Kapitel 5 Tagebuch von Marie Thomas – Brasilien, 13. Mai

Den ganzen heutigen Tag versuchte ich, meine Gedanken von dem grausamen Fund abzubringen. Inzwischen haben alle aus dem Camp, die einen robusten Magen haben, zumindest einmal einen Blick in den Lagerraum geworfen. Christian ist zusammen mit Dr. Larssen scheinbar sogar so weit gegangen, die Leiche näher zu untersuchen. Vorhin, beim Abendessen, als gäbe es keinen besseren Zeitpunkt, plauderten sie über Details der Wundränder und die Beschaffenheit der Geschwüre. Und dann begann die große Diskussion, was es damit auf sich habe. Ich wäre am liebsten aufgestanden und hätte mit meinen hochgewürgten Ravioli draußen den Jacaranda gedüngt. Aber natürlich musste ich gute Miene zum bösen Spiel machen. Und tatsächlich wurde es nach einiger Zeit besser. Denn dann wurde spekuliert, was dem Mann – Christian frotzelte damit herum, woran er das Geschlecht noch hatte erkennen können – zugestoßen sein konnte.

Der Kadaver muss einige Tage im Wasser getrieben sein. Für die zahlreichen offenen Wunden, das herausgerissene Fleisch und die fehlenden Gliedmaßen sind wohl Tiere verantwortlich. Krokodile und Piranhas, was eben in den Flüssen hier so schwimmt. Im Grunde ist weniger der Zustand der Leiche verwunderlich als die Tatsache, dass wir überhaupt noch Reste gefunden haben.

Der Rio Amaro, an dem dieses kleine Indiodorf und unser Camp liegen, ist weder besonders breit, noch führt er außerhalb der Regenzeit sonderlich viel Wasser. Die Strömung ist sehr gemächlich, bisweilen kommen einem die von Mangroven gesäumten Ufer eher wie eine ruhige Lagune vor. Einen weiten Weg kann die Leiche also nicht zurückgelegt haben. Nicht mehr als zwei oder drei Tagesmärsche flussaufwärts vermuten die anderen. Dort gibt es allerdings keine Plantagen oder Rodungsgebiete mehr, nicht einmal größere Siedlungen, wenn man von einzelnen Urwalddörfern absieht. Das jedenfalls wissen wir von den Indios, die hierherkommen, um sich von uns medizinisch versorgen zu lassen. Der Regenwald ist flussaufwärts unberührt und wild. Das macht das Auftauchen einer Leiche hier sehr ungewöhnlich.

Noch viel ungewöhnlicher ist aber, dass Dr. Larssen zwei Schusswunden im Rücken entdeckt hat. Oder jedenfalls hält er es dafür. Der Zustand des Kadavers und die beschränkten Möglichkeiten im Camp ermöglichen keine vernünftige Autopsie. Aber falls es stimmt, vermutet er, dass die Schüsse tödliche Wunden in der Lunge und anderen inneren Organen verursacht haben müssen. Wenn das so ist, dann handelt es sich hier vielleicht sogar um ein Mordopfer!

Ich finde ja die violetten Verfärbungen am seltsamsten. Es sind keine Hämatome, Leichenflecken oder Pigmentstörungen. Vielmehr wirkt es so, als habe man das Fleisch künstlich eingefärbt. Aber nicht äußerlich, wie durch ein Färbebad, sondern von innen heraus, wie auch immer das möglich sein sollte. Es sieht in jedem Fall unnatürlich aus. Mir sind keine biologischen Prozesse bekannt, die so etwas bewirken könnten.

Beim Essen war mir aufgefallen, dass sich Susan bei den Gesprächen sehr zurückgehalten hat. Vielleicht wollte sie ihren Status als Campleiterin deutlich machen. Aber sonst ist sie eigentlich immer ganz zugänglich. Sie hat immer wieder Blicke mit Dr. Paulsen und Brian gewechselt. Die beiden sind schon genauso lange im Camp wie sie, und ich habe das Gefühl, dass sie sich über irgendetwas Gedanken machen, etwas wissen.

Ich muss herausfinden, was ihrer Meinung nach dahintersteckt. Löwenstraße, Eppendorf, Hamburg, 21. Juli

Juli klingelte kaum zwanzig Minuten, nachdem er sie angerufen hatte. Tom betätigte den Summer und öffnete seine Wohnungstür. Er hörte, wie sie die hölzerne Treppe des Altbaus hochstieg.

»Dritter Stock«, rief er hinunter.

Sie erschien wie schon am Tag zuvor in einer Jeans und einer kurzen Jacke. Nach dem gestrigen Verlust war es nun eine Lederjacke im gleichen Farbton wie ihr Haar. Juli trat in den Flur und sah sich um. Tom wusste, dass seine Wohnung keinen sonderlichen Eindruck machte. Gemeinsam mit Anne waren die meisten Gegenstände verschwunden, die den Ort wohnlich gestaltet hatten. Die Staubfänger, wie er sie nannte: Bilder, Stehlampen, Vasen, Dekostücke. Er brauchte all das weder zum Arbeiten noch zum Fernsehen oder zum Schlafen. Jetzt, zum ersten Mal seit einem Jahr, vermisste er die ganzen Sachen. Nicht um ihretwillen, sondern weil er schätzte, dass das Aussehen seiner Wohnung Juli als ein Abbild seines Innenlebens vorkommen könnte. Jedenfalls würde er selbst so denken. Und aus Gründen, die ihm selbst nicht ganz klar waren, wollte er ihr gegenüber einen möglichst positiven Eindruck machen.

»Schön, dass du so schnell kommen konntest«, sagte er und führte sie zügig ins Wohnzimmer, das von allen Räumen noch am ehesten eingerichtet aussah.

»Setz dich doch«, sagte er und wies auf das Sofa an der Wand. Auf dem Couchtisch davor hatte er sein MacBook aufgebaut. »Möchtest du einen Kaffee?«

»Klar«, gab sie zurück, setzte sich aber nicht, sondern trat an das Fenster und blickte auf die Baumkronen.

»So ein Kaffeepad?«, rief er aus der Küche.

»Nur zu!«, erwiderte sie und sah sich im Raum um. Die spartanische Möblierung sagte ihr, dass Tom vermutlich nur selten Besuch hatte oder einfach keinen Wert auf eine umfangreiche Ausstattung legte. Vielleicht beides. Der polierte Holzbohlenboden und die ordentlich restaurierten Stuckelemente an der Decke verrieten ihr, dass die Wohnung frisch saniert und keinesfalls billig war. Also hätte es sich der Journalist sicher auch leisten können, die Wohnung etwas herzurichten. Aber es wirkte alles irgendwie trostlos. Oder vielleicht war einsam das richtige Wort. Aber lieber das als eine verspielte Junggesellenbude, in der zwischen den Stapeln dreckiger Wäsche noch der Pappkarton der Pizza vom letzten Abend, das Vorlesungsverzeichnis der Uni, ein Mopedhelm und eine Playstation lagen. Dieser hier war ganz offensichtlich wenigstens erwachsen.

»Milch, Zucker?«

Juli folgte der Stimme und trat in seine Küche. Wie sie erwartet hatte, war sie ebenso leer wie alles andere. Ein paar Tassen standen auf der Spüle, und auf dem Boden ragten einige leere Bierflaschen aus einem Karton heraus.

»Beides.«

Tom schreckte auf, als sie plötzlich neben ihm stand.

»Danke«, fügte sie hinzu, als sie die Tasse entgegennahm.

»Ich weiß, sieht aus, als wäre ich gerade erst eingezogen«, sagte er.

»Ich habe nichts gesagt.«

»Aber du hast es gedacht.«

Sie ging zurück ins Wohnzimmer. »Jeder trägt seine eigene Geschichte mit sich herum. Das ist ganz normal. Und gut so.«

Sie lächelte, setzte sich auf das Sofa und lehnte sich zurück.

»Also«, sagte sie nach einem ersten Schluck, »was hast du herausgefunden?«

Tom nahm in gebührendem Abstand neben ihr Platz und klappte den Rechner auf.

»Ich hätte es auch am Telefon erzählen können, aber es ist toller, wenn man es sich ansieht«, erklärte er, während er die notwendigen Programme startete. »Ein Bekannter von mir ist Computerexperte bei Airbus und beschäftigt sich mit Partikelsystemen und Strömungsberechnungen für die Aerodynamik. Nach unserem Essen hatte ich ihn angerufen und ihm von unserer Fragestellung erzählt. Daraufhin hat er sich noch gestern Abend alle Daten aus dem Netz gesucht und eine Simulation programmiert, die er auf seinen Systemen durchrechnen ließ. Das Ergebnis hat er mir als Film geschickt.«

Auf dem Bildschirm erschien eine schlichte Karte, auf der ein blaues, geschwungenes und zerstückeltes Band umrandet von grünen Flächen zu erkennen war.

»Das hier ist die Elbe auf der Höhe, wo der Fuß gefunden wurde«, erklärte Tom. Er deutete auf einen roten Punkt. »Genau dort. Da oben rechts siehst du Uhrzeit und Datum.« Er startete den Film. Nun wurden im Fluss viele kurze und lange Streifen sichtbar wie auf einem Strömungsfilm bei der Wettervorhersage. Datum und Uhrzeit begannen, rückwärts zu laufen.

»Die grauen Kästen, die sich auf der Elbe bewegen, sind die großen Frachter und Tanker«, sagte Tom. »Er hat alle ihre Daten mit eingebaut, da sie die Strömungen im Fluss beeinflussen.«

Der rote Punkt bewegte sich aus der Bucht heraus und wackelte in Richtung der Flussmitte. Dann steuerte er ein Stück landeinwärts, verharrte scheinbar, bis er schließlich flussabwärts trieb.

»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Juli.

»Das sind die Effekte der Tide«, sagte Tom. »Man sollte meinen, dass der Fuß lediglich den Fluss hinab in Richtung Nordsee geschwommen ist. Das würden wir hier, weil wir es rückwärts betrachten, als eine Bewegung landeinwärts sehen. Aber je nachdem, in welcher Tiefe der Fuß geschwommen ist und welche Strömung er erwischt hat, kann es sein, dass er bei auflaufender Flut wieder landeinwärts gespült wurde. Immer wieder ein Stück hinunter, dann wieder ein Stück hinauf. Das geht noch eine Weile so weiter, wie du siehst.«

»Aber letzten Endes …«

»Ja, letztlich ist er natürlich nicht den Fluss hinaufgetrieben, sondern kam aus Richtung der Stadt. Hier, der Film ist gleich zu Ende; und dort kommt die Stelle, die für uns interessant wird, bis dahin hat er es berechnet.«

Juli beobachtete, wie sich der rote Punkt nach seinen zahlreichen pendelartigen Bewegungen einem Ufer näherte und schließlich dort stehen blieb. Es war aber nicht das südliche Elbufer. Stattdessen war es das Ufer einer schmalen Landzunge, die sich inmitten der Elbe befand.

»Da. Das ist der berechnete Ausgangsort«, sagte Tom. »Neßsand.«

»Diese Insel?«

»Vom Beachclub aus kann man sie sehen, und man denkt immer, es sei das gegenüberliegende Ufer der Elbe. Aber es ist in Wahrheit die Insel. Das westliche Ende, das man von dort sehen kann, heißt Hans-Kalb-Sand. Der Teil, wo der Fuß herstammt, liegt weiter flussaufwärts, und das ist Neßsand.«

»Was macht ein Fuß auf der Insel?«

Tom nickte. »Und mehr noch: Was macht überhaupt irgendetwas dort? Denn Neßsand ist ein gesperrtes Naturschutzgebiet. Außer Bäumen und ein paar Vögeln dürfte es dort gar nichts geben. Und die Wasserschutzpolizei patrouilliert da regelmäßig.«

»Was aber auch bedeutet, dass es ein gutes Versteck ist«, überlegte Juli.

»Ja, richtig. Und dann ist mir noch etwas anderes eingefallen. Im Pathologiebericht war die Rede davon, dass sich im Schuh Pappelblätter befunden hatten. Okay, es ist eine ziemlich schwache Spur, aber immerhin, ich habe es überprüft, und auf Neßsand wachsen tatsächlich Pappeln, und zwar nicht zu knapp.«

»Nehmen wir an, die Berechnungen stimmen«, sagte Juli. »Dann gibt es doch im Grunde nur eins, was wir tun können.« Sie sah Tom an, und der hob eine Augenbraue. Sie war schnell. Und mutig.

»Man bräuchte ein Boot …«, tastete er sich vor, nicht sicher, ob sie die gleiche Idee hatte wie er.

»Ein möglichst kleines mit einem möglichst leisen Motor«, bestätigte Juli, »das nachts von einer unbeobachteten Stelle aus übersetzen kann.«

»Womit man sich natürlich eine Menge Ärger einhandeln könnte …« Er sah sie fragend an. Aber Juli blieb ungerührt.

»Nur, wenn man sich erwischen lässt.«

Sie trafen sich abends um halb elf auf dem Parkplatz des Wendehammers in der Nähe der alten Fabrik. Die Gebäude waren um diese Uhrzeit längst verwaist, nur einzelne Lampen auf dem Fabrikgelände warfen noch ein spärliches Licht. Hier war nahezu dunkles, menschenleeres Niemandsland, zwischen der Großstadt Hamburg und der weiter westlich liegenden Ortschaft Wedel. Die wenigen Menschen, die hier arbeiteten, Fabrikarbeiter und Büroangestellte, waren spätestens um sechs schon gegangen, auch Putzkolonnen waren inzwischen fort. Wachleute gab es hier keine.

Als Juli ihren Wagen abstellte, sah sie Tom schon auf sie warten. Trotz des lauen Abends ließ die zwielichtige und heruntergekommene Umgebung sie schaudern. Noch am Tag zuvor hätte sie sich nicht vorstellen können, sich mitten in der Nacht mit einem Fremden im Nirgendwo zu treffen. Und ein Fremder war er schließlich, auch wenn sie wusste, wie er hieß, wo er wohnte und sie nichts Böses an ihm vermutete. Aber wie gut ließen sich Menschen wirklich einschätzen? Tatsache war, dass sie ihn längst nicht gut genug kannte, um ihm ihr Leben anzuvertrauen.

Es ist nur eine Bootsfahrt, ermahnte sie sich. Doch das ungute Gefühl, sich in etwas hineinzustürzen, dessen vollen Umfang sie noch nicht abschätzen konnte, ließ sich nicht abschütteln. Ihr Tatendrang hatte sie zwar auch schon früher in verzwickte Situationen gebracht, nur war dies hier etwas anderes.

Sie nahm sich vor, wachsam zu bleiben, wollte aber die Chance, der Antwort auf ihre Suche näher zu kommen, nicht ungenutzt lassen.

Sie ging zu Tom hinüber, der hinter der Straßenbegrenzung am Ufer des Flusses wartete. Kurz darauf bemerkte sie eine weitere Person, die etwas abseits stand und alles beobachtete. Dann sah sie, dass auf dem Wasser direkt hinter Tom ein kleines Motorboot trieb. Es war aus Gummi und gerade groß genug für zwei Personen. Eine Leine führte zu den schwarzen Schlackebrocken, die als Uferbegrenzung dienten. Es gab hier keinen Pier, nicht einmal einen kleinen Steg. Aber es war beinahe höchste Flut, die abfallenden Ufer standen schon hoch unter Wasser, und so war es möglich, dass man an dieser Stelle mit einem Boot fast direkt bis an die Straße herankam. Von den Steinen aus war es mit etwas Geschick möglich, hineinzuklettern.

»Kann sein, dass du nasse Füße bekommst«, grüßte Tom sie. »Aber es war die beste Möglichkeit auf die Schnelle.« Er schien ihren unruhigen Blick zur Seite zu bemerken. »Das ist Jeremy«, sagte er mit einem Nicken hinüber. »Ihm gehört das Boot. Er wird hier warten, bis wir es zurückbringen.«

»Will er denn nicht mitkommen?«

»Er möchte nicht mit drinstecken, falls wir erwischt werden.«

Unschlüssig sah sie zu dem Boot. Tatsächlich war es sogar unmöglich, es zu betreten, ohne mindestens einen Schritt ins Wasser zu tun. Also setzte sie sich und zog ihre Schuhe aus.

»Pass auf, dass du nicht ausrutschst«, sagte Tom.

Als sie fertig war, balancierte sie über die Steine, stützte sich einmal an Toms ausgestrecktem Arm ab und war schließlich im Boot. Tom folgte ihr, stieß das Gefährt mit einem Paddel von den Steinen ab und warf dann den kleinen Außenborder an. Bedächtig nahmen sie Fahrt auf und bewegten sich auf den Fluss hinaus.

Zehn Minuten später erreichten sie die Neßsand. Im Westen der Insel gab es einen Anlegesteg, den der Inselwart verwendete und der für größere Boote gedacht war. Um unentdeckt zu bleiben, mussten sie diesen Bereich natürlich meiden. Tom suchte daher weiter östlich am Strand einen Landeplatz, und kurz darauf betraten sie die Insel. Eine dünne Wolkendecke verdunkelte die Reste der Dämmerung. Über der Stadt und ihren Containerterminals, deren Lichtermeer man sehen konnte, lag ein orangefarbener Schein. Auf dem Wasser und auf der Insel war es bereits fast vollkommen dunkel. Dennoch war es ihnen möglich, Umrisse zu erkennen, nachdem sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten.

»Hoffentlich sieht man es nicht«, sagte Juli, während Tom das Schlauchboot ein kurzes Stück aufs sandige Ufer zog. Vom Wasser aus würde es sich als dunkler Schatten gegen den helleren Streifen Strand abheben.

»Wir müssen einfach darauf vertrauen, dass in der nächsten Stunde nicht die Polizei vorbeifährt und zufällig herüberguckt.«

Sie ging einige Schritte, bis um sie herum Gräser und kleineres Buschwerk wuchsen. Tom dirigierte sie in Richtung der Inselmitte. »Wenn wir am Strand entlanggehen, kann man uns vielleicht entdecken«, erklärte er mit gedämpfter Stimme. »Ich weiß ja nicht, wie ernst die das mit den Kontrollfahrten nehmen. Daher gehen wir oberhalb, am Waldrand.«

»Warum flüsterst du?«

»Ich …« Tom zuckte mit den Schultern. »Nur so. Fühlt sich heimlicher an.«

»Falls der Fuß tatsächlich von hier gekommen ist«, sagte Juli, »dann ist er ja vermutlich ins Wasser gespült worden, und dann sollten wir am Strand gucken.«

»Wir behalten den Streifen im Auge und gehen nur nachsehen, wenn uns etwas verdächtig vorkommt.«

Ein Wildwuchs von Sträuchern und zum Teil erstaunlich hohen Bäumen beherrschte die Inselmitte. Die Elbinsel war gerade einmal sechzig Jahre alt. Entstanden war sie in den Vierzigerjahren des letztes Jahrhunderts, als während des Zweiten Weltkriegs am Südufer der Elbe eine Werft für Wasserflugzeuge gebaut wurde. Dabei war die Insel mit dem Aushub der Bauarbeiten aufgeschüttet worden. Die Natur hatte das Land schnell erobert, und inzwischen war die ehemalige Sandbank seit fünfzig Jahren Naturschutzgebiet.

»Ich bin nicht sicher, ob es eine gute Idee war, nachts herzufahren«, sagte Juli. »Man sieht ja fast nichts.«

Tom schwieg. Dass das Risiko, tagsüber erwischt zu werden, zu groß war, hatten sie ausführlich besprochen. Vielleicht hat sie ja Angst vor der Dunkelheit, überlegte er. Ein bisschen albern für eine erwachsene Frau. Aber möglicherweise konnte er sie beruhigen. Er stellte sich vor, wie sie immer stiller und immer nervöser wurde. Er würde dann etwas näher neben ihr laufen. Vielleicht wäre sie froh, einen kräftigen Mann in ihrer Nähe zu haben, vielleicht sogar Körperkontakt suchen. Es müsse ihr nicht peinlich sein, würde er ihr dann hinterher verständnisvoll sagen, wenn sie wieder auf vertrautem Gebiet waren. Sie würde ihn mit dankbaren Augen ansehen, lächeln, und dann …

»Scheiße!«, schrie Tom auf, als plötzlich ein Knurren neben ihm aus der Dunkelheit der Bäume drang. Tom stolperte zwei Schritte beiseite, rechnete damit, dass ihn etwas Großes anspringen würde.

Juli war ebenfalls stehen geblieben. Sie zog die Taschenlampe hervor, die sie eigentlich nur im Notfall hatten benutzen wollen, und leuchtete in das Unterholz. Dort stand ein Hund. Ein Mischling von der Größe eines Schäferhundes mit verfilztem Fell und eingefallenen Flanken. Er hatte die Ohren angelegt und bleckte die Zähne. Im Lichtkegel der Lampe wich er einen Schritt zurück.

»O nein«, sagte Juli, »sieh dir den an. Der Arme ist ja halb verhungert!«

»Das beruhigt mich kein bisschen«, rief Tom. »Der hätte sich fast auf mich gestürzt. Scheuch ihn weg, los!« Er bückte sich, offenbar auf der Suche nach Steinen, die er nach dem Tier werfen konnte.

»Red keinen Unsinn«, sagte Juli. »Du hast ihn erschreckt. Guck doch, was er für eine Angst vor uns hat.«

»Scheinbar nicht genug.« Tom hatte einen herumliegenden Ast gefunden und holte aus.

»Nicht!«, rief Juli und wollte Toms Arm festhalten. Aber der Hund setzte sich schon in Bewegung und rannte durch den Wald davon. »Jetzt hast du ihn verjagt!«

»Gut so. Wer weiß, was der für Krankheiten hat.«

»Nun stell dich doch nicht so an! Der ist vielleicht schon ewig lange auf der Insel und kommt nicht mehr aufs Festland. Und hier findet er nichts zu fressen. Du hast doch gesehen, wie schlimm er aussah.« Sie trat zwischen die Bäume. »Vielleicht können wir ihm helfen. Wir müssen ihn suchen.« Mit eingeschalteter Lampe stapfte sie los.

»He, warte mal«, rief Tom und eilte hinterher. Als Juli keine Anstalten machte, stehen zu bleiben oder sich umzudrehen, gab Tom klein bei. »Mach wenigstens die Lampe aus.«

Erneut hüllte Dunkelheit sie ein. Tom folgte Juli durch das Unterholz. Dieser Teil der Insel war fast drei Kilometer lang und einen halben Kilometer breit. Da es eine Insel war, konnte man sich schwerlich verlaufen, aber sie war groß genug, um stundenlang nutzlos umherzuirren, wenn man nicht einmal wusste, was und wo man suchte.

»Es würde mich wirklich interessieren, was dich an dieser Sache so sehr interessiert«, sagte Tom. »Es ist eine persönliche Sache, hast du gesagt. Aber es muss ja schon mächtig wichtig sein, wenn du so was hier unternimmst. Wir machen uns strafbar, und vermutlich haben wir auch schon am UKE diverse Gesetze gebrochen.«

»Dasselbe gilt doch auch für dich.«

»Ja, aber es ist mein Job. Ich verdiene mein Geld mit Storys, und die guten Storys liegen nun mal nicht auf der Straße.«

»Das stimmt wohl«, antwortete Juli.

»Und du?«, hakte Tom nach, als sie keine Anstalten machte, weiterzusprechen. »Was treibt dich an?«

»Es lässt dir keine Ruhe, hm?«

»Nein.«

»Es hängt mit meiner Schwester zusammen. Ich weiß nicht, ob ich es vernünftig erklären kann. Es klingt vielleicht etwas weit hergeholt.«

»Versuch es«, drängte Tom, der sich die Arme vor das Gesicht hielt, um zurückschnellende Zweige aufzuhalten, die Juli beim Vorangehen umbog.

»Also gut«, seufzte sie. »Meine Schwester, Marie, ist Ärztin. Oder jedenfalls kurz davor. Im Augenblick arbeitet sie ehrenamtlich für Ärzte ohne Grenzen in einem kleinen Dorf in Brasilien. Na ja, also eher ein Urwalddorf südlich von Manaus, ziemlich weitab vom Schuss. Von dort hat sie mir immer geschrieben. Zwar mit reichlicher Verzögerung, aber regelmäßig. Und nun ist sie verschwunden.«

Tom schwieg.

»Der letzte Brief, den ich von ihr bekam, war reichlich beunruhigend«, fuhr sie fort, »und dann war plötzlich vier Wochen lang Sendepause. Also habe ich mich mit den Ärzten im Dorf direkt in Verbindung gesetzt. Von denen habe ich dann erfahren, dass Marie vier Wochen vorher auf eine Expedition flussaufwärts in den Urwald aufgebrochen war und man seitdem nichts mehr von ihr gehört hatte.«

»O Mann … und wie lange ist das her?«

»Das war vor drei Wochen. Ich habe natürlich noch einmal Kontakt gesucht, aber man konnte mir nichts Neues sagen. Man hatte einen Suchtrupp hinterhergeschickt, der aber einige Tage später zurückgekehrt war, ohne eine Spur gefunden zu haben.«

»Und mehr haben die nicht unternommen?«

»Sie zögern noch, sie offiziell als vermisst zu melden. Und ich verstehe nicht, warum.«

»Kann es denn sein, dass sie entführt wurde? Oder gibt es dort irgendwelche Banden?«

»Das ist unwahrscheinlich. Das Dorf liegt wirklich weitab, und in der näheren Umgebung gibt es nur noch einige verstreute Indiostämme.«

»Dann hat sie sich vielleicht verlaufen? Oder sie ist verunglückt?«

»Vielen Dank fürs Mutmachen …«

»O mein Gott, so meinte ich es nicht«, beeilte sich Tom zu versichern. »Ich überlege nur, was passiert sein könnte.«

»Du hast ja recht«, sagte sie leise. »Viele andere Möglichkeiten gibt es sicher nicht.«

Tom zögerte. Er wusste nun, warum sie nicht darüber hatte sprechen wollen. Aber was war es, das sie nun zu dieser Suche verleitete? Neßsand war schließlich nicht der brasilianische Urwald.

»Als ich deinen Artikel las«, sagte Juli, »hat mich die Beschreibung des Fußes stutzig gemacht. In dem letzten Brief erwähnte Marie, dass der Fluss bei ihnen im Dorf ebenfalls Leichenteile angespült hatte. Und auch sie waren violett verfärbt.«

»Und deswegen vermutest du eine Verbindung …?«

»Ich sagte ja, es ist reichlich vage und eigentlich nicht wirklich zu erklären. Aber irgendwie hat mich die Beschreibung erregt, so als würde ich etwas wiedererkennen … ich weiß nicht, wie das miteinander zu tun haben könnte, aber ich muss dem einfach auf den Grund gehen … Ergibt das irgendeinen Sinn?«

»Tja … ich schätze, irgendwo muss man anfangen.«

»Ja …«

»Was ist, warum bleibst du stehen?«

»Hier ist ein Zaun.« Sie schaltete ihre Lampe an.

Tom trat heran. Vor ihnen erhob sich eine fast drei Meter hohe Absperrung.

»Warum steht hier ein Zaun mitten auf der Insel?«, fragte Tom.

»Hier kann er nicht hindurch sein.«

»Wer?«

»Na, der Hund. Komm, wir folgen dem Verlauf. Ich bin gespannt, wo er hinführt.«

»Wir sind eigentlich nicht wegen des Hundes hier …«

»Ja, sicher, aber willst du nicht auch wissen, wer hier, mitten im Naturschutzgebiet, so was aufstellt?« Sie leuchtete nach oben. »Mit Stacheldraht obenauf. Hier war jemandem etwas ganz besonders wichtig. Und ein paar Sumpfhuhn-Nester waren es bestimmt nicht.«

Tom musste ihr recht geben. Dieser Zaun bestand nicht aus alten Latten oder Maschendraht, er war aus engen Stahlgittersegmenten gefertigt und so hoch, dass er eine ernsthafte Barriere darstellte. Es war zweifellos verdächtig.

Juli schaltete ihre Lampe aus, und gemeinsam folgten sie der Absperrung. Ihre Augen gewöhnten sich wieder an die Dunkelheit, und mit einer Hand am Zaun kamen sie zügig voran.

»Pass auf …«, hörte Tom gerade noch, als seine Füße plötzlich keinen ebenen Halt mehr fanden. Er rutschte einen guten Meter abwärts und fiel dann zu Boden. Julis Lampe flammte auf. »Hier ist ein Loch, wollte ich gerade sagen.« Sie stand etwas weiter oben, noch dicht am Zaun. Der Boden war hier ausgeschwemmt, eine tiefe Rinne verlief vom Zaun aus durch den Wald und in Richtung des Strandes. Die Rinne war so tief, dass sie den Zaun unterhöhlte, ein kleiner Betonfuß war zu erkennen, der einmal in der Erde gesteckt hatte und nun, von unten am Zaun hängend, in der Luft schwebte.

»Hier ist er also durchgekommen«, meinte Juli und sprang zu Tom hinab. »Irgendein Hochwasser oder eine Sturmflut hat die Erde weggespült. Sieh mal.«

»Willst du da rein?«, fragte Tom, während er aufstand und den Dreck von seiner Hose klopfte.

»Na sicher.«

Juli ging auf alle viere und zwängte sich unter dem Zaun hindurch. Tom folgte ihr. Unschlüssig blieben sie auf der anderen Seite stehen.

»Weiter am Zaun entlang oder direkt geradeaus?«, fragte Tom. »Ich würde schätzen, dass das, was der Zaun schützt, in der Mitte liegt.«

»Also dann geradeaus.«

Schon nach wenigen Schritten veränderte sich das Gelände. Die letzten vereinzelten Pappeln und Weiden wichen zurück, sie liefen durch Gestrüpp und mannshohe Brennnesselfelder.

Vor ihnen tauchte ein niedriges Gebäude auf, eher einem größeren Schuppen gleich, das sich mit seinem flachen Dach in die Umgebung zu ducken schien. Sie traten heran. Die Wände bestanden aus fensterlosen, großen Blechen, wie man es von einer einfachen Lagerhalle erwarten würde. Auch das Dach war aus Blech gefertigt.

Vorsichtig umrundeten sie den Bau. An keiner Seite fanden sie Fenster oder irgendwelche Hinweise, um was es sich handelte. Dann hatten sie die Stirnseite erreicht, wo eine einzelne Tür eingelassen war. Tom sah auf den Boden.

»Hier war einmal ein Weg«, stellte er fest. »Ein bisschen überwuchert, aber er führt direkt hierher. Vermutlich ist am anderen Ende der eigentliche Eingang durch den Zaun.«

Er untersuchte die Tür. Sie war mit einem Sicherheitsschloss versehen, aber zusätzlich lag ein Metallriegel quer davor, der mit einer Kette und einem Vorhängeschloss gesichert war. Halbherzig rüttelte Tom daran.

»Kein Chance«, murmelte er.

»Aber etwas muss da drin sein«, meinte Juli. »Niemand sichert so einen leeren Schuppen.«

»Folgen wir dem Weg«, schlug Tom vor. »Vielleicht finden wir noch mehr.«

Der ehemalige Pfad verlief gradlinig durch das Gestrüpp. Gebäude gab es keine weiteren, und bald schon erwartete Tom, auf die Umzäunung zu treffen, als er stockte. Wenige Meter rechts von ihnen war etwas.

»Juli, leuchte mal da rüber«, sagte er. »Wo es so dunkel ist.«

Das Licht der Lampe wanderte über Gräser und Brombeerranken und offenbarte schließlich eine Senke im Gelände.

»Lass uns das ansehen«, sagte Tom und bahnte sich einen Weg. Juli folgte ihm und leuchtete. Nach einigen Schritten blieb er stehen und wartete, dass Juli zu ihm aufschloss.

Sie standen am Rand eines gähnenden Lochs mitten im Boden. Die Decke eines unterirdischen Raums war eingebrochen. Betonteile waren zum Teil herabgestürzt, zum Teil hingen sie noch durch verrostete Metallstangen aneinander. In etwa drei Metern Tiefe war der Boden eines Raums zu sehen, der teilweise mit Geröll, Erde und Blättern bedeckt war. Undefinierbare Gerätschaften, Kisten lagen verstreut herum, Regale ragten herauf.

»Ein alter Bunker?«, fragte Juli.

»Nein, viel moderner. Höchstens ein paar Jahre alt. Und vermutlich vor Kurzem erst eingestürzt.«

»Was ist das da?« Juli war in die Hocke gegangen und leuchtete in eine Ecke.

Das Licht brach und spiegelte sich in Glasscherben. Dazwischen lagen intakte Gefäße, die offenbar herabgestürzt waren. Etwas Weißes schimmerte ihnen entgegen.

Tom erkannte, was es war. Er wollte seinen Blick abwenden, aber das Grauen ließ ihn erstarren, hielt ihn fest wie in einem Schraubstock. Selbst aus der Entfernung sah er jede Falte, jedes Haar, die glasige Blindheit der toten Augen, die aufgedunsenen Lippen. In dem Gefäß befand sich, in einer Flüssigkeit schwimmend, der abgetrennte Kopf eines Menschen.

Tom stolperte rückwärts, während Juli noch immer kniete und den Fund näher in Augenschein nahm. Dann stand sie auf und untersuchte den Rand der Grube. Kurz darauf begann sie, auf den Trümmerstücken der eingestürzten Decke nach unten zu klettern.

»Moment mal«, rief Tom. »Das könnte zusammenbrechen!«

»Ich pass schon auf.«

Wenig später war sie bereits am Boden dessen, was einmal ein Raum gewesen war, angelangt und leuchtete umher.

»Komm auch«, rief sie. »Das musst du dir ansehen.«

Tom zögerte. Die Kleine war reichlich unverfroren, fast ein bisschen zu viel für seinen Geschmack. Mitten in der Nacht in ein Sperrgebiet einzudringen und dann in eine baufällige Ruine zu klettern, in der Leichenteile in Asservaten-Gläsern herumlagen, das ging auch über sein übliches Maß an Recherche hinaus. Und seine Ekelgrenze war bei solchen Horrorfunden ebenfalls deutlich überschritten.

Weder hatte er Angst in der Dunkelheit, noch war er abergläubisch. Aber was er im Licht der Taschenlampe gesehen hatte, tanzte unablässig vor seinen Augen, hatte sich eingebrannt und kroch nun wie ein bösartiger Geist durch seinen Kopf und sein Rückgrat hinab. Hier oben schutzlos und allein in der Dunkelheit zu stehen, mit dem Rücken zum Wald und ahnungslos, was ihn umgab, was möglicherweise lauerte, war ein fast unerträglicher Gedanke. Hinunter zu Juli war die Alternative. Zum Licht, zu einem Menschen … aber auch zu abgetrennten Köpfen, die ihn mit blinden Augäpfeln anglotzten und ihre toten, fischigen Lippen zu einem stummen Schrei geöffnet hatten.

»Was ist?«, rief sie von unten.

Widerwillig trat er vor und untersuchte das Geröll. Ein Lichtschein flammte auf. Juli leuchtete herauf, sodass er erkannte, wie man hinabgelangte.

»Ist ganz leicht«, sagte sie. »Die Platte dort ist stabil, und am Regal kannst du dich festhalten.«

Als Tom unten ankam, bemühte er sich, nicht auf den Boden zu sehen. Ein fauliger Gestank hing in der Luft. Er wollte nicht wissen, wie viele Gläser heruntergefallen und dabei zu Bruch gegangen waren. Er folgte dem Schein von Julis Lampe, der sich dankenswerterweise auf die Regale konzentrierte.

»Das muss eine Art Lagerraum gewesen sein«, erklärte sie. »Haufenweise Regale mit Gefäßen und Boxen. Hier sind auch irgendwelche wissenschaftlichen Geräte. Sieh mal. Was hältst du davon?«

»Was soll ich davon halten, wenn hier Köpfe in Gläsern herumliegen?!«

»Das sind sicher medizinische Asservaten. Gibt’s an der Uni auch haufenweise. Na gut, Köpfe sind selten, aber da muss man sich nicht so aufregen.«

»Ich rege mich überhaupt nicht auf. Ich bin entsetzt!«

»Ist ja schon gut. Ist aber der einzige, wenn es dich beruhigt.« Sie leuchtete zur Seite. »Da drüben sind nur noch ein paar Organe, aber die könnten auch von einem Tier sein. Und ansonsten gibt’s da noch Schweineschenkel. Sieht jedenfalls so aus. Eingelegtes Eisbein, sozusagen.«

»Ich finde das nicht witzig.«

»Hier drüben ist eine Tür. Der eigentliche Eingang zu diesem Raum. Ist aber von der anderen Seite verriegelt. Ich frage mich, ob es noch mehr Kellerräume hier gibt oder ob dahinter bloß ein Tunnel liegt, der von dem Schuppen aus hierherführt.«

»Sieht so aus, als müssten wir noch mal herkommen«, meinte Tom, »und ein bisschen Werkzeug mitbringen. Vielleicht bekommen wir auch den Schuppen geknackt.«

Juli nickte. »Ja. Irgendetwas ist hier versteckt worden. Vielleicht hat man hier auch gearbeitet. Medizinische Experimente vielleicht. Aber warum hier auf der Insel …?«

»Die Lage muss eine besondere Bedeutung haben. Sonst wäre es logistisch viel zu aufwendig, hier so etwas zu bauen.« Er griff in ein Regal und zog einen Karton heraus, in dem Mappen lagen. Er nahm die oberste, blätterte sie auf und versuchte, etwas zu erkennen.

»Es ist ein gutes Versteck«, überlegte Juli.

»Vielleicht vor Spaziergängern. Aber vor den Behörden lässt sich das sicher nicht geheim halten. Es muss schon irgendwie offiziellen Charakter gehabt haben. Lass uns ein paar der Unterlagen mitnehmen.«

»Oder man hat die Behörden bestochen.«

»Auf alle Fälle werde ich der Sache nachgehen. Aber jetzt brauche ich erst mal wieder frische Luft!« Er wandte sich dem Aufstieg zu.

Kurz darauf waren sie oben angekommen.

»Viel schlauer sind wir ja noch nicht«, sagte Tom, als sie den Weg zurückgingen. Dann klopfte er auf die Dokumente unter seinem Arm. »Aber wir wissen, dass es hier noch einiges zu entdecken gibt. Interessiert dich die Sache immer noch?«

»Unbedingt!«, gab Juli zurück.

»Aber was könnte es mit deiner Schwester zu tun haben?«

»Ich weiß es nicht, wirklich. Aber ich muss einfach irgendetwas tun, verstehst du?«

Tom dachte darüber nach. Sicherlich hatte sie recht. Es musste furchtbar sein, wenn man zur Untätigkeit verdammt war. Vielleicht wäre es zwar eine bessere Idee, in das Urwalddorf nach Brasilien zu fahren, um dort nach dem Rechten zu sehen, als Hirngespinsten auf einer aufgeschütteten Elbinsel nachzujagen, aber eine Beschäftigung war vermutlich besser, als sich vor Sorge den Geist zu zermartern.

Die Entdeckung erregte Tom. Ein geheimes Labor auf der Elbinsel. Eine Story, die möglicherweise viel interessanter war als ein angerissener Fuß, der aus irgendeinem Bootsunfall stammen mochte. Es gelang ihm nicht, Juli richtig einzuschätzen. Sicherlich war sie entschlossen und furchtlos. Aber vielleicht war es bloß eine Art Verblendung, eine Manie, und möglicherweise wurde er sie nun viel schwieriger wieder los, als es ihm recht war. In erster Linie musste er an seinen Job denken und konnte sich nicht auch noch um die Befindlichkeiten irgendeiner Frau kümmern, egal, wie gut sie aussah. Bisher benahm sie sich professionell und neutral, aber wer wusste schon, wie lange das gut gehen würde.

Jeder der beiden hing seinen Gedanken nach, und so verlief der Rückweg nahezu schweigend.

Sie traten aus dem Wald und wurden vom grellen Licht zweier Taschenlampen empfangen, die ihnen in die Gesichter strahlten.

»Hier ist die Polizei! Treten Sie langsam vor!«

Unwillkürlich hoben Tom und Juli ihre Arme an.

»So ein Mist!«, zischte Tom.

Die beiden Polizisten standen breitbeinig am Strand. »Können Sie mir verraten, was Sie hier tun?«, fragte der größere der beiden.

»Wir haben uns hier umgesehen«, gab Juli arglos zurück.

»Haben Sie das Schild da drüben gesehen?« Der Mann leuchtete zum Waldrand auf ein unübersehbares Hinweisschild mit einem grünen Dreieck und der Silhouette eines Adlers.

Tom schwieg.

»Na, was steht da drauf?«, fragte der Mann. »Lesen können Sie ja wohl.«

»Wir wissen, dass diese Insel ein Naturschutzgebiet ist«, sagte Juli in einem Tonfall, um dessen Ruhe Tom sie beneidete. Er hasste es, herablassend behandelt zu werden, insbesondere von irgendwelchen Streifenpolizisten, die sich für kleine Könige hielten.

»Und was ist das Besondere an einem Naturschutzgebiet, junge Dame? Dass man es nicht betreten darf! Zeigen Sie mir bitte mal Ihre Ausweise.«

Tom knirschte mit den Zähnen. Er hätte dem selbstgefälligen Kerl am liebsten gehörig die Meinung gesagt. Leider war der Mann im Recht, und Handgreiflichkeiten würden vermutlich nicht helfen, die Situation zu entspannen.

»Wir haben sie im Boot gelassen«, sagte Juli.

»Gut, dann gehen wir jetzt gemeinsam zu Ihrem Boot.«

Tom und Juli gingen voraus, die Polizisten folgten ihnen.

Das Boot war nicht weit entfernt. Die Flut war noch ein bisschen gestiegen, sodass es nun direkt am Wassersaum lag.

»Wir haben eine Sondergenehmigung von Hauptkommissar Berger«, erklärte Juli, während sie sich dem Boot näherte. »Ich arbeite am UKE. Wir haben ihn dort heute getroffen, und auf seinen ausdrücklichen Auftrag hin sind wir hierhergefahren.«

Die beiden Männer sahen sich an.

»Berger?«, fragte der größere.

»Ja, den kenne ich. Sitzt in der City Nord, meine ich.«

»Okay, prüf nach, ob da was dran ist. Ich bleibe hier und nehme die Personalien auf.«

Der kleinere der beiden Männer entfernte sich mit seiner Lampe. Vermutlich ging er in Richtung des Anlegestegs, der etwas weiter westlich lag. Dort mussten sie ihr Boot festgemacht haben, überlegte Tom. Weit war es nicht, in fünf Minuten war er sicher dort und würde über Funk in Erfahrung bringen, dass es einen solchen Auftrag von Hauptkommissar Berger nicht gab.

Tom überlegte fieberhaft. Wenn sie hier wegwollten, mussten sie jetzt schnell sein. Aber der andere durfte nicht mehr in Rufweite sein, und so lange mussten sie die Herausgabe ihrer Ausweise verzögern …

Juli gab sich bereits Mühe, Zeit zu schinden. Sie beugte sich über das Boot und suchte darin herum. »Verdammt … wo hast du den Rucksack hingelegt?«

Tatsächlich hatten sie außer ihrer Kleidung nichts weiter dabeigehabt, aber Juli suchte in den Ecken und unter einem Haufen aus schwerer Plane.

»Ich hab ihn dir doch gegeben«, warf Tom ein. »Ich dachte, du hattest ihn mitgenommen.« Er ging einen Schritt auf das Boot zu und blickte den Strand hinunter, wo er den Schein der Taschenlampe immer kleiner werden sah.

»Du hast ihn mir nicht gegeben«, sagte Juli. »Ich habe ihn nicht einmal angefasst, seit wir eingestiegen sind. Und mitgenommen auch nicht. Er muss noch hier sein.«

»Lass mal sehen!« Tom sah in das Boot, legte die Dokumente hinein und wühlte dann herum. Tatsächlich musterte er den Polizeibeamten. Er trug keine Waffe.

»Sie können mir in der Zwischenzeit schon einmal sagen, wie Sie heißen«, erklärte der Polizist missmutig, während er seine Lampe auf sie gerichtet hielt.

Das Boot ließ sich bewegen, stellte Tom fest, als er leicht am Rand rüttelte. Vielleicht war das eine Möglichkeit … Er sah zu Juli hinüber, die unauffällig zu ihm hinaufblickte und ein Einverständnis signalisierte. Er musste darauf vertrauen, dass sie verstanden hatte, was er plante!

Er drehte sich um, und mit einer plötzlichen Bewegung hieb er dem Polizist eine Faust in den Magen. Der krümmte sich und ließ seine Taschenlampe fallen.

»Was …!«, entfuhr es ihm, als Tom auch schon nachsetzte und dem Mann ein Knie in die Weichteile rammte.

»Los!«, rief Tom. Er drehte sich um, packte den Rand des Gummiboots und schob es an. Juli hatte verstanden und schob ebenfalls. Mit einem Sprung war sie im Boot, als es vollständig im Wasser war.

Tom drückte noch ein Stück weiter, machte zwei Schritte in den Fluss hinein, dann hechtete er ebenfalls über den Rand und klappte den Außenborder herunter. Fast zeitgleich zog er am Seilzug des Motorstarters.

Der Polizist taumelte auf sie zu. »Stehen bleiben!«, brachte er hervor und streckte einen Arm kraftlos nach ihnen aus.

Noch einmal zerrte Tom am Anlasserseil, und dieses Mal sprang der Motor an.

Nach wenigen Sekunden waren sie außer Reichweite und beobachteten, wie der Polizist sich fluchend auf die Oberschenkel stützte. Dann ließen sie ihn als Schatten am Strand der Insel zurück.

»Es hat geklappt«, meinte Juli. Nach einer Weile fügte sie hinzu: »Glaubst du, dass das eine gute Idee war?«

Tom hielt seinen Blick auf das gegenüberliegende Elbufer gerichtet. »Ich hoffe es.«

»Hey, warum hältst du an?«

Der Motor wurde leiser und verstummte schließlich.

»Keine Ahnung. Ist einfach ausgegangen.« Tom zog am Anlasserseil, aber der Motor reagierte nicht. »Verdammte Kiste«, fluchte er und riss erneut an der Leine. Erst heftiger, dann versuchte er es gefühlvoller. Das Ergebnis blieb das Gleiche.

»Beeil dich«, rief Juli, »sonst wird es hier gleich ungemütlich! Hast du schon mal da rübergeschaut?«

Sie trieben inmitten der Fahrrinne des dunklen Flusses, ohne Positionslampen oder sonstige Beleuchtung. Und von flussabwärts näherte sich ein gewaltiger Frachter. Er hielt geradewegs auf sie zu.

Erschrocken wandte sich Tom wieder dem Motor zu. Er klappte ihn hoch, ließ ihn wieder zu Wasser und versuchte erneut, ihn zu starten.

»Nimm das Paddel«, rief er, »und paddle um dein Leben!«

Während Juli hastig mit dem Paddel hantierte, bemühte sich Tom weiter um den Motor. Sie mussten die Fahrrinne verlassen!

»Ich schaffe es nicht«, rief Juli. »Wir kommen nicht schnell genug voran.«

Noch einmal riss Tom an der Leine. Der Motor ratterte zögerlich, erstarb aber wieder.

Nun drang ein Zischen zu ihnen herüber. Es war das Geräusch der kleinen Bugwelle, die der Frachter vor sich herschob. In wenigen Augenblicken würde er über ihnen sein.

Mit irrsinniger Wucht riss Tom an der Leine. Noch einmal und noch einmal. Und plötzlich sprang der Motor an. Tom gab Vollgas und beschrieb eine scharfe Kurve. Nicht einen Moment zu früh, denn nur wenige Meter hinter ihm zerschnitt die zwanzig Meter hohe Bordwand des gewaltigen Schiffes den Fluss.

Als sie sich ein Stück entfernt hatten und die Wellen des vorbeiziehenden Frachters ihr Boot tanzen ließen, warf Juli das Paddel zu Boden und lehnte sich erschöpft zurück.

»Das war ja wohl mehr als knapp«, sagte sie und atmete aus.

»Das hat man davon, wenn man sich fremden Schrott ausleiht«, meinte Tom.

»Jetzt ahne ich auch, warum er nicht mitfahren wollte«, überlegte Juli. Dann lachte sie auf. »Meine Güte, das war vielleicht ein Schreck! Jetzt sag mir nicht, dass dein Job immer so aussieht.«

»Ich würde dich ja gerne beeindrucken«, gab Tom zurück, »aber nein. Das ist mir auch noch nicht passiert.«

»Du würdest mich also gerne beeindrucken?«

Tom biss sich auf die Zunge. Wie leicht einem so etwas herausrutschte! Und er wusste genau, wo es hinführte.

»Ehrlich gesagt: nein«, sagte er. »Für so was habe ich keine Zeit.«

»Gut so«, gab Juli zurück und grinste.

Tom lenkte das Boot quer über den Fluss auf das gegenüberliegende Ufer zu. Bald konnten sie das spärlich beleuchtete Industriegebiet sehen und die dort geparkten Autos.

Aber ihre Hoffnung, das Ufer ohne weitere Zwischenfälle zu erreichen, wurde jäh enttäuscht, als hinter ihnen ein Scheinwerfer aufflammte. Das Boot der Wasserschutzpolizei hatte sie ausfindig gemacht und eingeholt.

»Hier spricht die Polizei«, hallte es durch Lautsprecher über das Wasser. »Halten Sie Ihr Boot an.«

»Ich hätte nicht gedacht, dass ich Sie so schnell wiedersehe.«

Hauptkommissar Berger lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Juli und Tom saßen vor ihm. Die Fahrt mit dem Polizeiboot nach Harburg und ihr Transport durch die Stadt zum Polizeipräsidium in der City Nord waren reichlich unfreundlich und darüber hinaus schweigend verlaufen. Die Wasserschutzpolizei hatte Tom und Juli zwar auf besondere Anweisung an die Kriminalpolizei übergeben, aber die beiden Beamten waren mitgekommen und befanden sich nun ebenfalls im Raum.

»Gestern bitte ich Sie noch, sich zurückzuhalten – und jetzt dies. Ist Ihnen eigentlich klar, dass Sie nicht nur als Zeugen, sondern auch als potenzielle Verdächtige in dem Vorfall am UKE eingestuft sind? Und nun sind Sie nicht nur in ein Sperrgebiet eingedrungen, Sie haben auch einen Polizeibeamten tätlich angegriffen, von der unbeleuchteten und fast tödlich endenden Überquerung der Fahrrinne der Elbe einmal abgesehen. Ich weiß noch gar nicht, wie viele Strafanzeigen Sie sich damit gleichzeitig eingefangen haben. Haben Sie irgendeine Erklärung für diesen Irrsinn?«

»Es war im Affekt …«, begann Tom.

»Unsinn! Das war geplant, und den Beamten hätten Sie nicht angegriffen, wenn Sie nicht etwas zu verbergen gehabt hätten. Was hatten Sie auf der Insel zu suchen?«

»Ich sagte schon, dass ich an einer Dissertation arbeite«, setzte nun Juli an, aber Berger unterbrach auch sie.

»Wir haben das inzwischen geprüft, und außer Ihnen weiß komischerweise niemand etwas davon. Wie kommen Sie eigentlich dazu, Polizeibeamte anzulügen? Finden Sie das schlau?«

Tom und Juli schwiegen.

Berger sah sie eine Weile eindringlich an. Dann wandte er sich an die Beamten. »Meine Herren, vielen Dank für Ihre Mühe. Bitte schicken Sie mir einen vollständigen Bericht, ich werde mich um die Anzeige kümmern. Ich möchte mich noch einen Augenblick allein mit den beiden unterhalten.«

Die Polizisten standen auf und verließen den Raum. Tom war froh, dass er ihnen nicht noch einmal ins Gesicht sehen musste.

Als die Tür zufiel, beugte sich Berger vor. »Ich könnte Sie in Untersuchungshaft stecken«, sagte er. »Dann wären Sie erst einmal eine Zeit lang aus dem Verkehr.« Wieder machte er eine Pause. »Aber ich habe eine bessere Idee«, sagte er dann. »Sie werden für mich arbeiten.«

Berger beobachtete, wie sich auf den Gesichtern der beiden Verwirrung breitmachte.

»Und weil Sie der Strafverfolgung entgehen möchten, werden Sie das auch tun«, fuhr er fort.

»Für Sie arbeiten?«, fragte Tom. »Wie stellen Sie sich das vor?«

Berger legte seine Hand auf eine Mappe auf seinem Schreibtisch. Es waren die Unterlagen, die Tom von der Insel mitgebracht hatte.

»Ich weiß natürlich, wo Sie waren. Und Sie können mir glauben, dass ich genauso neugierig bin wie Sie, was hier drin steht.« Er schob die Mappe ein Stück auf Tom zu.

»Aber Sie wissen ja, wie das ist: Ohne einen triftigen Grund und einen Durchsuchungsbefehl und diesen ganzen bürokratischen Wust ist es mir nicht möglich, tätig zu werden.«

Berger stand auf, trat ans Fenster und sah hinaus.

»Auf Neßsand ist vor einigen Jahren ein Gebäudekomplex gebaut worden. Nicht sehr groß und weitestgehend unterirdisch. Wir wissen, dass dort wissenschaftliche Forschung betrieben wurde. Die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, die für das Naturschutzgebiet der Insel zuständig ist, weiß angeblich von nichts. Dennoch ist es gebaut worden. Irgendjemand muss davon wissen, jemand, der Kontakte in die höchsten Kreise der Landesregierung hat. Anders wäre eine solche Verschleierung nicht möglich.«

Berger wandte sich wieder um.

»Bestimmte Stellen in der Regierung sind offenbar Vereinbarungen mit Industrieunternehmen eingegangen, und es ist anzunehmen, dass nicht unerhebliche Gelder dabei geflossen sind. Und Sie können sich sicher sein, dass die nicht in den Haushalt eingegangen sind. Also wo ist das Geld? Und was wurde auf der Insel geforscht?«

Berger setzte sich wieder. »Nach dem, was ich an Informationen vorliegen habe, handelt es sich um medizinische Untersuchungen. Was die Vermutung nahelegt, dass dieser Klüngel auch mit der unrühmlichen Geschichte der Privatisierung der Hamburger Krankenhäuser verwoben ist. Sie sehen, das Ganze zieht womöglich weitere Kreise, als Sie geahnt haben.«

»Dann war der Vorfall am Krankenhaus heute …«

»… weder ein Unfall noch ein Zufall, richtig. Wir haben den Brandsatz identifiziert, der durch das Fenster geworfen wurde. Und ich glaube Ihnen sogar, wenn Sie jetzt sagen, dass Sie nichts damit zu tun haben.«

Er zog eine weitere Mappe aus einem Ablagekorb und legte sie ebenfalls auf den Tisch. »Das sind die Untersuchungsergebnisse des Fußes. Sie werden sie vielleicht benötigen.«

»Und der Fuß selbst?«

»Ist verschwunden.«

Tom rückte auf seinem Stuhl nach vorn. »Sie möchten also von uns, dass wir an Ihrer Stelle dieser Sache nachgehen?«

»Ganz recht. Mit den Informationen, die ich habe, kann ich keine Untersuchung der Insel beantragen. Ganz abgesehen davon, dass ich möglicherweise genau die Leute auf mich aufmerksam mache, die ich aufdecken möchte. Sie sind doch Journalist, und dass Sie sich über Auflagen und Gesetze hinwegsetzen, um einer Sache auf den Grund zu gehen, haben Sie ja bewiesen. Sie beide.«

»Wollen Sie uns etwa anstiften, noch mehr Gesetze zu brechen?«

Berger hob abwehrend die Hände. »Auf keinen Fall! Ich bitte Sie nur, Ihre Recherchen fortzuführen. Dafür halte ich Ihnen jetzt den Rücken frei. Bringen Sie mir Ergebnisse, Zusammenhänge, Namen. Wie Sie das anstellen, bleibt Ihnen überlassen. Dass Sie sich dabei ausschließlich im legalen Rahmen bewegen, davon muss ich selbstverständlich ausgehen.« Er faltete seine Hände und stützte die Ellenbogen auf.

»Ich vermute, es bleibt uns keine andere Wahl«, bemerkte Juli und verzog den Mund.

»Man hat immer eine Wahl, Frau Thomas. Aber nur, weil ich Sie vor eine Entscheidung stelle, sollten Sie nicht aus lauter Stolz das verleugnen, was Sie ohnehin geplant hatten.«

Juli und Tom fuhren mit einem Taxi nach Wedel zu ihren Wagen.

»Und? Was hältst du davon?«, fragte Juli.

»Berger ist ein selbstgefälliger Arsch.«

»Du ärgerst dich, weil du jetzt das Gefühl hast, nach seiner Pfeife zu tanzen.«

»Und, tun wir das etwa nicht?«

»Wir hatten doch sowieso vor weiterzumachen.«

»Aber es war meine Story. Jetzt haben wir die Polizei im Nacken.«

»Ich sehe es eher so, dass wir inoffizielle Protektion haben«, gab Juli zurück. »Und wieso überhaupt deine Story? Ich dachte, wir arbeiten zusammen!«

»Es ist trotzdem etwas anderes, ob man auf eigene Faust unterwegs ist oder ob man beauftragt wird.«

»Wir müssen herausfinden, wer dahintersteckt. Das Ergebnis ist doch alles, was zählt.«

»Für dich vielleicht! Ich habe aber keine Schwester verloren, für mich geht es um eine Story, um Exklusivität. Ich kann keine Polizei gebrauchen, die mir dazwischenfunkt.«

»So? Gut zu wissen, dass dir meine Schwester und die Machenschaften so unwichtig sind. Für dich zählt nur das Geld.«

»Nein. Meine Güte, so war es nicht gemeint.«

»Doch, das war es. Und du weißt es.«

Tom wandte sich ab und sah aus dem Fenster.

»Aber das ist okay«, sagte Juli. »Besser, wir haben klare Verhältnisse und wissen, wann wir uns auf den anderen verlassen können und wann nicht.«

Tom drehte sich wieder um. »Du brauchst nicht zynisch zu werden.«

»Zynismus liegt mir fern. Ich weiß nur gerne, woran ich bin. Damit kann ich umgehen. Und offenbar reicht deine Motivation ja, um dich mit der Polizei anzulegen. Ich weiß zwar noch nicht, was ich davon halten soll, aber solange es mir hilft, mein Ziel zu erreichen, nehme ich es mal so hin.«

»Du nimmst es hin?! Wenn ich mich richtig erinnere, hast du dich an mich rangeschmissen. Wer wollte denn unbedingt mehr über meinen Artikel wissen? Und wer hat herausgefunden, woher der Fuß gekommen ist? Und wer hat das Boot besorgt?«

Juli grinste. »Im Grunde bist du ganz charmant, wenn du dich echauffierst.«

Tom stockte irritiert. »Damit kommst du bei mir nicht durch«, gab er schließlich zurück.

»Nein?«

»Sicher nicht.«

Sie lachte auf. »Gut. Wir brauchen deinen klaren Verstand nämlich noch.«

»Ist das so?«

»Du hast einige Recherchen vor dir. Über die Unterlagen, die wir gefunden haben. Und darüber, wer mit dem Bau der Anlage auf der Insel zu tun gehabt haben könnte. Und ich werde die Briefe meiner Schwester studieren und nach anderen möglichen Hinweisen suchen.«

»Ach, und jetzt gibst du mir auch noch Aufträge.«

Sie winkte ab. »War ja nur ein Vorschlag. Vielleicht fällt dir etwas Besseres ein. Auf jeden Fall sollten wir uns aber morgen wieder treffen und sehen, was wir bis dahin herausgefunden haben, einverstanden?«

»Ja, können wir machen«, grummelte Tom und nickte. Es fing also schon an mit den Hormonen. Er hatte es geahnt, und es würde kein gutes Ende nehmen.

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