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Heute, Sir, frage ich mich, inwieweit ich überhaupt an die Stabilität des Fundaments meines neuen Lebens glaubte, das ich mir in New York aufzubauen versuchte. Ich wollte daran glauben, gewiss, zumindest wollte ich keine starken Zweifel aufkommen lassen, um mich so weit wie nur irgend möglich davon abzuhalten, den naheliegenden Zusammenhang zwischen der bröckelnden Welt um mich herum und der drohenden Zerstörung meines persönlichen amerikanischen Traums herzustellen. Die Macht meiner Scheuklappen schockiert mich im Rückblick – so deutlich waren, im Nachhinein, die Vorzeichen der nahenden Katastrophe, in den Nachrichten, auf der Straße und im Zustand der Frau, in die ich mich verliebt hatte.

In jenen September- und Oktoberwochen, als ich mit Erica herumzog, wurde Amerika von einer wachsenden und selbstgerechten Wut gepackt; das mächtige Heer, das ich hinter Ihrem Land vermutet hatte, wurde tatsächlich aufgestellt und in Marsch gesetzt – aber nach Hause, in Richtung meiner Familie in Pakistan. Wenn ich mit ihnen telefonierte, war meine Mutter verängstigt, mein Bruder zornig und mein Vater stoisch – das werde alles vorübergehen, sagte er. Ich fand Trost in den Ansichten meines Vaters, und ich hüllte mich in sie, als wären sie meine eigenen. »Machst du dir Sorgen, Mann?«, fragte mich Wainwright eines Tages in der Caféteria von Underwood Samson und legte mir teilnahmsvoll die Hand auf die Schulter, während ich mir einen Bagel mit Räucherlachs und Frischkäse machte. Nein, erklärte ich, Pakistan habe den Vereinigten Staaten seine Unterstützung zugesagt, die Vergeltungsdrohungen der Taliban seien bedeutungslos, meiner Familie werde nichts geschehen.

So gut ich konnte, ignorierte ich die Gerüchte, die ich im Pak-Punjab Deli mithörte: Pakistanische Taxifahrer würden halb totgeschlagen, das FBI mache Razzien in Moscheen, Geschäften und sogar in Privatwohnungen, muslimische Männer verschwänden, vielleicht in dubiose Gefangenenlager, um verhört zu werden oder Schlimmeres. Ich redete mir ein, dass diese Geschichten überwiegend unwahr seien, die wenigen, die auf Fakten gründeten, seien sicher übertrieben, und außerdem beträfen die seltenen Fälle von Missbrauch, die leider eben doch durchsickerten, wohl kaum mich selbst, weil derlei Dinge in Amerika wie auch anderswo ausschließlich den bedauernswerten Armen widerfuhren, aber nicht Princeton-Absolventen mit einem Jahresgehalt von achtzigtausend Dollar.

Derart mit meiner Leugnung gewappnet, konnte ich mich mit anhaltendem und beträchtlichem Erfolg auf meinen Job konzentrieren. Nach dem außergewöhnlichen Zeugnis, das ich für meine Arbeit auf den Philippinen erhalten hatte, war ich Jims Liebling geworden. Er bot mir eine weitere Mitarbeit in einem seiner Teams an, diesmal ging es um die Bewertung eines kränkelnden Kabelunternehmens. Die Firma hatte ihren Sitz in New Jersey – wohin ich dann täglich pendelte – und war von der rückläufigen Investitionsbereitschaft auf dem Technologiesektor im Allgemeinen und bei kleinen Breitband-Anbietern im Besonderen hart getroffen worden; sie konnte kaum noch ihre Schulden begleichen und war ein heißer Kaufkandidat geworden.

Diesmal war dem Kunden das Potenzial für künftiges Wachstum gleichgültig. Nein, unser Auftrag bestand darin zu ermitteln, wie viel Fett sich herausschneiden ließ. Callcenter, das war klar, konnten outgesourct werden, der Außendienst reduziert, der Einkauf mit den bestehenden Geschäftsbereichen unseres Kunden zusammengelegt werden. Das Potenzial für eine Reduzierung der Belegschaft war beträchtlich, entsprechend frostig war der Empfang, den uns die Angestellten der Firma bereiteten. Unsere Telefone und Faxgeräte funktionierten plötzlich nicht mehr, unsere Sicherheitsausweise und Notebooks verschwanden. Häufig hatte mein Mietwagen einen Platten, wenn ich auf den Parkplatz kam – zu häufig, als dass es Zufall hätte sein können.

Einmal passierte es, als Jim für einen Tag hergekommen war; er hatte mich gebeten, ihn in die Stadt mitzunehmen. Er schüttelte den Kopf, als ich den Ersatzreifen herausholte. »Lassen Sie das nicht an sich rankommen, Changez«, sagte er. »Die Zeit bewegt sich nur in eine Richtung. Denken Sie daran. Die Dinge verändern sich ständig.« Er löste das Metallband seiner Uhr, ein solider Tauchchronometer, und ließ sie bis auf die Knöchel rutschen. »Als ich am College war«, fuhr er fort, »ging es der Wirtschaft ziemlich mies. Es war in den Siebzigern. Stagflation. Dennoch konnte man die Chancen förmlich riechen. Amerika bewegte sich von der Produktion zur Dienstleistung, ein gewaltiger Wandel, größer als jeder, den wir bis dahin erlebt hatten. Mein Vater hatte bis zu seinem Tod Dinge mit den Händen hergestellt, ich habe also aus unmittelbarer Nähe erlebt, dass diese Zeit vorbei war.« Er drückte das Uhrarmband wieder zu. Dann machte er eine Faust und drehte den dicken Unterarm hin und her, ganz langsam, bis das Instrument seine Position gefunden hatte. Seine Bewegungen hatten fast etwas Rituelles, als legte ein Schlagmann – fast würde ich sagen, ein Ritter – seine Handschuhe an, bevor er den Kampfplatz betritt.

»Die Wirtschaft ist ein Tier«, fuhr Jim fort. »Sie entwickelt sich. Erst brauchte sie Muskeln. Dann strömte alles verfügbare Blut in ihr Gehirn. Und da wollte ich sein. Im Finanzwesen. Im Koordinierungsgeschäft. Und da sind auch Sie. Sie sind Blut, das von einem Körperteil herangeschafft wurde, das für die Spezies keine Funktion mehr hat. Vom Steißbein. Wie ich auch. Wir kamen von Stellen, die langsam verkümmerten.« Ich hatte den Reifen gewechselt, also schloss ich den Kofferraum und entriegelte die Türen. »Den meisten ist das nicht klar, mein Junge«, sagte er, während er sich neben mich zwängte und mit dem Kopf auf das dunkle Gebäude zeigte, das wir verlassen hatten. »Die versuchen, sich dem Wandel zu widersetzen. Mächtig wird man, wenn man selbst zum Wandel wird.«

Ich ließ mir durch den Kopf gehen, was Jim gesagt hatte – an dem Abend auf der Fahrt nach Manhattan und auch in den Wochen darauf. Seine Worte enthielten etwas Wahres, aber ich konnte mich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass der Ort, von dem ich kam, zum Absterben verdammt war. Also verweilte ich lieber bei dem positiven Aspekt seiner kleinen Predigt: bei dem Gedanken, dass ich mir mit meinem Ehrgeiz einen Bereich gesucht hatte, der von immer größerer Bedeutung für die Menschheit sein und mir daher wahrscheinlich ein immer weiter steigendes Einkommen bescheren würde. Auch fand ich mich besser gerüstet, die Abneigung, die um uns brodelte, als wir in jenem Herbst in der Firma in New Jersey unserer Arbeit nachgingen, als töricht oder wenigstens kurzsichtig anzusehen.

Aber es wäre nicht richtig zu sagen, dass ich völlig unbeschwert war. Unter den Mitarbeitern der Kabelfirma waren auch Ältere. Manchmal saß ich in der Caféteria in ihrer Nähe – wenn auch nie am selben Tisch; die Plätze neben unserem Team blieben immer leer –, und ich stellte mir vor, dass viele von ihnen Kinder in meinem Alter hatten. Wenn das Englische eine respektvolle Form des du hätte – wie wir im Urdu –, dann hätte ich sie, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, damit angeredet. So aber ließ mir der Rahmen unserer Begegnungen nur minimalen Raum, ihnen meine Achtung – oder gar Sympathie – zu bezeugen. An einem der vielen Wochenendabende, die wir im Büro verbrachten, sprach ich darüber mit Wainwright, und der sagte: »Mann, du arbeitest für den Boss. Hat dir das keiner bei der Einweisung gesagt?« Dann lächelte er mich müde an und fuhr fort: »Aber ich verstehe, was du sagen willst. Denk nur immer daran, dass deine Projekte erledigt werden, ob du nun daran mitarbeitest oder nicht. Und immer an die Fundamentals denken.«

An die Fundamentals denken. Das war bei Underwood Samson das Leitprinzip, das uns vom ersten Arbeitstag an eingetrichtert worden war. Es forderte eine unbeirrbare Konzentration auf die finanziellen Feinheiten, darauf, den wahren Gehalt der Faktoren herauszufieseln, die den Wert eines Assets bestimmen. Und genau das tat ich weiterhin, meistens mit Geschick und Begeisterung. Denn ganz ehrlich, Sir, Mitleid für die bald an die Luft gesetzten Beschäftigten stellte sich nicht übermäßig häufig ein; unsere Arbeit erforderte einen Einsatz, der für solcherlei Ablenkungen wenig Zeit ließ.

Dann aber geschah in der zweiten Oktoberhälfte etwas, was meinen Gleichmut erschütterte. Es war kurz nachdem Erica und ich ergebnislos versucht hatten, miteinander zu schlafen – vielleicht ein, zwei Tage danach, genau erinnere ich mich nicht mehr daran. Afghanistan wurde schon seit vierzehn Tagen bombardiert, und ich hatte die Abendnachrichten gemieden, da ich mir die parteiische Berichterstattung, die sich wie die eines Sportereignisses ausnahm, angesichts des Missverhältnisses zwischen den amerikanischen Bombern mit ihrer Bewaffnung des einundzwanzigsten Jahrhunderts und den schlecht ausgerüsteten und schlecht versorgten afghanischen Stammesangehörigen am Boden, nicht anschauen wollte. Sah ich mich dann doch einmal mit solchen Programmen konfrontiert – etwa in einer Bar oder am Eingang der Kabelfirma –, fühlte ich mich an den Film Terminator erinnert, allerdings mit vertauschten Rollen, so dass die Maschinen die Helden waren.

Was mich so mitnahm, ereignete sich, als ich selbst den Fernseher anschaltete. Ich war nach Mitternacht von New Jersey nach Hause gekommen und zappte durch die Kanäle auf der Suche nach einer beruhigenden Sitcom, als ich auf eine Nachrichtensendung mit gespenstischen Nachtsichtbildern von amerikanischen Truppen stieß, die gerade in Afghanistan eindrangen, um dort, wie es hieß, einen wagemutigen Überfall auf einen Kommandoposten der Taliban durchzuführen. Meine Reaktion traf mich unvorbereitet; Afghanistan war das Nachbarland Pakistans, mit uns befreundet und außerdem ebenfalls ein muslimisches Land, und vom Anblick dessen, was ich als den Beginn der Invasion durch Ihre Landsleute begriff, zitterte ich plötzlich vor Wut. Ich musste mich setzen, um mich zu beruhigen, und ich weiß noch, dass ich ein Drittel einer Flasche Whiskey verputzte, bis ich schließlich einschlafen konnte.

Am nächsten Tag kam ich zum ersten Mal zu spät zur Arbeit. Ich hatte verschlafen und erwachte mit hämmernden Kopfschmerzen. Meine Wut hatte nachgelassen, doch sosehr ich mir einredete, ich hätte mir das alles nur eingebildet – einer solch gründlichen Selbsttäuschung war ich nicht mehr fähig. Immerhin sagte ich mir, ich hätte überreagiert, ich könne ja ohnehin nichts tun, und diese ganzen Weltereignisse spielten sich auf einer Bühne ab, die für mein persönliches Leben ohne Bedeutung sei. Doch ich merkte, wie die Glut weiterhin in mir glomm, und an dem Tag hatte ich Schwierigkeiten, mich auf die Fundamentals zu konzentrieren, was mir normalerweise so gut gelang.

Aber da! Haben Sie das gehört, Sir, dieses gedämpfte Grollen wie von einem jungen Löwen, der in einem Jutesack gefangen gehalten wird? Das war mein Magen, der dagegen protestiert, dass er nichts zu essen bekommt. Wollen wir nicht unser Abendessen bestellen? Sie möchten lieber warten und bei Ihrer Rückkehr im Hotel essen? Aber ich bestehe darauf! Eine solch authentische Einführung in die Cuisine Lahores dürfen Sie sich nicht entgehen lassen; sie wird mit den Gerichten, für die dieser Markt zu Recht bekannt ist, ein rein karnivores Festmahl werden – da aus einer Zeit, als das Wissen um Cholesterin den Menschen noch keine Angst vor seiner Beute einflößte – und darum desto köstlicher sein.

Vielleicht weil es uns gegenwärtig an Reichtum, Macht oder auch nur – ungeachtet gelegentlich hervorragender Leistungen unseres Kricket-Teams – sportlichem Ruhm mangelt, wie es unserem Status als dem Land mit der sechstgrößten Bevölkerung entspräche, legen wir Pakistani auf unser Essen außerordentlichen Wert. Hier in Alt-Anarkali besteht er in der Reinheit der dargebotenen Kost; kein einziger dieser würdigen Gastwirte würde es auch nur in Erwägung ziehen, ein westliches Gericht auf die Speisekarte zu setzen. Nein, wir sind vielmehr umgeben von Kebab vom Lamm, dem Tikka vom Huhn, dem gedämpften Fuß der Ziege, dem scharf gewürzten Hirn des Schafs! Das, Sir, sind Köstlichkeiten des Jägers, Köstlichkeiten, durchtränkt von einem Hauch Luxus und wollüstiger Hingabe. Wir haben nichts übrig für die vegetarischen Rezepte, die man jenseits der Grenze im Osten findet, auch nicht für das sterilisierte, behandelte Fleisch, das in Ihrer Heimat so verbreitet ist! Hier sind wir nicht so zimperlich, wenn es darum geht, uns den Folgen unseres Appetits zu stellen.

Denn wir waren nicht immer mit Schulden belastet, von ausländischen Leistungen und von Almosen abhängig; in den Geschichten, die wir über uns erzählen, sind wir nicht die wahnsinnigen und verarmten Radikalen, die Sie auf Ihren Fernsehkanälen sehen, sondern Heilige und Dichter und – jawohl – siegreiche Könige. Wir haben die Königliche Moschee erbaut und die Shalimar-Gärten in dieser Stadt angelegt, wir haben das Lahore-Fort errichtet, mit seinen mächtigen Mauern und der breiten Rampe für unsere Kampfelefanten. Und als wir das alles erschufen, war Ihr Land noch eine Ansammlung dreizehn kleiner Kolonien, die am Rande eines Kontinents ihr Dasein fristeten.

Aber ich werde schon wieder laut und bereite Ihnen zudem erhebliches Unbehagen. Bitte entschuldigen Sie; es wat nicht meine Absicht, grob zu sein. Außerdem sollte ich Ihnen doch erklären, warum ich mit Erica nicht über meine Wut anlässlich des Einmarschs amerikanischer Truppen in Afghanistan sprach. Nach jener Nacht, in der wir in meinem Bett feierten, dass sie einen Agenten gefunden hatte, gab es mehrere Tage lang keinen Kontakt mit Erica; sie nahm nicht ab, wenn ich anrief, und antwortete nicht auf meine Nachrichten. Dieses Verhalten verletzte mich – ich nahm ihr Schweigen als Rücksichtslosigkeit –, und als sie sich dann doch mit mir in einer Bar verabredete, ging ich mit reichlich Vorwürfen im Bauch hin. Was ich dann sah, traf mich völlig unvorbereitet.

Am Tresen stand eine reduzierte Erica, nicht die lebhafte, selbstsichere Frau, die ich kannte, sondern ein blasses, nervöses Wesen, das mir fast fremd war. Sie schien abgenommen zu haben, und ihre Blicke zuckten durchs Lokal. Erst als sie lächelte, erstrahlte etwas von der alten Erica, doch das Lächeln wich so schnell aus ihrem Gesicht, wie es gekommen war. Meine Bestürzung muss wohl deutlich gewesen sein, denn sie lächelte wieder und sagte: »Sehe ich so schlimm aus?« »Überhaupt nicht«, log ich. »Etwas müde vielleicht. Geht’s dir nicht gut?« »Nein«, sagte sie. »Tut mir leid, dass ich mich nicht früher gemeldet habe.« »Ist schon in Ordnung«, sagte ich. »Ich hoffe nur, dass ich dich nicht genervt habe.« »Du nervst nie«, sagte sie. »Ich hatte eine ziemlich schlimme Phase. Es war nicht die erste. Aber so heftig war es seit Chris’ Tod nicht mehr.«

Wir bestellten, Bier für mich und eine Flasche Wasser für sie, und ich erwog, sie in den Arm zu nehmen, entschied mich aber dagegen; sie wirkte zu zerbrechlich für eine Berührung. »Es ist so«, fuhr sie fort, »dass alles in meinem Kopf kreist, es denkt und denkt, und dann kann ich nicht schlafen. Und wenn du ein paar Tage nicht geschlafen hast, wirst du krank. Du kannst nicht mehr essen. Du fängst an zu weinen. Das kriegt dann so eine Eigendynamik. Mein Arzt hat mir ein stärkeres Mittel gegeben, mit dem habe ich wieder geschlafen. Aber es ist kein richtiger Schlaf. Und den Rest des Tages habe ich das Gefühl, dass ich vollkommen neben mir stehe. Wie wenn du aus dem Flugzeug steigst und nicht richtig hören kannst. Genau so, nur dass es nicht nur das Gehör ist und ich es nicht freischlucken kann.« Sie trank etwas Wasser und zwinkerte mir bemüht zu. Dann sagte sie: »Schlimm, wie?«

Ich stand schweigend da, und mir fiel nichts ein, was ich hätte sagen können, nicht einmal ein Lächeln brachte ich zustande; ich war entsetzt. Doch sie wartete auf eine Antwort, also sagte ich: »Aber woran denkst du denn, was bringt dich so durcheinander?« »Ich denke viel an Chris«, sagte sie, »und ich denke an mich. Ich denke an mein Buch. Und manchmal habe ich ziemlich düstere Gedanken. Und ich denke an dich.« »Was denkst du«, fragte ich, »wenn du an mich denkst?« »Ich denke, dass es für dich nicht gut ist, wenn du mich jetzt so viel siehst«, antwortete sie. »Ich meine, es ist nicht gut für dich.« »Doch«, versicherte ich ihr, auch wenn ich Angst bekam, »ich will dich aber sehen.« »Genau das meine ich ja«, sagte sie und sah mir sehr ernst in die Augen. »Verstehst du? Genau das meine ich.«

Ich verstand es nicht im Mindesten, und ich bat sie, mit zu mir zu kommen. »Ich glaube, das sollte ich nicht tun«, sagte sie, »wirklich.« Doch in ihrem Ausdruck lag etwas Weiches, und als ich weiter darauf beharrte, willigte sie schließlich ein. Während der Fahrt im Taxi mühte sich mein Gehirn ab zu begreifen, was da geschah. Im Verlauf jener letzten Wochen hatte ich mich – das mag nun sentimental und altmodisch klingen, aber schließlich war ich in einer Familie aufgewachsen, wo ein kurzes Werben die Regel war – Tagträumen von einem Leben als Ericas Mann hingegeben; nun merkte ich, dass nicht nur sie, sondern auch die Frau selbst vor meinen Augen verschwand. Ich wollte ihr helfen, an ihr festhalten – ja, an uns festhalten –, und ich wollte sie unbedingt aus dem Gestrüpp ihrer Psychose befreien. Aber ich wusste nicht, wie ich es anstellen sollte.

In meinem Bett bat sie mich, sie in die Arme zu nehmen; ich tat es und flüsterte ihr leise ins Ohr. Ich wusste, dass ihr meine Geschichten aus Pakistan gefielen, also erzählte ich ihr alles Mögliche von meiner Familie und von Lahore. Als ich sie küssen wollte, blieben ihre Lippen regungslos und sie schloss auch nicht die Augen. Also schloss ich sie für sie und fragte: »Vermisst du Chris?« Sie nickte, und ich sah, wie sich Tränen zwischen ihren Lidern hervorpressten. »Dann tu so«, sagte ich, »tu so, als wäre ich er.« Ich weiß nicht, warum ich das sagte; ich fühlte mich überwältigt, und plötzlich erschien das als ein möglicher Schritt nach vorn. »Was?«, sagte sie, ohne die Augen zu öffnen. »Tu so, als wäre ich er«, wiederholte ich. Und langsam, im Dunkeln und schweigend, taten wir es.

Ich weiß nicht, wie ich beschreiben soll, was dann geschah; ich kann natürlich nicht behaupten, ich sei besessen gewesen, aber gleichzeitig war ich nicht ich selbst. Es war, als wären wir verzaubert, in eine Welt verpflanzt worden, in der ich Chris war und sie mit Chris zusammen war, und wir liebten uns mit einer körperlichen Vertrautheit, die Erica und ich nie zuvor genossen hatten. Ihr Körper verweigerte sich mir nicht mehr; ich sah auf ihre geschlossenen Augen, und ihre geschlossenen Augen sahen auf ihn.

Ich erinnere mich noch immer daran, wie muskulös sie war, was durch ihre Hagerkeit noch stärker zur Geltung kam, und an die beinahe unbelebte Glätte und Kühle ihres Fleischs, wenn sie sich zurückbeugte und mir ihre Brüste darbot. Der Eingang zwischen ihren Beinen war nass und weit, gleichzeitig aber seltsam starr; ich fühlte mich – widerwillig – an eine Wunde erinnert, die unserem Sex trotz der Sanftheit, um die ich mich bemühte, etwas Gewalttätiges gab. Mehr als einmal meinte ich Blut zu riechen, doch als ich mit den Fingern prüfte, ob sie ihre Tage hatte, fand ich sie unbefleckt. Zum Ende hin erschauerte sie – schmerzerfüllt, fast tödlich; auf ihren Schauder folgte meiner.

»Du bist ein freundlicher Mensch«, sagte sie danach, als wir nebeneinanderlagen; »es klingt vielleicht blöd, aber es ist wahr.« Ich hielt sie im Arm und sagte nichts. Ich empfand etwas, was ich nie zuvor und danach empfanden habe, ich erinnere mich noch gut daran: Ich war befriedigt und beschämt zugleich. Meine Befriedigung war mir begreiflich, meine Scham verwirrte mich eher. Vielleicht hatte ich, indem ich in die Haut eines anderen geschlüpft war, mich selbst herabgesetzt, vielleicht war ich in der eigentümlichen Dreiecksgeschichte, deren Teil ich nun war, von der fortgesetzten Dominanz meines toten Rivalen gedemütigt, vielleicht fürchtete ich auch, selbstsüchtig gewesen zu sein, und schon da spürte ich, dass ich Erica zutiefst verletzt hatte. Doch diese letzte Erklärung ist – hoffe ich jedenfalls – unwahrscheinlich; natürlich konnte ich nicht wissen, was ihr in den folgenden Wochen und Monaten widerfahren sollte.

In jener Nacht schlief Erica ohne Medikamente ein; ich blieb wach, auch deshalb, weil ich noch nichts gegessen hatte. Aus Angst, sie zu stören, zögerte ich aufzustehen und zum Kühlschrank zu gehen, doch sie schlief tief, wie ein Kind, und schließlich ging ich doch. Ich aß nur Brot und trank nur Wasser, ein fades Mahl, doch ich aß und trank weiter, bis mein Bauch voll war, und als ich wieder ins Bett ging, war es, als hätte ich eine straff gespannte Trommel umgeschnallt, die mich zwang, mich auf die Seite zu legen.

In dem Dunkel um uns herum und dem ausdruckslosen Umriss Ihres Gesichts ist es kaum zu erkennen, Sir, aber ich vermute, dass Sie mich mit einer gewissen Abscheu betrachten; ich jedenfalls würde Sie so ansehen, wenn Sie mir gerade so etwas erzählt hätten. Aber ich hoffe, Ihr Ekel hat Ihnen nicht den Appetit verdorben, denn ich will gerade den Kellner rufen, damit er unsere Bestellung aufnimmt. Ich kann Ihnen versichern, dass unser Mahl alles andere als fade sein wird – da kommt er auch schon. Hallo!

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