11

Eigenartig, wie sich der Charakter eines öffentlichen Raums verändert, wenn er leer ist; der verlassene Freizeitpark, die dichtgemachte Oper, das leere Hotel: Im Film sind das häufig Orte für Geschehnisse, die Angst machen sollen. So verhält es sich auch bei diesem Markt: Jetzt, da nur noch sporadisch und verstreut einige wenige Besucher zu sehen sind, hat er doch etwas Bedrohliches angenommen. Vielleicht hat es auch etwas mit dem bewölkten Himmel über uns zu tun, durch den man hin und wieder ein Stückchen Mond sieht, vielleicht sind es die dunkler werdenden Schatten in dem Labyrinth der Gassen, die sich von hier in alle Richtungen stehlen, aber ich meine, dass es viel mehr unsere Einsamkeit ist, die uns verstört, dass wir allein sind, und das mitten im Herzen einer Großstadt. Ah! Da, Sir, riechen Sie es: das Aroma von Staub in dem warmen Wind? Das ist der Geruch der Wüste im Süden, ein Geruch, der, begegneten wir ihm in Ihrer Heimat, aller Wahrscheinlichkeit nach ankündigen würde, dass gleich ein trostloser Distelstrauch über diese matt erhellte Bühne rollt.

Auch wenn die Atmosphäre, die mich auf meinem Flug von Santiago nach New York umgab, genau das Gegenteil war – die Kabine war hell und nahezu voll –, war ich in Gedanken bei einer Szenerie gleich jener, in der Sie und ich uns eben jetzt befinden. Ja, meine Grübeleien waren wahrlich düster. Ich sinnierte, dass ich mich immer über die Art und Weise geärgert hatte, wie Amerika sich in der Welt aufführte; die ständige Einmischung Ihres Landes in die Angelegenheiten anderer war unerträglich. Vietnam, Korea, die Straße von Taiwan, der Nahe Osten und nun Afghanistan; in jedem dieser großen Konflikte und Konfrontationen, die meinen Mutterkontinent Asien umringten, spielte Amerika eine zentrale Rolle. Überdies wusste ich als Pakistani aus Erfahrung – von wechselnden Perioden amerikanischer Hilfsleistungen und Sanktionen –, dass Geld ein wesentliches Mittel war, mit dem das amerikanische Reich seine Macht ausübte. Es war richtig, dass ich mich weigerte, länger daran Anteil zu haben, dieses Projekt der Herrschaft zu befördern; das einzige Überraschende dabei war, dass ich so viel Zeit benötigt hatte, zu meiner Entscheidung zu gelangen.

Ich beschloss, mich nach meiner Rückkehr nach New York mit dem Blick des ehemaligen Janitscharen umzusehen, was heißen soll, mit den analytischen Augen eines Menschen, der ein Produkt von Princeton und Underwood Samson war, jedoch unbehindert von den diversen Zwängen des Akademikers und Beraters, sich vornehmlich auf einzelne Teile zu fokussieren, und daher frei, Ihre Gesellschaft auch als Ganzes zu betrachten. Mit diesem Blick fiel mir auf, wie traditionell Ihr Reich sich darstellte. Bewaffnete Wachen besetzten den Kontrollpunkt, an dem ich einreisen wollte; da ich einer verdächtigen Rasse angehörte, wurde ich herausgebeten und einer zusätzlichen Überprüfung unterzogen. Als ich dann eingelassen war, mietete ich einen Wagenlenker aus einer Klasse Leibeigener, der die erforderlichen Zulassungen fehlten, um sich legal hier aufzuhalten, und die daher gezwungen war, eine Arbeit gegen geringeren Lohn anzunehmen; ich selbst war so etwas wie ein vertraglich gebundener Diener, dessen Bleiberecht von dem fortgesetzten Wohlwollen meines Arbeitgebers abhing. Danke, Juan-Bautista, dachte ich, als ich mich ins Bett legte, dass du mir geholfen hast, den Schleier wegzureißen, hinter dem das alles verborgen lag!

Doch ich muss in einem eigenartigen Gefühlszustand gewesen sein, einer quasihypnotischen Benommenheit, denn als ich am Morgen aufwachte, empfand ich etwas völlig Anderes. Nun traf mich das riesige Ausmaß dessen, was ich im Begriff stand aufzugeben. Wo sonst konnte ich – ohne Geld und Familienkontakte und in so jungen Jahren – auf ein derart stattliches Einkommen hoffen? Würde ich diese Stadt der Chancen mit ihrer magischen Dynamik und Hochspannung nicht vermissen? Was war mit meiner Pflicht Erica oder vielmehr mir selbst gegenüber, die daraus erwuchs, dass ich sie begehrte? Und wie würde ich Jim gegenübertreten?

Wenn Sie, Sir, jemals das Ende einer großen Liebesbeziehung durchgemacht haben, werden Sie vielleicht verstehen, was ich damals empfand. In solchen Situationen gibt es gemeinhin einen Augenblick der Leidenschaft, in dem das Undenkbare gesagt wird; dem folgt ein Gefühl der Euphorie, endlich frei zu sein, die Welt erscheint frisch, als sähe man sie zum ersten Mal; dann kommt die unvermeidliche Phase des Zweifelns, der Reue, des verzweifelten und aussichtslosen Zurückruderns, und erst später, wenn die Emotionen nachgelassen haben, kann man die Reise, die man hinter sich gebracht hat, mit Gleichmut betrachten. Bei mir kamen Zweifel und Reue recht schnell, was – nach meiner Erfahrung mit unserer Spezies – häufig geschieht, und als ich in die U-Bahn stieg, um mich bei Underwood Samson zum Dienst zu melden, befand ich mich in einem Schockzustand ähnlich dem, der einen befällt, wenn man sich das Knie schlimm verdreht hat, aber noch keinen Schmerz spürt.

Nicht dass ich überzeugt war, einen Fehler begangen zu haben; nein, ich war lediglich nicht überzeugt davon, keinen begangen zu haben. Mit anderen Worten, ich war verwirrt. Dennoch nötigte mich mein Stolz, mir die unerwartete Trauer möglichst nicht anmerken zu lassen. Ich gestattete meinem Blick nicht, auf dem eindrucksvollen Empfangsraum zu verweilen – der mich jetzt eher an die schimmernde Fassade eines erhabenen und exklusiven Tempels erinnerte –, oder auf der spektakulären Aussicht aus unseren Fenstern, ich gestattete mir nicht, eine Schachtel mit meinen Visitenkarten einzustecken, dem elegant gedruckten Beweis dafür, dass ich einstmals unter Hunderten ausgewählt worden war, hier sein zu dürfen. Ich ließ mich einfach von den beiden Sicherheitsleuten dirigieren, die links und rechts von mir standen und zusahen, wie ich eine begrenzte Menge eindeutig persönlicher Besitztümer in einen kleinen Pappkarton packte, und mich dann zur Personalabteilung zu meinem Entlassungsgespräch begleiteten.

Das war überraschend kurz – hart, beängstigend förmlich, jedoch ohne gegenseitige Vorwürfe –, und als die erforderlichen Formulare unterzeichnet und die Daten der leistungsrelevanten Merkmale beisammen waren, sagte man mir, Jim wolle mich noch sprechen. Er trug einen dunklen Anzug und eine dunkle Krawatte – Trauerkleidung, wie ich fand –, und er sah aus, als hätte er zu wenig geschlafen. »Da haben Sie uns ja ganz schön angeschissen, mein Junge«, sagte er. »Ja, stimmt«, antwortete ich. »Es tut mir leid.« »Ich halte nicht sehr viel von Mitgefühl am Arbeitsplatz«, fuhr er fort. »Ich habe keinen Augenblick gezögert, Sie zu feuern. Ja, ich wünschte, ich hätte es schon vor einem Monat getan und uns die Kopfschmerzen erspart, die Sie uns in Valparaiso bereitet haben. Aber«, er machte eine Pause, »ich sage Ihnen auch Folgendes. Ich mag Sie, Changez. Ich verstehe, dass Sie in einer Krise stecken. Sollten Sie je einen Menschen brauchen, bei dem Sie sich etwas von der Seele reden wollen, dann rufen Sie mich an, und wir trinken ein Bier zusammen.« Ich bekam einen Kloß in den Hals; ich konnte nicht antworten. Ich nickte langsam, eine Geste, die einer Verbeugung nicht unähnlich war.

Nachdem ich Jims Büro verlassen hatte, wurde ich zu den Fahrstühlen geleitet. Ich merkte, wie tief das Misstrauen war, das ich während dieser wenigen vergangenen, von Bart und Groll geprägten Wochen bei meinen Kollegen geweckt hatte; nur Wainwright kam, um mir die Hand zu schütteln und sich zu verabschieden, die anderen betrachteten mich, wenn überhaupt, mit offenkundiger Beklommenheit und, in manchen Fällen, einer Furcht, die eher angebracht gewesen wäre, wenn ich wegen eines Mordkomplotts gegen sie verurteilt worden wäre und nicht nur in einem laufenden Projekt meinen Posten verlassen hätte. Die Wachleute wichen mir erst von der Seite, als ich außerhalb des Gebäudes war, und erst da gestattete ich mir, mir mit dem Handrücken über die Augen zu wischen, denn sie hatten ein wenig getränt.

Sie müssen bedenken, dass ich erst zweiundzwanzig und dies meine erste richtige Arbeit gewesen war; in einem solchen Alter und einer solchen Lage haben Ereignisse ein emotionales Echo, das vielleicht übertrieben ist. Jedenfalls war mir, als wäre eine Welt untergegangen – was ja auch so war, und ich ging zu Fuß zum East Village. Es war vermutlich ein ziemlich merkwürdiger Anblick – ein aufgewühlter, behaarter Pakistani, der einen unbeschrifteten Karton mitten durch Manhattan trug –, aber ich erinnere mich nicht, böse Kommentare von Passanten gehört zu haben. Ich war allerdings auch zu sehr mit mir selbst beschäftigt, um sie zu bemerken.

In meiner Wohnung goss ich mir einen Whiskey ein und saß gedankenverloren da. Es war noch früh – noch nicht Mittag –, also beschloss ich, meine Familie anzurufen. Mein Bruder ging dran. Er habe das Geld erhalten, das ich ihm geschickt hatte, sagte er, und die Atbeiter hätten schon unsere verrotteten Röhren freigelegt. Bis morgen sollten sie ersetzt sein. Ich sagte ihm, ich hätte mich entschieden, nach Lahore zurückzukommen. Er versuchte, mich davon abzubringen, die Spannungen mit Indien nähmen zu. Er sei unlängst in Islamabad gewesen, sagte er, Frauen und Kinder von ausländischen Botschaftsangehörigen und Mitarbeitern von NGOs verließen schon das Land. Ich erklärte ihm, ich hätte keine Wahl; »Sie haben mich gefeuert«, sagte ich, »und bald wird mein Visum ungültig.« Er sagte, natürlich werde die Familie sich um mich kümmern. Ich sagte nicht, dass ich gehofft hätte, ich würde derjenige sein, der sich um sie kümmerte, und nachdem wir aufgelegt hatten, trank ich noch eine Weile weiter.

Aber Ihr Glas, Sir, ist nun schon seit geraumer Zeit leer. Soll ich die Rechnung kommen lassen? Ein kurzer Wink reicht, sehen Sie, da kommt er schon. Wie viel, fragen Sie? Da machen Sie sich mal keine Sorgen; Sie sind hier mein Gast, das – es ist ja nur ein kleiner Betrag – übernehme ich. Sie möchten die Hälfte bezahlen? Auf gar keinen Fall, außerdem bezahlen wir hier alles oder nichts. Sie haben mich daran erinnert, wie fremdartig ich das Konzept fand, dass Bekannte sich eine Rechnung teilen, als ich noch neu in Ihrem Land war. Ich bin dazu erzogen worden, in solchen Dingen gegenseitige Großzügigkeit über mathematische Präzision zu stellen; mit der Zeit gelangt man bei beidem zu einem ausgewogenen Verhältnis.

Allerdings hatte man mich nicht in der Etikette unterwiesen, wie man am besten mit einer Geliebten in Kontakt tritt, die sich in eine Heilanstalt zurückgezogen hat, und so schwankte ich, ob ich Erica eine Mail schreiben oder sie persönlich besuchen sollte. Schließlich wurde mir die Entscheidung abgenommen. Ich schickte ihr eine Mail, doch sie kam zurück mit dem Vermerk, sie könne nicht gesendet werden, weil der Posteingang voll sei, also mietete ich mir ein Auto und erschien unangemeldet in dem Heim. Am Empfang sagte man mir, Besucher ohne Einladung seien nicht willkommen – man könne mir nicht einmal bestätigen, ob Erica überhaupt da sei –, doch gerade als man mich auffordern wollte zu gehen, sah ich die Schwester, die ich bei meinem früheren Besuch kennengelernt hatte, und bat sie, ein gutes Wort für mich einzulegen.

»Ich rede mit ihm«, sagte sie zu der Frau am Empfang und nahm mich beiseite. Sie wirkte verstört und meinte, ich solle mich setzen. »Was wissen Sie?«, fragte sie mich. »Was ich weiß?«, fragte ich. »Worüber?« »Es tut mir sehr leid«, sagte sie. »Erica ist nicht mehr da.« Ich fragte sie, was genau sie mit nicht mehr da meine, und die Schwester erklärte es mir. Erica war zwei Wochen zuvor verschwunden, und zwar kurz nachdem ich sie zuletzt gesehen hatte. Sie war anfangs nicht gern allein gewesen im Heim und hatte Stunden mit den Schwestern, den Beratern und den anderen Patientinnen verbracht, besonders aber mit der Schwester, mit der ich jetzt sprach. Doch gegen Ende ihres Aufenthalts war sie immer häufiger ohne Begleitung umhergestreift, bis sie eines Tages fortgegangen und nicht mehr zurückgekommen war. Man hatte ihre Kleider dann auf einem Felsvorsprung mit Blick über den Hudson gefunden, säuberlich zusammengelegt und übereinandergestapelt.

»Wollen Sie mir damit sagen, dass sie sich umgebracht hat?«, fragte ich. »Man hat ihre Leiche nicht gefunden«, sagte die Schwester, »und sie hat auch keine Nachricht hinterlassen. Im Grunde gilt sie als vermisst. Aber sie hatte sich von allen verabschiedet.« Ich fragte sie, ob sie mir die Stelle zeigen könne, von der aus Erica möglicherweise gesprungen sei, worauf sie mich über das Gelände führte, bis wir dort standen. Es war ein schöner Ort, um Selbstmord zu begehen, um dort zwischen den schneebestäubten Koniferen hinauszulaufen, sich von dem Granit abzustoßen und durch die Luft zu segeln, während man zum anderen Ufer des mächtigen Flusses blickte, wo aus dem Kamin eines Häuschens Rauch aufstieg, um dann in den eisigen Strom darunter zu stürzen. Aber ich konnte mir Ericas blassen, nackten Körper auf dieser Flugbahn nicht vorstellen.

Und so fuhr ich in die Stadt zurück, direkt zu ihrer Wohnung. Ericas Mutter trug kein Make-up; mir fiel auf, dass ihre Augenbrauen so fein waren, dass sie fast nicht existierten. Ich erklärte ihr, ich käme gerade von dem Heim, fragte, ob sie von Erica gehört habe. Ihre Mutter starrte mich an, als hätte ich sie grundlos geschlagen. »Nein«, sagte sie, nachdem sie sich wieder gefasst hatte, mit müder Stimme, »leider nicht.« »Sie sollen wissen«, sagte ich, »dass ich alles tun werde, um Sie zu unterstützen.« »Danke«, sagte sie und bat mich herein. Sie erzählte mir, dass die Notdienste weiterhin nach Erica Ausschau hielten und in den Lokalzeitungen regelmäßig Anzeigen geschaltet seien, darüber hinaus könne man wenig tun. Wir versuchten, über Belanglosigkeiten zu reden, doch das erwies sich als schwierig. Als sie fragte, wie es mir gehe, sagte ich, ich sei gerade gefeuert worden, und als ich ihr dieselbe Frage stellte, brachte sie nur ein mattes Lächeln zustande, deshalb saßen wir zumeist schweigend da. Doch bevor ich ging, tat sie zwei Dinge, vermutlich aus Freundlichkeit: Zum einen sagte sie, Erica habe erwähnt, dass sie mich mit meinem neuen Bart ziemlich flott gefunden habe, und dann gab sie mir noch eine Kopie von Ericas Manuskript. »Vielleicht«, sagte ihre Mutter, »möchten Sie es ja gern lesen.«

Über eine Woche lang tat ich es nicht; es lag unberührt auf meinem Fernseher. Während dieser Zeit wartete ich auf ein Zeichen von Erica – eine Mail, einen Anruf, dass mein Summer Laut gab –, doch es kam keines mehr. Ich streifte durch die Stadt und besuchte noch einmal die Orte, zu denen sie mich mitgenommen hatte. Ob ich dachte, ich würde sie dort vielleicht sehen oder noch etwas von uns, weiß ich jetzt nicht mehr. Einige dieser Orte – wie die Galerie in Chelsea, die wir an unserem ersten Abend besucht hatten – konnte ich nicht mehr finden, sie waren verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Andere, wie die Stelle im Central Park, wo wir gepicknickt hatten, waren leicht ausfindig zu machen, schienen aber verändert. Vielleicht lag das am Wechsel der Jahreszeiten, vielleicht wat es aber auch das Wesen der Stadt, unbeständig zu sein.

Ich erinnerte mich an Erica im September, es war noch der Beginn unserer Beziehung, unmittelbar nach den Angriffen auf das World Trade Center. Obwohl traditionellerweise mit dem Ende des Sommers und dem bevorstehenden Beginn des Herbstes assoziiert, war dieser Monat für mich schon immer einer des Aufbruchs gewesen, eine Art Frühling – wahrscheinlich, weil er den Beginn des akademischen Jahrs einläutet. Im September war ich in mein Leben in New York eingetaucht, voller Optimismus der Dinge harrend, die da kamen. Eines Abends ging ich mit Erica über den Union Square, wo wir einen Leuchtkäfer sahen. »Schau nur!«, sagte sie erstaunt, »er versucht, mit den Gebäuden zu wetteifern.« Und tatsächlich: Ein winziges grünliches Glimmen, das von ganz nah zu sehen war, aber schon aus geringer Entfernung von der Leuchtkraft der Stadt erstickt wurde. Wir schauten ihm nach, wie er über die 14th Street Richtung Süden verschwand. Erica stand vor mir, mit dem Rücken an meiner Brust, und ich legte die Arme um sie, die Hände auf ihrem Bauch. Es war eine vertraute Geste – wie die eines werdenden Vaters bei seiner schwangeren Frau –, und sie lehnte sich an mich. Noch jetzt erinnere mich, wie sich beim Atmen ihre Muskeln bewegten. Ein Taxi raste vorbei, und wir verloren den Leuchtkäfer aus den Augen. »Glaubst du, er hat es geschafft?«, fragte sie mich. »Keine Ahnung«, sagte ich, »aber ich hoffe es.«

Solche Erinnerungen beschäftigten mich in den Tagen nach ihrem Verschwinden von morgens bis abends und drangen wohl auch in meine Träume; sie waren in jener Zeit meine einzige Form des Kontakts mit ihr. Aber endlich las ich auch das Manuskript, das ihre Mutter mir gegeben hatte. Ich muss gestehen, ich hatte Angst davor – als könnte es das letzte Mal sein, dass ich Ericas Stimme hörte –, und mir war bang, was die Stimme wohl sagen würde. Doch ihr Roman hatte nichts gequält Autobiografisches. Es war einfach eine Abenteuergeschichte über ein Mädchen auf einer Insel, das lernt irgendwie zurechtzukommen. Die Geschichte war voller Hoffnung, und obwohl sie zumeist recht sparsam war, verweilte sie doch immer wieder auch bei kleinen Details: der Struktur der Schale einer herabgefallenen Frucht beispielsweise oder den hin und her zuckenden Fühlern von Krebsen in einem Bach.

In den Rhythmen oder Klängen dessen, was sie geschrieben hatte, konnte ich Erica nicht wiederfinden; es erschien wie ein Fehler, gab mir keine Hinweise. Es war so zielgerichtet, so entschieden, genau das zu sein, was es war, dass ich verblüfft war. Aber auch tief berührt. Als ich das Manuskript niederlegte, tat ich es ohne jede Überzeugung, dass Erica lebte oder tot war. Doch ich hatte begriffen, dass sie sich entschieden hatte, nicht Teil meiner Geschichte zu sein; ihre eigene hatte sich als zu zwingend erwiesen, und sie folgte ihr – zu jenem Zeitpunkt und auf ihre Weise – bis zu ihrem Ende, gelangte durch Orte, die unerreichbar für mich waren. Ich erkannte, dass mir keine andere Wahl blieb, als mit meinen Vorbereitungen zur Abreise fortzufahren.

Ich würde gern sagen können, dass meine letzten Tage in New York in einem Zustand abgeklärter Ruhe vergingen; nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Ich war ein wirrer, rührseliger Wahnsinniger, der Wutanfälle bekam und in Depressionen verfiel. Manchmal lag ich im Bett, dachte im Kreis, stellte mir immerzu dieselben Fragen, warum und wohin Erica gegangen war; manchmal lief ich durch die Straßen, mein Bart eine stolze Provokation, suchte Ärger mit jedem, der so verwegen war, mich gegen ihn aufzubringen. Verletzungen gab es überall; die Rhetorik, die zu dem Zeitpunkt der Geschichte aus Ihrem Land zu hören war – nicht nur von der Regierung, sondern auch von den Medien und vermeintlich kritischen Journalisten –, lieferte prompte und beständige Nahrung für meinen Zorn.

Damals schien es mir – und es scheint mir noch heute so zu sein –, dass Amerika nur eine Pose einnahm. Als Gesellschaft waren Sie und Ihresgleichen nicht bereit, über den geteilten Schmerz nachzudenken, der sie mit denjenigen verband, die sie angriffen hatten. Sie zogen sich in die Mythen ihres Andersseins zurück, in die Anmaßung ihrer Überlegenheit. Und diese Überzeugungen agierten sie auf der Weltbühne aus, so dass der ganze Planet von den Rückwirkungen ihrer Wutanfälle erschüttert wurde, nicht zuletzt auch meine Familie, der nun Tausende Meilen entfernt ein Krieg drohte. Ein solches Amerika musste nicht nur im Interesse der übrigen Menschheit gestoppt werden, sondern auch in seinem eigenen.

Also beschloss ich, es zu tun, so gut ich konnte. Aber erst musste ich ausreisen. An einem frischen, klaren Nachmittag, einem Nachmittag, der mich an meine Fahrt zu dem Heim und den Blick von dem Felsvorsprung über dem Hudson erinnerte, fuhr ich zum JFK. Ich stellte mir vor, wie Erica sich auszog und dann, nachdem sie sich ihrer Vergangenheit entledigt hatte, durch den Wald ging, bis sie auf eine freundliche Frau traf, die sie aufnahm und ihr zu essen gab. Ich stellte mir vor, wie kalt ihr wohl bei diesem Gang war. Und so ließ ich mein Jackett als eine Art Gabe, als meine letzte Geste vor meiner Rückkehr nach Pakistan, am Straßenrand liegen, als Wärmewunsch für Erica – nicht so, wie man Blumen für die Toten hinterlässt, sondern vielmehr, wie man mit Rupien über die Lebenden streicht. Später sah ich durch die Fenster des Terminals, dass ich einen Sicherheitsalarm ausgelöst hatte, und ich schüttelte verzweifelt den Kopf.

Was genau ich getan habe, um Amerika zu stoppen, fragen Sie mich? Haben Sie wirklich keine Ahnung, Sir? Sie zögern – keine Angst, ich bin nicht so grob, Ihnen mit Gewalt eine Antwort zu entlocken. Ich will Ihnen sagen, was ich getan habe, auch wenn es nicht viel war, und ich fürchte, dass ich Ihren Erwartungen hier nicht gerecht werde. Aber erst wollen wir den Markt verlassen, denn die Läden werden schon heruntergelassen, und es lungern einige zwielichtige Gestalten herum. Wo wohnen Sie? Im Pearl Continental, sagen Sie? Ich begleite Sie hin. Nein, es ist nicht weit, und obwohl es dunkel ist und unser Weg um diese Zeit teilweise unbelebt, sollte uns nichts geschehen. Wie gesagt, Lahore ist, was die Kleinkriminalität angeht, recht sicher. Und außerdem haben wir beide zum Glück eine Statur und Erscheinung, die Raufbolde nachdenklich stimmt.

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