Kapitel 2 Tagebuch von Marie Thomas – Brasilien, 12. Mai

Ich verbrachte den Rest des heutigen Vormittags mit Tätigkeiten, die wie ein Nebel an mir vorbeizogen. Ich erinnere mich daran, dass ich, nachdem ich aus dem Fluss gekommen und wieder zurück im Camp war, eine Rastlosigkeit spürte und mich sofort um viele Dinge kümmerte, kleine, nutzlose Dinge. Vermutlich war es eine natürliche Reaktion, um mich abzulenken, um die Bilder in meinem Kopf auszublenden und das Gefühl des intensiven Ekels loszuwerden, das mich befallen hatte.

Erst eine gute Weile nach dem Mittagessen, von dem ich kaum etwas anrührte, konnte ich wieder etwas klarer denken und erkundigte mich, ob die anderen am Fluss etwas erkannt hatten.

Christian, der neben mir saß, sagte, sie hätten die Leiche herausgeholt und wollten sie noch untersuchen, bevor die Polizei aus Manaus kam, der sie den Vorfall gemeldet hatten. Als er fragte, ob ich Lust hätte, sie mir anzugucken, war mein erster Impuls »Mein Gott, nein!«, aber irgendwie ließ mich der Gedanke danach nicht mehr los. Ich überlegte, ob es mir nicht helfen würde, mein Erlebnis zu überwinden, wenn ich dem albtraumhaften Objekt nun noch einmal, vorbereitet, auf neutralem Boden und gemeinsam mit anderen Ärzten gegenübertreten würde. Und schließlich bin ich ja selbst mehr oder weniger Ärztin, und die Karriere mit einem solchen Trauma im Gepäck zu beginnen, ist sicherlich keine gute Idee.

Also habe ich Christian am Nachmittag noch einmal angesprochen, als er gerade mit seiner Visite fertig war. Gemeinsam sind wir in den Lagerraum neben dem Generatorhäuschen gegangen.

Elvira kam gerade mit einem Mundtuch und zwei leeren Eimern aus dem Lager. Christian und ich gingen hinein.

Für ein so abgelegenes Camp der Ärzte ohne Grenzen ist es ein Luxus, gemauerte Räume mit Türen und Wellblechdächern zur Verfügung zu haben, die der Regenzeit standhalten können. Aber dieser Lagerraum wird selten verwendet, weil der Gestank des Diesels von nebenan die meiste Zeit herüberzieht und sich in allem, was hier gelagert wird, festsetzt. Heute war ich froh über den vertrauten Geruch nach Maschinenraum und Tankstelle. Üblicherweise macht er die schwül-heiße Luft des Regenwaldes noch unerträglicher, nun aber war er etwas, an dem man sich festhalten konnte, eine Verankerung in der Normalität, ein Parfum der Sachlichkeit.

In der Mitte des Raums haben sie einen Tisch aufgebaut, auf dem die Leiche liegt. Sie ist mit schweren Tüchern bedeckt, die von Elvira und einigen anderen der Indios regelmäßig mit Wasser übergossen und getränkt werden. Ich bemerkte, dass sich unter dem Tisch eine stinkende Pfütze gesammelt hat, denn was von oben herabtropft, ist nur zum Teil das von den Tüchern aufgesaugte Wasser; es ist gemischt mit anderen Sekreten, die dem faulenden Leichnam entrinnen. Neben dem Tisch stehen zwei Standventilatoren, die mit größter Kraft über das Konstrukt blasen, um so ein wenig Verdunstungskälte zu erzeugen und alle Gerüche aus den geöffneten Fenstern hinauszupusten. Wir haben nur zwei Kühltruhen hier im Camp, und die sind natürlich für die Medikamente gedacht. Außerdem wären sie zu klein. Eine ganze Leiche – auch in Einzelteilen – können wir nicht aufbewahren. Aber bei dreißig Grad im Schatten und einer Luftfeuchtigkeit von über neunzig Prozent muss man sich etwas einfallen lassen, wenn man totes Fleisch und Eingeweide vor dem weiteren Verwesen bewahren soll, bis die Polizei ein oder zwei Tage später eintrifft. Falls sie überhaupt kommt.

Mehr als ein paar Grad kann der Aufbau den Körper nicht abkühlen, und die Ventilatoren sorgen dafür, dass der faulige Gestank im ganzen Raum herumgewirbelt wird.

Ich tat einen Schritt zurück.

Christian nickte und sagte, es sei in der Tat ziemlich unangenehm, aber sehr interessant und die beste Chance, etwas zu lernen.

Ich versuchte, mich auf Christian zu konzentrieren, mein Studium, meine Bücher. Ich wollte nicht ergründen, warum die Fäulnis etwas Süßliches an sich hatte und ob ich eher etwas Käsiges oder Säuerliches herausriechen konnte. Aber jene entsetzlichen Dünste, die den verrottenden Eingeweiden der verdeckten Leiche entstiegen waren, wanden und bohrten sich unbarmherzig durch meine Nase in mein Hirn, verdrängten alles andere. Rationale Gedanken waren unmöglich. Ich erstarrte nahezu. Nicht umsonst ist das olfaktorische System durch Hypothalamus und Hippocampus direkt mit Erinnerungen und Emotionen verbunden. Die Natur sorgt dafür, dass die Präsenz des Todes unmittelbar zu spüren ist, sämtliche vegetativen Alarmsensoren melden akute Lebensgefahr, das Rückenmark lädt sich funkensprühend elektrisch auf wie eine gigantische Spule, Millionen Impulse rasen durch den Körper, alle Muskeln bereiten sich in panischer Todesangst auf Flucht oder Totalausfall vor.

Ungeachtet der Urwaldhitze fühlte ich, wie sich eine Eiseskälte in mir ausbreitete, so als würde mir Kleidung und Haut vom Leib gerissen werden und als liefe eisiger Sirup über meinen Rücken.

Christian trat schnell auf mich zu und hielt mich fest. Er sagte mir hinterher, er habe nie zuvor gesehen, wie ein Mensch innerhalb von Sekundenbruchteilen erst grau und dann weiß wie eine Marmorsäule wurde. Hätte er mich nicht gehalten, wäre ich umgekippt und auf den Boden geschlagen. Café Transmontana, Schanzenviertel, Hamburg, 19. Juli

Ben trat mit vier Gläsern Milchkaffee aus dem Inneren des Cafés und ging zu einem der Biergartentische hinüber, die auf der Promenade aufgestellt waren. Er stellte die Gläser ab und verteilte sie an seine Freunde, als er Juli entdeckte. Sie saß in einiger Entfernung und war in ihre Notizen vertieft.

»Die Toasts kommen gleich«, sagte er an die anderen gewandt. »Ich bin gleich wieder da.«

Er ging durch die Reihen der Tische, die am Vormittag nur zur Hälfte besetzt waren, und nahm ihr gegenüber Platz. Ihre kurzen braunen Haare hingen ihr wie ein Vorhang um ihr Gesicht, während sie in ein Moleskine-Buch schrieb.

Er hatte Juli etwa ein Jahr zuvor auf einer Party kennengelernt, eine dieser halboffiziellen Agenturpartys, wo man nur rein kam, wenn man von jemandem mitgenommen wurde, der jemand kannte. Aber im Grunde war dies nicht weiter schwer, denn die Szene war verhältnismäßig klein, und selbst als Student bekam man schnell Anschluss, weil die Hälfte der Agenturleute ohnehin Studenten waren, die eigentlich noch ihr Diplom machen wollten, aber sich in Wahrheit schon seit Jahren als feste Freie die Überstunden um die Ohren schlugen in der Hoffnung, irgendwann einmal von einer der großen Agenturen übernommen zu werden. Juli war ihm aufgefallen, weil sie etwas abseits auf einer Couch gesessen hatte. Nicht im üblichen Agenturstil aufgemacht, sondern dezent lässig und ohne den alternativen Studentenlook. Auch die Tatsache, dass sie nicht von einem Haufen Werbetexter oder Webdesigner umgeben war, zeigte ihm, dass sie irgendwie nicht dazugehörte. Sie strahlte eine Selbstsicherheit aus, die vermutlich schon ausreichte, um die allzu schlichten Anbaggerversuche der Meute fernzuhalten.

Ben hatte sie eine Weile beobachtet, wie sie sich immer wieder mit wechselnden Gesprächspartnern abgab, die sich zu ihr gesellen wollten. Sie wirkte dabei offen, aber unverbindlich, und Ben stellte amüsiert fest, wie viele nach einer Weile etwas steif und mit hochgezogenen Augenbrauen abzogen, um sich anderswo nach Amüsement umzusehen. Juli, so schien es ihm, lächelte dabei leise in sich hinein, schien ganz zufrieden mit ihrer Rolle und hatte es wohl auch nicht auf nähere Kontakte abgesehen. Es war ihm klar, dass er sie kennenlernen musste. Seine erste Lektion lernte er, als er sie mit einem »Hi, ich bin Ben. Na, arbeitest du hier?« ansprach und »Bisschen trockene Luft hier« als Antwort bekam.

»Äh, ja, kann ich dir etwas zu trinken bringen?«

»Muss dir ja wichtig sein.«

»Keine Ahnung. Sollte es?«

»Deine Entscheidungen musst du schon selbst treffen.«

Perplex wandte er sich ab und entschied sich, sie einfach sitzen zu lassen. Aber natürlich nagte es an ihm, und eine Viertelstunde später passte er eine Pause ab, in der gerade niemand in ihrer Nähe stand und sie gelangweilt aus einem Fenster sah. Mit zwei Flaschen Bionade ging er zu ihr.

»Ihre Bestellung, Miss Untouchable.«

Sie nahm die Flasche entgegen. »Das war ja irre witzig.«

»Ist mir nicht aufgefallen«, gab er zurück. Dann setzte er sich ihr gegenüber in ein Fat-Boy-Kissen und starrte wortlos aus dem Fenster.

Nach fünf schweigsamen Minuten stellte sie ihre leere Flasche auf den Tisch.

»Das war gerade das intelligenteste Gespräch heute Abend«, sagte sie. »Danke für die Limo.«

»Muss dir ja wichtig sein«, entgegnete er mit einem Seitenblick auf sie.

Sie lachte auf. »Oh, ein Elefantenhirn. Was meinst du denn?«

»Dass du intelligente Gespräche führen kannst, ist dir wohl wichtig.«

»Dir nicht?«

»Ich höre mir den ganzen Tag intelligente Gespräche an, da kann ich abends gerne mal drauf verzichten.«

»Tja, tut mir leid, wenn ich dich langweile.«

Jetzt wandte sich Ben ihr zu. »So meinte ich es nicht.«

»Nein?«

»Ich studiere Jura und werde den ganzen Tag zugequatscht.«

»Medizin. Ich bin Juli.«

Er lächelte. »Nett. Heißt das, wir unterhalten uns jetzt?«

»Sieht wohl so aus, hm?«

»Ich frage mich, was du hier machst. Hast du etwas mit der Agentur zu tun? Ein Partytiger scheinst du ja nicht gerade zu sein.« Augenblicklich biss er sich auf die Zunge. Aber sie blieb gelassen.

»Bin ich nicht, stimmt. Und die Agentur kenne ich auch nicht. Im Programmkino ist ein tschechischer Kunstfilm mit finnischen Untertiteln ausgefallen, also wusste ich nicht, was ich sonst tun sollte.«

Ben zögerte. »Das meinst du jetzt nicht ernst.«

Juli sah ihn ausdruckslos an. »Meine ich nicht?«

Abermals stockte er. Dann sah er, wie Juli zwinkerte und grinste. »Nein, meinst du nicht!«

»Stimmt«, gab sie zu. Es folgte eine Pause. Dann setzte sie nach: »Es waren slowakische Untertitel.«

Nun lachte Ben auf, und so hatten sie sich kennengelernt.

In den folgenden Monaten waren sie in losem Kontakt geblieben und hatten sich immer mal wieder getroffen und sogar das eine oder andere Mal verabredet. Niemals allein, so weit ging die Freundschaft nicht, aber wenn sich eine kleine Gruppe fand, die im Stadtpark grillen wollte oder sich ein paar Kajaks für die Fleete auslieh, rief er sie an, und manchmal kam sie mit.

Ganz schlau war er nie aus ihr geworden. Er stellte nur fest, dass sie ebenso intelligent wie kritisch und äußerst zielstrebig war und auf lose Beziehungen und oberflächliche Freundschaften wenig Wert legte. Er hatte sich schnell eingestanden, dass sie ihm in ihrer Art überlegen und irgendwie eine Nummer zu groß war. Was sie suchte oder gebraucht hätte, war nichts, das er ihr bieten könnte, obwohl sie nur wenig älter war als er selbst, sechsundzwanzig höchstens. Er schätzte sie als Person, und wenn er ehrlich war, war sie die einzige Frau in seinem Bekanntenkreis, mit der er nicht verwandt war und die er trotzdem nie ins Bett bekommen wollte. Nun hatte er seit langer Zeit nichts mehr von ihr gehört, und als er sie im Café sitzen sah, musste er sie begrüßen.

»Hey, Juli. Wie geht’s?«

Sie schreckte auf. »Hi.«

»Arbeit für die Uni?«

Sie klappte das Notizbuch zu. »Nein, eigentlich nicht.«

Ben deutete hinter sich. »Wir sitzen dahinten, willst du nicht zu uns kommen?«

»Danke, aber heute nicht.«

»Ich habe lange nichts mehr von dir gehört«, sagte er, setzte sich und zündete sich eine Zigarette an. »Ich dachte schon, du bist gar nicht mehr in Hamburg.«

»Doch, bin ich. Aber ich bin die meiste Zeit am UKE.«

Er nickte.

»Wie sieht’s denn am Wochenende aus, hast du vielleicht mal Lust, mitzukommen, wenn etwas läuft?«

»Ehrlich gesagt … vermutlich nicht.«

»Ist was los?«

»Nein, ich habe im Moment nur wirklich keinen Kopf für Ablenkungen. Tut mir leid.«

Er zuckte mit den Schultern. Da war nichts zu machen. Sie zu überreden, würde nicht gelingen, und im Grunde wollte er ihr auch nicht hinterherlaufen.

»Darf ich?«, fragte er und streckte seine Hand nach ihrem Stift aus. Er schrieb seine Telefonnummer auf ein Streichholzbriefchen aus seiner Tasche. »Wenn du mal wieder Lust hast, kannst du ja anrufen, okay?«

Sie nahm das Briefchen und den Stift entgegen. »Alles klar, ich werde dran denken.«

Ben stand auf. »Gut, ich gehe dann mal wieder zu meinen Leuten. Mach’s gut und lass dich nicht stressen.«

»In Ordnung. Bis dann.«

Als Ben gegangen war, sah Juli ihm nur kurz hinterher. Dann schloss sie die Augen und suchte Anschluss an die Gedanken, die sie zuvor beschäftigt hatten. Tatsächlich wünschte sie nichts lieber, als sich den unbeschwerten Studentenvergnügungen hingeben zu können. Ben war ein netter Kerl, und die meisten Leute, mit denen er seine Zeit verbrachte, waren halbwegs vernünftig und nicht allzu simpel gestrickt. Aber nicht nur war ihr Studium anspruchsvoller geworden, auch hatten sich die Sorgen der letzten Wochen wie eine alles erstickende Decke um sie gelegt. Die praktische Arbeit im Krankenhaus half ihr zwar, einen geregelten Tagesablauf einzuhalten und sich zu konzentrieren, aber in den Zeiten dazwischen fühlte sie sich haltlos. Sie schlafwandelte durch den Tag, ihre Gedanken kreisten immer wieder um Maries Briefe, ihre Begeisterung, ihre Gedanken, Ideen, Erlebnisse und schließlich ihr entsetzliches Schweigen. Die Behörden, die Kollegen und auch ihre Eltern beruhigten sie, aber Juli fühlte, dass etwas nicht stimmte. Die besondere Verbindung zu ihrer Schwester war gekappt. Und es schien nichts zu geben, das sie tun konnte.

Juli blickte ziellos umher, bis ihr eine Tageszeitung ins Auge fiel, die jemand auf dem Tisch neben ihr liegen gelassen hatte. Sie nahm sie an sich und blätterte hindurch. Das Tagesgeschehen der Stadt ließ sie unberührt, ebenso wie die internationalen Meldungen über Krisenherde und politische Gespräche. Automatisch nahm sie die zunehmende Zahl von Werbeanzeigen zur Kenntnis, die sich um Medikamente, neue Therapiemethoden und private Kliniken drehten, Schönheitschirurgie, Augenlaser und Ganzkörper-Epilationslabors. Man bereitete sich offenbar auf die kommende Medizin- und Gesundheitsmesse vor.

Und dann blieb ihr Blick an einem Artikel hängen, der ihr einen Schauer über den Rücken jagte.

Sie las ihn, studierte das Bild und las ihn ein zweites Mal. Es waren nur wenige Zeilen, und sie fragte sich, ob ihre Verzweiflung sie Gespenster sehen ließ. Dennoch schrie etwas in ihr auf. Es war, als seien diese Zeilen nur für sie geschrieben, als höre sie Maries Stimme.

Hastig legte sie ein paar Münzen auf den Tisch, raffte ihre Sachen in ihre Tasche, stopfte die Zeitung dazu und machte sich auf den Weg zum Auto.

Die Plätze auf der Sonnenterrasse des Beachclubs waren schon wieder zur Hälfte gefüllt, obwohl es noch nicht Mittag war. Tom hatte erwartet, nach dem Vorfall am Tag zuvor irgendwelche Absperrungen vorzufinden, aber das war nicht der Fall; das Leben nahm hier weiter seinen Lauf, als sei nichts passiert. Nun, vielleicht war man hier sogar ganz froh, dass der Klub mal wieder in der Presse erwähnt wurde, und die jetzigen Besucher waren aus Sensationsgier gekommen. In der morbiden Hoffnung, noch einen zweiten Schuh vorbeitreiben zu sehen.

Tom ging zum Gebäude des DLRG und trat durch die offen stehende Tür.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte ein junger Mann.

»Ja, ich habe mich gestern mit einem Ihrer Kollegen unterhalten. Etwas größer als Sie, kurze blonde Haare, Medizinstudent. Ist er hier?«

»Sie meinen vermutlich Frank. Oder Robert, der studiert auch Medizin, meine ich. Sind aber beide heute nicht hier.«

»Gibt’s vielleicht eine Möglichkeit, die beiden zu erreichen? Eine Handynummer oder so?«

»Die Privatnummern dürfen wir nicht rausgeben. Ich kann sie höchstens selbst anrufen und ihnen sagen, dass Sie sie sprechen möchten … Um was geht es denn?«

»Ich war gestern hier, als der Fuß angespült wurde. Der Artikel und das Foto sind von mir. Ich hätte noch ein paar Fragen gehabt.«

»Dann sind Sie Journalist, hm? Aber die Polizei war gestern schon hier, nachdem wir den Vorfall gemeldet hatten. Die kümmert sich darum.«

»Wissen Sie denn, was mit dem Fuß passiert ist?«

»Den haben sie mitgenommen, um ihn zu untersuchen. Müssen ja herausfinden, von wem er ist. Ich glaube, sie wollten auch DNA-Analysen von Gewebeproben machen lassen oder so was.«

»Sie haben vermutlich keine Ahnung, wo, oder?«

»Nein, das müssen Sie die Polizei fragen. Aber wissen Sie denn, was es mit dem Fuß auf sich hat? Scheint ja recht wichtig zu sein, hm? Heute war schon eine Frau hier, die wollte das Gleiche wissen.«

Ärgerlich!, dachte Tom. »Hat sie gesagt, von welcher Zeitung sie kam?«

»Nein. Aber wenn’s Ihnen um eine Story geht, sollten Sie sich jetzt beeilen. Immerhin hat sie eine gute Stunde Vorsprung.«

Tom machte sich nicht die Mühe, in die Stadt zu fahren, um der Sache nachzugehen. Stattdessen rief er bei der für Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Stelle der Hamburger Polizei an und fragte sich durch. Schließlich hatte er jemand gefunden, der den Vorfall kannte und dem erklärte er, er wolle einen Bericht über die Sache schreiben, und ob es eine Möglichkeit gäbe, das fragliche Leichenteil einmal zu sehen. Natürlich stand das außer Frage, aber die Antwort war trotzdem hilfreich: Der Fuß oder das, was davon übrig war, befand sich im Rechtsmedizinischen Institut des Universitätsklinikums Eppendorf zur Analyse. Das war alles, was Tom wissen wollte.

Kurz nachdem Tom das Gespräch beendet hatte, erhielt Hauptkommissar Berger ein Memo per E-Mail. Er öffnete die Nachricht, überflog den Inhalt und verzog das Gesicht. Dann machte er sich einige Notizen. Er setzte eine Anweisung auf, ihm die verfügbaren Informationen über Tom Hiller zusammenzutragen. Schließlich schrieb er eine weitere E-Mail. Sie war adressiert an den Polizeipräsidenten und an dessen direkten Vorgesetzten, den Hamburger Innensenator. Berger hoffte, dass die Nachricht ihre Wirkung nicht verfehlte und die richtigen Räder in Bewegung setzen würde.

Eine dreiviertel Stunde später lief Tom über das weitläufige Gelände des Universitätsklinikums und suchte Haus N81. Zwischen den zahllosen Bürogebäuden und Grünflächen durchquerten zahlreiche Straßen und sogar ein Shuttlebus die Anlage. Das Gelände war so groß, wie man es sonst nur von geschlossenen Industriekomplexen kannte.

Am zweistöckigen Gebäude des Rechtsmedizinischen Instituts erwartete ihn eine mit Chipkarte gesicherte Glastür, die ihm ein Pförtner von innen mit einem Summer öffnete.

Als Tom an den Empfangstresen trat, war dort bereits eine junge Frau im Gespräch. Er blieb ein Stück weit zurück und sah sich um. Das Ganze wirkte eher wie eine Behörde als wie ein Gebäude, in dem Leichen aufgeschlitzt und zerteilt wurden. Tom war nicht zimperlich, aber der Gedanke daran ließ einen Schauer über seinen Rücken laufen. »… ist der Fuß denn hier eingetroffen?«

Tom fuhr herum. Sprach die Frau über den Fuß?

»Du weißt doch, dass ich darüber keine Auskunft geben darf«, antwortete der Mann hinter dem Tresen.

»Mensch, Frank, du kennst mich doch. Ich möchte nur wissen, wer daran arbeitet.«

Der Mann schüttelte den Kopf. »Ich kann dir echt nicht helfen. Vielleicht, wenn du Professor Heide fragst, aber der ist erst morgen wieder da.«

Die Frau blieb noch einen Augenblick unschlüssig stehen.

»Wirklich, Juli«, wiederholte er. »Komm einfach morgen noch mal, dann kann ich den Professor für dich erreichen.«

»Na gut.« Sie nickte. »Danke trotzdem.« Dann wandte sie sich um und wäre beinahe mit Tom zusammengestoßen. Dabei rutschte ihre Tasche von der Schulter und fiel zu Boden. Ein Stapel Zeitschriften, Blöcke und allerlei kleinere Utensilien schlitterten heraus.

»Oh, tut mir leid«, sagte Tom. Er bückte sich und half ihr dabei, die Gegenstände einzusammeln. Sofort fielen ihm einige Details auf: Harvard Business Manager, Spektrum der Wissenschaft, Newsweek. Spiralblöcke mit gelochtem Rand, ein abgegriffenes Moleskine-Notizbuch, ein Federmäppchen, ein Portemonnaie, ein Handy. Keine losen Accessoires wie Lippenbalsam, Handcreme, Bürste oder Tampons. Vermutlich eine dieser unausstehlich streberhaften Studentinnen, die zum Lachen in den Keller gingen und lieber als Mann auf die Welt gekommen wären.

»Danke«, sagte die junge Frau, während sie die Sachen entgegennahm und alles wieder einpackte. Sie nickte ihm noch einmal zu, dann ging sie zur Tür.

»Warten Sie!«, rief Tom ihr hinterher, der noch ein Streichholzbriefchen auf dem Boden entdeckte. »Hier sind noch Ihre Streichhölzer.«

Sie drehte sich um, zögerte offenbar, ob sie noch einmal zurückkommen sollte, winkte aber schließlich ab. »Danke, aber … ach, behalten Sie sie ruhig.« Dann war sie verschwunden.

Tom zuckte mit den Schultern. Er lehnte sich mit einem Arm auf den Empfangstresen, sah der Frau durch die Glasfront hinterher und wandte sich dann wie beiläufig an den Portier.

»Sind eigentlich alle hinter diesem verdammten Fuß her? Kaum steht mal was in der Zeitung … unfassbar.« Er setzte eine ernste Miene auf. »Tom Hiller. Doktor Hiller. Professor Heide schickt mich«, erklärte er dann. »Er möchte die Befunde über diesen Fuß vom Elbstrand geschickt bekommen. Per Mail oder Fax. An wen muss ich mich wenden?«

Der Mann sah ihn ausdruckslos an. »Ich sage ihm Bescheid«, meinte er. »Dann kann er selbst runtergehen und sie sich im Labor abholen.«

»Abholen? Aber wieso ist er hier? Er hat mich doch vor einer halben Stunde angerufen …?«

»Wohl kaum.«

»Aber Sie haben doch eben selbst gesagt, dass er erst morgen zurückkommt.«

»Weil er den ganzen Tag in einer Sitzung im ersten Stock ist.«

»Dann …«, Toms Gedanken kreisten wild. »Dann hat er mich vermutlich auch gar nicht angerufen …?«

»Vermutlich.«

Tom schlug mit der Hand auf den Tresen und sprach halblaut zu sich selbst. »Verdammt, Denis, du Bastard.« Und wieder an den Portier gerichtet: »Tut mir leid, mein Kollege aus der Urologie hat sich wohl einen Spaß erlaubt. Macht er öfter, seit er mich mal untersucht hat. Hat vermutlich tiefenpsychologische Gründe. Neidreaktion, wissen Sie.«

Der Portier reagierte nicht.

Tom verzog den Mund zu einem künstlichen Grinsen, dann verließ er das Gebäude und machte sich auf den Weg in seine Wohnung.

Tom lehnte sich zurück und streckte sich. Die Recherche im Netz hatte ihm keine brauchbaren Hinweise geliefert. Ähnliche Fälle gab es in Hamburg keine, und auch über die seltsame Violettfärbung des Fleisches war nichts in Erfahrung zu bringen. Er würde einen Experten zurate ziehen müssen. Dazu war es nun allerdings zu spät.

Er stand auf, ging zum Kühlschrank und holte sich ein Bier. Zurück im Wohnzimmer steckte er sich eine Zigarette an. Dabei fiel sein Blick auf das Streichholzheftchen, das ihm die Frau im UKE überlassen hatte. Eine Mobilnummer stand auf der Rückseite.

Also gut, überlegte er, wenn es eine deutliche Anmache gab, dann war es wohl diese. Andererseits hatte sie nicht so ausgesehen. Und Zeit, die Nummer extra für ihn aufzuschreiben, hatte sie auch nicht gehabt. Oder hatte sie ihn schon länger beobachtet und wollte ihn kennenlernen?

Er nahm einen Schluck.

Hässlich war sie nicht gewesen. Und vielleicht konnte sie ihm durch ihre Kontakte am UKE sogar weiterhelfen?

Einen Versuch war es wert, entschied er, was auch immer dabei heraussprang.

»Ja, hallo?«, ertönte eine männliche Stimme am anderen Ende der Leitung.

Mist, fluchte Tom innerlich. Jetzt hatte er ihren Kerl am Apparat. Er räusperte sich. »Äh, ja, hallo, hier ist Tom Hiller. Ich suche eine Frau und habe nur diese Nummer hier …«

»Was ist das denn für ein Quatsch?«

Tom improvisierte. »Ich habe eine Tasche gefunden, eine Handtasche, und ich möchte sie zurückgeben.«

»Eine Handtasche? Und da war kein Ausweis drin?«

»Äh, nein, lag im Graben, ausgeräubert, bestimmt gestohlen. Kein Portemonnaie oder so. Die Nummer stand auf einem Streichholzheftchen, das noch drin war.«

»Streichhölzer, sagen Sie?«

»Ja genau.«

»Wie sehen sie denn aus?«

»Blau. Steht NIL drauf.«

»Okay … ja, die sind von mir. Und die Nummer auch, wie Sie sehen. Aber die Handtasche können Sie behalten, danke.«

»Wissen Sie, wem die Tasche gehört?«

»Na, einer unbekannten Blonden habe ich sie bestimmt nicht zugesteckt, wenn Sie das meinen.«

»Hören Sie, ich würde die Frau gerne kontaktieren. Sicher möchte sie ihre Tasche wieder zurückhaben.«

»Tja, tut mir leid, aber ich kann mir vorstellen, dass sie nicht drauf steht, wenn ich ihre Nummer weitergebe … wir machen es anders, okay? Ich schreibe mir Ihre Nummer vom Display ab und sage ihr Bescheid, dann kann sie sich melden.«

Und die Handtaschenstory fliegt auf, dachte Tom. »Also mir wäre es wirklich lieber, wenn ich …«

»Nein, kommt nicht infrage. Ich sage ihr Bescheid. Kann aber auch morgen werden. Also…«

»Gut, danke …«

Entnervt setzte Tom sein Bier an, da klingelte sein Telefon.

Überrascht hob er ab.

»Hallo, bin ich da richtig bei Tom Hiller?«, fragte eine Frauenstimme.

»Ja, ganz recht.«

»Mein Name ist Julia Thomas«, erklärte die Frau. »Ich rufe an wegen des kurzen Artikels über den abgerissenen Fuß, der am Elbstrand gefunden wurde. In der Redaktion sagte man mir, Sie hätten ihn geschrieben.«

»Eine Privatnummer hat man Ihnen dort aber sicher nicht gegeben.«

»Nein, aber im Telefonbuch gibt es nur einen Tom Hiller, der sich als Journalist hat eintragen lassen.«

»Verstehe. Und um was geht es?« Ihm kam ihre Stimme bekannt vor.

»Dann ist der Artikel also von Ihnen?«

»Ja.«

»Können Sie mir noch mehr über den Fund erzählen? Hat man ihn schon untersucht?«

»Es gibt noch keine offiziellen Aussagen …« Konnte es die Frau aus dem UKE sein?

»Ja, ich weiß. Aber wissen Sie vielleicht schon mehr?«

»Ich bin Journalist«, holte Tom aus, »ich habe immer meine Quellen. Und verdiene damit mein Geld. Ich wüsste nicht, warum ich Ihnen davon erzählen sollte.«

»Sind noch andere Teile gefunden worden außer diesem Fuß?«

»Gestern war es nur der Fuß. Aber inzwischen waren Taucher vor Ort.« Das war zwar glatt gelogen, machte die Geschichte aber deutlich spannender, fand Tom.

»Und?«

»Ich darf es Ihnen nicht sagen. Aber warum warten Sie nicht einfach meinen nächsten Artikel ab?«

»Mir ist es wirklich wichtig! Ich arbeite am UKE, und dieses Vorkommnis betrifft möglicherweise mein Studiengebiet.«

»Warum wenden Sie sich dann nicht ans Rechtsmedizinische Institut? Dort wird sicher an der Sache gearbeitet.«

»Dort war ich schon. Aber der Professor, der mir helfen könnte, ist erst morgen wieder da.«

Bingo, das ist sie! Was für ein Glück, dass sie sich bei ihm gemeldet hatte, nun konnte er sie sogar ein wenig zappeln lassen.

»Tja, dann müssen Sie sich vielleicht etwas gedulden – falls man Ihnen dort überhaupt Informationen gibt.«

»Im Artikel ist eine Verfärbung erwähnt«, fuhr die Frau unbeirrt fort.

»Ja, das kommt schon mal vor.«

»Sagen Sie, waren Haut und Gewebe leicht violett?«

Die Frage ließ Tom zusammenzucken. Wusste sie etwas von ähnlichen Fällen? Oder hatte die Verfärbung eine besondere medizinische Bedeutung? Ganz offenbar war sie ebenso wie er auf einer Spur.

»Die Art der Verfärbungen ist polizeiliche Verschlusssache«, sagte er. »Wie ich schon sagte, darf ich Ihnen keine weiteren Details geben …« Er machte eine bedeutungsvolle Pause. »Ich müsste mehr über Sie wissen und was Sie mit den Informationen anfangen möchten.«

»Ich … Ich schreibe meine Dissertation über spezielle pathologische Phänomene … Das führt zu weit, wenn ich das jetzt alles erkläre.«

Tom spürte, dass das nicht die Wahrheit war. Er musste sie dazu bringen, ihm weiterzuhelfen, ihn vor allem an die Daten aus dem Institut bringen. Aber dazu musste er auch etwas anzubieten haben. Und das war leider nicht der Fall.

»Ich bin einer kriminalpolizeilichen Sache auf der Spur«, fabulierte er, »ein paar mehr Informationen habe ich also durchaus. Die aktuellen Untersuchungsergebnisse der Pathologie könnte ich aber ehrlich gesagt noch gebrauchen …«

»Wenn ich morgen mehr erfahre, können wir uns ja vielleicht austauschen?«

»Na ja, ich weiß nicht, in ein paar Tagen bekomme ich die Daten ohnehin …«

»Aber nicht so schnell, richtig? Wie wäre es, wenn wir uns morgen treffen? Vielleicht können Sie ja sogar mitkommen zum UKE?«

Tom schaute zur Decke. »Mein Terminkalender ist ziemlich voll. Ich weiß gar nicht, ob ich morgen Zeit hätte … also da wäre höchstens gegen halb elf eine Lücke …«

»Halb elf ist prima! Treffen wir uns direkt beim Institut?«

»Ja, gut.« Er zog die Worte in die Länge, um eine Resignation anzudeuten.

»Also dann, bis morgen!« Sie legte auf.

Geschafft! Fast lachte er laut auf. Die Kleine schien es ganz besonders eilig zu haben. Umso besser!

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