Wir Einheimischen schätzen diese letzten Tage dessen, was man hier in Lahore unter Frühling versteht; die Sonne ist zwar heiß, hat aber einen beruhigenden Effekt. Oder hat, wie ich wohl sagen sollte, einen beruhigenden Effekt auf uns, denn Sie, Sir, scheinen sich noch immer unwohl zu fühlen. Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, wenn ich das sage, aber die Häufigkeit und Beharrlichkeit, mit der Sie sich umschauen – wenn Sie den Blick von einem Punkt zum nächsten lenken, scheint es in Ihrem Kopf unablässig tick-tick-tick zu machen –, erinnert an das Verhalten eines Tiers, das sich zu weit von seinem Bau entfernt hat und nun in der unvertrauten Umgebung nicht recht weiß, ob es Jäger oder Beute ist!
Wollen Sie sich nicht endlich mal von Ihrem Ausländergefühl verabschieden, sich beobachtet zu fühlen? Schauen Sie lieber, wie lang die Schatten geworden sind. Bald werden die Tore an beiden Enden des Markts für den Verkehr geschlossen, dann wird aus Alt-Anarkali eine autofreie Piazza. Sie haben sogar schon damit begonnen. Ob die Polizei die Jungs da auf ihren Motorrollern verhaftet?
Aber nur, wenn sie sie erwischen! Und da flitzen sie schon davon und sind entkommen. Aber sie werden die Letzten sein. Jetzt schließen sie die Tore, wie Sie sehen, und die verbleibenden Lücken sind zu schmal für alles, das breiter ist als ein Mensch.
Sie werden bemerkt haben, dass die neueren Viertel von Lahore den Bedürfnissen derer, die zu Fuß gehen müssen, nicht entsprechen. Mit ihrer Weitläufigkeit, ihren öffentlichen Parkanlagen und den breiten, baumgesäumten Boulevards erzwingen sie eine alte Hierarchie, die vom Land zu uns kommt: die Überlegenheit des Mannes zu Pferde gegenüber dem zu Fuß. Hier aber, wo wir sitzen, und in den noch älteren Vierteln, die zwischen uns und dem Fluss Ravi liegen – das überfüllte, labyrinthartige Herz der Stadt –, ist Lahore demokratischer und urban. Dort nämlich ist der Mensch mit vier Rädern gezwungen auszusteigen und Teil der Menge zu werden.
Wie Manhattan? Ja, genau! Und das war auch einer der Gründe, weshalb der Umzug nach New York – ganz unerwartet – so etwas wie eine Heimkehr war. Aber es gab auch noch andere Gründe: dass Taxifahrer Urdu sprachen, dass es nur zwei Blocks von meiner Wohnung im East Village ein Lokal namens Pak-Punjab Deli gab, wo man Samosa und Channa servierte, dass ich zufällig über die Fifth Avenue ging und aus Lautsprechern, die auf einem Festwagen der South Asian Gay and Lesbian Association standen, ein Lied hörte, zu dem ich auf der Hochzeit meines Vetters getanzt hatte.
In einem U-Bahn-Wagen fiel meine Haut normalerweise in die Mitte des Farbenspektrums. An Straßenecken fragten mich Touristen nach dem Weg. In den viereinhalb Jahren war ich nie Amerikaner, aber sofort New Yorker. Wie? Warum ich meine Stimme hebe? Sie haben recht, ich werde leicht emotional, wenn ich an diese Stadt denke. Sie nimmt noch immer einen Platz von großer Zuneigung in meinem Herzen ein, was schon einiges ist, wenn man die Umstände bedenkt, unter denen ich nach nur acht Monaten von dort fortzog.
Sicher hatte viel von New Yorks Faszination mit meiner Begeisterung für Underwood Samson zu tun. Ich erinnere mich noch, wie ich staunte, als ich dort den Dienst antrat. Die Büroräume lagen im 41. und 42. Stockwerk eines Hochhauses in Midtown – höher als die beiden höchsten Gebäude hier in Lahore, wenn man sie übereinanderstapeln würde –, und obwohl ich schon vorher im Flugzeug geflogen und im Himalaya gewesen war, hatte nichts mich auf das Drama, die Wucht des Ausblicks von ihrem Vorzimmer vorbereitet. Da wurde mir bewusst, dass es eine andere Welt als Pakistan war; meine Füße wurden von den Errungenschaften der technisch fortgeschrittensten Zivilisation getragen, die unsere Spezies je gekannt hatte.
Während meines Aufenthalts in Ihrem Land bedrückten mich solche Vergleiche häufig. Eigentlich mehr als das: Ich ärgerte mich darüber. Vor viertausend Jahren hatten wir, die Menschen vom Indus-Becken, Städte, die als Gitter angelegt waren und ein unterirdisches Abwassersystem vorweisen konnten, während die Vorfahren derer, die in Amerika einfielen und es kolonisierten, noch Barbaren waren und nicht einmal lesen und schreiben konnten. Und nun waren unsere Städte weitgehend ungeplant und unhygienisch, und Amerika hatte Universitäten mit Stiftungsfonds, die jeweils größer waren als unser nationaler Bildungsetat. An diese gewaltige Ungleichheit erinnert zu werden weckte Scham in mir.
Aber nicht an jenem Tag. An jenem Tag sah ich mich nicht als Pakistani, sondern als Trainee bei Underwood Samson, und die imposanten Büroräume meiner Firma machten mich stolz. Ich wünschte, ich könnte sie meinen Eltern und meinem Bruder zeigen! Ich stand reglos da und sog alles auf, aber nicht lange; bald nach unserem Eintreffen wurden wir Beraterneulinge zu unserer Orientierungspräsentation in einen Konferenzraum geführt. Dort skizzierte uns ein Vizepräsident namens Sherman – sein Schädel glänzte frisch rasiert – das Ethos unserer neuen Organisation.
»Wir sind eine Meritokratie«, sagte er. »Wir glauben daran, die Besten zu sein. Sie waren die besten Kandidaten von den besten Schulen des Landes. Deshalb sind Sie hier. Aber die Meritokratie endet nicht mit der Einstellung. Wir werden Sie alle sechs Monate einstufen. Sie werden Ihr Ranking erfahren. Ihre Prämien und Ihr Staffing hängen davon ab. Arbeiten Sie gut, werden Sie belohnt. Wenn nicht, sitzen Sie vor der Tür. So einfach ist das. Ihr erstes Ranking werden Sie am Ende dieses Trainingsprogramms erhalten.«
Wirklich einfach. Ich schaute mich verstohlen um, um zu sehen, wie meine Trainee-Kollegen darauf reagierten. Außer mir waren es noch fünf, und vier saßen starr und steif da; der fünfte, ein Bursche namens Wainwright, wirkte entspannter. Er drehte seinen Füller in einer Weise zwischen den Fingern, die mich an Val Kilmer in Top Gun erinnerte, beugte sich zu mir und flüsterte: »Der Zweite kriegt null Punkte, Maverick.« »Du bist gefährlich, Ice Man«, antwortete ich und versuchte dabei, den schleppenden Tonfall eines Marinefliegers halbwegs zu treffen, dann grinsten wir einander an.
Doch abgesehen von solch unbeschwertem Geplänkel ging es am Arbeitsplatz nicht eben heiter zu. Während der nächsten vier Wochen folgten unsere Tage einer stetigen Routine. Vormittags hatten wir ein dreistündiges Seminar: eines aus einer Reihe von Modulen, mit denen sie versuchten, uns ein ganzes Jahr Wirtschaftsstudium zu vermitteln. Wir wurden von Professoren der angesehensten Institute unterrichtet – beispielsweise lehrte eine Frau aus Wharton Finanzwesen –, und die Ergebnisse der Tests, die wir machen mussten, wurden sorgfältig aufgezeichnet.
Der Lunch wurde in der Caféteria eingenommen; bei Huhn-Pesto-mit-sonnengereiften-Tomaten-Wraps beobachteten wir den selbstgewissen Nachdruck, mit dem unsere Vorgesetzten sich gaben. Danach folgte ein Workshop, der uns mit Computerprogrammen wie PowerPoint, Excel und Access vertraut machen sollte. In diesem Unterricht saßen wir im Kreis um einen Ausbilder herum, der leise sprach und wie ein Bibliothekar aussah; Wainwright nannte das unsere »Microsoft-Familienzeit«.
Und am Spätnachmittag wurden wir schließlich in zwei Dreiergruppen aufgeteilt, wo wir in, wie Sherman das nannte, »Soft Skills« unterwiesen wurden. Bei diesen Sitzungen gab es Rollenspiele mit lebensnahen Situationen wie den Umgang mit einem zornigen Kunden oder einem sturen Finanzchef. Wir lernten, die Denkweise eines anderen zu erkennen, seine Vorstellungen zu nutzen und so zu kanalisieren, dass wir das von uns gewünschte Ergebnis erreichten; man könnte es tatsächlich eine Art mentales Business-Judo nennen.
Sie sind ganz offensichtlich beeindruckt von der Gründlichkeit unserer Ausbildung. Das war ich auch. Sie stand für den systematischen Pragmatismus – nennen wir’s Professionalismus –, der den Erfolg Ihres Landes auf so vielen Gebieten gewährleistet. In Princeton war das Lernen mit einer Aura von Kreativität umgeben; bei Underwood Samson wurde Kreativität nicht ausgespart – sie existierte weiterhin und war geschätzt –, aber sie musste nun der Effizienz den Vortritt lassen. Maximaler Ertrag war die Maxime, auf die wir immer wieder zurückkamen. Wir lernten, Prioritäten zu setzen – die Achse zu bestimmen, auf der man am günstigsten vorankam – und uns dann beharrlich dem Erreichen unseres Ziels zu widmen.
Aber meine Betrachtungen sind vielleicht doch recht trocken! Ich will damit nicht sagen, dass mir meine Einführung ins Reich der Hochfinanz keine Freude bereitete. Im Gegenteil. Ich fühlte mich gestärkt; die verschiedensten neuen Möglichkeiten eröffneten sich mir. Ich will Ihnen ein Beispiel geben: das Spesenkonto. Wissen Sie, wie berauschend es ist, eine Kreditkarte zu erhalten und gesagt zu bekommen, dass Ihre Firma die Rechnung für jedes vorgeblich arbeitsbezogene Essen, jede Bewirtung bezahlt? Verzeihen Sie: Natürlich wissen Sie es; schließlich sind Sie ja geschäftlich unterwegs. Doch für mich mit meinen zweiundzwanzig Jahren war es eine Offenbarung. Wenn ich wollte, konnte ich meine Kollegen zu einem After-Work-Drink einladen – etwas, das als »New Hire Cultivation« bezeichnet wurde – und ungestraft in einer Stunde mehr ausgeben, als mein Vater an einem Tag verdiente!
Wie Sie sich vorstellen können, machten wir New Hires weidlich Gebrauch von der Möglichkeit, einander regelmäßig zu kultivieren. Ich erinnere mich noch an den ersten Abend; wir gingen in die Bar des Royalton in der 44th Street. Sherman begleitete uns und bestellte eine Flasche Spitzenchampagner, um unsere Einführung zu begießen. Ich schaute mich um, als wir die Gläser hoben, um auf unser eigenes Wohl zu trinken. Zwei meiner fünf Kollegen waren Frauen, Wainwright und ich Nicht-Weiße. Wir waren ungeheuer verschieden ... Und dann auch wieder nicht: Wir alle, Sherman eingeschlossen, kamen von den gleichen Elite-Universitäten: Harvard, Princeton, Stanford, Yale; alle verströmten wir eine unerschütterliche Selbstgefälligkeit, und nicht einer von uns war klein oder übergewichtig.
Dann fiel mir auf – nein, ich muss ehrlich sein, es fällt mir erst jetzt auf –, dass wir, kahl geschoren und in Kampfanzüge gesteckt, praktisch nicht zu unterscheiden gewesen wären. Vielleicht hatte Wainwright Ähnliches gedacht, denn er zwinkerte mir zu und sagte – wie sich herausstellte, mit großer Voraussicht –: »Hüte dich vor der dunklen Seite, junger Skywalker.« Er hatte die Angewohnheit, aus populären Filmen zu zitieren, so wie meine Mutter aus den Gedichten von Faiz und Ghalib. Aber ich vermute, dass Wainwright diese Anspielung auf Star Wars überwiegend scherzhaft gemeint hatte, denn gleich darauf trank er wie ich – wie überhaupt alle – einen ordentlichen Schluck.
Sherman ging, als der Champagner getrunken war, sagte uns aber, wir sollten nach Herzenslust weitermachen und alles Underwood Samson in Rechnung stellen. Das taten wir auch und torkelten dann gegen Mitternacht auf die Straße. Wainwright und ich nahmen zusammen ein Taxi downtown. »Hey Mann«, sagte er, »kapierst du Kricket?« Ich fragte ihn, was er meine. »Mein Alter ist verrückt danach«, sagte er. »Er ist von Barbados. West Indies gegen Pakistan« – und hier verfiel er in einen karibischen Singsang –, »verdammt bestes Testmatch, das ich je gesehn hab.« Ich lachte. »Das muss ja in den Achtzigern gewesen sein«, sagte ich. »Jetzt sind beide Teams gerade nicht so gut.«
Wir hatten Hunger, und ich schlug vor, in das Pak-Punjab Deli zu gehen. Der Mann hinterm Tresen erkannte mich; am Morgen hatte er mir ein Essen spendiert, als ich erwähnte, es sei mein erster Arbeitstag. »Mein Freund«, sagte er und breitete die Arme zur Begrüßung aus.
»Jenaab«, antwortete ich, den Kopf neigend, »gehst du denn nie nach Hause?« »Nicht genug«, sagte er. »Diesmal bestehe ich aber darauf, zu bezahlen«, sagte ich, zückte meine Kreditkarte und beugte mich – verschwörerisch wie auch betrunken – vor, um hinzuzusetzen: »Ich hab ein Spesenkonto.« Er schüttelte den Kopf und sagte zur sichtlichen Belustigung der erschöpften Taxifahrer, die dort saßen, es tue ihm leid, und wenn ich das Geld jetzt nicht hätte, könnte ich auch später bezahlen, aber American Express akzeptiere er nicht.
Obwohl wir auf Urdu sprachen, schien Wainwright zu verstehen. »Ich hab’s bar«, sagte er. »Das Zeug sieht ja köstlich aus.« Darüber freute ich mich; auf unser Essen, das werden Sie während Ihrer Zeit hier wohl gemerkt haben, sind wir Lahoris sehr stolz. Außerdem ist es ein Zeichen der Freundschaft, wenn jemand einen zum Essen einlädt – was ein Verhältnis gegenseitiger Großzügigkeit einläutet –, und als ich dann eine Viertelstunde später sah, wie Wainwright sich die Finger ableckte, nachdem er das letzte Krümchen auf seinem Teller aufgetupft hatte, wusste ich, dass ich eine verwandte Seele im Büro gefunden hatte.
Aber warum schrecken Sie zurück? Ah ja, dieser Bettler ist ein besonders bedauernswerter Zeitgenosse. Man fragt sich, was für eine Reihe von Unfällen ihn so entstellt haben mag. Er geht so nah an Sie ran, weil Sie Ausländer sind. Geben Sie ihm etwas? Nein? Sehr klug; man sollte Bettler nicht ermutigen, und, ja, da haben Sie recht, es ist viel besser, wohltätigen Einrichtungen etwas zu geben, die die Ursachen der Armut angehen, und nicht ihm, einem Geschöpf, das nur ihr Symptom ist. Was ich mache? Ich gebe ihm ein paar Rupien – natürlich aus Torheit und nur ausnahmsweise. Da, er will für unser Wohlergehen beten; jetzt zieht er weiter.
Ich habe Ihnen von Wainwright erzählt. Im Laufe der nächsten Wochen zeigte es sich, dass er beste Chancen auf die Topposition in unserem Ranking hatte. Wir Berater-Trainees waren naturgemäß alle sehr ehrgeizig – das war zwangsläufig so, denn sonst hätten wir die Noten, deretwegen Underwood Samson uns überhaupt in Betracht gezogen hatte, gar nicht geschafft –, doch Wainwright zeigte es nicht so offen; er war herzlich und respektlos und folglich bei nahezu allen beliebt. Dennoch hatte ich keinen Zweifel, dass mein Freund auch äußerst begabt war: Seine Präsentationen waren bemerkenswert klar, er zeichnete sich in unseren zwischenmenschlichen Übungen aus und hatte einen Instinkt dafür, herauszufinden, was bei einem Projekt das Wesentliche war.
Ich hoffe, Sie halten mich nicht für unbescheiden, wenn ich sage, dass auch ich mich von den anderen abhob. Ich hatte mir aus meiner Fußballzeit eine gewisse kontrollierte Aggression bewahrt – nein, keine Streitlust, sondern Entschlossenheit –, und die setzte ich für mein Streben nach Erfolg ein. Wie das? Nun, ich arbeitete hart – härter, so glaubte ich, als alle anderen: Ich gönnte mir nachts nur ein paar Stunden Schlaf –, und ich ging hochkonzentriert in jeden Unterricht. Meine Beharrlichkeit wurde von unseren Ausbildern häufig positiv erwähnt. Zudem erwies sich meine höfliche Förmlichkeit, die im Umgang mit meinen Altersgenossen zuweilen eine Barriere gewesen war, als ideal für das Arbeitsmilieu, in dem ich mich nun befand.
Ich habe mich später immer wieder gefragt, warum meine Eigenheiten bei meinen älteren Kollegen so ankamen. Vielleicht lag es an meiner Sprache: Wie Pakistan ist Amerika schließlich eine ehemalige englische Kolonie, und da ist es logisch, dass ein anglisierter Akzent in Ihrem wie auch in meinem Land noch immer mit Reichtum und Macht assoziiert wird. Vielleicht lag es auch an meiner Fähigkeit, mich in einer hierarchischen Umgebung respektvoll, aber auch mit Selbstachtung zu bewegen, wozu amerikanische Teenager – anders als ihre pakistanischen Pendants – anscheinend selten erzogen sind. Wie auch immer, ich spürte einen Vorteil, den ich mir als Ausländer verschafft hatte, und ich bemühte mich, ihn mir so gut ich konnte zunutze zu machen.
Die hohe Wertschätzung Wainwrights und meiner Leistungen wurde bestätigt, als wir Trainees für die Fahrt zu der alljährlichen Sommerparty in zwei Dreiergruppen aufgeteilt wurden. Die eine, darunter Wainwright und ich, fuhr bei Jim mit, dem leitenden Direktor, der uns eingestellt hatte, die andere mit Sherman, der als Vizepräsident im Pantheon von Underwood Samson auf einer tieferen Stufe stand. Da in unserer Firma nichts zufällig geschah, wussten wir alle, dass das ein Zeichen war.
Mit uns im Wagen saßen einige Kollegen und ein Vizepräsident aus einem von Jims Teams. Alle plauderten drauflos – das heißt alle außer Jim und mir. Jim folgte schweigend dem Gespräch. Dann schaute er zu mir, und ich musste die Augen abwenden, damit er mich nicht dabei ertappte, wie ich ihn beobachtete. Doch er schaute mich in seiner unverwandten, durchdringenden Art weiter an, bis er schließlich sagte: »Sie haben ein wachsames Auge. Wissen Sie, woher das kommt?« Ich schüttelte den Kopf. »Das kommt daher, dass Sie sich fehl am Platz vorkommen«, sagte er. »Glauben Sie mir. Ich weiß das.«
Die Party fand in Jims Haus in den Hamptons statt, einem prachtvollen Anwesen, das mich an Der große Gatsby erinnerte. Es lag direkt am Strand, auf einer Anhöhe hinter einer schützenden Dünenkette, und hatte einen Swimmingpool, einen Tennisplatz und einen offenen weißen Pavillon, der zum Trinken und Tanzen am einen Ende der Rasenfläche erbaut war. Bei unserem Eintreffen spielte eine Swing-Band auf, und ich roch, dass Steaks und Hummer auf einen Grill geworfen wurden. Wainwright schien ganz in seinem Element: Er nahm eine der Kolleginnen am Arm, und schon bald wirbelten sie im Takt der Musik herum. Wir Übrigen standen mit einem Cocktail in der Hand am Rand und sahen zu.
Nach einer Weile trat ich vor den Pavillon, um frische Luft zu schnappen. Die Sonne war untergegangen, und in der Ferne, die geschwungene Küstenlinie entlang, funkelten die Lichter anderer Häuser. Die Wellen wisperten beim Heranspülen und erinnerten mich daran, dass ich vor nicht allzu langer Zeit in Griechenland gewesen war. Das Meer war mir immer als sehr fern erschienen, als Luxus und voller Abenteuer; nun wurde es beinahe zu einem normalen Teil meines Lebens. Wie viel sich in den vier Jahren seit meinem Abschied von Lahore doch verändert hatte!
»Ich erinnere mich noch gut an meine erste Sommerparty bei Underwood Samson«, sagte eine Stimme hinter mir. Ich drehte mich um; es war Jim. Er fuhr fort: »Es war ein herrlicher Abend, so wie jetzt. Es gab ein Barbecue, Musik. Erinnerte mich irgendwie an Princeton, wie mir zumute war, als ich dort ankam. Ich dachte, dass ich nichts dagegen hätte, selbst mal so ein Haus in den Hamptons zu haben.« Ich lächelte; Jim gab einem das Gefühl, er könne Gedanken lesen. »Ich weiß, was Sie meinen«, sagte ich. Jim ließ den Blick übers Wasser schweifen, und eine Weile standen wir schweigend nebeneinander. Dann sagte er: »Haben Sie Hunger?« »Ja«, antwortete ich. »Schön«, sagte er ermunternd und klopfte mir gleichzeitig mit der Hand auf die Schulter – eine seltsame, überlegte Geste – und führte mich nach drinnen zurück.
Ich merkte, wie ich mir im Lauf des Abends wünschte, Erica wäre da. Sie möchten wissen, was aus ihr geworden war? Nein, ich hatte sie nicht vergessen; sie nahm einen großen Teil meines Lebens in New York ein, ich komme gleich auf sie zurück. Jetzt aber wollte ich nur nebenbei erwähnen, dass Jims Haus so imposant war, dass ich dachte, sogar sie könnte beeindruckt sein. Und das heißt einiges, wie Sie noch verstehen werden.
Eine Woche danach, als das Ausbildungsprogramm zu Ende ging, rief Jim uns reihum in sein Büro. »Na?«, fragte er, »was glauben Sie, wie Sie waren?« »Ganz gut«, antwortete ich. Er lachte. »Sie waren besser als ganz gut«, sagte er. »Sie sind die Nummer eins Ihres Kurses. Ihre Ausbilder sagen, Sie hätten etwas Kriegerisches. Schämen Sie sich nicht dafür. Pflegen Sie es. Sie können weit damit kommen.« Ich freute mich ungeheuer, aber ich wusste nicht, was ich sagen sollte. »Bald habe ich ein neues Projekt«, fuhr Jim fort, »Musik-Business. Philippinen. Wollen Sie dabei sein?« »Unbedingt«, sagte ich. »Danke.«
Als ich Jims Büro verließ, wartete Wainwright auf mich. »Diesmal bin ich Zweiter geworden«, sagte er lächelnd. »Hab mir gedacht, dass du Erster wirst. Und so, wie du strahlst, hatte ich wohl recht.« »Das war Glück«, sagte ich. »So viel auch wieder nicht«, sagte er und legte mir den Arm um die Schultern. »Jetzt musst du aber einen ausgeben.«
Ja, in dem Augenblick war ich glücklich. Ich badete in dem warmen Gefühl, etwas erreicht zu haben. Nichts beschwerte mich; ich war ein junger New Yorker, dem die Stadt zu Füßen lag. Wie schnell sich das ändern sollte! Meine Welt sollte umgebaut werden wie dieser Markt um uns herum. Sehen Sie nur, wie schnell sie die großen Tische auf die Straße gebracht haben. Jetzt flanieren hier schon große Menschenmengen, wo noch vor wenigen Minuten der Verkehr brauste. Wenn man das so sieht, könnte man meinen, Alt-Anarkali sehe immer so aus, zu jeder Tageszeit. Aber wir, Sir, die wir hier nun schon einige Zeit sitzen, wir wissen es besser, nicht wahr? Ja, wir haben eine gewisse Vertrautheit mit der jüngeren Geschichte unserer Umgebung erlangt, und das gestattet uns – meiner bescheidenen Meinung nach –, die Gegenwart im rechten Licht zu sehen.