Kapitel 7 Tagebuch von Marie Thomas – Brasilien, 13. Mai
Natürlich ging ich nicht davon aus, dass eine Leiche sich erheben und davonlaufen konnte. Zumal es sich hier nicht um einen vielleicht Scheintoten gehandelt hatte; dieser Kadaver war verfault und fast zur Unkenntlichkeit zerstört, nur noch eine Ansammlung von verwesendem organischem Material, nicht mehr, als hätte man überreife Abfälle eines Schlachthofs auf einen Haufen geworfen.
Aber wer machte sich hier nachts zu schaffen und zu welchem Zweck?
Ich folgte der dunklen Spur, die sich vom Lagereingang bis zum Waldrand zog. Hier war etwas Nasses, Tropfendes entlanggegangen, nein, natürlich transportiert worden.
Indem ich mich dem Waldsaum näherte, wurde der seltsame Gesang deutlicher. Er hatte etwas Archaisches an sich, klagend, beschwörend und scheinbar keiner nachvollziehbaren Melodie folgend.
Als ich den Rand des Camps hinter mir ließ, zögerte ich einen Moment, ob ich mich auf den unbefestigten Pfad wagen sollte, der von hier aus in den Urwald führte. Er war zwar breit genug, sodass wir ihn auch mit unseren Pick-ups befahren konnten, denn nur so kam man von hier aus nach einer Stunde Fahrt auf die nächste reguläre Straße. Aber im Dunklen, wenn alles seine Farben verliert und die Schatten zusammenrücken, war der Gedanke, mich auf einer freien Schneise durch ein Spalier undurchdringlichen Dickichts zu bewegen, aus dem mir zahllose Augen kleiner und großer Tiere folgen konnten, alles andere als angenehm.
Aber da waren diese Spur auf dem Boden und dieser Gesang, der meine Neugier anstachelte. Er berührte etwas Urtümliches in mir. Ich hörte ihn nun deutlicher, auch über die Geräusche des Urwalds hinweg, er konnte nicht weit entfernt sein.
Ich machte einige vorsichtige Schritte auf den Pfad. Einen Moment lang wünschte ich, eine Lampe mitgenommen zu haben, aber damit hätte ich nur auf mich aufmerksam gemacht und mich womöglich selbst geblendet. So aber waren meine Sinne geschärft.
Der Gesang zog mich vorwärts, während mein Blick auf den Boden geheftet war, wo ich die dunklen Tropfen auszumachen versuchte, die immer seltener zu sehen waren. Bald hatte ich mich mehrere hundert Meter vorgewagt. Hinter mir konnte ich die Lichter des Camps am Ende der Schneise sehen. Es war ein merkwürdiges Gefühl, in der Ferne die sichere Geborgenheit, die Räume, die anderen, mein Bett zu wissen. Der fast übermächtige Drang, kehrtzumachen und zurückzurennen, überkam mich. Aber nun hörte ich den Gesang zu meiner Linken aus dem Wald kommen, und nur wenige Meter weiter zweigte ein Trampelpfad ab. Ich wusste, dass er zu einer Lichtung führte. Dort hatte es einmal einige Felder gegeben, die aber seit Jahren brachlagen. Die Indios wollten dort nicht mehr arbeiten und mieden die Lichtung. Inzwischen hatte der Urwald begonnen, sie wieder in Besitz zu nehmen, und auch der Weg war schon fast wieder Teil der Umgebung geworden.
Ich meinte, einen Lichtschein zwischen den Bäumen zu erkennen, und wagte mich den Trampelpfad entlang. Ich näherte mich dem Gesang, und bald konnte ich das Leuchten immer häufiger aufblitzen sehen. Ich dachte schon nicht mehr an die Dunkelheit, die mich umgab, meine Aufmerksamkeit war allein auf das gerichtet, dem ich mich näherte. Der Gesang wandelte sich, ich konnte nun Wörter heraushören, allerdings blieben sie unverständlich. Es war weder das unbeholfen artikulierte brasilianische Portugiesisch der Einheimischen, noch waren es irgendwelche Wörter aus ihrer Indiosprache, die ich jemals zuvor schon einmal gehört hätte. Die Laute waren guttural und vollkommen fremdartig.
Ich erreichte den Rand der Lichtung und blieb im Schutz der Bäume stehen. Was ich sah, erregte und schockierte mich gleichermaßen.
Auf der Lichtung brannte ein fast mannshoher hölzerner Stapel. Die Flammen züngelten hoch hinauf, sandten einen beständigen Strom von tanzenden Funken in den Himmel, und in den Flammen erkannte ich die unförmige Fleischmasse, die einmal eine menschliche Leiche gewesen war. Die Haut bildete Blasen, wo sie noch nicht schwarz verkohlt war, die Rippen stachen wie geschälte Äste heraus, und Säfte rannen aus dem Kadaver, tropften über das Holz und fingen Feuer.
Ich kann mir nicht erklären, wie ich diese Details aus meinem Versteck erkennen konnte, aber mein Blick wurde mit unvorstellbarer Gewalt angezogen, bohrte sich gleichsam in den Scheiterhaufen, als stünde ich direkt daneben.
Hinter dem Scheiterhaufen, erhellt durch die lodernden Flammen, stand ein alter Indio, den ich noch nie zuvor im Camp gesehen hatte. Gesicht und Körper waren weiß bemalt, und außer einer Kette und einer mit Federn besetzten Kopfbedeckung war er nackt. Sein Kopf war in den Nacken geneigt, seine verdrehten oder blinden Augen offenbarten nur das Weiße. Er schwenkte einen Stab und ein anderes Utensil, von dem ich annahm, dass es der Fuß oder die Klaue eines Tieres war. Er war es, der den beschwörenden Gesang ausstieß.
Neben ihm, ebenfalls weiß bemalt und vollkommen nackt, standen Dr. Paulsen und die Leiterin unseres Camps, Susan. Fabrikgelände bei Hamburg, 22. Juli
»Es wundert mich ja, dass dein Freund uns das Boot noch ein zweites Mal ausleiht«, sagte Juli.
Sie standen an derselben Stelle, von der aus sie am Tag zuvor auf die Insel übergesetzt waren. Es war elf Uhr und dunkel genug, um ungesehen zu fahren. Es würden ihnen rund vier Stunden bleiben, um sich umzusehen, bevor die Wasserschutzpolizei ihre Kontrollfahrt unternahm.
»Es ist nur eine Frage des Geldes«, sagte Tom.
»Du hast ihn dafür bezahlt? War es teuer?«
»Nicht der Rede wert. Das kann ich mir als Spesen zurückholen. Immerhin ist das hier eine Auftragsarbeit der Zeitung.«
»Ich dachte, du recherchierst das hier auf eigene Faust.«
»Im Grunde ja. Aber der Chefredakteur war so interessiert an der Geschichte mit dem Fuß, dass er mir den Auftrag gegeben hat, über das zu schreiben, was ich ohnehin vorhatte. Das hat so seine Annehmlichkeiten.«
Juli zuckte mit den Schultern. »Also dann … Hast du alles dabei?«
Tom deutete auf die Utensilien, die er bei sich trug. »Rucksack, Taschenlampen, Knicklichter, Bolzenschneider und ein Brecheisen. Und deine Pflaster.«
»Pflaster?«
»Den Erste-Hilfe-Koffer aus dem Auto. Wolltest du doch unbedingt.«
»Ja, wollte ich. Man weiß nie, was einem zustößt. Du hast doch gesehen, was das für ein Gelände ist.«
»Wenn du meinst. Ich hoffe mal, dass wir das nicht brauchen werden.«
Sie passten einen günstigen Moment ab und fuhren los.
»Hast du in den Tagebüchern eigentlich was gefunden?«, fragte Tom.
»Ja und nein. Mit seinem Interesse an verlorenen Ländern und sagenhaften Kreaturen und Kryptozoologie hattest du recht. Davon war eine ganze Menge drin. Verworrene Sachen. Ich habe dann auch das Tagebuch über seinen ersten Besuch in dem Camp gefunden. Aber viel gab es nicht her. Es war ebenfalls eine Leiche angespült worden, genauso wie ein Jahr später und dann bei meiner Schwester. Wer weiß, wie oft das dort so vorkommt.«
»Und hat er beschrieben, wie sie aussah?«
»Ja. Auch bei ihm fehlten Gliedmaßen, andere Körperteile waren verformt oder angeschwollen, und auch hier war das Fleisch violett verfärbt. Aber nichts über eine Todesursache und natürlich auch keine Identifikation.«
»Früher oder später werden wir uns das Camp näher ansehen müssen«, sagte Tom. »Aber vorher müssen wir wissen, was uns erwartet und was dort vor sich geht. Ganz offenbar ist es ja nicht ganz ungefährlich, sich eigenhändig auf die Suche zu begeben.«
Juli schwieg. In der Tat, es war sogar verdammt gefährlich. Und Marie hatte es erwischt – was immer es war. Sie mussten das Rätsel lösen.
Der kleine Motor des Schlauchboots brachte sie ohne Zwischenfälle zum anderen Ufer. Tom fuhr dieses Mal ein Stück weiter, weil er das Boot nicht an einem der Strandabschnitte anlanden wollte, sondern dort, wo Gras und Schilf bis ins Wasser wuchsen. Hier würden sie noch besser vor ungewünschten Blicken geschützt sein. Um das Boot dort verlassen zu können, trugen sie vorsorglich hohe Gummistiefel.
Bald hatte er eine geeignete Stelle gefunden und fuhr so tief hinein, wie er konnte, bis sie aufsetzten. Dann sprangen sie hinaus und zogen das Boot noch zwei Schritte weiter. Schließlich war es in der Vegetation vollkommen verborgen.
»Das Wasser wird noch zwei Stunden lang ablaufen«, sagte Tom, »und kommt erst dann wieder. Es sollte hier also sicher liegen bleiben.«
Während sie sich auf den Weg ins Innere der Insel machten, bemerkten sie nicht, dass sich ein weiteres Boot näherte. Es war ebenfalls ohne Licht gefahren und legte zehn Minuten später unweit derselben Stelle an.
Tom und Juli schlugen sich durch das Unterholz des Pappelwalds, stiegen über die knorrigen Wurzelgeflechte der Weiden hinweg und erreichten schließlich den Zaun.
»Wolltest du den nicht aufschneiden?«, fragte Juli.
»Ach was, das dauert unnötig lang. Es gibt ja eine Öffnung, die reicht. Wir sollten unsere Zeit für die Baracke aufsparen.«
So folgten sie dem Weg, den sie bereits entdeckt hatten, fanden das Loch, zwängten sich hindurch und kamen bald auf das verwilderte Gelände, das sie zu dem Blechschuppen führte.
Vor der Tür blieben sie stehen.
»Hier, halt mal«, sagte Tom und reichte Juli das Brecheisen. Er selbst nahm den Bolzenschneider in beide Hände. »Wollen wir mal sehen, ob das so einfach geht, wie es immer aussieht.«
Er öffnete die gewaltige Zange und setzte sie an der Kette an, die um den Metallriegel geschlungen war. Er drückte die Griffe mit aller Kraft zusammen, aber es tat sich nichts. Nach einigen Augenblicken der Anstrengung setzte er den Bolzenschneider erschöpft ab und begutachtete im Licht der Taschenlampe die Stelle, die er hatte durchtrennen wollen.
»Nur eine winzige Kerbe«, bemerkte er.
»Nicht genug zum Abendessen gehabt?«, scherzte Juli.
Noch einmal setzte er an derselben Stelle an und drückte unter lautem Ächzen zu. Aber als er nachsah, hatte sich die Kerbe nicht wesentlich vertieft.
»Das gibt’s doch gar nicht. Wofür ist das Ding denn da?«
»Probier es doch am Schloss«, schlug Juli vor. »Der Bügel ist viel schmaler als die Kettenglieder.«
Tom positionierte die Backen der Zange am Bügel des Umhängeschlosses und drückte zu.
Er wurde jäh unterbrochen, als hinter ihm ein Knurren ertönte. Erschrocken fuhr er herum und sah im Licht von Julis Lampe, dass der streunende Hund nur wenige Meter entfernt stand. Er hatte die Ohren angelegt und bleckte die Zähne.
»Ganz ruhig bleiben«, sagte Juli. »Ganz ruhig … ich habe hier etwas …«
Tom sah zu ihr hinüber und bemerkte, dass sie in die Hocke ging und den Hund ansprach.
»Wir tun dir nichts … komm her … sieh mal …«
Sie griff mit langsamen Bewegungen in eine Jackentasche und brachte ein kleines Aluschälchen hervor, dessen Deckel sie abzog. »Hier ist etwas zu fressen … ja, komm …«
Sie warf das Schälchen behutsam einen knappen Meter nach vorn. Der Hund zuckte zurück und knurrte auf. Dann bemerkte er, dass sich das Objekt nicht mehr bewegte, witterte etwas, senkte die Lefzen, stellte die Ohren auf und begann zu schnuppern. Langsam machte er einige Schritte beiseite, dann wieder zurück und schließlich nach vorn.
»Was machst du denn da?!«, raunte Tom. »Hast du allen Ernstes Futter für das Mistvieh mitgebracht?«
»Das ist kein Mistvieh«, sagte Juli. »Er hat Hunger, das ist doch klar. Kümmere du dich um das Schloss, ich beruhige den Hund.«
Widerwillig wandte sich Tom ab und machte sich am Schloss zu schaffen. Er musste mehrfach neu ansetzen, aber nach einigen Minuten hatte er den Bügel des Schlosses tatsächlich durchtrennt. Mit lautem Klappern zog er die Kette vom Metallriegel und schob ihn hoch. Darunter kamen eine Klinke und ein Sicherheitsschloss zum Vorschein.
Juli reichte ihm das Brecheisen. »Bist du sicher, dass das klappt?«
»Das werden wir gleich sehen.«
Er setzte das Brecheisen im Spalt neben dem Schloss an und bog den Hebel mit aller Kraft herum. Das Blech knirschte, und schließlich brach die Tür mit einem lauten Knall auf.
»Na also, das war’s«, sagte er etwas atemlos. »Wo ist das Vieh?«
»Hat sich erschreckt«, sagte Juli, während sie sich erhob. »Der Lärm war bestimmt noch am anderen Elbufer zu hören. Schnell rein jetzt.«
Sie betraten einen schmucklosen Raum. Im Schein ihrer Lampen erkannten sie lediglich einige leere Regale und Kisten. Das Innere des Schuppens machte genau den Eindruck, den es offenbar auch erwecken sollte: den eines ungenutzten Lagerschuppens. Allein die übermäßige Sicherung der Tür ließ vermuten, dass es sich um eine Tarnung handelte, was die unterirdischen Räume, von denen sie wussten, schließlich auch bestätigten.
»Siehst du einen Lichtschalter?«, fragte Tom.
Juli leuchtete an den Wänden entlang, fand einen Schalter und legte ihn um. Aber nichts tat sich. »Der Strom wurde anscheinend abgeschaltet.«
»Na gut, dann nehmen wir eben die Taschenlampen.«
Tom entdeckte eine weitere Tür, und nach kurzer Zeit hatte er sie aufgebrochen. Dahinter lag eine nach unten führende Treppe.
»Jetzt wird’s spannend.« Er ging voraus und erhellte die Stufen. Am unteren Treppenabsatz stießen sie auf eine weitere Tür. Sie enthielt eine große Glasscheibe, durch die sich ein feines Netz von Metallfäden zog. Tom leuchtete hindurch und konnte vage einen Gang erkennen. Rechts von ihm, an der Wand daneben, befand sich ein Kästchen mit einer Zahlentastatur.
»Ein Codeschloss«, sagte er und tippte versuchsweise darauf herum. Aber weder bewirkte es irgendein Geräusch, noch leuchteten Dioden auf. »Ohne Strom können wir das wohl vergessen«, brummte er. »Immerhin wird’s dann sicher auch keinen Alarm geben.«
Wieder setzte er das Brecheisen an, doch dieser Türrahmen erwies sich als deutlich widerstandsfähiger.
»Was soll’s. Dann eben so!«, meinte er und hieb auf die Glasscheibe ein, die sogleich in ein kristallenes Mosaik zersprang, sich aber nicht löste. Die Metallfäden hielten sie zusammen.
Tom stach mit dem Brecheisen mehrfach auf das Glas ein, bis er es an einer Stelle durchstoßen hatte, dann hebelte und riss er daran herum. Nur langsam gelang es ihm, das Sicherheitsglas aus dem Rahmen zu lösen. Die Metallfäden waren kräftiger, als er erwartet hatte. Es dauerte mehrere Minuten, bis er so viel zerstört hatte, dass er sich durch die entstandene Lücke zwängen konnte.
»Einen Vorteil hat es«, sagte er etwas außer Atem, als er auf der anderen Seite der Tür stand und Juli ihm folgte. »Man kann sich immerhin nicht dran schneiden.«
Sie befanden sich vier oder fünf Meter unter der Erde. Die Luft war kühl und roch abgestanden. Vor ihnen verlief ein mit Linoleum belegter Gang. Zu beiden Seiten befanden sich Türen oder zweigten weitere Gänge ab.
»Sieh dir das an!«, sagte Juli. »Hier hat jemand eine ganze Bunkeranlage angelegt.«
Langsam gingen sie voran. Die ersten Räume, die sie untersuchten, waren leer. Es gab Steckdosen, Lampen an der Decke und vereinzelte Metallregale, hin und wieder Stühle oder einen Schreibtisch, aber keine Gerätschaften, Bücher, Unterlagen oder irgendetwas, das auf eine Funktion hingewiesen hätte.
»Ich hoffe, wir stolpern nicht gleich wieder in eine Asservatensammlung oder etwas ähnlich Ekeliges«, sagte Tom, dem nicht wohl dabei war, nur mit ihren Lichtkegeln durch die verlassenen Räumlichkeiten zu schleichen.
Er fuhr herum, als er hinter ihnen ein leises, rhythmisches Klacken hörte.
Er leuchtete den Gang hinab, den sie gekommen waren, und erschrak, als ihm aus einiger Entfernung die Augen des Hundes entgegenleuchteten. Offenbar folgte er ihnen. Seine Krallen klapperten auf dem Boden und erinnerten Tom auf unangenehme Weise daran, dass er ihnen jederzeit an die Kehle springen konnte.
»Das gibt’s doch nicht! Was will der?«
»Lass ihn doch«, meinte Juli. »Sicher hofft er, noch mehr Futter zu bekommen. Er wird uns nichts tun.«
»Das sagst du!«
»Nun stell dich nicht so an. Er weiß, dass wir gut zu ihm sind. Er beginnt, uns zu vertrauen. Hunde sind Rudeltiere, er sucht Anschluss.«
»Aber ich suche keinen Anschluss!«
»Was hast du eigentlich gegen Hunde?«
»Ich mag sie einfach nicht, okay?«
Juli zuckte mit den Schultern. »Dann versuch ihn zu ignorieren. Aber mach ihm keine Angst. Denn dann wissen wir nicht, wie er reagiert.«
»Na prima«, murrte Tom, drehte sich aber wieder nach vorn und versuchte, sich auf ihre Suche zu konzentrieren.
Der nächste Raum, den sie betraten, war größer als die anderen. Zu ihrer Überraschung beherbergte er vier Betten, wie man sie in einem Krankenhaus vermutet hätte. Sie waren schlicht, und weder an ihrem Kopfende noch neben ihnen befanden sich medizinische Apparaturen. Dennoch war klar, dass dies Krankenbetten waren, die sich verstellen ließen.
»Schau mal«, meinte Tom und leuchtete an die Seite eines der Betten. Auf Brusthöhe und am Fußende hingen breite Riemen herab. Ganz offenbar konnte man damit den Patient festschnallen. »Ist das normal?«
»Vielleicht in einer Psychiatrie«, meinte Juli. »Aber wegen einer Blinddarmentzündung sicher nicht.«
Sie gingen weiter.
»Es muss doch irgendwo ein Büro gegeben haben«, überlegte Tom. »Aktenschränke, Computer oder so was.«
»Das ist vermutlich längst alles weg.«
»Aber es gab doch diesen Abstellraum oder was es war, den wir gefunden haben. Vielleicht gibt es davon noch mehr.«
»Ich dachte, du wolltest keine Körperteile in Gläsern mehr sehen.«
»Um die kümmerst du dich dann.«
Sie entdeckten einen Waschraum, und als sie eine dahinter liegende Schleuse durchquerten, standen sie plötzlich in einem geräumigen Saal. In der Mitte befand sich ein großer Tisch, neben dem verschiedene Geräte standen, von denen aus sich ein gewaltiger Schwenkarm mit mehreren Lampen herüberbeugte.
»Unfassbar«, stieß Juli aus. »Das ist ein Operationssaal!«
»Was haben die hier bloß getrieben?«, fragte Tom, der die Gerätschaften erkundete. »An ein Lazarett für Not-OPs kann ich nicht glauben.«
»Nein, bestimmt nicht. Der Heimlichkeit nach zu urteilen und wenn man die Firmen bedenkt, die dahinterstecken, würde ich schätzen, dass es sich um ein Zentrum für medizinische Experimente gehandelt hat. Und zwar an Menschen.«
»Illegale Menschenexperimente?«
»Vielleicht war der OP-Saal ja tatsächlich nur für Notfälle gedacht, und vielleicht hat man nur Medikamente oder Impfstoffe untersucht. Aber jedenfalls muss es etwas gewesen sein, für das man auf regulärem Weg keine Lizenz erhalten hätte.«
»Aber warum hier auf der Insel? Direkt neben einer so großen Stadt? Warum nicht in irgendeinem Kaff im Hindukusch oder im afrikanischen Dschungel?«
»Vielleicht, weil man die Infrastruktur brauchte.«
»Wir werden es nicht herausfinden, wenn wir raten«, meinte Tom. »Lass uns nach Dokumenten suchen, etwas, das uns einen eindeutigen Hinweis auf die Betreiber und ihre Arbeit … Was macht denn das Viech da?«
Juli folgte Toms Blick. Der Hund, der ihnen bisher in einigem Abstand gefolgt war, stand in der Tür und sah in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Sein Fell war gesträubt, der Kopf gesenkt, und er knurrte leise.
»Etwas ist da …«, sagte Tom.
»Vielleicht eine Ratte?«, überlegte Juli.
Tom schauderte es. »Wir sollten weitergehen.«
Sie verließen den Operationssaal durch eine gegenüberliegende Tür und kamen in einen neuen Trakt der labyrinthischen Anlage.
Sie fanden Abstellkammern, leere Lagerräume, und endlich stießen sie auf eine verriegelte Tür, deren Schloss Tom aufbrechen musste. Dahinter kam ihnen ein frischer Luftzug entgegen. Als sie nach oben leuchteten, erkannten sie, dass es sich um den Raum handelte, dessen Decke eingestürzt war.
»Möglich, dass dies die einzigen Reste sind, die hier noch übrig geblieben sind«, sagte Tom. »Das würde erklären, warum der Raum zusätzlich verriegelt war. Aber was für eine Ironie, dass man ausgerechnet in diesen hier nun auch von oben reinkommt … Los, suchen wir noch ein paar mehr Unterlagen.«
Gemeinsam machten sie sich daran, die Schachteln und Boxen zu öffnen, die sie fanden. Tom beschränkte sich darauf, dort nachzusehen, wo Papierstapel zu erkennen waren. Die Vorstellung, dass ihn im Licht seiner Lampe plötzlich der in Formalin schwimmende Kopf einer Leiche aus einem Karton entgegenstarrte, entsetzte ihn.
Sie luden alles, was nach selbst gefertigten Papieren, Rechnungen, Protokollen oder Akten aussah, in Toms Rucksack. Es war letztlich eine magere Ausbeute, keinesfalls das Archiv dieser Anlage, sondern vermutlich nur ein Rest, der eher zufällig zusammen mit den anderen Dingen schon früh in diesen Stauraum verfrachtet und dann vergessen worden war. Aber dennoch mochte es Aufschluss über die geheimnisvollen Vorgänge in diesen merkwürdigen Räumen geben.
Plötzlich hörte Tom wieder ein Rascheln und fuhr herum. Der Streuner hatte zu ihnen aufgeschlossen und wanderte schnuppernd über die auf dem Boden verstreuten Scherben und Papiere.
»Wenn du ihn nicht gefüttert hättest, würde er uns jetzt nicht ständig hinterherlaufen.«
»Ist doch nicht schlimm. Vielleicht können wir ihn auch mitnehmen und in einem Tierheim abgeben.«
»Kommt nicht infrage.«
»Wir werden ja sehen.«
»Was machst du denn da?«, fragte Tom gerade noch, als ihn mit einem Mal ein Blitzlicht blendete.
»Ich mache Fotos, was denn sonst.« Juli beugte sich nach unten und fixierte das Glas mit dem Kopf. Dann blitzte es erneut. »Wir müssen den Fund doch dokumentieren. Oder wolltest du den etwa mitnehmen?«
Das strahlend hell erleuchtete Bild des grausamen Schädels brannte sich in Toms Gedächtnis. Er hatte nicht vorgehabt, noch einmal hinzusehen, und nun hatte er ein weißes Abbild der glasigen Augen und der aufgeschwemmten Haut in seinem Kopf.
»Das reicht!«, rief er. »Los, lass uns zurück.«
Er wandte sich ab, während Juli hinter ihm ein weiteres Foto schoss, dann schloss sie zu ihm auf.
»Und jetzt?«, fragte sie. »Denselben Weg zurück?«
»Ja. Ich glaube nicht, dass wir hier noch mehr finden.«
Der Hund lief ihnen voraus. Sie verfolgten ihren Weg zurück durch die Gänge und erreichten schließlich den Operationssaal, als der Hund einige Meter vor ihnen erneut seine Rückenhaare aufstellte und leise knurrte.
»Mach das Licht aus!«, zischte Juli.
»Was?!«
»Los, schnell! Da ist jemand!«
Tom schaltete seine Lampe aus, und in der plötzlichen Dunkelheit fühlten sie sich einen Augenblick lang orientierungslos. Dann hörten sie die Geräusche. Es waren entfernte Schritte. Und ein unverständliches Gemurmel.
Auf einmal preschte der Hund davon. Sie hörten seine Krallen über den Boden kratzen, dann war er weg.
»Jemand läuft hier herum«, sagte Tom. »Wir müssen uns verstecken!«
»Los, in den Waschraum«, entschied Juli. »Da waren Wandschränke.«
»Ohne Licht?«
Juli griff nach Toms Hand. »Hier, fass mich an. Ich gehe voraus.«
Er spürte ihre zarte Hand warm in seiner. Sie zog ihn voran, und wäre es nicht eine so unbequeme Situation gewesen, hätte er den Moment genossen. So aber hoffte er nur, dass sie wusste, was sie tat, und dass er nicht im nächsten Augenblick mit dem Schädel gegen eine Wand oder einen Türrahmen stoßen würde.
Während er sich vortastete, hörte er die Schritte näher kommen. Und nun waren auch die Stimmen auszumachen. Tief, männlich, aber in einer fremden Sprache.
»Espera aí! Ouve lá!«
»O que foi?
»Cala-te!«
Dann war es einen Moment lang ruhig. Juli zog Tom hinter sich her, tastete herum, und schließlich hörte Tom, wie sich eine Schranktür öffnete.
»Hier«, flüsterte sie. »Das sind vermutlich Kleiderschränke für Kittel oder so was. Rein mit dir und mach mir etwas Platz.«
Tom drängte sich blind voran und schob beiseite, was er vorfand. Er quetschte sich in eine Ecke und fühlte, wie Juli ihm folgte und sich an ihn presste. Er nahm einen süßlichen Duft wahr, der von ihren Haaren aufstieg.
»Leise jetzt«, hauchte sie.
Die geschlossene Schranktür dämpfte alle Geräusche von draußen. Aber die Fremden mussten die Spuren ihres Einbruches und die offen stehenden Türen entdeckt haben und folgten sicherlich dem gleichen Weg. Sie würden auch durch diesen Raum kommen.
Nach einer Weile drangen tatsächlich Stimmen durch das dünne Holz der Tür. Tom machte zwei verschiedene Personen aus, die sich unterhielten. Kurz darauf wurden die Stimmen wieder leiser.
»Es sind Brasilianer«, flüsterte Juli, als die Männer an ihrem Versteck vorbei waren.
»Hast du verstanden, was sie gesagt haben?«
»Sie suchen uns.«
»Was?!«
»Sie sind uns anscheinend gefolgt und vermuten, dass wir noch hier unten sind.«
»Verdammt, dann müssen wir sofort hier raus!«
Tom hörte, wie Juli die Schranktür öffnete, und spürte mit leichtem Bedauern, wie sie sich von ihm entfernte.
»Los, komm«, sagte sie. »Wir müssen uns beeilen!«
Tom kletterte hinter ihr aus dem Schrank. Er legte seine Hand vor die Taschenlampe und schaltete sie ein, sodass nur ein schmaler Lichtstreifen sichtbar wurde. Nach der Zeit in absoluter Dunkelheit kam es ihm gleißend hell vor.
Sie machten sich auf den Weg durch den Waschraum und die Gänge, die sie gekommen waren.
Sie waren nicht weit gegangen, als sie hinter sich laute Rufe hörten. Dann bellte ein Schuss durch die unterirdischen Räume. Tom und Juli sahen erschrocken zurück, ob sich Lichter näherten, als von dort plötzlich der Streuner durch die Dunkelheit auf sie zugerannt kam, an ihnen vorbeihetzte und Richtung Ausgang verschwand.
»Ich schätze, es wird Zeit, abzuhauen«, sagte Tom, und gemeinsam liefen sie so schnell es ging den Weg zurück.
Die aufgebrachten Stimmen der Männer kamen näher.
»Estão aí em frente«, war zu hören.
»Hier links«, rief Tom atemlos. Juli folgte ihm. Doch plötzlich standen sie in einem Raum ohne weiteren Ausgang.
»Verdammt«, stieß er aus. Er wollte sich wieder umwenden, als Juli ihn festhielt.
»Lampe aus, schnell.«
Dann zog sie ihn zur Seite, weg vom Eingang und in eine versteckte Ecke.
Nur einen Lidschlag später fielen tanzende Lichtkegel in den Gang, von dem sie abgebogen waren. Hastige Schritte näherten sich, dann waren die dunklen Silhouetten von zwei kräftig gebauten Männern zu sehen. Sie blieben neben dem Türrahmen stehen. Die Strahlen ihrer Taschenlampen fielen in den Raum, sie wanderten über den Fußboden und zuckten über die Wände, streiften flüchtig das Regal, hinter dem sich Tom und Juli duckten. Dann wandten die Männer sich wieder dem Gang zu und eilten weiter.
»Da können wir nicht mehr entlang«, sagte Juli. »Wir müssen zurück zum Hinterausgang.«
Mit abgedunkelter Lampe liefen sie durch die Anlage zurück, ein weiteres Mal durch den unheimlichen Operationssaal und bis zu dem Lagerraum mit der eingestürzten Decke.
Tom atmete auf, als er den Nachthimmel sah und die frische Luft einatmete.
»Okay«, sagte er nach einer kurzen Verschnaufpause leise. »Vielleicht sind sie noch da oben. Wir müssen also vorsichtig sein und das Gelände sondieren. Ich klettere hoch und sehe mich um.«
Dann machte er sich an den Aufstieg über die Bretter, Regale und Trümmer. Er erreichte die Oberfläche, versuchte, zwischen Brombeerdornen und Brennnesseln eine hockende Stellung einzunehmen und richtete sich ganz langsam auf, um über das Gestrüpp hinweg in Richtung des Schuppens zu sehen.
Deutlich waren die beiden Männer zu erkennen, die das Gebäude inzwischen verlassen hatten und nun mit ihren Taschenlampen die aufgebrochene Tür und den Boden untersuchten.
»Kannst raufkommen«, rief Tom leise nach unten.
Als Juli kurz darauf bei ihm angekommen war, deutete er zum Schuppen. »Noch sind sie beschäftigt, können aber jederzeit hersehen. Wir müssen den nächsten günstigen Moment abpassen, um von hier in Richtung der Bäume zu verschwinden.«
»Sie haben Waffen dabei.«
»Das kannst du sehen?«
»Nein, aber wir haben es doch vorhin gehört.«
»Ja … Ich schätze, der Hund hatte sie unten erschreckt.«
»Gut, dass er uns vor ihnen gewarnt hat.«
Die Männer hielten sich noch eine Weile vor dem Schuppen auf, berieten vielleicht, was nun zu tun sei. Dann drehten sie sich um und gingen je einer links und rechts um das Gebäude herum.
Tom und Juli richteten sich auf und eilten los durch das Gestrüpp. Der Waldrand war nur rund hundert Meter entfernt. Doch die Strecke über das halbwegs offene Gelände erschien ihnen endlos. Jederzeit konnten sich die Männer umsehen, mit ihren starken Lampen einmal in die Ferne leuchten und würden sie davonrennen sehen.
Endlich hatten sie die schützenden Bäume erreicht und lehnten sich atemlos an zwei Stämme.
»Okay«, sagte Tom. »Das wäre geschafft. Jetzt also zum Boot.«
Stets ein wenig geduckt hasteten sie bis zum Zaun, dann an ihm entlang bis zur ausgespülten Stelle, schlüpften durch das Loch und schlugen sich anschließend weiter durch das Unterholz in Richtung des Wassers. Kurz vor der letzten Baumreihe blieben sie stehen. Sie befanden sich auf Höhe des mit Gräsern bewachsenen Uferabschnittes, in dem sie ihr Boot versteckt hatten.
»Verdammt, die waren uns tatsächlich gefolgt«, sagte Tom.
Nur unweit der Stelle, wo sich ihr Schlauchboot verbarg, trieb ein etwa doppelt so großes Motorboot. Es lag einige Meter weiter draußen und hatte daher noch ausreichend Wasser unter dem Kiel. Es war niemand zu sehen.
Sie liefen zum Wassersaum und blieben entsetzt stehen, als sie ihr Boot gefunden hatten. In der dicken Gummihaut des Rumpfs klaffte ein Schnitt, der sich über die halbe Länge zog. Sämtliche Luft war entwichen, die Konstruktion in sich zusammengefallen.
»Diese Schweine!«, entfuhr es Juli.
Tom trat wütend gegen den wabbeligen Haufen.
»Es gibt nur eines, was wir tun können«, sagte er dann.
Juli sah zu ihm auf und folgte seinem Blick. Das Boot der Brasilianer!
»Du willst es klauen?«
»Eine andere Chance, von hier wegzukommen, haben wir nicht. Oder willst du schwimmen?«
Juli wusste nichts darauf zu erwidern. Also folgte sie Tom, der sich schon auf den Weg machte.
»Der Schlüssel steckt!«, rief er, als er es erreicht hatte und Anstalten machte, an Bord zu klettern.
Plötzlich ertönte eine Stimme vom Ufer her: »Stehen bleiben!«
»Er hat eine Waffe, Tom!«
Er drehte sich um und entdeckte einen Mann in etwa zehn Metern Entfernung. Er war offenbar aus dem Wald gekommen und leuchtete zu ihnen herüber. Juli hatte ihrerseits ihre Lampe auf ihn gerichtet, sodass er deutlich zu erkennen war. Es war ein Kerl mit Glatze und breiten Schultern und keiner der beiden Männer, die ihren Weg in der Anlage gekreuzt hatten. Dieser hier musste am Ufer gewartet und auf das Boot aufgepasst haben.
»Runter vom Boot und herkommen«, rief der Glatzköpfige. Er hatte einen deutlichen Akzent.
Tom kletterte wieder runter und folgte Juli, die bereits langsam auf den Mann zuging.
»O que é que quer de nós?«, fragte sie auf Portugiesisch, in der Hoffnung, dass der Mann ebenfalls ein Brasilianer war. Und tatsächlich legte er den Kopf schief. Er schien vollkommen überrascht, senkte für einen Moment sogar seine Waffe.
»Isto não pode ser …«, gab er von sich. Dann riss er sich zusammen, hob die Waffe erneut und rief: »Venham cá! Etwas schneller!«
Sie gingen auf den Mann zu, unsicher, was sie erwarten würde.
Mit einem Mal fuhr der Glatzkopf herum. Etwas war hinter ihm. Ein Schuss löste sich aus seiner Pistole. Dann taumelte er einen Schritt zurück, als ihn etwas anfiel. Im Licht von Julis Lampe war der Streuner zu erkennen, der den Mann angesprungen und sich in dessen rechten Unterarm verbissen hatte.
»Das ist unsere Chance«, rief Tom. »Los!«
Juli blieb stehen. »Aber der Hund!«
»Nichts da! Wir müssen abhauen, komm schon!« Er packte sie am Arm und zog sie mit sich. Nur widerwillig setzte sie sich in Bewegung, dann waren sie auch schon am Boot und schwangen sich über den Rand.
»Guck, ob du einen Anker findest und zieh ihn hoch«, rief Tom, der sich an der Zündung zu schaffen machte. Nur einen Augenblick später lief der Motor auch schon an. Juli holte ein Tau ein, und als der kleine Klappanker an der Wasseroberfläche erschien, schlug Tom das Lenkrad ein und gab Gas. Der Motor heulte auf, das Boot setzte sich in Bewegung. Mit wild aufschäumendem Kielwasser entfernten sie sich von der Insel.
Sie ließen das gekaperte Boot am Nordufer der Elbe zurück und fuhren mit ihren Wagen in Toms Wohnung.
»Ich brauche erst mal einen starken Kaffee«, sagte Juli.
Tom ging in die Küche. »Ob der stark genug ist, weiß ich nicht, aber dafür haben wir ausreichend Vorrat.« Er öffnete eine Tür des Küchenschranks und offenbarte eine Großhandelspackung mit Kaffeepads. »War günstiger so.«
Tom nahm sich selbst ein Bier, und gemeinsam ließen sie sich erschöpft auf das Sofa im Wohnzimmer sinken. Tom legte den Kopf in den Nacken, Juli setzte sich seitlich, hängte die Beine über den Sofarand und lehnte sich an Tom.
»Da sind wir ja ganz schön in was reingeraten«, sagte sie nach einer Weile.
»Ja. Das kann man wohl sagen. Erst wollte jemand verhindern, dass der Fuß untersucht wird, hat das Labor am UKE zerstört, versucht, die Ergebnisse zu löschen und den Fuß gestohlen. Und dann sind wir denen wohl aufgefallen.«
»Sie müssen uns beobachtet und gewusst haben, dass wir auf die Insel fahren würden … Wenn die uns erwischt hätten!«
»Das zeigt nur, dass da etwas mit aller Macht geheim gehalten werden soll. Notfalls mit Gewalt.«
»Hast du schon mit Berger telefoniert?« Noch auf dem Boot hatten sie besprochen, dass sie den Hauptkommissar umgehend von den Geschehnissen informieren wollten.
»Er war nicht da.«
»Und jetzt?«
»Die haben mich an einen anderen Kommissar weitergeleitet, dem ich alles erzählen sollte. Wilms hieß der.«
»Aber Berger sagte extra, dass wir mit niemand anderem sprechen sollten!«
»Ja, weil er Sorge hat, dass seine Suche nach dem Maulwurf auffliegt. Aber mir war ehrlich gesagt wichtiger, dass die Polizei notfalls unseren Arsch retten kann.«
»Als ob die nun Bodyguards für uns abstellen. Was hat er denn gesagt?«
»Er hat sich alles angehört, Notizen gemacht und gesagt, wir sollen weitere Anweisungen von der Polizei abwarten und bis dahin unbedingt zu Hause bleiben und keine weiteren Risiken eingehen.«
»Soso, zu Hause bleiben.« Juli drehte sich zu Tom und grinste breit. »Und vorzugsweise bei dir, hast du dir vorgestellt, was?«
Tom hob die Arme in einer Geste der Unschuld. »Es steht dir frei zu gehen.«
Juli setzte sich auf. »Noch nicht. Wir haben einen ganzen Rucksack voll Zeug. Ich will unbedingt wissen, was drin steht!«
Zwei Stunden später hatten sie das Material gesichtet. Ihre Vermutung, dass die Anlage als Versuchslabor gedient hatte, bestätigte sich anhand der Inventarlisten und Lieferscheine, die sie fanden. Die Details blieben zwar im Dunklen, aber es wurde deutlich, dass es um genetische Versuche ging und dass Operationen vorgenommen wurden, bei denen Organe transplantiert wurden. Die Räume waren fast alle leer geräumt gewesen, aber die Unterlagen führten eine große Menge Hightech-Ausrüstung auf, die dort gestanden haben musste. Die Papiere zeigten auch, dass man bis vor drei Jahren noch hier gearbeitet hatte. Dann waren die Arbeiten auf der Insel vermutlich eingestellt worden.
Sie fanden erneute Hinweise auf dasselbe Firmennetzwerk, das sie schon zuvor entdeckt hatten. Nun tauchte aber ein neuer Name auf: Lab M2. Offenbar ein Codename für eine weitere Anlage, die, wie es schien, in Brasilien lag und sich zum Zeitpunkt der Aktivitäten auf der Insel noch im Bau befand. Es ging um Lieferungen nach Brasilien und Datenaustausch mit den dortigen Wissenschaftlern.
»Die Anlage auf der Insel war also eine temporäre Einrichtung«, sagte Juli. »Hier wurde nur geforscht, bis dieses Lab M2 in Brasilien fertiggestellt war, dann sind die Arbeiten dorthin verlagert worden.«
»Ja. Und zwar irgendwo in der Gegend um Manaus«, sagte Tom, »und etwa genau zu dem Zeitpunkt, wo im Camp Leichenteile angespült wurden …«
»Es muss einen Zusammenhang geben! Was genau forschen die da? Genetik, Transplantation … Erinnerst du dich, was in dem Bericht über den Fuß stand? Es war aus genetischer Sicht ein Hybrid. Halb Mensch, halb Tier … Es geht um Xenotransplantation. Und wie es aussieht, sind es keine bloßen Studien im Labor.«
»Nein. Sie nehmen Menschenversuche vor!«
Juli sah Tom an. »Wir müssen da hin«, sagte sie entschlossen.
Tom nickte. »Ja, das denke ich auch.«
»Wir müssen uns weiter informieren«, sagte Juli. »Wer genau steckt dahinter? Wer zieht die Fäden? Ist es dieser Dr. Villiers selbst? Was treibt ihn an, wie skrupellos ist er, wer sind seine Leute, wo genau ist das Labor, und wie kommen wir hin?«
Tom rieb sich die Schläfen. »Ja. Ja. Aber heute nicht mehr, wenn du erlaubst.« Er stand auf und drückte seinen Rücken durch. »Ich bin ziemlich am Ende. Und es ist halb drei. Wir sollten das auf morgen verschieben.«
Juli nickte und stand ebenfalls auf. Ihre Gedanken rasten, aber auch sie fühlte, dass ihr Körper sich nach Ruhe sehnte.
»Ich bleibe hier«, sagte sie.
»Du kannst das Schlafzimmer haben, wenn dich die Unordnung nicht stört«, bot Tom an. »Ich schlafe hier auf der Couch.«
»Schade«, gab Juli zurück.
»Wie bitte?«
Sie trat an Tom heran und schmunzelte. »Ich hatte auf eine lebende Wärmflasche gehofft.«
Tom stockte. Bisher hatte Juli ihm nicht den Eindruck vermittelt, dass sie an ihm interessiert sei, und abgesehen davon, dass er sie – optisch gesehen – durchaus attraktiv fand, waren es Situationen wie diese, die seiner Erfahrung nach eine weitere Zusammenarbeit erschwerten.
»Okay …«, setzte er zögerlich an.
»Oder ist dein Bett zu klein?«
»Nein, natürlich nicht. Ich meine, klar können wir auch zusammen drin liegen.«
»Schön! Wo ist das Bad?«
Tom führte sie durch die Wohnung, dann eilte er zurück ins Schlafzimmer und sah sich um. Die Kleidungsstücke, die auf dem zerwühlten Futon lagen, griff er mit beiden Armen und warf sie in den Schrank. Dann schüttelte er sein Kissen auf und legte es ordentlich hin. Als er ins Wohnzimmer ging, um ein Sitzkissen zu holen, hörte er im Bad die Dusche rauschen. Das verschaffte ihm etwas Zeit. Er schnappte sich ein Kissen von der Couch, suchte im Kleiderschrank einen sauberen Bezug und entschied sich dann, es in ein großes T-Shirt zu wickeln. Schließlich griff er die Bettdecke und warf sie so ordentlich wie möglich über das Bett. Sieht ganz passabel aus, entschied er. Nicht perfekt, aber auch nicht mehr wie eine Räuberhöhle.
Er setzte sich einen Augenblick hin und dachte nach. Vielleicht machte er sich zu viele Gedanken. Es war nicht so viel dabei, im selben Bett zu schlafen. Sie kannten sich noch nicht lange, aber sie hatten viel zusammen durchgemacht. Vielleicht war es nur natürlich, dass man beginnen sollte, etwas lockerer miteinander umzugehen. Und bloß, weil Juli nicht alleine schlafen wollte, hieß das noch lange nicht, dass sie etwas von ihm erwartete.
Die Dusche verstummte. Tom stand auf, sah sich noch einmal um und verließ das Schlafzimmer in Richtung Küche. Dort begann er, aus Verlegenheit ein paar Sachen wegzuräumen, als kurz darauf Juli in der Tür stand. Sie hatte ein großes Badehandtuch um sich gewickelt und die kaum trocken gerubbelten Haare aus dem Gesicht gestrichen.
»Komm mal her«, sagte sie und nickte ihm zu.
Tom trat an sie heran, roch ihre Frische. Dann ergriff sie seine Hand und zog ihn an sich.
»Lass uns ins Bett gehen«, sagte sie, drehte sich um und führte Tom in sein Schlafzimmer. Er blieb still vor dem Bett stehen. Juli schaltete das Licht aus. Die Straßenlaternen warfen blasse, helle Rechtecke an die Wand. In diesem Licht erschien Juli als dunkler Schatten, als sie mit einer Bewegung das Handtuch löste, das zu Boden glitt. Ihr schwach beleuchteter Körper war kaum mehr als eine silberblaue Silhouette. Tom erkannte ihre Brüste, ihre schmale Hüfte, und sein Blick wanderte hinab zu ihrer Scham. Aber Juli achtete nicht darauf, sondern schmiegte sich wie selbstverständlich unter die Decke. Sprachlos verharrte Tom.
»Nun?«, hörte er ihre Stimme, etwas leiser als üblich.
Tom zog sich bis auf seine Unterhose aus, kroch ebenfalls unter die Decke und legte sich auf den Rücken. Unschlüssig. Er kam sich eigenartig vor. Jeder andere Mann hätte die Situation ausgenutzt, und da es ihm üblicherweise egal war, was andere von ihm dachten, hätte er nun nichts zu verlieren, wenn er es zumindest versuchte. Aber es kam ihm nicht richtig vor. Er hatte angefangen, Juli zu respektieren. Er schätzte sie, fühlte sich in manchen Augenblicken sogar unterlegen, und daher konnte er unmöglich …
Weiter kam er nicht, denn Juli drehte sich auf die Seite zu ihm herum, kuschelte sich an ihn und legte einen Arm über seinen Bauch. Sie streichelte den Ansatz feiner Haare, die dort wuchsen, dann wanderte ihre Hand abwärts.
Tom hielt einen Moment lang die Luft an. Julis Hand wanderte ein kleines Stück über seinen Oberschenkel, dann wieder hinauf und fuhr mit den Fingernägeln über seine Unterhose. Durch den Stoff fühlte er das Kratzen über seinen bereits erregten Penis.
»Hm … sieh mal an«, sagte Juli etwas amüsiert. Sie bewegte ihre Hand zum Saum seiner Hose und fuhr mit geschickten Fingern unter den Bund.
Tom atmete unwillkürlich ein, als er spürte, wie Julis kühle, schlanke Finger seinen Penis umfassten und massierten. Mit langsamen Bewegungen zog er seine Hose aus und trat sie von sich. Als er schließlich nackt war, rollte sich Juli auf seinen Bauch und küsste ihn.
Tom spürte, wie sie mit einer Hand seinen Penis weiter bearbeitete, während sie ihn küsste, und mit einem Mal senkte sie sich ein Stück, und er spürte, wie er in ihrer Wärme und Enge versank. Juli richtete sich auf, streifte die Decke ab und setzte sich rittlings auf ihn. Sie begann, sich langsam vor und zurück zu bewegen, ließ seinen Penis tief in sich vor und zurück gleiten. Tom legte den Kopf in den Nacken, gab sich ihrem angenehmen Gewicht, dem Druck und ihrem fordernden Rhythmus hin.