Die Telefonate, in denen er mich bat, das Material bis zum Ende der Woche zu beschaffen, müssen Heron ein Vermögen gekostet haben. Er ließ nicht locker wegen dieser Geschichte mit dem Bauchnabel, die ich vollkommen uninteressant und unromantisch fand. Aber die Engländer sehen nun mal die Dinge anders als die Franzosen, und anstatt Fragen zu stellen, habe ich nachgeforscht, was die Wissenschaft dazu sagt.
Wenn es um Monumente oder Dolmen ging, konnte ich sie historisch einordnen. Aber Herons Fragen überschritten meinen Wissenshorizont. Diesbezüglich schienen die alten Kulturen ausnahmsweise mal einer Meinung zu sein. Sie benutzten dasselbe Wort, um die Orte zu bezeichnen, die sie für heilig hielten. Das war mir bislang nicht aufgefallen, und das Thema begann mich zu interessieren. Als ich die vielen Übereinstimmungen sah, machte ich mich auf die Suche nach dem alles verbindenden roten Faden: das Verhalten des Menschen und sein Glaube.
Die erste und logischste Erklärung verwarf ich sofort wieder: Wir werden durch die Nabelschnur ernährt, sie ist der Mittelpunkt der Erde. Ein befreundeter Psychologe, den ich darauf ansprach, sagte mir sofort, diese Theorie ergäbe überhaupt keinen Sinn. Die in der ersten Phase des Lebens im Mittelpunkt stehende Nabelschnur werde nach der Geburt durchtrennt, und das Gehirn und das Herz träten dann als Mittelpunkt an ihre Stelle.
Wenn uns etwas interessiert, scheint sich alles, was uns umgibt, darauf zu beziehen. (Die Mystiker nennen das >Zeichen<, die Skeptiker >Zufälle< und die Psychologen >Fokus<. Die Definition der Historiker dazu steht allerdings noch aus. Die müßte ich noch finden.) Eines Abends ist meine heranwachsende Tochter mit einem Piercing im Bauchnabel nach Hause gekommen.
»Warum hast du das getan?«
»Weil ich Lust dazu hatte.«
Eine absolut glaubhafte Erklärung, auch für einen Historiker, der für alles eine Ursache finden muß. Als ich in ihr Zimmer kam, fiel mein Blick auf das Poster ihrer Lieblingssängerin: Der Bauch war nackt, und der Bauchnabel schien, auch auf diesem Foto an der Wand, der Mittelpunkt der Welt zu sein.
In einem seiner Anrufe hatte mir Heron erzählt, was im Theater passiert war, wie die Leute spontan und unerwartet auf die gleiche Weise reagiert hatten. Aus meiner Tochter war nichts weiter herauszubekommen, also beschloß ich, Fachleute zu befragen.
Niemand schien der Frage besondere Beachtung zu schenken, bis auf meinen Freund Frafflis Shepka, einen indischen Psychologen, der revolutionär neue Therapiekonzepte entwickelte. Ihm zufolge brachte es nichts, die Patienten in ihre Kindheit zurückzuführen, um Traumata zu lösen. Viele Probleme, die das Leben gelöst hatte, würden so nur wiederbelebt werden, und die Menschen würden ihren Eltern die Schuld an ihrem Scheitern und ihren Niederlagen geben. Shepka befand sich im Krieg mit den psychoanalytischen Gesellschaften Frankreichs, und ein Gespräch über ein albernes Thema – wie den Bauchnabel – schien für ihn eine entspannende Abwechslung zu sein.
Ich traf mich mit Shepka, der von dem Thema angetan war, aber nicht gleich zur Sache kam. In einem langen Gespräch gab er mir folgende Informationen: Einem der am meisten geachteten Psychoanalytiker der Geschichte, dem Schweizer Carl Gustav Jung, zufolge trinken wir alle aus derselben Quelle. Sie heißt >Weltenseele<. Auch wenn wir immer versuchen, unabhängige Individuen zu sein, ist uns ein Teil der Erinnerung gemeinsam. Alle suchen das Ideal der Schönheit, des Tanzes, der Gottheit, der Musik.
Die Gesellschaft hingegen macht es sich zur Aufgabe, zu definieren, wie sich diese Ideale auf der realen Ebene manifestieren. So ist heutzutage das Schönheitsideal, dünn zu sein, während vor Tausenden von Jahren die Göttinnen auf den Bildnissen dick waren. Ähnlich verhält es sich mit dem Glück: Unser Unbewußtes sorgt durch eine Reihe von Regeln, daß wir uns das Glück versagen.
Jung teilte die Entwicklung des Individuums in vier Etappen auf: Die erste war die Persona – die Maske, die wir täglich tragen, indem wir vorgeben, der zu sein, der wir sind.
Wir glauben, daß die Welt von uns abhängt, daß wir großartige Eltern sind und unsere Kinder uns nicht verstehen, daß unsere Chefs ungerecht sind, daß der Traum des Menschen darin besteht, nie zu arbeiten und das ganze Leben lang zu reisen. Viele Menschen bemerken, daß an dieser Geschichte etwas nicht stimmt. Aber da sie nichts ändern wollen, schlagen sie sich solche Gedanken bald wieder aus dem Kopf. Nur wenige versuchen herauszubekommen, was nicht stimmt, und finden am Ende den Schatten.
Der Schatten ist unsere dunkle Seite, die unser Handeln und unser Verhalten diktiert. Wenn wir versuchen, uns von der Persona zu befreien, zünden wir ein Licht in uns an und sehen die Spinnweben, die Feigheit, die Engherzigkeit. Der Schatten ist da, um unsere Weiterentwicklung zu verhindern – und normalerweise gelingt es ihm. Wir kehren eilig zu dem zurück, was wir waren, bevor wir anfingen zu zweifeln. Allerdings gelangen einige nach dem Zusammenstoß mit ihren Spinnweben zu einem Entschluß und sagen: »Ja, ich habe eine ganze Reihe Fehler, aber ich bin würdig, ich will weiterkommen.«
In diesem Augenblick verschwindet der Schatten, und wir treten in Verbindung mit der Seele.
Das Wort Seele ist bei Jung nicht religiös belegt. Er spricht von der Rückkehr zur Weltenseele, der Quelle des Wissens. Die Instinkte schärfen sich, die Gefühle sind radikal, die Zeichen des Lebens sind wichtiger als die Logik, die Wahrnehmung der Wirklichkeit ist nicht mehr so starr.
Wir haben Umgang mit Dingen, an die wir nicht gewöhnt sind, reagieren für uns selber überraschend.
Wenn es uns gelingt, diesen unaufhörlichen Energiestrom zu kanalisieren, entdecken wir, daß er sich zu einem festen Mittelpunkt in uns entwickelt – Jung nennt ihn in Bezug auf die Männer den Alten Weisen und in Bezug auf die Frauen die Große Mutter.
Dies zuzulassen, ist jedoch mit Risiken verbunden. Im Allgemeinen neigen diejenigen, die in diese Phase kommen, dazu, sich als Heilige, Geisterbezwinger, Propheten zu sehen. Es braucht viel Reife, um mit der Energie der Alten Weisen oder der Großen Mutter umzugehen.
»Jung ist verrückt geworden«, sagte Shepka, nachdem er mir die vier vom Schweizer Psychoanalytiker beschriebenen Phasen erklärt hatte. »Als er mit seinem Alten Weisen in Verbindung getreten ist, hat er angefangen zu behaupten, er werde durch einen Geist namens Philemon geführt.«
»Und am Ende …«
»… kommen wir zum Symbol des Bauchnabels. Nicht nur Menschen, auch Gesellschaften entwickeln sich in diesen vier Schritten. Die westlichen Zivilisationen haben eine Persona, Vorstellungen, die uns leiten.
In ihrem Versuch, sich den Veränderungen anzupassen, treten unsere Zivilisationen mit dem Schatten in Verbindung – wir erleben große Massendemonstrationen, in denen die kollektive Energie sowohl zum Guten als auch zum Bösen manipuliert werden kann. Aus irgendeinem Grund befriedigen Persona und Schatten die Menschen nicht mehr. Es ist der Augenblick gekommen, einen Sprung zu wagen, bei dem das Unbewußte sich mit der Seele verbindet. Neue Werte bilden sich heraus.«
»Das habe ich bemerkt. Ich habe festgestellt, daß es ein Wiederaufleben der Verehrung der weiblichen Seite Gottes gibt.«
»Ein sehr gutes Beispiel. Und am Ende dieses Prozesses wird, damit diese neuen Werte ihren Platz finden und behalten, die gesamte Menschheit mit dem Symbolischen in Verbindung treten – mit Hilfe der verschlüsselten Sprache, mit der die heutigen Generationen mit dem Wissen ihrer Vorfahren Kontakt aufnehmen. Eines der Symbole der Wiederbelebung ist der Bauchnabel. Auf den Bauchnabel des indischen Gottes Vishnu, der für Schöpfung und Zerstörung verantwortlich ist, setzt sich der Gott, der in jedem Zyklus alles beherrschen wird. Die Yogis halten den Bauchnabel für eines der Chakren, einen der heiligen Punkte des Körpers. Primitivere Völker errichteten Monumente an dem Ort, den sie für den Nabel der Welt hielten. In Südamerika sagen Menschen in Trance, daß die wahre Form des Menschen ein leuchtendes Ei sei, das sich mit den andern durch Fasern verbindet, die aus seinem Bauchnabel kommen.
Auch das Mandala, eine Zeichnung, deren Herstellung eine meditative religiöse Übung ist, stellt einen Bauchnabel dar.«
Diese Informationen habe ich umgehend nach England übermittelt und merkte dazu noch an, daß die Frau, der es gelinge, in einer Gruppe die gleiche unsinnige Reaktion hervorzurufen, eine ungeheure Macht besitzen müsse. Es würde mich im Übrigen nicht wundern, wenn sie eine Art Paranormale wäre. Ich schlug Heron vor, sie näher zu studieren.
Ich hatte über dieses Thema zuvor nie nachgedacht und würde es wahrscheinlich auch gleich wieder vergessen. Meine Tochter fand, ich würde mich merkwürdig verhalten. Sie hatte mir auch irgendwann einmal vorgeworfen, ich würde nur an mich selber denken, immer nur Nabelschau betreiben.