§ 7. Die Dialektik in der Kunstgeschichte

Text А (Feist, S. 25 – 28)

1. «Die Dialektik ist die Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens». Sie besagt in ihrer durch Marx und Engels begründeten materialistischen Form, daß sich die Natur und die Gesellschaft – und damit auch die Kunstgeschichte und der künstlerische Schaffensprozeß – in dialektischer Weise bilden, vollziehen und verändern und daß das Denken der Menschen diese Dialektik erfassen und sich auch selbst dialektisch vollziehen muß, wenn es die objektive Realität richtig widerspiegeln, d.h. zu wahren Aussagen gelangen soll. Die dialektischen Gesetze, die – fußend[120] auf Hegel – vor allem Engels 1876/78 im «Anti-Dühring» und Lenin 1915 oder 1916 in seinen Notizen «Zur Frage der Dialektik» dargelegt haben, beinhalten im wesentlichen folgendes: erstens, den wechselseitigen Zusammenhang aller Erscheinungen, d.h. die Beziehungen von Ursache und Wirkung, Allgemeinem und Besonderem, Notwendigkeit und Zufall, Möglichkeit und Wirklichkeit. Zweitens, als Gegensatz zur metaphysischen Behauptung von ewigen Konstanten – die ständige Bewegung und Entwicklung in allen Bereichen der Realität und des Bewußtseins. Drittens, den Vollzug[121] dieser Entwicklung in der Weise, daß quantitative Veränderungen an einem bestimmten Punkt in eine neue Qualität Umschlägen, daß sich die Entwicklung also im wesentlichen in Sprüngen vollzieht. Viertens, besagt die Dialektik, daß die Entwicklung durch Entstehung und Überwindung innerer Widersprüche in den Dingen und Zusammenhängen vorwärtsgetrieben wird, wobei man von dem Gesetz der Negation der Negation sprechen kann, und, fünftens, daß dabei die Einheit und der Kampf der Gegensätze, die in sich widerspruchsvolle und damit bewegende coincidentia oppositorum[122], z.B. des Relativen und des Absoluten, wirkt und beachtet werden muß.

2. Die Einsicht in die objektive Dialektik, vor allem in den wechselseitigen Zusammenhang, die reziproke[123] Bedingtheit der Phänomene, macht die Gewinnung von kunstgeschichtlichen Erkenntnissen, das Abgeben[124] von Urteilen, die Systematisierung der Methoden und der Erkenntnisse besonders kompliziert. Die verschiedenen Aspekte lassen sich nie säuberlich[125] voneinander trennen. Aber die Dialektik verlangt vor allem die Berücksichtigung der Entwicklung und der historischen Umstände. Die Wahrheit ist immer konkret.

Die Dialektik hilft der Ästhetik, die Beziehungen zwischen Objektivem und Subjektivem im ästhetischen Verhalten zur Realität, einschließlich des Kunstschaffens, zu klären, und ermöglicht dem Kunsthistoriker, die Beziehungen zwischen Einzelkunstwerk oder einzelnem Künstler und Stil – sei es nun Stil einer Gruppe, einer Klasse, einer Epoche, eines Stammes[126] oder einer Nation – als dialektische Relation von Besonderem und Allgemeinem zu begreifen. «Das Einzelne existiert nicht anders als in dem Zusammenhang, der zum Allgemeinen führt. Das Allgemeine existiert nur im Einzelnen, durch das Einzelne. Jedes Einzelne ist (auf die eine oder andere Art) Allgemeines. Alles Allgemeine ist ein Teilchen oder eine Seite oder das Wesen des Einzelnen. Alles Allgemeine umfaßt alle einzelnen Dinge lediglich[127] annähernd. Alles Einzelne geht in das Allgemeine nur unvollständig ein usw., usw. Alles Einzelne hängt durch Tausende von Übergängen mit einer anderen Art Einzelner (Dingen, Erscheinungen, Vorgängen) zusammen usw.»[128]. Man setze statt «Einzelnes» die Gemälde von Rubens oder die Maler Rubens, van Dyck, Jordaens[129] und statt «Allgemeines» Barock oder flämische Kunst, um zu verstehen, was hier angedeutet werden soll.

3. Eine auf die soziale und politische Geschichte bezogene Formulierung Lenins ist auch für das Verständnis des Zeitstils förderlich[130]: «Nur die Kenntnis der Grundzüge einer bestimmten Epoche kann als Basis für die Beurteilung der mehr ins einzelne gehenden Besonderheiten dieses oder jenes Landes dienen»[131].

Auch die Entwicklung eines Stiles läßt sich in der Regel als ein dialektischer Prozeß verstehen. Es hat manche Diskussionen z.B. über die Entstehung der gotischen Architektur und Architekturplastik gegeben. Man hat Vorstufen[132] für einzelne Merkmale der Gotik in verschiedenen Kunstlandschaften Frankreichs festgestellt. Hier sind einzelne, quantitative Fortschritte gemacht worden – aber man darf sie noch nicht Gotik nennen. Sie wachsen jedoch in einem kurzen Zeitraum und in einem begrenzten Territorium, und zwar auf Grund ökonomischer und gesellschaftlicher Fortschritte, die sich gerade dort vollzogen, zu etwas Anderem und Neuem zusammen; es vollzieht sich ein dialektischer Umschlag der isolierten quantitativen Bereicherungen in eine neue Qualität, ein echter Sprung der Entwicklung. Eine solche Betrachtung bewahrt den Forscher vor Fehlinterpretationen der Vorstufen, vor irrtümlichen Verabsolutierungen der einzelnen Elemente, vor falschen Periodisierungen der Kunstgeschichte.

4. Damit sind die dialektischen Züge in der Kunstgeschichte – ganz abgesehen von denen des künstlerischen Schaffensprozesses – nicht ausgeschöpft. Aber hier sei nur noch eine Frage angeschnitten, die des Fortschrittes in der Kunstgeschichte. Seit Alois Riegl ist der Gedanke des Fortschritts diskreditiert, obwohl Riegl die spätantike Kunst einen Fortschritt gegenüber der Klassik nennt und nur davon spricht, daß es keinen Verfall und Rückschritt in der Kunst gäbe. Aber aus seiner wissenschaftlichen Einstellung, jede Kunst nur mit ihrem eigenen Maße zu messen, die so fruchtbar für die Erforschung vieler bislang[133] verachteter Perioden und Provinzen der Weltkunst wurde, ist notwendigerweise geworden, daß alle Kunst gleichwertig und mithin[134] kein Fortschritt festzustellen sei. In der Tat erscheint uns auch die Frage, ob Goya ein besserer Maler als Raffael sei, weil er später lebte, unsinnig – obwohl es Vulgärmaterialisten und marxistisch sein wollende Sektierer gibt, die ein Werk des sozialistischen Realismus für schlechthin besser halten als alles Ältere. Aber diesem Problem kann man mit dem Begriff «besser oder schlechter» nicht beikommen. Richtig ist wohl, daß die Geschichte der Menschheit und ihrer Kultur eine insgesamt progressive, aufsteigende Entwicklung durchmacht, die auf der Grundlage wachsender Beherrschung der Natur durch Entfaltung der Produktivkräfte einem wachsenden Prozentsatz von Menschen immer größere Freiheit für die Entfaltung ihrer Persönlichkeit verschafft. In diesem Prozeß wächst auch die Vielseitigkeit und Tiefe der Kenntnisse von Mensch und Welt, die in der Kunst gewonnen und ausgedrückt werden können. Immer mehr Bereiche der Natur und der Seele werden immer wahrheitsgetreuer darstellbar. Das ist ein objektiver Forstschritt. Er verläuft nicht geradlinig und nicht ohne Rückschläge, er wird sogar immer mit bestimmten Verlusten erkauft[135]. Überdies gibt es Perioden, in denen Produktionserfahrungen wie Kunsterfahrungen und Fähigkeiten tatsächlich verlorengehen, oder die Produktionsverhältnisse hemmend werden und eine Gesellschaft degeneriert. Dann wird in der Regel auch ihre Kunst oberflächlich, verlogen oder ärmer. Sie wird dekandent und verliert an menschlichem Gehalt und Wert. Sie vermag der Nachwelt weniger zu bieten und verfällt. Ein dabei gelegentlich anzutreffender Zuwachs an rein formalen Reizen kann nur bedingt über diese Situation hinwegtrösten[136]. Selbst wo wir es uns theoretisch nicht eingestehen wollen, urteilen wir praktisch so. Auch wer für die geistvollen Erfindungen des italienischen Manierismus empfänglich[137] ist, vermag nicht Bronzino über Leonardo oder auch nur auf eine Stufe mit ihm zu stellen.

Übungen

I. Sprechen Sie die folgenden Wörter richtig aus:

die Notiz; die Ursache; die Notwendigkeit; der Zufall; das Phänomen; ermöglichen; gotisch; die Fehlinterpretation; irrtümlich; das Maß; verachten; die Periode; der Zuwachs.

II. Lesen Sie und übersetzen Sie den Text A ins Russische.

III. Geben Sie entsprechende russische Äquivalente für folgende Ausdrücke:

1. die Kunstgeschichte; etwas besagt, daß …; der künstlerische Schaffensprozeß; Ursache und Wirkung; das Allgemeine und Besondere; Notwendigkeit und Zufall; Möglichkeit und Wirklichkeit;

2. wechselseitige Bedingtheit der Phänomene; die Urteile begreifen; die Berücksichtigung der historischen Umstände; das Kunstschaffen ermöglichen; der Stil einer Epoche; die Kunst des Barocks; die flämische Kunst;

3. auf etwas beziehen; die Plastik des Mittelalters; vor Fehlintepretationen bewahren; die Merkmale der Gotik; die quantitative Bereicherung; eine irrtümliche Verabsolutierung;

4. abgesehen von diesen Elementen; alle Möglichkeiten ausschöpfen; eine Frage anschneiden; den Gedanken des Fortschritts diskreditieren; Verfall und Rückschritt in der Kunst; mit seinem eigenen Maße messen; in der Tat; marxistisch sein wollende Sektierer; der sozialistische Realismus; die Gefahr verachten; jemandem nicht beikommen können; die aufsteigende Entwicklung; Freiheit verschaffen; etwas wahrheitsgetreu darstellen; geradlinig verlaufen; einen großen Verlust erleiden; die Fähigkeit geht verloren; die Entwicklung hemmen; degenerieren und verfallen; in der Regel; verlogene und dekadente Kunst; an Gehalt verlieren; jemandem Geld bieten; jemanden gelegentlich fragen; ein anzutreffender Zuwachs; ehrlich seine Fehler eingestehen; vernünftig über etwas urteilen; geistvolle Erfindungen.

IV. Bilden Sie von den folgenden Verben Substantiva (z.B. wirken – Wirkung):

urteilen; berücksichtigen; begreifen; beziehen; bereichern; verfallen; messen; tun; verlieren; hemmen.

V. Bilden Sie Adjektiva von den folgenden Substantiva (z.B. Plastik – plastisch):

Künstler; Ästhetik; Vernunft; Gotik; Irrtum.

VI. Bilden Sie schriftlich 10 Fragesätze, so daß die unten angegebenen Sätze Antworten wären. Übersetzen Sie die Antwort.

1. Die Dialektik besagt, daß der künstlerische Schaffensprozeß sich in dialektischer Weise vollzieht.

2. Die dialektischen Gesetze legten Engels im «Anti-Dühring» und Lenin in seinen Notizen «Zur Frage der Dialektik» dar.

3. Die Beziehungen von Ursache und Wirkung, Allgemeinem und Besonderem, Notwendigkeit und Zufall, Möglichkeit und Wirklichkeit sind dialektische Gesetze.

4. Die Dialektik verlangt vor allem die Berücksichtigung der Entwicklung und der historischen Umstände.

5. Die Dialektik ermöglicht, die Beziehungen zwischen Objektivem und Subjektivem im ästhetischen Verhalten zur Realität, einschließlich des Kunstschaffens, zu klären.

6. Die Maler Rubens, van Dyck und Jordaens waren Vertreter des Barocks und zwar der flämischen Kunst.

7. Es hat mehrere Diskussionen über die Entstehung der gotischen Architektur und Plastik gegeben.

8. Die dialektisch-historische Betrachtung der Kunst bewahrt den Forscher vor Fehlinterpretationen und irrtümlichen Verabsolutierungen.

9. Die Vulgärmaterialisten und die marxistisch sein wollenden Sektierer halten den sozialistischen Realismus für schlechthin besser, weil er eine ältere Erscheinung ist als, sagen wir, die Klassik.

10. Wenn die Produktionsverhältnisse hemmend werden, wird in der Regel auch die Kunst verlogen und dekadent und verliert deswegen viel an menschlichem Gehalt.

VII. Setzen Sie die hier angegebenen Verben anstatt der Punkte ein:

заставать; подниматься; подступиться; понимать; сберегать (оберегать); относить; предлагать (давать); излагать; признавать (сознаваться); тормозить; измерять; судить; пропадать; доставать.

1. Ich war einige Male bei Ihnen, um Sie zu besuchen, hatte aber nicht das Glück, Sie zu Hause … zu … .

2. Die Flugzeuge … und nieder.

3. Im … so leicht nicht … .

4. Ich kann nicht …, wie das geschehen konnte.

5. Er hat bis ins Alter Kraft und Energie … .

6. Diese Worte konnte ich keineswegs auf mich … .

7. Er … die Hand zur Begrüßung.

8. … Ihre Aussagen über den Unfall schriftlich … .

9. Ich muß …, ich habe dies nicht erwartet.

10. Die schlechte Erziehung … seine geistige Entwicklung.

11. Er … mich mit einem prüfenden Blick von Kopf bis Fuß.

12. … Sie selbst, ob es richtig ist oder nicht.

13. Ich fürchte, daß der Brief … .

14. Könnten Sie mir dieses Buch … ?

VIII. Bilden Sie aus diesen Vokabeln zusammengesetzte Wörter:

a) Substantiva

nach, die Welt; die Kunst, der Historiker; die Kunst, die Landschaft; die Kunst, die Geschichte; Rück(en), der Schritt; Rück(en) der Schlag; das Prozent, der Satz.

b) Adjektiva

gerade, die Linie; der Geist, voll; die Wahrheit, getreu.

IX. Beachten Sie die Übersetzung der fettgedruckten Wörter. Welche grammatische Funktion haben diese Wörter (Wortgruppen)?

1. Die Entwicklung wird durch Entstehung und Überwindung innerer Widersprüche vorwärtsgetrieben, wobei man von dem Gesetz der Negation der Negation sprechen kann.

2. Man setze statt «Einzelnes» die Gemälde von Rubens und statt «Allgemeines» Barock.

3. Eine auf die soziale und politische Geschichte bezogene Formulierung Lenins ist auch für das Verständnis des Zeitstils förderlich.

4. Damit sind die dialektischen Züge in der Kunstgeschichte – ganz abgesehen von denen des künstlerischen Schaffensprozesses – nicht ausgeschöpft.

X. Kennen Sie diese Verben gut? Unterstreichen Sie das jeweils richtige Äquivalent.

разлагаться: ausschöpfen, verlorengehen, verschaffen, verfallen

пренебрегать: urteilen, messen, verachten, hemmen

делать возможным: eingestehen, darlegen, ermöglichen, beziehen

дискредитировать: bieten, diskreditieren, bewahren, begreifen

означать: besagen, beikommen, aufsteigen, antreffen

касаться: verfallen, verachten, ermöglichen, anschneiden

XI. Geben Sie deutsche Äquivalente für:

история искусства; процесс художественного творчества; общее и особенное; что-либо свидетельствует о том, что …; причина и действие (следствие); необходимость и случайность; возможность и действительность; взаимообусловленность феноменов; понимать суждения; учет исторических обстоятельств; сделать возможным художественное творчество; стиль эпохи; искусство барокко; фламандское искусство; относиться к чему-либо; пластика средних веков; оберегать от неправильной интерпретации; признаки готики; количественное обогащение; ошибочная абсолютизация; не говоря об элементах; исчерпать все возможности; затронуть вопрос; дискредитировать идею прогресса; распад и регресс в искусстве; мерить собственной меркой; в самом деле; сектанты, желающие казаться марксистами; социалистический реализм; презирать опасность; не (смочь) подступиться к кому-либо; развитие по восходящей линии; завоевать свободу; изображать правдиво что-либо; протекать прямолинейно; понести большую потерю; теряется способность; тормозить развитие; дегенерировать и разлагаться; как правило; лживое и декадентское искусство; терять содержание; предлагать кому-либо деньги; спросить кого-либо при случае; встречающийся прирост; честно признать свои ошибки; разумно судить о чём-либо; остроумные изобретения.

XII. Bilden Sie zwei Situationen mit den folgenden Ausdrücken. Schreiben Sie kurze Aufsätze dazu (oder machen Sie eine Mitteilung mit diesen Wörtern). Die Reihenfolge der Ausdrücke ist nicht wichtig.

1. die Kunstgeschichte, das Allgemeine und Besondere, Möglichkeit und Wirklichkeit, die Berücksichtigung der historischen Umstände, der Stil einer Epoche, die Kunst des Barocks, die Plastik des Mittelalters, abgesehen von den Elementen, den Gedanken des Fortschritts diskreditieren, wahrheitsgetreu darstellen, die Entwicklung hemmen, vernünftig über etwas urteilen.

2. zu Hause antreffen, j-m das Geld bieten, einen großen Verlust erleiden, die Gefahr verachten, seine Fehler eingesehen, Ursache und Wirkung, das besagt nichts, in der Regel, Notwendigkeit und Zufall, quantitative Bereicherung, alle Möglichkeiten ausschöpfen, mit seinem eigenen Maße messen.

XIII. Lesen Sie den Text В und übersetzen Sie ohne Wörterbuch.

Text В

Die Kunst ist Form des aktiven schöpferischen und umgestaltenden Verhaltens zur objektiven Wirklichkeit und deren künstlerischer Widerspiegelung. Die Kunst existiert in Form von Kunstwerken. Sie ist ein wesentlicher Teil der menschlichen Kultur und des ideologischen Überbaus. Der Hauptgegenstand der Kunst ist der Mensch in seinen Beziehungen zur natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt. Das bestimmende am Kunstwerk sind sein Ideengehalt und seine künstlerische Wahrheit. Entscheidend für bedeutende realistische Kunst ist die progressive Weltanschauung, die das Werk mit sich bringt, die Einheit von Inhalt und Form im Kunstwerk, seine Volksverbundenheit und sein ästhetischer Wert.

Die Kunst entwickelte sich in einem langen historischen Prozeß und hat heute zahlreiche Abarten. Die wissenschaftliche Disziplin, die die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten der ästhetischen Beziehungen der Menschen zur Wirklichkeit zeigt, ist die Ästhetik. In der Ästhetik unterscheidet man: Literatur-Ästhetik, die Ästhetik der bildenden Kunst, Musik-Ästhetik, Film-Ästhetik, Ästhetik der industriellen Formgebung u.a.

Die Ästhetik untersucht die objektiven Quellen und den Inhalt des ästhetischen Gefühls und der ästhetischen Anschauungen. Sie studiert die ästhetischen Wertkategorien (schön, tragisch, komisch usw.), die historische Entwicklung der ästhetischen Fähigkeiten sowie die Rolle der ästhetischen Ideale und das Wesen der ästhetischen Erziehung.

Diese Wissenschaft beschäftigt sich weiterhin mit den künstlerischen Methoden und Formen der künstlerischen Verallgemeinerungen (das Typische). Für die Ästhetik sind wichtig die künstlerische Wahrheit, Parteilichkeit und Volksverbundenheit der Kunst, die Spezifik der Künstlerpersönlichkeit.

Die marxistisch-leninistische Ästhetik bestimmt die ästhetischen Auffassungen und die Kunst dialektisch-materialistisch als in letzter Instanz von ökonomischen Verhältnissen bedingte Form des aktiven schöpferischen und umgestalteten Verhaltens zur Wirklichkeit. Es ist aber unmöglich, die Kunst direkt aus dem Niveau der technischen oder ökonomischen Entwicklung abzuleiten. Die Veränderung aller ideologischen Formen wird durch die Entwicklung der materiellen Produktion und der Ökonomik bestimmt, doch wird sie nur in letzter Instanz durch sie bestimmt. Die Ökonomik (die Veränderung der ökonomischen Verhältnisse, die ökonomischen Entwicklungsbedürfnisse der Gesellschaft) bestimmt die Richtung, in der das gesellschaftliche Bewußtsein entwickelt und das angesammelte Material verändert wird. Darin besteht die bestimmende Rolle der Ökonomik in ihrem Verhältnis zur Entwicklung der Ideologie.

Ebenso kann kein Bereich der Ideologie zum Produkt persönlicher Genialität erklärt werden, wie groß auch die Bedeutung des individuellen Genies[138] eines Denkers bei der Ausarbeitung der Ideologie oder eines Künstlers beim künstlerischen Schaffen sein mag. Wenn einige moderne Theoretiker der Ästhetik behaupten, die Kunst sei nur vom Willen des Künstlers abhängig, die Malerei widerspiegele die wirkliche Welt nicht, sondern schaffe sie, und der große Künstler sei im «Museum seiner Einbildungskraft[139]» eingeschlossen, dann wiederholen sie alte, längst widerlegte idealistische Theorien. Wenn sie den Zusammenhang der Kunst mit dem gesellschaftlichen Leben ablehnen und die Ideenlosigkeit in der Kunst propagieren, so wollen sie, daß die Kunst die Volksmassen vom Kampf für ihre wesentlichen Interessen ablenken[140] soll. Denn die Kunst ist Macht. Das verstehen alle.

Übungen

XIV. Stellen Sie 10 Fragen zum Text В und betiteln Sie ihn.

XV. Geben Sie den Inhalt des Textes В kurz wieder.

Fragen für Fortgeschrittene

I. In welchem Jahrhundert wurde zum erstenmal das Wort Ästhetik gebraucht? (Siehe «Auflösungen». S. 104).

II. Wer von den großen deutschen Philosophen prophezeite in seinem philosophischen System den Untergang der Kunst?

III. Oft versuchte man, den Unterschied zwischen Philosophie und Literatur zu präzisieren. Einen Versuch unternahm auch W. Belinski. Sagen Sie bitte, worin dieser Versuch vor allem besteht.

IV. W.I. Lenin schrieb einige Abhandlungen über einen großen russischen Schriftsteller. Lenin nannte ihn den «Spiegel der Revolution». Um wen handelt es sich?

V. Als Aristoteles gefragt wurde, warum man sich in der Nähe des Schönen so wohl fühle, antwortete er: «Frage einen Blinden!»

Sagen Sie bitte, was Aristoteles damit wohl meinte.

VI. Können Sie dieses lateinische Sprichwort übersetzen: «Ars longa, vita brevis»? Was ist der Sinn des Sprichwortes?

VII. Wie verstehen Sie diese geflügelten Worte von Shakespeare (Hamlet, II):

«Mehr Inhalt, weniger Kunst».

Übungen

XVI. Lesen Sie den nachstehenden Text. Lernen Sie ihn eventuell auswendig.

Engels über Tschernyschewsкi und Dobroljubow

Ein Land, das zwei Schriftsteller von der Größe Dobroljubows und Tschernyschewskis, zwei sozialistische Lessings, hervorgebracht hat, geht darum nicht zugrunde, weil es auf einmal einen Humbug[141] wie Bakunin erzeugt und einige unreife Studentchen, die sich mit großen Worten froschartig aufblähen und schließlich sich untereinander auffressen. Und auch unter den jüngeren Russen kennen wir Leute von ausgezeichneter theoretischer wie praktischer Begabung und hoher Energie, Leute, die vor den Franzosen und Engländern vermöge ihrer Sprachkenntnisse die intime Bekanntschaft mit der Bewegung der verschiedenen Länder, vor den Deutschen die weltmännische Gewandtheit voraushaben. Diejenigen Russen, welche die Arbeiterbewegung verstehen und mitmachen, können es nur als einen ihnen geleisteten Dienst ansehen, daß man sie von der Mitverantwortlichkeit für die bakuninistischen Schurkereien befreit hat.

Engels, Flüchtlingsliteratur

Lifschitz, S. 235

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