischen Ölgemälde des Kaisers Platz nahmen.

„Und wie war Starkad?“ fragte Brechdan.

„Wenn ich meine eigenen Eindrücke in zwei Worten zusammenfassen sollte, würde ich sagen: düster und faszinierend. Waren Sie jemals dort?“

„Nein.“ Manchmal war Brechdan versucht, Starkad einen Besuch zu machen. Es war lange her, daß er einen von der Planeten betreten hatte. Nun, in den nächsten Jahren war nicht daran zu denken. Es kam darauf an, Starkads Bedeutung herunterzuspielen. Vielleicht später… Seine Vernunft sagte ihm, daß er hoffe, ein Besuch werde nicht nötig sein. Es war leichter, über eine Welt zu entscheiden, die man nur aus Berichten und Meldungen kannte, die nicht mit persönlichen Erinnerungen verknüpft war und deren Einwohner man nicht in ihrem täglichen Leben gesehen hatte.

„Nun ja, es liegt wohl kaum in Ihrer Interessensphäre, nicht wahr?“ fuhr Hauksberg fort. „Um so erstaunlicher fanden wir Merseias Bemühungen.“

„Das Roidhunat hat seine Haltung wieder und wieder erläutert.“

„Gewiß. Aber ich wollte sagen, daß, wenn Sie uneigennützig Wohltätigkeit üben wollen, es doch zweifellos ähnlich Bedürftige näher der Heimat gibt.“

Brechdan zuckte die Achseln. „Ein Handelsstützpunkt in der Region Beteigeuze wäre nützlich. Starkad ist nicht ideal, weder der Lage nach noch in seinen sonstigen Lebensbedingungen, aber es ist annehmbar. Wenn wir zugleich die Dankbarkeit und Freundschaft einer talentierten und vielversprechenden Spezies gewinnen können, gibt das den Ausschlag.“ Sein Blick wurde schärfer. „Die Reaktion Ihrer Regierung war peinlich.“

„Aber vorauszusehen.“ Hauksberg streckte bequem die Beine von sich. „Um auf beiden Seiten Vertrauen aufzubauen, das die Voraussetzung für ein allgemeines Abkommen ist, muß die Pufferzone zwischen unseren Reichen unverletzt bleiben. Ich möchte hinzufügen, daß das Landvolk nicht weniger talentiert und schutzwürdig ist als das Seevolk. Die Frage nach der ersten Aggressionshandlung ist längst bedeutungslos geworden. Seiner Majestät Regierung fühlt sich moralisch verpflichtet, dem Landvolk zu helfen, bevor seine Kultur untergeht.“

„Wer ignoriert die Bedürftigen näher der Heimat?“ fragte Brechdan trocken.

Hauksberg wurde ernst. „Kanzler, der Konflikt kann beendet werden. Sie werden Meldungen über unsere Bemühungen empfangen haben, im Gebiet der Zletovarsee Friedensgespräche einzuleiten. Wenn Merseia sich diesen Bestrebungen anschlösse, könnte eine Regelung erreicht werden, die den ganzen Planeten umfaßt. Was die Frage von Handelsstützpunkten betrifft, so ist nicht einzusehen, warum wir nicht zusammen einen errichten können. Das wäre ein großer Schritt auf dem Weg zu wahrer Verständigung und Freundschaft, meinen Sie nicht auch?“

„Vergeben Sie mir die direkte Frage“, parierte Brechdan, „aber ich möchte gern wissen, warum der Chef des militärischen Nachrichtendienstes auf Starkad an Ihrer Friedensmission teilnimmt.“

„Er ist als Berater mitgekommen“, sagte Hauksberg. „Als ein Berater, der die Eingeborenen besser kennt als jeder andere, der abkömmlich gewesen wäre. Möchten Sie mit ihm sprechen?“ Brechdan zuckte mit der Schulter, und Hauksberg winkte einen Diener heran und schickte ihn fort.

Abrams löste sich aus einer Gruppe Botschaftsangestellter, kam herüber und salutierte.

„Kein Zeremoniell, Abrams“, sagte Hauksberg. „Wir verhandeln nicht offiziell. Ein gegenseitiges Aushorchen, weiter nichts. Bitte erläutern Sie unserem Gast, welche Absichten Sie hier haben.“

„Ich stehe mit den Tatsachen zur Verfügung, die ich weiß, und mit meinen Meinungen, was immer sie wert sein mögen, falls jemand mich danach fragen sollte“, sagte Abrams. „Ich rechne nicht damit, oft zu Rate gezogen zu werden.“

„Warum sind Sie dann gekommen?“ fragte Brechdan.

„Nun, Kanzler, ich hoffte allerdings, auch eine Menge Fragen stellen zu können.“

„Setzen Sie sich doch“, forderte Hauksberg ihn auf.

Abrams ließ sich in einen der unbequemen altmodischen Sessel fallen. „Ich danke verbindlichst“, sagte er in einem Tonfall, der seine Worte Lügen strafte. Er prostete ihnen mit seinem Whiskyglas zu, trank und sagte: „Wir wissen auf Erden so wenig von Ihnen. Ich könnte Ihnen nicht sagen, wie viele Bände über Merseia in den Bibliotheken stehen, aber viele sind es nicht, und sie können nicht mehr als einen Bruchteil dessen enthalten, was über dieses große Reich zu wissen wichtig wäre. Es könnte gut sein, daß wir Sie in vielen Punkten mißverstehen.“

„Sie haben Ihre Botschaft hier“, erinnerte ihn Brechdan. „Der Stab umfaßt auch eine Anzahl Xenologen.“

„Nicht genug. Und das meiste von dem, was sie erfahren und lernen, ist auf meiner Ebene irrelevant. Mit Ihrer Erlaubnis möchte ich ungeniert mit möglichst vielen Bürgern Ihres Landes sprechen. Bitte lassen Sie diese Gespräche überwachen, damit nicht der Anschein erweckt wird, ich triebe Spionage oder führte sonst etwas im Schilde. Außerdem hätte ich gern Zugang zu Ihren öffentlichen Bibliotheken.“

„Denken Sie dabei an irgendwelche speziellen Probleme? Ich helfe Ihnen gern, wenn ich kann.“

„Sehr liebenswürdig von Ihnen. Ich möchte mich auf die Erwähnung eines typischen Punktes beschränken. Über den habe ich mir oft Gedanken gemacht, unsere Unterlagen durchsucht und unsere Xenologen wie auch die Einheimischen befragt, bin aber noch nicht auf eine Antwort gekommen. Wie ist Merseia auf Starkad gestoßen?“

Brechdans Haltung versteifte sich sichtbar. „Bei der Erforschung der Region“, sagte er kurz. „Von niemandem beanspruchter Raum ist für alle Schiffe frei.“

„Aber plötzlich waren Sie da und entfalteten rege Aktivität auf dem verwünschten Planeten. Wie ist es dazu gekommen, daß Sie sich für Starkad interessierten?“

„In früheren Zeiten haben Ihre Leute diese Region ziemlich oberflächlich erkundet“, erwiderte Brechdan gelassen. „Wir waren weniger auf kommerziellen Profit aus, dafür lag uns mehr an objektivem Wissen, also machten wir uns an die systematische Erforschung. Die Eintragung, die wir in Ihrem alten Pilotenhandbuch unter Saxo fanden, ließ Starkad einer eingehenden Untersuchung würdig erscheinen. Auch wir fühlen uns von Planeten mit freiem Sauerstoff und flüssigem Wasser angezogen, so unwohnlich sie sonst auch sein mögen. Wir fanden eine Situation vor, die der Korrektur bedurfte, und sorgten für die Entsendung einer Mission. Es konnte nicht ausbleiben, daß Handelsschiffe auf dem Weg in die Region Beteigeuze häufig unsere Bugwellen in der Nähe von Saxo bemerkten. Einheiten Ihrer Flotte erschienen, und so kam es zu der gegenwärtigen unglückseligen Situation.“

„Hm.“ Abrams schaute in sein Glas. „Ich danke Ihnen. Aber es wäre hübsch, noch mehr Details zu erfahren. Vielleicht ist unter ihnen irgendwo ein Hinweis vergraben, daß von unserer Seite ein Mißverständnis vorlag — schließlich gibt es zwischen uns eine semantische und kulturelle Barriere, nicht?“

„Das bezweifle ich“, versetzte Brechdan unmutig. „Sie können Nachforschungen anstellen, aber bei diesem Gegenstand werden Sie nur Ihre Zeit und Energie verschwenden. Es kann gut sein, daß von unseren ersten Expeditionen in die Nachbarschaft Saxos nicht einmal Aufzeichnungen existieren. Wir sind nicht so besorgt wie Sie, alles auf Band aufzunehmen.“

Hauksberg, der Brechdans Kälte und Ablehnung spürte, leitete geschickt auf ein anderes Thema über. Die Konversation verflachte zu einem Austausch von Banalitäten. Brechdan brachte seine Entschuldigungen vor und verließ den Empfang vor Mitternacht.

Ein böser Gegenspieler, dieser Abrams, dachte er. Einer, der nicht an Verständigung denkt, und darum gefährlich ist. Ihn müssen wir beobachten.

Brechdan lächelte. Sein Geschäft war es nicht, den Bewacher zu spielen. Jeder Schritt, den ein Terraner außerhalb des Botschaftsgeländes tat, wurde von Beamten des Sicherheitsdienstes überwacht.

Immerhin traf es sich gut, daß er im Begriff war, mit einem Geheimagenten zu sprechen, der auf Starkad gewesen war. Vielleicht hatte Dwyr Informationen, die näheren Aufschluß über die Tätigkeit dieses Abrams' gaben. Und der Mann konnte neue Befehle entgegennehmen…

Im leeren Büro wartete das Ding. Früher war es einmal ein Merseier gewesen, und jung. Das Gesicht war noch bis zur Stirnrundung da, eine chirurgische Maske. Dann ein Teil des Rumpfes, der linke Arm und vom rechten ein Stumpf. Der Rest war Maschine.

Die Gestalt salutierte mit überraschend weichen und präzisen Bewegungen. Obwohl er nur zwei Schritte vor ihm stand, konnte Brechdan, der über ein gutes Gehör verfügte, kaum das Summen hören, das aus dem Innern Dwyrs kam. „Ich stehe meinem Oberherrn zu Diensten.“ Die Stimme hatte einen metallischen Beiklang.

Brechdan erwiderte den Gruß. Er wußte nicht, ob er den Mut gehabt hätte, so amputiert am Leben zu bleiben. „Gut, daß Sie gekommen sind, Arlech Dwyr. Stehen Sie bequem.“

„Die Hand des Vach Ynvory hat meine Anwesenheit gewünscht?“

„Ja, ja.“ Brechdan winkte ungeduldig ab. „Lassen Sie die Etikette beiseite. Ich habe genug davon. Verzeihen Sie, daß ich Sie warten ließ; ich mußte mich um die Terraner kümmern. Sie haben also im Stab von Fodaich Runeis Nachrichtendienst gearbeitet, nicht wahr? Und Sie sind auch selbst im Feld gewesen? Gut. Erzählen Sie, warum man Sie zurückgeschickt hat.“

„Ich war nützlich, aber nicht unentbehrlich. Die einzige Mission, die nur ich und kein anderer hätte erfüllen können, scheiterte. Ich sollte mir Zutritt ins Büro des Geheimdienstchefs der Terraner verschaffen.“

„Hatten Sie einen Erfolg erwartet?“ Brechdan hatte nicht gewußt, daß dieser Dwyr so gut war.

„Selbstverständlich. Ich kann mit elektromagnetischen Sensoren und Meßgeräten ausgerüstet werden, um Stromkreise aufzuspüren. Außerdem habe ich ein gewisses Einfühlungsvermögen für Maschinen entwickelt. Auf einer Ebene unterhalb meines Bewußtseins kann ich erfühlen, was sie zu tun im Begriff sind, und mein Verhalten darauf einstellen. So hätte ich die Tür öffnen können, ohne einen Alarm auszulösen. Unglücklicherweise und wider Erwarten waren lebende Wächter postiert. In körperlicher Kraft, Schnelligkeit und Beweglichkeit ist dieser Körper dem unterlegen, den ich früher hatte. Ich hätte sie nicht geräuschlos und unauffällig töten können.“

„Glauben Sie, daß Abrams von Ihnen weiß?“ fragte Brechdan.

„Nein. Alles deutet darauf hin, daß er aus Gewohnheit übervorsichtig ist. Die Terraner, auf die ich später im Dschungel stieß, konnten mich nicht deutlich sehen. Aber während meines Aufenthaltes im Stützpunkt der Terraner beobachtete ich Abrams in vertrautem Gespräch mit dem anderen, Hauksberg. Dies brachte uns auf den Verdacht, daß er die Delegation nach Merseia begleiten würde, zweifellos in der Hoffnung, Agenten anzuwerben oder auf eigene Faust Spionage zu treiben. Wegen meiner speziellen Fähigkeiten und meiner Bekanntschaft mit Abrams' Arbeitsmethoden glaubte Fodaich Runei, ich sollte den Terranern vorausreisen und ihre Ankunft hier erwarten.“

„Ja, richtig.“ Brechdan zwang sich, Dwyr so anzusehen, wie wenn er ein völlig normales Geschöpf wäre, mit einem richtigen Herzen und Lungen. „Sie können in Maschinen eingebaut werden, nicht wahr?“

„Jawohl“, kam es aus dem starren Gesicht. „In Fahrzeuge, Waffen, Detektoren, Werkzeugmaschinen, in alles, was geeignet ist, meine organische Komponente und meine Prothesen aufzunehmen. Ich brauche nicht lange, um mich auf ihre Bedienung einzustellen.“

„Sie werden Arbeit bekommen“, sagte Brechdan. „Ich weiß noch nicht genau, was es sein wird. Ich glaube, wir müssen uns etwas zu Bewachung unseres Freundes Abrams einfallen lassen. Er wird mit den üblichen Vorrichtungen rechnen; mit Ihnen wird er eine Überraschung erleben. Wenn Sie Ihre Arbeit gut machen, sollen Sie nicht ungeehrt bleiben.“

Dwyr verneigte sich und wartete. Brechdan konnte sich nicht enthalten, einen kameradschaftlichen und mitfühlenden Ton anzuschlagen. „Wie sind Sie zu Ihrer Verletzung gekommen?“ fragte er.

„Bei der Eroberung von Janair, Herr. Eine Nuklearexplosion. Das Feldlazarett erhielt mich am Leben und schickte mich zum Hauptstützpunkt zurück. Aber dort fanden die Chirurgen, daß die radioaktive Strahlung einen großen Teil meiner Körperzellen zerstört hatte. Daraufhin verlangte ich, daß man mir den Tod gebe. Sie erklärten mir, daß neue Techniken, die man von Gorrazan übernommen habe, mir ein Überleben sichern und meine Dienste dem Vaterland erhalten könnten. Sie hatten recht.“

Brechdan war verdutzt. Irgendwie klang das nicht richtig. Nun, er war kein Biochemiker. Seine Stimmung verdüsterte sich. Warum Mitleid vortäuschen? Mit Toten kann man nicht Freund sein. Und Dwyr war tot. Er hatte kein Herz, keine Organe, keine Eingeweide, Drüsen und Knochen. Er war nur noch ein Gehirn, das mit der Eingleisigkeit einer Maschine dachte. Man mußte ihn gebrauchen. Dafür waren Maschinen gemacht.

Brechdan schritt eine Runde durch den Raum, die Hände auf dem Rücken, mit unruhig zuckendem Schwanz und nervösen Kopfschmerzen. „Gut“, sagte er endlich. „Besprechen wir die Einzelheiten unseres Vorgehens.“

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