Wenn Sie so dasitzen, Sir, den Arm um die Lehne des leeren Stuhls neben sich gelegt, beult sich der leichte Stoff Ihres Anzugs ein bisschen, und zwar auf Höhe des Brustbeins, genau an der Stelle, wo die Sicherheitsbeamten unseres Landes – ja, und wahrscheinlich auch die aller anderen Länder – gern das Achselholster für ihre Seitenwaffe tragen. Nein, nein, wegen mir brauchen Sie sich doch nicht anders hinzusetzen! Ich wollte Ihnen keinesfalls unterstellen, dass Sie damit ausgerüstet sind; gewiss ist es in Ihrem Fall lediglich der Umriss einer jener Reisebrieftaschen, in denen man als umsichtiger Mensch seine Wertsachen verstaut, damit sie weniger leicht von Dieben entdeckt werden.
Ich habe solche Vorsichtsmaßnahmen auf meiner Reise nach Chile ebenfalls getroffen. Wir flogen damals wieder in der relativen Annehmlichkeit der First Class, doch der Luxus unserer Kabine begeisterte mich nicht mehr; anders als Jim, der uns wie üblich zum Beginn des Projekts begleitete, und der Vizepräsident, der während der ganzen Dauer dieser Tour mein unmittelbarer Vorgesetzter sein sollte, lehnte ich die zahlreichen Champagnerangebote unserer Flugbegleiterin ab. Während der vielen Stunden, die wir in der Luft waren, konnte ich weder essen noch schlafen; ich war in Gedanken ganz bei den Angelegenheiten anderer Kontinente als dem, der gerade unter uns lag, und mehr als einmal bedauerte ich, überhaupt mitgeflogen zu sein.
Ich überlegte, was ich tun konnte, um Erica zu helfen. Sie so zu sehen wie beim letzten Mal – abgezehrt, distanziert und derart ohne Leben – tat mir weh; ich musste dabei an den Hund denken, den wir hatten, als ich klein war, an seine Passivität und sein Verlangen nach Einsamkeit in jenen letzten Tagen, bevor er der Leukämie erlag, die er von einem Zeckenpulver bekommen hatte, das wir, wie uns später ein Tierarzt sagte, niemals hätten anwenden sollen. Doch Erica hatte keine Leukämie, es gab keinen physischen Grund für ihr Leiden, außer vielleicht einer biochemischen Disposition zu derartigen Nervenstörungen. Nein, es war eine Krankheit des Geistes, und ich war in einer Umgebung groß geworden, die zu stark von einer Tradition gemeinsamer mystischer Rituale erfüllt war, um zu akzeptieren, dass ein Geisteszustand nicht von der Fürsorge, der Zuneigung und dem Begehren anderer beeinflusst werden konnte. Wesentlich für mich war der Versuch zu verstehen, warum ich die Membran, mit der sie ihre Psyche schützte, nicht hatte durchdringen können; meine direkteren Versuche, mich ihr zu nähern, waren zurückgewiesen worden, doch mit genügend Einsicht mochte ich vielleicht doch noch durch einen Osmoseprozess aufgenommen werden. Ich konnte mir keine andere Möglichkeit vorstellen, als es zu versuchen; trotz der Monate unserer nahezu vollkommenen Trennung war meine Sehnsucht nach ihr ungebrochen.
In einer solchen Geistesverfassung traf ich in Santiago ein. Von dort reisten wir auf der Straße weiter – kamen gut voran bis auf einen kleinen Stau, wo die Schaufelbagger von Ausbesserungstrupps große Happen jener roten Erde aushoben, die Chiles Valle Central kennzeichnet –, und wir rochen unseren Zielort, noch bevor wir ihn sahen; Valparaiso lag am salzigen Pazifik und war von einer Hügelkette unserem Blick verborgen.
Der Leiter des Verlages war ein alter Mann namens Juan-Bautista, der filterlose Zigaretten rauchte und eine Brille trug, deren Gläser dick genug waren, um an einem sonnigen Tag Löcher in Papier zu brennen. Er erinnerte mich an meinen Großvater mütterlicherseits; ich mochte ihn sofort. »Was wissen Sie über Bücher?«, fragte er uns. »Ich bin auf die Medienindustrie spezialisiert«, antwortete Jim, »ich habe im Laufe von zwanzig Jahren ein Dutzend Verlage bewertet.« »Das ist Finanzkram«, entgegnete Juan-Bautista. »Ich habe gefragt, was Sie über Bücher wissen.« »Der Onkel meines Vaters war Dichter«, hörte ich mich sagen. »Er war im ganzen Punjab bekannt. In meiner Familie werden Bücher geliebt.« Juan-Bautista sah mich an, als sei er sich dieses Jungspunds vor ihm gerade eben erst bewusst geworden; für den Rest der Besprechung hielt ich den Mund.
Jim erklärte uns hinterher, dass Juan-Bautista über unsere Anwesenheit nicht eben erfreut sei. Obwohl er den Verlag viele Jahre lang geleitet habe, sei er nicht der Besitzer; die Besitzer wollten ihn verkaufen, und der voraussichtliche Käufer – unser Klient – hatte wohl nicht vor, die Sparte, die rote Zahlen schrieb, mit den Einkünften der profitablen Schul- und Fachbuchzweige zu subventionieren. Die Sparte mit ihrem Stall literarischer Autoren – als wirtschaftlich praktisch nicht lebensfähig definiert – war für den Rest des Unternehmens eine Belastung; unsere Aufgabe war es, den Wert des Vermögens herauszufinden, wenn diese Erfolgsbremse aufgegeben würde.
Wir richteten uns in einem hübschen, wenngleich altertümlichen, regalgesäumten Konferenzraum mit einem großen ovalen Tisch ein. Bei kräftigem Wind klapperten vor unseren Fenstern die Läden gegen die Riegel. Nachmittags war es heiß – wir waren in den südlichen Sommer gekommen –, aber manchmal war es morgens neblig und kühl, und dann war ich froh, dass mein Anzug aus Wolle war. Nach zwei Tagen flog Jim zurück und sagte in meinem Beisein noch zu dem Vizepräsidenten, er könne eindrucksvolle Dinge von mir erwarten. Aber obwohl mein Laptop aufgeklappt war, meine Internetverbindung stand, Füller und Notizbuch bereitlagen, sah ich mich außerstande, mich auf unsere Arbeit zu konzentrieren.
Stattdessen las ich neue Websites, die mir mitteilten, dass Pakistan und Indien mit ihren jeweiligen Raketengeschossen einen Probewettstreit veranstalteten und ein Strom ausländischer Würdenträger in die Hauptstädte beider Länder reiste, um Delhi zu mahnen, von seiner Kriegsrhetorik Abstand zu nehmen, und Islamabad zu Konzessionen zu drängen, die einen Rückzug von der Schwelle zur Katastrophe ermöglichten. Ich fragte mich, Sir, welche Rolle Ihr Land in alldem spielte: Da in Pakistan zur Durchführung des afghanischen Feldzugs schon amerikanische Basen eingerichtet waren, brauchte Amerika Indien doch sicher nur mitzuteilen, dass ein Angriff auf Pakistan als Angriff auf einen amerikanischen Verbündeten angesehen und mit der geballten Macht des amerikanischen Militärs beantwortet werden würde. Doch Ihr Land tat nichts dergleichen, vielmehr wahrte Amerika strikte Neutralität zwischen den beiden potenziellen Kombattanten, eine Haltung, die natürlich den größeren und – zu dem Zeitpunkt in der Geschichte – aggressiveren begünstigte.
Solche Gedanken beschäftigten mich, wo ich doch Daten sammeln und mein Finanzmodell hätte erstellen sollen. Zudem erwies sich Valparaiso selbst als Ablenkung: Die Stadt hatte eine ungeheure Atmosphäre, über ihren Boulevards und Hügeln lag eine gewisse Melancholie. Ich las online über ihre Geschichte und entdeckte, dass sie schon seit über einem Jahrhundert im Niedergang begriffen war; einst ein großer Hafen, umkämpft von Rivalen wegen seiner Bedeutung als letzter Anlaufpunkt für Schiffe, die vom Pazifik in den Atlantik fuhren, war er vom Panamakanal in eine Randlage verbannt worden. Das alles – Valparaisos ehemaliges Streben nach Größe – erinnerte mich an Lahore und an eine Redensart, die in unserer Sprache so beziehungsreich ist: Die Ruinen künden von der einstigen Schönheit des Gebäudes.
Ich spürte, dass der Vizepräsident zunehmend unmutig wurde, und ich konnte es ihm kaum verdenken: Der Ärmste arbeitete von morgens bis Mitternacht, und von seinem einzigen Mitarbeiter bekam er kaum Unterstützung. Ich tat, als wäre ich schwer beschäftigt, doch die Tage vergingen und meine Termine wurden knapp, und schließlich verlor er die Geduld. »Hören Sie«, sagte er, »was ist los mit Ihnen? Sie kriegen nichts auf die Reihe. Sie sollen angeblich gut sein, aber soweit ich sehe, bringen Sie gar nichts. Sagen Sie mir, was Sie brauchen. Brauchen Sie Hilfe bei Ihrem Modell, mehr Anleitung? Sagen Sie’s mir, und Sie kriegen es, aber kommen Sie um Gottes willen in die Hufe.« Er hatte als Manager einen hervorragenden Ruf, und ich hatte mir auch überlegt, ob ich ihm das Durcheinander, das in mir herrschte, enthüllen sollte, doch auf der menschlichen Ebene war unsere Verbindung gleich null. Also entschuldigte ich mich, sagte, sein Feedback habe es genau getroffen, aber er müsse sich keine Sorgen machen, denn ich wolle von nun an mit doppelter Kraft arbeiten. »Alles«, sagte ich, wobei ich einen Ton maximaler Beruhigung aufbot, »ist unter Kontrolle.«
Eine Zeitlang schien er sich damit zufriedenzugeben, auch wenn es die reine Unwahrheit war. Doch ich wusste, dass er sich nun richtig über mich ärgerte – und das zu Recht: Indem ich nicht nach Plan arbeitete, ließ ich ihn schlecht dastehen –, und auch ich ärgerte mich zunehmend über ihn. Ich konnte ihn nicht respektieren, wie er, so vollständig eingetaucht in die Strukturen seines beruflichen Mikrouniversums, funktionierte. Ja, auch ich hatte zuvor in den Mahnungen der Firma, mich voll und ganz auf die Arbeit zu konzentrieren, Trost gefunden, nun aber erkannte ich, dass in diesem beständigen Streben nach einer finanziellen Zukunft die wesentlichen persönlichen und politischen Themen, die das emotionale Jetzt eines Menschen berühren, in keiner Weise berücksichtigt wurden. Mit anderen Worten, meine Scheuklappen fielen ab, und die jähe Erweiterung meines Gesichtskreises blendete mich und machte mich handlungsunfähig.
Ich merkte, dass Juan-Bautista mich beobachtete, wie ich halbherzig von einem Meeting zum nächsten schlurfte. Er hatte seine Tür offen stehen, und sein Schreibtisch war so aufgestellt, dass er den Gang überblicken konnte. Einmal, als ich vorbeiging, rief er mich zu sich herein. »Ich habe mir mal«, sagte er, »das mit den zeitgenössischen Dichtern des Punjab angesehen. Sagen Sie, wie hieß der Onkel Ihres Vaters?« Ich sagte es ihm, und er nickte; er hatte ihn tatsächlich in einer Anthologie, die in spanischer Übersetzung vorlag, erwähnt gefunden. Darüber war ich freudig überrascht, doch bevor ich etwas sagen konnte, fuhr er fort: »Sie scheinen mir ganz anders als Ihre Kollegen zu sein. Sie kommen mir etwas verloren vor.« »Überhaupt nicht«, sagte ich verblüfft. Dann: »Allerdings muss ich sagen, dass Valparaiso mich ziemlich berührt.« Er meinte, ich solle doch mal Pablo Nerudas Haus besuchen, aber am Tag, da es abends geschlossen sei, und damit endete unser kurzes Gespräch.
Ich habe nie erfahren, warum Juan-Bautista ausgerechnet mit mir sprechen wollte. Vielleicht war er mit einem bemerkenswerten Einfühlungsvermögen gesegnet und hatte in mir ein Dilemma wahrgenommen, aus dem er mir, wie er aus Mitleid glaubte, heraushelfen könnte; vielleicht sah er unter seinen Feinden auch einen, der schwach war und den er leicht erledigen konnte; vielleicht war es auch reiner Zufall. Es mag sentimental sein, aber ich würde gern die erste dieser Möglichkeiten annehmen. Wie auch immer, Juan-Bautista gab den entscheidenden Impuls für den Wendepunkt meiner Reise, und diese Reise dauert bis zum heutigen Tage an ...
Aber ich greife vor, und da ist ja auch schon unser Nachtisch. Er hat nur eine Schale gebracht; ich hatte das Gefühl, Sie wollten höchstens einmal probieren, und dasselbe gilt auch für mich, da ich ziemlich satt bin. Nun, Sir? Die Art, wie Sie den Mund verziehen, verrät nichts Gutes. Zu süß, sagen Sie? Interessant, ich hatte immer den Eindruck, dass Ihr Land, was die Intensität seines Verlangens nach Süßigkeiten betrifft, dem meinen recht ähnlich ist. Aber vielleicht sind Sie ja atypisch; Ihre Reisen haben Sie weit weg von den allgegenwärtigen Milchbars und Eiscafés Ihres Mutterlandes geführt.
Auch ich war in jenem Januar weit weg, doch Nerudas Heimat schien mir nicht so fern von Lahore, wie es tatsächlich der Fall war; geografisch war sie natürlich wohl der entlegenste Ort, der auf dem Erdball zu finden war, doch im Geiste schien sie nur einen imaginären Karawanenritt oder eine nächtliche Fahrt auf dem Ravi oder Indus von meiner Stadt weg. Ich sagte dem Vizepräsidenten, ich wolle ein Auslieferungslager inspizieren, und mit dieser Entschuldigung ging ich hinaus in die Berge, stieg immer höher hinauf, bis ich, als ich auf den Ozean schaute, plötzlich Möwen auf meiner Höhe fliegen sah. Es war ein ärmliches Viertel, auf den Wänden waren bunte, graffitiartige Wandgemälde, und Kinder rasten auf Holzkarren vorbei, die wie Versandkisten aussahen, an denen man Räder befestigt hatte. Das Haus selbst war massig und schön, es erinnerte an ein Boot, das über die Bucht hinausragt; darunter fiel stufenförmig ein Garten ab, und hinter der Bar war ein konvexer Spiegel, mit dessen Hilfe Neruda seine Gäste überzeugte, dass sie betrunken waren. Ich verweilte auf der Terrasse und sah zu, wie die Sonne am Himmel tiefer sank. In der Ferne spielte jemand Gitarre, es war eine zarte Melodie, ein Lied ohne Worte.
Ich dachte an Erica. Mir kam der Gedanke, dass meine Versuche, mit ihr zu kommunizieren, vielleicht zum Teil daran gescheitert waren, dass ich bei so vielen bedeutsamen Fragen nicht wusste, wo ich stand; mir fehlte ein stabiler Kern. Ich wusste nicht recht, wo ich hingehörte – nach New York, nach Lahore, beidem, keinem –, und aus dem Grund konnte ich ihr, als sie sich Hilfe suchend an mich wandte, nichts Substanzielles geben. Vielleicht war ich auch deswegen bereit gewesen, in Chris’ Person zu schlüpfen, weil meine eigene Identität so schwach war. Dadurch aber – und weil ich außerstande war, ihr eine Alternative zu ihrer chronischen Nostalgie zu bieten – mochte ich Erica noch tiefer in ihre Wirrnis gestoßen haben. Ich beschloss, ihr eine Mail zu schreiben, vielleicht als eine Art Entschuldigung und als Einladung, den Kontakt zwischen uns, den sie praktisch abgebrochen hatte, wieder aufzunehmen, und ich erinnere mich, »Senden« gedrückt zu haben, ohne auch nur noch einmal durchzulesen, was ich geschrieben hatte.
Doch die Tage vergingen ohne eine Antwort, und ich verlor zunehmend die Hoffnung, dass noch eine kam. Ich rief meine Eltern an, die mir sagten, die Lage in Pakistan sei weiterhin prekär; es ging das Gerücht, Indien handele mit dem stillschweigenden Einverständnis Amerikas und beide Länder wollten durch die Androhung von Gewalt unsere Regierung zu einer Änderung ihrer Politik bewegen. Außerdem war die Hauptwasserleitung unseres Hauses gebrochen – die Rohre sollten schon lange ersetzt worden sein –, und der Druck war nun so niedrig, dass Duschen unmöglich geworden war; sie behalfen sich mit Eimern und Kellen. Das veranlasste mich, erneut über die Absurdität meiner Lage nachzudenken, nämlich zu einer Zeit, da meine Familie Hilfe brauchte, zwei Hemisphären – wenn es so etwas denn gibt – von zu Hause entfernt zu sein.
Die einzige Form, ihnen unter die Arme zu greifen, war, ihnen Geld zu schicken, und das tat ich; ich überwies die kleinen Rücklagen, die ich noch hatte, an meinen Bruder, weil mein Vater sich weigerte, sie anzunehmen. Der Vorgang, meine Bank anzurufen, um den Transfer zu regeln, hätte mir eigentlich die Bedeutung meines Jobs vor Augen führen sollen, denn auf eine andere Einkommensquelle konnte ich nicht zurückgreifen. Dennoch hielt meine Gleichgültigkeit meiner Arbeit gegenüber unvermindert an. Es gab nun keine Möglichkeit mehr, den Vizepräsidenten zu täuschen; meine Versäumnisse waren nicht mehr zu übersehen, und seine Verweise wurden immer gröber. Rückblickend frage ich mich, warum er sich in diesem Stadium nicht an Jim wandte, um mich ersetzen zu lassen, andererseits war es auch nicht weiter überraschend: Die Aufgabe eines Vizepräsidenten in unserer Firma bestand – ungeachtet des »Vize« in dem Titel – darin, so autonom wie möglich zu arbeiten. Ein guter Vizepräsident erledigte die Dinge, egal was es kostete, und vorzeitig um Hilfe zu bitten hätte bedeutet, das Vertrauen seines Vorgesetzten in seine Fähigkeiten zu erschüttern.
Was mich betraf, so stand ich eindeutig auf der Schwelle zu einer großen Veränderung; es bedurfte nur noch eines letzten Katalysators, und in meinem Fall erfüllte diese Funktion ein Mittagessen. Juan-Bautistas Einladung traf mich unvorbereitet; als ich einmal an seinem Büro vorbeiging, meinte er einfach, es wäre doch schade, in Valparaiso gewesen zu sein, ohne einen in Salz gegarten Zackenbarsch probiert zu haben, und da er am Nachmittag in sein Lieblingsrestaurant gehen wolle, sollte ich ihn doch – falls ich Zeit hätte – begleiten. Aus Höflichkeit und Neugier und auch, weil mir jeder Vorwand recht war, um nicht in die vergiftete Atmosphäre unseres Team-Raums zurückzumüssen, sagte ich, dass es mir eine Ehre wäre, und ehe ich michs versah, ging ich mit einem Mann durch die Straßen der Stadt, der sich mehr als alles andere wünschte, dass der Verkauf an unseren Klienten nicht über die Bühne ging.
Juan-Bautista trug Hut und Stock, und er bummelte so gemächlich dahin, dass es in New York vermutlich illegal gewesen wäre, eine Straßenkreuzung in dem Tempo zu überqueren. Als wir saßen und bestellt hatten, sagte er: »Ich habe Sie beobachtet, und es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, junger Mann, dass Sie durcheinander sind. Darf ich Ihnen eine ziemlich persönliche Frage stellen?« »Natürlich«, sagte ich. »Bekümmert es Sie«, fragte er, »dass Sie Ihren Lebensunterhalt damit verdienen, das Leben anderer zu zerrütten?« »Wir bewerten nur«, antwortete ich, »wir entscheiden nicht, ob gekauft oder verkauft werden soll oder was mit einer Firma geschieht, nachdem wir sie bewertet haben.« Er nickte; er zündete sich eine Zigarette an und trank einen Schluck Wein aus seinem Glas. Dann fragte er: »Haben Sie schon einmal von den Janitscharen gehört?« Ich verneinte. »Das waren christliche Jungs«, erklärte er, »die von den Ottomanen gefangen genommen und zu Soldaten in der muslimischen Armee ausgebildet wurden, zu jener Zeit die größte der Welt. Sie waren wild und absolut loyal: Sie hatten gekämpft und dabei ihre eigene Zivilisation ausgelöscht, daher war ihnen nichts mehr geblieben.«
Er schnippte die Asche seiner Zigarette auf einen Teller. »Wie alt waren Sie, als Sie nach Amerika gingen?«, fragte er. »Ich ging ans College«, sagte ich, »da war ich achtzehn.« »Viel älter also«, sagte er. »Die Janitscharen haben sie immer als Kinder geholt. Es wäre ihnen nämlich viel schwerer gefallen, sich für ihr angenommenes Reich einzusetzen, wenn sie lebhafte Erinnerungen an ihre Vergangenheit gehabt hätten.« Er lächelte und spekulierte nicht weiter darüber. Bald darauf kam unser Essen, und der Zackenbarsch war ganz sicher so köstlich, wie er behauptet hatte, doch leider kann ich mich nicht mehr an den Geschmack erinnern.
Aber ich sehe Ihnen an, Sir, dass Ihnen die Geschichte seltsam vorkommt. Ob dieses Gespräch tatsächlich stattgefunden hat, fragen Sie? Und ob es diesen so genannten Juan-Bautista überhaupt gegeben hat? Ich versichere Ihnen, Sir: Sie können mir vertrauen. Es ist nicht meine Art, etwas zu erfinden! Und warum sollte gerade diese Begebenheit weniger wahr sein als die anderen, die ich Ihnen erzählt habe? Kommen Sie, ich glaube, wir haben schon zu viel zusammen erlebt, um zu einem so späten Zeitpunkt noch derartige Fragen aufzuwerfen.
Wie auch immer, Juan-Bautistas Worte lösten bei mir eine heftige Attacke der Selbstkritik aus. Die ganze folgende Nacht überlegte ich, was aus mir geworden war. Eigentlich konnte kein Zweifel bestehen: Ich war ein moderner Janitschar, ein Diener des amerikanischen Reichs zu einer Zeit, da es ein Land überfiel, das mit dem meinen verwandt war, und vielleicht sogar heimlich daran mitwirkte, dass mein eigenes Land mit Krieg bedroht wurde. Natürlich rang ich mit mir! Natürlich fühlte ich mich zerrissen! Ich hatte mich mit den Leuten von Underwood Samson zusammengetan, mit den Offizieren des Reichs, wo ich doch eigentlich prädestiniert war, Mitleid mit Leuten wie Juan-Bautista zu empfinden, deren Leben durch das Reich mir nichts, dir nichts zugrunde gerichtet wurde.
Am nächsten Morgen sagte ich dem Vizepräsidenten mit der Haltung eines Mannes, der einem Erschießungskommando gegenübersteht – nein, das ist vielleicht doch zu dramatisch, und ein gefährlicher Vergleich ausgerechnet an diesem Abend, aber Sie verstehen, was ich meine –, dass ich mich weigerte weiterzuarbeiten. Er war verdutzt. »Wie meinen Sie das, Sie weigern sich?«, sagte er. »Ich bin hier fertig«, antwortete ich, »ich habe vor, nach New York zurückzukehren.« Panik brach aus; eiligst wurde eine Konferenzschaltung mit Jim hergestellt. »Nun hören Sie mal, mein Junge«, sagte ein ungewöhnlich angespannter Jim aus der Sprechanlage, »ich weiß, Sie haben einiges um die Ohren. Aber wenn Sie da jetzt abhauen, untergraben Sie unsere Firma. Sie schaden dem Team. Im Krieg kämpfen die Soldaten weniger für ihre Fahne, Changez. Sie kämpfen für ihre Freunde, ihre Kumpel. Ihr Team. Tja, und jetzt bittet Ihr Team Sie zu bleiben. Wenn Sie hinterher eine Pause brauchen, kein Problem.«
Ich muss zugeben, Jims Worte gaben mir zu denken. Ich bewunderte ihn sehr; er hatte immer hinter mir gestanden, und nun war ich dabei, ihn zu verraten. Bis mein Ersatzmann in Marsch gesetzt und eingearbeitet war, hatten wir den Termin für unsere Bewertung vermutlich überschritten. Jim hatte mich zum Beweis seines Vertrauens und aus Großzügigkeit hingeschickt; und das war nun der Lohn dafür, ein Schlag ins Gesicht und desto unverschämter, weil er während einer finanziellen Schwächeperiode der Firma kam. Außerdem würde ohne meinen Job – den ich mit Sicherheit verlieren würde – mein Visum ungültig werden und ich gezwungen sein, die Vereinigten Staaten zu verlassen. Doch ich beschloss, solche Dinge jetzt nicht zu berücksichtigen; ich wollte nicht überlegen, ob ich damit jede Hoffnung aufgab, mit Erica zusammen zu sein. Ich wusste nur, dass meine Tage der Konzentration auf die Fundamentals vorüber waren. Und so bestieg ich am folgenden Abend, zwei Wochen vor Plan, ein Flugzeug Richtung New York.
Ah, da kommt unser Kellner mit grünem Tee, die perfekte Verdauungshilfe nach einem schweren Mahl. Beachtlicher Service, wie? Er ist genau in dem Moment gekommen, als er gebraucht wurde. Wer hätte gedacht, Sir, dass er uns so genau beobachtet? Aber der Abend ist schon weit fortgeschritten, und es sind keine Gäste mehr da, die seine Aufmerksamkeit ablenken könnten.