Ah ja, Sie haben die Narbe auf meinem Unterarm bemerkt, die Stelle, wo die Haut dunkler und weicher ist als die drum herum. Man hat mir gesagt, sie sehe aus wie von einem Seil verbrannt; meine aktiveren Freunde meinen, sie sei den Schrunden bei Bergsteigern nach dem Abseilen nicht unähnlich. Vielleicht geht auch Ihnen ein solcher Gedanke durch den Kopf, denn ich entdecke einen gewissen Ernst in Ihrer Miene, als fragten Sie sich, was für ein Trainingslager einem Burschen aus dem Flachland wie mir Anlass gegeben haben mag, sich solcherart zu betätigen!
Lassen Sie sich daher versichern, dass der Grund meiner Verletzung recht prosaisch war. Wir haben in diesem Land ein Phänomen, das Ihnen angesichts des Überflusses, der Ihr Land kennzeichnet, zweifellos unbekannt sein wird. Hier – zumal im Winter, wenn die Reservoire der großen Staudämme fast trocken sind – wird der Strom knapp, was sich in ständigen Ausfällen zeigt. Wir nennen das Lastabwurf, und wir haben immer einen ordentlichen Vorrat an Kerzen zu Hause, damit unser Leben dadurch nicht übermäßig durcheinandergebracht wird. Als Kind hatte ich einmal während eines solchen Lastabwurfs nach so einer Kerze gegriffen, sie umgestoßen und mich mit geschmolzenem Wachs übergossen. In Amerika wäre dies aller Wahrscheinlichkeit nach der Beginn eines langwierigen Prozesses gegen den Hersteller gewesen, weil er Kerzenwachs mit einem solch hohen und gefährlichen Schmelzpunkt verarbeitete; hier war die Folge nur ein Abend voller Tränen und die recht schwache, wenn auch seltsam geradlinige Narbe, die Sie jetzt noch sehen.
Aha, jetzt schalten sie die Zierlichter an, die sich über den Markt spannen! Ein wenig knallig? Ja, Sie haben recht; ich hätte sie auch etwas weniger bunt gemacht. Aber sehen Sie nur das Lächeln auf den emporgereckten Gesichtern um uns herum. Es ist doch erstaunlich, wie theatralisch künstliches Licht sein kann, wenn das Sonnenlicht allmählich verblasst, wie es uns emotional berühren kann, selbst jetzt noch, zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts, und in Städten, die so groß und hell wie diese hier sind. Denken Sie nur an die ausdrucksvolle Schönheit des Empire State Building, wenn es am St. Patrick’s Day grün illuminiert wird oder hellblau am Abend von Frank Sinatras Tod. New York bei Nacht ist sicher eine der größten Sehenswürdigkeiten der Welt.
Ich erinnere mich noch an meine ersten nächtlichen Streifzüge durch Manhattan, so oft mit Erica als Guide. Bald nach unserer Rückkehr aus Griechenland lud sie mich zu sich zum Abendessen ein; ich überlegte den ganzen Nachmittag, was ich anziehen sollte. Ich wusste, dass ihre Familie reich war, und ich wollte das tragen, was auch sie meiner Vorstellung nach trugen: etwas Elegantes, aber gleichzeitig Legeres. Mein Anzug schien mir zu formal; mein Blazer wäre besser gewesen, aber der war schon mehrere Jahre alt, und ich fand ihn ein wenig abgewetzt. Schließlich machte ich mir die ethnische Ausnahmeregel zunutze, die für jeden gesellschaftlichen Kodex gilt, und trug eine gestärkte weiße Kurta aus fein gearbeiteter Baumwolle über einer Jeans.
Es zeugte für die Aufgeschlossenheit und – wieder dieses allzu häufig gebrauchte Wort – das Kosmopolitische New Yorks zu jener Zeit, dass ich mich in diesem Aufzug absolut wohl in der U-Bahn fühlte. Überhaupt schien mich, abgesehen von einem schwulen Herrn, der mir höflich ein einladendes Lächeln zuwarf, niemand weiter zur Kenntnis zu nehmen. Ich gelangte von der Linie sechs auf die 72nd Street, mitten im Herzen der Upper East Side. Diese Gegend mit ihren reizenden Bistros, den exklusiven Geschäften und attraktiven Frauen in kurzen Röcken, die winzige Hunde ausführten, war mir verblüffend vertraut, obwohl ich noch nie dort gewesen war; später wurde mir klar, dass mir das so vorkam, weil viele Filme dort spielten.
Ericas Familie wohnte in einem eindrucksvollen Gebäude mit einer blauer Markise und einem älteren Doorman, der eine kühle, missbilligende Miene aufsetzte, die auch gut zu einem Torwächter vor einer der größeren Villen in Lahore gepasst hätte, wenn ich dort in einem kleinen, rostigen Auto vorgefahren wäre. Natürlich reagierte ich mit einem ebenso kalten und recht herrischen Ton – sorgfältig austariert, um ihm zu übermitteln, dass ich gekränkt war, es aber unter meiner Würde fand, es ihm zu sagen –, als ich ihm den Zweck meines Kommens nannte. Das hatte die erwünschte Wirkung; er telefonierte sofort, um zu erfragen, ob ich durchgelassen werden sollte, und geleitete mich – mit dem Bescheid, dass alles seine Richtigkeit habe – persönlich zum Fahrstuhl. Er wies mich an, die Taste fürs Penthouse zu drücken, ein Begriff, der für mich mit Luxus und – ja, ich gestehe es – auch mit Pornografie verbunden war. Daher traf ich in einem Zustand gesteigerter Erwartungen an Ericas Wohnungstür ein, die sich öffnete, noch bevor ich Gelegenheit hatte zu klopfen.
Erica empfing mich mit einem Lächeln; ihre gebräunte Haut leuchtete vor Gesundheit. Ich hatte vergessen, wie umwerfend sie aussah, und als wir, wegen des schmalen Eingangs, so dicht beieinanderstanden, musste ich den Blick senken. »Wow«, sagte sie und strich mit den Fingerspitzen über die Stickereien auf meiner Kurta. »Du siehst toll aus.« Ich erwiderte, dass auch sie toll aussehe, was stimmte, obwohl sie ein kurzes Mighty-Mouse-T-Shirt trug und sich allem Anschein nach nicht ganz so sehr wie ich mit Fragen der Kleiderwahl beschäftigt hatte. Sie sagte, sie wolle mir etwas zeigen, und ich folgte ihr in ihr Zimmer. Es war ungefähr doppelt so groß wie mein Studio und enthielt Kartons mit Uni-Büchern, einen Schreibtisch mit einem Computer und einem Laserdrucker, ein riesiges Bett, auf dem Kleider herumlagen, und einen Sandsack, der an einer Kette von der Decke herabhing; kurz, es wirkte bewohnt, wie ein Zimmer, das man schon sein ganzes Leben hatte.
Mich beschlich ein eigenartiges Gefühl; ich fühlte mich zu Hause. Das kam vielleicht daher, dass ich davor in einer Phase des Übergangs gelebt hatte – von einem Zimmer im Wohnheim zum andern gezogen war – und mich nach dem beständigen Leben meiner Vergangenheit sehnte; vielleicht auch, weil ich meine Familie und die Annehmlichkeiten eines Familiensitzes vermisste, wo Generationen zusammenblieben, statt jeder für sich in einem atomisierten Zustand altersbedingter Trennung; vielleicht auch, weil ein geräumiges Zimmer in einer vornehmen Wohnung an der Upper East Side nach amerikanischen Begriffen die sozio-ökonomische Entsprechung eines geräumigen Zimmers in einem vornehmen Haus in Gulberg war, wie das, in dem ich aufgewachsen war. Was auch immer, ich musste lächeln, worauf Erica ihrerseits lächelte und ein schmales braunes Päckchen hochhielt.
»Es ist fertig«, sagte sie feierlich. Ich wartete darauf, dass sie mehr sagte, und als nichts kam, fragte ich: »Nämlich?« »Mein Manuskript«, sagte sie. »Morgen schicke ich es einem Agenten.« Ich nahm es ehrfürchtig und hielt es auf beiden flachen Händen. »Herzlichen Glückwunsch«, sagte ich und fügte, als ich merkte, dass es ziemlich leicht war, hinzu: »Ist das das ganze?« Sie nickte. »Es ist eher eine Novelle als ein Roman«, sagte sie. »Es lässt Raum für das Echo der Gedanken.« Ich drehte es um und betrachtete die Beschaffenheit des Päckchens: das Klebeband, mit dem es versiegelt war, die Delle in einer Ecke. »Bist du aufgeregt?«, fragte ich sie. »Weniger aufgeregt als verunsichert«, sagte sie. »Es ist, als wäre ich eine Auster. Ich hatte lange so ein spitzes Körnchen in mir, und ich habe versucht, es angenehmer zu machen, also habe ich es ganz allmählich in eine Perle verwandelt. Aber jetzt wird sie mir entnommen, und dabei merke ich, dass sie eine Lücke hinterlässt, weißt du, eine Delle in meinem Bauch, wo sie mal gesessen hat. Und deshalb möchte ich irgendwie noch ein bisschen länger daran festhalten.« »Warum tust du’s dann nicht?«, fragte ich und gab es ihr zurück. »Das habe ich schon«, sagte sie und lächelte wieder. »Es hat schon in diesem Umschlag gelegen, als wir in Griechenland waren.«
Ich fühlte mich geehrt und freute mich, dass sie mir das so anvertraute. Ich schaute ihr in die Augen, und zum ersten Mal fiel mir auf, dass dahinter etwas gebrochen war, wie ein feiner Riss in einem Diamanten, der erst sichtbar wird, wenn man ihn durch ein Vergrößerungsglas sieht, normalerweise aber von der Leuchtkraft des Steins überdeckt wird. Ich wollte wissen, was es war, was sie veranlasst hatte, die Perle zu schaffen, von der sie gesprochen hatte. Doch ich dachte, es sei anmaßend, sie danach zu fragen; bei derlei Dingen weiß jemand ganz genau, wann und wem gegenüber er etwas preisgeben will. Also versuchte ich, meinen Wunsch, sie zu verstehen, allein durch meine Miene auszudrücken, und sagte nichts weiter.
Als wir ihr Zimmer verließen, fiel mir eine Zeichnung an der Wand auf. Sie zeigte eine Tropeninsel mit einer Landebahn und einem steilen Vulkan unter einem Sturmhimmel; in den Krater des Vulkans schmiegte sich ein See mit einer weiteren, kleineren Insel darin – eine Insel auf einer Insel –, wunderbar geschützt und ruhig. »Was ist das?«, fragte ich. »Das hat Chris gemacht«, antwortete sie, »als wir acht oder neun waren. Einer seiner Tim-und-Struppi-Comics hat ihn dazu angeregt, Flug 714 nach Sydney.« »Das ist schön«, sagte ich. Sie nickte. »Ja«, sagte sie. »Seine Mutter hat es mir geschenkt, als sie seine Sachen ausräumte.« Ich betrachtete es noch ein wenig, fasziniert von der feinen Pinselführung. Mit seiner Detailgenauigkeit – wenn auch natürlich nicht seinem Stil oder Thema – erinnerte es mich an unsere Miniaturmalereien, wie man sie fände, wenn man sich hier um die Ecke ins Lahore Museum oder in die Staatliche Kunstakademie wagte.
Erica führte mich hinaus auf ihre Dachterrasse – ein privater Adlerhorst mit einem spektakulären Blick über Manhattan – und stellte mich ihren Eltern vor. Ihre Mutter saß an einer Tischtennisplatte, die mit vier Sets in den Ort unseres Abendessens verwandelt worden war; sie nahm meine Hand, sagte hallo und dann, noch immer meine Hand festhaltend, wohlwollend zu Erica: »Sehr nett.« »Benimm dich, Mom«, entgegnete Erica. Ihr Vater stand an einem Grill und legte Hamburger auf die Teller; seine Haltung machte deutlich, dass er ein bedeutender Mann in der Geschäftswelt war. Als wir uns zum Essen setzten, hob er eine Flasche Rotwein und sagte zu mir: »Trinken Sie?« »Er ist zweiundzwanzig«, sagte Ericas Mutter an meiner statt in einem Ton, als wollte sie sagen: Also trinkt er natürlich auch. »Einmal hat ein Pakistani für mich gearbeitet«, sagte Ericas Vater. »Der hat nie getrunken.« »Ich schon, Sir«, versicherte ich ihm. »Vielen Dank.«
Das scheint Sie zu verblüffen – und nicht zum ersten Mal. Vielleicht interpretieren Sie meinen Bart ganz falsch, den ich, das sollte ich wohl klarstellen, noch nicht hatte, als ich nach New York kam. Tatsächlich trinken viele Pakistani; das Alkoholverbot in unserem Land hat ungefähr die gleiche Wirkung wie das von Marihuana in Ihrem. Auch sind nicht alle unsere Trinker westlich gebildete Städter wie ich; unsere Zeitungen bringen regelmäßig Berichte über Dorfbewohner, die nach dem Verzehr von schlechtem Selbstgebranntem Zeug gestorben oder blind geworden sind. Ja, in unserer Lyrik und unseren Volksliedern nimmt der Rausch immer wieder die Rolle des Begünstigers von Liebe und spiritueller Aufklärung ein. Wie? Ob das keine Sünde ist? Doch, selbstverständlich – ebenso wie seines Nächsten Weibes zu begehren. Ich sehe, Sie lächeln; wir verstehen uns also.
Aber ich schweife ab. Ich wollte Ihnen von meinem ersten Essen mit Ericas Familie erzählen. Es war ein warmer Abend wie heute – der Sommer in New York ist wie der Frühling hier in Lahore. Eine Brise wehte, ebenfalls wie jetzt, und es lag der Duft gerösteten Fleischs darin, ganz ähnlich dem, der uns aus den vielen Straßenrestaurants hier auf dem Markt entgegenweht, die mit ihren Vorbereitungen fürs Abendessen beginnen. Der Rahmen war großartig, der Wein köstlich, die Burger saftig und unsere Unterhaltung zumeist recht angenehm. Erica wirkte glücklich darüber, dass ich da war, und ihre Heiterkeit steckte mich an.
Allerdings erinnere ich mich, dass ich mich einmal in der Unterhaltung ärgerte. Ericas Vater hatte mich gefragt, wie die Lage zu Hause sei, und ich hatte geantwortet, danke, ganz gut, worauf er fragte: »Aber die Wirtschaft bricht doch zusammen, nicht? Korruption, Diktatur, die Reichen leben wie die Fürsten, und alle anderen leiden. Anständige Leute, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich mag Pakistani. Aber die Elite hat das Land doch von vorn bis hinten ausgeplündert, oder? Und der Fundamentalismus. Mit dem habt ihr doch ernste Probleme.«
Ich merkte, wie ich innerlich rebellierte. Was er gesagt hatte, war eigentlich nicht zu beanstanden, und es war ja auch eine durchaus kenntnisreiche Zusammenfassung, ganz wie die Kurznachrichten auf der Titelseite des Wall Street Journal, das ich kurz davor zu lesen begonnen hatte. Aber sein Ton – dieser, verzeihen Sie bitte, typisch amerikanische herablassende Unterton – berührte mich unangenehm, und nur aus Höflichkeit beschränkte ich meine Antwort auf: »Ja, es gibt Herausforderungen, Sir, aber meine Familie ist dort, und ich kann Ihnen versichern, dass es so schlimm nicht ist.«
Zum Glück verlief das Essen ohne weitere Zwischenfälle. Anschließend fuhren Erica und ich mit dem Taxi nach Chelsea, wo eine Freundin, die Tochter des Inhabers einer Galerie für zeitgenössische Kunst, sie zur Eröffnungsparty einer Vernissage eingeladen hatte. Ich hörte den Fahrer an seinem Handy auf Punjabi schwatzen und wusste daher, dass er Pakistani war. Normalerweise hätte ich ihn begrüßt, aber an dem Abend tat ich es nicht. Erica beobachtete mich mit beträchtlicher Neugier; schließlich meinte sie: »Hoffentlich bist du nicht mehr sauer über das, was mein Dad gesagt hat.« »Sauer?«, antwortete ich. »Natürlich nicht. Nicht im Mindesten.« Sie lachte. »Du bist ein miserabler Lügner«, sagte sie. »Du bist empfindlich in Bezug auf deine Herkunft. Das sieht man dir sofort an.« »Dann entschuldige ich mich dafür«, sagte ich. »Ich hatte nicht das Recht, unhöflich zu sein.« »Du bist nie unhöflich«, sagte sie lächelnd, »und ich finde es gut, wenn man manchmal empfindlich ist. Das bedeutet, dass einem etwas wichtig ist.«
Wir stiegen in der West 24th Street aus. Ich bestand darauf, das Taxi zu bezahlen, dann führte Erica mich an der Hand in ein wenig eindrucksvolles Gebäude, einen heruntergekommenen postindustriellen Klotz. Beim Eintreten hörte ich Musik, die lauter wurde, je höher wir die Treppe hinaufkamen, bis wir schließlich eine Feuertür aufstießen und in Lärm eintauchten. Die Galerie war ein riesiger Raum, weiß, mit klaren Linien und minimalistischer Ausstattung; auf den leeren Köpfen von Schaufensterpuppen leuchteten Videoprojektionen von Gesichtern. Ich erkannte, dass ich in eine Insiderwelt eingeführt wurde – das schicke Herz der Stadt –, zu der ich sonst keinen Zugang gehabt hätte. Wir kamen an Models vorbei, an alten, gebräunten Männern, Künstlern in schrillen Outfits; ich war froh, dass ich meine Kurta angezogen hatte.
Erica stand bald im Mittelpunkt eines Kreises von Freunden, von denen ich noch keinem zuvor begegnet war. Ich beobachtete, wie es die Menschen zu ihr hinzog, es erinnerte mich an unseren Griechenlandurlaub, an die Anziehungskraft, die sie auf unsere Gruppe ausgeübt hatte. Doch diesmal war es anders; jetzt war sie mit mir da, und sie sorgte dafür – durch einen Blick, ein angebotenes Getränk, ihre Hand an meinem Ellbogen –, dass wir den ganzen Abend verbunden blieben. Als sie mich dann Stunden später auf die Wange küsste, während ich ihr die Tür des Taxis aufhielt, mit dem sie allein nach Hause fuhr, war es mir, als hätten wir einen vertrauten Abend zusammen verbracht, auch wenn wir auf der Party wenig miteinander gesprochen hatten. Vielleicht empfand sie es genauso, denn im selben Moment sagte sie »Danke«. Das überraschte mich; ich dachte, ich müsste mich bei ihr bedanken, aber dafür hatte ich keine Zeit mehr, denn sie zog die Tür zu, und weg war sie.
In den folgenden Wochen lud sie mich mehrmals zu Veranstaltungen ein. Aber anders als beim ersten Abend – als wir in ihrem Zimmer und im Taxi zusammen waren – waren wir nie wieder allein. Wir gingen in einen kleinen Musikclub in der Lower East Side, ein französisches Restaurant im Schlachthofviertel, zu einer Loft-Party in TriBeCa, aber immer in der Gesellschaft anderer. Oft ertappte ich mich dabei, wie ich Erica beobachtete, wenn sie im Kreis ihrer Bekannten irgendwo stand oder saß. In solchen Augenblicken wirkte sie häufig in sich gekehrt; es war, als gestattete ihr deren Anwesenheit, sich in sich zurückzuziehen, einen halben Schritt nach innen zu tun. Sie erinnerte mich an ein Kind, das nur bei offener Tür und angeschaltetem Licht schlafen konnte.
Manchmal merkte sie, dass ich sie ansah, dann lächelte sie mich an, als hätte ich ihr – jedenfalls bildete ich es mir ein – einen Schal um die Schultern gelegt, nachdem sie von einem Spaziergang in der Kälte zurückgekommen war. Bei solchen Unternehmungen wechselten wir nur Nettigkeiten, und dennoch fand ich, dass unsere Beziehung sich vertiefte. Am Ende des Abends küsste sie mich dann auf die Wange, und ich hatte den Eindruck, als verweilten ihre Lippen jedes Mal ein klein wenig länger darauf, bis ihre Küsse so lange währten, dass ich einen Hauch von ihrem Duft einfing und spürte, wie weich das Grübchen an ihrem Mundwinkel war.
Am Wochenende vor meiner Abreise nach Manila wurde meine Geduld belohnt; Erica fragte mich, ob ich zu einem Picknick im Central Park mitkommen wolle, und ich fand heraus, dass niemand sonst dabei sein würde. Es war einer jener wunderschönen New Yorker Nachmittage Ende Juli, wenn eine steife Brise vom Atlantik die Bäume anschwellen lässt und die Wolken über den Himmel jagen. Sie kennen das gut? Ja, genau; die Schwüle verschwindet, und die Stadt füllt ihre Lungen mit kühlerer Salzluft. Erica trug einen Strohhut und hatte einen Korb mit Wein, frisch gebackenem Brot, Aufschnitt, diversen Sorten Käse und Trauben dabei – eine köstliche und für mich ziemlich raffinierte Zusammenstellung.
Wir lagen im Gras, plauderten und aßen. »Machen die Leute in Lahore auch Picknicks?«, fragte sie mich. »Im Sommer weniger«, sagte ich. »Jedenfalls nicht, wenn sie es sich aussuchen können. Dafür ist die Sonne zu stark, und diejenigen, die draußen sitzen, drängen sich im Schatten.« »Dann ist dir das jetzt bestimmt ganz fremd«, sagte sie. »Nein«, antwortete ich, »es erinnert mich sogar daran, wie meine Familie nach Nathia Galli fuhr, in die Ausläufer des Himalaya. Dort aßen wir oft im Freien – mit Tee und Gurkensandwiches vom Hotel.« Sie lächelte über das Bild, verlor sich dann in Gedanken und schwieg.
»Das habe ich lange nicht mehr gemacht«, sagte sie nach einer Weile. »Chris und ich waren oft hier im Park. Wir hatten diesen Korb dabei und lasen dann stundenlang oder lagen einfach nur herum.« »Und als er dann tot war«, fragte ich, »bist du da nicht mehr hergekommen?« »Ich habe«, antwortete sie, wobei sie ein Gänseblümchen abzupfte, »eine Menge Sachen nicht mehr gemacht. Eine Zeitlang habe ich mit niemandem mehr geredet. Nichts mehr gegessen. Ich musste ins Krankenhaus. Dort sagten sie, ich solle nicht so viel daran denken, und gaben mir Medikamente. Meine Mom musste ein Vierteljahr mit der Arbeit aussetzen, weil ich nicht allein sein konnte. Aber das behielten wir für uns, und im September war ich dann wieder in Princeton.«
Mehr sagte sie nicht dazu, und sie sagte es mit normaler, wenn auch leiser Stimme. Aber wieder sah ich dabei – nun noch deutlicher als zuvor – den Riss in ihr; er weckte in mir eine beinahe familiäre Zärtlichkeit. Als wir zum Gehen aufstanden, bot ich ihr meinen Arm, und lächelnd hakte sie sich ein. Dann marschierten wir los und ließen den Central Park hinter uns. Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie kühl und glatt sich ihre Haut auf meiner anfühlte. Nie zuvor hatten wir über einen so langen Zeitraum Hautkontakt gehabt; der Eindruck, dass ihr Körper, der doch einer so Verwundeten gehörte, so stark war, hallte noch lange in mir nach. Noch Wochen später, in meinem Hotelzimmer in Manila, wachte ich manchmal auf und meinte, ein Geist hätte mich berührt.
Na, so ein Pech! Die Lichter sind ausgegangen. Aber Sie müssen doch nicht gleich aufspringen. Nur keine Angst, Sir; ich habe Ihnen ja schon gesagt, dass in Pakistan Stromschwankungen und -ausfälle üblich sind. Jetzt reagieren Sie aber unnötig heftig, so dunkel ist es auch wieder nicht. Der Himmel über uns ist noch immer leicht gefärbt, und ich kann Sie ganz deutlich sehen, wie Sie da stehen mit der Hand im Jackett. Ich versichere Ihnen: Niemand wird versuchen, Ihnen die Brieftasche zu stehlen. Für eine Stadt dieser Größe gibt es in Lahore erstaunlich wenig Kleinkriminalität. Setzen Sie sich doch wieder, ich bitte Sie, oder wollen Sie mich zwingen, ebenfalls aufzustehen? Denn ich finde es ungehörig, sitzen zu bleiben, wenn mein Gast sich unbehaglich fühlt.
Ah, sie sind wieder an! Gott sei Dank. Es war lediglich eine kurze Störung. Und Sie – springen auf wie eine Maus, über der plötzlich der Schatten eines Falken schwebt! Ich würde Ihnen gern einen Whiskey anbieten, um Ihre Nerven zu beruhigen, wenn ich nur könnte. Einen Jack Daniel’s vielleicht? Sie lächeln; da bin ich wohl auf etwas gestoßen, für das Sie eine Schwäche haben. Leider sind alle Getränke auf diesem Markt, deren Ursprung man in Ihr Land zurückverfolgen könnte, kohlensäurehaltige Limonaden. Das ginge auch? Dann rufe ich sofort unseren Kellner.