Kapitel 1 Tagebuch von Marie Thomas – Brasilien, 12. Mai

Die weichen Stränge der Eingeweide schlangen sich im Wasser um meine nackten Oberschenkel. Ich maß der fast zärtlichen Berührung zunächst keine Bedeutung bei und vermutete Wasserpflanzen als Ursache. Nie habe ich mich auf entsetzlichere Weise getäuscht.

Als ich das Hindernis entfernen und der Strömung übergeben wollte, ergriff ich einen wie zu einem Brotteig geformten Klumpen, fest und zugleich nachgebend, weißlich und von einer schleimigen Substanz überzogen.

Ich zuckte zurück und strampelte mich frei, wollte Abstand zwischen mich und das Objekt bringen, das ich für einen übergroßen toten Fisch, einen Wels oder vielleicht einen Amazonasdelfin, hielt. Aber das, was sich um meine Beine geschlungen hatte, blieb mit mir verbunden, ich spürte das Gewicht an mir zerren. Die Masse bewegte sich träge, und ich machte im Wasser Fetzen braunen Stoffes aus. Ich hoffte, dass es sich um Teile eines Fischernetzes handelte, das das Tier mit sich gerissen hatte. Aber es war kein Fischernetz. Und es war auch kein Fisch. Stattdessen erkannte ich als Nächstes einen menschlichen Arm, der wie eine blasse Muräne aus dem Körper zu ragen schien. Wo eine Muräne ihr Maul und ein normaler Arm seine Hand gehabt hätte, trieben nur lose Fetzen.

Mich packte blankes Entsetzen. Mein Studium und meine Arbeit im Camp hatten mich im Umgang mit den äußeren und inneren Teilen der menschlichen Anatomie in ihren unterschiedlichen Zersetzungszuständen geschult. Ich bin gewiss nicht zimperlich. Aber es ist eine Sache, eine fachgerechte Autopsie vorzunehmen, und eine andere, nur mit einem Bikini bekleidet von den angefressenen und fauligen Eingeweiden einer Wasserleiche umschlungen zu werden.

Nur mit Mühe konnte ich meinen aufkommenden Ekel eindämmen und konzentrierte mich stattdessen darauf, meine Beine aus der grauenvoll intimen Umklammerung zu befreien. Ich strampelte wild und trat dabei dumpf gegen den Körper, der sich dadurch zu drehen begann. Ganz langsam neigte er mir seinen Kopf entgegen. Ein Kopf, der in einer furchtbaren Weise am Hals baumelte und dessen von Geschwülsten verformte, augen- und zum Teil fleischlose Züge nichts Menschliches mehr an sich hatten.

Mein gellendes Schreien war es wohl, das schließlich zwei Indios aus dem Camp herbeirief.

Daran, wie sie mich heute Morgen aus dem Fluss gezogen und ins Camp zurückgebracht hatten, kann ich mich nur noch schemenhaft erinnern. Beachclub »28 Grad«, Wedel, 18. Juli

Tom trat durch die Pforte aus Bambus und Palmwedeln. Hier hatte sich seit dem letzten Jahr nicht viel verändert, stellte er fest, als er sich in der Nähe der Bar nach einem Platz umsah. Immer noch die gleiche Art von Menschen. Junge Frauen, die aussahen, als seien sie der Instyle oder Glamour entstiegen, ein paar breitschultrige und braun gebrannte Testosteron-Protze, die vermutlich als Türsteher auf der Reeperbahn arbeiteten, und ein paar wohlhabende Familien aus Blankenese oder Klein Flottbek mit ihren in Poloshirts gekleideten Kindern und dem obligatorischen Luxushund.

Tom setzte sich oberhalb der zum Strand hin abfallenden Terrassenstufen an einen Tisch im Schatten der Bäume. Das letzte Mal hatten sie dort drüben gesessen. Wo man jetzt gerade Latte macchiato schlürfte. Seit es in der Redaktion eine Espresso-Maschine mit Milchaufschäumer gab, konnte er das Zeug nicht mehr sehen. Er nahm seine Umhängetasche von der Schulter, griff über den Tisch und legte sie auf den Platz gegenüber. Dann würde sich wenigstens dort niemand hinsetzen.

Er wollte gerade auf den Fluss blicken, als eine der Angestellten an seinen Tisch trat. Schwarze Schürze, schwarzes Girlie-T-Shirt, beides mit »28 Grad«-Logo, die blonden Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und übermäßig eifrig.

»Hallo, was kann ich dir zu trinken bringen?«, flötete sie jovial. »Oder magst du was essen?«

»Ein Strongbow, bitte«, sagte er.

»Und soll ich dir die Karte bringen?«

»Nein danke.«

»Okay, alles klar, danke dir!« Grinste und ging.

Anne hatte sich immer Strongbow bestellt, und nun war es ihm herausgerutscht. Er mochte das Getränk nicht einmal sonderlich. Verdammt, er hätte sich besser ein Bier ordern sollen.

Er sah auf den Fluss. Irgendeine Macke hatten sie alle. Mit Anne war er immerhin länger ausgekommen, aber am Ende war es doch wieder aufs Gleiche hinausgelaufen. Er brauchte nun mal seinen Freiraum. Er konnte einfach nicht jeden Augenblick darauf achten, was sie über dieses oder jenes denken würde, wie sie sich fühlte, was sie brauchte oder wünschte. Wenn sie zur Abwechslung mal ein bisschen an ihn statt immer nur an sich gedacht hätte, wäre ihr das vielleicht klar geworden. Aber die Menschen drehen sich meist nur in ihrer kleinen Welt im Kreis. Ich, ich, ich. Seht, was ich kann, was ich habe!

Tom ließ den Blick über die Gäste des Beachclubs wandern. Gefangen in ihren beschränkten Konzepten von Erfolg und Glück. Aber in Wahrheit waren die meisten von ihnen nichts als zweidimensionale Strichmännchen, klischeehafte Nebenfiguren in einem schlechten Roman, und wie so oft hätte er auch jetzt, in diesem Moment, nichts dagegen gehabt, wenn sie alle verschwänden, wenn er hier allein sitzen könnte.

Die Bedienung brachte seinen Cider, und da Tom sie ausdrücklich ignorierte, entfernte sie sich glücklicherweise schnell. Er setzte an und leerte die Flasche zu einem Drittel.

»Ist hier noch frei?«

Tom drehte sich halb um. Neben dem Tisch stand ein junges Pärchen. Er mit der Sonnenbrille ins Haar geschoben wie ein latent schwuler Cabriofahrer und sie mit den Riemchen ihrer Leinenschuhe zwischen den Fingern.

»Hm, ja klar«, antwortete er und wies halbherzig auf die andere Hälfte des Tisches. Die Höflichkeit gebot es ihnen vermutlich, dass sie fragten, obwohl hier offenbar für acht Platz war und er allein da saß. Andererseits, dachte er, hatten sie ja vielleicht ganz richtig bemerkt, dass sie möglicherweise stören könnten.

Er sah schnell wieder weg. Das war etwas, das Anne ihm immer vorgehalten hatte. Dass er mit anderen Menschen nicht zurechtkam. Aber war es verwerflich, wenn man Smalltalk nichts abgewinnen konnte? Dass man sich seine Gesellschaft lieber selbst aussucht und sich allein am wohlsten fühlte? Das Problem mit anderen Menschen war, dass sie nicht einfach nur Informationsgegenpole, nicht einfach nur Gehirne oder Körper waren. Nein, jeder Mensch brachte endlos Ballast mit sich. Zusätzlich zu einem selbst hatte man plötzlich noch eine vollständige zweite Vergangenheit zu kennen, zu verstehen, zu berücksichtigen. Doppelt so viele Hintergründe, Ursachen, doppelt so viel Erlebtes, Unerledigtes, Unausgesprochenes, Unverarbeitetes. An jedem Mensch hing eine vollständige Welt. Er war Mitte dreißig und kam trefflich mit sich selbst zurecht, und andere Menschen sollten in diesem Alter auch mit sich selbst im Reinen sein. Jüngere waren ihm in ihrer Unausgegorenheit zu anstrengend, und wer die dreißig überschritten und noch immer einen Knacks hatte, der würde ihn auch nicht mehr loswerden. Aber offenbar traf das auf den größten Teil der Menschheit zu.

Auf der Elbe schob sich ein gewaltiger weißer Frachter von Grimaldi Lines in Richtung Nordsee. Hohe, glatte Wände, groß wie ein schwimmendes Atomkraftwerk und genauso hässlich. In einiger Entfernung schoss irgendein Verrückter mit einem Jetski über das Wasser, an dem Schiff vorbei und suchte das Kielwasser, um sich an dessen Rand auszutoben.

Zu Füßen des Beachclubs, dort, wo der schmale Streifen Elbstrand langsam in Schlick überging und matschverschmierte Kinder Löcher und Kanäle buddelten, riefen einige pubertäre Jungen aufgeregt und winkten ihre Freunde hinzu. Das Wasser zog sich vom Ufer zurück, erst drei, dann fünf, bald zehn Meter, als ob schlagartig die Ebbe einsetzte. Unter den hinzugeeilten Jugendlichen waren nun auch einige Mädchen zu sehen. Mit kurzen Hosen gingen sie weit auf den Fluss hinaus, bis ihnen das Wasser bis knapp über die Knie reichte. Tom schätzte, dass die Jungs wussten, was sie taten. Es war ein wohl kalkulierter Streich.

Tatsächlich standen sie nicht lange im Wasser und sahen dem Frachter nach, als sich eine unscheinbare Welle abzeichnete, die auf den Strand zukam. Zwei der Mädchen bemerkten ihre schwache weiße Kante, drehten sich dann um und gingen zurück in Richtung Ufer. Sie dachten, sie hätten Zeit genug. Aber keine fünf Sekunden später hatte sie die Welle bereits eingeholt. Sie bäumte sich nicht auf, aber sie hob das Wasser mit einem Mal um dreißig Zentimeter. Die Mädchen kreischten auf, als ihre Hosen bis zum Hintern durchnässt wurden. Das Lachen der Jungen hallte über den Strand. Die Mädchen standen wütend im Wasser, quietschten und schimpften, und als sei es nicht schon schlimm genug, erfasste sie eine zweite Welle, die seitlich durch die kleine Bucht fuhr. Sie hob den Pegel erneut, und nun standen die entsetzten Teenager bis zur Hüfte im Wasser. Es war der Tsunami-Effekt en miniature. Den Jungs machte es nicht viel aus, sie grölten und begannen, mit Wasser um sich zu spritzen, sie waren scharf darauf, eine Miss Wet-T-Shirt zu küren, und kurze Zeit später waren die Mädchen so verärgert, dass sie erst zurückschlugen und schließlich mitlachten.

Tom überlegte, ob vielleicht ein aufreizendes Foto dabei herausspringen könnte. Er beugte sich über den Tisch, zog seine Umhängetasche herüber, öffnete sie und entnahm ihr seine Spiegelreflexkamera. Mit einem halb nackten Teenagerbusen ließ sich auch ein todlangweiliger Lückenfüller-Bericht verkaufen. Mit einer passenden Headline wie »Geiles Strandwetter« oder »Praller Sommer« oder was auch immer sich die Leute in der Schlussredaktion dazu einfallen lassen mochten. Andererseits war vermutlich keines der Mädchen da unten über sechzehn, und dann würde es ohnehin nur wieder Ärger geben.

Noch immer kreischten die Jugendlichen. Tom verzog den Mund. So urkomisch war das Geplansche nun auch wieder nicht.

Aber ihr Kreischen hatte einen anderen Klang bekommen. Die Schreie waren viel lauter, schriller …

Es waren Entsetzensschreie!

Tom stand ruckartig auf. Etwas war passiert.

Er hob die Kamera ans Auge und zoomte heran. Zwei Mädchen standen herum und brüllten, einer der Jungen schwamm und versuchte, ein anderes der Mädchen zu erreichen, das offenbar Schwierigkeiten hatte.

Tom warf sich die Nikon um den Hals, drängte sich an den anderen Tischen vorbei und lief zur Terrasse. Am Strand stolperte er weiter zum Flussufer. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass jemand aus dem Rettungshäuschen der DLRG gerannt kam. Ein sportlicher Typ, mit verdammt großen Schritten. Er überholte Tom scheinbar mühelos, warf sich ins Wasser und pflügte los.

Tom erreichte das Ufer, lief gerade so weit, dass seine Schuhe nicht im Schlick versanken, blieb stehen, stützte sich auf die Oberschenkel und japste nach Luft. Keine hundert Meter gelaufen und schon am Ende seiner Kraft. Aber es war auch Sandboden. Schließlich richtete Tom sich auf und beobachtete durch den Zoom seiner Kamera, was geschah. Das Mädchen schlug mit aufgerissenen Augen um sich, als der Typ sie erreichte. Er ergriff sie an den Schultern, redete auf sie ein, aber sie nahm kaum Notiz von ihm. Schließlich umfasste er sie, zog sie nach hinten und schleppte sie aus dem Wasser. Noch immer hieb sie um sich, wandte sich in seinem Griff und trat um sich. Als sie dem Ufer näher gekommen waren und ihre Füße den Boden berührten, rappelte sie sich energisch auf, schüttelte alle helfenden Hände ab, rannte los, brach aber nach wenigen Schritten zitternd zusammen, fiel auf die Knie, würgte und erbrach sich in den Sand.

Die Freunde und Schaulustigen sammelten sich um das Mädchen. Es gab kein Herankommen. Aber Tom bemerkte, dass der Rettungsschwimmer, der wusste, dass seine Kollegen bereits mit einem Sanitätskoffer aus dem Häuschen herbeiliefen, zurück zum Wasser eilte. Hatte sie dort etwas verloren?

Kaum einer beachtete, wie sich der Schwimmer noch eine Zeit lang draußen im Wasser aufhielt, hin und her schwamm und offenbar einen Bereich gewissenhaft absuchte. Einige Male tauchte er unter, bis er schließlich etwas festhielt und sich damit auf den Rückweg machte. Tom schoss zwei Bilder für den Fall, dass man den Augenblick der Entdeckung später verwenden konnte. Auf jeden Fall sah es so dramatischer aus, als wenn man ihn später an Land sehen würde, mit dem verlorenen BH oder dem Ed-Hardy-Portemonnaie der Kleinen in den Händen.

Aber es war keines von beidem. Tom sah einen weißen Turnschuh aufblitzen, als der Rettungsschwimmer an ihm vorbeiging.

»Hey, warten Sie mal«, rief er dem Mann zu.

»Ich habe jetzt keine Zeit, tut mir leid.«

Tom lief ihm hinterher. »Ich bin Journalist. Können Sie mir sagen, was da gerade los war? Und was haben Sie gefunden?«

Der Mann blieb stehen und drehte sich ihm halb zu. Was er bei sich trug, verbarg er hinter seinem Körper. »Sie wollen es nicht sehen. Ich muss die Behörden informieren.«

»Die Behörden?« Tom hob die Kamera an. Konnte wohl doch noch spannend werden. »Los, zeigen Sie schon.«

»Dem Mädchen ist übrigens nichts passiert. Sie hat nur einen Schock.«

Tom winkte ab. »Hab ich gesehen. Das Mädchen ist mir egal. Nun machen Sie nicht so ein Geheimnis daraus. Oder wollen Sie morgen nicht in der Zeitung stehen?«

»Haben Sie schon was gegessen?«

»Was soll das denn heißen?«

»Dann können Sie es jetzt gleich wieder von sich geben.« Der Mann schob seinen Arm nach vorn. Es war tatsächlich ein Turnschuh. Er hielt ihn von unten, präsentierte ihn auf seiner ausgestreckten Hand wie zum Verkauf.

Toms Blick zuckte, suchte etwas, an dem er sich festhalten, ablenken konnte. Adidas, war der erste klare Gedanke. Eigentlich ein ganz normaler Schuh. Aus einem ganz normalen Geschäft. Und dann war etwas mit dem Schuh passiert. Denn jetzt steckte darin nur noch ein abgerissener Fuß. Aufgequollenes, unnatürlich violettfarbenes Fleisch brach aus der oberen Öffnung hervor, in kaum noch zusammenhängenden Lappen und halb verfaulten, schleimigen Brocken. Fäden, die einmal Sehnen gewesen sein mochten, hingen in einer grotesken Nachahmung von Schnürsenkeln daran herab. Ein fünf Zentimeter großes Stück Knochen ragte wie ein zersplitterter Pfahl nach oben.

»Ist das …« Tom würgte. »Das ist doch nicht echt, oder?«

»Vermutlich schon«, sagte der Rettungsschwimmer.

Tom holte tief Luft. Mit zitternden Fingern schoss er hastig einige Bilder des Fußes, ohne sich lange mit den grausigen Details zu beschäftigen. Wie abgebrüht musste der Typ sein, dass ihn das so kaltließ?

»Mein Gott, das muss ein ekelhafter Scherz sein«, murmelte er.

»Sieht aber verdammt noch mal ziemlich echt aus.«

»Dann hoffen wir mal, dass Sie keine Ahnung haben. Nichts für ungut.«

»Ich bin Medizinstudent«, sagte der Rettungsschwimmer nicht ohne einen Hauch von Herablassung. »Und wenn man ein paar Mal in der Pathologie war, dann kann man das schon ganz gut beurteilen.« Dann wandte er sich ab und ging zurück zu den Gebäuden oberhalb des Strandes.

Es war schwer zu sagen, ob es ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war, dass Gregory ihn in die Redaktion bestellte. Tom hatte den Artikel noch im »28 Grad« auf seinem Laptop geschrieben und zusammen mit zwei Bildern als E-Mail verschickt. Keine halbe Stunde später hatte ihn der Chefredakteur angerufen und ihn in die Innenstadt bestellt.

Es war nicht üblich, dass die Freien herbeizitiert wurden. Tom war zwar häufig genug im Axel-Springer-Gebäude, aber meistens nur, um in der Kantine ein paar Euros zu sparen. Sein Tagesgeschäft, die kleinen Reportagen und Randnotizen, die bestenfalls ein paar Hunderter abwarfen, wurden per Internet abgewickelt.

Gregory saß in einem Büro, das ihn mit einer Glastür vom beständigen Lärmpegel des Parketts abschirmte. »Parkett«, so nannte man den Rest des Großraumbüros, in dem je nach Tageszeit ein bis zwei Dutzend Redakteure an ihren Rechnern saßen, recherchierten, Artikel tippten, Fernsehprogramme prüften, telefonierten oder Grafiken vorbereiteten. Da die meisten Redakteure auf Zeile schrieben, direkt in das Layout hinein, war der aktuelle Entwicklungsstand der wichtigsten Seiten auf großen Bildschirmen schräg unter der Decke an einer Stirnseite des Raums zu verfolgen. Gregory hatte sich in den letzten Jahren hochgearbeitet und betonte bei jeder sich bietenden Gelegenheit, wie wichtig es sei, das Geschäft von der Pike auf gelernt zu haben. Toms Einschätzung nach hatte dessen Aufstieg aber weniger mit seiner fachlichen Qualifikation zu tun, sondern lag einzig und allein daran, dass Gregory Netze spinnen konnte. Er verfügte über ein besonderes Maß an Selbstsicherheit, gab sich charmant und immer politisch korrekt. Aber er war ihm einfach zu glatt.

»Tom, mein Bester«, sagte der Chefredakteur, »toll, dass du vorbeikommen konntest!« Er kam um den Schreibtisch herum und schüttelte Toms Hand. »Warte mal kurz«, unterbrach er sich, ging an seinem Besucher vorbei, streckte den Kopf durch die Tür und rief: »Claudia, kannst du mal zwei Kaffee bringen?« Dann kam er zurück und setzte sich in den schwarzen Sessel hinter seinem Schreibtisch. »Erzähl mal, wie geht’s dir so? Du solltest wirklich öfter mal reinkommen. Man verliert ja sonst ganz den Kontakt.«

Tom trat an die Fenster und sah hinaus. Gab es einen Grund, auf Gregory neidisch zu sein? Nette Aussicht, gut bezahlte Position, aber ein verdammter Bürojob war es trotzdem. Und da half auch keine Designerbrille mit breiten schwarzen Bügeln oder eine Assistentin mit Modelmaßen, wie sie gerade mit den beiden Kaffees durchs Büro schwebte. Tom nahm seine Tasse entgegen und setzte sich.

»Habe nichts zu klagen, danke.«

»Schön!« Über Gregorys Gesicht huschte ein Lächeln. »Freut mich zu hören. Wirklich.«

»Was gab’s denn so Eiliges?«, fragte Tom. Er wusste noch nicht, ob am Ende dieses Gespräches Geld oder Ärger für ihn herausspringen würde, daher war noch Zurückhaltung angebracht. Nur die Formalitäten wollte er gerne überspringen.

»Ich will dich gar nicht lange aufhalten, hast ja bestimmt viel zu tun«, sagte Gregory. »Ich weiß doch selbst noch, wie das war. Von einem Termin zum nächsten, nicht?«

»Hm, ja genau.«

»Also, es geht natürlich um die Geschichte aus dem Beachclub.« Gregory beugte sich vor. »Ich habe ja so meine eigene Vermutung, aber ich wollte gerne wissen, wie du das siehst. Was denkst du: Wird das eine größere Story?«

Auf diese Frage war Tom nicht gefasst. Bei aller jovialen Attitüde, die Gregory zur Schau stellte, waren sie keineswegs alte Freunde, die sich gegenseitig beraten würden. Wenn der Chefredakteur der Ansicht war, ein Externer hätte eine heiße Geschichte am Wickel, würde er einen Teufel tun, es ihm auf die Nase zu binden. Schließlich ging es um die Honorare für Text und Bilder. Was also bezweckte Gregory?

»Schwer zu sagen«, antwortete Tom. »Vielleicht ein Gewaltverbrechen, aber vielleicht auch bloß ein Unfall …«

»Hast du noch mehr Fotos?«

»Klar. Aber mehr als zwei zur Auswahl braucht ihr ja nicht.«

Gregory nickte. »Jetzt noch nicht, nein. Aber ich sage dir was.« Er machte eine verschwörerische Geste, als wolle er Tom heranwinken. »Ich will, dass du an der Sache dranbleibst! In zwei Wochen beginnt die MedExpo. Während der ganzen Messe werden die Zeitungen voll sein mit Ankündigungen, Anzeigen und Artikel zum Thema Gesundheit, es wird internationale medizinische Fachtagungen in den Hotels geben, Experten-Interviews, Talkshows, der ganze Budenzauber. Bis dahin wollen wir uns ein bisschen munitionieren. Du weißt schon, die Privatisierung der Krankenhäuser noch mal thematisieren, Skandale im Pflegesektor, und eine Story mit abgerissenen Füßen, die die Elbe runtertreiben und den Touristen auf die Strandlaken gespült werden, wäre wirklich passend.« Er legte seine Hände zusammen. »Leider ist dein Bericht dafür noch ein bisschen dünn.«

Tom lächelte künstlich. »Und soll ich mir jetzt noch ein paar mehr Extremitäten aus dem Arsch ziehen oder was?«

Der Chefredakteur schüttelte den Kopf. »Tom, Tom, nein, natürlich nicht. Aber ich kann mir vorstellen, dass man da ein bisschen mehr Fleisch dran bekommt.« Er grinste. »Oha, böses Wortspiel, was? Wie auch immer, also ich will, dass du die Sache im Auge behältst. Wo kam der Fuß her, wo ist er jetzt, wem hat er mal gehört, und warum ist er ab? Na, du weißt schon. Ich will sehen, ob wir da noch einen Hebel ansetzen können. Okay?«

Tom winkte ab. »Also wirklich, mein Kalender ist dicht, weißt du. Ich kann jetzt nicht irgendeiner Idee hinterherlaufen, wenn ich meinen Schnitt machen will.« Er machte eine Pause. »Wäre natürlich was anderes, wenn es eine Auftragsarbeit werden soll …«

»Weißt du was?«, warf Gregory ein. »Warum nicht? Wir machen einen Auftrag draus. Achthundert für den Artikel, fünftausend Zeichen. Mit Zitaten aus offiziellen Quellen, Wasserschutzpolizei, Kripo oder so was, bis nächste Woche Dienstag.«

»Eins fünf.«

»Tausend.«

»Tausend und zweihundert pro Foto.«

Gregory schwieg einen Moment. »Einverstanden«, sagte er dann und reichte seine Hand über den Schreibtisch. »Und das, was du bisher abgegeben hast, das ist natürlich inklusive. Das nehme ich jetzt schon mal rein.«

Als Tom das Gebäude verließ, grinste er breit. Er wollte der Geschichte sowieso noch mal nachgehen, und ein anderes Thema hatte er ohnehin gerade nicht in Aussicht. Gregory hatte sich jetzt zwar das heutige Material kostenlos ergaunert, aber der Rest des Honorars war in Ordnung. Vor allem, weil Tom nicht vorhatte, sich übermäßig anzustrengen. Jedenfalls nicht mehr heute.

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