»Mein Enkel! Was hat mein Enkel damit zu tun? In was für einer Welt leben wir denn, mein Gott? Leben wir noch im Mittelalter und verfolgen Hexen?«
Ich lief zu ihm. Der Junge hatte eine blutige Nase, aber ihn schien meine Verzweiflung nicht zu kümmern, und er schob mich sofort weg.
»Ich kann mich selber wehren. Und das habe ich.«
Ich kenne Kinderherzen, obwohl ich nie selbst ein Kind geboren habe. Ich sorgte mich sehr viel mehr um Athena als um Viorel – dies war lediglich einer der vielen Kämpfe gewesen, die er in seinem Leben würde ausfechten müssen, und im Blick aus seinen geschwollenen Augen lag durchaus ein gewisser Stolz.
»Ein paar Jungen in der Schule haben gesagt, meine Mutter sei eine Teufelsanbeterin.«
Kurz darauf kam Sherine. Sie sah Viorels blutige Nase und machte einen wahren Aufstand. Sie wollte sofort in die Schule gehen und mit dem Direktor reden, aber ich nahm sie in den Arm. Ich ließ sie sich ausweinen, ihre Frustration herauslassen – und konnte in diesem Augenblick selber nur schweigen und versuchen, ihr wortlos zu vermitteln, wie sehr ich sie liebte.
Als Sherine sich etwas beruhigt hatte, sagte ich ihr behutsam, daß sie wieder bei uns wohnen könnte, wir würden uns um alles kümmern. Ihr Vater hatte mit ein paar Anwälten gesprochen, nachdem er in der Zeitung etwas über das Verfahren gelesen hatte. Wir würden alles in unserer Macht Stehende tun, um ihr zu helfen, wir würden das Gerede der Nachbarn ertragen, die ironischen Blicke unserer Bekannten, die geheuchelte Solidarität angeblicher Freunde.
Es gab für mich auf der Welt nichts Wichtigeres als das Glück meiner Tochter. Allerdings habe ich nie verstanden, wieso sie immer so schwierige, leidvolle Wege einschlug. Aber eine Mutter muß nicht alles verstehen – sie muß nur lieben und beschützen.
Und stolz sein. Obwohl Sherine wußte, daß wir ihr fast alles geben konnten, ist sie früh aus dem Haus gegangen, um ihre Unabhängigkeit zu erlangen. Sie ist gestrauchelt, gescheitert, hat aber immer darauf bestanden, alle Turbulenzen allein durchzustehen. Jetzt aber war sie zu mir gekommen, weil sie wußte, in welcher Gefahr sie war. Das hat sie uns wieder nähergebracht. Mir war klar, daß sie keinen meiner Ratschläge je befolgt hatte – ein Studium abzuschließen, zu heiraten, die Schwierigkeiten eines Ehelebens klaglos hinzunehmen und nicht mehr zu wollen, als die Gesellschaft ihr zugestand.
Und was war dabei herausgekommen?
Indem ich meiner Tochter beistand, bin ich zu einem besseren Menschen geworden. Selbstverständlich verstand ich nicht, was es mit dieser Mutter-Göttin auf sich hatte. Mir war ihre Manie unbegreiflich, immer fremde Leute um sich zu versammeln und sich nicht mit dem zufriedenzugeben, was sie durch eigene harte Arbeit erreicht hatte.
Aber im Grunde genommen wäre ich gerne wie sie gewesen, obwohl es jetzt schon zu spät ist, an so etwas zu denken.
Ich wollte gerade aufstehen und etwas zu essen machen, aber Sherine hielt mich zurück.
»Ich möchte noch ein wenig so an dich gelehnt sitzen bleiben. Das ist alles, was ich brauche. – Viorel, kannst du einen Moment in dein Zimmer spielen gehen, ich möchte mit deiner Großmutter reden.«
Der Junge gehorchte.
»Du hast es mit mir oft nicht leicht gehabt, Mama.« »Ach was, du und dein Sohn, ihr seid unsere ganze Freude, unser wichtigster Lebensinhalt.«
»Aber ich habe doch nicht …«
»Es war gut, so wie es war. Heute kann ich es dir beichten: Es hat Augenblicke gegeben, in denen ich dich gehaßt habe, und manchmal habe ich es bitter bereut, daß ich nicht dem Rat der Adoptionsbeauftragten gefolgt bin und ein anderes Kind adoptiert habe. Gleichzeitig fragte ich mich ständig: >Wie kann eine Mutter bloß ihr eigenes Kind hassen?< Ich nahm Beruhigungsmittel, ging mit Freundinnen Bridge spielen, kaufte zwanghaft ein, um zu kompensieren, daß die Liebe, die ich dir gab, nicht erwidert wurde, wie ich damals glaubte.
Vor ein paar Monaten, als du wieder einmal eine Arbeit aufgegeben hast, die dir Geld und Ansehen verlieh, war ich verzweifelt. Ich ging in die Kirche in der Nähe unseres Hauses. Ich wollte ein Gelübde ablegen, die Heilige Jungfrau bitten, dafür zu sorgen, daß du die Realität wahrnimmst, dein Leben veränderst, die Chancen nutzt und sie nicht verstreichen läßt. Ich war zu allem bereit, wenn sie mir nur half.
Ich schaute die Statue der Heiligen Jungfrau an, die mit ihrem Kind auf dem Arm dastand, und sagte zu ihr: >Du bist auch Mutter, du weißt, was ich durchmache. Verlange von mir, was du willst, nur, bitte, rette meine Tochter, denn ich glaube, sie ist dabei, sich selbst zu zerstören.<«
Ich spürte, wie Sherines Arme mich drückten. Sie begann wieder zu weinen, diesmal aber anders. Ich tat alles, um meine Gefühle im Griff zu behalten.
»Und weißt du, was ich in jenem Augenblick gefühlt habe? Daß die Heilige Jungfrau zu mir sprach. Und sie sagte: >Hör mir zu, Samira, ich habe auch so gedacht. Ich habe viele Jahre lang gelitten, weil mein Sohn nicht auf das hörte, was ich ihm sagte. Ich war um seine Sicherheit besorgt. Ich fand, daß er seine Freunde falsch aussuchte, daß er die Gesetze, die Bräuche, die Religion, die Alten überhaupt nicht achtete.<
Soll ich den Rest auch erzählen?«
»Ich glaube, ich weiß, was du sagen willst. Aber ich würde es dennoch gern hören.«
»Die Heilige Jungfrau fuhr dann fort: >Aber mein Sohn hat nicht auf mich gehört. Und heute bin ich sehr froh darüber.<«
Ich hob ihren Kopf zärtlich von meiner Schulter und stand auf.
»Ihr müßt jetzt etwas essen.«
Ich ging in die Küche, bereitete eine Zwiebelsuppe zu, einen Teller Tabuleh und wärmte das ungesäuerte Brot auf. Dann stellte ich alles auf den Tisch, und wir aßen gemeinsam. Wir redeten über unwichtige Dinge, die uns in solchen Augenblicken zusammenbringen und uns helfen, ruhig zu bleiben, auch wenn draußen der Sturm schon die Bäume ausreißt und Zerstörung sät.
Selbstverständlich würden meine Tochter und mein Enkel abends wieder durch diese Tür hinausgehen, um sich erneut dem Wind, dem Donner, den Blitzen zu stellen – aber das war ihre Wahl.
»Mama, du hast gesagt, du würdest alles für mich tun, nicht wahr?«
»Selbstverständlich stimmt das. Notfalls würde ich sogar mein Leben hingeben.«
»Findest du nicht, daß ich mehr für Viorel tun sollte?«
»Ich glaube, das sagt dir dein Instinkt. Aber es hat nicht nur mit Instinkt zu tun, sondern mit Liebe.«
Sherine aß weiter.
»Du weißt, daß ein Verfahren gegen dich eingeleitet wurde und daß dein Vater dir in dem Verfahren helfen will – wenn du einverstanden bist.«
»Natürlich bin ich einverstanden. Wir sind doch eine Familie!«
Ich überlegte es mir, einmal, zweimal, doch dann konnte ich nicht anders: »Darf ich dir einen Rat geben? Ich weiß, daß du wichtige Freunde hast. Ich meine diesen Journalisten. Warum bittest du ihn nicht darum, deine Geschichte zu veröffentlichen, so daß deine Version der Fakten bekannt wird? Die Presse gibt diesem Reverend zu viel Raum.«
»Du akzeptierst also nicht nur, was ich tue, sondern willst mir auch helfen?«
»Ja, Sherine. Auch wenn ich dich nicht verstehe, auch wenn ich manchmal leide, wie die Heilige Jungfrau in ihrem Leben gelitten haben wird, auch wenn du nicht Jesus Christus bist und der Welt eine große Botschaft zu geben hast, bin ich an deiner Seite und will, daß du dein Ziel erreichst.«