Kapitel 9 Tagebuch von Marie Thomas – Brasilien, 15. Mai

Die Geheimniskrämerei geht mir auf die Nerven. Heute habe ich Susan noch einmal zur Rede gestellt. Als ich wissen wollte, was es mit dem Friedhof im Wald auf sich hat, war sie völlig überrascht, tat, als wüsste sie von nichts. Aber sie kann mich nicht täuschen. Warum will sie es mir nicht sagen? Was ist so irrsinnig geheim?

Ich habe sie auch auf das Gefasel von Tia Velha angesprochen, von dem Geist oder den Geistern des Waldes und deren Haus im Wald. Ich habe sehr wohl bemerkt, dass Susan bei der Erwähnung leicht zusammenzuckte, aber wieder tat sie so, als hätte sie noch nie davon gehört.

Erst als ich erzählte, dass ich von einem Oliver erfahren habe und ob sie mir wenigstens etwas über ihn erzählen könne, hat sie dann eingelenkt. Vielleicht, weil sie dachte, ich wüsste mehr und wollte sie testen, keine Ahnung, vielleicht auch, um mir wenigstens eine einzige Antwort zu geben.

Aber viel war das auch nicht. Sie sagte, es habe mal einen Oliver im Camp gegeben, vor rund einem Jahr, auch ein Medizinstudent. Der sei etwas merkwürdig gewesen und hätte sich genauso wie ich für das abergläubische Gerede über den Chupacabra und die Geister des Waldes interessiert. Überhaupt hätte er sich viel für Mythologie, Sagen, legendäre Wesen und dergleichen begeistert, so sehr, dass er überzeugt war, dass es einen wahren Kern geben müsse. Dann hätte er eines Tages seine Sachen gepackt, habe sich offiziell abgemeldet und sei flussaufwärts gezogen. Seitdem habe man nichts mehr von ihm gehört und wisse nicht, was aus ihm geworden sei.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass das nur die halbe Wahrheit war und dass Susan mir diese Geschichte nur aufgetischt hat, um mir Angst zu machen.

Irgendetwas verbirgt sich flussaufwärts. Es muss einfach so sein. Ich habe mir den ganzen Tag darüber Gedanken gemacht, aber letztlich gibt es nur einen Weg, es herauszufinden.

Ich werde nachher noch einen Brief an Juli schreiben, aber ohne die ganzen Details, ich weiß nicht, wer die Post unterwegs vielleicht aufmacht.

Proviant habe ich nun schon zusammen, eine kleine Ausrüstung mit Messer, Seil, Medikamente und was man so braucht. Und morgen früh breche ich auf. Flughafen Fuhlsbüttel, Hamburg, 26. Juli

Tom und Juli warteten darauf, dass ihr Gate öffnete und die Maschine nach Frankfurt zum Einsteigen freigegeben wurde.

Der ganze vorherige Tag war noch mit der Organisation der Reise angefüllt gewesen. Gregory hatte sein Versprechen gehalten und schon am Vortag mithilfe der vorgeblichen Putzfrau nicht nur die Pässe und Brieftaschen unbehelligt aus den Wohnungen holen können. Auch hatte er zwei Assistentinnen abgestellt, die die Einkäufe erledigten. Mehrfach fielen Tom und Juli zahlreiche weitere Kleinigkeiten ein, und sie schickten sie erneut los. Außerdem mussten sie sich ausreichend Malariaprophylaxe verschreiben lassen und besorgen, und Tom, der nicht wie Juli bereits in den letzten Jahren einmal in Brasilien gewesen war, musste sich im Tropeninstitut gegen Gelbfieber impfen lassen. Die Resistenz würde sich zwar erst in etwas mehr als einer Woche bilden, aber so lange konnten sie nicht warten, und immerhin war es besser als gar nichts.

Ihr Gepäck war aufgegeben und durchgecheckt, nun gab es nichts weiter zu tun, als zu warten. Der Flug würde von Frankfurt aus nach São Paulo gehen und von dort nach Manaus. Einen längeren Zwischenstopp gab es nicht, lediglich vier Stunden am frühen Morgen in São Paulo, wo sie sich die Beine vertreten und frühstücken wollten. Tom hoffte, auf dem Flug schlafen zu können, um nicht völlig gerädert in Brasilien anzukommen. Seine Fototasche hatte er als Handgepäck dabei, ausreichend Akkus, Ladegeräte und Speicherkarten ebenfalls. Nun musste er sich auf Juli und ihre immerhin rudimentäre Ortskenntnis verlassen, bis sie in dem Camp waren, von dem sie immer erzählte.

Der Flug verlief ereignislos, und Tom schien es, als zöge er sich unendlich in die Länge. Seine Gedanken kreisten immer wieder um ihre Erlebnisse, die Entdeckung auf der Elbinsel und ihre Verfolger, die es tödlich ernst meinten. Nun tatenlos herumzusitzen, mit Angst im Nacken und unsicheren Zielen vor ihnen, die sich unaufhaltsam näherten, schürte sein Unbehagen. Er fühlte sich rastlos, aber zur Handlungsunfähigkeit verdammt.

Dann dachte er an den undurchsichtigen Dr. Villiers, über den er recherchiert hatte. Was trieb einen seriösen und hoch angesehenen Mediziner an, sich in solche Machenschaften zu verstricken? Oder war er nur eine Strohpuppe an der Spitze eines Konzerns, die gar nicht wusste, was in weiter Ferne und ohne ihr Wissen getan wurde? Wer steckte tatsächlich hinter dem geheimen Labor, den aufwendigen Firmenverschachtelungen und letztlich hinter den Killern, die sich an ihre Fersen geheftet hatten?

Und was geschah dort überhaupt? Es ging um medizinische Forschungen, um Transplantationsversuche, so viel hatten sie herausgefunden, aber viel weiter waren sie noch nicht.

Juli hatte ihm auf dem Flug einiges zur Xenotransplantation erläutert. Dahinter steckte der Drang, Menschen helfen zu können, die einen Ersatz für ihre Organe benötigten. Knochen und Gelenke ließen sich durch Stahl ersetzen, und für geschädigte Herzen gab es künstliche Klappen und Schrittmacher. Aber vollständig funktionsuntüchtige Organe ließen sich nur schwer oder gar nicht ersetzen. Und bei aller medizinischen Komplikation blieb das größte Problem, Spenderorgane zu finden, denn es gab weltweit viel zu wenige davon.

Ein weiteres Problem war, dass sie häufig vom Körper des Patienten nicht angenommen wurden, weil das Immunsystem sie als Fremdkörper erkannte und bekämpfte. Patienten mussten den Rest ihres Lebens Medikamente nehmen, um ihr eigenes Immunsystem zu unterdrücken, was sie aber anfällig für jede andere Art von Krankheit oder Infektion machte.

Der medizinische Zweig, der sich mit der Transplantation beschäftigte, suchte also nicht nur nach effizienteren Möglichkeiten, die Autoimmunreaktion besser kontrollieren zu können, damit Spenderorgane als körpereigen erkannt wurden und sich ganz natürlich in den Patienten integrierten. Und es ging auch darum, mehr Spenderorgane zu finden.

Schon früher hatte es vereinzelte Experimente gegeben, tierische Organe die Funktionen menschlicher Organe übernehmen zu lassen, aber stets ohne Erfolg. Damals verstand man noch nicht, dass es trotz prinzipiell gleicher Funktionsweise zu viele Unterschiede und Hindernisse für ein reibungsloses Zusammenspiel gab. Die Patienten starben stets nach wenigen Tagen. Aber seit man Mitte der Achtzigerjahre ein Pavianherz in ein Baby verpflanzt hatte, das immerhin zwanzig Tage damit überlebte, wurde die Hoffnung der Wissenschaftler wieder genährt, ob es nicht eines Tages möglich wäre, Tiere nicht nur für den Verzehr, sondern auch als Organlieferanten zu züchten, sodass eine Niere, eine Leber oder ein Herz billig und vor allem schnell ersetzt werden konnte.

Selbstverständlich waren die moralischen Fragen längst nicht geklärt. Aber wie überall gab es auch hier genügend Wissenschaftler, die die Notwendigkeit der Weiterentwicklung und den potenziellen Nutzen ihrer Forschung – und natürlich die Möglichkeit, viel Geld zu verdienen – über die gesellschaftlichen Bedenken stellten.

Die Forschung ging also weiter. Zwar nicht in der Öffentlichkeit, aber der heimliche Wettlauf hatte längst begonnen. Und während in einigen Ländern ethische Grundsatzdiskussionen geführt und sogar Resolutionen oder Gesetze erlassen wurden, arbeiteten unabhängige Wissenschaftler weiter und würden die Welt eines Tages vor vollendete Tatsachen stellen. Genauso, wie es inzwischen nicht nur zahlreiche geklonte Tiere gab, sondern eines Tages auch geklonte Menschen geben würde – völlig unabhängig von ethischen Fragen oder religiösen Bedenken.

Wenn es stimmte, dass die Betreiber des verlassenen Labors auf der Elbinsel Transplantationsversuche vorgenommen hatten, dann erklärte sich die Geheimhaltung daraus, dass diese Forschung nicht akzeptiert und vermutlich auch nicht genehmigt war. Darüber hinaus hatten sie möglicherweise nicht nur an Gewebe, sondern an menschlichen Patienten experimentiert, was üblicherweise nur unter allerstrengsten Auflagen erlaubt war.

Juli wies noch auf einen anderen Aspekt hin, der Tom gar nicht in den Sinn gekommen war: das Risiko einer Seuche.

Es war denkbar, dass Krankheitserreger vom Tier auf den Menschen übersprangen. Selbst wenn die Tiere keimfrei und absolut gesund aufgezogen wurden, gab es die Möglichkeit, dass bestimmte Viren plötzlich auftraten. Sogenannte Retroviren konnten sich als Bestandteil des Erbguts in einen Organismus einpflanzen und sogar durch viele Generationen weitergegeben werden, ohne dass sie aktiv oder entdeckt wurden. Als Teil der DNS, die sich in jeder Zelle eines Lebewesens fand, würden diese Retroviren durch eine Gewebe- oder Organtransplantation in den menschlichen Körper gelangen, wo sie mutieren und einen neuen, für den Menschen gefährlichen Virenstamm bilden konnten. Einen Virenstamm, für den der menschliche Organismus weder Abwehrkörper noch Impfstoffe hatte. Bestenfalls löste er lediglich Tumore aus, schlimmstenfalls konnte er zu einer hoch ansteckenden und tödlichen Gefahr werden. Die katastrophalen Folgen von Krankheiten, die vom Tier auf den Mensch übergesprungen waren, ließen sich am H5N1-Virus, dem Erreger der Vogelgrippe, und am HI-Virus, dem Erreger von AIDS, mehr als deutlich sehen.

Auch aus diesem Grund war das Feld der Xenotransplantation unter Wissenschaftlern äußerst umstritten. Die gesundheitlichen Folgen waren einfach nicht abschätzbar und das Risiko daher unkalkulierbar. Die Lage des Labors auf einer Insel bot immerhin eine gewisse Isolation. Für den Fall, dass eine ansteckende Virusinfektion auftrat, konnte verhältnismäßig leicht eine natürliche Quarantänezone eingerichtet werden – jedenfalls davon ausgehend, dass das Virus nicht durch Vögel einen Weg aufs Festland fand.

Als sie in Manaus landeten, waren sie seit rund siebzehn Stunden unterwegs. Nun war es Mittag, und Tom, der kaum ein Auge zugemacht hatte, war froh, dass der halbe Tag schon um war.

Sehr schnell bekamen sie eine Ahnung von der unklimatisierten, tropischen Luft, die, warm, schwer und feucht, bereits im Flughafengebäude spürbar war. Und Tom fragte sich, wie es wohl draußen sein würde.

»Hast du diesen Kerl gesehen?«, raunte ihm Juli ins Ohr, als sie die Passkontrolle hinter sich gelassen hatten und auf ihr Gepäck warteten. »Sieh nicht direkt hin. Ich meine den dahinten mit dem schwarzen T-Shirt, der Baseballmütze und dem kleinen Rucksack.«

Tom nickte und ließ seinen Blick unauffällig in die Richtung schweifen, die Juli ihm gedeutet hatte.

»Hm, was ist mit ihm?«

»Kommt er dir nicht bekannt vor? Ich meine, ich habe ihn vor Kurzem erst gesehen.«

»Nein, eigentlich nicht.«

»Stell ihn dir ohne Mütze vor. Er hat doch eine Glatze, wenn ich das richtig sehe.«

Ein weiteres Mal sah Tom hinüber. Ein glatzköpfiger, kräftiger Mann … Sie hatten in letzter Zeit nur einen einzigen …

»Meinst du, das ist der Brasilianer von der Insel?«

»Ich bin mir nicht sicher«, gab Juli zurück. »Es war ja schon dunkel. Aber die Statur und der Gesichtsausdruck … Außerdem war er mir schon in São Paulo aufgefallen. Ich habe das Gefühl, er beobachtet uns!«

»Wenn man in einem Flugzeug unterwegs ist, sieht man doch ganz automatisch immer wieder die gleichen Gesichter.«

»Ja, aber der beobachtet uns, ich bin mir ziemlich sicher.«

»Vielleicht hat er aus anderen Gründen ein Auge auf dich geworfen?«

Juli grinste. »Du solltest nicht von dir auf andere schließen.« Dann fügte sie etwas leiser hinzu: »Aber mal im Ernst: Achte einfach ein bisschen auf ihn, okay?«

Als sie ihre beiden Koffer schließlich in Empfang genommen hatten, machten sie sich auf den Weg zum Ausgang. Tatsächlich hatte Tom eine beunruhigende Beobachtung gemacht und erzählte Juli davon. Der Glatzköpfige hatte überhaupt keinen Koffer erhalten. Zwar hatte er gewartet, als käme noch etwas, aber als Tom und Juli die Halle verließen, folgte er ihnen in gemessenem Abstand, ohne jedoch am Schalter vorbeizugehen, wo er verlorenes Gepäck hätte melden können.

»Ich sag’s dir«, meinte Juli halb laut. »Das ist der Brasilianer von der Insel. Und ich würde mich auch nicht wundern, wenn er bei der Schießerei in dem Wagen dabei war.«

»Er wird uns vermutlich noch weiter folgen.«

»Ja. Aber ich habe eine Idee. Wir müssen uns dazu aufteilen.«

»Aufteilen?!«, fragte Tom. »Bist du verrückt? Dann erwischt er mindestens einen von uns.«

»Keine Sorge. Du rennst, so schnell du kannst, ich bleibe etwas langsamer zurück, dann wird er sich an mich halten.«

»Na großartig, und was dann?«

»Ich weiß, was ich tue, vertrau mir. Ich kann ihn ganz sicher loswerden. Du rennst los und schnappst dir ein Taxi. Wir treffen uns später im Hotel Dez de Julho, warte dort auf mich, auch wenn’s etwas länger dauert. Dez de Julho, kannst du dir das merken?«

Tom nickte. »Sicher, ja. Aber ich halte das für eine verdammt schlechte Idee.«

»Tu’s einfach! Anders können wir ihn nicht loswerden. Wenn wir durch die Tür sind, rennst du los. Die Taxis sind irgendwo draußen, und drängel ruhig, stell dich bloß nicht irgendwo an, das macht hier auch keiner, okay?«

Tom grummelte, nickte aber. Sich von Juli hier zu trennen war das Letzte, was ihm behagte. Aber vielleicht war ihr Vorschlag die beste Lösung, und nun war keine Zeit für lange Erklärungen.

Sie erreichten die Vorhalle des Flughafens und fanden sich unversehens im vielfältigen Getümmel der Menschen wieder, die hier auf die Ankunft von Reisenden warteten. Familien, Reiseleiter, Fahrer, betriebsames Personal und Schaulustige. Englisch war nur vereinzelt zu hören, stattdessen das kantige Portugiesisch Brasiliens, von dem Tom kein Wort verstand.

Sie drängten sich durch die Menge, und Tom sah, dass ihnen der Kahlköpfige auf den Fersen blieb.

»Los jetzt!«, sagte Juli, und sofort spurtete Tom los, tauchte zwischen die Menschen, boxte mit seinem Koffer immer wieder Leute beiseite und sah zu, dass er schnellstmöglich in Richtung der Ausgänge kam. Einmal drehte er sich kurz um, aber im Gewimmel konnte er nicht erkennen, ob ihm jemand folgte.

Er rannte, bis er einen gläsernen Ausgang erreicht hatte, zwängte sich nach draußen und wäre fast an der dichten, feuchtwarmen Luft zurückgeprallt, die ihm entgegenschlug. Hastig versuchte er, sich zu orientieren. Dann sah er Taxis. Er lief auf eines zu, das sich gerade einen Halteplatz suchen wollte, an dem bereits zwei Leute warteten.

Er drängte sich an ihnen vorbei, riss die Tür zum Fond auf, warf seinen Koffer hinein, stieß ein »Sorry, emergency!« aus, stieg ein und knallte die Tür hinter sich zu.

»Hotel Dez de Julho please«, wies er den Fahrer an. »As fast as you can. It’s an emergency.«

Während das Taxi beschleunigte, sah Tom aus dem Rückfenster und stellte befriedigt fest, dass der Kahlköpfige nirgendwo zu sehen war.

Juli drehte sich um, als Tom losrannte. Sie wollte sichergehen, dass der Glatzkopf sie sah. Dann bewegte sie sich in eine andere Richtung, langsamer als Tom, als würde sie versuchen, heimlich unterzutauchen. Wie sie erwartet hatte, heftete sich der Mann an sie und ließ Tom davonlaufen.

Juli versuchte, den Mann auf Abstand zu halten, der nun seinen Schritt beschleunigte, nachdem ihm klar geworden war, dass man ihn entdeckt hatte. Juli steuerte eine mindestens zwanzigköpfige Großfamilie an, die sich mit mehreren Gepäckwagen, zahlreichen Großeltern, Kindern und zwei Hunden versammelt hatte. Sie lief auf die Gruppe zu, drängte sich hastig zwischen den Gepäckwagen hindurch, und als sie in einiger Entfernung ein paar Sicherheitsbeamte stehen sah, rief sie laut: »Cuidado! Tem uma bomba na mochila!« Während sich sofort zahlreiche Umstehende umdrehten, deutete sie auf den Brasilianer, der sie verfolgte. »Tem uma bomba!«, rief sie noch einmal.

Die Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Die Menschen stieben kopflos in alle Richtungen auseinander, und in Sekundenschnelle breitete sich eine massenhafte Panik aus. Von überall her ertönten Rufe nach einer Bombe und angsterfüllte Schreie. Alles strömte und stolperte in Richtung der Ausgänge. Juli wurde von allen Seiten angerempelt, geschoben und getreten und schaffte es schließlich gerade noch nach draußen. Nur Augenblicke später waren die Türen hoffnungslos verstopft. Menschen prallten und hämmerten von innen gegen die Scheiben. Erste Sirenen heulten auf.

Einen Augenblick lang blieb Juli stehen und sah betroffen auf das panische Toben. Zahllose Menschen rannten atemlos an ihr vorbei, versuchten, sich vermeintlich in Sicherheit zu bringen. Koffer landeten auf dem Boden, brüllende Kinder wurden gezerrt.

Eigentlich hatte sie bloß geplant gehabt, dass sich die Sicherheitskräfte um den Mann kümmern und ihn festhalten würden. Nun hoffte sie, dass in dem Chaos niemand zu Schaden kam. Aber sie durfte keine Zeit verlieren. Immerhin hatte sie den Mann wirkungsvoll abgehängt. Jetzt musste sie in die Innenstadt verschwinden, bevor er den Weg nach draußen schaffte.

Tom wartete im Foyer des Hotels. Große Ventilatoren drehten sich unter der Decke, nur wenige Gäste waren zu sehen.

Während der Fahrt hatte er zum ersten Mal die Atmosphäre des Landes bewusst in sich aufgenommen. Es war noch viel wärmer, als er es sich vorgestellt hatte. Unerträglich warm und so schwül, dass das Schwitzen keine Kühlung brachte. Der Wagen hatte keine Klimaanlage gehabt, und durch die geöffneten Fenster strömte die Luft wie aus einem Warmluftgebläse ins Innere. Sie roch nach feuchter Erde und Abgasen.

Manaus war laut und stickig. Die Straßen waren überfüllt und dreckig, vereinzelte Palmen und gewaltige Bäume, die direkt dem Regenwald entsprungen zu sein schienen, leuchteten wie grüne Fremdkörper zwischen den Häusern. Eine Millionenstadt mitten im Urwald und lediglich über den Fluss oder per Flugzeug zu erreichen. Dennoch gab es hier auch Hochhäuser, Industrie und eine halbwegs moderne Infrastruktur, die man in einer so abgelegenen Gegend nicht erwartet hätte. Ein merkwürdiges Völkchen tummelte sich draußen, die meisten mit T-Shirts oder luftigen Hemden, alles wirkte unorganisiert und trotzdem funktionierte es irgendwie. Es musste eine Qual sein, hier ein Unternehmen zu führen und mit der unbekümmerten Gelassenheit der Leute zurechtzukommen. Tom schüttelte innerlich den Kopf.

Nach etwa einer halben Stunde begann er sich Sorgen zu machen, aber da tauchte Juli schon auf.

»Tut mir leid«, sagte sie. »Stau.«

»Und?« Er stand auf. »Wie ist es gelaufen?«

»Ich bin hier, oder?«

»Wie bist du ihn losgeworden?«

»Ich habe nur ein bisschen Verwirrung gestiftet.«

»Und wie geht’s jetzt weiter?«, fragte Tom.

»Wir müssen den Rio Negro überqueren und nach Süden. Aber das wird heute nichts mehr.«

»Es ist doch erst Mittag.«

Juli lachte auf. »Ja, in Hamburg würde man jetzt noch einiges erledigen können. Aber hier laufen die Uhren anders. Erst brauchen wir einen Mietwagen, allein damit sind wir hier eine Stunde beschäftigt. Auf die Fähre warten und übersetzen dauert noch mal zwei Stunden. Dann ist es vier, bis wir am anderen Ufer sind.«

Tom nickte, so ähnlich hatte er sich das nach seinem ersten Eindruck der Stadt auch vorgestellt. Ein Albtraum.

»Ich weiß ja nicht, wie fit du nach dem Flug bist«, fuhr Juli fort, »aber die vierstündige Fahrt von dort aus ins Camp ist kein Vergnügen. Das ist keine gute Idee, wenn einem die Augen zufallen, und im Dunkeln schon gar nicht. Ab halb sieben siehst du da draußen gar nichts mehr.«

Tom zuckte mit den Schultern. »Ist ja gut. Also Schluss für heute?«

»Ja. Wir können uns ein bisschen ausruhen, nachher einen Wagen besorgen, und heute Abend gehen wir etwas essen und dann zeitig ins Bett. Wir werden es brauchen, denn die Hitze wird uns noch früh genug zu schaffen machen.« Büro der Senatskanzlei im Hamburger Rathaus, 27. Juli

»Sie wissen, dass dieses Treffen reichlich unpassend ist.«

Paul Christiansen, der Erste Bürgermeister der alten Hansestadt, lehnte sich in seinem gepolsterten Sessel zurück. Als Luc Gironde kurzfristig erschienen war, hatte er das nächstbeste freie Büro gesucht und alle anderen Leute rausgeschickt. Nun saß er dem Schweizer gegenüber und seiner ganzen Haltung war abzulesen, wie unbehaglich er sich fühlte.

»Dr. Villiers schickt mich«, erwiderte Gironde. »Wie Sie sich sicher denken können, duldet die Sache dann keinen Aufschub. Die MedExpo steht vor der Tür und mit ihr der Empfang von Dr. Villiers.«

»Was gibt es so Dringendes, dass es nicht die Kanzlei übernehmen könnte? Sie ist für alle organisatorischen Fragen zuständig, wie Sie wissen. Und alles Weitere bespreche ich nur mit Dr. Villiers persönlich wie in der Vergangenheit auch.«

»Das ist mir vollkommen klar, Herr Bürgermeister. In diese Gespräche mische ich mich nicht ein. Hier geht es jedoch um einige Vorfälle, die in mein Aufgabengebiet fallen. Und von Ihrer Seite aus müsste der Innensenator eingebunden werden. Daher wende ich mich an Sie, damit Sie im Boot sind.«

Der Bürgermeister verzog den Mund. Als er sich vor Jahren auf die Zusammenarbeit mit dem Schweizer Arzt und Finanzmagnaten eingelassen hatte, war ihm alles so einfach und elegant erschienen. Aber nun drohten ihn die Geister der Vergangenheit einzuholen. Während er Villiers sehr schätzte, machte ihn Gironde nervös. Etwas allzu Glattes umgab den Mann. Unter seinem oberflächlichen Charme lauerte eine zielgerichtete Skrupellosigkeit. Wenn Gironde etwas vom Innensenator verlangte, dann war es keine Kleinigkeit. Und vermutlich alles andere als legal.

»Also was gibt es?«

»Das Labor auf Neßsand ist entdeckt worden.«

Christiansen zuckte zusammen. Das war in der Tat die Art von Neuigkeit, auf die er gerne verzichtet hätte. Über die ganze Neßsand-Geschichte hatte er damals viel zu leichtfertig entschieden. Ihm war nicht wohl dabei, und er war froh gewesen, als Villiers die Arbeiten nach kurzer Zeit hatte einstellen lassen. Danach hatte er jeden Gedanken daran verdrängt. Aber ein Labor ließ sich nicht verdrängen. Unabgeschlossenes hatte die Angewohnheit, irgendwann wieder aufzutauchen. Und dieser Zeitpunkt war offenbar gekommen.

»Sie haben meine volle Aufmerksamkeit«, sagte Christiansen mürrisch.

»Das ist gut«, gab Gironde zurück. »Denn es kommt leider noch schlimmer. Die beiden, die das Labor gefunden haben, sind Journalisten, jedenfalls einer von ihnen. Wir können also davon ausgehen, dass sie der Sache weiter nachgehen werden.«

»Und …«, der Bürgermeister rutschte auf dem Stuhl in eine bequemere Lage, »hat sich noch niemand darum … gekümmert

»Doch. Es kam dabei zu einer Schießerei. Neulich am Fischmarkt. Sicher haben Sie davon gelesen.«

Christiansen hob die Augenbrauen. »Also das …«

»Ja, das waren sie. Leider sind die beiden entwischt und befinden sich nun auf dem Weg nach Manaus. Dort können wir sie immerhin festsetzen. Trotzdem muss hier in Hamburg noch einiges bereinigt werden. Es gibt zu viele Spuren.«

»Was ist mit dem Polizeipräsidenten? Und diesem einen Hauptkommissar, der sich überall hineinhängt, wie heißt er, Berger?«

»Um beide werde ich mich kümmern. Aber auf Dr. Villiers’ ausdrücklichen Wunsch hin sollte ich die Sachlage zuerst mit Ihnen besprechen.«

»Gut, das haben Sie ja jetzt getan.«

»Außerdem lässt er mich Ihnen mitteilen, dass er sich auf das Treffen mit Ihnen freut und auf eine weiterhin fruchtbare Zusammenarbeit auf dem medizinischen Sektor hofft.«

Erneut verzog Christiansen das Gesicht. Die Warnung war unverhohlen. Denn dass dem Land das Geld an allen Ecken und Enden fehlte, war kein Geheimnis, und Villiers hatte auf dem einen oder anderen Weg die Hand auf fast jedem der privatisierten Krankenhäuser in der Stadt.

»Richten Sie ihm aus, ich werde mein Möglichstes tun, um ihm den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten.«

Gironde nickte freundlich. »Vielen Dank. Und auch für Ihre Zeit. Ich muss nun einiges erledigen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.«

Luc verließ das Rathaus. Auf dem Weg nach draußen vibrierte sein Handy. Er kannte die Nummer. In Manaus musste es jetzt etwa Mittagszeit sein. Das Gespräch war nur kurz.

»Scheiße!«, war alles, was ihm über die Lippen kam.

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