Fünftes Buch Washita

Gib uns den Frieden.

General Ulysses S. Grant Wahlkampagne 1868


Als tapfere Männer und Soldaten einer Regierung, deren Friedensbemühungen sich erschöpft haben, nehmen wir den Krieg an, den unsere Feinde begonnen haben, und sind entschlossen, diese unerfreuliche Pflicht einem endgültigen Ende zuzuführen.

General Sherman zu General Sheridan 1868


Wir stoßen in den Süden vor, auf die Antelope Hills zu, dann weiter zum Washita River, dem vermutlichen Winterlager der feindlichen Stämme; wir zerstören ihre Dörfer und töten ihre Ponys; wir töten und hängen alle Krieger und nehmen sämtliche Frauen und Kinder mit ...

General Sheridan zu General Custer 1868

48

Von vier kläffenden Hunden gejagt, ritten die Scouts ein; Griffenstein, die Brüder Corbin und ein stämmiger junger mexikanischer Dolmetscher, der bei den Cheyenne aufgewachsen war und die Sprache fließend sprach. Sein Name lautete Ro-mero, also nannte ihn jeder selbstverständlich Romeo.

California Joe ritt ein Maultier. Charles, der seine Ankunft beobachtete, sah ihn von einer Seite zur anderen schwanken und fröhlich ins Leere lächeln. »Besoffen wie ein Matrose«, sagte er später zu Dutch Henry. »Wieso findet sich Custer mit einem solchen Clown ab?«

Dutch Henry streichelte den Kopf eines Terriers mit wedelndem Stummelschwänzchen. Im Camp gab es jetzt mindestens ein Dutzend streunender Hunde. »Ich habe so den Eindruck, daß der einzige starke Mann, den Custer schätzt, Custer selbst ist. Macht wohl keinen Unterschied, oder? Du wolltest Cheyenne umbringen. Custer ist auf dem besten Weg dazu.«

Der November kam mit einem Himmel wie dunkle Schieferplatten und bitterkalten Winden. In dem Camp am Nordufer des Arkansas ordnete Custer eine Verdoppelung der Schießübungen an. Zweimal täglich feuerten die Männer des Siebten Regiments auf Ziele, die in einer Entfernung von hundert, zwei-hundert und dreihundert Metern aufgebaut worden waren. Cookes Scharfschützen schauten häufig vorbei, um sich lustig zu machen und überlegene Kommentare abzugeben.

Die Generäle Sully und Custer riefen die Offiziere und Scouts zusammen, um die Strategie durchzusprechen, die Sheridan entwickelt und von Uncle Billy in der Division genehmigt bekommen hatte. Charles erkundigte sich flüsternd bei Griffenstein, weshalb Harry Venable nicht anwesend war. Griffenstein meinte, Venable sei gerade im Begriff, eine schwere Grippe zu überwinden.

General Sully, U.S.M.A. '41, war etwas älter, als Orry jetzt gewesen wäre. Der General hatte einen berühmten Vater, Thomas Sully aus Philadelphia, Maler von Porträts und historischen Szenen; selbst ein Kunstbanause wie Charles kannte Sullys historische Darstellung von General Washingtons Passage über den Delaware.

Der Sohn des Künstlers war ein kultivierter Mann, mit dem üblichen brustlangen Bart. Obwohl es ihm vor kurzem nicht gelungen war, irgendwelche Indianer südlich vom Arkansas aufzuspüren und zu vernichten, besaß er eine erstklassige Reputation, die auf den Mexikanischen Krieg zurückging. Man hielt ihn für einen erfahrenen Indianerkämpfer, da er die Sioux anläßlich der Minnesota-Rebellion von 1863 in die Black Hills zurückgetrieben hatte. Charles behielt Custer scharf im Auge; der Boy General konnte seine Abneigung gegen Sully nicht ganz verbergen. Für beide war auf dieser Expedition kein Platz, entschied Charles.

Anhand von Karten erläuterte Sully, daß drei Angriffskolonnen gleichzeitig in das Indianerterritorium vorstoßen würden. Ein gemischtes Kommando aus Infanterie- und Kavallerie marschierte von Fort Bascom, Territorium von New Mexico, nach Osten. Eine zweite Kolonne, die Kavallerietruppe der Fünften unter Brigadier Eugene Carr, würde von Fort Lyon, Colorado, aus nach Südosten losschlagen, auf die Antelope Hills zu, ein markanter Punkt gerade jenseits des North Canadian.

Die zentrale Kolonne war die von Sully oder Custer, je nachdem, auf wessen Seite man stand. Das war die Hauptstreitmacht. Sie bestand aus elf Truppen des Siebten Regiments und fünf Infanteriekompanien des Dritten, Fünften und Achtunddreißigsten Regiments. Die Kolonne würde direkt nach Süden vorstoßen, eine Versorgungsbasis aufbauen, sie unter dem Schutz der Infanteristen zurücklassen und dann weiter gegen jedes Lager der Cheyenne oder Arapahoe losschlagen, das sie auf dem Territorium finden konnten. Die anderen beiden Kolonnen fungierten als eine Art Treiber, die die Indianer in einer Zangenbewegung vor die Hauptstreitmacht jagen, sagte Sully. Charles entdeckte, daß all dies durch einige alte Freunde von ihm ermöglicht worden war.

»Deine Jungs von der Zehnten«, sagte Dutch Henry nach der Versammlung, »sind jetzt entlang des Smoky Hill postiert. Wenn sie nicht wären, würde Custer immer noch dort oben patrouillieren, anstatt hier unten dem Ruhm nachzujagen. Diese Schwarzen haben einen verdammt guten Ruf. Da ist jeder Mann ein besserer Soldat als all die weißen Schnapsdrosseln in der Armee. Niemand gibt es gerne zu, aber es stimmt.«

Das brachte die Erinnerung an Magic Magee und Sternengucker Williams, an Old Man Barnes und Colonel Grierson zurück. Es brachte auch ein schmales, befriedigendes Lächeln auf Charles' Gesicht. Zum erstenmal seit langer Zeit.

Eines Abends, als Charles gerade am Feuer der Scouts ein spätes Essen zu sich nahm, blickte er auf und sah einen dürren, gelblichen Hund vor sich, der ihn beobachtete. Charles kaute weiter an seinem Stück Trockenfleisch. Der gelbe Hund, ein Streuner, den er zuvor schon bemerkt hatte, wedelte mit dem Schwanz und jaulte kläglich.

»Was zum Teufel willst du?«

Joe Corbin auf der anderen Seite des Feuers lachte. »Das ist Old Bob. Er treibt sich überall auf der Suche nach einem Versorgungsoffizier herum. Er denkt, jetzt hat er einen gefunden.«

»Nicht mich«, sagte Charles. Er kaute weiter. Old Bob sprang um ihn herum, wedelte mit dem Schwanz und gab Geräusche von sich, die besser zu einem Kätzchen als zu einem Hund gepaßt hätten. Die kummervollen gelblichbraunen Augen blieben stets auf Charles gerichtet. Schließlich sagte Charles: »Ach, zur Hölle mit dir«, nahm das Stück Trockenfleisch aus dem Mund und warf es dem Bastard zu.

Von da an gehörte Old Bob ihm.

Charles wollte mit der anhaltenden Spaltung in der Siebten Kavallerie nichts zu tun haben. Unglücklicherweise ließ sich das nicht vermeiden. Custer hatte viele Feinde, und die meisten sprachen ganz offen über ihre Gefühle, ob man sie nun danach fragte oder nicht. Besonders erbittert äußerte sich ein fähiger Brevet Colonel namens Fred Benteen, der die H-Kompanie unter seinem tatsächlichen Rang eines Captain kommandierte.

»Laß dich durch sein cooles Benehmen nicht täuschen, Charlie«, sagte er. »Unter der Oberfläche nagt die Kriegsgerichtsverhandlung an ihm. Natürlich erzählt ihm die Königin von Saba ständig« - so wurde Libbie von Custers lästernden Feinden genannt - »wie großartig er ist, unschuldig wie ein Lamm. Allerdings glaubte er das nicht ganz. Paß auf, und du wirst merken, daß er zwölf-, fünfzehnmal am Tag losrennt und sich die Hände wäscht. Kein Mann mit einem reinen Gewissen macht so was. Das mag Sheridans Feldzug sein, aber es ist Custers Spiel. Er tut alles nur für seine Reputation.«

Natürlich traten auch viele für Custer ein. Cooke von Cookes Scharfschützen gehörte zu seinen glühendsten Anhängern; ebenso Captain Louis Hamilton, Enkel von Alexander Hamilton. Es überraschte nicht, daß an der Spitze dieser Bewegung der jüngere Bruder des Generals stand, Brevet Colonel Tom Custer, First Lieutenant in der D-Kompanie. Charles lauschte all den Lobpreisungen der Anhänger und nahm sie mit angemessenem Zynismus zur Kenntnis.

Trotz seiner blinden Loyalität fand er einen von Custers Anhängern ganz sympathisch. Der Mann hieß Joel Elliott. Er besaß eine offene, aufrichtige Art, und sein Mut wurde von niemandem in Frage gestellt. Ohne Beziehungen war er im Krieg vom einfachen Soldaten zum Captain aufgestiegen. 1864 war er mit den Seventh Indiana Volunteer Horse in Mississippi geritten und hatte einen Lungenschuß verpaßt bekommen. Auf wunderbare Weise erholte er sich davon und trat nach der Kapitulation wieder in die Armee ein, nachdem er das schwierige Offiziersexamen bestanden hatte. Er erreichte dabei eine so hohe Punktzahl, daß er im Majorsrang eingestellt wurde. Jetzt war er Custers Stellvertreter und führte seine eigene, aus drei Kompanien bestehende Truppe. Auf Anhieb hatte Charles den Eindruck, daß Elliott ein guter Soldat war.

Es gab allerdings auch keinen Zweifel daran, wo Elliott stand.

»Der General ist ein Mann von untadeligem Charakter«, sagte er. »Vor Jahren hat er mit dem Trinken und Rauchen aufgehört. Er flucht gelegentlich, aber sein Herz ist nicht dabei.«

»Er würde keine schwarzen Truppen kommandieren, aber ich habe gehört, daß er mit einer schwarzen Hure schläft.«

Elliott erstarrte. »Eine Lüge. Er ist Libbie treu.«

»Sicher. Sie baut ihn langsam als Präsidenten auf.«

»Charlie, er ist kein Politiker, er ist Soldat. Der beste Soldat, den ich je gekannt habe, weil er so aggressiv kämpft.«

»Oh ja, ich habe gehört, wie aggressiv er war«, sagte Charles mit einem Nicken. »Seine Third Michigan hatte die höchste Verlustquote aller Kavallerieeinheiten der Unionsarmee.«

»Beweist das nicht, wie tapfer er ist?«

»Oder tollkühn. Irgendwann mal könnte ihn diese Tollkühnheit das Leben kosten. Oder sein gesamtes Kommando.«

»Hoffentlich passiert das nicht bei diesem Feldzug. Ich will mir ein Brevet erkämpfen. Ein Brevet oder einen Sarg, dazwischen gibt's nichts.«

Charles lächelte traurig. Elliott nahm alles so ernst. Sie kamen miteinander aus, weil sie ohne persönliche Feindseligkeit diskutierten. Es war schwer zu glauben, daß Joel Elliott zu den drei Männern gehört hatte, die das berüchtigte Deserteursquintett gejagt und eingefangen und drei davon erschossen hatten - auf Custers Befehl hin.

Nun, er mochte Elliott trotzdem. Der junge Offizier war bescheiden, voller Begeisterung, und vor allem war er ein Profi, der sich alles selber beigebracht hatte. Man konnte sich höchst wahrscheinlich darauf verlassen, daß er Befehle ausführte, selbst schlimme Befehle. In einem heißen Kampf bedeutete das eine ganze Menge.

Das Wetter wurde schlechter, die Tage wurden dunkler; in den schwarzen, aufgetürmten Wolken im Norden lauerten Stürme. Die Drillübungen gingen weiter. Hufschmiede kümmerten sich um die Tiere und gaben jedem Mann ein Ersatzeisen für vorn und hinten sowie zusätzliche Nägel mit, die in der Seitentasche untergebracht wurden.

Die Scouts wollten los. Sie hatten ihr eigenes Lager, das sie mit einer anderen Gruppe teilten, für die Charles nichts übrig hatte - elf Osage-Fährtensucher, angeführt von ihren Häuptlingen Langes Seil und Kleiner Biber. Charles gefielen ihre Augen nicht, hinter denen sich Gott weiß was für verräterische Gedanken und Pläne verbergen mochten, genausowenig wie ihre häßlichen Gesichter mit den platten Nasen und die Art und Weise, wie sie ständig ein großes Getue um ihre gewaltigen Bogen aus Apfelholz machten oder die weißen Scouts um Zucker für ihren Kaffee anbettelten. Indianer waren verrückt nach süßem Kaffee. Sie gaben soviel Zucker in eine Tasse, daß sie schließlich einen bräunlichen Haufen hatten, den sie mehr aßen als tranken.

»Halt sie mir bloß vom Leib«, sagte Charles zu California Joe Milner, dessen richtiger Name Moses und nicht Joe war, wie er entdeckt hatte. Langes Seil war an Charles herangetreten - »Ich brauche Zucker« war das Beste, was er an Englisch aufzubieten hatte -, und Charles hatte gesagt, er solle sich zum Teufel scheren. Daraufhin hatte California Joe ihn zu sich gerufen.

»Du mußt mit ihnen zusammen reiten, Main.«

»Ich reite mit ihnen. Deswegen muß ich keinen gesellschaftlichen Umgang mit ihnen pflegen.«

California Joe hatte schon wieder einen sitzen und war deshalb nachgiebig gestimmt. »Nun, wenn's so ist, dann ist es eben so, schätze ich«, sagte er.

Charles kümmerte sich um seine Ausrüstung, striegelte Satan und gab ihm eine Extraration, schnorrte Abfälle für Old Bob und wartete. Gegen Ende der ersten Novemberwoche wurde der Himmel klar. Jedermann wertete das als Zeichen, daß sie bald aufbrechen würden.

Charles war bereit. Er fühlte sich fit, vermißte seinen Sohn, dachte öfter an Willa, als gut für ihn war - die Erinnerung an sie war schmerzhaft und voller Melancholie -, und hielt es für weise und nicht feige, daß er Harry Venable aus dem Weg ging.

Es war unvermeidlich, daß er Venable im Lager häufig aus der Ferne sah, wenn er für Milner irgendwelche Botengänge erledigte. Bei jeder dieser Gelegenheiten gelang es ihm, sich schnell zu entfernen oder davonzureiten. Natürlich wußte er, daß irgendwann in naher Zukunft eine Konfrontation unumgänglich war.

Am 11. November befand sich das ganze Lager in heller Aufregung wegen der neuen Befehle. Am nächsten Tag marschierten sie los.

Der gewaltige, lärmende Aufbruch begann im Morgengrauen. Es war ein Spektakel, wie Charles es seit dem Krieg nicht mehr gesehen hatte. Der Versorgungszug, der Winterkleidung, Nahrungsmittel und Futter mit sich führte, war auf vierhundertfünfzig weiße Planwagen angewachsen, vor denen eine riesige, in vier Kolonnen aufgeteilte Kavalkade ritt. Zwei Kompanien des Siebten Regiments bildeten die Vorhut, zwei die Nachhut, der Rest teilte sich auf und schützte die Flanken des Versorgungszugs. Die Infanterie sollte neben den Wagen marschieren, aber jeder rechnete damit, daß die faulen Infanteristen bald aufsitzen würden, was dann auch tatsächlich der Fall war.

Sully und einige andere Offiziere bauten sich am Südufer des Arkansas auf, während die ersten Wagen ins Wasser fuhren. Die vielen Wagen mit ihren fluchenden Kutschern und den knallenden Peitschen erzeugten ein gewaltiges Getöse, noch verstärkt durch Trompetensignale, das Knirschen des Zaumzeugs und das Blöken des Viehs, das zwischen den Wagen vorangetrieben wurde.

Custer, geschniegelt und ausgelassen, ritt mit seinem Trupp ganz vorne. Charles sah Custer auf seinem tänzelnden Pferd am Nordufer, neben der Standarte des Siebten Regiments mit ihrem wilden Adler, der sich in scharfe, goldene Pfeile krallte. Die berittene Kapelle des Siebten Regiments spielte >The Girl I Left Behind Me< als Begleitmusik für die Furtdurchquerung.

Charles, Dutch Henry und zwei der Osage-Indianer galoppierten voraus und suchten einen Lagerplatz am Mulberry Creek, knappe fünf Meilen von ihrem Ausgangspunkt entfernt. Sully und Custer hatten gemeinsam beschlossen, daß sie am ersten Tag nicht weiter vorstoßen würden, weil es mit den Wagen soviel Probleme gab.

Nachdem Charles sein Abendessen aus Bohnen und Zwieback gegessen hatte, ließ ihn das Glück dann wieder im Stich.

Nach dem Tag im Sattel fühlte er sich steif; er fütterte Satan und legte ihm eine Decke gegen die Nachtkälte über. Er ging auf das Camp der Scouts zu, als er eine vertraute Gestalt einen Pfad entlang kommen sah, der den seinen kreuzen würde. Nach dem Tagesmarsch sah Captain Harry Venable sauber und gepflegt aus. Der ewige Präriewind hob seinen Umhang an, als er Charles in den Weg trat.

»Main«, sagte er knapp. Seine Augen waren noch blauer, noch eisiger als diejenigen Custers. »Oder sollte ich besser May sagen? Vielleicht August? Was bevorzugen Sie diesmal?«

»Ich nehme an, das wissen Sie.«

»Das tue ich. Ich habe Sie bereits vor einer Woche entdeckt. Ich weiß, daß Sie mich ebenfalls gesehen haben. Ich dachte, angesichts vergangener Umstände wären Sie vielleicht klug genug, so schnell wie möglich das Weite zu suchen.«

»Warum? Ich bin nicht in Uniform. California Joe hat mich angeheuert.«

»Sie unterstehen immer noch der Gerichtsbarkeit der Armee.«

Old Bob, der Charles wie üblich gefolgt war, ging auf Venable zu, um ihn zu beschnüffeln. Venable trat nach ihm. Bob duckte sich und knurrte. Charles pfiff den Hund an seine Seite. Old Bob gehorchte, knurrte aber weiter.

»Hören Sie, Venable, General Custer weiß, daß ich für die Konföderation im Sattel saß. Er hat nichts dagegen.«

»Bei Gott, aber ich habe etwas dagegen.« Venables rostbrauner Bart ruckte vor; sein Gesicht war bösartig verzerrt. Old Bob knurrte lauter. Venable machte einen Schritt nach vorn. »Du rebellischer Hundesohn!«

Charles drückte seine flache Hand gegen Venables dunkelblauen Umhang. »Tragen Sie Ihre Beschwerden dem General vor.«

Venable überraschte Charles, indem er locker zurücktrat. Ein rätselhaftes Lächeln flog über sein Gesicht. »Oh nein. Ich habe kein Wort über unsere frühere Begegnung verloren und werde es auch nicht tun. Diesmal will ich Sie selber haben. Daß Sie in Jefferson Barracks eins über Ihren dämlichen Schädel gekriegt haben, hat Sie anscheinend nicht entmutigt, ebensowenig die Entlassung, nachdem Sie sich in das Zehnte Regiment hineingelogen hatten. Diesmal werde ich etwas finden, was funktioniert. Etwas Dauerhaftes.«

»Gehen Sie zum Teufel«, sagte Charles. »Komm, Bob.«

Venable rannte ihm nach, doch Old Bobs Knurren brachte ihn zum Stehen. »Es ist Ihr Job, den Trail vor uns im Auge zu behalten«, rief Venable. »Aber vergessen Sie nicht, ich behalte Ihren Rücken im Auge, jede Minute.«

Die Drohung beunruhigte Charles mehr, als er sich eingestehen wollte. Er wollte mit jemandem darüber sprechen. Er zog Dutch Henry vom Feuer weg und beschrieb ihm mit wenigen Worten den Zusammenstoß. »Wenn du mich also mit einer Kugel im Rücken findest, dann erledige diesen verdammten Yankee.«

Dutch Henry schaute verblüfft drein. »Warum ist er hinter dir her?«

»Weil John Hunt Morgan seiner Mutter und seiner Schwester etwas angetan hat. Um Himmels willen, dafür bin ich schließlich nicht verantwortlich.«

Der stämmige Scout warf ihm einen eigenartigen Blick zu; in seinen Augen spiegelten sich die Lichtflecken des Campfeuers wider. »Nein. Und die Indianer, die wir jagen, haben höchstwahrscheinlich auch nicht deine Partner niedergemetzelt. Aber du wirst sie trotzdem umbringen.«

»Henry, das ist ...«

»Was anderes? Hmm. Wenn du das sagst. Komm zurück zum Feuer. Es ist zu kalt, um hier draußen zu palavern.«

Er stampfte auf die windgepeitschten Flammen zu; Charles blieb regungslos stehen und starrte mit einem seltsamen angespannten, fast verwirrten Ausdruck auf dem Gesicht hinter ihm her.

Am 13. November näherten sie sich Bluff Creek, wo Custer nach seinem Exil in Michigan wieder zu dem Regiment gestoßen war. Am folgenden Tag schafften sie es bis zum Bear Creek und Cimarron, und am Tag darauf erreichten sie das Indianerterritorium. Dort überfiel sie ein winterlicher Nordsturm und lieferte ihnen einen unangenehmen Vorgeschmack auf das Kommende.

An der Beaver-Gabelung des North Canadian stießen sie weiter nach Osten vor, fanden aber immer noch keine Spur von Indianern. Einen Tag später änderte sich das. Charles und die Corbins entdeckten eine Furt mit den Spuren vieler Ponys, aber ohne Anzeichen von Schleppstangen. Ein Kriegstrupp. Sie galoppierten zurück, um zu berichten.

»Zwischen fünfundsiebzig und hundertfünfzig Krieger, in nordöstlicher Richtung unterwegs.«

»Um Siedlungen anzugreifen, Mr. Main?« erkundigte sich General Sully. Er hatte Offiziere und Scouts in seinem großen Hauptquartierszelt versammelt. Die Laternen beleuchteten Gesichter, auf denen sich Bartstoppeln, Schmutz und Müdigkeit abzuzeichnen begannen. Venable drückte sich im Hintergrund herum. Er verschränkte die Arme, ein Zeichen, daß er allem mißtraute, was Charles sagen mochte.

»Ich wüßte keinen anderen Grund, weshalb sie im Winter das Indianerterritorium verlassen sollten, General.«

Custer trat vor, in Erwartung eines Kampfes fast zitternd. War es Zufall, daß er sich vor Sully schob und ihn teilweise verdeckte? »Wie alt sind die Spuren?« wollte er wissen.

Jack Corbin sagte lakonisch: »Zwei Tage, höchstens.«

»Wenn wir in die Richtung vorgehen, aus der sie gekommen sind, müßten wir also ihr Dorf finden, fast ohne Krieger. Wir könnten sie in einem Handstreich nehmen.«

»General Custer«, sagte Sully mit deutlicher Ironie, »das ist absurd. Glauben Sie auch nur einen Augenblick lang, daß eine so große Militärstreitmacht wie die unsere, begleitet von solch einem gewaltigen Wagenzug, so tief ins Indianerland eindringen und unentdeckt bleiben könnte? Sie wissen, daß wir hier sind.«

Anstatt darüber zu diskutieren, sagte Custer: »Was meinen Sie, Main?«

Charles gefiel die plötzliche Verschiebung der Last der Verantwortung ganz und gar nicht, aber es hatte keinen Sinn, Sully anzulügen, ganz gleich, ob er das nun persönlich nahm oder nicht. »Ich denke, es ist durchaus möglich, daß niemand etwas von unserer Anwesenheit weiß. So spät im Jahr sind die Indianer nicht mehr viel unterwegs. Der Kriegstrupp bildet eine Ausnahme. Sie setzen einfach voraus, daß wir um diese Jahreszeit auch nicht losschlagen.«

»Sehen Sie?« rief Custer Sully zu. »Geben Sie mir einen Trupp.«

»Nein.«

»Aber hören Sie ...«

»Erlaubnis verweigert«, sagte Sully.

Custer schwieg, aber niemand im Zelt konnte die plötzliche Röte seiner Wangen und seinen gehässigen Blick übersehen. Er schien auch nicht die Absicht zu haben, das zu verbergen. Charles hatte den Eindruck, daß Sully diesen Vorfall noch bedauern würde.

»Mein Partner Jackson sagte immer, daß ein weißer Mann hier draußen seine Ansichten umkehren muß«, sagte Charles zu Griffenstein nach der Versammlung. »Sully ist dazu nicht bereit. Immer der gleiche alte Armeetrott.« Er seufzte.

Charles und die Scouts schlugen einen Bogen nach Süden auf der Suche nach einem geeigneten Ort für die Versorgungsbasis. Sie fanden einen Platz ungefähr eine Meile vor dem Zusammenfluß von Wolf Creek und Beaver Creek, die dann gemeinsam den North Canadian bildeten. Es gab Holz, gutes Wasser und Wild im Überfluß. Am 18. November erreichten die Voraustrupps des Siebten Regiments gegen Mittag den Ort.

Charles, Milner und die anderen Scouts ritten in die Wälder, um zu jagen, während die Infanterie Bäume für einen Palisadenzaun fällte. Andere Arbeitstrupps gruben Brunnen und Latrinengräben oder mähten das froststarre Gras, das als Pferdefutter dienen sollte.

Charles stöberte einen Schwarm wilder Truthähne auf und erlegte drei mit seiner Spencer. California Joe, vorübergehend nüchtern, tötete eine Büffelkuh; ein Dutzend weitere, die er mit seinem ersten Schuß in wilde Panik versetzt hatte, entgingen ihm allerdings. Die meisten Scouts brachten irgendeine Beute mit. Heute abend würde die Expedition besser essen als an den Tagen zuvor.

Das Versorgungscamp wuchs schnell; auf der einen Seite zog sich ein Palisadenzaun über hundertsechsundzwanzig Fuß hin, mit Wällen an beiden Ecken, und Blockhäusern mit Schießscharten an den anderen Ecken. Palisadenstämme schützten die West- und Südseite. Barackenähnliche Lagergebäude dienten als Nord- und Ostwälle. Die Männer schlugen ihre Zelte außerhalb auf, die entladenen Wagen blieben drinnen. Die Expedition hatte ihre Versorgungsbasis um hundert Meilen vorverlegt, von Fort Dodge aus gerechnet.

Charles hörte, daß Custer und Sully fast ständig miteinander stritten. Custer war immer noch wütend auf seinen Rivalen.

Eine Vorhut, bestehend aus weißen Scouts und Kaw-Fährten-lesern, tauchte im Norden auf und verkündete die Ankunft von General Sheridan und seiner dreihundert Mann starken Eskorte der Nineteenth Kansas Volunteer Cavalry. Custer sattelte und galoppierte los, um den Departement-Kommandeur zu begrüßen. Bei Anbruch der Nacht stampfte Little Phil im Lager herum, schüttelte die Hände und fluchte abscheulich über den grimmigen Hagelsturm, der seinen schnellen Vormarsch von Fort Hays gestört hatte. Sheridan besaß einen gedrungenen Körper, mit schwarzen Augen und einem spitzen Mongolenschnurrbart. Charles hatte zwar noch nie einen Barkeeper aus der New Yorker Bowery gesehen, aber Little Phil entsprach seiner Vorstellung davon.

Später am Abend, als Charles zusammen mit den anderen Scouts am Lagerfeuer saß, Old Bob schlafend an seinen Bauch gedrückt, hörte er Musik. Er erkannte >Marching Through Georgia<.

»Was zum Teufel geht da vor, Henry?«

»Na ja, ich habe gehört, Old Curly hätte seine Kapelle losgeschickt, um General Sheridan den Abend mit einer Serenade zu verschönern. Erkennst du nicht die Melodie?« Er grinste. »Das Stück sollte eigentlich >Farewell, General Sully< heißen.«

Es war der sechste Tag nach dem Aufbruch vom Camp am Arkansas. General Sheridan übernahm persönlich das Kommando; ganz überraschend brachen auf einmal Sully und sein Stab zu ihrem Hauptquartier in Fort Harker auf. Es ließ sich unschwer sagen, welchem Kommentar Little Phil beim Streit um den höheren Rang den Rücken gestärkt hatte.

Die Quartiermeister begannen, an die Männer des Siebten Regiments mit Büffelfell besetzte Mäntel, hohe Leinenleggings, Pelzhandschuhe und Pelzmützen auszugeben. Sheridan befahl Custer, er solle mit seinen elf Kompanien am 23. November bei Tagesanbruch marschbereit sein.

Die ganze Nacht hindurch wurden Rationen und Munition ausgegeben. Pferde wurden inspiziert, untaugliche Pferde wurden ersetzt. Custer nahm sich ein neues Pferd, Dandy. Die besten Gespanne wurden vor die stabilsten Wagen gespannt, die mit Proviant für dreißig Tage beladen wurden.

Nach Einbruch der Dunkelheit senkte sich eine merkwürdige Stille über das Versorgungslager. Charles hatte ein ähnliches Schweigen vor Sharpsburg und mehrmals in Virginia erlebt. In diesen letzten Stunden vor dem ernsthaften Beginn eines Feldzuges war ein Mann gern allein mit sich oder seiner Bibel oder mit einem Stift, mit dem er, nur für den Fall der Fälle, einen Abschiedsbrief schrieb. Charles schrieb eine solche Nachricht für Duncan, der sie dann dem kleinen Gus vorlesen sollte. Er versiegelte den Brief gerade, als Dutch Henry in ihr gemeinsames Zelt gestampft kam.

»Rat mal, was wir draußen haben.«

»Das übliche. Wind.«

»Mehr als das.« Er hielt die Zeltklappe hoch. Charles sah die weißen, treibenden Flocken. »Die Schneedecke wächst schnell. Es hieß, das würde ein Winterkrieg. Ich will verdammt sein, wenn das ein Witz war.«

Old Bob schnarchte gelegentlich, doch Charles konnte nicht schlafen. Ungeduldig wartete er bereits eingehüllt in seinen Zigeunermantel, als die Trompeter um vier Uhr zum Wecken bliesen.

Er vergewisserte sich, ob sein Kompaß auch sicher in der Tasche steckte - nicht mal die Osages wußten Genaueres über das Land südlich vom Versorgungslager -, und trat hinaus, während Dutch Henry sich noch wachzugähnen versuchte. Der Wind heulte. Schnee peitschte seine nackte Haut. Vor dem Zelt war über zehn Zentimeter Schnee angetrieben worden. Kein verheißungsvoller Start.

General Custer, gleichermaßen zeitig wach, ließ sich Dandy satteln und ritt allein über das Campgelände, nur gefolgt von den beiden Hirschhunden Maida und Blucher. Dunkelheit und Schweigen hüllten ihn ein. Alles schlief.

Unbeeindruckt ließ er sich bei General Sheridan melden. Kurz darauf tauchte Little Phil aus seinem Zelt auf, zwei De-cken über seine lange Unterwäsche gewickelt. Eine Ordonnanz entzündete eine Laterne, während Custer sein unruhiges Pferd tätschelte. Der Schnee kam fast horizontal angefegt. Die Augen noch schmal vom Schlaf, ähnelte Sheridan einem Chinesen.

»Was halten Sie von diesem Sturm, General?« fragte Sheridan.

»Sir, ich glaube, nichts könnte uns gelegener kommen. Wir brechen auf, die Indianer werden sich ruhig verhalten. Wenn der Schnee eine Woche hält, dann bringe ich Ihnen einige Skalpe.«

»Ich warte«, sagte Little Phil und erwiderte den Salut seines eifrigen Kommandeurs.

Die Trompeten bliesen zum Aufbruch. Wie üblich bildeten die Scouts die Spitze; ihre Pferde kämpften sich durch den wachsenden Treibschnee. Der Wind fauchte. Man konnte kaum etwas hören, und die Ohrenklappen von Charles' Biberfellmütze machten die Sache nur noch schlimmer. Er hatte mit Verblüffung zur Kenntnis genommen, daß Mr. DeBenneville Keim, ein zusammen mit Sheridan angereister Journalist, auf einen der in der Finsternis verschwundenen Versorgungswagen geklettert war. Vielleicht hatte Custer den Reporter davon überzeugt, daß es bei seiner Expedition schon einige berichtenswerte Taten zu sehen geben würde.

Er glaubte seinen Namen gehört zu haben. Er hob seine linke Ohrenklappe. »Was gibt's?«

»Ich sagte«, brüllte Dutch Henry, »daß wir einen Beobachter von Sheridans Stab dabei haben. Er reitet irgendwo da hinten zusammen mit Old Curly. Rat mal, wer es ist.«

In der schneegepeitschten Dunkelheit sah Charles ganz deutlich Venables Augen vor sich; trotz der Kälte spürte er ein heißes Prickeln auf seinem Rücken.

49

Als der Tag heraufdämmerte, war die Welt weiß. Charles band sich ein Halstuch um die untere Gesichtshälfte, doch die Schneekristalle stachen immer noch schmerzhaft in die nackte Haut. Das unaufhörliche Geheule und Gejaule des Sturms zerrte an seinen Nerven.

Schneekrusten bildeten sich an seinen Augenbrauen. Charles drehte sich um, konnte aber nichts erkennen, obwohl er Männer hinter sich hörte. Einer von ihnen brüllte, daß die Gespannfahrer, die mit ihren Wagen bereits eine Meile zurückgefallen waren, weiterhin an Boden verloren.

Griffenstein trieb sein Pferd neben ihn. Sie versuchten, Bemerkungen über den Sturm auszutauschen, aber es lohnte die Anstrengung nicht. Jeder Mann hielt einen Handschuh vor sein Gesicht; steifgefrorene Finger krümmten sich schützend um die einzigen verläßlichen Führer in diesem Sturm - die Taschenkompasse. Die Nadeln wiesen ihnen den Weg nach Süden.

Gegen zwei Uhr nachmittags befahl Custer den Tageshalt. Die Kolonne hatte sich im Tal des Wolf Creek auseinandergezogen, das nach Charles' Schätzung nicht weiter als fünfzehn Meilen von ihrem Ausgangspunkt entfernt lag. Pferde und Männer waren so erschöpft, als hätten sie die doppelte Entfernung zurückgelegt. Niemand wußte, ob sie die Wagen je wiedersehen würden.

Baumgruppen standen am Ufer des zugefrorenen Flüßchens; um die Stämme herum waren die Schneewehen fünf bis sechs Fuß hoch. Unter den kahlen Bäumen entdeckte Charles große, dunkle, bewegungslose Formen, wie Statuen, die irgendein verrückter Bildhauer in die Wildnis gestellt hatte. Die Statuen erwiesen sich als Büffel, die mit gesenktem Kopf dem Sturm trotzten. Erst der Lärm der Äxte erweckte sie wieder zum Leben und ließ sie davontaumeln. Schützen erlegten drei von ihnen.

Wie Ameisen auf einem weißen Strand bewegten sich Charles und die anderen Scouts durch das verschneite Wäldchen. Sie gruben abgebrochene Äste aus, die aus Schneewehen herausragten, oder fällten kleinere Bäume; zumindest würden sie Feuer machen können, um sich zu wärmen, wenn sie schon wegen der verschwundenen Wagen nichts zu essen bekamen.

Charles und Dutch Henry türmten ihr Holz auf und gingen ihre Pferde füttern. Satan reagierte ausgehungert; er schlang seine kleine Haferration so gierig herunter, daß Charles dachte, der Schecke würde auch gleich noch seine Finger verschlingen.

Dann schaufelten sie, hauptsächlich mit den Händen, Schnee weg, um sich einen Lagerplatz zu schaffen. Als der Schnee nur noch ein paar Zentimeter hoch lag, stampften sie ihn fest; einen besseren Boden würden sie nicht bekommen. Als sie ihr Zelt aufschlugen und davor ein Feuer in Gang brachten, schmolz natürlich der Schnee und durchweichte ihre Decken.

Als die Nacht anbrach, vernahm Charles lautes Knirschen und Klatschen - die Wagen und die Peitschen der Fahrer. General Custer ritt vorbei, gefolgt von Maida und Blucher.

Custers Wangen waren so rot wie verbrannte Haut.

»... will jeden einzelnen dieser verdammten Drückeberger von Kutschern in zwanzig Minuten in meinem ...«

Der General verschwand hinter einem aufgeworfenen Schneeberg. Charles hatte ihn noch nie so schlecht gelaunt erlebt.

Old Bob, der sich den ganzen Tag über recht gut gehalten hatte, schien zu wissen, daß ihnen eine elende Nacht bevorstand. Er wich Charles nicht von der Seite und jaulte leise.

Sie packten ihre Pfannen aus, klappten die Griffe auf, schmolzen Schnee, kochten Pökelfleisch und brutzelten im Schweinefett aufgeweichte Zwiebackstücke. Zusammen mit Kaffee ergab das eine ganz passable Mahlzeit, obwohl Charles immer noch durchfroren und von vielen Kleidungsschichten wundgescheuert war. Er erinnerte sich wieder und wieder daran, weshalb er hier war, stellte sich die Angehörigen der Jackson Trading Company so vor, wie er sie zuletzt gesehen hatte.

Captain Fred Benteen stampfte vorbei und murrte: »Gottverdammter Idiot.«

»Wer?« fragte Charles.

»Der General. Wißt ihr, was er gerade getan hat?«

»Was?« erkundigte sich Griffenstein in einem Tonfall, der besagte, daß eine Massenexekution ihn nicht im geringsten überraschen werde.

»Er hat alle Kutscher unter Arrest gestellt, weil sie so langsam waren. Morgen dürfen sie ihre Wagen nicht fahren. Sie müssen laufen. Danach werden wir überhaupt keine Wagen mehr haben.«

Er verschwand im Schneegestöber. Old Bob jaulte, Charles rieb seine Schnauze und gab ihm ein Stück gekochtes Schweinefleisch. Von diesem Moment an machte sich ein vages Unbehagen über den Ausgang der Expedition in ihm breit. Es hatte nichts mit der Gegenwart von Harry Venable zu tun.

Charles war aufgrund seiner Rebellenvergangenheit so etwas wie eine Kuriosität. Louis Hamilton, der junge Captain, der die A-Kompanie befehligte, kam nach Einbruch der Dunkelheit mit dem Journalisten vorbei. Er stellte ihn als Reporter des >New York Herald< vor.

DeBenneville Keim wollte unbedingt mit Charles sprechen. Charles war alles andere als begeistert davon, schenkte ihm aber eine Tasse Kaffee ein, um sich gastfreundlich zu zeigen. Keim trank einen Schluck und zog dann ein kleines, abgeschabtes Büchlein aus seinem Mantel. Auf dem Buchrücken war der Titel mit Goldbuchstaben eingeprägt: Nach dem Krieg.

»Ich habe Whitelaw Reid gelesen, Mr. Main. Sie waren in South Carolina, als Sumter fiel. Sagen Sie mir, was Sie von dieser Passage über Sullivan's Island halten.«

Er reichte Charles das Buch. Reid war ein bekannter Unionskorrespondent, der unter dem Namen Agate Kriegsberichte geschrieben hatte. Er war einer der ersten drei Journalisten in Richmond gewesen. Charles zwinkerte ein paarmal, als die schmelzenden Schneeflocken von seinen Augenbrauen auf die Buchseite fielen; dann begann er zu lesen:

»Hier wurden vor vier Jahren die ersten Kriegsbefestigungen gebaut. Hier stürzten sich die schneidigen jungen Kavaliere, die arroganten Südstaatler, die auf den Yankee-Abschaum verächtlich herabschauten, so begeistert in den Krieg, als handelte es sich um ein Picknick. Hier brachten die Boote aus Charleston jeden Tag für die luxusgewohnten jungen Captains und Lieutenants Champagnerkisten, unzählige Pasteten, Fässer mit rotem Bordeauxwein und Tausende von Havannazigarren. Hier, zwischen Festen, Tanzbällen und Liebesabenteuern, stürzten sich die jungen Männer, die in der >Gesellschaft< von Newport und Saratoga den Ton angegeben hatten, in die Revolution, als wäre es ein Walzer .«

Keim legte ein rotes Notizbüchlein auf seine Knie. Die Seiten waren mit Kurzschriftgekritzel gefüllt. »Das ist eine sehr lebhafte Darstellung. War es wirklich so?«

Eine umfassende Trauer stieg in Charles auf. Er dachte an den armen Ambrose Pell. »Ja, aber es dauerte nicht lange. Und jetzt ist das alles längst dahin. Es wird niemals zurückkommen.«

Er klappte das Buch zu und gab es Keim zurück. Ein merkwürdiger, trostloser Ausdruck auf seinem Gesicht verbot jede weitere Frage; statt dessen wandte sich Keim an Dutch Henry. Charles streichelte Old Bob, damit er zu knurren aufhörte.

Am nächsten Tag ging der Marsch weiter; die bestraften Kutscher kämpften sich zu Fuß voran. Der Sturm ließ nach. Der Himmel wurde klar, aber das brachte ein anderes Problem mit sich. Das Gleißen der Sonne auf den Schneefeldern war für die Augen fast unerträglich.

Sie folgten dem Wolf Creek in südwestlicher Richtung, was es Charles ermöglichte, seinen Kompaß wegzustecken. Er ritt ein Stück vor einigen der Osage-Indianer, die ihm unruhige Blicke

zuwarfen, weil er mit rauher, monotoner Stimme vor sich hin

sang:

Das alte Schaf kennt die Straße,

Das alte Schaf kennt die Straße,

Das alte Schaf kennt die Straße ...

Das junge Lamm muß den Weg erst suchen.

»Wo hast du das gelernt?« fragte Dutch Henry.

»Die Neger auf den Küsteninseln singen es daheim. Ein Kirchenlied.«

»Bei dir hört es sich an, als gingen wir zu einer Beerdigung.«

»Ich habe ein komisches Gefühl bei der Sache, Henry. Ein schlechtes Gefühl.«

»Nun, du wolltest hier dabei sein.«

»Das wollte ich.« Charles zuckte die Achseln; vielleicht war er nichts weiter als ein verdammter Narr. Doch das Unbehagen blieb.

Ihre Marschroute sollte sie so weit flußaufwärts führen, daß sie dann nach Süden auf die Antelope Hills nahe dem North Canadian zuhalten konnten. Der Wolf Creek verlief bald schon in mehr westlicher Richtung. Erschöpft von den vielen Schneewehen und halb blind von einer Sonne, die nicht warm genug war, um den Schnee zum Schmelzen zu bringen, taumelten sie in ein weiteres Lager auf einer Klippe über dem Fluß. Charles hörte, daß einer der Kutscher einen Revolver auf Curly gerichtet hatte, der ihn in die Hoden getreten, eigenhändig entwaffnet und dann befohlen hatte, ihn mit verknoteten Seilen auszupeitschen. Griffenstein erzählte, Custer hätte den Reporter kommen lassen und ihm befohlen, kein Wort über die Bestrafung zu schreiben, falls er die Expedition noch weiter begleiten wollte.

»Bißchen dämlich, einen Reporter so vor den Kopf zu stoßen, meinst du nicht, Charlie?«

»Nicht, wenn du auf der Hut bist. Nicht, wenn du eines Tages Präsident werden möchtest.«

Am nächsten Morgen wichen sie von ihrem Westkurs ab und gingen direkt in südlicher Richtung. Gelegentlich tauchten kleine Baumgruppen als dunkle Flecken am Horizont auf, wie Holzkohlenschmierer auf einem sauberen Zeichenblatt. Trotz dem tiefen Schnee ließ sich die Landschaftsform ungefähr erkennen. Vom Wolf Creek aus stieg die Prärie bis zu einer Kammlinie an. Am Nachmittag hatten sie den Kamm überquert; es ging wieder abwärts. An diesem Abend schlugen sie ihr Lager ungefähr eine Meile nördlich vom Canadian auf.

Charles und California Joe ritten ein Stück den Fluß entlang. Er war beträchtlich über seine Ufer getreten und strömte schnell dahin; im Wasser wirbelten Eisblöcke. Sie entdeckten eine Furt, die passierbar aussah. Joe Milner, der nüchterner war, als Charles ihn je zuvor gesehen hatte, trieb sein Maultier vorsichtig hinein. Plötzlich sank das Tier ein Stück ein.

»Treibsand. Nun, gibt keine andere Stelle zum Übersetzen. Muß auch so gehen.«

Nachdem er sich wieder herausgekämpft hatte, kehrten sie zurück und erstatteten Bericht. Custer schien zufrieden zu sein. Dutch Henry sagte, Major Elliott sei bereits ohne Wagen mit drei Kompanien aufgebrochen, um das Tal des Canadian nach Indianern abzusuchen. Die Gebrüder Corbin und mehrere der Osage-Indianer seien mit Elliott mitgegangen. Zum Schluß erinnerte Dutch Henry noch daran, daß morgen Donnerstag Erntedankfest wäre.

Charles war das ziemlich egal. Es war ein Feiertag des Nordens, und in dieser gefrorenen Einöde würden keine Armeeköche das traditionelle große Festmahl servieren.

Treibsand, eisiges Wasser und gefährliche Eisblöcke, die einige Radspeichen zerschmetterten, waren der Grund, daß die Cana-dian-Durchquerung am Erntedankfesttag länger als drei Stunden dauerte. Alle Soldaten, Zivilisten und Indianer waren durchweicht und erschöpft, als sie es endlich geschafft hatten, doch beim Anblick der Antelope Hills direkt vor ihnen lebten sie wieder auf. Daß sie dieses vertraute Gelände erreicht hatten, bewies doch, daß sie nicht ziellos durch die Gegend marschiert waren.

Die fünf dichtgedrängten Hügel hatten eine Höhe von hundertfünfzig bis dreihundert Fuß. Zwei waren konisch, drei zogen sich länglich hin, und von dem höchsten Hügel hatte man eine wunderbare Aussicht auf das ganze Land: im Rücken den sich windenden Canadian und vorne wellige Schneefelder, die bis weit hinter den Horizont zu reichen schienen.

Am frühen Nachmittag signalisierten Rufe die Annäherung eines Reiters aus der Richtung, die Elliotts Kolonne eingeschlagen hatte. Trompeter riefen die Offiziere und Scouts zu Custers großem Zelt, wo allgemeine Erregung ausgebrochen war. Maida und Blucher sprangen herum und japsten. Custer verpaßte jedem Hund einen leichten Schlag mit seiner Reitpeitsche, und sie gaben keinen Laut mehr von sich.

»Wiederholen Sie alles für die Neuankömmlinge, Jack«, sagte Custer.

»Major Elliott befindet sich ungefähr zwölf Meilen weiter am Nordufer. Dort ist eine Furt mit massenhaften Spuren. Ungefähr hundertfünfzig Indianer sind da durch, Richtung Süden mit leichter östlicher Abzweigung. Die Spuren sind höchstens einen Tag alt.«

Charles Finger begannen zu zucken. Aufgeregtes Gemurmel begrüßte die Neuigkeit, und Custers rotes Gesicht strahlte förmlich. Harry Venable, dessen feindselige Blicke Charles nicht länger störten, sprach das Offensichtliche aus:

»Wenn wir unsere Richtung beibehalten und sie ebenfalls, dann kreuzen sie unsere Fährte vor uns. Vielleicht heute noch.«

»Bei Gott«, sagte California Joe, leicht schwankend von einer kurz zuvor genossenen Erfrischung, »es ist Erntedankfest, und wir haben Custers Glück.«

Einige der kriecherischen Offiziere riefen: »Hört, hört!« und klatschten. Die Anti-Custer-Männer einschließlich Benteen schauten grimmig drein. Custer selbst sah frisch und gestärkt aus; er konnte keinen Moment stillstehen.

»Die Männer sollen in zwanzig Minuten bereit für einen Nachtmarsch sein. Keine Zelte, keine Decken. Hundert Schuß pro Mann, etwas Kaffee und Zwieback, das ist alles. Wir nehmen sieben Wagen und eine Ambulanz mit. Der Rest des Versorgungszuges bleibt hier mit einer Kompanie und dem diensthabenden Offizier. Wo steckt er?«

»Hier, Sir.« Captain Louis Hamilton trat vor. Er schaute unglücklich drein. »Ich erbitte die Erlaubnis des Generals, mit der Truppe gehen zu dürfen. Ich möchte wetten, diese verdammten Indianer sind ganz nah an Ihrem Lager dran, und wir werden sie finden.«

»Ich freue mich über Ihren Enthusiasmus, Hamilton, und teile ihn.« Mittlerweile tanzte Custer fast schon im Zelt herum. Sein Blut war in Wallung, und das aller anderen auch. Charles fragte sich, warum er nach so vielen Jahren der Sehnsucht nach Rache diese Erregung nicht teilte.

Custer fuhr fort: »Wenn Sie in zwanzig Minuten einen Ersatz finden, können Sie mit uns kommen.«

»Jawohl, Sir!« rief Hamilton, wie ein Junge, der eine Handvoll Candy geschenkt bekommen hatte. Er flitzte hinaus, ohne zu salutieren. Alle lachten.

Zu Jack Corbin gewandt, sagte Custer: »Schaffen Sie es zurück zu Major Elliott?«

»Mit einem frischen Pferd schon, General.«

»Sagen Sie ihm, er soll die Verfolgung mit aller Energie fortsetzen. Unsere Wege sollten sich gegen Einbruch der Dunkelheit kreuzen. Teilen Sie ihm mit, daß er darauf achten soll.«

Corbin eilte davon. Custer entließ die anderen. Es gab ein gewaltiges Gedränge beim Verlassen des Zeltes. Dutch Henry explodierte fast vor guter Laune. »Endlich kriegen wir das, wofür wir gekommen sind, Charlie.«

In exakt zwanzig Minuten wurde zum Aufbruch geblasen. Die Truppen, elf Kompanien und Cookes Scharfschützen, kämpften sich wieder durch die hohen Schneewehen gen Süden vor. Hamilton war dabei; ein unter teilweiser Schneeblindheit leidender Offizier hatte sich bereit erklärt, das Kommando über die Wagen zu übernehmen.

Das Wetter hatte sich etwas beruhigt; der Schnee schmolz. Nach einigen Stunden galoppierten Langes Seil und ein weiterer Osage an Charles vorbei und brüllten: »Mich finden! Mich finden!« Dutch Henry musterte den Weg vor ihnen. Charles drängte Satan neben das Pferd des großen Mannes. Einige der streunenden Hunde sprangen bellend herum.

Sie hatten wirklich was gefunden. Die Spuren eines Indianertrupps, so groß, wie Corbin gesagt hatte, waren deutlich zu sehen. Keine Spur von Schleppstangen. Also Krieger. Unterwegs zur Jagd oder zu einem letzten Überfall. Die Fährte führte durch das flache, baumlose Land in südöstlicher Richtung.

Gegen Ende des Tages begann sich die Landschaft erneut zu verändern. Die Prärie senkte sich als endloser, sanfter Abhang auf einen baumbestandenen Horizont zu, der noch Meilen entfernt im Dunst lag. Custer schickte Griffenstein voraus mit dem Befehl, Elliott zu finden und dessen Vormarsch zu stoppen, bis die Hauptkolonne aufgeschlossen hatte. Als Treffpunkt sollte Elliott einen Ort wählen, wo es fließendes Wasser und genügend Holz gab.

Charles schätzte die Zeit auf fünf Uhr nachmittags, als sie den Waldrand erreichten. Sein Magen gurgelte und krampfte sich schmerzhaft zusammen. Er war überzeugt davon, daß Satan genauso hungrig war; keines der Pferde hatte seit heute früh um vier etwas zu fressen bekommen. Charles hatte lediglich ein Stück Zwieback heruntergewürgt und sich beinahe einen Zahn daran ausgebissen. Ihm wurde klar, daß die Sache zu einem von Custers unbarmherzigen Gewaltmärschen ausgeartet war.

Weiter und weiter ritten sie durch das Waldlabyrinth. Dunkelheit kam und erneute Kälte. Die aufgeweichten Schneewehen überzogen sich mit einer harten Kruste, die unter jedem Huftritt splitterte; die Nacht schien von Musketenfeuer widerzuhallen. Hunde bellten, Säbel klirrten, Männer fluchten, während sie bis sieben Uhr und noch länger marschierten.

Acht Uhr vorbei.

Gegen neun Uhr sah Charles ein organgefarbenes Glühen. Er bog um einen dunklen Baumstamm und entdeckte weitere glühende Punkte. Er trieb Satan an den Osage-Indianern vorbei auf eine Lichtung. Ein Wachposten rief ihn an, und Charles brüllte zurück: »General Custers Kolonne! Ist das Elliott?«

»Ja, wir sind hier.«

»Wir haben sie gefunden«, rief er zurück. Er hörte Jubelrufe.

Major Elliotts drei Kompanien rasteten am Steilufer eines Flusses. Auf der Südseite, die natürliche Deckung durch die Uferbank ausnutzend, brannten kleine Kochfeuer. Die Kolonne stieg ab und machte Rast. Die ausgelassene Feierstimmung erinnerte ihn an jene ersten fröhlichen Tage, die Whitelaw Reid beschrieben hatte.

Captain Harry Venable ritt die Reihe ab mit der guten Nachricht: »Eine Stunde Rast. Sattel und Zaumzeug von den Pferden.«

Die Zeit schien wie im Fluge zu vergehen. Charles zerrte das Zaumzeug von seinem Schecken, trocknete ihn, so gut es ging, und gab ihm den Hafer, den er dabei hatte. Er fütterte auch Dutch Henrys Pferd, während sein Freund Kaffee heiß machte.

Zusammen mit einigen Stück Zwieback war das ihr üppiges Erntedankfestmahl.

Punkt zehn wurde ohne Trompetensignal aufgebrochen. In Viererreihen bewegten sich die Kavalleristen das Steilufer hinab, durchquerten den Fluß und ritten die andere Seite wieder hoch. Die Schneefelder glitzerten in diamantener Pracht; ein leuchtender Mond stand am Himmel.

Kleiner Biber und ein weiterer Osage führten die Kolonne zu Fuß an. Wegen des Lärms - des gewehrschußähnlichen Krachens der Schneekruste - hatten die Fährtensucher einen Vorsprung von vierhundert Metern vor der ersten großen Reitergruppe, zu der die anderen Osage-Indianer und die weißen Scouts gehörten, die alle in Einerreihe folgten. Custer ritt mit seiner Gruppe, umgeben von seinen kläffenden Hunden.

Charles dirigierte Satan auf einen großen, ungefähr fünf Fuß hohen Baumstumpf zu. Er zuckte zusammen, als sich der Stumpf plötzlich bewegte. Kleiner Biber hatte auf sie gewartet.

»Dorf«, sagte er.

Custer hatte das mitbekommen. »Was ist los?« rief er.

»Dorf nah.«

»Wie nah?«

»Nicht wissen. Aber Dorf ist da.«

Das indianische Spurenlesen war so tief in Mysterien verstrickt, daß Charles nie einen Versuch gemacht hatte, es zu verstehen. Graue Eule hatte dieses intuitive Wissen gehabt, und es war dumm von den Weißen, das zu mißachten. Custer tat es nicht.

»Sehr gut, Kleiner Biber. Geh wieder an deinen Platz. Und leise, leise.« In der Dunkelheit hörte er ein paar Kavalleristen lachen und scherzen. Custer ließ sein Pferd herumwirbeln, wobei er beinahe einige Hunde zertrampelt hätte. Charles sah das messerscharfe Profil seiner Nase gegen den mondhellen Himmel. »Kein Wort mehr. Von nun an schneid' ich jedem Mann die Kehle durch, der spricht.«

Charles zweifelte nicht, daß er genau das tun würde. Seine Nerven waren jetzt bis zum Zerreißen gespannt. Das unbehagliche Gefühl verstärkte sich. Die schwarze Schlange der Reiter und Pferde schob sich weiter über die mondhelle Schneedecke vor, jetzt ohne Wagen oder die Ambulanz; Custer hatte sie zusammen mit Quartiermeister Lieutenant Bell zurückgelassen.

Sie schienen sich in einer Region zu befinden, in der die Hügelkämme parallel zueinander von Osten nach Westen verliefen, mit schmalen Tälern dazwischen. Sättel knirschten. Der Schnee krachte. Weit entfernt heulte ein Wolf; ein anderer antwortete.

Wieder stießen sie auf zwei Osage-Indianer, die auf die Hauptkolonne warteten. »Riechen Feuer«, verkündete Kleiner Biber.

Custer zog Dandy herum, nachdem das Pferd beinahe auf Blucher getreten wäre. »Ich nicht.«

»Feuer«, beharrte der Indianer.

»Geht nachsehen. Griffenstein, Main, gehen Sie mit ihm.«

Charles pellte seine Handschuhe ab. Er zerrte das Halstuch von seinem Gesicht, damit er sich die Lippen lecken konnte, steif wie Holz und von schmerzhaften Rissen durchzogen.

Er griff über die Schulter und zog die Spencer aus dem Beutel. Die beiden weißen Männer nahmen Kleiner Biber in die Mitte und ließen ihre Pferde im Schritt über ein Schneefeld auf einige weit auseinanderstehende Bäume zugehen.

»Da ist was«, sagte Charles leise. Er deutete auf einen orangefarbenen Fleck, kleiner und schwächer als jene, die sie gesehen hatten, als sie Elliott entdeckten. Dutch Henry zog seine beiden Revolver und spannte sie. Charles hielt seine Spencer bereit.

Die Scouts trieben ihre Pferde zwischen die Bäume. Charles roch den Rauch jetzt deutlich. Das Feuer im Windschatten einiger dorniger Büsche war so gut wie erloschen.

Satan witterte etwas Merkwürdiges, das ihm nicht gefiel. Charles tätschelte den Schecken, um ihn zu beruhigen. Als er mit einem Stock in dem Feuer stocherte, flammte die Glut auf; in dem Schein konnten sie den Boden erkennen. Es war eine aufgewühlte Masse aus Schnee und Matsch. Er trat in einen noch weichen Pferdeapfel. Das Aroma vermischte sich mit dem des Feuers.

»Eine Ponyherde hat hier tagsüber zu grasen versucht, Henry. Ich verwette mein Leben, daß die Pferdewächter dieses Feuer hier unterhalten haben.«

»Also können wir nicht weiter als zwei, drei Meilen vom Dorf entfernt sein?«

»Richtig. Aber wessen Dorf?«

»Spielt das eine Rolle?«

Die Frage brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Das Unbehagen kehrte verstärkt zurück. Kleiner Biber begann schlurfend zu tanzen und dazu leise zu murmeln und zu singen. Er witterte den bevorstehenden Kampf.

»Ich bring' dem General die guten Nachrichten«, sagte Dutch Henry und zog sein Pferd herum.

Custer schickte die beiden Scouts zu Fuß erneut vor. Charles' Mund fühlte sich wie ein ausgetrockneter Gully an. Sein Pulsschlag hämmerte schmerzhaft bis in seine Kehle.

»Vorsicht. Das schaut wie ein Steilabfall aus«, warnte Dutch Henry. Auf dem Bauch schoben sie sich bis an die Kante vor. Ein steiler Abhang lag vor ihnen; schwierig für die Pferde, wenn auch nicht unmöglich.

Sie starrten hinunter in das Tal eines seichten Flusses. »Muß der Washita sein«, sagte Dutch Henry. Der Fluß lag direkt unter ihnen da, im Mondlicht silbern leuchtend. Er verlief ungefähr von Ost nach West. Links von ihnen, ungefähr zwei Meilen östlich, schlug der Fluß einen Bogen nach Norden und verschwand hinter einigen Hügeln.

Hinter einer offenen Fläche auf der anderen Seite des Flusses deutete eine dunkle Masse auf dichteren Wald hin. Trotz des strahlend hellen Mondes und des unglaublichen Sternengefun-kels war sonst kaum etwas zu erkennen. Charles schnüffelte. Auch Dutch Henry roch den Rauch von der anderen Flußseite her.

Drüben im Wald bellte ein Hund. Charles hätte es beinahe die Haare aufgestellt. Ein paar Sekunden später hörte er das Schreien eines Babys.

»Von hier oben kann man die Zelte nicht sehen«, sagte Dutch Henry. »Wenn ich tiefer gehe, kann ich sie vielleicht als Silhouette gegen den Himmel erkennen.«

Er kroch den Hang hinunter; Charles blieb zurück, den stärker werdenden Rauch in der Nase. Ein leises Klirren zeigte ihm plötzlich die Ponyherde, eine dunklere Masse, die von dem Wald fortströmte.

Kurz darauf kam Griffenstein wieder hochgekrochen. »Wir haben sie«, flüsterte er. »Die Tipis stehen da hinten zwischen den Pappeln. Ungefähr fünfzig. Gehen wir.«

Während sie sich davonstahlen, dachte Charles: Fünfzig. Aber zu wem gehören sie?

Custer hielt seine Taschenuhr ins Mondlicht. »Ungefähr dreieinhalb Stunden bis zur Morgendämmerung. Dann schlagen wir zu. Main, rufen Sie die Offiziere zusammen.«

In wenigen Minuten hatten sich alle versammelt. Custer teilte ihnen schnell mit, daß sie den Kriegstrupp bis zum Dorf verfolgt hatten, das sie im Morgengrauen angreifen würden. Char-les konnte hören, wie sich allgemeine Erregung ausbreitete. Ve-nable vergaß sogar, ihm einen seiner einschüchternden Blicke zuzuwerfen.

Mit unverhohlener Begeisterung entwarf Custer sofort einen improvisierten Plan. Er teilte seine siebenhundert Männer in vier Abteilungen auf, wobei drei davon die Hauptkolonne unterstützen sollten, die den Angriff von dem Abhang aus, von dem Charles und Griffenstein das Dorf beobachtet hatten, führen würde. Eine der Abteilungen sollte, falls möglich, einen vollständigen Bogen um das Dorf schlagen. Mit den ersten Klängen der Kapelle würde der allgemeine Angriff erfolgen. El-liotts und Thompsons Abteilungen sollten augenblicklich zu ihren Positionen aufbrechen.

»Die Männer, die hierbleiben, können absitzen. Ich möchte kein Wort hören, das über ein Flüstern hinausgeht. Ansonsten kein Geräusch. Niemand läuft herum, niemand stampft mit den Füßen, selbst wenn er am Erfrieren ist. Keine Streichhölzer dürfen für Pfeifen oder Zigarren angerissen werden. Jeder Mann, der diesen Befehlen nicht gehorcht, wird sich bei mir persönlich verantworten müssen. Venable, tun Sie mir einen Gefallen! Bringen Sie Maida und Blucher nach hinten, und übergeben Sie sie der Obhut von Sergeant Major Kennedy, bis wir abmarschieren.«

Venable gefiel dieser untergeordnete Auftrag ganz und gar nicht, doch er widersprach nicht, sondern stieß lediglich einen leisen Pfiff aus. Die gut dressierten Hirschhunde folgten ihm. Custers Fransenhandschuh faßte mit einer Bewegung die anderen Hunde in der Nähe der Offiziere zusammen. »Main, Sie töten zusammen mit Griffenstein diese Streuner.«

Charles hatte das Gefühl, als hätte jemand ihm eine Nadel in den Kopf gebohrt. »Wie bitte, Sir?«

»Sie haben mich gehört. Wir wollen die Überraschung auf unserer Seite haben. Diese Hunde könnten uns verraten. Schafft sie uns vom Halse, auf der Stelle.«

Charles starrte, und Custer gab den Blick zurück, seine Augen schwarze Höhlen in der Düsternis. Dutch Henry legte Charles einen Handschuh auf die Schulter, entweder um ihn zu besänftigen oder um ihn zurückzuhalten. Captain Hamilton brachte die Dinge in Gang, indem er einigen Lieutenants befahl: »Holt Seile. Wir binden ihnen vorher die Schnauzen zu.«

Charles sprang in der Absicht auf Old Bob zu, ihn zu packen und nach hinten zu tragen. Custer schnappte: »Nein. Ich sagte, alle Hunde.«

»Ich tu's nicht.«

Custer warf ihm einen langen Blick zu. »Wir kriegen ein weiches Herz, was? Überwinden Sie das, bevor wir das Dorf angreifen.« Er stolzierte davon; seine winzigen Goldsporen blitzten im Mondschein.

»Geh weg. Schau nicht zu«, flüsterte Dutch Henry.

Die Lieutenants kamen mit den Seilen angerannt. Die Männer umzingelten die insgesamt zehn Hunde, und nach einigen Kämpfen und Jagden lagen alle gefesselt mit zusammengebundenen Schnauzen da. Charles ging ein Stück in den Wald und lehnte sich gegen einen Baum, das Gesicht dem Dorf zugewandt. Er hörte das Klirren, als die Säbel gezogen wurden. Dann ein rasendes Japsen, obwohl die Fesseln die Lautstärke dämpften. Das Japsen hielt eine Weile an, ebenso wie das Geräusch der Pfoten, die wie wahnsinnig in den verkrusteten Schnee schlugen. Charles wußte nicht, wer Old Bob die Kehle durchgeschnitten hatte, doch er sah den schlaffen, gelblichen Leib auf einem Haufen mit allen anderen liegen. Hastig ging er vorbei. Die Luft war fast kalt genug, um die bitteren Tränen in seinen Augen gefrieren zu lassen.

Der Flankentrupp zog los, um rechtzeitig bei Tagesanbruch in Position zu sein. Die Männer der Hauptkolonne konnten noch etwas länger rasten. Regungslos standen, saßen oder lagen die Männer bei ihren Pferden. Einige wenige zogen sich die Mäntel über die Köpfe und versuchten zu schlafen. Die meisten waren dafür zu angespannt.

Einige der Offiziere drängten sich zusammen, flüsterten in unterdrückter Erregung. Jack Corbins Pony begann zu stampfen und zu wiehern. Corbin konnte es nicht beruhigen. Charles ging hinüber und drückte dem Pony die Nüstern zusammen, bis es wieder still war. Ein Cheyenne-Trick, den ihm Jackson beigebracht hatte. Corbin bedankte sich flüsternd.

Charles duckte sich neben Satan zusammen, die Zügel von einer Hand in die andere wechselnd. Irgend etwas in ihm stimmte nicht, ein gefährlich explosives Gefühl drängte hoch. California Joe versorgte sich mit etwas flüssigem Mut aus seinem anscheinend unerschöpflichen Vorrat. Er reichte den Krug an Dutch Henry weiter, der nach Offizieren Ausschau hielt, bevor er hastig trank. Milner bot Charles den Krug an. Charles schüttelte den Kopf.

»Du scheinst nicht gerade wild auf den Kampf zu sein«, bemerkte California Joe. »Sollte recht munter werden. Wenn wir sie überraschen, sollten wir auch keine großen Probleme haben. Ich dachte, das ist's, was du willst. Ich dachte, deshalb hast du angeheuert. Cheyenne Charlie brennt darauf, ein paar Wilde umzubringen.«

»Halt's Maul«, sagte Charles. »Laß mich in Ruh, oder ich ramm' dir den Krug in den Hals.«

Er stand auf und ging davon. »Was ist denn in den gefahren?« erkundigte sich California Joe.

Dutch Henry konnte nur mit den Schultern zucken.

Als der Mond hinter dem Wald verschwand, begann sich ein dichter Bodennebel auszubreiten, der recht unheimlich wirkte. Custer klappte seine Taschenuhr immer wieder auf und zu. Endlich war es soweit. Er steckte die Uhr weg und schob seine Webley-Bulldog-Revolver mit den Elfenbeingriffen in ihre Taschen. Dann erteilte er seine letzten Befehle: Provianttaschen bleiben zurück: Umhänge und Säbel ebenfalls. Kein Schuß durfte abgefeuert werden, bis er das Signal gab.

Charles fühlte sich schwerfällig, schmutzig, müde, als er das rechte Bein über Satans Rücken schwang. Custer sah, daß sich die Kolonne formiert hatte, winkte seinen Trompeter neben sich und trieb Dandy im Schritt zwischen den Bäumen hindurch. Der Bodennebel wogte um die Knie des Tieres.

Plötzlich ging ein schwerer Atem durch die Reihen der Männer. Charles wandte sich nach Osten, wo Dutch Henry hindeutete. Über den Bäumen glühte ein goldener Lichtfleck.

»Der Morgenstern«, sagte jemand.

Der Planet stieg strahlend am Himmel empor. Custers Gesicht schien etwas von dem ehrfurchterweckenden goldenen Licht aufzunehmen und widerzuspiegeln.

»Bei Gott«, sagte er in ehrfürchtigem Ton. »Bei Gott. Diese Expedition steht unter einem guten Stern, das ist das Zeichen.«

Sie näherten sich der gezackten Klippe oberhalb des Flusses. Das gedämpfte Stampfen so vieler beschlagener Pferde klang Charles wie Donner in den Ohren. Sicherlich mußte das schlafende Dorf irgendwie darauf reagieren. Und da kam es auch schon; ein Hund bellte. In den nächsten Sekunden schlossen sich ihm ein weiteres halbes Dutzend Hunde an.

Custer hielt die rechte Hand empor und begann mit dem Abstieg. Dandy rutschte und schlitterte, erreichte jedoch den Fluß ohne Sturz. Andere machten sich ebenfalls an den Abstieg, die Scouts rechts von dem Trompeter, der die Kapelle nach unten führte.

Charles hatte seinen Zigeunermantel hochgezogen; sein Armeecolt steckte griffbereit im Gürtel. Mit einer Hand hielt er die Spencer quer über seinen Knien. Langsam stieg die Kolonne, unterbrochen von gelegentlichen unterdrückten Flüchen, zum Washita hinab. Unten am Fluß, wo das Wasser die Luft beträchtlich abgekühlt hatte, sah Charles die Pappeln auf der anderen Seite des Flusses aus einer neuen Perspektive. Gegen den blassen Himmel zeichneten sich die gekreuzten Stangen vieler Tipis ab.

Wessen Tipis?

»Trompeter!« begann Custer.

In den dunklen Wäldern hatte jemand einen Warnschuß abgefeuert. Custer stieß einen grimmigen Fluch aus. Dann passierten mehrere Dinge gleichzeitig. Von der offenen Fläche jenseits des Flusses drang Gewieher herüber, als wären viele Ponys plötzlich aufgeschreckt worden. Wahrscheinlich hatten sie die Pferde der Weißen gewittert.

Von dem Hintergrund des dunklen Waldes löste sich ein Mann mit einem Gewehr und rannte auf den Fluß zu. Custer sah den Indianer kommen und hob einen seiner Revolver.

»Trompeter, das Angriffssignal!« schrie er und feuerte vom Pferderücken aus. Der Indianer wurde zurückgeschleudert, das Gewehr flog ihm aus der Hand.

Der Trompeter blies zum Angriff. Rund um Charles herum brüllten und jubelten Männer. Noch bevor der Trompeter zu Ende geblasen hatte, stimmte die Kapelle >Garry Owen< an, und die Siebte Kavallerie durchquerte den Washita, um gegen das Dorf loszuschlagen.

50

Satan trug Charles mit einigen großen Sätzen über den Wa-W shita. Er umklammerte die Flanken des Schecken mit den Knien, während eisiges Gischtwasser hochspritzte. Dann galoppierten sie die Uferbank hoch. Neben sich sah er Griffenstein, in jeder Faust einen Revolver, ein Lächeln auf dem bärtigen Gesicht.

Der Tag brach an. Die ausgebleichten Fellabdeckungen der Tipis waren nun deutlich zwischen den Pappeln zu sehen. Das Bild war unverkennbar; es war ohne jeden Zweifel ein Cheyenne-Dorf. Rechts und links der Hauptstreitmacht griffen die Flankenkolonnen jubelnd und schreiend an. Charles hörte sogar einen Rebellenschrei.

Die Erde erbebte unter den donnernden Hufen. Plötzlich stieg die Sonne über den Horizont; der Washita schimmerte östlich des Dorfes in dem großen Bogen, wo er sich nach Norden wandte, orangefarben auf.

Die Cheyenne strömten aus ihren Zelten, gerade als die Kavalleristen über sie hereinbrachen. Die Männer versuchten, an ihre Bögen und Gewehre heranzukommen. Der Anblick der vielen Frauen und Kinder entsetzte Charles. Einige der verschlafenen Kleinen weinten. Die Frauen heulten vor Furcht auf. Hunde bellten und schnappten. Das plötzliche Gewehrfeuer der angreifenden Kavallerie verschlimmerte das Chaos noch.

Der Atem stand Charles in Wolken vor dem Mund. Er war noch fünfzig Meter von den ersten Tipis entfernt, doch einige Kavalleristen hatten sie bereits erreicht. Einer erschoß einen Hund, der nach den Pferden schnappte. Ein anderer jagte einer grauhaarigen Großmutter eine Kugel in die Brust. Die Frauen kreischten lauter, während ihre Männer vorwärtstaumelten, um sie zu verteidigen. Gegen die berittenen blauen Linien hatten sie nicht die geringste Chance.

Der Angriff trug Charles einen Pfad zwischen mehreren Tipis entlang, aus deren Abzugslöchern Rauch quoll. Mit krachenden Revolvern ritt Griffenstein vor ihm. Ein spindeldürrer alter Mann, der sich mit einem verblaßten roten Schild aus seiner Jugend verteidigte, starrte die Kavalleristen mit verständnislosen Augen an. Dutch Henry jagte ihm eine Kugel in den offenen Mund. Ein großer Blutfächer breitete sich hinter dem Mann aus und bespritzte sein Tipi wie Farbe.

Charles mußte sich auf Satan verlassen, daß er nicht zwischen die in Panik geratenen Indianer fiel, die schreiend auf die Soldaten einzuschlagen versuchten. Sein Verstand schien wie betäubt. Die Spencer hatte er noch kein einziges Mal abgefeuert.

Satan trug ihn den Pfad entlang zur anderen Seite des Dorfes. Dort machte Charles kehrt und wäre beinahe durch eine Kollision mit zwei Kavalleristen, die das gleiche Manöver ausführten, aus dem Sattel geschleudert worden. In ihren Gesichtern, in ihren glitzernden Augen sah er eine Begierde, die nicht mehr zwischen Kriegern, Frauen und Kindern unterschied.

Pulverdampfschwaden durchzogen die Luft. Charles trieb Satan einen anderen Weg entlang. Die Größe des Dorfes mochte ihrer ersten Schätzung entsprechen, ungefähr fünfzig Tipis. Zu seiner Linken rissen drei Kavalleristen ein Zelt nieder. Darunter waren die schrillen Stimmen entsetzter Kinder zu vernehmen.

Das Angriffstempo wurde langsamer. Die Männer der Abteilung, die das Dorf umrundet hatten, strömten herein und vergrößerten die allgemeine Verwirrung. Direkt vor Charles kam eine Frau hinter einem Tipi hervorgerannt, eine schmutzige Frau mit offenen Haaren, die einen kleinen weißen Jungen gegen ihre Schulter preßte. Schützend umklammerte sie den Kopf des Jungen. Ihre Hände und ihr Gesicht waren vom Wetter leicht gerötet; eine weiße Frau.

Sie schrie den Soldaten zu: »Mein Name ist Blinn. Mrs. Blinn.« Die Entführte, erinnerte sich Charles. »Bitte tut Willie nichts!« Eine Schußsalve ließ sie ruckartige Bewegungen wie eine Marionette vollführen. Dem kleinen Jungen fehlte der halbe Kopf, als er und seine Mutter in ein Tipi stürzten und es niederrissen.

Charles stieg die Übelkeit heiß in der Kehle hoch. Er jagte Satan an dem zerfetzten Tipi vorbei. Der erschossene Junge war nicht älter als sein eigener Sohn.

Die Wege füllten sich mit Kavalleristen, die trotz ihrer bockenden Pferde erregt um sich schossen. Charles sah einen Corporal mit einem blutigen Ärmel; ansonsten schien niemand von der Armee was abbekommen zu haben. Zwischen den Bäumen hindurch spähte er zu der offenen Fläche hinüber, die sie bei ihrem Angriff vom Fluß aus überquert hatten. Auf dem höchsten Geländepunkt saß Custer auf Dandy und beobachtete den Kampf durchs Fernglas.

Charles entdeckte Dutch Henry, der zwischen zwei Tipis auf einem von Kugeln durchsiebten Cheyenne kniete; mit einer Hand zerrte er den Kopf hoch, während er ihn mit der anderen skalpierte. Das Opfer lebte noch und kreischte. Sein Gesicht war zerfurcht und alt. Sechzig Winter oder mehr. Charles wandte sich ab.

Nicht alle Cheyenne waren so schwach und wehrlos. Gelegentlich sah er Jungs von zwölf oder dreizehn Jahren, die mit Messern oder Lanzen in selbstmörderische Duelle mit den Sol-daten verstrickt waren. Einer dieser Jungen sprang hinter einem Tipi hervor und stellte sich Charles entgegen. Er war barfuß, nur mit Leggings bekleidet. Von dem schwarzen Zopf über seinem rechten Ohr baumelte ein Erinnerungsstück an einen Kampf: ein Kreuz aus mattem Messing, von einem Riemen gehalten. Der Junge hatte ein feingeschnittenes Gesicht. Spuren von roter Farbe zierten seine Brust. Er war ein Junge, der in der Gemeinschaft des Roten Schildes aufgenommen werden sollte oder der das anstrebte und sich deshalb dementsprechend bemalte. All das ging Charles in den Sekunden durch den Sinn, die der Junge brauchte, um einen Pfeil auf die Sehne zu legen.

Charles hob die rechte Hand, benutzte die Zeichensprache, um dem Jungen zu sagen, er solle flüchten. Das Gesicht des Jungen verzerrte sich vor Wut, als er den Pfeil von der Sehne schnellen ließ. Charles warf sich auf Satans linke Seite, der Pfeil segelte über ihn hinweg.

Er zog seinen linken Fuß aus dem Steigbügel und sprang mit der Spencer zu Boden. Satan trottete zwischen den Tipis davon. In dem von Rauchschwaden durchzogenen Wäldchen, das vom ständigen Schreien und Wehklagen der Frauen nur so widerhallte, gestikulierte Charles mit dem Gewehr und rief in der Sprache der Cheyenne: »Lauf weg! Lauf weg, bevor sie dich töten!« Er wußte nicht, weshalb er sein eigenes Leben aufs Spiel setzte, er wußte nur, daß er sich nie an Greisen oder Kindern hatte rächen wollen.

Der Junge wollte keine Gnade. Er legte den nächsten Pfeil ein. Charles wich nach rechts aus, hoffte hinter das Tipi des Jungen zu kommen. Der Junge zog den Pfeil zurück. Charles rannte noch geduckt über die offene Fläche. Er sah, wie sich die Bogensehne spannte. Ihm blieb keine Wahl. Er feuerte.

Die Kugel traf den Jungen aus nächster Nähe in den Bauch und riß ihn vom Boden hoch. Er wirbelte herum und landete rücklings in den glühenden Kohlen eines Feuers. Sein Haar begann zu qualmen. Charles rannte auf ihn zu und zerrte ihn aus dem Feuer. Das Metallkreuz war bereits heiß und versengte ihm die Finger. Charles hatte einen bitteren Geschmack im Mund; Schweiß lief ihm in die Augen. Eine Welle von Phantasiebildern zeigte ihm Dinge, die der tote Junge nie sehen würde. Den nächsten Präriefrühling; einen weiteren Präriewinter. Die große Bisonherde, die das Land bedeckte. Die bewundernden Augen der ersten Frau, die er nahm.

Aufgewühlt riß er das Messingkreuz aus dem Zopf des Jungen und rammte es in seine Tasche. Etwas in ihm verlangte, daß er ein Erinnerungsstück aufbewahrte an das, was er getan hatte.

Zu Fuß machte er sich auf die Suche nach Satan. Die Szenerie im Inneren des Dorfes war mittlerweile vollkommen chaotisch. Die Dorfmitte wurde von der Siebten gehalten. Kleine, vereinzelte Cheyenne-Gruppen hatten hinter Bäumen und in flachen Gräben Deckung gesucht. Schnell formierten sich kleine Trupps, die ihr Feuer auf sie konzentrierten und sie töteten oder aus der Deckung trieben. Frauen versuchten im Kugelhagel zu fliehen; einige hielten Babys an sich gepreßt, andere traten ihre Kleinen buchstäblich, um sie zur Eile anzutreiben. Wo immer die Frauen in einen Kavalleristentrupp liefen, gaben sie auf. Jedenfalls die meisten. Charles beobachtete eine fette alte Squaw, die sich mit einem kleinen Messer auf drei Soldaten stürzte. Gewehrfeuer schleuderte sie zu Boden.

Er erwischte Satan, der laut wieherte; die merkwürdigen Gerüche und der Schlachtenlärm gefielen ihm ganz und gar nicht. Charles saß auf und galoppierte auf die Seite des Dorfes, die sie zuerst angegriffen hatten. Dort glaubte er die Darstellungen an einem großen Tipi erkannt zu haben. Er wußte, daß er sich nicht getäuscht hatte, als er zwei Indianer auf einem Pony von dem Tipi auf den sonnengesprenkelten Fluß zurasen sah. Selbst auf die Entfernung und durch den dichten Rauch hindurch erkannte er Schwarzer Kessel, der seine Frau vor sich sitzen hatte.

Ihr Pony erreichte das Ufer des Washita. Dort wurden sie von vier Kavalleristen eingeholt. Schwarzer Kessel hob um Gnade flehend die Hand. Eine Schußsalve fegte ihn und seine Frau vom Pony in den Fluß. Das erschrockene Pony trampelte auf der Frau herum, bevor es das andere Ufer erreichte.

»Jesus!« sagte Charles. Ein intensiver Ekel stieg in ihm auf. All seine Versprechungen der Vergangenheit und seine Rachsucht beschämten ihn nun. Das hätte Holzfuß Jackson nicht gewollt - Blutrache, die mit dem Leben von Kindern, Müttern und dem Leben des Friedenshäuptlings eingetrieben wurde, der ein Freund der Jackson Trading Company gewesen war und sie vor Narbengesicht geschützt hatte.

Er rammte die Spencer in die Sattelhalterung, senkte den Kopf und raste auf den Fluß zu.

Acht oder zehn Reiter galoppierten von hinten auf ihn zu, teilten sich, ritten den schlammigen Schnee aufschleudernd nach Osten. Ein grinsendes Gesicht drehte sich zu ihm um. »Da geht's dahin, Main - ein Brevet oder ein Sarg.« Jubelnd wie kleine Jungs galoppierten Major Elliott und seine Kavalleristen davon. Kurz darauf hörte Charles im Osten stoßweises Gewehrfeuer.

Wieder ließ er Satan auf den Fluß zutraben. Auf der offenen Fläche lagen gefallene Cheyenne, meist Männer, fast alle tot. Er entdeckte eine Leiche in blauer Uniform. Der Mund stand offen, die Augen blickten starr in den zertrampelten Schnee. Louis Hamilton - der gebeten hatte, nicht bei den Wagen zurückbleiben zu müssen, wenn der Ruhm auf ihn wartete.

Ganz plötzlich sprang Satan über ein Hindernis. Charles schaute nach unten. Da lag Custers Blucher mit einem Pfeil in der Kehle.

Charles erreichte den Washita; er schätzte, daß seit dem Angriff ungefähr zwanzig Minuten vergangen sein mußten. Das Gewehrfeuer ließ bereits nach. Die meisten Tipis im Dorf waren niedergerissen. Soldaten rannten hin und her, ohne noch sonderlich auf ihre Sicherheit zu achten; sie wußten, daß sie gewonnen hatten.

Er stieg ab und watete bis zur Hüfte in das strömende kalte Wasser. Auf halbem Weg befand sich eine Sandbank. Die Leichen von Schwarzer Kessel und seiner Frau waren dort angetrieben worden; ihr Körper ruhte halb auf dem seinen. Ihr Hinterkopf ragte aus dem Wasser. Der Kopf des Friedenshäuptlings war ganz untergetaucht, das Gesicht schaute nach oben; wegen der Klarheit des Wassers war jede Falte deutlich zu erkennen.

Charles verspürte einen heftigen Schmerz tief in seinem Magen. Dafür hatte er sich erst dem Zehnten und dann dem Siebten Regiment angeschlossen? Um bei der Ermordung eines Mannes behilflich zu sein, der nichts weiter als Frieden im Sinn gehabt hatte, der lediglich versucht hatte, den Weg des weißen Mannes zu gehen? An diesem klaren Wintermorgen am Washi-ta fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Er fühlte sich krank vor Schuld und Scham.

Er hob den wegen der nassen Kleidung sehr schweren Körper der Frau an, trug sie ans Ufer und legte sie dort nieder. Dann stapfte er wieder ins Wasser, um Schwarzer Kessel zu holen. Jetzt konnte er die fünf Schußwunden des Häuptlings sehen, die von der Frau verborgen worden waren. Tränen traten ihm in die Augen.

Schwarzer Kessel war irgendwie leichter. Charles zerrte ihn aus dem eisigen Flachwasser und trug ihn taumelnd auf seinen Armen ans Ufer - direkt in den Schatten eines Reiters hinein.

Charles blickte auf. Captain Harry Venable zielte mit ausgestrecktem Arm auf Charles. Die Waffe war ein 1860er-Armee-colt mit einer Elfenbeineinlage am Kolben.

»Lassen Sie die Leichen liegen, wo sie gefallen sind, oder nehmen Sie ihnen die Skalpe.«

»Ich werde weder das eine noch das andere tun. Diese armen alten Menschen waren einst meine Freunde.«

»Sie kennen sie?«

»Das sehen Sie verdammt richtig. Das ist Schwarzer Kessel, der Friedenshäuptling. Er versuchte das Dorf in Sicherheit von Fort Cobb zu führen, und dieser verfluchte Narr Hazen wies ihn ab. Das ist nun seine Belohnung.« Jetzt lag der alte Indianer schwer in seinen Armen. »Schwarzer Kessel war mein Freund. Ich habe die Absicht, ihn zu beerdigen.«

Venable begann zu lächeln. Jetzt hatte er Charles wegen Befehlsverweigerung dran. Er brachte den Colt in Anschlag. Das Wasser tropfte aus der Kleidung und den grauen Haaren von Schwarzer Kessel, sonst war kaum ein Laut zu hören.

Urplötzlich hallte die Morgenluft vom Sammelsignal wider. Venable wandte sich um und schaute zum Dorf. Berittene Kavalleristen und Soldaten zu Fuß folgten eilig dem Signal. Charles starrte in die Mündung des Colts. Das ist nun das Ende, dachte er. Gleichzeitig war ihm klar, daß er Schwarzer Kessel fallen lassen, nach seinem Revolver greifen und die Welt von Harry Venable befreien konnte. Er rührte sich nicht.

Die Trompete verzögerte Venables Schuß um ungefähr fünfzehn Sekunden. Während dieser Zeitspanne galoppierte ein Reiter vorbei. Es war Griffenstein.

Er riß sein Pferd herum und trieb es zwischen Charles und Harry Venable. »Bist du besoffen?« brüllte er Venable an und schlug ihm den Colt aus der Hand. »Wir bringen Rothäute um, keine Weißen.«

Ein anderer Offizier galoppierte auf die Bäume zu und schrie Venable an, er solle gefälligst seinen Arsch bewegen. Dutch Henry verstand zwar den Hintergrund der Konfrontation nicht, erkannte aber den Ernst der Lage. Er behielt den kleinen Mann aus Kentucky scharf im Auge, als er abstieg, den Colt aufhob und ihn vorsichtig zurückgab. Charles legte Schwarzer Kessel langsam neben seine Frau in den zerwühlten schlammigen Schnee.

Venable rammte seinen Revolver in das Halfter zurück, warf Charles einen Blick zu, der besagte, daß die Sache zwischen ihnen noch nicht ausgestanden war, und versetzte seinem Pferd einen Schlag mit den Zügeln. Zwischen den Leichen hindurch galoppierte er auf das Dorf zu.

»Was sollte dieser Scheiß?« wollte Griffenstein wissen. Er schien nun wieder er selbst zu sein; sein Gesicht war nicht mehr so gerötet wie vorhin, als Charles ihn mit dem Skalpmesser gesehen hatte. Der Skalp war mit seinem blutigen Haar an den Ledergürtel des Scouts geknotet.

»Venable hat noch eine alte Rechnung mit mir offen.« Mehr sagte Charles nicht.

»Er hält sich wohl besser ein bißchen zurück. Hier ist nicht der richtige Ort, um seinen Rachegefühlen nachzugeben.«

Für Charles hatten die Worte eine Bedeutung, die der Scout nicht erkennen konnte.

»Ich stehe in deiner Schuld, Henry«, sagte er.

»Ach was«, sagte Dutch Henry und wedelte abwehrend mit der Hand. »Kann doch nicht zusehen, wie ein Freund von so einem rotzigen Offizier eins verpaßt kriegt.« Mittlerweile saß Charles wieder im Sattel; widerstrebend ließ er den Häuptling und dessen Frau liegen. Dutch Henry war in bester Laune, als sie ihre Pferde dem Sammelpunkt zutrieben. »War das nicht ein toller Kampf?«

Charles starrte ihn an. Der Zorn drängte die Dankbarkeit zurück.

»Es war ein Massaker. Noch dazu an den falschen Leuten. Es ist eine gottverdammte Schande. Schau dir das an.« Er holte das Messingkreuz mit dem zerrissenen Lederriemen hervor. »Ich habe es einem jungen Burschen abgenommen. Das ganze Leben lag noch vor ihm. Ich mußte ihn erschießen, damit er mich nicht umbrachte.«

Griffenstein erfaßte die Tiefe von Charles' Gefühlen nicht. Er griff nach dem Kreuz. »Jedenfalls hast du ein hübsches Souvenir.«

Charles schloß seine Finger zur Faust. »Glaubst du, deswegen hab' ich's genommen, du dämlicher Ochse? Das hier ist kein Krieg. Das ist Gemetzel. Sand Creek noch mal von vorn.«

Die Überraschung des bulligen Scouts verwandelte sich in Ablehnung. »Werd erwachsen, Charlie. Die Dinge sind nun mal so, wie sie hier sind.«

»Scheiß auf die Dinge, wie sie sind.«

Erneut veränderte sich Griffensteins Gesichtsausdruck. Er betrachtete Charles mit dem gleichen Abscheu, mit dem ein Mann einen Choleraträger betrachten mochte. »Schätze, hier trennen sich unsere Wege. Eigentlich sollte ich dir wegen dem, was du zu mir gesagt hast, den Kopf abreißen. Schätze, ich werd's nicht tun, weil ich glaub', daß du verrückt geworden bist. Von jetzt an kannst du mit einem anderen reiten.«

Er galoppierte davon. Charles war es egal. Etwas in ihm war tot - war hier am Washita gestorben.

Im Dorf ging es lebhaft zu. Viele Soldaten ritten oder liefen herum und schnappten sich Souvenirs, bevor es verboten wurde. Charles sah Hemden und Hosen, von Skalps befleckt, die man den Toten heruntergerissen hatte. Ein junger Soldat zeigte seinen Freunden stolz zwei davon.

Am anderen Ende des Dorfes war die mehrere hundert Tiere zählende Ponyherde zusammengetrieben worden. Ungefähr fünfzig Frauen und Kinder waren gefangen worden; dazu kamen als Beute noch große Mengen Waren. Eine Anzahl guter Sättel, einschließlich einiger Armeesättel; Hacken und Büffelfellmäntel; Waffen, Kugelformen und Blei; Hunderte von Pfund Tabak und Mehl und ein großer Wintervorrat an Büffelfleisch. Als Charles herangetrabt kam, erteilte Custer gerade Befehl an Godfrey und seine K-Kompanie, die Beute zu sammeln und aufzulisten.

Den aufgeregten Gesprächen um ihn herum entnahm Charles, daß mehrere hundert Indianer tot waren. Er bezweifelte es. Wenn in jedem Tipi die üblichen fünf oder sechs Personen untergebracht waren, dann machte das insgesamt dreihundert Dorfbewohner. Überall lagen tote Indianer herum, aber niemals dreihundert. Viele Krieger mußten entkommen sein. Bei den Soldaten wußte man bis jetzt nur von zwei Toten: Louis Hamilton und Corporal Cuddy von der B-Kompanie. Niemand konnte sagen, was aus Elliotts Abteilung geworden war.

Erneutes Gekreisch und Gejammer. Drei Osage-Fährtensucher peitschten fröhlich einige gefangene Frauen mit Ruten. »Sie versuchen zu rennen«, erklärte ein Osage. Er und die anderen peitschten heftiger auf die Frauen ein, trieben sie zu einer größeren, bereits unter Bewachung stehenden Gruppe. Charles erinnerte sich an die Zeit, die er bei dem Volk von Schwarzer Kessel verbracht hatte, und glaubte mehr als eine Frau zu erkennen. Eine Squaw mit dicken Zöpfen und blutender Wange schien ihn ebenfalls zu erkennen, doch sie war die einzige. Sie sagte nichts, doch ihr starrer Blick reichte aus, um ihm das Gefühl zu geben, es würden Messer in seinem Bauch umgedreht.

»General.« Die scharfe Stimme gehörte Romero, dem Dolmetscher. Er stieß eine verschmutzte Frau vor sich her. Sie krampf-te ihre Hände ineinander und senkte den Kopf vor General Cu-ster, der immer noch frisch und energiegeladen wirkte. Charles fragte sich, wie das möglich war; er selbst war erschöpft und ganz benommen vor Müdigkeit und Hunger.

»Diese Frau, sie sagte, sie Mahwissa, Schwester von Schwarzer Kessel«, sagte Romero. Möglich, obwohl Charles während seines Winters hier die Frau nie gesehen noch etwas von einer Schwester gehört hatte. »Sie sagt, das ist nicht einziges Dorf am Washita.«

»Wo sind die anderen?« fragte Custer in die plötzliche Stille hinein.

Romero entdeckte eine abgebrochene Lanze. Er stellte sich neben den General und malte ein umgekehrtes U in den Schlamm. Er zog beide Ausläufer des U nach außen, dann bohrte er ein Loch unter den linken Balken. »Hier ist das Dorf von Schwarzer Kessel.« Aufwärts in Richtung der Biegung des U stach er wieder zu. »Arapahoe hier.« Am Ende des zweiten Balkens ein weiterer Stich. »Mehr Cheyenne hier.« Zwei weitere Stiche nahe der Enden. »Noch mehr - auch Kiowa. Alles Winterlager. Flußab.«

General Custers gesunde Gesichtsfarbe war verschwunden. Er sah so bleich wie der Schnee auf den Bäumen oben auf den Klippen aus. Charles glaubte zwischen diesen Bäumen eine Bewegung entdeckt zu haben.

»Wie viele in den Camps?« fragte Custer.

Romero sprach in Cheyenne zu der Frau. Charles bekam genug von ihrer Antwort mit, um ein erneutes Frösteln zu spüren. »Anzahl von fünf- bis sechstausend.«

Das Schweigen hätte einem Grab gut angestanden. Irgendwo jaulte ein Hund. Die lauschenden Soldaten, eben noch so lärmend und ungestüm, tasteten nervös nach ihren Waffen.

Charles zeigte sich von den unerfreulichen Neuigkeiten nicht überrascht. Custers hitziges Naturell zog den Ärger praktisch an. Er hatte die Verfolgung und den Angriff unter der unbegründeten Annahme durchgeführt, daß sie einen Kriegertrupp in ein isoliertes Dorf im Washita-Tal verfolgten. Der nächtliche Gewaltmarsch hatte wenig Zeit für weitere Überlegungen gelassen: Gab es nur ein Dorf? War der Kriegertrupp tatsächlich in dieses oder vielleicht in ein anderes Dorf zurückgekehrt? Selbst jetzt hatten sie noch keine Antwort auf die zweite Frage. Charles dachte, daß er Custer nicht zu hart beurteilen durfte. Ihm waren die Fragen ebenfalls nicht in den Sinn gekommen, obwohl sie nach Romeros Enthüllungen erschreckend offensichtlich waren.

Man mußte es Custer zugute halten, daß er sich keinerlei Bestürzung anmerken ließ. »Wir haben einen entscheidenden Sieg über den Feind errungen ...« Charles zog eine Grimasse. Zum erstenmal fiel ihm Keim auf. Der Reporter kritzelte in sein Notizbuch. »Wir werden mit der Zerstörung dieses Dorfes fortfahren. Wir müssen unsere Pflichten erfüllen ohne das leiseste Anzeichen, daß wir von den anderen Dörfern wissen oder uns darum kümmern. Sollte es weitere Indianer in der Nähe geben, so kennen sie unsere Stärke nicht.«

Irgend jemand murmelte: »Sie wissen bei Gott, daß wir keine fünftausend sind.«

»Der Feigling, der diese Bemerkung gemacht hat, soll vortreten.«

Niemand rührte sich. Das Gesicht des Generals rötete sich erneut. Custer öffnete den Mund, wahrscheinlich um seine Forderung nach einem Geständnis zu wiederholen, als einer der Osa-ge-Indianer seine Aufmerksamkeit mit einer plötzlichen Geste auf den Abhang jenseits des Flusses auf sich lenkte. Drei Krieger, mit Schild und Lanze bewaffnet, kamen dort oben aus dem Wald geritten. Am Rande der Klippe hielten sie ihre Ponys an. Ganz in ihrer Nähe glitten weitere Indianer ins Blickfeld.

Bald schon drängten sie sich oben an den Klippen, und immer noch kamen weitere hinzu. Custer sagte, diese Expedition sei gesegnet, dachte Charles. Sie ist verflucht.

51

Der leichte Sieg stellte sich als gar nicht so leicht heraus. Gegen elf Uhr waren auf den Klippen jenseits des Washita Hunderte von bewaffneten Arapahoe und Cheyenne zu sehen. Custer schäumte vor Wut, während die Männer weiter die Beute zusammentrugen. Er hatte seine Fahne über einem improvisierten Hospital in der Dorfmitte aufgezogen. Von hier aus erteilte er Befehle, daß die Männer zu einem Verteidigungsring innerhalb des Pappelwaldes ausschwärmen sollten, falls die Indianer angriffen.

Was sie auch taten. Eine Bande von zwanzig Cheyenne galoppierte von der zwei Meilen nordöstlich gelegenen Flußbiegung heran. Sie kamen über die offene Fläche zwischen den Hügeln gefegt und feuerten in den Wald. Charles, der neben Romero stand, erwiderte das Feuer. Custer schritt die Verteidigungslinie ab und trieb die Männer an.

»Zeigt euch nicht. Sie versuchen uns herauszulocken. Schießt so wenig wie möglich - wir sind knapp an Munition. Haltet durch. Sie werden nie in diese Wälder reiten.«

Das Klingeln seiner Goldsporen schien noch in der Luft zu liegen, nachdem er schon längst weitergegangen war. Romero warf Charles einen freudlosen Blick zu; Custer hatte recht, was die Munition anbelangte. Wenn sie hier länger eingeschlossen blieben, konnten die Indianer angreifen, ohne Gefahr zu laufen, beschossen zu werden.

Charles schob sein vorletztes Magazin in die Spencer und wischte sich die Augen. Sie tränten vor Müdigkeit und Rauch. Er spürte, daß ihn jemand beobachtete. Ein paar Schritte rechts von sich sah er Dutch Henry Griffenstein. Mit einem verächtlichen Lächeln sagte Griffenstein etwas zu dem Soldaten an seiner Seite. Der Kavallerist drehte sich um und starrte Charles an; Charles war sich darüber im klaren, daß er eine Gelegenheit finden mußte, sich bei dem Scout dafür zu entschuldigen, daß er ihn einen dämlichen Ochsen genannt hatte.

Nach ihrem letzten Angriff galoppierten die Cheyenne davon. Ein Krieger kniete auf seinem Pony und drückte sich den Daumen gegen sein Hinterteil. Keiner der Männer in dem rauchgeschwängerten Wald hielt das für komisch.

Charles blieb zwei Stunden an seinem Platz. Während dieser Zeit griffen ein halbes Dutzend Trupps von den Höhen aus an, obwohl keiner sich den Bäumen näherte. Custer hatte recht; die Indianer wollten sie auf die freie Fläche locken.

Hinter der Verteidigungslinie waren andere Kavalleristen damit beschäftigt, Tipis auseinanderzureißen und die Stangen mit Äxten zu zerhacken. California Joe schlüpfte von der anderen Seite des Waldes herein und berichtete, daß er weitere drei- bis vierhundert Indianerponys entdeckt hatte. »Müssen jetzt insgesamt acht-, neunhundert sein, General«, hörte Charles ihn zu Custer sagen, der erneut den Verteidigungsring abschritt.

Einer der Corbins löste Charles ab. Er stolperte hinter einen von Kugeln zerfetzten Baum, um seine schmerzhaft volle Blase zu erleichtern. Es half nicht viel. Er war düster gestimmt, voller Erinnerung daran, wie lebhaft und freundlich ein friedliches Cheyenne-Dorf sein konnte, mit Musik und Werberitualen und den Geschichten, die nach einem sündhaft großen Mahl am Feuer erzählt wurden. Im Gegensatz dazu war das Dorf von Schwarzer Kessel ein Friedhof, ein geplünderter Friedhof. Die Soldaten, die nicht in der Verteidigungslinie standen, türmten weiterhin Güter aus den zerstörten Tipis auf; Dutzende von Büffelroben, Hunderte von bemalten Pfeilen.

»Bringen Sie das beiseite«, sagte Custer zu seiner Ordonnanz. Er deutete auf ein niedergerissenes Tipi. »Wenn die Abdeckung unbeschädigt ist, packen Sie es für mich ein. Dann legen Sie all diese verschiedenen Haufen zusammen, und stecken Sie das Ganze in Brand.« Charles hörte deprimiert zu. Was Custer da tat, lief auf das Niederbrennen der Heime eines zivilisierten Volkes hinaus. Die Bewohner der Tipis würden - falls ihnen die Flucht geglückt war - an Unterkühlung sterben, wenn sie nicht anderswo Unterschlupf fanden. Er dachte, es wäre genug gewesen, die Cheyenne vorübergehend aus ihrem Dorf zu vertreiben.

Custer sah das anders. Bald schossen auf der offenen Fläche hinter dem Pappelwald die Flammen in die Höhe und fraßen sich durch die große Menge der niedergerissenen Tipis. Die Fellplanen erzeugten einen bitteren, dunklen Rauch, der sich wie eine Trauerfahne über den Winterhimmel hinzog.

Der General stellte einen Trupp zusammen, der von Joe Corbin und Griffenstein geführt wurde. Als die Abteilung den Wald verließ, erkundigte sich Charles bei Milner: »Wohin sind sie unterwegs?«

California Joe musterte ihn mißtrauisch; Griffenstein schien sich lang und breit über Charles' Verhalten ausgelassen zu haben. »Suchen Elliott.« Mehr sagte der Chef der Scouts nicht. Seine Sprache war wieder etwas undeutlich; offensichtlich war ihm sein Alkoholvorrat immer noch nicht ausgegangen.

»Wird auch Zeit, daß der General sich Sorgen um sie macht«, sagte Charles.

California Joe machte ein finsteres Gesicht. »Solche Meinungen behältst du besser für dich, Mister.« Er ging davon.

Ein wilder, grimmiger Zorn, den er nicht unterdrücken konnte, braute sich in Charles zusammen. Er umfaßte jeden weißen Mann in dem Pappelwald, sich selbst eingeschlossen. Während er an einem Zwieback nagte, seiner einzigen Nahrung heute, stieg plötzlich der Drang in ihm hoch, seinen Armeecolt zu nehmen und Custer zu erschießen. Der närrische Impuls ging vorbei, aber nicht der Zorn. Er verabscheute das, was hier geschehen war.

Wie Ameisen bewegte sich eine Reihe von Männern mit allem, was sie nur an verwertbaren Gegenständen auftreiben konnten, auf das Feuer zu. Während die Flammen immer höher loderten, ertönte plötzlich in der Verteidigungslinie Geschrei: »Bell kommt! Hier kommt Bell!« Charles und andere rannten an den Waldrand zur Flußseite hin. Da kamen ihre sieben Wagen angeschwankt, nachdem sie eine Furt weiter oben durchquert haben mußten. Auf beiden Seiten des Wagenzuges galoppierten Cheyenne und Arapahoe und bepflasterten sie mit Pfeilen und Kugeln.

Die Kutscher erwiderten das Feuer. Ein Krieger stürzte aus dem Sattel. Oben auf den Klippen versammelten sich weitere Kriegertrupps, um den Wagen den Weg abzuschneiden. Sie waren nicht schnell genug. Mit Lieutenant Jim Bell an der Spitze donnerten die Wagen in das Wäldchen. Funken schlugen aus den überhitzten Radnaben. Bells Wagen versuchte einem Baum auszuweichen, geriet aber ins Schleudern und stürzte um; die Ladung Munitionskisten knallte zu Boden. Die Kavalleristen rannten darauf zu und rissen die Kisten auf.

Bell taumelte mit rußigem Gesicht und einem rauchenden Revolver in der Hand auf Custer zu. »Konnte keine weiteren Befehle abwarten, General. Ein Indianerhaufen überraschte uns, und wir mußten uns zu der Furt flußaufwärts flüchten.«

»Das haben Sie gut gemacht«, sagte Custer. »Jetzt haben wir die Munition, die wir brauchen.«

Die Ankunft der Wagen schien den Soldaten neuen Mut eingeflößt zu haben. Sie kletterten auf die Wagen und warfen weitere Munitionskisten auf den Boden. Das Feuer prasselte, die Maultiere und Kutscher machten eine Menge Lärm, die Cheyenne-Frauen klagten, die Kinder weinten, und die wütenden Indianer gaben im Vorbeireiten Schüsse ab - allmählich begann Charles zu glauben, daß er sich in irgendeinem Teil der Hölle befand, der für die Verdammten der US-Kavallerie reserviert war.

Noch mehr Unruhe. Der Suchtrupp ritt von Osten her ein. Bleiche, verängstigte Kavalleristen saßen ab und begannen sich aufgeregt zu unterhalten. Custer rannte auf sie zu, brüllte nach Ruhe. Charles' Blicke suchten den Trupp ab. Kein Griffenstein.

»Wie weit seid ihr vorgedrungen?« fragte Custer.

»Zwei oder drei Meilen«, sagte Joe Corbin. »Wir gerieten unter schweren Beschuß und kehrten um. Einen Mann haben wir verloren. Von Elliott keine Spur.«

»In Ordnung. Ich bin sicher, Sie haben Ihr Bestes gegeben«, sagte Custer. Sofort trat Captain Fred Benteen vor und baute sich vor ihm auf.

»General, dabei können wir es nicht bewenden lassen. Vielleicht sitzt Elliott irgendwo fest. Ich werde mit einem anderen Trupp ...«

»Nein!« Custer musterte die Klippen über dem Fluß, wo Indianerhorden auf und ab ritten, unruhig und rastlos, weil es ihnen nicht gelungen war, die Soldaten ins Freie zu locken. Cus-ter merkte, daß Benteen erneut protestieren wollte, und fuhr ihm scharf über den Mund: »Nein, Sie werden gar nichts. Nicht jetzt. Wir stecken in der Klemme, aus der wir uns erst befreien müssen.«

Auch Charles steckte in der Klemme. Er hatte einiges in Ordnung bringen wollen, und jetzt war es zu spät dafür. Griffenstein würde nicht mehr zurückkommen. Ihm fiel auf, daß er sich zwar oft genug mit Dutch Henry unterhalten, sich aber nie nach dessen Familie erkundigt hatte. Griffenstein hatte auch nichts davon gesagt. Er war recht verschlossen gewesen; ein fähiger Westmann, der seine ganze Welt in sich trug. Sollte er irgendwo Verwandte haben, so konnte Charles sie nicht informieren.

Dämlicher Ochse. Die Erinnerung an diese Worte löste ein Gefühl in ihm aus, wie er es im letzten Kriegsjahr empfunden hatte. Er kam sich gemein und dreckig vor, bereit, jemanden zu verletzen.

Drei Uhr.

Custer sah verhärmt aus, als er die Offiziere und Scouts zusammenrief: »Wir müssen uns darauf vorbereiten, hier herauszukommen. Es gibt einige Probleme. Wenn wir uns bloß zurückziehen, werden die Wilden uns verfolgen, und ich will keinen sich hinziehenden Kampf in der Dunkelheit. Die Männer sind erschöpft. Also werden wir es mit einer Finte versuchen. In ungefähr einer Stunde treiben wir unsere Gefangenen zusammen und marschieren in dieser Richtung ab.« Die behandschuhte Hand deutete nach Nordosten. »In Schlachtordnung. So, als planten wir ein Dorf nach dem anderen einzunehmen. Wir werden ihnen Musik und eine Menge Selbstvertrauen vorspielen. Sie haben gesehen, was wir mit diesem Feindesnest hier angestellt haben. Ich denke, sie werden losrennen, um ihre eigenen Zelte zu schützen. Wenn ich mich nicht täusche, können wir dann bei voller Dunkelheit umkehren und nach Norden entwischen.«

Niemand erhob Einwände gegen diesen Plan oder lieferte auch nur einen Kommentar dazu; sie waren zu ausgelaugt, um Fragen zu stellen, und was Custer gesagt hatte, klang ganz vernünftig.

Der General hatte Asche im Haar und im Schnurrbart. Einer seiner Backenknochen hatte einen Blutschmierer abbekommen. Seine glänzenden Augen musterten das immer noch brennende Feuer. Er fügte hinzu: »Bevor wir gehen, müssen wir dieses Dorf vernichten. Vollständig vernichten. Venable!«

»Sir?«

»Nehmen Sie sich ein paar Männer, und holen Sie so viele Ponys aus der Herde, wie wir zum Transport der Gefangenen benötigen. Die anderen Gentlemen, Offiziere und Scouts, können sich dann ein Pferd ihrer Wahl aus der Herde holen. Dann möchte ich, daß Godfrey - wo steckt Godfrey? - ah, Godfrey, dann übernehmen Sie das Kommando.«

»Jawohl, Sir!« Lieutenant Godfrey wischte sich die Mundwinkel. In Charles' Ohren begann es zu rauschen, als sich seine schreckliche Vorahnung als richtig erwies.

»Töten Sie die restlichen Pferde.«

»General - Sir - das sind mindestens achthundert Tiere.«

»Genau, Godfrey. Wir werden diesen verdammten roten Mördern keine Ersatzpferde zurücklassen. Alle werden getötet.«

Der graue Tag war in einen von Feuern erhellten Alptraum versunken. Charles lehnte an einer Pappel und fütterte den klickenden Zylinder seines Armeecolts mit Patronen.

Romero eilte vorbei. »Eh, Senor Charlie, hilf mal bei der Re-muda. Je schneller wir sie töten, desto schneller kommen wir hier raus.«

»Laß ihn in Ruhe, Romero!« rief California Joe. Er war damit beschäftigt, Dreck von einem Skalp zu klopfen, der ihm vom Gürtel gefallen war. »Charlie ist momentan nicht ganz bei sich.«

Das Rauschen in seinen Ohren hielt an. Schwankend ging er auf das gewaltige Feuer zu. Die Hitze trieb den Schweiß auf sein verdrecktes Gesicht. Er schloß die Augen, erinnerte sich an Sports letzten Galopp in Virginia. Der frische Schnee war vom Herzblut des tapferen Grauen rot gesprenkelt gewesen, als er Charles in die Sicherheit der eigenen Linien zurückgetragen hatte.

Achthundert Pferde. Achthundert. Er konnte nicht glauben, daß jemand dazu fähig war. Nicht nach all der Zerstörung, die sie jetzt schon gesehen hatten.

Er taumelte am Feuer vorbei; seine rechte Wange wurde von der Hitze angesengt. Dann blieb er stehen und sah zu, wie Ve-nable fünfundfünfzig Pferde für die gefangenen Frauen und Kinder heraussuchte. Er und sein Trupp trieben die Tiere in eine hastig errichtete Umzäunung unter den Bäumen. Anschließend schlossen sie sich Godfrey und seinen Männern an, die sich verteilt und die nervösen Ponys umzingelt hatten.

Lassos flogen durch die Luft. Ein Soldat warf die Schlinge über einen herrlichen Rotbraunen. Er schrie, daß jemand mit einem Messer kommen und dem Pony die Kehle durchschneiden solle. Das Pony stieg hoch und traf mit einem Huf den Soldaten an der Stirn. Blut strömte ihm in die Augen. Er fiel auf den Rücken und wäre zertrampelt worden, hätten ihn die anderen nicht schnell in Sicherheit gebracht.

Fünfzehn Minuten lang versuchten es Godfreys Männer mit Lassos und Messern, doch die Pferde verabscheuten den Geruch der Soldaten und traten und bissen und bäumten sich auf. »Holt den General!« brüllte Godfrey. Charles stand immer noch neben dem Feuer und schaute zu.

General Custer kam auf Dandy zwischen den Bäumen angetrabt. »Wir kommen nicht nah genug an sie heran, um ihnen die Kehle durchzuschneiden, General. Was sollen wir tun?«

Ärgerlich sagte Custer: »Wir haben jetzt genügend Munition. Benützt sie.« Er zog einen seiner Revolver und schoß zwei Ponys in den Kopf. Mit einem schrecklichen, bellenden Laut stürzten sie zu Boden. »Muß ich euch immer alles zeigen?« schrie Custer und hätte beinahe Godfrey über den Haufen geritten.

»Gewehre!« kommandierte Godfrey. Die Männer liefen los, um welche zu holen. Harry Venable knöpfte seinen verdreckten Mantel auf, um mehr Bewegungsfreiheit zu haben, und holte seinen Revolver hervor.

»Die Männer mit Revolvern fangen an«, sagte Godfrey. »Sonst verbringen wir hier noch die ganze Nacht.«

Venable ging auf einen gutgebauten Braunen zu, in dessen schimmernden Augen sich das Feuer widerspiegelte. Er preßte die Lippen zusammen wie ein Mann, der vor einer schwierigen Rechenaufgabe steht. Dann hielt er seinen Revolver dem Braunen vors Auge und drückte ab. Hinter dem herrlichen Kopf spritzte Blut und Gewebe heraus.

Der Schuß hallte, lauter als der lauteste Präriedonner. Etwas wie eine Pulverladung explodierte in Charles' Gehirn. Ein rauhes, leises Geräusch begann in seiner Kehle hochzusteigen, gewann an Lautstärke, wurde zu einem langen, wilden Schrei. Er merkte nicht, daß er sich in Bewegung setzte.

52

Die Pferde fielen mit einer seltsam quallosen Grazie. Sie fielen seitlich aufeinander. Sie fielen unter den krachenden Salven jungenhafter Soldaten, die lachten oder brüllten: »Gut getroffen!« Die Soldaten knieten nieder und feuerten Kugel um Kugel in Schultern und Rippen, Brustkörbe und Bäuche. Das Blut floß in Strömen, die gestürzten Pferde bildeten ein schönes, ordentliches Muster. Dann verlor das Muster an Schönheit und Ordnung, weil achtzig Pferde gefallen waren, dann hundert, dann war kein Platz mehr zum Sterben, und so mußten einige kniend sterben. Und nirgendwohin konnten sie fliehen. Tiere, die am entfernten Rand der Herde ausbrachen, stießen auf weitere Jungs mit Gewehren, einige mit der schmutzigweißen Blässe der Erschöpfung in den Gesichtern, andere schwach scherzend oder stoisch, während wiederum anderen ganz übel von ihrem Tun war; auch von dieser Seite aus begann das große Töten, und bald umgab die sterbenden Tiere ein Kreis aus Feuer und Rauch wie ein gewaltiges Band. Statt des anfänglichen Musters wuchs ein Berg glänzenden, stinkenden, sterbenden Pferdefleisches in die Höhe; eine Erhebung, so unverkennbar wie einer der Antelope Hills; eine Erhebung, nicht von der Natur, sondern von Menschen erschaffen, da unten am Washita.

Charles rannte auf den Kreis der jungen Soldaten zu, die mit Revolver oder Gewehr im Anschlag knieten. Er packte einen an der Schulter. »Leg das weg. Hör auf. Töte keine hilflosen Tiere.« In seinen Ohren klang das vollkommen vernünftig; er hatte keine Ahnung, daß seine Worte ein kreischender Aufschrei waren oder daß eine ungewöhnliche Kraft ihn vorantrieb, die es ihm ermöglichte, einen der Schützen mit einem einfachen Griff beiseitezuschleudern.

Ein Soldat, dessen Augen so feucht und glänzend waren wie die der sterbenden Pferde, zuckte vor Charles zurück und rief den anderen eine Warnung zu: »Paßt auf, Cheyenne Charlie ist verrückt geworden!«

Charles wunderte sich, warum der Soldat das gesagt hatte. Er wollte nichts weiter, als diesem Tiermord Einhalt gebieten, ein absolut vernünftiger Wunsch.

»Auf die Seite. Ich kümmere mich um ihn.« Charles erkannte die Stimme, noch bevor er Harry Venable zu Gesicht bekam; Harry Venable, klein und adrett trotz Hungers und Müdigkeit und den Mühen des Gewaltmarsches.

»Sagen Sie ihnen, sie sollen aufhören, Venable.«

»Sie dreckiger, verrückter Idiot, wir führen die Befehle des Generals aus.«

Charles ballte die Hände zu Fäusten, schlug durch die Luft und kreischte jetzt wirklich los, weil das die einzige Möglichkeit schien, Venables einstudierte Rede zu durchbrechen. »Laßt sie laufen. Laßt sie laufen. Stoppt das Morden!«

Venable hob eine Hand. Sein makelloser, leicht eingeölter Colt mit dem Elfenbeingriff glänzte einen Fuß von Charles' Brust entfernt. Die Gewehre und Revolver feuerten ihre Salven ab; es klang, als würden Steine auf ein Wellblechdach geworfen. Der Gestank wurde stärker. Mehr als ein Soldat wandte sich ab und übergab sich.

Erbrochenes flog auf Venables rechten Stiefel, der bereits schlammverschmiert war. Der Spritzer brachte ihn auf. Er schlug Charles den Revolver ins Gesicht und riß ihn nach unten; das Korn schnitt in Charles' Wange wie ein stumpfes Messer.

»Und jetzt verschwinden Sie, Main.«

Charles starrte ihn an, dann die sterbenden Pferde, dann wieder ihn. Er sprang ihn an - ein Fehler, denn Venable war darauf vorbereitet. »Haltet ihn«, schrie Venable den Soldaten zu, während sein Knie Charles zwischen den Beinen traf; ein ungeschickter Stoß, aber wirkungsvoll. Benommen vor Schmerz versuchte Charles nach Venable zu schlagen, aber er war zu langsam. Zwei Kavalleristen packten ihn an den Armen und rissen ihn zurück.

Venables blaue Augen funkelten. In seiner besten, sanftesten Kentucky-Stimme beglückwünschte er die Soldaten: »Sehr gut, Sirs. Und jetzt haltet ihn fest.«

Er steckte seine Waffe weg und trat nahe an Charles heran. Dann schlug er ihm mit voller Wucht in den Magen. Für einen so kleinen Mann war er sehr stark. Langsam kam Charles' Kopf hoch. Mit wilden Augen spuckte er Venable an, der sich den Speichel abwischte und Charles erneut zwischen die Beine schlug. Dann hämmerte er eine Rechte an Charles' Kopf. Blut spritzte aus Charles' Nase. Er ging zu Boden, ohne etwas dagegen tun zu können.

Ein umfassendes Gefühl der Niederlage hüllte ihn ein. Er mußte aufstehen. Zurückschlagen. Er konnte es nicht; es war wie bei Jefferson Barracks.

Venable stand neben Charles, den Revolver auf ihn gerichtet. Trotz des Lärms der Waffen und der Pferde hörte Charles, wie der Revolver gespannt wurde. Venable zielte auf sein Ohr.

»Sir«, sagte ein Soldat, »Sir, er ist erledigt. Griffenstein hat mir mal erzählt, daß er es nicht ertragen kann, wenn Pferde verletzt werden. Das Töten ...« Charles konnte nicht sehen, welcher junge Soldat da gesprochen hatte, doch er sah Venables funkelndes Starren und hörte, wie der energische Tonfall des Jungen dahinschwand, als er mit einem Würgen hinzufügte: »Sir.«

Charles wußte, daß er im nächsten Moment getötet werden würde. Er beobachtete, wie Venable sich nach Zeugen umblickte, von denen Charles nichts weiter als die blutbespritzten Stiefel sehen konnte. Venable zögerte. Damit würde er nicht durchkommen.

»Schnappt euch den Hundesohn«, sagte er und rammte seinen Colt in das Halfter. »Du - und du. Stellt ihn auf die Beine, den verdammten Verräter. Darum soll sich der General kümmern.«

53

Die beiden Soldaten schleppten ihn auf die Pappeln zu, wo ein neues Feuer nahe der Generalsstandarte entzündet worden war, um die allmählich hereinbrechende Dunkelheit aufzuhellen und Wärme zu spenden. Der Zorn, der in Charles getobt hatte, löste sich fast so schnell wieder auf, wie er gekommen war, und ließ ihn mit schmerzendem Körper und dem vagen Bewußtsein zurück, daß er versucht hatte, die Schlächterei zu stoppen. Eine traurige Endgültigkeit senkte sich über ihn; er wußte endlich, was er tun wollte. Nein, stärker noch, was er um jeden Preis tun mußte.

General Custer, der jugendlich und trotz seiner verschmutzten Uniform irgendwie flott und verwegen wirkte, war über die Störung durch Venable verärgert. Er hatte sich mit California Joe unterhalten, der gerade sagte: »Nein, Sir, ich kann bis jetzt Sergeant Major Kennedy nicht finden.«

Custer wandte sich von dem lodernden Feuer ab; sein rechtes Knie war leicht gebeugt, seine linke Hand ruhte am Säbelgriff. Stets schien er sich seiner Pose bewußt zu sein.

»Was gibt's, Captain Venable? Schnell. In weniger als einer Stunde will ich abmarschieren.«

»Sir, dieser Mann, dieser verdammte Rebell, hat versucht, Ihre Männer an ihrer Pflichterfüllung zu hindern. Er hat versucht, unsere Arbeit bei der Ponyherde zu verhindern.«

»Ihre Schlächterei«, sagte Charles.

»Ihre zarten Empfindungen wehren sich dagegen, Mr. Main?« Custer kam auf Charles zu, sprach ihn an, als wäre sein eines Auge nicht zugeschwollen, als würde ihm kein Blut von der Wange tropfen und Rotz aus der Nase laufen. »Sie ziehen es vor, daß wir den Wilden gesunde Pferde zurücklassen, damit sie sie im Frühjahr reiten und weitere Grausamkeiten begehen können? General Sheridan hat mir die Aufgabe übertragen, die Cheyenne und Arapahoe zu bestrafen.«

»Schwarzer Kessel war ein Friedenshäuptling.«

»Das spielt keine Rolle. Meine Aufgabe ist es, diese Bedrohung des weißen Volkes auszurotten.« Warum redete er so viel, fragte sich Charles. Vor wem rechtfertigte er seine Handlungen? Vor einem schäbigen Scout mit fragwürdigem Hintergrund hatte er das nicht nötig. Trotz seiner Schmerzen spürte Charles ganz deutlich, daß sich Custer im klaren darüber war, was ihm der heutige Tag angetan hatte; ein Gespür dafür, daß er sich bereits auf der Flucht befand. »Diese meine Pflicht habe ich heute erfüllt. Nur der totale Krieg wird den Frieden in die Prärien bringen.«

»Vielleicht, aber ich will damit nichts mehr zu tun haben.«

»Was? Was sagen Sie da?« Custer war überrascht; seine blauen Augen schauten verwirrt, dann wieder ärgerlich drein.

»Ich sagte, mit Ihrer Art von Krieg will ich nichts mehr zu tun haben. Ich hätte nicht anheuern sollen.«

»Wir hätten Sie nicht nehmen dürfen«, schlug Custer zurück. California Joe sah aus, als würde er jeden Moment im Boden versinken.

Charles setzte alles auf eine Karte. »Ich verabschiede mich. Wenn Sie mich aufhalten wollen, müssen Sie mich schon erschießen. Oder jemandem den Befehl dazu geben.«

Venable sagte: »Ich wäre gern bereit zu ...«

»Seien Sie still!« schrie Custer. Sein Atem ging schnell, sein Gesicht war röter, als Charles es je zuvor gesehen hatte. »Ihr Vorschlag scheint mir etwas überhastet, Mr. Main. Ich kann Sie sehr wohl erschießen lassen. Zeugen Ihres rebellischen Betragens werden die Notwendigkeit bekunden .«

»Sie haben genügend Ärger am Hals.« Das Blut in Charles' Bart formte einen Tropfen, der in den Schnee zwischen seinen Stiefeln fiel. Er versuchte die Geräusche der regelmäßigen Schüsse und der sterbenden Pferde nicht zu hören. »Ich sah, wie Mrs. Blinn erschossen wurde. Ich sah, wie ihr Sohn erschossen wurde.«

»Ich habe es aus zuverlässiger Quelle, daß die Cheyenne die Frau ermordet haben.«

»Ihre Männer haben die Frau erschossen. Das habe nicht nur ich, das haben auch andere gesehen.«

»Wir haben keinerlei Beweise, daß es sich bei der weißen Frau um die entführte Mrs. Blinn aus ...«

»Ich hörte ihren Namen. Andere auch.« Charles stieß Custer weiter und weiter. Der Boy General geriet für einen Augenblick in Panik; Charles sah es an seinen leuchtenden blauen Augen. »Sie werden das nicht als Schlacht, sie werden es als Massaker bezeichnen. Babys mit Kugeln in den Köpfen. Frauen, von Soldaten der Vereinigten Staaten skalpiert. Eine weiße Gefangene und ein Friedenshäuptling, ein alter Mann, ermordet. Keine sonderlich hübsche Episode in einer Wahlkampfbiographie, meinen Sie nicht auch, General?«

George Custer trat einen halben Schritt zurück; das sagte alles.

Venable spuckte fast vor Frustration. »General Custer, niemand wird einem Mann glauben, der zweimal gelogen hat, um in die Armee zu kommen.«

Charles nickte. »Das ist richtig. Ich bin auch nicht daran interessiert, mit Zeitungsleuten zu reden, mit Mr. Keim oder sonst jemandem. Ich bin nicht daran interessiert, mich an jemandem zu rächen. Zu lange schon bin ich dieser Fährte gefolgt, und wohin hat es mich gebracht?« Niemand verstand, was er damit meinte.

Der Blick seiner brennenden Augen bewegte sich über das zerstörte Dorf, über die Asche des großen Feuers, über den schrecklich bebenden Haufen toter und sterbender Pferde. »Heute morgen mußte ich einen Jungen töten. Keinen Mann, einen Jungen. Ich werde ihn bis zu meinem Tod in meinen Alpträumen sehen. Genau wie diesen obszönen Ort hier. Ich habe diese Armee satt. Ich habe Soldaten wie Sie satt, die in Ihrem Ehrgeiz über Leichen gehen. Und jetzt erschießen Sie mich, oder lassen Sie mich gehen, Sie elendes Zerrbild eines menschlichen Wesens.«

Venable trat dazwischen, holte aus, um Charles die Faust auf den Kopf zu schlagen. »Lassen Sie ihn in Ruhe«, sagte Custer. Venable riß es bei dem scharfen Befehl förmlich herum. Custer wischte sich über den Mund. »Lassen Sie ihn gehen. Wir haben schon genug zu erklären.«

»General. Sie können doch nicht zulassen ...«

»Zum Teufel mit Ihnen, Captain Venable, halten Sie den Mund. Mr. Main!« Custer wedelte mit einem Finger vor Charles' Nase herum; seine Zähne knirschten, als hätte er die Kontrolle über sie verloren. »Ich gebe Ihnen fünf Minuten, um über den Washita zu kommen. Wenn Sie in fünf Minuten nicht nördlich des Flusses sind, dann lasse ich Sie von einem Trupp verfolgen und erschießen. Sie sind eine Schande für die Armee und eine Schande für alle Männer. Abtreten, Sir.«

»Jawohl, Sir!« Charles gab den Worten Gewicht, zog sie in die Länge. »General - Custer.«

Einen gefährlichen Augenblick lang starrten sie sich an. Dann, wie zwei Bären, die sich bis zur Erschöpfung bekämpft hatten, wandten sie sich beide gleichzeitig ab und gaben den Kampf auf.

Little Harry Venable gab nicht auf. Er folgte Charles zwischen den Bäumen hindurch, was Charles mit einer gewissen Befriedigung zur Kenntnis nahm. Custers Entscheidung hatte den Mann aus Kentucky zu so etwas wie einem kleinen Jungen gemacht, der es nicht mehr wagte, seine Fäuste zu gebrauchen, sondern nur noch Schmähungen ausstoßen konnte. »Es ist ein langer Weg bis Fort Dodge. Hoffentlich erwischen dich die Wilden.« Das werden sie wahrscheinlich, dachte Charles. »Ich hoffe, sie schneiden dir das Herz bei lebendigem Leibe heraus.«

Charles stoppte. Venable atmete tief durch. Charles starrte ihn mit einem verzerrten Grinsen an. »Du hoffnungsloser kleiner Haufen Scheiße. Mein Krieg ist vorbei.«

»Was?«

Er drehte sich um und ging weiter. Er wußte, daß Venable niemals seine Waffe ziehen würde.

Er fand Satan, band ihn los, tätschelte ihn und schwang sich in den Sattel. Es mochte so gegen vier Uhr sein, doch der Novembernachmittag war stark bewölkt und ungewöhnlich finster. Im Trab ritt er aus dem Cheyenne-Dorf hinaus; jede Bewegung des Schecken tat ihm weh. Das Fleisch um sein linkes Auge war aufgequollen, sein Blickfeld bis auf einen schmalen Schlitz eingeengt. Bei dem Riß in seinem Gesicht konnte er nur warten, bis das Blut gerann. An dem Fluß, wo das Siebte Regiment auf Elliott gestoßen war, konnte er die Wunde auswaschen - falls er je soweit kam.

Über die offene Fläche kam ein Indianer auf ihn zu. Charles zog die Zügel, griff nach der Spencer. Dann erkannte er einen der Osage-Fährtensucher. Die Leggings des Indianers waren durchnäßt. Stolz zeigte er, was er in der Hand hielt.

»Skalp von Schwarzer Kessel. In tiefes Wasser gestoßen. Er bald schlechtes Fleisch.«

»Du Bastard«, sagte Charles und ritt weiter.

Er durchquerte den Washita. Das Wasser reichte bis an seine Oberschenkel. Satan reckte den Kopf hoch. Als sie auf der anderen Seite waren, zitterte Charles, und seine Zähne klapperten. Eine ferne Trompete blies zum Abmarsch. Mit geschlossenen Augen konnte er sich vorstellen, wie sich die verschiedenen Einheiten von Custers Kommando formierten.

Alle Indianer befanden sich nun flußabwärts; vielleicht war es auch nur so finster, daß er sie auf den Klippen nicht mehr sehen konnte. Als er über den Kamm ritt, von wo aus sie ihren Angriff gestartet hatten, hörte er Custers Kapelle spielen. Er kannte das Lied aus dem Krieg. >Ain't I Glad to Get Out of the Wilderness.< (Ich bin so froh, aus der Wildnis hinauszukommen.)

Nein, er war nicht froh. Eine verheerende Wahrheit hatte ihn während der eisigen Flußdurchquerung überfallen. Er gehörte nicht mehr nach South Carolina. Er gehörte nicht nach Kansas, wo er vielleicht Gemüse oder Milchkühe züchten konnte. Und er gehörte nicht in die US-Armee, so sehr er auch einige der Männer mochte, die er im Zehnten Regiment kennengelernt hatte. Was die Soldaten zu tun hatten, war falsch. Vielleicht waren sie als Einzelpersonen keine Missetäter, doch in der Masse schon. Er hatte gedacht, er könne das ertragen, was die Armee tun mußte. Er hatte sich eingeredet, das sei nötig, um Jackson zu rächen. Und er hatte den weiten Weg bis an den Washita zurückgelegt, um herauszufinden, daß er sich im Irrtum befand. Für ihn war auf der ganzen Welt kein Platz.

Pferd und Reiter wurden kleiner und kleiner, verschwanden in den Schneefeldern und der Dunkelheit des Indianerterritoriums.

Hauptquartier Siebte US-Kavallerie Washita River, Im Feld 28. November 1868

In der Erregung des Kampfes, ebenso wie in Selbstverteidigung, geschah es, daß einige der Squaws und Kinder verwundet oder getötet wurden .

Eine weiße Frau wurde im Moment unseres Angriffs von ihren Entführern ermordet .

Der verzweifelte Charakter des Kampfes mag der Tatsache entnehmen zu sein, daß nach der Schlacht die Leichen von achtunddreißig Kriegern in einer kleinen Schlucht nahe des Dorfes, wo sie sich verschanzt hatten, gefunden wurden .

Nun habe ich die Verluste meines eigenen Kommandos zu melden.

Mit tiefem Bedauern muß ich unter den Getöteten Major Joel H. Elliott und Capt. Louis W. Hamilton anführen sowie neunzehn Mannschaftsdienstgrade .

Auszug aus einem Report an

GENERAL SHERIDAN

MADELINES JOURNAL

Dezember 1868. Custers Sieg über die Indianer macht immer noch Schlagzeilen. Ein Redakteur dichtet ihm den Mut eines Löwen an, ein anderer schreibt verächtlich über ihn, weil er Krieg gegen Un-schuldige< führt. Ich mag ihn nicht, ohne ihn je kennengelernt zu haben. Ich habe noch nie Männer gemocht, die sich wie Pfauen aufspielen ...

... Zwei ermüdende Tage vorüber. Mußte endlos lächeln, endlose Erklärungen abgeben, wie Mont Royal vor drei Jahren dem Ruin entronnen ist. Acht Kongreßmitglieder waren auf >Inspektionstour< hier (scheint sich dabei mehr um Ferien zu handeln - drei brachten ihre Frauen mit, die sich fast ebenso wichtigtuerisch aufführten wie ihre Ehemänner). Der Mann, dem gegenüber sich alle anderen ehrerbietig verhalten, Mr. Stout vom Senat, schwingt sich sogar bei beiläufigen Gesprächen zu großen Reden auf. Mir gefielen weder sein glattes Benehmen noch das Tempo und die Sicherheit, womit er Meinungen anzubieten hat - ja zu diesem, nein zu jenem, wobei ohne jedes Nachdenken in jeder Bemerkung radikale Politik zum Ausdruck kommt.

Was den Grund für den Besuch anbelangt, so vermute ich, daß M.R. allmählich den Ruf eines Vorzeigeobjekts bekommen hat, denn die Washingtoner inspizierten in ermüdender Weise alles und jedes: Phosphatfelder, Sägemühle, Drillübungen unserer Bezirksmiliz, die Andy kommandiert. Senator Stout saß eine Stunde lang da, wie ein Schüler in Prudence Chaffees Klasse, nachdem er dafür gesorgt hatte, daß zwei Journalisten aus seinem Begleittroß jede seiner Bemerkungen mitschrieben. Die Pest über alle Politiker.

Nicht gerade angenehm, daß die Radikalen sich die Plantage ausgesucht haben. Wir versuchen jede Aufmerksamkeit zu vermeiden und den für gewöhnlich damit verbundenen Arger...

Wieder steht ein einsames Weihnachtsfest vor der Tür. Bretts Brief aus Kalifornien drückte ähnlich melancholische Gefühle aus. Mit Billys Firma steht alles zum besten, sagt sie. Das Baby Clarissa ist vier Monate alt und blüht und gedeiht. Seit Mai von G. in der Schweiz keine Nachricht mehr. Das löst große Besorgnis aus ...

George speiste zu seiner gewohnten Zeit um halb zwei. Das Palace war eines der besten Hotels von Lausanne und pflegte eine hervorragende Küche. Als Stammgast hatte er bei schönem Wetter seinen eigenen kleinen Tisch auf der Terrasse nahe dem Marmorgeländer. Jetzt, da der Winter die Touristen aus der Schweiz vertrieben hatte, war er an einen Tisch im Inneren neben einem hohen Fenster umgezogen, von dem aus er die gleiche Terrasse überschauen konnte. Von dem Fenster aus konnte er über den Stadtkern hinweg den Genfer See sehen, wo einer der schmucken kleinen Dampfer auf das Südufer zustrebte. Die blasse Sonne stand schon ziemlich tief.

Ein paar abgestorbene Blätter wirbelten über die Terrasse. Er beendete seine Mahlzeit, eine ausgezeichnete Hummerterrine, leerte eine Flasche Wein, einen köstlichen Montrachet, und verließ den Tisch. Er durchquerte den Speisesaal und wechselte dabei einige höfliche Worte mit drei Schweizer Bankiers, die hier regelmäßig aßen und auf ihn als Stammgast aufmerksam geworden waren.

Sie stellten häufig Spekulationen über den Amerikaner an. Sie wußten, daß er sehr reich war. Sie wußten, daß er mit Ausnahme der Dienerschaft allein in einer weitläufigen, ziemlich düsteren Villa auf den Jorat-Höhen lebte, von wo aus man einen großartigen Blick auf die Stadt hatte. Sie fragten sich, was ihm wohl zugestoßen sein mochte.

Sie sahen einen untersetzten kleinen Mann in den mittleren Jahren vor sich - George hatte seinen dreiundvierzigsten Geburtstag gehabt - mit weißen Strähnen in seinem sauber gestutzten dunklen Bart. Seine Haltung war sehr korrekt, und doch machte er einen niedergeschlagenen Eindruck. Mit nervösen Bewegungen rauchte er eine Menge starker Zigarren, die meisten nur zur Hälfte. Er schien alles zu besitzen und trotzdem zu leiden. Er war, anders als die meisten seiner Landsleute, die Lausanne besuchten, unnahbar. Die Touristen quatschten endlos; seine wärmste Begrüßung bestand aus wenigen Worten.

Hatte seine Frau ihn verlassen? Hatte es irgendeinen Skandal gegeben? Ah, vielleicht war es das. Er besaß eine gewisse Ähnlichkeit mit gravierten Porträts des neuen amerikanischen Präsidenten, General Grant. Konnte er ein in Ungnade gefallener Verwandter im Exil sein?

Es würde sein Geheimnis bleiben. Gentlemen schnüffelten nicht.

An der Tür des Speisesaals unterhielt sich George kurz auf französisch mit dem Oberkellner, gab ihm Trinkgeld, nahm Stock, Hut und Pelzmantel an sich und durchquerte die Lobby. Eine Erbin aus Athen, eine atemberaubende Frau mit olivfarbe-ner Haut, sehr teuer gekleidet, bemerkte ihn und hielt den Atem an; sie war erst vor kurzem Witwe geworden. Während ein Träger ihr Gepäck sortierte, versuchte sie den Blick dieses imposanten Fremden einzufangen. Er bemerkte sie, ging aber weiter. Sie hatte das Gefühl, als hätte sie in einen verschneiten Teich im Herzen eines Winterwaldes geschaut. Dunkles Wasser und Kälte.

George ging die abfallende Straße hinunter zum Büro des Immobilienmaklers, das direkt hinter der herrlichen gotischen Kathedrale von Notre Dame lag. Dort holte er die wöchentliche Post ab und marschierte in flottem Tempo wieder den Hügel hoch. Er brauchte mehr als eine Stunde bis zur Villa, aber es war seine einzige Tätigkeit in diesen Tagen, und er zwang sich dazu.

Die Villa besaß ebenfalls eine Terrasse, die man von einem hübschen Arbeitszimmer aus überblicken konnte. In dem Marmorkamin brannte bereits ein Feuer. Er zog sich einen Stuhl neben eine Büste von Voltaire - Lausanne hatte zu seinen Lieblingsstädten gehört - und ging die Post durch. Mit den beiden letzten Nummern der >Nation<, eines republikanischen Wochenmagazins, das '65 von Edwin Lawrence Godkin ins Leben gerufen worden war, fing er an. Das Magazin trat für eine ehrliche Regierung und bürokratische Reformen ein. George strich einen Artikel an, den er später lesen wollte. Es ging darin um eine Rückkehr zum Goldstandard als Heilmittel gegen die inflationäre Papierwährung, die während des Krieges in Umlauf gebracht worden war. Hartes gegen weiches Geld war ein leidenschaftliches Thema in seinem Heimatland.

Dann entfaltete er den dreiseitigen Bericht von Christopher Wotherspoon. Die Profite der Hazard-Eisenwerke waren erneut gestiegen. Sein Verwalter empfahl umfangreiche politische Spenden an jene Kongreßabgeordneten und Senatoren, die für umfassende Schutztarife für die Eisen- und Stahlindustrie eintraten. Er wollte das von George absegnen lassen.

Dann war da ein ziemlich trauriger Brief von Patricia, im September geschrieben, in dem sie sich nach seinen Weihnachtswünschen erkundigte. Ihm fiel nichts ein. Seine Kinder waren im Sommer nach Europa gekommen, doch ihr Besuch den ganzen Juli über war ihm endlos erschienen und, wie er vermutete, ihnen auch, da er sich für keinerlei Aktivitäten interessierte. Eine Woche lang hatten sie sich etwas umgeschaut und dann jeden Tag stundenlang Rasentennis gespielt.

Jupiter Smith, der die wöchentliche Post zusammenpackte, hatte noch drei Exemplare von Mr. Greeleys >New York Tri-bune< mit angekreuzten Nachrichten aus der Finanzwelt hinzugegeben. Außerdem war da noch eine kunstvoll beschriftete Einladung zu einem republikanischen Fest zur Feier von Grants Inauguration im März und eine weitere Einladung zur Inauguration selbst. George warf beide ins Feuer.

Er schnitt eine seiner kubanischen Zigarren an, deren Import ihn fast sieben Dollar pro Stück kostete, obwohl er auf solche Dinge längst nicht mehr achtete. Er zündete die Zigarre an und stellte sich ans Fenster. Unterhalb der bezaubernden Stadt sah er einen weißen Dampfer, der am späten Nachmittag zurückkehrte. Von den Jorat-Höhen aus war er nichts weiter als ein kleiner Punkt, so wie er selbst auch.

Er dachte an Orrys Witwe, eine hübsche, intelligente Frau. Er hoffte, daß Madeline die politischen Stürme im Süden durchstehen konnte. Er spürte einen Drang zu schreiben oder nachzuforschen. Er dachte an seinen eigenen Sohn William und dessen Entscheidung, Jura zu studieren; es war ihm mehr oder weniger gleichgültig. Er dachte an Sam Grant, einen Bekannten aus Kadettenzeiten, und fragte sich, ob er einen guten Präsidenten abgeben würde, da er über keine praktischen Erfahrungen verfügte. Wahrscheinlich würde er versuchen die Regierung wie ein militärisches Hauptquartier zu führen. Konnte das gutgehen? Mit einem leichten Schamgefühl stellte er fest, daß ihn die Antworten im Grunde gar nicht interessierten, wenn es um Zukunftsfragen seines Landes ging.

Der Dampfer auf dem See war verschwunden. George blieb noch eine Weile am Fenster stehen, rauchte und starrte auf die glänzende Wasseroberfläche. Er hatte festgestellt, daß es sehr angenehm war, nichts zu tun, nichts zu sagen, auf nichts zu reagieren; oder zumindest von allem so wenig wie möglich zu tun, eben nur gerade das, was lebensnotwendig war. Auf diese Weise verfiel man zwar der Apathie, konnte aber auch nicht verletzt werden.

Mr. Lee aus Savannah hat die endgültigen Pläne gebracht. Jetzt ist wieder genug Geld da. Die Arbeit wird gleich im neuen Jahr beginnen. Orry, es bricht mir das Herz, daß du nicht hier bist, um zu sehen .

Theo wieder hier, in Zivil. Eine nervöse Unrast liegt über ihm.

Über Marie-Louise auch.

Vor jeder Beobachtung sicher, umarmte sich das Liebespaar in der kalten Abendluft im dichten Gebüsch, das dort wucherte, wo früher der richtige Garten gewesen war. Marie-Louise wäre beinahe in Ohnmacht gefallen, als Theos Zunge in ihren Mund glitt. Sie war erschrocken, zuckte aber nicht zurück. Sie schlang ihre Hände hinter seinen Nacken und lehnte sich zurück, so daß sein Gewicht sich auf eine köstlich sündige Weise gegen sie preßte. Theos Lippen streiften über ihre Wange, ihre Kehle. Seine Hände glitten an der Seite ihres Kleides auf und ab.

»Marie-Louise, ich kann nicht länger warten. Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich auch, Theo. Ich bin genauso ungeduldig wie du.«

»Ich habe die Lösung gefunden. Sagen wir es ihr.«

»Heute abend?«

»Warum nicht? Sie wird uns helfen.«

»Ich weiß nicht. Es ist solch ein gewaltiger Schritt.«

Sehr ernst und liebevoll nahm er ihre rechte Hand zwischen die seinen. »Ich habe alles auf South Carolina gesetzt. Und auf dich. Wenn du dir genauso sicher bist, gibt es keinen Grund zu warten.«

»Ich bin mir sicher. Aber ich habe auch Angst.«

»Ich werde für uns beide sprechen. Du brauchst dich nur an meiner Hand festzuhalten.«

Marie-Louise hatte das Gefühl, als würde sie durch einen gewaltigen, dunklen Raum stürzen auf - ja, auf was zu? Auf etwas, das sie sich nur in ihrer Phantasie vorstellen konnte. Es würde Glückseligkeit oder eine Katastrophe sein. Sie schwankte, und Theo stützte sie mit einer Hand, erheitert von ihrer mädchen-haften Romantik, jedoch auch gleichzeitig verliebt in die Art und Weise, wie sie sich gab. Sie flüsterte: »Also gut, sagen wir's ihr.«

Er jubelte auf und wirbelte sie an der Taille herum. Einen Augenblick später eilten sie über den dunklen Rasen auf das erleuchtete, weißgetünchte Haus zu.

»Sie wollen Ihr Offizierspatent aufgeben?« fragte Madeline erstaunt.

»Ja. Ich habe meine Vorgesetzten gestern von meiner Absicht in Kenntnis gesetzt.«

Während Theo sprach, stand Marie-Louise halb versteckt hinter ihm und klammerte sich an seine Hand, als wäre sie eine Rettungsleine. Das junge Paar war ins Haus geplatzt, gerade als Madeline die Baupläne auf dem Boden ausgebreitet hatte, um Prudence Einzelheiten des neuen, großen Hauses zu zeigen. In der Ecke lagen einige frischgeschnittene, als Weihnachtsdekoration gedachte Pinienzweige.

»Ich bin zu meiner Entscheidung auf der Basis von zwei Umständen gelangt«, sagte Theo mit einer Formalität, die sie zum Lächeln gebracht hätte, wäre sein Plan nicht so umstürzlerisch gewesen. »Erstens sagten Sie, Sie hätten hier vorübergehend Arbeit für mich.«

»Ja. Ich glaube, Sie würden einen ausgezeichneten Manager für die Mühlen- und Schürfarbeiten auf Mont Royal abgeben. Aber es war niemals meine Absicht, dadurch etwas heraufzubeschwören.«

»Das haben Sie auch nicht«, unterbrach er sie. »In erster Linie scheide ich aus dem zweiten Grund aus der Armee aus.« Er trat einen Schritt vor, platzte heraus: »Letzte Woche ...«

»Theo!« Sie zeigte auf den Boden. »Verzeihen Sie mir, aber Sie stehen auf dem neuen Mont Royal.«

»Oh nein! Es tut mir so leid!« Er sprang zurück, ließ MarieLouises Hand los und kniete nieder, um die Knitter glattzustreichen, die sein Stiefel auf der Zeichnung hinterlassen hatte. Prudence lächelte. Madeline schalt sich selbst wegen ihrer Kleinlichkeit; ein weiteres Alterszeichen.

»So. Ist es wieder in Ordnung?«

»Ja. Es ist ja nichts passiert. Sie erwähnten einen zweiten Umstand, der Ihre Entscheidung beeinflußt hätte.«

Er schluckte und wagte dann den Sprung ins kalte Wasser.

»Ich habe einen Armeekaplan in Savannah aufgetrieben, der bereit ist, uns zu trauen.«

Marie-Louise hörte auf zu atmen. Sie griff wieder nach Theos Hand und hielt sie fest. Die vier Lampen im Zimmer warfen ein schonungsloses Licht auf Madelines hübsches, aber zerfurchtes Gesicht. »Obwohl Marie-Louise das legale Alter noch nicht erreicht hat?«

Er nickte, zupfte erst an seiner Krawatte und dann an seinem Schnurrbart. »Ja. Der Kaplan - nun, er mag Rebellen nicht besonders. Ich habe ihm erzählt, daß Mr. Main im Marineministerium der Konföderation gewesen war, und das reichte schon.«

Madeline lehnte sich stirnrunzelnd zurück. »Ihr habt mich in eine sehr unangenehme Lage gebracht. Eine derartige Herausforderung Coopers - und Judiths - kann ich nicht unterstützen.«

»Wir bitten Sie nicht, uns zu unterstützen«, fing Theo an.

»Gib uns nur einen Tag oder zwei«, bat Marie-Louise. »Sag Papa nichts, bis wir wieder zurück sind. Theo wird dann mit ihm reden.«

»Damit hätte ich mich trotzdem mit euch verbündet, um ihn zu täuschen.«

»Sagen Sie, Sie hätten von nichts gewußt«, entgegnete Theo.

»Marie-Louise verschwindet, und ich weiß von nichts?« Er erkannte, wie albern sein Vorschlag war, und errötete. »Nein. Ich muß darauf vorbereitet sein, einen Teil der Schuld auf mich zu nehmen.« Sie schwieg einen Moment. »Ich glaube nicht, daß mir das gefällt.«

Den Tränen nahe, eilte Marie-Louise auf sie zu. »Wenn Theo zuerst mit Papa spricht, dann weißt du genau, daß er nein sagen wird. Er wird nein sagen, bis die Hölle zufriert.«

»Marie-Louise«, sagte Theo entsetzt. Wohlerzogene Mädchen sagten solche Dinge nicht.

»Nun, es stimmt jedenfalls. Wenn du uns nicht gehen läßt, Tante Madeline, dann werden wir nie heiraten können. Niemals.«

Madeline musterte das Liebespaar. Konnte, durfte sie bei ihrem Nein bleiben? Marie-Louise hatte recht; Cooper würde nicht Vernunftgemäß reagieren. Aber wer war sie denn, daß sie beurteilen durfte, ob ihre Liebe aufrichtig und des dauernden Bandes einer Ehe wert war? War ihre erste Liebesaufwallung für Orry reif gewesen? Nein, bei weitem nicht.

»Nun, wahrscheinlich werde ich es bereuen. Aber ich bin nun mal unheilbar sentimental. Ich gebe euch achtundvierzig Stunden.« Prudence klatschte in die Hände. »Außerdem könnt ihr meinen eleganten Wagen als Brautkutsche benützen«, fügte sie mit schiefem Lächeln hinzu.

Es ist vollbracht. Wie sie vor Erwartung glühten, als sie fortfuhren! Ich hoffe, ihre Liebe wird Theo stärken, wenn er seinem Schwiegervater gegenübersteht. Irgendwie werde ich den unvermeidlichen Sturm schon überstehen. Ganz gleich, unter welchen Umständen, in Coopers Augen könnte ich ohnehin nicht tiefer sinken ...

Nächster Tag. Gegen Mittag haben zwei unserer Schwarzen den ersten Wagen mit Bauholz entladen. Von meinem Platz aus kann ich die Holzstöße sehen. Vielleicht können wir nächste Weihnachten in dem neuen Haus feiern.

Oh, die Welt kommt wieder in Ordnung.L.

»Ein Yankee-Soldat als Schwiegersohn kommt nicht in Frage!« brüllte Cooper seine Frau an, nachdem der junge Mann sein vorbereitetes Sprüchlein aufgesagt und nach Coopers Beschimpfung enttäuscht und erkennbar blaß das Haus wieder verlassen hatte. »Ich hetze ihm die Behörden auf den Hals. Es muß irgendeine legale Möglichkeit geben, die Sache rückgängig zu machen.«

»Eine praktische Möglichkeit nicht«, sagte Judith. »Deine Tochter hat zwei Nächte mit ihm in Savannah verbracht.«

»Madeline trifft die Schuld.«

»Niemand hat schuld. Junge Leute verlieben sich.«

»Nicht mein einziges Kind, nicht mit einem räuberischen Aasgeier.« Mit den Worten, daß er die Nacht in seinem Büro verbringen würde, stürmte er hinaus.

Gegen ein Uhr morgens wurde Judith durch ein Klopfen geweckt. Sie fand Cooper auf der Veranda vor. Zwei Bekannte hatten ihn von der Mills-House-Saloon-Bar heimgeschleppt, wo er den ganzen Abend über Bourbon getrunken hatte. Dann hatte er einem Armeemajor gegenüber einige beleidigende Bemerkungen gemacht; wahrscheinlich hätte er ihn auch noch angegriffen, wenn ihm nicht plötzlich der ganze Whisky hochgekommen wäre.

Mit einigen Entschuldigungen trugen die Gentlemen Judiths schlaffen und stinkenden Gatten nach oben. Sie folgte mit der Lampe. Sie brachte die Gentlemen hinaus, dann entkleidete sie Cooper und wusch ihn und setzte sich zu ihm, bis er gegen halb drei erwachte. Seine ersten Worte, die er nach einigem Gestöhn von sich gab, trafen sie wie ein Schlag:

»Soll sie doch in dem dreckigen Bett liegen, das sie sich mit diesem Yankee bereitet hat. Ich werde ihr die Türen dieses Hauses nicht mehr öffnen, nie mehr.«

Tränen des Zorns traten in ihre Augen. »Cooper, das geht zu weit. Du treibst deine dümmliche Parteilichkeit ins Lächerliche. Ich lasse es nicht zu, daß du mich von meinem eigenen Kind trennst. Ich werde sie sehen, wann immer ich will.«

»Nicht hier!« kreischte er. »Ich werde den Dienern Anweisung geben, denen du besser nicht trotzt. Ich habe keine Tochter mehr.«

Er schleuderte die Bettdecke beiseite und schlidderte über den polierten Boden, um sich ins Becken zu übergeben. Judith senkte kummervoll den Kopf.

54

Er saß ganz hinten auf dem Stuhl in der dritten Loge, Bühnenseite rechts. Er hatte den Sitz gewählt, um nicht von den Bühnenlichtern erfaßt zu werden. Er wollte, daß sie ihn erst dann sah, wenn es ihm paßte.

Sie lag auf dem Diwan auf der Bühne. Das Kissen, mit dem sie erstickt worden war, war zu Boden gefallen. Einmal entdeckte er ein unprofessionelles Zittern ihrer Augenlider. Ihr über die Schultern fallendes, silberblondes Haar leuchtete in dem lieblichen Glanz, an den er sich noch erinnerte. Er empfand keinerlei Zuneigung für sie. Seine linke Hand tastete nach seinem linken Oberschenkel, als könnte die Berührung irgendwie den durchtrennten Muskel wiederherstellen, der es ihm unmöglich machte, in Bühnenduellen richtig zu springen oder romantische Rollen überzeugend darzustellen.

»Dann mußt du sprechen von einem, dessen Liebe ...«

Trumps Mohren-Make-up verlief in der Hitze auf der Bühne. Es lief in deutlichen Streifen, so daß sein Gesicht einem Zebrafell ähnelte.

Obwohl er bis zum Exzeß schrie und tobte, war der Beobachter der Meinung, daß er insgesamt eine recht ordentliche Leistung bot. Für die Provinz war die Produktion sogar ziemlich gut. Das hieß, gut in jeder Beziehung bis auf die Darstellung der Desdemona. Sie hatte ganz offensichtlich einen schlechten Abend.

Der Mann in der Loge beschäftigte sich für sich selbst überraschend mit dem Gedanken, daß Trumps >Othello< vielleicht auf passable Weise eine dreiwöchige Lücke im Programm des >New Knickerbocker< füllen könnte. Mit einer neuen Hauptdarstellerin - Mrs. Parker würde nicht mehr in der Verfassung für einen Auftritt sein, nie wieder. Er schob eine Hand in seine linke Tasche und tastete nach den zu Fingerringen gebogenen Hufnägeln.

»Ich nahm bei der Kehle den beschnittenen Hund und streckte ihn nieder - so.«

Sam Trump durchbohrte sich mit dem Bühnendolch, taumelte in die eine, dann in die andere Richtung, die verkrampfte Hand erhoben, um tödlichen Schmerz auszudrücken.

Es war fast vorbei; noch vier Zeilen. Dann würde der wichtige Teil des abendlichen Dramas beginnen.

». kein anderer Weg als dieser!« schrie Sam und fiel mit ungewöhnlicher Wucht auf Willa. Er knallte auf ihre Rippen, daß ihr die Luft wegblieb und sie beinahe die Augen aufgerissen hätte. Sie wand sich unter seiner schwitzenden Masse und zischte mit geschlossenen Lippen:

»Sam, dein Knie!«

»Mir selbst das Leben nehmend, sterbend wegen eines Kusses.« Sein Kopf und sein Oberkörper hoben sich und knallten ein zweitesmal herab. Sam zögerte seine Bühnentode gern hinaus.

Es schien eine endlose Zeitspanne zu vergehen, bis der Vorhang fiel. Unabsichtlich bohrte Sam sein Knie in Willas Bauch, als er sich auf die Beine kämpfte; die schwarze Farbe tropfte von seinem Kinn. »Bist du krank, meine Liebe? Das war nicht gut heute abend.« Er sprang davon, ohne eine Antwort abzuwarten. »Auf die Plätze. Plätze einnehmen!«

Sie nahm ihren Platz in der Reihe ein und verbeugte sich; mit einem Blick überflog sie das höchstens zu einem Drittel gefüllte Haus. Sehr armselig, selbst für den Januar. Der Vorhang fiel. Sam wartete hoffnungsvoll auf einen zweiten Vorhang, doch der Applaus war bereits verebbt. Die Schauspieler verließen die Bühne, ohne groß miteinander zu reden. Alle wußten, daß es keine gute Vorstellung gewesen war. Willa schüttelte einfach nur den Kopf in Richtung Sam, gestand damit ihre Schuld ein und schloß sich dem allgemeinen Exodus an.

Sie war schon beim Betreten des Theaters schlecht gelaunt gewesen.

Wenn sie einmal krank war, was selten genug vorkam, dann war schlechte Laune die unvermeidliche Folge davon. Seit drei Tagen litt sie an Magenbeschwerden. Am Abend fror sie und verspürte einen dumpfen Schmerz in ihrer Mitte; das raubte ihrer Darstellung jegliche Energie und Überzeugung. Sam wischte sich mit seinem bestickten Ärmel über das Gesicht und jagte hinter ihr her. »Willa, Liebste, wir müssen einfach mehr Leben hineinbringen.«

»Morgen«, unterbrach sie niedergedrückt. »Ich versprech's, Sam. Ich weiß, daß ich heute abend schlecht war. Tut mir leid. Ich möchte gleich ins Hotel. Ich fühle mich immer noch schrecklich. Gute Nacht.«

Der bullige Mann mit der grobporigen Knollennase verließ die Loge und schlug den Seehundskragen seines Mantels hoch, um sein Gesicht zu verbergen. Nicht daß er einen der lauten groben Provinzler, aus denen sich das Publikum zusammensetzte, gekannt hätte - oder jemand von der Schauspielertruppe, mit Ausnahme der Person, wegen der er hergekommen war.

Ohne Eile ging er die Treppe hinunter und blieb vor der Schautafel in der Vorhalle stehen. Fotos der Künstler waren dort angeheftet. Er studierte das Foto, das Mrs. Parker zeigte. Der Name war ihm gerüchtweise in New York zu Ohren gekommen, dann hatte er ihn auf einem zerknitterten Handzettel von Trumps Theater gesehen, den ihm auf seine Bitte hin ein Bekannter mitgebracht hatte. Er hatte die lange Eisenbahnfahrt auf sich genommen, um Nachforschungen anzustellen. Seine Bemühungen waren belohnt worden.

Er verließ die erleuchtete Vorhalle, bog um die Ecke und überquerte die Straße. Der durchtrennte Muskel ließ ihn auf Dauer hinken, was sich auch jetzt an seinem ungeschickten, schwankenden Gang zeigte.

Im Schlagschatten gegenüber vom Bühneneingang wartete er. Nebel stieg vom Fluß auf und machte das Licht der Straßenlaternen diffus. Ein Nebelhorn dröhnte. Ihm wurde kalt, und er zog ein Paar gelbgefärbte Handschuhe an. Dann holte er einen flachen Silberflakon aus seiner Innentasche und genehmigte sich einen Schluck Brandy. Die Flasche blitzte im Schein einer Straßenlaterne auf. Das Licht enthüllte große, in das Metall eingravierte Initialen: C.W. Claudius Wood.

Willa band ihr Cape zusammen, als sie aus der Tür auf die Olive Street hinauseilte. Sie fühlte sich schmutzig und elend; baden und dann schlafen, mehr wollte sie nicht. Sie schob ihre Hände in den Pelzmuff und bog mit klappernden Absätzen nach rechts. Für gewöhnlich wartete sie auf einen der Schauspieler, der sie begleitete. Heute abend war sie zu ungeduldig. Es war eine wirklich miserable Vorstellung und eine miserable Weihnachtszeit gewesen. Natürlich hatte sie mitgesungen und Geschenke gemacht und sich am Fest des Ensembles auf der Bühne beteiligt. Doch wann immer sie lächelte oder vergnügt plauderte, schauspielerte sie; jede Minute spielte sie eine Rolle.

Präsident Johnsons Weihnachtsgabe für die Nation war eine bedingungslose Amnestie für alle Konföderierten gewesen, die bis jetzt noch nicht begnadigt worden waren. Es war ein ganz besonderes Ereignis und kam vielleicht gleich nach der Kapitulation, doch für sie hatte es wenig Bedeutung. Ihr stand niemand mehr nahe, der von der Amnestie betroffen worden wäre. Es erinnerte sie lediglich an Charles, und ein Gefühl bitterer Trauer stieg in ihr auf.

An der ersten Ecke stoppte sie, spürte irgendwie die - die Gegenwart einer Person ganz in ihrer Nähe. Sie drehte sich um und musterte die Schatten auf der anderen Straßenseite. Nichts.

Sie vernahm männliche und weibliche Stimmen, als die Truppe das Theater einen Block hinter ihr verließ. Wenn sie trödelte, holte Sam sie vielleicht ein und hielt ihr wieder einen Vortrag. Also eilte sie weiter; es ging ihr so elend, daß sie kein anderes menschliches Wesen sehen oder sprechen wollte.

Wood verfolgte sie lautlos in sicherem Abstand. Als sie den Hotelblock erreichte, hielt Willa an und blickte erneut über ihre Schulter zurück. Wood blieb regungslos neben dem schwarzen Rechteck eines Bäckereifensters stehen.

Kaum ging sie weiter, da setzte er sich auch wieder in Bewegung. Bei jedem Schritt hinkte er seitlich, ein Krüppel, dem die Beweglichkeit und Ausstrahlung fehlten, die ein Hauptdarsteller benötigte. Nun, die Schuldige würde bald gefaßt sein und die gerechte Strafe erleiden. Durch das dünne Handschuhleder hindurch drückten sich in seiner Tasche die gefeilten Köpfe der zu Ringen gebogenen Hufnägel tief in seine Fingerspitzen.

Wärme, Licht, der vertraute Geruch von staubigem Plüsch und Spucknäpfen. Willa war so müde, daß sie fast taumelte. Sie ging durch die Halle auf die Marmortreppe zu. Ein schläfriger Nachtportier mit einer öligen Haarlocke wie ein Fragezeichen erhob sich und hielt einen Finger hoch. »Mrs. Parker, ein Gentleman .« Ihr Rock verschwand am ersten Treppenabsatz. Ihre Schuhe knallten scharf auf dem Marmor. ». wartet auf Sie«, beendete er den Satz.

Selbstbewußt durchquerte Wood die Halle; in der Hand hielt er den Schlüssel seines eigenen Zimmers in einem anderen Hotel, so daß der am Marmorschalter lehnende Portier ihn sehen konnte. Der Portier studierte ihn, versuchte sich an ihn zu erinnern, konnte es nicht. Ein Gast, der sich eingetragen hatte, bevor er seinen Dienst angetreten hatte? So mußte es sein. Einen so stark hinkenden Mann hätte er nicht vergessen.

Der Portier drehte das Gästebuch, damit er die Seite mit den verschnörkelten Unterschriften studieren konnte. Inzwischen hatte Wood bereits die Treppe erreicht. Kaum hatte er den ersten Absatz hinter sich und konnte von der Halle aus nicht mehr gesehen werden, da begann er zwei Stufen auf einmal zu nehmen, wobei er sich am Geländer hochzog. Sein Hinken behinderte ihn nicht; es war der Motor, der ihn durch das Halbdunkel nach oben trieb.

Sie bog nach links in den von Gaslicht erhellten Korridor ein, suchte nach ihrem Schlüssel. Sie erreichte die Tür, steckte den Schlüssel ins Schloß und stellte verblüfft fest, daß er sich nicht drehen ließ. Sie berührte die Tür, riß ihre blauen Augen auf. Unversperrt?

Er streifte die Hufnagelringe über Zeige-, Mittel- und Ringfinger seiner behandschuhten Hand und richtete sie so hin, daß die zugefeilten Köpfe der Nägel nach außen ragten. Er dachte daran, daß er fetzen und reißen, nicht schlagen mußte, denn die Köpfe konnten sich genauso leicht durch das Handschuhleder bohren, wie sie ihr Gesicht zerfetzen würden.

Er erreichte den Treppenabsatz, sah sie an der Tür stehen. Schnell ging er auf sie zu und sagte: »Willa.«

Willa drehte sich um und sah den Mann auf sich zugehinkt kommen. Sie erkannte ihn sofort, obwohl er anders aussah -schwergewichtiger; und seine grobporige Nase war stärker gerötet. Er schwankte von einer Seite zur anderen wie eine Kinderpuppe, deren eines Bein beschädigt worden war.

Dann überfiel es sie schlagartig. Das >New Knickerbocker<. Der >Macbeth<-Dolch. Sie hatte nicht genügend Distanz zwischen sich und ihn gelegt, und sie hatte ihm ein starkes Motiv geliefert, hinter ihr herzujagen: dieses Hinken, das für einen Hauptdarsteller tödlich war. Was sie am meisten entsetzte, als er auf sie zugestürmt kam, waren seine Augen. Sie waren gnadenlos.

»Nun«, sagte Wood und hielt vor ihr an. »Meine liebe Mrs. Parker. Meine liebe Desdemona.«

»Waren Sie im Publikum?«

Er nickte, leckte sich über die Lippen. »Sie waren miserabel, das wissen Sie ja. Ich fürchte, es war Ihre letzte Hauptrolle. Wenn ich mit Ihnen fertig bin, können Sie nur noch alte Vetteln spielen.«

Sie roch seinen Brandy-Atem. Ihr erster Impuls war Flucht, doch Woods Masse und Größe schüchterten sie ein. Bewegte sie sich, so würde er sich sofort auf sie stürzen. Sie suchte den Korridor mit ihren Blicken ab.

»Nur zu«, sagte Wood amüsiert. Er hob den gelben Handschuh, über dem er, wie es aussah, einen Ring aus gebogenen Nägeln trug, die bläulichen Köpfe nach außen. »Renn doch, schrei. Bevor irgendein Gast aufwacht und uns erreicht, hängt dir das Gesicht in Fetzen herunter. Und genau so soll es auch bleiben.« Seine Hand griff nach ihrer Kehle. »Die hübsche Mrs. Parker. Jetzt ist sie gleich nicht mehr so hübsch.«

Willa warf sich gegen die Tür. Sie ging auf, und Willa stürzte rücklings in das dunkle Zimmer, das nach verstaubten Möbeln roch.

Wood schwang seine geballte rechte Hand mit den scharfen Nagelköpfen gegen ihr Gesicht. Irgendein Eindringling, ein Fremder, der sich in dem Alkoven mit dem dunklen Fenster verborgen hatte, stürzte über ihr vorbei. Sie sah ein blitzendes Auge, sah einen vielfarbigen wirbelnden Umhang. Konnte es sein? Als sie den schalen Geruch von kaltem Zigarrenrauch wahrnahm, wußte sie, daß es so war.

»Ich hörte Ihr überhebliches Gerede draußen«, sagte er. »Was wollen Sie von der jungen Dame?«

»Ein Gentleman wartet auf Sie«, hatte der Portier ihr zu sagen versucht. Ein Gentleman wartet. Er mußte den Portier überredet oder bestochen haben, damit er ihn mit dem Hauptschlüssel hineinließ. »Wir sind alte Freunde. Sie hat nichts dagegen.«

»Halten Sie sich raus«, tobte Wood, obwohl der Mann mit dem langen Bart in dem Flickenumhang ihn durch den Korridor bis an die Wand zurückgetrieben hatte.

»Charles«, rief sie aus dem Zimmer, »das ist Claudius Wood.«

Überrascht wandte er den Kopf. »Der Mann aus New York?«

Woods feuchte Augen traten hervor. In einem kurzen Moment hatte sich die Situation schlagartig verändert. Er wollte nur noch fliehen. Sich auf die Beine kämpfend, sagte Willa: »Ja. Er muß mich irgendwie gefunden haben und - paß auf!«

Wood schlug mit seiner rechten Faust nach dem Gesicht des Fremden. Obwohl der bärtige Mann erschöpft wirkte, war er behende und stark. Er wich dem Schlag seitlich aus, packte Woods ausgestreckten Arm und knallte dessen Faust mit voller Wucht gegen den Türrahmen. Die geschärften Nagelköpfe zerschnitten das gelbe Leder, schnitten in die Finger wie ein Messer in eine Wurst. Blut spritzte. Charles zog Wood an seinem Mantel heran und verpaßte ihm dann einen einzigen Schlag. Wood rutschte an der Wand herunter und blieb total erledigt auf dem Boden sitzen.

Der Nachtportier holte zwei Streifenpolizisten. Die Polizisten brüllten die sich im Flur drängelnden Gäste an, brachten sie zum Schweigen, ignorierten ihre Fragen. Der jüngere Polizist legte Wood Handschellen an; den anderen führte Willa ins Wohnzimmer.

Der bärtige Mann gab seinen Namen mit Charles Main an. Noch keine hiesige Adresse. Er war erst heute abend von Westen her in die Stadt geritten.

»Und Sie sind Mrs. Parker. Meine Frau und ich, wir haben Ihre Darstellung der Desdemona sehr genossen. Es ist ein schönes Gefühl, daß die Kultur auch nach St. Louis gekommen ist«, sagte der ältere Polizist, ganz verwirrt durch die Gegenwart einer Berühmtheit. Willas Aussage über Woods Angriff und Motiv mit Charles als Zeugen genügte den Polizisten, um sich von Woods Schuld zu überzeugen. Im Flur murmelte Wood abwechselnd Obszönitäten und tobte dann wieder wie ein Kind, was die Polizisten noch als weiteren Beweis dafür werteten, daß die junge Frau und ihr bärtiger Freund die Wahrheit gesagt hatten.

»Sie werden eine eidesstattliche Aussage unterschreiben müssen, Mrs. Parker«, sagte der Polizist. »Sie ebenfalls, Sir. Aber ich bezweifle, daß Sie heute abend noch ausgehen werden, oder?«

»Und morgen nicht weiter als bis zum Theater«, sagte sie.

»Kommen Sie zum Revier, sobald es Ihnen paßt. Wir stellen den Angreifer unter Anklage und sperren ihn bis dahin ein.«

Und so löste sich die Bedrohung durch Wood in nichts auf. Die Polizisten führten ihn ab; sein eleganter Mantel war mit seinem eigenen Blut verschmiert. Charles und Willa blieben in dem verstaubten Wohnzimmer zurück. Willa war so fassungslos und so glücklich, ihn zu sehen, daß sie am liebsten geweint hätte.

»Oh, Charles«, war alles, was sie sagen konnte, ehe sie sich in seine Arme stürzte.

Sie hatte noch ein bißchen Weihnachtswhisky übrig und schenkte ihm ein Glas ein, um ihn aufzuwärmen. Sie selbst nahm auch einen Schluck; er besänftigte den Schmerz in ihrem Magen ein bißchen. Sie rollte sich auf der kleinen Couch zusammen und versuchte, ihn zum Reden zu bringen; in seinem Gesicht lag ein fremder, gehetzter Zug. »Wo bist du gewesen? Was hast du gemacht?«

»Ich habe etwas gemacht, das bewies, daß du recht hattest und ich unrecht.«

»Ich verstehe nicht. Ist dein Sohn ...?«

»Mit Gus ist alles in Ordnung. Ich muß sagen, er kennt mich kaum. Ich war drei Tage bei ihm in Leavenworth, dann bin ich hergekommen, um dich zu suchen.« Er nahm ihre Hand. »Ich war im Indianerterritorium, als Scout für Custer. Ich muß dir davon erzählen.«

Eine Stunde lang hörte sie ihm zu. Es begann zu regnen, ein peitschender Wolkenbruch, der den Nebel vertrieb. Ein seltsamer, kalter Hauch umgab Charles, dachte sie; ein Hauch der fernen Prärie und des tiefen Winters, verstärkt durch den schwachen Duft, den selbst seine stinkende Zigarre nicht überdecken konnte. Er hatte ein Bad dringend nötig, und ganz sicher mußte sein Bart geschnitten werden.

Der Whisky wärmte sie beide. Er unterbrach seine Geschichte an der Stelle, wo Custer und seine Männer die Indianer oben auf den Klippen entdeckten, nachdem sie das Dorf eingenommen hatten. Er sagte, daß er gern mit ihr schlafen würde.

Errötend sagte sie zu, doch er bemerkte ihr leichtes Zögern und runzelte die Stirn. Sie erzählte ihm, daß sie während der letzten Tage krank gewesen war und sich immer noch nicht erholt hatte. Dann müsse die Liebe eben warten, sagte er, doch seine Stimme war kalt. Sie führte ihn ins Schlafzimmer. Er zog sich aus, während sie ihr Flanellnachthemd überstreifte. Sie kletterten unter die Decke, und er legte den Arm um sie und redete weiter.

»Es war falsch von mir, hinter den Cheyenne herzujagen, einen Tod durch einen anderen auszugleichen. Schau, was es mir eingebracht hat.« Er hielt das matte Metallkreuz hoch, das an einem Lederriemen um seinen Hals hing. »Meine Rache bestand darin, einen Jungen von vierzehn oder fünfzehn Jahren zu töten. Ist das nicht eine großartige Leistung?«

Mit der Hand strich sie über seine gefurchte Stirn. »Du bist also aus der Armee ausgeschieden.«

»Für immer.«

»Und wohin willst du?«

»Ich sagte es dir schon, zu meinem Sohn. Und zu dir.«

»Und was nun?«

»Willa, ich weiß es nicht. Als ich das letzte Mal den Washita durchquerte, sagte ich mir, daß es für mich keinen Platz mehr gibt.«

»Ich werde einen finden.« Sie drückte sich an ihn, strich mit der Hand durch das Gestrüpp seines Bartes. »Ich werde einen Platz für uns beide finden, wenn du mich nur läßt. Willst du?«

»Ich liebe dich, Willa. Ich will bei dir und meinem Jungen sein. Das ist alles, was ich will. Ich bin mir nur nicht sicher ...« Sein trostloser Blick zeigte den schrecklichen Zweifel. »Ich glaube nur, daß nicht einmal du einen Platz finden kannst. Ich weiß nicht, ob es irgendeinen Platz auf dieser Welt gibt, wo ich hingehöre.«

55

Zwei Tage später bereitete Maureen in der kleinen Küche des Brigadequartiers Biskuitteig. Während der Nacht hatte der Wind gedreht, die Wolken vom Himmel gefegt und ihnen warme, südliche Luft beschert. In dem kleinen Garten unter dem Fenster spiegelte sich die Sonne in Tümpeln geschmolzenen Schnees. Maureen hatte die Tür geöffnet, um von der frischen Brise die schalen Gerüche des Winters hinausblasen zu lassen.

Das Tauwetter im Januar ließ ihre Stimmung für gewöhnlich steigen. Heute morgen fühlte sie sich immer noch elend. Sie fühlte sich so, seit Mr. Charles vor einer Woche praktisch aus dem Nichts aufgetaucht war und verkündet hatte, daß mit dem Armeeleben Schluß war. Er hatte erklärt, daß er diese Schauspielerin in St. Louis heiraten wollte, falls sie ihn nahm, und sich dann fest niederlassen werde, um den kleinen Gus aufzuziehen. Maureen hörte den Jungen mit den Klötzchen spielen, die ihm Duncan zurechtgesägt hatte.

Maureen konnte Charles nicht verbieten, daß er seinen Sohn zu sich nahm, auch wenn sie alles an dem Mann mißbilligte, angefangen von seiner ordinären Kleidung bis zu seinen Zigarren, seinem Jähzorn, seiner unberechenbaren Art und Weise. Eine Minute hier, in der nächsten Minute schon wieder weg. Drei Nächte war er geblieben, dann war er zu dieser Schauspielerin geritten.

Nein, sie konnte sich Charles nicht in den Weg stellen; er war der Vater des Kindes. Andererseits hatte Maureen stets gehofft, ja sogar fest damit gerechnet, daß die Erziehung des kleinen Gus ihr zufallen würde, da Charles dafür zu wild und rastlos war. Jetzt war er zurückgekommen und wollte das Gegenteil beweisen.

Hatte er erst den Jungen zu sich genommen, dann würde ihr Traum, der Brigadier könnte ihre Beziehung durch einen Heiratsantrag legalisieren, nie Wirklichkeit werden. Fast schon hatte sie sich zu dem Entschluß durchgerungen, Jack Ford zu heiraten, einen weißhaarigen Quartiermeister-Sergeant. Ford, ein irischer Witwer, liebte das Leben bei der Kavallerie, behauptete aber, sie fast ebenso zu lieben. Sie liebte ihn nicht, doch wenn sie ihn heiratete, würde in ihr Leben zumindest eine gewisse Sicherheit kommen.

Sie erwartete den Brigadier, der sich wieder auf einer seiner Zahltouren durch die Forts von Kansas befand, gegen Anbruch der Nacht zurück. Sie freute sich darauf. Sie liebte ihn, obwohl er nie ein diesbezügliches Wort sagte; wahrscheinlich kam ihm das in Verbindung mit ihr gar nicht in den Sinn. Sie schnitt die Biskuits fertig und legte sie in Reihen auf das Eisenblech, um sie dann nach Sonnenuntergang in den Ofen zu schieben; die Wärme des Ofens würde die Kälte aus den schäbigen Zimmern vertreiben.

Sie glaubte, ganz in der Nähe einen Wagen zu hören. Sie sah zum Fenster hinaus, konnte aber nichts entdecken. Auf dem Fenstersims lag ein unhandlicher Allen-Revolver mit sechs Läufen, den Duncan ihr kurz nach ihrer Ankunft in Kansas gekauft hatte. Der Allen stammte aus den vierziger Jahren, genügte aber für seinen Zweck. Bei einem Indianerangriff und drohender Vergewaltigung erwartete man von einer Frau, daß sie sich selbst eine Kugel gab. Die Wahrscheinlichkeit, daß die Cheyenne oder die Sioux einen so zivilisierten Posten wie Lea-venworth überfallen würden, war geradezu lächerlich gering, doch der Brauch hielt sich hartnäckig; die meisten Armeefrauen hatten irgendwo eine geladene Waffe liegen.

Sie hörte ein Geräusch hinter sich. Gus war da. Sein Anblick, der ihr bald verwehrt bleiben würde, machte sie nur noch trauriger.

Charles' Sohn war jetzt vier. Bis auf die warmen, braunen Augen besaß der kräftige Junge keinerlei Ähnlichkeit mit seinem Vater. Es waren eindeutig die Augen von Charles Main, doch sein Gesicht war eckiger. Das mußte Gus von seiner Mutter, der Nichte des Brigadiers, mitbekommen haben, zusammen mit dem dunkelblonden Haar, das eine Haube dichter Locken bildete.

Gus war ein fröhliches Kind; allerdings hatte er Angst vor seinem Vater, was Maureens Abneigung gegen Charles' Rückkehr noch vergrößerte. Er besaß eine schnelle Auffassung. Maureen las ihm jeden Abend vor. Die meisten Buchstaben kannte er bereits.

»Reeny!« Das war sein Name für sie, abgeleitet von seinen ersten Versuchen, Maureen zu sagen. »Ich will raus und spielen.«

»Bist du auch warm genug angezogen?« Er nickte. »Also gut. Aber bleib im Garten, wo ich dich sehen kann. Paß auf die Indianer auf.«

»Gibt keine Indianer, bis auf die alten, fetten Indianer, die rumsitzen.«

»Man kann nie wissen, Gus. Halt vorsichtshalber die Augen offen.«

Er seufzte nachsichtig und holte hinter der Tür sein Besenstielpferd hervor, das Duncan ihm vor einem Jahr zu Weihnachten gebastelt hatte. Das Pferd war goldfarben mit weißer Mähne. Die aufgemalten Augen des geschnitzten Kopfes hatte Duncan erstaunlich realistisch hinbekommen.

Gus packte das Seil, das als Zügel diente, und galoppierte bald schon neben dem kleinen Garten auf und ab, wobei er dem Besen mit einer imaginären Peitsche eins überzog und dann mit der gleichen Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger wild um sich schoß. Maureen beobachtete den im Sonnenschein herumtobenden Jungen, und ihr wurde noch trauriger zumute. Er hatte sie so glücklich gemacht.

Sie ging in ihr Zimmer, um sich für fünf Minuten niederzulegen. Vielleicht fühlte sie sich so, weil bei ihr die Wechseljahre einsetzten; sie war keine junge Frau mehr. In ihrem Haar schimmerte es grau. Sie war sehr müde. Aus den fünf Minuten wurden fünfzehn.

Gus hatte ungefähr drei Dutzend wilde Indianer niedergemetzelt, als der Wagen knirschend hinter dem letzten Gebäude in einer Reihe identischer Häuser auftauchte. Der Hausierer wickelte die Zügel um den Bremshebel, schaute sich um, als suchte er Kundschaft, und kletterte dann vom Kutschbock.

Little Gus stand da und beobachtete ihn. Das plötzliche Auftauchen des Wagens hatte ihn ein bißchen erschreckt. Obwohl die Seite des Wagens nicht beschriftet war, wußte er, daß er einem Hausierer gehörte, da einige Blechtöpfe und Kessel am Fahrersitz baumelten. Jetzt war er mehr neugierig als verängstigt, denn der grinsende Hausierer mit dem Zylinderhut hatte einen eleganten Stock mit einem großen, im Sonnenschein glänzenden Goldknauf bei sich. Außerdem glitzerte noch etwas am linken Ohr des Hausierers. Es erinnerte Gus an ähnliche Verzierungen, die er an den Ohren der Offiziersfrauen gesehen hatte. Bei einem Mann hatte er so was noch nie gesehen.

Auf seinen Stock gestützt, kam der Hausierer auf den Jungen zu. Im Vorbeigehen schaute er bei jedem Haus ins rückwärtige

Fenster, als wäre er weiterhin auf der Suche nach Damen, denen er seine Blechtöpfe verkaufen könnte. Die linke Schulter des Mannes hing etwas tiefer als seine rechte.

»Guten Morgen, mein Junge. Ich bin Mr. Dayton, Lieferant von Haushaltswaren. Wie heißt du?«

»Gus Main.«

»Ist deine Mutter im Haus?«

»Hab' keine Mutter. Reeny paßt auf mich auf.« Er rannte die Stufen hoch und spähte durch die Tür. Er konnte Maureen weder sehen noch hören. »Weiß nicht, wo sie ist. Sie hat Biskuits gemacht.«

Er blieb auf der untersten Stufe stehen. Ein schaler, übler Geruch umgab den Hausierer, und etwas in seinen Augen verstörte Gus; er wußte selbst nicht, warum. Der Hausierer starrte ihn weiter an und rieb dabei den Goldknauf seines Stockes. Gus schluckte, krampfhaft überlegend, was er sagen konnte.

Plötzlich deutete er auf den Kopf des Hausierers: »Was ist das?«

Der Hausierer strich über den Ohrring. »Oh, bloß ein kleines Geschenk von jemandem, der mir was schuldete. Möchtest du mein Maultier streicheln? Ist ein braves altes Muli. Er mag's, wenn man ihm die Ohren krault.«

Gus schüttelte den Kopf; mit diesem aufdringlichen Mann wollte er nichts zu tun haben. »Ich glaube nicht.«

»Oh, komm schon, streichle ihn, er ist ganz scharf darauf.« Ohne Vorwarnung packte der Hausierer seine Hand, so fest, daß Gus sofort wußte, daß irgendwas nicht stimmte.

»Gus, wer ist da draußen bei dir?« Es war Maureen. Die Stimme des Hausierers hatte sie aus ihrem Zimmer getrieben. Sie machte die Tür auf; der Anblick, der sich ihr bot, erschreckte sie, ohne daß sie wußte, warum. Vielleicht lag es an den Augen des Fremden. Glänzend wie die des tollwütigen Hundes, den sie einmal gesehen hatte. In seinem schmierigen, alten Frack sah er alles andere als respektabel aus. Er umklammerte Gus' Handgelenk so fest, daß die Finger ganz weiß wurden.

»Wer immer Sie sind, Sie lassen jetzt besser den Jungen los«, sagte sie und kam die Stufen herunter. Mit einem gewaltigen Grunzer hob der Mann seinen Stock und schlug ihn ihr über den Kopf.

Lautlos kippte Maureen in die Küche zurück. Der Hausierer riß Gus hoch, klemmte ihn sich unter den Arm und hielt ihm mit der linken Hand den Mund zu. Der Junge war stark und trat um sich und versuchte zu schreien. Der Hausierer hatte kaum die Zeit, mit seinem Stock etwas in den Boden zu kratzen.

Durch schlammige Gartenbeete hinkte der Hausierer zurück zu seinem Wagen. Ganz plötzlich war er nicht mehr so zuversichtlich, daß sein Plan funktionieren würde, der auf zwei Grundpfeilern basierte: Überraschung und Terror.

Nachdem er über das Hauptquartier erst Charles und dann dessen Kind aufgespürt hatte - verblüfft hatte er festgestellt, daß sich der Junge im gleichen Militärposten befand, wo er mit seinen Nachforschungen begonnen hatte -, war er darangegangen, einige sorgfältige Beobachtungen anzustellen. Während der letzten beiden Tage hatte er alle Bewegungen in und um die Offiziersquartiere herum verfolgt.

Das war nicht schwer gewesen. Zivilisten konnten sich in Fort Leavenworth relativ frei bewegen. Es war ihm leichtgefallen, den Wachposten bei seiner ersten Ankunft hier davon zu überzeugen, daß er ein Hausierer war. Er sah aus wie ein Hausierer, was er auch beabsichtigt hatte, als er mit dem Geld des toten Farmerpaares aus Iowa den Wagen kaufte und ausrüstete.

Lange Zeit hatte er gegeneinander abgewogen, ob die Nacht günstiger war als der Tag. Nachts befanden sich zu viele Offiziere in ihren Quartieren, während er es am Morgen lediglich mit Frauen zu tun hatte. Natürlich kam bei Tageslicht das zusätzliche Risiko einer Entdeckung hinzu, doch Überraschung und Schock verlangsamten häufig die Reaktionen der Leute. Und so hatte er tollkühn das Tageslicht gewählt, ein Handstreich, würdig des amerikanischen Bonaparte.

Jetzt fühlte er sich nicht mehr so sicher. Der Junge versuchte ihn in die Hand zu beißen. Der Hausierer preßte fester, bis die unterdrückten Laute des Jungen Schmerz erkennen ließen. »Ich breche dir das Genick, wenn du nicht ruhig bist«, flüsterte der Hausierer.

Im vorletzten Haus der Reihe schaute das runde, gerötete Gesicht einer alten Frau zum Küchenfenster hinaus. Erstaunen zeichnete sich darin ab. Die Frau rannte zur Tür. »Was machen Sie da mit dem Jungen des Brigadiers?«

Mittlerweile kletterte der Hausierer auf seinen Wagen. Er schleuderte den Jungen nach hinten und wickelte ihm einen langen Fetzen um Kopf und Mund, gerade ausreichend, um ihn stillzuhalten, bis sie den Posten verlassen hatten.

Besonders schwierig war es, das Maultier in einem normalen, gleichmäßigen Schritt laufen zu lassen. Hinter sich hörte er die Frau etwas rufen; er verließ sich darauf, daß sie zuerst zu Dun-cans Haus laufen würde, um Maureen zu alarmieren.

Ein Trupp junger Kavalleristen trottete in entgegengesetzter Richtung vorbei; ihr Drill-Sergeant beschimpfte sie wegen ihrer Schlampigkeit. Der Hausierer hörte seinen Gefangenen hinter dem Kutschbock treten und stöhnen. Er packte seinen Stock, drehte sich um und schlug dem Jungen zweimal den Goldknauf gegen den Kopf. Beim zweitenmal sackte der Junge schlaff zusammen.

Der Hausierer vergewisserte sich, daß der Junge noch atmete, dann wischte er einen Blutfleck von dem Knauf und trieb das Maultier auf das Wachhäuschen am Tor zu.

Dreißig Sekunden später war er durch. Kurz darauf überholte der Wagen drei Ochsenkarren, die Holz nach Leavenworth City transportierten. Der Wagen des Hausierers zog flott an ihnen vorbei und verschwand vor ihnen.

Charles beobachtete die tickende Uhr. Halb elf. Willa hatte versprochen, um elf Uhr fünfzehn vom Theater zurück zu sein, also blieb ihm noch Zeit, etwas im >St. Louis Democrat< zu lesen.

In der Zeitung war ein erstaunlicher Brief abgedruckt, geschrieben von einem Captain Fred Benteen von der H-Kompa-nie. In dem Brief wurde Custer praktisch beschuldigt, Major Elliott und seine Abteilung an jenem Tag Ende November gleichgültig seinem Schicksal überlassen zu haben. Nachdem ein Suchtrupp auf feindliches Feuer gestoßen war, hatte Custer kein weiteres Ersatzkommando mehr losgeschickt, sondern sich nur noch darum gekümmert, sich vor den Indianern oben auf den Klippen in Sicherheit zu bringen. So, wie Charles ihn gehört hatte, war Custers Plan auch ausgeführt worden. Ein Marsch flußabwärts mit spielender Kapelle hatte die Indianer davon überzeugt, daß die noch verbleibenden Dörfer angegriffen werden sollten. Die Indianer verteilten sich, um ihre jeweiligen Dörfer zu verteidigen. Custer machte auf dem Absatz kehrt und entkam sicher im Schutze der Dunkelheit. Elliotts Leiche und die Leichen der sechzehn gefallenen Soldaten blieben zurück.

Über die Zahl der toten Indianer am Washita herrschte völlige Unklarheit. Custer behauptete, es handle sich um hundertvierzig, lauter männliche Erwachsene, die auf dem Schlachtfeld gezählt worden waren. Charles hatte nichts von einer derartigen Zählung bemerkt, solange er dort gewesen war. Spätere Berichte, die auf Angaben der >Scouts< zurückgingen, schraubten die Gesamtsumme auf zwanzig bis vierzig Männer zurück, Schwarzer Kessel eingeschlossen, sowie eine ebenso große Anzahl von Frauen und Kindern. Charles glaubte mehr den niedrigeren Zahlen; General Sully hatte erst kürzlich zugegeben, daß Präriekommandeure für gewöhnlich die Anzahl der getöteten Wilden aufbliesen, um ihre militärischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und den Blutdurst der breiten Öffentlichkeit zu befriedigen.

Anfang Dezember waren General Sheridan und Custer an den Washita zurückgekehrt, wo sie die Leichen von Elliott und seinen Männern entdeckt hatten. Elliott lag mit dem Gesicht nach unten, zwei Kugeln im Kopf. Die anderen, alle entkleidet, waren verstümmelt worden; einigen hatte man die Kehle durchgeschnitten, anderen den Kopf abgeschlagen.

Und hier spottete Benteen mit bitteren Worten über Custers Flucht; Custer, dem die Osage-Scouts den neuen Namen Kriechender Panther gegeben hatten; Custer, den die Friedenstauben als einen >weiteren Chivington< geißelten - und das nicht ohne Berechtigung, dachte Charles. Er betastete das Messingkreuz, das er trug, um nicht zu vergessen, wozu ein Mann fähig war, der ohne Mitleid, Menschlichkeit und Vernunft lebte.

Er konnte allerdings nicht glauben, daß Benteen den Brief für die Öffentlichkeit geschrieben hatte. Fred Benteen haßte Custer, aber er war ein erfahrener Offizier, der die Regeln kannte. Charles war überzeugt davon, daß die Zeitung auf irgendeine ungewöhnliche Weise in den Besitz des Briefes gekommen war. Die Befriedigung, die er dabei empfand, Benteens Anschuldigungen gedruckt zu sehen, beunruhigte ihn.

Er hörte Schritte im Hotelflur und neigte den Kopf. Zehn Uhr vierzig. Zu früh für Willa.

Sie stürzte ins Zimmer, das Gesicht noch voller Make-up. Er warf die Zeitung beiseite. »Was ist passiert, Willa?«

»Das kam ins Theater, für dich. Jemand schob es Sam auf der Bühne zu, und er stoppte die Vorstellung. Ließ den Vorhang runter.«

»Warum?« Es verwunderte Charles, daß eine telegraphische Nachricht einen derartigen Wirbel verursachen konnte.

»Lies es«, flüsterte Willa. »Lies es einfach nur.«

DEIN JUNGE GESTERN MIT GEWALT ENTFÜHRT.

ENTFÜHRER VON MAUREEN GESEHEN,

KONNTE IHN NICHT AUFHALTEN.

ER KRATZTE EIN WORT IN DEN BODEN, B-E-N-T.

IST DAS NICHT DER MANN, DEN DU ERWÄHNT HAST?

BEHÖRDEN IN LEAVENWORTH CITY HABEN IHN NICHT ERWISCHT.

KOMME SOFORT.

DUNCAN

Charles mußte es dreimal lesen, um es glauben zu können. Willa wirkte tief betroffen; sie beobachtete, wie die Skepsis von seinem Gesicht abbröckelte und einem erschreckenden Ausdruck Platz machte.

Vom Washita aus auf dem Weg nach Norden hatte Charles gedacht, daß er nun am Anfang einer langen, mühsamen Kletterei zurück aus dem Schlund der Hölle stand. Jetzt wußte er, daß er seine Klettertour falsch eingeschätzt hatte. Der Washita war nicht die Hölle gewesen, sondern lediglich die Pforte zur Hölle; Sharpsburg war nicht die Pforte zur Hölle gewesen, ebensowenig wie Northern Virginia, sondern nur die Zufahrtsstraße zur Hölle.

In seinem Kopf wirbelte alles durcheinander. Gedanken an Bents Haß, Gus Barclays Tod, an sein Versagen als Vater.

Wäre ich nur bei ihm gewesen.

Er starrte auf die Nachricht in seiner Hand. Er wußte, wie die Hölle aussah. Er war da.

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