Kapitel 11 Tagebuch von Marie Thomas – Brasilien, 17. Mai
Etwas verfolgt mich.
Erst dachte ich, es läge an meinen überspannten Nerven. Die Nacht war kurz, nach den merkwürdigen Schreien und Geräuschen konnte ich nicht mehr richtig schlafen, und es war viel zu warm. Nun bin ich seit einigen Stunden wieder unterwegs, inzwischen konnte ich auch wieder das Flussufer erreichen.
Mehrmals habe ich in einiger Entfernung hinter mir etwas zwischen den Bäumen huschen sehen. Einmal bin ich stehen geblieben, um zu sehen, ob es sich nähern würde. Ich weiß nicht einmal, was es ist. Es scheint größer zu sein als ein Affe. Es bewegt sich über den Boden. Und es ist schnell. Wenn ich mich blitzartig umdrehe, erkenne ich manchmal noch einen Schatten. Dann scheint es fort zu sein, aber nach einer halben Stunde wiederholt sich das Spiel. Wenn es ein Raubtier ist, verfolgt es mich sehr hartnäckig. Vielleicht wartet die Kreatur auf einen günstigen Augenblick, mich anzugreifen. Aber es weicht immerhin meinem Blick aus. Solange ich mich ständig umsehe, scheine ich sicher zu sein. Auch wenn das nur ein schwacher Trost ist.
Ich mache nun eine Pause, sitze hier am Fluss, schreibe in mein Tagebuch und überlege, wie lange ich noch weitergehen soll. Wasser gibt es genug, und mit meinen Vorräten könnte ich noch zwei Tage auskommen und hätte noch genug für den Rückweg.
Ich frage mich, was ich zu finden hoffe. Einen Hinweis? Was für einen Hinweis sollte ich mitten im Urwald finden können? Der Fluss mag mir eine Richtung vorgeben, aber ich könnte nur wenige hundert Meter an einer tiefer im Wald gelegenen Siedlung vorbeilaufen und würde sie nicht sehen. Meine ganze Expedition ist nicht mehr als der Versuch, wenigstens etwas zu tun, statt die Ereignisse und die offenen Fragen einfach zu akzeptieren.
Ich mache mir Sorgen über die kommende Nacht. Wird das Wesen, das mich verfolgt, mich aufspüren? Versuchen, mich anzufallen? Sicherheitshalber werde ich mir rechtzeitig vor Beginn der viel zu kurzen Dämmerung einen Schlafbaum suchen. Hoffen, dass das Tier nicht zu mir hinaufklettert.
Vielleicht sollte ich jetzt lieber umkehren. Der Rückweg wird noch einmal genauso weit. Wenn ich jetzt abbreche, liegt nur eine Nacht vor mir, die mich schon wieder näher an das Camp bringt. Wenn ich erst morgen umkehre, liegt nicht nur die heutige Nacht noch vor mir, dann sind es auch zwei Nächte auf dem Rückweg.
Im Grunde ist es doch vollkommen irrwitzig, was ich hier tue! Und trotzdem habe ich das Gefühl, ich muss das tun. Juli würde das verstehen. Außerdem: Wenn ich jetzt zurückgehe, war alles vollkommen sinnlos. Im Grunde besteht doch keine Gefahr. Vielleicht ist das bloß ein Wildschwein oder so was, das zufällig demselben Weg folgt, irgendein Tier, das gar nichts von mir will, das viel mehr Angst vor mir hat als ich vor ihm.
Ich werde bis morgen Mittag weitergehen. Vielleicht finde ich ja noch eine Siedlung am Flussufer. Irgendwoher muss der Tote ja gekommen sein. Es sei denn, er wäre aus einem Boot gefallen. Aber auch das muss ja flussaufwärts etwas gesucht haben.
So, mein Wasser hat ausreichend gekocht. Ich werde es noch durch den Filter gießen, meine Flasche auffüllen, und dann geht’s weiter. Camp der Ärzte ohne Grenzen, 29. Juli
Zwar waren alle Türen verschlossen, aber Tom hatte ihnen mit ein wenig Kraftaufwand Zugang zum Hauptgebäude verschafft, und im Büro hatten sie einen Bund Schlüssel gefunden, der ihnen ohne weitere Schwierigkeiten Zutritt zu sämtlichen Bereichen ermöglichte.
Während sie durch die Räume streiften, machte Tom Fotos, in der Hoffnung, sie für einen späteren Artikel verwenden zu können. Sie fanden heraus, dass das Camp tatsächlich nicht nur kurzzeitig verlassen wurde. Der Generator lief nicht, die Kühlschränke waren aus, warm und leer. Bis auf einige kleinere Gerätschaften und Konserven gab es keine umfangreichen Vorräte und erst recht keine medizinischen Ampullen oder Medikamente, die gekühlt werden mussten. Einen Hinweis darauf, weswegen die Ärzte gegangen waren, fanden sie nicht. Die Schlafräume waren allesamt leer, von Marie gab es keine Spur. Ein Kalender enthielt noch zahlreiche Einträge, die bis in die nächsten Wochen reichten. Offenbar war die Schließung also kurzfristig erfolgt.
»Was jetzt?«, fragte Tom. »Wollen wir noch einmal versuchen, die Dorfbewohner zu befragen?«
»Eine andere Möglichkeit haben wir nicht«, gab Juli zurück.
Sie verriegelten alle Türen wieder und deponierten den Schlüsselbund dort, wo sie ihn gefunden hatten. Dann machten sie sich auf den Weg zum Dorf der Indios.
Schon von Weitem sahen sie, dass die Alte wieder auf ihrem Stuhl vor der Hütte saß. Toms Hand fuhr zu seiner Brust, wo er den geschnitzten Anhänger der Kette spürte, den die Frau in der Nacht vorbeigebracht hatte. Würde sie es freuen, wenn sie sah, dass er ihn trug? Oder sollte es geheim bleiben, sollte er ihn lieber verstecken? Warum sonst hätte sie ihn heimlich überbracht? Er entschloss sich, das Medaillon unter seinem T-Shirt zu verstecken.
Während sie näher kamen, begann die Alte, mit schwerfälligen Bewegungen aufzustehen, trat ein paar Schritte von ihrer Hütte weg auf die Straße und winkte ihnen zu. Dann wandte sie sich ab und ging die Straße entlang.
Tom und Juli sahen sich kurz an und folgten ihr.
Ein Stück weiter die Straße hinunter ging es um eine Biegung, hinter der sie auf einen kleinen Platz kamen, auf dem ein mächtiger Baum stand. Dort hatte sich ein Dutzend Indios versammelt, allesamt ältere Menschen, die ihnen entgegensahen. In ihren Gesichtern stand eine Mischung aus Neugier, Zweifel und Erwartung. Tom hob seine Kamera an, er wollte das Szenario fotografieren, aber Juli legte ihre Hand auf seine Schulter und bedeutete ihm, dies zu unterlassen. Als sie herantraten, wichen die Männer und Frauen beiseite und bildeten einen Halbkreis, in deren Mitte ein einzelner Mann stand. Er trug einen mehrfarbigen Schulterüberwurf aus Stoff mit darin eingewebten Perlen und eine kronenartige Kopfbedeckung mit Federn. In seiner Hand befand sich ein Stab, der in einer Klaue endete.
Unsicher blieben sie stehen.
»Ist das ein gutes Zeichen?«, raunte Tom.
»Ich hoffe es«, gab Juli halblaut zurück.
»Sentem-se«, sagte die Alte, die im Halbkreis der anderen stand, und wies auf den Boden vor dem einzelnen Mann, der nichts anderes als ein Schamane sein konnte.
»Wir sollen uns setzen, sagt sie«, erklärte Juli und nahm im Schneidersitz Platz. Tom tat es ihr gleich, während er sich umsah und die Leute beäugte. Waren sie feindselig? Was erwarteten sie?
»Vai afugentar os espíritos malignos«, sagte die Alte nun, als würde es alles erklären.
»Sie sagt, er will die bösen Geister vertreiben«, übersetzte Juli.
»Und was sollen wir machen?«
»Nichts, vermute ich. Einfach stillhalten.«
Der Schamane sah zu ihnen herab und sprach sie nun an. Er redete schnell und mit grimmigem Gesicht, und als er nach einer Weile noch keine Pause machte und auch keine Antwort erwartete, dämmerte es Tom, dass er sie gar nicht ansprach, sondern predigte, dass er einen Schwall von Beschimpfungen oder Beschwörungen losließ, der nicht an sie gerichtet war, sondern an irgendwelche Wesenheiten, die er vermutlich vertreiben wollte.
Schließlich begann er einen merkwürdigen Singsang, der unangenehm schief und fremdartig klang, aber doch einem Muster zu folgen schien, denn die Umstehenden stimmten regelmäßig in ihn ein.
Während des Singens schwang er seinen Krallenstab über ihren Köpfen, als fegte er etwas hinweg, seine Augen rollten sich in den Höhlen nach oben, was seinem Gesicht etwas grauenvoll Manisches verlieh.
Die Prozedur dauerte an, und Toms Beine schmerzten allmählich, weil er nicht wagte, eine bequemere Haltung einzunehmen. Nach weiteren qualvoll langen Minuten verstummte der Mann schließlich, und kurz darauf hörte Tom, wie die Alte etwas sagte. Daraufhin stand Juli auf, und Tom folgte dankbar ihrem Beispiel.
Der Schamane sah sie an, blickte ihnen zum ersten Mal mit klarem Blick direkt in die Augen. Er sagte etwas, dann reichte er Tom einen Speer, der hinter ihm an einem Baum gelehnt hatte. Die Alte erklärte etwas, und Juli übersetzte: »Du sollst damit nicht töten.« Tom nahm die Waffe unschlüssig entgegen. Es war ein einfacher, aber sehr gerader Holzstab mit einigen geflochtenen Bändern direkt unterhalb einer scharfkantigen Spitze aus dünnem Metall. Tom verneigte sich leicht.
Als Nächstes sprach der Schamane Juli an und reichte ihr eine Trinkflasche, die aus einer Tierblase oder dünnem Leder gefertigt war. Nachdem die Alte die Anweisungen des Schamanen übersetzt hatte, erklärte Juli an Tom gewandt: »Und mir sagt er, ich soll nicht daraus trinken. Wir sind nun gereinigt, wir haben eine Waffe für das Leben und Wasser für den Tod. Und wenn wir wissen, wie wir beides richtig verwenden, werden wir Erfolg haben.«
»Wie bitte?«
Juli zuckte mit den Schultern. »Mehr weiß ich auch nicht. Das ist das, was er gesagt hat.«
»Ich bin mir nicht sicher, ob uns das alles nun wirklich geholfen hat.«
Der Kreis der Indios um sie herum löste sich auf. Jeder, der ging, ließ beim Vorbeigehen eine Hand an Juli und Tom vorbeistreichen. Als Letzte passierte sie die Alte. Sie lächelte, und als sie das Band von Toms Kette entdeckte, fasste sie sich selbst an den Hals und nickte. Tom lächelte fast unmerklich.
»Er ist weg«, bemerkte Juli.
»Wer?«
»Der Schamane. Hast du gesehen, wo er hingegangen ist?«
Tom zuckte mit den Schultern. »Sich heimlich zu verdrücken, gehört vermutlich zu den ersten Tricks, die man auf der Schamanenschule lernt.«
Sie standen inzwischen allein auf der Straße. Die Indios waren in ihren Häusern verschwunden.
»Also gut.« Tom stemmte die Hände in die Hüften. »Jetzt wissen wir, dass wir deine Schwester suchen sollen, dass sie mit den Geistern des Waldes weggegangen ist oder so, wir sind rituell gereinigt, und wir haben eine Waffe, die wir nicht benutzen sollen, und Wasser, das genauso wenig für etwas gut ist. Irgendwie eine recht dürftige Ausgangssituation, findest du nicht?«
»Lass uns noch mal mit der Alten reden«, schlug Juli vor. »Dass wir uns irgendwie auf den Weg machen sollen, scheint ja klar zu sein. Nur wohin, das müssen sie uns noch sagen.«
Sie fanden die Alte erwartungsgemäß auf ihrem Stuhl vor ihrer Hütte vor. Sie sah sie mit demselben Lächeln an, das sie ständig trug und das im Laufe der Jahre so unzählige Falten in ihr Gesicht gegraben hatte. Es verlieh ihr einen Ausdruck von Abgeklärtheit und Zufriedenheit, der zugleich den Verdacht erweckte, sie könnte naiv sein und in Wahrheit gar nicht wissen, was um sie herum vor sich ging.
Juli sprach mit ihr und versuchte, aus den holprig formulierten und undeutlich artikulierten Antworten so gut es ging schlau zu werden.
»Sie sagt, wir sollen dem Fluss folgen«, erklärte sie schließlich. »Flussaufwärts, am Ufer entlang, also nicht mit dem Boot. Und in ein paar Tagen würden wir die Geister des Waldes finden.«
»Hat sie mal beschrieben, was sie mit diesen Geistern meint?«
»Nein, ich verstehe sie nicht. Jedenfalls scheint es etwas zu sein, das die anderen Dorfbewohner fürchten, nur sie selbst nicht. Aber was auch immer es ist, dort scheint auch meine Schwester hingegangen zu sein.«
»Klingt ja verlockend.«
Juli bedankte sich bei der Frau, die nur nickte und lächelte.
»Auf eine Urwaldexpedition sind wir ja nicht gerade eingerichtet«, bemerkte Tom, als sie zurückgingen. »Dann lass uns das Camp noch einmal nach brauchbarer Ausrüstung absuchen. Verpflegung brauchen wir auch. Und wenn wir nicht genug zusammen bekommen, müssen wir noch mal nach Manaus und übermorgen wiederkommen.«
»Ich möchte nicht noch mehr Zeit verlieren«, entschied Juli. »Da lag noch genug herum, ich bin sicher, wir bekommen alles zusammen, was wir brauchen. Wir wollen ja auch nur ein paar Tage in den Wald, keine zwei Wochen.«
Eine Stunde später begutachteten sie ihr gesammeltes Beutegut. Sie hatten Konserven für mehrere Tage gefunden, einen Campingkocher mit zwei Gaskartuschen, Hängematten, Moskitonetze, eine Wasserflasche zum Umhängen, zwei Wegwerffeuerzeuge, ein Mehrzweckwerkzeug, das Messer, Zange, Schraubenzieher und allerlei anderes zugleich war, und eine Machete. Sie hatten auch eine Taschenlampe entdeckt, aber keine Batterien. Nachts würden sie auf Licht verzichten müssen.
Tom drehte eine Rolle Toilettenpapier in den Händen, die Juli dazugelegt hatte. »Und wofür ist das?«
»Damit wir nicht auf giftige Efeublätter zurückgreifen müssen.«
»Hm.« Er legte die Rolle zurück.
»Also, alles zusammen ist das nicht schlecht«, meinte Juli zufrieden. »Und es passt in unsere große Reisetasche.«
»Nicht schlecht, aber auch nicht großartig«, wandte Tom ein. »Ich würde mich wohler fühlen, wenn wir ein bisschen professionelleres Equipment hätten, muss ich sagen. Im Nirgendwo nützt uns auch der GPS-Empfänger nichts. Wir bräuchten ein paar Karten, ein Satellitentelefon, Gegengifte für Schlangenbisse, solche Sachen.«
»Solange wir dem Fluss folgen, ist das alles halb so wild. Wir planen ja keine mehrwöchige Expedition quer durch den Kongo. Das reicht schon alles.« Sie grinste. »Und aus dem Wagen nehmen wir noch den Verbandskasten mit, dann kann ich dir auch mal ein Pflaster aufkleben, wenn du dir wehgetan hast, okay?«
»So siehst du das, ja?« Er drückte die Schultern nach hinten. »Na, dann wollen wir mal sehen, wer als Erster von uns schlappmacht.«
»Verdammt!«, stieß Tom drei Stunden später aus und setzte sich auf eine Mangrovenwurzel. Die Reisetasche, die er wie einen Rucksack auf seinen Rücken geschnallt hatte, wuchtete er herunter und ließ sie auf den Boden sinken. Seine Fototasche behielt er quer über der Schulter.
»Ruh dich aus, solange du musst«, scherzte Juli. Sie stand neben ihm und machte ein entspanntes Gesicht. Aber auch ihr standen die Schweißperlen auf der Stirn. Sie stützte sich auf dem Speer auf, den sie als Wanderstab verwendete.
»Über und durch diese verflixten Mangroven zu klettern«, sagte Tom, während er nach der Wasserflasche griff, »nur, damit wir in der Nähe des Flusses bleiben, halte ich für eine ziemlich miese Idee.«
»Was sollten wir denn sonst tun?«
»Entweder etwas tiefer in den Wald …«
»Meinst du denn, das wäre dort besser? Da gibt es auch Unterholz.«
»… oder wir hätten uns ein Kanu oder so was suchen können. Auf dem Fluss wäre es am sinnvollsten gewesen.«
»Wir sollten der Frau vertrauen. Immerhin hat sie es extra betont. Sie wird sich schon etwas dabei gedacht haben.«
»Ich wäre mir da nicht so sicher. Besonders helle wirkte die alte Schachtel nicht gerade.«
»Was bist du denn so grantig?«
»Weil mir warm ist, deswegen!«
»Nun, dann erhol dich erst einmal.« Juli grinste.
»Ich muss mich nicht erholen. Ich möchte nur ein paar Fotos von unserer Tour machen.« Er holte seine Kamera aus der Tasche und fotografierte die Umgebung. »So, es kann weitergehen«, sagte er, als er fertig war.
Er schlug einen Weg ein, der sie etwas näher in Richtung des Flusses bringen sollte. Er hoffte, dass es dort eine Art Ufer gab. Die Mangroven, die ein unmöglich verknotetes Wurzelgeflecht bildeten, mussten irgendwann einmal aufhören.
»Vielleicht können wir die nächste Etappe, also bis zum nächsten Fotostopp, etwas ruhiger angehen lassen«, schlug Juli vor. »Nicht, dass es dich zu sehr anstrengen würde. Nur, um die Landschaft zu genießen.«
»Ist das nur ein Gefühl, oder machst du dich über mich lustig?«
»Höchstens ein kleines bisschen.«
»Na gut, ich schätze, das ist ein Ausdruck deiner Zuneigung.«
»So, meinst du das?« Juli lachte leise auf. »Was für ein Glück, dass dein Selbstbewusstsein so gut ausgeprägt ist.«
»Es ist nur eine einigermaßen fundierte Beobachtung.«
Juli lächelte in sich hinein. Sie allein wusste, wie sehr er ihr wirklich gefiel, und sie wusste auch, dass er trotz seiner lockeren Sprüche niemand war, der in so einer Sache den ersten Schritt machen würde. Diese Mischung machte ihn interessant.
Der Weg blieb beschwerlich. Die Hitze des Urwalds war fast unerträglich. Die Luft war schwer und feucht, das Atmen mühevoll. Ein Schwarm von Mücken folgte ihnen unablässig, und beide waren sie ständig damit beschäftigt, sie aus dem Nacken und aus dem Gesicht zu streichen. Am frühen Nachmittag fanden sie einen sandig und flach abfallenden Zugang zum Fluss, wo sie im Schatten der Bäume Rast machten. Sie teilten sich eine Konservendose mit Chili con Carne und kochten Wasser aus dem Fluss ab, um ihre Wasserflasche zu füllen.
Tom holte das Gefäß hervor, das der Schamane ihnen mitgegeben hatte. Er öffnete es und roch daran.
»Das würde ich lieber nicht probieren«, sagte Juli.
»Warum nicht? Was glaubst du, was es ist?«
»Gesund ist es sicher nicht. Er sagte, es sei für den Tod. Vermutlich ist es vergiftet.«
Tom schloss die Flasche eilig und legte sie weg. »Warum um Himmels willen sollte er uns vergiftetes Wasser mitgeben?«
»Ich habe keine Ahnung«, sagte Juli. Sie ergriff die Flasche, roch ebenfalls daran, dann hängte sie sie sich an ihren Gürtel. »Wer weiß, wofür sie einmal gut ist. Vielleicht, damit wir uns notfalls selbst vergiften können, bevor wir von einem wilden Tier gefressen werden.«
»Na, sehr beruhigend.« Er verzog den Mund. »Was glaubst du, wie weit wir schon gekommen sind?«, fragte er dann, um das Thema zu wechseln.
»Nicht sonderlich weit. Fünf oder sechs Kilometer vielleicht. Sieh doch auf dem GPS-Gerät nach.«
Tom suchte das Gerät heraus. Als Ziel war immer noch die Lage des Camps hinterlegt. Zwar gab es hier keine Straßen, aber das Gerät konnte dennoch ihre augenblickliche Position erfassen und berechnete eine Luftlinie.
»Viereinhalb«, las Tom ab. »Etwas entmutigend, wenn ich ehrlich bin.«
»Viel schneller geht es nicht. Dazu bräuchten wir einen Führer, der bessere Wege durch den Wald findet. Aber hier am Wasser kommen wir ja zügiger vorwärts.«
»Immerhin so lange, bis der Weg … warte mal!« Tom hob eine Hand und neigte seinen Kopf. »Hörst du das? Auf dem Fluss!«
Juli hielt den Atem an und lauschte. Zwischen dem Schnarren und Zirben der Insekten und dem ständigen Vogelgezeter war ein brummendes Geräusch zu hören. Wie von einem Motor.
»Es kommt von dort«, sagte Tom und deutete flussabwärts. »Ein Boot! Lass uns verschwinden!«
»Wieso verschwinden? Was meinst du?«
»Nur ein paar Schritte in den Wald. Damit wir außer Sichtweite sind. Wir wissen nicht, wer das ist, und wenn wir entdeckt werden, möchte ich keine komischen Fragen beantworten müssen. Los, komm!«
Tom stand auf, ergriff seine Fotoausrüstung und die Reisetasche und verschwand zwischen den Bäumen. Dann kam er noch einmal heraus und half Juli, den Rest ihrer Ausrüstung aufzuraffen und mitzunehmen. Wenig später standen sie im Schutz der Blätter und Büsche. Tom holte seine Kamera aus der Tasche und setzte mit flinken Fingern das Teleobjektiv auf. Dann sah er durch den Sucher der Kamera auf den Fluss. Er musste nicht lange warten, bis das Boot erschien. Es war keiner der auf dem Amazonas üblichen mehrstöckigen Kähne und auch kein alter Nachen mit kleinem Außenborder. Was hier durch das Wasser pflügte, war ein modernes und sehr schnelles Motorboot. Es war grau gestrichen und machte einen paramilitärischen Eindruck. Tom riss die Blende auf, schoss einige Fotos und hoffte, dass sie trotz der Geschwindigkeit des Boots scharf würden. Er erkannte deutlich drei einheitlich gekleidete Männer, südländisch wirkend, und einen nordeuropäisch aussehenden Mann mit Kinnbart, vielleicht der Anführer des Trupps. Mit einem Zischen zog das Boot an ihnen vorbei und verschwand so schnell, wie es gekommen war. Wenig später schwappten die Wellen des Kielwassers an das Ufer.
»Jetzt können wir also sicher sein, dass es flussaufwärts etwas gibt«, meinte Juli.
»Nun ja, ein paar hundert Kilometer Fluss, da wird schon noch das ein oder andere Indiodorf zu finden sein.«
»Nur sahen die nicht wie Indios aus.«
»Nein, wohl nicht. Gut, dass wir uns versteckt haben, wer weiß, was das für Leute waren.«
»Ja, du hast recht.« Juli trat einen Schritt zurück. »Also dann weiter jetzt. Und am besten nicht mehr direkt am Ufer.«
Sie machten sich wieder auf den Weg, mal näher am Fluss entlang, mal tiefer durch den Wald. Tom ging voran, versuchte, mit der Machete die gröbsten Hindernisse zu entfernen, aber bald schon ging sein Arm nur noch halbherzig, er suchte stattdessen einfachere Wege. Pausen machten sie in immer kürzeren Abständen, bis sie sich eingestehen mussten, dass sie der Tag erheblich mehr angestrengt hatte, als sie es zunächst für möglich gehalten hatten.
Es dämmerte noch nicht, als Juli haltmachte.
»Lass uns hier das Lager aufschlagen«, sagte sie zu Tom, der sich verwundert umsah.
»Jetzt? An dieser Stelle?«
»Hier haben wir ein bisschen Platz, nur wenig Unterholz, und zwischen den Bäumen dort können wir unsere Hängematten aufspannen. Wir können sogar noch ein bisschen Holz sammeln, bevor es dunkel wird.«
Tom sah sich um. »Einverstanden. Dieser Platz ist vermutlich so gut wie jeder andere.« Er stellte seine Fototasche und die große Reisetasche ab. »Und viel weiter könnte ich ehrlich gesagt auch nicht.«
Sie schlugen ihr Lager auf, befestigten die Hängematten, und während Juli eine Konservendose erhitzte, suchte Tom Holz für ein kleines Lagerfeuer. Es stellte sich als schwierig heraus, denn was auf dem Boden lag, war feucht, unter Blättern und Pflanzen begraben und meist schon halb vermodert. Was auch immer im Regenwald abstarb, wurde schnellstmöglich wieder zum Teil des ewigen Kreislaufs. Als Tom schließlich mit einem Arm voll hauptsächlich dürrer Äste zurückkehrte, dämmerte es bereits, was hier in Äquatornähe innerhalb von einer halben Stunde zu völliger Dunkelheit führte.
Das Essen war wenig schmackhaft und leidlich nahrhaft, aber trotz des kräftezehrenden Marsches waren sie nicht sonderlich hungrig. Viel stärker war ihr Durst. Die Hitze hatte ihnen zugesetzt, und so tranken sie fast ihr gesamtes Wasser, bis sie schließlich ein wenig zur Ruhe kamen, nebeneinandersaßen und in die Flammen ihres kleinen Feuers sahen. Immer wieder zuckten dabei ihre Hände, verscheuchten Moskitos, die sich auf ihren Beinen niederließen und durch den Stoff der Hosen stachen.
»Lange wird es nicht brennen«, meinte Tom.
»Nein, aber wenn wir schlafen, brauchen wir kein Licht. Und der Geruch hält viele Tiere fern.«
Tom sah auf seine Uhr. »Acht Uhr. Und ich könnte umfallen.«
»Ich auch. Das hat man davon, wenn man aus der Stadt kommt. Wir sind entwöhnt. Dabei ist das hier doch so viel natürlicher, so viel lebendiger. Aber wir kommen damit nicht mehr zurecht.«
»In zehntausend Jahren haben wir nur noch kurze Stummelbeine, kaum noch Muskeln und riesige Köpfe.«
Juli lachte auf. »Und fette Ärsche vom ganzen Herumsitzen.«
Tom legte ein paar Zweige auf das Feuer. »Nun, ich schätze, uns beiden wird das so schnell nicht passieren. Wenn man überlegt, wie sehr wir in der letzten Zeit unterwegs sind.« Er sah Juli an und lächelte. »Ich habe bisher noch keine Frau kennengelernt, die so aktiv war wie du. Wie halten es deine Freunde mit dir aus?«
»Oh, nicht viel anders als du: Sie setzen sich erschöpft hin und fragen, wie die anderen es mit mir aushalten.« Dann lachte sie. »Nein, im Ernst, ich bin nicht immer so. Neugierig oder unternehmungslustig, ja, aber wenn du mich in den letzten Wochen kennengelernt hättest, wäre ich dir reichlich apathisch vorgekommen. Es ist der Gedanke, jetzt endlich etwas tun zu können, die Spur von Marie suchen und finden zu können, der mich antreibt.«
»Und Marie? Wie ist sie? Erzähl mir von ihr.«
»Stark«, sagte Juli. »Sie war immer die stärkere von uns. Nicht körperlich, meine ich, sondern willensstark. Und mutig. Wenn etwas schwierig oder riskant war, hat sie sich davon nie abschrecken lassen, hat die Dinge angepackt. Schon damals, wenn es Ärger in der Schule gab, ist sie hingegangen und hat die Leute zur Rede gestellt, auch wenn sie größer und älter waren als sie. Sie hat Zustände nie einfach hingenommen, sich nie etwas sagen lassen, sondern immer alles hinterfragt und für das gekämpft, was ihrer Meinung nach richtig war.«
»Das klingt nicht so viel anders als du selbst.«
»Ja, du kennst sie eben nicht. Sie an meiner Stelle hätte sich viel mehr Mühe gemacht, mich zu finden. Sie hätte niemals so viele Wochen gezögert, um selbst in Brasilien nachzusehen …« Julis Stimme wurde leiser. »Sie hätte die Welt auf den Kopf gestellt für mich. Und ich … ich habe nur gewartet.«
Tom legte behutsam eine Hand auf ihre Schulter.
»Nun mach dir keine Vorwürfe«, sagte er. »Wir sind hier, oder? Wir suchen sie. Wir sind auf ihrer Spur!«
Juli drehte sich weg und stand auf.
»Lass uns schlafen gehen«, sagte sie.
»Hab ich etwas Falsches gesagt?« Tom stand auf. »Wenn ja, tut es mir leid!«
»Nein, nein.« Julis Stimme war matt. »Ich bin nur müde und brauche Zeit für mich.«
Tom nickte. »Okay.« Er legte die restlichen Äste auf das Feuer und kletterte in seine Hängematte, die auf Brusthöhe über dem Boden hing. Juli hatte ihm geraten, seine Schuhe anzubehalten oder zumindest mit nach oben zu nehmen, damit keine Insekten hineinkriechen konnten. Einmal in der wackeligen Matte angekommen, musste er dann das Moskitonetz über sich spannen und darauf achten, dass sich keine Mücken im Inneren verfingen. Tom ächzte und fluchte eine Weile, bis es geschafft war, dann lag er endlich leicht schaukelnd auf dem Rücken. Aber so ging es nicht. Er rappelte sich noch einmal auf und drehte sich auf den Bauch, versuchte seinen angewinkelten Arm als Kissen zu verwenden, was in der durchhängenden Konstruktion fast unmöglich war. Schließlich gab er es auf und rollte sich auf die Seite. Er würde kein Auge zutun können.
Tom wachte von einem gellenden Schrei auf. Er meinte, sich nur ständig hin und her gewälzt zu haben, aber die tiefe Ohnmacht, aus der ihn der Schrei gerissen hatte, verriet ihm, dass er sehr wohl geschlafen hatte.
Er sah nur Schwärze um sich herum, und einen Augenblick lang drohte ihn Panik zu befallen wie in einem Albtraum, der ihm vorgaukelte, lebendig begraben worden zu sein und in einem verschlossenen Sarg tief unter der Erde aufzuwachen. Er war blind, die Luft ließ sich kaum atmen, wirkte dumpf und schwer. Dann nahm er aus dem Augenwinkel schwache Lichtpunkte wahr, und als er sich zur Seite drehte, erkannte er, dass es kleine Reste glühender Kohle waren, die aus dem Aschehaufen des Lagerfeuers herausragten.
Tom fragte sich, ob die Geräusche des Waldes in der Nacht tatsächlich etwas gedämpfter waren als tagsüber. Vereinzelte Insekten zirpten leise, aber das allgegenwärtige Durcheinander an Pfeiftönen, Flöten und Zischen, das Gezeter der Vögel und Affen, alles war verstummt. Dass der Wald nachts schlief, konnte Tom nicht glauben, es war, als hielte er den Atem an.
Plötzlich ertönte erneut ein Schrei. Er klang fremdartig hohl, als wären die Bäume Säulen einer gewaltigen Halle. Der Schrei war unmenschlich kreischend, wehklagend und bedrohlich zugleich. Tom spürte, wie sich die Haare an seinem Körper aufrichteten. Was auch immer diese Geräusche von sich gab, war nichts, dem man begegnen wollte. Schon gar nicht in völliger Dunkelheit, wehrlos eingerollt in einer baumelnden Hängematte.
»Juli?«, rief Tom halblaut.
»Ja?«, kam die Antwort.
»Hast du das gehört?«
»Ja …«
»Was war das?«
»Ich weiß es nicht … Vielleicht ein Nachtvogel. Oder ein Affe, der gerissen wurde.«
Tom zögerte einen Moment. »Ich fühle mich etwas unwohl«, sagte er dann.
»Ich auch«, antwortete Juli. »Aber selbst wenn es eine Raubkatze war, dann ist sie bestimmt jetzt satt.«
»Du hast eine seltsame Art, einem Mut zu machen.«
»Ich versuche mich abzulenken und wieder einzuschlafen. Etwas anderes können wir nicht tun.«
Tom antwortete nicht. Mochte auch Juli sich selbst leicht auf andere Gedanken bringen können, er war dazu nicht in der Lage. Er fühlte sich schutzlos und allem ausgeliefert. Eine quälende Rastlosigkeit befiel ihn, und vor seinem geistigen Auge vermischten sich die Geschichten über den Chupacabra mit dem Gefasel der Alten von den Geistern des Waldes. Tom belächelte die menschlichen Urahnen nicht mehr, die, nur in Tierfelle gehüllt, ohne mächtige Waffen oder Licht durch die nächtlichen Wälder und Savannen gestreift waren und sich abends am Feuer Geschichten über Monster und Dämonen erzählt hatten. Wenn es Orte und Momente gab, in der sich Aberglaube manifestierte, dann waren es Situationen wie die, in der Tom sich gerade befand.
Er lag noch lange wach und wusste nicht, wann er die Augen geschlossen hatte oder in das Dunkel des Waldes starrte. Aber es ertönte kein weiterer Schrei. Irgendwann setzten die normalen Geräusche des Waldes wieder ein, und Tom fiel in einen leichten und unruhigen Schlaf.
Der Morgen begann mit dem Krakeelen unbekannter Vögel in den hohen Baumkronen des Dschungels. Tom schlug die Augen auf und sah die Bäume im Zwielicht liegen. Ein fast unwirklich schöner Anblick, aber der Gedanke währte nur kurz, bevor ihm sein entsetzlich schmerzender Rücken bewusst wurde und die Tatsache, dass er bereits jetzt schwitzte, obwohl er sich noch keinen Schritt bewegt hatte.
»Hey, guten Morgen«, hörte er Juli, und als er zur Seite blickte, sah er, dass sie gerade zwischen einigen Bäumen auftauchte.
»Wo warst du?«, fragte er und versuchte, sich in der Hängematte aufzurichten.
»Fragt man das eine Dame, die in den Büschen verschwunden ist?« Sie schien erstaunlich gut gelaunt zu sein.
»Entschuldige …«
»Ich wollte dich bloß ärgern. Ich war am Fluss.« Sie schwenkte die Wasserflasche.
Tom schwang seine Beine über den Rand der Hängematte und ließ sich hinunter. »Ganz allein?«
»Vielleicht ist ja Feiertag, und alle schlafen noch. Jedenfalls habe ich sonst niemanden getroffen.«
»Es hätte dir doch was passieren können!«
»Ach Tom …« Sie lachte leise. Während Tom sich streckte, baute sie den Campingkocher auf.
»Äh, das ist ja ganz nett«, meinte Tom, »aber so früh morgens für mich bitte noch kein Chili.«
»Quatsch, kein Chili. Kaffee!«
»Was?!«
Juli hielt ein kleines Schraubglas hoch. »Mein geheimer Vorrat Instantkaffee. Ich hoffe, du verzeihst, wenn wir auf Milch und Zucker verzichten müssen.«
Tom zog die Augenbrauen hoch. »Das … Das ist die beste Neuigkeit des Tages!«
»Der allerdings auch gerade erst angefangen hat.«
»Ach, sonst bin ich doch immer der Zyniker.«
»Es wäre ja schön, wenn der heutige Tag weniger mühsam würde als gestern, bloß weil ich Kaffee dabeihabe. Ich fürchte nur, dass wir uns darauf nicht verlassen können. Und wenn du jetzt schon Gicht im Rücken hast …«
»Gicht? Mir geht’s prima!«
»Na, umso besser.«
Juli sollte recht behalten. Der Urwald blieb fast undurchdringlich, und ihr Weg führte sie durch dichtes Unterholz, zwischen herabhängenden Lianen und Luftwurzeln hindurch und durch ein Dickicht von meterhohen Farnen. Zeitweilig musste Tom die Machete an Juli abgeben, um seinen rechten Arm zu schonen. Immer wieder suchten sie die Nähe des Flusses, um ihn nicht durch eine plötzliche Biegung aus den Augen zu verlieren. Als es Mittag wurde und sie ihre dritte Pause an diesem Tag einlegten, waren sie bereits erschöpfter als am Abend zuvor.
»Lass uns ein bisschen länger ausruhen«, schlug Tom vor. »Du legst dich in deine Hängematte, und ich sehe mal, ob wir nicht vielleicht doch eine Konservendose mit Pfeffersteak und Pommes frites haben.«
Ohne Widerrede befestigte Juli ihre Hängematte und legte sich hinein. Sie war todmüde. In der Nacht hatte sie kaum Ruhe gefunden, und sie fragte sich, wie Tom in der Lage gewesen war, nach dem grauenvollen Kreischen in der Nacht wieder einzuschlafen. War er wirklich so leicht zu beruhigen? Oder war er so mutig? Vielleicht bemühte er sich auch, keine Schwäche zu zeigen, ähnlich wie er versuchte, sich seine Erschöpfung nicht anmerken zu lassen. Ein nicht sehr erfolgreiches Unterfangen, das Juli amüsiert zur Kenntnis nahm, aber sie rechnete es ihm an, dass er sich nicht hängen ließ. Ihre kleine Expedition war anstrengend genug. Waghalsig und nur wenig Erfolg versprechend. Die Suche nach Marie unternahm er auch ihr zuliebe – seiner Story über die Verflechtungen der Pharmafirma und ihrer illegalen Menschenexperimente könnte er in Manaus viel sinnvoller nachgehen. Indem Tom sich zusammenriss, half er auch Juli, stark zu bleiben und durchzuhalten. Möglich, dass es in der Nacht nicht anders gewesen war. Nicht auszudenken, wenn sie sich gegenseitig mit ihrer Unruhe angestachelt hätten und hysterisch geworden wären. So aber stützten sie sich gegenseitig. Fast ein wenig so, wie es mit Marie immer gewesen war. Auf ihre Kraft und ihren unbeugsamen Willen hatte sie sich immer verlassen können …
»Es sind wieder nur Bohnen geworden«, hörte sie Tom plötzlich neben sich und schreckte auf. Sie musste eingenickt sein. Tom stand neben ihrer Hängematte und sah sie an.
»Tut mir leid, ich hatte nicht gesehen, dass du geschlafen hast«, sagte er. »Willst du dich noch weiter ausruhen? Oder hast du ein bisschen Hunger?«
Juli richtete sich auf und massierte ihre Stirn.
»Doch, etwas zu essen, wäre jetzt ganz gut. Das hier zehrt ganz schön an den Kräften.«
»Ja, das kann man wohl sagen. Mir läuft auch schon das Wasser im Mund zusammen, obwohl …«
»Ja, ich weiß«, sagte sie. »Die Menüauswahl im Camp war wirklich mies. Ich werde mich beim Management beschweren.«
Sie verzehrten ihr Mahl und machten sich kurz darauf wieder auf den Weg. Als der Wald immer undurchdringlicher wurde, suchten sie erneut einen Zugang zum Fluss. Am Nachmittag fanden sie schließlich ein sandiges und sanft abfallendes Ufer, das so in einer Biegung gelegen war, dass sie weit in beide Richtungen sehen konnten. Das Wasser floss träge dahin, und von Booten war weder etwas zu sehen noch zu hören.
Tom warf seine Taschen in den Sand, und während Juli ihn belustigt beobachtete, zog er sich bis auf seine Boxershorts aus und stürzte sich in den Fluss. Prustend und lachend kam er wieder an die Oberfläche und winkte Juli herbei. Die ließ sich nicht lange bitten, und kurz darauf badeten sie beide und erholten sich im lauwarmen Wasser von der Anstrengung des schweißtreibenden Gewaltmarsches durch das Dickicht des Regenwaldes.
Kurz vor Beginn der Dämmerung begannen sie, sich erneut einen Lagerplatz für die Nacht zu suchen. Tom sah dabei nach oben und hielt nach etwas ganz Bestimmtem Ausschau.
»Ich suche Bäume, in denen wir höher hinaufklettern können«, erklärte er, als Juli ihn darauf ansprach. »Ich glaube, ich fühle mich wohler, wenn wir nicht so sehr in Bodennähe schlafen.«
»Du denkst noch an letzte Nacht?«
»Ja. Oder ist das eine blöde Idee? Ich meine, was gibt’s denn hier für Tiere? Tiger? Können die klettern?«
Juli lachte auf. »Tiger wohl kaum. Jaguare vielleicht. Aber ob die gut klettern, weiß ich nicht. Ich denke, ein bisschen sicherer ist es allemal. Vorausgesetzt natürlich, du fällst nachts nicht aus der Hängematte.«
Kurz bevor es gänzlich dunkel wurde, hatten sie einen Baum gefunden, der ihnen geeignet erschien. Während die meisten der Urwaldriesen keine Äste in Bodennähe aufwiesen, an denen man hätte hinaufklettern können, war dieser von einer gewaltigen Würgefeige befallen, die ihn mit ihren Luftwurzeln wie mit einem dichten Netzgeflecht umschloss. Darin konnten sie mit etwas Mühe hinaufklettern und entdeckten in fünf Metern Höhe eine Stelle, an der sie ihre Hängematten nebeneinander aufspannen konnten. Das Wurzelgeflecht unter ihnen gab ihnen ein gewisses Gefühl von Sicherheit, anders, als wenn darunter gähnende Leere gewesen wäre.
Zum Essen begaben sie sich noch mal auf den Boden, erhitzten eine weitere Dose und verzogen sich danach wieder in ihr luftiges Nest. Tom erschien die Hängematte himmlisch bequem. Seine Beine waren bleischwer, und die körperliche Erschöpfung übermannte ihn. Juli schien es nicht anders zu gehen, denn auf sein gemurmeltes »Schlaf gut« antwortete sie schon nicht mehr. Kurz darauf war Tom selbst eingeschlafen.
Der unheimliche Schrei ließ Tom wie elektrisiert auffahren. Ein kreischendes Brüllen, halb menschlich, halb animalisch. Das Wesen musste ganz in der Nähe sein.
»Juli?«, zischte er.
»Es ist wieder da«, kam die halblaute Antwort aus der Hängematte neben ihm.
Tom streckte seinen Arm zu ihr hinüber und berührte sie. Sie ergriff seine Hand und hielt sie fest.
»Das ist kein Jaguar«, sagte er.
»Nein …«
Wieder ertönte ein Schrei. Langgezogen, heulend, wie unter unirdischen Qualen. Es klang näher diesmal. Wie am Abend zuvor bemerkte Tom mit Schaudern, dass die Geräusche des Urwalds nahezu verstummt waren. Als zögen sich alle Tiere zurück, versteckten sich vor dem, was nun durch das Unterholz streifte.
Einen Augenblick lang war es ruhig, dann hörte Tom das Rascheln von Laub, das Knacken kleiner Hölzer. Schwere und ungleichmäßige Schritte, hastend, verharrend, weitereilend. Sie zogen Kreise um den Baum, in dem sie übernachteten. Und sie kamen rasch näher. Bis die Geräusche direkt unter ihnen waren.
Ein feuchtes Schnaufen war zu hören, das bald in ein gutturales Knurren überging.
Tom spürte, wie sich Julis Hand verkrampfte. Er drückte ebenfalls zu, wie um ihr zu versichern, dass er bei ihr war.
Die Kreatur war stehen geblieben. Sie hörten, wie sie am Fuß des Baumes wütete, berstendes Holz und ein heftiges Kratzen, so als versuche sie, über das Wurzelgeflecht nach oben zu klettern. Dann ein dumpfes Poltern und im selben Augenblick ein Aufschrei. Das Wesen brüllte, schien um sich zu schlagen.
Juli und Tom wagten nicht, laut zu atmen, hilflos und vollkommen erstarrt vor diesem mörderischen Untier, das jederzeit drohte, zu ihnen heraufzukommen.
Immer wieder raschelte und kratzte das Wesen, heulte laut auf. Die Töne, die es von sich gab, waren so fremdartig wie grauenerregend, nicht unähnlich denen eines Tiers, das in äußerster Erregung und größtem Schmerz ein fast menschliches Schreien ausstieß.
Es schien eine Stunde vergangen zu sein, eine endlose Zeit, in der sich Tom und Juli nicht bewegten und nicht den kleinsten Laut von sich gaben, als das Wüten der Kreatur nachließ. Das Wesen lungerte und strich noch immer um den Fuß des Baums herum, aber seine Bewegungen waren langsamer, Schübe plötzlicher Aggression kamen seltener, und ihr Brüllen war einem klagenden Heulen gewichen, das beständig leiser wurde.
Als lange Zeit nichts mehr zu hören war, spürte Tom, wie sich Julis Hand aus seiner löste. Er konnte nicht ausmachen, ob sie sich nun etwas entspannte oder ob sie erschöpft eingeschlafen war. Aber er wagte nicht, sie anzusprechen. Er zog seinen eigenen Arm langsam zurück. Dann lauschte er wieder in die Nacht, lenkte alle seine Sinne auf den Boden, ob er von dort etwas hörte. Aber alles blieb ruhig. Als die ersten Vogelstimmen einsetzten, wusste er nicht, ob es daran lag, dass die Kreatur abgezogen war, oder ob der Tag anbrach. Aber er fühlte sich befreit, und endlich sank er in den Schlaf.
Als Tom erwachte, konnte er sich kaum rühren. Seine Glieder fühlten sich schwer an, und als er sich versuchsweise bewegte, meinte er, jeden Muskel zu spüren. Nicht nur die Strapazen des vergangenen Tages, auch die Anspannung in der Nacht hatten ihm zugesetzt. Er sah zu Juli hinüber. Sie lag auf der Seite und schlief noch.
Es war hell geworden, jedenfalls so hell, wie es tief unter dem Blätterdach des Regenwalds wurde. Es war ein grünbraunes Zwielicht, das durch die feuchte Wärme umso dichter wirkte.
Tom hatte kein gutes Gefühl dabei, den Baum zu verlassen, aber er musste dringend pinkeln, und so setzte er sich mühsam in seiner Hängematte auf. Augenblicklich wurde es ihm schwarz vor Augen. Er sank zurück. Die Nacht war weder kühl noch erholsam gewesen, und sein Kreislauf sandte ihm massive Alarmsignale. Es wurde höchste Zeit, etwas zu trinken, etwas Herzhaftes zu essen, oder besser noch, etwas mit viel Zucker, und den Körper dann behutsam wieder in Bewegung zu bringen.
Nach einigen Momenten ging es ihm etwas besser. Vorsichtig kletterte er aus der Hängematte und achtete beim Abstieg über das verknotete Wurzelgeflecht auf jeden Tritt, jeden Griff. Er dachte daran, wie gut es war, dass ihn jetzt niemand sah, wie er im Zeitlupentempo einen lächerlichen Baum herunterkrabbelte. Er musste aussehen wie ein behindertes Faultier, das sich nach jeder Bewegung neu erinnern musste, was es als Nächstes tun wollte.
Am Boden angekommen atmete er tief durch und streckte sich. Er würde noch einmal hinaufsteigen müssen, erinnerte er sich, um die Hängematte und die Ausrüstung zu holen. Aber jetzt hatte er erst etwas Dringenderes zu erledigen.
Mit ungelenken Schritten ging er los, als er nur zwei Meter entfernt ein großes, dunkles Bündel inmitten von zersplittertem Unterholz, herausgerissenen Farnen und aufgewühltem Erdreich liegen sah.
Sofort waren ihm die Geräusche aus der Nacht wieder gegenwärtig. Überall um sich herum sah er nun Spuren der Verwüstung. Entwurzelte Pflanzen, herabgerissene Lianen, Kratzspuren in der Rinde des Baums hinter ihm. Und rotbraune Schlieren und Spritzer, die sich ungesund vom Grün der Blätter abhoben.
Tom stockte der Atem.
Das Wesen hatte hier gewütet und geschrien.
Und das dunkle Bündel direkt vor ihm … Es musste die Kreatur sein. Schlafend. Oder lauernd. Bereit, ihm an die Kehle zu springen.
Tom spürte, wie er sich verkrampfte, zitterte. Er wusste nicht, was er tun sollte. Instinktiv wollte er wegrennen. Oder rückwärts gehen. Abstand zwischen sich und dieses Wesen bringen. Aber er konnte sich nicht bewegen. Sein Blick hing gebannt an dem undefinierbaren Haufen zwischen dem Gestrüpp und dem verwüsteten Unterholz. Was war das?! Er musste einfach hinsehen, es ergründen.
Er machte einen langsamen Schritt nach vorn.
Aber das Wesen rührte sich nicht.
Tom sah Insekten über die Oberfläche krabbeln. Viele, geschäftige Insekten.
Dann machte er einen weiteren kleinen Schritt.
Laut surrend flog eine Wolke Fliegen auf und verteilte sich auf den Pflanzen in der Nähe.
An dem Bündel kam etwas zum Vorschein, das Tom eine eisige Kälte den Rücken hinabrieseln ließ.
Ein Arm ragte seitlich aus dem Haufen. Mit Dreck verkrustet und blutverschmiert. Ein menschlicher Arm. Und er endete in einer verkrümmten Hand, deren Finger in blutigen Hautfetzen und Spitzen von Knochen endeten.
Toms Magen rebellierte. Speichel lief in seinem Mund zusammen. Stöhnend ging er in die Hocke, stützte sich auf seine Oberschenkel. Dann erbrach er sich mit heftigem Würgen.
Mit wackeligen Beinen richtete er sich wieder auf. War dies ein Opfer, das die Kreatur in der Nacht verfolgt oder herbeigezerrt hatte? Der Chupacabra, der Menschen jagte und ausweidete?
Tom zögerte, näher an die Leiche heranzugehen. Eine abergläubische Furcht hatte ihn erfasst. Vor dem Tod und dem zerfetzten Fleisch. Vor einem Leichnam, der sich vielleicht noch einmal bewegte.
Er wandte sich ab und suchte die Sicherheit des Baums. Mit zitternden Händen ergriff er das Wurzelgeflecht und kletterte hinauf. Oben angekommen suchte er sich eine Position, in der er sitzen konnte, und lehnte sich an. Er atmete tief durch, roch sein Erbrochenes und musste ein neuerliches Würgen unterdrücken.
Als er sich gefangen hatte, weckte er Juli.
»Wir haben ein Problem«, sagte er. »Da unten liegt eine Leiche.«
»Ein totes Tier?«, fragte sie noch etwas benommen vom Schlaf.
»Nein, ein toter Mensch?«
Juli wurde schlagartig wach. »Was?!«
»Ich habe es mir nicht genau angesehen. Es ist … ziemlich ekelig.«
»Das ist doch völlig unmöglich, mitten im … Oder ist es etwa …« Sie dachte an ihre Schwester, aber sie wagte nicht, den Gedanken zu Ende zu führen. »Vielleicht ist es ein Indio?«
»Ich weiß es nicht.«
Juli richtete sich auf. »Wir müssen es uns ansehen!« Sie kletterte aus der Hängematte und begann mit dem Abstieg. Tom folgte ihr widerstrebend und in einigem Abstand.
»Wo denn genau?«, rief sie, als sie unten angekommen war. Dann stockte sie. »Oh.«
Tom schloss zu ihr auf und blieb neben ihr stehen.
»Ich wäre vorhin fast darüber gestolpert«, sagte er, bemerkte aber, dass sein Tonfall nicht so lässig klang, wie er gewünscht hätte.
Juli ging näher an das dunkle Bündel heran. Fliegen stoben auf. In einem Meter Abstand ging sie in die Hocke, legte ihren Kopf ein wenig schief und betrachtete die Leiche. Nach einer Weile griff sie neben sich, suchte etwas im Laub. Als sie nicht fündig wurde, stand sie auf, ging ein bisschen umher und kam schließlich mit einem kräftigen Stock zurück. Sie ging um die Leiche herum.
»Meine Güte, sieh dir das an«, stieß sie aus.
Tom zögerte. »Nun komm schon«, wiederholte sie.
Tom ging zu ihr hinüber und folgte ihrem Blick. Er spürte, wie sich sein Magen neuerlich zusammenkrampfte.
Der gekrümmt daliegende Tote war nackt und mit Schlamm und anderen Substanzen verschmiert. Die Hände waren bis auf die Fingerknochen abgewetzt und glichen blutigen Krallen. Überall aus der Haut ragten borstige Haare wie Flecken bizarrer Parasiten. Faustgroße Beulen und offene, eitrige Geschwüre bedeckten den Brustkörper, der Bauch war zum Platzen aufgebläht und mit einem Geflecht fingerdicker, dunkelblauer Adern überzogen. Am grausamsten aber war das Gesicht des Toten. Es war teigig zugeschwollen und so verformt, dass kaum menschliche Züge zu erkennen waren. Auch hier wucherten die schwarzen Borsten, die untere Lippe war aufgerissen, hatte sich nach unten gerollt und entblößte entzündetes Zahnfleisch, aus dem gelbe und verschmierte Zähne herausstachen.
Juli hob den Stock an.
»Halt«, rief Tom. »Was machst du da?!«
»Ich will ihn herumdrehen, sehen, ob er eine Verletzung hat. Woran er gestorben ist.«
»Machst du Witze?! Guck dir das doch an. Ein Wunder, dass er gestern noch die Kraft hatte, so herumzubrüllen.«
»Meinst du, die Schreie waren von ihm?«
»Ich wüsste nicht … he, lass das!«
Juli versuchte, die Spitze des Stockes unter die Leiche zu schieben.
»Der hat vielleicht irgendeinen Urwaldvirus oder so«, fuhr Tom fort. »Wir sollten lieber von ihm fernbleiben!«
»Ich kenne kein Virus, der so etwas verursacht«, sagte Juli und schüttelte den Kopf. »Sieh dir diese merkwürdigen Haare in seinem Gesicht an. Und wie verformt er ist. Als ob er mutiert wäre. Er hat seine Hände vollkommen abgewetzt, die Lippe hat er sich vielleicht selbst heruntergerissen. Und überall diese tiefen Kratzer an seinem Körper und in seinem Gesicht. Als hätte er aus seinem Körper fliehen oder ihn sich abreißen wollen.«
»Du glaubst, er hat sich selbst so zugerichtet?«
Juli zog den Stock zurück und stützte sich darauf. »Er muss furchtbar gelitten haben. Jetzt verstehe ich seine Schreie in der Nacht …« Sie schloss die Augen.
Tom wandte sich vom Anblick der entstellten Leiche ab. Seine Blase drückte nun wieder, und ihm war flau im Magen. Er ging einige Schritte fort und stellte sich hinter einen Baum. Kaum vorstellbar, dass ein so deformierter, aufgedunsener und verletzter Mensch sie durch den Urwald verfolgt und in der Nacht derart gewütet haben sollte. Falls doch, musste das Wesen über eine außergewöhnliche körperliche Konstitution verfügt haben. Was sollten sie nun tun? Mussten sie den Toten irgendwo melden? Sollten sie ihn begraben? Oder ihn einfach liegen lassen?
»Tom, du musst noch mal herkommen!«
Als Tom zu Juli zurückkehrte, war sie tief über die Leiche gebeugt und stocherte mit einem kleineren Stock an ihr herum.
»Was tust du da?«
»Du musst dir diese Verletzung ansehen.«
»Ähm, ich …«
»Wir sind auf der richtigen Spur!«
Tom trat näher heran und konzentrierte sich auf das Detail, das Juli ihm zeigte. Er versuchte zu vergessen, dass er eine Leiche betrachtete, blendete alles andere aus, sah nur den Stock, die Spitze des Stocks und die kleine Stelle, wo die Haut aufklaffte und das blanke Fleisch darunter zum Vorschein kam.
Es hatte einen violetten Schimmer.
»Du musst das fotografieren!«
Ruckartig richtete Tom sich auf. Sie hatte recht. Dies hier war nicht einfach irgendein Missgestalteter. Diese Leiche verband den fremdartigen angespülten Fuß, das Labor auf der Elbinsel mit ihrer Suche nach Marie und Maries Bericht der Leiche, die sie gefunden hatte … Maries Brief!
»Erinnerst du dich an den Brief von deiner Schwester«, rief Tom, während er loslief, um seine Kameratasche vom Baum zu holen. »Sie beschrieb darin nicht nur das violett gefärbte Fleisch. Sondern auch Geschwüre und borstige Haare! Genau wie bei dem hier!«
Als er kurz darauf zurück war, befestigte er ein Objektiv auf seiner Kamera und begann zu fotografieren.
»Er hat keine besonderen Merkmale«, stellte er schließlich fest. »Keine Tätowierungen oder etwas, womit man ihn identifizieren könnte.«
»Wir kommen hier nicht weiter«, sagte Juli. »Wir müssen uns auf den Weg machen. Endlich herausfinden, was hier vorgeht.«
Tom nickte. Stumm packte er seine Kamera weg und gemeinsam bedeckten sie den Leichnam erst mit großen Blättern und legten schließlich so viele Stöcke darüber, wie sie finden konnten.
»Er muss auf diese Weise Teil des Kreislaufes werden«, meinte Juli. Dann holten sie ihre Ausrüstung vom Baum, und bald waren sie wieder auf dem Weg.
Sie fanden einen gut zu bewältigenden Zugang zum Fluss, der hier ein sandiges und nur niedrig bewachsendes Ufer aufwies. Inzwischen war es acht Uhr morgens, und nach den Schrecken der Nacht und des Morgens und der erdrückenden Dichte des Urwalds genossen sie den erholsamen Blick auf das offene, träge dahinfließende Gewässer. Sie nutzten die Stelle, um etwas zu frühstücken, Kaffee zu trinken und Wasser für ihre Vorräte abzukochen. Sie sprachen nur wenig und hingen ihren Gedanken nach.
»Ich schlage vor, dass wir nun am Fluss bleiben«, sagte Tom nach einer ganzen Weile. »Auch auf die Gefahr hin, dass noch mal ein Boot kommt und wir gesehen werden.«
»Ja«, sagte Juli. »Ich fühle mich hier auch wohler.«
So folgten sie dem Flussufer und kamen zügig voran.
»Was denkst du, was der Mann von uns wollte?«, fragte Juli irgendwann unvermittelt.
»Ich zerbreche mir den ganzen Morgen den Kopf darüber«, entgegnete Tom. »Was für ein Zufall kann es schon gewesen sein, dass er auf uns getroffen ist? Er muss uns den ganzen Tag schon gefolgt sein, wenn er es auch war, den wir in der Nacht zuvor gehört hatten.«
»Es klingt vielleicht komisch«, sagte Juli, »aber ich werde das Gefühl nicht los, dass er uns tatsächlich gesucht hat und dass er Hilfe brauchte.«
Ähnlich ging es Tom. Auch ihn hatte insbesondere der klagende Ton der nächtlichen Schreie an einem Nerv getroffen, auch in ihm hatte der entstellte Mann trotz allen Ekels in erster Linie Mitleid ausgelöst. Aber wie hätten sie ihm helfen können? Oder hatte er ihnen etwas sagen oder zeigen wollen? Vielleicht war er auch einfach nur wahnsinnig vor Schmerzen gewesen.
»Wir werden es nicht mehr erfahren«, antwortete er.
Juli war stehen geblieben. »Vielleicht doch«, sagte sie.
»Hm?« Tom drehte sich zu ihr.
Juli sah in Richtung der Bäume. Etwas bewegte sich dort flüchtig.
»Was ist da?«, fragte Tom.
Juli wandte sich um und sah wieder geradeaus. »Lass uns langsam weitergehen. Irgendjemand folgt uns schon eine Weile im Wald. Er bleibt immer auf unserer Höhe und beobachtet uns von dort. Verhalte dich unauffällig, damit er nicht merkt, dass wir ihn gesehen haben.«
»Ist das wahr? Und das sagst du erst jetzt?« Während Tom weiterging, schielte er aus dem Augenwinkel hinüber zu den höheren Bäumen. Jetzt sah er auch, dass sich dort, kaum zwanzig Meter von ihnen entfernt, ein Wesen zwischen den Schatten der Stämme bewegte. Leicht gebeugt, auf zwei Beinen und sehr schnell. Für einen Affen war es zu groß. Es musste ein Indio sein.
Während der nächsten halben Stunde war Toms Aufmerksamkeit vollkommen gefesselt von der unbekannten Gestalt. Gemeinsam mit Juli gingen sie am Flussufer entlang, konnten eigentlich hinter jeder Biegung auf eine kleine Siedlung oder auf ein Boot stoßen, aber er dachte kaum darüber nach. Zu sehr versuchte er auszumachen, wer ihnen auflauerte. Aber die Person war zu flink. Und irritierenderweise bewegte sie sich dabei seltsam gekrümmt, gar nicht so, wie man es von einem Indio, ob Krieger oder Fährtenleser, erwarten würde.
Und mit einem Mal war die Gestalt verschwunden.
»Er ist weg«, bemerkte Juli. Sie blieb stehen und sah in den Wald. Auch Tom stoppte und versuchte, zwischen den Bäumen etwas zu erkennen. Aber der Wald war reglos.
»Hast du etwas erkennen können?«, fragte Tom. »Er war immer so schnell. War das überhaupt ein Mensch? Er ging so merkwürdig.«
»Ich konnte sehen, dass er etwas trug. Eine Schärpe oder Tasche. Ein Tier war es also nicht. Aber ich wollte auch nicht hinüberstarren.«
»Nun, offenbar hat er jetzt genug von uns. Entweder er ist zufrieden und bleibt fort, oder er ist zu dem Schluss gekommen, dass wir feindlich oder ganz schmackhaft aussehen, und kommt gleich mit seinem ganzen Dorf zurück.«
Als sich auch nach einer Weile nichts regte, setzten sie ihren Weg fort. Aber schon kurz darauf blieben sie stehen. Vor ihnen am Flussufer, keine fünfzig Meter entfernt, stand jemand und schien auf sie zu warten. Er befand sich im Schatten eines weit über den Fluss ragenden Baumes, sodass er nur als Silhouette zu sehen war. Sein Oberkörper war zur Seite gebeugt, ein Arm hing fast bis auf den Boden.
»Er ist es …«, raunte Tom. »Was hat er vor?«
Der Mann bewegte sich umständlich. Nach einer Weile hielt er einen Beutel in der Hand, den er über der Schulter getragen hatte. Er streckte den Arm seitlich aus und hielt ihn so, als wolle er sichergehen, dass sie sahen, was er tat. Dann setzte er den Beutel langsam auf dem Boden ab. Als er fertig war, richtete er sich wieder auf und lief mit überraschend gelenkigen Bewegungen in den Wald.
»Los, das müssen wir uns ansehen«, rief Juli und lief eilig los. Als Tom mit der schweren geschulterten Tasche zu ihr aufschloss, saß Juli bereits auf dem Boden und hielt einen kleinen Rucksack in den Händen. Sie sah zu ihm auf.
»Der gehörte Marie«, sagte sie mit bebender Stimme.
Tom setzte seine Tasche ab und ließ sich neben Juli nieder, die den Rucksack öffnete. Sie zog ihn auf und sah hinein. Er war fast leer. Sie griff hinein und holte ein T-Shirt heraus. Sie ergriff es mit beiden Händen, hielt es an ihre Nase und vergrub ihr Gesicht darin.
Tom sagte nichts, als Julis Schultern sich zu heben und zu senken begannen. Er hörte sie leise schluchzen und legte eine Hand auf ihren Arm.
Nach einigen Minuten ließ Juli das T-Shirt sinken, legte es sich in den Schoß und atmete tief durch.
»Wir finden sie«, sagte Tom halblaut, und er sagte es nicht, um sie zu beruhigen. Er wollte es.
Juli griff ein weiteres Mal in den Rucksack. Dieses Mal holte sie ein Notizbuch hervor und schlug es auf.
»Ihr Tagebuch …«, sagte sie und begann, es zu lesen.
Tom stand auf. Er wollte sie eine Weile allein lassen. Er ging zum Ufersaum und sah auf den träge dahinziehenden Fluss. Welch ein abgeschiedener Ort dies war und wie unwahrscheinlich, dass er nun hier stand, irgendwo im Urwald, an einem Fluss, dessen Namen er nicht kannte, der vielleicht nicht einmal einen Namen hatte. Und hier fanden sie die Spur einer Vermissten. Wenn auch finden nicht das richtige Wort war. Man hatte sie beobachtet und sie auf die Spur gesetzt.
Hatten also auch die Geschenke des Schamanen einen tieferen Sinn? Hatte er gewusst oder geahnt, was sie finden würden? Und hatte auch die Alte im Dorf mehr gewusst? Offenbar benötigten die Leute Hilfe von ihnen, aber vielleicht wussten sie nicht, ob sie ihnen trauen konnten. Man setzte sie also auf die Fährte in der Hoffnung, dass sie etwas erreichen konnten, aber man hielt sich zurück. Vielleicht aus Zweifel, vielleicht aus Angst?
Der Missgestaltete in der Nacht … Hatte er sie angreifen wollen oder tatsächlich ebenfalls Hilfe gesucht, wie Juli vermutete? Und der Mann, der ihnen nun den Rucksack überlassen hatte; versuchte er, mit ihnen zu kommunizieren? Wollte er ihnen noch mehr zeigen? Benötigte er ebenfalls ihre Hilfe?
Tom sah sich um. Juli saß noch immer in das Tagebuch vertieft unter dem Baum. Toms Blick wanderte umher, und etwas weiter abseits, am Rand des Waldes, erkannte er den Schatten des gekrümmten Indios, der sie weiterhin beobachtete. Er bezweckte etwas. Vielleicht wollte er sehen, wie sie auf das Geschenk reagierten.
Tom ging zurück zum Schatten des Baums. Neben Juli auf dem Boden lag der Speer, den sie als Wanderstab verwendete. Er nahm ihn auf. Sie sollten damit nicht töten, hatte ihnen der Schamane gesagt. Der Speer sei für das Leben. Er war also nicht als Kriegswaffe gedacht. Er und Juli konnten nicht viel mit ihm anfangen. Aber der Indio vielleicht schon. Vielleicht konnte er sich damit verteidigen oder zur Jagd gehen. Vielleicht konnte er ihn zum Überleben verwenden.
Tom ging zum Waldrand, dorthin, wo er den Indio zuletzt gesehen hatte. Der Mann war verschwunden, aber dort, wo er gestanden hatte, lag ein umgestürzter Baum. Das Sonnenlicht fiel hier in einem dünnen Strahl durch die dichten Kronen und erhellte eine Astgabel, an der eine goldene Kette mit einem glitzernden Medaillon hing. Es war eine moderne Kette, und der Anhänger zeigte das Sternzeichen Zwilling. Sehr wahrscheinlich war die Kette ebenfalls von Julis Schwester.
Tom nahm die Kette vom Ast und lehnte stattdessen den Speer dort an. Der Indio würde verstehen, dass sie ihm nichts Böses wollten, wenn sie ihm eine Waffe hinterließen. Er würde sie als Geschenk erkennen, das für ihn viel wertvoller war als für Tom und Juli.
Er sah sich um, aber im Zwielicht des Unterholzes war der Mann nirgendwo zu erkennen. Tom konnte nur vermuten, dass er dennoch nicht weit entfernt war und ihn beobachtete. Also ließ er den Speer zurück und ging zurück zu Juli, die noch immer über das Tagebuch ihrer Schwester gebeugt war.
Als er näher kam, sah sie zu ihm auf.
»Du musst das lesen!«, sagte sie. Sie reichte ihm das Buch, aufgeschlagen auf einer der letzten Seiten, bei einem Eintrag vom zwölften Mai.
Tom nahm das Buch entgegen und setzte sich zu ihr. Maries Handschrift war eine Mischung aus Schreibschrift und Druckbuchstaben, die dennoch harmonisch und geschwungen aussah. Sie wirkte weiblich, aber ohne schulmädchenhafte Schleifen. Es war Schrift von jemandem, der viel und schnell schrieb und einen ganz eigenen Stil entwickelt hatte. Vielleicht interpretierte er zu viel hinein, aber die Seiten sahen aus, wie von jemandem geschrieben, der selbstbewusst und zielstrebig war, ganz wie Juli ihre Schwester beschrieben hatte. Tom fragte sich kurz, wie Julis eigene Handschrift wohl aussah, aber dann las er die ersten Worte und versank in der Lektüre der Einträge.
Als er fertig war, sehnte er sich nach etwas zu trinken, als müsse er einen üblen Geschmack hinunterspülen. Er nahm einen tiefen Schluck aus ihrer Wasserflasche. Dann stand er auf und ging zu Juli, die am Flussufer saß und auf das Wasser sah.
»Deine Schwester hat eine recht plastische Ausdrucksweise«, sagte er.
»Missverständnisse gab es mit ihr nie.«
»Eines ist jetzt klar geworden: Die Vorfälle hängen zusammen. Und die Dorfbewohner wissen Bescheid, dass hier etwas läuft, ebenso wie der Schamane und die Campleiterin.«
»Ich habe Angst«, sagte Juli halblaut. »Was hat es zu bedeuten, dass wir jetzt den Rucksack bekommen haben? Heißt das nicht, dass sie verunglückt ist? Oder dass etwas anderes Schlimmes passiert ist? Warum sonst sollte sie den Rucksack und ihr Tagebuch zurückgelassen haben?«
Tom stellte sich vor sie und ergriff ihre Hände. Sie sah zu ihm auf. »Wir werden Marie finden«, sagte er noch einmal. »Ich bin ganz sicher.«
Juli schlang ihre Arme um seine Hüfte und legte ihren Kopf auf seine Brust. Sie atmete tief durch.
»Der Indio wird uns zu ihr führen«, sagte Tom nach einer Weile. »Er hat uns das hier hinterlassen.« Er zeigte ihr die goldene Kette. Juli nahm sie mit zitternden Fingern entgegen, betrachtete sie kurz und schloss dann die Hand fest darum.
»Der einzige Grund, weswegen er uns aufgesucht hat und uns Hinweise gibt, muss sein, dass er uns etwas Wichtiges zeigen will.« Er hätte die Kette wohl kaum einer Toten entwendet, dachte Tom, aber er wagte nicht, es auszusprechen. »Wahrscheinlich ist sie in dem Dorf des Indios und braucht Hilfe.«
Juli nickte kaum merklich.
»Wir sollten uns auf den Weg machen«, meinte Tom. »Bessere Chancen, sie zu finden, hatten wir nie. Wir sollten froh sein und uns jetzt beeilen.«
Juli fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen. »Ja«, sagte sie schließlich. »Sicher hast du recht.« Sie hängte sich die Kette um den Hals, steckte das Buch in den Rucksack und schnallte ihn sich um.
»Wo ist der Speer?«
»Ich habe ihn dem Indio dort hinterlassen, wo er die Kette deponiert hatte. Ich hoffte, dass er ihn als Geschenk annehmen würde.«
»Das war eine gute Idee«, sagte Juli und lächelte. »Sieh mal dort.«
Tom folgte ihrem Fingerzeig, und tatsächlich stand dort, etwas weiter flussaufwärts, erneut der Indio. Und er trug den Speer. Als er sah, dass sie ihn entdeckt hatten, winkte er mit der Waffe. Er ging ein paar Schritte, wandte sich um und winkte dann erneut. Sie sollten ihm folgen.