Kennt ihr die Weidendammer Brücke? Kennt ihr sie am Abend, wenn unterm dunklen Himmel ringsum die Lichtreklamen schimmern? Die Fassaden der Komischen Oper und des Admiralspalastes sind mit hellen Schaukästen und bunter Leuchtschrift bestreut. An einem anderen Giebel jenseits der Spree, zappelt in tausend Glühbirnen die Reklame für ein bekanntes Waschmittel, man sieht einen riesigen Kessel, der Wasserdampf steigt empor, ein blütenweißes Hemd erhebt sich wie ein freundlicher Geist, eine ganze bunte Bilderserie läuft ab. Und dahinter, über den Häusern des Schiffbauerdamms, glänzt der Giebel des Großen Schauspielhauses.
Autobusse rollen in Kolonnen über den Brückenbogen. Im Hintergrunde erhebt sich der Bahnhof Friedrichstraße Kochbahnen fahren über die Stadt hin, die Fenster der Züge sind erleuchtet, und die Wagen gleiten wie schillernde Schlangen in die Nacht. Manchmal ist der Himmel rose vom Widerschein des vielen Lichts, das unter ihm strahlt.
Berlin ist schön, hier besonders, an dieser Brücke, und abends am meisten! Die Autos drängen die Friedrichstraße hinauf. Die Lampen und die Scheinwerfer blitzen, und auf den Fußsteigen schieben sich die Menschen vorwärts. Die Züge pfeifen, die Autobusse rattern, die Autos hupen, die Menschen reden und lachen. Kinder, das ist ein Leben!
Auf der Brücke stand eine dürre arme Frau mit einer dunklen Brille. Sie hielt eine Tasche und ein paar Schachteln Streichhölzer in der Hand. Neben ihr knickste ein kleines Mädchen in einem zerrissenen Kleid. "Streichhölzer, kaufen Sie Streichhölzer, meine Herrschaften!" rief das kleine Mädchen mit zitternder Stimme. Viele Menschen kamen, viele Menschen gingen vorüber. "Haben Sie doch ein Herz mit uns armen Leuten", rief das Kind kläglich, "die Schachtel nur zehn Pfennig." Ein dicker Mann näherte sich der Gruppe und griff in die Tasche.
"Mutter ist völlig erblindet und noch so jung. Drei Schachteln fünfundzwanzig!" stammelte das Mädchen. Der dicke Mann gab ihr einen Groschen und ging weiter. "Gott segne Sie, liebe Dame!" rief das Kind. Da erhielt sie von der dürren Person einen Stoß. "Das war doch keine Dame, das war doch ein Mann, du dummes Ding", murmelte die Frau ärgerlich.
"Sind Sie nun blind oder nicht?" fragte das kleine Mädchen gekränkt. Dann knickste sie aber wieder und rief zitternd: "Streichhölzer, kaufen Sie Streichholzer, meine Herrschaften!" und jetzt gab ihr eine alte Dame einer Groschen und nickte freundlich.
"Das Geschäft blüht", flüsterte das Kind. "Wir haben schon zwei Mark dreißig eingenommen und nur fünf Schachteln Streichhölzer hergegeben." Dann rief sie wieder kläglich: "Haben Sie doch ein Herz mit uns armen Leuten. Die Schachtel nur zehn Pfennige!" Plötzlich hüpfte sie vergnügt und winkte. "Anton steht auf der anderen Seite", berichtete sie. Dann fiel sie aber gleich wieder in sich zusammen, knickste und klagte, daß den Vorübergehenden angst und bange wurde. "Vielen heißen Dank", sagte sie. Das Kapital wuchs. Sie warf das Geld in die Markttasche. Es fiel auf die anderen Münzen und klimperte lustig. "Und Sie schenken das ganze Geld Ihrem Bräutigam?" fragte sie. "Da kann der aber lachen."
"Halte den Mund", befahl die Frau.
"Na ja, ist doch wahr!" erwiderte Pünktchen. "Wozu stehen wir denn sonst Abend für Abend hier und halten Maulaffen feil?"
"Kein Wort mehr!" murmelte die Frau böse.
"Streichhölzer, kaufen Sie Streichhölzer, meine Herrschaften!" jammerte Pünktchen wieder, denn es kamer Leute vorbei. "Wir sollten lieber dem Anton was abgeben. Er hat doch bis zum Sonnabend die faule Seite." Plötzlidi quiekte sie, als hätte sie wer getreten. "Da kommt der Klepperbein, der Lausejunge."
Anton stand auf der anderen Seite der Brücke, auf der faulen Seite, wo wenig Menschen vorübergingen. Er hielt einen kleinen aufgeklappten Handkoffer vor sich und sagte, wenn jemand vorbeikam: "Braune oder schwarze Schnürsenkel für Halbschuhe gefällig? Streichhölzer kann man immer brauchen, bitte schön." Er hatte kein kaufmännisches Talent. Er verstand es nicht, den Leuten vorzujammern, obwohl ihm das Heulen näher war als das Lachen. Er hatte dem Hauswirt versprochen, übermorgen fünf Mark Miete abzuzahlen, das Wirtschaftsgeld war auch schon wieder zu Ende. Er mußte morgen Margarine besorgen, sogar ein Viertelpfund Leberwurst plante er.
Du gehörst ja auch eher ins Bett als hierher", sagte ein Herr.
Anton sah ihn groß an. "Das Betteln macht mir aber solchen Spaß", murmelte er.
Der Mann schämte sich ein bißchen. "Na ja, schon gut", meinte er. "Sei nur nicht gleich böse." Und dann gab er ihm ein Geldstück. Es waren fünfzig Pfennig!
"Ich danke Ihnen sehr", sagte Anton und hielt ihm zwei Paar Schnürsenkel hin.
"Ich trage Zugstiefel", erklärte der Herr, zog den Hut vor dem Jungen und ging eilig weiter.
Anton freute sich und blickte über die Brücke zu sein Freundin. Hallo, war das nicht Klepperbein? Er schlug sein Köfferchen zu und rannte über die Straße, Gottfrid Klepperbein hatte sich vor Pünktchen und Fräulein Andacht postiert und musterte sie frech. Pünktchen stach dem Portiersjungen zwar die Zunge raus, doch das Kinderfräulein zitterte vor Aufregung. Anton gab dem Klepperbein einen Tritt in den Allerwertesten. Der Junge fuhr wütend herum, als er aber Anton Gast da stehen sah, erinnerte er sich der Ohrfeigen vom Nachmittag und verschwand im Dauerlauf.
"Den wären wir los", sagte Pünktchen und reichte Anton die Hand.
"Kommt!" meinte Fräulein Andacht. "Kommt, gehen ins Automatenrestaurant. Ich lade Anton ein."
"Bravo!" sagte Pünktehen, faßte den Jungen bei der Hand und lief mit ihm voraus, Fräulein Andacht rief das Mädchen zurück. "Willst du mich wohl führen? Was sollen denn die Leute denken, wenn ich trotz meiner Brille drauflosrenne?" Pünktchen faßte also das Kinderfräulein an der Hand und zog sie hinter sich her, die Brücke hinunter, die Friedrichstraße entlang, dem Oranienburger Tor zu. "Wieviel hast du verdient?" fragte sie.
"Fünfundneunzig Pfennige", sagte der Junge beirrt. "Ein Herr gab mir fünfzig Pfennig, sonst könnte überhaupt einpacken."
Pünktchen drückte ihm etwas in die Hand. "Steck ein!" flüsterte sie geheimnisvoll.
"Was ist los?" fragte Fräulein Andacht mißtrauisch.
"Sie alte Neugierde!" sagte Pünktchen. "Ich frage Sie doch auch nicht, was das für komische Zeichnungen sind, die Sie machen."
Da schwieg Fräulein Andacht, als hätte es geblitzt.
Die Straße war ziemlich leer. Das Kinderfräulein nahm die dunkle Brille ab und ließ Pünktchens Hand los. Sie bogen ein paarmal um die Ecke. Dann waren sie am Ziel.
Die sechste Nachdenkerei handelt:
Von der Armut
Vor ungefähr hundertfünfzig Jahren zogen einmal die Ärmsten der Pariser Bevölkerung nach Versailles, wo der französische König und seine Frau wohnten. Es war ein Demonstrationszug, ihr wißt ja,was das ist. Die armen Leute stellten sich vor dem Schloß auf und riefen: "Wir haben kein Brot! Wir haben kein Brot!" So schlecht ging es ihnen.
Die Königin Marie Antoinette stand am Fenster und fragte einen hohen Offizier: "Was wollen die Leute?"
"Majestät", antwortete der Offizier, "sie wollen Brot, sie haben zuwenig Brot, sie haben zu großen Hunger."
Die Königin schüttelte verwundert den Kopf. "Sie haben nicht genug Brot?" fragte sie. "Dann sollen sie doch Kuchen essen!"
Ihr denkt vielleicht, sie sagte das, um sich über die armen Leute lustig zu machen. Nein, sie wußte nicht, was Armut ist! Sie dachte, wenn zufällig nicht genug Brot da ist, ißt man eben Kuchen. Sie kannte das Volk nicht, sie kannte die Armut nicht, und ein Jahr später wurde sie geköpft. Das hatte sie davon.
Glaubt ihr nicht auch, daß die Armut leichter abgeschafft werden könnte, wenn die Reichen schon als Kinder wüßten wie schlimm es ist, arm zu sein? Glaubt ihr nicht, daß sich dann die reichen Kinder sagten: Wenn wir mal groß sind und die Banken und Rittergüter und Fabriken unserer Väter besitzen, dann sollen es die Arbeiter besser haben! Die Arbeiter, das wären ja dann ihre Spielkameraden aus der Kindheit...
Glaubt ihr, daß das möglich wäre?
Wollt ihr helfen, daß es so wird?