Kapitel 4 Tagebuch von Marie Thomas – Brasilien, 12. Mai

Es war ekelerregend. Ich weiß, das ist keine sachliche, medizinische Beschreibung, aber was ich sah, als Christian die Leichentücher beiseitezog, verschlug mir den Atem.

Es ist gerade erst ein paar Stunden her, und die Bilder verfolgen mich. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich nichts anderes vor mir, es fällt mir unendlich schwer, alles zu verdrängen, auf Abstand zu halten. Das Schreiben lenkt mich ein bisschen ab, aber ich kann unmöglich ausführen, was ich gesehen habe, zu grauenvoll und entsetzlich war der Anblick, der sich mir bot.

Darüber nachzudenken, wie nah ich diesem – Ding im Wasser gewesen bin, dass sich die herausgerissenen und halb gefressenen, halb verwesten Eingeweide um meinen nackten Körper geschlungen hatten, lässt mich beben, ich wünschte, ich könnte meine Haut mit kochendem Wasser desinfizieren, abtöten, am liebsten ganz vom Körper reißen!

Christian schien bei all dem so wenig beeindruckt; ich weiß nicht, ob er mir den starken Mann vorspielen wollte oder ob er tatsächlich so abgeklärt ist, dass es ihm wirklich nichts ausmacht.

So gefesselt war ich von dem Grauen, dass ich lange Zeit vollkommen bewegungslos auf die verrotteten Fleischklumpen gestarrt haben musste. Christian erzählte irgendetwas, das ich nur gedämpft wahrnahm, und ich fuhr erschrocken zusammen, als er mich am Arm packte und mich fragte, ob ich ihm überhaupt zugehört hatte.

Ich riss meinen Blick los von diesen leeren Augenhöhlen, der aufgeschwemmten und von Geschwüren übersäten Masse eines einstigen Gesichts, den aufgeklappten weißen Hautlappen und den herausgerissenen bleichen Fleischfasern. Vor meinem geistigen Auge sehe ich jetzt noch die schwarzen Borsten, die an mehreren Stellen die Haut durchdrangen, gerade, drahtige Gebilde, mehrere Zentimeter lang, ohne jede Ähnlichkeit mit menschlichem Haar.

Christian redete auf mich ein, deutete auf einen niedriger liegenden Teil des amorphen Fleischhaufens. Was einmal ein Brustkorb oder eine Bauchhöhle gewesen sein musste, klaffte weit auf und offenbarte einen ausgebluteten und aufgeweichten Brei aus schlangenartigen, grauweißen Schläuchen und Schnüren, aus denen einzelne Knochen herausragten wie die Zähne einer höllischen Monstrosität, in deren bestialischen Schlund man geradewegs hineinblickte.

Ob mir etwas Besonderes auffiele, fragte mich Christian, aber ich schüttelte wohl nur entgeistert den Kopf. Die albtraumhafte Ungeheuerlichkeit hielt mich gefangen, längst schon war ich zu keinem klaren Gedanken mehr fähig. Es war mir unmöglich, das, was ich hier sah, mit dem zu vereinen, was ich über den menschlichen Körper gelernt hatte, der Anblick spottete jeder anatomischen Lehrstunde, sprengte jeden Rahmen meiner Vorstellung.

Christian plapperte weiter, aber seine Worte verschwammen zu einem diffusen Einerlei, ähnlich dem beständigen Summen, Pfeifen und Krakeelen des Urwaldes, das trotz aller Gegenwart zu einem unhörbaren Hintergrundgeräusch wird. Und dann mit einem Mal stach ein Wort heraus: Violett. Und in diesem Augenblick beschrieb es genau, woran sich meine Augen und mein Verstand gerade festhielten, als hätten sich meine Gedanken manifestiert.

Dort, wo die Ränder der Hautfetzen zerfressen und zerfasert waren, waren sie weiß und teilweise milchig durchscheinend. Auch die Oberfläche des rohen Fleisches war mit großen, hellen Flecken wie mit fauligen Flechten überzogen, aber dort, wo die Masse weniger lang der Fäulnis, dem Wasser und dem Tierfraß ausgesetzt gewesen war, wo das Fleisch frischer aufgerissen war, schimmerte es violett. Restaurant Maybach, Eppendorfer Weg, Hamburg, 20. Juli

»Die Polizei wird meine Jacke finden«, sagte Juli, nachdem die Bedienung ihre Bestellung aufgenommen hatte.

»Ja, natürlich«, sagte Tom. »Und sie werden auch herausfinden, dass der Untersuchungsbericht gelöscht wurde. Wenn sie nicht blöd sind, entdecken sie außerdem das Privatverzeichnis des Labormitarbeiters. Und wenn sie dann feststellen, dass dein Kollege Hwang bereits darauf zugegriffen hat, werden sie über ihn auch uns finden.«

»Immerhin haben wir uns nicht strafbar gemacht.«

»Da wäre ich mir nicht so sicher. Aber auf jeden Fall werden wir Zeit verlieren, wenn wir erst mal befragt werden. Wir sollten so schnell wie möglich unsere Recherchen fortsetzen. Wie es aussieht, hat es mit dem Fuß ja irgendetwas auf sich. Jemand ist uns zuvorgekommen und hat die Untersuchungsergebnisse vernichtet. Der Brandsatz, der durch das Fenster geworfen wurde, sollte dem Labor vermutlich den Rest geben.«

»Und Dirk Gäbler.«

Tom nickte. Der verletzte Mann wäre an einer Rauchvergiftung gestorben oder vielleicht sogar verbrannt. Wer auch immer hier seine Finger im Spiel hatte, war ganz offenbar nicht zimperlich. Was bedeutete, dass es um eine große Sache ging.

»Ich will die Geschichte auf alle Fälle weiterverfolgen«, sagte er. »Aber was ist mit dir? Du meintest, dass der Fuß etwas mit deiner Dissertation zu tun hätte. Aber was jetzt passiert, hat vermutlich nicht mehr viel damit zu tun.«

Juli schwieg. Im Gegenteil vermutete sie, dass die jetzigen Ereignisse sogar viel deutlicher als zuvor in eine bestimmte Richtung zeigten. Möglich, dass es weit hergeholt war, aber dieser Spur zu folgen, war seit Wochen die erste Möglichkeit, etwas zu unternehmen. Und sie musste etwas unternehmen.

Sie konnte den Journalisten bisher noch nicht richtig einschätzen. Er schien ihr sehr von sich überzeugt, wie es in seinem Beruf vielleicht auch nötig war, aber ihr war nicht klar, wie viel wirklich dahintersteckte. Vielleicht konnte sie durch seine Kontakte oder seine Rechercheerfahrung schneller vorankommen. Aber was, wenn er dabei nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht war? Könnte es zu Problemen kommen?

Während Juli ganz offenbar nachdachte, musterte Tom ihr Gesicht. Ihm gefielen ihre tiefbraunen Augen, die ihr ein fast südländisches Aussehen verliehen. Anders als bei vielen anderen Menschen, die er beobachtete, strahlten sie eine besondere Klarheit aus, so als sei sie vollkommen wach und aufmerksam. Leichte Falten auf ihrer Stirn vermittelten den Eindruck von Ernsthaftigkeit, aber weder wirkte sie biestig noch verbittert, sondern einfach nur konzentriert. Eine hübsche junge Frau, die sich nicht wie ein junges Huhn benahm, sondern wusste, was sie wollte, und sich dabei auf ihren Kopf statt auf ihren Körper verließ.

Sie hatte ihn nun erfolgreich ins UKE und an die Untersuchungsergebnisse gebracht. Im Grunde war das alles, was er brauchte, von hier aus konnte er alleine weiterarbeiten. Und im Grunde verfuhr er so am liebsten. Er war nie ein guter Teamplayer gewesen. Und die Zusammenarbeit mit einer Frau war immer ein Wagnis. In der Vergangenheit hatte es immer irgendwelche hormonbedingten Probleme gegeben. Irgendwann landete man in der Kiste, und kaum eine kam damit zurecht. Entweder sie fingen an zu klammern oder kapselten sich plötzlich ab. Beides war nicht sonderlich förderlich für die weitere Zusammenarbeit.

»Wir sollten gemeinsam weitermachen«, sagte Juli.

Tom hob eine Augenbraue, nicht sicher, ob er über diese Entscheidung glücklich sein sollte oder nicht. Siegte da ihre Neugier, oder verbarg sich hinter Julis Dissertation mehr, als sie vorgab?

»Hier wird mit harten Bandagen gekämpft«, fuhr sie fort. »Ich kann deine Hilfe gebrauchen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Und du brauchst mein medizinisches Wissen.« Sie zeigte auf den mehrseitigen Ausdruck, der neben ihr auf dem Tisch lag. »Denn sonst verstehst du gar nicht, um was es hier geht.«

Tom lächelte. »Glaubst du? Ich könnte mich schlau machen.«

»Und verlierst Zeit.«

»Ist das denn so kompliziert? Warum erklärst du es mir nicht sofort?«

Nun war es an ihr zu lächeln. »Wir sollten lieber vorher etwas essen. Sonst hast du nach dem hier keinen Appetit mehr.«

Womit sie vermutlich sogar recht hatte, stimmte Tom innerlich zu. Blut, Verletzungen oder Operationen fand er ausgesprochen ekelerregend, und ein Autopsiebericht war da das Letzte, was er zum Vergnügen lesen würde.

Während des Essens redeten sie über Toms Arbeit als Journalist und Julis Studium. Es stellte sich heraus, dass sie trotz ihres geringeren Alters schon mehr von der Welt gesehen hatte als er.

Tom war in Hamburg aufgewachsen, und außer einigen Urlauben oder Geschäftsreisen in der Zeit seiner Agenturtätigkeit war er der betriebsamen und internationalen Stadt treu geblieben. Hamburg galt nicht umsonst als das Tor zur Welt. Die zweitgrößte Stadt Deutschlands beherbergte Konsulate und Vertretungen aller großen Länder, und als Handelsstadt mit langer Tradition lebten hier viele Millionäre. Der Hafen war einer der größten Europas, und die Ansammlungen an Medienunternehmen und Werbeagenturen suchte ihresgleichen. Außer Berlin ließ sich keine Stadt im Land mit Hamburg vergleichen, und was die Lebensqualität, das allgegenwärtige Grün und das die ganze Stadt mit Kanälen durchziehende Wasser anging, schlug sie seiner Meinung nach Berlin um Längen. Juli hingegen stammte nicht aus Hamburg. Ihre Familie war während ihrer ganzen Jugend im Ausland gewesen, weil ihr Vater damals als gelernter Ingenieur einen Managementposten im Baukonzern Berger innegehabt hatte. So war sie auf verschiedene internationale Schulen gegangen und erst zu Beginn ihres Studiums nach Hamburg gekommen. Und auch seitdem hatte sie mehrfach Auslandssemester an anderen Universitäten absolviert und verbrachte die Semesterferien in der Regel bei irgendwelchen Projekten außerhalb Deutschlands. So kam es, dass sie neben Englisch auch Französisch, Spanisch und Portugiesisch sprach.

Tom dachte darüber nach, wie zielstrebig und rastlos sie wohl in ihrem Wesen war. Etwas trieb sie voran. Er selbst hatte keine genau Vorstellung, was er einmal erreichen wollte. Das spießbürgerliche Klischee von Auto, Familie und Haus im Grünen war nicht seines. Aber darüber hinaus hatte er noch keine Vorstellung. Es wäre schön, einen Antrieb zu haben, der auch irgendwohin führte. Aber zunächst müsste er etabliert sein. Finanziell unabhängig, das wünschte er sich, sodass er frei entscheiden könnte, ob und wie viel er arbeiten würde, und dann, so dachte er, würde er sich Gedanken über alles Weitere machen.

Jetzt ging es um diese Geschichte mit dem Fuß. Eine Story, die vermutlich größer war als ein reißerischer Artikel, der die Diskussion über das Gesundheitswesen ein bisschen anstacheln sollte. Vielleicht gab es hier einen Kriminalfall, und möglicherweise bedeutete das, ganz groß rauszukommen.

»Also dann«, sagte er schließlich, als ihr Geschirr abgeräumt wurde, »was genau steht in diesem Report?«

»Dann bist du einverstanden?«, fragte Juli. »Wir machen gemeinsam weiter?«

»Du hast mir noch nicht erklärt, was genau dich an dieser Sache interessiert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ein Dissertationsthema gibt, das so heiß ist, dass deswegen Labors gesprengt werden.«

»Nein, stimmt. Ich will ehrlich sein. Und bis ich den Report gelesen hatte, kannte ich diese merkwürdigen Details auch nicht. Aber ich habe ein persönliches Interesse herauszufinden, woher dieser Fuß kommt. Mit dem Studium hat es nichts zu tun. Mehr möchte ich nicht dazu sagen.«

Tom lehnte sich zurück. »Also für eine Zusammenarbeit ist das reichlich wenig Vertrauen.«

»Es muss leider vorerst reichen«, sagte sie. »Ich werde es dir erzählen, versprochen. Aber noch nicht gleich. Ich muss erst selbst näher an die Sache herankommen. Kannst du damit leben?«

Er überlegte nur kurz. Es blieb ihm ja nichts anderes übrig. Wenn sie sich entschied, ihre Geheimnisse für sich zu behalten, gab es nichts, das er dagegen unternehmen konnte. Immerhin war ein persönliches Interesse vermutlich mindestens ebenso sehr ein Antrieb, der Sache auf den Grund zu gehen, wie der berufliche Ehrgeiz.

»Deal«, sagte er.

Juli breitete die Papiere vor sich aus.

»Also, der Bericht besteht aus der pathologischen und der molekularbiologischen Untersuchung. In der Molekularbiologie werden Untersuchungen des Erbguts vorgenommen. Also Vaterschaftstests, Untersuchungen auf Erbkrankheiten und so was. Und im Auftrag der Kriminalpolizei werden auch DNA-Spuren gesucht und identifiziert. Speichelproben, Haare von einem Tatort oder Leichenreste. Deswegen war der Fuß hier untersucht worden. Bei Leichenteilen, die stark verwest sind, ist das nicht so leicht, und der Fuß trieb offenbar auch eine Weile im Wasser. Im Bericht steht, dass man daher Teile des Knochens verwendet hat, diese Zellen sind in der Regel robuster und erhalten das Erbgut etwas besser.

Bei dieser Untersuchung ist herausgekommen, dass es sich beim Abbild der Gene nicht um ein übliches menschliches Muster handelt. Es wurden fremde Gene gefunden, die sich im Abgleich mit der Datenbank als Gene von Schweinen herausstellten.«

»Was bedeutet das? Kann es sein, dass die Probe irgendwie … verunreinigt war oder so?«

»Theoretisch ist das möglich. Aber die Vergleichstests zeigten dasselbe Ergebnis. Außerdem gab es auch Gene, die eine Mischform aufwiesen, die weder Mensch noch Tier eindeutig zugeordnet werden konnten.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Ich auch nicht. Wenn diese Ergebnisse stimmen, dann handelt es sich bei dem Fuß um eine Extremität, die weder menschlich noch tierisch ist, sondern ein regelrechter Hybrid.«

»Aber so etwas gibt es nicht!«

Juli nickte. »Mensch-Tier-Hybriden nicht. Aber im Labor sind durchaus schon Experimente geglückt, in denen verschiedene Tierformen gemischt oder Mäusen menschliche Organzellen eingepflanzt wurden.«

»Das ist ziemlich ekelhaft.«

»Aber ein wichtiger Forschungszweig.«

»Und wo kommt dieser Fuß nun her? Steht da noch mehr?«

»Ja, es ist eine seltsame Verfärbung des Gewebes festgestellt worden, die mit den in der Pathologie bekannten biochemischen Vorgängen des Verwesungsprozesses nicht zu erklären waren. Das Fleisch befand sich zwar schon im fortgeschrittenen Zersetzungsprozess, aber es enthielt haufenweise unbekannte Pigmente. Die Untersuchung hat ergeben, dass es sich dabei um Farbstoffe auf Basis synthetischer Polymere handelt …«

»Und das sind …?«

»Künstlich hergestellte Farbstoffe. Aus dem Labor.«

»Also war das Fleisch irgendwie tätowiert?«

»Nicht ganz. Bei einer Tätowierung werden Farbpigmente unter die oberste Hautschicht gestochen, wo sie im Grunde stecken bleiben, weil sie vom Körper nicht abgebaut werden können. Die Pigmente hier waren aber winzig, fast im Nanobereich, und befanden sich als Bestandteil in den Zellen selbst, und zwar in jeder einzelnen.«

»Das klingt auch nicht normal, oder?«

»Nein, ganz und gar nicht.«

»Gibt es da eine Art Erklärung in dem Bericht, ein Fazit oder so was?«

»Nein, es sind wirklich nur die reinen Untersuchungsergebnisse ohne Interpretationen.«

»Vielleicht hat sich jemand einen Scherz erlaubt«, überlegte Tom, »und etwas, das nur aussieht wie ein Fuß, in einen Schuh gestopft, eine Weile lang angammeln lassen und dann in den Fluss geworfen, um Leute zu erschrecken.«

»Der Pathologiebericht bestätigt, dass es sich vom Bau der Knochen her tatsächlich um einen Fuß handelt. Schuhgröße zweiundvierzig steht hier. Spuren an den Knochen weisen Kratzer und Splitter auf, wie sie entstehen, wenn er zertrümmert oder zerbissen wird. Der Zustand deutet auf eine Verwesungsdauer von sechs bis zwölf Monaten hin, je nach Feuchtigkeit und Temperatur der Umgebung. Im Wasser lag der Fuß allerdings höchstens ein paar Tage. Zwischen Schuh und Fuß wurden Reste von Erde und Pappelblätter gefunden.«

»Tja«, meinte Tom und nahm einen Schluck, »was sagt uns das alles?«

Nun war es an Juli, sich zurückzulehnen.

»Ich weiß es auch nicht«, gab sie zu. »Jedenfalls ist das kein normaler Fuß. Und irgendjemand hat ein Interesse daran, seine Entdeckung zu verhindern, wie wir gemerkt haben.«

»Also vermutlich doch kein Scherz.«

»Nein, eher nicht.«

»Der Fuß war irgendwo verborgen«, überlegte Tom, »vielleicht in der Erde oder in einem Wald, wenn man die Spuren im Schuh so deuten kann. Und dann ist er irgendwie in den Fluss geraten.«

»Nur wie haben die, die seine Entdeckung verhindern wollen, so schnell davon erfahren, dass er wieder aufgetaucht war?«

»Durch meinen Artikel. Vielleicht wussten die Leute, dass der Fuß in den Fluss gefallen war, und nun warteten sie bloß darauf, dass er irgendwo angeschwemmt wurde.«

»Oder es war der Hinweis auf die Verfärbung, der sie hellhörig gemacht hat«, sagte Juli. So wie mich, fügte sie in Gedanken hinzu.

Tom kniff die Augen zusammen. »Vielleicht können wir selbst herausfinden, aus welcher Gegend der Fuß gekommen ist.«

»Wie willst du das anstellen?«

Er rückte ein Stück vor. »Überleg mal: Wir wissen, wann und wo er angespült wurde. Wir können uns die Strömungsdaten der Elbe besorgen und anhand der Gezeitentabelle ziemlich genau ablesen, wie sich der Fluss in den letzten Tagen verhalten hat. Dann bauen wir im Rechner ein möglichst präzises Modell der Elbe, füttern es mit diesen Daten und können eine Rückberechnung vornehmen.«

»So was kannst du?«

»Ich nicht. Aber ich kenne jemanden, der es kann.«

»Entschuldigen Sie die Störung«, sagte plötzlich jemand neben ihnen. Es war ein Herr in den Fünfzigern, begleitet von einem jüngeren Mann, beide mit Stoffhosen, Hemd und sommerlichen Jacken, die sie offiziell aber leger aussehen ließen.

Der Ältere zeigte unauffällig seine aufgeklappte Brieftasche.

»Hauptkommissar Berger. Dürfen mein Kollege und ich uns für einen Augenblick zu Ihnen setzen?«

»Können Sie mir sagen, wo Sie heute Vormittag zwischen elf und zwölf Uhr gewesen sind?« Berger sah von Juli zu Tom.

»Ist das ein Verhör?«, fragte Tom. Er wunderte sich, wie schnell die Beamten ihre Spur aufgenommen und sie in diesem Restaurant ausfindig gemacht hatten.

»Es ist nur eine Frage.«

»Wir waren gemeinsam am UKE«, sagte Juli.

»Und wo dort genau?«

»Beim Rechenzentrum.«

Tom atmete innerlich auf. Er schätzte, dass die Polizisten sie über Hwang und dessen Zugriff auf die Daten gefunden hatten. Von ihrem Besuch bei Professor Heide wussten sie vielleicht noch gar nichts, daher war es nur gut, wenn Juli ihnen lediglich bestätigte, was sie vermutlich ohnehin wussten.

Der Hauptkommissar nickte. »Und ist Ihnen dabei etwas Besonderes aufgefallen?«

»Nein«, sagte Juli. »Wir haben einen Kollegen von mir besucht.«

»Ja, das wissen wir. Deswegen sind wir hier, Frau Thomas. Aber Sie haben nicht zufällig auch Sirenen gehört oder Rauch gesehen?«

Juli zeigte einen überraschten Gesichtsausdruck. »Nein. Was ist denn passiert?«

Berger sah sie einen Moment lang schweigend an. »Es hat einen Vorfall gegeben«, sagte er dann. »Und zwar in dem Labor, in dem dieser Report erstellt wurde. Ich darf mal?« Er griff nach dem Ausdruck, der noch immer auf dem Tisch lag. »Können Sie mir erklären, wie dieser Bericht in Ihren Besitz kommt? Dies sind Unterlagen, die der ärztlichen Schweigepflicht unterliegen.«

Juli gab sich wenig beeindruckt. »Erstens studiere ich am Klinikum und habe häufiger mit solchen Berichten zu tun. Und zweitens ist das lediglich ein beliebiger Bericht, der tut nichts zur Sache.«

Hauptkommissar Berger wechselte mit seinem Kollegen einen vielsagenden Blick. Dann setzte er ein künstliches Lächeln auf. »Und wie kommt es dann, dass man mir im Rechenzentrum gesagt hat, Sie hätten gezielt diesen Fall angesprochen?«

Verdammt, dachte Tom.

Juli zeigte keine Regung. »Ich bat lediglich darum, mir einen aktuellen Fall aus der Molekularbiologie herauszusuchen, in dem es um abgetrennte Körperteile geht. Heraus kam dieser.«

»Sie interessieren sich für abgetrennte Körperteile?«

»Für meine Dissertation. Verwesungsprozesse und autoimmunologische Effekte in der plastischen Chirurgie massiv traumatisierter Extremitäten.«

Hauptkommissar Berger nickte abwesend. Tom vermutete, dass der Mann genauso wenig verstanden hatte, um was es ging, wie er selbst. Aber Julis Antwort kam ihr so flüssig über die Lippen, dass es absolut glaubwürdig klang. Vielleicht stimmte es sogar.

»Wie dem auch sei, ich muss Sie beide bitten, mir Ihre Personalien zu geben, falls wir Sie noch ein weiteres Mal befragen müssen. Und diesen Bericht muss ich als Beweisstück einbehalten.«

Sie händigten dem Hauptkommissar ihre Ausweise aus. Er warf einen Blick darauf, stockte plötzlich und sah auf.

»Ihr Name kommt mir bekannt vor. Sind Sie nicht Reporter, Herr Hiller?«

»Journalist.«

Berger lehnte sich vor und senkte seine Stimme ein wenig. »Also schön, Herr Hiller, und auch Sie, Frau Thomas, hören Sie mir gut zu. Aufgrund Ihrer Aussage müssen wir für den Augenblick davon ausgehen, dass Sie rein zufällig über diesen Bericht gestolpert sind. Aber persönlich glaube ich nicht an Zufälle. Ich sage es Ihnen jetzt ganz freundschaftlich: Halten Sie sich aus der Sache heraus und vergessen Sie den Report ganz schnell! Wir haben noch eine Menge Daten auszuwerten, und wenn mir etwas merkwürdig vorkommt, dann dürfen Sie dreimal raten, bei wem ich wieder klingeln werde. Sollte sich herausstellen, dass Sie mit drinstecken, dann werde ich Sie für das heutige Versteckspiel noch mal gesondert zur Rechenschaft ziehen.«

Tom nickte, und als die Bedienung in diesem Augenblick an ihren Tisch trat, fragte Juli schlicht: »Möchten Sie auch etwas bestellen, Herr Berger?«

Der Mann grinste schief und erhob sich. »Einen schönen Abend noch«, sagte er und verschwand mit seinem schweigsamen Kollegen.

»Zwei Bier«, orderte Juli und sah Tom schließlich an. »Puh«, sagte sie.

»Reichlich unangenehm«, stimmte Tom ihr zu. »Wie’s aussieht, hat dein Hwang denen ein bisschen was geflüstert. Sogar deine Lieblingskneipe.«

»Ja, wir hätten dran denken sollen, ihn nach seiner konspirativen Unterstützung zu erschießen.«

»Meine Güte, ein bisschen Verschwiegenheit hätte man doch erwarten können, oder?«

»Nicht jedermann hat Lust, es sich mit der Polizei zu verscherzen. Wir sollten froh sein, dass er nun aus der Sache raus ist. Wir müssen nicht noch mehr Leute hineinziehen.«

»Was war denn das für eine Geschichte mit der traumatischen Chirurgie von Extremitäten oder was du erzählt hast?«

»Nichts, das habe ich mir ausgedacht.«

»Du kannst lügen, ohne rot zu werden.«

»Vielleicht hätte ich Journalistin werden sollen.«

»War das eine Anspielung?«

»Auf dich jedenfalls nicht«, meinte sie und grinste. »Du hast dagesessen, als hätte man dich mit der Hand in der Keksdose erwischt.«

Tom lächelte. Sie war nicht auf den Mund gefallen.

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