Andrea McCain, Theaterschauspielerin


Es ist äußerst schwierig, eine Geschichte neutral zu erzählen, in die man selbst verwickelt ist, die mit Bewunderung begann und im Groll endete. Aber ich werde es versuchen. Ich werde mich ehrlich bemühen, Athena so zu beschreiben, wie ich sie bei unserer ersten Begegnung in der Victoria Street gesehen habe.

Sie war, wie sie mir später erzählt hat, gerade aus Dubai zurückgekehrt und hatte neben einer Menge Geld, das sie dort verdient hatte, den Wunsch mitgebracht, alles, was sie gelernt hatte, mit anderen zu teilen. Dieses Mal sei sie nur vier Monate im Nahen Osten geblieben: Sie habe Grundstücke für den Bau von zwei Supermärkten verkauft und dafür eine enorm hohe Kommission erhalten, die, wie sie sagte, für sie und ihren Sohn zum Leben in den drei kommenden Jahren ausreichen würde. Sie könne diese Arbeit jederzeit wiederaufnehmen, jetzt aber sei der Augenblick gekommen, die Gegenwart zu nutzen, intensiv zu leben, solange sie noch jung sei, und alles, was sie gelernt hatte, anderen beizubringen.

Sie empfing mich eher kühl.

»Was führt Sie zu mir?«

»Ich spiele im Theater, und wir wollen ein Stück über das weibliche Antlitz Gottes aufführen. Ein Freund, der Journalist ist, hat mir erzählt, daß Sie in der Wüste gelebt, eine Zeitlang in den Karpaten bei den Zigeunern verbracht haben und einiges über dieses Thema wissen.«

»Ist das Theaterstück, das Sie aufführen möchten, der einzige Grund, warum Sie hergekommen sind, um etwas über die Große Mutter zu erfahren?«

»Gegenfrage: Was hat Sie dazu gebracht, etwas über sie erfahren zu wollen?«

Athena stutzte, schaute mich von Kopf bis Fuß an und lächelte.

»Sie haben recht. Das hier war meine erste Lektion als Meisterin: Unterrichte den, der lernen will. Der Grund ist gleichgültig.«

»Wie bitte ?« »Ach, nichts.« »Der Ursprung des Theaters ist heilig. Es begann im antiken Griechenland mit Hymnen

an Dionysos, den Gott des Weines, der Wiedergeburt und der Fruchtbarkeit. Man vermutet jedoch, daß die Menschen seit Urzeiten ein Ritual kannten, in dem sie so taten, als seien sie jemand anderes, und so versuchten, mit dem Heiligen in Verbindung zu treten.«

»Zweite Lektion, danke sehr.«

»Ich verstehe Sie nicht. Ich bin hierhergekommen, um etwas zu lernen, nicht um zu lehren.«

Die Frau begann mich zu ärgern. Vielleicht meinte sie das ja ironisch.

»Meine Beschützerin … «

»Beschützerin?«

»… irgendwann erkläre ich es Ihnen. Meine Beschützerin hat gesagt, daß ich das, was ich brauche, nur lerne, wenn ich dazu von außen angestoßen werde. Und seit ich aus Dubai zurückgekehrt bin, sind Sie der erste Mensch, der mir begegnet ist, um mir das zu zeigen. Was meine Beschützerin gesagt hat, ergibt jetzt einen Sinn.«

Ich erklärte ihr, daß ich im Rahmen meiner Vorstudien für das Stück mehrere Meister befragt hätte. Doch an dem, was sie lehrten, sei nichts Besonderes gewesen; allerdings war meine Neugier umso größer geworden, je tiefer ich in das Thema eindrang. Ich sagte ihr auch, ich hätte den Eindruck gewonnen, daß alle Menschen, die mit der Großen Mutter zu tun hatten, überspannt seien und etwas orientierungslos wirkten.

»Inwiefern?«

Was Sex betraf, beispielsweise. In einigen Gruppen, die ich aufgesucht habe, war Sex vollkommen verboten. In andern wiederum herrschte vollkommene sexuelle Freiheit, manchmal kam es sogar zu Orgien. Athena wollte Einzelheiten wissen – mir war nicht klar, ob sie mich ausfragte, um mich zu prüfen, oder weil sie keine Ahnung von dem hatte, was in diesen Gruppen vorging.

Noch bevor ich Athena antworten konnte, fragte sie schon weiter.

»Wenn Sie tanzen, haben Sie dann sinnliche Gefühle? Fühlen Sie dann, daß Sie eine größere Energie herbeirufen? Wenn Sie tanzen, gibt es da Augenblicke, in denen Sie aufhören, Sie selber zu sein?«

Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Tatsächlich war in den Nachtclubs, den Partys bei Freunden beim Tanzen immer Sinnlichkeit im Spiel gewesen – ich fing an, die Männer zu provozieren, mir gefiel es, in ihren Augen das Begehren zu sehen. Je später es wurde, desto mehr trat ich in Verbindung mit mir selber. Die Tatsache, ob ich jemanden verführte oder nicht, wurde immer nebensächlicher …

Athena fuhr fort. »Der Tanz ist ein Ritual, genau wie das Theater. Außerdem ist er eine uralte Form, sich dem Partner zu nähern. Als würden die Fäden, die uns mit dem Rest der Welt verbinden, von Vorurteilen und Ängsten befreit. Wenn Sie tanzen, können Sie es sich leisten, Sie selbst zu sein.«

Ich begann ihr mit Respekt zuzuhören.

»Später werden wir dann wieder zu denjenigen, die wir vorher waren. Verstörte Menschen, die vorgeben, wichtiger zu sein, als sie sich selber empfinden.«

Genauso fühlte ich mich auch immer. Oder sollten gar alle das Gleiche erleben?

»Haben Sie einen Freund?«

Mir fiel wieder ein, daß in einer Gruppe, in die ich gegangen war, um die >Tradition der Gaia< zu lernen, einer der >Druiden< gebeten hatte, vor seinen Augen Liebe zu machen. Ich fand es lächerlich und erschreckend – wie konnten diese Leute es wagen, die spirituelle Suche für ihre niedrigsten Triebe zu mißbrauchen?

»Haben Sie einen Freund?«, fragte Athena erneut. »Ja. «

Sie sagte nichts weiter. Sie legte nur die Hand an die Lippen, daß ich schweigen solle.

Und plötzlich wurde mir bewußt, daß es unheimlich schwierig war, schweigend neben jemandem zu sitzen, den man gerade erst kennengelernt hatte. Man neigt dann dazu, über irgendetwas zu reden, egal, was – das Wetter, Probleme mit dem Verkehr, die besten Restaurants. Wir saßen beide auf dem Sofa ihres vollkommen weißen Wohnzimmers, in dem es einen CD-Player und ein kleines CD-Regal gab. Es gab weder irgendwo Bücher noch Bilder an den Wänden. Da sie viel gereist war, hatte ich Gegenstände und Souvenirs aus dem Nahen Osten erwartet.

Aber es war alles leer, und dazu kam jetzt noch die Stille.

Athenas graue Augen starrten mich an, aber ich hielt ihrem Blick stand und wandte mich nicht ab. Vielleicht war es eine instinktive Reaktion, um klarzustellen, daß ich keine Angst hatte, sondern der Herausforderung ins Gesicht blickte. Nur wurden die Situation, das Schweigen, das weiße Zimmer und der Verkehrslärm draußen allmählich unwirklich. Wie lange noch würden wir dasitzen und nichts sagen?

Ich begann meinen Gedanken nachzuhängen. War ich nur auf der Suche nach Material für mein Stück zu Athena gekommen, oder ging es mir wirklich um die Kenntnisse, das Wissen, die … Kräfte? Mir war nicht klar, was mich dazu gebracht hatte, zu einer …

Zu einer was? Zu einer Hexe zu gehen?

Träume aus meiner Jugend fielen mir wieder ein: Wer wollte damals nicht gern einer echten Hexe begegnen, wer wollte nicht Magie lernen, von den Freundinnen voller Respekt und Furcht angesehen werden? Wer hatte sich nicht als Heranwachsende mit der Tausende Jahre dauernden Unterdrückung der Frau beschäftigt?

Dieser Phase war ich zwar längst entwachsen, ich tat, was ich wollte, und behauptete mich in einem so schwierigen Feld wie dem Theater – aber warum war ich dann nie zufrieden? Warum suchte ich immer wieder… neue Herausforderungen?

Wir waren etwa gleich alt … oder war ich sogar älter? Jetzt trennte uns weniger als eine Armeslänge, und mir wurde etwas mulmig. War sie womöglich lesbisch?

Ich wußte, ohne den Blick zu wenden, wo die Tür war, und würde jederzeit gehen können. Niemand hatte mich gezwungen, in diese Wohnung zu kommen, jemanden zu treffen, den ich nie zuvor gesehen hatte, und dort Zeit zu verplempern, nichts zu sagen und überhaupt nichts dazuzulernen. Worauf wollte sie hinaus?

Ging es ihr um das Schweigen? Meine Muskeln verkrampften sich allmählich. Ich fühlte mich allein, schutzlos. Ich hatte den verzweifelten Wunsch zu sprechen, oder ich mußte unbedingt meinen Geist davon abbringen, mir ständig zu sagen, daß alles mich bedrohte. Wie sollte ich wissen, wer ich war? Wir sind, was wir sagen!

Sie hatte mich nicht über mein Leben ausgefragt. Sie hatte lediglich wissen wollen, ob ich einen Freund habe. Ich versuchte mehr über das Theater zu sagen, aber ich brachte keinen Ton heraus. Nur zu gern hätte ich von ihr erfahren, was an den Geschichten über ihre Zigeunerabstammung dran war, über das, was in Transsylvanien, dem Land der Vampire, geschehen war.

Die Gedanken rissen nicht ab. Wie viel würde mich die Beratung kosten? Ich erschrak. Das hätte ich vorher fragen sollen. Vielleicht ein kleines Vermögen? Und wenn ich nicht zahlen würde, würde sie mich dann mit einem Zauber belegen, der mich am Ende zerstörte?

Ich wollte aufstehen, mich bedanken und sagen, daß ich nicht gekommen sei, um zu schweigen. Wenn man zu einem Psychiater geht, muß man reden. Wenn man in eine Kirche geht, hört man eine Predigt. Wenn man Magie sucht, trifft man auf einen Meister, der einem die Welt erklären möchte und einem eine Reihe von Ritualen an die Hand gibt. Aber Schweigen? Und warum störte mich das dermaßen?

Eine Frage ergab die andere – meine Gedanken überstürzten sich. Ich hätte gern gewußt, wozu es gut war, daß wir beide dasaßen und nichts sagten. Plötzlich, nach endlosen Minu­ten, in denen weiterhin nichts geschehen war, lächelte sie.

Ich lächelte auch und entspannte mich.

»Versuchen Sie, anders zu sein. Nur das.«

»Nur das? Bedeutet Schweigen, anders zu sein? Ich stelle mir vor, daß in diesem Augenblick Tausende von Seelen in London verrückt danach sind, mit jemandem zu sprechen, und Sie sagen mir jetzt, daß das Schweigen den Unterschied ausmacht?«

»Jetzt, wo Sie sprechen und das Universum neu ordnen, werden Sie am Ende davon überzeugt sein, daß Sie recht haben und ich unrecht. Aber eines haben Sie gesehen: Schweigen ist anders.«

»Es ist unangenehm. Es bringt einem nichts bei.« Meine Bemerkung schien sie nicht zu kümmern. »An welchem Theater arbeiten Sie?«

Endlich fing sie an, sich für mein Leben zu interessieren! Ich wurde wieder ein Mensch mit einem Beruf und allem, was noch dazugehört! Ich lud sie zu einer Aufführung des Stückes ein, das gerade auf dem Spielplan stand – nur so konnte ich mich rächen, nämlich indem ich Athena zeigte, daß ich etwas konnte, was sie nicht konnte. Dieses Schweigen hatte ein Gefühl von Demütigung in mir hinterlassen.

Sie fragte, ob sie ihren Sohn mitbringen dürfe. Ich verneinte, das Stück sei etwas für Erwachsene.

»Na gut, ich kann ihn bei meiner Mutter lassen. Ich bin ewig lang nicht mehr im Theater gewesen.«

Sie verlangte nichts für die Beratung. Als ich die andern Mitglieder meines Ensembles wiedersah, erzählte ich ihnen von meiner Begegnung mit diesem geheimnisvollen Wesen. Meine Kollegen waren wahnsinnig neugierig darauf, Athena kennenzulernen, die jemanden bei einem ersten Treffen nur darum gebeten hatte zu schweigen.

Wie versprochen, erschien Athena zu der Aufführung. Sie sah sich das Stück an, und anschließend kam sie in die Garderobe, um mich zu begrüßen. Sie sagte nicht, ob es ihr gefallen hatte. Meine Kollegen schlugen vor, sie in die Bar einzuladen, in die wir immer nach der Vorstellung gingen. Anstatt zu schweigen, begann sie dort gleich über eine Frage zu sprechen, die bei unserer ersten Begegnung ohne Antwort geblieben war.

»Niemand, nicht einmal die Große Mutter, würde es je wollen, daß Sexualität nur in rituellem Rahmen ausgelebt wird. Es muß immer Liebe dabei sein. Sie haben mir erzählt, daß Sie solche Leute getroffen haben. Seien Sie vorsichtig.«

Meine Kollegen verstanden überhaupt nichts, aber ihnen gefiel das Thema, und sie begannen, Athena mit Fragen zu bombardieren. Etwas störte mich: Athenas Antworten waren sehr technisch, als hätte sie in dem Bereich, über den sie sprach, nicht viel Erfahrung. Sie erzählte etwas vom Spiel der Verführung, über Fruchtbarkeitsrituale und schloß mit einer griechischen Sage – wahrscheinlich, weil ich bei unserer ersten Begegnung erzählt hatte, daß die Ursprünge des Theaters im antiken Griechenland liegen. Sie wird daraufhin die ganze Woche damit verbracht haben, etwas über das Thema zu lesen.

»Nach Jahrhunderten männlicher Herrschaft kehren wir zum Kult der Großen Mutter zurück. Die Griechen nannten sie Gaia, und der Mythos besagt, daß sie zusammen mit Eros, dem Gott der Liebe, aus dem Chaos geboren wurde, der Leere, die vorher im Universum herrschte. Und Gaia brachte das Meer und den Himmel hervor.«

»Wer war der Vater?«, fragte einer meiner Freunde.

»Niemand. Es gibt ein Fachwort dafür, Parthenogenese, was bedeutet, ohne männliches Zutun zu gebären. Es gibt auch einen mystischen Begriff dafür, den wir eher gewohnt sind: die unbefleckte Empfängnis.

Von Gaia stammen alle Götter ab, die später die griechische Mythologie bevölkern sollten – auch unser teurer Dionysos, euer Schutzpatron. Doch Gaia geriet in Vergessenheit, je mehr der Mann die öffentlichen Angelegenheiten in den Dörfern und Städten bestimmte. Gaia wurde von Zeus, Ares, Apollo und anderen ersetzt, die alle sehr kompetent waren, aber nicht die magische Kraft der Mutter besaßen, die der Ursprung gewesen war.«

Anschließend fragte uns Athena über die Theaterarbeit aus. Der Direktor fragte sie, ob sie uns nicht ein paar Stunden geben wolle.

»Worüber ?«

»Über das, was Sie wissen.«

»Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich das, was ich über die griechische Mythologie weiß, in einer Woche gelernt. Ich lerne alles in dem Maße, wie ich es brauche, genau wie Edda es mir gesagt hat.«

Also hatte ich doch recht gehabt!

»Aber ich kann mit Ihnen teilen, was mich das Leben gelehrt hat.«

Alle waren einverstanden. Niemand fragte, wer Edda war.

Deidre O'Neill, bekannt als Edda

Ich habe damals, als sie zum zweiten Mal zu mir kam, zu Athena gesagt: Du hättest nicht herzukommen brauchen, nur um mich dummes Zeug zu fragen. Wenn eine Gruppe beschlossen hat, dich als Lehrerin anzunehmen, warum nutzt du die Gelegenheit nicht, um zu einer Meisterin zu werden? Tue, was ich immer getan habe.

Versuche, dich gut zu fühlen, selbst wenn du findest, daß du das Allerletzte bist: Glaube nicht, daß du nicht in Ordnung bist. Lasse die Große Mutter von deinem Körper und deiner Seele Besitz ergreifen, überlasse dich ihr durch Tanz oder Schweigen oder die ganz gewöhnlichen Dinge des Lebens – wie beispielsweise den Sohn zur Schule zu bringen, das Abendessen zuzubereiten, die Wohnung aufzuräumen. Alles ist Anbetung – wenn du deinen Geist auf den Augenblick konzentrierst.

Versuche niemanden von was auch immer zu überzeugen. Wenn du etwas nicht weißt, dann versuche, es herauszubekommen. Doch während du etwas tust, sei wie ein ruhig strömender Fluß, und überlasse dich einer höheren Energie. Glaube – das habe ich dir schon bei unserer ersten Begegnung gesagt.

Glaube an deine Fähigkeiten.

Anfangs wirst du verwirrt sein, unsicher. Später wirst du annehmen, daß alle denken, sie würden betrogen. Nichts davon stimmt: Du hast das Wissen, du mußt dir dessen nur bewußt sein. Der Geist aller Menschen auf diesem Planeten läßt sich leicht von negativen Gedanken beeinflussen, alle fürchten sich vor Krankheit, einer Invasion, einem Überfall, dem Tod. Versuche, ihnen die verlorene Freude wiederzugeben.

Sei deutlich.

Programmiere dich jede Minute des Tages neu mit Gedanken, die dich wachsen lassen. Wenn du ärgerlich bist und durcheinander, dann versuche, über dich selber zu lachen. Lache laut, lache viel über dich, diese Frau, die sich sorgt, ängstigt und findet, daß ihre Probleme die wichtigsten der Welt sind. Lache über die lächerliche Situation, denn du bist die Verkörperung der Großen Mutter, glaubst aber noch, daß Gott ein Mann ist, der unendlich viele Regeln festsetzt. Im Grunde genommen lassen sich die meisten unserer Probleme genau darauf zurückführen: auf das Befolgen von Regeln.

Konzentriere dich.

Wenn du findest, daß du dein Interesse nicht auf etwas fokussieren kannst, dann konzentriere dich auf die Atmung. Durch deine Nase strömt die Luft, die Energie der Großen Mutter, in dich hinein. Höre auf das Pochen deines Herzens, folge den Gedanken, die du nicht kontrollieren kannst, halte den Wunsch im Zaum, sofort aufzustehen und etwas >Nützliches< zu machen. Sitze ein paar Minuten am Tag einfach nur da, ohne etwas zu tun. Nutze dies, so gut du kannst.

Wenn du das Geschirr abwäscht, bete. Danke dafür, daß du Geschirr hast, das du waschen kannst. Es bedeutet, daß auf ihm zuvor etwas zu essen gewesen war, das jemanden ernährt hat, daß du liebevoll für einen oder mehrere Menschen gesorgt, gekocht, den Tisch gedeckt hast. Stell dir vor, wie viele Millionen Menschen in diesem Augenblick überhaupt nichts haben, das sie waschen könnten, oder niemanden haben, für den sie den Tisch decken könnten.

Natürlich sagen die Frauen: Ich werde nicht abwaschen, sollen das doch die Männer tun. Nun, das sollen sie ruhig tun, wenn sie wollen, aber darin sehe ich noch keine Gleich­berechtigung. Es ist kein Fehler, einfache Dinge zu verrichten – auch wenn es heißen würde, ich arbeite gegen die Sache der Frauen, wenn ich morgen einen Artikel über all das veröffentlichen würde.

So ein Unsinn! Als wäre Geschirr abwaschen, einen Büstenhalter tragen oder Türen öffnen oder schließen etwas, das mich in meiner Eigenschaft als Frau erniedrigen würde. Ehrlich gesagt, liebe ich es, wenn ein Mann mir die Tür aufhält: Vordergründig bedeutet die Geste zwar: >Sie ist schwach, daher muß ich das tun.< In meiner Seele hingegen steht: >Ich werde wie eine Göttin behandelt, ich bin eine Königin.<

Ich bin nicht da, um ausschließlich für die weibliche Sache zu arbeiten, denn Männer und Frauen sind gleichermaßen eine Verkörperung der Großen Mutter, der Göttlichen Einheit. Niemand kann größer sein als das.

Ich würde zu gern zusehen, wenn du unterrichtest, was du gerade lernst: das ist das Ziel des Lebens – die Offenbarung! Du wirst zu einem Kanal, hörst dich selber, bist über dich selber überrascht, über das, was du kannst. Erinnerst du dich an die Arbeit in der Bank? Vielleicht hast du es ja nie begriffen, aber es war die Energie, die durch deinen Körper, deine Augen, deine Hände floß.

Du würdest sagen: >Das stimmt nicht ganz, es war der Tanz.<

Der Tanz funktioniert nur als ein Ritual. Was ist ein Ritual? Es bedeutet, etwas Monotones in etwas zu verwandeln, das anders ist, rhythmisch, die Einheit kanalisieren kann. Daher bestehe ich darauf: Sei anders. Du kannst es bei den einfachsten Verrichtungen sein, beispielsweise auch, wenn du Geschirr abwäschst. Bewege einfach die Hände so, daß sie niemals eine Geste wiederholen – aber halte einen Takt ein.

Wenn du glaubst, daß es hilft, dann versuche dir Blumen, Vögel oder Bäume in einem Wald vorzustellen. Stelle dir keine einzelnen Dinge vor wie jene Kerze, auf die du dich konzentriert hast, als du das erste Mal hier warst. Versuche an etwas Kollektives zu denken. Und weißt du, was du dann bemerken wirst? Daß nicht du es bist, die über deine Gedanken entscheidet.

Ich werde dir ein Beispiel geben: Stelle dir einen Schwarm fliegender Vögel vor. Wie viele Vögel hast du gesehen? Elf, neunzehn, fünf? Du hast eine Vorstellung, weißt aber die genaue Anzahl nicht. Nun, woher stammt diese Vorstellung? Jemand hat sie dorthin gesetzt. Jemand, der die genaue Anzahl der Vögel, der Bäume, der Steine, der Blumen kennt. Jemand, der im Bruchteil von Sekunden von dir Besitz ergreift und seine Macht zeigt.

Du bist, was du zu sein glaubst.

Wiederhole nicht immer wieder wie jene Menschen, die an das >positive Denken< glauben, daß du geliebt wirst, stark oder fähig bist. Du brauchst das nicht zu sagen. Du weißt es bereits. Und wenn du zweifelst – und ich denke, das wird in diesem Entwicklungsstadium häufig passieren –, dann tue, was ich dir vorgeschlagen habe. Anstatt den Versuch zu unternehmen, zu beweisen, daß du besser bist, als du denkst, lache einfach. Lache über deine Sorgen, deine Unsicherheit. Betrachte deine Ängste mit Humor. Anfangs ist das schwierig, aber allmählich wirst du dich daran gewöhnen.

Jetzt aber fahr wieder zurück nach London, und triff jene Menschen, die glauben, du wüßtest alles. Rede dir selber ein, sie hätten recht – denn wir alle wissen alles – man muß nur daran glauben.

Glaube.

Gruppen sind sehr wichtig, das habe ich schon bei unserer ersten Begegnung in Bukarest gesagt. Denn sie zwingen uns, an uns selber zu arbeiten. Wenn du allein bist, bleibt dir nichts anderes übrig, als über dich selber zu lachen. Aber wenn du mit anderen zusammen bist, wirst du erst recht lachen und anschließend handeln. Gruppen sind eine Herausforderung. Gruppen erlauben uns, Wesensverwandte zu finden. Gruppen schaffen eine kollektive Energie, in der die Ekstase sehr viel einfacher zu erreichen ist, da sich alle gegenseitig anstecken.

Selbstverständlich können Gruppen uns auch zerstören. Aber: Es gehört zum Leben, es macht den Menschen aus, mit anderen Menschen zusammen zu sein. Und wenn es jemandem nicht gelingt, seinen Überlebensinstinkt gut auszubilden, dann hat er nicht verstanden, was die Große Mutter sagt.

Du hast Glück. Eine Gruppe hat dich gebeten, ihr etwas beizubringen – und das wird dich zu einer Meisterin machen.

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