Deidre O'Neill, bekannt als Edda


Ich habe Athena das erste Mal in der Lobby eines Hotels in Bukarest gesehen. Damals dachte ich mir, ich weiß zwar nicht, was sie hier macht, aber wie auch immer, sie muß ihren Weg bis zum Ende gehen. Ich mußte die letzten Worte laut gesagt haben, denn sie schaute mich verblüfft an.

»Wer sind Sie?«

Ich gab keine Antwort, sondern sagte, ich hätte aus der Frauenzeitschrift zitiert, die ich gerade las, und redete weiter über den vermeintlichen Artikel, bis der Mann, der an ihrem Tisch saß, sich erhob und ging.

»Falls Sie wissen möchten, was ich beruflich mache: Ich habe vor ein paar Jahren mein Medizinstudium abgeschlossen. Aber das interessiert Sie möglicherweise gar nicht.«

Ich machte eine Pause.

»Vielleicht möchten Sie ja eher wissen, was ich in diesem Land mache, das nach bleiernen Jahren wieder zum Leben erwacht. «

»Genau. Was machen Sie hier ?«

Ich hätte sagen können: Ich bin zur Beerdigung meines Meisters gekommen, da ich fand, daß er diese Ehrung verdient hatte. Aber es wäre nicht klug gewesen, darüber zu sprechen. Zwar hatte sie keinerlei Interesse am Vampirismus gezeigt, den der Mann an ihrem Tisch erwähnt hatte. Aber beim Wort >Meister< würde sie vielleicht doch stutzen. Da mein Schwur mir verbietet zu lügen, antwortete ich mit einer Halbwahrheit:

»Ich wollte sehen, wo ein Schriftsteller namens Mircea Eliade, von dem Sie wahrscheinlich noch nie etwas gehört haben, seine Jugend verlebt hat. Eliade, der einen großen Teil seines Lebens in Frankreich verbracht hat, war Spezialist für Mythen.«

Die junge Frau sah auf die Uhr und zeigte kein Interesse.

»Und mit Mythen meine ich nicht Vampire, sondern Menschen, die – sagen wir – dem Weg folgen, dem auch Sie folgen.«

Sie wollte gerade ihre Tasse zum Mund führen, hielt aber inne.

»Sind Sie von der Regierung? Oder sind Sie jemand, den meine Eltern beauftragt haben, mir zu folgen?«

Mir kamen Zweifel, ob ich das Gespräch weiterführen sollte. Ihre feindselige Haltung war vollkommen übertrieben. Doch ich konnte ihre Aura spüren, ihre Angst. Ich war wie sie gewesen, als ich in ihrem Alter war. Ich hatte wie sie innere und äußere Verletzungen, die mich dazu getrieben hatten, als Ärztin Menschen zu heilen, ihnen aber zugleich zu helfen, ihren spirituellen Weg zu finden. Ich wollte gerade sagen: »Ihre Verletzungen werden Ihnen helfen«, meine Zeitung nehmen und gehen …

Hätte ich das getan, wäre Athenas Weg möglicherweise ganz anders verlaufen. Sie würde heute noch mit dem Mann zusammenleben, den sie liebte, sich um ihren Sohn kümmern, vielleicht sogar die Besitzerin einer Immobilienfirma sein. Sie besaß alle, wirklich alle Voraussetzungen, um erfolgreich zu sein: Sie hatte genug gelitten, um ihre bitteren Erfahrungen zu ihren Gunsten zu nutzen, und es war nur eine Frage der Zeit, bis es ihr gelingen würde, ihre Unruhe zu verlieren und voranzuschreiten.

Doch was veranlaßte mich, das Gespräch weiterzuführen? Die Antwort ist einfach: Neugier. Ich war von dieser starken Aura in der kalten Hotellobby fasziniert. Ich fuhr fort:

»Mircea Eliade hat Bücher mit seltsamen Titeln geschrieben: Hexerei und kulturelle Strömungenbeispielsweise. oder Das Heilige und das Profane.mein meister (ich sagte das aus versehen, aber sie hatte es entweder nicht gehört oder tat so, als hätte sie es nicht bemerkt) liebte dessen Arbeit sehr. Und meine Intuition sagt mir, daß Sie sich für diese Themen interessieren.«

Sie sah wieder auf die Uhr.

»Ich bin auf dem Weg nach Sibiu«, sagte die junge Frau. »Mein Bus fährt in einer Stunde, ich werde meine Mutter suchen, wenn es das ist, was Sie wissen wollen. Und falls es Sie interessiert: Ich arbeite als Immobilienmaklerin im Nahen Osten und habe einen fast vierjährigen Sohn. Meine Eltern leben in London. Oder vielmehr meine Adoptiveltern, denn ich wurde als kleines Kind weggegeben. – Das wollten Sie doch wissen, oder?«

Ihre Intuition war wirklich hoch entwickelt, sie hatte sich unbewußt in mich hineinversetzt.

»Ja, das wollte ich wissen.«

»Mußten Sie von so weit herkommen, um über einen Schriftsteller zu forschen? Gibt es dort, wo Sie leben, keine Bibliotheken?«

»In der Tat hat dieser Schriftsteller nur bis zum Abschluß seines Studiums in Rumänien gelebt. Daher müßte ich, um mehr über seine Arbeit zu erfahren, nach Paris, London oder Chicago fahren, wo er übrigens gestorben ist. Ich betreibe keine Forschungen im herkömmlichen Sinne: Wie ich schon sagte, möchte ich die Welt, in die er hineingeboren wurde, kennenlernen. Ich möchte nachvollziehen, was ihn dazu bewegt hat, über Dinge zu

schreiben, die mein Leben berühren und das Leben von Menschen, die ich achte.«

»Hat er auch über Medizin geschrieben?«

Es war besser, darauf keine Antwort zu geben. Mir war klar, daß sie das Wort »Meister« mitbekommen hatte, aber glaubte, es habe etwas mit meinem Beruf zu tun.

Die junge Frau erhob sich. Ich glaube, sie ahnte, worauf ich hinauswollte – ich konnte sehen, wie ihre Aura heller strahlte. Eine Aura kann ich nur wahrnehmen, wenn ich in der Nähe von jemandem bin, der mir sehr ähnlich ist.

»Hätten Sie Lust, mich zum Bahnhof zu begleiten?«, fragte sie.

Das hatte ich tatsächlich. Mein Flug würde erst am späten Abend gehen, und ein ganzer langer Tag lag vor mir. Zudem wollte ich mich gern weiter mit ihr unterhalten.

Sie ging hinauf in ihr Zimmer und kehrte mit ihren Koffern und vielen Fragen zurück. Kaum hatten wir das Hotel verlassen, begann sie das Gespräch:

»Ich habe ein paar Fragen an Sie. Vielleicht werde ich Sie in diesem Leben nie wiedersehen, daher möchte ich Sie bitten, mir ganz direkt zu antworten.«

Ich nickte.

»Sie haben all diese Bücher gelesen. Glauben Sie, daß Tanz uns in Trance versetzen und uns ein Licht sehen machen kann? Und daß wir mit diesem Licht nichts anfangen können, es sei denn, wir sind entweder zutiefst zufrieden oder tieftraurig ?«

Die richtige Frage.

»Zweifellos. Aber nicht nur der Tanz. Alles, auf das wir uns konzentrieren können und was uns erlaubt, den Körper vom Geist zu trennen. Wie Yoga oder Beten oder die Meditation der Buddhisten.«

»Oder die Kalligraphie.«

»Daran hatte ich noch gar nicht gedacht, aber das ist durchaus möglich. In diesen Augenblicken läßt der Körper die Seele frei, sie steigt in den Himmel hinauf oder in die Hölle hinab. An beiden Orten lernt sie, was sie braucht, um entweder ihren Nächsten zu heilen oder ihn zu zerstören.

Aber mich interessieren diese individuellen Wege nicht mehr. Meiner Tradition zufolge brauche ich die Hilfe von – hören Sie mir überhaupt zu?«

»Nein.«

Sie war mitten auf der Straße stehengeblieben und schaute auf ein Mädchen, das verlassen wirkte. Sofort griff sie in ihre Tasche.

»Tun Sie das nicht«, sagte ich. »Schauen Sie auf die andere Straßenseite. Dort steht eine Frau mit bösem Blick. Sie hat dieses Kind dorthin gestellt, damit es …«

»Das ist mir egal.«

Die junge Frau holte ein paar Münzen aus der Tasche. Ich hielt ihre Hand fest.

»Lassen Sie uns das Mädchen zum Essen einladen. Das ist nützlicher.«

Ich lud das Kind ein, mit zu einem Imbiß zu kommen. Dort kaufte ich ihm ein Sandwich und gab es ihm. Das Mädchen lächelte und bedankte sich: Die Augen der Frau auf der anderen Straßenseite schienen vor Hass zu funkeln. Doch die grauen Augen der jungen Frau, die neben mir ging, verrieten Bewunderung für das, was ich eben getan hatte.

»Was haben Sie gerade gesagt?«

»Das ist nicht weiter wichtig. Wissen Sie übrigens, was vor ein paar Minuten passiert ist? Sie sind in die gleiche Trance gefallen, die der Tanz hervorruft«

»Sie irren sich.«

»Ich irre mich keineswegs. Etwas hat Ihr Unterbewußtsein berührt. Vielleicht haben Sie sich selber gesehen. Wären Sie nicht adoptiert worden, hätten Sie auf dieser Straße gebettelt. In diesem Augenblick hat Ihr Gehirn nicht mehr reagiert. Ihr Geist ist aus Ihnen herausgetreten und ist in die Hölle gereist, ist dort den Dämonen Ihrer Vergangenheit begegnet. Deshalb haben Sie die Frau auf der anderen Straßenseite nicht bemerkt – Sie waren in Trance. In einer spontanen Trance, die Sie dazu trieb, etwas zu tun, was theoretisch gut, aber praktisch unnütz gewesen wäre. Als befänden Sie sich…«

»In einem der weißen Zwischenräume zwischen den Buchstaben. In dem Augenblick, in dem ein Ton verklingt und der nächste noch nicht begonnen hat.«

»Genau. Aber eine derartige Trance kann gefährlich sein.«

Ich hätte beinahe gesagt: »Diese Art von Trance wird von Angst hervorgerufen: Sie lähmt den Menschen, nimmt ihm seine Reaktionsfähigkeit, der Körper antwortet nicht, seine Seele ist nicht mehr da. Sie waren voller Schrecken angesichts all dessen, was hätte geschehen können, hätte das Schicksal Ihnen nicht Ihre Eltern geschenkt.« Aber sie hatte derweil die Koffer abgestellt und schaute mir ins Gesicht.

»Wer sind Sie? Warum sagen Sie mir das alles ?«

»Mein bürgerlicher Name ist Deidre O’Neill. Angenehm. Und wie heißen Sie?«

»Athena. Aber in meinem Paß steht Sherine Khalil.«

»Wer hat Ihnen diesen Namen gegeben?«

»Niemand, der wichtig wäre. Aber ich habe nicht nach Ihrem Namen gefragt, ich habe gefragt, wer Sie sind. Ich wüßte auch gern, warum Sie mich angesprochen haben und warum ich ebenfalls den Wunsch verspürt habe, mit Ihnen zu reden. Liegt es daran, daß wir beide die einzigen Frauen in der Hotellobby waren? Ich glaube nicht: Sie sagen mir Dinge, die in meinem Leben einen Sinn ergeben.«

Sie nahm wieder ihre Koffer, und wir gingen weiter Richtung Bahnhof.

»Ich habe auch einen zweiten Namen. Edda. Aber er wurde nicht zufällig gewählt. Ebenso wenig wie ich glaube, daß uns der Zufall zusammengeführt hat.«

Vor uns lag der Eingang zum Bahnhof mit seinem regen Treiben: Militärs in Uniform, Bauern, hübsche Frauen, die aber gekleidet waren wie vor fünfzig Jahren, strömten heraus und hinein.

»Wenn uns nicht der Zufall zusammengeführt hat, was dann?«

Bis zur Abfahrt ihres Busses war es noch eine halbe Stunde, und ich hätte antworten können: die Große Mutter. Es gibt einige auserwählte Menschen, von denen ein ganz besonderes Leuchten ausgeht. Es ist ihnen bestimmt, einander zu begegnen. Sie – Sherine oder Athena – gehören dazu, allerdings müssen Sie noch viel an sich arbeiten, bis Sie die Energie, die Ihnen gegeben wurde, für sich nutzen können.

Ich hätte ihr erklären können, daß sie den klassischen Weg einer Hexe ging, deren Suche nach der höheren oder der niederen Welt durch das bestimmt wird, was ihre Persönlichkeit ausmacht. Am Ende aber zerstört sie fast immer ihr eigenes Leben – sie dient, gibt Energie weiter, bekommt aber keine zurück.

Ich hätte ihr erklären können, daß die Wege zwar ganz persönlich sind, es aber immer eine Wegstrecke gibt, in der Menschen sich zusammentun, zusammen feiern, ihre Schwierigkeiten besprechen und sich auf die Wiedergeburt der Großen Mutter vorbereiten.

Daß die Verbindung mit dem Göttlichen Licht die größte Wirklichkeit ist, die ein Mensch je erfahren kann, und daß diese Verbindung dennoch der Tradition zufolge, der ich angehöre, nie ganz allein gelebt werden darf, weil es Jahre, Jahrhunderte der Verfolgung gab, die uns viel gelehrt haben.

»Wir könnten, bis der Bus abfährt, noch einen Kaffee zusammen trinken.«

Nein, das wollte ich nicht. Ich würde am Ende Dinge sagen, die zu diesem Zeitpunkt falsch verstanden werden würden.

»Bestimmte Menschen waren sehr wichtig für mein Leben«, fuhr Athena fort. »Mein Vermieter in London beispielsweise. Oder ein Kalligraph, den ich in der Wüste in der Nähe von Dubai kennengelernt habe. Wer weiß, vielleicht haben Sie mir Dinge zu sagen, die ich mit den beiden teilen kann, um alles das zu entgelten, was sie mich gelehrt haben.«

Sie hatte also bereits Meister gehabt: großartig! Ihr Geist war reif. Sie mußte nur weiterlernen, sonst würde sie am Ende verlieren, was sie schon erreicht hatte. Aber war ich der richtige Mensch dafür?

Ich bat die Große Mutter darum, mich zu inspirieren, zu mir zu sprechen. Ich bekam keine Antwort – was mich nicht überraschte, weil sie mich immer so behandelte, wenn es darauf ankam, daß ich selber die Verantwortung für eine Entscheidung übernahm.

Ich reichte ihr meine Visitenkarte und bat sie um ihre. Sie gab mir eine Adresse in Dubai.

Ich beschloß, sie noch etwas auf die Probe zu stellen. »Ist es nicht ein Zufall, daß sich drei Engländer in einer Hotellobby in Bukarest treffen?«

»Ihrem Namen nach zu urteilen, sind Sie Schottin. Der Mann, der mich angesprochen hat, scheint in England zu arbeiten, aber ich weiß nichts über ihn.«

Sie atmete tief ein.

»Und ich bin… Rumänin.«

Ich ging nicht darauf ein, meinte aber, es sei jetzt Zeit für mich, ins Hotel zurückzukehren und meine Koffer zu packen.

Jetzt wußte sie, wo sie mich finden konnte, und wenn es vorherbestimmt war, würden wir uns wiedersehen. Man muß dem Schicksal Gelegenheit geben, in unser Leben einzugreifen und zu entscheiden, was für alle das Beste ist.

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