Sie zögern, Sir; ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen. Wenn Sie noch nicht bereit sind, den Zweck Ihrer Reise hierher zu enthüllen – und Ihr Benehmen schließt die Möglichkeit, dass Sie als Tourist ziellos durch diesen Teil der Welt streifen, praktisch aus –, will ich nicht darauf bestehen. Ah, offenbar haben Sie einen Geruch wahrgenommen. Ihnen entgeht nichts; Ihre Sinne sind so scharf wie die eines Fuchses in freier Wildbahn. Recht angenehm, nicht wahr? Ja, Sie haben recht: Es ist Jasmin. Er kommt, wie Sie, Ihrem Blick nach zu urteilen, schon vermuten, vom Nachbartisch, wo die Familie sich gerade zum Essen niedergelassen hat.
Welch ein Kontrast: die Blässe dieser Blüten, die mit Nadel und Faden zu einem lockeren Armband gefügt sind, auf der dunklen Haut der Dame! Und welch ein Kontrast auch das: die Zartheit ihres Dufts gegen den deftigen Geruch des bratenden Fleischs! Es ist wahrhaft bemerkenswert, dass wir Menschen fähig sind, uns am Lockruf einer Blume zu erfreuen, während wir noch von den verkohlten Kadavern unserer Mitgeschöpfe umgeben sind – aber wir sind ja auch bemerkenswerte Wesen. Vielleicht liegt es in unserer Natur, unbewusst das Bindeglied zwischen Sterblichkeit und Fortpflanzung zu erkennen, zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen sozusagen, und tatsächlich werden wir von den Mahnungen des Einen angetrieben, das Andere zu suchen.
Ich weiß noch, wie ich beim Tod meiner Großmutter mütterlicherseits den Auftrag erhielt, solche Blumen zu kaufen. Ich war damals sechzehn und in Besitz eines gefälschten Anfängerführerscheins für Motorfahrzeuge – er gehörte meinem Bruder –, und ich fand es so aufregend, am Steuer eines Automobils zu sitzen, dass meine Familie mir regelmäßig Dinge zu erledigen gab, die sonst vielleicht der Chauffeur gemacht hätte. Unser Toyota Corolla war liebevoll gewartet, kam aber in die Jahre und neigte daher – wie auch in jenem konkreten Fall – zum Überhitzen. Bis zum heutigen Tag erinnere ich mich noch an das berauschende Aroma der Stränge aufgefädelten Jasmins, die sich auf meinen Armen türmten, als ich, in der Sommersonne schwitzend, zum Friedhof ging.
Nach der Zerstörung des World Trade Center trug New York Trauer, und in den Schreinen für die Toten und Vermissten, die während meiner Abwesenheit aufgestellt worden waren, spielten Blumenmotive eine große Rolle. Ich schaute sie mir häufig an, wenn ich daran vorbeiging: Fotos, Sträuße, Worte der Anteilnahme – an Straßenecken, zwischen Geschäften und an die Geländer öffentlicher Plätze geschmiegt. Sie erinnerten mich an meine unfreundliche, ja, unmenschliche Reaktion auf die Tragödie, und ich bildete mir ein, beständig ein vorwurfsvolles Gemurmel von ihnen zu hören.
Andere Vorwürfe waren viel lauter. Nach den Anschlägen eroberte die Fahne Ihres Landes New York; sie war überall. Kleine, an Zahnstocher befestigte Fahnen steckten an den Schreinen, Fahnensticker schmückten Windschutzscheiben und Fenster, große Fahnen flatterten an Gebäuden. Allesamt schienen sie zu verkünden: Wir sind Amerika – nicht New York, was meiner Ansicht nach etwas völlig anderes bedeutet –, die mächtigste Zivilisation, die die Welt jemals gesehen hat; ihr habt uns gekränkt; hütet euch vor unserem Zorn. Wenn ich zu den aufragenden Türmen der Stadt hinaufblickte, fragte ich mich, was für Heere aus einer so großmächtigen Burg hervorbrechen würden.
Vor diesem Hintergrund sah ich Erica schließlich wieder. Sechs Wochen waren seit jenem Nachmittag im Central Park vergangen, und als ich sie anrief, dachte ich, sie hätte vielleicht schon etwas vor, doch Erica meinte, wir sollten uns noch am selben Abend treffen, also noch am Abend meines ersten ganzen Tages in New York, sobald ich mit der Arbeit fertig sei. Ich wartete auf dem Gehsteig, als sie aus dem Taxi stieg. Ein eigentümlicher Geruch hing in der Luft; die schwelenden Trümmer von Downtown drangen bis in unsere Lungen. Sie hatte bleiche Lippen, als hätte sie nicht geschlafen oder als hätte sie vielleicht geweint. In diesem Augenblick fand ich, dass sie älter aussah, eleganter; sie hatte etwas von jener Schönheit, die nur das Alter einer Frau verleihen kann, und es kam mir vor, als erhaschte ich einen Blick auf die Erica, die sie eines Tages werden würde. Wahrhaftig, dachte ich, in ihr schlummert eine Kaiserin!
»Meine Mom hat gemeint«, sagte sie beim Essen, »ob wir nicht eine Weile aus der Stadt raussollten. Raus in die Hamptons. Aber ich habe ihr gesagt, das wäre das Letzte, was ich wollte. Ich wollte nicht allein sein. Die Anschläge haben alte Gedanken in mir aufgewühlt.« Ich nickte, erwiderte aber nichts darauf. Mir war, als begegneten wir uns auf einer Beerdigung; man weiß nie, was man zu den Hinterbliebenen sagen soll. »Ich muss ständig an Chris denken«, fuhr sie fort. »Warum, weiß ich nicht. In den meisten Nächten muss ich etwas nehmen, damit ich schlafen kann. Es ist fast so, als hätte es mich um ein Jahr zurückgeworfen.« Vermutlich machte ich ein bestürztes Gesicht, denn sie lächelte und setzte hinzu: »So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Ich esse ja auch gut. Ich bin nicht durchgeknallt. Aber ich fühle mich verfolgt, weißt du?«
Ich dachte über ihre Wortwahl nach. »Ich habe eine Tante«, sagte ich, »die schönste Schwester meiner Mutter. Ihre Heirat war arrangiert gewesen, daher hatte sie ihren Mann davor nur wenige Male gesehen. Er war Pilot bei der Luftwaffe. Ein Vierteljahr später starb er, aber sie hat nie wieder geheiratet. Sie sagte, er sei ihre große Liebe gewesen.« Erica schien von dem, was ich gesagt hatte, bewegt – berührt und verstört zugleich; sie beugte sich vor und fragte: »Wie ist sie jetzt?« »Verrückt«, sagte ich. »Völlig durchgeknallt.« Erica machte große Augen, dann lachte sie los, ein verblüfftes, frohes Gelächter, und als sie sich wieder beruhigt hatte, legte sie die Hand auf meine.
»Ich habe dich vermisst«, sagte sie. »Gut, dass du wieder da bist.«
Am liebsten hätte ich meine Finger mit ihren verschränkt, dennoch hielt ich meine Hand völlig ruhig, als fürchtete ich, jede Bewegung meinerseits könnte unsere Verbindung lösen. »Ist sie wirklich verrückt?«, fragte Erica, hob eine Augenbraue und machte meine Aussprache des Wortes nach. »Ja, leider«, sagte ich mit gespieltem Ernst. »Komplett.« Darauf lächelte sie; sie schlug vor, noch eine Flasche Wein zu bestellen. Wir blieben sitzen, bis das Restaurant schloss – da waren wir schon angenehm betrunken –, und schlenderten dann auf die Straße. »Ich mag es, wenn du davon erzählst, wo du herkommst«, sagte sie und hakte sich bei mir unter, »du wirst dann so lebendig.«
Ich sagte nicht, dass dasselbe auf sie zutraf, wenn sie von Chris sprach; ich sagte es nicht, weil es in mir gemischte Gefühle auslöste. Einerseits freute es mich als ihr Freund, dass sie so lebhaft war, und ich wusste ja auch, dass es ein Zeichen von Zuneigung war, dass sie mich so ins Vertrauen zog – ich hatte sie nie über Chris sprechen hören, wenn sie sich mit anderen unterhielt –, andererseits hätte ich gern eine Beziehung mit ihr begonnen, die auf mehr als nur Freundschaft fußte, und in der Stärke ihrer anhaltenden Bindung zu Chris spürte ich einen Rivalen – auch wenn er tot war –, mit dem ich wahrscheinlich niemals würde mithalten können. Die Tante, die ich erwähnt hatte, war in nahezu jeder Hinsicht anders als Erica: Sie war füllig, wollte immer nur mit dem Motorroller fahren, trug einen Rucksack, der häufig mit Mitbringseln für ihre jungen Nichten und Neffen vollgestopft war, und lebte von einer kleinen Witwenrente. Das aber war meine Tante mit fünfundvierzig; die Frau, die einem im Alter von zweiundzwanzig Jahren keck aus Fotos entgegenblickte, war selbstsicher und quälend attraktiv. Ich konnte nur ahnen, wie viele Verehrer sie abgewiesen hatte, und ich fragte mich, ob mein Verlangen nach Erica ebenso aussichtslos war.
Ericas Gesicht war jetzt entspannt; sie unterdrückte sogar ein Gähnen, als sie den Kopf an meine Schulter legte. Am Beginn des Abends war sie jedoch verstört gewesen, von Sorgen und Befürchtungen erfüllt. Wie so viele andere in der Stadt wirkte sie nach den Anschlägen zutiefst verängstigt. Doch ihre Ängste schienen nur indirekt etwas mit der Vision zu tun zu haben, durch Terroristen zu sterben. Durch die Zerstörung des World Trade Center waren, wie sie gesagt hatte, alte Gedanken in ihr aufgewühlt worden, die sich gleich einem Sediment am Boden eines Teichs abgesetzt hatten; nun war das Wasser ihres Geistes trüb von dem, was zuvor ignoriert worden war. Ich wusste nicht, ob das auch für mich galt.
Wir schritten schweigend durch die Nacht, und wie der Zufall es wollte – nein, ich bin nicht ehrlich; der Zufall hatte nichts damit zu tun –, standen wir plötzlich vor meinem Wohnhaus. »Kann ich mit hochkommen?«, fragte sie. »Ich möchte gern sehen, wie du wohnst.« Ich hörte mein Herz hämmern, als wir die Treppe hinaufgingen; mein Studio lag im dritten Stock, einen Aufzug gab es nicht, Sie können sich also gut vorstellen, dass es einige Stufen zu überwinden galt. Mir war ein wenig bang davor, wie sie mein Studio wohl finden würde – schließlich war es nur einen kleinen Bruchteil so groß wie ihr Zuhause –, doch ich redete mir ein, dass es einen gewissen literarischen Charme besaß. »Es ist perfekt«, sagte sie und setzte sich auf den Rand meines Futons, der noch immer in seiner ausgerollten Bettversion dalag.
Sie schloss die Augen, lehnte sich auf die Ellbogen zurück und lächelte schläfrig wie ein vertrauensvolles kleines Mädchen. Meine Blase war kurz vorm Platzen, daher sagte ich, ich sei gleich wieder da, und sauste auf die Toilette. Als ich wiederkam, schlief sie schon tief. »Erica?«, sagte ich. Keine Antwort. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, und zögerte, bis ich schließlich das Licht ausmachte. Die Jalousien waren oben; der nächtliche Schein Manhattans fand seinen Weg herein, und ich beobachtete, wie sich ihre Brust beim Atmen sanft hob und senkte. Dann deckte ich sie mit einem Laken zu und warf ein Kissen für mich auf den Fußboden. Ich war erschöpft und hatte zusätzlich noch Jetlag, dennoch musste ich lange warten, bis mich Träume umfingen. Ich wachte am Morgen nicht auf, als sie mich, wie ich später erfuhr, vor dem Gehen auf die Stirn küsste.
Aber schauen Sie! Da kommt ein Blumenverkäufer. Ich rufe ihn zu uns. Ihnen ist nicht danach? Aber gegen eine Blumenkette aus Jasminblüten haben Sie doch sicher nichts einzuwenden. Hier, nehmen Sie sie in die Hand: Haben sie nicht die Struktur von Samtkugeln? Eher wie von Popcorn-Shrimps, sagen Sie? Ach, Sie machen Witze; einen Moment lang habe ich geglaubt, Sie meinen es ernst. Doch Sie haben mich dadurch an eine Köstlichkeit erinnert, die uns hier in Lahore völlig fehlt, da wir so weit vom Meer entfernt sind. Was würde ich nicht alles für einen Topf amerikanischer Popcorn-Shrimps geben – in Teig ausgebacken, bis sie goldbraun sind, und mit einem Tütchen Tomatensoße serviert! –, aber ich muss mich mit den Blumen hier begnügen: in New York so selten, hier so normal.
Wo war ich stehen geblieben? Richtig, ich habe Ihnen von Erica und meiner Rückkehr nach New York erzählt. Nachdem sie in meiner Wohnung geschlafen hatte, ging sie mit erfreulicher Regelmäßigkeit mit mir aus. Ich begleitete sie zu Spendenaktionen, wo sie Geld für die Opfer des World Trade Center sammelte, zu Essen in den Häusern ihrer Freunde – und es waren tatsächlich Häuser, Brownstones, die als Einfamilieninseln im Manhattaner Wohnungsmeer erhalten waren –, zu Eröffnungen und privaten Besichtigungen für Förderer der Künste. Ich wurde praktisch ihr offizieller Begleiter bei den Events der New Yorker Society.
Diese Rolle gefiel mir sehr. Ich war tatsächlich so vermessen zu glauben, dass mein Leben genau so sein sollte, dass es gewissermaßen unausweichlich war, mit den richtig Reichen in solch gehobenen Sphären zu verkehren. Erica bürgte dafür, dass ich ihrer Kreise würdig war; meine Art des Auftretens zeugte – so redete ich mir ein – von meiner tadellose Kinderstube, und bei denen, die weitere Fragen stellten, genügten stets mein Abschluss in Princeton und meine Visitenkarte von Underwood Samson, um ein respektvolles, zustimmendes Nicken zu ernten.
Rückblickend erkenne ich nun, dass dieser Situation eine gewisse Symmetrie anhaftete: Ich spürte, dass ich in New York in genau die soziale Schicht eintrat, aus der meine Familie in Lahore zunehmend herausfiel. Vielleicht erklärte das zu einem Großteil das Behagen und die Befriedigung, die ich in meiner neuen Umgebung fand. Doch ein noch größerer Teil meines Glücks jener Tage ging darauf zurück, dass ich regelmäßig in Ericas Gesellschaft war. Ich konnte sie, ungelogen, stundenlang betrachten. Der Stolz in ihrer Haltung, die muskulöse Schlankheit ihrer Arme und Schultern, das Unvermögen ihrer Kleider, die Erinnerung an die nackten Brüste zu verhüllen, die ich in Griechenland gesehen hatte: All das erfüllte mich mit Begehren.
Doch ebenso erfüllte mich Fürsorglichkeit. Häufig, wenn wir inmitten einer makellos gekleideten Menge standen oder saßen, beobachtete ich, dass sie völlig losgelöst war, versunken in ihre eigene Welt. Ihr Blick war nach innen gerichtet, und Bemerkungen ihrer Begleiter waren ihrem Gesicht nur indirekt abzulesen, so wie Wolkenschatten, die über einen See gleiten. Sie lächelte, wenn man sie darauf aufmerksam machte, dass sie abwesend wirkte, und sagte, sie sei mal wieder geistig weggetreten. Doch ich vermutete zunehmend, dass ihre Pausen nicht lediglich der Geistesabwesenheit geschuldet waren; nein, sie kämpfte gegen einen Strom an, der sie mitzureißen drohte, und ihr Lächeln enthielt die Furcht, sie könnte in ihre eigenen Tiefen abgleiten, wo sie gefangen wäre und nicht atmen könnte. In diesen Momenten wünschte ich, ich könnte ihr Anker sein, ohne so geschmacklos zu sein, sie spüren zu lassen, dass dies eine Rolle war, die meiner Meinung nach irgendwer bei ihr übernehmen musste. Ich fand heraus, dass ich ihr dies am besten vermittelte, indem ich eine Berührung mit ihr provozierte, zum Beispiel meine Hand auf den Tisch so dicht wie möglich an ihre legte, ohne dabei Kontakt herzustellen, und dann darauf wartete, dass sie sich meiner körperlichen Präsenz bewusst würde, worauf sie, als erwachte sie aus einem Traum, den Kopf schütteln und die Kluft zwischen uns mit einer kleinen Zärtlichkeit überbrücken würde.
Vielleicht hielt mich aber gerade diese Fürsorglichkeit davon ab, Erica zu küssen; ebenso mochten es Schüchternheit und Ehrfurcht gewesen sein, die Begleiter der ersten Liebe. Wie auch immer, mehrere Wochen vergingen, bis Erica mich eines Abends, nach einem burmesischen Essen im East Village, ihre Freunde winkten schon Taxis heran und gingen auseinander, zurückhielt. »Ich muss dir was erzählen«, sagte sie. »Ich möchte feiern.« »Warum?«, fragte ich. »Weil«, sagte sie breit lächelnd und drückte die Fingerspitzen zusammen, »weil ich einen Agenten habe!« Ihre anfänglichen Versuche, ihr Manuskript wahllos anzubieten, seien erfolglos geblieben, erklärte sie. Unlängst habe sie es aber an eine Agentur geschickt, die einen Freund der Familie vertrat, und nun habe eben am Nachmittag ein Junioragent eingewilligt, sie anzunehmen. Bedenken habe er nur bezüglich der Länge – da die Novellenform, so seine Worte, eine knifflige Sache sei –, doch nach einigem Nachdenken sei er zu dem Schluss gekommen, sich bei einigen Verlagen dafür starkzumachen. Ich gratulierte ihr und sagte, ich wolle sie liebend gern bei jedem Abenteuer begleiten, das sie für den Abend vorhabe; sie schlug vor, eine Magnumflasche Champagner zu kaufen und damit in meine Wohnung zu gehen, die gleich um die Ecke lag.
Das sagte sie, als sei es das Natürlichste auf der Welt; ich bekundete ebenso locker lächelnd – so gut ich eben konnte – meine Zustimmung. Aber uns beiden war klar, das kann ich wohl mit Sicherheit sagen, dass allem, was wir taten, nun eine gewisse Schwere anhaftete. Ich jedenfalls stellte mich ungewöhnlich ungeschickt an, als ich in meiner Tasche kramte, erst in einem Spirituosenladen nach Geld, später auf der Treppe vor meinem Haus nach den Schlüsseln. Es war ein frischer Oktobertag, und Erica trug warme Sachen; drinnen zog sie ihre ärmellose Jacke und ihren Baumwollpullover aus, streifte eine Schicht nach der anderen ab, bis sie nur noch ihre Lieblingskleidung trug: T-Shirt und Jeans. Mangels einer Kerze schaltete ich den Fernseher an und drückte die Stummtaste, wodurch ich den Raum in ein matt flackerndes Licht tauchte. Wir tranken aus zwei schön verzierten Silberbechern, ein Examensgeschenk eines Onkels, weswegen der Champagner einen metallischen, aber nicht unangenehmen – und eigentlich ziemlich exotischen – Geschmack annahm.
»Mich hat’s heute beim Taekwondo erwischt«, sagte Erica. »Wir waren beim Sparring, und ich musste gegen eine Frau antreten, die richtig schnell ist. Sie hat mich direkt unter der Achselhöhle erwischt. Da« – sie berührte die Stelle –, »ich spüre es noch beim Atmen. Eine ziemlich heftige Prellung.« Sie sah mich an. Ich betastete mein Knie, folgte der Narbe von meiner Operation. Dann sagte Erica: »Willst du mal sehen?« Ich musterte sie, versuchte herauszufinden, ob sie vielleicht scherzte; offenbar nicht. Also nickte ich nur, unfähig, meiner Stimme zu vertrauen. Ich hatte geglaubt, sie werde lediglich ihr T-Shirt hochziehen, doch sie zog es ganz aus und hob den Arm. Ich starrte sie an. Ich hatte sie schon vorher im Bikini gesehen – ja, sogar oben ohne –, doch wie sie da so im BH auf meinem Futon saß, war mir, als hätte ich sie noch nie so nackt gesehen. Ihr Körper hatte seine Bräune verloren und erschien im Schein des Fernsehers fast blau, und sie war sogar noch durchtrainierter als in meiner Erinnerung. Sie schien wie aus einer anderen Welt; sie hätte mitten aus einem pornografischen Roman sein können. Ich befahl mir, mich auf ihren Bluterguss zu konzentrieren; er saß fett und dunkelrot oberhalb ihres Brustkorbs, zweigeteilt vom Träger des BH.
Unwillkürlich streckte ich die Hand aus. Dann zögerte ich. Erica erwiderte wachsam meinen Blick, doch ihr Ausdruck blieb unverändert, also berührte ich sie, legte die Finger auf den Bluterguss. Sie hob die Hand zum Hinterkopf, als ich die Rippenlinie nachzog. Ich spürte, wie sie eine Gänsehaut bekam, und ich zog sie an mich, umarmte sie sanft und küsste sie erst auf die Stirn, dann auf die Lippen. Sie reagierte nicht, sie wehrte sich nicht, sie ließ es einfach geschehen, dass ich sie auszog. Zuweilen spürte ich, wie sie sich an mir festhielt, oder ich hörte ein ganz leises Stöhnen. Hauptsächlich aber war sie stumm und reglos, doch mein Begehren war so stark, dass ich die wachsende Wunde, die ihr Verhalten meinem Stolz zufügte, unbeachtet ließ und weitermachte. Ich fand es schwierig, in sie einzudringen, es war, als wäre sie nicht erregt. Sie sagte nichts, während ich in ihr war, doch mir blieb ihr Unbehagen nicht verborgen, also zwang ich mich aufzuhören.
»Es tut mir leid«, sagte sie. »Nein, mir tut es leid«, sagte ich. »Es gefällt dir nicht?« »Ich weiß nicht«, sagte sie, und zum ersten Mal in meiner Gegenwart füllten sich ihre Augen mit Tränen. »Ich werde einfach nicht feucht. Ich weiß nicht, was mit mir los ist.« Ich hielt sie in den Armen, und während wir dalagen, erzählte sie mir, ich sei der erste Mann, mit dem sie seit Chris zusammen gewesen sei – überhaupt der einzige außer Chris. Seit seinem Tod, sagte sie, habe ihre Sexualität weitgehend geruht. Sie habe nur einmal einen Orgasmus bekommen, und auch nur, als sie es sich mit ihm vorstellte. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich wollte sie trösten, sie in ihr Inneres begleiten und ihr gestatten, weniger allein zu sein. Also bat ich sie, mir von ihm zu erzählen, wie es dazu gekommen war, dass sie sich küssten, dass sie sich liebten. »Das willst du wirklich wissen?«, fragte sie. Ich bejahte, und so erzählte sie es mir.
Teile ihrer Geschichte kannte ich schon von früher; in jener Nacht erzählte sie mir alles. Manches davon erschien mir vertraut; später erkannte ich, dass das, was mir vertraut schien, die Emotionalität war, mit der sie sprach, eine Emotionalität, die der glich, die sie in mir auslöste. Ich versuchte, mich über meine Situation hinwegzusetzen, ihr zuzuhören, als begehrte ich sie nicht und sei nicht verletzt, weil ihr Körper mich – anscheinend gegen ihren Willen – abgewiesen hatte. Das gelang mir in einer Weise, die mich noch heute überrascht. Die Geschichte der beiden ist mir noch lebhaft in Erinnerung, aber ich möchte sie jetzt nicht erzählen. Es soll genügen, dass ihre Liebe ungewöhnlich war und ihre Identitäten in einem solchen Grad vermischte, dass Erica bei Chris’ Tod glaubte, sie habe sich verloren; selbst jetzt, sagte sie, wisse sie nicht, ob man sie noch einmal finden könne.
Doch als sie von ihm sprach, schien ihre Stimme kräftiger zu werden und ihr nackter Körper neben mir weicher und entspannter. In ihre Augen trat eine Lebendigkeit, sie waren nicht mehr nach innen gewandt. Sie fragte mich nach meinen Erfahrungen, nach der Art des Sex und der Beziehungen zwischen Teenagern in Pakistan. Ich sagte ihr, bevor ich nach Amerika gekommen sei, hätte ich praktisch keinen Sex erlebt, und im Lichte dessen, was sie mir gerade erzählt habe, seien meine Beziehungen kaum der Rede wert gewesen. Dennoch seien sie auf ihre Weise wunderbar gewesen, sagte ich, und ich unterhielt sie stundenlang, wie es schien, mit Anekdoten aus Lahore. Einmal merkte ich, wie ich an die Decke starrte, als wären da die Sterne, und wir fingen beide an zu lachen. Endlich fühlten wir uns im Bett miteinander wohl, und als der Himmel allmählich hell wurde, musste ich ein freundliches Gähnen unterdrücken. Auch sie sei schläfrig, sagte sie, und ich könne sie besser als jedes Medikament beruhigen. So schliefen wir dann ein, nicht in den Armen des anderen, sondern Schulter an Schulter, und nur unsere Knöchel berührten sich. Vielleicht lag es an unserem Gespräch, dass ich nicht von Erica träumte, sondern von zu Hause; was sie träumte, habe ich nicht erfahren ...
Jetzt, Sir, betrachten Sie mich aber mit einem ganz eigenartigen Ausdruck. Wahrscheinlich finden Sie es grob, dass ich Ihnen, einem Fremden, solche Intimitäten enthülle? Nein? Ich interpretiere Ihre Kopfbewegung einfach als Antwort. Sie müssen mir glauben, dass ich nicht immer so offen spreche, eigentlich fast nie. Aber der heutige Abend, da sind wir uns wohl einig, ist ein Abend von einiger Bedeutung. Jedenfalls für mich – und sollte ich mich irren, so dürfen Sie mich mit Fug und Recht für einen ganz ungehobelten Kerl halten!