Heron Ryan, Journalist


Athena bat mich, mein Aufnahmegerät einzuschalten. Sie hatte auch eines bei sich. Ein Modell, das ich noch nie gesehen hatte, technisch äußerst raffiniert und winzig.

»Erstens möchte ich sagen, daß ich mit dem Tod bedroht wurde. Zweitens möchte ich Sie bitten, daß Sie, wenn ich sterben sollte, fünf Tage verstreichen lassen, bis jemand dieses Band hört. Spätestens dann werden die Leute unterscheiden können, was unrichtig und was wahr ist.

Sagen Sie laut und deutlich, daß Sie einverstanden sind – denn so schließen wir eine rechtlich wirksame Übereinkunft.«

»Ich bin einverstanden. Aber ich denke, daß …«

»Denken Sie nichts! Falls ich tot aufgefunden werde, wird diese Aufnahme unter der Voraussetzung, daß, was ich jetzt sagen werde, niemand vorher hört, mein Testament.«

Ich schaltete das Aufnahmegerät aus.

»Sie haben nichts zu befürchten. Ich habe Freunde in höchsten Regierungskreisen. Leute, die mir einen Gefallen schulden, die mich brauchen oder mich brauchen werden. Wir können…«

»Ich habe Ihnen, glaube ich, schon gesagt, daß mein Freund bei Scotland Yard arbeitet, nicht wahr?«

Jetzt kam sie wieder mit dieser Geschichte. Wenn es ihn gab, warum war er dann nicht da, als wir alle seine Hilfe brauchten, als Athena und Viorel Gefahr liefen, von der Menge angegriffen zu werden?

Fragen schwirrten durch meinen Kopf: Wollte sie mich testen? Was ging im Kopf dieser Frau vor sich? War sie unausgeglichen, unbeständig? Wieso wollte sie mal an meiner Seite sein und erzählte dann wieder etwas von einem Mann, den es nicht gab?

»Schalten Sie bitte Ihr Aufnahmegerät wieder ein«, bat sie.

Ich fühlte mich grauenhaft. Ich fing an zu glauben, daß sie mich immer nur ausgenutzt hatte. Ich hätte ihr in diesem Augenblick am liebsten gesagt: »Gehen Sie, verschwinden Sie ganz aus meinem Leben, seit ich Sie kennengelernt habe, ist mein Leben zur Hölle geworden. Ich warte ständig darauf, daß Sie mich endlich umarmen, mich küssen, mich bitten, an meiner Seite bleiben zu können. Aber das geschieht nie.«

»Stimmt etwas nicht?«

Sie wußte, daß etwas nicht stimmte. Besser gesagt, sie mußte genau wissen, was ich für sie empfand, denn ich hatte die ganze Zeit nichts anderes getan, als ihr meine Gefühle zu zeigen, obwohl ich nur einmal über sie gesprochen hatte.

Aber ich sagte alle Verabredungen ab, um sie zu treffen, war immer bei ihr, wenn sie mich darum bat, versuchte mich mit ihrem Sohn anzufreunden, weil ich dachte, er könnte mich eines Tages Vater nennen. Niemals habe ich sie darum gebeten aufzugeben, was sie tat. Ich habe ihr Leben, ihre Entscheidungen akzeptiert, litt schweigend mit ihr, freute mich über ihre Siege, war stolz auf ihre Entschlossenheit.

»Warum haben Sie das Aufnahmegerät ausgeschaltet?«

In dieser Sekunde schwebte ich zwischen Himmel und Hölle, zwischen plötzlichem Aufbegehren und Unterwerfung, zwischen kühler Überlegung und zerstörerischer Wut. Am Ende gelang es mir unter Aufbietung aller meiner Kräfte, mich zu beherrschen.

Ich drückte auf den Aufnahmeknopf.

»Lassen Sie uns weitermachen.«

»Ich habe gesagt, daß ich mit dem Tod bedroht werde. Leute rufen mich an, ohne ihren Namen zu nennen. Sie beschimpfen mich. Sie sagen, ich sei eine Gefahr für die Welt, ich wolle die Herrschaft Satans zurückbringen und das könnten sie nicht zulassen.«

»Haben Sie mit der Polizei gesprochen?«

Ich erwähnte ihren Freund extra nicht und wollte ihr damit zeigen, daß ich ihr die Geschichte nie geglaubt hatte.

»Ja, das habe ich. Die Anrufe werden aufgenommen. Sie kommen aus Telefonzellen. Doch die Polizei sagt, ich solle mir keine Sorgen machen. Meine Wohnung werde beobachtet. Eine dieser Personen hat sie schon festnehmen können. Es ist ein Geistesgestörter, der glaubt, die Reinkarnation eines Apostels zu sein, und der Meinung ist, daß >dieses Mal gekämpft werden muß, damit Christus nicht wieder verstoßen wird<. Er ist jetzt in einer psychiatrischen Anstalt. Die Polizei hat erklärt, er sei schon vorher festgenommen worden, weil er andere Menschen auf die gleiche Weise bedroht hätte. «

»Wenn sie aufpassen, sind unsere Polizeibeamten die besten der Welt. Dann gibt es tatsächlich keinen Grund zur Sorge.«

»Ich habe keine Angst vor dem Tod. Wenn mein Leben heute zu Ende wäre, könnte ich sagen, ich habe Augenblicke erlebt, die nur wenige Menschen in meinem Alter erleben durften. Wovor ich mich fürchte, und daher habe ich Sie gebeten, unser heutiges Gespräch aufzunehmen, ist, selber zu töten.«

»Töten ?«

»Sie wissen, daß ein paar Prozesse anhängig sind, mit denen versucht wird, mir das Sorgerecht für Viorel zu entziehen. Freunde von mir wollen mir helfen, aber niemand kann etwas tun. Ihnen zufolge werden diese Fanatiker erreichen, was sie wollen, was allerdings letztlich vom Richter abhängt. Daher habe ich eine Waffe gekauft.

Ich weiß, was es bedeutet, wenn ein Kind von seiner Mutter getrennt wird. Ich habe es selber erlebt. Daher werde ich schießen, sobald der erste Gerichtsdiener zu mir kommt. Und ich werde bis zur letzten Patrone weiterschießen. Wenn sie mich nicht vorher getroffen haben, kämpfe ich mit den Messern aus meinem Haushalt weiter. Wenn sie mir die Messer wegnehmen, werde ich meine Fingernägel und meine Zähne benutzen. Aber niemandem wird es gelingen, Viorel von mir zu trennen, nur über meine Leiche. Haben Sie das aufgenommen?«

»Ja. Aber es gibt doch Mittel …«

»Die gibt es nicht. Mein Vater verfolgt die Verfahren. Er sagt, in einem Familienrechtsverfahren sei wenig zu machen. Jetzt schalten Sie bitte Ihr Aufnahmegerät wieder aus.«

»War das Ihr Testament?«

Sie antwortete nicht. Sie ging zur Musikanlage, legte die berühmte sibirische Steppenmusik auf, die ich inzwischen fast auswendig kannte. Athena tanzte wie bei den Versammlungen gegen den Rhythmus, und ich wußte, worauf sie hinauswollte. Ihr Aufnahmegerät lief als stummer Zeuge weiter. Während das Abendlicht an diesem sonnigen Tag durch die Fenster schien, tauchte Athena in die Suche nach einem anderen Licht ein, das seit Anbeginn der Welt existiert hatte.

Athena hörte auf zu tanzen, stellte die Musik ab, vergrub das Gesicht zwischen den

Händen und schwieg eine Weile. Dann hob sie den Blick und sah mich an.

»Sie wissen, wer jetzt hier ist, nicht wahr?«

»Ja. Athena und ihr göttlicher Anteil, Hagia Sophia.«

»Ich habe mich daran gewöhnt, es so zu tun. Ich weiß inzwischen, daß ich es gar nicht

mehr so tun muß, aber so habe ich den Weg zu ihr gefunden, und daher behalte ich dieses

Ritual bei. Sie wissen, mit wem Sie sprechen: mit Athena.

Aber ich bin auch Hagia Sophia.

So wie Hagia Sophia ein Teil von mir ist, haben auch Sie einen Teil, der über die irdische Erscheinungsform hinausgeht. Ich weiß, daß Sie leiden, weil Sie glauben, etwas nicht zu bekommen: meine Liebe. Doch Ihr Schmerz, Ihre Angst, Ihr Verlassenheitsgefühl sind unnötig und kindisch, denn ich liebe Sie. Nicht so, wie Ihr irdischer Teil es will, sondern so, wie der göttliche Funke es will. Ich spiele nicht mit Ihren Gefühlen, wenn ich das sage.«

»Was aber ist dann die Liebe?«

»Die Seele, das Blut und der Körper der Großen Mutter. Ich liebe Sie so innig, wie verbannte Seelen einander lieben, wenn sie einander inmitten der Wüste begegnen. Es wird nichts Körperliches zwischen uns geschehen, doch keine Leidenschaft ist nutzlos, keine Liebe wird weggeworfen.

Denn die Große Mutter hat sie in Ihrem Herzen geweckt und auch in meinem, wobei Sie sie vielleicht eher willkommen heißen als ich. Die Energie der Liebe geht nicht verloren – sie ist mächtiger als alles sonst und zeigt sich auf vielerlei Weise.«

»Ich bin nicht stark genug dazu. Diese abstrakte Sicht deprimiert mich und macht mich einsamer als je zuvor.«

»Auch mir geht es so. Auch ich brauche jemanden an meiner Seite. Aber eines Tages werden unsere Augen sich öffnen, und die unterschiedlichen Formen der Liebe können sich dann offenbaren, und das Leid wird aus der Welt verschwinden.

Ich glaube, es wird nicht mehr lange dauern. Viele von uns kommen von einer langen Reise zurück, auf der wir genötigt wurden, nach Dingen zu suchen, die uns nicht interessierten. Aber diese Rückkehr verläuft nicht ohne Schmerzen – denn wir waren lange weg und empfinden uns im eigenen Land als Fremde.

Es wird eine Zeitlang brauchen, bis wir die Freunde gefunden haben, die auch auf Reisen gewesen sind, und die Orte, an denen unsere Wurzeln und unser Schatz sich befinden. Doch am Ende wird es geschehen.«

Mich hatte das sehr berührt. Ich wollte mehr wissen. »Ich möchte weiter über die Liebe reden.«

»Wir reden doch darüber. Sie war immer das Ziel all dessen, was ich in meinem Leben gesucht habe. Zuzulassen, daß die Liebe sich in mir ohne Grenzen zeigte, meine leeren Stellen füllte, mich zum Tanzen, zum Lächeln brachte, dazu, mein Leben zu rechtfertigen, meinen Sohn zu beschützen, mit dem Himmel, mit Männern und Frauen, mit allen denjenigen in Verbindung zu treten, die mir auf meinem Weg begegnet sind.

Ich habe versucht, meine Gefühle zu kontrollieren, indem ich sagte, >dieser verdient meine Zuneigung< oder >jener verdient sie nicht<. Bis ich mein Schicksal begriffen habe, bis ich sah, daß ich das Wichtigste in meinem Leben verlieren könnte. «

»Ihren Sohn?«

»Genau. Das vollkommenste Zeugnis der Liebe. In dem Augenblick, als sich die Möglichkeit abzeichnete, daß man ihn mir nehmen könnte, bin ich mir selber begegnet und habe begriffen, daß ich niemals etwas besitzen, etwas verlieren könnte. Ich habe das begriffen, nachdem ich stundenlang heftig geweint hatte. Erst nachdem ich lange und intensiv gelitten hatte, sagte der Teil von mir, den ich Hagia Sophia nenne: >Was soll der Unsinn? Die Liebe bleibt immer! Und dein Sohn wird früher oder später gehen.<«

Ich begann zu verstehen.

»Die Liebe ist keine Gewohnheit, keine Verbindlichkeit oder Schuld. Sie ist nicht das, was uns Schlager lehren – die Liebe ist. Und das ist das Testament von Athena oder Sherine oder Hagia Sophia: Die Liebe ist. Man muß sie nicht definieren. Liebe und frage nichts weiter. Liebe einfach nur.«

»Das ist schwierig.«

Athena fuhr fort:

»Auch für mich ist es schwierig. Jedenfalls werde ich nicht mehr nach Hause zurückkehren. Ich werde mich verstecken. Die Polizei kann mich vor Verrückten beschützen, aber niemals vor der Justiz. Ich hatte eine Mission zu erfüllen, und das hat mich so weit gehen lassen, daß ich das Sorgerecht für meinen Sohn aufs Spiel gesetzt habe. Dennoch bereue ich nicht: ich habe mein Schicksal erfüllt.«

»Was war Ihre Mission?«

»Das wissen Sie doch, denn Sie haben von Anfang an daran teilgehabt: der Großen Mutter den Weg zu bereiten. Eine Tradition wieder aufgreifen, die jahrhundertelang unter­

drückt worden war, jetzt aber wieder auflebt.«

»Vielleicht … «

Ich hielt inne. Aber sie sagte nichts, bis ich meinen Satz beendet hatte.

»… vielleicht war es etwas zu früh. Die Menschen waren noch nicht bereit.«

Athena lachte.

»Selbstverständlich waren sie das. Daher hat es Konfrontationen gegeben, Aggressionen und Obskurantismus. Denn die Kräfte der Finsternis liegen im Sterben und wenden jetzt ihre letzten Energien auf. Sie wirken kräftiger – wie die Tiere, bevor sie sterben. Aber bald werden sie sich nicht mehr vom Boden erheben können – sie werden erschöpft sein.

Ich habe die Saat in viele Herzen gelegt, und jedes Herz wird das Wiederaufleben auf seine Art zeigen. Doch es gibt ein Herz, das die Tradition ganz und gar fortführen wird: Andrea.«

Andrea.

Andrea haßte Athena, die sie für das Ende unserer Beziehung verantwortlich machte, die jedem, der es hören wollte, sagte, Athena ließe sich von Egoismus und Eitelkeit leiten und würde am Ende ein Werk zerstören, das auf die Beine zu stellen so schwierig gewesen war.

Athena erhob sich und nahm ihre Handtasche – Hagia Sophia war noch immer in Athena.

»Ich sehe Andreas Aura. Sie wird gerade von einem unnötigen Leiden geheilt.«

»Sie wissen doch, daß Andrea Sie nicht mag.«

»Natürlich weiß ich das. Wir haben fast eine halbe Stunde über die Liebe gesprochen, nicht wahr? Jemanden mögen oder nicht hat nichts damit zu tun.

Andrea ist jemand, der absolut fähig ist, diese Mission fortzuführen. Sie hat mehr Erfahrung und Charisma als ich. Sie hat aus meinen Fehlern gelernt. Sie weiß, daß man eine gewisse Vorsicht walten lassen muß, denn die Zeiten, in denen das Ungeheuer Obskurantismus im Sterben liegt, sind Zeiten der Konfrontation.

Andrea mag mich als Person hassen, aber vielleicht hat sie gerade deshalb ihre Gaben so schnell entwickeln können. Um zu beweisen, daß sie fähiger ist als ich.

Wenn der Hass einen Menschen wachsen läßt, verwandelt er sich in eine der vielen Arten der Liebe.«

Athena nahm ihr Aufnahmegerät, steckte es in die Handtasche und ging.

Am Ende derselben Woche fällte das Gericht sein Urteil: Es wurden verschiedene Zeugen gehört, und Sherine Khalil, bekannt als Athena, behielt das Sorgerecht für ihren Sohn.

Außerdem wurde der Direktor der Schule, in die der Junge ging, darauf hingewiesen, daß jede Form der Diskriminierung des Jungen strafrechtlich verfolgt werden würde.

Ich wußte, daß es nichts bringen würde, in Athenas Wohnung anzurufen. Sie hatte Andrea den Schlüssel übergeben, ihre Musikanlage und einen Teil der Kleidung mitgenommen und gesagt, sie werde so bald nicht wiederkommen.

Ich wartete auf ihren Anruf, damit wir ihren Sieg feiern konnten. Mit jedem Tag, der verging, hörte meine Liebe zu Athena auf, eine Quelle des Leidens zu sein, und verwandelte sich in einen See der Freude und Gelassenheit. Ich fühlte mich nicht mehr so allein. Irgendwo im Raum feierten unsere Seelen – die Seelen aller Verbannten, die zurückkamen – voller Freude das Wiedersehen.

Die erste Woche verging, und ich dachte mir, daß Athena vielleicht versuchte, sich von der Anspannung der letzten Zeit zu erholen. Einen Monat später dachte ich dann, daß sie vielleicht wieder zu ihrer Arbeit nach Dubai zurückgekehrt sei.

Ich rief in Dubai an, doch man sagte mir, sie habe nichts von sich hören lassen. Falls ich wisse, wo sie sei, sollte ich ihr bitte ausrichten, daß alle Türen für sie offen stünden und sie allen sehr fehlte.

Ich beschloß, eine Reihe von Artikeln über das Erwachen der Großen Mutter zu schreiben, die zu einigen beleidigenden Leserbriefen führten, in denen ich beschuldigt wurde, >Heidentum zu verbreiten<, aber ansonsten ein riesiger Publikumserfolg waren.

Zwei Monate später, als ich gerade zum Mittagessen gehen wollte, rief mich ein Kollege aus der Redaktion an: Die Leiche von Sherine Khalil, der Hexe von Portobello, sei gefunden worden.

Sie war in Hampstead brutal ermordet worden.

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