Kapitel 8 Tagebuch von Marie Thomas – Brasilien, 14. Mai

Nach meiner Entdeckung gestern Nacht habe ich heute Susan aufgesucht und sie um ein Gespräch gebeten. Ich musste wissen, was es mit der Verbrennung und dem seltsamen Ritual auf sich hatte.

Erst wirkte sie entsetzt, dass ich sie beobachtet hatte, aber dann wurde ihr natürlich klar, dass sie es nicht abstreiten und weiter vor mir verheimlichen konnte. Also hat sie mich beiseitegenommen und es mir bei einem Spaziergang erzählt.

Der Mann, den ich gesehen hatte, ist ein alter Schamane. Nachdem ihn die Nachricht von unserem Fund erreicht hatte, war er ins Dorf gekommen und schließlich zu Susan. Seiner Überzeugung nach seien die Leiche und ihr Zustand ein Zeichen, dass der Chupacabra zurückgekehrt sei. Die Leiche müsse verbrannt und von den Flammen rituell gereinigt werden, damit er die Spur verliert. Denn der Chupacabra riecht den Tod und kehrt immer wieder dorthin zurück, wo er die Reste seiner Mahlzeiten zurückgelassen hat.

Der Chupacabra ist wohl so eine Art mythologische Bestie, die üblicherweise das Vieh der Bauern reißt, aber manchmal auch Menschen angreift.

Der Schamane ist ein hoch angesehener Mann bei den Indios im Dorf und auch bei denen, die bei uns im Camp arbeiten. Seine Meinung wird von allen respektiert und seine Furcht von allen geteilt. Um ihn und die anderen zu beruhigen, hatte Susan dem Ritual zugestimmt.

Falls im Laufe der nächsten Tage die Polizei aus Manaus eintrifft, würde sie sagen, sie hätte die Leiche aufgrund von Gesundheitsbestimmungen und einer möglichen Ansteckungsgefahr verbrannt. Das würde sie auch den anderen im Camp so erklären, und es sei das einfachste, wenn ich es ebenfalls so halten und nichts von meiner nächtlichen Exkursion erwähnen würde.

Ich habe sie gefragt, ob sie denn der Sache nicht nachgehen will, zumal es ja vielleicht auch ein Mord gewesen sein kann. Aber Susan wollte nichts davon wissen. Der Urwald sei zu groß, um Spuren zu finden, und außerdem, sagte sie, wäre man auf sich allein gestellt, denn keiner der Einheimischen würde mitkommen wollen, denn sie hätten viel zu viel Angst, den Chupacabra ins Dorf zu locken.

Nun ist die Leiche also verbrannt, und der Fußboden des Lagerraums wird gerade mit Bleiche oder Chlor oder etwas Ähnlichem gereinigt. Ich vermute aber, dass der Gestank trotzdem noch lange haften bleiben wird.

Ich werde das Gefühl nicht los, dass Susan mir immer noch nicht alles gesagt hat, was sie weiß. Sie wirkte zu eifrig, mir ihre Geschichte so einfach wie möglich zu erzählen und alles Weitere abzuwiegeln. Man sollte meinen, dass man eine so außergewöhnliche Sache nicht allzu oft erlebt und sie nicht mit einer solchen Selbstverständlichkeit abhandelt. Susan wirkte so gefasst, als handle es sich um eine seltene, aber durchaus bekannte Routine. Auch dass ausgerechnet Dr. Paulsen in der Nacht dabei war, einer, der schon genauso lange im Camp arbeitet wie sie, scheint mir merkwürdig.

Am Nachmittag bin ich ins Dorf gegangen. Im Grunde geht das Dorf in unser Camp über, unsere Häuser stehen etwas außerhalb, was wohl einmal so angelegt worden war, um Kranke einerseits isolieren, sie aber andererseits in Sichtweite ihrer Angehörigen behalten zu können.

Ich suchte Elvira, die geholfen hatte, den Leichnam nass und damit kühl zu halten. Entweder sie wusste zu dem Zeitpunkt noch nichts vom Chupacabra oder sie kümmerte sich nicht um das Gerede der anderen. Von ihr ließ sich vielleicht mehr erfahren. Sie arbeitet nur gelegentlich im Camp, und da sie heute nicht da war, hoffte ich, sie im Dorf zu treffen.

Aber die Straße war leer. Die Kinder spielten nicht, sondern drückten sich in den Hauseingängen herum. Niemand war unterwegs, niemand beschäftigt. Nur die voluminöse Tia Velha saß vor ihrer Hütte auf ihrem Aluminiumstuhl, dessen Sitzfläche aus bunt geflochtenen Plastikschnüren sich weit durchwölbte. Tia Velha ist vermutlich die Dorfälteste, aber alle halten sie für beschränkt, und niemand kümmert sich um sie. Sie wird Alte Tante genannt, aber wir wissen nicht, mit wem sie tatsächlich verwandt ist, vielleicht mit allen, vielleicht mit niemandem. Bevor es das Camp und den Aluminiumstahl gab, hat sie sicher auch schon dort gesessen, auf einem Holzschemel vermutlich, und genauso beständig über den Unsinn der Welt nachgedacht und vor sich hin gelächelt.

Die uralte Tia Velha schert sich nicht um das, was alle tun oder denken, und es wunderte mich nicht, dass sie da saß wie an jedem anderen Tag auch, obwohl ganz offenbar etwas im Dorf vor sich geht. Ich habe mich neben sie auf den Boden gesetzt, mit dem Rücken an ihre Hütte, und mich mit ihr unterhalten. Das ist nicht leicht, weil sie nur ganz wenige Brocken Portugiesisch spricht, die sie irgendwann im Laufe der tausend Jahre ihres Lebens aufgeschnappt hat, und dass sie nur noch drei dunkle Zähne im Mund hat, hilft ihrer Artikulation auch nicht gerade.

Aber irgendwie habe ich das Gefühl, sie mag mich. Jedenfalls lacht sie mich immer an, und das ist kein Reflex, denn bei anderen Weißen macht sie das nicht.

Wie dem auch sei, jedenfalls hat sie mir nach einer Weile zu verstehen gegeben, dass Elvira nicht da sei, sondern mit dem Geist in den Wald gegangen sei, was auch immer das bedeuten sollte. Als ich sie dann über das Ritual befragte und mich nur mit einfachen Worten wie »Feuer« und »Nacht« verständlich machen konnte, sah sie mich erst fragend an.

Ich wusste nicht weiter, also ahmte ich den Singsang des Schamanen und seine verklärten Gesten nach. Da begann Tia Velha plötzlich zu lachen. Ja, den kenne sie, gab sie mir zu verstehen, die Geister des Waldes seien gekommen. Ich weiß nicht, ob sie nun den Chupacabra oder den Schamanen meinte. Mal sagte sie Geist, mal Geister. Was das Feuer bedeute, wollte ich noch einmal wissen. Dann brabbelte sie etwas von den Jahreszeiten oder etwas Ähnliches und von dem Feuer, den Geistern und deren Haus und wies in den Wald.

Ich wurde nicht schlau aus ihr, aber beunruhigt schien sie nicht zu sein. Ob sie denn keine Angst habe, wollte ich von ihr wissen, denn es schien mir offensichtlich, dass die anderen Dorfbewohner aus abergläubischer Furcht in ihren Hütten blieben. Daraufhin lachte Tia Velha, deutete an sich herunter, hob mit den Händen eines ihrer Beine an, ließ es wieder fallen, hob dann mit einer Hand einen ihrer Arme an, wackelte an ihm wie an einer losen Zaunlatte, ließ ihn wieder fallen und entblößte dann ihre dunklen Zahnstummel. An so etwas, meinte sie lachend, hätten die Geister kein Interesse.

Dann ergriff sie plötzlich meinen Arm und sah mich ernst an. Ich solle nicht gehen, sagte sie eindringlich. Wohin, das sagte sie nicht. Nur immer: »Geh nicht!« Und dann hörte ich einen Namen aus ihrem Genuschel: »Oliver.«

Ich wusste nicht, wen sie meinen könnte, denn wir haben keinen Oliver im Camp, und dass einer der Indios so heißen sollte, wäre mir neu gewesen.

Ich nahm mir vor, Susan darauf anzusprechen, aber als ich auf dem Rückweg von Tia Velha war, fiel mein Blick wieder auf den Waldweg, den ich in der Nacht gegangen war.

Ohne dass ich mir einer gezielten Entscheidung bewusst gewesen wäre, führten mich meine Beine zum Waldrand. Ich sah die Schneise entlang, die bei Tageslicht so viel breiter und freundlicher wirkte, und wie von unsichtbaren Fäden gezogen, ging ich voran. Ich hatte das Gefühl, als spürte ich Augen in meinem Rücken und schlenderte absichtlich beiläufig, so als wolle ich mich bei etwas Verbotenem nicht erwischen lassen. Dabei war ich diesen Weg schon zig Mal gegangen und noch viel häufiger gefahren. Aber heute war irgendetwas anders als sonst.

Nach einigen Hundert Metern gelangte ich an den abzweigenden Trampelpfad zu meiner Linken. Ich ertappte mich dabei, einen Blick zurück auf das Camp zu werfen, das ich am Ende der Schneise sehen konnte, dann schlüpfte ich zwischen die Bäume.

Der Pfad war kaum erkennbar, nur die niedergetretenen Gräser und Farne am Boden zeugten davon, dass in der letzten Nacht Menschen hier entlanggegangen waren. Ich fragte mich, wie ich den Weg in der Dunkelheit so zielsicher gefunden hatte. Aber indem ich dem Gesang und später dem Lichtschein gefolgt war, war ich vielleicht auch querfeldein gelaufen.

Bald drang mir ein beunruhigender Geruch in die Nase, rauchig und würzig, und als ich bald darauf die ehemalige Lichtung erreichte, sah ich die Überreste des Holzstapels. Er war vollkommen in sich zusammengefallen, ein großer Haufen weißer Asche, der eine Rauchfahne absonderte, die sich bis hoch in die Bäume schlängelte. Der Geruch nach verbranntem Fleisch überlagerte nun alles und ließ mich würgen. Mit vorgehaltener Hand trat ich näher und erschauderte, als ich zwischen der Asche und einigen verkohlten Holzresten einen langen, geschwärzten Knochen herausragen sah. Das Feuer war nicht heiß genug gewesen, um ihn zu verbrennen. Auch der Schädel würde sicher noch erhalten sein. Ich wandte den Blick ab, um ihn nicht entdecken zu müssen.

Ich wusste nicht, was mich hergeführt hatte, welche Neugier, welcher Irrsinn. Aber ich hatte dieses unerklärliche Bedürfnis, zu verstehen, was geschehen war.

Ich ließ meinen Blick über die Lichtung schweifen. Das einstige Ackerland war mit Gräsern und niedrigen Sträuchern überwuchert. Ich ging ziellos umher. Warum mieden die Indios diesen Platz, hatten ihn verfallen lassen? Waren die Ernten nicht gut gewesen? Fürchteten sie etwas?

Und dann sah ich, was alles erklärte und doch gar nichts: Ich trat auf einen Ast, der keiner war. Bleicher Knochen leuchtete zu mir herauf, umgeben von schwarzen Holzresten. Ich hatte einen alten Scheiterhaufen gefunden. Und als ich mich umsah, erkannte ich überall auf der Lichtung die Stellen, die sich im Bewuchs vom Rest des Untergrunds unterschieden.

Dies war lange schon keine normale Lichtung mehr, sondern ein Friedhof! Heiliger oder unheiliger Boden, wer konnte das wissen, aber hier waren schon mehr Leichen verbrannt worden, womöglich alle mit einer ähnlichen Zeremonie. Üblicherweise verbrennen die Indios ihre Toten nicht – mit diesem Ort hatte es also ganz eine besondere Bewandtnis. War der Chupacabra schon so oft gekommen? Und wie viel weiß Susan darüber? Löwenstraße, Eppendorf, Hamburg, 23. Juli

Tom wachte auf, weil er Durst hatte. Er orientierte sich kurz. Neben ihm lag Juli und atmete kaum hörbar. Er setzte sich auf, erhob sich behutsam aus dem niedrigen Bett und ging in die Küche. Er ließ das Wasser am Spülbecken einen Moment laufen, bis es kalt genug war, dann füllte er sich ein Glas und trank es in einem Zug leer.

Die LED-Anzeige am Radio zeigte kurz nach vier Uhr an. Die friedlichste Zeit der Nacht. Der Mond schien in den kleinen Raum und hüllte alles in einen unwirklichen Schein. So unwirklich wie die Liebesnacht, die er gerade erlebt hatte, unerwartet, ohne Umschweife, fordernd und doch erstaunlich sanft und intensiv.

Es waren seltsame Wege, die das Leben nahm. Innerhalb kürzester Zeit war aus einer Geschichte mit einem abgerissenen Fuß und einer forschen Studentin ein Abenteuer ganz anderer Art geworden, eines, das ihn im Innersten berührte. Er war sich nicht sicher, ob es ihn nachhaltig beeinflussen würde, ob er es überhaupt wollte. Aber dass es ihn berührte, daran bestand kein Zweifel. Nachdem Anne ihn verlassen hatte, war sein Interesse an anderen Menschen, insbesondere an Frauen auf den absoluten Nullpunkt gesunken. Anne hätte behauptet, das sei vorher auch schon nicht anders gewesen, aber er wusste, dass es nicht stimmte. Er hatte sich bemüht. Einen Job, in dem man sich täglich beweisen und um den nächsten Auftrag kämpfen musste, und eine Frau, die ständig ihren Anteil an Aufmerksamkeit einforderte, waren zeitgleich nicht leicht und schon gar nicht immer mit Ruhe und großer Einfühlung zu handhaben. Er musste Prioritäten setzen wie jeder andere Mensch auch. Und dass in Annes Freundeskreis dann die Heirats- und Kinderwunsch-Welle ausgebrochen war, hatte die Situation nicht vereinfacht. Er hatte sich weiß Gott bemüht, hatte Termine abgesagt, Kinokarten besorgt, war mit ihr am Samstag einkaufen gewesen, wenn er stattdessen hätte recherchieren und Artikel vorbereiten müssen. Am Ende hatte sie ihn angeklagt, nur halbherzig bei der Sache zu sein, sich überhaupt nicht mehr wirklich für ihre Belange zu interessieren. Sie hatte ihm Kälte und Lieblosigkeit vorgeworfen, hatte dann begonnen, abends selbstständig etwas zu unternehmen, und als sie eines Morgens erst um sechs Uhr nach Hause kam, hatte sie ihm erklärt, dass es da einen anderen Mann gäbe und dass Tom im Grunde schuld daran sei. Damit löste sich alles auf, und wenige Tage später war Anne zügig und spurlos wie der Morgennebel aus seinem Leben verschwunden.

»Was ist los?«

Tom fuhr herum, als er hinter sich Julis Stimme hörte.

Sie hatte sich ihr T-Shirt übergezogen, das sie aus dem Bad geholt haben musste, und sah ihn an. »Alles okay?«

Tom nickte. »Ja klar. Ich hatte nur Durst.«

Juli ging an ihm vorbei, füllte sich ebenfalls ein Glas mit Wasser und blickte aus dem Fenster.

»Ich brauchte das«, sagte sie nach einem Moment der Stille. »Ich hoffe, du kommst damit zurecht.«

Tom wusste nicht, was er sagen sollte. »Ja, sicher«, war alles, was er herausbrachte.

Sie drehte sich zu ihm und legte eine Hand auf seine Brust. »Danke.« Dann ging sie in den Flur.

Tom sah ihr irritiert hinterher.

Plötzlich verharrte sie. Sie hob ihre rechte Hand und beugte sich nach vorn. Dann winkte sie.

»Was ist los?«, fragte Tom und ging zu ihr, aber Juli drehte sich zu ihm um und legte einen Finger auf ihren Mund.

Dann hörte er es auch. An der Tür waren Kratzgeräusche zu vernehmen. Jemand versuchte, das Schloss zu öffnen!

Tom griff Juli an der Schulter.

»Die Brasilianer! Abhauen, los!«, drängte er und zerrte sie in Richtung des Schlafzimmers.

»Meine Sachen!«, stieß sie aus und hastete hinüber ins Badezimmer, aus dem sie gleich darauf mit ihren eilig zusammengeklaubten Kleidungsstücken herauskam.

»Los, los«, rief Tom aus dem Schlafzimmer, während er noch den letzten Knopf seiner Jeans schloss, in die er geschlüpft war. »Auf den Balkon!«

Er öffnete die Fenster, und nun sah Juli, dass sich dahinter ein nur wenige Quadratmeter großer Balkon befand, auf den sie hinaustraten.

»Und jetzt?«

»Rüberklettern!«, rief Tom, hielt sich mit einer Hand an der Wand fest und bestieg das Geländer. Mit einem kleinen Sprung war er auf dem Nachbarbalkon angekommen. »Komm schon!«, rief er und winkte.

Juli hatte ihre Sachen unter einen Arm geklemmt und tat es ihm gleich. Die Geländer waren kalt unter den blanken Füßen, aber wenigstens fand sie sicheren Halt.

»Vom letzten Balkon aus kommt man auf das Dach da drüben«, erklärte Tom und kletterte weiter.

Eilig folgte Juli ihm. Sie bemühte sich, ihren Blick nicht nach unten zu richten, aber es war unmöglich zu ignorieren, dass sie sich mindestens zehn Meter über dem Boden befanden. Ein Fehltritt wäre verhängnisvoll.

Einige Augenblicke später hatten sie die letzte Wohnung erreicht. Wie Tom beschrieben hatte, war es möglich, von hier aus auf das etwas niedrigere Flachdach des direkt angrenzenden Gebäudes zu springen. Tom wartete dort schon auf sie. Nach kurzem Zögern sprang sie. Ihr T-Shirt rutschte hoch, die kalte Nachtluft fuhr über ihre nackte Brust darunter, und ein wenig ungeschickt landete sie zwischen Toms Armen, der sie abfing. Aber weder er noch Juli hatten Sinn für den Reiz des Moments.

»Los, weiter«, rief er, und noch während er Juli am Handgelenk fasste, bellte ein Knall durch die Nacht.

»Schießen die etwa?«, rief Juli atemlos. Sie stolperte Tom hinterher und versuchte gleichzeitig, sich umzudrehen.

»Auf jeden Fall sollten wir nicht stehen bleiben, um es herauszufinden. Komm mit!«

Sie hasteten über das Dach. Tom führte sie zu einem weiteren Balkon auf der anderen Seite. Hinunter auf eine Dachterrasse, dann zu einem neuerlichen Balkon und schließlich auf das Dach einer Garage und von dort aus auf die Straße. Juli musste bei der waghalsigen Klettertour ein Höchstmaß an Konzentration aufbieten. Aber Tom drängte sie sogleich zum Weiterlaufen.

»Wo willst du hin?«, rief sie ihm hinterher, aber Tom machte sich nicht die Mühe zu antworten. Er fischte einen Gegenstand aus seiner Jeans, als hinter ihnen laute Rufe über die Straße hallten. Dann bellte ein weiterer Schuss, und dieses Mal hörte Juli die Kugel unweit von ihnen am Asphalt abprallen.

Juli widerstand dem Drang, sich umzudrehen, und beschleunigte stattdessen ihren Lauf.

Tom bog um eine Straßenecke, und als Juli ihn erreichte, sah sie, dass er auf sein dort geparktes Auto zulief, dessen Lichter gerade aufblitzten. Sie bekam die Türklinke zu fassen, als Tom bereits den Motor startete. Sie warf sich hinein, zog die Tür hinter sich zu, Tom schlug die Reifen ein und gab Gas. Wenige Augenblicke später hatten sie die Wohnstraße verlassen.

Während Tom an einer Ampel stehen blieb, schlüpfte Juli in ihre Kleider. Sie streifte gerade ihre Jeans über den Po, als Tom plötzlich beschleunigte und sie in den Sitz gepresst wurde.

»Pass doch mal auf!«, stieß sie aus.

»Sie sind hinter uns«, rief Tom.

Juli drehte sich um. Auf der menschenleeren Straße war das Auto ihrer Verfolger deutlich daran zu erkennen, dass es Toms wiederholtem Spurwechsel folgte und beständig näher kam.

»Und jetzt?!«

»Wir müssen in die Innenstadt«, sagte Tom.

»Wir können doch in die City Nord fahren, zum Präsidium.«

»Keine Chance.« Tom überholte ein Taxi mit inzwischen neunzig Stundenkilometern. »Da ist jetzt Totentanz. Wir müssen unter Menschen!«

Juli sah, wie die Brasilianer – jedenfalls vermutete sie, dass es die Brasilianer waren – ebenfalls weiter beschleunigten. Auf den verlassenen Straßen zu dieser Uhrzeit würden sie ein leichtes Spiel haben, sie einzuholen.

Unterdessen jagte Tom weiter die Straße hinunter, ignorierte rote Ampeln und scherte sich nicht um Verkehrsregeln. Im Gegenteil, es wäre ihnen sogar gelegen gekommen, wenn die Polizei auf sie aufmerksam geworden wäre.

»Du kannst sie nicht abhängen«, rief Juli, die die Manöver der Brasilianer hinter ihnen beobachtete.

Plötzlich bremste Tom. Juli wurde in den Gurt gepresst. Sie sah nach vorn. Tom fuhr auf die roten Lichter eines Wagens zu. Vor ihnen befand sich die Ampel einer Baustelle. Die Straße war bis auf eine schmale Durchfahrt gesperrt und im Augenblick nur für den Gegenverkehr freigegeben.

»Verdammt«, fluchte Tom. Es gelang ihm gerade noch abzubremsen, um nicht auf den stehenden Wagen aufzufahren. Die Straße vor ihnen war wie ausgestorben. Kurz entschlossen gab er wieder Gas, scherte aus und raste durch die Gasse.

Die Brasilianer preschten ebenfalls auf die Baustelle zu. Kurz bevor sie sie erreichten, sprang die Ampel auf Grün um, und der wartende Wagen fuhr an.

Juli beobachtete über die Schulter hinweg, wie sich ihre Verfolger mit rasendem Tempo gerade noch an dem anderen Wagen vorbeidrängten, dabei einen heftigen Schlenker machten und einige der rot-weißen Sicherheitsbalken der Baustelle beiseitefegten. Ihre Geschwindigkeit zu verringern, schien den Brasilianern nicht in den Sinn zu kommen.

Die Straße vor ihnen war frei. Tom hatte inzwischen wieder neunzig Stundenkilometer erreicht, aber ihre Verfolger waren nur noch zehn Meter hinter ihnen. Einer der Brasilianer kurbelte ein Fenster runter und beugte sich seitlich heraus. Im ausgestreckten Arm hielt er eine Waffe.

Tom riss das Steuer herum. Der Wagen machte einen gefährlichen Satz zur Seite, als im selben Augenblick der Knall eines Schusses zu hören war.

Tom gab weiter Gas. Es war irrsinnig, auf den unübersichtlichen Straßen der Stadt so schnell zu fahren, aber er hatte keine andere Wahl. Er versuchte, Schlangenlinien zu fahren, und überlegte fieberhaft, wohin er steuern sollte. Reeperbahn, schoss es ihm durch den Kopf. Dort tobte die ganze Nacht das Leben, die Männer würden es nicht wagen …

Weiter kam er nicht. Ein Krachen zerriss das Innere des Wagens, Splitter schossen an seinem Kopf vorbei, dann spürte er Kälte und hörte das ungefilterte Rauschen der Fahrgeräusche. Er hatte sich instinktiv geduckt. Als er wieder aufsah, erkannte er im Rückspiegel, dass die Brasilianer die Heckscheibe zerschossen hatten. Er musste aus der Schusslinie verschwinden! In kleine Seitenstraßen. Oder in dichteren Verkehr.

Vor ihnen tauchte eine Kreuzung auf. Tom hielt auf den Fernsehturm zu, der ins Blickfeld kam. »Das ist ein echt schlechter Zeitpunkt, um sich weiter umzuziehen«, sagte Tom, der beobachtete, wie Juli ihr T-Shirt auszog. Der Beifahrer im Wagen der Verfolger lehnte sich bereits wieder aus dem Fenster, als Juli das T-Shirt durch die zerschmetterte Heckscheibe warf.

»Hey, das war meins!«, rief Tom. Aber dann sah er, wie das T-Shirt auf der Motorhaube der Brasilianer landete, auf die Windschutzscheibe rutschte und an den Scheibenwischern hängen blieb.

»Ha!«, machte Juli.

Die Verfolger bremsten notgedrungen ab. Der Fahrer betätigte die Scheibenwischer, aber das T-Shirt löste sich nicht. Toms Abstand vergrößerte sich rasant.

»Gut gemacht!«, rief er und sah kurz zu Juli hinüber. Sie nutzte die Zeit, um ihr Top anzuziehen, das sie zuvor zusammen mit ihrer Jacke in den Fußraum geworfen hatte. Sie sieht toll aus, zuckte es ihm durch den Kopf.

»Pass auf!«

Er sah nach vorn und raste dabei um Haaresbreite am Heck eines Lieferwagens vorbei, der von links kommend über die Kreuzung fuhr, die sie gerade überquerten. Hier waren noch mehr vereinzelte Autos unterwegs. Sie fuhren an den Messehallen vorbei und näherten sich der Innenstadt.

Hinter ihnen preschte der Wagen der Brasilianer über die Kreuzung. Das T-Shirt war verschwunden, und nun holten sie wieder auf. Tom bemühte sich, auf der schmaler gewordenen Straße voranzukommen, wich immer wieder anderen Fahrzeugen aus, doch die Verfolger kamen stetig näher.

Bald erschien eine weitere Kreuzung vor ihnen. Die Ampel war rot. Zwei Wagen warteten dort. Tom wollte überholen und einfach weiterfahren, aber er musste bremsen, als er sah, dass ihnen auf der Gegenspur ein Taxi mit Lichthupe entgegenkam. Als es vorbei war, trat Tom augenblicklich das Gaspedal wieder durch und zog an den wartenden Autos vorbei. Die Verfolger kamen in diesem Moment von hinten heran, und ihr Wagen krachte in ihr Heck. Tom und Juli wurden in die Sitze geschleudert.

»Scheißkarre!«, rief Tom aus. Er trat weiter aufs Gas, aber der Wagen beschleunigte nur zäh.

Ein weiteres Mal rammten die Brasilianer sie, dann endlich konnte Tom den Abstand halten, und nach einigen Überholmanövern und halsbrecherischen Kurven schien es, als hätten die Verfolger ihren Eifer eingebüßt. Aber Tom wusste, dass sie nichts gewonnen hatten, solange sie sie nicht endgültig abhängen konnten.

Die Straße führte nun am mitten in der Stadt gelegenen legendären Fußballstadion FC St. Pauli vorbei. Immer mehr Autos waren hier unterwegs, und als sie an der nächsten großen Kreuzung abbogen, fanden sie sich unvermittelt im neonbeleuchteten Treiben der Reeperbahn wieder, der Lebensader des Hamburger Rotlichtbezirks. Hier konnten sie nur in Schrittgeschwindigkeit vorankommen. »Irgendwie weiß ich nicht, wie uns das hier weiterhelfen soll«, meinte Juli.

»Immerhin schießen sie jetzt nicht mehr«, bemerkte Tom. »Vielleicht schaffen wir es nun, zu entwischen.«

»Und wo sollen wir dann hin? In deine Wohnung können wir nicht zurück. Und in meine vermutlich auch nicht.«

Tom zögerte. »Dazu fällt uns schon noch was ein.«

Der Verkehr rollte weiter. Tom wechselte mehrfach die Spur und drängte sich voran. Bald hatten sie die Allee der bunt leuchtenden Sexshops und Bars hinter sich gelassen. Er bog ab, um im Gewirr der Seitenstraßen unterzutauchen. Verkehr gab es hier wenig. Aber er hatte nicht damit gerechnet, dass die meisten Straßen nur in eine Richtung befahrbar waren und ihn zwangen, eine bestimmte Richtung einzuschlagen. Die Verfolger würden ein leichtes Spiel haben, die gleiche Strecke zu nehmen.

Tom überlegte kurz, ob er sich nicht einfach durch die Einbahnstraßen mogeln sollte, aber sie waren dicht beparkt, und das Risiko war zu hoch, dass er durch ein entgegenkommendes Auto gezwungen war, stehen zu bleiben. Er suchte nach Möglichkeiten, den vorgegebenen Weg zu verlassen, aber da waren sie schon auf einer neuerlichen Hauptstraße angelangt, die in einer weiten Kurve zum Elbufer und den Landungsbrücken hinabführte. Sie waren nicht weit gekommen, als ein Fahrzeug hinter ihnen aufschloss. Es war nicht der schwarze Wagen der Brasilianer. Aber er bedrängte sie auf dieselbe Weise. Die beiden Insassen gestikulierten heftig. Tom trat das Gaspedal durch.

Er schoss an der Hafenstraße entlang, quer über die nächste Kreuzung. Ein lautes Rumpeln erfüllte den Wagen, als sie den mit Kopfsteinen gepflasterten Teil der Straße erreichten, der zum Fischmarkt führte. Die Reste der zersplitterten Heckscheibe klirrten im Fond.

Nun tauchte auch das Auto der Brasilianer auf und kam näher. Jetzt hatten sie zwei Verfolger im Nacken.

Tom beschleunigte auf dem Kopfsteinpflaster. Ihm fiel siedend heiß ein, dass diese Straße irgendwann nicht weiterführte, sondern eine große Schleife beschrieb. Wenn die Verfolger sich an der Kreuzung aufteilten, war er geliefert.

Sie preschten an alten Lagerhäusern vorbei. Um diese Uhrzeit waren die Prostituierten verschwunden, die üblicherweise hier auf Kundschaft warteten. Die Gegend war verlassen und nur spärlich erhellt. Kurz darauf weitete sich die Straße und teilte sich bald auf. Tom entschied sich, geradeaus zu fahren. Erleichtert bemerkte er, dass beide Wagen noch immer hinter ihm blieben. Er würde also die Schleife entlangfahren und denselben Weg zurück nehmen können.

Ein Schuss hallte durch die Nacht. Tom duckte sich, fürchtete, die Kugel einschlagen zu hören. Da ertönte ein weiterer Schuss.

»Sie halten sie auf«, rief Juli verwundert.

Tom sah in den Rückspiegel. Aus dem Wagen direkt hinter ihnen wurden Schüsse auf die Brasilianer dahinter abgefeuert. Deren Fahrzeug schlingerte und blieb zurück. Kurz darauf erwiderten die Brasilianer das Feuer, und während die beiden Wagen im Gefecht abbremsten, nutzte Tom die Gelegenheit, um zu flüchten. Mit quietschenden Reifen fuhr er durch die Kurve, beschleunigte auf der Geraden und preschte bald denselben Weg zurück, den sie gekommen waren. Die beiden Wagen ließen sie weit hinter sich. Einige weitere Schüsse konnten sie noch hören, dann waren sie außer Sicht- und Hörweite.

»Was war denn das?«, fragte Tom, als sie wenige Kilometer entfernt durch die Gassen des Portugiesenviertels fuhren.

»Irgendjemand hat uns anscheinend Rückendeckung gegeben.«

»Oder wollte seinen Anspruch verteidigen. Nur weil jemand unsere Gegner angreift, ist er noch lang kein Freund von uns.«

»Hier sind wir nicht sicher«, sagte Juli. »Irgendwo müssen wir hin.«

»Ja. Und ich weiß auch schon, wo.«

»Nicht schlecht«, meinte Juli und sank erschöpft nach hinten.

Sie parkten in der Tiefgarage des Verlags. Tom arbeitete zwar nur als Freier, aber einmal hatte er sich statt eines mageren Honorars eine Chipkarte für die Garage ausgehandelt. Selbst wenn ihre Verfolger noch unterwegs waren, würden sie hier nicht hineinkommen.

Sie hatten die Lehnen der Sitze so weit zurückgedreht, wie es ging, und versuchten, ein paar Stunden zu schlafen. Am Morgen würden sie entscheiden, was sie nun tun konnten.

Es war erst halb acht, als Juli bereits durch die ersten Wagen, die morgens durch die Garage fuhren, geweckt wurde.

Sie fühlte sich wie gerädert. Der wenige Schlaf, die Flucht über die Balkone und schließlich mit dem Wagen durch die halbe Stadt hatten ihre Spuren hinterlassen. Ihr Mund fühlte sich pelzig an und der Geschmack darin war übel. Tom schlief noch. Sie drehte ihre Rückenlehne senkrecht und öffnete das Handschuhfach, um einen Kaugummi oder ein Minzbonbon zu finden. Aber in dem Fach lagen nur selbst gebrannte CDs, ein alter Kugelschreiber mit abgebrochenem Clip und allerlei Papiere. Sie sah an sich herab. Bis auf die Tatsache, dass sie keine Schuhe mitgenommen hatte, sah sie mit Jeans und Bluse halbwegs passabel aus. Tom hingegen trug weder Schuhe noch T-Shirt. Bevor sie etwas unternehmen konnten, mussten sie sich herrichten.

Ihre Tasche hatte sie in Toms Wohnung gelassen, aber sie wusste, dass Jungs wie er ihr Geld häufig in der Hosentasche trugen. Sie befühlte Toms Hose und tatsächlich konnte sie Münzen und zusammengefaltete Scheine ertasten. Sie schob ihre Finger in seine vordere Tasche. Tom grummelte etwas im Halbschlaf und schob sich auf dem Sitz zurecht. Juli erwischte die Scheine mit zwei Fingerspitzen und zog sie heraus. Ein Zwanziger und zwei Fünfer. Nicht üppig, aber es würde reichen.

Sie schrieb eine kleine Notiz, legte sie auf das Armaturenbrett, dann nahm sie seinen Schlüssel mit dem Garagenchip und verließ den Wagen so leise sie konnte.

Als sie eine halbe Stunde später zurückkam, schlief Tom noch immer. Sie stieg ein, drehte die Fenster runter und rüttelte ihn wach.

»Guten Morgen«, sagte sie, als er sich orientiert hatte. »Ich hab dir ein T-Shirt besorgt und ein paar Flipflops.« Dann reichte sie ihm einen Pappbecher mit Kaffee. »Wir müssen jetzt mal überlegen, wie es weitergeht.«

Tom nahm den Kaffee dankend entgegen. »Tja, gute Frage«, sagte er nach einer Weile. »Wir haben nichts dabei, wir können nicht in die Wohnung, um die Sachen zu holen, und irgendwo müssen wir unterkommen.«

»Vielleicht wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, um zur Polizei zu gehen«, schlug Juli vor.

Tom schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht. Und was dann? Glaubst du wirklich, die würden den Fall übernehmen? Selbst wenn wir ihnen alles präsentieren, was wir haben, werden sie uns sicherlich keine Überwachung rund um die Uhr zu unserem Schutz abstellen. Die werden ganz reguläre Ermittlungen aufnehmen, und alles, was ins Ausland führt, in die Schweiz oder nach Brasilien, das versandet doch. Auf jeden Fall wird es sich endlos hinziehen, und ich bezweifle, dass deine Schwester so viel Zeit hat.« Wenn sie noch lebt, wollte er hinzufügen, biss sich aber gerade noch auf die Zunge.

»Also willst du auf eigene Faust weitermachen?«

»Als Journalist kenne ich es nicht anders. Wenn man etwas geschafft bekommen will, ist man alleine besser dran.« Er trank noch einen Schluck. »Die Sache ist so groß, sie darf nicht irgendwo in den Behörden versacken. Wir brauchen mehr Material, Beweise, Fotos, und dann müssen wir an die Öffentlichkeit.«

»Du willst nach Brasilien?«

»Ja.«

»Gut, aber trotzdem müssen wir an Geld kommen.«

Tom nickte stumm.

»Kennst du irgendwelche Leute, die uns helfen können?«, fragte Juli.

»Na ja, hier geht es um mehr als einen kleinen Gefallen …«

»Was ist denn mit deiner Zeitung? Können die dich nicht unterstützen? Die könnten dich doch vorfinanzieren. Immerhin haben die selbst ein Interesse an der Geschichte, oder nicht?«

Tom wiegte den Kopf. »Keine Ahnung. So gut ist mein Verhältnis auch wieder nicht. Und ich bin auch nur ein Externer. Außerdem hasse ich es, solche Verpflichtungen einzugehen und dann von jemandem abhängig zu sein.«

»Mag ja sein, aber so furchtbar viele Möglichkeiten zur Auswahl haben wir nicht. Ich habe jedenfalls keine derartigen Kontakte.«

»Soll ich etwa für dich gleich mit fragen?«

»Ja, was glaubst du denn? Oder wolltest du etwa alleine weitermachen?«

»Ja, eigentlich schon. Es geht längst nicht mehr darum, Daten über einen abgegammelten Fuß zu finden oder sich in ein Naturschutzgebiet zu schleichen. Inzwischen wurden wir gesucht, verfolgt, überfallen und beschossen. Das ist eine Nummer zu groß für dich.«

»Vielen Dank! Und du alleine würdest besser zurechtkommen oder wie?«

»Ich kann dich nicht immer beschützen wie gestern Abend. Es war reines Glück, dass uns nichts passiert ist.«

Juli stieg aus.

»Na prima. Dann wird dich das kleine Mädchen nicht weiter aufhalten. Wenn du so viel Ahnung hast, dann sieh doch zu, wie weit du kommst!« Sie knallte die Wagentür zu und ging.

Scheiße, dachte Tom. Er stieg aus und lief ihr hinterher. »Hör mal, es tut mir leid, okay. So war es nicht gemeint.«

»Ach ja?«

»Ich …« Tom suchte nach Worten. »Ich bin nicht gut in solchen Sachen, okay? Was ich meinte, ist … ich kann keine Verantwortung für dich übernehmen.«

Juli stemmte die Hände in die Hüften. »Danke, aber ich bin alt genug, um für mich selbst Verantwortung zu übernehmen, weißt du?«

»Sicher. Aber … ich will nicht, dass dir etwas zustößt, gut?«

Juli lächelte. »Aha. Und deswegen willst du lieber alleine losziehen?«

»Ja, genau.«

»Ach, du Dummkopf. In Brasilien kennst du dich doch gar nicht aus. Und Portugiesisch kannst du auch nicht. Du wirst mich brauchen. Mal ganz abgesehen davon, dass du keinen Schimmer von Medizin hast. Was auch immer es zu finden gibt, wirst du gar nicht verstehen können.«

Tom wollte etwas erwidern. Aber sie hatte recht. Er war tatsächlich auf sie angewiesen.

»Es ist in erster Linie mein Interesse, dass wir herausfinden, was hier läuft«, fügte sie hinzu. »Oder hast du jetzt etwa Angst, dass ich anfange zu klammern?«

»Wie meinst du das?«

»Nur, weil wir letzte Nacht Sex hatten?«

»Nun ja, zugegeben, da bin ich mir auch nicht so sicher, was du jetzt denkst.«

»Da mach dir mal keine Sorgen. Wir hatten unseren Spaß und um mehr musst du dir meinetwegen keine Gedanken machen, klar?« Juli wandte sich um. »Kommst du jetzt?«

Tom fühlte sich ein wenig überfahren. »Wo willst du denn hin?«

»Na, in deinen Verlag. Wir suchen deinen Chef und erzählen ihm von der Sache. Und dann soll er uns helfen. Er will doch eine Story oder nicht? Dann wird er auch etwas dafür tun.«

Tom folgte Juli, die zielstrebig den Weg zum Fahrstuhl eingeschlagen hatte. »Weißt du«, erklärte er, »ich habe nicht das beste Verhältnis zu ihm. Ich bin ziemlich sicher, dass Gregory keinen Finger krumm machen wird. Ich bin nicht das, was man gemeinhin Teamplayer nennt.«

»Ja, das habe ich schon gemerkt«, gab Juli zurück. »Aber jetzt wirst du dich mal langsam dran gewöhnen müssen. Mit mir hat es bis jetzt gut geklappt – von deinem blöden Spruch vorhin mal abgesehen –, und mit Gregory wird es auch klappen.« Sie betraten den Fahrstuhl. »Stockwerk?«

»Zwölf.«

»Und wer weiß«, fuhr sie fort, »vielleicht stellst du ja ganz überraschend fest, dass es sich sogar lohnen kann.« Büro der Transcontor, Hamburg

Luc Gironde sah die Männer einen Augenblick lang schweigend an. Grobschlächtige Gorillas, wie sie nur einem vorstädtischen Getto entwachsen konnten, wo körperliches Durchsetzungsvermögen und kriminelle Energie die einzigen Überlebenschancen boten. Er verstand noch immer nicht, wie ein nobler Visionär und Unternehmer vom Schlage Villiers in der äußeren Peripherie seiner Aktivitäten auf derartige Leute zurückgreifen konnte, von deren Händen schließlich, wie man sah, Erfolg und Misserfolg seiner überwichtigen Projekte abhingen.

Er kannte nur einen von ihnen. Lazaro. Das war der große Glatzköpfige. Wie sein richtiger Name war, wusste Luc nicht. Lazaro war seit den Hamburger Versuchsreihen Teil des Unternehmens geworden und Villiers besondere Treue schuldig. Seitdem trug er diesen Namen. Ein unbedingt gehorsamer und zuverlässiger Soldat mit besonderen Fähigkeiten. Aber trotz des scharfen Verstands, der ihn indirekt anleitete, zweifelte Luc daran, ob es richtig war, einem so groben und ungebildeten Klotz so viel Verantwortung zu überlassen.

»Wie konnte es dazu kommen?«, fragte Luc. Seine Stimme war leise, aber eindringlich.

Die drei Brasilianer rührten keine Miene. Sie kannten Respekt, aber keine Furcht. Sie ließen sich weder einschüchtern noch bedrohen, zumindest würden sie es sich nicht anmerken lassen. Sie standen aufrecht und wussten, dass sie versagt hatten. Sie würden jede Konsequenz tragen.

»Wir haben sie unterschätzt«, gab Lazaro zu. »Sie konnten fliehen und sind weggetaucht.«

»Untergetaucht«, verbesserte Luc. Die Brasilianer schwiegen. »Wisst ihr, wo sie hin sind?«

»Nein.«

»Ihre Wohnungen?«

»Wir haben Männer dort.«

Luc seufzte hörbar auf. Der Journalist und die Frau wussten, dass sie verfolgt wurden, und würden nicht so leichtsinnig sein, in nächster Zeit in ihre Wohnungen zurückzukehren. Trotzdem war es natürlich richtig, dort Leute zu postieren. Nur für den Fall. Die Frage war aber: Wo waren sie jetzt, und was würden sie als Nächstes tun? Sie standen bereits mit Berger in Kontakt. Würden sie also die Polizei aufsuchen und dort Schutz suchen? Luc schätzte den Journalist als eher eigensinnig ein. Möglich, dass er sich nicht so leicht abschrecken ließ und seine Nase nun erst recht überall reinstecken würde. Und es gab im Grunde nur einen Weg, den er nun sinnvollerweise einschlagen würde. Luc nickte leicht. Ja, das war sogar wahrscheinlich. Also wandte er sich an seine Männer und erklärte ihnen, wie sie vorgehen sollten. Axel-Springer-Gebäude, Valentinskamp, Hamburg

»Das ist eine ziemlich verrückte Geschichte«, sagte Gregory. Er saß zurückgelehnt hinter seinem Schreibtisch, und seine Augen funkelten. »Habt ihr irgendwelche Beweise?«

»Die Unterlagen sind in meiner Wohnung, und Fotos habe ich keine, wenn du das meinst«, sagte Tom. »Aber du kannst dir gerne die Einschusslöcher ansehen. Der Wagen steht in der Tiefgarage.«

»Das ist gut.«

»Gut?«

»Sicher! Den werden wir als Corpus Delicti benötigen. Vielleicht können wir den für eine Fotostrecke inszenieren. Unten am Fischmarkt zum Beispiel, dort wo es passiert ist, das ist doch eine tolle Location.«

»Im Moment haben wir ein ganz anderes Problem als das Auto«, warf Juli ein.

Gregory verschränkte die Hände und stützte die Ellenbogen auf. »Ich höre?«

»Die Story ist größer als nur ein Überfall und ein angeschossenes Auto«, begann Tom.

»So viel ist mir schon klar«, sagte der Chefredakteur.

»Wir brauchen Ihre Hilfe«, platzte Juli heraus.

»Du willst mehr Geld, hm?« Gregory sah Tom abschätzend an. »Gefahrenzulage oder so?«

»Es geht nicht um Geld«, erklärte Juli. »Wir brauchen organisatorische Hilfe.«

»Eine Zusammenarbeit?« Gregory grinste und winkte ab. »Tom arbeitet immer allein. Hat er mir lange genug zu verstehen gegeben.«

»Siehst du«, sagte Tom an Juli gewandt. »Ich hab’s dir gleich gesagt.«

»Es ist tatsächlich so«, fuhr Juli unbeirrt fort. »Wir wollen der Sache auf den Grund gehen, aber wir brauchen Unterstützung.«

Gregory sah von einem zum anderen. »Tatsächlich? Und wie sollte die aussehen?«

»Wir müssen irgendwie an unsere Kreditkarten und unsere Pässe herankommen. Wir gehen aber davon aus, dass unsere Wohnungen überwacht werden, also müssen wir uns irgendetwas einfallen lassen. Und dann brauchen wir ein bisschen Ausrüstung und zwei kurzfristige Flüge nach Brasilien.«

»Das klingt nicht so sonderlich aufwendig«, meinte Gregory. »Und deswegen kommt ihr zu mir? Tom?«

»Es war Julis Idee«, gab er zu. »Aber es ist die beste, die wir haben. Dich interessiert die Story doch vielleicht auch …«

»Ob sie mich interessiert?« Gregory schlug die Hände zusammen. »Und wie sie mich interessiert! Junge, ich gäbe etwas darum, selbst noch losziehen zu können. Aber du weißt ja, wie das ist …«, er deutete auf das Büro um sie herum, »wenn man einen festen Job hat, Verantwortung, Termine und so.« Er stand auf und ging hinter seinem Schreibtisch auf und ab. »Ach, ich beneide euch! Das wäre wirklich tolles Material. Ihr reist nach Brasilien und versucht herauszufinden, was in dem Camp vor sich geht, und ich werde derweil die Spuren verfolgen, die von der Schweiz ins Hamburger Rathaus führen. Und wenn ihr zurück seid, legen wir alles zusammen und machen eine fette Nummer daraus. Was haltet ihr davon?«

»Und das Honorar und die Rechte?«, hakte Tom nach.

»Ehre wem Ehre gebührt, sage ich immer«, antwortete der Chefredakteur. »Wenn wir es zusammen machen, teilen wir auch alles.«

Tom verzog den Mund. Damit waren seine Träume, Gregory eine exklusive Coverstory teuer verkaufen zu können, dahin. Aber andererseits: Den Chefredakteur im Boot zu haben, konnte vielleicht auch nicht schaden, wenn man sicher sein wollte, dass man Aufmerksamkeit bekam. Er würde nur dafür sorgen müssen, dass sein Name nicht »versehentlich« unterschlagen wurde.

»Wir sind einverstanden«, sagte nun Juli. »Aber wir haben es eilig.«

Gregory setzte sich hin und begann, Notizen zu machen. »Das bekommen wir schon hin. Ich werde eine Putzfrau in Toms Wohnung schicken lassen, die alle eure wichtigen Unterlagen gemeinsam mit der schmutzigen Wäsche mitnehmen kann. Dann haben wir auch Ihre Handtasche, Frau Thomas, und damit kann sie gleich weiter in Ihre Wohnung und dort das gleiche Spiel noch einmal spielen. Natürlich müssen wir die Dame vorher ausführlich instruieren, und wir geben ihr ein Handy mit.

Tom, du stellst dir aus unserem Fundus eine leichte Fotoausrüstung zusammen und was du sonst noch brauchst.«

Tom brachte keine Erwiderung hervor. Zu sehr überraschte ihn der plötzliche Eifer des Mannes.

»Das Kofferpacken wird etwas problematisch«, fuhr Gregory inzwischen fort. »Ich werde euch also nach dem Mittagessen zwei Teamassistentinnen besorgen, denen ihr eine Einkaufsliste erstellt mit einfacher Kleidung, Toilettenartikeln und allem, was ihr für zwei Wochen Brasilien benötigt.

Ich bleibe den Rest des Tages hier im Gebäude, und heute Abend fahrt ihr mit mir nach Hause. Ich habe ausreichend Platz für die Nacht, und morgen könnt ihr euch schon auf den Weg nach Rio machen.«

»Manaus«, korrigierte Tom tonlos.

»Dann eben so.«

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