Heron Ryan, Journalist


Ich war gerade damit beschäftigt, mir Notizen zu den Ereignissen in der Portobello Road und zur Wiedergeburt der Mutter-Gottheit zu machen. Ich mußte mir Mühe geben mit diesem Interview, denn es würde nicht einfach sein, ein so schwieriges Thema seriös zu behandeln.

Vor meinem geistigen Auge erschien eine Frau, die sagte:

»Ihr könnt es. Tut, was die Große Mutter lehrt – vertraut in die Liebe, und die Wunder werden geschehen.« Und die Menge in der Portobello Road hatte es begriffen. Doch wie lange würde das gutgehen? Schließlich lebten wir in einer Zeit, in der die Menschen glaubten, das Glück nur finden zu können, indem sie sich versklavten, weil sich frei zu entscheiden bedeutet, zu handeln und Verantwortung zu übernehmen – und das macht Angst.

In diesem Augenblick trat Athena ein. »Ich möchte, daß Sie etwas über mich schreiben«, bat sie.

Ich entgegnete, es wäre zu ihrem Schutz besser, wenn wir noch etwas warten würden. Der Vorfall würde in einer Woche die Öffentlichkeit nicht mehr interessieren, und die Aufregung hätte sich dann gelegt.

»Im Augenblick interessieren sich nur das Viertel selber und die Sensationsblätter für den Streit und den Skandal. Keine angesehene Zeitung hat auch nur eine Zeile darüber veröffentlicht. Zudem glaube ich, daß es nicht unbedingt ratsam ist, den Konflikt weiter zuzuspitzen. In London gibt es jede Menge dieser Art von Konflikten. Es wäre besser, wenn sie die Treffen mit ihrer Gruppe zwei oder drei Wochen lang aussetzen würden.


Die Geschichte mit der Göttin allerdings könnte, wenn sie mit der notwendigen Seriosität behandelt würde, viele Leute dazu anregen, sich ein paar entscheidende Fragen zu stellen.«

»Es ist nicht lange her, da haben Sie mir bei einem Abendessen eine Liebeserklärung gemacht. Und jetzt verweigern Sie mir nicht nur Ihre Hilfe, sondern bitten mich zudem noch, die Dinge aufzugeben, an die ich glaube?«

Was unterstellte sie mir da? Hatte sie meine Liebe, die ich ihr offenbart hatte und die mich jede Minute des Tages beseelte, etwa nicht angenommen? Der libanesische Dichter hatte gesagt, es sei wichtiger zu geben, als zu empfangen. Das waren weise Worte, aber ich war nur ein Mensch – mit meinen Schwächen, meinen Augenblicken des Zögerns, dem Wunsch, meinen Gefühlen nachzugeben, mich hinzugeben, ohne zu fragen, ohne wissen zu wollen, ob diese Liebe erwidert wurde.

Athena brauchte mir doch nur zu erlauben, sie zu lieben, mehr wollte ich nicht. Ich bin sicher, daß Hagia Sophia ganz meiner Meinung sein würde. Athena war jetzt seit fast vier Jahren Teil meines Lebens, und ich befürchtete, daß sie, wenn sie auf ihrem Weg weiterging, am Horizont verschwinden würde. Und ich könnte sie dann auf diesem Teil ihrer Wegstrecke nicht mehr begleiten.

»Sie sagten etwas von Liebe?«

»Ich habe Sie um Ihre Hilfe gebeten.«

Was sollte ich tun? Nüchtern, kühl reagieren, anstatt überstürzt zu handeln und dadurch am Ende alles zu zerstören? Oder sollte ich den Schritt tun, der noch fehlte, sie umarmen und sie vor allen Gefahren beschützen?

»Ich möchte helfen«, antwortete ich, obwohl mein Herz immer weiter sagte: >Mach dir keine Sorgen, ich liebe dich.< »Ich möchte Sie bitten, mir zu vertrauen. Ich würde alles, wirklich alles für Sie tun, Ihnen sogar etwas abschlagen, wenn ich finde, daß es notwendig ist, auch wenn Sie das vielleicht nicht verstehen werden.«

Ich erzählte ihr, daß der Redaktionsleiter mir vorgeschlagen hatte, eine Serie über die Mutter-Gottheit zu schreiben und dafür mit ihr, Athena, ein Interview zu machen. Anfangs hatte ich es für eine ausgezeichnete Idee gehalten, aber jetzt war ich der Meinung, daß es besser war, noch etwas zu warten.

»Entweder Sie führen Ihre Mission fort, oder Sie verteidigen sich. Ich weiß, daß Sie nicht kümmert, was andere über Sie denken. Ihnen ist wichtiger, was Sie tun. Das stimmt doch?«

»Ich denke an meinen Sohn. Er hat in der Schule täglich Probleme. «

»Das geht vorbei. In einer Woche wird niemand mehr darüber reden. Dann ist der Augenblick gekommen zu handeln. Nicht um Sie gegen dumme Angriffe zu verteidigen, sondern um das, was Sie tun, in einem fundierten Artikel darzustellen.

Und falls Sie an meinen Gefühlen zweifeln, entschlossen sind weiterzumachen, dann komme ich mit Ihnen zur nächsten Versammlung. Wir werden dann sehen, was passiert.«

Am folgenden Montag habe ich sie begleitet. Diesmal war ich nicht nur jemand in der Menge, sondern konnte alles aus ihrem Blickwinkel sehen.

Viele Menschen drängelten sich dort, es gab Blumen, Applaus, junge Frauen, die »Priesterin der Göttin« riefen, zwei oder drei gut gekleidete Damen, die wegen eines Krankheitsfalls in der Familie um eine Privataudienz baten. Die Menge begann uns zu schieben, verstellte uns den Eingang zum Getreidespeicher. Weder Athena noch ich hatten an Sicherheitsvorkehrungen gedacht, und ich erschrak. Ich packte sie am Ellenbogen, hob Viorel auf den Arm, und wir gingen hinein.

Drinnen war der Raum schon voll. Andrea erwartete uns aufgebracht.

»Ich glaube, heute mußt du sagen, daß du kein Wunder tun wirst!«, fuhr sie Athena an. »Du läßt dich von Eitelkeit beherrschen! Warum schickt Hagia Sophia diese Leute nicht alle weg ?«

»Weil sie auf die Krankheiten hinweist«, entgegnete Athena herausfordernd. »Und je mehr Menschen das zugute kommt, umso besser.«

Andrea hätte wohl gern noch mehr gesagt, aber die Menge applaudierte, und Athena stieg auf die improvisierte Bühne. Sie stellte den kleinen CD-Player an, den sie von zu Hause mitgebracht hatte. Sie forderte die Menge dazu auf, entgegen dem Rhythmus der Musik zu tanzen. Irgendwann ging Viorel in eine Ecke und setzte sich – das war der Augenblick, in dem sich Hagia Sophia offenbarte. Athena machte das Übliche: Sie stellte unvermittelt den Ton ab, vergrub das Gesicht in den Händen. Die Leute schwiegen, als würden sie einem unsichtbaren Kommando gehorchen.

Das Ritual lief wie immer ab: Fragen über Liebe wurden abgewiesen, aber sie sagte etwas zu Ängsten, Krankheiten und sonstigen persönlichen Problemen. Von dort, wo ich mich befand, konnte ich sehen, daß einige Menschen Tränen in den Augen hatten, andere standen da, als hätten sie eine Heilige vor sich. Erst würde die Abschlußpredigt und dann das Ritual der kollektiven Verehrung der Großen Mutter kommen, und ich überlegte, wie wir ohne viel Aufhebens aus dem Speicher herauskommen könnten. Ich hoffte, Athena würde Andreas Rat folgen und sagen, daß die Anwesenden keine Wunder erwarten sollten. Ich ging schon mal zu Viorel, damit wir es beide rechtzeitig schafften.

Hagia Sophia sagte jetzt:

»Heute werden wir, bevor wir die Versammlung schließen, über Diät sprechen. – Vergesst alle Diäten.«

Diäten? Was sollte denn das jetzt?

»Wir leben, weil wir essen. Aber essen scheint heute zu einem Fluch geworden zu sein. Warum? Was bringt uns dazu, mit vierzig noch die Figur halten zu wollen, die wir als jun­ges Mädchen hatten? Kann man die Zeit anhalten? Nein. Und warum müssen wir dünn sein?«

Ich hörte Murmeln im Publikum.

»Wir müssen es nicht. Wir kaufen Diätbücher, gehen in Fitneßstudios, vergeuden einen sehr großen Teil unserer Kraft damit, die Zeit aufzuhalten, wo wir doch das Wunder feiern sollten, daß wir auf dieser Welt sind. Und anstatt zu überlegen, wie wir besser leben könnten, sind wir von unserem Gewicht besessen.

Vergeßt das alles! Ihr könnt so viele Diätbücher lesen, so viele Übungen machen, wie ihr wollt, euch selbst bestrafen, soviel ihr wollt, aber am Ende bleibt euch nur die Entscheidung zwischen zwei Dingen: Entweder hört ihr auf zu leben, oder ihr werdet zunehmen.

Eßt mäßig, aber eßt mit Lust: Das Böse ist nicht, was in den Mund des Menschen hineingeht, sondern was aus dem Mund herauskommt. Vergeßt nicht, daß wir Jahrtausende lang darum gekämpft haben, nicht zu verhungern. Wer hat sich bloß ausgedacht, daß wir alle unser ganzes Leben lang dünn sein müssen?

Ich werde euch die Antwort geben: die Seelenvampire, diejenigen, die Angst vor der Zukunft haben und glauben, es wäre möglich, das Rad der Zeit anzuhalten. Hagia Sophia versichert euch: Das ist unmöglich. Ernährt euch von geistigem Brot, anstatt Energie und Mühen in eine Diät zu stecken. Begreift, daß die Große Mutter großzügig und weise gibt – respektiert das, und ihr werdet nicht mehr zunehmen als eurem Alter entsprechend.

Anstatt all die Kalorien auf jede nur erdenkliche Art zu verbrennen, versucht sie in die Energie umzuwandeln, die für den Kampf um eure Träume notwendig ist. Niemand ist nur aufgrund einer Diät lange dünn geblieben.«

Es herrschte vollkommene Stille. Athena begann das Schlußritual, alle feierten die Gegenwart der Großen Mutter. Ich hob Viorel auf den Arm und nahm mir vor, das nächste Mal ein paar Freunde mitzubringen, um so etwas wie ein Mindestmaß an Sicherheit zu gewährleisten. Als wir hinausgingen, hörten wir das gleiche Geschrei und den gleichen Applaus wie beim Hineingehen.

Ein Antiquitätenhändler packte mich am Arm:

»Das hier ist doch total verrückt! Wenn die mir eines meiner Schaufenster zertrümmern, zeige ich Sie an!«

Athena lachte, gab Autogramme, Viorel wirkte zufrieden. Ich hoffte, daß an diesem Abend außer mir kein Journalist zugegen gewesen war. Nachdem wir uns schließlich aus der Menge befreien konnten, nahmen wir ein Taxi.

Ich fragte Athena, ob sie und Viorel etwas essen wollten. »Natürlich«, sagte Athena. »Ich habe doch gerade darüber gesprochen.«

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