»Es ist alles schiefgelaufen: Wie konntest du mir nur in den Kopf setzen, daß ich lehren könnte? Warum sollte ich mich vor anderen lächerlich machen? Ich sollte dich aus meinem Gedächtnis streichen. Als man mir beigebracht hat zu tanzen, habe ich getanzt. Als man mir beigebracht hat, Buchstaben zu malen, habe ich es gelernt. Aber du bist krank: Du hast verlangt, daß ich etwas versuche, was über meine Grenzen hinausgeht. Deshalb habe ich mich in den Zug gesetzt und bin hierhergekommen – du sollst sehen, wie sehr ich dich hasse.«
Athena weinte hemmungslos. Sie redete etwas zu laut, und ihr Atem roch nach Wein. Zum Glück hatte sie den Sohn bei ihren Eltern gelassen! Ich bat sie hereinzukommen. Ein solcher Aufstand vor meiner Wohnungstür wäre nur Wasser auf die Mühle meiner Nachbarn, die sowieso schon behaupteten, ich würde Männer und Frauen empfangen und große Sexorgien im Namen Satans organisieren.
Aber sie blieb vor meiner Tür stehen und schrie:
»Es ist deine Schuld! Deinetwegen habe ich mich lächerlich gemacht!«
Ein Fenster ging auf. Dann ein weiteres. Ich zog Athena vorsichtig die paar Stufen zum Eingang hinauf, und wir traten ins Haus. Ich machte ihr einen Tee nach einem geheimen Rezept, das mein Beschützer mir gegeben hatte. Ich stellte ihr die Tasse hin, die sie in einem Zug austrank. Ich nahm das als Vertrauensbeweis.
»Warum bin ich so«, fuhr sie fort.
Die Wirkung des Alkohols ließ offenbar nach. »Es gibt Männer, die mich lieben. Ich habe einen Sohn, der mich anbetet und in mir ein Vorbild für sein eigenes Leben sieht. Ich habe Adoptiveltern, die ich als meine wahre Familie empfinde und die bereit wären, für mich ihr Leben zu lassen. Ich habe die leeren Stellen in meiner Vergangenheit ausgefüllt, indem ich meine leibliche Mutter gesucht und gefunden habe. Ich habe genügend Geld, um drei Jahre lang nichts zu tun – und ich bin nicht zufrieden.
Ich fühle mich elend, schuldig, weil Gott mich mit Schicksalsschlägen gesegnet hat, die ich überwinden konnte, und mit Wundern, die ich bestaunt habe – aber ich bin nie zufrieden! Ich will immer mehr. Ich hätte nicht in dieses Theater gehen und der Liste meiner Siege eine Frustration hinzufügen sollen!«
»Glaubst du, daß das, was du getan hast, nicht richtig war ?«
Sie hielt inne und schaute mich verblüfft an.
»Warum fragst du mich das ?«
Ich wartete nur auf ihre Antwort.
»Doch, es war richtig. Ich war mit einem Journalisten zusammen dort hingekommen, hatte nicht die geringste Ahnung, was ich machen würde, aber plötzlich spürte ich die Gegenwart der Großen Mutter an meiner Seite, die mich führte, mich lehrte, machte, daß meine Stimme eine Sicherheit ausstrahlte, die ich, wie ich im Innersten wußte, gar nicht besaß.«
»Und warum beklagst du dich dann?«
»Weil niemand mich verstanden hat! «
»Ist das denn so wichtig? So wichtig, daß du deswegen bis hierher nach Schottland kommst und mich vor aller Welt beschimpfst?«
»Selbstverständlich ist das wichtig! Wenn du alles riskierst, wenn du weißt, daß du das Richtige machst, warum wirst du dann nicht wenigstens dafür geliebt oder bewundert?«
Das war also das Problem. Ich nahm sie bei der Hand und führte sie in dasselbe Zimmer, in dem sie vor ein paar Wochen die Kerze betrachtet hatte. Ich bat sie, sich zu setzen und sich etwas zu beruhigen – obwohl ich mir sicher war, daß der Tee schon wirkte. Ich ging in mein Schlafzimmer, holte einen runden Spiegel und hielt ihn ihr vor das Gesicht.
»Du hast alles erreicht und hast um jeden Zoll deines Territoriums gekämpft. Nun schau dir deine Tränen an. Schau dir dein Gesicht an und die Bitterkeit, die es zeigt. Schau die Frau dort im Spiegel genau an. Lache diesmal nicht, sondern versuche sie zu verstehen.«
Ich gab ihr ausreichend Zeit, um meinen Anweisungen zu folgen. Als ich bemerkte, daß sie in die gewünschte Trance verfiel, fuhr ich fort:
»Was ist das Geheimnis des Lebens? Nennen wir es einfach >Gnade< oder >Segnung<. Alle sind darauf aus, mit dem zufrieden zu sein, was sie haben. Nur ich nicht. Nur du nicht. Nur ein paar Menschen nicht, die, wie wir beide auch, im Namen einer größeren Sache Opfer bringen müssen.
Unsere Phantasie übersteigt die uns umgebende Welt, wir gehen über unsere Grenzen hinaus. Einst wurde das >Hexerei< genannt – doch zum Glück haben sich die Dinge verändert, sonst stünden wir jetzt schon auf dem Scheiterhaufen. Lange nachdem die letzten Hexen auf dem Scheiterhaufen starben, versuchte die Wissenschaft, das unangepaßte Verhalten der sogenannten Hexen zu erklären, und zwar durch etwas, das gemeinhin als >weibliche Hysterie< bezeichnet wurde. Diese bringt heutzutage nicht den Feuertod mit sich, schafft aber doch einige Probleme – vor allem am Arbeitsplatz.
Aber mach dir nichts daraus. Bald wird es >Weisheit< genannt werden. Blick in den Spiegel: Wen siehst du da?«
»Eine Frau.«
»Und was noch?«
Sie zögerte etwas. Ich ließ nicht locker, und sie antwortete schließlich:
»Noch eine Frau. Aber die wahrhaftiger, klüger ist als ich. Als wäre es eine Seele, die mir nicht gehört, aber Teil von mir ist.«
»Genau. Jetzt werde ich dich bitten, dir eines der wichtigsten Symbole der Alchimie vorzustellen: eine Schlange, die einen Kreis bildet und ihren eigenen Schwanz verschlingt. Kannst du dir das vorstellen?«
Sie nickte.
»So ist das Leben von Menschen, die so sind wie du und ich. Sie zerstören und bauen die ganze Zeit. Alles in ihrem Leben verläuft so: vom Verlassenwerden zur Begegnung, von der Scheidung zu einer neuen Liebe, von der Bankfiliale in die Wüste. Nur eines bleibt in deinem Leben unverändert: dein Sohn. Er ist der rote Faden in allem, respektiere das.«
Sie fing wieder an zu weinen. Aber es waren andere Tränen.
»Du bist hierhergekommen, weil du das Gesicht einer Frau in den Flammen gesehen hast. Laß dich nicht von dem bedrücken, was andere denken, denn in ein paar Jahren oder ein paar Jahrzehnten oder in ein paar Jahrhunderten wird sich das Denken geändert haben. Lebe jetzt, was die anderen Menschen erst in der Zukunft leben werden.
Was willst du? Du kannst nicht einfach nur glücklich sein wollen, denn das ist leicht und langweilig. Du kannst nicht nur einfach lieben wollen, weil das unmöglich ist. Was willst du? Du willst dein Leben rechtfertigen? Dann lebe es so intensiv wie möglich. Das ist zugleich eine Falle und Ekstase.
Versuche auf die Gefahr zu achten, und lebe die Freude, das Abenteuer, die Frau zu sein, die hinter dem Bild verborgen ist, das dir der Spiegel zeigt.«
Ihre Augen schlossen sich, aber ich wußte, daß meine Worte in ihre Seele eingedrungen waren und dort wirken würden.
»Wenn du das Wagnis eingehen willst, weiter zu unterrichten, dann tue es. Willst du es nicht, dann möchte ich dir an dieser Stelle sagen, daß du schon viel weiter gegangen bist als die meisten Menschen.«
Athenas Körper entspannte sich. Ich legte den Arm um sie, und sie schlief an mich gelehnt ein.
Ich flüsterte ihr ein paar tröstende Worte ins Ohr, denn ich hatte diese Phasen selber durchgemacht und wußte, wie schwer es war. Mein Beschützer hatte mir erklärt, wie diese Phasen verliefen, und genau so hatte ich es am eigenen Leibe erfahren. Von der Anspannung zur Entspannung. Von der Entspannung in die Trance. Von der Trance zum intensiveren Kontakt mit den Menschen. Von diesem Kontakt ausgehend wieder zur Anspannung und so fort, wie die Schlange, die sich in den Schwanz beißt.
Das war nicht einfach – vor allem, weil es bedingungslose Liebe verlangte, die weder das Leiden, die Ablehnung noch den Verlust fürchtet.
Aber wer seinen Durst erst einmal mit diesem Wasser gelöscht hat, dem wird es unmöglich sein, aus anderen Quellen zu trinken.