Kapitel 10 Tagebuch von Marie Thomas – Brasilien, 16. Mai

Ich habe mein Lager ein Stück abseits des Flusses errichtet und liege nun in einer Hängematte, über mir ein Moskitonetz und unzählige Mücken, Nachtfalter und Insekten, die versuchen, hineinzukommen. Im Licht der kleinen Gaslaterne ist es schwer zu schreiben, aber ich wollte vor Einbruch der Dunkelheit möglichst weit vorankommen und mich nicht mit dem Tagebuch aufhalten.

Ich weiß nicht, wie weit ich gekommen bin, vielleicht zehn Kilometer, vielleicht auch nur fünf. Es lässt sich kaum abschätzen, weil der Weg streckenweise sehr beschwerlich ist. Eine Zeit lang konnte ich dem Fluss folgen, aber dann wurden die Mangroven so dicht, dass ich mich immer weiter vom Ufer entfernen musste. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, vollkommen allein in der Wildnis zu sein. Beunruhigend, aber dann auch wieder seltsam erregend und frei.

Anders als ich vermutet hatte, gab es im Camp heute Morgen keine langen Diskussionen, fast so, als sei es Susan gar nicht so unrecht, dass ich gehe. Niemand hat versucht, mich aufzuhalten, obwohl ich kaum Erfahrung mit dem Dschungel habe und erst recht keine Survival-Expertin bin. Seltsam eigentlich, aber nun bin ich froh, unterwegs zu sein, denn vielleicht hätte ich es mir anders überlegt, wenn man auf mich eingeredet hätte. Ich werde auch so zurechtkommen, und in zwei oder spätestens drei Tagen werde ich mich auch schon auf den Rückweg machen, wenn ich nichts finde. Jetzt werde ich erst einmal versuchen, hier draußen zu schlafen.

Ich bin vorhin aufgewacht, weil ich Geräusche gehört habe. Der Urwald ist auch nachts voller Leben, aber dies war anders. Ein unheimliches Heulen und Kreischen, das fast menschlich klang. Ich habe lange Zeit regungslos in meiner Hängematte gelegen, mein Herz klopfte bis zum Hals. Es ist stockfinster hier tief unter dem Blätterdach, selbst bei Vollmond sähe man seine Hand vor Augen nicht. Aber ich wagte nicht, meine Lampe anzuzünden, um nicht auf mich aufmerksam zu machen. Das Kreischen war mal lauter, mal leiser, mal war es weiter entfernt, dann wanderte es in einem Kreis um mich herum. Es war, als belauere mich etwas. Ich kenne kein Tier, das solche Laute von sich gibt. Vielleicht war es ein seltsamer Nachtvogel oder ein verletzter Affe, vielleicht ein Raubtier … es war unmöglich, die grauenvollen Schreie zu identifizieren.

Während ich im Dunklen lag, vollkommen ungeschützt und nur von der Nacht dürftig verschleiert, fiel mir auf, dass ich außer einem Messer nichts bei mir trage, mit dem ich mich notfalls verteidigen könnte. Ich horchte in die Schwärze, alle meine Sinne gespannt. Nicht nur das seltsame Wesen, dessen entsetzliche Schreie mein Mark durchdrangen, ließ mich erschaudern, auch die Tatsache, dass die anderen Geräusche des Waldes, das beständige Zirpen, Zischen und Pfeifen der anderen Tiere, auf unheimliche Weise verstummt waren.

Und dann begann dieser Gesang. Ähnlich wie der, den ich in der Nacht im Camp gehört hatte, ohne erkennbare Melodie, auf irritierende Weise atonal und gespenstisch. Der Schamane hatte auf ähnliche Art gesungen, wenn man es überhaupt einen Gesang nennen konnte. Vielleicht war auch dies der Schamane, der sich im Wald herumtrieb, vielleicht war es auch eine Frau, es war einfach nicht zu erfassen.

Ich lag da wie versteinert. Selbst wenn ich es gewollt hätte, wäre ich nicht in der Lage gewesen, mich zu bewegen.

Der schauderhafte Gesang wanderte umher, ich fürchtete schon, er würde sich meinem Lager nähern. Aber stattdessen wurde er nach einer Weile leiser, und ich bemerkte, wie sich auch die Schreie der Kreatur von mir zu entfernen begannen.

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mir schließlich sicher war, dass ich nichts mehr hören konnte, dass ich nur noch den Echos in meinem Kopf lauschte.

Sie waren fort. Und bald darauf setzten die Geräusche des Waldes wieder ein. Das Zirpen und Rascheln der Insekten, die Rufe der Nachtvögel. Die Normalität kehrte in den Wald zurück.

Ich habe mich entschieden, nun doch alles aufzuschreiben. Ich bin noch so elektrisiert, dass ich ohnehin nicht schlafen kann. Und morgen früh sind die Eindrücke vielleicht verschwommen, und ich wäre mir nicht mehr sicher, was wirklich passiert ist. Hotel Dez de Julho, Manaus, 28. Juli

Juli hatte recht gehabt. Nach dem Essen waren sie zu Bett gegangen, und wie dringend er sich ausruhen musste, hatte Tom daran gemerkt, dass er eingeschlafen war, kaum dass sein Kopf das Kissen berührt hatte. Dank der Klimaanlage war die Nacht wunderbar frisch und erholsam gewesen. Er meinte sich zu erinnern, dass sich Juli irgendwann an ihn gekuschelt hatte, aber als er am Morgen wach wurde, stand sie bereits unter der Dusche, und sie sprachen nicht darüber.

Nun saßen sie bei einem gewöhnungsbedürftigen Frühstück mit streng riechendem Käse, gebratenen Würstchen, viel zu süßer Marmelade, ein paar Früchten, von denen er nur Mangos identifizieren konnte, und labberigem Brot. Wenigstens der Kaffee war wirklich gut.

Tom schenkte sich nach und beobachtete Juli, die sich eine Frucht aufschnitt. Wie hübsch sie war. Und was für äußerst merkwürdige Umstände ihn nun hier mir ihr zusammengeführt hatten. Noch vor zwei Wochen hatte er sich nicht vorstellen können, sich in nächster Zeit erneut auf eine Frau einzulassen, geschweige denn mit einer, die jünger war als er. Sie war sicher unter dreißig, der von ihm selbst gezogenen Schwelle der geistigen Entwicklung, und trotzdem strahlte sie eine Klarheit und Entschlossenheit aus, die ihn beeindruckte. Er wollte sie noch viel besser kennenlernen, und diese Erkenntnis überraschte ihn. Woher sie kam, was sie dachte, wie sie fühlte. Er kannte sie bisher kaum, und nun fürchtete er fast, dass es auch dabei bleiben würde. Juli war eine Frau, die selbst entschied, wie weit sie ging, wie sehr sie sich auf etwas einließ, wie sie Abstand hielt. Und es war abzusehen, dass sich ihre Wege nach diesem gemeinsamen Unterfangen einfach wieder trennten.

Während Juli aß, machte sie sich Gedanken über diesen Mann, mit dem sie nun an einem Tisch saß und der sie schweigend beobachtete. Es war nicht leicht, aus ihm schlau zu werden. Er pendelte zwischen einem selbstgefälligen, fast arroganten Mittdreißiger, der meinte, schon alles gesehen zu haben und alles zu wissen, und einem in die Jahre gekommenen unfreiwilligen Single, der in manchen Momenten unsicher, fast scheu wirkte. Ihr gefiel die Mischung auf eine gewisse Weise. Nicht nur, dass er durchaus gut aussah und seine blauen Augen ein verdammt charmantes Blitzen von sich geben konnten. Sie hatte auch festgestellt, dass er ihr ohne große Umstände das Ruder übergab, wenn er erkannte, dass die Situation es erforderte. Es war beinahe so, als führten sie einen sanften Wettstreit, in dem jeder streckenweise dem anderen zeigen wollte, was er konnte und wusste, ohne jedoch den anderen in stolzer Manier zu übertrumpfen. Es war ein Kennenlernen, ein sich Annähern, das Hand in Hand ging.

Sie hatte kurz überlegt, ob sie sich nach der Dusche noch einmal zu ihm legen sollte. Lust hätte sie gehabt, und die Situation wäre ideal gewesen. In diesem Augenblick der Ruhe, der Verschnaufpause vor den Strapazen, die vielleicht vor ihnen lagen, hätte sie gerne noch einmal die intensive Energie seiner Leidenschaft aufgenommen. Vielleicht hätte es beiden gutgetan, sich noch einmal aufzuladen, sich gegenseitig Lust zu schenken und dann entspannt den Tag anzugehen. Nun hing zwischen ihnen eine unausgesprochene sexuelle Spannung. Sie wusste, wie er sie beobachtete, wie er sich kontrollierte, sich zurückhielt. Aber das war auch der Grund, weshalb sie sich schließlich dagegen entschieden hatte. Vielleicht hätte der Sex ihre Bande gestärkt, aber vielleicht hätte es Tom auch ausgesprochen irritiert. Zu viel war zwischen ihnen noch ungeklärt. Über Gefühle hatten sie bisher nicht gesprochen, sicher war nur, dass keiner von beiden auf der Suche nach einer Partnerschaft war, und wenn sie sich nun auf ihre Suche konzentrieren sollten, war es vielleicht keine gute Idee, das Miteinander unnötig kompliziert zu machen.

Sie hatte entschieden, ihre gemeinsame Unternehmung so sachlich und professionell wie möglich zu halten. Vielleicht ergab sich mehr, wenn dies alles vorbei war. Aber dann war auch Zeit, sich darüber Gedanken zu machen.

»Und nun? Fahren wir los?«, fragte Tom unvermittelt.

»Ja«, sagte Juli und legte ihr Besteck beiseite. »Lass uns aufbrechen.«

Wenig später waren sie in ihrem gemieteten Toyota-Geländewagen unterwegs. Die Koffer hatten sie im Hotel gelagert und außer ihrer Umhängetasche und seiner Fotoausrüstung nur eine große Reisetasche dabei, die quer auf den Rücksitzen lag. Es war halb zehn, die Straßen voll und geschäftig, aber die Klimaanlage im Wagen funktionierte, und die wiederholten Staus machten ihnen nichts aus.

Nach einer halben Stunde wichen die großen Häuser zurück, fast schon glaubte Tom, dass sie sich dem Stadtrand näherten und in zunehmend bewaldetes Gebiet kommen würden, als er am Ende der Straße plötzlich Schiffe ausmachte, und kurz darauf fanden sie sich in einer wartenden Autokolonne wieder.

»Die wollen auf die Fähren«, erklärte Juli. »Wie wir auch. Jetzt müssen wir Geduld haben.«

Die Fähre entpuppte sich schließlich als etwas, das Tom bestenfalls als Floß bezeichnet hätte. Die Konstruktion war vollkommen flach und bot nur Platz für ein gutes Dutzend Wagen. Fast erwartete er, dass die Plattform vom anderen Ufer des Flusses aus mit Seilen herübergezogen würde, aber er bemerkte bald, dass es ganz offenbar irgendwo einen recht starken Motor gab, der die Fähre antrieb. Mit Seilen wäre es ohnehin schwierig geworden, denn das gegenüberliegende Ufer des braun und träge dahinfließenden Rio Negro lag in mindestens zwei Kilometern Entfernung.

Während der Überfahrt wanderten sie zwischen den Wagen umher und kauften sich kühle Getränke von einem Mann mit Kühlbox.

Tom überdachte noch einmal, weswegen sie hergekommen waren. Sie suchten das Camp der Ärzte ohne Grenzen, um herauszufinden, was mit Julis Schwester geschehen war, und um zu erfahren, was sich über die früheren Vorfälle von angeschwemmten Leichen und den im Jahr zuvor verschwundenen Oliver in Erfahrung bringen ließ. Aber das war nur eine der Spuren, die sie hatten. Sie wussten auch, dass es mindestens eine Firma in Manaus gab, die mit Lieferungen an das geheime Labor in Hamburg in Kontakt stand. Und sie vermuteten, dass das in den Unterlagen erwähnte brasilianische Labor M2 hier in der Nähe lag. Das waren zwei weitere Spuren, denen sie nach dem Ausflug in das Camp noch folgen mussten. Aber die Suche nach Julis Schwester hatte Vorrang. Und möglicherweise fanden sie dort auch Hinweise, die ihnen für die weiteren Recherchen von Nutzen sein konnten.

Das Ende ihrer Überfahrt brachte sie keineswegs einfach an das andere Ufer. Vielmehr fuhren sie eine große Schleife und gelangten schließlich an das Ufer eines kaum weniger breiten Nebenarmes, des Rio Solimões, wie Juli erklärte. Ein Name, der übersetzt »Fluss der Gifttränke« bedeutete, was wenig vertrauenerweckend war. Der Ort, den sie dort ansteuerten, hieß Careiro da Várzea. Das klang zwar erfreulicher, etwas mit einer Flussniederung, wie Juli übersetzte, aber der Anblick war ernüchternd. Am Anlegesteg ging das Flussufer in eine schlammige Fläche über, durch die eine rotbraune Piste bis zu etwas höher gelegenen Häusern und der dort beginnenden Asphaltstraße führte.

Ihr Toyota führte sie durch die kleine Ortschaft und am anderen Ende wieder hinaus, wo die Landschaft ländlicher wurde. Die Straße war gesäumt von Feldern und einzelnen Häusern, die zum Teil nicht mehr als Baracken waren, die Wände aus unverputzten Zementquadern, die Dächer mit Wellblech bedeckt.

»Wieso bist du eigentlich sicher, dass du das Camp wiederfindest«, fragte Tom. Er hatte Juli das Steuer überlassen und sah aus dem Fenster. »Wie oft warst du schon hier?«

»Einmal nur, zusammen mit Marie. Aber jetzt geht’s erst mal eine gute Stunde lang nur geradeaus. Und danach …« Sie steckte ihren rechten Arm in ihre Umhängetasche, die auf dem Rücksitz lag, wühlte darin herum und zog ein kleines Gerät hervor. »Danach geht’s hiermit weiter.«

»Ein GPS-Empfänger, natürlich!« Tom nahm das Gerät entgegen, schaltete es ein und studierte die Handhabung. »Hast du die Zielkoordinaten schon hinterlegt?«

»Vorbereitung ist alles. Dort, wo wir hinfahren, gibt es niemand, den wir nach dem Weg fragen können.«

Tom sah sie von der Seite an und lächelte. »Macht Spaß mit dir«, sagte er.

Juli runzelte die Stirn und sah kurz zu ihm hinüber. Dann zuckte sie mit den Schultern. »Okay … Danke.«

»Was ist? Findest du nicht?«

»Ich weiß nicht, ob das ein Kompliment sein sollte oder ob es herablassend war.«

»Wieso denn herablassend?«

»Na, dann ist es ja gut.«

Tom versuchte, die merkwürdige Stimmung aufzulockern. »Hey, ich habe auch etwas Sinnvolles mitgebracht.« Er öffnete die Kameratasche zu seinen Füßen und holte eine rote Frucht hervor, die er Juli reichte. »Hunger?«

»Wo hast du denn die her?«

»Aus dem Hotel, da lagen ganz viele beim Büfett.«

Juli lachte auf. »Die sind doch nur Dekoration gewesen. Aus den Kernen wird Farbe hergestellt, die kann man nicht essen!«

»Also gut.« Tom öffnete das Fenster und warf die Frucht hinaus. Zwei weitere warf er hinterher. »Du kennst dich besser aus. Aber es war einen Versuch wert.«

Sie hatten etwa achtzig Kilometer zurückgelegt, als Juli Tom bat, auf das GPS-Gerät zu achten. »Die Abzweigung müsste bald auf der rechten Seite kommen.«

Es dauerte noch zehn Minuten, und Tom war sich sicher, dass er sie ohne den Empfänger übersehen hätte. Was Juli eine Abzweigung genannt hatte, war nicht mehr als eine staubige Piste, die ebenso gut eine Zufahrt zu einer etwas abgelegenen Hütte hätte sein können.

»Ab jetzt wird’s etwas rumpelig«, sagte Juli. »Aber es sind auch nur noch drei Stunden.« Dabei grinste sie. »Musst sagen, wenn du eine Pause machen willst.«

Die Route führte sie abseits einer Siedlung quer durch den Wald. Nun verstand Tom, weswegen Juli darauf bestanden hatte, einen Wagen mit Allradantrieb zu wählen. Der Boden war alles andere als eben, bestand lediglich aus hart gefahrenem Lehm, der von tiefen Rillen und Löchern übersät war. In der Regenzeit gab es hier vermutlich überhaupt kein Durchkommen. Tom stellte sich vor, dass die Straße vor vielen Jahren als Schneise durch den Urwald geschlagen worden war, um Holztransportern und Baggern eines Rodungsunternehmens Platz zu schaffen. Ehemals vorhandener Schotter war noch stellenweise zu erahnen, hatte aber auf die Dauer dem immer wieder aufweichenden Boden keinen Widerstand bieten können. An den Rändern der Piste wucherten junge Sträucher und nahmen die Schneise wieder in Besitz. Zunächst unterschied sich der Wald im Wesentlichen kaum von einem europäischen Laubwald, aber nach einer Weile zog sich das Unterholz immer mehr zusammen, verfilzte geradezu, die Bäume wuchsen höher und höher, und ihr undurchdringliches Blätterdach entschwand immer weiter ihren Blicken. Die Schneise glich geradezu einem Tunnel, der sie durch eine unwirkliche und menschenleere Landschaft führte.

So exotisch die Umgebung auch war, so eintönig wurde sie mit der Zeit. Tom verstand, dass die Fahrtzeit von drei Stunden keineswegs aufgrund der besonderen Entfernung zustande kam. Streckenweise musste Juli den Wagen im Schritttempo über die Bodenschwellen und durch gewaltige Löcher bugsieren.

Die Lichtung tauchte unvermittelt hinter einer Biegung auf. Eine Fläche so groß wie ein Fußballfeld. Der Boden war aufgewühlt, von Erdhaufen, herumliegenden Baumstämmen und Ästen übersät, einige Wellblechhütten zeugten davon, dass Waldarbeiter hier einen Aufenthalts- und Umschlagplatz gehabt hatten. Einstmals hatten hier Bagger und Bulldozer rangiert, waren Lastwagen beladen und Fahrer instruiert worden. Niedriges Gestrüpp und junge Bäume überwucherten inzwischen den Großteil der Lichtung.

»So«, sagte Juli, »jetzt ist es nicht mehr weit. Bis hier führt die offizielle Straße. Der Rest ist ein alter Waldpfad. Er müsste irgendwo dahinten liegen.«

Tatsächlich fanden sie am anderen Ende der Lichtung eine schmale Schneise zwischen den Bäumen. Sie war nicht so breit und verlief auch nicht so gerade wie die bisherige Straße. Man hatte wohl einen natürlichen Weg gesucht, ohne dafür die Urwaldriesen fällen zu müssen, deren gewaltige Brettwurzeln einen Umfang von zehn und mehr Metern aufwiesen. Strauchwerk, Lianen und kleineres Gehölz hatte man offenbar entfernt und so aus einem ehemaligen Trampelpfad eine Schneise geschaffen, die immerhin so breit war, dass ein Wagen sie passieren konnte. Dass Tom und Juli nicht die Einzigen waren, die sie verwendeten, bewiesen frische Reifenspuren. Einige Kilometer später erreichten sie schließlich den natürlichen Waldrand und fuhren aus dem Halbdunkel der Bäume ins Sonnenlicht.

Nicht weit entfernt von ihnen standen einige niedrige Gebäude, gemauert und schlicht verputzt.

»Da sind wir. Das Camp!« Juli fuhr eine Kurve und parkte den Wagen.

»Wurde auch Zeit«, meinte Tom. »Nachdem wir schon das Mittagessen verpasst haben, könnte ich jetzt gut was im Magen vertragen.«

Als sie ausstiegen, überraschte Tom aufs Neue die Wucht der heißen, tropischen Luft, die gesättigt war mit einer Vielzahl unbekannter Gerüche; erdig und süß. Aus dem Wald hinter ihnen drang ein dichter Klangteppich aus Zirpen, Zischen und Zwitschern; Tausende von Insekten und Vögeln, die mit ihren Lauten auf sich aufmerksam machten.

Er folgte Juli hinüber zu den Gebäuden. Niemand kam heraus, um sie zu begrüßen. Sie sahen keine Bewegungen, hörten keine Stimmen, nicht einmal ein Transistorradio, das Musik aus dem Äther zapfte und vor sich hin dudelte. Das Camp schien verlassen zu sein.

»Scheinen wohl alle gerade unterwegs zu sein«, vermutete Tom. Er rüttelte versuchsweise an einer Tür. Sie war verschlossen.

»Möglich«, meinte Juli. »Suchen wir weiter. Vielleicht finden wir einen Hinweis, wo sie sind.«

Sie streiften über das Gelände. Tatsächlich trafen sie niemand an. Alle Türen waren verschlossen oder führten lediglich in ungenutzte, leere Räume.

»Ich schätze, die sind nicht einfach nur mal eben zum Picknicken los«, meinte Tom schließlich, als sie alles abgesucht hatten. »Die haben das Lager verlassen. Warum sonst hätten sie sich die Mühe gemacht, alles abzuschließen? Ist sicher nicht so, dass man hier mitten im Urwald mit Einbrechern zu rechnen hätte. Es ist niemand hiergeblieben, um das Abendessen vorzubereiten, und der Generator ist ebenfalls aus. Und wenn es ein Auto hier gegeben hat, ist es nun weg.«

»Ja«, stimmte Juli zu, stemmte die Hände in die Hüften und ließ ihren Blick über das Camp wandern. »Es sieht ganz danach aus, als ob wir zu spät kommen. Antworten werden wir hier jedenfalls keine bekommen.«

»Und nichts zu essen.«

Sie lächelte. »Nun, dagegen können wir aber vielleicht was tun. Los, sehen wir uns das Dorf an.«

»Dorf?«

»Na, hast du gedacht, die Ärzte ohne Grenzen würden ihr Camp ins Nirgendwo bauen? Hinter der Anhöhe dort ist nicht nur der Fluss, hier gibt’s natürlich auch ein Indiodorf.«

Sie folgten einem Pfad, der vom Camp aus eine Biegung beschrieb, und tatsächlich führte er kaum hundert Meter weiter auf eine Ansammlung hölzerner Hütten zu.

Tom blieb stehen. »Können wir da einfach hin? Was, wenn sie aggressiv reagieren?«

»Ach was. Warum sollten sie? Sie kennen doch die Ärzte. Außerdem wissen sie längst, dass wir hier sind.«

Sie näherten sich dem Dorf. Die auf niedrigen Stelzen gebauten Behausungen schienen fast ebenso verlassen wie das Camp. Keine Kinder, die herumtollten, keine Frauen oder Männer, die mit etwas beschäftigt waren. Nur ein paar Hühner scharrten zwischen den Hütten.

»Was ist hier los?«, raunte Tom. »Sind hier alle Menschen ausgestorben?«

»Das ist wirklich merkwürdig …«

»Da sieh mal! Dort ist noch jemand.«

An der Wand einer Hütte stand ein Aluminiumstuhl mit einer Sitzfläche aus bunten Plastikschnüren. Auf dem Stuhl saß eine alte Frau. Sie war nicht sonderlich groß, aber außerordentlich dick. Sie sah ihnen stumm und ohne sonderliche Regung entgegen.

»Die habe ich schon einmal gesehen«, sagte Juli halblaut. »Ist so eine Art Dorfunikum.«

»Vielleicht haben die anderen sie zurückgelassen?«

Juli ging zu der Alten hinüber, die sie unverwandt ansah. Als Juli direkt vor ihr stand, hellte sich das Gesicht der Frau auf. Sie lächelte sie an und begann zu sprechen, wobei sie ihre letzten verbliebenen Zähne entblößte.

»Was sagt sie?«, fragte Tom, als er herangetreten war.

Juli hielt ihren Kopf ein wenig schräg. »Ich weiß nicht. Es ist schwer zu verstehen …«

»Frag sie, wo die Leute aus dem Camp sind.«

Juli wies in die Richtung, aus der sie gekommen waren. »Os médicos. Onde estão?«

Die Alte unterbrach kaum ihren Redefluss, machte aber dabei eine wegwerfende Handbewegung.

»Sie sind weggegangen, sagt sie«, übersetzte Juli. »Erst kamen die Götter des Waldes, dann bin ich weggegangen, und dann sind die Ärzte gegangen. Aber nun bin ich zurückgekommen. Und vielleicht kommen die Ärzte nun auch wieder zurück.«

»Was soll das heißen, du bist weggegangen und wieder zurückgekommen?«

»Vielleicht verwechselt sie mich mit meiner Schwester.« Juli stellte der Frau erneut einige Fragen, woraufhin die Alte ihre Hand hob und auf Julis Arm legte. Sie schloss die Augen und nickte, dann erwiderte sie etwas.

»Sie sagt, meine Schwester und ich sind eins. Sie sagt, ich habe die Götter des Waldes gefunden und nun würde ich gehen und sie besänftigen.«

»Ich glaube, die Alte faselt einfach nur. Wundert mich auch nicht, dass man sie hiergelassen hat.«

Wieder fragte Juli etwas. Dann übersetzte sie. »Die Alten sind noch hier. Aber sie haben Angst. Die Jüngeren sind von den Göttern des Waldes geholt worden.«

Tom sah sich um. Tatsächlich waren nun an einigen Türen und Fensteröffnungen der anderen Hütten Menschen zu sehen, die verstohlen zu ihnen herüberspähten.

»Hier geht irgendetwas vor sich«, raunte Tom.

»Ja, das Gefühl habe ich auch.«

»Wir müssen ihr Vertrauen gewinnen. Sie sollen verstehen, dass wir ihnen vielleicht helfen können.«

Juli sah ihn fragend an. »Und wie wollen wir das anstellen?«

Tom grinste. »Frag sie, ob wir etwas zu essen haben können.«

»Also gut«, sagte Tom, während er sich die Finger an der Hose abstreifte. »Ein kulinarischer Genuss war es nicht. Aber ich will nicht undankbar sein.«

Auf Julis Frage hin hatte die Alte nur auf eine andere Hütte gedeutet und ihnen zu verstehen gegeben, sie sollten dort nachfragen. Eine Frau war in der Tür erschienen. Sie hatte an den Fremden vorbei einen Blick mit der Alten auf dem Stuhl gewechselt, dann aus einem Topf zwei Kellen eines pampigen Eintopfs in hölzerne Schalen gefüllt und vor Tom und Juli auf den Boden gestellt. Die beiden hatten sich in der kleinen Hütte im Schneidersitz hingesetzt und die klumpige Masse mit verbogenen Blechlöffeln gegessen.

Die Frau, die ihnen das Essen gegeben hatte, tat so, als würde sie sie nicht beachten, aber Tom hatte bemerkt, dass sie immer wieder verstohlene Blicke herüberwarf. Juli hatte versucht, sie auf Portugiesisch anzusprechen, aber offenbar verstand sie es nicht, jedenfalls reagierte sie nicht.

»Ich fürchte, es wird schwierig, etwas von den Indios zu erfahren«, meinte Tom schließlich. »Wollen wir uns noch einmal das Camp ansehen? Probieren, irgendwo reinzukommen?«

»Einsteigen, meinst du?«

»Ja, warum nicht? Es scheint ja keiner da zu sein, den es stört. Und wer weiß, wann und ob sie überhaupt noch einmal zurückkommen.«

»In letzter Zeit haben wir schon eine ganz ordentliche kriminelle Karriere begonnen. Ich glaube, du hast einen schlechten Einfluss auf mich.«

»Tatsächlich? Dafür hast du dich aber ganz gut angepasst.«

»Kann schon sein.« Sie lächelte.

»Also?«

»Es kann vielleicht nicht schaden, wenn wir uns dort noch einmal umsehen. Aber lass uns das auf morgen verschieben, ja? Ich bin ehrlich gesagt ein bisschen durchgeschüttelt von der Fahrt, und es wird jetzt auch schnell dunkel. Wir sollten uns lieber morgen in aller Ruhe und bei Tageslicht Zeit für das Camp nehmen.«

»Na gut.« Tom rieb sich seinen Bauch. »Nur dieser mysteriöse Eintopf liegt mir reichlich schief im Magen. Bevor ich es mir hier auf dem wunderbaren Steinfußboden gemütlich mache, könnte ich noch etwas zu trinken vertragen.«

»Wir haben noch Softdrinks im Wagen.«

Tom sah sie zweifelnd an. »Das ist nicht das, wonach mir der Sinn steht.«

»Das habe ich mir schon gedacht. Aber einen Martini wirst du hier nicht finden.«

Tom seufzte. »Das wäre ein Grund gewesen, im Camp nachzusehen. Da hätte man vielleicht noch eine Flasche Bier auftreiben können. Aber irgendwas müssen die Indios doch auch trinken.«

Juli stand auf und klopfte sich den Hintern ab. »Gut, dann schauen wir mal, ob wir uns bei der Alten mit deinem Problem verständlich machen können. Und was das Übernachten angeht: Statt des Steinfußbodens schlage ich lieber das Auto vor.«

»Verlockend, verlockend.«

Tom schreckte auf, weil er kratzende Geräusche hörte. Die Sitze ließen sich nicht vollkommen gerade nach hinten neigen und waren unbequemer, als er es aus seiner Jugend in Erinnerung hatte. Damals war er oft unterwegs gewesen, und ein paar Stunden Schlaf auf einer Raststätte im Wagen hatten ihm gereicht, um Kraft zu tanken und weitere acht Stunden zu fahren. Ein paar Mal war sein Wagen auch trotz aller Enge zur Spielwiese für aufregenden Sex geworden. Inklusive heftigst schaukelnder Federung und beschlagener Scheiben. Nun zählte er sich noch lange nicht zum alten Eisen, aber dass sein Körper nicht mehr ganz so unempfindlich war wie noch vor zehn Jahren, machte sich bisweilen schon bemerkbar. Er lag hier auf engstem Raum mit einer jungen Frau mit verlockendem Körper und dass er kaum schlafen konnte, lag nicht etwa an einer unbefriedigten Lust, sondern weil es ihm zu warm war und sein Rücken schmerzte.

Wieder kratzte und klopfte es am Wagen. Tom sah durch die Frontscheibe, aber es war so dunkel, dass er nur ineinanderfließende Schatten erkannte. Vielleicht hatten irgendwelche kleinen Tiere ihr Auto entdeckt und kletterten nun darauf herum? Vögel vielleicht, Ratten oder anderes Urwaldgetier.

Tom presste sein Gesicht an die Seitenscheibe und versuchte, dort etwas zu erkennen. Er fuhr mit einem Schrei zusammen, als eine flache Hand gegen die Scheibe vor seinem Gesicht schlug.

Er wich zurück und rüttelte Juli an der Schulter.

»Da ist jemand draußen!«

»Was?« Julis Stimme klang schläfrig.

»Jemand klopft an unser Auto!«

Juli richtete sich auf. »Wer ist es?«

»Ich kann es nicht erkennen. Ich bin von Geräuschen wach geworden. Und vorhin habe ich eine Hand gesehen.«

»Kann es vielleicht ein Affe gewesen sein?«

»Nein, es war ganz eindeutig eine Menschenhand. Mit einem Perlenband um das Gelenk … Was machen wir jetzt?«

Juli bemühte sich, hinauszusehen. Gerade als sie etwas sagen wollte, erschien direkt neben ihr ein Gesicht an der Scheibe, und sie zuckte zurück.

»Es ist die Dicke!«, rief Tom aus.

Und tatsächlich erkannte Juli nun, dass es das Gesicht der Alten war, die vor ihrer Hütte auf dem Stuhl gesessen hatte. Sie winkte ihnen zu.

Juli ließ das Fenster herunter. Die hereinströmende Luft war feucht und süß und ebenso warm wie das Wageninnere. Die Alte begann heftig zu gestikulieren und redete in einem eindringlichen Wortschwall.

»Was will sie?«, fragte Tom.

»Langsam …«, sagte Juli zu der Frau. »Ich verstehe nicht …« Sie hob beschwichtigend eine Hand und sagte ein paar Worte auf Portugiesisch. Die Frau redete weiter und schwenkte eine Halskette mit einem Amulett. Damit deutete sie erst auf Tom, dann auf Juli und reichte die Kette durch das Fenster. Zögernd nahm Juli das Geschenk entgegen. Damit schien die Frau erreicht zu haben, was sie wollte. Sie sprach noch einige Sätze, dann wandte sie sich ab und ging schwerfällig zurück zu ihrem Dorf.

Juli schloss das Fenster und reichte die Kette unschlüssig an Tom.

»Sie sagte, du sollst das tragen. Es wird dich beschützen.«

»Aha?« Tom besah die Konstruktion aus hölzernen Perlen und einem Anhänger aus geschnitztem Horn, der eine kleine Maske mit grimmigem Blick darstellte. »So ein Quatsch.«

»Sieht aber doch ganz hübsch aus, findest du nicht?«

»Soll ich das etwa jetzt wirklich anlegen?«

»Warum nicht?« Sie nahm ihm die Kette aus den Händen und hängte sie ihm um den Hals. »Es macht dich so … verwegen.«

Tom lachte auf. »So. Und nur deswegen war sie hier?«

»Sie wollte uns vor irgendetwas warnen. Alles konnte ich nicht verstehen. Es ging um den Wald und wieder um die Geister des Waldes und ihre Heimat, flussaufwärts. Wir sollen die Geister fürchten und diejenigen strafen, die sie zu dem gemacht haben, was sie sind. Oder so ähnlich.«

»Ich dachte, wir wollten nur deine Schwester suchen.«

»Ganz offenbar liegt hier noch deutlich mehr im Argen …«

»Na, wie gut, dass ich jetzt ein Zaubermedaillon habe.« Er lehnte sich wieder zurück.

»Sieh es als Geste des Vertrauens. Besser zu wissen, dass die Dorfbewohner uns unterstützen, als wenn wir fürchten müssten, dass sie uns in den Rücken fallen, weil wir unbeabsichtigt heiligen Boden betreten oder so.«

»Dann hoffen wir mal, dass du recht hast.«

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