§ 3. Entwicklung und Dialektik

Text А (Steiniger, S. 7 – 19)

1. Was ist Dialektik? Muß man ein langjähriges Philosophiestudium absolvieren, um sie zu verstehen? Ist sie, wie die Gegner des Marxismus immer wieder behaupten, eine Art Sammlung von Tricks, mit deren Hilfe die Marxisten alles mögliche zu beweisen suchen?[32]

Nichts von alledem. Natürlich muß man die Dialektik studieren, denn sie ist eine Wissenschaft. Aber sie zu verstehen, ist jedem möglich, der sich ernsthaft müht[33], in sie einzudringen. Mit Gedankentricks, mit gedankenakrobatischen Spitzfindigkeiten[34] hat sie nichts zu tun.

Unsere Erfahrung lehrt uns täglich, daß sich alle Dinge und Erscheinungen unserer Umwelt – und wir mit ihnen – ständig verändern und entwickeln, auch wenn das nicht immer auf den ersten Blick sichtbar ist. Nichts befindet sich in absoluter Ruhe, nichts verharrt[35] in dauernder Unbeweglichkeit und Unveränderlichkeit. Um uns ist vielmehr ständig Entstehen von Neuem, Vergehen von Altem, mit einem Wort: Bewegung, Veränderung und Entwicklung.

Die alte Legende, die Erde mit allem, was auf ihr existiert, mit allen Tieren und Pflanzen, mit der ganzen Menschheit, sei von einer Gottheit aus dem Nichts erschaffen worden und existiere seit dem Schöpfungsakt unverändert, ist von der Wissenschaft längst widerlegt. Wissenschaftlich bewiesen ist hingegen tausendfach, daß die ganze Natur und die menschliche Gesellschaft «eine wirkliche Geschichte durchmacht»[36], wie Friedrich Engels schreibt. Diese «wirkliche Geschichte» ist das ununterbrochene Anderswerden[37] aller Dinge und Erscheinungen, ihre ständige Veränderung und Entwicklung.

Entwicklung ist eine fundamentale unumstößliche Naturgesetzmäßigkeit im weitesten Sinne des Wortes. Sie vollzieht sich überall – in der Natur, in der Gesellschaft und im Denken, und sie vollzieht sich zu allen Zeiten. Die Entwicklung erfaßt alle Dinge und Erscheinungen der materiellen Welt und auch unsere Gedanken, unsere Ansichten, unsere Theorien über die Welt und jede einzelne Erscheinung.

Wie sich Entwicklungsvorgänge in den verschiedensten Bereichen der Natur, der Gesellschaft und im Denken der Menschen vollziehen, untersuchen die verschiedensten Wissenschaften. Die Biologie und die Paläontologie erforschen nicht nur – um ein Beispiel zu nennen – die Entwicklung einer Pflanze vom Samenkorn[38] bis zum voll ausgebildeten Organismus, der seinerseits wieder Samenkörner trägt, sondern auch, wie sich im Verlaufe länger Zeiträume aus bestimmten Arten von Pflanzen und Tieren andere Arten herausbilden, wie sich Fauna und Flora der Erde im Verlaufe von Jahrzenhntausenden und Jahrmillionen verändert haben und weiter verändern.

2. Die politische Ökonomie erforscht, wie sich die gesellschaftliche Produktion und die Verteilung der materiellen Güter auf den verschiedensten Entwicklungsstufen der menschlichen Gesellschaft verändern. Sie befaßt sich mit der Entwicklung der gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen in der Produktion, mit der gesellschaftlichen Struktur der Produktion. Die Erkenntnistheorie – um noch ein Beispiel zu nennen – untersucht die Geschichte des allmählichen Fortschritts der Menschen vom Nichtwissen zum Wissen, vom unvollständigen, unvollkommenen Wissen zu einem immer tieferen und vollkommeneren Wissen. Sie untersucht die Entwicklung der menschlichen Erkenntnis.

Nun gibt es, wie jeder weiß, eine sehr große Zahl von Wissenschaften. Ja, mehr noch: Der Prozeß der Herausbildung neuer Wissenschaften hält an. Sie alle untersuchen die Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung auf fast unübersehbar vielen Einzelgebieten. Wie unterschiedlich die konkreten Entwicklungsprozesse in diesen Einzelgebieten aber auch sein mögen, wie unterschiedlich die Gegenstände auch sein mögen, die sich entwickeln, immer geht[39] es um Prozesse, die wir mit einem Wort, mit einem Begriff kennzeichnen: Entwicklung.

Entwicklung – das ist bei allen Unterschieden im einzelnen immer Veränderung, Bewegung in aufsteigender[40] Linie: sie ist Übergang von niederen zu höheren, von einfacheren zu komplizierteren Dingen, Prozessen und Erscheinungen. Entwicklung ist der ewige und unendliche Prozeß in der Natur, in der Gesellschaft und im menschlichen Denken, in dem Neues aus Altem entsteht, neue Dinge und Erscheinungen aus alten hervorgehen, die Dinge und Erscheinungen der materiellen Welt einander in unendlicher Folge ablösen.

Die materialistische Dialektik ist gleichsam[41] ein Schlüssel zu den tiefsten Geheimnissen der Natur, des Lebens, der Formen des menschlichen Zusammenlebens, unseres ganzen Daseins. Natürlich kann man auch leben, ohne die materialistische Dialektik zu kennen. Das «Alltagsleben» vieler Menschen vollzieht sich heute noch oft ohne Kenntnis und ohne bewußte Anwendung der materialistischen Dialektik und ihrer Gesetze. Aber man wird insgesamt besser mit den Problemen des Lebens fertig, wenn man die materialistische Dialektik kennt.

Geht es um Entwicklungsprozesse großen Ausmaßes, – etwa um den weltweiten Prozeß des Überganges der Menschheit vom Kapitalismus zum Sozialismus, – dann ist es notwendig, die Wissenschaft der Dialektik genau zu kennen und gut handhaben zu können. Für die Leitung solcher umfassender, komplexer Prozesse reichen die von den Einzelwissenschaften erforschten Entwicklungsgesetzmäßigkeiten jeweils[42] eines bestimmten Bereiches der Wirklichkeit nicht mehr aus. Die Kenntnis der allgemeinsten Entwicklungsgesetze ermöglicht es uns hingegen, die großen Zusammenhänge komplizierter Entwicklungsprozesse zu erfassen, vergangene und gegenwärtige Prozesse richtig zu verstehen und künftige Entwicklungsprozesse wenigstens in den Grundzügen richtig vorauszusehen.

3. Die Lehre von der materialistischen Dialektik ist deshalb gemeinsam mit dem philosophischen Materialismus eine wesentliche wissenschaftliche Grundlage für eine wissenschaftliche revolutionäre Politik. Aus ihr ergeben sich für das gesellschaftliche Leben revolutionäre Schlußfolgerungen, die den Interessen der Arbeiterklasse und aller fortschrittlichen Kräfte genau entsprechen und ebendeshalb allen reaktionären Kräften in der Welt wider den Strich laufen[43]. Deshalb bekämpfen die Ideologen des Monopolkapitals erbittert die Dialektik, bemühen sie sich, sie in den Augen der Werktätigen zu verunglimpfen und zu entstellen.

Neben dem Begriff der Dialektik wird auch häufig der Begriff der dialektischen Methode gebraucht. Die dialektische Methode ist wichtig für das Studium der Prozesse und Erscheinungen der Wirklichkeit und für unsere praktische Tätigkeit. Diese Methode ist kritisch und revolutionär, weil sie nicht zuläßt, daß man auf Erreichtem verharrt, weil sie auf das Neue orientiert, ein immer tieferes Eindringen in das Wesen der Dinge und Erscheinungen fordert, sich mit einseitigen, oberflächlichen Beurteilungen nicht zufriedengibt und damit auch eine dogmatische Erstarrung des Denkens verhindert. Die dialektische Methode verkörpert den Geist, dem Goethe im Doktor Faust Gestalt verlieh – den Geist des immerwährenden Suchens nach Neuem, den Geist der gesunden Unruhe, die niemals in Zufriedenheit erstickt[44], den Geist echten menschlichen Schöpfertums.

4. Man kann die Dialektik allgemein als eine bestimmte Denkweise bezeichnen, die sich im Verlaufe der ganzen Geschichte der Philosophie entwickelte und vervollkommnete. Das Wort Dialektik kommt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich «Kunst der Unterredung». Dialektische Gedanken finden wir bereits bei den großen materialistischen Philosophen der griechischen Antike. Am bekanntesten ist sicher Heraklit, der lehrte, daß alles in Bewegung ist, daß «alles fließt» und daß der Kampf die Quelle («der Vater») aller Dinge ist. Die Philosophen der Antike konnten sich natürlich noch nicht auf die Forschungsergebnisse einer entwickelten Wissenschaft stützen. Ihre dialektischen Gedanken waren daher im wesentlichen geniale Vermutungen, die sich auf empirische Naturbeobachtungen stützten und im Kern – wenn auch nicht in allen Einzelaussagen – richtig waren.

Besonders deutsche idealistische Philosophen des 18. und 19. Jahrhunderts haben einen großen Beitrag zur Entwicklung und Vervollkommnung der Dialektik geleistet. Vor allem ist hier Georg Wilhelm Friedrich Hegel zu nennen, der Anfang des 19. Jahrhunderts Professor für Philosophie an der Berliner Universität war. Er versuchte zum ersten Mal in der Geschichte des menschlichen Denkens, den Entwicklungsprozeß mit allen seinen Gesetzmäßigkeiten zusammenhängend darzustellen.

Hegel war allerdings philosophischer Idealist. Er untersuchte den Entwicklungsprozeß nicht in der Wirklichkeit, in der Natur und in der Gesellschaft. Für die Wirklichkeit wollte er den Entwicklungsgedanken nicht gelten lassen. Entwicklung erkannte er nur für den Bereich des Ideellen an, für den Bereich des Geistigen, der «absoluten Idee», wie er das nannte. Deshalb konnte er auch die große Aufgabe, die er sich und die seine Zeit ihm gestellt hatte, nicht konsequent lösen.

Die Lösung dieser Aufgabe blieb Marx und Engels vorbehalten, die von Hegels Theorie der Dialektik ausgehend und deren idealistische Begrenztheit überwindend, die materialistische Dialektik schufen und sie zur umfassendsten und tiefsten Entwicklungslehre ausarbeiteten.

Der Dialektik steht, seit sich Menschen Gedanken über den Zusammenhang und die Entwicklung in der Welt machen, eine andere Denkweise entgegen. Diese andere Denkweise leugnet den durchgängigen[45] Zusammenhang und die Entwicklung in der Welt oder anerkennt ihn nur teilweise und dazu noch in entstellter Form. Wir bezeichnen diese Denkweise, die in unversöhnlichem Gegensatz zur Dialektik steht, als Metaphysik. Metaphysische Gedanken waren vor allem in jener Zeit vorherrschend, als – etwa im 17. und 18. Jahrhundert – die Wissenschaften hauptsächlich damit beschäftigt waren, Einzeltatsachen zu sammeln und zu analysieren, als sie gerade deshalb Zusammenhänge und Entwicklungsvorgänge noch nicht genügend zu erkennen vermochten. Damals war die metaphysische Denkweise durchaus[46] noch berechtigt. Später aber, als die Zusammenhänge und Entwicklungsprozesse immer deutlicher erkannt wurden, gestaltete sich das anders. Die metaphysische Denkweise wurde zu einem Hemmnis für den wissenschaftlichen Fortschritt, für die wissenschaftliche Erkenntnis und für die Veränderung der Welt. Die metaphysische Denkweise wurde nicht nur selbst reaktionär, sondern auch zu einem Instrument der Reaktion. Sie ist es bis auf den heutigen Tag geblieben. Aber die Dialektik als eine aus dem Leben geschöpfte Wissenschaft ist unbesiegbar wie das Leben selbst.

Übungen

I. Lesen Sie den Text A und übersetzen Sie ihn ins Russische.

II. Sprechen Sie diese Wörter richtig aus:

die Umwelt; der Schöpfungsakt; ununterbrochen; unumstößlich; Entwicklungsvorgang; Fauna und Flora; oberflächlich; die Antike; die Naturbeobachtungen; konsequent; durchgängig.

III. Nennen Sie russische Äquivalente der folgenden Ausdrücke:

1. der Gegner des Marxismus; zu beweisen suchen; eine Sammlung von Tricks; Tiere und Pflanzen; aus dem Nichts erschaffen; die Erscheinungen unserer Umwelt; unverändert bleiben; von der Wissenschaft widerlegt sein; ununterbrochen; unumstößliche Naturgesetzmäßigkeit; im weitesten Sinne des Wortes; die Entwicklung vollzieht sich; alle Dinge erfassen; um ein Beispiel zu nennen; im Verlaufe langer Zeiträume;

2. die Struktur der Produktion; die Verteilung der materiellen Güter; gesellschaftliche Beziehungen der Menschen; allmählich; unvollständig; der Prozeß hält an; übersehbar; unterschiedlich; konkret; die Bewegung in aufsteigender Linie; der Übergang von niederen zu höheren Dingen; in unendlicher Folge; einander ablösen; Geheimnisse der Natur; das menschliche Zusammenleben; die bewußte Anwendung; die Formen unseres Daseins; der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus; die Wissenschaft der Dialektik gut handhaben; ein komplexer Prozeß; die Zusammenhänge erfassen;

3. die Schlußfolgerungen ergeben sich; etwas erbittert bekämpfen; die dialektische Methode entstellen; sich mit etwas zufriedengeben; eine dogmatische Erstarrung; den Geist verkörpern; eine Gestalt verleihen; die gesunde Unruhe; einseitige Beobachtungen; oberflächlich;

4. die Denkweise vervollkommen; aus dem Griechischen kommen; alles fließt; die Quelle aller Dinge; sich auf die Wissenschaft stützen; geniale Vermutungen; empirisch; einen großen Beitrag zur Entwicklung der Dialektik leisten; die «absolute Idee» anerkennen; etwas konsequent lösen; die idealistische Begrenztheit überwinden; die metaphysische Denkweise; in unversöhnlichem Gegensatz; etwas als Metaphysik bezeichnen; zu erkennen vermögen; durchaus berechtigt sein; zu einem Hemmnis werden; aus dem Leben schöpfen; das Umschlagen quantitativer Veränderungen in qualitative; die Einheit und der Kampf der Gegensätze; die Negation der Negation.

IV. Übersetzen Sie ins Russische. Beachten Sie die fettgedruckten Ausdrücke.

Die Grundgesetze der Dialektik sind das Gesetz des Umschlagens quantitativer Veränderungen in qualitative, das Gesetz von der Einheit und dem Kampf der Gegensätze und das Gesetz der Negation der Negation. Jedes dieser Gesetze widerspiegelt eine wesentliche Seite, einen Aspekt, eine Form, einen Moment der objektiven Entwicklung.

V. Finden Sie im Text A Synonyme für:

1. der Feind; 2. der Prozeß; 3. erforschen; 4. sich beschäftigen; 5. kompliziert; 6. ablehnen; 7. der Progreß; 8. immer; 9. Fauna und Flora; 10. geschehen; 11. der Standpunkt; 12. die Periode; 13. das Wissen; 14. heutig; 15. das Hauptmerkmal; 16. nennen; 17. können; 18. gesetzmäßig; 19. die Störung.

(Vergleichen Sie jetzt die richtigen Synonyme in der «Auflösung» auf Seite 102).

VI. Finden Sie Antonyme in den beiden Spalten und gruppieren Sie sie paarweise:

1. widerlegen 1. spekulativ
2. allmählich 2. tief
3. unterschiedlich 3. dogmatisch
4. konkret 4. einfach
5. die Bewegung 5. die Hilfe
6. komplex 6. der Freund
7. oberflächlich 7. identisch
8. kritisch 8. sofort
9. empirisch 9. anerkennen
10. das Hemmnis 10. die Ruhe
11. der Gegner 11. abstrakt

VII. Übersetzen Sie die Wortfamilien der folgenden Wörter und merken Sie sich deren Bedeutung:

Beziehung: der Zug, ziehen, umziehen, beziehen, einziehen, abziehen, verziehen, vollziehen, der Grundzug, die Bezogenheit;

entstellen: die Stelle, stellen, bestellen, darstellen, einstellen, die Stellung, die Entstellung;

erfassen: fassen, das Faß, umfassen, sich befassen, auffassen, die Auffassung, verfassen, der Verfasser, die Verfassung, die Fassung;

Schöpfung: schöpfen, der Schöpfer, schöpferisch, ausschöpfen, erschöpfen, das Geschöpf, das Schöpfertum.

VIII. Nennen Sie deutsche Äquivalente für folgende russische Ausdrücke:

совершенствовать способ мышления; происходить из греческого; всё течёт; источник всех вещей; опираться на науку; гениальные догадки; эмпирический; внести большой вклад в развитие диалектики; черпать из жизни; стать препятствием; быть вполне законным; смочь познать; назвать что-либо метафизикой; признавать «абсолютную идею»; решить что-либо последовательно; преодолеть идеалистическую ограниченность; метафизический образ мышления; непримиримая противоположность; противник марксизма; пытаться доказать; набор трюков; животные и растения; создать из ничего; явления окружающего нас мира; быть опровергнутым наукой; непрерывный; переход количественных изменений в качественные; единство и борьба противоположностей; отрицание отрицания; неопровержимая закономерность природы; в самом широком смысле слова; развитие происходит; охватывать все вещи; поверхностный; односторонние наблюдения; здоровое беспокойство; придать форму; воплощать дух; догматическое омертвение; удовлетвориться чем-либо; искажать диалектический метод; ожесточённо бороться против чего-либо; выводы вытекают; охватывать связи; сложный процесс; хорошо владеть наукой диалектики; переход от капитализма к социализму; формы нашего бытия; приведём только один пример (чтобы ограничиться лишь одним примером); на протяжении (в ходе) длительных периодов; структура производства; распределение материальных благ; общественные отношения людей; постепенно; неполный; процесс продолжается; необозримый; различный; конкретный; движение по восходящей линии; переход от низших к высшим вещам (формам вещей); в бесконечном следовании; сменять друг друга; тайны природы; человеческое общежитие; сознательное применение.

IX. Stellen Sie Fragen, so daß die folgenden Sätze Antworten auf Ihre Fragen wären.

1. Die Dialektik ist keine Sammlung von Tricks, wie die Gegner des Marxismus behaupten, sondern eine Wissenschaft.

2. Unsere Erfahrung lehrt uns, daß sich alle Dinge und Erscheinungen unserer Umwelt ständig verändern und entwickeln.

3. Nein. Nichts befindet sich in absoluter Ruhe.

4. Die alte Legende, die Erde mit allen Tieren und Pflanzen sei von einer Gottheit aus Nichts erschaffen, ist von der Wissenschaft längst widerlegt.

5. Die Entwicklung vollzieht sich überall – in der Natur, in der Gesellschaft und im Denken, – und sie vollzieht sich zu allen Zeiten.

6. Wie sich Entwicklungsvorgänge in den verschiedensten Bereichen der Natur, der Gesellschaft und im Denken der Menschen vollziehen, untersuchen die verschiedensten Wissenschaften.

7. Der Prozeß der Herausbildung neuer Wissenschaften hält an.

8. Bei der Veränderung der Dinge in allen Einzelgebieten geht es um Prozesse, die wir mit dem Begriff «Entwicklung» bezeichnen.

9. Entwicklung ist der ewige und unendliche Prozeß in der Natur, in dem Neues aus Altem entsteht.

10. Ja. Die materialistische Dialektik kann einen Schlüssel zu den tiefsten Geheimnissen der Natur, des Lebens, der Formen des menschlichen Zusammenlebens, unseres ganzen Daseins.

11. Das Alltagsleben vieler Menschen vollzieht sich heute noch oft ohne Kenntnis und ohne bewußte Anwendung der materialistischen Dialektik und ihrer Gesetze.

12. Besonders notwendig ist es, die Wissenschaft der Dialektik genau zu kennen und gut zu handhaben, wenn es um Entwicklungsprozesse großen Ausmaßes geht, etwa um den weltweiten Prozeß des Überganges vom Kapitalismus zum Sozialismus.

13. Die dialektische Methode ist kritisch und revolutionär, weil sie nicht zuläßt, daß man auf Erreichtem stehenbleibt, weil sie auf das Neue orientiert, weil sie einseitige, oberflächliche Beurteilungen bekämpft und eine dogmatische Erstarrung des Denkens verhindert.

14. Das Wort Dialektik kommt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich «Kunst der Unterredung».

15. Die Philosophen der Antike konnten sich natürlich noch nicht auf die Forschungsergebnisse einer entwickelten Wissenschaft stützen.

16. Die deutschen idealistischen Philosophen des 18. und des 19. Jahrhunderts haben einen großen Beitrag zur Entwicklung und Vervollkommnung der Dialektik geleistet.

17. Hegel erkannte die Entwicklung nur für den Bereich des Ideellen an.

18. Die dialektische Denkweise steht in unversöhnlichem Gegensatz zur Metaphysik.

19. Die metaphysische Denkweise wurde zu einem Hemmnis für den wissenschaftlichen Fortschritt, für die wissenschaftliche Erkenntnis und für die Veränderung der Welt.

20. Die Dialektik als eine aus dem Leben geschöpfte Wissenschaft ist unbesiegbar wie das Leben selbst.

X. Können Sie die unten angegebenen Ausdrücke in einer Situation (Erzählung) gebrauchen? Wenn nicht, dann bilden Sie zu jedem Ausdruck einen Satz.

allmählich; unvollständig; zu beweisen suchen; etwas erbittert bekämpfen; eine Sammlung von Tricks; Geheimnisse der Natur; die Zusammenhänge erfassen; die Schlußfolgerungen ergeben sich; eine Gestalt verleihen; die gesunde Unruhe; die Quelle aller Dinge; das Umschlagen quantitativer Veränderungen in qualitative; zu einem Hemmnis werden.

XI. Was bedeutet das Wort «Entwicklung»? Beschreiben Sie diesen Begriff mit Ihren eigenen Worten.

XII. Lesen Sie und übersetzen Sie den Text В ohne Wörterbuch.

Text В

Das wichtigste Merkmal der marxistischen Philosophie ist die Anerkennung nicht nur der Materialität der Welt, sondern auch der Tatsache, daß sich die Materie, die Natur in ewiger, ununterbrochener und gesetzmäßiger Bewegung, Veränderung und Entwicklung befindet.

Die Gesetze der objektiven Welt sind Gesetze der Bewegung und Entwicklung. Gegenstände und Erscheinungen können nur dann richtig verstanden und erklärt werden, wenn man sie im Prozeß ihrer Entstehung und Entwicklung betrachtet. Schritt für Schritt hat die Wissenschaft auf einem Gebiet der Wirklichkeit, dann auf dem anderen bewiesen, daß sich die gesamte Umwelt entwickelt.

Die dialektische Theorie der Entwicklung zeigt uns den richtigen Weg der Erkenntnis und folglich auch – den richtigen Weg zur Beherrschung der Gesetze und Kräfte der Natur.

Das Gesetz des Umschlagens quantitativer Veränderungen in qualitative erklärt, durch welche Prozesse die Gegenstände eine qualitative Veränderung und Verwandlung erfahren. Das Gesetz der Einheit und des Kampfes der Gegensätze zeigt die Quelle jeder Entwicklung: den Kampf der gegensätzlichen Seiten, Kräfte und Tendenzen, die den Dingen eigen sind. Das Gesetz der Negation der Negation widerspiegelt den Zusammenhang zwischen den verschiedenen Stadien und charakterisiert die fortschreitende Bewegung vom Einfachen zum Komplizierten, von Niederem zu Höherem.

Die genannten Gesetze sind nur die wichtigsten und wesentlichsten Gesetze der Dialektik. Neben ihnen besteht aber auch eine Reihe von Kategorien, wie zum Beispiel der universelle Zusammenhang der Erscheinungen, Ursache und Wirkung, Inhalt und Form, Zufall und Notwendigkeit, Wesen und Erscheinung und andere.

Die Kenntnis der allgemeinen Gesetze der dialektischen Entwicklung allein garantiert noch nicht den Erfolg der praktischen Tätigkeit. Nur die konkrete Anwendung der Dialektik als Methode auf die konkreten Erscheinungen bei Beachtung ihrer Eigenart, nur das vielseitige Studium der konkreten Fakten und Bedingungen der Entwicklung garantieren den Erfolg in der Erkenntnis und in der Praxis. Eines der wichtigsten Prinzipien der Dialektik lautet: Die Wahrheit ist immer konkret, es gibt keine abstrakte Wahrheit.

Lenin sah in der Dialektik lebendige, vielseitige Erkenntnis der Wirklichkeit, eine Widerspiegelung der ganzen Kompliziertheit der sich entwickelnden Materie.

Die Gesetze und Kategorien der Dialektik sind Entwicklungsgesetze nicht nur des Seins, sondern auch des Denkens, der Erkenntnis. Der Prozeß der objektiven wissenschaftlichen Erkenntnis ist ebenso dialektisch wie die reale Wirklichkeit selbst.

Übungen

XIII. Geben Sie den Inhalt des Textes В wieder.

XIV. Wiederholen Sie die Lexik des §1. Lesen Sie jetzt die folgenden Sätze. Drei davon sind falsch. Welche sind falsch und welche richtig? Warum? Begründen Sie Ihre Meinung.

1. Im Mittelalter hat man Philosophie und Theologie gar nicht voneinander unterschieden.

2. Die spätbürgerliche und imperialistische Philosophie befaßt sich hauptsächlich mit den Fragen der Weltanschauung.

3. Die zwei Grundrichtungen der Philosophie – der Materialismus und der Idealismus – haben sich erst in der Neuzeit herausgebildet.

4. Der dialektische und historische Materialismus weist gegenüber aller vorangegangenen Philosophie eine Reihe von Merkmalen auf, die ihn als erste philosophische Wissenschaft auszeichnen.

5. Die materialistische Philosophie ist ein Mittel zur Veränderung der Welt, eine Anleitung zum Handeln.

6. Die Philosophie ist eine Wissenschaft über den anderen Wissenschaften, eine Art Wissenschaft der Wissenschaften.

Fragen für Fortgeschrittene

1. Wem gehören diese berühmten Aussprüche:

a. Erkenne dich selbst!

b. Aufrichtig zu sein kann ich versprechen, – unparteiisch zu sein aber nicht.

c. Leben heißt kämpfen.

d. Die Natur macht keinen Sprung.

e. Alle Dinge geschehen aus Notwendigkeit; es gibt in der Natur kein Gutes und kein Schlechtes.

(Sagen Sie Ihre Meinung zu diesen Sprüchen.)

2. Machen Sie sich mit dem nachstehenden Text bekannt. Der Autor des Textes ist der bedeutendste Philosoph vor der Entstehung des Marxismus. Er arbeitete ein objektiv-idealistisches System aus, dem die Identifizierung von Denken und Sein zugrunde lag. In diesem Auszug aus seinem Buch «Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie» (1823 – 1828) geht er unter anderem auf das Wesen der Philosophie ein. Wie heißt dieser Denker? Was hat er sonst geschrieben und welche Bedeutung hat er in der Geschichte der Philosophie? Nehmen Sie auch zu dem hier angeführten Text Stellung!

«Die Geschichte der Philosophie ist also die Geschichte des Gedankens. Staat, Religion, Wissenschaften, Künste u.s.w. sind auch Produktionen, Wirkungen des Gedankens, aber diese sind doch nicht Philosophie. Also müssen wir einen Unterschied in der Form des Gedankens machen. Die Geschichte der Philosophie nun ist die Geschichte des Allgemeinen, Substantiellen des Gedankens. In ihr fällt der Sinn oder die Bedeutung und die Darstellung oder das Äußerliche des Gedankens in Eins zusammen. Es ist weder ein äußerer noch innerer Gedanke, sondern der Gedanke ist gleichsam selbst das Innerste. In den anderen Wissenschaften fallen Form und Inhalt auseinander. In der Philosophie aber ist der Gedanke selbst sein Gegenstand; er beschäftigt sich mit sich selbst und bestimmt sich aus sich selbst. Er realisiert sich dadurch, daß er sich aus sich selbst bestimmt; seine Bestimmung ist, sich selbst zu produzieren und darin zu existieren».

3. 1905 wurde eine wissenschaftliche Theorie erklärt, die eine neue Gestalt dem Begriff der Zeit gab. Laut dieser Theorie kann man behaupten, das Ereignis A sei mit dem Ereignis В nur dann gleichzeitig, wenn wir diese Behauptung durch die Bemerkung ergänzen: Vom Standpunkt des Beobachters C (oder des Systems C). Wie heißt diese Theorie und wer ist deren Autor?

Schwierigkeiten der Philosophie

Nachdem Xantippe ihren Gatten[47] Sokrates mit Schimpfworten überhäuft[48] hat, wirft sie ihm schließlich ein Wassergefäß an den Kopf.

«Sagte ich es nicht voraus», mit diesen Worten wendet sich Sokrates kaltblütig an seine Freunde, «daß nach dem Donner der Regen kommen werde?»

* * *

Der Philosoph Christoph Lichtenberg wurde einmal von einem eingebildeten[49] Schwätzer gefragt, ob er ihm den Unterschied zwischen Zeit und Ewigkeit erklären könne.

«Das ist leider völlig unmöglich», bedauerte Lichtenberg, «denn wenn ich mir die Zeit nehmen[50] wollte, Ihnen das zu erklären, so würden Sie eine Ewigkeit brauchen, es zu verstehen».

Arabische Weisheit

Ein Weiser sagte einmal: «Es gibt vier Arten von Menschen: Solche, die etwas wissen und auch wissen, daß sie etwas wissen. Das sind gebildete Leute, und ihnen gilt es nachzueifern[51].

Dann gibt es Menschen, die etwas wissen, doch nicht wissen, daß sie etwas wissen. Diese Menschen schlafen, und sie soll man wecken.

Und dann gibt es Menschen, die nicht wissen, jedoch wissen, daß sie nichts wissen. Ihnen muß man helfen.

Und schließlich gibt es Menschen, die nicht wissen, jedoch auch nicht wissen, daß sie nicht wissen. Über die ist wahrhaftig nichts Gutes zu sagen»[52].

Wußten Sie schon

… daß manche

Leute, die denken,

daß sie denken,

leider oft nur denken,

daß sie denken?

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