12 Der Nachtfahrer

Es war der Tag vor dem Sonnenwendabend, aber Vannors Tochter Zanna mußte feststellen, daß es mit der Jahreszeit der Nächstenliebe nicht viel auf sich hatte. Sie und die Haushälterin Dulsina mußte für Vannor, der einen furchtbaren Wutanfall gehabt hatte, auf die Lebensmittelmärkte der Großen Arkade gehen und dort Besorgungen machen.

Es war natürlich alles Saras Schuld. Die Festmahlzeiten erforderten eine ausgefeilte Vorausplanung, und Hebba, die schon seit Jahren für die Familie kochte, hatte ihre Arbeiten in einem einwandfreien Zeitplan organisiert bis hin zum letzten delikaten Bissen. Als Sara entschieden hatte, daß der Tag vor dem Beginn der Sonnenwendfeierlichkeiten der richtige Zeitpunkt sei, um einige Änderungen zu verlangen, war Hebbas Reaktion daher eine Mischung aus Schrecken, Empörung und äußerster Panik gewesen. Vannor war außer Haus, und seine älteste Tochter Corielle hatte vor einiger Zeit den Sohn eines wohlhabenden Kapitäns geheiratet und war mit ihrem frisch angetrauten Ehemann in die Hafenstadt Easthaven umgezogen. Es blieb wie üblich an Zanna hängen, mit den Schwierigkeiten fertig zu werden, so gut sie konnte.

Da Hebba den Küchenmädchen die Besorgungen nicht zugetraut hatte (»Was? Diese Mädchen hinschicken, damit sie dort den ganzen Tag vertrödeln und verbummeln?«), waren Dulsina und Zanna mit einer langen Liste von Delikatessen von der aufgebrachten Köchin, die in ihrer Aufregung die ganze Küche auf den Kopf stellte, losgeschickt worden. Zanna war froh, wegzukommen – die beiden Küchenmägde waren schon in Tränen aufgelöst.

Zanna konnte es der armen Hebba nicht übelnehmen, aber ihr mißfiel die Tatsache, daß der ganze Rest des Haushaltes und vor allem sie selbst die Temperamentsausbrüche der Köchin über sich ergehen lassen mußten, während Sara sich wie üblich den Folgen ihrer Gedankenlosigkeit entzog. Hebba mochte Sara zwar hinter deren Rücken als ›kleines Gassenkind‹ bezeichnen, aber sie hütete sich, sich mit der Herrin des Hauses ernsthaft anzulegen.

So kurz vor der Sonnenwende war es in den Großen Arkaden brechend voll. Zuerst hatte Zanna das rege Treiben genossen. Die langen Säulengänge wurden von endlosen Reihen glühender Lampen hell erleuchtet, und die Luft duftete nach den Aromen von Gewürzen, Käse, geräuchertem Fleisch und den Früchten der Jahreszeit. Die Händler priesen an ihren Ständen lauthals ihre Waren an, und die sich hindurchdrängenden Kunden tauschten frohe Grüße mit ihren Freunden aus, die sie in der Menge trafen.

Mit der Zeit allerdings, während die Vorräte an Delikatessen langsam zur Neige gingen, wurden die Kauflustigen müde, übellaunig und streitsüchtig. Die Menge schien immer weiter anzuwachsen, und in dem Gebäude wurde es trotz dessen ungeheurer Größe unerträglich stickig und heiß.

Zanna, die unter dem Gewicht ihrer Einkäufe stöhnte, war; tropfnaß geschwitzt. Ihre Rippen hatten blaue Flecken von den Ellbogenstößen der drängelnden Masse. Ihre Füße waren unentwegt vor sich hin getrottet; der harte Steinboden der Arkaden hatte sie ermüdet. Ihr Kopf schmerzte, sie war so durstig wie nie zuvor in ihrem Leben, und der wackelige Stapel von Paketen, den sie unter ihre schmerzenden Arme geklemmt hatte, behindert ihr Vorankommen durch die Menschenmenge.

Wirklich, dachte sie, es ist unmöglich! Wir haben jetzt genug von allem, und wenn Sara noch mehr will, dann soll sie verdammt noch mal herkommen und es sich selbst beschaffen. Sie drehte sich um, um ihren Entschluß Dulsina mitzuteilen – und mußte zu ihrem Schrecken feststellen, daß die Haushälterin nicht mehr bei ihr war. Ich muß sie in der Menge verloren haben, dachte sie. Große Götter, wie soll ich sie hier jemals wiederfinden?

Zanna versuchte stehenzubleiben und wurde von ungeduldigen Kauflustigen beschimpft, die sie grob beiseite stießen. Wegen ihrer geringen Körpergröße konnte sie nicht viel sehen und wurde hilflos weitergeschoben; sie mußte mit dem Strom schwimmen, um auf den Füßen zu bleiben. Zanna biß sich auf die Lippen, entschlossen, nicht in Panik zu verfallen. Ich muß hier herauskommen, dachte sie – aber wie?

»He, Zanna? Bist du allein?« Eine Hand griff nach Zannas Schulter. Ein winziger, aber respektvoll eingehaltener Freiraum öffnete sich um sie herum in der Menge, und zu ihrer Erleichterung stellte sie fest, daß sie wieder atmen konnte. Sie sah auf und blickte mit Dankbarkeit in das freundliche Gesicht der Lady Aurian, die von Leutnant Maya von der Garnison begleitet wurde. »Götter, was für ein furchtbares Gedränge«, sagte die Magusch aufmunternd. »Ich bin nicht überrascht, daß du deine liebe Mühe hattest! Maya und ich sind hergekommen, um ein Geschenk für Forral zu kaufen, und dabei beinahe totgetreten worden!« Ihre geschwungenen Augenbrauen zogen sich zu einem leichten Stirnrunzeln zusammen. »Konnte Vannor keinen Bediensteten freistellen und mit dir schicken?«

Zanna, die sowohl Lady Aurian als auch Maya verschiedentlich getroffen hatte, wenn es ihr gelungen war, ihren Vater zu überreden, sie mit zur Garnison zu nehmen, bewunderte beide Frauen ungemein – besonders die Magusch verkörperte alles, was Zanna selbst sein wollte. Mit einer gewissen Ehrfurcht, weil sie sich in so herausragender Gesellschaft befand, erklärte sie, daß sie Dulsina verloren hatte, und erzählte ihren mitfühlenden Rettern dann die ganze Geschichte dieses katastrophalen Tages. Bei der Erwähnung von Saras Namen bemerkte sie, daß die beiden Frauen sich vielsagende Blicke zuwarfen und merkwürdige Grimassen schnitten. Aurian öffnete den Mund, als wolle sie einen Kommentar dazu abgeben, aber als sie Mayas Blick auffing, schwieg sie grimmig und schüttelte nur – fast unmerklich – den Kopf.

»Na gut«, sagte Maya frisch. »Dann wollen wir zusehen, daß wir dich und deine Pakete zum Wagen zurückbringen. Wenn Dulsina auch nur ein wenig Verstand hat, dann wird sie dort sein. Ich nehme an, sie ist inzwischen schon in heller Aufregung!«

Die Magusch und Maya teilten sich Zannas Traglast und eskortierten sie aus den Arkaden heraus. Die Menge schien vor den beiden entschlossen blickenden Frauen in Kampfkleidung wegzuschmelzen, was Zanna enorm beeindruckte.

Wie Maya es vorausgesehen hatte, trafen sie die Haushälterin unter dem großen Bogengewölbe des Eingangs. Dulsina war halb verrückt vor Sorge und gerade drauf und dran gewesen, wieder hineinzugehen und nach ihrem verlorengegangenen Schützling zu suchen.

Es war Zanna durch und durch peinlich, welches Theater Dulsina jetzt aufführte, und sie war Aurian zutiefst dankbar, daß sie dem schnell ein Ende bereitete. »Oh, es gab nichts, worüber du dir Sorgen zu machen brauchtest«, sagte sie lässig. »Zanna ist ein vernünftiges Mädchen. Sie war schon auf dem Weg hierher, als wir sie trafen, aber du weißt ja, wie lange es dauert, bis man sich durch diese Massen gearbeitet hat!«

Die Magusch half Zanna eigenhändig auf die Karre und lud auch ihre Einkäufe auf. Vannors Tochter blickte wehmütig zurück, als die Karre davonfuhr, und rief den beiden Frauen, die sich bereits abgewandt hatten und die Straße entlanggingen, noch einmal ein Dankeschön zu. Der Klang ihrer Stimmen wehte in der stillen Abendluft bis zu ihr herüber.

»Bei den Göttern, Maya«, hörte sie die Magusch sagen. »Die Frau von Vannor ist wirklich eine Hexe.«

»Wem sagst du das. Wenn es nach mir ginge, würde ich sie im Fluß versenken, in einem Sack! Hast du Lust auf ein Bier?«

Zanna mußte lächeln. Irgendwie half es ihr sehr, zu wissen, daß sie mit ihrer Meinung über ihre Stiefmutter nicht allein stand.

Die Besorgungen hatten mehr Zeit in Anspruch genommen, als Zanna erwartet hatte, und die Dämmerung senkte sich bereits herab, als sie über die Brücke zur Akademie ratterten und dann einbogen, um den bewaldeten Hügel zu ihrem Haus hinauf zu fahren. Es sah so aus, als ob es wieder schneien würde. Der dunstige Himmel über Nexis war von einem unirdischen kupferfarbenen Glühen erfüllt, in das der Rauch, der in der stillen Luft gerade wie ein Federstrich aufstieg, feine Linien ziselierte.

Zanna kuschelte sich in das dicke Fell der Wagendecke und zappelte mit ihren frostkalten Fingern und schmerzenden Füßen unruhig hin und her. Sie seufzte wehmütig bei dem Gedanken an die vielen Herdfeuer, die jetzt in den zahlreichen Häusern der Stadt vor sich hinbrannten, an den Geruch von Zitrus und Gewürzen und gebratenem Fleisch und an die hellen aufgeregten Gesichter der Kinder. Sie wußte, daß sie zu Hause etwas ganz anderes erwartete. Hebba leistete niemals gute Arbeit, wenn man sie nervös gemacht hatte, und nach dem heutigen Auf und Ab würde die Sonnenwendfeier dieses Jahres in Vannors Haus sicherlich eine Katastrophe werden.

Die Laternenanzünder waren schon an der Arbeit, und während sich die Pferde den steilen, schneebedeckten Hügel hinaufquälten, gingen nacheinander die goldenen Kugeln an, die die Straße vor ihnen säumten. Der Kutscher fluchte, wenn die Pferde auf der matschigen Straße den Halt verloren, und Dulsina, die schon den ganzen Tag sehr wortkarg gewesen war und jetzt ihre Stirn zu einem unzufriedenen Runzeln zusammengezogen hatte, versetzte ihm einen Stoß.

Auf der gewundenen Auffahrt, die zum Haus führte, war der Schnee beiseite gefegt worden. In seiner Erleichterung, die glatte Straße den Hügel hinauf bezwungen zu haben, ohne Vannors wertvolle schwarze Pferde dabei zu Schaden kommen zu lassen, beendete der Kutscher die Fahrt stilgerecht und ratterte bis vor die Tür, wo er die Kutsche in einem Hagel von Kies zum Stehen brachte. Zanna hatte ihn eigentlich zum Hintereingang begleiten wollen, um ihm zu helfen, die wertvollen Pakete abzuladen, aber davon hielt Dulsina nichts. »Nein, nein, mein Mädchen«, sagte sie. »Geh hinein. Ich werde dir etwas schönes Heißes zu trinken machen. Leg deine Füße eine Weile hoch. Es ist schon schlimm genug, daß du wie eine Dienstmagd über den Markt laufen mußtest. Deine arme Mutter – gesegnet sei sie – würde sich in ihrem Grabe umdrehen.«

Zanna ließ sie reden, während sie hineingingen; sie wußte, daß die Haushälterin nicht nur ihretwegen empört war. Dulsina selbst konnte man ihr Alter nicht ohne weiteres ansehen; ihre Haut war rein und ohne Falten, und ihr dunkles Haar zeigte noch keine Spuren von Grau. Sie hatte Zannas Mutter sehr nahegestanden, und diese Freundschaft war es gewesen, so wollte es der Dienstbotenklatsch, die sie davon abgehalten hatte, Vannor nach dem Tode seiner Frau ihre versteckten Gefühle zu offenbaren. Die anderen Dienstboten allerdings hatten es als sicher angesehen, daß der Kaufmann sie irgendwann heiraten würde – bis Sara aufgetaucht war.

Während Dulsina bereits geschäftig die Treppe zur Küche hinuntereilte, war Zanna in der geräumigen Eingangshalle noch damit beschäftigt, sich aus den Umhängen und Schals zu befreien, in die sie die besorgte Haushälterin eingewickelt hatte. Sie seufzte. Dulsina meinte es nur gut, aber sie war es langsam leid, sich immer wie ein Kind behandelt zu lassen.

Unwillkürlich wanderten ihre Gedanken zu Lady Aurian. Als Magusch und Kriegerin konnte sie reiten und fechten wie ein Mann, und niemand würde sie in einer halben Schiffsladung Wolle einwickeln.

Ich wünschte, ich wäre wie sie, dachte Zanna. Sie schob sich gerade ihr Kopftuch von den Ohren, als sie lautes Wutgeschrei vernahm. Bei den Göttern! Nicht noch eine Katastrophe!

Zanna rannte los. Sie hatte die halbe Treppe geschafft, als sie das Heulen ihres kleinen Bruders hörte.

Es kam aus Saras Zimmer, und unter anderen Umständen hätte Zanna darüber wohl lachen können. Antor, inzwischen ein mobiler und spitzbübischer Dreijähriger, war seinem Kindermädchen entkommen und durch die offene Tür in Saras verwaistes Zimmer gelangt. Die Sammlung von Krügen und Fläschchen vor dem Spiegel des Nachttisches hatte eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf das Kind ausgeübt.

Ein widerlicher Gestank nach verschüttetem Parfüm schlug Zanna entgegen. Sie erfaßte sofort, was vorgefallen war – der Teppich war mit Puder bedeckt, die Fläschchen und Phiolen lagen durcheinander, ihr Inhalt hatte sich über den Tisch ergossen, und ein Fries von fettigen, farbigen Handabdrücken zog sich an der Wand und den Möbeln entlang und sogar über die Tagesdecke. Und Sara war dabei, mit verzerrtem und blutunterlaufenem Gesicht Antor wieder und wieder zu schlagen.

Zanna handelte, ohne auch nur eine Sekunde lang nachzudenken. Ihre Abneigung gegen Sara und ihr heftiger Instinkt, Antor zu beschützen, vermischten sich zu einem einzigen Wutanfall. »Laß ihn in Ruhe, du Hexe!« Sie flog durch den Raum und riß das Kind weg. Sie hätte die Dinge gern unter Kontrolle gehalten – schließlich handelte es sich immerhin um ihre Stiefmutter –, aber als Sara ihr eine Ohrfeige gab, verlor Zanna jeden Sinn für Zurückhaltung. Sie landete einen harten Schlag, bevor Sara sich wehren konnte, und dann gingen die beiden zu Boden; sie bissen sich, sie kratzten sich, sie zogen einander am Haar und schrien dabei wie die Wildkatzen, und alledem fügte Antor im Hintergrund sein schrilles Wehklagen hinzu.

Keiner von ihnen hörte Vannor hereinkommen. Sie merkten erst, daß er da war, als er sich in das Getümmel stürzte und seine Tochter und seine Frau auseinanderriß. Ein Blick in sein Gesicht, und das Feuer von Zannas Zorn verwandelte sich in die kalte Asche des Schreckens. Antors Heulen war das einzige Geräusch, das die Stille durchbrach, bis von der Tür her ein Lachen ertönte. »Bei meinem Eid, Vannor. Du hast ja die richtigen Rangen hier! Ich wußte gar nicht, daß dein Familienleben so interessant ist!«

Zu Zannas Schrecken stand ein Fremder in der Tür und wurde Zeuge des unrühmlichen Schauspiels, und obwohl sie im Augenblick über alle Maßen verlegen war, machte ihr Herz beim Anblick des gutaussehenden jungen Mannes einen großen Sprung.

Auf Vannors Stirn braute sich ein Unwetter zusammen, schlimmer als sie es jemals erlebt hatte, aber dann drehte er sich zu seinem Gast um und zwang sich zu einem Lächeln. »Warum gehst du nicht solange nach unten, Yanis, während ich das hier regle«, sagte er. »Du weißt ja, wo du etwas zu trinken findest.«

Die Unterbrechung hatte Sara genug Zeit gegeben, um sich zu sammeln. Sobald der Fremde verschwunden war, faßte sie ihren Mann am Arm. »Vannor, sie hat mich angegriffen! Und sieh nur, was diese verfluchte Brut getan hat! Ich bestehe darauf, daß du sie bestrafst, sonst …«

»Sonst was? Sonst gehst du zurück in die Armut, aus der ich dich geholt habe?« Vannors Gesicht war ausdruckslos wie Stein. Sara erbleichte bei seinen Worten und schwieg auf der Stelle. Zanna seufzte erleichtert. Seine neue Frau hatte ihrem Vater so den Kopf verdreht, daß sie gefürchtet hatte, er würde Saras Partei ergreifen. Aber ihre Erleichterung war nur von kurzer Dauer. Als Vannor sich zu ihr herumdrehte, begriff Zanna mit sinkendem Mut, daß Sara nicht die einzige war, die sich in Schwierigkeiten befand. »Geh auf dein Zimmer«, knurrte Vannor. »Mit dir werde ich mich später beschäftigen!«

Zanna war auf den Ärger ihres Vaters vorbereitet gewesen, aber seine Enttäuschung war mehr, als sie er, ertragen konnte. »Ich dachte, ich könnte mich darauf verlassen, daß du vernünftig bist«, schimpfte Vannor. »Ich weiß, daß du deine Mutter vermißt – glaubst du nicht, daß ich sie ebenfalls vermisse? Ich weiß, daß du Sara nicht an ihrer Stelle haben willst. Aber ich werde nicht zulassen, daß sich mein Haus in ein Schlachtfeld verwandelt, Zanna! Sara ist deine Stiefmutter, und du wirst sie mit Respekt behandeln!«

Zanna konnte vor lauter Tränen nicht mehr sprechen. Vannor, der schon hatte gehen wollen, machte noch einmal kehrt, kam zu ihr zurück und legte seinen Arm um das schluchzende Mädchen. »Mädel, nun wein doch nicht! Ich bin nicht so dumm, daß ich dir die ganze Schuld dafür gebe, was passiert ist. Ich habe mit Sara gesprochen.« Er blickte so grimmig, daß Zanna sich fragte, was er wohl gesagt haben mochte. »Sie wird Antor nicht noch einmal mißhandeln, das verspreche ich. Aber sie ist Kinder nicht gewohnt, und …«

»Verdammt, Papa, warum mußt du dich für sie entschuldigen? Siehst du denn nicht, daß sie …« Die närrischen, unpassenden Worte sprudelten aus Zanna hervor, bevor sie sie aufhalten konnte, und wurden erst durch Vannors Backpfeife jäh unterbrochen.

»Hüte deine Zunge, Mädchen, oder ich werde, bei den Göttern …« Mit vor Wut und Arger verzerrtem Gesicht stampfte Vannor hinaus und schlug die Tür hinter sich zu.

Mit seiner Weisheit völlig am Ende, kam er die Treppe herab – beschämt über das, was er gerade getan hatte, und immer noch aufgeregt wegen der vorhergehenden Szene mit Sara. Er betete sowohl seine Frau als auch seine Tochter an, aber warum konnten sie nicht einfach einmal versuchen, miteinander auszukommen? Er rieb sich den schmerzenden Kopf. Bei den Göttern, welch eine Nacht! Als er morgens sein Haus verlassen hatte, war noch alles seinen geregelten Gang gegangen, wie gewöhnlich. Und einige Stunden später war er zurückgekommen, um ein Chaos vorzufinden.

In der kurzen Zeit seit seiner Rückkehr hatte Vannor seinen schreienden Sohn beruhigt und ihn einer wutschnaubenden Dulsina übergeben (die, nach ihrem Gesichtsausdruck zu urteilen, wohl auch noch vorhatte, mit ihm einen Strauß auszufechten, bevor der Abend vorbei war). Er hatte das Kindermädchen entlassen, das die ganze Zeit draußen gewesen war und mit dem Gärtner getändelt hatte, während Antor drinnen auf Abenteuer aus war. Nachdem er dem in Tränen aufgelösten Mädchen befohlen hatte, seine Siebensachen zu packen, war er der wildgewordenen Köchin in die Arme gelaufen, die schon gepackt hatte und ihm verkündete, daß er sich die Festmahlzeit zur Sonnenwende in Zukunft doch besser selbst zubereiten solle, wenn ihm ihre Speisen nicht länger gut genug seien.

Hebba war mit ihrem Gepäck hinausmarschiert und hatte ihn staunend stehenlassen. Als ob das alles noch nicht genug gewesen wäre, folgte anschließend ein mörderischer Streit mit Sara, die jetzt nicht mehr mit ihm sprach, und dann hatte er auch noch seiner Lieblingstochter weh getan. Was wird das für ein verflucht miserables Sonnenwendfest, dachte Vannor bitter.

Und erst jetzt, auf dem Weg zu der hochwillkommenen Zuflucht seiner Bibliothek, fiel ihm sein Gast wieder ein. Vannor stöhnte. Wenn dieser Idiot verzweifelt genug war, ihn hier zu Hause aufzusuchen, dann konnte das nur eins heißen: Es gab sehr, sehr große Schwierigkeiten.

Yanis, der an dem prasselnden Kaminfeuer saß, sprang auf die Füße, als Vannor hereinkam. Seine wohlgeformten Züge waren angespannt und verrieten Furcht. »Vannor, es tut mir leid, daß ich hierhergekommen bin. Ich weiß, wie wichtig dir Geheimhaltung ist, aber …« Er wandte seinen Blick ab und biß sich auf die Lippen. »O ihr Götter«, murmelte er. »Es war nicht mein Fehler, das schwöre ich! Wie hätte ich wissen können, daß sie …«

»Halt, halt!« Vannor erhob seine Hand, um dem jungen Mann mitten in seiner Beschwerde Einhalt zu gebieten. »Wenn das noch mehr schlechte Nachrichten sind, Yanis, dann laß mich um der Götter willen zuerst etwas trinken!«

Vannor war an diesem Abend nicht der einzige Besucher bei Zanna gewesen. Ihre Stiefmutter war bald nach ihm gekommen. Saras Besuch war kurz gewesen, und sie hatte nur wenige Worte von sich gegeben, aber die hatten Zanna vor Furcht erstarren lassen. »Gut, du Balg – da du dich so sehr für Kinder einsetzt, solltest du vielleicht am besten selbst welche bekommen«, hatte sie mit ekelhafter Süßlichkeit bemerkt. »Da du inzwischen fünfzehn geworden bist, muß ich wohl meine Pflichten als Stiefmutter etwas ernster nehmen und mich langsam nach einem passenden Ehemann für dich umschauen!« Und schon war sie in einem bunten Wirbel ihrer Röcke wieder fort gewesen.

Es dauerte lange, bis Zanna sich richtig ausgeweint hatte. Sie lag wach in der Dunkelheit, erfüllt von Zukunftsangst. Sie wußte, daß Sara nun nicht mehr ruhen würde, bis ihre aufrührerische Stieftochter für immer aus dem Weg war. Vannors Tochter war praktisch veranlagt und pflegte den Dingen direkt ins Gesicht zu sehen. Ihre Verheiratung war ganz offensichtlich die Lösung für Saras Probleme. Zanna spürte, wie sie ein Kälteschauer durchfuhr. O ihr Götter, dachte sie. Sie wird mich wie ein dummes Püppchen kleiden, Vannor dazu bringen, mir eine enorme Mitgift zu geben, und mich dem erstbesten hirnlosen, überbehüteten Kaufmannssöhnchen ausliefern, der es auf das Geld abgesehen hat! Der Gedanke erfüllte sie mit solcher Panik, daß sie nur noch weglaufen wollte – aber wo konnte sie schon hin? Plötzlich mußte sie ohne ersichtlichen Grund an das Gesicht des geheimnisvollen Besuchers ihres Vaters denken: seine zottigen, dunklen Haare, die ihm halb über die dunkelgrauen Augen fielen, seine gekräuselten Augenwinkel, während er amüsiert die Szene in Saras Schlafzimmer beobachtet hatte.

Geräuschlos öffnete sich die Tür zu ihrem Zimmer. Zanna erschrak und errötete, als ständen ihr ihre Gedanken auf der Stirn geschrieben. Zu ihrer Überraschung stellte sich heraus, daß Dulsina der späte Besuch war. »Schsch«, flüsterte die Haushälterin. »Mach eine Kerze an und zieh dich an. Du mußt für eine Weile verschwinden.«

»Was?« Zanna gefror. Der Schrecken verdichtete sich in ihrer Kehle zu einem erstickenden Klumpen. »Papa?« Sie schaffte es kaum, das geflüsterte Wort hervorzubringen. »Schickt er mich fort!«

»Nein, dumme Gans – als würde er das jemals fertigbringen! Hör zu, Zanna. Deine Stiefmutter gebärdet sich heute abend so wild wie eine Wespe, die man in der Flasche gefangen hat. Jetzt, da es wegen dir zum Streit zwischen ihr und Vannor gekommen ist, wird sie …«

»Ich weiß, was sie vorhat«, sagte Zanna kläglich, »und es ist schlimmer, als du es dir vorstellen kannst. Sie will mich verheiraten, Dulsina!«

»Ich habe es gehört«, sagte Dulsina grimmig. »Es ist das Privileg einer Haushälterin, mitzuhören! Nicht, daß Vannor so ein herzloser Tölpel wäre, dich gegen deinen Willen zu einer Heirat zu zwingen … Aber du weißt ja, wie wichtig es ihm ist, daß seine Töchter gute Partien machen – du würdest immer unter dem Druck stehen, einzuwilligen. Jedenfalls bist du noch zu jung, um an Ehemänner zu denken, ganz gleich, wie die Gepflogenheiten dieser hirnlosen Kaufleute sind! Ich habe vor, dich zu meiner Schwester Remana zu schicken, bis sich hier die Wogen geglättet haben. Antor kann ebenfalls mit – ein Weilchen ohne euch beide bringt Vannor, diesen alten Trottel, vielleicht wieder zu Verstand.«

Zanna fragte sich, ob sie träumte. Obwohl es vielleicht klug war, zu verschwinden, bis Sara sich wieder beruhigt hatte, sah es der besonnenen Dulsina gar nicht ähnlich, solch einen verrückten Vorschlag zu machen. Und nie zuvor hatte sie aus dem Munde der Haushälterin Kritik an ihrem Vater gehört.

Wie in einem Taumel zog sie sich warm an und begann unter Dulsinas Anleitung, etwas Kleidung zusammenzupacken, während ihr die Haushälterin erklärte: »Du bist aus dem richtigen Holz geschnitzt, Zanna – ich weiß, daß man dir ein Geheimnis anvertrauen kann. Meine Schwester Remana ist – war, sollte ich sagen – mit Leynard verheiratet, dem Anführer der Nachtfahrer.«

Zanna schaute sie an und japste nach Luft. Das halb gefaltete Nachthemd in ihrer Hand war vergessen. Die Nachtfahrer? Diese nicht faßbaren Schmuggler, die mit den verbotenen südlichen Königreichen Handel trieben, Seide, Edelsteine und Gewürze ins Land schmuggelten und Generationen von Garnisonskommandanten zur Verzweiflung getrieben hatten? Die sittsame Dulsina hatte eine Schwester, die mit einem Schmuggler verheiratet war?

»Du solltest auch wissen«, fuhr Dulsina fort, »daß dein Papa durch den Handel mit den Nachtfahrern sein Glück gemacht hat. Der Besucher, den er heute abend empfängt, ist mein Neffe Yanis – er ist im letzten Jahr ihr Anführer geworden, nachdem Leynard nicht mehr von See zurückkam. Wenn Yanis nachher wieder zurückkehrt, wird er dich mitnehmen.« Sie machte eine Pause und zwinkerte. »Merk dir, er hat Angst vor Vannor, es ist also am besten, wenn er so wenig wie möglich von dieser Sache erfährt. Ich werde dir einen Brief an meine Schwester mitgeben – Remana wird sich um euch kümmern.«

»Aber was ist mit Papa?« protestierte Zanna. »Er wird sehr wütend sein! Und was ist, wenn Sara trotzdem einen Ehemann für mich bestimmt? Wie ich Papa kenne, wird er auf alle Fälle nachkommen und mich auf schnellstem Wege wieder zurückholen. Außerdem werde ich ihn furchtbar vermissen. Wie könnte ich ihn verlassen – und dazu noch am Sonnenwendfest?«

»Kind, du machst dir zuviel Gedanken.« Dulsina drückte sie an sich. »Vannor würde nicht dir die Schuld geben, sondern auf mich böse sein. Und Sara wird viel zu beschäftigt sein, um sich einzumischen.« Sie grinste. »Wenn du fort bist, wird Vannor schnell merken, wer hier wirklich den Haushalt in Schwung gehalten hat – und ich werde nicht dort einspringen, wo du fehlst! Soll Sara sich doch selbst mit all den mühseligen Kleinigkeiten herumplagen, die du und ich ihr abgenommen haben. Wenn sie die große Dame spielen will, dann wird es Zeit für sie, zu lernen, daß das mehr bedeutet, als herumzusitzen und ihre Juwelen zu zählen!«

»Aber was ist, wenn Papa mir nachkommt?« bohrte Zanna weiter.

»Unmöglich«, sagte Dulsina schroff. »Das Versteck der Schmuggler ist ein strenggehütetes Geheimnis – so streng, daß Leynard es noch nicht einmal seinem Partner verraten hat. Vannor wird nicht wissen, wo du bist, und ich werde es ihm nicht sagen – außer, es tritt ein wirklicher Notfall ein. Vertrau mir nur, meine Liebe, und alles wird gut werden.«

Zanna zögerte. Dann überlegte sie, wie ihre Zukunft wohl aussehen würde, wenn sie an einen dümmlichen Kaufmannssohn verheiratet würde, der sie nicht liebte. Sie gab sich keinen Illusionen über ihr Äußeres hin – sie war klein und stämmig wie ihr Vater, mit einem einfachen, nüchtern wirkenden Gesicht: Von den weidenschlanken, zarten Geschöpfen, mit denen die wohlhabenden Kaufleute gern ihre kostbaren Häuser schmückten, war sie Welten entfernt. Sie war klug und von rascher Auffassungsgabe, und ihre größte Enttäuschung war, daß ihr Vater sie nicht bei seinen Handelsgeschäften mit ihm zusammenarbeiten ließ. »Hat man denn jemals von einer Frau als Kaufmann gehört?« pflegte er sie sanft zu rügen. »Das gibt es einfach nicht.«

Es gibt ja auch weibliche Magusch, dachte Zanna vorwurfsvoll – und Frauen als Krieger. Warum keine Kauffrau, das wüßte ich gern. Zwangsläufig mußte sie wieder an den Nachmittag und ihr Treffen mit Aurian und Maya denken. Na gut, sagte sie sich. Du wolltest so sein wie sie – vielleicht ist das deine Chance! Sie hob ihren Kopf und drehte sich zu Dulsina um. »Du hast recht«, sagte sie. »Ich bin bereit. Es kann losgehen!«

In Eile und durch die Hintertür verließ Yanis die Villa des Kaufmanns; seine Ohren klangen noch von Vannors Beschimpfungen. Große Götter, wenn der alte Partner seines Vaters in Zorn geriet, dann konnte das schon einen gestandenen Mann in Angst und Schrecken versetzen! »Es war nicht meine Schuld«, murmelte er hilflos. Nach dem unangenehmen Abend, den er gerade mit Vannor verbracht hatte, klang die Entschuldigung tatsächlich etwas dünn, das mußte er selbst zugeben.

»Wo habe ich wohl einen Fehler gemacht?« seufzte er, während er auf seinem Weg zurück zum Fluß durch den terrassenförmig angelegten Garten des Kaufmanns schlich. Seine Bootsstiefel knirschten sanft auf der schneebedeckten Erde. Es hatte alles so einfach ausgesehen, als er seinen Vater noch bei seinen Fahrten in den Süden begleitet hatte. Leynard hatte ihm beigebracht, wie man den Weg zu der entlegenen versteckten Bucht fand, die ihr geheimer Treffpunkt mit den Südländern war. Yanis kannte die Blinkfolge mit der Laterne, die das geheime Signal war, um ihm die sichere Durchfahrt durch die südlichen Gewässer zu gewähren. Unglücklicherweise war die einzige lebenswichtige Information, die sein Vater ihm nicht gegeben hatte, die, wie man es vermied, von diesen schleimigen südlichen Bastarden betrogen zu …

»Pst, Yanis!«

Der Schmuggler wirbelte jäh herum, die Hand bereits am Schwert. Er staunte nicht schlecht, als er seine Tante Dulsina erkannte, die ihn von dem Gebüsch am Grund des Gartens in der Nähe des zierlichen, kleinen Bootshauses, wo Vannor seine Yacht liegen hatte, zu sich heranwinkte. In dem matten, vom Schnee reflektierten Licht sah es so aus, als trüge sie ein dick in Schals eingewickeltes, fast rundes Bündel. Mit der freien Hand griff sie nach Yanis’ Arm und zog ihn in den Schutz des Buschwerkes.

»Hör zu«, erklärte sie ihm ohne große Vorrede. »Vannor möchte, daß du seine Kinder mit zu Remana nimmst. Dort sollen sie eine Weile bleiben.«

Yanis sah sie erstaunt an. »Tatsächlich? Er hat es mit keinem Wort erwähnt. Und warum versteckt ihr euch alle in den Büschen, Tante Dulsina?«

Seine Tante seufzte. »Weil du eigentlich nicht hier sein solltest, daß weißt du doch. Vannor meinte, daß es zuviel Aufmerksamkeit erregen würde, wenn du das Haus mit den Kindern zusammen verließest; deshalb habe ich sie dir hier heruntergebracht. Also los jetzt – paß gut auf die beiden auf, und vergiß nicht, deine Mutter lieb von mir zu grüßen. Und, Yanis, gib gut acht. Laßt euch nicht erwischen.«

Bevor Yanis noch ein Wort hervorbringen konnte, hatte sie ihm Vannors Sohn in die Arme gelegt und hastete davon, nachdem sie sich mit einer raschen Umarmung von der eingehüllten und vermummten Gestalt, die die Tochter des Kaufmanns sein mußte, verabschiedet hatte.

Der sprachlose Yanis vertraute seine quengelige Last dem Mädchen an und bückte sich, um die Leine zu lösen, mit der sein kleines Boot unter dem schützenden Grün von Trauerweiden am Ufer festgemacht war. Irgendwie gelang es ihm, sie mit ihren verschiedenen Bündeln von der eisesglatten Uferbefestigung in das Boot zu bekommen. Das Mädchen schniefte in ein winziges, spitzenbesetztes Taschentuch; den Schmuggler drohte schon der Mut zu verlassen. »Bist du in Ordnung?« fragte er nervös.

»Ja.« Die Stimme war nicht viel mehr als ein Flüstern. Dann setzte sie sich zu seiner Erleichterung gerade auf, nahm das Kind auf den Schoß und steckte das Taschentuch weg. »Ja«, wiederholte sie fest. »Mir geht es gut. Ich gehe nicht gern von Papa weg, aber ich wollte immer Abenteuer. Ich bin es leid, zu Hause zu sitzen und zu nähen und mich mit all dem anderen langweiligen Weiberkram abzugeben.«

Yanis grinste. Sie schien ja doch ganz in Ordnung zu sein. »Du sprichst wie meine Mama«, erklärte er ihr. »Sie suchte auch das Abenteuer, und das Ende vom Lied war, daß sie einen Schmuggler geheiratet hat.«

Aus dem Schatten der Kapuze des Mädchens drang ein Kichern. »Dann bin ich ja wenigstens schon mal in die richtige Richtung unterwegs!«

Sie war ein drolliges kleines Ding, da gab es nichts. Vor Lachen schnaubend, nahm Yanis die Ruder und manövrierte das Boot durch die frostklare Nacht sanft flußabwärts hin zu seinem schnellen, kleinen Segler, der in einer stillen Bucht hinter der Landspitze des Hafens von Norberth vor Anker lag.

Yanis war froh, daß es zur Zeit der Wintersonnenwende morgens so lange dunkel blieb. Er befahl, die geisterhaft grauen Segel zu hissen, steuert sein schnittiges kleines Schiff aus dem gewundenen Fjord heraus, der es vor neugierigen Blicken geschützt hatte, und nahm dann mit großer Erleichterung Kurs aufs offene Meer. Seine Passagiere schliefen unter Deck – in Sicherheit, übermüdet von ihrer nächtlichen Fahrt. Die beiden Kinder wären auch nur im Weg gewesen, während er in der Dunkelheit hart unter Land die trügerische Küste entlangsegelte und die sicheren Seefahrtswege vermied, auf denen sich die Fischerboote aus den Dörfern und die schwerfälligen Schiffe der offiziellen Seekaufleute ein Stelldichein gaben.

Außerdem war es wohl das beste, wenn seine Mannschaft, die nach der katastrophalen Fahrt in den Süden einer Meuterei nahe war, die beiden Kinder nicht zu Gesicht bekam. Die Leute hatten Yanis klargemacht, daß sie über die Verantwortung für diese unerwünschten Passagiere nicht besonders froh waren. Vannor mochte zwar die Nachtfahrer durch seine Handelsbeziehungen reich gemacht haben, aber dennoch fürchteten sie ihn. Er stand im Ruf, jemand zu sein, dem man besser nicht in die Quere kam.

»Und wenn wir in einen Sturm kommen?« hatte Gevan, der Maat, gefragt. »Was passiert, wenn uns die Lütten über Bord gehen und ertrinken? Wie wird Vannor reagieren, wenn wir mit seiner Brut an Bord von einer von Forrals Patrouillen erwischt werden? Dieser Riesenbastard von der Garnison wird nämlich langsam viel zu schlau.«

»Was ist, wenn – was ist, wenn!« hatte Yanis gespottet. »Was soll’s, Vannor hat die beiden ja selbst mitgeschickt.«

»Und was ist mit dem Mädchen?« fuhr Gevan ungerührt fort. »Ich habe immer gesagt, daß ein Schiff kein Platz für eine Frau ist.«

»Das läßt du besser nicht meine Mutter hören«, grinste Yanis. »Sie macht sonst aus deinen Därmen ein Rigg.«

»Deine Mama ist für mich keine Frau. Sie ist durch und durch ein Seemann, deine Mutter, und das ist das kleine Mädchen da unten nicht.« Immer noch düster vor sich hinmurmelnd, stapfte der Maat davon.

In Wahrheit hatte auch Yanis Vorbehalte, aber es waren andere als die seiner Mannschaft, die Zanna bisher nur als eine zarte, dick in Mäntel vermummte Gestalt kannte. Seine Leute dachten, sie wäre noch ein Kind – aber er hatte sie oben im Haus gesehen, im Streit mit Vannors Frau, und er wußte, daß sie älter war, als es den Anschein hatte.

Während der langen und mühsamen Fahrt flußabwärts hatte Yanis zwei und zwei zusammengezählt, und das Resultat hatte ihn durchaus nicht froh gestimmt. Warum hatte Vannor plötzlich beschlossen, seine Kinder zu den Schmugglern zu schicken? Warum hatte er nicht eher davon gesprochen? Warum war Tante Dulsina so plötzlich mit ihnen aufgetaucht und hatte sich so rasch verabschiedet? Es konnte nur eine Antwort geben. »Dieser gerissene Bastard«, murmelte Yanis. »Er schickt mir seine Tochter, damit sie mir nachspioniert.«

Es war alles zu offensichtlich. Vannor hatte, verärgert, weil sich Yanis von den Südländern hatte betrügen lassen, seine verflixte Tochter zu ihnen geschickt, um hinter ihre Geheimnisse zu kommen. Und dann – Yanis fluchte. Wer war der Anführer? Vannor hatte vor, ihn loszuwerden und den Schmuggel in die eigenen Hände zu nehmen.

»Oh – wir segeln!«

Die Stimme war so dicht neben ihm, daß Yanis vor Schreck einen Sprung machte. Die elende Göre war so geräuschlos herangeschlichen, während er am Ruder stand, daß sie ihn völlig überrascht hatte. Aufgebracht und ohne nachzudenken, sprach er seine Verdächtigungen aus. »Spionierst schon, was? Na gut, ich weiß, was du vorhast, Mädchen, und es wird nicht hinhauen, verstehst du?«

Yanis war während ihrer Fahrt flußabwärts so freundlich zu Antor und ihr selbst gewesen, daß Zanna seine plötzliche Feindschaft wie ein Schock traf. Sie biß sich auf die Lippen und kämpfte ihre Tränen nieder. Der Rest der Mannschaft hatte so unfreundlich gewirkt, als sie an Bord gekommen waren, daß sie glaubte, auf die Unterstützung des Anführers angewiesen zu sein. Womit hatte sie seinen Ärger heraufbeschworen? Der ernsten, würdevollen Art eingedenk, mit der Dulsina Vannors heftigen Zornesausbrüchen entgegenzutreten pflegte, richtete sich Zanna zu ihrer vollen Größe auf, auch wenn das nicht viel war. »Wenn du weißt, was ich vorhabe«, sagte sie kalt, »dann hoffe ich, daß du es mit mitteilst, denn ich weiß es bestimmt nicht.«

»Nein, du weißt es bestimmt nicht«, höhnte Yanis. »Du und Vannor, ihr habt nicht geglaubt, daß ich so schlau wäre, darauf zu kommen, nicht wahr? Yanis, dieser arme Tölpel – er wird niemals darauf kommen, daß man ihm nachspioniert. Er ist so ein Holzkopf, daß er sich von den Südländern betrügen läßt!«

Der größte Teil seines Ausbruches war Zanna ein Rätsel, aber sie bemerkte die Bitterkeit in seiner Stimme und schnappte den Namen Vannor auf. »Papa? Aber er weiß überhaupt nicht, daß ich hier bin.«

Entsetzt fuhr sie sich selbst mit der Hand über den Mund, aber es war schon zu spät. Yanis blickte sie mit zusammengekniffenen Augen an. »Was?« schrie er auf. »Er weiß nicht, daß ihr hier seid?«

Bei den Göttern, sah der jetzt wild aus! Zanna wich ein paar Schritte zurück, während die Worte, mit denen sie alles zu erklären versuchte, nur so aus ihr heraussprudelten. »Nun ja, er muß es jetzt wissen, natürlich, denn Dulsina wird es ihm erzählt haben, aber er wußte nichts davon, als wir aufbrachen.« Ihr gingen die Worte aus. Yanis sah sie mit versteinertem Gesicht an – das war auch nicht gerade hilfreich.

»Ich mußte fort von Sara«, protestierte sie. »Sie hatte vor, mich mit irgendeinem von diesen mondgesichtigen Kaufmannssöhnen zu verheiraten.«

»Vannor hat euch nicht geschickt?« Yanis starrte sie an. Zanna seufzte. Kein Wunder, daß die Südländer ihn betrogen hatten, dachte sie.

»Nein«, wiederholte sie. »Dulsina meinte, daß du uns nicht mitnehmen würdest, wenn du es wüßtest – also …« Sie zuckte die Achseln. »Ich fürchte, was sie dir gesagt hat, entsprach nicht ganz der Wahrheit.«

»Bei den Zähnen der Götter! Ich muß euch wieder zurückbringen, bevor er selbst herausfindet, wo ihr seid.« Yanis wirbelte das Steuerrad herum, ein Ruck und ein Beben gingen durch das Schiff, und es legte sich auf die Seite, während die Segel im Wind killten. Überall auf Deck erschollen Flüche und Protestschreie der Mannschaft, die ordentlich durcheinandergeworfen wurde.

»Nein«, schrie Zanna. »Das darfst du nicht!« Ohne nachzudenken, versuchte sie, das Steuerrad gegen seinen festen Griff wieder zurückzudrehen und das Schiff wieder auf seinen alten Kurs zu bringen. Einen gefährlichen Moment lang kämpften sie, während das Schiff rollte und sich langsam krängte.

»Du Schafskopf!« bellte Yanis. »Du bringst uns zum Kentern!« Er gab ihr nach, ließ das Schiff durch den Wind gehen und seufzte erleichtert auf, als es sich wieder aufrichtete und der Wind erneut seine dunkelgrauen Segel schwellte. »Nach unten!« raunzte er Zanna an. »Ich sollte dich über Bord werfen!«

»Nicht, bevor du nicht gehört hast, was ich zu sagen habe.« Zanna ließ sich nicht unterkriegen. »Du kannst uns nicht zurückbringen.« Verstand dieser Dummkopf eigentlich, daß sie versuchte, ihm Schwierigkeiten zu ersparen? Niemand konnte Yanis die Schuld für das Verschwinden von Vannors Kindern geben – aber ihr Vater würde das in ganz anderem Licht sehen. Verzweifelt suchte sie nach einer Möglichkeit, den Sinn des jungen Schmugglers zu ändern. »Oder willst du, daß deine Mannschaft sieht, wie du hereingelegt worden bist? Du wirst dich zum Hanswurst machen!«

»Was im Namen aller Götter wird hier gespielt, Yanis? Versuchst du, uns zu versenken?« Gevan stürzte auf sie zu, sein wettergegerbtes Gesicht bleich vor Ärger.

»Es war meine Schuld«, sagte Zanna schnell und versuchte, lammfromm auszuschauen. »Ich – ich dachte, ich könnte das Schiff steuern, aber …«

»Du hast diesem Kind das Steuerrad überlassen?« Gevan wandte sich an Yanis. »Hast du den Verstand verloren?« Die Mannschaft kam von allen Seiten herangehumpelt. Die Männer rieben sich ihre Blessuren und warteten gespannt, wie dieser Streit wohl ausgehen würde.

»Du darfst Yanis nicht die Schuld geben. Ich habe ihm erzählt, ich wüßte, wie es geht«, hakte Zanna nach.

»Was?« Yanis wirkte erstaunt. »Aber …«

Zanna trat ihm mit aller Kraft gegen das Schienbein. »Es tut mir wirklich leid, Herr – ich wollte es ganz einfach einmal ausprobieren.« Sie zeigte dem Maat ihr gewinnendstes Lächeln und war sofort bereit mitzumachen, als Yanis ihr ins Ohr flüsterte: »Nimm das Steuerrad eine Minute. Halt das Schiff einfach weiter auf Kurs.« Bevor sie sich versah, hing Zanna starr vor Angst und mit zitternden Händen am Steuerrad.

»Bei Tharas Titten!« Gevan spuckte angewidert aus. »Ich weiß nicht, wer von euch der größere Dummkopf ist …« Seine Worte endeten in einem erstickten Gurgeln, als Yanis ihn am Hemd packte, hochhob und ihn mit dem Kopf nach unten über die Reling hielt, so daß er die Wellen sehen konnte, die an der Bordwand vorbeirauschten und -schäumten.

»Und jetzt«, sagte Yanis, »wirst du dich erst bei der Lady für deine gemeine Ausdrucksweise entschuldigen und dann bei mir!«

Er lockerte seinen Griff um den Kragen des glotzäugigen Maates ein wenig, hielt ihn aber weiter in seiner gefährlichen Lage fest, während Gevan seine Entschuldigungen stammelte. Dann stellte Yanis den erschreckten Mann wieder auf die Planken des Decks und wandte sich seiner erstaunten Mannschaft zu. »Ich weiß, daß ihr nicht viel von mir haltet, verglichen mit meinem Vater. Oh, ja – ich habe euer Gemurmel und Geflüster wohl gehört. Aber es kann nur einen Kapitän auf diesem Schiff geben, und es kann nur einen Anführer der Schmuggler geben, ist das klar? Wenn irgend jemand das Kommando übernehmen will, dann kann er sich jetzt melden. Aber er wird mit mir darum kämpfen müssen – und das Kommando nur über meine Leiche bekommen.« Für einen langen grimmigen Moment sah er ihnen in die Augen, bis sich die Männer einer nach dem anderen abwandten und davonschlichen.

Zanna jubilierte innerlich. Sie starrte Yanis mit glänzenden Augen an, aber er sah an ihr vorbei auf das … »Paß auf!« Er stieß sie roh zur Seite, ergriff das Steuerrad und riß es hart herum. Das Schiff schlingerte und neigte sich, seine Planken ächzten ob dieser schmählichen Behandlung, und erst als Zanna ins Speigatt torkelte, sah sie an Backbord die dunkle gezackte Form in den sternklaren Himmel ragen und hörte sie das Anbranden der Wellen gegen den Fels.

Während sich das Schiff wieder aufrichtete, wandte sich ihr Yanis mit einem Grinsen zu, streckte die Hand aus und half ihr auf. »Man muß die Augen offenhalten, wenn man bei Nacht so dicht unter der Küste segelt«, sagte er ermunternd. Zanna, der das Herz noch immer bis zum Hals schlug, starrte ihn mit offenem Mund an. »Aber abgesehen davon«, fügte er herablassend hinzu, »war es fürs erste Mal sehr gut. Wir haben bald einen Seemann aus dir gemacht.«

»Ich bin mir da nicht so sicher«, sagte Zanna schwach. »Bei den Göttern, Yanis – ich habe diesen Felsen überhaupt nicht gesehen. Es war so dunkel. Wieso konntest du ihn sehen?«

Yanis blinzelte ihr zu und lachte mit weiß aufblitzenden Zähnen. »Also – dann bin ich doch wohl nicht so blöde, wie du dachtest, nicht wahr? Selbst wenn ich mich von den Südländern habe übers Ohr hauen lassen!«

»Ich habe nie gesagt, daß du blöd bist«, protestierte Zanna.

»Nein, aber dein Vater hat es gesagt. Und nicht nur das.« Obwohl er leise sprach, konnte sie einen Unterton von Bitterkeit aus seiner Stimme heraushören. »Was ist denn passiert?« fragte sie ihn sanft.

Yanis seufzte. »Diesen Handel mit den Südländern gibt es schon furchtbar lange – das liegt bei uns in der Familie, könnte man sagen. Seit Vannor gemeinsame Sache mit meinem Vater gemacht und uns neue Märkte erschlossen hat, geht es uns wirklich gut. Wir handeln mit den Korsaren, die eigentlich ihre Küsten verteidigen sollten, die aber in Wirklichkeit der übelste Haufen von Schurken und Schuften sind, die man sich nur vorstellen kann. Sie tun alles, um sich ihre Taschen zu füllen.«

»Womit handelst du?« Zanna war fasziniert.

Yanis zuckte mit den Schultern. »Mit verschiedenen Dingen. Sie bewohnen ein heißes Wüstenland, wo nicht viel wächst. Wir verkaufen ihnen hauptsächlich Holz und Wolle und Getreide – ganz gewöhnliche Sachen hier, aber für die Südländer ein Vermögen wert. Im Tausch dagegen bekommen wir Gewürze, Seide und Edelsteine – das heißt, das sollten wir wenigstens«, fügte er bedrückt hinzu. »Als wir diesmal zurückkamen und die Kisten öffneten, lag nur obendrauf ein wenig gute Ware, und der Rest war wertloser Sand!«

»Aber hast du nicht daran gedacht, es zu überprüfen?« fragte Zanna erstaunt.

»Überprüfen?« Yanis starrte sie finster an. »Das ist kein Spiel, weißt du. Es ist tödlicher Ernst und lebensgefährlich. Wir haben keine Zeit, etwas zu überprüfen! Wir schleichen uns hinein, tauschen die Waren aus, so schnell wir können, und segeln dann, was das Zeug hält, wieder nach Hause!«

»Hm …« Zanna runzelte in Gedanken die Stirn. »Dann beruht das Ganze also auf Vertrauen.« Eine Welle von Erregung hatte sie erfaßt. Dies war eine echte Herausforderung. »Überlaß es mir«, sagte sie Yanis. »Ich werde mir etwas einfallen lassen, wie wir diese elenden Südländer drankriegen könne, das verspreche ich!« Der Mund des jungen Schmugglers zuckte einen Augenblick lang, aber er konnte sein Lachen nicht unterdrücken. »Natürlich wirst du das«, sagte er freundlich, als redete er zu einem sehr kleinen Kind. Zum Teufel mit ihm! Zanna kochte. Er glaubt nicht, daß ich das kann.

Aber da Yanis bisher lediglich beschlossen hatte, sie nicht zu Vannor zurückzubringen, konnte sie jetzt kaum einen Streit riskieren. Sie wandte sich ab. »Ich muß zurück zu Antor«, sagte sie mild. Es war eine Ausrede, um unter Deck gehen zu können und einmal scharf nachzudenken. Ich werde es ihm schon zeigen, dachte sie. Wart’s nur ab. Er weiß es vielleicht nicht, aber er braucht meinen Verstand. Ich kann hier bei den Schmugglern einen Platz für mich finden, das weiß ich. Ich werde dafür sorgen, daß sie mich respektieren, und wenn es das letzte ist, was ich tue.

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