In dieser ganzen Geschichte, in der so vieles schiefgelaufen ist und die unter dem Titel >Die Hexe von Portobello< bekannt wurde, hat mich am meisten die Naivität von Heron Ryan überrascht, immerhin ein langjähriger Journalist mit internationaler Erfahrung. Als wir miteinander sprachen, zeigte er sich entsetzt über die Schlagzeilen der Sensationspresse.
>Die Diät der Göttin< habe eine Zeitung getitelt, hat mir Heron am Telefon erzählt. >Nimm ab, indem du ißt, sagt die Hexe von Portobello< hat angeblich auf der ersten Seite einer anderen gestanden.
Diese Athena hatte nicht nur ein sensibles Thema wie die Religion berührt, sondern sie war offensichtlich noch weiter gegangen: Sie hatte von Diät gesprochen, einem Thema, das augenscheinlich die Menschen noch mehr interessierte als Kriege, Streiks oder Naturkatastrophen. Nicht alle glauben an Gott, aber alle wollen abnehmen.
Heron berichtete weiter, die Reporter hätten lokale Ladenbesitzer interviewt, die versicherten, daß im Getreidespeicher schon an verschiedenen Tagen vor den Montagsversammlungen kleinere Treffen stattgefunden hätten, bei denen rote und schwarze Kerzen gebrannt hätten. Einstweilen beschränkten sich die Artikel offenbar auf billige Sensationslust, aber Ryan hätte voraussehen müssen, daß dies alles letztlich in einem Prozeß vor den britischen Gerichten gipfeln würde. Dabei würde der Kläger keine Gelegenheit auslassen, die Richter zu überzeugen, daß es hier nicht nur um Verleumdung ging, sondern vielmehr um einen Angriff auf alle Werte, die die Gesellschaft aufrechterhielten.
In der Woche nach dem Vorfall las ich in einer der anerkanntesten englischen Zeitungen eine Kolumne von Reverend Ian Buck, dem Pastor der evangelischen Gemeinde von Kensington, in der es in einem Absatz hieß:
»Als guter Christ habe ich die Pflicht, meine andere Wange hinzuhalten, wenn ich ungerechterweise angegriffen werde oder wenn meine Ehre verletzt wird. Dennoch dürfen wir nicht vergessen, daß Jesus zwar seine andere Wange hingehalten hat, aber auch die Peitsche benutzt hat, um jene zu züchtigen, die das Haus Gottes in eine Räuberhöhle verwandeln wollten. Und genau das erleben wir in diesem Augenblick in der Portobello Road: skrupellose Menschen, die sich zu Seelenrettern erklären, falsche Hoffnungen wecken und Heilungen aller Krankheiten versprechen, die sogar behaupten, man bleibe schlank, wenn man ihre Lehren befolge.
Daher bleibt mir nichts anderes übrig, als die Justiz anzurufen, damit dieser Zustand nicht länger anhält. Die Gefolgsleute dieser Bewegung schwören, daß sie in der Lage sind, nie gesehene Gaben zu erwecken, und negieren die Existenz Gottes des Allmächtigen, indem sie ihn durch heidnische Göttinnen wie Venus oder Aphrodite ersetzen wollen. Für sie ist alles erlaubt, solange es mit >Liebe< getan wird. Was aber ist die Liebe? Eine Kraft ohne Moral, die jeden Zweck rechtfertigt? Oder ein Sich-einlassen auf die wahren Werte der Gesellschaft wie die Familie und die Traditionen?«
»Bei der nächsten Versammlung«, berichtete Ryan weiter, »hat die Polizei, weil sie fürchtete, daß es wieder eine Straßenschlacht wie im August geben könnte, ein halbes Dutzend Beamte abgestellt, die Konfrontationen verhindern sollten. Athena kam in Begleitung von Bodyguards, die er, Ryan, organisiert hatte. Aber diesmal hörte man nicht nur Applaus, sondern auch Schmährufe und Beschimpfungen.
Eine Dame, die sah, daß Athena von einem achtjährigen Jungen begleitet wurde, reichte wenige Tage darauf eine Anzeige bei Gericht ein, die sie mit dem Children Act von 1989 begründete und in der sie vortrug, daß die Mutter dem Kind nicht wiedergutzumachende Schäden zufügte und das Sorgerecht daher dem Vater übertragen werde müsse.
Einer Boulevardzeitung gelang es, Lukas Jessen-Petersen zu finden, der allerdings kein Interview geben wollte. Er drohte aber zu allem bereit zu sein, falls die Presse Viorel in ihren Artikeln auch nur mit einem Wort erwähnte.
Am nächsten Tag druckte diese Zeitung die Schlagzeile: >Ex-Mann der Hexe von Portobello sagt: Für meinen Sohn bin ich bereit zu töten.<
Am selben Nachmittag wurden noch zwei weitere auf den Children Act von 1989 gestützte Anzeigen bei Gericht eingereicht. Diesmal wurde der Staat gebeten, die Verantwortung für das Wohlergehen des Kindes zu übernehmen.
Es gab keine weiteren Versammlungen, obwohl Anhänger wie auch Gegner Athenas vor der Tür randalierten. Uniformierte Sicherheitskräfte versuchten, die Menschen zu beruhigen. Das Gleiche geschah in der Woche darauf. Diesmal waren sowohl die Gruppen kleiner als auch weniger Polizisten anwesend.
In der dritten Woche gab es nur noch ein paar Blumen vor dem Speicher, und jemand wollte an mögliche Besucher Fotos verteilen.«
Dann verschwand die Angelegenheit aus den Londoner Tageszeitungen. Als Reverend lan Buck beschlossen habe, seine Anzeige wegen Verleumdung und übler Nachrede zurückzuziehen, und sich dabei auf >den christlichen Geist< berief, >den wir denjenigen entgegenbringen sollten, die ihr Handeln bereuen, gab es in der Presse schon kein Interesse mehr, und der Reverend konnte seinen Text noch gerade als Leserbrief in einer Stadtteilzeitung unterbringen.
Soweit ich weiß, hat das Thema nie landesweites Interesse gefunden. Es blieb auf die Lokalseiten beschränkt. Einen Monat nachdem die Treffen ein Ende gefunden hatten, habe ich auf einer Fahrt nach Brighton das Thema mit Freunden angesprochen, aber niemand hatte je etwas davon gehört.
Ryan hatte alle Möglichkeiten und Informationen, um Klarheit in die Angelegenheit zu bringen. Was seine Zeitung geschrieben hätte, wäre von den meisten Presseorganen aufgegriffen worden. Aber zu meiner Überraschung veröffentlichte er nie eine Zeile über Sherine Khalil.
Meiner Meinung nach hat das Verbrechen, das kurz darauf geschah, nichts mit den Vorkommnissen in der Portobello Road zu tun. Dabei handelt es sich nur um einen makabren Zufall.