Irgendetwas, Sir, muss an unserem Kellner sein, das Sie weiterhin beunruhigt. Ich gebe zu, er ist ein einschüchternder Bursche, größer noch als Sie. Doch die Härte seines wettergegerbten Gesichts lässt sich leicht erklären: Er stammt aus unserem gebirgigen Nordwesten, wo das Leben alles andere als einfach ist. Und falls Sie meinen, er habe eine Abneigung gegen Sie, so möchte ich Sie bitten, darüber hinwegzusehen; das Gebiet seines Stammes erstreckt sich zu beiden Seiten unserer Grenze mit dem benachbarten Afghanistan, und er hat unter den Offensiven gelitten, die Ihre Landsleute durchgeführt haben.
Ob er betet, fragen Sie? Nein, Sir, keineswegs! Was er da aufsagt – rhythmisch, formelhaft, aus dem Gedächtnis und aus diesem Grund in der Tat einem Gebet nicht unähnlich –, ist in Wirklichkeit der Versuch, unsere Speisefolge zu übermitteln, ganz so, wie man in Ihrem Land die Tagesgerichte gesagt bekommt. Hier gibt es natürlich keine Tagesgerichte; das hervorragende Haus, dessen Gäste wir heute Abend sind, bereitet aller Wahrscheinlichkeit nach seit vielen Jahren immer die gleichen Gerichte zu. Ich könnte es Ihnen übersetzen, aber vielleicht ist es besser, wenn ich ein paar Köstlichkeiten auswähle, die wir beide uns dann teilen. Wollen Sie mir diese Ehre gewähren? Vielen Dank. So, schon erledigt, und weg ist er.
Ich hatte Ihnen von meiner Unruhe in der Nacht erzählt, als ich schließlich mit Erica schlief – eine Nacht, die, hätten wir eine normalere Beziehung gehabt, eine große Freude hätte sein sollen. Sie ging noch vor Tagesanbruch. Schreckte aus dem Schlaf hoch und wollte trotz meiner Bitten, doch zu bleiben, unbedingt nach Hause. Erneut verging eine ganze Weile, bis ich wieder von ihr hörte; meine Anrufe wurden nicht entgegengenommen, meine Nachrichten nicht beantwortet. Ich hatte meine Lektion gelernt und unterließ weitere Bemühungen, Kontakt mit ihr aufzunehmen. Doch nachdem zwei Wochen verstrichen waren, versuchte ich es erneut und wurde mit einer Antwort belohnt. Sie entschuldigte sich wie zuvor, dass sie auf diese Weise verschwunden sei, sagte, sie halte es für das Beste, vielleicht für sie, aber ganz gewiss für mich, wenn wir versuchten, einander nicht zu oft zu sehen, und sie entsprach meiner Bitte um ein Treffen. »Aber komm zu mir«, sagte sie, »mir ist nicht nach Weggehen.«
An Ericas Wöhnungstür begrüßte mich ihre Mutter; sie geleitete mich in ein Vorzimmer – in dem zwischen antikem Zierrat auch ein Bonsai und ein Cembalo standen – und sagte: »Ich glaube, wir sollten uns einmal unterhalten. Erica hat Ihnen ihre Geschichte erzählt, oder?« Ich nickte. »Nun, ihr Zustand hat sich wieder verschlechtert. Es ist ernst. Im Moment braucht sie Stabilität. Keine Gefühlsaufwallungen, Sie verstehen? Sie sind ein netter junger Mann, und ich weiß, dass Sie ihr etwas bedeuten. Aber Sie müssen einsehen, dass sie im Augenblick krank ist. Sie braucht einen Freund, einen platonischen.« Sie schaute mich flehend an. »Ich verstehe, Madam«, sagte ich. »Ich will tun, was Ihrer Meinung nach das Beste für sie ist.« »Danke«, sagte sie. Dann lächelte sie und fügte hinzu: »Man versteht sofort, warum sie Sie mag.«
Dieses Gespräch hinterließ einen tiefen Eindruck auf mich, weniger das, was sie sagte – auch wenn mich diese düstere Charakterisierung von Ericas Zustand bestürzte –, sondern vielmehr, wie sie es sagte; die Tonlage von Ericas Mutter war stille Verzweiflung, und das machte mir Angst. Zögernd betrat ich Ericas Zimmer und versuchte mich dagegen zu wappnen, was dort auf mich zukommen würde. Und das war zunächst nicht sonderlich beängstigend: Erica lag auf dem Bett, blass, ja, als hätte sie Fieber, und ihre Haare waren seit einiger Zeit nicht mehr gewaschen worden, doch sie schien guter Laune zu sein. Sie klopfte auf den Platz neben sich und bot mir, als ich mich setzte, ihre Stirn zum Kuss.
Wir unterhielten uns eine Weile, als wäre nichts Ungewöhnliches geschehen und als begegneten wir uns unter völlig normalen Umständen. Ich erzählte ihr von meinem Projekt in New Jersey – von der negativen Reaktion der Angestellten der Kabelfirma auf unsere Anwesenheit, von Jims Ratschlägen – und von den alltäglichen Begebenheiten in meinem Leben, seit sie mich zuletzt gesehen hatte. Sie erzählte mir von ihrem Arzt und ihren Medikamenten, wie sie es ihr erschwerten, sich zu konzentrieren, und wie ihr die Tage so dahingingen, ohne dass sich etwas ereignete. Angesichts der entspannten Art, mit der sie das beschrieb, hätte man es einem Beobachter nachsehen können, wenn er ihren Zustand für nicht ernst gehalten und sie auf dem Wege der Besserung gesehen hätte – bis ich sie nach ihrem Roman fragte.
Sogleich bedauerte ich es. Ihre Augen begannen umherzuschweifen, und ihre Stimme wurde weniger sicher: »Irgendwie kann ich nicht daran arbeiten«, sagte sie. »Jedes Mal, wenn ich es versuche, rege ich mich nur auf. Und die Anrufe meines Agenten habe ich gar nicht entgegengenommen. Der Ärmste. Bestimmt hält er mich für verrückt.« Ich bemerkte, man wisse ja von Autoren, dass sie exzentrisch seien, daher sei es unwahrscheinlich, dass ihr Agent besonders beunruhigt sei, dann wollte ich das Thema wechseln, doch sie ließ es nicht zu. »Es hilft mir nicht mehr«, sagte sie. »Es hat mir immer geholfen, das Schreiben, wenn etwas rausmusste, was in mir festsaß. Aber ich krieg’s nicht mehr raus. Es zieht mich hinein, verstehst du? Ich grüble darüber nach, statt darüber zu schreiben.« Ich versuchte die Frage zu unterdrücken, was mit es gemeint sei – ob ich glaubte, es würde sie aufwühlen oder vielmehr mich, weiß ich jetzt nicht mehr –, aber ich schaffte es nicht. »Es geht darum, ob noch etwas übrig ist«, erklärte sie, plötzlich beunruhigend gefasst, »oder ob alles schon passiert ist.«
Wie kann ich Ihnen beschreiben, Sir, wie sehr ihre Worte mich mit Sorge erfüllten? Sie wandte den Blick ab, und ich sah, wie sie sich in sich zurückzog. Ich legte meine Hand neben ihre in der Hoffnung, sie, wie schon zahllose Male zuvor, aus ihren Gedanken zu locken. Ich sah, wie unsere Haut – meine gesund und braun, ihre ein fahles Weiß – durch eine Entfernung, nicht größer als die Breite eines Verlobungsrings, getrennt war, doch sie nahm mich gar nicht wahr. Ich wartete, dass meine Nähe sich ihr mitteilte; so verging eine Minute. Dann zog sie ihre Hand weg und legte sie, ohne auch nur in meine Richtung zu schauen, über die andere in ihren Schoß.
Als kurz darauf Ericas Mutter hereinkam, hatte ich nicht das Gefühl, dass sie etwas unterbräche. Nein, sie verhinderte keineswegs die Fortsetzung eines Gesprächs zwischen ihrer Tochter und mir, sie beendete lediglich meine Störung eines Gesprächs, das Erica mit Chris führte – eines Gesprächs, das auf einer Ebene stattfand, die ich nicht erreichen oder auch nur richtig erkennen konnte. Erica winkte mir zum Abschied, als ich ihr Zimmer verließ, doch sie tat es mit abgewandtem Gesicht, so dass ich ihrem Blick nicht begegnen konnte. Ihre Mutter dankte mir, dass ich gekommen war, und bat mich, mit einem Besuch zu warten, bis Erica sich von selbst meldete. Und damit und mit einem sanften Kuss auf die Wange schloss sie die Fahrstuhltür vor mir, und ich fuhr den Schacht hinab, allein.
Ich kehrte in meine Wohnung zurück und verbrachte die Nacht im Halbdunkel, im Schein der Stadtlichter, der durch meine Fenster hereindrang, und ich fragte mich, so wie ich mich noch Monate später fragte – ja, manchmal noch bis zum heutigen Tag –, wo Ericas Reise hinging. Ich habe nie erfahren, was ihren Verfall auslöste – war es das Trauma des Angriffs auf ihre Stadt? Dass sie ihr Buch auf der Suche nach einem Agenten herumschickte? Waren es die Echos, die unsere gemeinsame Nacht in ihr auslöste? Alles zusammen? Nichts davon? –, aber ich glaube, ich wusste schon damals, dass sie in eine machtvolle Nostalgie verschwand und nur sie selbst bestimmen konnte, ob sie daraus wieder zurückkehrte.
Denn es war klar, dass Erica etwas brauchte, das ich – selbst wenn ich einwilligte, die Rolle eines Mannes zu spielen, der ich nicht war – ihr nicht geben konnte. Sehr wahrscheinlich sehnte sie sich nach ihrer Adoleszenz mit Chris, nach der Zeit, bevor sein Krebs ihr Unbeständigkeit und Sterblichkeit bewusst machte. Vielleicht war die Wirklichkeit ihrer gemeinsamen Zeit tatsächlich so wunderbar gewesen, wie sie sie mir mehr als einmal beschrieben hatte. Vielleicht war ihre Vergangenheit auch desto stärker, weil sie nur in ihrer Vorstellung existierte. Ich wusste nicht, ob ich an die Wahrheit ihrer Liebe glaubte; sie war eben eine Religion, die mich als Bekehrten nicht akzeptierte. Aber ich wusste, dass sie daran glaubte, und ich empfand mich als klein, weil ich ihr nichts von vergleichbarer Pracht bieten konnte.
In dem Jahr sah ich Erica nicht mehr. Thanksgiving wich bald der Dezemberkälte, und jede Woche – jeden Tag – überlegte ich, ob ich sie anrufen sollte, hielt mich aber immer zurück. Ihre Mutter hatte mich ja gebeten, dem Drang zu widerstehen, und vermutlich dachte ich, wenn ich mich ihr in ihrem inneren Kampf aufdrängte, würde ihr das nur schaden. Doch muss ich zugeben, dass meine Motive nicht ausschließlich edel waren; in mir waren mindestens noch Spuren des Zorns und der verletzten Eitelkeit, die den verschmähten Liebhaber kennzeichnen, und diese unwürdigen Empfindungen halfen mir, Abstand zu wahren. Dennoch sorgte ich mich weiter um Ericas Wohlergehen – und verharrte auch in einer gewissen, wahrscheinlich irrationalen Hoffnung –, weshalb die ständige Aufgabe, mich jeglicher Kommunikation zu enthalten, dem Kampf eines Mannes ähnelte, der versucht, sich von einer Sucht zu befreien.
Vielleicht lag es ja an meinem Gemütszustand, aber es schien mir, dass sich zu jener Zeit auch Amerika zunehmend einer gefährlichen Nostalgie ergab. Die Fahnen und Uniformen, die Generäle, die in Kommandozentralen in Kameras sprachen, die Schlagzeilen der Zeitungen mit Begriffen wie Pflicht und Ehre, das alles hatte etwas unbestreitbar Rückwärtsgewandtes. Ich hatte Amerika immer als eine Nation gesehen, die nach vorn schaute; zum ersten Mal fiel mir nun seine Entschlossenheit auf, zurückzuschauen. Das Leben in New York war auf einmal wie in einem Film über den Zweiten Weltkrieg; ich als Ausländer blickte nun auf ein Set, das nicht in Technicolor, sondern in einem grobkörnigen Schwarzweiß betrachtet werden sollte. Wonach sich Ihre Landsleute sehnten, war mir nicht ganz klar – nach einer Zeit unbestrittener Herrschaft? Der Sicherheit? Moralischer Gewissheit? Ich wusste es nicht –, aber dass sie sich danach drängten, die Kostüme einer anderen Ära anzulegen, war offensichtlich. Ich kam mir wie ein Verräter vor, weil ich mich fragte, ob diese Ära fiktiv war und ob sie – wenn sie denn tatsächlich belebt werden konnte – auch eine Rolle bereithielt, die für einen wie mich geschrieben war.
Aber was ist das? Ah, Ihr ungewöhnliches Telefon, das um Ihre Aufmerksamkeit piepst. Nein, Sir, es macht mir nicht das Mindeste aus; tippen Sie ruhig Ihre Antwort. Mir fällt auf, dass Sie mit der Präzision einer alten Kirchenglocke kontaktiert werden, womit ich meine, immer genau zur vollen Stunde – kontrolliert Sie etwa Ihre Firma? Nein, nein, Sie brauchen nichts zu erwidern. Nun, da Ihre Antwort abgeschickt ist, wollen Sie nicht einen Blick auf den Grill werfen, auf den gerade eben unsere entbeinten Hühnerteile zum Rösten gelegt werden? Sehen Sie nur die Funken, wie sie zornig und rot von der Kohle stieben, wenn unser Koch die Flamme anfacht. Ist doch schön anzusehen, oder? Und gleich – da, riechen Sie es? – zieht ein Aroma vorüber, bei dem Ihnen bestimmt das Wasser im Mund zusammenläuft.
Ich hatte Ihnen von der Nostalgie erzählt, die sich zu Beginn des letzten Winters, den ich in Ihrem Land verbringen sollte, in meiner Umgebung so stark ausbreitete. Aber ein rühmliches Bollwerk widerstand diesem Eindruck nach wie vor: Underwood Samson, das mich von früh bis spät ausfüllte und – als Einrichtung – überhaupt nicht nostalgisch war. Bei der Arbeit verfolgten wir die Aufgabe, die Zukunft ohne große Rücksicht auf die Vergangenheit zu gestalten, und meine eigene Effektivität wuchs weiterhin in dem Maße, wie ich mich in das Projekt bei der Kabelfirma vertiefte, wobei ich hoffte, die vielen Sorgen, die mich bedrückten, wenn ich meinen Gedanken freien Lauf lassen konnte, dabei hinter mir zu lassen.
Vermutlich war ich beim Streben nach den Fundamentals nie besser als da; ich analysierte Daten, als hinge mein Leben davon ab. Unser Kredo legte den größten Wert auf maximale Produktivität, und ein solches Kredo war für mich doppelt beruhigend, weil es in Zeiten großer Unsicherheit quantifizierbar – und daher fassbar – war und weil es von der Möglichkeit eines Fortschritts nach wie vor absolut überzeugt war, während andere sich nach einer Art klassischer Periode sehnten, die schon längst vergangen war, wenn es sie überhaupt jemals gegeben hatte. Ich nahm eine Veränderung in meiner Haltung gegenüber den Kollegen wahr, ein größeres Verständnis dafür, was sie veranlasste, sich so total auf ihr Berufsleben zu konzentrieren, und vielleicht lag es daran, dass es eine Zeitlang so aussah, als gehe es mit meiner Beliebtheit im Büro bergauf.
Doch selbst bei Underwood Samson entkam ich der wachsenden Bedeutung des Begriffs Stamm nicht vollständig. Einmal, ich ging zu meinem Mietwagen auf dem Parkplatz der Kabelfirma, trat ein mir unbekannter Mann an mich heran. Er machte eine Reihe unverständlicher Geräusche – vielleicht »acbala-malachala« oder »chalapal-cha-lapala« – und kam mit dem Gesicht erschreckend nahe an meines. Ich drehte ihm meine Seite zu und hob die Hände auf Schulterhöhe, dachte, er sei verrückt oder betrunken oder wolle mich vielleicht ausrauben, weswegen ich mich darauf einstellte, mich zu verteidigen oder zuzuschlagen. In dem Moment erschien ein weiterer Mann, auch er starrte mich finster an, fasste aber seinen Freund am Arm und zog ihn fort, wobei er sagte, es lohne sich nicht. Widerstrebend ließ sich der erste wegführen. »Scheißaraber«, sagte er.
Ich bin natürlich kein Araber. Auch bin ich von Natur aus nicht besonders streitlustig. Doch da pochte mir das Blut in den Schläfen, und ich rief ihm nach: »Sag’s mir ins Gesicht, du Feigling, und nicht, während du davonläufst.« Er blieb stehen. Ich schloss den Kofferraum auf und holte einen Schraubenschlüssel heraus; das kalte Metall seines Schafts lag hungrig in meiner Hand, und in dem Augenblick fühlte ich mich vollkommen in der Lage, ihn mit entsprechender Wucht zu schwingen, um meinem Gegenüber den Schädel einzuschlagen. Ein paar mörderische Sekunden lang standen wir starr da, dann wurde mein Widersacher weitergezerrt, und er verschwand, einen Schwall Obszönitäten ausstoßend. Als ich im Wagen saß, zitterten mir die Hände; in den Trikots der verschiedenen Mannschaften, in denen ich gespielt habe, hatte ich durchaus den einen oder anderen Kampf ausgefochten, doch diese Begegnung war von einer Intensität, wie ich sie noch nicht erlebt hatte, und es dauerte einige Minuten, bis ich mich wieder für fahrtauglich hielt.
Wie er aussah, fragen Sie? Nun, Sir, er ... hm, wie seltsam! Ich kann mich an keine Besonderheiten des Mannes mehr erinnern, sein Alter oder seine Statur, ehrlich gesagt, kann ich mich überhaupt nicht mehr an viele Einzelheiten der Ereignisse erinnern, von denen ich Ihnen berichtet habe. Aber entscheidend ist ja auch der Kern der Sache, denn schließlich erzähle ich Ihnen ja eine Geschichte, und da kommt es, wie Sie mir als Amerikaner beipflichten werden, vor allem auf den Tenor dessen an, was man erzählt, nicht auf Detailgenauigkeit. Dennoch kann ich Ihnen versichern, dass alles, was ich Ihnen bisher erzählt habe, sich im Grunde mehr oder weniger so ereignet hat, wie ich es Ihnen geschildert habe.
Aber wir wollen uns nicht ablenken lassen. Einige Tage nach dem Vorfall auf dem Parkplatz – gegen Ende unseres Projekts bei der Kabelfirma – fuhr ich wieder einmal mit Jim nach Manhattan zurück. Es war spät, und wir waren beide hungrig; als ich ihn absetzte, schlug er vor, uns bei sich zwei Tunfischsteaks zu braten. Seine Wohnung war nicht, wie man hätte erwarten können, in einem jener konservativen Gebäude in der Upper East Side mit livriertem Doorman, sondern in TriBeCa. Es war ein 360 Quadratmeter großes Loft im obersten Stock eines nichtssagenden Gebäudes in der Duane Street. Als ich es nun zum ersten Mal betrat, war ich beeindruckt, wie modisch es war, wie viel Wert augenscheinlich auf Design gelegt wurde. Nicht dass es vollgestellt oder gar in irgendeiner Weise feminin gewesen wäre, nein, wenn überhaupt, war es ganz minimalistisch, mit Zementfußböden und Röhren, die sichtbar unter der Decke verliefen. Aber jedes Möbelstück wirkte sorgfältig ausgewählt, entsprechend beleuchtet und aufgestellt, und an den Wänden hingen eindrucksvolle, kraftvolle Kunstwerke, darunter, wie mir auffiel, eine nicht unbeträchtliche Anzahl nackter Männer.
Jim krempelte sich die Ärmel hoch und fragte, während der Fisch brutzelte, was mir auf der Seele liege. Ich saß auf einem Hocker, von ihm getrennt durch die Bar seiner offenen Küche, die auch als Essfläche fungierte. »Nichts weiter«, sagte ich. »Ist Ihre Familie nicht zu Hause?« Sichtlich amüsiert wandte er sich mir zu und sagte: »Ich bin nicht verheiratet.« »Ach, keine Kinder?« »Keine Kinder«, bestätigte er. »Aber Sie weichen meiner Frage aus.« »Wie meinen Sie das?«, fragte ich. »Sie sind in letzter Zeit nicht mehr Sie selbst«, sagte er, »etwas beschäftigt Sie. Etwas nagt an Ihnen. Müsste ich raten, würde ich sagen, es ist Ihre pakistanische Seite. Es bedrückt Sie, was auf der Welt vor sich geht.« »Nein, nein«, sagte ich und schüttelte den Kopf, um jeden Verdacht zu zerstreuen, dass meine Loyalität so geteilt sein könnte. »Zu Hause sind sie ein bisschen beunruhigt, aber das gibt sich wieder.« Er schien nicht überzeugt. »Ist mit Ihrer Familie alles klar?«, fragte er. »Ja«, sagte ich, »danke.« »Na gut«, sagte er, »aber wie ich schon erwähnte, ich weiß, wie es ist, Außenseiter zu sein. Wenn Sie also mal jemanden zum Reden brauchen, sagen Sie Bescheid.«
Ich verließ Jims Wohnung in der Hoffnung, ihn von der Fährte abgelenkt zu haben. Dennoch erschreckte es mich, wie durchschaubar ich offensichtlich war; Jim war ein besonders aufmerksamer Beobachter, aber wenn meine inneren Konflikte für ihn sichtbar waren, dann waren sie es vielleicht auch für andere. Ich hatte von Diskriminierungen gehört, denen Muslime in der Geschäftswelt zunehmend ausgesetzt waren – Geschichten von widerrufenen Stellenangeboten und grundlosen Entlassungen –, und ich wollte meine Stellung bei Underwood Samson nicht gefährden. Zudem wusste ich, dass unsere Firma, wie auch weite Teile unserer Industrie, infolge der Angriffe vom September einen starken Auftragsrückgang zu verzeichnen hatten, und Wainwright hatte mir von einem Gerücht erzählt, dass Personalstreichungen bevorstünden.
Unser Projekt bei der Kabelfirma kam zu einem guten Ende – in dem Sinne, dass wir erhebliche Kostenersparnisse ausmachten und unser Klient über die Gründlichkeit unserer Bewertung erfreut war –, aber am Tag meiner Dezemberprüfung war ich ein nervöser junger Mann. Wie sich herausstellte, hätte ich mir keine Sorgen zu machen brauchen. Zwei der sechs Analysten aus meiner Eingangsklasse – diejenigen an fünfter und sechster Stelle – gehörten tatsächlich zu den Angestellten, die unsere Firma gehen ließ. Ich dagegen war, wie Jim mir mitteilte, wieder die Nummer eins; man verlieh mir sogar eine anteilige Prämie, die nach den Maßstäben unseres Berufsstands zwar nicht üppig, aber angesichts der zu erwartenden mageren Zeiten doch recht großzügig ausgefallen war. Sie befähigte mich, meine ausstehenden Studiendarlehen voll zurückzuzahlen und auch noch ein paar Tausender beiseitezulegen. Ich hätte eigentlich bester Stimmung sein sollen, doch zu Beginn der Woche hatten Bewaffnete das indische Parlament überfallen, und statt mein Glück zu feiern, war ich damit konfrontiert, dass mein Land möglicherweise bald im Krieg stand.
Meine Mutter sagte, ich solle nicht kommen, mein Vater im Wesentlichen dasselbe. Doch mithilfe eines Tickethändlers in der Seventh Avenue und weil ich mir plötzlich die Business-Plus-Klasse der PIA leisten konnte, flog ich zu genau der Zeit Lahore entgegen, da die New Yorker noch in letzter Minute Geschenke kaufen und man Paare sieht, die sich auf der Straße küssen und dabei hübsche kleine Büsche in ihre Wohnung schleifen, um sie dort als Weihnachtsbaum aufzustellen. Im Flugzeug saß ich neben einem Mann, der sich – sehr zu meinem Missfallen – die Schuhe auszog und, nachdem er im Gang gebetet hatte, sagte, die nukleare Auslöschung werde sich nicht vermeiden lassen, wenn sie Gottes Wille sei, allerdings sei Gottes Wille in dieser Angelegenheit noch unbekannt. Er lächelte mich freundlich an, und ich vermutete, dass er diese Bemerkung machte, um mich zu beruhigen.
Und nun, Sir, ist es Zeit zu essen! Zu Ihrer eigenen Sicherheit würde ich Ihnen vorschlagen, den Joghurt und das gehackte Gemüse da zu meiden. Wie? Nein, ganz und gar nicht, das war nicht böse gemeint, aber es könnte doch sein, dass Ihr Magen ungekochte Speisen nicht verträgt. Wenn Sie darauf bestehen, gehe ich sogar so weit, von jeder einzelnen dieser Platten erst selbst zu kosten, um Ihnen zu versichern, dass Sie nichts zu befürchten haben. Hier. Ein Stück warmes Brot, einfach so – ah, frisch aus dem Tonofen –, und ich fange an.