Liliana, Schneiderin, Alter und Nachname unbekannt


Der einzige Stammesbrauch, den ich nicht befolgt habe, war, daß ich, als mein Kind geboren wurde, nicht meinen Mann an meiner Seite hatte. Aber die Hebammen sind gekommen, obwohl sie wußten, daß ich mit einem gadjo,einem Fremden, geschlafen hatte. Sie lösten mein Haar, trennten die Nabelschnur durch, gaben mir das Kind. In diesem Augenblick sollte, so verlangte es die Tradition, das Kind in ein Kleidungsstück seines Vaters gewickelt werden. Er hatte ein Tuch zurückgelassen, das mich an seinen Duft erinnerte und in das ich hin und wieder die Nase steckte, um ihn bei mir zu fühlen. Jetzt würde ich den Duft aber für immer verlieren.

Ich wickelte meine Tochter in das Tuch und legte sie auf den Boden, damit sie die Energie der Erde empfing. Ich saß bei ihr und wußte nicht, was ich fühlen, was ich denken sollte. Mein Entschluß war bereits gefaßt.

Die Hebammen sagten, ich müsse einen Namen für sie wählen, ihn aber niemandem sagen. Er dürfe erst ausgesprochen werden, nachdem sie getauft war. Sie gaben mir geweihtes Öl und die Amulette, die ich ihr zwei Wochen später um den Hals binden sollte. Eine der Hebammen sagte, ich solle mir keine Sorgen machen, der ganze Stamm sei für mein Kind verantwortlich und ich müsse mich nur an die Kritik der anderen gewöhnen – sie würden schon irgendwann wieder damit aufhören. Sie rieten mir auch, das Haus nicht zwischen Abend-und Morgendämmerung zu verlassen, da die tsinvari die bösen Geister

– uns in dieser Zeit angreifen und Besitz von uns ergreifen würden und unser Leben in eine einzige Tragödie verwandeln würden.

Eine Woche später bin ich direkt nach Sonnenaufgang zu einem Adoptionszentrum in Sibiu gegangen, um meine Tochter dort auf die Schwelle zu legen in der Hoffnung, eine barmherzige Hand werde sie dort aufsammeln. Als ich es gerade tun wollte, packte mich eine Krankenschwester am Arm und zog mich hinein. Sie beschimpfte mich, sagte mir, es würde immer jemand aufpassen, ob eine wie ich käme. Ich könne mich meiner Verantwortung, ein Kind auf die Welt gebracht zu haben, nicht einfach so entledigen. »Selbstverständlich war von einer Zigeunerin nichts anderes zu erwarten! «

Sie zwang mich, eine Karteikarte mit allen Angaben auszufüllen, und da ich nicht schreiben konnte, sagte sie noch einmal: »Selbstverständlich war von einer Zigeunerin nichts anderes zu erwarten! Und versuch bloß nicht, falsche Angaben zu machen, du kommst sonst ins Gefängnis.« Aus Angst habe ich am Ende die Wahrheit erzählt.

Ich schaute meine Tochter ein letztes Mal an und brachte nur heraus: »Mädchen ohne Namen, mögest du Liebe, sehr viel Liebe in deinem Leben finden.«

Ich verließ das Waisenhaus und ging viele Stunden lang durch den Wald. Ich erinnerte mich dabei an die Nächte meiner Schwangerschaft, in denen ich das Kind und den Mann, der es in meinen Leib gepflanzt hatte, liebte und haßte.

Wie jede Frau hatte ich immer davon geträumt, meinem Märchenprinzen zu begegnen, zu heiraten, mein Haus mit Kindern zu füllen, für meine Familie zu sorgen. Wie viele Frauen verliebte ich mich schließlich in einen Mann, der mir das nicht geben konnte – aber mit dem ich unvergeßliche Augenblicke erlebte. Augenblicke, die ich dem Kind nicht würde verständlich machen können. Es würde immer innerhalb des Stammes stigmatisiert bleiben, eine gadjound ein mädchen ohne vater. Ichhätte es ertragen, aber ich wollte nicht, daß sie das gleiche Leid erfuhr, das ich erfahren hatte, seit ich wußte, daß ich schwanger war.

Ich hatte geweint und mich selber bis aufs Blut gekratzt, weil ich dachte, daß der Schmerz mich vielleicht ins Leben zurückbrächte, mich weniger grübeln und mich die Verachtung des Stammes aushalten ließe: Jemand würde sich um mein kleines Mädchen kümmern, und ich würde in der Hoffnung weiterleben, es einmal wiederzusehen, wenn es erwachsen war.

Ich setzte mich neben einen Baum auf den Boden und klammerte mich an den Stamm. Ich konnte nicht aufhören zu weinen. Doch als meine Tränen und das Blut meiner Wunden seine Borke berührten, ergriff mich eine eigenartige Ruhe. Mir war, als hörte ich eine Stimme, die mir sagte, daß ich mich nicht sorgen solle, daß mein Blut und meine Tränen mein Kind geläutert und mein eigenes Leid gelindert hätten. Seither erinnere ich mich immer an diese Stimme, wenn ich verzweifle, und werde wieder ruhig.

Daher war ich nicht überrascht, als ich mein Kind mit dem Rom Baro unseres Stammes kommen sah – der um einen Kaffee oder sonst etwas zu trinken bat, vielsagend lächelte und gleich wieder ging. Die Stimme hatte mir auch gesagt, mein Kind werde eines Tages wiederkommen. Und da stand sie vor mir. Ich sehe es jetzt, als würde es in diesem Augenblick geschehen. Sie ist hübsch, sieht ihrem Vater ähnlich. Ich weiß nicht, was sie für mich empfindet – vielleicht Hass, weil ich sie einst verlassen habe. Es bringt nichts, zu erklären, warum ich es getan habe. Niemand auf der Welt würde es verstehen.

Wir schauen einander eine Ewigkeit lang wortlos an – ohne zu lächeln, ohne zu weinen, einfach so. Ich spüre, wie ich von Liebe erfüllt werde, und weiß doch nicht, ob sie wissen will, was ich fühle.

»Hast du Hunger? Möchtest du etwas essen?«

Sie nickt.

»Du sprichst ja Englisch.«

Ich will schon sagen, »das war dein Vater«, halte mich aber zurück.

Wir treten in das kleine Zimmer, in dem ich lebe, das zugleich Wohn-, Schlafzimmer, Küche und Nähstube ist. Sie schaut sich entsetzt um, doch ich tue so, als bemerke ich es nicht. Ich gehe zum Herd, komme mit zwei Tellern dicker Gemüsesuppe wieder zurück. Wir essen schweigend, und während die Zeit vergeht, kommt mir alles vertraut vor: ich sitze da mit meiner Tochter, sie ist durch die Welt gewandert und ist nun zurückgekommen. Sie hat andere Wege kennengelernt und ist nach Hause zurückgekehrt. Ich weiß, daß dies eine Illusion ist, aber das Leben hat mir so viele Augenblicke harter Wirklichkeit geschenkt, daß Träumen wohltut. Anschließend mache ich einen starken Kaffee, und als ich gerade Zucker hineintun will, sagt sie:

»Ohne Zucker, bitte.«

Sie deutet auf ein Bild an der Wand. »Wer ist diese Heilige ?«

»Die heilige Sara, die Schutzpatronin der Zigeuner. Ich hätte so gern ihre Kirche in Frankreich besucht, aber wir dürfen hier nicht weg. Ich würde keinen Paß bekommen, keine Erlaubnis …«

Fast hätte ich gesagt: »Selbst wenn ich einen Paß bekommen könnte, hätte ich kein Geld, um…« Doch ich breche den Satz ab. Sie könnte glauben, ich wolle etwas von ihr erbitten.

»… und meine Arbeit läßt mir keine Zeit.«

Wieder Schweigen. Sie zündet eine Zigarette an, trinkt ihren Kaffee. Ihr Blick drückt nichts aus, kein Gefühl.

»Hast du geglaubt, daß du mich eines Tages wiedersehen würdest?«

Ich sage ja. Außerdem hatte ich gestern vom Rom Baro erfahren, daß sie in seinem Restaurant war.

»Ein Unwetter naht. Möchtest du etwas ausruhen?«

»Nein, ich möchte lieber reden. Aber wieso soll ein Unwetter aufziehen. Der Wind ist doch nicht stärker oder schwächer als vorher?«

»… aber du wirst sicher müde sein«, fahre ich fort und tue so, als hätte ich ihren Einwurf nicht gehört. »Ruhe dich aus, bis das Unwetter vorüber ist. Es wird bald hier sein. Ich kenne mich damit aus. Und wie jedes Unwetter bringt es Zerstörung. Zugleich aber wässert es die Felder, und mit dem Regen kommt die Weisheit des Himmels auf die Erde herab. Doch wie jedes andere Unwetter wird es vorübergehen. Je heftiger es ist, umso rascher.«

Unwetter machen mir keine Angst. Und als hätte die heilige Sara mich erhört, fallen die ersten Tropfen auf das Wellblechdach. Als die junge Frau ihre Zigarette aufgeraucht hat, nehme ich sie bei der Hand und führe sie ins Schlafzimmer. Sie legt sich hin und schließt die Augen.

Ich weiß nicht, wie lange sie geschlafen hat. Ich habe sie angeschaut und dabei an nichts gedacht, und die Stimme, die ich einst im Wald gehört hatte, sagte mir, daß alles gut sei, daß ich mir keine Sorgen machen solle, daß die Veränderungen, die das Schicksal den Menschen bringt, von Nutzen sein können, sofern wir sie zu entschlüsseln vermögen.

Ich weiß nicht, wer sie aus dem Waisenhaus geholt und aufgezogen und zu der unabhängigen Frau gemacht hat, die sie zu sein scheint. Ich sprach ein Gebet für diese Familie, die dafür gesorgt hatte, daß meine Tochter überlebte und ein besseres Leben hatte als ich. Während ich betete, überkamen mich Eifersucht, Verzweiflung, Reue, und ich hörte auf, mit der heiligen Sara zu sprechen. War es gut, daß meine Tochter zurückgekommen war? Dort, auf meinem Bett, lag alles, was ich verloren hatte und niemals wieder zurückerlangen würde.

Dort lag meine Tochter, das Ergebnis meiner Liebe. Ich war unwissend, und zugleich wurde mir alles offenbart. Ich durchlebte noch einmal die Augenblicke, in denen ich an Selbstmord gedacht, eine Abtreibung erwogen, mir vorgestellt hatte, diesen Winkel der Welt zu verlassen und zu Fuß dorthin zu gehen, wohin meine Füße mich tragen würden. Ich durchlebte noch einmal den Augenblick, in dem ich mein Blut und meine Tränen am Baum gesehen hatte, das Gespräch mit der Natur, das seither immer intensiver geworden war und niemals aufgehört hatte, wovon aber wenige aus meinem Stamm wußten. Mein Beschützer, der mich fand, als ich durch den Wald irrte, verstand das alles.

»Das Licht ist unbeständig, der Wind bringt es zum Erlöschen, der Blitz entzündet es, es ist nicht immer da – aber es lohnt sich, darum zu kämpfen«, hatte er gesagt.

Er war der Einzige, der mich akzeptierte und den Stamm davon überzeugte, daß ich weiterhin Teil ihrer Welt sein durfte. Der Einzige, der genügend moralische Autorität besaß, um zu verhindern, daß ich verstoßen wurde. Und der Einzige, der leider meine Tochter nicht kennenlernen würde, weil er gestorben ist. Ich habe um ihn geweint, während meine Tochter reglos auf meinem armseligen Bett lag, sie, die alle Bequemlichkeiten der Welt gewohnt sein dürfte. All die tausend Fragen waren wieder da: Wer waren ihre Adoptiveltern, wo lebte sie, hatte sie studiert, liebte sie jemanden, was waren ihre Pläne? Nicht ich war durch die Welt gereist, um sie zu finden, sondern sie. Daher stand es mir nicht zu, ihr Fragen zu stellen, sondern nur, ihre Fragen zu beantworten.

Sie öffnet die Augen. Ich überlege noch, ob ich ihr Haar berühren, ihr die Zärtlichkeit geben soll, die sich in all diesen Jahren in mir angesammelt hat, doch da ich nicht weiß, wie sie reagieren wird, lasse ich es bleiben. Eine Frage kann ich allerdings nicht zurückhalten:

»Bist du hierhergekommen, um zu erfahren, aus welchem Grund …«

»Nein. Ich will nicht wissen, warum eine Mutter ihre Tochter verläßt. Es gibt nichts, was das rechtfertigen könnte.«

Ihre Worte schneiden mir ins Herz, aber ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll.

»Wer bin ich? Welches Blut fließt in meinen Adern? Gestern, nachdem ich erfahren habe, daß ich dich treffen könnte, habe ich panische Angst bekommen. Wo soll ich anfangen? Du kannst doch sicher wie alle Zigeunerinnen die Zukunft aus den Karten lesen, nicht wahr?«

»Das stimmt nicht. Das machen wir nur mit den gadje,den Fremden, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Wir lesen niemals aus den Karten oder aus der Hand, um die Zukunft zu sehen, wenn es um jemanden aus unserem Stamm geht. Und du … «

»… ich gehöre zum Stamm. Auch wenn die Frau, die mich zur Welt brachte, mich weit

weggeschickt hat.«

»Ja.«

»Was mache ich dann aber noch hier? Ich habe dein Gesicht gesehen, ich könnte wieder nach London zurückkehren, außerdem ist mein Urlaub bald zu Ende.«

»Möchtest du nicht wissen, wer dein Vater ist?«

»Das interessiert mich überhaupt nicht.«

Und plötzlich wird mir klar, wie ich ihr helfen kann. Es ist, als würde ich mit einer fremden Stimme sprechen:

»Verstehe besser, welches Blut in deinen Adern fließt und in deinem Herzen!«

Mein Meister spricht aus mir. Sie schließt die Augen wieder und schläft dann ununterbrochen fast zwölf Stunden lang.

Am nächsten Morgen will ich sie in die Umgebung von Sibiu führen, wo ein Freilichtmuseum mit Häusern aus der ganzen Region gebaut worden ist. Das erste Mal habe ich die Freude, ihr Frühstück zuzubereiten. Sie ist ausgeruhter, weniger angespannt und fragt mich über die Zigeunerkultur aus, will aber nichts über mich wissen. Sie erzählt auch etwas von sich, und ich erfahre, daß ich Großmutter bin! Sie sagt weder etwas über den Vater ihres Sohnes noch über ihre Adoptiveltern. Sie erzählt, daß sie an einem Ort, der sehr weit von hier entfernt liegt, Grundstücke verkauft und bald wieder an ihre Arbeit zurück muß.

Ich biete ihr an, ihr beizubringen, wie man Amulette zum Schutz gegen das Böse macht, doch sie zeigt kein Interesse. Doch als ich ihr von Heilkräutern erzähle, bittet sie mich, ihr zu zeigen, wie man sie erkennt. In der Parkanlage, in der wir spazieren gehen, versuche ich, ihr all mein Wissen weiterzugeben, obwohl ich sicher bin, daß sie es vergessen wird, sobald sie in ihre Heimatstadt zurückkehrt, die, wie ich inzwischen weiß, London ist.

»Wir besitzen die Erde nicht: sie besitzt uns. Da wir früher unablässig reisten, gehörten wir allem, was uns umgab, und damit gehörte es zu uns: die Pflanzen, das Wasser, die Landschaften, durch die wir kamen. Unsere Gesetze waren die Gesetze der Natur: die Stärksten überleben, und wir, die Schwachen, die ewigen Verbannten, haben gelernt, unsere Kräfte zu verbergen, sie nur einzusetzen, wenn es unumgänglich ist.

>Wir glauben, daß Gott das Universum geschaffen hat. Gott ist das Universum, wir sind in ihm, er ist in uns.< Obwohl …«

Ich breche ab. Doch dann fahre ich fort, denn dies ist eine Möglichkeit, meinem Beschützer Ehre zu erweisen.

»… obwohl wir ihn meiner Meinung nach Göttin, Mutter, nennen sollten. Mit Mutter meine ich nicht eine leibliche Mutter, sondern die Mutter, die in uns ist und uns schützt, wenn wir in Gefahr sind. Sie wird immer mit uns sein, wenn wir unsere täglichen Aufgaben freudig und mit Liebe erledigen. All diese Arbeit ist für uns keine Qual, sondern unsere Art, die Schöpfung zu preisen.«

Athena – so nennt sich meine Tochter – wendet den Blick zu ein paar Häusern.

»Was ist das? Eine Kirche ?«

Die mit ihr verbrachten Stunden hatten mich stark gemacht. Ich frage sie, ob sie das Thema wechseln will. Sie überlegt einen Augenblick, bevor sie antwortet:

»Ich möchte alles hören, was du mir zu sagen hast. Obwohl das, was du gerade gesagt hast, nicht zu dem paßt, was ich über die Tradition der Zigeuner gelesen habe, bevor ich hierhergekommen bin.«

»Mein Beschützer hat es mich gelehrt. Denn er wußte Dinge, die die Zigeuner nicht wissen. Und je mehr ich von ihm gelernt habe, umso stärker wurde ich mir der Kraft der Mutter bewußt – ausgerechnet ich, die ich das Muttersein abgelehnt habe.«

Ich packte die Zweige eines kleinen Busches.

»Wenn dein Sohn einmal Fieber hat, setze ihn neben eine junge Pflanze und schüttle deren Blätter. Das Fieber wird auf die Pflanze übergehen. Falls du unter Angstgefühlen leidest, tue das Gleiche.«

»Ich würde gern mehr über deinen Beschützer erfahren.«

»Er hat mir gesagt, daß die Schöpfung am Anfang sehr einsam war. Darauf schuf sich die Göttin jemanden, mit dem sie reden konnte. Beide schufen in einem Liebesakt ein drittes Wesen, und fortan vermehrten sich diese Wesen tausend-, millionenfach. Du hast mich nach der Kirche gefragt, die wir gerade gesehen haben: Ich weiß nichts über ihre Geschichte, und sie interessiert mich auch nicht. Mein Tempel ist die Natur, der Himmel, das Wasser des Sees und des Baches, der ihn nährt. Mein Volk sind die Menschen, die diese Vorstellung mit mir teilen, und nicht jene, mit denen mich Blutsbande verbinden. Meine Andacht besteht darin, mit diesen Menschen zusammen zu sein, alles, was mich umgibt, zu feiern. – Wann mußt du wieder gehen?«

»Vielleicht schon morgen. Wenn ich dir nicht zur Last falle, würde ich gerne heute noch bleiben.«

Ein weiterer Stich in mein Herz, aber ich darf nichts sagen.

»Bleib, solange du willst. Ich möchte nur wissen, ob du mit den anderen deine Heimkehr feiern möchtest. Wenn du willst, kann ich das heute Abend arrangieren.«

Sie sagt nichts, und ich deute das als Ja. Wir machen uns auf den Heimweg. Ich bereite ihr wieder etwas zu essen. Sie sagt, sie muß ins Hotel in Sibiu fahren, um etwas zum Anziehen zu holen, und als sie wiederkommt, habe ich schon alles organisiert. Wir, meine Tochter, meine Leute und ich, begeben uns zu einem Hügel im Süden der Stadt und setzen uns um ein Feuer. Wir machen Musik, singen, tanzen, erzählen Geschichten. Sie sieht allem zu, beteiligt sich aber nicht, obwohl der Rom Baro gesagt hat, daß sie eine ausgezeichnete Tänzerin sei. Zum ersten Mal seit all diesen Jahren bin ich fröhlich, denn es ist mir gelungen, für meine Tochter eine Versammlung meiner Leute zu arrangieren und mit ihr das Wunder zu feiern, daß wir beide am Leben, gesund und in der Liebe der Großen Mutter geborgen sind.

Am Ende sagt sie, daß sie diese Nacht im Hotel schlafen wird. Ich frage, ob das ein Abschied sei. Sie sagt nein. Sie wird morgen wiederkommen.

Eine Woche verehren meine Tochter und ich allabendlich gemeinsam das Universum. An einem dieser Abende bringt sie einen Freund mit, erklärt aber ausdrücklich, daß er weder ihr Geliebter noch der Vater ihres Sohnes sei.

Der Mann, der etwa zehn Jahre älter ist als sie, fragt, wen wir in unseren Ritualen verehren. Ich erkläre ihm, daß jemanden verehren meinem Beschützer zufolge bedeutet, ihn außerhalb unserer Welt zu stellen. Wir verehren nichts, sind nur eins mit der Schöpfung.

»Aber Sie beten doch?«

»Ich persönlich bete zur Heiligen Sara. Aber wir hier sind Teil des Ganzen, wir feiern, anstatt zu beten.«

Athena ist sicher stolz auf meine Antwort, sage ich mir. Tatsächlich aber habe ich nur die Worte meines Beschützers wiederholt.

»Und warum tut ihr es gemeinsam, man kann doch unsere Verbindung mit dem Universum auch allein feiern?«

»Weil die anderen ich sind und ich die anderen bin.«

In diesem Augenblick schaut mich Athena an, und ich spüre, daß diesmal ich ihr einen Stich ins Herz versetze.

»Ich reise morgen ab«, sagt sie.

»Komm und verabschiede dich von deiner Mutter, bevor du abreist.«

Es ist das erste Mal, daß ich dieses Wort benutze. Meine Stimme zittert nicht, mein Blick ist fest, und ich weiß, daß, was auch immer geschehen ist, die junge Frau dort das Blut meines Blutes, die Frucht meines Leibes ist. In diesem Augenblick verhalte ich mich wie ein kleines Mädchen, das eben gerade begriffen hat, daß die Welt nicht voller Gespenster und Verwünschungen ist, wie die Erwachsenen es ihm beibringen. Sie ist voller Liebe, unabhängig davon, wie sich die Liebe zeigt. Einer Liebe, die Fehler vergibt und von Sünden erlöst.

Sie umarmt mich lange. Dann rückt sie den Schleier zurecht, mit dem ich mein Haar bedecke – obwohl ich keinen Ehemann habe, verlangt der Brauch der Zigeuner, daß ich ihn trage, da ich keine Jungfrau mehr bin. Was wird die Zukunft für mich bereithalten außer der Abreise eines Menschen, den ich immer aus der Ferne geliebt und gefürchtet habe? Ich bin alle, und alle sind ich und meine Einsamkeit.

Am nächsten Tag erscheint Athena mit einem Blumenstrauß, stellt ihn in mein Zimmer und meint, ich müsse eine Brille tragen, da meine Augen von der Näharbeit immer schwächer würden. Athena fragt, ob sie und die Freunde, mit denen sie gefeiert hat, am Ende nicht Probleme mit dem Stamm bekämen. Ich sage nein, mein Beschützer sei ein sehr geachteter Mann gewesen, der viel gelernt habe, was wir nicht wissen, und Schüler auf der ganzen Welt hat. Und ich erzähle ihr, daß er kurz vor ihrer Ankunft verstorben ist.

»Eines Tages ist eine Katze zu ihm gekommen und hat ihn berührt. Für uns bedeutet das Tod, und wir waren alle sehr besorgt. Allerdings gibt es ein Ritual, um die Verwünschung aufzuheben.

Doch mein Beschützer sagte, es sei Zeit aufzubrechen, er müsse in Welten reisen, von deren Existenz er wußte. Er müsse als Kind wiedergeboren werden und zuvor ein wenig im Schoße der Mutter ruhen. Seine Beerdigung war einfach. Sie fand in einem Wald ganz hier in der Nähe statt. Aber es sind Menschen aus der ganzen Welt gekommen, um daran teilzunehmen. «

»War unter diesen Menschen auch eine etwa fünfunddreißigjährige schwarzhaarige Frau?«

»Ich kann mich nicht genau erinnern, aber es ist schon möglich. Warum möchtest du das wissen?«

»Ich habe im Hotel in Bukarest eine Frau getroffen, die mir erzählt hat, sie habe an der Beerdigung eines Freundes teilgenommen. Ich glaube, sie sagte so etwas wie >mein Meister.«

Athena bittet mich, ihr noch mehr über die Zigeuner zu erzählen, aber ich weiß nicht viel mehr. Vor allem weil wir unsere Geschichte kaum kennen, von unseren Bräuchen und Traditionen einmal abgesehen. Ich schlage vor, sie solle nach Frankreich gehen und in meinem Namen der heiligen Sara im kleinen Ort Les Saintes-Maries-de-la-Mer einen Umhang bringen.

»Ich bin hierhergekommen, weil etwas in meinem Leben gefehlt hat. Ich mußte unbedingt die leeren Stellen in mir füllen und hatte geglaubt, es würde reichen, nur dein Gesicht zu sehen. Doch das reichte nicht: ich mußte auch herausfinden, ob ich … geliebt worden bin.«

»Du wirst geliebt.«

Ich mache eine lange Pause: Endlich habe ich aussprechen können, was ich ihr sagen wollte, seit ich sie hatte gehen lassen. Um zu verhindern, daß die Rührung sie überkommt, fahre ich fort:

»Ich möchte dich um etwas bitten.«

»Was du willst.«

»Ich möchte um Vergebung bitten.«

Sie beißt sich auf die Lippen.

»Ich war immer sehr unruhig. Ich arbeite viel, kümmere mich intensiv um meinen Sohn, tanze wie eine Wahnsinnige, habe Kalligraphie gelernt, besuche Kurse für Verkaufsförderung, lese ein Buch nach dem anderen. Alles, um jene Augenblicke zu vermeiden, in denen nichts passiert, denn diese leeren Stellen haben mir immer das Gefühl absoluter Leere gegeben, in dem es nicht das geringste bißchen Liebe gibt. Meine Eltern haben immer alles für mich getan, aber ich glaube, ich enttäusche sie ständig.

Doch hier, in der Zeit, die wir zusammen verbracht haben, in den Augenblicken, in denen ich mit dir die Große Mutter verehrt habe, habe ich erlebt, wie diese leeren Stellen sich allmählich gefüllt haben. Zu Pausen wurden – zu dem Augenblick, in dem der Mann die Hand von der Trommel hebt, bevor er diese wieder kräftig schlägt. Ich glaube, ich kann jetzt gehen. Ich will damit nicht sagen, daß ich nun ruhiger geworden bin, denn mein Leben braucht den Rhythmus, an den ich mich gewöhnt habe. Aber ich gehe ohne Bitterkeit. Glauben alle Zigeuner an die Große Mutter ?«

»Würdest du sie fragen, würde keiner ja sagen. Die Zigeuner übernehmen Glauben und Bräuche der Orte, an denen sie sich niederlassen. Aber es gibt etwas, das uns eint: die Verehrung der heiligen Sara und daß wir mindestens einmal im Leben eine Wallfahrt zu ihrem Grab in Les Saintes-Mariesde-la-Mer machen. Einige Stämme nennen sie Kali Sara, die schwarze Sara. Oder die heilige Jungfrau der Zigeuner. So wird sie in Lourdes genannt.«

»Ich muß jetzt gehen«, sagte Athena nach einer Weile. »Der Freund, den du neulich

kennengelernt hast, wird mich begleiten.«

»Er scheint ein guter Mann zu sein.«

»Du sprichst wie eine Mutter.«

»Ich bin deine Mutter.«

»Und ich bin deine Tochter.«

Sie umarmt mich, diesmal mit Tränen in den Augen. Ich streiche ihr übers Haar, während ich sie in den Armen halte, wie ich es mir immer erträumt habe, seit das Schicksal – oder meine Angst – uns einst getrennt hat. Ich bitte sie, auf sich aufzupassen, und sie sagt, sie habe viel gelernt.

»Du wird noch viel mehr lernen, denn obwohl wir alle heute an unsere Häuser, Städte, Arbeitsplätze gebunden sind, hast du noch die Zeit der Reisen im Blut und das, was uns die Große Mutter auf unseren Wegen gelehrt hat, damit wir überleben konnten. Lerne weiter, aber lerne immer mit Menschen an deiner Seite. Bleibe auf dieser Suche nicht allein: Sonst wird, wenn du einen falschen Schritt tust, niemand da sein, um dich zurückzuführen.«

Sie weint immer noch, hält mich umarmt und ist drauf und dran, mich zu bitten, bei mir bleiben zu dürfen. Ich flehe meinen Beschützer an, mich keine Träne vergießen zu lassen, denn ich will das Beste für Athena, und ihr Schicksal ist, weiter voranzuschreiten. Hier in Transsylvanien würde sie außer meiner Liebe nichts weiter finden. Und obwohl ich glaube, daß die Liebe ein ganzes Leben rechtfertigt, bin ich mir vollkommen sicher, daß ich sie nicht bitten darf, ihre Zukunft zu opfern, um an meiner Seite zu bleiben.

Athena küßt mich auf die Stirn und geht, ohne adieu zu sagen. Vielleicht denkt sie, sie würde eines Tages zurückkommen. Seither hat sie mir zu jedem Weihnachtsfest genug Geld fürs ganze Jahr geschickt, damit ich nicht mehr nähen muß. Ich bin nie zur Bank gegangen, um ihre Schecks einzulösen, obwohl mich alle im Stamm deswegen für dumm halten. Zum letzten Weihnachtsfest hat sie mir keinen Scheck mehr geschickt. Sie hat wohl begriffen, daß ich das Nähen brauche, um zu füllen, was sie die »leeren Stellen« nennt.

Obwohl ich sie gern wiedersehen möchte, weiß ich, sie wird nie wieder zurückkommen. Sie wird inzwischen wohl eine große Managerin sein, mit dem Mann verheiratet, den sie liebt. Ich habe wahrscheinlich viele Enkelkinder, mein Blut wird nicht von dieser Erde verschwinden und meine Fehler vergeben werden.

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