Kapitel 18

Am Mittwoch belebte sich das Beverly Wilshire, wie Ramsey prophezeit hatte, und Ramsey erschien mit einem Koffer voller Pläne. Wir würden auf Parties gehen. Wir würden die Stallungen besichtigen. Wir würden zu einem HollywoodGalaball gehen.

Die Organisatoren des Breeders’ Cup öffneten ihren Empfangsraum, und jeder, der mit den Rennen zu tun hatte, konnte dort Frühstück und Cocktails (auch Cocktails zum Frühstück) bekommen und über Pferde reden, oder Autos und Eintrittskarten besorgen und über Pferde reden, oder die Leute wiedertreffen, die er in Epsom und Longchamp getroffen hatte, und über Pferde reden. Kultivierte Leute in guten Anzügen und Seidenkleidern, Besitzer, deren Enthusiasmus den Sport förderte und finanzierte. Viele Dollars, viel Geschäft, viel Vergnügen.

Malcolm war davon begeistert. Ich auch. Das Leben auf vollen Touren. Freitag früh fuhren wir hinaus zur Rennbahn, um Blue Clancy in seinem Stall zu sehen, und beobachteten, wie er zu einem letzten Galopp vor dem großen Rennen aufs Geläuf ging. Sein englischer Trainer war bei ihm und sein englischer Pfleger. Es herrschte starke Erregung, große Unruhe. Die geordnete Betriebsamkeit des Stallebens, die Gerüche, die Flüche, der saftige Humor, der Stolz, die Zuneigung, die Eifersüchteleien, Ungerechtigkeiten, herben Enttäuschungen — auf der ganzen Welt das gleiche.

Blue Clancy sah prächtig aus, arbeitete gut, versetzte Malcolm und Ramsey in einen Freudentaumel.»Warten Sie bis morgen«, warnte der Trainer, der zusah, wie sie einander auf den Rücken klatschten.»Wir treten gegen die Besten der Welt an, vergessen Sie das nicht. Der Geheimtip ist ein Pferd aus Kalifornien.«

«Wieso Geheimtip?«wollte Malcolm wissen.

«Weil die Eingeweihten auf ihn setzen. Leute mit vertraulichen Informationen.«

Wen kümmert das! meinte Malcolm. Er konnte sich nicht erinnern, jemals in seinem Leben mehr Spaß gehabt zu haben — und ich führte seine Euphorie zumindest teilweise darauf zurück, daß er dieses Leben dreimal fast verloren hatte.

Zusammen mit tausend anderen fuhren wir auf den Ball, wenn auch nicht mit einer Zauberkutsche, sondern mit der Stretchlimousine; und in dem riesigen Tonstudio, das vor kurzem noch ein aufgeschnittenes Flugzeug zum Filmen von Kabinendramen beherbergt hatte, tanzte Malcolm mit mehreren Damen, die er seit zwei Tagen gut kannte. Er lachte unentwegt. Er wirkte ansteckend. Alles um ihn herum strahlte wie Nachtlichter, Trübsinn war ausgeschlossen.

Wir schliefen, frühstückten, fuhren zu den Rennen. Der Smog, der die ganze Woche lang die Berge verhüllt hatte, von denen alle schworen, daß sie jenseits der Bahn lagen, ließ nach, verflog und legte eine sonnenbeschienene Felsenkulisse frei, die dem Anlaß angemessen war. Über Nacht waren Eßtische in der Vereinstribüne aufgetaucht, und überarbeitete Kellner im Frack schleppten riesige Tabletts mit Speisen, schlängelten sich durch Massen von Rennplatznomaden, verloren dabei nie die Übersicht.

Es gab sieben Rennen im Breeders’ Cup; verschiedene Distanzen, Pferde verschiedener Altersgruppen. Die ersten fünf boten jeweils einen Gesamtgeldpreis (für den Ersten, Zweiten, Dritten und so weiter) von einer Million Dollar. Blue Clancys Rennen, das Turf über 2400 Meter, war mit zwei Millionen dotiert, und der Höhepunkt, das Breeders’ Cup Classic, mit drei. Man lief nicht für Kleingeld. Der Besitzer des Siegers von Blue Clancys Rennen würde persönlich um 629000 Dollar reicher werden; dafür konnte er wochenlang Bollinger trinken.

Wir jubelten die ersten fünf Sieger durchs Ziel. Wir gingen runter zu den Sattelboxen und ließen Blue Clancy bereitmachen. Wir gingen auf die Tribüne und kauten Nägel.

Fünf der sieben Rennen wurden auf dem Dirttrack gelaufen, zwei auf der Grasbahn, davon war dies das zweite, und auf Gras, dem satten Grün der Heimat, starteten die meisten europäischen Pferde. Blue Clancy trat gegen den Sieger des Derbys von Epsom, den» Arc de Triomphe«-Sieger und den Sieger des italienischen Derbys an. Auf dem Papier hatte er höchstens die Chance, Vierter zu werden. In Malcolms und Ramseys Augen war er der sichere Gewinner, ein Shoo-in. (Malcolm hatte den ortsüblichen Jargon gelernt.)

Blue Clancy kam sauber vom Start auf der anderen Seite der Bahn weg, und sein englischer Jockey hielt ihn die ganze Gegengerade hinunter abwartend auf dem sechsten Platz. Ramsey und Malcolm schauten durch Ferngläser und feuerten ihn leise an. Blue Clancy, der sie nicht hörte, ging in unverbesserter Position in den langen unteren Bogen des Linkskurses und lag auch noch an sechster Stelle, als das Feld den Dirttrack kreuzte und auf die Zielgerade bog. Malcolms Anfeuerungen wurden lauter.»Komm schon, du Klepper. Komm.«

Es gab keinen klar Führenden. Drei Pferde liefen vereint an der Spitze, gefolgt von einem Duo, dann Blue Clancy allein. Zuviel Arbeit, dachte ich — und der agile Hengst widerlegte mich prompt. Sein Jockey schwenkte ihn weit von den anderen weg, damit er freie Bahn hatte, und gab ihm unmißverständliche Zeichen, daß es jetzt darauf ankam, jetzt, in dieser halben Minute, wenn überhaupt.

Blue Clancy legte zu. Malcolm schrie, Ramsey war sprachlos. Blue Clancy an dritter Stelle, die Ränge tobten. Blue Clancy noch schneller, jetzt Zweiter. Malcolm still, mit offenem Mund, großen Augen. Das Unglaubliche geschah, ehrfurchterweckend, atemberaubend… und Blue Clancy hatte eindeutig, unzweifelhaft gesiegt.

Malcolms Augen waren wie von innen leuchtende Saphire. Er konnte noch immer nicht sprechen. Ramsey packte ihn beim Arm und zog ihn, und beide rannten, tanzten fast, schlängelten sich zwischen Bummlern hindurch nach unten, um ihren frischgebackenen Champion zu empfangen. Ich folgte ihnen staunend auf den Fersen. Manche Besitzer hatten immer Glück, andere nie, das war eine unbestreitbare Tatsache im Galopprennsport. Malcolms Glück war phänomenal. War es immer schon gewesen, bei allem, mit Ausnahme seiner Ehefrauen. Ich hätte vermutlich wissen müssen, daß es ihm auf der Rennbahn treu sein würde. König Midas hatte ihn berührt, und Blue Clancy war sein jüngstes Gold.

Ironisch fragte ich mich, was die Familie dazu sagen würde. Das Vermögen, das er für Pferde hinausgeworfen hatte, war schon wieder zurückgekommen: Blue Clancy war mindestens doppelt soviel wert wie vor dem Arc.

Chrysos, träumte ich mit offenen Augen, würde das Derby gewinnen. Der Kaulquappenfilm (tatsächlich war es einer über Haie, wie Malcolm mir gesagt hatte) würde in Cannes gewinnen. Der Pol Roger würde im Wert steigen. Alle würden einsehen, wie wichtig es war, die goldene Gans nicht umzubringen (falsches Geschlecht, na wennschon. Es war ein irrer Tag). Wir könnten nach Hause zurückkehren, würden herzlich empfangen und wüßten uns in Sicherheit.

Nur, daß es nicht so war. Zu Hause wartete eine unabschätzbare Gefahr auf uns, und es war lebenswichtig, daran zu denken und Pläne zu schmieden.

Ernüchtert wie immer von dem, was vor uns lag, ging ich trotzdem in glänzender Laune zu einer Rennparty und fuhr anschließend mit Malcolm zum Flughafen von Los Angeles, um durch die Nacht nach Australien zu fliegen. Die Party, die Leute kamen mit uns. Melbourne trug den Schwung weiter, da es seinem eigenen Cup entgegendrängte, der stets am ersten Dienstag im November stattfand. Alles, sagte man uns dort, war auf das Rennen ausgerichtet. Die Schule fiel aus, und die Geschäfte von Melbourne machten dicht. In der Lobby des Hyatt-Hotels, in dem wir abstiegen (Watson und Watson), tummelten sich Leute, die in Newmarket besser bekannt waren, und strahlten wie die Kinder, die schulfrei hatten.

Ramsey hatte sich im Hinblick auf die Reservierungen selbst übertroffen. Sogar um unsere Etage zu erreichen, mußten wir im Fahrstuhl einen besonderen Schlüssel benutzen, und oben gab es einen privaten Gesellschaftsraum für Cocktails und Frühstück (aber getrennt). Malcolm wußte es zu schätzen, stellte sich mühelos darauf ein, orderte Champagner, atmete Melbourner Luft und wurde sofort zum Australier.

Draußen auf der Rennbahn von Flemington (kein Schloß) gab es weniger Schick und Eleganz als in Santa Anita, genausoviel Begeisterung, sehr gutes Essen, einen viel besseren Führring. Malcolm fand die Rennen des Tages nicht so mitreißend wie in Paris oder Kalifornien, da ihm kein Teilnehmer gehörte. Er hatte versucht, das bei der Ankunft zu ändern, doch niemand wollte ein Tier der Spitzenklasse verkaufen, und darunter kam für ihn nichts in Frage. Statt dessen fing er an, systematisch zu wetten, aber nur in Zehnern, und wurde es unabhängig von Gewinn oder Verlust bald wieder leid. Ich ließ ihn und Ramsey in den Vereinsräumen zurück, wanderte wie in Paris ins Publikum hinunter und fragte mich, wie viele dieser Leute in Hemdsärmeln, T-Shirts und Karnevalshüten sich wohl mit widerspenstigen Problemen herumschlugen. Wenn die Show vorbei war, würde Malcolm unruhig werden und weiterziehen wollen, und ich war noch nicht soweit. Unter den schattigen Bäumen, umgeben von Bierdosen und lautstarkem Australisch, suchte ich nach der Lösung, die uns den wenigsten Kummer bereiten würde.

Es gab keinen wirklich schmerzlosen Ausweg. Kein Hinwegtäuschen oder Hinwegsehen über das, was Moira angetan worden war. Aber wenn jemand sich schuldig bekennen und sich auf verminderte Zurechnungsfähigkeit aufgrund psychischer Belastung berufen konnte, gab es vielleicht eine stille Verhandlung und für uns die Möglichkeit lebenslanger Besuche in einer Art Krankenhaus statt in einer strengen Haftanstalt. So oder so, auf jeden Fall standen uns Tränen bevor.

Obendrein mußte ich recht haben und mußte Malcolm einwandfrei davon überzeugen, daß ich recht hatte. Mußte die ganze Familie und auch die Polizei überzeugen, ohne daß mir ein Fehler unterlief. Mußte uns allen zuliebe einen Weg dahin finden, der friedlich und einfach war.

Ich verfolgte den Melbourne-Cup vom Boden aus, bekam also im Endeffekt nicht viel davon mit, da Tausende andere das gleiche machten. Andererseits war ich vorher und nachher näher an den Pferden, sah sie herumgehen und hörte die meist nicht schmeichelhaften Kommentare kundiger Drängler, die sich um mehr Sicht bemühten.

Die Teilnehmer des Melbourne-Cup waren älter und robuster als die Stars zu Hause. Manche waren acht oder neun. Alle traten viel öfter an, einmal die Woche war nicht ungewöhnlich. Der Favorit des heutigen Rennens hatte erst vor drei Tagen auf der Bahn gesiegt.

Sie starteten für einen Gesamtgeldpreis von einer Million australischen Dollars, wovon fünfundsechzig Prozent an den Sieger gingen, neben einem hübschen Goldpokal.

Da er dieses Jahr gehandikapt war, nahm ich an, daß Malcolm nächstes Jahr wiederkommen würde. Er hatte in Paris und Kalifornien einige der Besitzer kennengelernt, die jetzt im Führring standen, und ich konnte mir denken, welchen Neid er empfand. Niemand ist so leidenschaftlich wie ein Neubekehrter.

Als das Rennen schließlich lief, konnte ich wegen der Anfeuerungsrufe um mich herum die Ansage nicht hören, aber das spielte keine große Rolle: Der Sieger gehörte einem der internationalen Besitzer, und hinterher fand ich Malcolm, brütenden Blickes und in teure Gedanken versunken, am Absattelring.

«Nächstes Jahr«, sagte er.

«Du bist süchtig.«

Er stritt es nicht ab. Er und Ramsey klopften einander auf den Rücken, gaben sich die Hand und versprachen wie Blutsbrüder, sich regelmäßig auf jeder großen Rennbahn der Welt wiederzutreffen. Ramsey, der wuchtige Hersteller von Millionen Baseballmützen, hatte irgendwo unterwegs erfaßt, was» Metall «in Malcolms Sprachgebrauch eigentlich hieß, und aus den Kumpeln waren recht gute Freunde geworden, von denen keiner sich dem anderen überlegen fühlte.

Sie erwogen, noch in Australien zu bleiben, aber Ramsey war der Meinung, die Baseballmützen brauchten seinen Beistand. Malcolm schwankte, ob er ein paar Goldminen in Kalgoorlie besuchen sollte, entschied sich statt dessen aber für einen Goldmakler in Melbourne. Wir verbrachten den Abend des Melbourne-Cup bei einem Abschiedsdiner, und als Ramsey am nächsten Morgen abgereist war und uns in dem ruhigen Frühstückszimmer oben allein gelassen hatte, sah Malcolm mich an, als käme er zum erstenmal, seit wir aus England fort waren, zurück auf die Erde. Mit einem Anflug von Mutlosigkeit fragte er mich, wie lange er noch aus Sicherheitsgründen im Exil bleiben solle.

«Es hat dir doch gefallen«, sagte ich.

«Bei Gott, ja. «Die Erinnerung blitzte in seinen Augen.»Aber es ist nicht das wahre Leben. Wir müssen zurück. Ich weiß, daß ich vermieden habe, darüber zu reden, weil es einfach furchtbar ist. Ich weiß, daß du die ganze Zeit darüber nachgedacht hast. Das konnte ich dir ansehen.«

«Ich habe sie jetzt viel besser kennengelernt«, sagte ich,»meine Brüder und meine Schwestern. Du mußt wissen, ich hatte nicht gar so viel Interesse für sie, bevor Moira starb. Wir trafen uns natürlich hin und wieder, aber ich hatte weitgehend vergessen, wie wir als Kinder waren. «Ich legte eine Pause ein, doch er äußerte sich nicht dazu.»Seit die Bombe in Quantum hochgegangen ist«, sagte ich,»ist mir vieles aus der Vergangenheit wieder eingefallen. Ja, und dabei habe ich begriffen, wie die Gegenwart aus der Vergangenheit erwachsen ist. Wie meine Stiefschwestern und meine Stiefbrüder davon beeinflußt worden sind. Wie leicht die Menschen Lügen glauben, alte und neue. Wie zerstörerisch es ist, sich nach dem Unerreichbaren zu sehnen, mit allem anderen aber unzufrieden zu sein. Daß Zwangsvorstellungen nicht weggehen, sondern schlimmer werden.«

Er schwieg eine Weile, dann sagte er:»Traurig. «Mit einem Seufzer fuhr er fort:»Wieviel brauchen sie also? Wieviel soll ich ihnen geben? Ich halte nichts davon, aber ich sehe ein, daß es sein muß. Ihre Zwangsvorstellungen sind um so schlimmer geworden, je reicher ich geworden bin. Wäre das Geld nicht, hätten sie sich besser zurechtgefunden. Willst du das damit sagen?«

«Ja, zum Teil. «Es war nicht ganz das, was ich meinte; da es jedoch unverhofft eine erwünschte Reaktion hervorgerufen hatte, hielt ich den Mund.

«Na schön«, sagte er.»Ich habe einen verdammt guten Urlaub gehabt und bin in Spendierlaune, also stell eine Liste auf, wer wieviel bekommen soll.«

«Alle das gleiche«, sagte ich.

Er wollte widersprechen, seufzte aber nur.»Und was ist mit dir?«

«Weiß ich nicht. Das entscheiden wir später.«

«Ich dachte, du wolltest eine halbe Million, um als Trainer anzufangen.«

«Ich hab’s mir anders überlegt. Vorläufig jedenfalls. Ich will erst noch was anderes machen.«»Was denn?«

Ich zögerte. Ich hatte es mir noch kaum selbst eingestanden, geschweige denn jemand anderem erzählt.

«Na los«, drängte er.

«Jockey sein. Profi werden.«

«Guter Gott«, sagte er verblüfft.»Ist das nicht ein bißchen spät für dich?«

«Mag sein. Wir werden sehen. Mir bleiben vielleicht drei, vier Jahre. Besser, als wenn ich’s gar nicht versuche.«

«Du erstaunst mich. «Er dachte nach.»Genaugenommen erstaunst du mich andauernd, seit du nach Newmarket gekommen bist. Es scheint, ich habe dich vorher kaum gekannt.«

«So geht’s mir auch mit dir«, sagte ich,»und mit der ganzen Familie.«

Später am selben Tag traten wir die Heimreise an, die uns westwärts über Singapur führte. Malcolms Goldmakler flog zufällig zur gleichen Zeit hin, also tauschte ich im Flugzeug den Platz mit ihm und ließ die beiden über Dinge reden wie» Schlag-und-Dreh-Bohrungen, damit man einen ersten Eindruck bekommt «und» nötige Diamantbohrungen, um die Reserven genau einzuschätzen«, was sie stundenlang zu amüsieren schien.

Ich dachte inzwischen über Einladungen nach. Einladungen von der Art wie etwa Fleisch über einer Bärengrube. Die richtige Einladung würde den richtigen Besucher bringen. Das Problem bestand darin, die Einladung glaubhaft zu gestalten.

Eine Schwierigkeit dabei war die Zeit. Wenn wir England erreichten, würde Malcolm vier Wochen lang außer Gefahr gewesen sein und ich beinah drei. Wir waren in Sicherheit gewesen, und ich hatte Zeit zum Nachdenken gehabt: soweit die Vorteile. Der Nachteil war, daß seit Malcolms Überleben in der

Garage sechs Wochen vergangen waren und zehn seit Moiras Tod. Würde eine klassische Lockfalle nach einer so langen Zwischenzeit noch funktionieren? Es gab nur eins: versuchen und abwarten.

Malcolms Stimme sagte gerade:»… ein Abschnitt, der 5,8 Gramm pro Tonne enthält «und etwas später:»… Big Bell bereitet Oxid und faules Gestein auf «und:»… Queensland hat Zukunft durch die epithermalen Goldlager in Woolgar.«

Der Makler hörte zu und nickte und schien beeindruckt. Mein alter Herr, dachte ich, kennt sich wirklich aus. An einem Punkt unserer Reise hatte er mir eröffnet, daß es rund 2500 aktive Goldminen in Australien gab und daß es bald Kanada Konkurrenz machen oder sogar als Produzent übertreffen würde. Ich hatte nicht gewußt, daß Kanada groß in Gold war. Ich sei ungebildet, meinte er. Kanada habe bisher in der nichtkommunistischen Welt regelmäßig an zweiter Stelle hinter Südafrika rangiert.

Wir hatten voneinander in mehr als einer Hinsicht wohl ziemlich viel gelernt.

Ich würde jemand brauchen, der die Einladung überbrachte. Selbst konnte ich das nicht.

«Marktwert pro Unze…«:, hörte ich den Makler zwischendurch sagen und:»… in situ Reserven aufgrund geologischer Interpretation.«

Ich wußte, wer die Nachricht überbringen konnte. Der ideale Kandidat.

«Da Tagebau bloß zweihundert australische Dollar die Unze kostet.«

Prima für den Tagebau, dachte ich und nickte ein.

Wir verließen am Mittwoch den australischen Frühling und kamen am Freitag heim in den englischen Winter. Malcolm und ich kehrten als die beiden Mr. Watson ins Ritz zurück, und er versprach, daß er mit niemand telefonieren würde, nicht mal mit seinem Londoner Makler. Ich ging am Nachmittag einkaufen und verblüffte ihn dann im Brandy-und-Zigarren-Stadium später am Abend, indem ich Joyce anrief.

«Du sagtest doch…«, zischte er, als er ihre Stimme wie üblich förmlich aus dem Apparat springen hörte.

«Hör zu«, zischte ich zurück.»Hallo, Joyce.«

«Liebling! Wo steckst du? Was treibst du? Wo ist dein Vater?«

«In Australien«, sagte ich.

«Was?« kreischte sie.

«Goldminen besichtigen«, sagte ich.

Das klang ihr plausibel und würde ihnen allen plausibel erscheinen.

«Er war in Kalifornien, das stand in der Zeitung«, sagte sie.»Blue Clancy hat ein Rennen gewonnen.«

«Wir sind dann weiter nach Australien.«

«Wir? Ian, wo bist du jetzt?«

«Es spielt keine Rolle, wo ich bin«, sagte ich.»Damit wir gefahrlos nach Hause kommen können, müssen wir herausfinden, wer Moira umgebracht hat. Hilfst du uns dabei?«

«Aber Ian, die Polizei hängt da seit Wochen dran. und Ferdinand meint ohnehin, es müßte Arthur Bellbrook sein.«

«Es ist nicht Arthur Bellbrook«, sagte ich.

«Wieso nicht?«Sie hörte sich streitlustig an, wollte immer noch, daß es Arthur Bellbrook war, wollte, daß es der außenstehende Aggressor war.»Er hätte es ohne weiteres tun können. Ferdinand sagt, ihm wäre alles zuzutrauen. Er muß es sein. Er hat eine Schrotflinte, sagt Ferdinand.«

Ich sagte:»Arthur hat seine Flinte nicht benutzt. Aber wichtiger ist, er hätte nicht genau so eine Schaltuhr gebaut, wie wir sie als Kinder gebaut haben, und er hatte kein Motiv.«

«Er könnte Moira verabscheut haben.«

«Allerdings«, sagte ich,»aber weshalb sollte er Malcolm umbringen wollen, den er gut leiden kann? Ich habe sein Gesicht gesehen, als er an dem Morgen nach der Bombe sah, daß Malcolm noch lebt, und er war ehrlich froh.«

«Alle wollen, daß es Arthur Bellbrook ist«, sagte sie starrsinnig.»Er hat ihre Leiche gefunden.«

«Wenn die Polizei ihn für den Täter hielte, hätte sie Malcolm nicht so verdächtigt.«

«Du hast auf alles eine Antwort«, klagte sie.

Ich hatte selbst eine Zeitlang gewünscht, es wäre Arthur. Schließlich war da die Sache mit dem Zuchtgemüse vorgefallen (aber das schien er verwunden zu haben, und würde irgend jemand wegen solch einer Kleinigkeit morden?), auch war er Soldat gewesen und kannte sich vielleicht mit Sprengstoff aus. Aber durch Malcolms Tod hätte er mehr verloren als gewonnen, und es war undenkbar, daß er Malcolm in Cambridge aufspüren, ihm von dort zur Newmarketer Auktion folgen und versuchen würde, ihn zu überfahren. Das war ein Werk der Besessenheit. Arthur hatte friedlich Kartoffeln ausgegraben; Arthur hatte den zeitweiligen Ruhm genossen; Arthur hatte sich um die Hunde gekümmert. Arthur war die Verkörperung unerschütterlicher, vernünftiger Gemütsruhe.

Außerdem hatte derjenige, der Malcolm in Newmarket überfahren wollte, darauf gesetzt, daß Malcolm die Auktion mit mir gemeinsam verlassen und mit mir zum Parkplatz kommen würde, und zu dem Zeitpunkt hätte Arthur keinen Grund gehabt, das anzunehmen. Er kannte mich noch nicht. Er hatte mich erst kennengelernt, als er damals mit seiner Flinte ins Haus gekommen war, weil er annahm, ich sei ein Einbrecher. Ich hatte Arthur ausschließen müssen, wenn auch mit Bedauern.

Joyce sagte:»Liebling, wie willst du denn fertigbringen, was die Polizei nicht geschafft hat?«

«Die Polizei kann nicht alles, was wir können.«

«Was meinst du? Was können wir tun?«

Ich sagte es ihr. Malcolm hörte mit offenem Mund zu, und von Joyce kam ein langes Schweigen.

«Nur, damit wir uns verstehen«, sagte sie schließlich.»Du willst, daß ich jeden von der Familie anrufe…«

«Jeden«, betonte ich.»Bei den Verheirateten sagst du erst dem Bescheid, der sich meldet, dann verlangst du den Ehepartner und redest mit ihm.«

«Ja«, sagte sie.»Ich soll sagen, daß ihr beide in Australien seid, richtig?«

«Ja.«

«Sabbeln soll ich. Schreckliches Wort, wo hast du das bloß her? Ich soll das alles durchsickern lassen, als wäre es völlig ohne Bedeutung und mir nur grad so eingefallen? Schatz, du verlangst aber wohl nicht, daß ich Alicia anrufe?«

«Ganz besonders Alicia. Sag ihr, ich hätte dir erzählt, daß sie einen Freund hat. Da wird sie schön hochgehen.«

«Ian, das ist nicht dein Ernst!«

«Frag sie. Und. ehm, weißt du, ob die Polizei Quantum noch bewacht?«

«Sie sagten Donald, wenn er Dauerposten haben wollte, müßte er jetzt selbst welche anstellen. Niemand in der Familie will dafür aufkommen, also steht es jetzt anscheinend nur auf der Gelegenheitsüberwachungsliste der Polizei.«

«Ist sonst was Besonderes in der Familie passiert, seit wir fort sind?«

«Nein, nichts Neues. Daß Thomas Berenice verlassen hat, weißt du?«»Ja… Ist er noch bei Lucy?«

«Ich glaube schon, Ian. Soll ich ihm auch Bescheid sagen?«

«Kann nichts schaden.«

«Ich soll unter einem Vorwand bei ihnen anrufen, ein bißchen klatschen, und dann soll ich sagen, daß es mich zwar wenig interessiert, wer Moira umgebracht hat, daß aber meiner Ansicht nach die Polizei nicht gründlich war. Die haben überhaupt nicht nach ihrem Notizblock gesucht, den sie immer in der Küche hatte, in einem Schubfach ihrer blendend weißen Schrankwand. Wenn jemand anrief, während sie in der Küche war — und sie war oft dort —, dann hat sie sich den Namen notiert, Sternchen oder sonstwas drum herum gekritzelt und Sachen aufgeschrieben wie >Donald, Sonntag mittagc, falls einer zu Besuch kommen wollte. Ich soll sagen, daß die Polizei den Block garantiert nicht gefunden hat, daß er mir aber gerade eingefallen ist und ich mich frage, ob er noch da liegt. Ich spiele mit dem Gedanken, die Polizei nach dem Wochenende darauf hinzuweisen. Ist das richtig?«

«Das ist richtig«, sagte ich.

«Und ich soll sagen, was denn wäre, wenn sie den Namen ihres Mörders aufgeschrieben hat?«

«Ja«, sagte ich.

«Liebling, weshalb hätte ihr Mörder anrufen sollen? Um sich für den Mord anzumelden? Das ist doch nicht dein Ernst, oder?«

«Um seinen Besuch anzumelden, ja. Ob für den Mord, weiß ich nicht.«

«Aber wieso, Liebling? Wieso glaubst du, der Täter hat angerufen?«

«Weil ich von Malcolm weiß, daß sie es nicht gern sah, wenn die Leute einfach aufkreuzten«, sagte ich.»Ihr war lieber, sie riefen vorher an. Und weil Moiras Gewächshaus weder von der Straße noch von der Einfahrt, noch von irgendeinem Fenster in

Quantum aus zu sehen ist. Malcolm hat es weitab vom Schuß auf dieses von Büschen gesäumte Rasenstück setzen lassen, weil es ihm nicht gefiel. Wäre an dem Abend jemand unangemeldet zu Moira gekommen, hätte er das Haus leer vorgefunden. Wenn er erst angerufen hat, wird sie gesagt haben, komm rüber ins Gewächshaus, da bin ich.«

«Das hört sich logisch an, Ian. Die Polizei hat schon immer gesagt, daß sie ihren Mörder kannte, aber ich wollte nicht daran glauben, es sei denn, Arthur Bellbrook war’s. Er kannte sie. Er paßt auf der ganzen Linie, Schatz.«

«Wenn Arthur sie umgebracht hätte, weshalb sollte er dann später noch mal vorbeigehen und ihre Leiche finden?«

«Liebling, bist du sicher, daß es nicht Arthur Bellbrook war?«

«Ganz sicher.«

«Ach herrje. Also gut, mein Lieber. Du willst, daß ich morgen mit den Anrufen anfange, aber keinesfalls vor zehn, und den ganzen Tag dranbleibe, bis ich alle erreicht habe? Dir ist hoffentlich klar, daß ich morgen abend an einer Art Schaukampf im Bridge teilnehme?«

«Laß die Strippe heißlaufen.«

«Und wenn sie nicht da sind oder verreist?«

«Versuch es. Falls sich nichts tut und wir zu keinem Ergebnis kommen, rufe ich dich Montag abend an.«

«Liebling, nimm mich mit nach Quantum.«

«Auf keinen Fall. «Ich war bestürzt.»Joyce, versprich mir, daß du in Surrey bleibst. Versprich es!«

«Immer mit der Ruhe, Schatz. In Ordnung, ich verspreche es. «Sie hielt inne.»War der Alte gut erhalten, als du ihn zuletzt gesehen hast?«

«Vorzüglich erhalten.«

«Ich hab ihn einfach gern, Ian, aber daß du ihm das bloß nicht erzählst. Gibt natürlich kein Zurück mehr. Trotzdem, Ian, wenn ich eins in meinem Leben bedaure, dann, daß ich diesen schrecklichen West angeheuert habe, damit er ihn mit Alicia ertappt. Hätte ich einen Funken Vernunft gehabt, Ian, hätte ich ein Auge zugedrückt und ihm seinen Seitensprung gelassen. Aber da hast du’s, ich war noch zu jung, ich wußte es nicht besser.«

Sie sagte jedoch fröhlich auf Wiedersehen, versprach, die Anrufe am nächsten Morgen zu erledigen, und ich legte langsam den Hörer auf.

«Hast du von dem letzten Teil was mitbekommen?«fragte ich Malcolm.

«Nicht viel. Wenn sie einen Funken Vernunft gehabt hätte oder so, hätte sie irgendwas nicht getan.«

«Sich nicht von dir scheiden lassen.«

Ungläubiges Staunen.»Sie bestand darauf.«

«Nach siebenundzwanzig Jahren hat sie sich’s anders überlegt.«

Er lachte.»Arme alte Joyce. «Er verwandte keinen Gedanken mehr darauf.»Soviel ich weiß, hat Moira nicht auf Notizblöcken herumgekritzelt.«

«Kann schon sein. Aber würdest du dich, wenn du ein Mörder wärst, darauf verlassen?«

Er stellte sich kurz die Situation vor.»Ich wäre sehr beunruhigt, von Joyce zu hören. Ich würde mir gut und gründlich überlegen, ob ich nach Quantum fahre und den Notizblock suche, bevor sie die Polizei informiert.«

«Und würdest du fahren? Oder würdest du denken, wenn die Polizei ihn nicht gleich nach Moiras Ermordung gefunden hat, ist er nicht da? Oder, falls er noch da ist, daß nichts Belastendes drinsteht?«

«Ich weiß nicht, ob ich’s darauf ankommen ließe. Ich glaube, ich würde hinfahren. Wenn es sich als eine alberne Falle von

Joyce entpuppte, könnte ich ja sagen, ich sei nur gekommen, um mal nach dem Haus zu sehen. «Er blickte mich fragend an.»Fahren wir beide runter?«

«Ja, aber erst morgen früh. Ich habe einen Jetlag. Wie es mit dir ist, weiß ich nicht, aber ich muß mich ausschlafen.«

Er nickte.»Ich auch. «Sein Blick schweifte über verschiedene Fortnum-&-Mason-Tragetaschen, in denen große Pakete steckten.»Und was hast du eingekauft? Lebenswichtigen Proviant?«

«Alles, was mir einfiel. Wir fahren mit der Bahn runter und…«

Abwehrend wedelte er mit seiner Zigarre.»Wagen und Chauffeur. «Er kramte sein Adreßbuch mit den Telefonnummern heraus.»Wann soll er hier sein?«

Also fuhren wir am Morgen in großem Komfort und näherten uns Quantum vorsichtshalber von der anderen Seite, nicht unter den Augen des Dorfes.

Der Chauffeur machte erst einmal Stielaugen beim Anblick des Hauses mit seinem fehlenden Mittelteil, den verrammelten Fenstern und einem großen neuen Schild mit der Aufschrift» Betreten verboten. Einsturzgefahr«.

«Wird saniert«, sagte Malcolm.

Der Chauffeur nickte und fuhr seiner Wege, und wir gingen mit den Fortnum-&-Mason-Tüten durch die offene, windige Mitte und den Gang hinter der Treppe entlang in Richtung Spielzimmer.

Eine schwarze Plastikplane bedeckte nach wie vor den ganzen freigelegten Boden, war aber nicht straff gespannt und angenagelt, sondern lose und verknittert. Unsere Füße knirschten ein wenig auf dem Gras unter dem Kunststoff, und hier und dort waren kleine Pfützen, als hätte es hereingeregnet.

Die verrammelten Türen und die abgesperrte Treppe sahen trostlos aus, und hoch oben auf dem Dach flatterte die zweite schwarze Plastikplane wie ein Segel im Gebälk.

Armes, trauriges Haus. Malcolm hatte es so noch nicht gesehen und war tief deprimiert. Er schaute sich die auf den Rahmen der Spielzimmertür gehämmerte Sperrholzplatte an — solide Polizeiarbeit, und fragte mich höflich, wie ich da hineinzukommen gedachte.

Ich holte Werkzeug aus einer der Tüten.»Es gibt noch andere Geschäfte am Piccadilly«, sagte ich.»Pfadfinder sind allzeit bereit.«

Ich war davon ausgegangen, daß ich das Sperrholz nicht ohne weiteres losbekommen würde, da es hieß, sie hätten Vierzöller benutzt, deshalb hatte ich Hammer und Meißel und eine Säge mitgebracht, und vor Malcolms erstaunten Augen begann ich, ein Loch in das Sperrholz zu schlagen und einen mannshohen, mannsbreiten Teil herauszuschneiden. Viel schneller, weniger Plackerei.

«Das hast du dir doch nicht alles seit gestern ausgedacht, oder?«

«Nein. Im Flugzeug. Da war viele Stunden Zeit.«

Ich brach den Ausschnitt heraus, legte ihn auf die Seite, und wir betraten das Spielzimmer. Nichts hatte sich darin verändert. Malcolm befühlte die Fahrräder, als seine Augen sich dem Halbdunkel angepaßt hatten, und ich konnte die Trauer in seiner Körperhaltung sehen.

Mittlerweile war es halb zehn. Wenn Joyce zufällig die richtige Person zuerst anrief, konnten wir frühestens gegen halb elf Besuch bekommen. Danach war alles möglich. Oder nichts.

Malcolm hatte wissen wollen, was wir tun würden, wenn jemand kam.

«Die ganze Familie hat Schlüssel zum Kücheneingang«, sagte ich.»Wir haben ja die Schlösser nicht auswechseln lassen. Unser Besucher wird zur Küche reinkommen, und wir gehen hintenherum und, ehm.«

«Schließen ihn ein«, sagte Malcolm.

«So ungefähr, ja. Und dann reden wir über ein Geständnis. Reden darüber, was mit der Zukunft werden soll.«

Ich ging selber um das Haus herum zur Küchentür und vergewisserte mich, daß sie sich normal aufschließen ließ. Nach einem kurzen Blick ins Innere sperrte ich sie wieder ab. Immer noch ein Chaos drinnen, ungefegt.

Ich kehrte ins Spielzimmer zurück und holte zwei selbstklebende Spiegel aus den Tüten, beide etwa zwanzig mal fünfundzwanzig Zentimeter.

«Ich dachte, du hättest Champagner mitgebracht«, nörgelte Malcolm.»Nicht Sägen und irgendwelche blöden Spiegel.«

«Der Champagner ist da. Nur kein Eis.«

«Es ist auch ohne das verdammte Eis kalt genug. «Er wanderte ziellos durch das Spielzimmer und ließ sich schließlich in einen der Sessel fallen. Wir hatten mehrere Lagen unserer wärmsten Kleider übereinandergezogen und die Koffer im Ritz gelassen, aber es sah aus, als könnte die rauhe Novemberluft es mit dem Vikunjamantel von Simpson, meinem neuen Anorak und den Handschuhen, die ich gestern in demselben Geschäft gekauft hatte, leicht aufnehmen. Zumindest waren wir vor dem Wind geschützt, der um und durch das Haus fegte, aber wir hatten nur unsere eigene Wärme.

Ich klebte einen der Spiegel auf den ausgeschnittenen Teil der Sperrholzplatte und den anderen in gleicher Höhe an die der Spielzimmertür gegenüberliegende Seitenwand der Treppe — jedoch nicht direkt gegenüber der Tür, sondern ein Stück weiter oben im Gang.

«Was machst du?«fragte Malcolm.

«Ich sorge nur dafür, daß wir jeden, der die Einfahrt heraufkommt, sehen können, ohne selbst gesehen zu werden. Würdest du dich mal in den anderen Sessel setzen und mir sagen, wenn die Spiegel im richtigen Winkel sind? Schau in den an der Treppenwand. Ich verschiebe den andern. Okay?«

Er stand auf und setzte sich wie gewünscht in den anderen Sessel, und ich verschob das Sperrholz und winkelte es etwas an, bis er sagte:»Stopp. So geht’s. Ich kann eine ganze Ecke von der Einfahrt sehen.«

Ich setzte mich an seinen Platz und überzeugte mich selbst. Größere Spiegel wären besser gewesen, aber diese erfüllten auch ihren Zweck. Jeder, der von dort zum Haus kam, würde zu sehen sein.

Falls jemand über die Felder kam, mußten wir uns auf unsere Ohren verlassen.

Gegen elf war Malcolm gelangweilt. Gegen halb zwölf hatten wir vorübergehend die Tür am Ende des Gangs entriegelt und aufgeschlossen und uns ins Gebüsch verzogen, um das Problem zu lösen, vor das uns der Ausfall der Rohrleitungen stellte. Gegen zwölf tranken wir Bollinger aus Einweggläsern (widerlich, fand Malcolm), und gegen halb eins aßen wir Kekse und Pastete.

Niemand kam. Es schien kälter zu werden. Malcolm kauerte in seinen Mantel gehüllt auf dem Sessel und meinte, es sei von Anfang an keine gute Idee gewesen.

Ich hatte ihm versprechen müssen, daß wir nicht über Nacht bleiben würden. Ich hielt es sowieso für unwahrscheinlich, daß jemand in der Dunkelheit statt im Hellen nach einem kleinen Stück Papier suchen würde, das irgendwo in einem ziemlich großen Raum sein konnte, und ich hatte mich damit einverstanden erklärt, daß der Chauffeur uns gegen sechs wieder abholen käme. Allein hätte ich vielleicht über Nacht gewartet, aber der ganze Zweck der Übung war, daß Malcolm selbst dort sein sollte. Früh bei Tagesanbruch würden wir wiederkommen.

Er sagte:»Die Person, auf die wir warten… du weißt, wer es ist, ja?«

«Nun… ich glaube schon.«

«Wie sicher bist du, in Prozenten ausgedrückt?«

«Hm… fünfundneunzig.«

«Das genügt nicht.«

«Nein, deshalb sind wir hier.«

«Edwin«, sagte er.»Es ist Edwin, oder?«

Ich warf einen Blick auf ihn, ließ die Spiegel vorübergehend aus den Augen. Er wollte, daß es Edwin war. Edwin als Täter war noch erträglich für ihn. In Edwins eigenen Worten, er hätte sich damit abfinden können. Edwin wäre vielleicht fähig gewesen, Moira umzubringen, dachte ich: ein ungeplanter Mord, bei dem er ihren Kopf in die Blumenerde stieß, weil der offene Sack ihn auf die Idee gebracht hatte. Ich glaubte nicht, daß er den Antrieb, die Phantasie und den Mumm besaß, das übrige zu inszenieren.

Als ich ihm nicht widersprach, legte Malcolm los:»Wenn Edwin kommt…«:, und das einfachste war, es dabei zu belassen.

Die Zeit kroch voran. Es war kalt. Gegen halb drei aßen wir, um unser inneres Feuer anzufachen, schweren dunklen Früchtekuchen und tranken roten Bordeaux. (Ein Frevel, meinte Malcolm. Wir hätten den Rotwein zur Pastete und den Champagner zum Kuchen nehmen sollen. Wie auf Hochzeiten? fragte ich. Verdammter Kerl, sagte er.)

Mir war nicht sonderlich zum Lachen. Diese Wacht konnte kein gutes Ende nehmen. Malcolm wußte so gut wie ich, daß er vielleicht etwas erfahren würde, was er keinesfalls wissen wollte. Er wollte im Innersten nicht, daß jemand kam. Ich wollte es unbedingt.

Gegen halb vier war er nervös.»Du hast doch nicht ernstlich vor, das Ganze morgen noch mal durchzuziehen?«

Ich beobachtete die Einfahrt. Immer noch nichts Neues.

«Vielleicht gibt uns das Ritz ein Lunchpaket mit.«

«Und Montag? Montag nicht auch noch. «Er hatte drei Tage zugesagt, bevor es losging. In der Praxis war er überfordert.

«Am Montag, wenn’s dunkel wird, geben wir auf«, sagte ich.

«Du bist so verdammt hartnäckig.«

Ich beobachtete die Spiegel. Komm, dachte ich. Komm.

«Vielleicht hat Joyce die Anrufe vergessen«, sagte Malcolm.

«Bestimmt nicht.«

«Oder Edwin war nicht zu Hause.«

«Das schon eher.«

Ein heller Wagen rollte die Einfahrt herauf, war plötzlich da.

Kein Versuch, sich zu verstecken. Kein argwöhnisches Umherschleichen. Ganz selbstbewußt. Nicht ein Gedanke, daß es eine Falle sein könnte.

Ich saß still, atmete tief.

Sie stieg aus dem Wagen, lang und kräftig. Sie ging auf die Beifahrerseite, zog die Tür auf und nahm einen braunen Pappkarton heraus, den sie mit beiden Armen vor sich hielt, wie man Lebensmittel trägt. Ich hatte erwartet, daß sie direkt um das Haus herum zur Küchentür gehen würde, aber das tat sie nicht, sie trat ein paar Schritte in den klaffenden Mittelteil, hob den Blick und sah sich um, als wäre sie von Scheu ergriffen.

Malcolm bemerkte meine gespannte Aufmerksamkeit, stand auf und stellte sich zwischen mich und die Spiegel, um zu sehen, wohin ich schaute. Ich dachte, er würde wie gelähmt sein und sprachlos bestürzt, doch er war nichts dergleichen.

«O nein«, sagte er verärgert.»Was macht sie denn hier?«

Ehe ich ihn aufhalten konnte, stürmte er geradewegs aus dem Spielzimmer und sagte:»Serena, geh weg, du verdirbst doch alles.«

Ich war ihm auf den Fersen, war wütend auf ihn. Serena wirbelte herum, als sie seine Stimme hörte. Sie sah ihn im Gang auftauchen. Ich bekam flüchtig ihr Gesicht zu sehen, großäugig und erschrocken. Sie machte einen Schritt zurück und stolperte über eine Falte der schwarzen Kunststoffplane und ließ den Karton fallen. Sie versuchte ihn aufzufangen… berührte ihn… stieß ihn nach vorn.

Ich sah die Panik in ihrem Gesicht. Schlagartig ging mir auf, was sie mitgebracht hatte.

Ich riß Malcolm mit dem Arm um seinen Hals zurück, drehte mich und warf uns zu Boden, um Schutz hinter der Treppenwand zu finden.

Wir stürzten beide noch, als die Welt auseinanderflog.

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